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Die Mär vom interkulturellen Lernen

„Die ganze Kultur ist eine große, endlose Zusammenarbeit“

August Strindberg (1849 – 1912)

Inhalt

Vorwort

Die Fiktion vom interkulturellen Lernen

Die Frage nach der Herkunft

Pluralität: das schmerzhafte Erleben von Komplexität

Zielgruppenadressierung beim interkulturellen Lernen

Interkulturalität in der betrieblichen Aus- & Weiterbildung

Unterschied. Ein normativer Blick auf interkulturelle Bildung

Prolog: Eine Zugfahrt nach Köln

Vorwort

Die Mär! Halten Sie etwa eine seltsame, unglaubwürdige Geschichte oder gar einen unwahren Bericht in Ihren Händen? Die Mär, das ist doch so etwas wie Fake News früherer Zeiten.

Ich habe diesen Titel gewählt, weil dieses Buch interkulturelles Lernen kritisch betrachten möchte. Als interkultureller Trainer, weiß ich, dass (trotz vieler hervorragender Formate) manches, was unter dem Label interkulturelles Training nachgefragt und angeboten wird, nicht zu einem Verständnis von Kultur beiträgt, sondern bestenfalls als Landeskunde angesehen werden kann. Im schlimmsten Fall können solche Trainings sogar Stereotype und Vorurteile verstärken.

Kultur ist ein sich wandelndes Konstrukt, gerade in der deutschen Gesellschaft erleben wir dies. Die Idee der „Leitkultur“ mag manchem Menschen interessant erscheinen, sie ist aber nicht mehr als eine leere Parole. Ich erlebe häufig ein Verständnis von Interkulturalität, das diese als das Aufeinandertreffen solcher Leitkulturen begreift. Wo Menschen miteinander leben, ist es jedoch grundsätzlich viel komplexer. In unserem Land begegnen sich dutzende, nein hunderte, verschiedene Wurzeln, aus denen eine Gesellschaft wächst. Kultur kann dabei als der Versuch verstanden werden, Antworten darauf zu geben, wie sich Gesellschaft organisiert – es ist ein an den Praktiken der Menschen orientiertes Konzept.

Dieses Buch enthält im Wesentlichen Beiträge, die ich im vergangenen Jahr auf verschiedenen Blogs veröffentlich habe, einige neu für dieses Buch geschriebene Gedanken sowie eine überarbeitete Studienarbeit, die viel über interkulturelle Kompetenz zu berichten hat. Das Buch darf dabei bruchstückhaft bleiben, es soll zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Wenn es mir gelingt, die ein oder andere „alte Mär“ als überholte oder unwahre Vorstellung über interkulturelles Lernen zu entlarven: wunderbar!

Vergessen wir dabei nicht, dass es auch den Begriff „gute neue Mär1“ gibt. Diese gute Botschaft möchte ich ebenfalls transportieren: Unsere heterogene, plurale und diverse Gesellschaft hat interkulturelle Kompetenz nötig, vielleicht dringender als je.

 

Happurg, im Frühjahr 2021
Oliver Kustner

1 Im Weihnachtslied Vom Himmel hoch verwendet Martin Luther das Wort Mär im Zusammenhang mit der guten Nachricht von der Geburt Jesu Christi

Die Fiktion vom interkulturellen Lernen

Dieser Beitrag erschien im Februar 2020 in leicht gekürzter Fassung unter dem Titel „Die Fiktion vom interkulturellen Lernen oder die Geschichte einer Schlüsselqualifikation, die nicht aufschließt“ auf publikum.de

Internetadresse: https://publikum.net/die-fiktion-vom-interkulturellenlernen/

Interkulturelle Kompetenz: die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts! So oder so ähnlich kann man es immer wieder lesen. In der Tat klingt es zunächst einleuchtend, dass in einer globalisierten Welt mit ihren eng verflochtenen Wirtschaftsbeziehungen die Fähigkeit zu interkultureller Kommunikation ebenso eine wichtige Kompetenz darstellt, wie in einer Gesellschaft, die zunehmend als Migrationsgesellschaft gesehen wird. In zahlreichen interkulturellen Trainings wird deswegen mit verschiedenen Ansätzen versucht, diese sagenhafte interkulturelle Kompetenz zu lehren. Im Allgemeinen verbleiben allerdings Definitionsversuche, was interkulturelle Trainings ausmacht.

