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Die Mäuse und der Übermut

Die Tat ist das einzige Mittel zu Widerstand und Umbruch, alles andere ist eine Lüge!

Die Clique feiert sich an jedem Freitag. In diesen Stunden gehört das Viertel allein denen, die es am meisten verdienen – wenn nur die Hitze des Badeofens, wildes Gelächter und fahriger Jazz durch das Dachgeschoss ziehen. Egal, wie schwer die Gier der Bonzen ihre Leben auch macht, die »Mäuse« halten zusammen, stürzen sich gemeinsam in den Tag und überleben mit dem billigsten Fusel, den es für Kleingeld zu kaufen gibt. Als die Wut über das ewige Verlieren dann aber doch unerträglich wird, bleibt der Clique schließlich nichts anderes übrig als zu verschwinden – mit einem letzten Knall!

Erstes Buch

 

Mira schlich ungeduldig um meine Füße, schnupperte in Halbkreisen über den Boden, um dann ihre verstaubte Nase von vorn zwischen meine Beine zu schieben. Sie wollte Wärme, so wie die meisten zu dieser Jahreszeit, denn der furchtbare Winter war mittlerweile allen zu viel geworden. Erwartungsvoll wankten ihre struppigen, fast blonden Augenbrauen abwechselnd auf und ab. Ich beugte mich nach unten, strich ein paarmal darüber und kraulte sie noch eine Weile hinter den Ohren. Das genügte schon – nun wusste Mira wieder um die Liebe, die ich für sie übrig hatte. Ein Wassertropfen glitzerte noch auf dem Nasenrücken, bevor ihr Kopf zurück unter den Tisch ging und sie zwischen den Stuhlbeinen hindurch zum Rand schlurfte. Vor der Heizung war der beste Platz in der ganzen Bar. Da hätte auch ich die grauen Wochen verschlafen können – so lange, bis es draußen endlich wärmer wäre als drinnen. Aus einem kaputten Ventil puffte leise etwas Dampf nach oben und schlug sich als Frost in den eisigen Ecken des Fensters nieder. Mira knabberte sich noch die letzten Schneereste aus den Pfoten, dann verschwand ihre Schnauze mit einem zufriedenen und tiefen Seufzer unter dem eingerollten Körper.

»Schlaf gut, meine gute Kumpanin«, murmelte ich vor mich hin.

Von der Seite kam Rezno mit seinem Tablett herangeholpert. Der Geschickteste war er nie gewesen und so hörte sich das Klirren der Gläser bei jedem Schritt immer wie ein ängstliches Raunen an. Wahrscheinlich hatten die Drinks genauso viel Angst vor dem Stolpern wie ihr wackeliger Träger.

Am Tisch angekommen, sah er lachend zu Mira. »Sie hat es am besten«, sagte er. »Gib mir einen solchen Zottelpelz, der mich durch den Winter bringt, und ein paar alte Steaks

– schon folge ich dir, wohin du willst. Das wäre mein Leben!« Obwohl es sein Laden war und obwohl er ihn aus etwas Eitelkeit heraus sogar »Rezna« genannt hatte, sprach er oft davon, zu verschwinden. Das wäre ein echter Verlust gewesen, denn seitdem die Geldsäcke und Spekulanten im Viertel aufgeschlagen waren, konnten sich nur noch wenige die Miete für eine Bar leisten. Außerdem lag das Rezna im »Umkreis des Versackens« – also in demjenigen Abstand zur Wohnung, den man auch noch mit einem derben Rausch schaffte.

Die Kneipe war einfach gemütlich: Krumme ungehobelte Holzbretter an den Wänden färbten das ohnehin schon schwache Lampenlicht in ein herrliches Dunkelrot, fast wie in einer Höhle. Von der Decke hing ein Meer leerer Weinflaschen an Stricken herunter und schwankte im Strom aus Heizungsluft und wildem Gebrüll langsam vor sich hin. Unzählige Abende hatten wir hier über die Jahre verbracht und uns damit einen eigenen Tisch verdient, der jeden Mittwoch und Freitag für die Clique freigehalten wurde.

»Ach Rezno, alter Spinner«, rief ich lachend, »Miras Ruhe hast du doch gar nicht – kannst doch kaum eine Minute stillsitzen. Und überhaupt, wer sollte uns denn dann an zwei Abenden in der Woche aushalten?« Er zuckte mit den Schultern. »Dieser Platz hat dich schon gut gefunden«, fuhr ich fort und schob noch ein Kompliment hinterher, wenn auch ein recht halbseidenes: »Du bist der geborene Kellner und dazu noch der einzige, den ich kenne, dem zwölf Litergläser Bier auf dem Tablett nicht zu viel sind.«

Mit Schwung verteilte Rezno die Biere in der Runde. Im Augenwinkel sah ich die anderen schmunzeln. Meine Lobhudelei kam anscheinend gut an und ich fühlte mich fast ein wenig schlecht, weil es aus reinem Eigennutz war.

»Wir trinken auf dich!«, grölte Mill. Anscheinend konnte er den nächsten großen Schluck des Abends kaum erwarten. Alle hoben ihre Gläser und stießen an, dabei flogen kleine Schaumwolken nach oben und klatschten auf den Tisch. Mit einer dankbaren Verbeugung ging Rezno wieder zurück zum Tresen.

