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Die McCloud-Töchter

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1. KAPITEL

Die drei Frauen standen Schulter an Schulter und starrten auf das Porträt ihres Vaters, das seit mehr als zwanzig Jahren über dem Kamin im Arbeitszimmer hing. Das Bild zeigte Lucas McCloud lässig auf seinem Hengst Satan sitzend, und es sah aus, als wäre er im Sattel geboren worden.

Vor dem Panorama des blauen Himmels von Texas, den zerklüfteten Bergen und den grünen Weiden, die das Bild der Double-Cross-Heart-Ranch bestimmten, wirkten Pferd und Reiter unbezwingbar. Man konnte die Wildheit des Hengstes geradezu spüren, so gut hatte der Maler sie eingefangen. Die Ohren gespitzt, mit hoch erhobenem Kopf, begegnete das Pferd dem Blick des Betrachters mit einer Arroganz, Muskelkraft und Dominanz, die der des Manns auf seinem Rücken in nichts nachstand.

Und keiner kannte dessen Züge besser als die drei Frauen, die das Porträt betrachteten. Seit elf Jahren versammelten sie sich jedes Jahr an diesem Datum hier zu einer stillen Andacht.

Doch niemand, der sie zusammen sah, hätte vermutet, dass sie Schwestern waren – die drei Töchter von Lucas McCloud, in ihrem Wesen genauso verschieden wie in ihrem Äußeren.

Mandy, die Älteste, stand links von dem Bild und hielt einen Becher mit Kaffee in der Hand. Ihre fast zerbrechlich wirkende Gestalt verbarg eine innere Kraft und einen Willen, der dem des Mannes glich, der sie gezeugt hatte. Volles rotbraunes Haar fiel ihr auf die Schultern, ein Beweis ihrer Weiblichkeit, während Jeanshemd und ausgeblichene Jeans, ihre übliche Kleidung, die weichen Kurven verbargen. Ihr Kinn war beinahe trotzig vorgestreckt, während ein leichtes Zittern ihrer Lippen die Gefühle verriet, die sie beim Betrachten des Bildes ihres Vaters überkamen.

Samantha, die von ihrer Familie nur Sam genannt wurde, weil es ein viel passenderer Name für diesen Wildfang war, stand in der Mitte und hatte die Hände in die Taschen ihrer Jeans gesteckt. Rabenschwarzes Haar, zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz, reichte ihr fast bis zur Mitte des Rückens. Obwohl Tränen in ihren Augen brannten, presste sie die Lippen fest aufeinander und schaute regungslos auf den Mann, der ihr Leben bis zu seinem Tod dominiert hatte.

Merideth stand auf der rechten Seite. In ihren langen schlanken Händen hielt sie lässig ein kristallenes Weinglas. Sie überragte die beiden anderen und wurde deshalb häufig für die Älteste gehalten – doch ein Blick auf ihren Schmollmund und den gelangweilten Gesichtsausdruck, und man wusste, dass sie die Jüngste in der Familie war. Ihre Schwestern, die Haushälterin der McClouds und alle anderen, von denen sie umgeben war, hatten Merideth total verzogen, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall viel zu früh ums Leben gekommen war. Lucas war der Einzige gewesen, der hart geblieben war und sich ihren Wünschen und Launen widersetzt hatte. Vor allem hatte er sich geweigert, ihr das zu erlauben, wonach sie sich am meisten gesehnt hatte – die Double-Cross-Heart-Ranch zu verlassen.

Seufzend wandte Merideth sich vom Porträt ab und strich sich eine Locke ihres blonden Haares hinter das Ohr. „Nun, ich bin ehrlich gesagt froh, dass er nicht mehr da ist.“ Entsetzt wirbelte Mandy herum und starrte sie an. „Merideth!“

Merideth zuckte mit den Schultern und sank graziös auf das Ledersofa. Sie verzog ihren Mund zu dem berühmten Schmollen, das ihr laut „Soap Opera Digest“ den Spitznamen „die Frau, die Amerika am liebsten hasst“ eingebracht hatte.

„Na ja, ist doch wahr“, sagte sie grimmig. „Er war gemein, tyrannisch und hat uns unser Leben diktiert, bis zu dem Tag, an dem er gestorben ist.“ Sie begegnete trotzig Mandys entsetztem Blick. „Du solltest das doch wohl am besten wissen.“ Obwohl ihr das Blut in die Wangen schoss, umklammerte Mandy ihren Becher fester und schaffte es, in ruhigem Ton zu antworten. „Er war unser Vater“, entgegnete sie. „Er hat uns geliebt – auf seine Weise. Außerdem war es sein Vermögen, das uns allen ermöglichte, uns unsere Träume zu erfüllen. Wenigstens dafür solltest du dankbar sein.“

Merideth zog eine Augenbraue in die Höhe. „Unsere Träume?“, wiederholte sie und bedachte Mandy mit einem Blick, der Regisseure und Maskenbildner in Angst und Schrecken versetzte.

„Lass das, Merideth“, warnte Sam sie und wandte sich ebenfalls vom Bild ab.

„Oh, du meine Güte!“, rief Merideth verärgert. „Es ist doch wahr, und du weißt es. Du konntest endlich Tierärztin werden, etwas, was Daddy dir nie erlaubt hätte, und ich konnte mir eine Fahrkarte nach New York kaufen und besitze jetzt die Mittel, umso zu leben, wie ich es möchte und dabei das zu tun, was ich schon immer tun wollte, nämlich schauspielern. Aber was hat Mandy bekommen? Hm?“, fragte sie spitz.

„Ich habe die Ranch“, murmelte Mandy und drehte sich weg.

