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Die Männer der McKettricks (3-teilige Serie)

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Lael Miller

Die McKettricks 1:
So frei wie der Himmel

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Katja Henkel

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1. KAPITEL

Das Land der McKettricks, dachte Cheyenne Bridges.

Sie stand neben ihrem Mietwagen auf dem Seitenstreifen und schirmte ihre Augen mit einer Hand gegen die Sonne ab. Aus weiter Ferne schienen leise Trommelschläge an ihr Ohr zu klingen. Cheyenne dachte an eine Zeit, die sie gar nicht kannte.

Eine Zeit, als nur der Große Geist Anspruch auf diese Täler und Berge erhoben hatte. Ihm allein gehörten damals der gewölbte blaue Himmel, die rote Erde, die weit verstreut stehenden Weißeichen, Joshuabäume und Gelbkiefern.

Erst Angus McKettrick und andere ebenso unerschrockene wie arrogante Pioniere zäunten diese Tausende von Quadratkilometern im neunzehnten Jahrhundert ein. Sie setzten ihre Namen unter Dokumente und trieben Viehherden auf das Land. Sie gruben Brunnen und rangen dem steinigen, mit Disteln überzogenen Boden Leben ab. Der alte Angus hatte seinen Kindern und Kindeskindern diesen kühnen Besitzanspruch weitervererbt, über Generationen hinweg.

Die McKettricks für immer und ewig, amen.

Cheyenne biss sich auf die Unterlippe. Ihr Handy, das im Wagen auf dem Beifahrersitz lag, klingelte – wieder Nigel. Sie ignorierte das beharrliche Klingeln, bis es verstummte, obwohl sie wusste, dass die Ruhepause nicht lange anhalten würde. Die Landschaft, die sie so gut kannte, berührte ihr Herz. Tief in ihr wuchs eine längst verschollen geglaubte Ahnung.

Ein bittersüßes Gefühl stieg in ihr auf, eine Mischung aus Einsamkeit und Heimweh und noch mehr, was sie nicht benennen konnte. Vor Jahren hatte sie sich geschworen, nie mehr zurückzukehren.

Jesse McKettrick nie mehr wiederzusehen.

Und jetzt zwang das Schicksal sie auf unnachahmliche Weise, beides zu tun. Sie seufzte. Ein alter Pick-up fuhr laut hupend an ihr vorbei, sentimentale Countrymusik drang durch die offenen Fenster. Auf dem Aufkleber, der an der Stoßstange flatterte, stand „Rettet die Cowboys”.

Cheyenne winkte, wobei sie sich in ihrem eleganten schwarzen Designerkostüm und den hohen Schuhen ein wenig unbehaglich fühlte. Hier trug man Stiefel und Jeans. Sie würde auffallen wie ein bunter Hund.

Willkommen zu Hause, dachte sie verdrossen.

Das Handy klingelte erneut. Sie griff durch das offene Fenster und drückte es ans Ohr.

„Wird auch Zeit, dass du rangehst”, zischte Nigel Meerland, bevor sie sich überhaupt melden konnte. „Ich dachte schon, du wärst in irgendein Schlammloch gestürzt.”

„In Indian Rock gibt es nicht viele Schlammlöcher”, entgegnete Cheyenne, ging um den Wagen und öffnete die Fahrertür.

„Hast du ihn schon gesprochen?” Nigel hielt sich nie lange mit Höflichkeiten wie „Hallo, wie geht es dir?” auf, weder von Angesicht zu Angesicht noch am Telefon. Er sagte einfach, was er wollte – und meistens bekam er es auch.

„Nigel.” Cheyenne versuchte, ruhig zu bleiben. „Ich bin eben erst angekommen. Also, nein, ich habe noch nicht mit ihm gesprochen.” Er hieß Jesse McKettrick und war der letzte Mensch auf dieser Welt, den sie sehen wollte. Davon abgesehen würde er sie in der Masse der ihn anhimmelnden Frauen ohnehin nicht wiedererkennen.

„Nun, dann mal ran an den Speck”, rief Nigel. Ihr Chef war Ende dreißig und Engländer. Und er liebte Redewendungen. „Leg los. Ich muss dir ja wohl nicht sagen, wie erpicht unsere Investoren darauf sind, dieses Apartmenthaus endlich auf den Weg zu bringen.”

Nein, dachte Cheyenne. Wegen des engen Rocks musste sie sich seitlich in den Wagen setzen und dann die Beine nachziehen. Das brauchst du mir nicht zu sagen. Ich habe in den letzten sechs Monaten nichts anderes von dir gehört.

„Jesse wird nicht verkaufen”, sagte sie.

„Er muss verkaufen”, versetzte Nigel. „Du darfst auf keinen Fall versagen. Alles, und ich meine wirklich alles, hängt von diesem Geschäft ab. Wenn die Investoren sich zurückziehen, geht die ganze Firma den Bach runter. Du verlierst deinen Job, und ich muss auf den Knien zu meiner Familie kriechen und um mein karges Erbe als zweitgeborener Sohn betteln.”

Cheyenne schloss die Augen. Auch für sie stand eine Menge auf dem Spiel. Nicht nur ihr Job. Sie musste auch an ihren jüngeren Bruder Mitch denken. Und an ihre Mutter. Der Erfolgsbonus, den Nigel ihr schriftlich zugesichert hatte, würde ihnen eine Sicherheit bieten, von der sie bisher nur geträumt hatten.

Ihr Magen verkrampfte sich.

„Ich weiß”, sagte sie düster. „Ich weiß.”

„Dann leg dich ins Zeug, Pocahontas”, befahl Nigel und legte auf.

Cheyenne öffnete die Augen, holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. Dann schleuderte sie das Telefon auf den Beifahrersitz, startete den Wagen und fuhr Richtung Indian Rock.

Die Stadt hatte sich nicht sehr verändert, seit sie mit siebzehn weggezogen war, um in Tuscon aufs College zu gehen. Die Reinigung, die Bücherei, die Grundschule – alles stand noch an seinem alten Platz. Auch die kleine weiße Kirche, wo sie sich abgemüht hatte, Geschichten über die Arche Noah und brennende Büsche zu begreifen, und 25-Cent-Stücke aus einem billigen Stofftaschentuch gewickelt und in den Klingelbeutel geworfen hatte.

Als Cheyenne die Hauptstraße entlangfuhr, richtete sie sich ein wenig auf. Am alten Bahnhof, der schon vor langer Zeit in ein kleines Einkaufszentrum umgebaut worden war, bog sie links ab. Der Mietwagen rumpelte über Zuggleise und an heruntergekommenen Wohnwagensiedlungen vorbei durch einen kleinen Pappelwald. Ein uralter Gitterrost ratterte unter den Rädern.

Cheyenne seufzte dankbar, weil er nicht unter ihr weggebrochen war. Kurz darauf bremste sie ab, um auf die schmale unbefestigte Straße einzubiegen, die zum Haus führte. Es war in den letzten Jahren ziemlich heruntergekommen. Überall wucherte Unkraut, rostige Stacheldrahtspulen lagen verstreut auf dem Boden. Die Veranda war ein paar Zentimeter abgesackt, die Seitenwände hielten nur noch dank farblich nicht passender Bretter.

Gram war so stolz auf ihr Haus und den Garten gewesen. Es würde ihr das Herz brechen, es jetzt so zu sehen. Der alte Lieferwagen ihrer Mutter, genauso ein Flickwerk wie das Haus, stand mit offener Tür in der Auffahrt.

Cheyenne hatte eigentlich gehofft, ein paar Tage vor ihrer Mutter und ihrem Bruder in Indian Rock anzukommen, damit sie zumindest eine Rampe für Mitchs Rollstuhl bauen konnte. Sie stellte den Motor ab und musterte das einzige Heim, das sie je gekannt hatte.

„Ich könnte dir mein Erbteil zeigen, Nigel”, murmelte sie. „Du müsstest nur in deinen Bentley hüpfen und nach Indian Rock in Arizona fahren.”

Auf einmal schwang die Eingangstür auf, und Ayanna Bridges trat in einem ausgeblichenen Baumwollkleid, Turnschuhen und zaghaft lächelnd auf die Veranda. Ihr glattes schwarzes Haar reichte ihr bis zu den Hüften, locker zusammengehalten von einer silbernen Spange, die sie vermutlich schon seit den Sechzigerjahren besaß. Als ihre Mutter die wackelige Treppe hinunterlief, sprang Cheyenne aus dem Auto.

„Sieh nur”, rief Ayanna. „Ich habe ein paar alte Bretter hinter dem Schuppen gefunden und eine Rampe gebaut. Mitch saust rauf und runter wie nichts!”

Das Leben hatte Ayanna immer gezwungen, erfinderisch zu sein. Behelfsmäßige Rampen für ihren Sohn zu bauen, gehörte zu ihren leichtesten Übungen. Sie hatte als Bedienung gearbeitet, mit verschiedenen Sozialämtern gerungen, um die medizinische Versorgung von Mitch zu sichern, und Kosmetik und Wundervitamine verkauft. Dabei zeigte sie niemals auch nur einen Anflug von Selbstmitleid. Zumindest nicht ihren Kindern gegenüber.

Cheyenne zwang sich zu einem Lächeln und tat, als bewunderte sie die verwitterten Bretter. Zweifellos benutzte Mitch sie auch, um aus dem Lieferwagen herauszukommen. Wenn – falls – sie den Bonus bekam, wollte Cheyenne einen neuen Lieferwagen kaufen, mit einem speziellen hydraulischen Lift und vielleicht sogar mit einer Handschaltung. Bis dahin mussten sie irgendwie zurechtkommen, wie sie eben immer schon irgendwie zurechtgekommen waren.

„Gute Arbeit”, bemerkte Cheyenne.

Ayanna hatte inzwischen die Mitte des Gartens erreicht und schloss Cheyenne derart liebevoll in die Arme, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie musste ein paarmal blinzeln, bevor sie den zärtlichen Blick ihrer Mutter erwidern konnte.

„Wo ist Mitch?”, fragte Cheyenne.

„Drinnen”, antworte Ayanna leise. „Mal wieder am Grübeln. Er vermisst seine Freunde in Phoenix. Aber er wird schon wieder, wenn er erst mal eine Weile hier ist und sich eingewöhnt hat.”

Cheyenne verstand ihren Bruder. Auch sie selbst dachte sehnsüchtig an ihre Einzimmerwohnung im sonnigen San Diego, eine halbe Meile vom Strand entfernt, die sie nun untervermietet hatte. Und auch das bereitete ihr Sorgen. Wenn sie Jesse McKettrick nicht davon überzeugen konnte, fünfhundert Morgen erstklassiges Land zu verkaufen, würde sie weitaus mehr als nur ihren Job verlieren. Dann müsste sie länger in Indian Rock bleiben, sich irgendeine Arbeit suchen und jeden einzelnen Penny sparen, bis sie es sich leisten konnte, woanders wieder ganz von vorn anzufangen.

Wie ein Pfeil bohrte sich Nigels Kommentar von vorhin am Telefon in ihre Gedanken. Alles, und ich meine wirklich alles, hängt von diesem Geschäft ab.

„Komm hinein, Liebling”, sagte Ayanna und nahm Cheyenne am Arm, die am liebsten umgedreht und mit dem Mietwagen davongebraust wäre. „Deine Sachen können wir später holen.”

Cheyenne nickte, beschämt, weil sie nach all den Vorbereitungen und Mühen am liebsten die Flucht ergriffen hätte.

Ayanna stieß ihre Tochter, die etwas größer war als sie, leicht mit einer Schulter an. „Wir alle sind nach Hause gekommen”, sagte sie sanft. „Du, Mitch und ich. Und das ist ein wunderbarer Ort, um noch einmal von vorn anzufangen.”

Vielleicht ist das so, wenn man McKettrick heißt, dachte Cheyenne grimmig. Wenn man einen Schlüssel besitzt, der in das Schloss eines der vielen eleganten Häuser auf der legendären Triple M Ranch passt.

Wenn man jedoch Bridges hieß und einen charmanten, aber spielsüchtigen Vater gehabt hatte, der zudem noch im Gefängnis gestorben war, konnte man nicht einfach von vorn anfangen.

Gewöhnliche Menschen hatten schon genug damit zu tun, zu überleben.

Nurleen Gentry mischte und teilte aus – zwei Siebener und eine Königin. Sie legte die Karten verdeckt auf den mit grünem Filz bezogenen Tisch, faltete die Hände und wartete. An ihren Fingern blitzten unechte Ringe aus einem Teleshop.

Jesse lehnte sich in seinem angestammten Stuhl im Hinterzimmer von Lucky’s Main Street Bar and Grill zurück und tat, als überlegte er. Durch den blauen Zigarettenqualm spürte er die Blicke der anderen Pokerspieler auf sich ruhen, ließ sich aber nichts anmerken. Er war ein Meister im Verbergen der sogenannten Tells, womit im Poker alles bezeichnet wird, was die Stärke des Blatts eines Gegenspielers verrät.

„Setzen oder passen, McKettrick”, grummelte Wade Parker.

Daraufhin hob Jesse einen Mundwinkel und schenkte ihm sein berühmtes Fahr-zur-Hölle-Grinsen, das er seit seinem elften Lebensjahr perfektioniert hatte. Wade trug eine Windjacke mit dem Logo der Brauerei, für die er arbeitete. Seine dicken Lippen zuckten ungeduldig.

Neben Wade saß Don Rogers, dem der Waschsalon gehörte. Don wand sich auf dem geflickten Kunststoffstuhl. Jesse wusste, dass ihn nicht das Warten nervös machte. Don war ein prima Kerl, aber er wollte so unbedingt den gesamten Pot gewinnen, dass unter seinem rechten Auge ein Muskel zuckte. Kann sein, dass Don Damen hat, dachte Jesse, aber das ist unwahrscheinl ich. Dons Tells waren leichter zu lesen als die fast vier Meter großen, in Stein gehauenen Buchstaben INDIAN ROCK im Osten der Stadt.

Alles an Don schrie Risiko.

Jesse tat so, als würde er unzählige Möglichkeiten überdenken, dann legte er vier Fünfzig-Dollar-Chips in den Pot.

„Scheiße”, murmelte Don und legte die Karten auf den Tisch, eine genau auf der anderen, ohne sie zu zeigen.

Wade hob die buschigen Augenbrauen und lehnte sich vor. Nurleen, eine alte Füchsin, was das Pokerspiel betraf, sah schweigend und mit angestrengtem Desinteresse vor sich hin.

„Ich glaube, du bluffst, McKettrick”, sagte Wade. Er durchwühlte den Berg Chips vor sich, der in der letzten halben Stunde stetig gewachsen war.

„Glaub, was du willst”, entgegnete Jesse tonlos. Er hatte bereits einige hervorragende Karten nicht ausgespielt, nur um Wades Wahnvorstellung, dass die Pokergötter ihm wohlgesinnt waren, zu bekräftigen. Jesse hatte Zeit, und er hatte Geld – eine tödliche Kombination, im Pokerspiel wie in allen andern Bereichen des Lebens.

Wade zog eine Sonnenbrille aus der Tasche seiner Windjacke und setzte sie auf. Ein bisschen spät, dachte Jesse, doch diesmal feixte er nur innerlich. Nurleen gab die vierte Karte aus, die im Hold’em-Jargon Turn heißt.

Jesse überlegte. Selbst wenn Wade zwei Asse zusätzlich zu dem einen Ass auf dem Tisch hatte, reichte das noch nicht für den Pot. Das bedeutete, dass der Biervertreter Pech hatte. Es sei denn, die fünfte Karte – der River – entpuppte sich ebenfalls als Ass.

So etwas konnte passieren – im Hinterzimmer einer Kleinstadtkneipe genauso wie bei Weltmeisterschaften in Las Vegas. Jesses Bauch sagte, riskier’s. Andererseits sagte der nur selten etwas anderes. Aus den Augenwinkeln sah Jesse jemanden durch die Tür kommen und zur Jukebox gehen.

Wade erhöhte um dreihundert.

Jesse ebenfalls.

Nurleen drehte die River-Karte um.

Zwei Herzen.

Wieder grinste Jesse.

„Zeigen”, sagte Wade. Er schob seinen Wetteinsatz in die Mitte des Tisches und zeigte seine Karten. Herzkönig, Pikdame. Er hatte auf die Dame in seiner Hand und die auf dem Tisch gebaut.

Nurleen seufzte beinahe unmerklich und schüttelte den Kopf. Jesse hatte fast ein schlechtes Gewissen, als er zwei Siebener auf den Tisch warf. Vier Karten mit dem gleichen Wert.

„Du und dein verdammtes Scheißglück”, fluchte Wade.

Stumm sammelte Nurleen die Karten ein und mischte für ein weiteres Spiel. „Bist du noch dabei, Wade? Don?”, fragte sie dann.

Jesse warf einen Seitenblick auf seinen Cousin Keegan, der mit verschränkten Armen an der Jukebox lehnte. In seiner maßgeschneiderten Hose, der Weste und dem perfekt gebügelten Hemd sah er wie ein Anwalt aus, vielleicht sogar wie ein Banker.

Weil er wusste, dass das, was er jetzt sagte, Keegan total nerven würde, antwortete er betont langsam. „Ich bin dabei.”

„Ich muss mit dir sprechen”, sagte Keegan, der zugleich distanziert und unerbittlich wirkte. „Vielleicht könntest du eine Runde aussetzen.”

Nach diesem Vorschlag sahen Wade und Don so erwartungsvoll aus, dass Jesse mit Nurleen einen Blick wechselte und dann seinen Stuhl nach hinten schob. Er durchquerte den Raum, dessen Boden Erdnussschalen und Sägespäne bedeckten.

„Was ist so wichtig, dass es nicht warten kann?”, fragte er. Seine tiefe Stimme mischte sich unter Kenny Rogers’ berühmtes Vibrato aus der Jukebox.

