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Die Madonna von Murano

ÜBER DIE AUTORIN

Charlotte Thomas war Richterin und Rechtsanwältin, bevor sie sich ganz ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Fasziniert von der aufregenden Historie Venedigs und dem prächtigen Stadtbild, hat sie mit DIE MADONNA VON MURANO einen großen historischen Roman geschrieben, der mitreißender und beeindruckender nicht sein könnte. Die Recherche dafür hat viele Jahre in Anspruch genommen, in denen die Autorin sich intensiv mit der Geschichte der venezianischen Renaissance beschäftigt hat. Charlotte Thomas lebt mit ihren Kindern am Rande der Rhön in Hessen.

Charlotte Thomas

DIE MADONNA
VON
MURANO

Titelbild

Historischer
Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Meiner Mutter
in Liebe gewidmet

Bei hellem Südwind und dunklem Wind aus Nord
wage dich ins Meer, dann brauchst du nichts zu fürchten…

(Venezianisches Sprichwort)

PERSONEN
Historische Personen sind mit einem * gekennzeichnet

In Venedig und auf Murano:

SANCHIA, Tochter der gleichnamigen entlaufenen Sklavin

PIERO, Glasbläser und Ziehvater Sanchias

BIANCA, Ziehmutter Sanchias

PASQUALE, Spiegelmacher

VITTORE, Altgeselle

NICOLÒ und Marino, Lehrjungen

In Venedig in der Ca’ Caloprini:

LORENZO, Spross einer adligen Familie

GIOVANNI, sein Vater

FRANCESCO, sein Onkel

CATERINA, seine Mutter

RUFIO, schwarzer Sklave

GROSSVATER

In Venedig im Kloster San Lorenzo:

ELEONORA, Nonne

ALBIERA, Äbtissin

ANNUNZIATA, ihre Schwester

GIROLAMO, Torhüter

AMBROSIO, Dominikanermönch

ALVISE, Priester

MOSES, Stallknecht

DEODATA, Köchin

ELISABETTA, Nonne

GOTTFRIED, Bader

TULLIO, Bischof

Weitere Personen in Venedig:

GIULIA, Kurtisane

MARCO, ihr Sohn

CHIARA, Sanchias Tochter

JACOPO, Obsthändler

AGOSTINO, Eleonoras Sohn

FAUSTO, ihr Gatte

GIORGIO GRIMANI, Patrizier und Zehnerrat

ENRICO, sein Sohn

SIMON, Arzt

GIUSTINIANO, Gefängniswärter

SEBASTIANO, Metallhändler

AURELIA, Zofe

IMMACULATA, Dienstmagd

CORNELIA, Amme

FILIPPO, Novize

ANDRIANA, Kinderhure

CONSTANZA, junge Mutter

BATTARIO, Arzt

ALFONSO, dekadenter Geck

RARA DE JADRA*, Kupplerin

ALBRECHT DÜRER*, Künstler

LUCA PACIOLI*, Franziskaner und Mathematiker

PIERO LOMBARDO*, Architekt

GIOVANNI BELLINI*, Künstler

In Florenz

FEDERICA, Girolamos Schwester

GIOVANNI DE’ MEDICI*, Kardinal

PIERO DE’ MEDICI*, sein Bruder

GIROLAMO SAVONAROLA*, Dominikanerprior

KARL VIII.*, König von Frankreich

MICHELANGELO BUONARROTI*, Künstler

In Rom, Beyrut und auf Reisen

TSING, Söldner

ERCOLE, Söldner

MARIETTA, Kurtisane

SULA, junge Sklavin

ALEXANDER VI.*, Papst

CESARE BORGIA*, sein Sohn

LUCREZIA BORGIA*, seine Tochter

JUAN BORGIA*, sein Sohn

JOHANN BURCHARD*, sein Zeremonienmeister

ASCANIO SFORZA*, Kardinal

PEDRO CALDERON*, Lucrezias Kämmerer

BAYEZID II.*, osmanischer Sultan

LEONARDO DA VINCI*, Konstrukteur und Künstler

Teil 1, Basilika San Marco, 1475–1482

Das erste Schwein stürzte vom Turm, als Sanchia die Piazza San Marco erreichte. Unter dem begeisterten Gebrüll der Umstehenden überschlug es sich auf dem Weg zur Erde mehrere Male, bevor es aufprallte und verendete.

Sanchia achtete nicht auf das Schauspiel. Ständig blickte sie über die Schulter zurück, doch die Männer schienen sie aus den Augen verloren zu haben. In dem Trubel um sie herum wäre es auch ein Wunder gewesen, wenn ihr jemand hätte folgen können. Niemand, der nicht direkt neben ihr stand, könnte sie in diesem Gewimmel ausmachen.

Die Menge bewegte sich wie ein einziges großes Lebewesen, aufgepeitscht durch Fanfarenstöße, Trommelwirbel und den schrillen Klang der Pfeifen. Die Leiber drängten sich dicht an dicht, es gab keinen Fingerbreit Platz. Die Piazza, ein einziger Hexenkessel ungezügelter Vergnügungssucht, barst förmlich vor Menschen. Lärmend schoben sich die Zuschauer nach vorn, auf der Suche nach den besten Plätzen entlang des Gevierts, das die Comandatori vor dem Campanile abgesperrt hatten.

Der Karneval hatte an diesem Tag seinen Höhepunkt erreicht, und wie immer hatten sich zu diesem Anlass viele tausend Schaulustige auf dem Markusplatz versammelt. Zwischen Buden und Zelten wogte die Menge, eine unüberschaubare Vielzahl kostümierter und maskierter Gestalten. Stelzengänger, Taschenspieler, Feuerschlucker und andere Gaukler wetteiferten in ihrem Bemühen, die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich zu lenken, doch die meisten Blicke richteten sich inzwischen auf den Campanile.

Sanchia keuchte und presste sich die Hände in die Seiten. Sie konnte nicht richtig atmen, obwohl sie in den letzten Minuten nicht mehr gerannt war, sondern sich lediglich durch die Menschenmassen rund um die Basilika geschoben hatte. Bei ihrer Flucht durch das Gewirr der Gassen hatte sie mehr als einmal geglaubt, in einer Sackgasse gelandet zu sein, doch immer wieder hatte sie im letzten Augenblick eine unvermutete Abzweigung, eine winzige Brücke oder einen schmalen Durchlass entdeckt. Zwei- oder dreimal war der Schmerz so heftig gewesen, dass sie geglaubt hatte, nicht mehr weiterzukönnen. Mehrmals hatte sie kurz davor gestanden, sich einfach gegen eine Hauswand zu lehnen und aufzugeben. Oder sich in einen der unbewegten Rii fallen zu lassen, in die Schwärze des Vergessens. Doch sie hatte es nicht fertiggebracht, obwohl es die einfachste Lösung gewesen wäre. Sie wusste nicht, wohin sie fliehen sollte, und sie hatte keine Ahnung, was sie tun würde, wenn ihr die Flucht gelänge.

Schon der nächste Blick über die Schulter zeigte ihr, dass diese Frage für den Moment müßig war. Die Männer waren ihr nach wie vor auf den Fersen. Sanchia erkannte den Größeren unter ihnen an der Art, wie er suchend seinen Kopf hin und her bewegte, obwohl er wie die beiden anderen Verfolger maskiert war. Wie tausend andere um ihn herum trug er eine weiße, bis zum Mund reichende Maske und eine tiefgezogene, mit Federn geschmückte Kappe. Er sah ganz harmlos aus, doch Sanchia wusste ohne jeden Zweifel, dass er unter seinem Umhang ein Schwert und einen Dolch verbarg, mit dem er sie töten würde, sobald er ihrer habhaft würde.

Die beiden anderen hielten sich in seiner unmittelbaren Nähe auf. Ebenfalls maskiert und nicht ganz so groß wie ihr Anführer, aber nicht weniger eifrig in ihrem Bestreben, ihre Beute aufzuspüren und mundtot zu machen, reckten sie sich auf die Zehenspitzen und versuchten, ihr Ziel in der Menge ausfindig zu machen.

Sanchia duckte sich unwillkürlich und stöhnte auf, als der Schmerz im selben Moment erneut einsetzte. Die Wehen waren heftiger geworden, seit sie die Piazza erreicht hatte, doch sie hatte gehofft, dass sie vergehen würden, sobald sie sich ein paar Minuten ausgeruht hätte.

Der Schnitt an ihrer Wange hatte auch wieder angefangen zu bluten, und die Stelle, an der ihr Ohr aufgeschlitzt worden war, fühlte sich nicht länger taub an, sondern pochte wie von einem eigenen Herzschlag erfüllt. Zum ersten Mal, seit sie den Palazzo verlassen hatte, wagte sie, die Verletzungen zu berühren. Sie hob zögernd die Finger und legte sie zuerst auf den Schnitt, der sich quer über ihre Wange zog, und dann auf die wunde Stelle an ihrer Ohrmuschel. Sie zuckte vor Schmerz zusammen, doch zu ihrer eigenen Überraschung waren die Wunden weniger tief, als sie angenommen hatte. Vor lauter Erleichterung stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie hatte gefürchtet, entstellt zu sein und ihm nicht mehr zu gefallen.

Bei dieser Überlegung konnte sie kaum ein hysterisches Lachen unterdrücken. Es dürfte ihm wohl gleichgültig sein, ob ihr Gesicht und ihr Ohr zerschnitten wären, wenn sie mit einer Dolchwunde im Leib tot aufgefunden würde!

Dann spielte auch dieser Gedanke keine Rolle mehr, denn Sanchia bemerkte entsetzt, dass sie entdeckt worden war. Einer aus dem Verfolgertrio deutete in ihre Richtung, woraufhin sich alle drei augenblicklich in Bewegung setzten und begannen, die Umstehenden mit groben Püffen beiseitezudrängen.

Sanchia versuchte, sich durch die kostümierte Menge weiterzuschieben und rempelte dabei notgedrungen die Leute an. Menschen, die als Teufel, Mohren, Lumpengesindel oder Tiere verkleidet waren, wandten sich ihr unwillig zu, um sich gleich darauf wieder auf das Schauspiel vor dem Glockenturm zu konzentrieren.

Sanchia wich einer Gruppe angetrunkener, in Frauenkostümen steckender Jünglinge aus, duckte sich hinter einen Stand, an dem stark riechende, in Lake eingelegte Sardinen verkauft wurden, und bewegte sich von dort aus Schritt für Schritt weiter durch das Menschengewühl auf die Arkaden des Palazzo Ducale zu.

Der Doge und sein Gefolge betrachteten das Geschehen auf dem Platz von der Loggia aus. Musiker, Bewaffnete mit Helm und Lederharnisch sowie Amtsträger in vollem Ornat umrahmten die Nobili in einer Aufstellung, deren strenge Ordnung zu der prächtigen Farbenvielfalt ihrer Kleidung einen merkwürdigen Gegensatz bildete.

Doch was war nicht merkwürdig an dieser Stadt und ihren Menschen! Sanchia konnte sich keinen Ort auf Erden vorstellen, an dem Entzücken und Entsetzen so nah beieinander lagen wie in dieser scheinbar im Meer schwimmenden Lagunenstadt, die von ihren Bewohnern La Serenissima genannt wurde.

Vor den Augen des Dogen und seines Gefolges wurde das zweite Schwein über den Rand der Aussichtsplattform gestoßen. Es stürzte wie ein Stein aus der Höhe herab, und sein markerschütterndes Quieken brach erst ab, als es mit einem dumpfen Klatschen auf den Ziegeln der Piazza aufschlug. Blut spritzte hoch und besudelte die vorwitzigen Gaffer, die sich zu nah an die Absperrung herangewagt hatten.

Die Menge quittierte es mit einem ausgelassenen Kreischen. Der Doge, die Damen aus seinem Gefolge und die Würdenträger applaudierten höflich, während bereits das nächste Schwein vom Turm fiel und dicht neben den beiden anderen landete. Geheul brandete auf, als gleich darauf das vierte Schwein folgte. Es landete auf einem der anderen Kadaver und lebte nach dem Aufschlag noch einige Augenblicke. Sanchia konnte erkennen, dass es mehrere Male heftig zuckte, bevor es mit einem erstickten Grunzen verendete.

Sanchia unterdrückte beim Anblick der zerschmetterten Körper nur mühsam ein Würgen. Weitere Schweine stürzten vom Turm, doch sie bekam diese Zurschaustellung roher Gewalt nur noch aus den Augenwinkeln mit, während sie hastig dem Rand der Menge zustrebte.

Sanchia schaute sich um. Ihre Verfolger waren nirgends zu sehen. Sie drängte auf der Suche nach einem Versteck weiter.