„Wir alle haben die Ranch bekommen“, erinnerte Merideth sie. „Aber du warst die Einzige, die hierbleiben und die Ranch bewirtschaften wollte. Was ich wissen möchte, ist, was Daddys Vermögen dir gebracht hat. Hat es dir ermöglicht, dir deinen Traum zu erfüllen?“

Mandy verspannte sich, weil Merideths Worte alte, nie verheilte Wunden berührten. „Ich habe das Geld. Ich habe nur noch nichts davon ausgegeben … bis jetzt.“

Merideth setzte sich abrupt auf. „Bis jetzt?“, wiederholte sie, bevor sie schnell den Kopf schüttelte und eine Hand hob, um Mandy von einer Antwort abzuhalten. „Nein. Bitte erzähl mir nicht, dass du irgendwelche neuen, exotischen Rinder züchten willst oder noch so eine riesige Scheune bauen willst.“

Mandy wandte sich wieder zu ihren Schwestern. „Nein, ich werde die Circle-Bar-Ranch kaufen.“

Merideth sprang auf, während Sam erschrocken die Augen aufriss. Beide waren mehr als vertraut mit der Circle-Bar-Ranch, die an ihre eigene grenzte und mit dem Streit, der seit vier Generationen zwischen den Ranches herrschte.

Sam fand als Erste die Sprache wieder. „Du willst die Circle-Bar-Ranch kaufen? Aber warum?“, stotterte sie.

„Weil ich gehört habe, dass sie vielleicht zum Verkauf steht“, entgegnete Mandy und hob trotzig ihr Kinn, in der Hoffnung, dass ihre Schwestern es dabei belassen würden. Doch sie hätte es besser wissen müssen. Vor allem Merideth ließ sich mit solch einer vagen Antwort nicht abspeisen.

„Das wäre vielleicht ein Grund, wenn du sie gebrauchen könntest – was du aber nicht tust.“ Merideth kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Was ist also der wirkliche Grund? Glaubst du, dass es Jes…“

„Nein!“ Mandy schrie fast, um Merideth davon abzuhalten, den Namen laut auszusprechen. „Ich will sie für Jaime kaufen. Er hat ein Recht auf sein väterliches Erbe.“

Sam, die ruhigste und häufig die weichherzigste der drei Schwestern, kam zu Mandy und legte ihr voller Mitgefühl einen Arm um die Schultern. „Jaime braucht die Circle-Bar-Ranch nicht“, meinte sie tröstend. „Er hat dich und die Double-Cross-Heart-Ranch. Er braucht nichts von den Barristers.“

Obwohl sie Sams Argumente verstand und dankbar für ihre Unterstützung war, befreite Mandy sich aus dem Arm ihrer Schwester und umklammerte ihren Becher noch fester. „Ich glaube trotzdem, dass dieses väterliche Erbe wichtig für ihn ist … oder es zumindest irgendwann sein wird. Ich kann ihm zwar seinen Vater nicht geben, aber so wenigstens eine Verbindung zu seiner Vergangenheit.“

Merideth hob die Arme zur Decke und ließ sie dann frustriert wieder sinken. „Es ist gut, dass Daddy nicht mehr bei uns ist, denn wenn ihm dieser Unsinn zu Ohren käme, würde er dich für den Rest deines Lebens in deinem Zimmer einsperren!“

Mandy schaute ihre Schwester gelassen an. „Aber das ist es ja. Daddy ist nicht mehr da. Er kann mich nicht mehr davon abhalten, das zu tun, was ich möchte.“ Sie stellte den Becher auf den Schreibtisch und setzte sich neben Merideth auf das Sofa. „Seit dem Tod von Wade Barrister gibt es Gerüchte, dass die Circle-Bar-Ranch verkauft werden soll. Wenn jemand sie verdient hat, dann Jaime.“

„Ob das stimmt oder nicht, ist völlig bedeutungslos“, erklärte Merideth. „Du weißt genauso gut wie ich, dass Margo Barrister die Circle-Bar-Ranch niemals an eine McCloud verkaufen würde.“

Mandy lächelte listig. „Sie wird es erst erfahren, wenn es schon zu spät ist.“

Verblüfft starrte Merideth Mandy an. „Und wie willst du die Ranch kaufen, ohne dass Margo es erfährt? Schließlich ist sie Wades Witwe.“

„Ich habe mir das genau überlegt. Morgen werde ich mit meinem Anwalt darüber sprechen. Er soll eine Pseudofirma gründen, die nicht mit mir in Verbindung gebracht werden kann. Diese Firma wird den Besitz kaufen, und dann, wenn Jaime erwachsen ist, werde ich ihm die Ranch überschreiben. Auf diese Weise bekommt er sein väterliches Erbe. Etwas, was ihm niemand nehmen kann.“

Merideth, die stolz darauf war, jede Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen, klatschte Mandy Beifall für ihre List und rieb sich voller Schadenfreude die Hände. „Margo wird rasen vor Wut!“

Mandy lachte. „Ja, das wird sie, nicht wahr?“

Merideth lehnte sich schallend lachend zurück und meinte: „Ich hoffe, ich bin dabei, wenn sie es erfährt. Diese eingebildete Ziege. Es geschieht ihr nur recht.“

Sam reagierte nicht so euphorisch auf Mandys Neuigkeiten. Sie setzte sich ebenfalls auf das Sofa und schaute sie besorgt an. „Bist du sicher, dass du weißt, was du tust? Manchmal ist es besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Du könntest dir viel Ärger einhandeln, wenn du das durchziehst. Margo wird die Sache nicht auf sich beruhen lassen.“ Mandy griff nach Sams Hand und drückte sie. „Aber wenn sie es erfährt, wird es zu spät sein, um etwas daran zu ändern.“

Merideth setzte sich auf und legte die Hand auf die ihrer Schwestern. „Ich stehe auf jeden Fall hinter dir. Auch wenn ich die Gründe, warum du die Circle-Bar-Ranch kaufen willst, nicht ganz einsehe, denke ich, dass du das Recht hast, mit dem Geld, das Daddy dir hinterlassen hat, das zu tun, was du möchtest. Es kommt mir fast wie ausgleichende Gerechtigkeit vor, findest du nicht auch?“ Sie warf einen Blick auf das Porträt ihres Vaters und lächelte. „Wahrscheinlich dreht er sich gerade im Grabe um.“

Mandy kam aus dem Büro ihres Anwalts. Tief durchatmend blieb sie vor der Tür stehen. Sie hatte es getan. Sie hatte die Sache ins Rollen gebracht. Alle notwendigen Papiere waren unterzeichnet, um die Pseudofirma zu gründen, und sie hatte ihrem Anwalt Generalvollmacht erteilt. Jetzt konnte sie nur noch warten.

