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Die Magie deiner Küsse

Robyn Grady

Die Magie deiner Küsse

1. KAPITEL

Leises Gemurmel drang vom Flur durch die Tür ins Krankenhauszimmer. Laura Bishop hob den verbundenen Kopf vom Kissen und lauschte angestrengt. Eine der beiden Stimmen war weiblich, die andere männlich – draußen unterhielten sich ihre lebhafte Schwester und ihr energischer Ehemann. Und beide schienen sehr aufgeregt zu sein. Laura biss sich auf die Unterlippe und versuchte, etwas von dem Gespräch zu verstehen. Vergebens.

Eines war jedoch klar: Weder Grace noch Samuel klangen besonders fröhlich.

An diesem Morgen war Laura ausgerutscht und gestürzt. Grace, die gerade zu Besuch war, hatte darauf bestanden, die Kopfverletzung untersuchen zu lassen. Später in der Notaufnahme hatte Laura sie gebeten, für sie in Samuels Büro in Sydney anzurufen, da sie im Wartezimmer kein Handy benutzen durfte. Dabei hasste Laura es, ihn stören zu müssen. Doch erfahrungsgemäß konnte die Warterei in der Notaufnahme ewig dauern. Und sie wollte nicht, dass er sich Sorgen machte, wenn er nach der Arbeit in ein leeres Haus kam.

Außerdem bestand Samuel darauf, grundsätzlich über alles informiert zu werden. Was vermutlich an seinem ausgeprägten Beschützerinstinkt lag … der manchmal vielleicht etwas zu ausgeprägt war. Aber Laura verstand seine Sorge, sie war durchaus begründet. Denn sie waren beide vorbelastet; sie durch einen angeborenen Herzfehler, er durch seine spezielle Familiengeschichte.

Jemand drückte die Türklinke herunter. Als die Tür einen Spalt weit geöffnet wurde, stützte Laura sich auf die Ellbogen.

„Ich will nicht, dass sie sich aufregt“, hörte sie Grace auf dem Flur scharf flüstern.

Ihr Ehemann schimpfte leise zurück. „Ich habe nicht vor, sie aufzuregen.“

Laura zuckte zusammen und legte sich wieder hin. Wann würden die zwei wichtigsten Menschen in ihrem Leben endlich das Kriegsbeil begraben? Grace schien tatsächlich die einzige Frau auf der Welt zu sein, die gegen den unwiderstehlichen Charme eines Samuel Bishop vollkommen immun war. Laura konnte das kaum nachvollziehen. Denn vom ersten Augenblick an war sie seinem umwerfenden Charisma und seinen tiefen Blicken verfallen gewesen. Doch irgendwie …

Seit einiger Zeit stellte sie sich immer wieder diese merkwürdigen Fragen. Dabei liebte sie Samuel über alles. Und sie war sicher, dass auch er sie liebte. Aber nach dem, was sie vergangene Woche erfahren hatte, zweifelte sie. War die Entscheidung, ihn zu heiraten, nicht doch etwas übereilt gewesen?

Die Tür ging weiter auf. Als Laura die vertraute athletische Gestalt ihres Mannes sah und sie einander in die Augen schauten, wurde Laura noch schwindeliger. Noch immer verspürte sie bei seinem Anblick ein erotisches Kribbeln.

In dem dunklen Maßanzug sah Samuel genauso anziehend aus wie an jenem ersten Abend, als er im eleganten Smoking auf sie zugekommen war. Er hatte sie mit seinen tiefblauen Augen verführerisch angesehen und zum Tanz aufgefordert. Auch jetzt genügte allein dieser magische Blick, und ihr Herz schlug schneller. Allerdings lag keine Spur von Begehren in seinem Blick. Nichts in seinen Augen verriet, was er gerade empfand.

Laura erschauerte.

Sonst war er doch immer so fürsorglich und aufmerksam. War er etwa verärgert, weil sie ausgerutscht war? Weil sie ihn dadurch von der Arbeit abhielt? Um diese Gedanken zu verscheuchen, schüttelte Laura den Kopf. Dabei berührte sie den Verband über ihrer linken Schläfe und lächelte unbeholfen.