»Wisst ihr, im Innersten ist er eigentlich ein echter Wolf«, sagte ich leise und wischte mir einen kleinen Rest Bier von meiner Oberlippe. »Läge unser Viertel näher am Wald – er hätte garantiert schon die Kurve gekratzt, weil ihn das Stadtleben auffrisst.«

Val, die mir gegenübersaß, strich ihre schwarzen Haare von der Stirn nach hinten und zündete sich eine Selbstgedrehte an. Den Rauch des ersten Zuges schickte sie unter den Lampenschirm und alles, was darunter keinen Platz fand, quoll wie Teig über den Rand in Richtung Decke. »Wären wir nicht alle in den Wäldern viel besser aufgehoben?«, fragte sie mit einem für diese Uhrzeit viel zu nachdenklichen Unterton. »Gerade jetzt, wo sie den Norden so grässlich teuer und unbewohnbar machen.«

Letztendlich waren die Dinge tatsächlich so tragisch – wir stimmten ihr wortlos nickend zu. Nach der letzten Wahl, die von den Bonzen natürlich ordentlich gefälscht worden war, hatten sie viele der alten Häuser abgerissen. Für die meisten hatte es dort günstige Zimmer gegeben, die man sich auch mit einem kleinen Auskommen leisten konnte, und im Kleinen waren alle zufrieden gewesen – egal, ob der Regen durch Wände und Fenster kroch. Nun sollten die Mieten mit Neubauten in die Höhe getrieben werden – damit wurden sie uns los und bekamen ausreichend Platz für ihren unbezahlbaren Schmu. Jeder hatte Angst, die eigene Wohnung könnte die nächste sein, denn vor der hemmungslosen Gier dieser Ausbeuter war niemand sicher.

Ich sah zu Lara. »Vielleicht sollten wir alle in deine Bude ziehen?«, fragte ich. »Die reißen sie bestimmt nicht ab, bei dem Blick auf den Mittelteich und das Schloss.«

»Von mir aus könnt ihr das gern machen«, antwortete sie lässig, »dann müssen nur ein paar von euch im Badezimmer oder auf dem Balkon schlafen.«

Lara hatte im Leben Glück gehabt, denn ihre Eltern zahlten für alles. So lag ihre Wohnung auch in einer echten Bonzengegend. Ich wusste nicht viel von ihr, weil sie eher selten dazukam und außerdem Mills Aufriss war. Wie es schien, trafen sich beide die meiste Zeit im Bett – wohl aus Angst, dass etwas Größeres daraus werden könnte. Für Mill passte es perfekt: So bekam er etwas Nähe, Bewunderung und dazu noch ausreichend Kleingeld für Fusel.

»Für mich kein Problem!«, rief er nun voller Begeisterung über den Tisch. »Im Gegensatz zu fast allen in unserer Gegend hast du wenigstens eine Wanne, in der man pennen könnte.«

»Wenn dir mein Bett nicht passt, brauchst du auch nicht mehr zu kommen«, maulte Lara.

Mit einer plumpen Umarmung versuchte er sie zu trösten und säuselte: »Ach was, ich schlauche mich gern bei dir durch. Nach einer Ladung Fusel schlafe ich ohnehin wie ein Stein – egal, wo.«

Lara boxte ihm gegen die Brust. »Als wenn du dazu erst saufen müsstest, du stinkender Sack!« Wie zwei linke Schuhe drehten sich beide voneinander weg. Tatsächlich konnte Mill in seinem Rausch fast überall wegdösen – selbst wenn es auf einer Parkbank war, während man auf den Bus wartete.

Ich wollte mir einen Spaß daraus machen und stand auf, denn gerade war mir eine der lustigsten Geschichten dazu eingefallen: »Trinken wir auf Mill, den sein Dusel schon an manch fremden Ort geführt hat!«

Val fing an zu lachen und musste sich sogar ihre Hand vor den Mund halten, um nicht zu spucken. Als sie glucksend hinuntergeschluckt hatte, hustete sie fürchterlich. Lara klopfte ihr auf den Rücken. Allmählich fing sie sich wieder und prustete: »Ha, aber das ist wirklich zu lustig. Ihr kennt doch alle die Geschichte, oder?«

Man konnte spüren, dass es Mill etwas unangenehm war, als Lara zögernd ihre Hand hob, in die Runde blickte und sagte: »Also ich kenne sie noch nicht.«

»Ha«, rief ich schadenfroh »seinem Mädchen hat er das natürlich nicht erzählt – der eitle Hund!« Für gewöhnlich hatte Mill ein anständiges Maß an Selbstvertrauen und stand zu seinen Sauftouren, aber diese Sache war damals ziemlich nach hinten losgegangen.

Mit einem Arm um seine Schultern flüsterte Val ihm zu: »Mein lieber Mill, ist es für dich in Ordnung, wenn wir Lara an deinem Missgeschick teilhaben lassen und sie damit zum Lachen bringen?«

Wie ein bockiges Kind rümpfte Mill die Nase und starrte mit verschränkten Armen zu Boden. »Ihr seid schon ein paar echte Geier. Hätte ich euch das bloß nie erzählt!« Allmählich begriff er aber seine Ausweglosigkeit und sagte leise: »Na gut, ich habe ja keine Wahl! Aber ich will einen doppelten Kurzen als Sühne dafür!«

Wir warfen alle einen Fünfziger in die Mitte des Tisches, ich gab dem Tresen ein Zeichen. Aufgeregt klatschte Val in die Hände und beugte sich nach vorn; in meiner Vorfreude musste ich mir das Lachen verkneifen.

Val sah zu Mill. »Wie lange ist das eigentlich her?«

»Ich weiß es nicht mehr genau. Lass es im letzten Frühjahr gewesen sein.«

»Gut!«, sagte sie zufrieden und begann ihre Erzählung mit einer großen Geste: »Wir hatten einen ordentlichen Abend und machten uns in der Morgendämmerung gemeinsam auf den Heimweg. Unser Mill war gut dabei, aber auch ein bisschen mürrisch, weil er irgendein Kartenspiel verloren hatte. An der kleinen Kreuzung, bevor das Hallenviertel anfängt, wurde ihm dann alles zu viel und er verschwand einfach in die andere Richtung.«

Rezno brachte den Schnaps und kratzte mit einer Hand die Münzen zusammen. »Wer hat sich denn den verdient?«, fragte er.

