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Die Melodie der Träume

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Teil 1
  7. Kapitel Eins
  8. Kapitel Zwei
  9. Kapitel Drei
  10. Kapitel Vier
  11. Kapitel Fünf
  12. Kapitel Sechs
  13. Kapitel Sieben
  14. Kapitel Acht
  15. Kapitel Neun
  16. Kapitel Zehn
  17. Kapitel Elf
  18. Kapitel Zwölf
  19. Kapitel Dreizehn
  20. Kapitel Vierzehn
  21. Kapitel Fünfzehn
  22. Kapitel Sechzehn
  23. Kapitel Siebzehn
  24. Kapitel Achtzehn
  25. Kapitel Neunzehn
  1. Teil 2
  2. Kapitel Zwanzig
  3. Kapitel Einundzwanzig
  4. Kapitel Zweiundzwanzig
  5. Kapitel Dreiundzwanzig
  6. Kapitel Vierundzwanzig
  7. Kapitel Fünfundzwanzig
  8. Kapitel Sechsundzwanzig
  9. Kapitel Siebenundzwanzig
  1. Zwischenspiel
  2. Kapitel Achtundzwanzig
  1. Teil 3
  2. Kapitel Neunundzwanzig
  3. Kapitel Dreißig
  4. Kapitel Einunddreißig
  5. Kapitel Zweiunddreißig
  6. Kapitel Dreiunddreißig
  7. Kapitel Vierunddreißig
  8. Kapitel Fünfunddreißig
  9. Kapitel Sechsunddreißig
  10. Kapitel Siebenunddreißig
  11. Kapitel Achtunddreißig
  12. Kapitel Neununddreißig
  13. Kapitel Vierzig
  14. Kapitel Einundvierzig
  15. Kapitel Zweiundvierzig
  16. Kapitel Dreiundvierzig
  1. Epilog

Über die Autorin

Alexandra Jones wuchs in Indien und Burma auf und arbeitete auf britischer Seite mit an der Entwicklung Pakistans zu einem eigenständigen Staat. Später kehrte sie mit ihrer Familie nach England zurück. Heute lebt sie in der Grafschaft Kent in Südostengland. Sie ist Autorin zahlreicher historischer Romane. Besuchen Sie auch die Homepage der Autorin: www.alexandra-jones.co.uk

Prolog
England 1848

Zwei aufeinanderfolgende Jahre mit ungewöhnlich regenreichen Sommern hatten in ganz Europa zu Missernten geführt. Der Weltmarkt ging in die Knie. Die Menschen in Europa litten unter einer schweren Wirtschaftskrise.

In Irland wurde der Gestank verdorbener Kartoffeln vom süßlichen Geruch des Todes überlagert. Auf den Feldern verwesten verhungerte Bauern neben ihrer verrotteten Ernte.

In Wales schlachtete man den Viehbestand weil nicht genügend Futter für den Winter in den Scheunen lagerte.

Viele Schotten emigrierten in wärmere Klimazonen und folgten dem Lockruf des Goldes, das in der Neuen Welt fast auf der Straße zu liegen schien.

In Deutschland, Österreich und Italien begehrten die Studenten gegen die herrschenden Sozialverhältnisse auf.

In Frankreich ging es drunter und drüber.

Sir David Byngham, Königin Viktorias Sondergesandter in Frankreich, und Außenminister Henry John Temple, 3. Viscount Palmerston, saßen in einem der Regierungsgebäude von Whitehall in London zusammen und prosteten sich zu.

»Wenn es in Frankreich drunter und drüber geht, müssen wir leider davon ausgehen, dass auch Köpfe rollen werden. Ehrlich gesagt widerstrebt es mir, schon wieder ein Blutbad mitzuerleben.« Palmerston hob sein Glas. »Trotzdem wünsche ich Ihnen ein gutes neues Jahr, David.«

Sir David hob ebenfalls das Glas. »Gutes neues Jahr, Henry! Ich muss schon sagen - dies ist ein außergewöhnlich delikater Madeira«, fügte er mit einem Blick auf die edle goldene Flüssigkeit in seinem Glas hinzu, die seinen Gaumen an diesem späten Januarvormittag auf das Angenehmste kitzelte.

»Ich werde meinen Weinhändler beauftragen, Ihnen zwei Kisten zu senden.« Im Gegensatz zu Sir David war es Viscount Palmerston nicht besonders heiter zumute. Königin Viktoria hatte ihn aus dem redlich verdienten Weihnachtsurlaub zurückzitiert, weil sich Probleme mit der französischen Krone abzeichneten, besser gesagt: mit dem Bürgerlichen, der diese Krone trug.

Der Minister starrte in die Flammen des Kaminfeuers. »Wir wissen, was uns erwartet, wenn der Mob in Paris aufbegehrt. Man kann nur hoffen, dass der Kopf von Louis-Philippe da bleibt, wo er ist. Ihre Majestät, die Königin, befürchtet nämlich zu Recht, dass er ihr in den Schoß fallen könnte. Wir können es uns nicht leisten, einem weiteren abgesetzten Monarchen zu Lasten des britischen Steuerzahlers Asyl zu bieten.«

»Verstehe«, murmelte Sir David.

»Was wissen Sie über meinen französischen Amtsbruder Lamartine?«, erkundigte sich Viscount Palmerston plötzlich.

Nachdenklich starrte Sir David sein leeres Glas an.

»In Frankreich hat sich Alphonse Marie Louis de Lamartine vor allem als romantischer Dichter einen Namen gemacht.«

Viscount Palmerston hob die Augenbrauen. »Tatsächlich? Und sonst?«

»Sowohl als Staatsmann als auch als Autor liegen seine Schwerpunkte hauptsächlich im Bereich der Natur, der Religion und der Liebe.«

»Ach wirklich?« Der Minister konnte seine Verwunderung nicht verhehlen. »Und wo steht er politisch?«

»Man könnte ihn als liberal bezeichnen, allerdings ist er ein nachdrücklicher Verfechter der Republik.«

»Was sich zweifellos in seinen Gedichten über Leidenschaft und Stimmungen, Sehnsüchte, Träumereien und Natureindrücke bekundet«, murmelte der Minister skeptisch. »Könnte er gefährlich werden?«

»Möglicherweise.«

»Dann behalten Sie ihn im Auge. Ich weiß, dass ich mich diesbezüglich auf Sie verlassen kann.«

Erneut hob der Minister sein Glas und prostete Sir David zu.

Teil 1
Der goldene Käfig
Frankreich 1848

Kapitel Eins

Einen Monat später und weit entfernt von Whitehall blies Sir David Byngham die Wangen auf wie ein Vogel, der sich in der Kälte aufplustert. In der Wohnung brannte ein Meer von Kerzen. Es sah aus wie in einer russisch-orthodoxen Kirche und war so warm, dass Sir David sich kaum gewundert hätte, wenn Weihrauchduft durch die Zimmer geschwebt wäre. Er fühlte sich ein wenig schuldbewusst.

Er wandte dem knisternden Kaminfeuer im anmutigen Salon seiner Wohnung in der Rue Royale in Paris den Rücken zu, rieb sich die kalten Hände und dankte seinem Schöpfer, dass er seinen Platz nicht mit Jules tauschen musste. Jules war Drehorgelspieler und stand auch heute, wie so oft, in Erwartung großzügiger Almosen der Reichen mit seiner Orgel und dem Kapuzineräffchen Coco vor dem Haus. Wann immer Jules mit seiner Orgel vor der Wohnung in der Rue Royale auftauchte, gab Sir David ihm Geld.

»Soll ich uns Tee bestellen, Papa?«

Joanne betrat den Salon, nachdem sie sich im eiskalten Vestibül hastig ihrer Pelze entledigt hatte. Ihr junges Gesicht glühte. Der Wind draußen pfiff so schneidend kalt, dass sie trotz ihrer dicken Kleidung bis ins Mark durchgefroren war. Sir David betrachtete seine Tochter. Mit ihrem üppigen, bronzegoldenen Haar und ihren bernsteinfarbenen Augen erinnerte sie an ein seltenes, katzenähnliches Lebewesen. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Sir David stieß einen wehmütigen Seufzer aus.

»Ja bitte, mein Liebes.«

Nachdem Joanne dem Dienstmädchen Bescheid gesagt hatte und in den Salon zurückgekehrt war, blickte Sir David seine einzige Tochter mit einer Mischung aus Trauer und Melancholie an. Welch schönes Kind! Welch hübsches Mädchen! Joannes Erscheinung zog alle Blicke auf sich, wohin sie auch kam.

Eigentlich wäre es Sir David lieber gewesen, Joanne im heimatlichen Irland zurückzulassen, doch seine Tochter hatte ihn wortreich davon überzeugt, dass es sich unter der Aufsicht einiger Bediensteter in Byngham House im wilden County Wicklow auch nicht sicherer lebte als in Paris. Die Anwesenheit ihres Vaters, so argumentierte sie, war verlässlicher als die jedes anderen Menschen. Und es war wie immer: Wenn Joanne einmal einen Entschluss gefasst hatte, wusste Sir David ihr nichts mehr entgegenzusetzen. Er selbst aber wusste, wie verwundbar sie in dieser aufgewühlten, unruhigen Stadt war!

Seine heutige Begegnung mit Jules kam ihm in den Sinn. Welke Blätter waren wie besessene Derwische über den Bürgersteig getanzt und hatten sich in den Toreinfahrten mit menschlichen Hinterlassenschaften und Müll vermischt. Jules' Lachen hatte gebrochen und hohl geklungen, sein weit geöffneter, zahnloser Mund verzerrte sein Gesicht zur Grimasse. Sir David erinnerte sich, wie missbilligend Jules seine Tochter angesehen hatte, als sie ihre zarte weiße Hand aus dem Muff gezogen und dem Äffchen eine Münze in die ausgestreckte Pfote gelegt hatte.