„Bin offenbar hingefallen.“

Er runzelte die Stirn und sah sie kühl an. „Offenbar?“

Seine dürftige Reaktion beunruhigte sie. Angestrengt dachte sie nach. „Ich … weiß nicht mehr genau. Der Arzt sagt, das sei nicht ungewöhnlich bei jemandem, der auf den Kopf gefallen ist. Dass er sich nicht an den Vorfall erinnern kann.“

Ruhig knöpfte er sich das Jackett auf und strich mit der Hand über die dunkelrote Seidenkrawatte. Er hatte lange schlanke Finger und geschmeidige Hände. Sie liebte diese Hände. Sie liebte es, wie er ihr damit gekonnt Freude bereitete.

„Und an was kannst du dich erinnern?“

Sie wandte den Blick ab und ließ ihn durch das nüchtern eingerichtete, aber komfortable Privatzimmer schweifen. „Ich erinnere mich an die Ankunft im Krankenhaus. An den Arzt, Röntgenaufnahmen … und an die anderen Untersuchungen.“

Samuel kniff die blauen Augen zusammen.

Krankenhäuser waren nicht gerade sein Lieblingsthema. Klar geworden war ihr das schon nach den ersten zwei Monaten ihrer Beziehung – an jenem Abend, an dem er ihr den Antrag gemacht hatte. Er hatte einen umwerfend schönen Diamantring hervorgezaubert, und sie hatte spontan und voller Liebe Ja gesagt. Später, als sie im Luxusbett seines Penthouses dicht an ihn geschmiegt gelegen hatte, hatte sie ihm von ihrer angeborenen Herzschwäche erzählt – im Fachjargon hypertrophe Kardiomyopathie. Da sie nie auf Mitleid aus gewesen war, hatte sie ihre Krankheit für gewöhnlich nicht an die große Glocke gehängt. Doch als ihr zukünftiger Ehemann hatte Samuel es wissen müssen.

„Grace hat mir gesagt, sie hat dich gesehen, als sie die Auffahrt zum Haus hinaufgefahren ist“, sagte Samuel, strich sich den Saum des Sakkos glatt und schob die Hand in die Hosentasche. „Wie du von der Brücke im Garten gestürzt bist.“

Laura nickte. Aus etwa zwei Meter Höhe. „Genau das hat sie mir auch erzählt.“ Aber sie selbst konnte sich an nichts erinnern.

Sie sah ihm an, dass er angestrengt nachdachte. „Außerdem hat Grace gesagt, dass du dich benommen fühlst. Sie glaubt, du bist … ein wenig verwirrt.“

„Ich bin sehr wohl bei Verstand.“ Sie setzte sich etwas auf. „Um genau zu sein, sehe ich heute alles viel klarer als noch vor einiger Zeit.“

In seinen Augen flackerte es auf. Sie wusste, dass ihm der zweideutige Unterton ihrer Worte nicht entgangen war, doch er hakte nicht nach. Stattdessen hielt er Abstand und rückte auch nicht näher, um sie zu umarmen und zu trösten. So, wie er es an dem Abend seines Heiratsantrags getan hatte.

Nachdem sie ihm in jener Nacht von ihrer Krankheit erzählt hatte, hatte er sie eng an sich gezogen und sanft geküsst. Außerdem war er interessiert gewesen, ob ihre Herzschwäche vererbbar war. Was das betraf, war sie bestens informiert. Falls dieser Fall eintreten sollte, kam aus medizinischen Gründen ein vorzeitiger Schwangerschaftsabbruch infrage. Damals hatte sie seinem Blick entnehmen können, dass ihm diese Vorstellung ebenso wenig gefiel wie ihr. Gott sei Dank. Die Vorstellung, das Risiko in Kauf zu nehmen, hatte ihm allerdings auch nicht behagt.

In der Stille des Krankenhauszimmers neigte Samuel den Kopf zur Seite und sah sie prüfend an. Als wäre sie eine Fremde. Laura hatte das Gefühl, ihre ohnehin schon schwachen Nerven endgültig zu verlieren. Weil sie den Abstand nicht länger ertrug, streckte sie die Hand nach ihm aus.