Keegan war genauso groß wie Jesse. Aber damit hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Im Gegensatz zu Jesses dunkelblondem Strubbelkopf hatte Keegan ordentlich geschnittenes rotbraunes Haar. Außerdem besaß er die marineblauen Augen der McKettricks, während Jesses himmelblau wie die von Jebs Ahnen waren.

„Wir hatten eine Konferenz, schon vergessen?”, zischte Keegan.

Kenny Rogers beendete sein Lied. Die Jukebox surrte, und Patsy Cline begann mit „Crazy”.

„Ich dachte nicht, dass es dir wichtig ist, Keeg”, erwiderte Jesse schleppend.

Keegans Kiefer verspannte sich, als er die Backenzähne aufeinanderpresste. Jesse vermutete, dass sie inzwischen nur noch Stummel waren. Doch diese Ansicht behielt er lieber für sich.

„Verdammt noch mal”, brummte Keegan. „Du hast denselben Anteil an der Firma wie ich. Wie wäre es, wenn du mal etwas Pflichtgefühl an den Tag legen würdest?” Keegan arbeitete zwölf Stunden pro Tag für McKettrickCo, studierte Tabellen und strich ein siebenstelliges Gehalt ein.

Jesse hingegen ritt Rodeos, jagte Frauen hinterher, spielte Poker und löste seine Dividendenschecks ein. Er betrachtete sich als Glückspilz, und gelegentlich tat Keegan ihm leid. Jetzt rückte er die geschmackvolle Nadelstreifenkrawatte seines Cousins gerade, die vermutlich mehr als die neue Waschmaschine in Dons Waschsalon gekostet hatte.

„Du findest, Pokern ist keine Arbeit?”, fragte er und wartete insgeheim darauf, dass Dampf aus Keegans Ohren quoll. Beide waren zusammen auf Triple M aufgewachsen, hatten im Sommer gezeltet und Fische gefangen und waren im Winter Ski gefahren. Zusammen mit Rance, einem dritten Cousin, der das unheilige Trio vervollständigte. Sie besuchten alle die Northern Arizona University in Flagstaff, wo Keegan Betriebswirtschaft und Rance Hochfinanz studierte, während Jesse nur gelegentlich zwischen Rodeowettbewerben und Kartenspielen zu Vorlesungen erschien. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit hatten sie sich gut verstanden – bis Rance und Keegan heirateten. Danach hatte sich alles verändert.

Beide waren seriös geworden. Momentan reiste Rance durch die Welt, um für McKettrickCo kleinere Firmen aufzukaufen.

„Klugscheißer”, sagte Keegan und versuchte, nicht zu grinsen.

„Kann ich dich zu einem Bier einladen?”, fragte Jesse, der einen Moment hoffte, dass Keegan vielleicht doch noch der Alte wäre.

Sein Cousin sah auf seine Rolex. „An diesem Wochenende ist Devon bei mir”, sagte er. „Ich muss sie um halb sieben abholen.”

Devon war Keegans neunjährige Tochter. Seit er und Shelley sich vor einem Jahr hatten scheiden lassen, pendelte das Kind zwischen der schicken Eigentumswohnung von Shelleys Freund und dem Farmhaus auf Triple M hin und her.

Jesse zögerte, dann legte er eine Hand auf Keegans Schulter. „Ist schon gut”, sagte er sanft. „Ein anderes Mal.”

Keegan seufzte. „Ein anderes Mal”, stimmte er resigniert zu. Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. „Und Jesse?”

„Was ist?”

Das altbekannte Grinsen breitete sich auf Keegans Gesicht aus. „Werd endlich erwachsen, ja?”

„Das schreibe ich mir in meinen Kalender”, versprach Jesse und erwiderte das Grinsen. Er liebte Devon, die er eher als seine Nichte betrachtete als als seine Großcousine, und gönnte ihr die Zeit mit ihrem Vater. Doch zugleich verspürte er auch eine gewisse Traurigkeit.

Alles und jeder auf der Welt veränderte sich – nur er nicht.

Das war die Realität. Und die sollte er besser akzeptieren.

„Kann das nicht bis morgen warten?”, fragte Ayanna nach dem Kaffee, als Cheyenne verkündete, sich auf die Suche nach Jesse McKettrick zu machen. Mitch saß mit düsterem Gesicht in seinem Stuhl.

Cheyenne verneinte mit einem Kopfschütteln, strich Rock und Blazer glatt und ging nach draußen zum Wagen. Logischerweise wollte sie bei McKettrickCo beginnen. Von früher wusste sie noch, dass das Hauptbüro der Firma in San Antonio lag. Ihren Nachforschungen zufolge war McKettrickCo ein riesiges Unternehmen, das weltweit operierte, mit Schwerpunkt auf innovativen Technologien.

Jesses Name stand nicht auf der Tafel in der modernen Empfangshalle. Das überraschte Cheyenne nicht. Als Jugendlicher war er das klassische schwarze Schaf einer reichen Familie, wild und unbelehrbar und nur an seinem Vergnügen interessiert.

Sie ging zur Rezeption, erleichtert, dass sie die Frau nicht kannte, die gerade etwas in einen Supercomputer mit drei großen Flachbildschirmen tippte.

„Kann ich Ihnen helfen?”, fragte die Frau freundlich. Sie war in mittlerem Alter, hatte ein warmes Lächeln, eine mit Haarlack fixierte blonde Frisur und eine elegante Haltung.

Cheyenne hoffte, dass ihr Nachname keine Erinnerungen wachrief, und fragte nach Jesse McKettrick. Mit etwas Glück – und das hatte sie sich langsam mal verdient – musste sie nicht extra den weiten Weg zu seinem Haus auf sich nehmen. Die Rezeptionistin musterte Cheyenne mit mildem Interesse. „Jesse könnte überall sein”, sagte sie nach einer Weile, „aber wenn ich raten sollte, würde ich darauf tippen, dass er im Hinterzimmer vom Lucky’s sitzt und Poker spielt.”

Unwillkürlich versteifte Cheyenne sich. Natürlich war er bei Lucky’s. Wie oft war sie als Kind von der kleinen Gasse aus durch die Hintertür der Kneipe geschlüpft, um ihren Vater vom Pokern abzuhalten?

Sie holte eine Visitenkarte aus der Tasche. „Vielen Dank für den Tipp”, sagte sie. „Nur für den Fall, dass Sie Mr. McKettrick vor mir sehen, könnten Sie ihm dann diese Karte geben und ihn bitten, mich so schnell wie möglich anzurufen?”

Einen Moment studierte die Frau die Visitenkarte, runzelte die Stirn, dann nickte sie höflich. „Er kommt allerdings nicht allzu oft her”, sagte sie.

Natürlich nicht.

Nach all den Jahren war er immer noch derselbe.

Cheyenne stieg wieder in ihren Wagen und fuhr zu Lucky’s Main Street Bar and Grill. Da der Schotterparkplatz vor dem alten Backsteingebäude voll war, parkte sie auf der Straße neben einem lehmbespritzten schwarzen Truck mit heruntergekurbelten Fensterscheiben.

Für ein paar Sekunden war sie wieder das Kind, das von seiner Mutter losgeschickt worden war, um seinen Daddy aus der Kneipe nach Hause zu holen. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihr Fahrrad neben der Mülltonne gegen die Wand gelehnt hatte. Anschließend hatte sie noch einmal wiederholt, was sie sagen wollte. Dann stieg sie die zwei Stufen hoch und trat durch die knarzende Fliegengittertür.

Als eben diese Tür plötzlich aufsprang, zuckte Cheyenne erschrocken zusammen und überlegte tatsächlich, sich hinter der Mülltonne zu verstecken, bis wer auch immer verschwunden war.

Jesse trat auf die Straße, reckte sich wie ein träger Kater, der zur Jagd aufbrach, und schob seinen Cowboyhut zurecht. Er trug alte Jeans, ein bis zum Schlüsselbein aufgeknöpftes Westernhemd und Stiefel. Doch selbst Schmutz und Stallmist konnten nicht verbergen, dass es sich um teure, vermutlich maßgefertigte Stiefel handelte.

Als Cheyennes Blick wieder zurück zu seinem Gesicht wanderte, bemerkte sie, dass Jesse sie ansah. Und ihr sein Killerlächeln schenkte.

Sie errötete.

Drinnen schaltete jemand das Verandalicht ein. Sofort flatterten aus dem Nichts Schwärme von Motten. Sie trat einen halben Schritt zurück. Er registrierte mit einem gelangweilten Blick ihr Kostüm und ihre hohen Absätze. Ganz offensichtlich erkannte er sie nicht, was sie zugleich ärgerte und erleichterte.

Lässig tippte er an die Krempe seines ramponierten Huts. „Haben Sie sich verlaufen?”, fragte er.

Bevor sie antwortete, musste Cheyenne erst einmal Atem holen. „Nein”, entgegnete sie dann und fischte in ihrer Tasche nach einer weiteren Visitenkarte. „Mein Name ist Cheyenne Bridges, und ich würde Ihnen gern ein geschäftliches Angebot machen.”

Das Wort Angebot bereute sie sofort, als Jeff amüsiert den Mund verzog. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Er kam die Stufen hinunter und streckte seine Hand aus. „Jesse McKettrick”, sagte er.

Darauf gab es nichts anderes zu entgegnen als „Ich weiß”. Womit sie sich natürlich verriet.

„Bridges”, sagte er nachdenklich, betrachtete die Karte und steckte sie dann in seine Hemdtasche.

Cheyenne versuchte, sich innerlich zu wappnen. Sie sah zu der Fliegengittertür, durch die Jesse wenige Sekunden zuvor gekommen war.

„Irgendwie verwandt mit …?” Er brach ab und legte den Kopf schief, um in ihr Gesicht zu schauen. „Moment Mal. Cheyenne Bridges. Ich erinnere mich an dich – Cashs Tochter. Wir sind ein paarmal zusammen ins Kino gegangen.”

Sie schluckte, nickte und hob das Kinn. „Das ist richtig”, sagte sie vorsichtig. Cashs Tochter, das also war sie für ihn. Ein scheuer Teenager, mit dem er zweimal ausgegangen war, an dem er dann aber das Interesse verloren hatte.

Zum Glück wusste er nicht, dass sie jedes Bild von ihm, das sie ergattern konnte, an die Wand ihres Schlafzimmers gehängt hatte. So, wie es die meisten Mädchen mit Fotos von Rockstars und Schauspielern taten. Er wusste nicht, dass sie ihn mit dieser verzweifelten, hoffnungslosen Bewunderung geliebt hatte, die nur Sechzehnjährige aufbrachten.

Und er wusste auch nicht, dass sie Gott angefleht hatte, Jesse möge sich unsterblich in sie verlieben. Dass sie sich ihre Hochzeit, die Flitterwochen und die Geburt ihrer vier Kinder vorgestellt hatte, und zwar so oft, dass es sich eher wie eine Erinnerung anfühlte und nicht wie reines Wunschdenken.

Gott sei Dank hatte Jesse von alldem keine Ahnung. Sonst könnte sie ihm niemals gegenübertreten. Ganz egal, ob Mitch, ihre Mom und Nigel darauf angewiesen waren, dass sie ihm die fünfhundert Morgen unberührtes Land abschwatzte.

„Ich habe vom Unfall deines Bruders gehört”, sagte er. „Tut mir leid.”

Aus ihren Träumereien gerissen, nickte Cheyenne erneut. „Danke.”

„Das mit deinem Dad auch.”

Ihre Augen brannten. Sie versuchte etwas zu sagen, konnte aber nur schlucken.

Jesse lächelte sanft und fasste sie am Ellbogen. „Machst du immer auf der Straße Geschäfte?”, zog er sie auf.

Einen Moment kränkte sie das, bis ihr aufging, dass es sich um eine vollkommen angemessene Frage handelte. „Nein”, sagte sie.

„Ich wollte gerade ins Roadhouse, um eine Kleinigkeit zu essen. Möchtest du nicht mitkommen?” Er deutete auf den schmutzigen Truck.

Das Roadhouse war eine Institution in Indian Rock, ein Zufluchtsort für Lastwagenfahrer, Motorradfahrer, Cowboys und Streifenpolizisten.

„Wir treffen uns dort”, sagte Cheyenne. Auf keinen Fall konnte sie mit diesem engen Rock in seinen Lastwagen klettern. Ein Rest Stolz war ihr noch geblieben, auch wenn sie sich wieder wie das dürre zehnjährige Mädchen vorkam, das ihr Fahrrad in der Gasse abgestellt hatte, um ihren Vater zu bitten, zum Abendessen nach Hause zu kommen. Oder zur Schulaufführung. Oder um Gram ins Krankenhaus zu bringen, weil sie keine Luft mehr bekam …

„Okay”, sagte Jesse ungezwungen. Er brachte sie zu ihrem Mietwagen, der neben seinem Truck ziemlich langweilig wirkte. Wie seine Stiefel schien auch sein Fahrzeug bereits eine Menge erlebt zu haben. Und wie bei seinen Stiefeln handelte es sich um eine Luxusausführung. Doppelräder und ein geräumiges Fahrerhaus, Ledersitze, teurer CD-Player und Navigationssystem.

Als sie hinter dem Steuer saß und das Fenster herunterkurbelte, lehnte sich Jesse lässig an die Tür ihres Wagens und sah sie an.

„Es ist schön, dich wiederzusehen, Cheyenne”, sagte er.

„Ebenso”, entgegnete sie. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Fang gar nicht erst an, ermahnte sie sich streng. Hier geht es ums Geschäft. Du willst Land kaufen. Du wirst Nigel helfen, sein Projekt auf die Beine zu stellen. Dann streichst du deinen Bonus ein und kümmerst dich um Mitch und deine Mutter. Danach gehst du zurück nach San Diego und vergisst, dass Jesse McKettrick jemals existierte.

„Wer’s glaubt”, murmelte sie.

Jesse, der gerade zu seinem Truck gehen wollte, drehte sich noch einmal um. „Hast du was gesagt?”

Sie schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. „Bis gleich”, sagte sie.

Wenn sie so klug wäre, wie andere Leute von ihr dachten, würde sie einfach weiterfahren. Raus aus Indian Rock, vorbei am Roadhouse, weit weg von Jesse und all den Erinnerungen und unmöglichen Träumen.

2. KAPITEL

Jesse erreichte das Roadhouse als Erster und blieb in seinem Truck sitzen, bis Cheyenne auftauchte. In letzter Zeit langweilte er sich in Indian Rock ein wenig, außer Pokerspielen und Pferdefüttern hatte er nicht viel zu tun. Doch jetzt verriet ihm sein Gefühl, dass sein Leben langsam wieder interessanter werden könnte.

Leise lächelnd zog er Cheyennes Visitenkarte aus der Tasche und las sie noch einmal. Meerland Real Estate Ventures, Ltd.

Diesmal machte es klick.

Sein Lächeln erstarb.

Sie wollte Land.

„Verdammt”, murrte er und beobachtete durch den Seitenspiegel, wie Cheyenne auf den Parkplatz fuhr. Er seufzte. Sie war ein hübsches Mädchen. Merkwürdig ängstlich allerdings – wie ein Reh, das an der Wasserstelle beim Knacken eines Zweigs sofort den Kopf hebt und Gefahr wittert. Jetzt, als Frau, sah Cheyenne Bridges wunderschön aus. Nicht mehr so dürr wie früher, sondern mit perfekten Rundungen. Wenn sie ihr kräftiges schwarzes Haar offen tragen würde, wäre sie ein echter Hingucker.

Jesse stieg aus dem Truck und wartete, bis Cheyenne auf ihren lächerlich hohen Absätzen auf ihn zugestakst kam. Sie lächelte schwach und berührte ihr Haar.

Beim Poker verriet so eine Bewegung eine Menge, und nicht nur da. Cheyenne war nervös.

Sollte sein Verdacht stimmen, hatte sie auch allen Grund dazu. Stumm zählte er die Fakten zusammen. Sie arbeitete für eine Immobilienfirma und hatte gesagt, dass sie ihm ein Geschäft vorschlagen wollte. Während sie sich einen Moment lang schweigend gegenüberstanden, dachte er kurz, dass er am besten all ihre Hoffnungen sofort begrub. Er würde das Land östlich der Grundstücksgrenze von Triple M nicht verkaufen, falls sie darauf spekulierte. Dieses Land war der einzige Flecken Erde, den er jemals selbst gekauft und nicht geerbt hatte.

Andererseits konnte er sie zumindest anhören. Vielleicht täuschte er sich ja und sie wollte nur mal für ein paar Investoren vorfühlen. Als guter Pokerspieler käme er bestimmt schnell dahinter: Außerdem hatte er so die Möglichkeit, etwas Zeit mit Cheyenne zu verbringen.

Eines stand fest. Cheyenne hatte es ganz schön weit gebracht. Das Auto war zwar nichts Besonderes – vermutlich ein Mietwagen –, aber ihre Kleidung wirkte teuer und elegant. Und auch wenn sie noch ihren Mädchennamen trug, bedeutete das nicht, dass sie nicht verheiratet war. Seine älteren Schwestern Sarah und Victoria hießen auch nach ihrer Heirat weiterhin McKettrick.

Auf der Suche nach einem Ring musterte er Cheyennes Hand, doch ein breiter Riemen ihrer Handtasche verdeckte den Ringfinger.

„Sollen wir?”, fragte er und deutete auf den Eingang.

Sie wirkte erleichtert. „Klar”, sagte sie.

Jesse hielt ihr die Tür auf.

Sein ganzes Leben hatte er schon im Roadhouse zu Abend gegessen, doch als er jetzt Cheyenne folgte, kam ihm der Raum fremd vor. Die Geräusche, Gerüche und Farben machten ihn ein wenig schwindlig. Er brauchte eine Sekunde, um sich wieder zu fassen.

Mit der Bedienung war er in den Kindergarten und in die Schule gegangen. Doch als er und Cheyenne ihr nun folgten, hätte er beim besten Willen nicht sagen können, wie sie hieß.

Was zum Teufel war los mit ihm?