Sie biss sich auf die Unterlippe, als ihr die ganze Tragweite ihrer Tat bewusst wurde. Hatte sie wirklich das Richtige getan? Oder handelte sie sich nur viel Ärger ein, so wie Sam es vorausgesagt hatte? Sie unterdrückte den Gedanken und machte einen Schritt in Richtung Fahrstuhl.

Nein, sagte sie sich entschlossen. Jaime verdient die Circle-Bar-Ranch. Ihm war in seinem kurzen Leben schon genug entgangen. Er hatte ein Anrecht auf sein väterliches Erbe, das ihm als uneheliches Kind sonst versagt bleiben würde.

Gedankenversunken schaute Mandy auf, als die Fahrstuhltüren sich öffneten. Sie erstarrte, als sie einen Mann heraustreten sah. Er wandte sich nach links, ohne in ihre Richtung zu schauen – sie stand gut zehn Meter vom Fahrstuhl entfernt –, doch sie erhaschte einen Blick auf sein Gesicht, auf das markante Profil, das von einem schwarzen Stetson beschattet wurde, und auf das kräftige Kinn. Außerdem erkannte sie diesen zielgerichteten Gang, der jeden abschreckte, der die Absicht hatte, diesem Mann entgegenzutreten.

Jesse Barrister!

Oh, nein! Mandy stöhnte leise auf und ballte die Hände zu Fäusten. Was tat er hier? Und warum war er gerade jetzt hier?

Er verlangsamte seinen Schritt und seine Schultern drehten sich leicht, so als wollte er kehrtmachen. Mandy schnappte nach Luft und versteckte sich hastig in einem Gang. Gegen die Wand gedrückt und mit angehaltenem Atem horchte sie. Doch ihr Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren und übertönte alle anderen Geräusche. Sie schloss die Augen und hoffte inständig, dass Jesse in die andere Richtung weiterging und sie ungesehen blieb.

Die schweißnassen Hände an die kalte Wand gepresst, stand sie da und wartete. Die Minuten vergingen; Mandy hatte das Gefühl, auf einem Pulverfass zu stehen. Doch sie konnte nicht für immer hier stehen bleiben, also warf sie ängstlich einen Blick den Flur entlang.

Er war leer.

Erleichtert sackte sie wieder gegen die Wand. Dann riss sie sich mit aller Kraft zusammen, huschte um die Ecke, eilte fort von den Fahrstühlen und zur Treppe am Ende des Ganges.

Zehn Stockwerke hinunterzulaufen war harmlos im Vergleich zu ihrer Angst vor Entdeckung.

„Bist du sicher, dass er es war?“

Mandy wirbelte herum und stützte sich mit den Händen auf dem Schreibtisch ab. Ihre grünen Augen funkelten, als sie Merideths zweifelnden Blick sah. „Ja, ich bin sicher! Er stand keine zehn Meter von mir entfernt.“

Sam kam um den Schreibtisch herum und legte einen Arm um Mandys Schultern. „Es ist bestimmt nur ein Zufall, dass er zurückgekommen ist“, murmelte sie beruhigend. „Vielleicht hat es gar nichts mit Jaime zu tun.“

„Es ist mir egal, warum er zurück ist“, flüsterte Mandy zitternd und unverändert aufgeregt. „Ich muss meinen Sohn beschützen.“

Sam und Merideth blickten sich an. Merideth kam heran und schob ihren Arm unter Mandys Ellenbogen. Trotz ihres Egoismus war Merideth eine McCloud, und zusammen würden sie und Sam, so wie in der Vergangenheit auch, ihrer Schwester zur Seite stehen.

„Er kann Jaime nichts tun, Mandy“, versicherte Merideth mit einer Zuversicht, die Mandy nicht teilen konnte. „Wir werden es nicht zulassen. Außerdem weiß Jesse doch nicht einmal, dass er einen Sohn hat.“

Mandy schaute Merideth mit Tränen in den Augen an. „Aber was ist, wenn er es herausfindet? Was ist, wenn er versucht, mir Jaime wegzunehmen?“

Merideth unterdrückte ein Schaudern und verbot sich, der Angst nachzugeben, die Mandys Fragen in ihr hervorriefen. Von ihrem Vater hatte sie gelernt, dass es ein Zeichen von Schwäche war, wenn man Angst zeigte – und sie, Merideth McCloud, hatte ihre Lektion gut gelernt. Sie legte immer eine unbezwingbare Selbstsicherheit an den Tag, die ihr geholfen hatte, sich gegen andere ehrgeizige Schauspieler durchzusetzen und eine der Hauptrollen in einer Seifenoper zu bekommen.

Mandy hatte die gleiche Lektion gelernt, doch im Moment war sie zu durcheinander, um daran zu denken. Merideth wusste, dass es an ihr war, sie wieder daran zu erinnern. „Also, was willst du tun?“, fragte sie scharf. Sie wusste, dass sie hart klang, aber ihrer Meinung nach erforderte die Situation es. „Willst du ihm Jaime aushändigen, ohne um ihn zu kämpfen?“

Mandy wirbelte entsetzt herum. „Natürlich nicht!“

„Dann hör auf, darüber nachzudenken, was passieren könnte, und konzentrier dich auf die Tatsachen. Jaime ist dein Sohn. Du hast ihn geboren, du hast ihn allein aufgezogen – ohne die Hilfe von Jesse oder sonst jemandem.“

„Aber wenn er vor Gericht geht? Was ist, wenn er das Sorgerecht einklagt?“

„Und welcher Richter würde ihm das Sorgerecht zusprechen?“ Merideth nahm Mandys Hände und drückte sie. „Es ist dein Sohn, Mandy. Jesse hat nichts weiter als seinen Samen gegeben.“

Mandy klammerte sich an den Rettungsring, den Merideth ihr bot. „Ich weiß das. Aber wenn er das mit Jaime herausfindet?“

„Komm mit mir nach New York. Du kannst mit Jaime bei mir bleiben, bis sich der Wirbel gelegt hat und wir wissen, was Jesse vorhat.“

Langsam straffte Mandy die Schultern und entzog Merideth ihre Hände. „Nein. Dann würde ich ja davonlaufen. Und eine McCloud läuft niemals davon!“

Merideth warf den Kopf zurück und lachte. „So ist es richtig! Ich wusste doch, dass du Mumm in den Knochen hast.“