„Samuel, bitte setz dich zu mir. Wir müssen miteinander reden.“

Sofort versteifte er sich, seine Haltung wurde noch verkrampfter. Beinahe misstrauisch sah er sie an, und ihr Magen schien sich noch enger zusammenzuziehen. Als Samuel sie dann noch eindringlich musterte, fingen ihre Wangen, ihre Lippen und ihre Haut förmlich an zu glühen. Doch es war ganz und gar kein angenehmes Gefühl. Irgendwie strahlte er etwas Merkwürdiges aus …

Hätte sie ihn nicht besser gekannt, sie hätte geglaubt, er lehnte sie ab.

Schließlich trat er doch näher. Seine Bewegungen waren so kontrolliert, als befürchtete er, aus dem Hinterhalt überfallen zu werden. Hatte der Arzt mit ihm über mehr als nur den Unfall gesprochen? Falls nicht, sollte sie es schleunigst tun, bevor ihr jemand zuvorkam. Wie würde er wohl reagieren, wenn sie ihm erklärte, dass sie vor Kurzem einen Schwangerschaftstest gemacht hatte?

Sie setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett, damit sie nebeneinandersitzen konnten. Mit wenigen Schritten war Samuel bei ihr. Streng schlug er die Decke zurück, und sie fühlte sich plötzlich unwohl. Ihrem Blick ausweichend, wies er aufs Kissen.

„Leg dich wieder hin.“

Sie unterdrückte das unangemessene Bedürfnis zu lachen.

„Samuel. Mir geht’s gut.“

Eine Augenbraue hochgezogen, sah er sie an. „Tatsächlich?“

„Absolut.“

„Weißt du, wo du bist?“

Sie unterdrückte ein Stöhnen. Was sollten all diese Fragen, mit denen man sie schon den halben Tag quälte?

„Das habe ich doch alles schon mit dem Arzt besprochen.“ Und mit Grace und mit den Krankenschwestern. Doch als er sie weiterhin anstarrte, nannte sie seufzend den Namen der Klinik. Außerdem fügte sie hinzu: „Im Westen Sydneys, östlich der Blue Mountains.“ Dort, wo ihr gemeinsames Zuhause war.

„Wer bin ich?“

Sie versuchte trotz allem zu lächeln und schlug die Beine übereinander. „Winston Churchill.“

Endlich trat eine vertraute Wärme in seine Augen – ein angenehmes sinnliches Leuchten, das in ihr das Verlangen weckte, ihn zu berühren. Doch im nächsten Moment räusperte er sich, wie er es immer schon getan hatte, wenn er etwas Unangenehmes zu sagen hatte. „Bitte bleib ernst.“

Fast hätte sie die Augen verdreht. Doch jeder, der Samuel kannte, wusste, wie unnachgiebig er war. Je früher er sich beruhigte, desto früher könnte sie ihm alles sagen. Und je früher sie mit all dem hier fertig sein würden, desto schneller könnten sie mit ihrem Leben weitermachen. So Gott wollte.

„Dein Name ist Samuel Coal Bishop“, sagte sie. „Du bist verrückt nach der ‚Financial Review‘ und einer guten Flasche Wein. Außerdem hast du heute einen Grund zu feiern.“ Sie lächelte … sanft und verführerisch. „Denn heute sind wir auf den Tag genau drei Monate miteinander verheiratet.“

Ihre Worte gingen Samuel durch Mark und Bein und brachten ihn völlig aus dem Gleichgewicht. Er musste sich zusammennehmen, um nicht zu taumeln. Stattdessen fuhr er sich nervös durchs Haar.

Großer Gott, sie hat den Verstand verloren.

Grace, die Krankenschwestern … Sie hatten gesagt, dass Laura sich den Kopf gestoßen habe und ein bisschen durcheinander sei. Aber niemand hatte ihn aufgeklärt, dass zwei Jahre ihres Lebens aus ihrem Gedächtnis gelöscht worden waren! Und dass sie immer noch glaubte, sie wären verheiratet. Und dann war da noch der Sturz von derselben Brücke …

Am liebsten hätte Samuel sich geschüttelt. War das ein schlechter Witz? Würde jetzt gleich ein Moderator auf ihn zuspringen und auf eine versteckte Kamera zeigen?