Cheyenne rutschte auf den roten Plastikstuhl, während Jesse sich ihr gegenübersetzte und seinen Hut auf das breite Fensterbrett hinter der Miniatur-Jukebox legte. Er bestellte Kaffee, sie Mineralwasser mit einem Stück Zitrone. Dann studierten sie die eingeschweißte Speisekarte. Als eine andere Bedienung an ihren Tisch kam – mit der Jesse ebenfalls zur Schule gegangen war und deren Namen ihm ein Blick auf ihr Namensschild verriet – bestellte Cheyenne eine französische Zwiebelsuppe, und er nahm einen doppelten Cheeseburger mit Pommes frites.

„Danke, Roselle”, sagte er, um sich wieder in die Wirklichkeit zu befördern.

Roselle berührte seine Schulter, lächelte ihm verführerisch zu und tänzelte davon.

Cheyenne hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.

Warum lange um den heißen Brei herumreden, überlegte Jesse. „Also, Cheyenne, was bringt dich nach all den Jahren zurück nach Indian Rock?”, fragte er leichthin.

Sie nippte an ihrem Wasser. „Geschäfte”, antwortete sie.

Jesse dachte an sein Land. An die Bäume und Weiden, an den Bach, der in der Sonne so hell glitzerte, dass man blinzeln musste.

Er probierte seinen Kaffee und wartete.

Cheyenne seufzte. Sie wirkte wie jemand, der sich bereit machte, in einen eiskalten See zu springen. „Meine Firma möchte dir einen sehr großzügigen Preis für …”

„Nein”, unter brach Jesse sie.

„Nein?”

„Nein”, wiederholte er.

„Du hast mich nicht ausreden lassen”, entgegnete sie. „Wir sprechen über mehrere Millionen Dollar. Ohne Hypotheken. Keine Ballonzahlungen. Cash. Wir können das Geschäft innerhalb von zwei Wochen nach Vertragsunterzeichnung abwickeln.”

Ganz instinktiv griff Jesse nach seinem Hut, seufzte, dann zog er die Hand wieder zurück. Er hatte es kommen sehen. Warum fühlte er sich jetzt wie ein Kind, das sich zu Weihnachten eine Spielzeugpistole gewünscht und Unterwäsche bekommen hatte?

„Es wird keinen Vertrag geben”, sagte er.

Sie wurde blass und lehnte sich zurück. Ihre Hände zitterten, als sie ihr Wasserglas abstellte.

„Über den Preis können wir reden”, sagte sie nach einer Weile.

Er wusste, was sie dachte. Es stand deutlich in ihrem Gesicht. Mit Geld bekommt man alles. Sie dachte, er wollte den Preis in die Höhe treiben.

„Du solltest niemals Poker spielen”, sagte er.

Das Essen kam.

Roselfe zwinkerte ihm zu, als sie den Cheeseburger vor ihn stellte.

„Ich kann solche Frauen nicht leiden”, sagte Cheyenne, nachdem Roselle mit wackelnden Hüften wieder Richtung Küche verschwunden war.

Jesse, der gerade seine Pommes in Angriff nehmen wollte, hielt bei dieser überraschenden Wendung des Gesprächs mitten in der Bewegung inne. „Was war das?”

„Solche Frauen”, erklärte Cheyenne, beugte sich etwas vor und senkte die Stimme. „Für die sind andere Frauen unsichtbar. Wenn es nach ihnen ginge, wäre die ganze Welt sozusagen ein umgekehrter Harem.”

Jesse lachte. „Nun, das ist mal ein interessanter Aspekt”, räumte er ein. „Die Suppen hier sind trotzdem ziemlich gut.”

Sie nahm ihren Löffel, legte ihn aber wieder hin. „Es ist ja nicht so, als ob ich dich bitten würde, einen Teil von Triple M zu verkaufen”, sagte sie. Wieder eine Kehrtwende, doch diesmalwar Jesse da rauf vorbereitet. „Das Land liegt einfach brach. Ungenutzt.”

„Unberührt”, korrigierte Jesse sie. „Ich schätze, ihr wollt daraus ein Industriegebiet machen. Oder eine Fabrik bauen – die Welt braucht nämlich noch viel mehr Wegwerfplastik.”

„Eigentumswohnungen”, sagte Cheyenne und reckte die Schultern.

Er zuckte zusammen. „Noch schlimmer”, entgegnete er.

„Menschen müssen irgendwo leben.”

„Tiere auch.” Als er vorschlug, im Roadhouse essen zu gehen, war er wirklich hungrig. Doch jetzt glaubte er, keinen Bissen herunterzubekommen. „Wir haben inzwischen so viele Kojoten und Rotluchse in unseren Straßen, dass die Stadtverwaltung schon überlegt, Preisgelder auf sie auszusetzen. Und wissen Sie, wieso, Ms. Bridges?”, fragte er kühl.

„Warum die Kojoten und Rotluchse in die Stadt kommen?”, fragte sie. „Oder warum die Stadtverwaltung Preisgelder auf sie aussetzen will?”

Jesse biss die Zähne zusammen, dann dachte er an seinen Cousin Keegan und entspannte den Kiefer wieder. „Die wilden Tiere werden immer weiter aus ihrer natürlichen Umgebung vertrieben”, erklärte er. „Von Leuten wie dir. Sie müssen schließlich irgendwo leben, verdammt noch mal.”

„Wer ist Ihnen wichtiger, Mr. McKettrick? Menschen oder Tiere?”

„Kommt darauf an”, sagte Jesse. „Ich kenne Leute, die noch von einem tollwütigen Dachs etwas lernen könnten. Außerdem ist es ja nicht so, dass eine neue Apartmentanlage ein Akt der Menschlichkeit wäre. Meistens wird dabei einfach nur die Landschaft verschandelt – und alle sehen gleich aus. Wie aufeinandergestapelte Schachteln.”

Cheyenne richtete sich auf. „Ich würde dir gern die Entwürfe zeigen”, sagte sie. „Unser Projekt soll sich anmutig in die Landschaft einfügen und die Umgebung so wenig wie möglich verändern.”

Mit Bedauern betrachtete Jesse seinen Cheeseburger. All die Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker vergeudet, ganz zu schweigen von einer Menge Fett. „Daraus wird nichts”, sagte er. Bei jedem anderen hätte er geblufft und vorgegeben, an einem Verkauf interessiert zu sein, nur um zu sehen, wie weit er gehen konnte. Dass er es nicht tat, verwirrte ihn an meisten.

„Sieh dir einfach mal die Pläne an”, bat sie.

„Sieh dir einfach mal das Land an”, erwiderte er scharf.

Sie lächelte. „Das mache ich, wenn du dir die Pläne anschaust.”

Er lachte. „Du bist hartnäckig.”

„Und du bist dickköpfig.”

Jesse nahm seinen Cheeseburger in die Hand. Inzwischen hatte er festgestellt, dass sie keinen Ehering trug.

„Warst du je verheiratet?”, fragte er.

Sie schien froh über den Themenwechsel, obwohl noch immer ruhige Wachsamkeit in ihren Augen und der Art, wie gerade sie ihre Schultern hielt, lag. „Nein”, sagte sie. „Du?”

„Nein.” Vor Jahren hatten er und Brandi, ein Rodeo- Groupie, sich von einem Elvis in Las Vegas trauen lassen. Sie waren aber zur Vernunft gekommen, bevor irgendjemand davon erfuhr, und hatten sich darauf geeinigt, sich sofort wieder scheiden zu lassen. Später trennten sie sich in aller Freundschaft. Ab und zu haute sie ihn um ein paar Hundert Dollar an, die er immer schickte. Doch seit ein paar Jahren hatte Jesse nichts mehr von ihr gehört.

Seiner Ansicht nach beantwortete er die Frage also aufrichtig. Brandi war aus seinem Leben so schnell wieder verschwunden, wie sie darin aufgetaucht war. Nach ein paar Bissen von seinem Cheeseburger stieg seine Laune. Proteine richteten ihn immer auf, vor allem nach einem ganzen Tag Poker. Ganz bestimmt hing das nur mit dem Cheeseburger zusammen.

Ganz bestimmt, meldete sich eine Stimme in seinem Kopf, ist das vollkommener Blödsinn. Es liegt an dieser Frau.

„Wie ist die Suppe?”, fragte er.

„Kalt”, entgegnete sie. „Und der Burger?”

„Der verstopft meine Arterien sogar während wir uns unterhalten.”

Cheyenne hob eine Augenbraue, lächelte aber. „Und das ist gut?”

„Vermutlich nicht. Aber es schmeckt gut.”

Danach verlief das Gespräch ganz ungezwungen. Sie aßen zu Ende, und Jesse bezahlte. Er brachte Cheyenne zu ihrem Wagen. In Indian Rock gab es zwar praktisch keine Verbrechen, doch diese Art von Höflichkeit war ihm von Kindesbeinen an anerzogen worden.

„Wirst du dir die Pläne wirklich ansehen?”, fragte sie leise mit glänzenden Augen, als sie hinter dem Steuer saß.

„Wenn du dir das Land ansiehst”, sagte Jesse. „Komm morgen hinauf zur Ranch, so gegen neun. Bis dahin bin ich mit dem Füttern der Pferde fertig.”

Sie nickte. Er sah ihren Puls am Hals klopfen. „Ich bringe die Entwürfe mit.”

„Ja”, rief er spöttisch. „Unbedingt.”

Lachend schloss sie die Autotür. „Danke für das Essen”, sagte sie durchs offene Fenster.

Zum Abschied wollte er an seinen Hut tippen, als ihm auffiel, dass er ihn im Roadhouse vergessen hatte. „War mir ein Vergnügen.” Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich irgendwie unbehaglich.

Lange sah Jesse Cheyenne hinterher. Normalerweise wäre er jetzt zurück ins Lucky’s gegangen, um noch ein paar Runden Poker zu spielen, aber heute wollte er lieber nach Hause.

Als er seinen Hut holte, lud Roselle ihn zu einer Party in ihre Wohnung ein. Wenn es nach ihren Augen ginge, stünde er dort ziemlich schnell nackt vor ihr. Ganz offensichtlich war er der einzige Gast auf der „Party”.

So freundlich es ging, sagte er „Ein anderes Mal gern”, und fügte dann noch „Vielleicht” hinzu.

In seinem Truck sah er sich im Rückspiegel an. Wer bist du, fragte er stumm. Und was hast du mit Jesse McKettrick angestellt?

„Ich hab’s total vermasselt”, verkündete Cheyenne ihrer Mutter, als sie das Haus betrat.

Ayanna saß auf dem alten Sofa und häkelte etwas aus vielen Fäden bunten Garns. „Inwiefern?”, fragte sie ruhig.

Aus dem Nebenzimmer drang Kampflärm. Mitch spielte ein Videospiel auf seinem Laptop. Mitch spielte ständig Videospiele auf seinem Laptop. Als ob er seine eigenen Dämonen in Schach halten könnte, indem er Zeichentrickfiguren erschoss.

„Jesse hat rundweg abgelehnt, das Land zu verkaufen”, sagte Cheyenne.

Ayanna lächelte. „Damit hast du doch gerechnet.”

Mit einem Seufzer warf Cheyenne die schwere Handtasche auf einen Stuhl und schleuderte die Schuhe von den Füßen. „Stimmt.”

„Möchtest du etwas essen?”, fragte Ayanna. „Mitch und ich hatten Käsemakkaroni.”

„Ich hatte Suppe”, entgegnete Cheyenne.

Ihr Handy klingelte.

„Geh nicht ran”, riet ihr Ayanna.

„Das geht nicht.” Cheyenne holte das Telefon aus der Tasche. „Hallo Nigel.”

„Hast du schon was erreicht?”, fragte Nigel.

Cheyenne sah auf ihre Uhr. „Himmel, Nigel. Du hast dich ja erstaunlich zusammengerissen. Es ist mindestens eineinhalb Stunden her, seit du das letzte Mal angerufen hast.”

„Und da hast du gesagt, dass du mit McKettrick zum Essen verabredet bist. Wie ist es gelaufen?”

„Er hat abgelehnt”, berichtete Cheyenne.

„Einfach so?”

„Einfach so.”

„Wir sind erledigt.”

„Zumindest ist er bereit, sich die Baupläne anzusehen. Unter einer Bedingung.”

„Und die wäre?”

„Dass ich einen Blick auf das Land werfe. Morgen früh. Ich treffe ihn um neun auf seiner Ranch.”

„Also sind wir noch im Rennen?”

„Keine Ahnung”, sagte Cheyenne müde und sank auf einen Stuhl. „Jesse ist zumindest sehr direkt. Sobald er wusste, was ich wollte, war nichts mehr zu machen.”

„Vielleicht hättest du ihn nicht so einfach überfallen dürfen”, überlegte Nigel. Cheyenne konnte geradezu sehen, wie sich die buschigen Augenbrauen ihres Chefs grüblerisch zusammenzogen.

„Du hast mir keine Wahl gelassen, schon vergessen?”

„Ach, jetzt ist es also mein Fehler.”

„Du sitzt mir im Nacken, seit ich gestern Nachmittag in Phoenix aus dem Flugzeug gestiegen bin. Wenn ich das Unmögliche erreichen soll, musst du mir etwas Zeit lassen.”

„Aber du bekommst das doch hin, oder, Cheyenne?”

„Ich bin auf das Erreichen von Unmöglichem spezialisiert.”

„Du musst das für mich hinkriegen, Babe”, flehte er.

„Nenn mich nicht Babe.” Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Mutter lächeln. „Und dräng mich nicht. Wenn ich Neuigkeiten habe, melde ich mich.”

„Aber …”

„Gute Nacht, Nigel.” Cheyenne drückte auf die Taste.

Mit einem weiteren Seufzer warf Cheyenne das Handy auf den Tisch und stand auf. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Weißt du was, Mom? Du bist unglaublich. Du bist erst seit ein paar Stunden in diesem Haus, und es fühlt sich schon wie ein Zuhause an.”

Die Augen ihrer Mutter schimmerten verdächtig. „Ich möchte nur meinen Teil beitragen, Cheyenne. Ich weiß, du denkst, dass du ganz allein bist, aber das stimmt nicht. Du hast mich, und du hast Mitch.”

Cheyennes Hals wurde eng, ihre Stimme klang gepresst. „Wo wir gerade von Mitch sprechen …”

Ayanna legte das Häkelzeug weg, stand auf und ging Richtung Küche. „Ich koche dir einen Kräutertee”, sagte sie. „Das hilft dir bestimmt, besser zu schlafen.”

„Danke.” Cheyenne schob die halb geschlossene Zimmertür ihres Bruders auf.

Mitch hockte über seinen Computer gebeugt, ein einfaches Modell, das Ayanna vermutlich von dem Geld gekauft hatte, das Cheyenne ihr jeden Monat schickte. Er wirkte so schmal und zerbrechlich in seinem Rollstuhl. Früher war er sportlich – und einer der beliebtesten Jungs an seiner Schule.

„Hey”, sagte Cheyenne.

„Hey”, entgegnete Mitch, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.

Sie wollte ihm durchs Haar fahren, so wie sie es früher immer getan hatte – vor dem Unfall –, entschied sich aber dagegen. Mitch war neunzehn, und außer seinem Stolz besaß er nicht mehr viel.

Wenn das Geschäft zustande kommt, dachte sie, kaufe ich ihm einen richtigen Computer, so einen wie ich bei McKettrickCo gesehen habe. Vielleicht schöpft er dann wieder etwas Hoffnung.

„Ich wünschte, wir könnten zurück nach Phoenix”, sagte Mitch.

Bevor sie antwortete, setzte Cheyenne sich auf sein Bett. Ayanna hatte eine Tagesdecke mitgebracht und über das Rollbett gebreitet, das schon alt gewesen war, als Cheyenne aufs College ging. Sicher, ihre Mutter tat ihr Bestes, doch der Raum wirkte trotzdem deprimierend. Die Tapete löste sich von der Wand, und die Vorhänge sahen aus, als hätten sie mindestens eine Überschwemmung erlebt. Der Linoleumboden war abgenutzt, das Muster an vielen Stellen ausgeblichen.

„Was gibt es denn?”, fragte sie leichthin, obwohl sie die Antwort bereits kannte. In Phoenix hatte er Freunde. Und Kabelfernsehen. Gegenüber der Wohnung hatte eine große Bücherei mit neuen Computern gelegen. Und hier musste er sich mit einem alten Laptop und einem Rollbett zufriedengeben.

Mitch zuckte nur die Schultern, beendete aber das Spiel und schwenkte seinen Stuhl herum, um sie ansehen zu können.

„Es wird wieder besser werden”, sagte sie.

„Das behauptet Mom auch.” Mitch klang nicht, als ob er auch nur ein Wort glaubte.

Besorgt betrachtete Cheyenne ihren Bruder. Sie und Mitch hatten unterschiedliche Väter. Ihrer war tot, wo seiner steckte, wusste der Herrgott. Vor zehn Jahren, als sie Indian Rock verlassen hatte, war Mitch neun und sie siebzehn. Als Ayanna ihrem zweiten Ehemann Pete nach Phoenix folgte und Mitch mitnahm, studierte Cheyenne gerade im zweiten Jahr an der University of Arizona. Dort versuchte sie, gute Klausuren zu schreiben und gleichzeitig Geld zu verdienen. Mitch hatte ihr damals einen flehenden Brief geschrieben, in dem er sie bat, zurückzukommen und mit ihm zusammen wieder in das heruntergekommene Haus in Indian Rock zu ziehen. Zu der Zeit liebte er Indian Rock noch und die Freiheit, in einer kleinen Stadt aufzuwachsen.

Sie antwortete mit einer Postkarte, die sie hastig in einer Pause bei Hooters schrieb. Sei vernünftig. Sie wollte nicht zurück, und selbst wenn, Ayanna hätte niemals erlaubt, dass ihre Kinder allein in dem alten Haus lebten. Dir wird Phoenix gefallen, hatte sie geschrieben.