Mandy runzelte die Stirn und betrachtete ihre Schwester misstrauisch. Zu spät erkannte sie, dass Merideth ihr etwas vorgespielt hatte, um sie zur Vernunft zu bringen. „Du bist ein schreckliches Gör, das weißt du, oder?“, grollte Mandy. „Das warst du schon immer.“

Merideth lächelte selbstzufrieden. „Das sagt man mir öfter“, meinte sie stolz. Sie ging zu dem Ledersofa und ließ sich darauffallen. „Keine Angst, ich bleibe noch ein bisschen hier, falls du jemanden brauchst, der dich daran erinnert, dass du eine McCloud bist.“

Mandy zog die Augenbrauen in die Höhe. „Das geht doch nicht. Du musst nach New York zu deinem Job!“

Merideth zuckte lässig mit den Schultern. „Der ist auch noch da, wenn ich zurückkomme“, erwiderte sie, voller Vertrauen in ihre Wichtigkeit für die Serie, in der sie mitwirkte.

„Du brauchst nicht zu bleiben“, warf Sam ein. „Ich bin ja hier, falls Mandy Hilfe braucht.“

Merideth wandte sich zu Sam. Langsam verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln. „Ich hatte vergessen, dass die frischgebackene und begabte Tierärztin Dr. Samantha McCloud ja ihre Praxis hier auf der Ranch einrichtet. Na, dann werden meine Dienste ja nicht mehr benötigt.“ Sie drehte sich zu Mandy um. „Du wirst bei Sam in guten Händen sein, und ich bin schließlich nur einen Telefonanruf weit weg.“ Gemächlich stand sie auf, hob die Arme über den Kopf und streckte sich mit katzengleicher Anmut, bevor sie ihre beiden Schwestern in die Arme schloss. Dann trat sie einen Schritt zurück und streckte die Hand aus, mit dem Handteller nach oben.

„Einer für alle, und alle für einen!“, rief sie. „Die drei Musketiere!“

Lachend schlugen Sam und Mandy ein. „Für immer!“, antworteten sie.

Jesse bog vom Highway ab und fuhr durch das Eisentor, das den Eingang zur Circle-Bar-Ranch markierte, zum „großen Haus“. So wurde das Heim der Barristers von denen genannt, die auf der Circle-Bar-Ranch lebten und arbeiteten.

Obwohl er geglaubt hatte, gegen die Erinnerungen an die Vergangenheit gefeit zu sein, merkte Jesse, dass sich sein Magen verkrampfte und ihm der Schweiß ausbrach. Fluchend wischte er sich über das Gesicht und starrte durch die Windschutzscheibe auf die Straße vor ihm. Er nahm den Fuß vom Gas und trat auf die Bremse, um den Wagen auf dem Hügel zum Stehen zu bringen.

Von der strahlenden Sommersonne beschienen, wirkte das zweistöckige Herrenhaus genauso deplatziert, wie Jesse sich immer gefühlt hatte, während er auf der Circle-Bar-Ranch gelebt hatte. Dich statt sorgfältig gepflegter Rasenflächen mit Sümpfen und Magnolien und riesigen Eichen voller Moos, die man bei solch einem Haus erwarten würde, umgaben Wiesen mit grasenden Kühen, steinige Hügel und Zedern und Kakteen das Anwesen.

Margo Barrister hatte Wade, ihren Mann, nach ihrer Hochzeit vor mehr als vierzig Jahren zwar nicht davon überzeugen können, nach Atlanta zu ziehen, aber sie hatte ihn schließlich dazu gebracht, das ursprüngliche Haus der Barristers niederzureißen und es mit diesem Monstrum zu ersetzen – ein unübersehbares Zeugnis von Margos Wurzeln im vornehmen Süden.

Bei dem Gedanken an Margo umwölkte sich Jesses Stirn. Mrs Barrister. Sie hatte darauf bestanden, dass er sie so nannte. Nicht Mutter – nie im Leben hätte sie zugegeben, dass er Wades Sohn war. Margo hatte nichts anderes als unpersönliche Förmlichkeit von ihm verlangt.

Hass stieg in ihm auf, als er sich daran erinnerte. Er hatte sie niemals Mrs Barrister genannt. Er hatte sich überhaupt nie an sie gewandt. Das war nicht schwierig gewesen, da sie ihm den Zutritt zu ihrem Haus bei seiner Ankunft auf der Ranch verboten hatte.

Seine Miene wurde noch grimmiger, als Jesse an den Tag damals dachte. Margo hatte geflucht und getobt, als Wade seinen vierzehnjährigen, unehelichen Sohn mitgebracht hatte. Sie hatte ihm nicht erlaubt, ihre Türschwelle zu übertreten, sondern verlangt, dass Wade ihn in die Unterkunft brachte, in der die Rancharbeiter wohnten. Und genau dort hatte er bis zu dem Tag vor fast dreizehn Jahren gelebt, als er die Circle-Bar-Ranch und Texas so überstürzt verlassen hatte.

Ja, damals war es einfach gewesen, Margo aus dem Weg zu gehen.

Aber die Konfrontation, die ihn jetzt unten im Tal erwartete, die konnte er nicht vermeiden.

Jesse schüttelte die unangenehmen Erinnerungen ab, legte den Gang ein und machte sich auf den Weg hinab zum „großen Haus“.

Durch das Fenster ihres Wohnzimmers erhaschte Margo einen Blick auf eine Staubwolke, die über den Hügel wirbelte. Zusammenzuckend stellte sie langsam die Vase auf den Tisch und ging ans Fenster, um zum Hügel zu sehen.

„Verflixt!“, fluchte sie leise. Obwohl sie den schwarzen Transporter, der die Staubwolke verursachte, nicht kannte, ahnte sie, wer darin saß. Jesse. Er war gekommen, um sein Erbe anzutreten.

Ihre Lippen zitterten vor unterdrückter Wut. Er war hier, um die Circle-Bar-Ranch zu übernehmen. Wade hatte ihr zwar das Haus hinterlassen, aber nicht das Land, auf dem es stand. Das hatte er dem Sohn seiner mexikanischen Hure vererbt! Dass Wade es gewagt hatte, sie in aller Öffentlichkeit so zu beleidigen, indem er sein uneheliches Kind anerkannte und ihr das Land, die Dynastie wegnahm, die ihr alle Türen der guten Gesellschaft von Austin öffnete, war ungeheuerlich.