Doch ein Blick in Lauras ahnungslose smaragdgrüne Augen, und Samuel wusste, dass sie es völlig ernst meinte. In ihrem Gesicht erkannte er die grenzenlose Liebe und das unschuldige Wesen der Frau wieder, die er einst geheiratet hatte. Für ihn war es absolut rätselhaft, warum er heute herbestellt worden war. Doch allmählich leuchtete ihm ein, warum Laura ihre Schwester gebeten hatte, ihn zu informieren. Jetzt verstand er auch Grace’ Unfähigkeit, ihm in die Augen zu sehen, als er sie eben aufgefordert hatte, ihm zu sagen, was mit Laura los war.

Samuel spürte die Wut in sich aufsteigen. Er hätte darauf bestehen sollen, zuerst mit einem Arzt zu sprechen.

Jetzt war er natürlich der Sündenbock. Und er wusste auch, wer ihn dazu machte und warum.

Lauras Schwester machte einzig und allein ihn für das Scheitern der Ehe verantwortlich. Wahrscheinlich hoffte sie, dass allein der Anblick des gemeinen Kerls, der sie verlassen hatte, genügte. Und schon würde eine Flut von schlechten Erinnerungen bei Laura ausgelöst, sodass ihr Gedächtnis wieder funktionierte. Wieder einmal wurde Samuel dem Unruhestifter die Rolle des Bösewichts zugeschoben. Während Grace den ersten Platz im Leben ihrer Schwester einnahm und triumphieren durfte. Er hatte zwar noch nie viel von ihr gehalten, aber das hier war die Höhe. Ohne Frage hatte er ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren.

Genau wie Laura.

Er sah Laura an, wie sehr die Gesprächspause sie beunruhigte. Stirnrunzelnd zog Samuel den Knoten der Krawatte zurecht und versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Doch je mehr er sich bemühte, desto auswegloser erschien ihm alles.

Fest standen nur zwei Dinge. Weder konnte er aus dem Zimmer stürzen und sie ahnungslos zurücklassen. Noch konnte er ihr die unverblümte Wahrheit ins Gesicht sagen. Auch wenn er und Laura unter weniger angenehmen – um nicht zu sagen bösartigen – Umständen auseinandergegangen waren, sie litt unter den Folgen eines Sturzes.

Außerdem hatte er sie, verdammt noch mal, geliebt. Und zwar von ganzem Herzen. Sollte sie ihm später dankbar sein oder ihn verfluchen, im Moment musste er alles tun, um sie zu beruhigen. Und sei es durch diese … Wiedervereinigung.

Es gelang ihm zu lächeln. „Laura, dir geht es nicht gut. Du solltest über Nacht hierbleiben. Ich werde mit dem Arzt sprechen und …“ Er hielt inne und blinzelte. Und was? Dann räusperte er sich. „Und danach sehen wir weiter.“

Sie legte ihre Beine nebeneinander, stemmte die Hände in die Hüfte und hob trotzig das Kinn. „Nein.“

Er runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

Mit flehendem Blick streckte sie die Hand nach ihm aus.

Ihm wurde schlagartig kalt. Er sollte ihre Aufforderung, sie anzufassen, ignorieren, sollte alles verhindern, um ihr körperlich näher zu kommen. Denn er hatte ihren Berührungen noch nie widerstehen können.

Doch das letzte Mal, dass sie sich nahe gewesen waren, lag nun schon über ein Jahr zurück. Vielleicht war dieser Teil von ihm – dieser unbändige körperliche Hunger – längst erstickt. Zusammen mit der Liebe, die sie einst füreinander empfunden hatten.

Um sie zu beruhigen, streckte er die Hand aus und ließ es zu, dass sich ihre zarten Finger mit seinen verschränkten. Prompt begann sein Blut zu pulsieren. Und als sie ihn mit leuchtenden Augen ansah, ergriff ihn ein ebenso lustvoller wie schmerzhafter Schauer, der ihm den Atem raubte.