Kinast (2003) fasst darunter alle Maßnahmen, „die eine Möglichkeit zum interkulturellen Lernen bieten und zum Erwerb interkultureller Handlungskompetenzen beitragen“. Der Schweizer Psychologe und Kulturwissenschaftler Jürgen Straub kritisiert interkulturelle Kompetenzmodelle, da diese für ihn

ausnahmslos eher mit einem etwas vagen Begriff zu tun haben, mit einer bunten Menge schöner und guter Attribute, die sich in einer Person ein willkommenes, rundum erfreuliches Stelldichein geben (Straub, 2018.

Von der Interkulturalität zur Transkulturalität einer postmigrantischen Gesellschaft

Man kann zum einen die Sehnsucht feststellen, die gerade bei Wirtschaftsunternehmen verbreitet ist, im Ausland tätige Mitarbeitende interkulturell zu schulen, vielleicht sogar mit der heimlichen Idee die „Kenntnis der Fremdheit und Andersartigkeit des anderen dafür auszunutzen, ihn gezielt mit seinen kulturellen Schwächen zu besiegen“ (Schließmann 2014). Dies führt dann meist zu einem Knigge-artigen Vorgehen. Zum Hauptziel wird es dabei, den Tritt in die Fettnäpfchen kultureller Andersartigkeit zu vermeiden. Es geht dann beispielsweise darum, Begrüßungsrituale zu lernen oder sich die Grundzüge einer "Kulturgrammatik" anzueignen. Dies ist zum einen zwar punktuell sinnvoll, jedoch zutiefst unterkomplex, denn man wird über ein holzschnittartiges Verständnis der jeweiligen Kultur nicht hinauskommen. Die tatsächlichen Kommunikationsprobleme interkultureller Begegnung werden dabei nur angekratzt und Lösungen vorgegaukelt. Das verhält sich in etwa so, wie der Versuch eine "deutsche Leitkultur" zu beschreiben. Was zunächst klar und deutlich erscheint, wird bei näherer Untersuchung ungreifbar, unscharf und von der jeweiligen Meinung des Betrachters abhängig. Nicht nur in einer sehr pluralen Gesellschaft wie der deutschen ist es kaum möglich mit Kulturstandards zu arbeiten. Zu plural, zu heterogen, zu vielfältig ist das Zusammenleben von Menschen. Und so hangeln sich viele interkulturelle Trainings an vermeintlichen Differenzlinien entlang und versuchen das Eigene vom Fremden zu unterscheiden. Sie eint, dass durch die Zuschreibung einer vermeintlichen Kultur des Anderen gesellschaftliche Ausschlüsse kulturalisiert werden (Knappik und Mecheril 2018). Letztlich konstruieren Sie Andersartigkeit und bestätigen so eine institutionelle Diskriminierung von Migrant*innen aufgrund ihrer kulturellen Zugehörigkeit (Nohl 2006) und lassen sich auf die Schlagworte Defizit, Differenz und Diskriminierung (ebd.) reduzieren.