Margo legte eine Hand auf ihr Herz und zwang sich, tief Luft zu holen. Jesse brauchte ihren Widerwillen, ihre Wut … ihre Verzweiflung nicht zu sehen. Sie brauchte ihn, ob sie es zugeben wollte oder nicht. Sie kannte seine Pläne nicht. Noch nicht. Er hatte sich nicht mit ihr in Verbindung gesetzt, seit Wades Anwalt ihn über Wades Tod und das Erbe unterrichtet hatte.

Würde er die Ranch verkaufen? Oder würde er wieder hierher ziehen und sie selbst bewirtschaften, so wie Wade es gehofft hatte? Ihr Magen verkrampfte sich. Allein die Vorstellung, zusehen zu müssen, wie dieser elende Bastard auf ihrem Land herumging, war einfach zu entsetzlich, um darüber nachzudenken. Sie hoffte, dass er plante zu verkaufen. Wenn dem so war, dann würde sie das Land kaufen und die Barrister-Dynastie würde so wie in der Vergangenheit fortbestehen, nur dass dann sie, Margo, an der Spitze stehen würde.

Aber würde er an sie verkaufen? Sie ballte die Hände zu Fäusten, sodass die manikürten Fingernägel sich in das Fleisch der Handflächen gruben, während sie zusah, wie der Wagen vor dem Haus zum Stehen kam.

Augenblicklich zwang sie sich, die Finger wieder zu entspannen. Sie war Jesse Barrister gewachsen. Hatte sie es nicht auch geschafft, Wade jahrelang zu manipulieren?

Als Jesse aus dem Auto stieg, war sie erneut verblüfft über die Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem verstorbenen Mann. Das hat Wade mit Absicht gemacht, dachte Margo bitter. Er hatte sein Land diesem unehelichen Sohn vermacht, um sie ein letztes Mal dafür zu bestrafen, dass sie ihm keinen Erben geschenkt hatte.

Die Türglocke erklang. Margo holte tief Luft, richtete sich auf und strich über ihren Leinenrock, um sich für die bevorstehende Auseinandersetzung zu wappnen. Leise ging sie über den dicken Teppich zur Haustür, zwang sich zu einem Lächeln und öffnete.

„Jesse!“, rief sie aus, als wäre sie erstaunt über seine Ankunft. „Was für eine nette Überraschung! Bitte komm herein“, meinte sie höflich und schwang die Tür weit auf.

Jesse Barrister war kein Dummkopf. Er erkannte einen Wolf im Schafspelz. Seine Miene verzog sich nicht, als er Margo anschaute. „Ich kann die Sache genauso gut hier erledigen“, sagte er knapp.

„Die Sache?“, wiederholte sie, während sie einen Schritt zurücktrat. „Was für eine Sache?“

„Mein Erbe, um genau zu sein.“ Jesse starrte Margo an, die sich krampfhaft bemühte, ihr falsches Lächeln aufrechtzuerhalten.

„Dann hast du also mit Wades Anwalt gesprochen?“

„Ich komme gerade aus seinem Büro. Er hat mir das Testament des alten Herrn gezeigt.“ Selbst jetzt brachte Jesse es nicht über sich, den Namen seines Vaters auszusprechen.

„Ich weiß, dass es schwer für dich ist“, murmelte Margo, „nach all den Jahren zurückzukehren. Ich weiß, wie unglücklich du hier warst. Wenn du willst, kann ich dir das Land abkaufen und dich damit von aller Verantwortung und allen Verpflichtungen befreien, die Wade dir aufgebürdet hat. Auf diese Weise kannst du unbelastet mit deinem Leben fortfahren.“

Jesse betrachtete sie misstrauisch. Er wusste zwar nicht, was Margo vorhatte, aber es war gewiss nichts Gutes. Dafür kannte er sie zu genau. Obwohl er nach dem Anwaltsbesuch vorgehabt hatte, das Land zu verkaufen, zögerte er jetzt.

„Ich weiß nicht“, erwiderte er langsam. Er drehte sich herum und schaute auf das weite Land, das grasende Vieh, die fernen Hügel, die Pferdekoppeln, auf denen er mit den anderen Cowboys hart gearbeitet hatte.

Er hatte jede Minute gehasst, die er hier auf dieser Ranch verbracht hatte, und war nur widerstrebend hergekommen. Er hatte Margo von seinen Plänen unterrichten und dann aus der Stadt verschwinden wollen, um die Vergangenheit und all die unangenehmen Erinnerungen wieder hinter sich lassen zu können.

Aber nun war er sich nicht mehr so sicher.

Langsam wandte er sich wieder zu Margo um. „Ich werde eine Zeit lang hierbleiben. Bis ich entschieden habe, was ich mit der Ranch tun werde.“

Margo hob einladend die Hand. „Dann musst du hier wohnen. Ich werde Maria sagen, sie soll ein Zimmer für dich fertig machen.“

„Das ist nicht nötig. Die Unterkunft der Arbeiter reicht mir völlig.“

„Unsinn“, versicherte Margo hastig. „Hier im Haus hast du es doch viel angenehmer. Außerdem bin ich sicher, dass Wade es so gewollt hätte.“

„Wirklich?“ Jesse verzog verächtlich den Mund. „Irgendwie bezweifle ich das.“

Margo suchte krampfhaft nach einer Antwort. „Nun … wenn du meinst …“ Sie hob die Hand, um ihm den Weg zu weisen. „Das Haus der Rancharbeiter ist …“

Jesse wandte ihr den Rücken zu und unterbrach sie. „Ich kenne den Weg.“

Margo ging zum Fenster und beobachtete mit zusammengekniffenen Lippen, wie Jesse zurück zu seinem Transporter ging. Groß, breitschultrig und mit aufreizend stolzem Gang. Sie erschauderte bei dem Anblick. Abgesehen von der etwas dunkleren Hautfarbe und dem leicht spanischen Akzent hätte er als Wade Barrister in jungen Jahren durchgehen können. Und das allein reichte, um Margo wütend zu machen.