„Darling“, raunte sie. „Ich habe viel zu viel Lebenszeit in Krankenhäusern verbracht. Ich weiß, du meinst es gut, aber ich muss nicht in Watte gepackt werden. Ich bin kein Kind mehr. Ich habe meinen eigenen Kopf, und der sagt mir, es ist alles okay.“

Samuel schluckte, löste sanft die Hand aus ihrer, trat einen Schritt zurück und bemühte sich, streng zu klingen. „Ich denke, du bist nicht in der Verfassung, das zu entscheiden.“

Der Glanz in ihren Augen verschwand, schlagartig wirkte sie, als wäre sie in Gedanken weggetreten. „Als wir geheiratet haben, habe ich doch nicht meinen Verstand an der Garderobe abgegeben …“

Sie brach abrupt ab und drehte mit einer raschen Bewegung den Kopf zur Seite, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt. Allmählich schien sich ihre Benommenheit zu legen. Doch im selben Moment trat ein erschrockener Ausdruck auf ihr Gesicht.

„Samuel … mein Gott. Es tut mir leid.“ Verwirrt sah sie ihn mit schimmernden Augen an. „Das habe ich nicht so gemeint. Nichts davon.“

Er atmete langsam aus. Offenbar konnte der Gedächtnisverlust nicht über ihre wahren, kaum wohlwollenden Gefühle hinwegtäuschen, die sie für ihn hegte. Gerade hatte sie genau wie die Laura geklungen, die ihn angegiftet und dann aufgefordert hatte zu gehen. Wie die Laura, die ihm genau vor einem Jahr die Scheidungspapiere zugeschickt hatte.

Sie war diejenige, die ihre Ehe beendet hatte. Natürlich war er darüber sehr aufgebracht gewesen, sogar bis ins Mark verletzt. Und doch hatte er sie nie gehasst. Auch jetzt verspürte er keinen Hass. Aber er liebte sie auch nicht.

Er nickte ihr zu. „Du solltest dich wieder hinlegen.“

„Ich will mit dir reden.

Er schlug die Decke zurück. „Leg dich hin.“

Als sie sich trotzig erhob, musste er gegen das Bedürfnis ankämpfen, sie in ihrem Interesse zu zwingen, das zu tun, was er ihr sagte. Doch das war aus verschiedenen Gründen völlig unangebracht. Sie war noch immer eine wunderschöne Frau … Sie war sogar noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Sein Verstand sagte ihm, dass sie nicht zusammenleben konnten. Doch sein Körper sagte ihm etwas anderes. Nämlich, dass sie einzigartig und dazu unerträglich begehrenswert war.

Es wäre so einfach gewesen, auf ihre scheinbare Zuneigung einzugehen und die Situation schamlos auszunutzen. So furchtbar einfach – und so verwerflich wie keine Tat zuvor.

Er lockerte den Knoten der Krawatte und versuchte ein letztes Mal, sie zu überzeugen. „Auch wenn du vielleicht glaubst, dass du recht hast …“

„Ich habe gedacht, ich wäre schwanger.“

Der Boden schien sich unter ihm aufzutun. Taumelnd lehnte Samuel sich an die Wand, um sich gleich darauf auf die sichere Kante des Betts zu setzen. Seine Gedanken rasten. In seinen Ohren schrillte es, und er hatte das Gefühl, als wäre direkt vor seinem Gesicht eine Bombe explodiert. Dann fand er endlich seine Stimme wieder, um mit seiner Exfrau zu sprechen. Obwohl es eher ein Krächzen war. „Du hast … was gedacht?“

„Ich habe geglaubt, wir bekommen ein Kind.“

Sie rutschte zu ihm, nahm seine Hand fest und sah ihn fragend an. „Ich war so glücklich. Und gleichzeitig hatte ich solche Angst davor, wie du reagieren würdest.“

Während seine Brust zu schmerzen begann, erfüllte ihn gleichzeitig eine abgrundtiefe und grausame Leere. Noch einmal würde er das hier nicht überstehen. Um keinen Preis. Nicht einmal wenn Laura so vertrauensvoll und aufgewühlt erschien.