Als sie die beiden vor der Mole aufragenden Granitsäulen sah, erschauerte sie. Auf einer ihrer seltenen heimlichen Ausflüge war ihre Gondel dort vorn auf dem Wasser vorbeigeglitten. Sie hatten nebeneinander im Schatten der Felze gesessen, das Verdeck herabgezogen bis auf einen Spalt, durch den sie die sonnenüberstrahlte Silhouette der Gebäude rund um den Markusplatz aufragen sahen. Es war ihr wie ein seltsames, fremdartiges Bild erschienen: die scheinbar endlosen, wie Silber schimmernden Arkadenbögen der Palastfassade, die orientalisch anmutenden Kuppeln und Türmchen der Basilika, der Glockenturm. Und eben jene beiden Säulen auf der Piazetta, deren eine mit der steinernen Figur des heiligen Theodor gekrönt war, während auf der anderen der geflügelte Löwe, das Sinnbild des Apostels Markus thronte, des Schutzheiligen der Stadt. Dessen Gebeine waren unter abenteuerlichen Umständen im Jahre des Herrn 828 aus Alexandria geraubt und nach Rialto gebracht worden, um seither als Reliquie in San Marco verehrt zu werden. Auch der Löwe war geraubt und später als Wahrzeichen der Stadt aufgestellt worden, wenngleich er nichts weiter als eine heidnische Chimäre war, deren Flügel man später hinzugefügt hatte. Das alles hatte ihr Geliebter ihr ins Ohr geflüstert, seine Stimme ein schwacher, erregender Hauch an ihrer Schläfe und ihrer Wange, während das Wasser um sie herum plätscherte und die Sonne auf dem Dach der Felze glühte. Der Gondoliere sang leise ein altes Fischerlied, doch Sanchia hörte ihm nicht zu, denn sie hatte nur Ohren für ihren Geliebten. Sie hätte ihm stundenlang lauschen können, nur um den Klang seiner Stimme zu hören. Sie liebte es, wenn er ihren Namen aussprach, ihn hin und wieder fallen ließ wie eine seltene Perle, ein Kleinod, das er nur ihr zu Ehren geschaffen hatte. Er nannte sie Sanchia, weil er diesen Namen mochte und weil er ihren wirklichen Namen nicht aussprechen konnte. Sie liebte den neuen Namen ebenfalls. Sie hatte ihn als eine Art Geschenk betrachtet, ihn gleichsam übergestreift wie ein kostbares Kleid. Es war, als könnte sie mit diesem Namen die Blößen bedecken, die zurückgeblieben waren, als man ihr das alte Leben wie eine nutzlose Hülle entrissen hatte.

Ihr Geliebter hatte ihre Hand genommen und sie auf seine Brust gelegt, dort, wo sie die Wärme seiner Haut und seinen Herzschlag spüren konnte. Der Moment war ihr so kostbar erschienen, dass ihr die Kehle eng geworden war. Seine Worte waren das vertraute Gemisch aus Venezianisch, Latein und Französisch, da er ihre Sprache nicht beherrschte und sie zu wenig Gelegenheit gehabt hatte, die seine zu lernen. Dennoch hatte sie nicht sofort begriffen, was er meinte. Erst, als er den Inhalt seiner Worte mit einer knappen, quer über die Kehle gezogenen Handbewegung verdeutlichte, war ihr klar, dass hier auf der Piazetta zwischen den Säulen die von den Gerichten verhängten Todesstrafen vollstreckt wurden.

Sanchia wandte sich nach links und drängte sich durch das Menschengewühl beim Dogenpalast. Immer mehr Schaulustige strömten über die Riva in Richtung Piazza. Ein Betrunkener trat ihr in den Weg, laut grölend und eine Flasche schwenkend, aus der es durchdringend nach billigem Fusel stank. Er packte Sanchia bei den Schultern und schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte, doch die unmissverständliche Art, in der er seine freie Hand zuerst in ihr Haar grub und dann an ihre Brüste griff, ließ keinen Zweifel, worauf er aus war. Sie stieß ihn beiseite, und er torkelte davon, lallend und schimpfend, bis er nach ein paar Schritten die Flasche an den Hals setzte, um einen tiefen Zug zu nehmen.

Sanchia zog den Ausschnitt ihres Kleides zurecht, doch die Verschnürung hatte sich gelöst und das Gewand drohte über die Schultern herabzurutschen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie kalt es war. Zu Beginn ihrer Flucht hatte sie geschwitzt, aber jetzt fröstelte sie. Als sie weggelaufen war, hatte sie keine Zeit mehr gehabt, sich zum Ausgehen anzuziehen. Die Seide ihrer Schuhe löste sich allmählich in Fetzen auf, und von den feuchten Gassen stieg die kühle Luft unter ihre Röcke.

In den Rinnen und bröckelnden Vertiefungen der nur zum Teil gepflasterten Wege und Plätze hatte sich das Regenwasser vom Morgen gesammelt. Fast bei jedem zweiten Schritt trat sie in eine Pfütze, und wenn es eine Stelle an ihrem Kleid gab, die noch nicht durchweicht und verschmutzt war, würde man erst danach suchen müssen.

Ein unterdrückter Ausruf dicht hinter ihr ließ sie herumfahren. Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu, als sie sah, dass es einer ihrer Verfolger war. Die beiden anderen waren nirgends zu sehen, doch ihm war es gelungen, sie aufzustöbern. Es war der Anführer. Seine große, sehnige Gestalt war unter dem schwarzen Umhang nur zu ahnen, doch sie hatte ihn auch schon ohne die Maske gesehen und wusste daher, wie stark er war.

Sie keuchte laut auf, als die nächste Wehe begann, von ihrem Körper Besitz zu ergreifen. Sie fühlte, wie der Schmerz vom unteren Teil ihres Rückens aus ihre Beine lähmte und ihren Atem stocken ließ.

Auf dem Höhepunkt der Wehe verließen sie alle Kräfte. Sie blieb stehen und brach in die Knie. Der Schmerz war unvorstellbar, wie ein rasendes Tier, das seine Zähne und Klauen gleichzeitig in ihren Leib schlug. Sanchia schrie auf und schlang beide Arme um ihre Mitte.

»Bei allen Heiligen, was haben wir denn hier?«

Der Mann, zu dem die Stimme gehörte, blieb dicht neben ihr am Fuß der Brücke stehen.

Sanchias Blick war getrübt. Der Schmerz hielt sie immer noch gefangen. Sie war außerstande, den Blick zu heben und ihn anzusehen. Alles, was sie erkennen konnte, war eine eng anliegende grüne Strumpfhose mit einem Wappen und neben seinem rechten Schenkel die Spitze des herabbaumelnden Schwerts.

»Soll ich dir helfen, Liebchen?« Rohes Gelächter ertönte, während Hände ihren Leib betasteten. Der Mann versuchte, sie hochzuziehen und an sich zu pressen, nur um sie dann ebenso abrupt wieder fallen zu lassen. »Wenn ich dich näher betrachte, fürchte ich, dass hier alle Hilfe zu spät kommt. Da hat schon ein anderer Hand angelegt.«

Der Mann ging weiter, gefolgt von einer Horde weiterer Bravi in Wappenstrumpfhosen. Einer von ihnen stieß Sanchia grob zur Seite, als sie Hilfe suchend die Hand ausstreckte. Der Schmerz war noch nicht abgeflaut, sie konnte immer noch nicht richtig atmen, geschweige denn etwas sagen.

Sie hatte soeben den Blick in den Augen ihres Verfolgers gesehen. Er stand keine zehn Schritte entfernt und wartete, dass die jungen Burschen vorbeizogen.

Kaum hatten sie sich entfernt, trat er näher und ergriff Sanchias Arm.

»Komm«, sagte er einfach, während er sie hochzog. »Lass uns von hier verschwinden.«

Eine Öllampe an der Palastmauer erhellte einen schmalen Streifen über der Maske, genau an der Stelle, wo die Augen sichtbar waren.

Sanchia las darin ihren Tod.

Piero hockte auf der Ruderbank des Sàndolo und starrte in einer Mischung aus Missmut und Ungeduld zur Piazzetta hinüber. Am Rand der Mole waren die ersten Fackeln entzündet worden, vor deren flackerndem Licht sich die Umrisse zahlloser Gondeln und ein Gewirr schwankender Bootsmasten abzeichnete.

»Siehst du ihn?«, fragte er.

»Nein.« Vittore, der neben ihm saß, gab ein unterdrücktes Rülpsen von sich. Vorhin hatte er auf dem Weg zum Händler eine mit Schmorzwiebeln gefüllte Pastete verzehrt, die seine Verdauung auf eine harte Probe stellte. »Ich sehe ungefähr tausend Mal tausend Menschen, aber nicht den einen.«

»Er wollte zwischen den Säulen stehen und uns winken«, hob Piero hervor, »sobald die Fackeln und Lampen entzündet werden.«

»Das wollte er. Aber manchmal ist sein Hirn kleiner als eine Erbse. Vielleicht ist ihm auch ein Schwein auf den Kopf gefallen.«

Vittores Scherz vermochte Piero nicht aufzuheitern. Seine eigenen Eingeweide schienen ihm wie ein einziger harter Klumpen aus Trauer und Furcht. Manchmal wünschte er sich, weinen zu können, hieß es doch, dass Tränen die Seele befreiten. Doch diese Erleichterung war ihm nicht vergönnt, und so kam es ihm vor, als würden der Schmerz und die Selbstvorwürfe ihn langsam von innen her aushöhlen.

Er hätte bei Bianca bleiben sollen. Sie in dieser Situation allein zu lassen war nur eine weitere Niedertracht in der Reihe derer, die sie von ihm bereits hatte erdulden müssen.

Davon abgesehen hätte er sich keinen ungünstigeren Tag für sein Vorhaben aussuchen können. Wer auf die Idee kam, am Giovedì grasso in Venedig seinen Alltagsgeschäften nachgehen zu wollen, musste verrückt sein.

Zweifellos war er verrückt. Nicht nur, weil die Menschen in seiner Umgebung es häufig behaupteten – manche mit mehr, manche mit weniger Nachdruck –, sondern weil es ohne Frage von wenig Verstand zeugte, mitten im Karnevalstrubel Quecksilber kaufen zu wollen. Das Quecksilber hatte er bekommen, auch wenn er dafür den sturzbetrunkenen Händler aus der Gosse vor seinem Haus hatte klauben müssen. Aber dafür hatte er ganz offensichtlich seinen Lehrjungen im Getümmel des Karnevals verloren.

Vittore, der neben ihm saß, kratzte sich geräuschvoll den Kopf und fluchte murmelnd etwas vor sich hin, von dem Piero die Worte gottverdammte Läuse zu verstehen glaubte.

Vorsorglich rückte er ein Stück von Vittore ab und reckte sich, um nach Pasquale Ausschau zu halten. Innerlich gestattete er sich ebenfalls einen Fluch. Er musste wirklich den Verstand verloren haben, denn warum sonst hätte er es dem Jungen erlauben sollen, sich das Spektakel auf der Piazza anzusehen?

»Wie lange dauert es wohl, bis zwölf Schweine vom Glockenturm gefallen sind?«, ließ sich Vittore vernehmen.

Piero ersparte sich die Antwort, denn er hatte keinen Zweifel, dass die Frage nur ein Vorwand war, eine ebenso sinnlose wie langweilige Unterhaltung in Gang zu bringen.

»Diese Art, Schweine umzubringen, ist eine verfluchte Verschwendung«, fuhr Vittore fort.

Piero hob die Brauen. »Du weißt, was mit Gotteslästerern geschieht. Du solltest auf deine Zunge achten. Es sei denn, du brauchst sie nicht mehr.«

Vittore achtete nicht auf den Einwurf. »Das Fleisch ist völlig verdorben, wenn sie auf diese Weise zu Tode kommen. Zäh und geschmacklos.«

»Du musst es ja nicht essen.«

Vittore überging auch das. »Mit dem Bullen ist das was anderes. Das Enthaupten ist eine saubere Sache. Das Fleisch soll sogar in der Küche des Dogen zubereitet werden, habe ich mir sagen lassen.«

Piero blieb stumm. Er war nicht in der Stimmung, mit Vittore zu reden. Seinem Ofenmeister war offenbar daran gelegen, ihn auf andere Gedanken zu bringen, doch das änderte nichts an dem, was geschehen war.

Am heutigen Tag von Murano hierher zu rudern war nichts weiter als eine feige Flucht, doch im Laufe des Tages war das Gefühl, auf der Insel zu ersticken, übermächtig geworden. Er hatte es ganz einfach nicht mehr ausgehalten.

Die Art, wie Bianca versucht hatte, ihn aufzumuntern, war ihm beinahe grotesk erschienen. Sie war diejenige, die litt, und er musste von ihr aufgerichtet werden! Die Hand, mit der sie die seine ergriffen hatte, war viel zu kalt gewesen, und ihr Gesicht war so weiß, dass es sich kaum von den Laken des Bettes abhob. Dennoch hatte sie gelächelt. »Ich lebe noch«, hatte sie geflüstert. »Ich bleibe bei dir.«

Später, als er wieder unten in der Werkstatt gewesen war, hatte er ihr hoffnungsloses Weinen gehört. Ihm war ebenfalls kalt geworden, eine Kälte, die sich von der Oberfläche seiner Haut bis ins Mark seiner Knochen hinein fortsetzte und auch von der Glut der Öfen nicht zu vertreiben war.

»Es geht die Rede, dass das Zeremoniell abgeschafft werden soll«, sagte Vittore. »Weil es zu blutig ist für die empfindliche Damenwelt.« Er dachte kurz nach. »Wozu ist es überhaupt gut? Ich meine, warum machen sie das? Welchen Sinn hat es, Schweine vom Turm zu werfen? Wieso muss vor aller Welt ein solcher Haufen gutes Fleisch vergeudet werden?«

Piero sagte kein Wort, sondern ergriff stattdessen das Ruder und hielt auf die Mole zu.

»Was hast du vor?«, wollte Vittore wissen.