»Ach, sie machen sich wieder auf meine Kosten lustig. Du weißt schon, der ungewollte Ausflug aufs Wasser im letzten Jahr.« Nun grinste auch Rezno vor sich hin. »Und damit es für mich ein bisschen gerecht bleibt, spendieren mir die drei den Fusel dafür.«

Schmunzelnd schob Rezno ihm das Glas hinüber. »Hast du dir verdient – war ja auch eine harte Nacht damals.«

»Hey, verrate nicht zu viel, ich mache hier die Erzählerin!«, zischte Val ihn an. Rezno nahm die Hände nach oben, als hätte sie ein Messer gezogen, und ging zurück zur Bar. »Wo bin ich denn jetzt stehengeblieben?« Lara klopfte ungeduldig auf den Tisch und sagte in langen Worten: »Na, als er verschwunden war.«

»Genau: Er ist ohne ein Wort in Richtung Hafen getorkelt. Irgendwann lief ihm ein streunender Hund hinterher, der konnte wahrscheinlich auch nicht schlafen – und jetzt stellt euch das mal vor: Der eine taumelte und fluchte über den verpatzten Abend – und sein neuer Begleiter, auf der Suche nach ein bisschen Spaß, trabte auf vier Pfoten neben ihm her.«

»Die beiden müssen irre lustig ausgesehen haben«, sagte ich.

»Im Hafen angekommen hatte Mill dann nichts Besseres zu tun, als ein Fischerboot loszumachen und damit auf den Fluss zu rudern – der Hund war natürlich mit drin.«

»Sag doch nicht immer ›der Hund‹!«, protestierte Mill, »sein Name war Bunker, dass hatte er mir selbst erzählt!«

Lara kicherte vor sich hin und klopfte Mill mitleidsvoll auf die Schulter. »Wenn er es dir selbst erzählt hat, dann muss es wohl stimmen.«

»Also, Bunker und Mill trieben nun brüllend, bellend und Sauflieder singend stromabwärts.«

Mill unterbrach sie wieder: »Wie du das sagst … Bunker traf immer den richtigen Ton! Und außerdem klang es großartig, wie unser Gesang von den Dämmen als Echo zurückgeworfen wurde. Als wären wir eine ganze Mannschaft!«

Mit genügend Fantasie konnte man sich die beiden wunderbar malerisch in ihrem Boot vorstellen, wie sie langsam und friedlich im Dunkel aus der Stadt fuhren: der Hund stolz mit seiner Nase im Wind und der Fährmann mit traurigem Blick, in Gedanken bei der langen ungewissen Reise. In Wirklichkeit waren es aber nur zwei Verrückte, die sich gesucht und gefunden hatten: Mill in der schäumenden Fröhlichkeit des Besoffenen, endlos weit vom »Umkreis des Versackens« entfernt, die Ruder übermütig ins Wasser schlagend und aus vollem Hals »Frisch auf, ihr Matrosen« grölend – und neben ihm Bunker, der einfach nur aus Langeweile mit aufgesprungen war und sich einen Dreck um die Melodien scherte, weil Hundegejaul eigentlich zu allem passt. So fuhren die beiden unüberhörbar zu zweit in den Sonnenaufgang.

»Eure Reise hätte echt schön werden können, wäre da nicht kurz nach der Stadtgrenze diese Schiffsschleuse gewesen«, entzauberte ich den Augenblick und nahm damit den Höhepunkt der Geschichte vorweg.

Mill schüttelte den Kopf und beruhigte Lara, die schon etwas ängstlich dreinschaute und eine Hand vor den Mund hielt. »Das klingt viel schlimmer, als es war. Schau mal, ich sitze ja immer noch hier.«

»Na, ihr hattet ganz schönes Glück, weil du den Kahn vorher aus Versehen gegen die Schwimmtonne gesteuert hast«, erläuterte ich. »Welche Farbe hatte die noch mal?«

»Grün, die hat grün geblinkt«, brummelte er genervt.

Wieder beugten alle anderen lachend die Köpfe nach unten. Auch Lara wischte sich inzwischen schon Tränen von den Wangen und fragte ungläubig: »Darauf haben sich die beiden gerettet?«

»Ja, das Boot fuhr einfach ohne Besatzung davon und krachte in die Schleuse«, erzählte Val weiter. »Bis zum Morgen, als dann endlich ein paar Arbeiter vorbeikamen, mussten Bunker und sein betrunkener Kapitän schwankend unter dem kleinen Blechdach ausharren – hin und her, auf und ab, und dabei von oben beleuchtet. Aber ich glaube, weitergesungen habt ihr trotzdem, oder?«

»Na, was glaubst du denn? Wir mussten doch das Beste daraus machen. Außerdem war das unsere Insel.« Er hielt den Schnaps gegen das Licht. »Genauso klar, wie mein verdammter Geist an diesem Morgen! Ich trinke auf Bunker und unsere Rettung! Auf Bunker!«

Wir hoben die Gläser und riefen: »Auf Bunker!«

Von dem vielen Lachen tat mir mittlerweile schon mein Bauch weh. Mit einer Hand darüberstreichend lehnte ich mich zurück und stellte fest: »Zum Glück war es nicht Mira, die du entführt hast. Sie hasst Wasser – schau dir ihr speckiges Fell doch an!« Als meine liebe Hündin ihren Namen hörte, blickte sie mit großen Augen erwartungsvoll zu mir. Ich winkte ab.

»Ach, das hätte ihr schon gefallen«, entgegnete Mill, »sie mag es bestimmt, zu singen.«

Sein Interesse für Musik kam nicht von ungefähr – ohne Frage hatte er ein gewisses Talent dafür. Gemeinsam spielten wir oft in unserer Küche Gitarre und Val sang dazu. Für eine Band reichte es allerdings nie, weil keiner von uns die nötige Geduld und den Ehrgeiz aufbrachte. Einmal sagte ein Mädchen zu Mill: »Die Musik steht dir gut und eine Gitarre kleidet dich.« Sie hatte Recht. Ein Instrument macht jeden ein bisschen ansehnlicher und geschliffener. Mill war zudem gut gebaut, einen Kopf größer als ich, und hatte Arme, die jeden in die Flucht schlagen konnten. Alles in allem überwog bei ihm eine gewisse körperliche Grobheit – und genau das mochten die Mädchen! Wenn er nicht trank, dann blieb er ruhig, machte einen auf Brummbär und redete nur das Nötigste; davon ließen sich die meisten täuschen. Schon nach dem ersten Drink aber war er nicht mehr wiederzuerkennen und wurde zum Lautesten der ganzen Runde – eben ein Ausgeflippter in stiller Hülle.