„Es tut mir leid, Mitch”, sagte sie jetzt. Natürlich hätte Ayanna die beiden Geschwister nie und nimmer hier wohnen lassen. Zumal sie das bisschen Geld für die Miete bitter nötig hatte. Aber sie hätte freundlicher auf seinen verzweifelten Brief antworten können.

„Was?”, fragte er.

„Alles.”

„War nicht dein Fehler”, sagte Mitch. „Der Unfall, meine ich.”

Ich hätte zurückkommen und als Bedienung im Roadhouse oder Lucky’s arbeiten können. Ich hätte Ayanna Miete zahlen können und wahrscheinlich sogar etwas finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen, um meinen kleinen Bruder großzuziehen. Wenn ich es nur versucht hätte …

„Hier wäre der Unfall nicht passiert.”

„Wer weiß”, murmelte er. „Vielleicht war es Schicksal – vielleicht wäre ich so oder so im Rollstuhl gelandet.”

Wegen all der Bilder, die immer irgendwo in ihrem Unterbewusstsein lauerten, schloss Cheyenne die Augen: Mitch, sechzehn und übermütig, wie er in der Wüste mit seinen Freunden auf einem Four-Wheeler ein Rennen fuhr. Der Unfall und die schlimme Verletzung des Rückgrats. Wie sie nach dem panischen Anruf ihrer Mutter ins Krankenhaus gerast war, das lange Warten in der Notaufnahme, als niemand ihnen sagen konnte, ob er überleben würde.

Die Operationen.

Die langsame, qualvolle Genesung.

In der Zeit hatte Cheyenne gerade angefangen, sich bei Meerland einen Namen zu machen. Ständig war sie zwischen San Diego und Phoenix hin und her gefahren, bewaffnet mit Laptop und Handy. Sie arbeitete hart, um Nigel zu beweisen, dass sie es schaffen konnte.

Und sie schaffte es. Regelmäßig löste sie ihre erschöpfte Mutter am Krankenbett ab. Pete, Ehemann Nummer zwei und Mitchs Vater, machte sich aus dem Staub, als er kapierte, dass er sich ein einziges Mal wie ein verantwortungsvoller Erwachsener benehmen sollte. Im Krankenhaus freundete sie sich mit einem von Mitchs Chirurgen an und überredete ihn, bei Meerland zu investieren. Und als er kurz darauf erhebliche Gewinne einstrich, brachte er eine Menge Kollegen mit an Bord. Mitchs Zustand besserte sich allmählich. Nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte, ging Cheyenne zurück nach San Diego und stürzte sich dort mit all ihrer Energie in die Arbeit.

„Meinst du, wir könnten uns einen Hund anschaffen?”

Cheyenne blinzelte. „Einen Hund?”

Mitch lächelte, und das kam so selten vor, dass ihr Herz höher schlug. „In unserer Wohnung ging das nicht”, erklärte er.

„Aber ihr werdet zurückgehen …”

„Ich gehe nie mehr zurück”, verkündete er voller Überzeugung.

„Warum sagst du so was?”

„Hier müssen wir keine Miete zahlen. Außerdem redet Mom davon, wieder mit dem Malen anzufangen, sich eine Arbeit als Bedienung zu suchen oder Souvenirs zu verkaufen. Wahrscheinlich lernt sie bald irgendeinen Versager kennen und wird dann alles tun, um ihn vor sich selbst zu retten.”

Obwohl Ayanna eine kluge Frau war, stolperte sie in ihrem Liebesleben von einer Katastrophe in die nächste. Aber zumindest hatte sie nach Pete nicht noch einmal geheiratet.

In Cheyennes Augen brannten Tränen. Sie war froh, dass der Computer den Raum nur unzureichend erhellte.

„Ich wünschte”, begann Mitch, als Cheyenne nichts sagte, nichts sagen konnte, doch dann brach er ab.

„Was, Mitch?”, fragte sie nach einer Weile. „Was wünscht du dir?”

„Ich wünschte, ich könnte mir einen Job suchen, eine Freundin haben … ich wünschte, ich könnte ein Pferd reiten.”

Cheyenne wusste nicht, was sie antworten sollte. Es gab nicht viele Jobs in Indian Rock, schon gar nicht für einen Behinderten. Und Mädchen ins Mitchs Alter gingen entweder zur Arbeit oder aufs College und verabredeten sich mit Jungs, mit denen sie etwas unternehmen konnten. Und reiten? Das war nur etwas für Menschen mit zwei gesunden Beinen und mehr Mut als Verstand.

„Könntest du dir nicht etwas anderes wünschen?”, fragte sie leise.

Da lächelte Mitch traurig, wandte sich wieder ab und spielte weiter am Computer. Ein paar Minuten blieb Cheyenne noch hilflos auf dem Bett sitzen. Dann stand sie auf, legte kurz die Hand auf seine Schulter und verließ das Zimmer.

Die Schweinwerfer von Jesses Truck glitten über das alte hölzerne Schulgebäude, das Jeb McKettrick für seine Braut Chloe, eine Lehrerin, gebaut hatte. Jesses Schwestern hatten das Häuschen als privaten Spielplatz genutzt, und Jesse, zehn Jahre jünger als sie, verwandelte es zu seiner Zeit in ein Fort. Inzwischen diente es seinen Eltern als Büro, wenn sie die Ranch besuchten, was allerdings selten vorkam.

Er parkte neben dem Stall, ging hinein und schaute nach den Pferden. Sie waren morgens gefüttert und bewegt worden, doch er füllte trotzdem noch etwas getrocknetes Bermudagras in ihre Tröge, als Wiedergutmachung, weil er so lange weg gewesen war.

Für jedes einzelne Tier nahm er sich Zeit und striegelte es. Danach blieb ihm nichts mehr zu tun, als in das leere Haus zu gehen.

Ein großes Haus. Generationen von McKettricks hatten hier und dort angebaut, mal ein Zimmer, mal ein ganzes Stockwerk. Seit seine Eltern die meiste Zeit in Palm Beach lebten, wo sie Golf spielten und Feste feierten, und seine Schwestern Victoria und Sarah mit ihren reichen Männern um die Welt reisten, war Jesse der inoffizielle Eigentümer des Hauses.

Er trat durch die Küchentür ein und knipste das Licht an.

In dem Haus, das seinen Cousinen Meg und Sierra gehörte, spukte es angeblich. Jesse wünschte oft, es wäre hier ebenso, dann würde er sich zumindest nicht so einsam fühlen. Er ging zu dem begehbaren Kühlschrank, nahm eine Flasche Bier heraus und ließ den Verschluss aufschnappen. Eigentlich sollte er sich einen Hund anschaffen, doch dafür war er zu selten zu Hause. Es wäre unfair, einer armen unschuldigen Kreatur ein einsames Leben aufzuzwingen, nur damit ihn jemand freudig begrüßte, wenn er nach Hause kam.

„Du drehst langsam durch, McKettrick”, sagte er laut.

Er dachte an Cheyenne – er dachte die ganze Zeit an sie, seit sie sich auf dem Parkplatz verabschiedet hatten. An ihre langen Beine, die ausdrucksvollen Augen und die vollen Lippen. Sie war wirklich hübsch. Und intelligent.

Das Telefon klingelte. Verärgert stellte er sein Bier ab und griff nach dem Hörer. „Yo”, sagte er. „Hier spricht Jesse.”

„Selber yo”, entgegnete Sierra. Sie wollte in knapp einem Monat Travis Reid, einen seiner besten Freunde, heiraten. Die beiden wünschten sich Jesse als Trauzeugen. Früher hatte er sich öfter gewünscht, nicht mit ihr verwandt zu sein, um sie – zumindest in seiner Fantasie – Travis auszuspannen.

„Was gibt’s?”, fragte er.

„Wir feiern eine Vorhochzeits-Party”, sagte Sierra. „Samstagabend. Livemusik. Barbecue. Fahrt auf dem Heuwagen. Das volle Programm. Du bist eingeladen. Bring jemanden mit.”

„Samstag habe ich ein wichtiges Turnier. Im Cliffcastle-Kasino. Kein Limit und jede Menge Touristen, die glauben, das Spiel zu beherrschen, nur weil sie die World Poker Tour im Fernsehen verfolgen.”

„Komm schon, Jesse. Du verbringst sowieso zu viel Zeit am Spieltisch. Und zwing mich nicht, dir ein schlechtes Gewissen zu machen. Nach dem Motto: Du bist der Trauzeuge und somit verpflichtet, am Samstag zu kommen.”

„Dazu würde ich dich niemals zwingen”, entgegnete Jesse trocken und trank einen großen Schluck Bier. „Leider hast du es schon getan.”

Sie lachte. „Könnte schlimmer sein. Liam rechnet fest damit, dich zu sehen. Meg fliegt extra aus San Antonio hierher, und Rance und Keegan haben ihre Termine so gelegt, dass sie auch kommen können. Es wäre natürlich reichlich plump von mir zu betonen, dass ihre Termine sicher wichtiger sind als ein Pokerturnier. Deshalb tue ich es nicht.”

Jesse seufzte. „Okay”, sagte er. „Aber dafür schuldest du mir etwas.”

„Was denn?”

„Schick mir eins eurer Gespenster rüber, okay? Es ist viel zu still hier.”

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen erschien Cheyenne um punkt neun Uhr auf der Ranch. Jesse hatte alle Pferde bis auf zwei zum Grasen auf die Koppel gebracht und danach seinen schwarz-weißen Wallach Minotaur gesattelt. Jetzt kümmerte er sich gerade um Pardner.

Er zog den Gurt fester um den Bauch des Pferdes und schüttelte den Kopf, als Cheyenne aus dem Auto stieg. Sie trug einen taillierten beigefarbenen Hosenanzug und hohe Schuhe mit geschmackvollen Messingschnallen. Ihr Haar hatte sie wie am Tag zuvor geschäftsmäßig hochgesteckt – schlief sie etwa mit dieser Frisur? Kurz überlegte er, wie sich ihre Haarsträhnen wohl zwischen seinen Fingern anfühlen würden.

Tapfer lächelnd stöckelte sie über den zerfurchten Boden auf ihn zu, beäugte misstrauisch die Pferde und schaute hastig wieder weg. „Was für ein schöner Morgen”, sagte sie.

Statt zu antworten, nickte Jesse halb, tippte gegen seinen Hut und ärgerte sich sofort darüber. So viel zum Thema Tells. Da hätte er auch gleich ein Plakat aufhängen können mit den Worten: Cheyenne Bridges fasziniert mich. Mit freundlichen Grüßen, Jesse McKettrick. „Is’ hier immer so. Das ganze Jahr.”

Sie sog hörbar den Atem ein, ihr tapferes Lächeln zitterte ein wenig auf den vollen Lippen. Dann atmete sie aus und richtete den Träger ihrer albernen Handtasche. „Lass uns einen Blick auf das Land werfen”, sagte sie, während der Autoschlüssel in ihrer rechten Hand klimperte.

Ausführlich musterte Jesse ihre Kluft und sah dann zu Pardner und Minotaur, die fertig gesattelt und aufgezäumt geduldig warteten. „Dein kleines Auto da”, sagte er, „wird es niemals bis auf den Bergrücken schaffen. Da oben gibt es nichts als Trampelpfade.”

„Du willst doch nicht etwa vorschlagen, dass wir … reifen?” An dieser Stelle machte Cheyenne eine kurze Pause – so kurz, dass man sie hätte überhören können. Doch Jesse war zu geübt darin, auf alles zu achten, was andere Menschen verriet. „Auf Pferden?”

„Das ist üblicherweise der Grund, warum man Pferde sattelt”, sagte er. „Zwei Menschen. Zwei Pferde. Man muss kein Genie sein, um diese Aufgabe zu lösen.”

Daraufhin trat Cheyenne unbehaglich von einem Bein aufs andere. Ihre Schuhe passten vielleicht in einen Konferenzraum, aber nicht nach Triple M. Hier wirkten sie geradezu lächerlich. „Ich habe nicht mit einem Ausritt gerechnet.”

„Das sehe ich”, bemerkte Jesse trocken. „Aber dir ist schon klar, dass diese fünfhundert Morgen Land, die du unbedingt mit einem Bulldozer plattmachen willst, um hübsche Apartments darauf zu errichten, ziemlich weit vom Schuss weg liegen?”

„Selbstverständlich”, erwiderte sie ein wenig stockend. „Ich habe wochenlang recherchiert. Ich kenne mich in meiner Branche aus, Mr. McKettrick.”

„Jesse”, korrigierte er sie. „Und von was für einer Art ,Recherche’ sprichst du konkret? Hast du vielleicht einen Parzellierungsplan im Internet gefunden? Und den Zugang zu Strom und Wasser überprüft?” Er wartete einen Moment, um seine Worte wirken zu lassen. Dabei betrachtete er noch einmal ihren Hosenanzug. „Zumindest bist du vernünftig genug, um Hosen zu tragen”, fügte er wohlwollend hinzu.

„Wie bitte?”

„Besitzt du überhaupt eine Jeans?”

„Ich trage während der Arbeit keine Jeans”, erwiderte sie scharf.

„Ich schätze, das gilt dann auch für Stiefel.”

„Das schätze ich auch”, sagte sie leise und ließ die Schultern sinken. Der Riemen ihrer Handtasche rutschte herunter.

„Komm rein.” Er deutete auf sein Haus. „Mom hat ungefähr deine Größe. Du kannst dir was von ihr leihen.”

Doch Cheyenne stand so reglos da, als ob sie Wurzeln schlagen wollte. „Ich weiß nicht …”

Vielleicht sollte ich den Einsatz um ein oder zwei Chips erhöhen, dachte Jesse. „Haben Sie Angst, Ms. Bridges?”

Ihr Mundwinkel zuckte, und er überlegte, ob sie sich ärgerte oder ein Lächeln unterdrückte.

„Ja”, gestand sie dann mit einer Aufrichtigkeit, dass Jesse wünschte, er hätte sie vorher nicht so aufgezogen.

„Pardner ist völlig harmlos”, sagte er. „Man könnte sich unter seinen Bauch setzen, in eine Trillerpfeife blasen, seinen Schwanz mit beiden Händen packen, und er würde noch immer keinen Mucks von sich geben.”

Stumm biss sie sich auf die Lippe. Jesse sah, wie ihre Augen sich weiteten, als sie Minotaur taxierte und dann hoffnungsvoll zu Pardner sah.

„Du bestehst darauf, oder?”, fragte sie und warf ihm einen Blick zu, der ihm direkt in die Magengrube fuhr. Als ob sich eine Falltür über einer bodenlosen Schlucht öffnete. Das ging so schnell, dass er nach einem Haltegriff suchte, ihn aber nicht zu fassen bekam.

„Nein”, sagte er. Denn wenn sie jetzt ginge, würde sie ihre Selbstachtung verlieren. Das spürte Jesse ganz deutlich. Er konnte es ihr jetzt nur noch so leicht wie möglich machen. „An diesem Land kann man nicht einfach mal so vorbeifahren. Du musst wirklich dort sein, damit es mit dir spricht.”

„Vielleicht könntest du einen Blick auf die Pläne werfen, und ich komme ein andermal …”

„Halt!”, rief er abwehrend. „Klar könnte ich dich jetzt gehen lassen, aber auf lange Sicht würdest du mir das nur vorwerfen.”

„Sieh dir bitte einfach die Entwürfe an, Jesse. Ich bin nicht darauf eingestellt …”

Auf einmal erkannte Jesse, dass dies ein entscheidender Moment für sie beide war, viel wichtiger, als es oberflächlich betrachtet vielleicht aussah. Hier spielte sich etwas Wesentliches ab. Auch wenn er es nicht genau benennen konnte, trotz all der Psychologievorlesungen, die er auf der Uni besucht hatte. „Als ob du tatsächlich morgen oder übermorgen wiederkommen würdest!” Er kniff die Augen zusammen. „Wenn du denkst, dass ich einfach die Entwürfe auf dem Küchentisch ausbreite und frage, wo ich unterschreiben soll, dann irrst du dich gewaltig.”

Daran hatte sie erst einmal eine Weile zu kauen. Und wenn ihr das Land nicht so wichtig gewesen wäre, hätte sie ihm vermutlich erklärt, wohin er sich seine Pferde und den ganzen Stall stecken konnte.

„In Ordnung”, sagte sie nach einer Weile.

„In Ordnung was?”

Cheyenne seufzte. „In Ordnung, ich leihe mir etwas von deiner Mutter und reite auf dem elenden Gaul. Aber wenn ich mir das Genick breche, wirst du damit leben müssen.”

Ein breites Lächeln erhellte Jesses Gesicht. Er hatte Cheyenne von Anfang an gemocht. Doch jetzt respektierte er sie auch, und das gab dem Ganzen noch eine ganz andere Dimension. Sie war so mutig, ihre Angst einzugestehen, und bereit, sie zu überwinden, um weiter im Spiel zu bleiben.

„Das wird nicht passieren”, versicherte er. „Ich weiß, dass du keine Ahnung vom Reiten hast. Schon allein deshalb würde ich dich niemals auf ein gefährliches Pferd setzen.”

Mit diesen Worten führte er sie ins Haus. Während sie in der Küche wartete, suchte er eine alte Jeans, ein Paar abgetragene Stiefel und ein Flanellhemd seiner Mutter zusammen. Als er zurückkam, sah sie durch das Fenster über dem Spülbecken auf das alte Schulgebäude.

„Ist das wirklich eine Ein-Zimmer-Schule?”, fragte sie, als er ihr den Kleiderhaufen in den Arm drückte.

Er nickte. „Die Tafel ist noch da, und ein paar Tische. Sieht noch ziemlich genauso aus wie 1880, als Jeb sie für seine Braut gebaut hat.”

Mit großen und wehmütigen Augen sah sie ihn an. „Dürfte ich mir die mal ansehen?”

„Klar.” Er runzelte die Stirn. „Warum siehst du so traurig aus, Cheyenne?”