»Dem Bengel eine Tracht Prügel zu verpassen.«

»Die wird er vertragen können«, stimmte Vittore zu. »Der Bursche hat zu viele Flausen im Kopf. Du schlägst ihn zu selten.« Er räusperte sich. »Ja nun, eigentlich hast du ihn noch nie geschlagen. Meinst du wirklich, du bringst es diesmal fertig?« Hoffnungsvoll fügte er hinzu: »Wenn du es nicht kannst, mache ich es!«

Piero gab ein unverständliches Brummen von sich, mit dem er das Thema für erledigt erklärte. Doch Vittore war nicht bereit, es dabei zu belassen.

»Ein paar kräftige Hiebe hin und wieder können nicht schaden«, sagte er. »Ich musste auch viel einstecken, und es hat mir sehr geholfen, ein anständiger Geselle zu werden.« Vittore hielt inne und stellte dann eine Frage, die ihm offenbar schon lange auf der Seele brannte. »Wieso schlägst du ihn nie?«

Piero schwieg eine Weile. »Ich wurde geschlagen«, sagte er schließlich kurz.

»Was meinst du damit?«

»Ich wurde von meinem Meister geschlagen. Jahrelang. Jeden Tag. Einmal hat er mir einen Arm gebrochen. Einmal vier Rippen.«

»O weh, das war ihm sicher unangenehm, so ein Versehen!«

»Nein.« Piero hielt mit dem Rudern inne und wandte sich zu Vittore um. »Er liebte es, andere zu schlagen. Mein Arm war kaum verheilt, als er mich wieder prügelte, diesmal mit einem Schüreisen. Er traf mich überall. In meinem Kopf war ein Loch, in das man einen Finger stecken konnte.« Er atmete kurz aus, dann setzte er bedächtig hinzu: »Ich bin fast gestorben. Drei Wochen dauerte es, bis ich wieder aufstehen und gehen konnte. Ich konnte lange Zeit nicht richtig sprechen.«

Vittore schluckte entsetzt. »Was hast du getan, um diese Prügel zu verdienen?«

Piero unterdrückte den kurzen, aber heftigen Impuls, seinen Ofenmeister aus dem Boot zu stoßen. Er rieb sich über die Narbe oberhalb seines rechten Auges. Das alles war lange genug her, um nicht allzu oft daran denken zu müssen.

Gleichmütig meinte er: »Der alte Mistkerl hat sich irgendwann im Suff eine Ladung Glasschmelze über den fetten Wanst geschüttet. Seine Witwe hat mir die Werkstatt überlassen, und alle waren zufrieden. So darf ich ihm wohl letztlich noch dankbar sein.«

Er legte sich in die Riemen und tat einige Ruderschläge, dann ließ er den Sàndolo treiben, bis er dicht neben einem Fischerboot an die Kaimauer stieß.

Gleich darauf merkte er, dass er sich einen besseren Anlegeplatz hätte suchen sollen, denn auf diesem Boot befanden sich mehrere Körbe, aus denen es so erbarmungswürdig nach faulendem Fisch stank, dass Vittores ständiges Rülpsen in ein angeekeltes Würgen überging.

Oben auf der Piazza tobte der Karneval. Geschrei und Gelächter schallten über die weite Fläche und in die Lagune hinaus, untermalt vom inzwischen sehr unmelodiösen Lärm der Instrumente. Vermutlich hatten die Musiker ebenso wie alle anderen Besucher der Piazza mittlerweile reichlich dem Branntwein zugesprochen.

Aberwitzig kostümierte Gestalten schwankten am Rande der Menge. Direkt vor der Mole fiel eine Frau mit einer Tiermaske und nackten Brüsten auf die Knie und übergab sich. Hinter ihr bückte sich ein Mann und umfasste ihre Hüften. Er raffte ihr die Röcke über den Hintern hoch und fummelte gleichzeitig ungeschickt an der Verschnürung seines Suspensoriums herum. Die Frau wischte sich den Mund ab und gab ein Grunzen von sich. Der Mann stieß seinen Unterleib nach vorn, und das Grunzen ging in begeistertes Kichern über.

»Da drüben ist er!«, rief Vittore aus.

Piero löste seine Blicke von dem Schauspiel oben am Kai und schaute in die Richtung, in die Vittore mit ausgestrecktem Arm deutete. Am Fuß der Brücke über den Rio di Palazzo stand eine vertraute Gestalt. Im Licht der Fackeln erkannte Piero das lausbubenhafte Gesicht, das so gar nicht zu dem lang aufgeschossenen Körper passen wollte.

»Er hat seine Kappe verloren«, stellte Vittore fest, während er sich aufrichtete, um besser für Pasquale sichtbar zu werden. »Komm hier rüber, Junge!«, brüllte er. »Hier sind wir!«

»Ich glaube nicht, dass er uns hört«, meinte Piero. »Er unterhält sich.«

Besorgnis machte sich in ihm breit, denn das, was er auf den ersten Blick für eine Unterhaltung gehalten hatte, schien eher eine handfeste Auseinandersetzung zu sein: In eben diesem Moment spie der Junge dem Mann, der ihm gegenüberstand, ins Gesicht.

Instinktiv erhob sich Piero von der Ruderbank und machte sich bereit, an Land zu springen.

Der maskierte Fremde war vielleicht eine Handbreit kleiner als der Lehrjunge, aber um einiges kräftiger gebaut.

Dessen ungeachtet ging der Junge auf ihn los wie ein gereizter Löwe. Piero hatte vor Jahren auf einem Kirchplatz von Santa Croce einmal erlebt, wie ein solches Tier von Schaustellern mit angespitzten Stangen wild gemacht worden war. Sein Gebrüll und seine Sprünge gegen die Käfigstangen hatten den ganzen Campo zum Erzittern gebracht.

Pasquales Wutausbruch hätte dem Löwen zur Ehre gereicht. Sein Schreien war sogar über den Radau auf dem Markusplatz deutlich zu hören. Er drosch mit den Fäusten auf den Fremden ein, dessen Versuche, sich zu wehren, eher halbherzig ausfielen.

Pasquale brachte unterdessen seine Füße zum Einsatz und versuchte, seinem Gegner in den Bauch zu treten, während eine Horde betrunkener junger Bravi di Calze, die um die Kämpfenden herumstanden, laute Anfeuerungsrufe ausstießen.

»Ihm muss ein Schwein auf den Kopf gefallen sein«, sagte Vittore entschieden. In bewunderndem Tonfall fügte er hinzu: »Was für ein Schlag! Ich wusste gar nicht, dass der Junge so kämpfen kann!«

Piero hatte bereits das Tau ergriffen und schlang es hastig um einen der Pfähle an der Anlegestelle. Ohne zu zögern, sprang er an Land.

»Pasquale!«, schrie er. Beim Näherkommen sah er, dass Pasquales Gesicht nicht nur tränenüberströmt, sondern bis zur Unkenntlichkeit von Hass verzerrt war.

Das halbe Dutzend junger Männer war vorgerückt, aufgeheizt vom Alkohol und der Gier nach Gewalt. Das Geschrei nahm an Lautstärke zu. »Schlag ihn! Mach ihn fertig! Ja, tritt nur ordentlich zu!«

Als Piero nur noch wenige Schritte vom Kampfplatz entfernt war, wich der Fremde mit der Maske plötzlich zurück, und Pasquale, vom Schwung seines letzten Tritts vorwärts getragen, taumelte ins Leere. Einer der Bravi bewegte sich nach vorn und stellte Pasquale ein Bein, woraufhin dieser der Länge nach hinschlug. Johlender Beifall mischte sich mit enttäuschten Ausrufen der Umstehenden, je nachdem, auf welche der beiden Streithähne die Einzelnen gewettet hatten.

»Feigling«, brüllte einer der Schaulustigen dem Flüchtenden hinterher. Doch der Fremde mit der Maske war bereits im Menschengewühl auf der Piazza verschwunden.

Pasquale rappelte sich hoch. Er schluchzte und stieß unverständliche Laute aus. Aus seiner Nase strömte Blut. Er musste beim Sturz mit dem Gesicht aufs Pflaster geschlagen sein. Seine Hemdbrust triefte bereits vor Blut.

Doch dann sah Piero, dass dieses Blut nicht aus der Nase des Jungen stammte, dafür war es zu viel. Und als Pasquale sich vollends hochstemmte und ihm dabei für einen Moment die Seite zuwandte, war zu erkennen, dass die grobe Wolle seines Wamses auch am Rücken blutgetränkt war.

Pieros Herz raste, während er die wenigen Schritte zurücklegte, die ihn noch von dem Jungen trennten. Er fasste ihn beim Arm. »Pasquale! Du bist verwundet!«

»Das ist nichts«, gab Pasquale keuchend zurück, während er Pieros Hand ungeduldig abschüttelte. »Helft ihr, Maestro! Helft dem Mädchen!«

Er lief voraus, während die Bravi bereits begannen, sich in der anderen Richtung vom Schauplatz des Geschehens zu entfernen.

»Hier drüben!«, rief Pasquale. Er rannte über die Brücke. Seine schlaksigen Arme und Beine bewegten sich unbeholfen, aber so schnell wie Dreschflegel. Das blutgetränkte Wams sah Furcht erregend aus, und Piero fragte sich abermals besorgt, wie schlimm der Junge verwundet war.

Er folgte Pasquale in eine Calle, dann über eine weitere Brücke und auf der anderen Seite ein Stück die Fondamenta entlang. Hier waren ebenfalls Menschen unterwegs, allein und in Grüppchen, doch es waren bei weitem nicht so viele wie auf dem Markusplatz. Pasquale wich ihnen geschickt aus und vergewisserte sich jedes Mal mit einem hastigen Blick über die Schulter, dass sein Herr ihm folgte. Sie kamen an einer überfüllten Schenke vorbei, vor der sich ein Mann just in dem Moment erbrach, als Piero auf gleicher Höhe war. Er versuchte auszuweichen, konnte aber nicht verhindern, dass seine Schuhe in Mitleidenschaft gezogen wurden. An der nächsten Ecke wurde er von einer dürftig bekleideten Dirne aufgehalten, die ihm wahlweise für ein paar Soldi oder eine Flasche Branntwein ihre Liebesdienste anbot. Als er sie endlich umrundet hatte, war Pasquale verschwunden, tauchte aber zum Glück nach der nächsten Abzweigung wieder auf.

Geduckt liefen sie zwischen den Säulen eines kaum schulterhohen Sottoportego hindurch, um in einer nach verfaulendem Gemüse stinkenden Gasse wieder herauszukommen. Ein weiteres Mal bog der Junge noch ab und lief schließlich hinter einer im Bau befindlichen Kirche in eine Gasse, die so schmal war, dass die angrenzenden Häuserfronten zusammenzuwachsen schienen.

Der schmale Durchlass schien abrupt vor einer Mauer zu enden, doch Pasquale hielt in vollem Lauf darauf zu und verschwand um die Ecke. Piero lief ihm nach, in eine weitere Gasse, ebenso schmal wie die vorangegangene. Sie führte in einen winzigen Cortile, an dessen Mauern sich Unrat auftürmte. Bei ihrem Eintreffen bewegte sich am äußeren Rand des kleinen Hofes ein bepelzter Schatten, und einen Augenblick später huschte eine Ratte aus einem der Abfallhaufen und verschwand in der Dunkelheit.

Piero erkannte sofort, dass sie hier ihr Ziel erreicht hatten.

Die Frau, die halb sitzend, halb liegend mit dem Rücken gegen die Mauer lehnte, konnte kaum älter sein als Pasquale. Fünfzehn, vielleicht sechzehn Jahre. Ihr Haar war hell, fast weißblond, ein Farbton, für den so manche modebewusste Venezianerin töten würde. Allerdings war es weit kürzer, als Mode und Anstand es für eine junge Frau erlaubten. Es ringelte sich in wilden Locken um das schmale, schweißfeuchte Gesicht. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte Piero, dass das Haar auf stümperhafte, vermutlich sogar gewaltsame Art gestutzt worden war. Das konnte noch nicht lange her sein. Stellenweise war es bis auf die Kopfhaut weggeschnitten, und hier und da war auch Blut zu sehen.

Doch diese kleineren Verletzungen an ihrem Ohr und ihrer Wange waren nichts im Vergleich zu den klaffenden Wunden in ihrer Brust, deren zackige Ränder trotz der zunehmenden Dunkelheit deutlich zu sehen waren und aus denen unablässig frisches Blut strömte.

Pasquale neigte sich zu dem Mädchen und umfasste es, um es aufzurichten. Piero begriff, dass daher das viele Blut auf Pasquales Hemdbrust stammte. Der Junge musste schon vorher versucht haben, dem Mädchen aufzuhelfen.

»Ich habe ihn in die Flucht geschlagen!«, stieß Pasquale hervor. »Leider konnte ich ihn nicht überwältigen, ich hätte ihn gern für dich getötet! Es tut mir leid! Aber jetzt ist mein Meister da! Er wird dich in Sicherheit bringen!« Hilflos hob er den Kopf und sah Piero an. »Es war der Kerl mit der Maske. Er hat sie hierher geschleppt, ich hab’s gesehen und bin ihnen gefolgt. Als ich herkam, war’s schon passiert, er wischte sich gerade den Dolch an seinem Umhang ab.« Pasquales Stimme kam abgehackt. »Ich habe versucht, ihn zu stellen, aber er konnte entkommen.« Seine geballten Fäuste lockerten sich, als er auf die junge Frau niederschaute. »Sie ist sehr schwer verletzt. Es sind bestimmt drei Stiche, wenn nicht mehr, in die Brust und wohl auch in den Rücken.«

Piero ging neben dem Mädchen in die Knie und nahm ihre Hand. Sie war eiskalt. Ihre Lider flatterten, während sie versuchte, seinen Blick zu erwidern. Sie sagte etwas in einer ihm unbekannten Sprache.