Im Unterschied zu Val, die an jedem Morgen blind in ihren übervollen Kleiderschrank griff und das trug, was ihr gerade zwischen die Finger kam, gab es Mill immer in der gleichen Kombination: mit weißem Shirt und einem offenen Hemd darüber. Genau wie er machte auch ich mir nicht viel aus Klamotten, krempelte aber immerhin meine Ärmel zur Hälfte nach oben und steckte ein Notizbuch in die Hemdtasche, wie es richtige Schriftsteller tun. So gaben wir drei an manchen Tagen zumindest äußerlich ein ziemlich gegensätzliches Trio ab: zwei farblose Krähen an den Seiten und in der Mitte ein bunter Papagei. Wenn Val es mit den Farben mal wieder übertrieben hatte, sangen ihr sogar die Kinder im Treppenhaus ein Lied: »Herr Vogelscheuche hatte ’ne Frau und die war so gar nicht grau. Sie war so dünn als wie ein Wurm und flog davon im Wintersturm.« Das machte ihr gar nichts aus – im Gegenteil: Lachend und mit den Armen wedelnd rannte sie hinter den Kleinen her, schnappte sich einen und rief dabei: »Jetzt fliegst du auch gleich bis zu den Wolken!« Die Kinder fanden einen solchen Spaß daran, dass sie mit der Zeit gar nicht mehr wegliefen, sondern gleich in die Luft geworfen werden wollten.

Mittlerweile war es nach eins und Rezno schielte fragend von der Bar in unsere Richtung. Da Val und ich am Morgen wieder arbeiten mussten, schüttelten wir die Köpfe und tranken aus. Mit den letzten Scheinen gingen wir zum Tresen, zahlten und verabschiedeten uns einer nach dem anderen von Rezno.

Der war über unser Verschwinden alles andere als glücklich, denn jetzt blieben ihm nur noch die alten Geister, die ohnehin jeden Abend an der Theke saßen. Mit flinken Schritten huschte er zwischen den Tischen hindurch und tat alles, um uns zum Bleiben zu überreden: »Na, kommt schon, wenigstens bis zwei. Ich gebe auch eine Runde aus – lasst mich nur nicht allein mit diesen Saufköpfen.« Ausgerechnet diese Worte hatte einer von ihnen gehört. Schwankend drehte er sich um, fiel dabei fast vom Stuhl und schnaufte mit gesenktem Blick durch seine wie ein dunkelrotes Herz aufgequollene Nase: »Ey, wir bezahlen dir dein Leben – alles was du machst, ist, dafür unseres zu nehmen! Mal etwas mehr Respekt, Bitteschön!« Danach folgte ein Husten und Würgen.

Im gewohnten Grimm eines Barkeepers fuchtelte Rezno mit der flachen Hand durch die Luft, ging wieder hinter den Tresen und zischte: »Ja, ja, beglückt ihr mich mal weiter mit Kleingeld und eurer Suche nach dem Glasboden, ihr Faulpelze!« Am liebsten hätte er sie wohl rausgeworfen und wäre mit uns gekommen, um wie ein Gammler zu leben, denn wahrscheinlich warf der Laden ohnehin nicht viel ab. Aber aus irgendeinem Grund konnte er nicht loslassen.

Mill versuchte, ihn aufzumuntern: »Durchhalten, mein Lieber! Am Freitag bringen wir wieder etwas Glanz in deinen Schuppen.«

An der Garderobe wurde es eng. Die Schuld dafür trug natürlich der widerliche Winter, der einfach nicht verschwinden wollte und jeden dazu zwang, Unmengen von Klamotten anzuziehen. Wir wickelten die Schals nach oben, zogen die Mützen nach unten und ließen zwischen beiden nur einen winzigen Spalt für unsere Augen. Nur so konnte man den Heimweg einigermaßen überstehen. Mira kratzte aufgeregt über den Boden. Im Gegensatz zu uns konnte sie es kaum erwarten, nach draußen zu kommen – kein Wunder bei diesem Fell. Als ich die Tür nur einen Spalt breit öffnete, schob sie sich gleich hindurch. Wir folgten ihr eher missmutig, schon auf der Treppe schlug einem die scheußliche Kälte ins Gesicht.

Draußen preschte ein eisiger Wind vorbei, jagte altes Laub und Schneefetzen in weiten Bögen über das Pflaster; an der nächsten Kreuzung verfing sich alles in den Büschen. So verrückt wie die Straßenlaternen an ihren Seilen schaukelten, hätte man meinen können, sie wären genauso besoffen wie wir. Ich sah zum Park auf der anderen Straßenseite hinüber – viel mehr als die Umrisse von Stämmen und Baumkronen war nicht zu erkennen. Wie ein dunkles Meer rauschten sie vor dem sternenklaren Himmel hin und her – ihre Äste froren sich sicher auch einen ab. So nahe bei diesem ganzen Theater zu stehen, hatte schon etwas Beunruhigendes – aber gleichzeitig fühlte es sich auch unglaublich gut an, denn in der Stadt bekam man die Kräfte der Natur viel zu selten zu spüren. Mira hetzte wie eine Verrückte durch den Schnee und kam erst nach einigen lauten Pfiffen zurück.

Ich sah noch einmal durch das Schaufenster zu Rezno hinein. Mit einem langen Handtuch, das über seiner Schulter hing, trocknete er die Gläser ab – müde, vielleicht auch ein bisschen traurig. Es fehlte einfach allen an Wärme. Für einen Augenblick gaukelte der Gedanke daran mir tatsächlich ein paar Sonnenstrahlen vor. »Was für ein Glück«, dachte ich – bei genauerem Hinsehen war es jedoch nur ein Lichtschimmer, der durch das Fenster auf den Gehweg fiel und die vereisten Granitplatten orange leuchten ließ.