Er sah sie ernst an, mit der festen Absicht, ihr die Wahrheit zu sagen. „Hör mir zu … Das kann nicht sein.“

„Ich weiß, wir haben verhütet“, erwiderte sie, „aber nichts funktioniert hundertprozentig.“

Ihm schien sich die Kehle zuzuschnüren. Das hier überstieg seine schlimmsten Befürchtungen. Musste er sie nicht sofort vor vollendete Tatsachen stellen? Wäre er an ihrer Stelle gewesen, es wäre ihm lieber gewesen. Er hätte nicht wie ein Idiot dastehen wollen. Und Laura wollte das sicherlich auch nicht. Sie waren nicht mehr verheiratet, und noch viel weniger erwarteten sie ein Kind.

Ihre grünen Augen leuchteten, als sie ihn ansah. Und als sie begann, ihre Finger fest um seine Hand zu schließen, durchfuhr es ihn heiß und glühend. Er schloss die Augen und versuchte gegen das Verlangen anzukämpfen, sie einfach in die Arme zu schließen und zu streicheln, wie es jeder gute Ehemann getan hätte. Alles war so lebendig, so klar … als wäre es gestern gewesen. Das Kennenlernen, die Hochzeit und die Hochzeitsreise. Der damalige Sturz von der Brücke und ihr schleichender, quälender Tod als Paar.

„Du bist nicht schwanger.“ Seine Worte waren klar und kontrolliert. Oder, falls doch, dann bin ich nicht der Vater.

Ihre zarten Nasenflügel bebten, sie nickte gefasst. „Der Arzt hat es mir gesagt. Ich hatte mich geirrt.“ Wieder trat ein Hoffnungsschimmer in ihre Augen. „Bei dem Gedanken, dass ein Baby in mir heranwächst, ein kleines Leben, das wir erschaffen haben, spürte ich …“

Plötzlich wurde ihr Blick abwesend, gleichzeitig aber auch entschlossen. Dann straffte sie die Schultern und errötete. „Meine Krankheit ändert nichts an dem, was ich empfinde“, sagte sie. „Ich weiß, es bleibt ein Risiko. Aber ich will ein Kind, Samuel. Unser Kind.“ Sie drückte seine Hand noch fester, drehte den Kopf und führte seine Hand an ihre erhitzte Wange. „Wir müssen einfach nur Vertrauen haben.“

Er schloss die Augen, als ein unbarmherziges Kribbeln durch seinen Körper jagte. Schon einmal hatten sie dieses Gespräch geführt, vor zwei Jahren. Damals war es der Anfang vom Ende gewesen … einer nicht enden wollenden bitteren Entwicklung.

Lauras brüchige Stimme durchbrach seine Gedanken. „Es tut mir leid. Ich hätte nicht damit herausplatzen sollen.“

Erneut lockerte er seine Krawatte und, weil er das Gefühl hatte, kaum Luft zu bekommen, streckte den Hals. Er brauchte dringend eine ruhige Umgebung, um herauszufinden, ob es einen Ausweg aus dieser verrückten Situation gab.

Während er seine Hand aus ihrer löste, fasste er sich.

„Kann ich etwas für dich tun? Brauchst du irgendetwas?“ Was seine persönliche Wunschliste anging, stand ein Glas Scotch ganz oben an erster Stelle.

„Eine Sache.“ Sie stand auf, trat dicht an ihn heran und legte ihre warme Hand auf seine Brust. Gegen seinen Willen loderten kleine Flammen in ihm auf, als sie sich ihm mit halb geöffneten Lippen näherte. „Ich sehne mich nach einem Kuss von dir.“

2. KAPITEL

Sein Gefühl sowie ein Blick in ihre Augen sagten Samuel, dass Laura ihn in diesem Moment wirklich liebte. Dabei vergaß er allerdings nicht ihre tiefen Gedächtnislücken. Während er versuchte zu schlucken, löste er sich sanft aus der Umarmung seiner Exfrau.