»Wer hat dir das angetan, Mädchen?«, fragte er.

Sie antwortete nicht, und er versuchte es mit einer anderen Frage. »Wo wohnst du?«

Er hatte sofort erfasst, dass sie keines der zahlreichen Straßenmädchen war, die sich überall in der Stadt ihren Lebensunterhalt mit Prostitution verdienten. Ihre Kleidung war zwar voller Blut und Schmutz, doch er sah, dass sie kaum getragen und kostbar war, aus fein gewebter Seide und von maßgeschneiderter Passform. Ihre Schuhe, ebenfalls aus Seide und mit dünnen Sohlen, waren eher für das Innere eines Palazzo gedacht als für die Straße. Sie waren völlig zerrissen.

Das Mädchen flüsterte einige Worte, und diesmal meinte Piero, etwas zu verstehen.

»Heißt du so? Ist das dein Name?«

Das Mädchen schüttelte schwach den Kopf. »Sanchia«, sagte sie.

»Du heißt Sanchia?«

Diesmal hatte er es getroffen. Sie gab ihm durch ein kaum merkliches Nicken zu verstehen, dass dies ihr Name war. Im nächsten Moment war ihre Unterhaltung, so kläglich deren Inhalt bisher auch gewesen sein mochte, beendet.

Das Mädchen krampfte ihre Finger um Pieros Hand und gab ein urtümliches Stöhnen von sich, das tief aus ihrer Kehle aufstieg und nicht aufhören wollte. Das Geräusch brannte sich direkt in seine Seele.

Wir müssen sie in ein Spital bringen, auf der Stelle!, dachte er. Doch an dem hechelnden Rhythmus, den ihr Atem angenommen hatte, erkannte er, dass es dafür zu spät war. Bei jedem Atemzug trat Blut auf ihre Lippen, und ihre Augen waren so weit aufgerissen, dass fast nur noch das Weiße darin zu sehen war.

Piero widerstand nur mit Mühe dem Verlangen, aufzustehen und wegzurennen.

»Diese Frau hat Wehen«, sagte Vittore hinter ihm. Der Ofenmeister war ihnen, wenn auch um einiges langsamer, bis hierher gefolgt. Er sprach das Offensichtliche aus. »Sie bekommt ein Kind, und zwar in diesem Moment.«

Sie wusste, dass ihre Augen offen waren, trotzdem konnte sie nichts sehen außer ineinanderfließende Umrisse. Erst, als die Wehe allmählich abebbte, erkannte sie ihre Umgebung wieder genauer. Jemand hatte eine Fackel entzündet, die den Hof mit einem Wechselspiel aus unruhigem Licht und huschenden Schatten erfüllte.

Die drei Männer, die vor ihr auf dem ungepflasterten Lehmboden hockten, wirkten betroffen, ja sogar verzweifelt. Der Junge, der sie vorhin hier gefunden hatte, schob sich verstohlen die Hand in den Rücken, und da fiel ihr wieder ein, dass der Mann, der sie niedergestochen hatte, auch ihm einen Messerstich beigebracht hatte. Sie wollte etwas sagen, ihm für seinen Heldenmut danken, doch sie brachte nichts über die Lippen außer einem erstickten Röcheln. Sie schmeckte das Blut in ihrem Mund und gab den Versuch zu sprechen auf.

Der andere Mann, der sich im Hintergrund hielt, war der Älteste der drei. Er war von kleiner Gestalt und kahl bis auf wenige Haarbüschel, die ihm über den Ohren borstig vom Kopf abstanden.

Der dritte Mann war ihr am nächsten und hielt ihre Hand. Er war in den Zwanzigern und von angenehmem Äußeren. Sein Haar war heller als das der meisten Venezianer, von einem dunklen Blond. Sein Gesicht hätte schön sein können, wenn die Narbe, die senkrecht wie ein Blitz über seine rechte Braue lief, ihm nicht dieses bedrohliche Aussehen verliehen hätte. Seine Kleidung war solide und gut gearbeitet, aber schlicht. Vermutlich war er ein Kaufmann oder Handwerker.

Wieder fragte er sie etwas. Er hatte schon viele Fragen gestellt, aber bis auf die nach ihrem Namen hatte sie keine verstanden. Der Schmerz hatte ihr nicht nur die Fähigkeit zum Reden geraubt, sondern machte es ihr auch unmöglich, die Worte der Männer zu verstehen.

Sie wusste, dass sie sterben würde. Es war ihr schon klar gewesen, bevor der Mörder sein Messer in ihren Leib gestoßen hatte. Der erste Stich hatte noch geschmerzt. Es hatte so wehgetan, dass sie für einen Moment die Besinnung verloren hatte. Den zweiten und dritten Stich hatte sie dennoch gespürt, allerdings nur als dumpfe Schläge.

Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie hier neben der Mauer gelegen, und der Junge hatte vor ihr gekauert, einen entsetzten Ausdruck in den Augen.

Dann war er davongesprungen und hatte mit lauten Rufen ihren Mörder verfolgt.

Und jetzt war er wieder hier, zusammen mit den beiden anderen. Sie wollten ihr ganz offensichtlich helfen, diese drei Männer. Doch sie kamen zu spät. Mit jedem Herzschlag fühlte sie, wie das Leben aus ihr hinausströmte.

Trotzdem spürte sie immer noch einen Funken von Kraft in sich, gerade genug, um weiterzuatmen. Da war noch das Kind. Sie wusste, dass es bei einer der nächsten Wehen geboren werden würde, wenn sie selbst so lange durchhielt. Vielleicht würde es leben.

Ihre Hand glitt an ihrem gewölbten Bauch entlang hoch zu ihrem Hals, bis sie die Kette berührte. Der Anhänger war noch da. Ihre Fingerspitzen ertasteten das Amulett, dann begann sie, daran zu zerren, um es abzureißen.

Der Mann vor ihr reagierte auf ihre Bemühungen und hielt ihre Hand fest. Er sagte etwas, dann griff er vorsichtig in ihren Nacken und löste den Verschluss der Kette. Er legte ihr das Amulett in die offene Hand, doch sie schob es ihm wieder zu und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass er es behalten solle.

Für das Kind, wollte sie sagen. Doch sie konnte es nur denken.

Er schien sie dennoch verstanden zu haben. Vielleicht hatte er es auch an ihren Blicken erkannt, die abwechselnd zu ihm, ihrem Leib und dem Amulett in seiner Hand huschten.

Dann kam die nächste Wehe. Das Kind drängte aus ihr heraus, und trotz der einsetzenden Taubheit ihres Körpers spürte sie die Macht, mit der diese letzte Presswehe das Ende des Geburtsvorgangs einleitete.

Mein Leben für deines, dachte sie.

Ihre Gedanken trübten sich und waren bereits in einer anderen Welt. Es war dunkel, aber hinter ihren geschlossenen Lidern funkelte die Sonne auf dem Wasser der Lagune und spann Silberfäden vom Himmel bis zu den Dächern der Serenissima.

Ihre letzte bewusste Wahrnehmung war die Trauer darüber, dass sie nie ihr Kind würde sehen können.

»Bei allen Heiligen«, rief Pasquale verstört aus, als zwischen den weit gespreizten Beinen der Gebärenden ein rundes, blutverschmiertes Etwas hervortrat. Er hielt die Fackel, die er vorhin an der nächstbesten Fassade aus der Halterung gerissen hatte.

»Wie kann das Kind geboren werden, wenn sie tot ist?« Vittores Stimme klang gefasst, obwohl seiner Miene anzusehen war, dass er gegen sein Entsetzen ankämpfte.

»Sie lebt noch. Ihr Körper gebiert das Kind.« Piero hatte keine Ahnung, ob das zutraf, doch anders ließ es sich nicht erklären. Das Mädchen hatte bereits vor Minuten die Besinnung verloren, doch ihr Leib hatte nicht aufgehört, sich in kurzen Abständen rhythmisch zusammenzuziehen. In einer Mischung aus Hilflosigkeit und Faszination sah er, dass bei der nun einsetzenden Wehe der Kopf des Kindes herausgeschoben wurde. Dann kam wieder alles zum Stillstand.

»Es hat aufgehört«, flüsterte Pasquale tonlos. »Es ist stecken geblieben! Sie ist tot!« Er schluckte heftig. »Wir müssen das Kind herausziehen.«

»Schlag dir diesen Unsinn aus dem Kopf«, versetzte Vittore. »Du würdest diesem winzigen Ding nur den Kopf abreißen. Lass es in Frieden mit seiner Mutter sterben. Seine Anima ist sicher schon beim Herrn.« Er bekreuzigte sich flüchtig.

»Wir müssen etwas tun!«, widersprach Pasquale.

»Wir könnten endlich zurück zur Riva gehen und heimfahren«, schlug Vittore vor. »Morgen früh werden die Anwohner dieses Hofs sie finden und einen Pfaffen holen. Der wird für ein anständiges christliches Begräbnis sorgen.« Stirnrunzelnd hielt er inne. »Auch wenn natürlich kein Mensch weiß, zu welchem Gott sie gebetet hat.« Erklärend fügte er hinzu: »Sie sieht anders aus als alle Weiber, die ich bisher in dieser Stadt habe herumlaufen sehen.«

»Halt’s Maul«, sagte Piero grob. Er beugte sich über das Mädchen und brachte seine Augen dicht an ihre Lippen. Wenn er irgendwo ihren Atem würde spüren können, dann an der empfindlichen Haut seiner Lider. Doch da war nichts, kein Hauch.

Seine Finger zitterten, als er beide Hände zugleich an den Hals des Mädchens legte, um dort mit den Fingerspitzen nach einem Herzschlag zu tasten. Er konnte nichts fühlen. Pasquale hatte Recht, sie musste tot sein. Doch plötzlich hörte er, wie sie stöhnte und dann Luft holte, ein schwaches Geräusch, aber unverkennbar ein Atemzug.

»Seht!«, schrie Pasquale. »Es geht weiter!«

Der hochgewölbte Leib der Schwangeren spannte sich ein letztes Mal, und im nächsten Moment glitt in einer Fontäne aus Fruchtwasser und Blut das Neugeborene vollständig aus dem Körper des Mädchens heraus. Es fing sofort an zu schreien, es war ein dünner, quäkender Laut.

»Es lebt!«, schrie Pasquale überflüssigerweise.

Die Geburt war vorbei, aber die Frau war tot. Sie hatte im selben Augenblick aufgehört zu atmen, als ihr Kind auf die Welt gekommen war.

Vittore stieß einen Fluch aus, der an Gotteslästerlichkeit nicht zu überbieten war. Er stemmte sich hoch und trat einen Schritt zurück. »Jetzt sollten wir wirklich verschwinden. Stellt euch vor, es kommt jemand. Zum Beispiel die Schergen der Signori di Notte. Sie werden uns endlose Fragen stellen. Am Ende glauben sie gar, wir hätten das arme Ding erstochen!«

»Maestro, bitte, das können wir nicht machen!«, rief Pasquale.

»Seid still. Wenn ihr weiter so herumbrüllt, kann es nicht lange dauern, bis tatsächlich jemand hier aufkreuzt.« Piero streckte die Hand aus. »Gib mir dein Wams«, befahl er Vittore.

»Ich? Wieso?«, protestierte dieser. »Es ist meines!«

»Du bekommst es wieder. Jetzt gib es her. Ich weiß, dass du noch mindestens zwei Hemden darunter anhast, also stell dich nicht so an!«

Murrend tat Vittore wie ihm geheißen. Halb ungläubig, halb erbost sah er zu, wie sein Meister das Neugeborene zwischen den Schenkeln der Toten hervorzog und in das Wams legte.

Piero zog sein Messer aus der Scheide an seinem Gürtel und durchtrennte die Nabelschnur, genauso, wie er es erst letzte Nacht beobachtet hatte. Der verdrehte Strang pulsierte nicht mehr. Dennoch schnitt er ein Stück von den Lederschnüren des Wamses ab und achtete nicht auf Vittores empörtes Schnauben, während er den Nabelstumpf abband.

»Was ist es denn?«, wagte Pasquale zu fragen. Er hielt immer noch die Fackel, aber mit weit ausgestrecktem Arm, denn er hatte sich zwei Schritte zurückgezogen. Ebenso wie Piero schien er instinktiv zu wissen, dass die junge Frau im selben Moment gestorben war, als ihr Körper das Kind hinausgestoßen hatte.

»Ein Mädchen«, sagte Piero knapp.

Während sie eilig durch die nächtlichen, vom Karnevalstreiben erfüllten Gassen gingen, sagte Piero sich, dass es nur der Körper der Frau war, den sie in dem Hof zurückgelassen hatten. Ihre Seele war längst bei Gott. Sie konnten nicht wagen, sie in eine Kirche zu tragen oder zu den Ordnungshütern zu gehen. In dem Punkt hatte Pasquale völlig Recht, ein derartiges Vorgehen würde nur endlose Fragen nach sich ziehen. Schon mehr als einmal hatte die Signoria einen unschuldigen armen Teufel aufgeknüpft, nur weil er zufällig gerade greifbar war und als einziger Zeuge von einer Mordtat zu berichten wusste. Spätestens morgen früh würde sie ohnehin gefunden werden.