»Kommst du endlich?«, rief Mill von vorn. Ich konnte ihn kaum verstehen – sie waren schon weitergegangen und rissen mich nun lauthals aus meinem kleinen Traum. »Der Wind bläst uns hier gerade die Köpfe weg!«

Mira und ich rannten los. Ihr fiel das nüchtern natürlich viel leichter. Obwohl der Sturm nun von hinten schob, war der Weg trotzdem beschwerlich, denn immer noch schwirrte mir eine Wolke aus Schnee um den Kopf und brannte in meinen Augen. Als wir die anderen fast eingeholt hatten, stellte ich fest, dass sie mittlerweile zu viert waren und an der nächsten Kreuzung warteten. Ab hier brannte um diese Uhrzeit nur noch jede dritte Laterne – so war das kurze gelbe Blinken einer Ampel die einzige Beleuchtung dieser Szenerie. Mira war ein ganzes Stück vor mir da und sprang so lange um die vier Schatten herum, bis zwei von ihnen mit ihr herumzutoben begannen.

Endlich angekommen, erkannte ich, dass es Ari war, die neben Val stand. »Was machst du denn hier?«, fragte ich erstaunt.

»Konnte eben nicht schlafen und bin rumgelaufen«, sagte sie etwas bedrückt. Ihr Trenchcoat war irrsinnig lang und wischte mit seinem Saum in Wellen über den Boden. Alles in allem sah er wie ein Morgenmantel aus.

»Geht es dir gut?«, fragte ich.

»Ach, weißt du, es ist die Stadt, die mich traurig werden lässt.« Gedankenverloren schob sie etwas Schnee mit ihrem Schuh von einer Seite zur anderen. »Wie schön es hier einmal war, und nun wird alles bis zum Ende ausgebeutet. Auch wir gehen langsam unter.« Ich vermutete, dass sie zu viel getrunken hatte und aus diesem Grund ein wenig gefühlsduselig war.

Val, die bis jetzt kein Wort gesagt hatte, schaute zur Seite und blies eine dünne Rauchfahne in den Wind. »Die schmeißen Ari tatsächlich aus ihrer Bude!«, schimpfte sie und spuckte voller Wut in den Schnee.

Ari schüttelt verzweifelt den Kopf: »Wo soll man denn hin? – Unter den Brücken findet man inzwischen auch keinen Platz mehr. Die Geldsäcke nehmen sich einfach alles, um ihre Schränke zu füllen. Eigentlich könnte man ja darauf hoffen, dass sie irgendwann voll sind, aber leider ist das Schlimmste daran, dass die gar keinen Boden haben.«

Sie sprach von der endlosen Gier der Bonzen, denen unser Viertel gerade recht kam, um sich die Taschen vollzuschlagen. Für ein paar Scheine bekamen sie die alten Buden und Brachen nachgeworfen, dann machten sie nach und nach alles platt und zogen unbezahlbare Prachtbauten in die Höhe. An einigen Ecken waren auch schon riesige Bäume und Wiesen dafür draufgegangen. Immer mehr Lücken verschwanden, alles wurde verdichtet und immer weiter aufgetürmt. Sie griffen nun nach den Gegenden, in die sich die Müßiggänger, Künstler und Gammler gerettet hatten, wo sie in verfallenen Häusern ohne Besitz lebten und trotzdem glücklich waren als eine große Gemeinschaft, die füreinander einstand und aus Ruinen ihr Zuhause geschaffen hatte. Jeder fühlte wie Ari: Der Norden, der einmal so bunt und leicht gewesen war, verlor seine Farbe und schmiss uns allmählich raus.

»Um einen Kampf werden wir nicht herumkommen«, stellte ich fest. »Die Frage ist nur, wie und wann.«

Ari stimmte mir zu: »Die Hauptsache ist doch, sich nicht zu ergeben – das macht es aus. Selbst wenn wir verlieren, wird man noch Jahre später an uns denken.« Dann schaute sie nach unten und sagte müde: »Aber was kann ich schon dazu beitragen, mit den schwachen Armen?« Diese Frage stellten sich viele und aus Mangel an Antworten oder Plänen versackten sie lieber – so auch meine Clique.

Ich sah zu den anderen, die ausgelassen mit dem Hund durch den Schnee tollten. Ihnen fiel das Verdrängen leichter – eine Gabe, um die man sie fast beneiden konnte. Mill hob Lara auf seinen Rücken und schlitterte mit ihr über die blanke Mitte der Kreuzung. Dabei sprang Mira ständig von der Seite an seinem Bein hoch, fast wären sie umgefallen.

Val lachte und versuchte damit, Ari ein bisschen von ihrer Angst zu nehmen. »Keine Sorge!«, rief sie, »schau doch, wie viele wir sind: Da hat immer jemand ein Bett übrig. So kommt man auch über die Runden und findet einen Platz zum Schlafen – selbst wenn es Laras Badezimmer ist.« Sie strich mit der Hand über Aris Rücken und kramte gleichzeitig mit der anderen Hand in ihrer Tasche. Kurz darauf kam daraus eine kleine Flasche Parfait Amour zum Vorschein. »Schaut her, das macht selig«, rief sie voller Freude, »und später wird es uns obendrein noch schön träumen lassen.«

Jeder zog seinen Schal unter das Kinn und nahm einen Schluck. Es schmeckte wunderbar süß, nach Blumen und Sommer. Langsam floss die Wärme in unsere Bäuche. Für einen kurzen Moment dachte ich an die herrlich warmen Strände der Westküste, die man leider viel zu selten sah. So wie es schien, machte sich dieses wohlige Gefühl auch bei Ari breit: Mit einem winzigen Lächeln leckte sie den klebrigen Likörrest von ihren Lippen. Wir waren wie Kinder: Die brauchen auch nicht mehr als eine Umarmung, liebe Worte und etwas Zucker. Wenig genügte, um uns alle glücklich zu machen.