Coco biss mit seinen scharfen spitzen Zähnen auf den Rand der Münze, um sie auf Echtheit zu prüfen. Für Jules stellten die beiden Ausländer nichts anderes dar als die Aussicht auf einen warmen Geldsegen. Und Sir David hatte die Gereiztheit des alten Mannes bemerkt. Hinter der vorgeschützten Biederkeit des braunhäutigen, alten Mannes spürte Sir David eine unterschwellige Feindseligkeit. Jules gehörte der untersten sozialen Schicht an. Sein Gesicht spiegelte die Enttäuschungen seines Lebens wider. Alle Unbilden der Witterung hatten sich tief eingegraben, Regen und Frost hatten es verhärtet, und der stetig wechselnde Wind des Schicksals hatte Spuren hinterlassen wie in hartem Felsgestein. Jules war zu einem Symbol der Ärmsten und Ausgestoßenen von Paris geworden, denen reiche Briten zuwider waren. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie sich mit ein paar Münzen freikauften, ehe sie weiterschlenderten und den menschlichen Abschaum schnell wieder vergaßen.

»Oho, Jules! Sie tun dem armen Chopin aber heute wieder Gewalt an«, hatte Sir David den alten Drehorgelspieler jovial begrüßt. Dabei wollte er durchaus nicht herablassend klingen, sondern einfach nur freundlich. Er kannte Jules seit vielen Jahren. Der Alte hatte bereits Drehorgel gespielt, als Sir David Joannes Mutter Jacqui, einer gebürtigen Pariserin, den Hof machte. »Hier, kaufen Sie sich eine Flasche Absinth, und verschwinden Sie aus dieser Kälte. Das Wetter ist Gift für jemanden, der es auf der Brust hat.«

»Ich gehe bestimmt bald nach Hause, Monsieur. Aber ich kaufe keinen Absinth, sondern Medizin.« Jules war von einem Fuß auf den anderen getreten und hatte seine nackten, blau gefrorenen Hände gerieben. »Meine Frau ist sehr krank. Sie hustet und spuckt Blut.«

David wollte gerade eine weitere Münze in Jules' Kappe legen, als er angerempelt wurde und die Münze in die Gosse rollte. Der kleine Affe sprang hinterher, holte sie aus dem Schmutz und zeigte dem fremden Rempler laut schnatternd seine spitzen Zähne.

Der Fremde trug eine schmutzige Stoffkappe, einen billigen Mantel und abgetragene Schuhe. Auf seiner linken Wange trat deutlich eine tiefe Narbe hervor, die vom Ohrläppchen bis zum Mundwinkel verlief. Sie bewirkte, dass der Mann ständig zu grinsen schien, als mache er sich über die Hoffnungslosigkeit des Lebens auf ironische Weise lustig. Abgesehen von dem tiefen Wundmal war das Gesicht des Mannes von Pockennarben gezeichnet - ein Gesicht, wie man es nur bei den Armen sah.

»Oh ja, Jules sorgt immer noch für Ohrenschmerzen«, sagte er hämisch.

Er streifte den Engländer mit einem Blick und ließ seine dunklen Augen dann auf Joannes gepflegtem Äußeren verweilen. Ohne die Augen von dem jungen Mädchen zu wenden, sagte er zu dem Drehorgelspieler: »Wenn ich du wäre, ginge ich jetzt schleunigst in die Markthallen. Du hast genug Geld in der Kappe. Der Brotpreis steigt ins Unermessliche. Und dabei ist es nur Schwarzbrot! Schwarzbrot liegt schwer im Magen, nicht wahr, Sir David?«

Er feixte und sah dem Engländer und seiner Tochter frech ins Gesicht. Sowohl Sir David als auch Joanne sprachen fließend Französisch und verstanden jedes Wort.

»Schon möglich«, antwortete Sir David und legte den Arm um Joanne. »Komm jetzt nach oben, Liebes. Es ist wirklich lausig kalt.«

»Bei den Preisen ruiniert man sich nicht nur den Magen, sondern auch die Geldbörse. Eine schlimme Kränkung, n'est-ce pas? Aber was sollen wir armen Leute essen, wenn der Hektoliter Weizen neunundvierzig Francs kostet? Am besten, man legt sich still in die Gosse und hofft auf einen schnellen Tod. Und das gilt auch für unsere Kinder, Sir David!«

Sir David hatte Joanne eilig ins Haus geschoben.

»Wer war denn dieser schreckliche Kerl, Papa?«, fragte Joanne, sobald sie im Vestibül standen.

»Soviel ich weiß, heißt er Cabet. Allerdings habe ich keine Ahnung, was er macht.«

»Dann kennen Sie ihn also, Papa?«

»Sagen wir lieber, ich habe von ihm gehört.«

»Und was wissen Sie über ihn?«

»Auf jeden Fall scheint er ein Agent provocateur zu sein, ein Aufwiegler. Ein unangenehmer Zeitgenosse.«

Sir David wusste sehr genau, wie heftig es in Paris gärte und brodelte. Er wusste auch, dass der keimende Hass sich eher früher denn später Bahn brechen würde. Und nicht nur deshalb war er der Meinung, dass die Stadt nicht der richtige Ort für seine geliebte Tochter war. Er würde darüber nachdenken müssen, wie er sie zu ihrer Tante nach London schicken konnte, ohne erneut ihrer weiblichen Überredungskunst zu erliegen.

»Mrs O'Grady«, wandte er sich jetzt an die irische Haushälterin, die zusammen mit dem russischen Dienstmädchen Natascha den Tee servierte, »woher kommen diese vielen Kerzen? Ich dachte, es wäre heutzutage schwierig, Wachs oder Talg zu bekommen.«

»Mit dieser Frage müssen Sie sich bitte an Natascha wenden. Das Mädchen kann keine Dunkelheit mehr ertragen, seit Napoleon in ihr geliebtes Moskau einmarschiert ist.«

Überrascht registrierte Sir David, dass Mrs O'Grady, die angeblich kein Wort des russischen Dienstmädchens verstand, so viel über deren Innenleben zu wissen schien.

»Nun«, wandte er sich scherzhaft in fließendem Russisch an die Haushaltshilfe, »hat Ihnen etwa der Papst all diese Kerzen in seinem Testament hinterlassen?«

»Ich nicht kennen Papst, Sir David«, gab Natascha ernsthaft und in gebrochenem Englisch zurück. »Ich nur kennen Pope. Er ist auch in Paris, weil Zar in Russland verfolgt unser Religion. Aber Pope hat mir nichts gegeben. Nur vergibt Sünden. Bitte nicht fragen, woher Kerzen. Ich wissen, aber nicht sagen. Aber bitte, Sir David, Natascha ist kein Diebin.«

Natascha schaute ihm offen und ehrlich ins Gesicht, und Joanne verbarg ein Lächeln.

Sir David seufzte. Schließlich wandte er sich mit ernster Miene an seine Tochter.

»Mein Liebes, es behagt mir nicht, dass du dich hier in Paris aufhältst. Du solltest umgehend zu deiner Tante Hester nach London abreisen. Hier in Paris wird es allmählich zu gefährlich.«

»Um Himmels willen, Vater - nein, bitte nicht!« Joannes Entsetzen wurde schon dadurch deutlich, dass sie ihn »Vater« nannte. Normalerweise sagte sie »Papa«.

Sir David seufzte. Er sehnte sich nach seiner Frau, die sicher besser mit dem halsstarrigen Mädchen zurechtgekommen wäre. Jacqui jedoch war in Joannes dreizehntem Lebensjahr am Hungerfieber gestorben. Während der großen Hungersnot war sie täglich unterwegs gewesen, um sich um erkrankte Bauern auf ihrem Besitz in Irland zu kümmern, und hatte sich trotz aller Vorsichtmaßnahmen angesteckt.

»Ich mag Tante Hester nicht, das wissen Sie ganz genau. Und sie mag mich auch nicht. Ich stelle es mir schrecklich vor, bei ihr zu wohnen. Das reinste Fegefeuer!«

»Ich bestehe auf etwas mehr Respekt gegenüber meiner Schwester, Joanne! Sie ist deine Patin und hat dich sehr lieb«, sagte er energisch.

»Entschuldigen Sie, Papa.« Joanne beeilte sich, das Thema zu wechseln. »Wissen Sie was? Ich freue mich riesig auf die Soiree bei Madame Hélène heute Abend.«

»Hm.« Auch der Gedanke an die Abendgesellschaft behagte Sir David durchaus nicht. Aber was sollte er tun? Er war schließlich für seine einzige Tochter verantwortlich, und ein bisschen Gesellschaft würde ihnen beiden guttun.

Kapitel Zwei

Der alte Drehorgelspieler bückte sich und nahm dem Äffchen die schmutzige Kappe aus den Pfoten. Normalerweise verdiente Jules in diesem Viertel von Paris mehr als in allen anderen westlichen Stadtbezirken. Aber heute war die Kappe, abgesehen von den Münzen, die Sir David und seine Tochter hineingelegt hatten, fast leer. Jules dachte nicht darüber nach, ob es daran lag, dass ein Aufruhr in den ärmeren Vierteln drohte und man ihn gern loswerden wollte, oder ob die reichen Leute, von einem schlechten Gewissen gepeinigt, lieber einen Franc als einen Sou spendeten. Er war dankbar für jede Münze.

Den ganzen Tag schon waren die Straßen von Paris außergewöhnlich leer. In der Luft lag eine Anspannung wie in einem überdrehten Mechanismus, den man nur antippen musste, um ihn in Gang zu setzen.

Jules steckte die wenigen Sous sowie die Francs ein, die er von dem hübschen englischen Mädchen und seinem Vater bekommen hatte, setzte seine fadenscheinige Kappe auf und schickte sich an, die Orgel nach Hause zu ziehen, als sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter legte.

»Merde!«, fluchte Jules und fuhr zusammen. Das Äffchen begann, laut zu schnattern, sprang auf die Drehorgel und fauchte mit bösartig aufgerissenen Augen den Mann an, der hinter Jules stand. Schnell erkannte er in ihm den Rempler von vorhin.

»Ach, du bist es, Gaston! Du hast mich ganz schön erschreckt.«

»Spiel weiter, alter Mann«, raunte Gaston.

»Ja, aber … ich wollte gerade nach Hause gehen.«

»Spiel weiter, habe ich gesagt. Mach Lärm. Irgendwelchen Lärm, ganz egal«, sagte Gaston energisch.