Nichts würde das Mädchen wieder lebendig machen, aber er konnte dafür sorgen, dass ihr Kind in Sicherheit gebracht wurde.

Er hatte vorgehabt, für dieses Unterfangen einem der überall herumtorkelnden Zecher eine Maske abzukaufen, doch als sie in die nächste Salizada einbogen, sahen sie eine auf dem Pflaster liegen. Der Besitzer lag in trunkener Besinnungslosigkeit daneben und hatte offensichtlich keinen Bedarf mehr an der Maske.

Piero hob sie auf und ließ Pasquale das Neugeborene halten, während er sie anlegte. Das Kind hatte aufgehört zu schreien, dennoch machte Pasquale ein jämmerliches Gesicht, als er das Bündel entgegennahm. Er hielt es wie ein rohes Ei, das jeden Augenblick zerbrechen konnte.

»Ihr wartet hier«, ordnete Piero an, während er zur Pforte der nächstgelegenen Kirche ging. Auf sein Klopfen öffnete jedoch niemand, und als er versuchte, die Tür aufzustoßen, stellte er fest, dass sie verschlossen war. Auch bei der nächsten Kirche hatten sie kein Glück.

»Mir tun die Füße weh«, beklagte sich Vittore. »Wozu laufen wir hier herum und suchen Kirchen? Meinst du vielleicht, auch nur ein einziger Priester hat Lust, mitten in der Nacht durch die Gassen zu irren und eine Tote aufzulesen? Oder sich um einen brüllenden Säugling ohne Mutter zu kümmern? Wir sollten das Kind einfach vor die nächste Pforte legen und zusehen, dass wir zurück nach Murano kommen.« Er dachte kurz nach. »Aber vorher will ich mein Wams wiederhaben.«

»Wir sollten zu einem Nonnenkloster gehen«, meldete sich Pasquale zu Wort. »Nonnen sind Dienerinnen des Herrn und mildtätig.« Er trottete vor Piero und Vittore her und machte einen niedergeschlagenen, erschöpften Eindruck. Die Fackel, die er trug, war fast niedergebrannt, und sein Gesicht unter dem wirren Haarschopf war unnatürlich bleich.

»Und sie sind Frauenzimmer«, fügte Vittore hinzu. »Die verstehen sich auf das hier.«

Bei das hier deutete er auf das Neugeborene, das vor einer Weile wieder angefangen hatte zu schreien und damit ihrer aller Nerven auf eine harte Probe stellte.

Piero fand ausnahmsweise, dass beide Recht hatten, wenngleich bei der anschließenden Suche nach einem Kloster eine unbestimmte Enttäuschung von ihm Besitz ergriff. Das Kind in seinen Armen hatte die Augen geöffnet, und ihm war sogar, als würde es ihn ansehen. Doch vermutlich war das Unfug, denn es hieß allgemein, dass neugeborene Kinder ebenso wenig sehen konnten wie neugeborene Kätzchen.

»Hier ist es. Glaube ich.« Vittore trat vor und nahm die Pforte des Gebäudes näher in Augenschein. Er war in diesem Viertel aufgewachsen und kannte sich hier aus wie kein Zweiter. Jedenfalls hatte er das mehr als einmal behauptet, obwohl sich die von ihm angekündigten Kirchen stets auf wundersame Weise in Luft aufgelöst hatten. Seine Flüche, mit denen er angebliche Feuersbrünste oder größenwahnsinnige Stadtplaner verwünschte, wurden bei jeder Abzweigung lauter.

Doch diesmal hatte er sie an die richtige Stelle geführt, denn die geschnitzte Tafel, die in Kopfhöhe des großen Holztores an der Landseite des Hauses angebracht war, zeigte in ihrer Inschrift den Namen des Ordens. Es handelte sich um ein Kloster der Benediktinerinnen.

Das Kind schrie jetzt lauter, und Piero verspürte das plötzliche und sinnlose Bedürfnis, es fest an sich zu pressen und fortzulaufen. Er wusste nicht, ob er es nicht tatsächlich getan hätte, wenn das Kind nicht im nächsten Augenblick aufgehört hätte zu schreien. Es hatte die winzige Faust in den Mund geschoben und nuckelte daran herum. Ganz offensichtlich hatte es Hunger.

In seiner Ungeduld dachte er nicht daran, die Maske wieder überzustreifen, die er sich vorhin in die Tasche seines Wamses gestopft hatte. Er klopfte hart an das Tor, und diesmal wurde ihm zu seiner Überraschung sofort aufgetan. Eine kleinere Tür in der Pforte öffnete sich, und ein ausgelassenes Kichern durchdrang die Nacht. Die Flammen der rußenden Fackel warfen Lichtzungen gegen das Tor und erleuchteten eine Männergestalt, die auf die Gasse hinaustrat, den Arm um eine Frau gelegt. Als er ihr etwas ins Ohr flüsterte, gab sie abermals ein Kichern von sich, woraufhin der Mann seine Hand in den Ausschnitt ihres Nonnengewandes schob und sie mit der anderen an sich drückte.

Genau in diesem Moment ließ Vittore, der schon die ganze Zeit dem Gestank, der aus den Kanälen stieg, seine eigene Duftnote hinzugefügt hatte, einen laut blubbernden Furz entweichen. Jetzt erst bemerkte das Paar, dass es sich in unerwünschter Gesellschaft befand. Der Mann ließ die Frau los und wich in die Dunkelheit zurück, die Hand am Knauf seines Schwerts. Als er sah, dass er nichts zu befürchten hatte, drehte er sich einfach um und verschwand um die nächste Straßenecke.

Die Nonne war zunächst wie vom Donner gerührt stehen geblieben, wich dann aber furchtsam durch die Pforte zurück in den Innenhof des Klosters.

»Wartet«, bat Piero. Als sie zögerte, räusperte er sich. »Ich habe hier das Kind einer Toten«, hob er an, während er es ihr entgegenstreckte.

Nur einen Atemzug später hatte sie ihm die Tür vor der Nase zugeknallt. Piero trat einen Schritt vor, doch schon war das rostige Geräusch eines Riegels zu hören, mit dem sie ihrem Rückzug Nachdruck verlieh.

»Das Kind einer Toten?«, meinte Vittore zweifelnd. »Ob das wohl die richtigen Worte waren?«

»Du meinst, für ein unschuldiges Mädchen wie dieses?«, gab Piero in ätzendem Tonfall zurück.

Vittore zuckte die Achseln. »Es scheint zu stimmen, was man sagt.«

»Was sagt man denn?«, wollte Pasquale wissen. Seine Stimme klang leise und undeutlich.

»Dass Frauenklöster ein einziger Pfuhl der Sünde und des Verderbens sind«, belehrte ihn Vittore. »Es soll sogar Gesetze gegen die Ausschreitungen geben, aber es heißt, dass niemand sich daran hält, am allerwenigsten die Nonnen.«

Piero erinnerte sich, Ähnliches gehört zu haben, doch bisher hatte er darauf nicht viel gegeben, weil er stets davon überzeugt gewesen war, Klöster seien ebenso wie Kirchen Orte des Herrn. Trotzdem hielt sich sein Ärger über seine törichte Unwissenheit aus unerfindlichen Gründen in Grenzen. Mehr noch: Plötzlich fühlte er sich wie befreit. Ungläubig stellte er fest, dass sich sogar ein zaghaftes Glücksgefühl in ihm auszubreiten begann.

»Warum grinst du so?«, fragte Vittore misstrauisch. Er beschleunigte seine Schritte, um zu Piero aufzuschließen, während dieser im Eiltempo in Richtung San Marco zurückstrebte.

»Wir haben alles versucht«, sagte Piero in gespieltem Gleichmut, das Kind an seine Brust drückend. »Wir sind von Kirche zu Kirche gelaufen. Wir waren sogar bei einem Kloster. Niemand kann von uns verlangen, weitere Anstrengungen zu unternehmen.«

»Anstrengungen? Du meinst, um es loszuwerden? Den Teufel haben wir unternommen!« Vittore rannte schneller, um Piero zu überholen. Er ging ein paar Schritte rückwärts und zeigte mit dem Daumen hinter sich. »Da! Siehst du? Ein Campo! Eine Kirche! Mit einem Tor, vor dem wir es ablegen können!« Er stolperte über einen Betrunkenen, der in der Mitte des kleinen Kirchplatzes lang ausgestreckt neben der Zisterne auf der Erde lag und seinen Rausch ausschlief. Sich aufrappelnd und weiterlaufend, fuhr er fort: »Die Nonnen mögen herumhuren, aber die Pfaffen gewiss nicht! Sie haben zu viel Angst vor dem Fegefeuer! Und sie lieben Kinder! Sagte nicht schon unser Herr Jesus Christus: Lasset die Kindlein zu mir kommen?« Er trat an Pieros Seite und schnüffelte. »Was stinkt hier so?«

»Du wahrscheinlich«, sagte Piero, ungerührt an der Kirche vorbeischreitend.

»Niemals.« Vittore stieß einen Schrei aus. »Mein Wams! Das Kind hat hineingeschissen!«

»Kümmere dich lieber um Pasquale. Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest – er ist verwundet, und zwar schlimmer, als es vielleicht den Anschein hat.«

Der Junge war vor ihnen stehen geblieben und schwankte. Vittore war mit zwei Schritten bei ihm. Ohne eine Spur der ihm sonst eigenen Widerborstigkeit legte er den Arm um die Schultern des Jungen, um ihn während des restlichen Weges zur Mole zu stützen.

Sie erreichten ohne weitere Zwischenfälle den Kai und bestiegen den Sàndolo. Die Feier hatte während ihrer Abwesenheit nichts an lautstarker Heiterkeit eingebüßt. Betrunkene bevölkerten in Scharen den Markusplatz. Nicht wenige von ihnen waren bereits am Rand der Menge niedergesunken, wo sie bewusstlos vor sich hin schnarchten. Es roch nach Fusel, verbranntem Fleisch, beißendem Fackelqualm und menschlichem Schweiß. Aus den Gondeln, die im sacht schwappenden Wasser vor der Mole lagen, stieg der Gestank von Urin und Erbrochenem hoch.

»Wir hätten nach einem Waisenhospiz suchen sollen«, sagte Vittore plötzlich. »Warum sind wir nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen? Man hätte dem Kind dort Milch gegeben und eine gute christliche Erziehung.« Er verfluchte sich wortreich für dieses Versäumnis, und gleich darauf beklagte er erneut sein ruiniertes Wams.

Piero ging nicht darauf ein. Er legte das jetzt wieder schlafende Kind unter der Ruderbank ab und untersuchte Pasquales Verletzung. Sie war weniger tief, als er befürchtet hatte, aber es war ein übel klaffender Schnitt, der sich vom unteren Rippenbogen bis fast zum Schulterblatt zog. Er blutete immer noch, wenn auch nicht mehr so stark. Dennoch würde er nicht umhin können, die Wunde zu nähen, sobald sie Murano erreicht hatten. Einstweilen opferte er einen Streifen seines Leinenhemdes, um die Wunde zu verbinden. Pasquale sog hin und wieder hörbar die Luft ein, aber ansonsten ließ er die Prozedur still über sich ergehen.

Das Kind schlief immer noch unter der Ruderbank, als Piero schließlich das Tau einholte und ablegte.

Er lenkte das Boot in den Rio di Palazzo und schnauzte Vittore an, der unter dröhnenden Geräuschen immer mehr stinkende Gase absonderte, die auf scheußliche Art nach Zwiebeln rochen.

»Die Pastete muss verdorben gewesen sein«, jammerte Vittore. »Ich kann es nicht einhalten! Meine Eingeweide werden platzen! Was soll ich machen? Es wird immer schlimmer!«

»Furz in eine andere Richtung!«

Sie durchquerten die Stadt auf dem Wasserweg in nördlicher Richtung und hielten anschließend Kurs auf Murano. Sie hatten sich kaum hundert Bootslängen von der Küste entfernt, als Vittore auch schon auf der Bank hin und her rutschte und mit gequälter Stimme erklärte, dass er sich erleichtern müsse. Irgendwie schaffte er es, seinen Hintern über den Bootsrand zu hieven und den Inhalt seiner Gedärme unter allerlei Gestöhne und lautem Knattern in die Lagune zu entleeren.

Der arme Pasquale saß direkt daneben, durch seine Verwundung zu erschöpft, um sich einen besseren Platz zu suchen. Würgend wandte er den Kopf ab, erwiderte aber auf Vittores gestammelte Entschuldigung großmütig, dass es ihm nichts ausmache.

Nebelschwaden zogen über das Wasser, während das Boot durch die Nacht glitt. Piero beschränkte sich auf das Rudern, da zu wenig Wind ging, um das Segel zu hissen. Außerdem war es zu dunkel. Doch er war die Strecke schon ungezählte Male gerudert und kannte sie daher genau. Mehrmals mussten sie anderen Booten ausweichen, die ihren Weg kreuzten, doch davon abgesehen verlief die Fahrt ruhig.

Als nach einer Weile die von Fackeln gesäumte Ufersilhouette von Murano in Sicht kam, brach Vittore das anhaltende Schweigen.