Gerade im Blick auf die deutsche Binnengesellschaft ist dieses Verständnis von Interkulturalität gefährlich. Eine deutlich andere Perspektive wählt man, wenn man sich an dem von Welsch (1997) geprägten Begriff der Transkulturalität orientiert, der Kultur als veränderbares und durchdringendes Konstrukt beschreibt. Ausgangspunkt seines Konzepts sind drei Kritikpunkte am von ihm klassisch genannten Kulturbegriff: die behauptete Homogenität und Einheitlichkeit der Kultur (diese gelte empirisch gerade heute unter Bedingungen von allseitiger und vielfältiger Grenzüberschreitung nicht), die „völkische“ Fundierung von Kultur und schließlich die begriffsarchitektonisch für den Erhalt der Einheit der (eigenen) Kultur erforderlichen Imagination des Außen und des Fremden (das in der Logik des klassischen Kulturverständnisses ebenfalls homogen und „völkisch“ fundiert gedacht werde und werden müsse). „Zusammengefasst: Das klassische Kulturmodell ist nicht nur deskriptiv falsch, sondern auch normativ gefährlich und unhaltbar. Der Abschied von diesem Konzept ist in jeder Hinsicht angezeigt. Heute gilt es, die Kulturen jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur zu denken“ (ebd.) und somit nicht mehr vom Aufeinandertreffen in sich abgeschlossener kulturell geprägter Gruppen auszugehen. Wenn Multikulturalität ein Konzept ist, dass das Bild einer additiven Pluralität befördert, Interkulturalität hingegen das Bild interagierender Pluralität, dann verweist Transkulturalität etwa im Ansatz der transkulturellen Pädagogik auf sich überlagernde Pluralität. (Mecheril 2020). Diese wird mit der in jüngster Zeit diskutierten postmigrantischen Perspektive (Foroutan 2018) deutlich, in der eine Gesellschaft beschrieben wird, die durchdrungen ist von Erfahrungen nach Migration.

Konsequenzen für den betrieblichen Weiterbildungsbedarf

Für den Weiterbildungsbedarf in Unternehmen ergeben sich nun zwei Konsequenzen. Zum einen darf es nicht mehr in erster Linie um den interkulturellen Umgang, also die Begegnung zwischen zwei feststehenden Kulturen gehen. Im internationalen Kontext gilt dies, weil man sich im Businesskontext meist in einer internationalen hybriden Wirtschaftskultur bewegt. Noch stärker wird diese Hybridität in der deutschen Binnengesellschaft mit ihrer Migrationsgeschichte deutlich. Im Mittelpunkt der Diskussion kann nicht mehr das Aushandeln zwischen den Kulturen, sondern der Umgang mit Ambiguität und Hybridität (Foroutan 2015) stehen. Im Zuge des postmodern turn stehen Ambiguität und Hybridität für eine Abkehr vom binären Code der Moderne. Wurde bisher Identität aus einer eindeutigen Zuordnung zu einer Gruppe abgeleitet, werden Identitäten in der Postmoderne mehrfach und multipel gedacht (ebd.). Eine interkulturelle Pädagogik steht dann vor der Herausforderung, wie sie statische Ansichten auf identitäre Kernnarrationen wie Kultur oder Nation mit den damit einhergehenden Exklusionsmechanismen überwindet statt bestärkt, durch die Menschen mit Migrationshintergrund die fraglose Zugehörigkeit und Authentizität verwehrt wird, wenn sie durch äußere Zuschreibung als nichtdeutsch gesehen werden, was immer „Deutschsein“ heutzutage auch sein mag (Foroutan 2010).

Es ist zu berücksichtigen, dass der Begriff Nation relativ jungen Ursprungs ist, der erst im Zuge der Aufklärung entstanden und in Deutschland während der napoleonischen Kriege an Bedeutung gewonnen hat. Anderson definiert eine Nation als „eine vorgestellte politische Gemeinschaft, vorgestellt als begrenzt und souverän“ (Anderson 1988). Er weist damit auf den Umstand hin, dass sich selbst die Mitglieder der kleinsten Nation nicht alle persönlich kennen, sondern lediglich, was außergewöhnlich genug ist, in ihren Köpfen eine Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert. Diese Vorstellung oder Konstruktion bezieht sich einerseits auf eine Nation, vorgestellt als begrenzt, also als ein System von Grenzen sowie von Freiheiten, einer Nation, vorgestellt als souverän. In einer diverser werdenden Gesellschaft stellt sich zunehmend die Frage, welche Vorstellungen von Gemeinschaft vorstellbar und erstrebenswert sind. Die von Anderson beschriebene Brüderlichkeit, also die begrenzte Vorstellung von Nation als kameradschaftlichen Verbund von Gleichen, der unabhängig von realer Ungleichheit und Ausbeutung existiert und für den in den vergangenen zwei Jahrhunderten Millionen von Menschen töteten und bereitwillig gestorben sind (ebd.), kann es in der heutigen Zeit hoffentlich nicht sein.