Der hochgewachsene Mann, der unter seinem billigen Mantel einen Overall trug, wie man ihn oft in den Pariser Arbeitervierteln sah, funkelte Jules mit grimmigem Gesicht an.

Gaston Cabet war Gewerkschaftsführer und hatte etwas von einem wilden, unbändigen Tier, das sich niemals unterordnete; er war wie ein starker, stolzer Löwe, bereit, sich jedem Hindernis entgegenzustellen. Im Gegensatz zu seinem Gesicht konnte man seinen Körper durchaus als schön bezeichnen. Seine breiten Schultern schienen den Overall sprengen zu wollen, seine schmalen Hüften gingen in lange muskulöse Beine über.

Früher einmal war er ein wirklich gut aussehender junger Mann gewesen. Manchmal rieb er seine Narbe, als wolle er sie entfernen - und mit ihr die Erinnerung an den Tag, an dem er sie bekommen hatte. Und dann wurde er von einer glühenden Wut übermannt, die ihn böse, rachsüchtig und mitleidlos werden ließ.

Jetzt spähte er hastig die dunkle Straße hinauf und hinunter. Abgesehen von dem taubstummen Laternenanzünder, der seiner abendlichen Aufgabe nachging, war niemand in der Nähe, der ein Gespräch mit anhören konnte. Die wenigen Passanten waren ebenso wie der Engländer und seine Tochter in die heimelige Wärme ihrer hochherrschaftlichen Wohnungen oder Häuser geflohen, um ihr knisterndes Kaminfeuer und ihren üppig gedeckten Abendbrottisch zu genießen.

Jules tat, wie ihm geheißen, und begann seufzend, wieder an der Kurbel der Orgel zu drehen. Cabet neigte sich zu Jules' Ohr hinunter und machte Anstalten, dem Äffchen den Kopf zu kraulen. Coco jedoch, der Cabet noch nie hatte leiden können, biss ihn wieder einmal in den Finger. Hastig zog Cabet die Hand zurück, und während er das Blut ableckte, flüsterte er verschwörerisch:

»Place de l'École… les partisans … bonne chance, mon ami! Mon Dieu, ce singe est vraiment ridicule!«

Jules jedoch hatte beim Lärm der Orgel nichts verstanden und legte die Hand an sein Ohr. Cabet aber knuffte ihn. »Spinner!«

»Entschuldige, Gaston«, wehrte sich Jules und drehte weiter an der Kurbel, »aber ich bin so gut wie taub. Ein Leben an dieser Drehorgel, da passiert es schon einmal, dass ich nichts höre. Du musst schon lauter reden.«

Gaston wiederholte den Treffpunkt, und Jules nickte. Er wusste, hier wurde ein gefährliches Spiel gespielt, und er wollte nichts lieber, als dass Gaston Cabet so schnell wie möglich das Weite suchte. Ängstlich blickte er sich nach einem Wachmann um, ehe er Zustimmung heuchelte. »Gut, sehr gut! Aber jetzt muss ich erst einmal nach Hause zu meiner Frau. Sie ist sehr krank. Unterwegs werde ich Medizin für sie kaufen … Sie hat es auf der Lunge, weißt du? Schwindsucht. Auf Wiedersehen, Gaston. Und ich habe verstanden: Kein Wort zu niemandem!«

Medizin kaufen mit dem Geld der Engländer, dachte er bei sich. Die Wirtschaftskraft der Engländer war dabei, die schwächelnde Wirtschaft der Regierung Louis-Philippe zu überrollen.

Gaston Cabet tippte sich an die Kappe und zwickte den Affen einmal, bevor er sich umwandte und mit langen Schritten in Richtung Place de la Madeleine verschwand. Auf seinem Gesicht lag das immerwährende, leblose Lächeln.

Als Sir David und Joanne in der schwankenden Kutsche saßen, die sich über das Kopfsteinpflaster quälte, kamen Joanne aller Vorfreude zum Trotz plötzlich Bedenken.

»Eigentlich fürchte ich mich ein bisschen davor, Madame Hélène wiederzusehen, Papa.«

»Aber sie ist doch nun wirklich kein Ungeheuer«, versuchte Sir David zu beschwichtigen.

»Oh doch, das ist sie! Als ich das letzte Mal bei ihr zu Gast war, hat sie mich verspottet, weil ich nicht wusste, wer Moliere ist.«

»Du warst noch ein Kind!«

»Trotzdem hat sie die richtige Antwort von mir erwartet.« Joanne bettete den Kopf auf die Schulter ihres Vaters. »Hat Mama sie wirklich so gern gehabt?«

Sir David nickte. »Aber ja. Schließlich ist sie deine Patin, genau wie Tante Hester«, sagte er zärtlich.

»Ich habe ziemlich viele Patinnen, aber keinen einzigen Paten«, begehrte Joanne auf. »Was ist überhaupt mit ihrer Familie? Wurde die ebenfalls während der großen Revolution vernichtet wie die von Mama?«

»Leider ja.«

»Das ist immerhin eine Gemeinsamkeit, auch wenn das über fünfzig Jahre her ist. Und Madame ist offenbar sehr viel älter als Mama und Sie.«

Sir David fiel auf, dass Joanne von ihrer Mutter immer noch in der Gegenwart sprach. Er drückte die Hand seiner Tochter.

»Sie war so eine Art ältere Schwester für deine Mutter, die nie Geschwister hatte. Damals stand Frankreich noch ganz unter dem Eindruck der Hinrichtung von König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette. Aber auch die adeligen Familien hatten schwer unter der Revolution gelitten; sie waren dezimiert und enteignet worden. Als ich deine Mutter kennenlernte, lebte sie in unstandesgemäßen Verhältnissen und litt noch immer unter der Exekution ihrer Großeltern und anderer Verwandter. Das Gleiche galt für Madame Hélène, die jedoch später sehr vernünftig heiratete.«

»Vernünftig?«

»Sie heiratete einen wohlhabenden, einflussreichen Bürgerlichen hugenottischen Ursprungs.«

»Das verstehe ich nicht, Papa.«

In der dämmrigen Karosse lächelte Sir David seiner Tochter zu.

»Le Fèvre ist ein äußerst respektierter hugenottischer Name, Joanne. Der Ehemann von Madame war weitläufig mit Gaspard de Coligny verwandt, einem hugenottischen Adeligen am Hof der Katharina von Medici. Nach seinem Tod hinterließ er Madame ein beträchtliches Vermögen und machte sie so zu einer reichen Witwe. Die Hugenotten waren äußerst geschickte Handwerker, sie schafften es, Staub zu Leinen und Silber zu Gold zu machen, musst du wissen. Leider sind die Franzosen nicht sehr rücksichtsvoll mit ihnen umgegangen. England hingegen wusste ihre außerordentlichen Handwerkskünste zu schätzen.«

Joanne seufzte. Fürs Erste hatte sie genug von den Hugenotten. »Erzählen Sie mir doch bitte lieber noch etwas von Mama«, sagte sie, während sie ihren Vater zärtlich betrachtete.

»Auch Mama gehörte zu ihnen. Ihre Familie blieb trotz der Verfolgungen in Frankreich. Nur dass deine Mama den Fehler gemacht hat, einen armen Mann zu heiraten - einen Mann ohne Religion, ohne Kultur und vor allem ohne Geld.«

»Aber Papa, das stimmt doch nicht! Immerhin sind Sie Botschafter und verkehren mit Prinzen und Premierministern!«

Sir David schmunzelte. »Als ich deine Mutter kennenlernte, war das noch längst nicht der Fall. Ich war ein unbedeutender Diener des Staates, der mit Diplomatenunterlagen aus Whitehall zwischen London und Paris hin und her reiste. Im Grunde war ich eine Art besserer Botenjunge. Deine Mutter hingegen entstammte dem Hochadel, und es ist ihr hugenottisches Vermögen, das uns unseren heutigen Lebensstandard erlaubt.«

»Aber Abstammung ist doch sicher nicht wichtiger als wahre Liebe, oder? Haben Sie sich eigentlich auf den ersten Blick in Mama verliebt?«

Sir David räusperte sich. Die Frage nach seinen Gefühlen für seine verstorbene Frau brachte ihn in Verlegenheit.

»Hm, ich denke schon. Ja, es war Liebe auf den ersten Blick, mein Kind«, sagte er wehmütig.

»Nun haben Sie sich doch nicht so, Papa. Erzählen Sie schon! Ich weiß doch, wie gern Sie sie gehabt haben und wie sehr Sie sie auch nach vier Jahren noch vermissen.«

Joanne lehnte sich mit verträumten Augen in die weichen Polster zurück.

»Ach, Papa, ich wünsche mir so sehr, mich auch auf den ersten Blick zu verlieben. Es wäre doch schön, den Mann meiner Träume ohne langes Suchen zu finden.«

Sir David lächelte mitleidig in die Dunkelheit. Die Erfahrung, wie grausam die Wirklichkeit manchmal sein konnte, konnte er seiner Tochter leider nicht abnehmen.

Sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass Sir David zunächst sehr überrascht war, als er feststellte, dass die Kutsche zum Stillstand gekommen war. Er streckte den Kopf aus dem Fenster.

»Was ist los? Wieso fahren wir nicht weiter?«, fragte er den Kutscher.

»Der Pöbel hat Barrikaden auf den Straßen errichtet, Monsieur. Die Leute sind äußerst schlecht gelaunt und wollen uns nicht gestatten, den Boulevard St-Germain zu passieren.«

Sir David blickte sich um. Tatsächlich war der gesamte Verkehr zum Erliegen gekommen; auch in den angrenzenden Straßen warteten Pferdefuhrwerke, so weit das Auge reichte. Bedrohlicher allerdings wirkte die schweigende Menschenmasse, die mit Fackeln hinter den Barrieren lauerte.

Sir David wurde unruhig.

»Können wir nicht umkehren?«, erkundigte er sich beim Kutscher. »Es gibt doch bestimmt noch einen anderen Weg ins Viertel St-Germain.«

»Unmöglich, Monsieur. Wir sitzen fest. Man wird uns nicht durchlassen, ehe sich nicht jemand findet, der mit dem Pöbel verhandelt.«

Sir David zögerte. Nachdenklich betrachtete er seine Tochter, deren Wohl ihm so sehr am Herzen lag. Aber hier ging es um weit mehr als um seine persönlichen Interessen. Entschlossen stieg er aus der Kutsche.