Sie hatte Wade Barrister vor vierzig Jahren geheiratet. Geblendet von seinem guten Aussehen und seinem Reichtum, hatte sie geglaubt, ihn zu lieben. Doch die Ernüchterung war schnell gekommen. Wade war von seiner eigenen Wichtigkeit besessen gewesen und davon, einen Erben zu produzieren, um den Namen Barrister fortzuführen. Als zehn Jahre vergangen waren und es offensichtlich wurde, dass sie unfruchtbar war, hatte er nie wieder mit ihr geschlafen.

Margo war sich sicher, dass Wade schon vor Jahren die Scheidung eingereicht hätte, um mit einer anderen Frau den gewünschten Sohn zu zeugen, wenn er nicht so geizig gewesen wäre. Die Gesetze in Texas verlangten, dass bei einer Scheidung der Besitz gerecht zwischen den Eheleuten geteilt wurde, und Wade hätte niemals wissentlich jemandem etwas gegeben, was er als seins betrachtete. Schon gar nicht die Circle-Bar-Ranch.

Also hatte er sein Vergnügen bei anderen Frauen gesucht, die sie insgeheim alle als seine Huren bezeichnete.

Und es war eine spezielle mexikanische Hure, die ihm schließlich den lang ersehnten Erben geboren hatte.

Bei dem Gedanken an Jesse verzog Margo erneut das Gesicht.

Ihr erstes Treffen war nicht so verlaufen, wie sie es geplant hatte. Sie hatte gehofft, dass Jesse genauso begierig darauf sein würde, die Ranch zu verkaufen, wie sie darauf erpicht war, sie zu kaufen. Sein Zögern bereitete ihr Angst.

Margo ließ die Gardine fallen und wandte sich von Jesses Anblick ab. Nun, versicherte sie sich, ich habe vielleicht eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg.

Jesse stand im Zentrum des kleinen Tals, die Hände in die Hüften gestemmt und kämpfte mit den Erinnerungen, die ihn überfielen. Dunkelheit umgab ihn und schien ihn zu verhöhnen mit Schatten aus der Vergangenheit, die er geglaubt hatte, schon vor Jahren begraben zu haben. Er holte tief Luft, um die unangenehmen Bilder zu verscheuchen, und genoss die Düfte der Nacht. Den süßen Geruch von frisch geschnittenem Heu, den würzigen Duft des Geißblatts und den modrigen Geruch von feuchtem Laub.

Seufzend hob er das Gesicht zum Himmel und schloss die Augen. Doch obwohl er dagegen ankämpfte, waren die Bilder aus der Vergangenheit plötzlich allgegenwärtig …

Eine auf dem Boden ausgebreitete Decke. Mandy, die unter ihm lag, ihr Körper heiß und feucht an seinen gedrückt. Mit einem Ausdruck voller Leidenschaft in den Augen schaute sie zu ihm auf, während ein kleines Lächeln auf ihrem üppigen und sinnlichen Mund erschien … Fast konnte er ihre Hände auf seinem Rücken spüren, als wäre es jetzt, dass sie seine glühende Haut liebevoll streichelte.

Wütend presste er die geballten Fäuste auf seine Augen, doch anstatt dass die Bilder verschwanden, tauchte eine neue Erinnerung auf …

Lucas McCloud, der mit einem Gewehr auf ihn zielte. Der Geruch von Schießpulver, der durch die Nachtluft drang. Sein Körper, der zuckte, von der Wucht der Explosion, die ihn erschütterte … Jesse hob die Hand zu der Schulter, wo die Kugel ihn vor so vielen Jahren getroffen hatte, und der heftige Schmerz, der ihn zu Boden geworfen hatte, war wieder gegenwärtig.

Aber dieser Schmerz war harmlos, verglichen mit dem Schmerz, der durch sein Herz fuhr, als er an die Worte dachte, die Mandy damals gesagt hatte, nachdem ihr Vater ihn niedergeschossen hatte.

Nein, Jesse, ich kann nicht mit dir kommen …

Jesse hob die Fäuste zum Himmel und schüttelte sie. „Fahr zur Hölle, Mandy!“, brüllte er. „Wie konntest du deinen Vater mir vorziehen!“

2. KAPITEL

Jesse brachte sein Pferd neben Petes zum Halten und holte eine Schachtel Zigaretten aus seiner Hemdtasche. Er schüttelte eine heraus und bot sie Pete, dem Vorarbeiter der Circle-Bar-Ranch, an.

Pete betrachtete ihn skeptisch. „Ich drehe sie mir lieber selbst“, brummte er, nahm sich dann aber doch eine. Allerdings kniff er den Filter ab, bevor er sich die Zigarette zwischen die Lippen steckte.

Jesse unterdrückte ein Lächeln, während er in seiner Jeans nach dem Feuerzeug suchte. Er hatte Pete Dugan schon immer gemocht. In gewisser Weise war Pete eher ein Vater für ihn, als Wade Barrister es je gewesen war. Es war Pete, der ihn aufgelesen hatte, nachdem er bei seinem ersten Versuch, ein Wildpferd zuzureiten, abgeworfen worden war. Es war Pete, der seinen Kopf in eine Pferdetränke gesteckt hatte, als er als Teenager zum ersten Mal betrunken nach Hause gekommen war. Und Pete war es auch, der ihn in jener Nacht im Stall gefunden hatte, als Lucas McCloud ihm eine Kugel durch die Schulter geschossen hatte.

Obwohl Pete fluchend versucht hatte, ihn davon zu überzeugen, einen Arzt aufzusuchen, hatte er die Wunde gesäubert und so gut er konnte verbunden, bevor er, Jesse, noch in der Dunkelheit davongefahren war.

Jesse verscheuchte die ungewollten Erinnerungen und zündete seine Zigarette an, bevor er das Feuerzeug an Pete weitergab.

„Sieht so aus, als hättet ihr ein paar gute Kälber dieses Jahr“, meinte Jesse und deutete zu den Tieren, die auf der Weide unter ihnen grasten.

„Kann mich nicht beschweren.“

Jesse nickte, als er den Stolz aus dieser schlichten Antwort heraushörte. „Wer hat denn jetzt hier das Sagen, seit der alte Herr nicht mehr da ist?“

Pete schnaubte. „Was glaubst du wohl?“

„Und du gehorchst?“, wollte Jesse erstaunt wissen.