Ihr Versuch, zu lächeln, misslang. Sie drückte die Kleider fester an sich. „Habe ich traurig ausgesehen? Ich bin nicht traurig, ich habe mir nur überlegt, wie es sein muss, so eine Familiengeschichte wie die der McKettricks zu ha ben.”

„Jeder hat eine Familiengeschichte”, erwiderte er und wusste, dass sie gelogen hatte. Denn zweifellos war Cheyenne traurig.

„Wirklich?”, fragte sie leise. „Ich habe die Eltern meines Vaters nie kennengelernt. Die Mutter meiner Mutter starb, als ich dreizehn war. Und niemand hat etwas erzählt oder aufgeschrieben. Es gibt ein paar wenige Fotos. Aber auf ihnen erkenne ich nicht mehr als ein oder zwei Leute. Es ist, als ob wir alle einfach aus dem Nichts aufgetaucht wären.”

In diesem Moment wollte er Cheyenne küssen. Doch er beschränkte sich darauf, nur kurz mit dem Finger an ihre Nase zu tippen, weil sie noch immer so wachsam wirkte wie das Reh, an das er bei ihrem ersten Treffen hatte denken müssen. Und er wollte nicht, dass sie weglief.

„Bereit für den Ausritt?”, fragte er.

„Ich könnte nicht bereiter sein”, antwortete sie.

Also erklärte Jesse ihr den Weg zum nächstgelegenen Badezimmer, woraufhin sie mit erhobenem Kopf losmarschierte wie zur Kleiderkammer eines Gefängnisses.

Die Jeans waren ein wenig zu weit, doch die Stiefel passten. Cheyenne faltete Hose, Blazer und die Seidenbluse sorgfältig zusammen. Ihre Lieblingsschuhe stellte sie ordentlich daneben. Dann sah sie in den Spiegel über dem altmodischen Waschbecken.

„Du kannst das”, sagte sie zu sich selbst. „Du musst es einfach können.” Sie drehte den Kopf und betrachtete sich erst von der einen und dann von der anderen Seite. „Und übrigens, dein Haar sieht so aufgesteckt total albern aus.”

„Kann man nichts machen”, entgegnete ihr Spiegelbild.

Auf dem Weg zurück in die Küche verlief sie sich zweimal. Jesse betrachtete sie von Kopf bis Fuß, und ihre Haut begann zu prickeln.

Er schien sich so wohlzufühlen, dass Cheyenne der unbändige Wunsch überkam, ihn zu reizen. Aber das ging natürlich nicht. Später konnte sie ihre Wut an Nigel auslassen, wenn sie ihm berichtete, dass sie ihr Leben für seine verdammte Apartmentanlage riskiert hatte, indem sie auf einem Pferd in die bescheuerte Wildnis geritten war. Vorausgesetzt, dass sie nicht in der Notaufnahme landete, bevor sie die Möglichkeit hatte, ihn anzurufen.

„Immer mit der Ruhe”, sagte Jesse behutsam. Gegen Freundlichkeit war Cheyenne gewöhnlich machtlos. Doch schon mit dem nächsten Atemzug entfachte er ihre Wut erneut. „Wie gesagt, Pardner ist ein gutes Pferd, und er ist an Kinder und Angsthasen gewöhnt.”

„Ich bin kein Angsthase”, entgegnete Cheyenne knapp.

Da lachte Jesse und schlenderte zur Hintertür. Dort verharrte er und sah sie noch einmal lange an. „Und ein Kind bist du ganz offensichtlich auch nicht. Mein Fehler.”

„Du genießt das ganz offensichtlich”, sagte Cheyenne und folgte ihm nach draußen in den warmen Frühlingsmorgen. Dort lief sie geradewegs auf Mann und Pferd zu, aus Angst, den Mut zu verlieren, wenn sie nur einmal stehen blieb.

„Hast du noch nie auf einem Pferd gesessen?”, wunderte er sich, als sie neben ihm stand. „Wie hast du das denn hinbekommen in Indian Rock?”

Vielleicht hatten sie als Kinder dieselbe Postleitzahl und waren auf dieselbe Schule gegangen. Doch davon abgesehen hätten sie auch auf unterschiedlichen Planeten aufwachsen können. Unfähig, ihren Ärger zu verbergen, warf sie Jesse einen bösen Blick zu, während sie einen Fuß in den Steigbügel schob und den Sattelknauf mit beiden Händen umklammerte. „Ich war wohl zu beschäftigt mit Debütantinnen-Bällen und Teetrinken im Country Club”, konterte sie. „Da blieb keine Zeit, um auf die Jagd zu gehen oder Polo zu spielen.”

Immerhin brachte sie Jesse damit zum Lachen. Gleichzeitig schob er eine Hand unter ihren Hintern und hievte sie mit einer kräftigen Bewegung aufs Pferd. Dort landete sie mit einem Plumps, der ihren Körper vom Kopf bis zu den Zehen durchschüttelte.

„Du kannst den Sattelknauf jetzt loslassen”, sagte er. „Pardner wird still wie eine Statue hier stehen, bis ich auf Minotaur sitze und losreite.”

Nur sehr zögerlich löste Cheyenne einen Finger nach dem anderen von dem Knauf. „Du lässt ihn aber nicht galoppieren, oder?”

Jesse reichte ihr die Zügel. „Halt die Zügel ganz locker”, wies er sie an. „Genau so. Er bleibt schon bei einem ganz leichten Anziehen stehen. Also zerr nicht, sonst tust du ihm weh.”

Cheyenne nickte nervös. Vermutlich wog das Tier so viel wie ein Volkswagen, und wenn einer von ihnen verletzt wurde, dann wohl eher sie. Aber wie auch immer, sie wollte ihm gewiss keine Schmerzen zufügen.

Obwohl sie ganz gut in Form war, taten ihr die Innenseiten ihrer Schenkel jetzt schon weh. Sollte sie ein paar Tonnen Wundsalbe auf ihr Spesenkonto setzen?

„Alles klar?”, fragte Jesse.

Unfähig zu antworten, biss sie sich fest auf die Unterlippe und nickte einmal lebhaft.

Lächelnd legte er kurz eine Hand auf ihren Schenkel. Dann wandte er sich ab und bestieg sein Pferd mit der Eleganz eines Cowboys. Wenn Nigel hier gewesen wäre, hätte er Gelegenheit ge habt, mal wieder eines seiner Klischees von sich zu geben, nämlich dass Jesse McKettrick aussah, als ob er auf dem Rücken eines Pferdes geboren worden wäre.

Damit Minotaur sich in Bewegung setzte, stieß Jesse dem Wallach leicht in die Seite.

„Keine Sporen?”, fragte Cheyenne, die ihre Kenntnisse über Pferde einzig und allein aus Western bezog. Natürlich wusste sie, wie albern ihr Kommentar klang. Doch nachdem Pardner nun auch loslief, musste sie einfach irgendetwas sagen, um ruhig zu bleiben.

Jesse betrachtete sie so düster, als hätte sie vorgeschlagen, das arme Viech auf eine Heugabel zu spießen. „Keine Sporen auf Triple M”, sagte er. „Niemals.”

Mit schweißnassen Händen umklammerte Cheyenne die Zügel und wartete darauf, dass ihr Herzschlag wieder seine übliche Frequenz annahm. Und tatsächlich war es gar nicht so schlimm – sie schaukelte einfach nur ein wenig hin und her. Solange hier kein spontanes Kentucky Derby ausgerufen wurde, standen die Chancen nicht schlecht, mit dem Leben davonzukommen. Außerdem bot dieses Abenteuer mal eine erfrischende Abwechslung zu all dem Papierkram und den ständigen Besprechungen mit interessierten Investoren.

Am Gatter angekommen, beugte Jesse sich vor und schob den Riegel zurück. Das Holz war verwittert, wie Cheyenne feststellte, nachdem sie nicht länger hyperventilierte, und vermutlich genauso alt wie das Schulhaus. Und doch standen die Pfosten ganz aufrecht und gerade.

Genauso wenig wie Sporen gab es auf Triple M offenbar Stacheldraht. In Anbetracht der Größe des Grundstücks – die Einheimischen scherzten gern, dass man es besser in Staaten als in Morgen messen könne – eine ziemlich beachtliche Leistung.

Cheyenne ritt durch das Gatter und wartete, bis Jesse es wieder geschlossen hatte.

„Ich sehe keinen Stacheldraht”, sagte sie.

„Weil es keinen gibt.” Jesse schob sich den Hut tiefer über die Augen. „Pferde verletzen sich auch ohne rostige Stacheln leicht genug.”

Obwohl er ihr so viel zumutete, bevor er sich die Entwürfe ansah, stieg ihre Achtung vor Jesse. Sporen waren grausam und Stacheldraht auch. Offensichtlich lehnte er beides ab, und das brachte ihm einige Pluspunkte bei ihr ein.

Andererseits war Jesse auch früher nie gemein, dachte sie. Nur ein bisschen wild.

„Und was machst du so den ganzen Tag?”, fragte sie, als sie durch das hohe duftende Gras auf einen entfernten Berg zuritten. Weiße Wolken sammelten sich am Horizont wie Schaum auf einer Welle, und der Himmel leuchtete so blau wie Jesses Augen.

„Was ich den ganzen Tag mache? Du meinst, außer mit attraktiven Frauen durch das Gelände zu reiten?”

Das Kompliment schmeichelte ihr, doch sie rief sich sofort wieder zur Vernunft. Sie musste vorsichtig sein. Natürlich besaß sie einige Erfahrung aus früheren Beziehungen, aber Jesse McKettrick spielte in einer ganz anderen Liga. Das zu vergessen, würde sie nur in Schwierigkeiten bringen.

Daher lächelte sie nur und nahm beide Zügel in eine Hand, um sich die andere an der Jeans abzutrocknen. „Du musst doch bestimmt die Rinderherden hüten oder so etwas”, präzisierte sie ihre Frage.

„Rance hätte gern ein paar Hundert Rinder”, sagte er und trieb sein Pferd ein klein wenig an. „Aber auf Triple M gibt es eigentlich keine Viehzucht mehr. Wir sind inzwischen eher Hobbyfarmer, könnte man sagen. Ich trainiere ein paar Pferde, reite gelegentlich Rodeo und spiele verdammt oft Poker. Und du, Cheyenne? Was machst du den ganzen Tag?”

„Ich arbeite.” Verärgert stellte sie fest, dass sie wie eine arrogante Zicke klang. Aber noch mehr ärgerte sie sich darüber, dass sie zu stolz war, den Satz ein wenig zu entschärfen.

Er tat so, als ob er sich einen Pfeil oder einen vergifteten Speer aus der Brust reißen müsste. Doch dabei lächelte er so unverschämt wie immer. Nichts, was sie sagte, würde ihm jemals unter die Haut gehen.

Was sie natürlich auch gar nicht beabsichtigte. Zumindest nicht sehr.

„Wie weit werden wir reiten?”

„Nur diesen Berg hinauf.” Sein Pferd trabte jetzt, und Pardner machte es Minotaur nach. „Von dort aus hat man eine Sicht, die dir den Atem rauben wird.”

Cheyenne schluckte, sie hopste im Sattel so hart auf und ab, dass sie befürchtete, sich die Zunge abzubeißen. Ihre Großmutter, die von Apachen abstammte, würde beim Anblick ihrer Enkelin auf dem Pferd vor Scham sterben – wenn sie nicht schon tot wäre.

Oh bitte, lass mich dieses Land nicht allzu sehr lieben, betete sie.

Durch ein kaum bemerkbares Ziehen an den Zügeln bremste Jesse sein Pferd etwas. „Wünschst du dir manchmal, etwas anderes zu tun?”, fragte er.

Die Frage verwirrte Cheyenne zunächst, weil sie sich auf zwei ganz andere Dinge konzentrieren musste: erstens nicht vom Pferd zu fallen und zweitens nicht einfach alles wegzuwerfen, wofür sie hart gearbeitet hatte, nur weil ihr die Landschaft hier so gut gefiel.

„Es ist eine Herausforderung”, erklärte sie. „Manchmal macht es Spaß, manchmal frustriert es mich. Unser letztes Projekt richtete sich an die mittlere Einkommensschicht, und ich fand es schön zu wissen, dass junge Familien dort wohnen und ihre Kinder aufziehen werden.”

Dass dieses Projekt Nigel fast in den Ruin getrieben hätte, brauchte Jesse nicht zu wissen. Genau deshalb war ihr Chef jetzt ja so versessen darauf, dieses Land zu erwerben.

Sie hatte angeboten, eine der Wohnungen in dem Gebäude zu kaufen, das Nigel ihr gegenüber nur noch als El Fiasco bezeichnete. Ayanna und Mitch hätten dort leben können. Die Wohnungen wurden für einen Spottpreis abgegeben. Aber Ayanna hatte sie besichtigt, sich bei Cheyenne für das Angebot bedankt und mit den Worten abgelehnt, sie würde lieber in einem Wigwam wohnen als hier.

Diese Zurückweisung schmerzte Cheyenne noch immer. Und das von einer Frau, die in einer Sozialwohnung lebte. Wo die Mülltonnen überquollen und die Hauswände mit Graffiti vollgeschmiert waren.

„Wo war das?”, fragte Jesse.

„Außerhalb von Phoenix.” Nun ritten sie einen steilen Pfad hinauf. Bevor er fragen konnte, fügte sie hinzu: „Der Name würde dir nichts sagen.”

„Wie hieß denn die Apartmentanlage?”

Sie vermied es, ihn anzusehen. Oben entdeckte Cheyenne ein weiteres Gatter. Dahinter lagen prächtige Kiefern, deren Nadeln sich scharf gegen den Himmel abhoben. „Casa de Meerland”, sagte sie.

„Einprägsamer Name”, meinte er trocken. „Ich habe davon in der Republic gelesen.”

Toll, dachte Cheyenne. Also wusste er von den Verzögerungen, den Gerichtsprozessen, den unverkauften Einheiten und den wütenden Investoren. „Wie ich dir schon gestern Abend sagte”, erklärte sie betont fröhlich, „sind wir bereit, in bar zu zahlen. Also brauchst du dir über den Ruf der Firma keine Sorgen zu machen. Wir sind absolut solide.”

„Der Ruf deiner Firma ist das Letzte, worüber ich mir Gedanken mache. Diesen wunderbaren Wald abzuholzen und die Wiesen einzuzementieren – darüber mache ich mir allerdings schon ein paar Gedanken.”

„Wir hatten eine Vereinbarung”, sagte Cheyenne. „Ich schaue mir das Land an, und du gibst den Entwürfen eine Chance. Ich hoffe, dass du Wort hältst.”

„Ich halte mein Wort immer”, erklärte Jesse.

Wenn er sein Wort immer hielt, dann vermutlich, weil er es von vornherein erst gar nicht gab, dachte sie grimmig.

„Was tust du sonst, wenn du nicht gerade die Umwelt verschandelst?”, fragte er.

Dafür erntete er einen bitterbösen Blick, der ihm jedoch nur ein weiteres Lachen entlockte.

„Ich habe keine Zeit für Hobbys”, erwiderte sie knapp.

„Ich könnte dir Reitunterricht geben.”

„Danke, nein”, entgegnete sie etwas zu schnell und zu barsch.

„Nur mal angenommen, ich verliere völlig den Verstand und verkaufe dir das Land. Würdest du dann noch eine Weile in der Stadt bleiben?”

Diese Frage erschütterte sie ein wenig, wobei sie hoffte, das einigermaßen verbergen zu können. Gab es vielleicht doch noch einen Funken Hoffnung auf das Geschäft? Und auf welche Antwort hoffte er? Dass sie verschwand, sobald die Tinte auf dem Vertrag getrocknet war, oder dass sie auf unbestimmte Zeit blieb? Letztlich spielte es keine Rolle, was er wollte.

„Dann würde ich ein halbes Jahr oder ein Jahr bleiben, die Bauarbeiten überwachen und ein kleines Verkaufsbüro einrichten”, antwortete sie wahrheitsgemäß.

Nun erreichten sie das zweite Gatter, und wieder beugte Jesse sich über den Hals des Pferdes. Daher konnte sie sein Gesicht nicht sehen. Aber sie spürte etwas in seiner Haltung – als ob er einen schweigenden Kampf mit sich ausfocht. Bisher war er sehr unnachgiebig. Wurde er vielleicht langsam weich?

Sie verspürte eine Mischung aus Hoffnung und Enttäuschung in sich aufsteigen.

„Du könntest vielleicht den leeren Laden neben Cora’s Curl and Twirl mieten”, sagte er. „Als Büro, meine ich.”

Bei diesem Satz schienen Cheyennes Herz kleine Flügel zu wachsen, die kurz aufschlugen und sich dann wieder legten. „Ich erinnere mich an Cora’s Curl and Twirl.” Ein falsch gewähltes Wort konnte alles zerstören. „Schneidet Cora noch immer selbst die Haare und bringt kleinen Mädchen bei, die Tambourstöckchen herumzuwirbeln?”

„In Indian Rock verändert sich nicht viel”, erklärte Jesse strahlend. „Hast du auch bei Cora Unterricht gehabt?”

Etwas Spitzes steckte plötzlich in ihrem Hals. Gott, sie hatte sich so sehr nach einem rosa Ballettröckchen und Tambourstöckchen mit glitzernden Quasten an beiden Enden gesehnt, danach, eines der glücklichen Kinder zu sein, die jeden Samstagmorgen zum Tanzunterricht in den Laden stürmten. Aber ihre Eltern hatten nie genug Geld gehabt – weil Cash Bridges jeden übrig gebliebenen Penny beim Spielen und Trinken ausgab oder um Kumpels aus dem Gefängnis zu holen.

„Nein”, antwortete sie leise. Sie wollte nicht über ihren Vater oder sonst etwas aus ihrer Vergangenheit sprechen. „Du?”

Jesse lachte. „Nee. Aber meine Schwestern waren ganz versessen darauf.”