»Bitte nicht, Papa!«, flehte Joanne hinter ihm. »Wir können doch warten! Sie setzen Ihr Leben aufs Spiel.«

Sir David war sich der Gefahr zwar durchaus bewusst, arbeitete sich jedoch trotzdem bis zu der Kreuzung vor, wo der Verkehr aufgehalten worden war. Soldaten hielten den Mob hinter den Barrikaden zwar in Schach, doch das Volk war unruhig. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Flaschen und Steine flogen. Um diejenigen zu treffen, die die Demonstranten für die Wurzel allen Übels hielten: die Reichen, die es mit den Gesetzen nicht so genau nahmen. Politiker standen ebenso auf ihrer Liste wie Bürokraten, Ausbeuter und Parasiten - kurz: Menschen, die es sich leisten konnten, in protzigen Kutschen herumzufahren. In den letzten fünfzig Jahren hatte sich das Feindbild verändert, weg vom König, der Königin und den Aristokraten. Heute wandte sich der Volkszorn gegen die Bourgeoisie, die einen kleinen, provinziellen König gewählt hatte. Louis-Philippe, der sogenannte Bürgerkönig, war als liberaler Monarch angetreten, ehe er sich immer weiter von seinen ursprünglichen Idealen abwandte und samt seinem bürgerlichen Hofstaat das Land auszusaugen begann. Laut Volkes Meinung hätte man die Monarchie nie wieder zulassen dürfen, nachdem man sich 1793 so viel Mühe gegeben hatte, sie auszumerzen. Ludwig XVI. und die Österreicherin Marie Antoinette hatten vor einem halben Jahrhundert zumindest noch einen legitimen Anspruch auf den Thron gehabt, was von diesem »Bürgerkönig« niemand behaupten mochte. Der sich, so die Meinung des Volkes, verändert hatte, genau wie die ganze andere Bande. Allen war die Macht zu Kopf gestiegen.

Das Volk begehrte auf, genau wie ein halbes Jahrhundert zuvor, und mit einem Mal fürchtete Sir David um die Sicherheit seiner Tochter.

Plötzlich flog ein mit Nägeln gespicktes Stück Holz dicht an seinem Ohr vorbei. Eine Eisenstange folgte, und im Nu regnete es verdorbenes Gemüse und faule Eier. Hastig wandte Sir David sich um, glitt auf dem Kopfsteinpflaster aus und wäre hingefallen, hätte ihn nicht eine starke Hand gestützt.

Schon wieder dieser Cabet, schoss es ihm durch den Kopf, während er sich aus dem harten Griff befreite.

»Alles in Ordnung«, wandte er sich an seinen Retter, bückte sich und begann, an seiner beschmutzten Kleidung herumzureiben. Mein Gott, wie sah der Umhang aus! Und erst der Abendanzug! Nie und nimmer konnte er sich so in Hélènes Salon blicken lassen.

»Ich glaube nicht, dass alles in Ordnung ist, Sir David. Darf ich mich zunächst vorstellen? Heute Nachmittag blieb uns leider nicht genügend Zeit dazu.«

»Oh, ich weiß, wer Sie sind, Monsieur Cabet. Sie sind doch der Anführer dieses Pöbels da. Gehen Sie mir aus dem Weg! Lassen Sie mich vorbei.«

»Ohne meine Genehmigung werden Sie kaum durchkommen, Sir David.«

»Und wer glauben Sie zu sein, junger Mann, dass Sie sich herausnehmen, eine öffentliche Straße zu sperren?«

»Nun, wie Sie wissen, bin ich Gaston Cabet. Und richtig, ich bin der Anführer dieser Leute - es sind ehrliche Handwerker, die gezwungen sind, auf den Straßen zu betteln, weil es keine Arbeit mehr für sie gibt.«

»Leider habe ich für solche Lappalien im Moment keine Zeit«, erwiderte Sir David harsch.

»Aber Sie wollen doch, dass Ihre Kutsche Sie sicher zu Madame Le Fèvre bringt, oder?«

Erschrocken blickte Sir David den Mann an. Woher wusste er von seinem Fahrtziel? Trotz seiner Pockennarben und der dunklen, ungepflegten Haut wirkte der Arbeiterführer auch jetzt seltsamerweise nicht unattraktiv. Außerdem hatte er Charisma.

»Kommen Sie mit.« Cabet griff hart nach Sir Davids Arm. »Ich verspreche Ihnen, Sie sicher zu Madame Le Fèvre zu begleiten, wo Sie sich ganz unbeschwert mit anderen Gästen der besseren Gesellschaft vergnügen können«, sagte er zynisch.

Wieder war Sir David erschrocken, wie viel Cabet über ihn und Joanne wusste. Sir Davids Angst wuchs. Sie waren nicht mehr sicher.

»Ich kann nicht mitkommen. Meine Tochter … Sie ist noch in der Kutsche …« Mit einem Mal fühlte er sich hilflos und schwach.

»Sie ist in der Kutsche?«

»Ja.«

»Dann hole ich sie. Warten Sie hier.«

»Nein! Ich begleite Sie.«

»Trauen Sie mir etwa nicht?«

»Natürlich nicht.«

Gaston Cabet lachte auf. »Dann, Sir David, haben Sie wirklich ein Problem.«

»Wie meinen Sie das?«

Cabet deutete auf die unruhige Menschenmenge hinter ihm. »Die Leute da sind sehr schlecht gelaunt. Vor allem sind sie wütend auf reiche Snobs, Emporkömmlinge, die immer noch auf der Seite der Monarchie stehen, wie Ihre Freundin Madame Le Fèvre und auch Sie selbst. Daher muss Ihre Tochter …«

»Schon gut, Cabet, holen Sie sie. Aber wenn Sie ihr auch nur ein Härchen krümmen, dann …«

»Immer mit der Ruhe, Sir David. Ich bringe Sie und Ihre Tochter hier raus. Sie müssen mir nur vertrauen. Wir sind durchaus nicht alle Mörder und Bösewichte, auch wenn wir kein Geld haben und in der Gosse leben.«

Sir David traute dem Mann noch immer nicht, doch um Joannes willen hatte er keine andere Wahl. Die Kutsche stand nicht allzu weit entfernt, er würde beobachten können, was geschah.

Das Mädchen wehrte sich aus Leibeskräften gegen den Mann, der es fest am Ellbogen hielt. Als Cabet schließlich mit Joanne vor ihm stand, seufzte Sir David erleichtert auf.

»Was will er von mir, Papa?«, rief Joanne aufgewühlt.

»Später, Joanne. Wir müssen hier verschwinden, ehe es noch schlimmer wird.« Sir David spürte Joannes Anspannung, hatte aber keine Zeit für ausführliche Erklärungen. Er wandte sich an Cabet. »Vielen Dank, Monsieur. Ehrlich gesagt ist mir allerdings nicht klar, warum Sie einem Royalisten helfen, obwohl Sie sich selbst als Handwerker gegen die Monarchie auflehnen und offenbar freiwillig Ihren Teil dazu beitragen, Ihre Heimatstadt zu sabotieren.«

Cabet grinste. »Ich sehe, dass Sie mich ganz gut durchschaut haben. Aber was ich hier mache, hat weder mit Ihnen noch mit Ihrer Tochter zu tun, sondern mit dem guten Ruf meines Vaterlandes. Göttliche Schönheit darf nicht durch die Hände des Pöbels besudelt werden. Solche Schnitzer überlassen wir lieber den Königstreuen.«

Der Gewerkschafter schien ob der Ironie erneut zu schmunzeln, bevor er sich plötzlich umdrehte und einen jungen Kerl am Kragen packte, der eine Fackel schwenkte und auf die wartenden Kutschen auf der anderen Seite der Straßensperre einbrüllte.

»Marcel, viens voir! Die Herrschaften hier sind Engländer und haben mit unseren Problemen nichts zu tun. Begleite sie bitte zum Boulevard St-Germain, und zwar ohne Umweg. Du weißt, ich habe meine Augen überall, also reiß dich zusammen.«

»Entendu, Gaston. Selbstverständlich.«

Sir David und Joanne folgten Marcel in eine Seitenstraße, fort von dem randalierenden, nach Blut lechzenden Pöbel. Es war längst zu spät, an Umkehr zu denken; Sir David blieb nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass Gaston Cabet und sein Botenjunge sie tatsächlich aus ihrer misslichen Situation befreiten.

Der Junge führte sie in Richtung der Pont des Arts gegenüber dem Palais du Louvre. Aus dem Nebel, der in der Dämmerung von der Seine emporstieg, tauchte die Ile de la Cité auf. Im Zwielicht erinnerte sie an ein prähistorisches Ungeheuer, dessen Rückenschuppen vom Palais de la Justice gebildet wurden. Joanne konnte einen leichten Schauder nicht unterdrücken und zog die Kapuze ihres Pelzumhangs tiefer in die Stirn. Wie anders Paris doch bei Nacht wirkte! Sie liebte diese Stadt, die Heimat ihrer Mutter, obwohl sie andererseits London auch als ihr Zuhause betrachtete und sich auch als Engländerin fühlte. Und dann gab es da ja auch noch das Gut in Irland, auf dem sich ihr Vater von der Politik erholte.

Das kosmopolitische Leben gefiel Joanne - sie empfand es als aufregend und abenteuerlich und genoss es, die meiste Zeit mit ihrem geliebten Vater zusammen zu sein. Lebte ihre Mutter noch, säße sie selbst jetzt sicher in London oder Wicklow in einem behüteten Salon bei einer Nadelarbeit. Wie unendlich langweilig! Doch wie die Dinge jetzt lagen, rannte sie neben ihrem Vater her durch die Straßen von Paris einem unbekannten Schicksal entgegen. Sie lief um ihr Leben und fand es ungeheuer aufregend.

Sobald sie die Brücke ins Viertel St-Germain überquert hatten, strahlte die Stadt wieder die übliche Abendruhe aus. Nach dem Aufruhr am Quai du Louvre erschienen die Straßen auf dieser Seite der Seine geradezu unnatürlich leer und still.