»Der Junge ist eingeschlafen.«

»Ich weiß.«

»Willst du morgen das Kind in ein Waisenhaus bringen?«

»Nein.«

»Was willst du damit machen, es auf dem Sklavenmarkt verkaufen?«

Piero lachte kurz auf, doch dann erkannte er, dass die Frage ernst gemeint war. Ohne nachzudenken, fing er an, Vittore unflätig zu beschimpfen, was er jedoch gleich darauf bereute. Sein Ofenmeister wusste es nicht besser. Vittore war ein guter Arbeiter, aber es mangelte ihm auf beklagenswerte Weise an menschlicher Erziehung. Er hatte früh seine Eltern verloren und war bei entfernten Verwandten aufgewachsen, die in ihm nur einen unnützen Esser gesehen hatten.

Vittore schien die rüde Zurechtweisung nichts auszumachen. Seiner Miene war abzulesen, dass ihm soeben eine Erkenntnis dämmerte. Er richtete sich auf und starrte Piero fassungslos an. »Du willst es deiner Frau geben!«

»Das Kind könnte es schlechter treffen.«

»Du weißt ja nicht, was du tust!«

»Doch«, erwiderte Piero ruhig. »Es gibt mehr als einen guten Grund dafür. Bianca hat geboren, sie hat Milch. Mein Sohn ist tot, aber das Mädchen hier lebt. Dieses Kind wird ihr neuen Lebensmut geben.«

»Aber das ist … verrückt!«

Piero zuckte die Achseln. »Vittore, damit magst du ausnahmsweise einmal Recht haben. Du weißt ja, wie die Leute mich gern nennen.«

Er lenkte das Boot in den Rio dei Vetrai, und während er den Sàndolo mit stetigen Ruderbewegungen vorwärts trieb, erfasste ihn mit einem Mal die Angst, das Kind könne gestorben sein. Kinder, die gerade erst geboren waren, überlebten allzu oft kaum einen einzigen Tag.

Nur noch wenige Bootslängen trennten ihn von der Anlegestelle seines Hauses, als er das Ruder fahren ließ und hastig das Bündel unter der Bank hervorzog. Dabei ging er offenbar heftiger zu Werke, als es einem so winzigen Wesen angemessen war, denn das Kind begann sofort laut zu schreien.

»Nun denn, wenn wir keinen Ärger haben, so bereiten wir uns eben welchen«, sagte Vittore griesgrämig. Er raffte sich auf, ergriff das Ruder und stakte das Boot zurück zu der hölzernen Plattform, bevor es weiter abtreiben konnte. Er warf das Tau um eine Stange und nahm die Laterne aus ihrer Halterung am Mast, um sie auf den Steg zu stellen.

Pasquale war aufgewacht und reckte sich verschlafen. Als er seine Verletzung spürte, stöhnte er leise. Dann wandte er sich neugierig zu der Quelle des Geräuschs um.

Piero hob indessen das kreischende, streng riechende Bündel dicht vor sein Gesicht, um es zu betrachten. Ob es ein Wunder war oder nur ein Zufall – das Kind verstummte auf der Stelle. Es hatte die Augen weit geöffnet, und diesmal hatte Piero nicht den geringsten Zweifel, dass es ihn ansah. Vorsichtig zog er das beschmutzte Wams ein wenig auseinander, um das Neugeborene näher zu betrachten. Sofort erschienen zwei fuchtelnde Fäustchen neben dem kleinen Gesicht. Das Köpfchen war von hellem Flaum überzogen, und das, was von der Haut des Kindes zu sehen war, schimmerte im Licht der Laterne wie Milch und Seide. Die Ärmchen waren zart wie winzige Flügel, die Finger filigraner als der kostbarste Elfenbeinschmuck. Als spüre das kleine Geschöpf, dass es begutachtet wurde, verzog es im nächsten Augenblick den Mund zu einem flüchtigen, aber betörenden Lächeln.

Pasquale hatte sich hinter Piero gehockt. »Es sieht aus wie ein Engel«, flüsterte der Junge.

Piero wollte widersprechen, schwieg dann aber. Nein, kein Engel, dachte er. Engel waren namenlose Wesen, kalt und fern. Dieses Kind hier lag in seinen Armen. Es war warm und lebendig. Und es würde einen Namen tragen. Aber welchen? Er verlagerte sein Gewicht, und bei dieser Bewegung spürte er seine Gürteltasche, in die er das Amulett gesteckt hatte, das ihm die Mutter des Kindes gegeben hatte.

Wie um seine irdische Existenz zu unterstreichen, riss das Neugeborene den Mund zu einem ausgedehnten Gähnen auf. Die drollige Mimik entlockte Piero ein Grinsen. Dann wurde er wieder ernst. Er musste an die Mutter des Neugeborenen denken, die jetzt, selbst fast noch ein Kind, erkaltend und in einer Pfütze ihres eigenen Blutes in einem von Unrat übersäten Hinterhof lag. Wenn er auch sonst nichts von ihr wusste, so doch immerhin ihren Namen.

»Du wirst Sanchia heißen«, teilte er dem kleinen Mädchen mit. »Sanchia Foscari, die Tochter von Piero Foscari, dem Glasbläser.«

Erzähl mir die Geschichte noch einmal«, verlangte Sanchia, während sie auf und ab hüpfte und rätselte, warum der Glücksbringer um ihren Hals sich langsamer bewegte als sie selbst. Der Anhänger folgte ihren Bewegungen und hüpfte ebenfalls, doch er schien dafür immer einen Herzschlag länger zu brauchen.

»Ich habe sie dir oft genug erzählt«, wehrte Vittore ab. »Ich bin sicher, dass wir erst letzte Woche darüber gesprochen haben. Hör auf zu hüpfen, das macht mich nervös. Und wenn ich nervös bin, wird mir diese Glasschmelze verderben.«

»Nur noch einmal«, bettelte Sanchia. Sie hielt den Anhänger mit der Faust umfasst, und siehe da, er machte keine Anstalten, ihrem Griff zu entfliehen, sondern hüpfte nun, von ihrer Hand festgehalten, genauso schnell wie ihr ganzer Körper. Dennoch war sie sicher, dass nicht die Kraft ihrer Hand das Auf- und Abschwingen des Anhängers kontrollierte, sondern dass es eine Macht gab, die stärker war als der Griff ihrer Finger. Etwas Übergeordnetes, das sowohl die Höhe ihrer Sprünge als auch die Schnelligkeit und Abfolge der Landungen bestimmte. Vage überlegte sie, ob diese Macht wohl Gott wäre, doch Gott hatte sicher Wichtigeres zu tun, als ihren Glücksbringer zu beobachten und ihn bei ihren Sprüngen langsamer niederfallen zu lassen als ihren Körper.

»Also gut. Wir – das heißt, dein Vater, Pasquale und ich – waren am Giovedì grasso im Jahre des Herrn 1475 in Venedig. Pasquale schaute den herabfallenden Schweinen zu, während dein Vater und ich zu einem Händler gingen und Quecksilber kauften.«

»Weil das Quecksilber an diesem Tag in der Werkstatt ausgegangen war?«

Vittore stöhnte. »Aber ja doch. Sagte ich das nicht schon?«

»Heute nicht.«

»Aber letzte Woche! Warum also muss ich es dir immer wieder sagen?«

Sie wusste selbst nicht, warum sie es stets aufs Neue hören wollte. Vielleicht, weil sie hoffte, er möge sich eines Tages an mehr erinnern, als er bisher erzählt hatte. Sie hörte zu und stellte Fragen, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, mit dem es, wie sie wusste, leider nicht immer zum Besten stand.

Ihr Vater sprach nicht gern über diesen Giovedì grasso, und Pasquale noch weniger. Nur Vittore ließ sich hin und wieder dazu herab. Er war auch derjenige gewesen, der ihr kürzlich die Geschichte zum ersten Mal erzählt hatte. Er war so betrunken gewesen, dass er kaum ein verständliches Wort herausgebracht hatte, doch sie hatte ihm begierig zugehört.

»Wie ging es weiter?«

Vittore verdrehte die Augen zum Himmel und rieb sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Es ist heiß. Du könntest die Paneele öffnen, damit wir Luft bekommen.«

»Erzähl erst zu Ende.«

»Wir fanden die Frau«, leierte Vittore herunter. »Sie lag im Sterben und gab dir den Anhänger. Jetzt öffne die Paneele, Kind!«

»Das hast du noch nie erzählt! Sie gab ihn mir? Heißt das, ich war auch dabei?« Sanchia hielt grübelnd inne. »Ich erinnere mich nicht.«

»Du warst noch zu klein.«

»Aber ich war dabei?«

»Nein«, brüllte Vittore.

Sanchia zuckte erschreckt zusammen, blieb dann jedoch mit kühn gerecktem Kinn stehen. Vittore brüllte häufig, aber er hatte noch nie die Hand gegen sie erhoben. Schläge waren in der Werkstatt und auch sonst überall im Haus gänzlich verboten.

»Trotzdem gab sie mir den Glücksbringer?«

»Nein, sie gab ihn deinem Vater.«

»Sagte sie, er wäre für mich?«

»Sie konnte nicht mehr sprechen, sie lag ja im Sterben.«

»Warum? Was hat ihr gefehlt?«

»Sie ist eben einfach so gestorben.«

»Aber woran?«

Es war das erste Mal, dass sie das wissen wollte, und sie fand sofort, dass es eine sehr gute Frage war. Meist gab es einen triftigen Grund, warum Leute starben, wenngleich sie erst vor ein paar Tagen dahintergekommen war, dass die Ursachen vielfältiger sein konnten, als sie bis dahin angenommen hatte. Normalerweise starben Leute, wenn sie zu alt oder zu krank zum Weiterleben waren. Und natürlich Frauen mitsamt ihren Säuglingen im Kindbett, das kam jeden Tag vor. Oder Menschen kamen ums Leben, weil sie von anderen getötet wurden. Aber vorgestern war Benedetta gestorben, die Tochter des Schusters. Sie war nur ein Jahr älter gewesen als Pasquale, und es hieß, sie sei an Schwermut zu Grunde gegangen.

»Woran ist die Frau gestorben? An Schwermut? Warum wollte sie ausgerechnet mir den Anhänger geben?«

Vittore ruckte an der Stange, mit der er den tönernen Tiegel in die Schmelzkammer des Ofens geschoben hatte, und etwas von der flüssigen Glasschmelze schwappte über. Er stieß einen Fluch aus, der Sanchia zum Erröten brachte.

»Dafür können sie dir die Zunge herausschneiden«, gab sie zu bedenken.

»Für andere, noch schlimmere Worte könnte ihm das Herz herausgeschnitten werden«, warf ihr Vater ein. Er stand hinter ihr und lächelte, während er ihr die Hand auf den Scheitel legte.

Sie hatte ihn nicht kommen hören. Das Bullern der Öfen und die lärmende Geschäftigkeit, mit der die beiden Lehrjungen das überall herumliegende Bruchglas aufsammelten und Holzscheite für das Feuer herbeischleppten, ließen ohnehin nur eine schreiende Verständigung zu.

»Für welche Worte?«, wollte sie wissen.

»Sie sind so schlimm, dass man sie nicht aussprechen darf«, gab ihr Vater bedächtig zurück.

Sanchia nickte, doch dann dachte sie kurz nach. »Aber was außer Flüchen und Ketzerei kann so schlimm sein, dass einem dafür die Zunge abgeschnitten wird?«

»Verrat.«

Vittore bekam einen Hustenanfall, und Piero befahl Sanchia, ihrer Mutter und der Hausmagd bei der Zubereitung des Essens zu helfen.

Damit war die Unterhaltung abgeschlossen. Sanchia erkannte es an der unnachgiebigen Kerbe über seinem rechten Auge. Immer, wenn sich die Narbe dort zu einer Falte vertiefte, war er schlecht aufgelegt. In solchen Fällen war es besser, seinen Anordnungen sofort Folge zu leisten. Wie alle anderen Mitglieder des Haushalts fügte sie sich seiner Autorität ohne Widerspruch. Sie strahlte ihn an, um ihn versöhnlich zu stimmen. Immer noch auf und ab hüpfend, verließ sie die Werkstatt und ging zur Stiege, die ins Obergeschoss zu den Wohnräumen führte.

»Ich mache keine leeren Versprechungen«, sagte Piero, als sie außer Sicht war.

Der Grimm in seiner Stimme war nicht zu überhören, und Vittore zuckte zusammen. »Es tut mir leid! Das habe ich dir schon mehrmals gesagt. Doch ich kann nicht ungeschehen machen, dass ich es ihr erzählt habe. Der Branntwein muss schlecht gewesen sein!« Aufbegehrend fügte er hinzu: »Du selbst trägst auch Schuld daran. Du hättest ihr den Anhänger nicht geben sollen! Ohne das vermaledeite Ding wäre ich nie auf die Idee gekommen, die Sache anzusprechen.« Er dachte nach. »Wenn ich es überhaupt war, der als Erster davon anfing. Vermutlich war sie es, die davon anfing. Nein, ganz sicher sogar. Wieso hast du ihn ihr gegeben?«

»Sie hat ihn in einer Schatulle gefunden.«

»Auch das ist dein Fehler«, beharrte Vittore. »Ich finde nicht, dass meine Schuld so groß ist. Du und deine Frau – ihr seid zu nachsichtig. Es steht einem siebenjährigen Mädchen nicht an, Schatullen ihrer Eltern zu öffnen. Oder ständig um die Gesellen ihres Vaters herumzustreichen und vorwitzige Fragen zu stellen. Gottesfürchtige Frauenzimmer in ihrem Alter sollten beten oder Gewänder besticken oder in der Küche Gemüse putzen.« Ein wenig kleinlauter setzte er hinzu: »Die ganze Wahrheit kennt sie ja nicht.«

»Und du wirst sie auch weiterhin für dich behalten, sonst …« Piero ließ das Ende des Satzes drohend in der Luft hängen und schlug dabei mit der flachen Hand auf die Messerscheide an seinem Gürtel.