Die zweite Konsequenz ist, dass eine Reduktion der Ziele einer interkulturellen Fortbildung angebracht zu sein scheint, denn diese skizzierte gesellschaftliche Perspektive erscheint für die betriebliche Weiterbildung zu groß zu sein. Dabei ist die Lösung relativ einfach: statt eine Schulung interkultureller Kompetenz zu versuchen, geht es darum allgemeine Handlungskompetenz in den Mittelpunkt zu stellen. Interkulturelle „Kompetenz“ (von lat. competere: „zusammenbringen“) ist keine fünfte Kompetenz neben Personalkompetenz, Sozialkompetenz, Fachkompetenz und Methodenkompetenz, sondern das Zusammenspiel affektiver, kognitiver und konativer Komponenten (Bolten 2018). Immer wieder als signifikant beschriebene Merkmale interkultureller Kompetenz wie Empathie, Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz oder (Meta-) Kommunikationsfähigkeit bestimmen ausnahmslos auch den Handlungserfolg in Kontexten, die nicht durch kulturelle Überschneidungssituationen gekennzeichnet sind und sollten dementsprechend auch nicht als interkulturell bezeichnet werden (Bolten 2011). In der Konsequenz dieser Überlegungen kann demnach nicht darum gehen, interkulturelle Kompetenz als eigenständigen, fünften Teilbereich von Handlungskompetenz zu etablieren, sondern um die Realisierung eines kontextangemessenen Zusammenspiels in Form einer „Transferkompetenz“ (ebd.) aus persönlichen, sozialen, methodischen sowie sachlichen und fachlichen Handlungskompetenzen.

Kompetenz in Zeiten digitaler Transformation, Mediatisierung und New Work

Zusammenfassend geht es also darum, allgemeine Handlungskompetenzen zu schulen und zu trainieren und diese in ein Interdepenzverhältnis zu Kultur zu stellen. Individuelle, soziale, fachliche und strategische Fähigkeiten finden eben auch, aber nicht nur, in einem interkulturellen Kontext Anwendung. Die ethnisch-kulturelle Prägung ist dabei ein (nicht unbedeutender) Teil der Sozialisation, ebenso wie z.B. Geschlecht, Religion, Generation, die regionale Herkunft aus einem urbanen oder ländlichen Raum und viele weitere prägende Einflüsse. Mit diesem Verständnis kann das Bewusstsein für interkulturelle Kommunikation aus der ethnischen Falle befreit werden und eine hilfreiche Kompetenz für moderne Fragestellungen entwickelt werden, die gerade im Zuge kultureller Veränderungen - Stichworte digitale Transformation, Mediatisierung, New Work - dringend notwendig sind. Das erfordert eine Abkehr vom Wunsch nach einfachen, rezeptartigen Lösungen in der Fort- und Weiterbildung und eine Hinwendung zur Einsicht, dass komplexe Fragestellungen auch eine komplexe Problemlösung erfordern.

Literaturverzeichnis

Anderson, B. (1988). Die Erfindung der Nation: zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts. Campus Verlag, Frankfurt/M.

Bolten, J. (2011). Unschärfe und Mehrwertigkeit. "Interkulturelle Kompetenz" vor dem Hintergrund eines offenen Kulturbegriffs. In W. Dreyer & U. Hößler (Hrsg.), Perspektiven interkultureller Kompetenz: mit 11 Tabellen. (S. 55–70). Göttingen [u.a.]: Vandenhoeck & Ruprecht.

Bolten, J. (2018). Einführung in die interkulturelle Wirtschaftskommunikation (utb Wirtschaftswissenschaften, Interkulturelle Kommunikation, 2922. Wirtschaftswissenschaften, Interkulturelle Kommunikation). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Foroutan, N. (2010). Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. APUZ - Aus Politik und Zeitgeschichte, 2010(46/47), 9–15.

Foroutan, N. (2015). Die postmigrantische Gesellschaft, Bundeszentrale für politische Bildung. Die Einheit der Verschiedenen: Integration in der postmigrantischen Gesellschaft.

Foroutan, N. (2018). Die postmigrantische Perspektive. Aushandlungsprozesse in pluralen Gesellschaften. In M. Hill & E. Yıldız (Hrsg.)

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