„Ich hör zu, sag brav Ja und Amen und mach dann, was ich will.“

Jesse lachte und beugte sich hinüber, um Pete auf den Rücken zu klopfen. „Deine Art hat mir schon immer gefallen.“

„Hab mir noch nie was von einem Frauenzimmer sagen lassen. Schon gar nicht von einer, die einen Bullen nicht von einem Ochsen unterscheiden kann.“ Pete drehte den Kopf, um Jesse anschauen zu können. „Willst du hier jetzt die Zügel übernehmen?“

Jesse zuckte mit den Schultern und drückte die heruntergebrannte Zigarette zwischen zwei Fingern aus, bevor er sie auf den Boden warf. „Vermutlich. Jedenfalls so lange, bis ich entschieden habe, was ich mit der Ranch machen werde.“

„Soll das heißen, du hast vor, sie zu verkaufen?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Jesse unbestimmt. „Ich habe jetzt meine eigene Ranch in Oklahoma. Es wäre ein bisschen schwierig, beide zu bewirtschaften.“

Pete schüttelte den Kopf und schaute wieder auf die Weide. „Kann mir gar nicht vorstellen, dass die Circle-Bar-Ranch jemand anderem als einem Barrister gehört. Sie besitzen dieses Land, solange ich denken kann.“

Sie schwiegen einen Moment. Dann erzählte Jesse: „Die alte Dame hat angeboten, mir das Land abzukaufen.“ Obwohl Pete den Blick nicht von dem grasenden Vieh wandte, bemerkte Jesse, dass er sich anspannte, als Pete von Margos Angebot hörte. „Sie sagt, sie wolle mich von aller Verantwortung und allen Verpflichtungen, die Wade mir aufgebürdet habe, befreien. Sehr großzügig von ihr, findest du nicht?“ Pete antwortete nicht, sondern starrte weiterhin mit grimmigem Gesicht geradeaus.

„Hältst du sie nicht für großzügig?“, hakte Jesse nach. Langsam drehte Pete sich zu ihm herum. „Margo Barrister hat in ihrem ganzen Leben noch niemandem außer sich selbst etwas Gutes getan, was soll also deine dumme Frage?“ Jesse schmunzelte und schnalzte dann kurz, bevor er sein Pferd den schmalen Pfad entlangtrieb, der hinunter zur Weide führte. „Ich wollte nur sichergehen, dass sie über die Jahre nicht weich geworden ist“, rief er über die Schulter zurück.

„Margo Barrister?“, knurrte Pete verächtlich und folgte Jesse. „Eher friert die Hölle zu, als dass diese Frau auch nur ein bisschen weich wird.“

Pete und Jesse waren auf dem Weg zurück, als Pete plötzlich sein Pferd zügelte und eine Hand hob, um auch Jesse zum Anhalten zu bewegen.

„Schau mal dort drüben“, murmelte Pete und nickte zu dem See, der sich Richtung Westen erstreckte.

Jesse konnte nichts Besonderes erkennen. „Was denn?“

„Am Ufer, unter der Trauerweide.“

In dem Moment sah Jesse etwas Rotes durch die Luft fliegen und mit einem leisen Platsch ins Wasser fallen. „Glaubst du, da hat sich ein Unbefugter auf unser Land geschlichen?“, fragte er.

„Scheint so.“

„Dann wollen wir ihn mal daran erinnern, dass er auf Privatbesitz herumstreunt.“

„Diese verdammten Jungs“, fluchte Pete verärgert und ritt weiter. „Ich hab ihnen schon hundertmal gesagt, sie sollen von unserem Land wegbleiben. Und dabei hab ich das Loch im Zaun erst letzte Woche eigenhändig geflickt.“

Schmunzelnd folgte Jesse ihm und hatte bereits Mitleid mit dem armen Kerl, der an Petes bevorzugter Stelle angelte. Wenn Pete ihn durch die Mangel gedreht hatte, würde er nichts mehr zu lachen haben.

„Hey! Du da!“, rief Pete und hielt sein Pferd kurz vor der Trauerweide an.

Ein Junge, Jesse schätzte ihn auf ungefähr zwölf, wirbelte überrascht herum. Sofort fing er an, seine Angelsachen zusammenzusuchen, um sich davonzumachen. Aber noch ehe der Junge drei Schritte machen konnte, war Jesse aus dem Sattel geglitten und hatte ihn am Kragen gepackt.

„Halt, stopp“, warnte er den Jungen, als der sich zu winden begann, um sich loszumachen. Als seine Warnung nicht beachtet wurde, packte er den Jungen um die Taille und zog ihn kräftig an sich. „Verdammt, ich sagte Halt!“

Der Junge hörte auf zu zappeln, doch Jesse spürte die Spannung in seinem Körper. Er wollte ihm nicht noch mehr Angst einjagen, als sie es ohnehin schon getan hatten, also sagte er ruhig: „Pass auf, ich werde dir nicht wehtun. Ich will nur mit dir reden, okay?“ Als der Junge langsam nickte, lockerte er seinen Griff und drehte den Jungen herum, sodass er ihm ins Gesicht schauen konnte.

Der Junge hob trotzig den Kopf und hielt seinem Blick stand. Jesse konnte nicht umhin, seinen Mumm zu bewundern. Der Junge erinnerte ihn ein wenig an ihn selbst im gleichen Alter. Und er wusste, dass er dem Jungen einen gehörigen Schrecken einjagen musste, damit der nicht glaubte, die Circle-Bar-Ranch würde jedem einfach so offen stehen.

„Weißt du, dass du dich auf Privatbesitz befindest?“, fragte Jesse streng.

„Ich hab nichts Falsches getan“, erwiderte der Junge störrisch. „Ich hab nur ein bisschen geangelt und sogar alles wieder reingeworfen, wenn ich etwas gefangen hatte.“

„Darum geht es nicht. Du bist unbefugt auf das Land der Barristers eingedrungen, und hier sind ungebetene Gäste nicht willkommen.“

Der Junge streckte herausfordernd sein Kinn vor, sodass die kleine Kerbe darin deutlicher sichtbar wurde. „Die Barristers machen mir keine Angst“, meinte er verächtlich.