Marcel führte sie stumm bis zur angegebenen Adresse, ehe er vor dem Licht der rußenden Gaslaternen floh. Gleich einem Gespenst löste er sich im Nebel auf, der sich wie ein weißes Leichentuch über die Stadt Paris legte.

Kapitel Drei

»Oh mon Dieu!«, echauffierte sich Hélène Le Fèvre, als ihr Diener ihr zwei schmutzige Gestalten meldete, die angeblich Engländer waren und Einlass begehrten. »Was haben Sie denn angestellt?«

Sir David reichte dem Diener seinen feuchten, schmutzigen Umhang und den Hut.

»Wir? Gar nichts! Ganz im Gegensatz zu Ihrem Pariser Pöbel, Hélène.«

»Meiner ist es bestimmt nicht«, jammerte Hélène. »Arme kleine Joanne, ma pauvre enfant! Schauen Sie sich die süße Kleine doch bloß an! Sie ist ja völlig durchnässt! Komm, mein Mädchen. Du brauchst jetzt erst einmal etwas Warmes zum Anziehen, trockene Schuhe und vielleicht …«

»Cognac!«, erklärte Sir David.

Joanne strahlte.

»Bitte nur für mich«, fügte Sir David hinzu. »Für Joanne wäre eine heiße Zitrone genau das Richtige.«

Nach der hastigen Flucht durch die dunklen Pariser Gassen war Joannes Gesicht weitaus rosiger als am Nachmittag, als sie mit ihrem Vater ausgegangen war, um eine Abendgarderobe für die Soiree bei Hélène zu kaufen. Nun war das schöne neue Kleid verdorben, und Joanne war verschwitzt und zerzaust, obwohl sie so gern blass und mondän gewirkt hätte.

Hélènes Kammerfrau begleitete Sir Davids Tochter in die Privatgemächer ihrer Dienstherrin, half ihr beim Umziehen und wickelte die wirre Haarpracht auf Lockenwickler. Innerhalb kurzer Zeit verwandelte sich die zerrupfte Gestalt wieder in eine bildschöne junge Frau.

»Wie hübsch sie doch ist«, schwärmte Augenblicke später die in Diamanten und Spitze gehüllte Hélène. »Sie haben eine äußerst anmutige Tochter, David.« Sie wandte sich an ihren Butler. »Henri, eine heiße Zitrone für Mademoiselle! Jetzt stelle ich dir erst einmal die Gäste vor, Joanne. Vielleicht kennst du ihn ja schon, dort drüben ist unser guter Doktor Nicky …«

»Was? Papas Arzt ist hier?«

»Aber natürlich, liebes Kind. Er ist ein charmanter junger Mann und wäre sicherlich ein passender … Nun ja, auf jeden Fall ist er der beste Arzt, den man sich vorstellen kann. Du solltest vielleicht …«

»Ja, ja, ich weiß schon«, unterbrach Joanne die Gastgeberin gelangweilt, »auch Papa ist von ihm begeistert und singt den lieben langen Tag Loblieder auf ihn.« Sie beugte sich vor und schlug einen vertraulichen Flüsterton an: »Ich weiß, es gehört sich nicht, aber leider finde ich Doktor Wainwright unendlich langweilig. Außerdem ist er Engländer und interessiert mich schon allein aus diesem Grunde nicht.« Sie seufzte. »Ich würde gern jemand Besonderes kennenlernen, Madame. Einen gut aussehenden Franzosen zum Beispiel, der mich nicht den ganzen Abend mit seinem Anästhesie-Inhalator anödet - was immer das auch sein mag.«

»Nun, dann sollte ich dir Barbiret vorstellen. Er ist ein aufstrebender junger Künstler, ein Paradiesvogel sozusagen. Du hast sicher schon von ihm gehört. Barbiret! Venez ici!«

Aus der dunstigen Unergründlichkeit des von Kerzen erleuchteten und mit Zigarrenrauch geschwängerten Salons trat eine geschminkte Gestalt undefinierbaren Geschlechts auf sie zu. Das orangerote Haar des berühmten Pariser Malers trug die Farbspuren seines künstlerischen Schaffens und auch sein nachlässiger Anzug legte beredtes Zeugnis seiner Kreativität ab. Er hatte sich für die Abendgesellschaft ganz offensichtlich nicht umgezogen - was er, wie Joanne gehört hatte, nie tat, schließlich legte er großen Wert auf seine exzentrische Art.

Barbirets lange, schmale, gebogene Nase verlieh ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ägyptischen Falkengott Horus. Seine dünnen, gebogenen Augenbrauen wölbten sich über hellblauen, hervortretenden Fischaugen. Außerdem schielte er; der auseinanderstrebende Blick schien ein Eigenleben zu führen.

Jetzt, da sie ihn zum ersten Mal sah, fühlte Joanne sich gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Sein Äußeres stieß sie ebenso ab wie seine feuchten Finger, die sich schlaff um ihre Hand schlossen. Sein Name, sein Ruhm und die Aura des Geheimnisvollen, die ihn umgab, faszinierten sie hingegen.

»Barbiret malt nicht nur ganz ausgezeichnet«, verkündete Madame Hélène, »er singt auch wie ein Engel. Wie wäre es, Barbiret? Wollen Sie nicht etwas zum Besten geben? Meine Damen und Herren, ich bitte um äußerste Ruhe! Barbiret singt für uns das Ave-Maria.«

Im Salon wurde es still. Alle Augen wandten sich Barbiret zu, der seinen schielenden Blick zur Zimmerdecke erhob, die Hände zu Fäusten ballte und zu singen begann. Seine engelgleiche Falsettstimme schwang sich zu den höchsten Noten empor, die Joanne je gehört hatte. Alle Anwesenden waren zu Tränen gerührt.

»Bravo! Bravo! Mit dieser Stimme kann mein Mieter sogar Glas zersingen, glauben Sie mir das, Miss Byngham?«

Joanne wandte sich um. Hinter ihr stand der Arzt ihres Vaters, Doktor Nicholas Wainwright, dem sie an diesem Abend gerne entkommen wäre. Der junge Mann langweilte sie zu Tode.

»Er ist Ihr Mieter?«, fragte Joanne überrascht.

»Nun, genau genommen ist er der Mieter meiner Mutter.«

»Ihrer Mutter?« Joannes Verblüffung nahm zu.

»Wir wohnen beide in ihrem Stadthaus an der Place de l'École. Barbiret logiert im Dachgeschoss, weil er den besonderen Lichteinfall durch die Dachfenster für seine künstlerische Tätigkeit braucht. Ich hingegen halte mich eher im Untergeschoss auf, da ich dort meinen Forschungen nachgehen kann. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich einen Anästhesie-Inha …«

»Wirklich äußerst interessant«, fiel ihm Joanne ins Wort. »Der besondere Lichteinfall durch die Dachfenster! Aber jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen, Dr. Wainwright, ich möchte …«

»Wie geht es Ihrem Vater nach seiner Influenza, Miss Byngham?«

»Erheblich besser, danke der Nachfrage. Entschuldigen Sie mich bitte, aber Madame Le Fèvre wollte mich dem Kastraten vorstellen - Verzeihung, ich meine natürlich, dem Mieter Ihrer Mutter.«

Sie ließ den jungen Arzt stehen und war sich der schockierenden Wirkung bewusst, die sie bei ihm erzielte, wenn sie völlig unbefangen das Wort »Kastrat« aussprach. Ein wahrer Langeweiler, dieser Doktor, der trotz seiner jungen Jahre schon jetzt wie ein schrulliger alter Mann wirkte! Dabei musste ihm doch völlig klar sein, dass ein junges Mädchen heutzutage diesen Ausdruck kannte. Natürlich wusste Joanne, dass Barbiret in seiner Jugend kastriert worden war; nur dadurch hatte er sich seine himmlische Falsettstimme bewahren können. Dass eine Kastration weitere Folgen mit sich brachte, hatte sie lediglich einigen dunklen Andeutungen ihres Vaters entnommen. Joanne hatte auch entdeckt, dass »kastriert« etwas mit »platonisch« zu tun haben musste. Auf jeden Fall war Barbiret einer der letzten Eunuchen - ein Wort, das Joanne nur heimlich und hinter verschlossenen Türen gehört hatte. Was immer es aber bedeuten mochte: Joanne selbst fühlte sich durchaus bereit für die Art von Leben, die ihr Vater ernsthaft zu fürchten schien.

Nach Barbirets Darbietung nahm Madame Hélène ihren berühmten Gast zur Seite. »Was halten Sie von ihr, Barbiret? Sollte sie Ihnen nicht einmal Modell sitzen mit ihrer Porzellanhaut und dem außergewöhnlichen Haar?«

Der berühmte Künstler studierte das junge Mädchen eingehend. »Pah!«, sagte er schließlich.

»Was soll das heißen: Pah?«

»Sie ist zu dünn, zu knochig und zu groß. Ich finde sie unweiblich. Auch ihr Gesicht hat noch keinen Charakter. Fad, kann ich nur sagen - absolut fad!«

»Schon gut, Barbiret, ich habe verstanden. Aber ich bin ganz sicher, dass abgesehen von Ihnen alle anderen Gäste unsere kleine Joanne ausgesprochen hübsch finden. Gut zu wissen, dass Sie vorerst nicht die Absicht haben, sie mit Beschlag zu belegen.« Hélène wandte sich wieder an die Umstehenden. »Manchmal habe ich den Eindruck, dass Barbiret sich für eine Art Gott hält. Und das, was Gott tat, als er Licht und Finsternis trennte, versucht Barbiret auf seiner Leinwand. Nur, dass er nicht so gut ist wie Gott, nicht wahr, Nicky? Aber farbenblind scheint er zu sein. Immer nur schwarz und weiß - das ist doch abscheulich!«

Nicholas Wainwright jedoch war intelligent genug, nicht auf den bösartigen Köder hereinzufallen.