Ja, klar, dachte Cheyenne. Die McKettrick-Schwestern. Sie waren schon erwachsen, als Cheyenne in die Schule kam. Aber ihr Ruf hing ihnen nach. Sie waren immer die schönsten, beliebtesten und bestgekleideten Mädchen: Cheerleader, Abschlussballköniginnen, Vorzugsschülerinnen und Klassensprecherinnen. Später hatte die eine einen Filmdirektor geheiratet, die andere einen Vorstandschef.

Manche Menschen waren eben unter einem glücklichen Stern geboren.

Sie hingegen lag unter einer dunklen Wolke.

„Da lang.” Jesse deutete auf einen schmalen steinigen Weg, der steil nach oben führte. „Reite mir einfach nach. Und wenn es steil wird, lehn dich im Sattel nach vorn.”

Wenn es steil wird? Zum Glück übernahm das Pferd die Führung. Sie musste sich nur darauf konzentrieren, im Sattel zu bleiben und sich nicht das Gesicht von herabhängenden Ästen zerkratzen zu lassen.

Als sie schließlich den Gipfel erreichten, war Cheyenne schweißgebadet.

Auf den Ausblick jedoch war sie in keiner Weise vorbereitet. Tausende von Bäumen. Sonnenbeschienene Wiesen, auf denen Wild graste. Ein geschwungener Bach funkelte wie die Quasten an den Tambourstöckchen bei Cora’s Curl and Twirl.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Wieder begann dieser dumpfe Trommelschlag in ihrem Blut zu dröhnen und vibrierte durch ihre Venen. Jesse schwang ein Bein über den Kopf seines Pferdes und landete geschickt auf den Füßen. Dann wickelte er die Zügel locker um den Sattelknauf.

„Ich sagte doch, dass der Blick dir den Atem rauben wird.”

Cheyenne war sprachlos. Jesse streckte ihr eine Hand entgegen, um ihr aus dem Sattel zu helfen. Beim Aufprall auf den Boden schmerzten ihre Füße. Doch sie war dankbar für diesen Schmerz, denn er brach den Zauber.

„Es ist wunderschön”, wisperte sie.

Ehrfürchtig nahm Jesse den Hut ab, als ob er eine Kirche betreten hätte. Sein Gesicht sah plötzlich ganz anders aus, als ob er das Land nicht nur mit den Augen in sich aufnahm, sondern mit jeder einzelnen Pore seines Körpers.

Und Cheyenne dachte daran, dass dieses Grundstück nicht zu Triple M gehörte. Jesse hatte es vor zwei Jahren dem Staat abgekauft, was ihn einen ganz schönen Batzen seines Treuhandvermögens gekostet haben musste. Aber sicher nur einen Bruchteil dessen, was Nigel zu zahlen bereit war.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, drehte Jesse sich zu ihr um und sah ihr in die Augen. „Als Kinder haben Rance, Keegan und ich hier oft gezeltet. Und auch heute komme ich noch ab und zu mit meinem Schlafsack her, um unter den Sternen zu schlafen. Vor einigen Jahren, ungefähr zu der Zeit, als der Gouverneur von Arizona beschloss, kein Naturschutzgebiet aus diesem Gebiet zu machen, habe ich ein Pokerturnier gewonnen und sofort das Land gekauft.”

„Das muss ein großes Turnier gewesen sein”, bemerkte Cheyenne so beiläufig wie möglich.

„Weltmeisterschaft”, erklärte er schulterzuckend. „In ein paar Monaten fahre ich nach Las Vegas, um meinen Titel zu verteidigen.” Wieder glitt sein Blick über die Landschaft. „Im Frühling quillt dieser Bach fast über vor Forellen. Es gibt Rehe, wie du sehen kannst, außerdem Adler, Wölfe, Luchse, Kojoten und Bären – so ziemlich alles, was man in diesem Landstrich erwarten kann.”

Er betrachtete Cheyenne, suchte offenbar nach Worten und drehte dabei den Cowboyhut in den Händen – wie es seine Cowboy-Vorfahren vermutlich auch schon getan hatten. „Wo sollen sie deiner Meinung nach hin, wenn du und deine Firma dort das Apartmenthaus und einen Golfplatz bauen?”

4. KAPITEL

Cheyenne blinzelte. Sie wünschte, das Land würde verschwinden, und damit auch Jesses Frage.

Denk an deine Mutter. Denk an Mitch.

Jesse drehte sie sanft zu sich. „Als Angus McKettrick Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hierher kam, muss der ganze nördliche Teil des Staats ungefähr so ausgesehen haben. Er hat Bäume gefällt, um sein Haus und einen Stall zu bauen, und er benutzte herabgestürzte Äste als Brennholz. Er baute auch Zäune für sein Vieh. Aber davon abgesehen hat er das Land nicht sehr verändert. Seine Söhne bauten auch Häuser, als sie heirateten – mein Haus, dann das Haupthaus auf der Ranch, wo Keegan inzwischen wohnt, und eines auf der anderen Seite des Baches. Das gehört Rance. Diese Häuser wurden umgebaut und modernisiert, aber mehr nicht. Keine Planierarbeiten. Keine Tennisplätze. Wir McKettricks schätzen dieses Land sehr, Cheyenne, und ich habe nicht vor, diese Familientradition zu brechen.”

Voller Enttäuschung und Bewunderung sah sie zu ihm. Das rhythmische Trommeln, das aus ihrem Innersten rührte, dröhnte in ihren Ohren. Die Schönheit des Landes schien auf ihren ureigensten Rhythmus zu antworten wie ein riesiges unsichtbares Herz.

„Du hast versprochen, dir die Pläne anzuschauen”, sagte sie ein wenig lahm und gegen ihre eigene innere Überzeugung.

Jesse setzte den Hut wieder auf, half Cheyenne auf ihr Pferd und bestieg Minotaur. Auf dem Ritt zurück zur Ranch sprach keiner von ihnen ein Wort.

„Es ist mir nicht egal, was aus dem Land wird”, sagte sie ernst, als sie den Stall erreichten.

„Wirklich nicht?” Doch offenbar erwartete er keine Antwort. „Hol deine Entwürfe”, sagte er mit einem Blick auf ihren Wagen. „Ich bringe Pardner und Minotaur in den Stall und treffe dich im alten Schulhaus.”

Sie wischte sich die feuchten Hände an Callie McKettricks Jeans ab und nickte ihm zu. Als er mit den beiden Pferden im Stall verschwunden war, legte sie den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel.

„Was soll ich nur tun?”, fragte sie leise. So stand sie ein paar Sekunden, dann lief sie zu ihrem Mietauto und nahm die dicke Rolle mit den Bauplänen vom Rücksitz.

Im Schulhaus war es kühl. Staub wirbelte auf und tanzte golden in der Sonne. Cheyenne legte die Rolle auf einen großen Tisch, hinter dem ein alter Stuhl stand. Dann sah sie sich interessiert um. Jemand hatte Aktienkurse auf die Schultafel geschrieben, ein altmodisches Telefon stand neben einem Globus. Doch davon abgesehen hatte sich hier wohl seit der Erbauung nicht viel verändert.

Behutsam fuhr sie mit den Händen über die Reihe kleiner Tische, bewunderte den Kachelofen und wandte sich dann dem Globus zu.

Die Welt hat sich massiv verändert, dachte sie traurig, als sie dem Miniaturplaneten einen kleinen Stoß versetzte. Neue Grenzen. Neue Kriege. Aids und Terrorismus.

Cheyenne hörte, dass Jesse eintrat, drehte sich aber nicht um. Für ein paar Sekunden wollte sie sich so fühlen wie die Lehrerin Chloe McKettrick, und Jesse war ihr Mann Jeb. Solange sie ihn nicht ansah, konnte sie dieses Gefühl ein wenig auskosten.

„Hier saßen nie mehr als ein Dutzend Schüler auf einmal”, sagte Jesse leise. „Nur die Kinder von Chloe und Jeb, ihre Cousins und Cousinen, ein paar Streuner und die Kinder der Rancharbeiter.”

„Das Leben muss wunderbar einfach gewesen sein.”

„Es war auch hart.” Sie hörte, wie er das Gummi von den Entwürfen streifte und sie ausrollte. „Kein fließendes Wasser, kein Strom. Elektrisches Licht gab es hier erst Ende der Dreißigerjahre. Zwar existierte bereits 1919 eine Stromleitung, aber die versorgte nur eine einzige Glühbirne in der Küche.”

Cheyenne zwang sich, ihn anzusehen. Ganz kurz konnte sie sich tatsächlich einbilden, er wäre Jeb. Schnell schüttelte sie den Kopf. Es war, als beträte sie das Set eines alten Films oder stürzte kopfüber in einen historischen Liebesroman. Höchste Zeit, mit dem Träumen aufzuhören und mit dem Verkaufen zu beginnen – denn wenn sie Jesse nicht überreden konnte, die fünfhundert Morgen zu verkaufen, wären die Auswirkungen vernichtend.

„Wie schön, dass die Ranch all die Zeit so gut erhalten wurde”, sagte sie, während Jesse die Pläne studierte. Er hielt den Kopf so gesenkt, dass sie seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte. „Aber soweit ich weiß hat das Land, von dem wir sprechen, nie zu Triple M gehört.”

Erst jetzt sah er auf, zeigte aber sein Pokerface. Und trotz all der Erfahrungen, die sie bei ihrem Vater hatte sammeln können, ließ sich nicht das Geringste daraus lesen.

„Land”, sagte er, „ist Land.”

In ihrem Kopf begannen sämtliche Alarmglocken zu schrillen. Doch sie behielt die Ruhe, stellte sich neben Jesse, lächelte und deutete in die Mitte des Bauprojekts. „Das ist die Grünanlage. Es wird jede Menge Rasenflächen geben, einen Brunnen, Bänke, Spielplätze für die Kinder. Wenn wir den Bach eindämmen, könnten wir einen Fischteich …”

Zu spät bemerkte Cheyenne, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte, indem sie erwähnte, dass Nigel den Verlauf des Bachs ändern wollte. Schließlich verlief er auch über das Grundstück von Triple M.

„Bestimmt ist der Bach nicht die einzige Wasserquelle”, setzte Cheyenne an, verstummte aber beim Blick in Jesses Augen.

„Daraus wird nichts”, sagte er.

„Jesse …”

Er schob ihr die Entwürfe hin. „Du hast dein Versprechen gehalten, und ich meines. Aber ich will verdammt sein, wenn ich dich und eine Horde von Idioten in dreiteiligen Anzügen an diesem Bach herumpfuschen lasse, damit die Eigentümer Kois züchten können.”

„Bitte, hör mir zu …” Sie war so verzweifelt, dass sie nicht länger versuchte, ihm etwas vorzuspielen.

„Ich habe genug gehört”, sagte er.

„Sieh mal, der Fischteich ist bestimmt nicht so wichtig.”

Mit wenigen Schritten durchquerte Jesse den Raum und riss die Tür auf. Sonnenlicht überflutete seinen athletischen Körper. „Da hast du verdammt noch mal recht.”

Er stürmte auf das Haus zu, und wieder blieb Cheyenne keine andere Wahl als ihm zu folgen, nachdem sie die Entwürfe durch das offene Fenster in ihr Auto geschleudert hatte.

Im Haus stand Jesse vornüber gebeugt am Spülbecken und starrte aus dem Fenster.

„Ich habe nichts Falsches getan”, sagte Cheyenne – mehr, um sich selbst zu überzeugen. „Der Bach kann nicht so wichtig für die Ranch sein, sonst hätte einer deiner Vorfahren die Wasserquelle doch längst genutzt.”

Da drehte er sich langsam um, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich ans Spülbecken.

Sah er wirklich etwas freundlicher aus, oder bildete sie sich das nur ein? „Es reicht, einfach Nein zu sagen, Jesse”, erklärte sie ruhig. „Es gibt keinen Grund, so wütend zu werden.”

Ganz plötzlich und unerwartet warf er ihr ein Strahlen zu, sodass sie beinahe einen Schritt zurückgewichen wäre.

„Tut mir leid”, sagte er. „Ich bin auf mich wütend, nicht auf dich. Ich hätte gleich an den Bach denken sollen”, fuhr er fort, während sie erstarrt vor ihm stand wie das Kaninchen vor der Schlange. „Stattdessen habe ich ganz kurz tatsächlich mit dem Gedanken gespielt zu verkaufen. Ich habe mir kleine Kinder auf Dreirädern vorgestellt, Hunde, die Frisbees hinterherjagen, und erst als du den geplanten Fischteich erwähnt hast, habe ich wieder Vernunft angenommen.”

„Und wenn wir versprechen, den Bachverlauf auf keinen Fall zu ändern?”

Jesse seufzte. „Ich würde dir das wahrscheinlich sogar glauben. Aber das kannst du mir nicht versprechen, und das weißt du auch. Sobald die Wohnungen verkauft sind und deine Firma sich um andere Projekte kümmert, kann alles geschehen. Selbst wenn die Eigentümer beschließen, den Bach in die Luft zu sprengen, könnte ich nichts dagegen tun.”

Cheyenne zog sich einen Stuhl heran. Der große Küchentisch war nicht antik, wie sie erwartet hatte. Die Tischplatte bestand aus wunderschönem Kiefernholz, mit eingearbeiteten Türkisen und oxidiertem Kupfer. Sie stützte einen Ellbogen darauf und legte das Kinn in die Hand. „Natürlich könntest du etwas tun. McKettrickCo beschäftigt garantiert eine ganze Armee von Anwälten. Du könntest eine gerichtliche Verfügung erwirken und so etwas verhindern.”

„Die Anwälte von McKettrickCo”, sagte Jesse, öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Mineralwasser und ein Bier heraus, „stehen mir nicht auf Abruf zur Verfügung. Und selbst wenn, haben sie auch so schon genug zu tun.”

Er stellte ihr das Wasser hin. Dass er sich daran erinnerte, was sie am Abend zuvor bestellt hatte, erstaunte sie.

Dankbar öffnete sie die Flasche und trank einen großen Schluck. „Das ist der schönste Tisch, den ich je gesehen habe.”

Auch Jesse setzte sich. „In Mexiko handgefertigt. Meine Mutter hat einen guten Blick für ‚praktisches Design’, wie sie es nennt.”

Ganz zu schweigen von einem überquellenden Bankkonto, dachte Cheyenne. „Vielleicht sollten wir Untersetzer nehmen”, schlug sie vor.

Jesse lachte. „Das Holz ist lackiert. Der Tisch würde nicht als praktisch durchgehen, wenn Bierdosen Flecken hinterließen.”

Cheyenne spürte, wie sie sich entspannte. Das wunderte sie, nachdem gerade so ziemlich all es, was sie sich erträumt hatte, den Bach runterging.

„Warum willst du dieses spezielle Stück Land so unbedingt?”, fragte Jesse. „Es geht um mehr als nur um deine Arbeit, oder?”

Vielleicht sollte ich die Mitleidskarte ausspielen, überlegte sie. Seufzend nahm sie noch einen Schluck Wasser. Jesse hatte sich bereits entschieden, also konnte sie auch nichts mehr verlieren.

„Im Falle eines Verkaufs würde ich einen Bonus bekommen”, sagte sie. „Und dieses Geld ist für meine Familie sehr wichtig.”

„Es gibt eine Menge Leute, die ganz wild darauf sind, ihr Land zu verkaufen. Warum muss es ausgerechnet meines sein?”

„Weil Nigel es will”, sagte Cheyenne schlicht.

Er hob eine Augenbraue. „Nigel?”

„Mein Chef. Und jetzt bin ich meinen Job vermutlich los.”

„Du kannst dir immer einen anderen suchen.”

„Das sagt sich leicht, wenn man selbst keinen braucht.”

Jesse spielte mit seiner Bierdose. „Touché. Vielleicht ist bei McKettrickCo etwas frei. Ich könnte Keegan fragen.”

Cheyenne kannte Keegan aus der Schule. Er war ein ernster, fleißiger Schüler. Rance hingegen hatte sie fast so wild wie Jesse in Erinnerung. „Ich schaffe das schon”, sagte sie. Zum Glück musste sie das nicht näher ausführen, denn in Wahrheit hatte sie nicht die geringste Idee. „Stellt das Roadhouse noch Bedienungen ein? Ich könnte auch Karten im Hinterzimmer vom Lucky’s mischen …”

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Du bist klug, Cheyenne. Das warst du schon immer. Du hast Erfahrung und einen Abschluss, wie ich vermute. Es gibt eine Menge Möglichkeiten für dich.”

„Nicht in Indian Rock. Und hier stecke ich im Moment fest.”

Mit dem Daumen kreiste Jesse über ihre Handfläche. Ein köstlicher Schauer fuhr durch ihren Köper. „Ich kann nicht behaupten, dass ich mich nicht freuen würde, wenn du eine Weile hier bleibst. Und Flagstaff ist nur ein paar Minuten entfernt. Da gibt es für jemanden mit deinen Fähigkeiten bestimmt jede Menge Arbeit.”

„Klar, es muss in der Gegend doch mindestens eine Firma geben, die wilde Tiere aus ihrer natürlichen Umgebung verjagt und Bäume fällt. Worüber mache ich mir eigentlich Sorgen?”

Vielleicht darüber, dass ich mein Auto verkauft und meine Wohnung untervermietet habe, dachte sie. Sobald Nigel ihre Geschäftskreditkarte zurückverlangte und sie den Mietwagen zurückgegeben hatte, blieb Cheyenne nur noch ihr altes Fahrrad, das noch immer in der Garage hinter dem Haus stand.

„Du scheinst es doch recht weit gebracht zu haben, Cheyenne. Warum steckst du dann so in der Klemme?”

„Wie kommst du darauf, dass ich in der Klemme stecke?” Woher zum Teufel weißt du das? Bist du so eine Art Cowboy-Gedankenleser?

„Das sehe ich in deinen Augen. Komm schon. Was ist los? Vielleicht kann ich dir helfen.”

Dagegen sträubte sich alles in ihr. „Wenn du helfen willst, Jesse, dann verkauf mir das Land. Ich bettle hier nicht um Almosen. Ich biete dir mehr Geld als die meisten Leute sich erträumen.”