»Ja, ja, ich weiß, du wirst mir die Zunge herausschneiden. Oder das Herz.«

In heller Wut zog Piero seinen Dolch. »Stell mich auf die Probe, du stinkender Zwiebelfresser, und ich stoße dir mein Messer gleich an Ort und Stelle in deine aufgeblähten Gedärme!«

In Vittores Blick offenbarten sich gewisse Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Drohung, doch er schien es vorzuziehen, den Zorn seines Meisters nicht weiter herauszufordern. Seine einzige Reaktion war ein gemurmeltes Selbstgespräch, demzufolge es nichts Besseres gegen vorzeitige Impotenz gebe als täglich genossene Zwiebeln, und dass ein gewisser Jemand durchaus mehr Rücksicht auf das Alter nehmen könne.

Schweigsam folgte er anschließend Pieros Anweisungen, während dieser die Lehrjungen herbeizitierte, um sie bei der Verarbeitung von Kronglas zur Herstellung von Fensterscheiben zu unterweisen. Vor dem ersten Arbeitsgang ließ Piero sie sämtliche Lüftungspaneele an Wänden und Decken öffnen, doch die Hitze war mittlerweile so stark geworden, dass er vorsorglich sein Wams auszog. Er rollte es zusammen und warf es auf das Wandbrett, das neben dem zum Kanal hinausführenden Tor angebracht war. Anschließend nahm er eine Glaspfeife und ging zum Ofen. Er hieß die Lehrlinge, gut aufzupassen, während er mit dem Blasrohr eine ausreichende Menge Schmelzmasse aus dem Tiegel aufnahm und zum Werktisch trug. Die beiden Jungen – sie waren Brüder von dreizehn und zwölf Jahren und hießen Marino und Nicolò – waren seit fast vier Wochen bei ihm in der Lehre. Sie hatten den Vorgang folglich schon häufig beobachtet, aber bekanntlich machte nur Übung den Meister. Sie würden sich das Verfahren noch unzählige Male anschauen müssen, bevor sie selbst eine Glaspfeife in die Hand bekamen.

»Ich habe morgen eine geschäftliche Besprechung in der Stadt«, ließ Piero seinen Ofenmeister wissen, während er die gelblich glühende Schmelzmasse in einer nassen Holzform über einem Eisenblech zu der angestrebten Form ausrollte. »Es geht um einen größeren Auftrag. Ich nehme Pasquale mit.«

»Warum erzählst du mir das?«

Piero warf einen vielsagenden Blick auf die Branntweinflasche, die oben auf dem Wandbrett stand.

Vittore ergriff eine Glaspfeife. »Ich bin kein Säufer! Ich benutze den Schnaps als Medizin für mein schlimmes Bein. Der Barbier hat gesagt, wenn ich reichlich davon benutze, könnten die Schwären weggehen.«

Marino kicherte, was Vittore dazu verleitete, aufgebracht gegen ein Wasserfass zu treten. Seiner umwölkten Miene war anzusehen, dass der Tritt eigentlich für Marino gedacht war.

»Pasquale und ich sind sonst immer hier, da kann nicht viel passieren«, erklärte Piero. »Aber wenn wir einmal für einen Tag weg sind, möchte ich sicher sein können, dass mein Haus nicht abbrennt.«

»Ich werde schon aufpassen.«

»Du wirst morgen keinen Branntwein trinken«, bestimmte Piero. »Und wenn ich keinen sage, meine ich: keinen einzigen Schluck. Du wirst die Öfen beaufsichtigen und dafür sorgen, dass sie nicht ausgehen. Falls du das nicht schaffst, kannst du dir einen anderen Meister suchen.«

Es war ihm ernst damit. Vittore schien es begriffen zu haben, denn er sagte nichts, sondern beeilte sich, durch das lange Rohr der Pfeife zu blasen, damit Piero das glühende Werkstück bearbeiten konnte. Piero schob die Masse mit einem Metallstab auseinander und bewegte dabei das Blasrohr hin und her. Während Vittore gleichmäßig blies, schien das geschmolzene Glas sein Volumen zu ändern und blähte sich auf, und das Gelb wurde allmählich zu Orange und wechselte dann zu Rot. Eilig brachte Vittore die Masse zurück in den Schmelzofen, um sie für den nächsten Arbeitsgang erneut zu erhitzen. Sie wiederholten den Prozess, bis Piero mit der Größe der Kugel zufrieden war.

Sanchia betrat die Werkstatt. »Mutter sagt, du mögest zum Essen kommen.«

»Gleich«, sagte Piero, ohne sich zu ihr umzuwenden. Er setzte den Metallstab an und wartete, bis Nicolò kaltes Wasser auf die Nahtstelle goss, wo die Glaspfeife an der Kugel haftete. Sanchia hörte das knackende Geräusch, mit dem das Endstück des Rohrs sich von der Kugel löste.

Da sie wusste, dass gleich bei ihrem Vater alles bedeuten konnte, was zwischen der Dauer eines Atemzuges und einem halben Tag lag, machte sie keine Anstalten, die Werkstatt zu verlassen. Dafür war das, was gleich hier geschehen würde, viel zu faszinierend.

»Nicht so dicht!«, befahl Piero, der sie aus den Augenwinkeln näherkommen sah. Gehorsam blieb sie stehen und reckte sich auf die Zehenspitzen, um nichts zu verpassen.

Die Kugel wurde jetzt von dem Metallstab gehalten, und Vittore schickte sich an, die nach dem Lösen der Glaspfeife entstandene Öffnung mit seinen Werkzeugen zu erweitern, und gleich darauf drehte ihr Vater den Stab immer schneller, bis die Kugel zu wirbeln begann und dann allmählich heller und flacher wurde. Wie immer schrak Sanchia zusammen, als die Kugel sich mit einem plötzlichen Knall vollends zu einer großen Scheibe auftat. Natürlich hatte sie vorher gewusst, dass es passieren würde, dennoch war der Zauber dieses einen Augenblicks jedes Mal eine besondere Überraschung. Piero drehte das Glas weiter, um es abzukühlen und die Form noch mehr zu verflachen, bis Vittore schließlich mithilfe von Marino und Nicolò die Scheibe auf einer Lage Holzasche ablegte, wo sie als Fensterglas zurechtgeschnitten werden konnte.

Piero verließ die von Hitzeschwaden erfüllte Werkstatt und ging hinaus in den Hof. Er wusch sich dort am Wassertrog, bevor er Sanchia die Stiege hinauf in die Wohnräume folgte, um mit seiner Tochter und seiner Frau das Mittagsmahl einzunehmen.

Die Arbeiter und das Gesinde aßen in einem eigenen Raum, der sich im Erdgeschoss neben der Werkstatt befand. Bianca hatte schon vor Jahren darauf bestanden, dass die Familie zu den Mahlzeiten unter sich blieb, nicht aus Dünkel, sondern weil sie fürchtete, ihren Mann sonst nie mehr allein zu Gesicht zu bekommen. Die Leute nannten Piero nicht von ungefähr den verrückten Glasbläser. Er verbrachte beinahe jede Minute, die er nicht auf die Produktion von Fensterscheiben, Glaspokalen, Schalen und gläsernen Zierrat verwendete, in einem hinter der Werkstatt eingerichteten zusätzlichen Arbeitsraum, den Bianca sein geheimes Alchimistenlaboratorium nannte. Hier gab es einen weiteren Ofen, den nur er benutzte. An den Wänden standen hohe Regale mit Gefäßen, in denen er alle möglichen Ingredienzien aufbewahrte, pulverisierte oder feste Metalle, exotische Farben, Mineralien und andere Substanzen, mit deren Hilfe er je nach Bedarf das Glas färben, klären oder härten konnte.

Zu Biancas Leidwesen experimentierte er bereits seit Jahren mit Quecksilber, von dem allgemein bekannt war, dass es die Leute nicht nur krank, sondern noch verrückter machte. Piero hatte es sich in den Kopf gesetzt, eines Tages den perfekten Spiegel herzustellen, und als wäre das noch nicht genug, hatte er vor einiger Zeit begonnen, den armen Pasquale – zugegebenermaßen auf dessen Drängen hin – in die Geheimnisse der Spiegelherstellung einzuweihen. Immerhin war es ihr die meiste Zeit gelungen, ihre Tochter aus der Werkstatt fernzuhalten.

»Rutsch nicht auf dem Stuhl herum«, tadelte Bianca die Kleine. »Willst du noch ein Stück Fisch?«

Sanchia schüttelte den Kopf und blieb gehorsam sitzen – ungefähr für die Dauer eines Wimpernschlags, dann bewegte sie sich erneut auf merkwürdige Weise hin und her.

»Was machst du da?«, wollte Piero wissen. »Warum zappelst du so?«

Seine Stimme klang nicht halb so streng wie die seiner Frau. Ihm war längst klar, dass Sanchia ihre eigene Art zu denken hatte, genau wie er. Nichts und niemand würde ihr das austreiben können. Sie hätte ebenso gut sein leibliches Kind sein können. Nicht nur, weil er sie über alle Maßen liebte, sondern weil ihre Seele der seinen auf eine Art ähnelte, die ihm manchmal fast unheimlich erschien.

»Ich zapple nicht, ich probiere etwas aus«, informierte Sanchia ihn. Anschließend teilte sie Piero mit, dass sie eine Glasperlenkette ihrer Mutter angelegt habe, um zu untersuchen, ob diese anders schwingen könne.

»Anders als was?«, fragte Piero verblüfft.

»Als mein Glücksbringer. Er bewegt sich in entgegengesetzter Richtung, wenn ich auf und ab springe oder hin und her schaukle. Zuerst dachte ich, er wäre nur langsamer. Aber jetzt weiß ich, dass er genauso schnell ist wie ich. Nur in der anderen Richtung. Seht!« Sie hielt die Kette fest und versetzte sie dann in Bewegung, um es ihren Eltern zu demonstrieren. »Ich dachte, es hätte vielleicht mit Magie zu tun. Aber Mutters Kette ist genauso. Es muss eine bestimmte Kraft geben, die das bewirkt. Ich würde gern herausfinden, welche das ist.«

»Das sind unnütze Gedanken«, schalt Bianca.

»Nein«, widersprach Piero. Das Wort war ihm herausgerutscht, bevor er richtig nachdenken konnte. Es war nicht seine Art, die Erziehungsmaßnahmen seiner Frau infrage zu stellen. Er legte zerknirscht seine Hand auf Biancas und drückte sie zärtlich. Sie ließ es geschehen, aber an der Art, wie sie das Kinn vorschob, erkannte er, dass er sie verärgert hatte.

»Iss dein Gemüse auf«, befahl Bianca der Kleinen.

»Ich bin satt. Darf ich aufstehen?«

Piero erlaubte es, bevor Bianca eine andere Entscheidung treffen konnte. Sie furchte die Stirn, als Sanchia aufsprang, für das Essen dankte und anschließend förmlich zur Tür hinausflog.

»Sie ist manchmal so merkwürdig«, sagte sie.

»Sie ist wunderbar«, meinte Piero einfach.

Bianca lächelte leicht. »Ja, das ist sie. Es gibt auf der ganzen Welt kein Kind, das so wunderbar ist wie unsere Tochter! Ich danke dem Herrn jeden Tag dafür, dass er sie uns gegeben hat.« Sie schaute ihn an. »Kein Geschenk hätte je kostbarer sein können. Du bist ein guter Mann und Vater.« Es lag ihr nicht, große Worte zu machen, aber in ihren Augen stand ihre bedingungslose Liebe.

Spontan legte er die Hand an ihre Wange und liebkoste sie. Ihre Haut war weich, und ihr Haar glänzte mehr als sonst. Auch war ihr Gesicht etwas voller, wie jedes Mal, wenn sie ein Kind trug. Angst kroch in ihm hoch, wenn er daran dachte, dass sie bald wieder gebären würde. Bevor sie Sanchia zu sich genommen hatten, war Bianca zweimal mit toten Kindern niedergekommen. Danach hatte sie noch zwei weitere Male ein Kind empfangen, aber in beiden Fällen war es schon nach wenigen Wochen zu einer Fehlgeburt gekommen. Dies war das erste Mal seit sieben Jahren, dass sie wieder ein Kind austrug, und Piero fragte sich bange, was bei dieser Niederkunft geschehen würde. Die Hebamme hatte auch keinen anderen Rat gewusst als die lapidare Begründung, dass es Gott eben gefiele, manchen Frauen keine Kinder zu gewähren, egal wie sehr es sie danach gelüstete, Mutter zu sein.

An diesem Abend machte er früher mit der Arbeit Schluss als üblich. Normalerweise schlief Bianca schon lange, wenn er es – meist erst weit nach Mitternacht – endlich schaffte, seine Werkzeuge beiseitezulegen. Heute zwang er sich, schon beim Vesperläuten aufzuhören, denn er sagte sich, dass er seiner Frau mehr schuldete als die regelmäßige Anwesenheit zu den Mahlzeiten. Sogar zu diesen kam er oft zu spät oder gar nicht, und wenn der Priester, der jeden Sonntag die Messe las, sein Amt ernster genommen hätte, wäre Piero schon längst der Exkommunikation anheimgefallen. Nicht nur, weil er so oft den Kirchgang verpasste, sondern weil er an den Sonntagen womöglich noch mehr arbeitete als die Woche über.