Jesse musste sich sehr beherrschen, um nicht laut zu lachen. „Tun sie nicht? So, so.“

„Nein. Außerdem gibt es keine Barristers mehr, außer Mrs Barrister, und die ist nichts weiter als eine alte Zieg…“ Er verschluckte den Rest des Wortes, und Jesse überlegte, ob der Junge das aus Angst davor getan hatte, dass seine Mutter Wind von seinem … Abstecher bekam. „Nichts weiter als eine alte Frau“, sagte er stattdessen.

Jesse unterdrückte ein Grinsen. „Ist sie das?“

„Ja, Sir, das ist eine Tatsache.“

„Nun gut, aber was ist, wenn ich dir sage, dass ich ein Barrister bin?“

Der Junge riss erstaunt die Augen auf, bevor er sie misstrauisch zusammenkniff. „Es gibt keine Barristers mehr. Wade war der letzte, und der ist vor mehr als einem Monat gestorben.“

„Das stimmt schon … jedenfalls dass Wade tot ist.“ Jesse musterte den Jungen einen Moment lang. „Wenn ich dich loslasse, versprichst du dann, nicht wegzulaufen?“

Der Junge nickte, während er anscheinend noch immer überlegte, ob sein Gegenüber wohl wirklich ein Barrister war. Er ließ ihn los, und als der Junge nicht ausriss, seufzte er erleichtert auf.

„Ich bin Jesse Barrister, und wer bist du?“

„Jaime. Jaime McCloud“, fügte der Junge hinzu und richtete sich stolz auf.

Jesse schnappte nach Luft. Ein McCloud? War er Sams oder Merideths Sohn? War er womöglich … Er schaute den Jungen noch einmal genauer an … die kleine Kerbe im Kinn, der dunkle Hautton, die Haartolle über der Stirn. Nein, sagte er sich. Das kann nicht sein. Die Augenfarbe ist falsch … Nein, sie ist genau richtig, stellte er fest, während ihm fast das Herz stehen blieb.

Die Augen des Jungen funkelten in dem gleichen einzigartigen Grün wie Mandys.

Jesse hob abrupt den Kopf, um Pete anzuschauen, der noch immer im Sattel saß. Aber Petes Gesichtsausdruck war unergründlich. Der alte Vorarbeiter sah nicht danach aus, als würde er ihm seine stumme Frage beantworten.

„Was werden Sie mit mir machen?“, fragte Jaime und brachte damit Jesse dazu, ihm wieder ins Gesicht zu blicken.

Jesse kam sich vor, als ob er in einen Spiegel schauen würde – oder besser gesagt, auf ein Foto von sich im gleichen Alter.

„Ich …“ Jesse musste sich räuspern, bevor er antworten konnte. „Ich werde dich nach Hause zu deinen Eltern bringen.“

Der Junge ließ die Schultern hängen.

„Stellt das ein Problem dar?“

„Nein, Sir. Nur dass ich diesmal wohl eine Tracht Prügel bekommen werde“, murmelte der Junge.

„Und wer wird dich schlagen?“, wollte Jesse wissen. Sollte Lucas McCloud Hand an den Jungen legen, würde er ihn persönlich dafür büßen lassen.

„Meine Mom. Sie wird mir bestimmt das Fell über die Ohren ziehen.“

„Macht sie das häufiger?“

„Nein, Sir. Aber ich bin ja auch noch nie auf dem Land der Barristers geschnappt worden.“

Jesse runzelte die Stirn. Anscheinend hatten sich einige Dinge im Lauf der Jahre nicht im Geringsten geändert. Der Streit zwischen den Barristers und den McClouds dauerte unvermindert an.

Mandy warf die letzte Gabel Heu in die Krippe und schloss dann die Gattertür hinter sich. Wütend ging sie hinaus aus dem Stall. Sobald sie ihn gefunden hatte, würde sie ein ernstes Wörtchen mit ihrem Sohn reden. Das war schon das dritte Mal in dieser Woche, dass er seinen Pflichten nicht nachgekommen war.

Sie beschattete ihre Augen gegen das gleißende Sonnenlicht und blickte sich um, in der Hoffnung ein Zeichen von Jaime zu entdecken. Leider sah sie nur Gabe, ihren Vorarbeiter, der gerade von der Pferdekoppel kam.

„Hey, Gabe!“, rief sie und ging zu ihm. „Hast du Jaime gesehen?“

„Nein, Ma’am. Jedenfalls nicht kürzlich“, fügte er vage hinzu.

Mandy verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihn grimmig an. Sie war es gewohnt, dass er und die anderen Cowboys, die auf der Double-Cross-Heart-Ranch arbeiteten, die Eskapaden ihres Sohnes zu vertuschen suchten. „Okay, wann hast du ihn zuletzt gesehen?“

Gabe nahm seinen abgewetzten Cowboyhut ab und kratzte sich am Kopf. „Na ja, ich glaube, das war heute Morgen“, erwiderte er.

„Und wo war er?“

„Im Stall. Hat sich ein Pferd gesattelt.“

„Und wohin wollte er?“

Gabe kratzte sich noch einmal. „Weiß nicht genau, aber er hatte eine Angel dabei.“

Mandy ließ die Arme sinken und verdrehte die Augen. „Ich schwöre, ich werde diesen Jungen noch ans Haus fesseln, wenn er nicht aufhört, sich einfach so davonzumachen, ohne erst seine Pflichten zu erledigen.“

„Aber, Miss Mandy“, begann Gabe.

„Hör auf“, schimpfte sie. „Du weißt genauso gut wie ich, dass die Pflichten Vorrang haben, und es wird höchste Zeit, dass Jaime sich verantwortungsbewusster verhält. Er ist schließlich schon zwölf, und ihr müsst aufhören, ihn zu decken.“

„Der Junge ist nur abenteuerlustig. Er hat ein Recht darauf, ab und zu ein wenig umherzuschweifen. Er ist ein guter Junge.“

Wenn die Nichterfüllung seiner Pflichten der einzige Grund für ihren Ärger gewesen wäre, hätte Mandy Gabe wahrscheinlich zugestimmt, denn Jaime war wirklich ein ordentlicher Junge. Aber ihrem Ärger