»Seht ihr, wie gut der tut?«, flüsterte Val von der Seite. »Ich habe immer eine Flasche dabei, gerade jetzt.«

Plötzlich hallte ein lautes Kreischen über die Kreuzung. Die zwei Verrückten hatten es mal wieder übertrieben und rutschten in diesem Moment unaufhaltsam in Richtung Gehweg. Mill versuchte, das Gleichgewicht zu halten, aber Lara hatte sich von hinten ängstlich um seinen Kopf geklammert. Anscheinend hielt sie ihm die Augen zu, denn keiner würde bei dieser Geschwindigkeit absichtlich so zielstrebig auf den Bordstein zusteuern. Im nächsten Augenblick sahen wir hilflos mit an, wie die beiden an der Kante hängenblieben und mit viel Glück kopfüber in einem Schneehaufen landeten. Noch ein letztes Quieken, dann wurde es still. Ich machte mir allerdings keine wirklichen Sorgen, denn immerhin schauten noch vier wild hin und her zappelnde Beine heraus. Mira sprang aufgeregt herum und bellte.

Als wir hinübergerannt waren, stand Mill schon wieder aufrecht und zog Lara gerade an den Füßen heraus. Während sich beide gegenseitig den Schnee von den Mänteln klopften, konnten wir nicht aufhören zu lachen. Unsere Gesichter waren knallrot.

»Was für eine Fahrt!«, brüllte Mill übermütig. »Habe ich nicht auch mit zugehaltenen Augen noch fabelhaft gelenkt? Wir hätten es schlechter treffen können!«

»Wirklich?«, rief Lara genervt. »Der verdammte Schnee ist mir in jede Ritze gekrochen und läuft gerade über meinen Rücken bis in die Unterhose!« Sie versuchte, ein Taschentuch unter den Mantel zu schieben, um sich damit abzutrocknen. Ihre Verrenkungen sahen ziemlich lustig aus; keine Frage, wir hatten unseren Spaß.

Mill machte einen auf Draufgänger: Mit Schwung griff er Lara bei den Hüften, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und fragte überschwänglich: »Soll ich dir diese Nacht etwas von meiner Wärme abgeben?«

»Hau bloß ab«, entgegnete sie bockig und stieß ihn zur Seite. »Da schmeißt du mich nur in den nächsten Schlamassel rein.« Natürlich war das kein wirklicher Streit – sie musste die Gekränkte spielen, um ihr Bild der »Unnahbaren« aufrechtzuerhalten. Ich fragte mich, wer das glauben sollte, denn ihrem Blick nach fiel es ihr unglaublich schwer, Mills Vorschlag abzulehnen.

Bevor wir uns verabschiedeten, rauchten wir noch eine von Laras Gitanes. Eigentlich waren mir diese kurzen »Braunen« immer ein bisschen zuwider gewesen, aber ich mochte das dunkelgelbe Maispapier, in das sie gedreht waren. Zum Abschied umarmten wir uns, drückten die kalten Wangen gegen noch kältere Ohren und wünschten einander schöne Träume.

Lara und Ari hatten den gleichen Weg und gingen Arm in Arm zur Haltestelle. Vielleicht blieben sie auch heute Nacht beieinander – für Ari wäre es nicht das Schlechteste, und so hätte Mills Rausschmiss auch etwas Gutes gehabt. Ich drückte ihnen die Daumen, dass der Nachtbus pünktlich käme.

Der übliche Rest – also Val, Mill, die unbändige Mira und ich – ging zu Fuß. Unser Weg führte in die entgegengesetzte Richtung, nach Osten, und nur eine Seitenstraße weiter. Wir liefen auf einer gestreuten Sandspur in der Straßenmitte und hatten die Ampel nun im Rücken. Sie ließ unsere Schatten für die Länge eines Blinkens aufleuchten – drei Gestalten, aufgelöst in schmale Flächen und wie die Gitanes von einem ockerfarbenen Schein umhüllt. »Man könnte uns rauchen«, dachte ich, vermutete aber, dass wir mit all unserer Schwermut dem schwarzen Tabak der Gitanes in nichts nachstünden und für die meisten zu stark wären. Miras kleiner Schatten zuckte munter am Rand hin und her, ich warf ihr ein paar Schneebälle zu und vor Freude quietschend konnte sie es kaum erwarten, ihnen hinterherzurennen und danach zu schnappen.

Als alle zu Matsch zerkaut waren, wurde es still. Keiner sagte etwas, das wenige Knirschen des schon flachgefahrenen Schnees unter unseren Schuhen verklang und der Wind hatte sich runter zum Fluss verzogen. Da hätte er von mir aus bis zum Frühjahr bleiben können.

Ich grübelte über Ari und ihre Sorgen nach. Das Bild von bodenlosen Schränken, die niemals voll genug sein würden – damit brachte sie es auf den Punkt. Das Weglaufen blieb unser einziger Ausweg – nur an anderen Orten gab es noch Hoffnung auf ein freies Leben. Es war also an der Zeit, nach einer neuen Heimat Ausschau zu halten. Allerdings machten wir es den schlechten Menschen so recht einfach, sich alles ohne großen Aufriss unter den Nagel zu reißen.

Als hätte Mira meine Gedanken gelesen, trabte sie auf einmal zielstrebig mit flach gesenkter Nase über den Boden. Vielleicht wollte sie uns dabei helfen, eine neue Bleibe zu suchen? »Schön wäre es schon«, dachte ich, »aber das nächste Stadtkaninchen würde dich wohl ziemlich schnell überzeugen, lieber hinter ihm her zu jagen.« Der Grund für ihr Schnüffeln war einfach: Sie wusste, dass wir fast zu Hause waren, und wollte so schnell wie möglich in ihr warmes Bett. An der nächsten Kreuzung blieb sie stehen und schaute ungeduldig in unsere Richtung.

Auf der linken Seite erkannte man schon die Umrisse des Strahlbads, das unerschütterlich wie ein schlafender Riese in die Nacht ragte. Es war ein gewaltiges Gebäude, mit flachem Dach und kleinen schmalen Fenstern, dessen Außenwänden jeder Schmuck fehlte. Die dunkelbraune Fassade verschluckte jedes Licht, das ihr zu nahe kam – selbst der Schein der Straßenlampen verschwand in ihr. Vier Säulen stützen das ausladende Vordach, unter dem eine breite Treppe zum Eingang führte. Sie ließen das Ganze wie einen Tempel aussehen. An den Seiten stiegen aus kurzen Rohren Dampfsäulen nach oben und je näher man kam, umso mehr roch es nach Reinigungsmittel und Schimmel.