»Schwarz-Weiß-Malerei ist zurzeit die große Mode, Madame«, konterte Barbiret. »Eine Kunstform, die mir ausgesprochen zusagt.«

»Wie Sie meinen. Komm, Kleine«, wandte sie sich an Joanne, »vielleicht finden wir noch ein anderes Genie, das diese Bezeichnung wert ist.« Sie hakte Joanne unter und ging ein paar Schritte weiter, bevor sie im vertraulichen Tonfall sagte: »Dieser Barbiret geht mir auf die Nerven. Sag mal, warum kannst du eigentlich den Arzt deines Vaters nicht leiden?«

»Fangen Sie bitte nicht wieder mit dem an, Madame! Ich mag ihn nun mal nicht. Als er Papa das letzte Mal einen Krankenbesuch abstattete, erklärte er mir, er hoffe, ich möge nie - ich zitiere - ›lungenkrank werden wie mein Vater‹.«

Madame Hélène lachte auf. »Ich verstehe, was du meinst. Trotzdem ist er ein wirklich guter Arzt, und ich würde ihn an deiner Stelle nicht leichtfertig von der Liste der Heiratskandidaten streichen.«

»Eine solche Liste existiert nicht, Madame.«

»Très bien. Es freut mich, das zu hören. Damit bist du ja noch völlig frei in deinen Entscheidungen. Ich bitte dich nur, dir meine Worte zu merken: Unser Nicky wird es noch weit bringen.«

Weit ist gut, dachte Joanne aufsässig. Am besten weit weg. Der Sinn steht mir nun einmal mehr nach einem forschen, galanten Franzosen als nach einem unscheinbaren englischen Arzt. Zu ihrer großen Erleichterung fuhr Hélène fort: »Weißt du was? Ab sofort werde ich dich nicht mehr zwingen, nette junge Männer kennenzulernen, die ich für dich aussuche. Triff deine eigene Wahl. Sieh dir die Männer in meinem Salon an und sprich mit ihnen. Wenn dir einer gefällt, sag es mir einfach. Den Rest erledige ich dann schon.«

Joanne freute sich. Hélènes ununterbrochenes Schwatzen hatte ihr Kopfschmerzen verursacht, genau wie Nicholas Wainwright mit seinem nie enden wollenden Vortrag darüber, wie man jemanden bewusst und gezielt ohnmächtig werden lassen konnte.

Ohne Begleitung umherstreifen zu dürfen - das gefiel ihr. Inzwischen waren neue Gäste eingetroffen. Unschlüssig streifte sie durch die Räume, hier und da belauschte sie Gesprächsfetzen.

»Sang de bœuf? Sang de bœuf? Was ist denn so besonders am Blut eines verdammten Ochsen?«

»Es war die Farbe von Guizots Weste, die er gestern Abend in der Oper trug.«

»Was halten Sie von ihm als Ersatz von Thierry?«

»Was soll ich schon davon halten?«

»Oh, Liebste, wissen Sie, was man sich erzählt? Ich habe es mit eigenen Ohren an der Schlafzimmertür gehört: Sie soll sich ihre grauen Haare färben, und zwar nicht nur die auf dem Kopf! Sie wissen schon.«

»Was manche Frauen nicht alles für einen jungen Gigolo tun!«

Hinter aufgeklappten Fächern wurde gekichert.

»Pierre hat erzählt, dass die Nationalgarde gerufen wurde, um den Pöbel unter Kontrolle zu bringen.«

»Wenn man sich überlegt, dass alles nur eine Folge dieses verrückten Banketts ist, das dann ohnehin abgesagt wurde.«

»So verrückt war es gar nicht, mein Lieber. Es ging immerhin darum, die Trikolore durch die rote Fahne zu ersetzen.«

»Mais non!«

»Mais oui!«

»Es wird auch gemunkelt, dass der König zugunsten seines Enkels abdanken will.«

»Man sollte endlich agieren! Das Eisen muss geschmiedet werden, solange es heiß ist …«

Die Atmosphäre in Hélènes Salon bedrückte und beengte Joanne plötzlich. Sie fragte sich, wo ihr Vater geblieben sein mochte. Und plötzlich, zum ersten Mal, erkannte Joanne die Schattenseiten ihres Aufenthalts in Paris. Mit einem Mal erschien ihr alles Französische fremd. Auch wenn man Paris die Stadt der ewigen Jugend nannte, schienen Madame Hélènes Gäste doch überwiegend uralt zu sein.

Und was war mit der Liebe? Paris, la capitale de l'amour? Lächerlich! Wo sollte sie in diesem stickigen Raum Liebe finden? Die Männer hier waren entweder kastriert wie Barbiret, tödlich langweilig wie Nicholas Wainwright und sein patentierter Anästhesie-Inhalator oder jenseits von Gut und Böse, wie der alte Mann dort drüben, der mit trunkenen Augen in jeden Ausschnitt starrte, der seinem schlecht rasierten Bart und seinen gierig aufgeworfenen Lippen nahe genug kam.

Und dabei hatte Joanne so sehr darauf gehofft, hier in Paris der großen Liebe zu begegnen, wie es einst ihre Eltern erlebt hatten. Doch in den Salons wurde nur getratscht oder über Politik gesprochen. Das Leben war voller Enttäuschungen!

Joanne fand ihren Vater im Musikzimmer. Er war in ein Gespräch mit einer äußerst glamourös aussehenden Dame vertieft.

»Papa? Können wir nach Hause gehen?«

»Ah, Contessa, darf ich Ihnen meine Tochter Josephine-Anne vorstellen?«

»Ihre Tochter? Aber Sir David, Sie haben mir nie erzählt, dass Sie eine so große Tochter haben, Sie Böser! Und zudem noch ein derart hübsches Mädchen! Heilige Mutter Gottes, man fühlt sich direkt alt! Ein bildschönes Kind, so viel schöner als ich …«

Die Contessa ließ ihren Blick vom Vater zur Tochter gleiten und streckte eine schlaffe Hand aus.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Contessa«, sagte Joanne gehorsam und ergriff die dargebotene Hand. Die Contessa war Opernsängerin an der Mailänder Scala und weilte zur Premiere von Mozarts Don Giovanni in Paris. »Aber ich bin kein Kind mehr.«

»Ganz meinerseits«, erwiderte die Sängerin und musterte Joanne mit einem harten Lächeln, das Bände sprach. Die Unterbrechung ihres Gesprächs mit Sir David kam ihr alles andere als gelegen. Am liebsten hätte sie Joanne auf ihr Zimmer geschickt. Stattdessen wandte sie sich wieder Sir David zu, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, senkte verführerisch die langen Wimpern und fragte mit sanfter Stimme: »Was glauben Sie, Sir David, wird es eine neue Revolution in Frankreich geben?« Joanne knirschte mit den Zähnen.

»Ich hoffe inständig, dass es nicht so weit kommt, Sophia«, antwortete Sir David, warf seiner wütenden Tochter einen flehenden Blick zu und hoffte, dass sie ihn verstand. »Für Europa wäre es eine Katastrophe. Aber das gemeine Volk weiß sich oft nicht anders zu helfen.«

Joanne seufzte vernehmlich. Wenn es etwas noch langweiligeres gab als Doktor Wainwright, dann war es ihr geliebter Papa, sobald er sich über Politik unterhielt. Kein Wunder, dass er sich so gut mit seinem Arzt verstand!

»Hören diese Radikalen denn nie mit ihren Reformen auf?«, erregte sich die Diva.

»Alle Welt redet zwar von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, doch leider werden diese hehren Ziele nicht umgesetzt. Hoffen wir, dass dennoch die Schwerter wieder zu Pflugscharen gewandelt werden. In der derzeitigen wirtschaftlichen Lage wäre es das Beste für uns alle.«

»Sie hoffen wohl auf das Paradies auf Erden, auf den Löwen, der mit dem Lamm spielt.« Sie lachte kokett und winkte ab, als ein Diener ihr ein Glas Champagner anbot. »Nein danke. Alkohol ist Gift für meine Stimme und meine Figur. Werden wir Sie morgen Abend in der Oper begrüßen dürfen, Sir David?«

»Es tut mir zwar unendlich leid, Sophia, aber ich werde der Premiere nicht beiwohnen können. Ich habe einen wichtigen Auftrag zu erledigen.«

Enttäuscht schürzte die Diva die Lippen.

»Können Sie nicht absagen? Mir zuliebe?«

»Das ist leider unmöglich.«

Die Sängerin verbarg ihr Missvergnügen nur leidlich. Immerhin war Sir David der einzige gut aussehende Mann bei dieser Soiree, und als reicher Witwer und Diplomat in Diensten der englischen Königin gleich doppelt interessant. Sie wandte sich der Tochter zu. Möglicherweise führte der Weg zum Herzen eines Mannes ja über seine Nachkommenschaft.

»Wie alt sind Sie, Joanne?«

»Siebzehn«, gab Joanne patzig zurück.

»In einigen Jahren werden Sie sicher nicht mehr so freimütig in aller Öffentlichkeit über Ihr Alter sprechen. Vor allem nicht in Anwesenheit von Herren, selbst wenn es sich nur um Ihren Vater handelt.«

»Ich bin alt genug, um nicht mehr wie ein Kind behandelt zu werden, Contessa.«

»Himmel, eine so alte Dame! Und trotz Ihres Alters derart bildhübsch! Ich verspreche Ihnen, Sie werden sehr bald schon viele Herzen brechen. Und? Gibt es schon ein Herz, das Ihnen lieber ist als alle anderen?«

»Aber sicher, Contessa. Das Herz meines Vaters.«

Obwohl Stirnrunzeln Falten verursacht, konnte die Contessa nicht anders; hastig bemühte sie sich, ihren grimmigen Gesichtsausdruck in ein süßes Lächeln zu verwandeln. »Nun, Joanne, da Ihr Vater morgen verhindert ist, möchten Sie nicht zu meiner Premiere kommen? Ich würde Ihnen meine Kutsche schicken, und Hélène könnte Sie begleiten. Was halten Sie davon?«

»Das ist ein äußerst freundliches Angebot, Sophia, aber meine Tochter wurde noch nicht in die Gesellschaft eingeführt«, wandte Sir David ein. Mit einem Mal fühlte er sich schuldig, dass er seiner fast erwachsenen Tochter diesen sehr weiblichen Teil der sozialen Integration bisher vorenthalten hatte. Er hatte schlicht nicht daran gedacht. Außerdem musste er sich eingestehen, dass Joanne als Kind in England und Irland vermutlich viel zu oft sich selbst überlassen wurde und vielleicht auch deshalb heute noch zuweilen ein recht burschikoses und willkürliches Verhalten an den Tag legte. Sie hätte zur Dame erzogen werden müssen, doch dafür war nie genügend Zeit gewesen.