Ihrer verführerischen Einladung zu widerstehen war eine große Herausforderung. Seinem körperlichen Bedürfnis, dem Verlangen einfach nachzugeben und ihr Angebot anzunehmen, setzte sein Verstand jedoch ein entschiedenes Nein entgegen. Es wäre unmoralisch, ihren Zustand auszunutzen.

Andererseits durfte er auch nicht zu unsensibel reagieren. Denn natürlich wollte er sie nicht in das schwarze Loch stoßen, vor dem sie gerade stand. Also redete er sanft auf sie ein. „Laura, nicht hier.“

„Nicht hier?“ Irritiert sah sie ihn an. „Wir sind verheiratet. Wir küssen uns doch ständig.“

Sein Herz begann zu klopfen. Wie, um Himmels willen, sollte er sie aus diesem Schlamassel bloß wieder hinausführen? Am besten war es, eine professionelle Meinung einzuholen und sich selbst ein Bild über ihren Gesundheitszustand zu machen.

Laura starrte ihn immer noch an, verwirrt und gekränkt. Was verständlich war, denn in den ersten drei Monaten ihrer Ehe hatten sie die Finger nicht voneinander lassen können. Und sogar jetzt …

Damit sie sich beruhigte, strich er gegen seinen Willen mit dem Handrücken über ihren Arm. Sofort ließ diese winzige Berührung etwas in ihm aufflackern, das wie ein Warnsignal durch seine Adern schoss. Die Zähne fest zusammengepresst, ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. „Ich werde mit dem Arzt sprechen.“

„Über den Schwangerschaftstest?“

In seinem Magen zog es sich zusammen. „Genau.“

Er ließ sie in dem weißen Krankenhausnachthemd neben ihrem Bett zurück und ging. Draußen auf dem Flur brauchte er einen Moment, um sich zu sortieren. Laura war zwar gestürzt und litt unter Amnesie, doch eigentlich war er derjenige, der völlig aus dem Gleichgewicht geraten war. Es musste doch eine vernünftige Lösung geben, um aus dieser komplizierten Situation herauszukommen, ohne dass Gefühle verletzt wurden. Und diese Lösung würde er verdammt noch mal finden.

Im Schwesternzimmer wurde er an einen Mann im weißen Kittel am Ende des Gangs verwiesen, der gerade eine Dokumentenmappe durchblätterte. Sofort ging Samuel auf ihn zu.

„Doktor …“ Er warf einen Blick auf das Namensschild und blieb stehen. „… Stokes. Ich bin Samuel Bishop. Sie haben Laura Bishop untersucht, richtig?“

Der Arzt blickte über den Rand seiner Brille und legte die Mappe ab. „Sind Sie der Mann von Mrs Bishop?“

„Mehr oder weniger.“

Der Arzt nahm ihn verständnisvoll beiseite, um für die anderen Patienten und Besucher außer Hörweite zu sein. „Schädeltrauma“, fasste Doktor Stokes die Antwort mit einem Wort zusammen. „Mit vorübergehendem Gedächtnisverlust.“

Samuel nickte. „Wie lange dauert so etwas?“

„Normalerweise kehrt das Gedächtnis in solchen Fällen innerhalb von ein paar Tagen zurück. Es kann allerdings auch länger dauern. Nur in ganz seltenen Fällen verändert sich nichts.“

Seine Gedanken rasten. Er musste es wissen. „In ganz seltenen Fällen?“

„Die Untersuchungen ergaben keinerlei Brüche oder Prellungen. Es spricht nichts dagegen, dass Sie beide nach Hause fahren. Wenn die Patientin schläft, wecken Sie sie alle drei bis vier Stunden und stellen ihr immer die gleichen Fragen – Name, Adresse –, um sicherzugehen, dass sie stabil ist. Die Nachuntersuchung übernimmt dann ihr Hausarzt.“

Nach Hause fahren …?

Der Arzt schenkte ihm einen mitfühlenden Blick und schob die Hände in die Taschen seines Kittels. „Geben Sie ihrem Erinnerungsvermögen einen sanften Schubs. Vielleicht zeigen Sie ihr ein paar Fotos.

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