»Ha, seht ihr – das verdammte Bad raucht wieder!«, rief Val lachend. »Was meint ihr, hat es genug Kohle für Gekaufte oder muss es wie wir selber drehen?«

Mill blieb stehen und hielt grübelnd eine Hand unter sein Kinn. »Wenn du mich fragst, ist das Strahlbad ein Rüpel! Es klaut sich einfach die Kippen von den alten Häusern. Wer nicht mitmacht, bekommt ein paar auf die Ohren.« Dann zeigte er auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo die gute alte Großbäckerei friedlich aus zwei hohen Schornsteinen vor sich hin paffte.

Niemand in dieser Gegend mochte das Strahlbad – zu viele schlechte Absichten steckten in diesem Klotz aus grobem Beton. Nur ein paar Jahre bevor wir zusammenzogen war es gebaut worden und hatte erstmals die Willkür der Reichen offenbart: Denen genügten die mickrigen Mieten, die sie für Altbauten verlangen konnten, schon damals nicht mehr. Man überlegte sich also eine neue Ungerechtigkeit und beschloss, Wasser nur noch auf Zuteilung und in begrenzten Mengen an die Bewohner auszugeben. Außerdem ließen sie aus allen Badezimmern die Wannen herausreißen. Jeder Wohnung wurde nun ein Wochentag zugeteilt, an dem es Wasser gab – uns hatte man den Freitag gegeben. Die Klempner kamen jeden Morgen, gingen in den Keller zum Absperrraum, der hinter dicken Stahltüren lag, und drehten die Ventile auf. Nach einer bestimmten Menge schlossen die sich wieder von allein. So mussten alle, die an einem anderen Tag frisches Wasser oder überhaupt baden wollten, ins Strahlbad gehen. Dort verlangte man einen Fünfer Eintritt – eine ganze Menge Geld! Dafür gab es auch reichlich Brot, Butter und ein paar Bier. Den Läden hatten sie im Übrigen auch verboten, Wasser zu verkaufen. Einige sammelten den Regen, wenn er in Strömen aus den kaputten Dachrinnen tropfte, und die meisten füllten am Wassertag alle möglichen Eimer und Flaschen, um damit eine Woche lang über die Runden zu kommen.

Die Rechnung der Vermieter ging trotzdem auf – binnen kurzer Zeit hatte das Strahlbad ihnen wieder Gewinn beschert. Uns machte es das Leben ein ganzes Stück schwerer. Man fühlte sich ihrer Selbstsucht völlig ausgeliefert – immer in der ständigen Ungewissheit, was als nächstes kommen würde.

Aber manchmal ist der glückliche Zufall doch größer als gedacht und bringt auch den Kleinsten etwas. Zwar konnten wir den Wassermangel nicht umgehen, aber mit der anderen Sache wurden wir fertig: Im Abrissrausch hatten sie eine Wanne vergessen. Ob mit Absicht oder nicht, das war egal – jedenfalls hütete unser Badezimmer den vielleicht besten Schatz des Viertels. Nur gute Freunde und die Bewohner aus dem Haus wussten davon. Vor den Vermietern brauchten wir keine Angst zu haben, denn die ließen sich so gut wie nie blicken, außer man zahlte die Miete nicht pünktlich. Natürlich hätten Val, Mill und ich dieses Kleinod geheim halten können, aber so lief es hier nicht: Man stand zusammen, war füreinander da und teilte das Wenige mit einem Lächeln noch einmal.

So machten wir den Freitag kurzerhand zum Badetag für alle. Wer kommen wollte, musste seinen Namen bis Donnerstag auf einen Zettel im Hausflur schreiben, und es kam eine Menge Leute. Leider wurde das Wasser nicht mehr und konnte deshalb nur einmal gewechselt werden – den Rest brauchten wir für unseren Wochenvorrat. Natürlich wollte niemand gerne der Letzte in der Wanne sein und im Dreck aller anderen baden. Damit es fair blieb, losten Val und ich am Vorabend die Reihenfolge aus. Dazu schrieben wir alle Namen auf kleine Zettel, legten sie im Kreis aus und drehten in der Mitte eine Flasche. So bekam jeder seinen Platz, ganz ohne zu schummeln.

Gegen acht Uhr morgens kam das Wasser. Mill begann schon zwei Stunden vorher, wie ein Verrückter den Badeofen anzufeuern. Mit fast kindlicher Freude schob er eine Kohle nach der anderen hinein und rief dabei: »Volle Kraft voraus! Wenn ich so weitermache, fährt die Wanne aus eigener Kraft über die Straße bis zum Fluss.« Er sah aus, als wäre an ihm ein echter Heizer verloren gegangen. Das Ganze ging so lange, bis das Ofenrohr glühte und sogar der Dampf daran zu neuem Dampf verpuffte. Eine unfassbare Hitze waberte dann im Bad vor sich hin, denn ein Fenster gab es nicht.

Den Kessel hatten wir so umgebaut, dass man über einen Metalltrichter auch von der Seite Wasser nachfüllen konnte. Jeder goss, wenn er fertig war, immer wieder etwas aus der Wanne hinein. So gab es für den nächsten auf jeden Fall genug Warmwasser, obgleich es dadurch natürlich nicht sauberer wurde. Das machte uns nichts – alles war besser, als sein Geld im Strahlbad zu verschleudern!

Außerdem waren die Freitage immer wieder ein wahres Fest: Nacheinander schlugen Freunde und Hausbewohner auf und brachten Wein, Essen oder ein paar Kohlestücke als kleine Bezahlung mit. Jeder hatte schon das Wochenende im Kopf und war gut gelaunt. Oft waren es so viele Leute, dass man gar nicht mehr wusste, wer mit wem gekommen war. Ich wurde nie müde, immer wieder daran zu erinnern, kein Wort über unseren Badetag zu verlieren. Egal ob Kinder, Mütter, Gammler oder Künstler – alle bekamen nach einer Weile wunderbar gerötete Wangen, entweder von der unglaublichen Wärme oder vom Fusel. Letzteren verteilte Mill in großen Schwüngen den ganzen Tag lang und bis zum Nachmittag war alles und jeder zu einer furiosen Masse verschmolzen, die sich schwofend und zappelnd durch die Räume wälzte. Dann drehte Mill erst richtig auf und gab auf unserem Küchentisch den singenden Tambourmeister. An diesem Tag hatte man gewonnen und jeglichen Gram einfach herausgeschwitzt – ein kleiner Sieg, den keiner auf der Straße zu sehen bekam, der aber unter dem Dach unendlich groß erschien.