»Aber das macht doch nichts, Sir David. Ich werde Ihrer Tochter und Madame Hélène die Loge neben der des Königs zur Verfügung stellen«, unterbrach die Contessa seine Grübeleien. Und fügte lächelnd hinzu: »Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Bühne. Man sieht aber nicht nur, sondern man wird auch gesehen. Paris wird Ihrer schönen Tochter bei ihrem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit sicher zu Füßen liegen, Sir David. Was halten Sie davon?«

Sir David nickte nachdenklich. Die von der Contessa Sophia di Ragatti angebotene Gelegenheit war vielleicht gar keine so schlechte Idee. »Zumindest weiß ich dann, wo sie sich während meiner Abwesenheit aufhält«, lächelte er.

»Sehen Sie, und schon haben wir eine Lösung gefunden. Allerdings müssen Hélène und ich Ihnen die junge Dame bereits morgen früh entführen. Sie braucht unbedingt eine neue Garderobe. Ich weiß ja nicht, wer für ihre Kleidung und die Frisur verantwortlich zeichnet, aber beides schickt sich nicht für eine Siebzehnjährige. Auf jeden Fall sollte sie keine so tiefen Dekolletés tragen.«

Joanne schluckte entsetzt. Eine Frau, die sie kaum kannte, griff viel zu weit in ihr Leben ein! Was bildete sie sich ein? Joanne selbst war der Meinung, dass sie trotz der Strapazen des Abends ganz passabel ausschaute. Die Contessa - eine Frau, die sich ständig echauffierte und ihren Vater zu umgarnen versuchte - war ihr ausgesprochen unsympathisch. Und was zum Teufel fand Papa an ihr?

»Vater, können wir bitte jetzt nach Hause fahren? Meine Füße sind nach unserem Fußmarsch heute Abend nicht mehr richtig trocken geworden. Nicht, dass ich mich erkälte und Ihnen damit noch mehr Unannehmlichkeiten bereite! Ich möchte es nicht auf der Brust bekommen, so wie Sie.«

»Es ist ungehörig, in der Öffentlichkeit von Füßen zu sprechen; es handelt sich um ein sehr privates Körperteil«, tadelte die Contessa und versetzte Joannes fast nackter junger Schulter einen leichten Klaps mit dem Fächer.

Sir David war durch Joannes Tonfall und eine Veränderung ihres Gesichtsausdrucks gewarnt. Mühsam unterdrückte er ein Lächeln. Seine geliebte Tochter ließ sehr deutlich erkennen, was sie von Sophia hielt. Dabei hätte sie sich wirklich keine Sorgen machen müssen, denn er hatte nicht die leiseste Absicht, die Sängerin zu ihrer Stiefmutter zu machen.

Seine Gedanken wurden durch eine gewisse Unruhe im Vestibül unterbrochen. Ein neuer Besucher betrat die große Eingangshalle.

»Ah!«, rief Sophia jubelnd aus. »Der schöne Jean-Paul de Villacroix ist da! Seinem Aussehen nach kommt er direkt von seinem Landgut. Entschuldigen Sie mich, Sir David, ich bin gleich zurück. Gehen Sie noch nicht fort. Ich muss nur rasch einen lieben alten Freund begrüßen.« In einer Wolke aus rosa Taft und Tüll rauschte sie davon wie ein Flamingo, der sein zweites Bein entdeckt hat.

»Na Gott sei Dank«, seufzte Joanne erleichtert. »Sie sollten solche Frauen nicht auch noch ermutigen, Papa. Ich habe diesen Ausdruck auch schon bei anderen Frauen gesehen. Mama hätte es ganz bestimmt nicht gutgeheißen. Können wir jetzt endlich nach Hause gehen?«

Sir David runzelte die Stirn. »Tut mir leid, mein Liebes, aber zunächst muss ich dringend mit Jean-Paul sprechen.«

»Sie kennen ihn?«

»Natürlich kenne ich ihn, allerdings hatte ich nicht erwartet, ihn heute Abend zu sehen«, murmelte er verstört. »Schon gar nicht hier!«

»Wer ist dieser Mann?«

»Der Comte de Villacroix.«

»Ach, er trägt einen Adelstitel? Ist er ein wichtiger Mensch? Wie wichtig ist er für Sie?«

»Äußerst wichtig. Ich muss dich leider jetzt einen Augenblick allein lassen, mein Kind.«

»Nennen Sie mich bitte nicht immer Kind«, begehrte Joanne auf. »Ich bin fast erwachsen. Könnten Sie mich dem Grafen vorstellen? Die Damen scheinen sich ja geradezu um ihn zu reißen. Oh, da kommt Madame Hélène! Sie wird es sicher tun.«

»David! David!« Madame Hélène schob keuchend ihren gewaltigen Busen durch die Menschenansammlung. In der Hitze der vielen Kerzen in ihrem Salon war die korpulente Dame ins Schwitzen geraten. Die Kerzen hatte sie im Übrigen von niemand Geringerem als dem Kerzenmacher von König Louis-Philippe als Geschenk erhalten und eine ganze Kiste davon an Sir David weitergeschickt.

Sie wedelte mit ihren diamantgeschmückten, rundlichen Händen. »David, Monsieur le Comte will unbedingt mit Ihnen sprechen. Sie können mein Privatgemach benutzen. Henri, venez … Begleiten Sie bitte Monsieur le Comte und Sir David in meine Räume. Komm, Joanne! Von Sophia habe ich gerade gehört, dass wir beide morgen in die Oper gehen und die Loge neben der des Königs haben werden. Eine wirklich gute Idee, dich auf diese Weise in die Gesellschaft einzuführen. Allerdings glaube ich, dass es zuvor notwendig ist, deine Toilette zu überprüfen, mein liebes Kind, auch wenn wir heute Abend wegen der Umstände ein Auge zudrücken müssen. Ein vereinter italienischer und französischer Rat ist nicht die schlechteste Voraussetzung, um zu einer kosmopoliten Schönheit zu werden, auf die wir alle stolz sein können. Was Garderobe betrifft, so seid ihr Engländer leider noch im Entwicklungsstadium. Obwohl dein lieber Papa diesbezüglich eine löbliche Ausnahme bildet, ebenso wie unser guter Doktor Wainwright. Natürlich verzeihen wir den Herren zeitweilige Ausrutscher, ebenso, wie wir Barbiret seinen Aufzug vergeben. Bei den Herren der Schöpfung spielt die äußere Erscheinung nun einmal keine große Rolle. Aber Sophia und ich werden dir zeigen, wie man sich so begehrenswert kleidet, dass die Männer nicht widerstehen können, nicht wahr?«

Joanne ließ den Wortschwall schweigend über sich ergehen. Sie hatte nicht die geringste Lust, sich bei der Auswahl ihrer Garderobe beraten zu lassen; sie sah sich durchaus in der Lage, selbst über ihre Frisur und Toilette zu entscheiden. Aber vor allem hatte sie keine Lust, sich in eine kosmopolite Schönheit verwandeln zu lassen. Dickköpfig, wie sie nun einmal war, wollte sie ihren eigenen Weg verfolgen.

»Ich werde hier auf meinen Vater warten«, sagte sie mit nüchterner Stimme. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich hier sitzen bleiben, bis mein Vater seine Unterredung mit dem Comte de Villacroix beendet hat.«

»Wie du willst, Joanne. Allerdings solltest du nicht allzu sehr klammern. Dein Vater muss seinen Verpflichtungen nachgehen können, ohne dass er sich dabei von dir eingeschränkt fühlt.«

Joanne wusste um die Konventionen, die sie so häufig brach - nicht zuletzt was höfliche Konversation und Verschwiegenheit betraf. Aber gerade in Angelegenheiten, die die Beziehung zu ihrem Vater angingen, war sie nicht bereit, den gesellschaftlich verordneten Maulkorb zu tragen. Jetzt konnte sie ihren Ärger nur mit Mühe zurückhalten. Sie blickte der Gastgeberin fest in die Augen, als sie sagte: »Ich schränke ihn nie ein! Wissen Sie, Madame Hélène, mein Vater und ich, wir stehen uns seit dem Tod meiner Mutter sehr nah. Außerdem missfällt mir, dass die Contessa und Sie mein Leben unter Ihre Fittiche nehmen, ohne mich vorher zumindest zu fragen. Schließlich bin ich kein kleines Mädchen mehr. Seit Mamas Tod bin ich reifer geworden, und mein Vater braucht mich ebenso, wie ich ihn brauche.«

»Oh, là, là, mein Kind, du wirst Jacqui wirklich von Tag zu Tag ähnlicher. Schon gut, ich lasse dich in Frieden. Mein Diener wird dir etwas zu essen bringen, um dir die Wartezeit zu verkürzen. Bestimmt hast du Appetit. Und natürlich gestatte ich dir, ein wenig zu lauschen.«

Sie walzte davon. Unwillkürlich musste Joanne lächeln. Madame Hélène war leicht zu beeinflussen und manchmal sogar richtig amüsant. Erleichtert stellte das junge Mädchen fest, dass die Contessa sich inzwischen mit Barbiret beschäftigte. In ihrer Eitelkeit standen die beiden Künstler einander in nichts nach.

Kapitel Vier

In Madame Hélènes Privatgemächern erklärte Jean-Paul de Villacroix Sir David die Ereignisse, die zu seinem unerwarteten Besuch geführt hatten.