„Sachte, sachte”, sagte Jesse ruhig. „Ich will nicht an deinem Stolz kratzen. Wir sind in dieselbe Schule gegangen und alte Freunde. Ich möchte einfach nur wissen, was los ist.”

Ich werde nicht weinen.

„Arztrechnungen”, sagte sie mit brüchiger Stimme.

„Der Unfall deines Bruders.”

„Ja.”

„War er nicht versichert?”

„Nein. Meine Mutter hat damals als Bedienung gearbeitet.” Sie ist keine reiche Dame der Gesellschaft, die Tische mit Einlegearbeiten in Mexiko bestellt. „Mein Stiefvater war Tagelöhner – wenn er überhaupt gearbeitet hat, was nicht oft vorkam. Ihm reichte die Sozialhilfe, weil er dann den ganzen Tag Billard spielen konnte.”

„Also hast du die Kosten übernommen? Dazu warst du gesetzlich aber nicht verpflichtet, Cheyenne. Warum hast du dir das aufgehalst?”

„Mitch ist mein Bruder”, sagte sie. Für sie reichte das als Erklärung. Die Kosten für die Operationen und die Krankenhausaufenthalte hatte die Sozialversicherung übernommen. Aber die Differenz zwischen den Medikamenten, die sie zahlten, und denen, die Mitch tatsächlich brauchte, war riesig. „Dank der Beihilfe kann er überleben. Aber ich will nicht, dass er nur überlebt … ich will, dass er ein gutes Leben hat.”

„So sehr, dass du dein eigenes dafür aufgibst?”

Darauf schwieg sie lange. „Ich dachte nicht, dass es so hart werden würde”, gestand sie schließlich. „Ich dachte, es hört irgendwann auf. Dass Mitch eines Tages wieder laufen kann und alles wieder gut ist.”

„Und der Verkauf des Landes würde das ändern? Dann wäre alles ,gut’?”

Cheyenne seufzte, trank noch einen Schluck, schob den Stuhl zurück und stand auf. Da Plan A gescheitert war, sollte sie am besten gleich mit Plan B beginnen. Wenn sie denn einen hätte. „Nein. Wäre es nicht.”

Ohne ein weiteres Wort ging sie ins Badezimmer, zog sich um und brachte Jesse Jeans, Stiefel und Flanellhemd zurück.

„Tut mir leid”, sagte er.

Sie glaubte ihm – so verrückt das klang. „Danke für den Ausritt.”

Er hielt ihr die Küchentür auf und begleitete sie zum Auto.

„Freunde?”, fragte er.

„Freunde”, nickte sie und startete den Wagen.

„Dann könntest du mir vielleicht einen Gefallen tun.”

Damit überraschte er Cheyenne. Was für einen Gefallen konnte sie ihm wohl tun?

„Am Samstagabend bin ich zu einer Party eingeladen, eine Art Vorhochzeits-Party meiner Cousine Sierra. Barbecue, eine Fahrt mit dem Heuwagen und so was alles. Ich brauche eine Begleitung.”

Wenn es etwas gab, was Jesse McKettrick neben Geld im Überfluss besaß, dann waren es willige Frauen.

„Wieso ich?”, fragte Cheyenne.

„Weil ich dich mag. Deine Mom und Mitch können auch kommen. Das wäre doch eine prima Gelegenheit, hier wieder ein paar Kontakte zu knüpfen.”

Wenn er nur sie eingeladen hätte, wäre Cheyenne ganz sicher nicht hingegangen. Aber sie wusste, dass Ayanna und Mitch sich in Indian Rock einsam fühlten. „Der Transport von Mitchs Rollstuhl ist immer ein ziemlicher Zirkus …”

„Das bekomme ich schon hin. Samstagabend. Sechs Uhr.” Er verzog amüsiert die Lippen. „Besorg dir eine Jeans.”

Als Cheyenne überlegte, wann sie zum letzten Mal irgendetwas aus reinem Spaß unternommen hatte, fiel ihr nichts ein. Natürlich hatte sie viele berufliche Verabredungen, aber das war auch schon alles.

„Gut”, sagte sie. „Um sechs.”

Jesse winkte ihr nach, und sie war plötzlich bester Laune – bis sie die Hauptstraße nach Indian Rock erreichte. Dort geschahen zwei Dinge: Erstens klingelte ihr Handy, und zweitens fiel ihr plötzlich wieder ein, wo sie wohnte. Wenn Jesse kam, um sie abzuholen, würde er den vernachlässigten Garten, die verrosteten Drahtspulen und die alten Reifen sehen.

„Hallo Nigel”, seufzte sie ins Telefon.

„Du klingst nicht gerade glücklich”, sagte Nigel, der selbst ziemlich bedrückt wirkte.

„Jesse hat mir das Land gezeigt und ich ihm die Entwürfe. Er weigert sich, über einen Verkauf auch nur nachzudenken.”

„Dann bring ihn dazu, seine Meinung zu ändern.”

„Man merkt, dass du noch nie einen McKettrick getroffen hast.” Auf einmal wurde ihr übel. Sie fuhr auf den Seitenstreifen, weil sie befürchtete, sich übergeben zu müssen.

„Er ist eine alte Flamme von dir, nicht wahr?”

„Wir waren zweimal zusammen im Kino, Nigel. Damals ging ich noch auf die Highschool. Das war nicht mal ein Funken, geschweige denn eine Flamme.”

„Und wenn du mit ihm schlafen würdest …”

Cheyenne erstarrte. „Ich fasse nicht, dass du das gerade wirklich gesagt hast”, sagte sie tonlos.

„Nun komm schon, Cheyenne. Geschäfte werden ständig so abgeschlossen.”

„Aber nicht in meinem Fall!”

„Du hast erst letztes Jahr eine Woche mit Dr. Wiehieß-er-noch-mal in Aspen verbracht, und danach hat er dreihunderttausend Dollar investiert.”

Vergiss das indianische Getrommel in deinen Adern, dachte Cheyenne, das hier erfordert echtes Kriegsgeheul. „Seine Frau war auch dabei. Du hast doch nicht im Ernst geglaubt …”

„Selbstverständlich habe ich das. Du hast einen Wahnsinnskörper und ein tolles Gesicht. Wie sonst hättest du so viele kluge Geschäftsleute überzeugen können, dicke Schecks für Meerland Ventures auszustellen?”

„Vielleicht mit Hirn?”

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann ruderte Nigel zurück. „Cheyenne, sei vernünftig. Es war doch nur normal anzunehmen …”

„Du Mistkerl!”

„Cheyenne …”

Sie kurbelte das Fenster herunter, schleuderte das Telefon hinaus, blickte kurz in den Rückspiegel, bevor sie es mit den Vorderrädern überfuhr.

Als sie zu Hause vorfuhr, kam Ayanna ihr entgegen. Sie sah besorgt aus. „Nigel hat angerufen. Das Telefon war noch keine fünf Minuten angeschlossen …”

„Nigel kann mich mal.” Stur starrte Cheyenne geradeaus durch die Windschutzscheibe.

„Ich vermute, mit Jesse ist es nicht besonders gut gelaufen?”

Plötzlich öffnete Cheyenne mit Schwung die Tür, Ayanna trat hastig einen Schritt zurück. „Es lief sogar sehr gut mit Jesse – davon abgesehen, dass er wohl lieber sterben würde, als mir oder sonst jemandem das Land zu verkaufen.”

„Ach, Liebes.”

„Ist schon gut, Mom.”

Ayanna musterte sie. „Ich habe heute einen Job gefunden”, sagte sie dann. „Im Supermarkt. Die Einkäufe der Kunden in Tüten packen. Wenn ich das gut mache, stellen sie mich sogar ein. Cheyenne, das würde bedeuten, ich wäre krankenversichert und hätte Urlaubsanspruch.”

Am liebsten hätte Cheyenne geweint. Ihre Mutter war zwar noch nicht alt, aber trotzdem sollte sie nicht mehr den ganzen Tag auf den Füßen stehen, Tüten packen und zu den Autos der Kunden tragen.

„Dann hat wenigstens eine von uns einen Job”, sagte sie jedoch nur.

Nach Cheyennes Aufbruch wollte Jesse nicht zurück ins Haus. Es war einfach viel zu groß und viel zu leer. Also bürstete er die Pferde, brachte ihnen Wasser und Futter und fuhr anschließend in die Stadt.

Eigentlich wollte er ein paar Runden Poker im Lucky’s spielen. Doch stattdessen bog er auf den Parkplatz von McKettrickCo und stellte den staubigen Truck neben Keegans eleganten schimmernden Jaguar.

Myrna Terp, die Empfangsdame, begrüßte ihn mit einem erfreuten Lächeln. „Sie kommen einen Tag zu spät zu der großen Konferenz.”

„Ich bin hier, um mit meinem Cousin zu sprechen. Und natürlich, um mit Ihnen zu flirten.”

Myrna lachte. Ihr Sohn war ein guter Freund von Jesse. „Ich sage Keegan Bescheid. Aber ich warne Sie, er hat schon den ganzen Tag schlechte Laune.”

Ohne abzuwarten ging Jesse den Gang hinunter und wollte gerade Keegans Bürotür öffnen, als sie aufschwang und sein Cousin vor ihm stand.

„Was?”, fragte Keegan muffig.

„Ich wünsche dir auch einen guten Tag”, entgegnete Jesse.

Keegan seufzte, trat einen Schritt zurück und ließ ihn vorbei.

„Was ist denn los?”, fragte Jesse. Dass er und Keegan ein vertrauliches Gespräch geführt hatten, lag lange zurück. Trotzdem wollte er es aus alter Gewohnheit gern versuchen.

„Ich habe gerade zwei Stunden mit Shelleys Anwalt telefoniert. Sie will wieder heiraten und möchte mit Devon nach Europa.”

„So eine Reise wird ihr bestimmt Spaß machen. Devon meine ich.”

„Für immer”, sagte Keegan.

„Mist.” Er widerstand dem Impuls, Keegan wie früher die Hand auf die Schulter zu legen. „Das kann sie doch nicht machen, oder? Mit deinem Kind das Land verlassen, wenn du das nicht willst?”

„Bei der Abfindung, die ich ihr gezahlt habe, kann sie so ziemlich alles machen, was sie will. Es ist nicht besonders schwer abzuhauen, Jesse. Denk dran, was passiert ist, als Sierra klein war.”

Als Eve McKettrick, Sierras Mutter, sich von ihrem Mann scheiden ließ, hatte er das Kind nach Mexiko entführt. Obwohl Eve ihre Tochter dort ausfindig machte, gelang es ihr nicht, das Sorgerecht für Sierra zu bekommen. Erst vor wenigen Monaten hatten sie sich nach Jahren wiedergesehen. Und obwohl sie sich gut verstanden, kannten sich die beiden Frauen im Grunde nicht.

„Was willst du tun?”, fragte Jesse.

„Ich weiß es nicht.”

„Gut, dann fahren wir jetzt nach Flagstaff und holen Devon nach Triple M.”

Erschöpft deutete Keegan auf einen Stuhl, in den Jesse sich fallen ließ.

„Wir sind hier in keinem John-Wayne-Film, Jesse.” Keegan schloss die Tür. „Shelley ist Devons Mutter. Sie hat Rechte. Davon abgesehen will ich meine Tochter nicht erschrecken, indem ich ein Theater veranstalte. Sie ist erst neun. Das Ganze ist sowieso schon schwer genug für sie.”

Jesse fühlte sich hilflos, und das hasste er. „Daraus könnte von ganz allein ein Riesentheater werden, wenn du nichts unternimmst.”

Auch Keegan setzte sich.

„Entschuldige, dass ich gestern nicht bei der Konferenz war.” Jesse tat es nicht wirklich leid, und das wusste Keegan auch, aber vielleicht wusste er die Geste trotzdem zu schätzen.

„Was bringt dich hierher, Jesse?”

„Ich dachte, wir könnten zusammen ein Bier trinken gehen.”

„Netter Versuch.”

„Ich kenne jemanden, der einen Job braucht.”

„Ich auch. Dich.”

„Sehr witzig.”

„Übst du noch immer für das große Pokerturnier?”

„Ich warte nur auf den richtigen Augenblick.”

„Waren ein goldenes Armband, fünfzehn Minuten Ruhm und fünf Millionen Dollar denn nicht genug?”

„Ich will nur sicherstellen, dass es sich dabei um keinen einmaligen Auftritt gehandelt hat.”

„Und wenn? Warum interessiert’s dich?”

Jesse zuckte mit den Schultern. „Ist halt so. Was nun den Job betrifft …”

Dieses Mal seufzte Keegan lauter. „Ich brauche einen Computerspezialisten. Hast du gerade einen zur Hand?”

„Ich weiß nicht, ob sie mit Computern umgehen kann.”

„Sie?” Keegan zog das Wort in die Länge.

„Vielleicht erinnerst du dich noch aus der Schulzeit an sie. Cheyenne Bridges. Momentan arbeitet sie für eine Immobilienfirma, wird dort aber rausfliegen, weil ich ihr mein Land nicht verkaufe.”

Keegan umfasste seine Nase mit Daumen und Zeigefinger. „Cash Bridges’ Tochter? Natürlich erinnere ich mich an sie. Ich habe sie ein- oder zweimal gefragt, ob sie mit mir ausgehen will, aber die war so verknallt in dich, dass ich keine Chance hatte.”

Bei dieser Information zuckte Jesse innerlich zusammen. Keegan war wieder alleinstehend und zudem ein wirklich guter Fang. Vielleicht sollte er Cheyenne doch lieber keine Stelle bei seinem Cousin besorgen.

„War nur so eine Idee”, sagte er deshalb schnell und stand auf.

„Setz dich.”

Jesse setzte sich.

„Was genau macht sie? Cheyenne, meine ich.”

„Die Firma baut Apartmentanlagen. Und sie sucht die Investoren, glaube ich.”

„Also kann sie mit Geld umgehen?”

„Keine Ahnung.” Jesse wünschte, er hätte jemand anders gefragt. Mr. Mackey bei der Cattleman’s Bank zum Beispiel. Verdammt, auf keinen Fall wollte er zusehen, wie Keegan und Cheyenne Schulter an Schulter zusammenarbeiteten. Was zum Teufel hatte er sich nur dabei ge dacht?

„Nun, das finde ich leicht heraus”, sagte Keegan. „Gibst du mir ihre Telefonnummer?”

5. KAPITEL

Zum dritten Mal durchsuchte Cheyenne nun schon ihren Kleiderschrank in ihrem alten Kinderzimmer. Maßgeschneiderte Hosen, Kostüme, Seidenblusen, Strumpfhosen. Nichts Passendes für ein Grillfest und eine Heuwagenfahrt auf Triple M.

„Dieser Nigel-Penner ist wieder am Telefon”, rief Mitch.

Das Zimmer war winzig, nicht viel größer als der begehbare Schrank in ihrer Wohnung in San Diego. An den Wänden hingen noch immer Klebestreifen. Genau dort, wo sie damals die Bilder von Jesse befestigt hatte. Wo waren diese Fotos eigentlich? Sie konnte sich nicht daran erinnern, sie weggeworfen zu haben. Aber womöglich hatte sie es während eines besonders schlimmen Anfalls von Liebeskummer tatsächlich getan.

„Du solltest besser mit diesem Typen reden. Ich glaube nicht, dass er aufgibt.”

Cheyenne sah ihren Bruder an. Vor allem seinetwegen ging sie zu der McKettrick-Party. Mitch sah etwas fröhlicher aus, seit sie ihm davon erzählt hatte. Auch Ayanna freute sich auf den Samstag. Kein Wunder, besonders viel Ablenkung hatten sie hier nicht gerade.

„Ich komme”, sagte sie mit einem unterdrückten Seufzen. „Dann hab ich es wenigstens hinter mir.”

Mitch lächelte. „Das hast du mir früher auch immer gesagt. Immer wenn ich zu einer Rückenmarkspunktion oder zur Krankengymnastik musste.”

Mit diesem Satz rückte er unwissentlich alles in die richtige Perspektive. Dann verlor sie eben ihren Job, na und? Und sie hatte auch keine Jeans für das Grillfest. Egal, sie besaß zwei gesunde Beine und hatte noch nie in ihrem Leben eine schmerzhafte Untersuchung über sich ergehen lassen müssen. Garantiert würde Mitch liebend gern mit ihr tauschen.

Sie zielte mit einem Finger auf ihn, als wollte sie schießen. „Getroffen, Kumpel”, sagte sie lächelnd. „Danke.”

Im Wohnzimmer ergriff sie den schweren schwarzen Hörer des Telefons, das ihre Großmutter Mitte der Fünfzigerjahre gekauft hatte und das über die Jahre mal anund abgeschaltet gewesen war, je nach finanzieller Lage der Familie.

Nach einem tiefen Atemzug sagte Cheyenne: „Hallo Nigel.”

„Du bist nicht gefeuert”, tobte Nigel sofort los.

„Bin ich nicht? Vielleicht solltest du wissen, dass ich das Geschäftshandy mit dem Auto überfahren habe und …”

„Ich lasse dir einen Geschäftswagen vorbeibringen und ein neues Handy. Die Autovermietung nimmt das Auto mit, das du gerade fährst. Ich will, dass du an diesem Projekt weiterarbeitest, Cheyenne. McKettrick muss irgendwo einen wunden Punkt haben, und den wirst du finden.”

So glücklich es sie machte, noch immer zu den Angestellten dieser Welt zu gehören und künftig einen Geschäftswagen zu fahren, so unangebracht fand sie die Aufforderung, Jesses wunden Punkt auszuspionieren.

„Keine hinterhältigen Tricks, Nigel”, stellte sie daher klar. „Dabei mache ich nicht mit.”