Damit alles so blieb und niemand unser Geheimnis erfuhr, öffneten wir nur die Fenster zum Innenhof. Das brachte allerdings fast nichts und so blieb der Dunst in seiner Hartnäckigkeit einfach im Flur stehen. Die Scheiben waren noch bis zum nächsten Morgen beschlagen und sabberten dicke Wassertropfen auf die Fensterbretter. Ich war immer traurig, wenn ich darüberwischte, denn nun würde es wieder eine Woche dauern, bis diese wunderbare Gemeinschaft durch das Dachgeschoss flöge. Meistens hatte eine Handvoll Glut in der Resthitze des Badeofens die Nacht überlebt und wärmte im Herd zum verkaterten Morgen dann den ersten Kaffee.

Val machte einen Schneeball und warf ihn zischend über den Zaun in Richtung Strahlbad. »Ich hasse dich, du Fatzke!«, rief sie wütend hinterher. »Nicht nur das, für was du stehst, sondern auch deine elende Fresse: deine unverschämte Höhe, mit der du unserem Spielplatz schon ab Mittag die Sonne nimmst!« Etwas außer Atem stellte sie ihre Arme in die Hüften. »So ist es doch! Im Sommer leuchtet die Kreuzung noch ewig in den Abend, nur auf den Bänken ist es schon dunkel!«

Unser Haus lag direkt gegenüber. Von der Küche konnte man durch die Bäume hinab zum Park sehen, auf den das Strahlbad einen fast ewigen Schatten warf. Das grüne Fleckchen war eine eigene kleine Welt, in der sich Nachbarn und Vorbeigehende trafen, wo sie feierten oder schlicht etwas Zeit miteinander teilten. Ich verbrachte unzählige Stunden auf unserem Fensterbrett, Kaffee trinkend, die Beine angewinkelt und den Rücken fest an die Laibung gelehnt, und beobachtete das bunte Gewusel. Ein wunderbar lebendiger Lärm zog durch die Straße, wenn die Kinder kreischend über die Klettergerüste sprangen. Den Streben hatte der Rost schon ordentlich zugesetzt, aber mit ein bisschen Fantasie gaben die abgewetzten Dinger immer noch eine Eisenbahn oder Ritterburg ab. Wie ein Sturm schraubte sich das Geschrei durch die Kronen der Platanen nach oben, als könne nichts es aufhalten.

Auf den Bänken am Rand saßen die Mütter und Künstler, schliefen ein paar Trinker. Man erzählte sich die neuesten Geschichten und trank dabei Kaffee oder Whisky aus Blechkannen. Die Schriftsteller hofften auf den Durchbruch und kritzelten wie wild auf ihren Notizblöcken herum; versuchten, alle Bilder und Stimmungen so gut es ging festzuhalten. Vielleicht landete der ein oder andere, ohne dass er es wusste, so für immer in ihren Geschichten. Wer seine Ruhe haben wollte, ging zur Stadtbibliothek gleich nebenan und legte sich anschließend mit Dostojewski auf den Rasen, um sich daran die Zähne auszubeißen. Die Clique und ich hatten unzählige Wochenenden da unten verbracht. An warmen Tagen schien es, als wäre dieser Platz eine eigene Stadt, die im fiesen Blick des Strahlbads trotzig ihren Spaß hatte und sich einen Dreck um Geld oder die Bonzen scherte. Wenn es heiß genug war, entzündeten sich manchmal die Kohlen von selbst, die hinter dem Strahlbad zum Beheizen der Kessel unter großen Planen lagerten. Das ganze Viertel roch dann wie im Winter und für die Kinder war es ein Riesenspaß, weil die Feuerwehr am Schluss dann auch sie mit Löschwasser nassspritzte.

Mit all diesen wunderbaren Bildern im Kopf sah ich sehnsüchtig zur anderen Straßenseite hinüber, während Mill die Haustür aufschloss. Der Park hielt Winterschlaf und alles, was auf der kargen Wiese herumlungerte, waren Laub und die widerlich leblose Stille des Februars. »In spätestens zwei Monaten ist es wieder unser Platz!«, drohte ich dem Winter.

Mit einem Ruck sauste die Tür in den dunklen Hausflur. »Ich finde schon wieder den verdammten Lichtschalter nicht«, lallte Mill, und stieß gegen ein Fahrrad.

»Taste dich doch an den Briefkästen vor«, zischte Val ihn an. Das war nicht der beste Ratschlag, denn nun schlug Mill im Gehen mit einer Hand gegen die Blechtüren – vermutlich hatte dieser Lärm jetzt auch die letzten im Haus munter gemacht.

Es dauerte eine Weile, bis das Relais endlich klickte. Vom ersten Stock fiel nun etwas Licht über die Stufen in den unbeleuchteten Eingang. Mira rannte vornweg; wir schlichen, so gut es in unserem Zustand noch ging, hinterher und hofften, nicht noch Schläge von schlaftrunkenen Müttern zu kassieren.

Das Dachgeschoss war ordentlich durchgewärmt und roch nach Kohl und Steckrüben. Val hatte am Nachmittag für alle eine herrliche Suppe gekocht. Mill sagte immer: »Zu dieser Jahreszeit ist ein warmer Bauch die einzige Wahrheit.« Das stimmte – denn wenn der zufrieden war, dann galt dies auch meist für den Kopf. Das Beste an Vals Eintopf waren die Backpflaumen, die sie am Ende hineinschnitt. Kaum zu glauben, aber ihre schwarze, herbe Süße passte perfekt zum Gemüse, das eine Menge erdige Würze vom Winter in sich trug. Und im Mund wurde alles zusammen dann zu einer Sensation.

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