»Die meisten Passagen sind blockiert. Unsere Leute haben uns zwar angewiesen, die Ware so schnell wie möglich auf den Weg zu bringen, was mir angesichts der Aufstände allerdings riskant erscheint. Der Boulevard des Capucines ist ebenso dicht wie die Place de la Madeleine, und auch die Tuilerien werden schon belagert. Was schlagen Sie vor, Sir David?«

»Ich glaube auch, dass wir die Ware auf den Weg bringen sollten, ehe es zu spät ist.«

»Sie haben vermutlich recht, wir sollten es trotz des Risikos wagen. Sind die Kommunikationswege zwischen Ihrer und unserer Regierung offen?«

»Alles ist in bester Ordnung. Wir haben seit einiger Zeit erwartet, dass etwas geschehen würde, und uns darauf vorbereitet.«

»Gut, dann sollten wir sofort aufbrechen. Niemand in der Regierung wird etwas unternehmen, ehe Sie den Pöbel nicht beruhigt haben. Meine Kutsche wartet im Innenhof der Abtei hinter St-Germain-des-Prés.«

Als Sir David zögerte, runzelte der junge Graf die Stirn. Der Engländer galt nicht als Zauderer. »Stimmt etwas nicht?«

»Würden Sie mich kurz entschuldigen, Monsieur le Comte? Ich muss zunächst einige Vorkehrungen treffen, damit meine Tochter unbeschadet nach Hause kommt. Sie wissen ja selbst, dass wir uns ursprünglich erst morgen treffen wollten, um die Vorverhandlungen abzuschließen, und dass die Ware eigentlich erst in zwei bis drei Tagen versandt werden sollte. Wer konnte schon ahnen, dass die Ereignisse sich plötzlich überschlagen? Nun habe ich das Problem, dass Joanne ebenfalls hier ist und ich ihre Sicherheit gewährleisten muss.«

Der Comte war besorgt. »Sie sollte auf keinen Fall in die Rue Royale zurückkehren. In dieser Nacht ist man auf den Pariser Straßen nirgends sicher. Überall ist aufgebrachter Pöbel unterwegs. Lassen Sie die junge Dame lieber hier in Hélènes Obhut zurück.«

»Darüber muss ich zunächst mit Hélène sprechen.«

»Bitte beeilen Sie sich! Uns bleibt nur wenig Zeit.«

Sobald die Doppeltür geöffnet wurde, sprang Joanne auf.

»Papa, können wir jetzt endlich nach Hause gehen? Bitte! Die Leute hier sind alt und langweilig. Ich fühle mich entsetzlich fehl am Platz.«

»Joanne, du bleibst hier bei Hélène. Es wäre viel zu gefährlich, in unsere Wohnung zurückzukehren.«

Ein Blick in sein Gesicht verriet Joanne, dass durchaus nicht alles in Ordnung war. Ihr Vater sah erschöpft aus. »Was ist los, Papa? Stimmt etwas nicht?«

»Ich kann es dir jetzt nicht erklären, Kind, aber ich habe einen äußerst wichtigen Auftrag zu erledigen.«

»Was für einen Auftrag, Papa? Kann er nicht bis morgen warten?«

»Du weißt sicher selbst, dass das eine ziemlich dumme Frage war, Joanne.« Sein Ton war so scharf, dass sie sich auf die Lippen biss und den Tränen nahe schwieg. Der ganze Abend war eine einzige Enttäuschung gewesen.

»Wo ist Hélène?« Sir David wandte sich ab, um nach der Gastgeberin zu suchen, während Hélène sich ihrerseits bereits einen Weg durch schwatzende Menschen im Salon und auf den Schwellen zu den angrenzenden Räumen bahnte - warum versammelten sich bei Abendgesellschaften eigentlich immer alle Leute an den Türen? Wie eine Fregatte unter vollen Segeln erreichte sie endlich ihre Privatgemächer.

»David, brauchen Sie mich? Ich dachte, ich könnte Jean-Paul und Ihnen vielleicht behilflich sein. Was kann ich für Sie tun? Brauchen Sie Boten? Pferde? Proviant?«

»Hélène, ich möchte Sie bitten, Joanne während meiner Abwesenheit unter Ihre Fittiche zu nehmen. Ich muss noch heute Abend in einer wichtigen Mission aufbrechen. Haben Sie bitte ein Auge auf meine Tochter.«

»Aber Papa!«

»Schweig, Joanne!«

Joanne fuhr zusammen. Noch nie hatte ihr Vater so mit ihr gesprochen. Und zu allem Überfluss wies auch Madame Hélène sie zurecht - allerdings erheblich sanfter.

»Richtig, mein Mädchen. Du solltest nur reden, wenn du gefragt wirst.«

Joanne wurde rot vor Wut. Aus dem Augenwinkel erkannte sie Doktor Wainwright, der sie mit einem geradezu feierlichen Gesichtsausdruck betrachtete. Sie wandte den Kopf ab. Von diesem Mann dort wollte sie erst recht nichts - weder Sympathie noch Ablehnung!

»Ich weiß noch nicht, wann ich zurückkomme«, hörte sie ihren Vater sagen.

»Ich verfüge über eine äußerst komfortable Gästesuite für Joanne«, bemerkte Madame Hélène an Sir David gerichtet. »Ich werde das Mädchen hüten wie meinen Augapfel, und die Contessa geht mir sicher gern dabei zur Hand. Sie können ganz sicher sein, dass Ihrer lieben Tochter nichts geschehen wird, Sir David. Sie dürfen sich ganz unbelastet Ihren Geschäften widmen. Und auf jeden Fall werden wir für Ihre und Jean-Pauls sichere Rückkehr beten.«

Joanne startete trotzig einen letzten Versuch, ihren Vater zu überreden.

»Papa, bitte! Ich kann wirklich nicht über Nacht hierbleiben. In der Rue Royale wartet doch Natascha auf uns!«

»Ach weißt du, Natascha ist nicht allein. Sie hat doch Mrs O'Grady bei sich - eine sehr vernünftige Frau, die daran gewöhnt ist, mit aufsässigem Volk umzugehen«, sagte Sir David zweideutig. Er kannte keine aufsässigeren Leute als die Iren.

»Die arme Natascha wird vor Angst sterben, wenn ich nicht nach Hause komme«, beharrte Joanne. »Mrs O'Grady hat absolut kein Verständnis für das Mädchen! Natascha fürchtet sich im Dunkeln und könnte eine Dummheit begehen …«

»Dann schicke ich eben Henri, dass er Natascha herbringt«, lenkte Madame Hélène ein. Sie gehörte offensichtlich zu den Menschen, die in Krisensituationen die Nerven bewahren. »Und wenn es nötig sein sollte, kann Mrs O'Grady ebenfalls kommen und meinem Küchenpersonal beistehen.«

»Welch wunderbare Idee, Hélène!«, rief Sir David aus. »Ich stehe tief in Ihrer Schuld. Sie haben mir eine große Last von den Schultern genommen. Joanne, Liebes«, wandte er sich an seine Tochter, »ich muss jetzt aufbrechen. Schau doch nicht so traurig drein! Deine französische Patin wird sich sicher äußerst liebevoll um dich kümmern.« Er zog seine Tochter an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Sei nett zu ihr«, flüsterte er. »Tu es für mich! Morgen bin ich zurück.«

»Trotzdem wäre ich lieber zu Hause als hier bei all diesen fremden Leuten«, raunte Joanne ihm ins Ohr. »Sie wissen doch, dass ich Fremde nicht mag.«

»Mach jetzt bitte keine Schwierigkeiten, Joanne. Du benimmst dich wie ein verzogenes Kind.«

Madame Hélène schritt ein. »Sie hat eben noch nicht gelernt, sich wie eine junge Dame zu benehmen. Und daran sind Sie nicht ganz unschuldig, David. Würde Jacqui noch leben, hätten wir diese Probleme sicher nicht. Aber wenn Sie mir Ihre Kleine für einige Zeit überlassen, will ich sehen, was ich tun kann. Wir machen eine wohlerzogene, gesellschaftlich sichere junge Dame aus ihr, David. Sie werden sie kaum wiedererkennen.«

Der Comte de Villacroix, der die Szene mit wachsender Ungeduld aus der Distanz verfolgt hatte, trat nun ebenfalls heran. Ohne eine offizielle Vorstellung abzuwarten, trat er auf Joanne zu und nahm ihre Hand.

»Enchanté, Mademoiselle. Verstehen Sie mich nicht falsch, doch das Leben des französischen Königs darf nicht von den Launen einer kleinen englischen Lady abhängen, so bezaubernd sie auch sein mag. Sie werden wohl einige Zeit ohne Ihren wichtigen Papa auskommen und in der Obhut Ihrer Gastgeberin bleiben müssen. Aber ich verspreche Ihnen: Ich bringe ihn unbeschadet zurück.«

Joanne stand stocksteif vor dem jungen Grafen. Noch nie hatte jemand sie auf solche Art zurechtgewiesen, und noch nie hatte sie sich derart beschämt und linkisch gefühlt. Noch nie hatte sie die Ansprüche, die man an sie stellte, weniger erfüllt und sich noch nie so einsam und mutterlos gefühlt.

Plötzlich verspürte sie eine entsetzliche Angst. Nein, ihrem Vater konnte sie nicht vorwerfen, sich zu wenig für ihr Leben zu interessieren. Sie ganz allein war schuld daran, dass sie sich ständig danebenbenahm. Wie ungeheuer naiv hatte sie sich doch aufgeführt! Aber auch, wenn sie sich selbst nicht verzeihen konnte, ihren Vater vor der guten Gesellschaft von Paris blamiert zu haben, so stand es dem Grafen bestimmt nicht zu, sie dafür zu tadeln. Nie würde sie dem Comte de Villacroix vergeben, dass er sie vor allen Leuten bloßgestellt hatte. Joanne senkte den Kopf, um Scham und Verwirrung zu verbergen.

Immer noch hielt der junge Graf ihre Hand in seiner. Mit einem Mal drehte er sie sanft um und küsste in einer innigen, etwas altmodischen Geste die Innenseite ihres Handgelenks.

»Jean-Paul St-Clair de Villacroix. Stets zu Diensten, Mademoiselle.«

Als er den Kopf hob, schien die Welt um Joanne einen Herzschlag lang stehenzubleiben. Seine dunkel bewimperten grünen Augen senkten sich tief in Joannes bernsteinfarbenen Katzenblick und forderten sie heraus, sich ihm vor der versammelten Gesellschaft zu widersetzen.

Schließlich ließ er ihre Hand sinken, wandte sich abrupt ab und eilte, dicht gefolgt von Joannes Vater, auf schmutzverkrusteten Absätzen und in einem staubigen Reisemantel aus dem Haus, ohne sich noch einmal umzublicken.

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