Ob Nigels Schnauben ungläubig oder herablassend klang, konnte sie nicht sagen. Vermutlich würde sie diesen Mann nie richtig kennenlernen. Beispielsweise wäre sie nicht eine Sekunde auf die Idee gekommen, dass er annahm, sie hätte die Geschäfte der letzten Monate vor allem Sex zu verdanken. Bei diesem Gedanken kochte die Wut erneut in ihr hoch.

Ayanna beobachtete sie von der Küchentür aus und Mitch aus dem Wohnzimmer. Egal, welche Vorbehalte sie also gegen ihren Chef und Meerland Ventures im Allgemeinen hegte, sie musste im Spiel bleiben, so lange es nur ging.

„Stehst du auf diesen Kerl?”, fragte Nigel.

„Ich muss nicht gleich auf Jesse stehen, nur weil ich fair bleiben will. Ich habe meine Regeln, Nigel.”

„Und ich nicht?”

„Da bin ich mir nicht sicher. Erst rätst du mir, mit ihm zu schlafen, um zu bekommen, was ich will. Jetzt sagst du, ich soll nach seinem wunden Punkt suchen, um ihm ein Messer hineinzustoßen. Aber ich werde weder Jesse McKettrick oder sonst jemanden hintergehen, nur damit das Geschäft zustande kommt. Bevor du also einen Wagen und das Handy schickst, solltest du dir klarmachen, wie ich arbeite.”

„Das ist mir klar, keine Bange”, entgegnete Nigel. „Hör mal, es tut mir leid, wenn ich dir auf die Füße getreten bin. Ich dachte nur, dass du bereit bist, mit harten Bandagen zu kämpfen, das ist alles. Falls du übrigens glaubst, dass Leute mit so viel Geld wie die McKettricks das nicht tun, bist du schrecklich naiv.”

Cheyenne runzelte die Stirn. „Ich bin ein wenig verwirrt, Nigel. Habe ich den Job jetzt noch oder nicht? Und wenn ja, lässt du ihn mich dann bitte schön auf meine Weise erledigen? Weil es mich nicht schert, wie andere Leute Geschäfte abwickeln. Mir geht es ausschließlich um mein eigenes Gewissen.”

Mitch und Ayanna klatschten Beifall.

Lächelnd verbeugte Cheyenne sich.

„Du bekommst das Auto”, sagte Nigel. „Und das Handy. Außerdem drei Wochen Zeit – einundzwanzig schöne schillernde Tage –, um die Sache durchzuziehen. Wenn du scheiterst, sind Auto, Telefon und der Job futsch.” Er schwieg einen Moment, dann fügte er ernst hinzu. „Und meine Firma.”

„Unter einer Bedingung”, sagte Cheyenne. Im Poker, dachte sie, lägen jetzt all meine Chips in der Mitte des Tisches. Da kann ich ruhig noch einen dazulegen. „Keine Anrufe mehr. Darum habe ich schon einmal gebeten. Da du es aber offenbar nicht verstanden hast, versuche ich es heute noch einmal. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann rufe ich dich an.”

Es folgte eine zweite Runde Applaus von ihrer Familie, dieses Mal lauter.

„Siehst du fern?”, fragte Nigel.

„Ja.” Cheyenne zwinkerte Ayanna und Mitch zu. Der Fernseher mit seiner krummen Antenne funktionierte vermutlich gar nicht. „Das Glücksrad.”

„Morgen hast du das Auto”, versprach Nigel.

Nach dem Telefonat stand Cheyenne einen Moment da – unschlüssig, ob sie einen Siegestanz aufführen oder in Tränen ausbrechen sollte.

Abwartend sahen Ayanna und Mitch sie an.

„Ich brauche Jeans”, erklärte Cheyenne. „Und lasst uns zum Abendessen ins Roadhouse gehen. Ich lade euch ein.”

„Du hast nicht einmal eine Jeans?”, fragte Ayanna erstaunt und blickte an ihrer eigenen zerschlissenen Levi’s herunter.

„Warum macht nur jeder so ein Riesentheater darum?”, entgegnete Cheyenne. „Man könnte meinen, Jeans wären Teil der nationalen Uniform.”

„Sind sie”, bestätigte Ayanna.

Eine halbe Stunde später packten sie Mitchs Rollstuhl in den Mietwagen und fuhren in die Stadt. Dort stürzte Cheyenne in den örtlichen Stuff-Mart, kaufte zwei Jeans, zwei T-Shirts, eine Jeansjacke und ein Paar billige, aber auffällige Stiefel. Als sie zurück zum Wagen kam, beäugte Ayanna die dicke Tüte.

„Alles erledigt?”, fragte sie.

„Alles erledigt.” Cheyenne hoffte inständig, dass das der Wahrheit entsprach.

Sie besaß nun Jeans.

Und drei Wochen, um Jesse davon zu überzeugen, sein Land zu verkaufen.

Dabei könnte sie gut ein Wunder gebrauchen.

„Niemand da”, sagte Keegan, legte auf und lehnte sich wieder in seinem Lederstuhl zurück. Er musterte Jesse mit funkelnden Augen, aber sein Gesicht blieb ernst. „Weißt du, Jesse, du siehst gar nicht so aus, als ob du wirklich scharf auf ein Vorstellungsgespräch von Cheyenne bei McKettrickCo wärst. Und das finde ich faszinierend, wenn man bedenkt, dass du aus genau diesem Grund angeblich vorbeigekommen bist.”

Mit finsterer Miene starrte Jesse ihn an. Auf einmal lasen andere Menschen in seinem Gesicht wie in einem Buch. Vielleicht sollte er das große Turnier in Las Vegas doch besser ausfallen lassen.

„Sie kommt mit mir zur Feier von Sierra und Travis”, erklärte Jesse.

„Verstehe. Du magst Cheyenne nicht nur – du magst sie.”

Jesse rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. Aber wenn er schon mal hier war, konnte er genauso gut sein Territorium abstecken. „Mach sie einfach nicht an, okay?”

Da lachte Keegan endlich einmal. „Das aus deinem Mund zu hören, ist wirklich witzig. Ich bin doch nicht der berühmte Herzensbrecher der Familie.”

„Ich meine es ernst, Keeg. Cheyenne ist verletzlich.” „Verletzlich? Guter Gott, hast du in letzter Zeit zu viele Talkshows gesehen? Soweit ich mich erinnere, ist sie ziemlich klug und auch zäh. Das musste sie auch sein mit einem Vater wie Cash Bridges. Aber verletzlich? Das glaube ich nicht, Jesse.”

„Du kannst verdammt noch mal glauben, was du willst”, sagte Jesse knapp. „Aber spiel nicht mit ihr.”

Amüsiert hob Keegan beide Hände. „Verstanden.”

Jesse stand auf und griff nach seinem Hut. „Bis dann.”

Das Abendessen im Roadhouse glich einer kleinen Feier. Ayanna war glücklich über ihren neuen Job im Supermarkt, und Mitch flirtete die ganze Zeit mit der jungen Bedienung namens Bronwyn. Nur Cheyenne musste sich zwingen zu lächeln. Immer wieder dachte sie an das Zusammentreffen mit Jesse am Morgen. Hatte er ihr nicht klipp und klar gesagt, dass er seine wertvollen fünfhundert Morgen Land nicht verkaufen würde? Was also hoffte sie zu erreichen, wenn sie länger in Indian Rock blieb?

Drei Wochen würden niemals reichen, um Jesses Meinung zu ändern. Er war ein McKettrick, also schon rein genetisch ein Dickkopf. Um ihn zu überreden, hätte sie mindestens drei Jahrhunderte gebraucht. Im Grunde schob sie nur das Unvermeidliche vor sich her.

Vielleicht sollte sie sich damit abfinden, künftig neben ihrer Mutter Lebensmittel in Tüten zu packen. Gerade überlegte sie, ob sie den Roadhouse-Besitzer nach einem Job fragen sollte, als sie eine merkwürdige Ahnung überkam. Ihre Nerven zuckten plötzlich, und ihr Blick glitt wie von selbst zur Tür.

Jesse McKettrick spazierte herein.

Er sah ihr direkt ins Gesicht. In dem Raum schienen auf einmal Funken zu sprühen.

Lächelnd marschierte er zu ihrem Tisch. „Hallo Cheyenne”, sagte er. Dann schüttelte er Ayanna die Hand. „Mrs. Bridges.” Zuletzt richtete er sein ungezwungenes Lächeln auf Mitch. „Jesse McKettrick”, sagte er und streckte die Hand aus.

Mitch ergriff sie strahlend. „Mitch Bridges.”

„Warum setzen Sie sich nicht zu uns, Jesse?” Auch Ayanna strahlte. Cheyenne trat ihr unter dem Tisch gegen das Bein. „Wir wollten gerade das Dessert bestellen”, fügte Ayanna unbeeindruckt hinzu.

„Warum nicht?”, sagte Jesse. Cheyenne musste auf der Bank ein wenig zur Seite rücken, sonst wäre er auf ihrem Schoß gelandet.

„Gibt es auch Pferde auf der Ranch, wo das Grillfest stattfindet?”, fragte Mitch so voller Hoffnung, dass es Cheyenne die Kehle zuschnürte.

„Mitch”, begann sie. „Du kannst nicht …”

Dieses Mal war es Jesse, der sie unter dem Tisch anstieß. Allerdings viel sanfter und so, dass ein Stromstoß durch ihren Körper schoss. „Na klar. Ich kann eines für dich aufsatteln, wenn du magst.”

Da stieß Cheyenne ihn zurück. Doch Jesse würdigte sie keines Blickes, nur der Druck seines Schenkels gegen ihren verstärkte sich.

„Das wäre toll!”, rief Mitch überschwänglich.

Auch Ayanna wirkte begeistert.

Hatten denn alle auf einmal den Verstand verloren? War sie hier die Einzige, die noch klar denken konnte? Mitch war gelähmt. Er konnte nicht reiten.

Mitchs neue Freundin Bronwyn schlenderte zum Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Sie hatte braun schimmerndes Haar, das sie zu einem langen Zopf geflochten trug, grüne Augen und ein engelsgleiches Lächeln. Aus den Augenwinkeln warf sie Mitch einen langen Blick zu, der sie anlachte, als ob sie sich schon seit Jahren kannten.

„Der Pfirsichauflauf ist heute zu empfehlen”, sagte sie. Erst jetzt bemerkte sie den neuen Gast. „Hi Jesse.”

Das entlockte Cheyenne ein spöttisches Grinsen. Es gab also tatsächlich Frauen, die dem McKettrick-Charme nicht erlagen.

„Hi”, sagte Jesse liebenswürdig. Sein Schenkel presste sich noch immer gegen den von Cheyenne, und aus irgendeinem Grund brachte sie es nicht fertig, von ihm wegzurutschen. „Ich nehme den Auflauf.”

Mitch und Ayanna schlossen sich ihm an.

„Für mich bitte Eiswasser”, sagte Cheyenne, als Bronwyn ihr einen fragenden Blick zuwarf.

„Das wird auch nicht helfen”, bemerkte Jesse, als ob sie allein wären.

„Halt die Klappe”, entfuhr es Cheyenne.

„Cheyenne!”, protestierte Ayanna.

Um sich zu beruhigen, rutschte Cheyenne so nah an die Wand wie möglich. Doch selbst hier spürte sie noch die Hitze, die von Jesses Körper ausstrahlte.

Zu allem Überfluss drehte er sich nun auch noch zu ihr um und sah ihr tief in die Augen. „Mein Cousin Keegan hat versucht, dich anzurufen.”

„Wieso?”

„Er möchte dich zu einem Vorstellungsgespräch bei McKettrickCo einladen.”

„Jesse, ich hab dir gesagt …”

Jetzt spürte sie, wie sich der Absatz ihrer Mutter in ihren Spann grub.

„Du kannst jederzeit ablehnen”, erklärte er ruhig. „Aber du hast mir doch gesagt, dass du deinen Job los bist, oder nicht?”

„Von wegen”, widersprach Mitch, vermutlich, um bei Bronwyn Eindruck zu schinden, die noch immer am Tisch stand, obwohl sie die Bestellung längst aufgenommen hatte. „Sie bekommt sogar ein Geschäftsauto!”

Cheyennes Wangen brannten. Wie sollte sie das Jesse erklären? Planänderung. Ich habe drei Wochen Zeit, das Unmögliche möglich zu machen. Oh und bevor ich es vergesse: Mein Chef sucht vermutlich in dieser Sekunde nach deiner Achillesferse. Du hast doch keine, oder?

„Also glaubst du noch immer, dass du mich überzeugen kannst?” Das war ganz offensichtlich eine rhetorische Frage.

Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber umgehend wieder, denn alles, was sie darauf hätte entgegnen können, würde es nur schlimmer machen.

Bronwyn ging in die Küche, wenn auch zögernd, und kam kurz darauf mit den Desserts zurück.

„Dieser Auflauf”, verkündete Ayanna hastig, „ist einfach köstlich.”

Was Cheyenne für eine interessante Bemerkung hielt, da Ayanna bisher noch gar nichts davon probiert hatte. Jesse saß mit der Gabel auf halber Höhe da, während Cheyenne es nicht einmal wagte, nach ihrem Glas zu greifen. Dann sah er sie mit diesem Lächeln an, doch seine Augen waren todernst.

„Du solltest dir tatsächlich überlegen, für McKettrickCo zu arbeiten”, sagte er. „Ich kann dir zwar keinen Geschäftswagen versprechen. Aber eines kann ich dir versichern: Niemand wird dich dort auffordern, eine Landschaft zu ruinieren, die sich seit ihrer Erschaffung so gut wie nicht verändert hat.”

Mit diesen Worten stand er auf, warf genug Geld für seinen unberührten Auflauf auf den Tisch und verließ das Roadhouse.

Mitch und Ayanna schwiegen unbehaglich.

Mit einem leisen Fluch sprang Cheyenne auf und stürmte hinter Jesse her, wobei sie Bronwyn beinahe über den Haufen gerannt hätte. Auf dem Parkplatz holte sie ihn ein, als er gerade in seinen Truck steigen wollte.

„Jesse, warte.”

Er drehte sich langsam um, und sie sah, dass er nicht etwa wütend aussah, sondern verletzt.

„Steht die Verabredung für Samstagabend noch?”, fragte sie und kam sich ziemlich idiotisch dabei vor.

Jesse schwieg.

„Meine Mutter und mein Bruder freuen sich schon so darauf.”

„Ich komme gegen sechs”, sagte er tonlos. „Wie ich bereits sagte.”

„Ich habe mir Jeans und alles gekauft.” Er hatte ihre Frage doch beantwortet, warum plapperte sie dann weiter? Warum betrieb sie nicht einfach Schadensbegrenzung und verschwand?

„Du gibst einfach nicht auf, oder?”, fragte er.

„Ich kann nicht, Jesse.”

„Wegen eines Geschäftswagens?”

„Nein. Wegen meiner Familie.”

„Ich habe auch eine Familie, Cheyenne. Tatsache ist, dass wir auf Triple M in Trockenzeiten sehr wohl auf den Bach angewiesen sind. Selbst wenn ich das Land also verkaufen wollte – und wie wir bereits festgestellt haben, will ich das nicht –, könnte ich die Ranch niemals einer solchen Gefahr aussetzen.”

„Das weiß ich alles, Jesse. Und ob du mir glaubst oder nicht, ich respektiere dich dafür, dass du so klar Stellung beziehst. Sehr sogar. Aber ich muss versuchen, dich zu überzeugen, weil das mein Job ist.”

Er überraschte sie mit einem erneuten Lächeln, das seine Wirkung nicht verfehlte. Sie rang nach Luft.

„Gegen Überzeugungsversuche habe ich nichts einzuwenden. Solange du dir nur darüber im Klaren bist, dass du nicht den Hauch einer Chance hast.” Er stieg in den Truck, setzte sich hinter das Steuer und fuhr fort: „Sag deinem Bruder und deiner Mutter, dass ich mich gefreut habe, sie zu sehen.”

Cheyenne machte einen Schritt nach vorn. „Das Pferd für Mitch …”

Doch er unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Das”, sagte er, „ist etwas zwischen Mitch und mir.” Damit knallte er die Tür zu, winkte kurz, und fuhr davon.

Am nächsten Morgen, als Cheyenne gerade den Vorgarten des Hauses auf Vordermann brachte, fuhr Jesses Truck auf die Einfahrt. Auf der Ladefläche lag frisches Holz. Cheyenne trug eine ihrer neuen Jeans und eine alte Baumwollbluse ihrer Mutter. Seit Sonnenaufgang räumte sie Müll weg und zupfte Unkraut, und längst hatte sich ihr Haar aus der Spange gelöst.

„Guten Morgen”, rief Jesse. Er nahm seinen Hut ab, warf ihn auf den Beifahrersitz und kam auf sie zu.

„Was machst du denn hier?”, fragte Cheyenne, die sich für ihr Aussehen genauso schämte wie für das verwahrloste Grundstück.

„Nur einen Nachbarschaftsbesuch.” Er umrundete den Truck und lud das Holz ab. „Ich habe auch ein paar Donuts mitgebracht, in der Hoffnung, dass du den Kaffee beisteuern kannst.”

„Jesse, was …?”

„Gut, ich gestehe. Ich bin gestern Abend nach dem Roadhouse schon mal hier vorbeigefahren, und da fiel mir auf, dass ihr eine Rampe für Mitchs Rollstuhl braucht.”

„Wir haben bereits …”

Kopfschüttelnd deutete Jesse auf die halb verrotteten Bretter zwischen der Veranda und dem Boden. „Das schreit nach einem Unfall.”

„Ich weiß deine Bemühung zu schätzen, aber wir brauchen wirklich kein …”

In diesem Moment erschien Ayanna auf der Veranda. „Jesse”, rief sie. „Was für eine nette Überraschung!”

„Du solltest freundlich zu mir sein, schon vergessen?”, flüsterte Jesse Cheyenne ins Ohr. „Damit ich dir das Land verkaufe.”

„Das hast du aber gar nicht vor”, flüsterte Cheyenne zurück.

„Nein. Habe ich nicht.

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