Doch natürlich wagte der Priester nicht, ihn zu maßregeln. Die Scuola hielt ihre schützende Hand über einen ihrer besten Meister, dessen Fenster sogar im Dogenpalast zu finden waren. Unter all den Fioleri der Insel fand sich kaum einer, der mehr Ansehen genoss. Er hätte hundert Leben gebraucht, um alle Aufträge zu bewältigen, die ihm angetragen wurden, und so sah man es ihm nach, dass er den Tag des Herrn missachtete. Dafür musste er sich allerdings hin und wieder mit einem Entsandten des Rates der Zehn herumärgern, der ihn mit neugierigen Fragen von der Arbeit abhielt. Piero hatte sich in all den Jahren immer noch nicht mit der beinahe krankhaften Kontrollsucht der Stadtoberen abgefunden. Die Serenissima hatte ihre eigenen Gesetze, und eines davon lautete, dass die Glaskunst ihr Eigentum sei und nur auf Murano ausgeübt werden dürfe. Es war den Glasmachern unter Androhung der Todesstrafe verboten, die Lagune zu verlassen oder Fremden die Geheimnisse ihrer Kunst zu offenbaren.

Allerdings nützten alle Verbote nichts, wenn der Rat nicht über ihre Einhaltung wachte, doch das tat er geflissentlich, sehr zu Pieros Ärger – obwohl er selbst weder auf Reisen ging noch je mit Fremden zu tun gehabt hatte. Immerhin war der amtliche Wachposten, der noch zu Zeiten seines Vorgängers die Werkstatt beaufsichtigt hatte, schon vor Jahren abgezogen worden.

Piero wusch sich und ging nach oben. Er wich der Hausmagd aus, die auf den Knien die Stiege wischte und ein ärgerliches Gemurmel von sich gab, als er Aschespuren auf den Stufen hinterließ.

Bianca saß in der zum Kanal weisenden Kammer in einem Lehnstuhl, eine Flickarbeit auf den Knien.

Sie schaute auf, als er den Raum betrat. »Was ist los mit dir, bist du krank?«

Piero verzog reumütig das Gesicht. »Das habe ich wohl verdient. Ich habe in der letzten Zeit zu viel gearbeitet, oder?« Er trat zu seiner Frau und küsste sie auf die Stirn. »Wo ist Sanchia? Sollte sie nicht zur Vesper zu Hause sein?« Unbeholfen hielt er eine kleine gläserne Figur hoch. »Sieh mal, das habe ich für sie gemacht. Meinst du, dass es ihr gefällt?«

Bianca musterte das Kunstwerk, das sich ein wenig seltsam in seiner großen, schwieligen Hand ausnahm. Es war eine etwa daumengroße, kristallene Taube, beinahe beängstigend schön in ihrer filigranen Vollkommenheit.

»Sie wird glücklich sein über dieses Geschenk.« Bianca lächelte. »Hättest du mir nicht schon so viele herrliche Figuren gemacht, würde ich neidisch werden.«

»Wo ist sie eigentlich?«

»Die Katze der Sanudos hat Junge geworfen. Ständig läuft sie hinüber, um sie sich anzusehen.« Bianca streckte sich und legte seufzend eine Hand ins Kreuz. Sie bemerkte sein Erschrecken und lachte. »Keine Angst, es ist noch nicht so weit. Vor November wird nichts geschehen.«

»Ich habe dennoch Angst.« Er zog sie aus dem Stuhl hoch und in seine Arme, bis ihr schwerer Leib gegen ihn drängte. »Willst du es mir verdenken?«

»Diesmal wird alles gut«, sagte sie zuversichtlich. »Die Hebamme hat gesagt, das Kind liegt richtig. Ich blute nicht, und meine Beine sind auch nicht geschwollen. Das Kind ist lebhaft und strampelt viel.« Sie lächelte, während sie seine Hand nahm und sie auf die Wölbung ihres Bauchs legte.

Piero atmete tief ein, als er die Bewegung unter seinen Fingern spürte. Er konnte nichts sagen.

Bianca berührte mit den Lippen seinen Hals. »Sanchia wird sich über einen kleinen Bruder freuen. Sie ist ja jetzt schon ganz närrisch wegen des Kindes.«

Piero hielt sie weiter umfangen. Ihm war lieber, dass sie die Sorge in seinem Gesicht nicht sah. »Ich verdiene dich nicht«, meinte er leise.

»Du verdienst viel mehr als mich.«

»Nein, ich arbeite zu viel. Ich sollte mehr bei dir sein als in der Werkstatt, gerade jetzt.«

»Du wärst unglücklich, wenn du weniger arbeitest.« Nach kurzem Überlegen meinte sie: »Aber du könntest dich ein wenig mehr um Sanchia kümmern. Sie ist manchmal so … wild und ungezähmt.«

»Das ist ihre Art. Sie ist nicht wie andere Kinder.«

»Ja, da hast du wohl Recht«, sagte Bianca mit schwacher Beklommenheit in der Stimme.

Piero holte Luft. »Ich denke, ich werde sie morgen mitnehmen.«

Bianca löste sich aus seinen Armen. »Hältst du das für richtig?«

Er nickte entschieden und zog sie wieder an sich. »Es wird höchste Zeit. Ich kann sie nicht auf ewig von der Stadt fernhalten. Sie fragt andauernd danach. Sogar die anderen Kinder schwärmen ihr schon davon vor. Wenn ich es ihr weiter verweigere, wird sie bald misstrauisch werden. Morgen ist eine gute Gelegenheit.« Belustigt fügte er hinzu: »Pasquale ist auch dabei. Er wird ihr all ihre vielen Fragen bestens beantworten.«

Außer der einen, fügte er in Gedanken hinzu.

Sein Blick fiel über Biancas Schulter durch das offene Fenster hinaus auf den Kanal, der unweit des Hauses eine Biegung machte und in die offene Lagune mündete. Plötzlich stürmten die Erinnerungen aus jener Nacht vor mehr als sieben Jahren auf ihn ein, Bilder, die er lange verdrängt hatte. Er fragte sich, ob es wirklich eine so gute Idee war, Sanchia morgen mitzunehmen.

Sanft teilte er die Haarsträhnen in Biancas Nacken und rieb die verspannte Stelle, von der er wusste, dass sie ihr nach einem langen Tag oft zu schaffen machte.

Sie lehnte die Stirn gegen seine Brust. »Das tut gut.«

»Ich weiß.«

Eine Weile massierte er schweigend ihren Nacken und den Bereich zwischen ihren Schulterblättern. »Ich möchte, dass sie lesen und rechnen lernt«, sagte er schließlich.

Bianca hob verwundert den Kopf. »Warum? Sie ist ein Mädchen! Sie lernt Stricken und Nähen und Kochen, so wie alle anderen Mädchen.« Sie hielt inne, dann fügte sie hinzu: »So wie ich auch.«

Er hörte den leisen Vorwurf in ihrer Stimme, ging aber nicht darauf ein. »Es gibt viele Mädchen, die heutzutage Unterricht haben. Nimm beispielsweise die Töchter von Soderini.«

»Soderini ist Lehrer.«

Damit hatte sie ihm unbeabsichtigt ein Argument an die Hand gegeben. »Wenn die Töchter eines Lehrers lesen lernen können, so kann es die Tochter eines Glasbläsers erst recht.«

Er rieb an den Seiten ihrer Arme auf und ab, was sie vor Behagen aufseufzen ließ. »Ich weiß nicht«, meinte Bianca. »Sie wird auf noch mehr dumme Gedanken kommen.«

»Was ist dumm daran, die Welt verstehen zu wollen?«

»Es tut weh, begreifen zu müssen, wie schlecht sie sein kann.«

»Warum glitzert die Sonne auf dem Wasser? Ich habe mich das schon oft gefragt, und ich bin dabei auf den Gedanken gekommen, dass das Wasser die Sonne spiegelt. Es spiegelt aber auch die Wolken, wenn es hell ist. Denkst du, dass das stimmt, Pasquale?«

»Eh … nun ja, gewiss, es spiegelt.«

»Du bist ein großer Spiegelkenner«, stellte Sanchia lobend fest, was Pasquale prompt zum Erröten brachte.

»Es fragt sich allerdings, warum sich bei Dunkelheit nichts im Wasser spiegelt«, führte Sanchia ihren Exkurs fort. »Was meinst du, warum das so ist, Pasquale?«

»Tja. Weil es dunkel ist.«

»Das sagte ich doch. Also braucht es Licht, damit eine Sache sich in einer Fläche spiegeln kann, oder?«

»Ja doch. Licht.«

»Also Licht und Spiegel oder Spiegel und Licht – das gehört zusammen.«

»So kann man sagen. Licht und Spiegel.«

Piero stellte amüsiert fest, dass Pasquale seine Sache nicht allzu gut machte. Tatsächlich stellte Sanchia dutzende von Fragen, und sein Geselle gab sich alle Mühe, wenigstens einen Teil davon zu beantworten. Dabei stieß er jedoch immer wieder an seine Grenzen. Wie Vittore hatte er kaum Unterricht erhalten. Die paar Worte, die er lesen und schreiben konnte, hatte ihm sein Meister beigebracht, hauptsächlich Formeln und Mengenangaben für die Glasherstellung. Seine Welt war Murano. Dort war er aufgewachsen, und alles, was es über das Glas- und Spiegelmachen zu wissen gab, hatte er aufgesaugt wie ein Schwamm. Andere Dinge interessierten ihn kaum. Er war ein gesunder junger Mann von zweiundzwanzig Jahren und hatte hin und wieder ein Techtelmechtel mit einem Straßenmädchen, aber ansonsten beschränkte sich sein Kontakt mit der Weiblichkeit auf die Inanspruchnahme häuslicher Dienste, die sich überwiegend um saubere Wäsche und nahrhaftes Essen drehten.

Der Umgang mit wissbegierigen kleinen Mädchen war ihm offenbar nicht ganz geheuer. Er wand sich und strengte sich an, aber ihm war deutlich anzumerken, dass er es vorgezogen hätte, ihr nicht Rede und Antwort stehen zu müssen. Hin und wieder warf er seinem Meister einen Hilfe suchenden Blick zu, doch Piero hatte gleich zu Beginn der Überfahrt verkündet, dass er sich aufs Segeln konzentrieren und über wichtige geschäftliche Dinge nachdenken müsse.

Viele von Sanchias Fragen waren allerdings von der Art, die auch einen gebildeteren Mann zur Verzweiflung getrieben hätten.

»Warum fallen in der Serenissima die Schweine vom Turm?«

»Uh … ja, also … Sie fallen immer am Giovedì grasso.«

Sanchia schaute nachdenklich drein. »Jemand muss sie auf den Turm bringen, damit sie fallen können. Sie steigen gewiss nicht aus eigenem Willen hinauf. Und hinunterspringen tun sie sicherlich auch nicht von allein, oder?«

»Woher willst du das wissen?«

Sie wurde rot. »Ich habe versucht, Esmeralda unsere Stiege hinaufzuführen. Sie hat furchtbar gequiekt und wollte nicht.«

Piero verkniff sich nur mühsam das Lachen. Er erinnerte sich, es war noch gar nicht lange her. Die Hausmagd hatte den ganzen Tag gegrollt.

Nun mischte er sich doch ein. »Wolltest du Esmeralda aus dem Fenster werfen?«

Sie war entrüstet über diese Unterstellung. »Aber nein! Ich wollte …« Sie brach ab und überlegte.

»Du wolltest es einfach nur wissen«, führte Piero den Satz für sie zu Ende.

Sie nickte lebhaft und griff zu Pasquales Unbehagen die Frage von vorhin wieder auf. »Jemand muss sie hinauftreiben und vom Turm stoßen. Warum?«

Pasquale wusste es ganz offensichtlich nicht, und damit er sich nicht vor Sanchia blamieren musste, sprang Piero in die Bresche.

»Es ist eine Verhöhnungszeremonie. Venedig feiert damit immer zu Karneval einen zweihundert Jahre zurückliegenden Sieg über Aquileia. Sie haben damals den dortigen Patriarchen ergriffen und zwölf seiner Kanoniker. Für den Gefangenenaustausch wurde seither ein Jahrestribut von zwölf Schweinen und einem Bullen verlangt, die jedes Jahr am letzten Donnerstag der Maskenzeit getötet werden.«

Sanchia starrte ihn fassungslos an. Nach einer Weile meinte sie leise: »Das ist … grausam.«

Piero sah die Betroffenheit in ihren Augen und gewann einen Eindruck dessen, was Bianca ihm hatte sagen wollen.

Doch eine Weile später waren die Schweine vergessen, und Sanchias gewohnter Optimismus brach sich wieder Bahn. Sie ließen San Michele hinter sich, und als sie die Hafeneinfahrt von Cannaregio passierten, holte Piero eilig das Segel ein.

»Zapple nicht herum«, befahl er Sanchia, und zu Pasquale sagte er: »Pass auf sie auf.«

Die Durchfahrt zum Hauptkanal war von Booten verstopft, was beim Rudern seine ganze Aufmerksamkeit erforderte.

Sanchia bemühte sich, still zu sitzen, obwohl sie am liebsten aufgesprungen und umhergelaufen wäre. Während Pasquale sie argwöhnisch im Auge behielt, schilderte sie mit entzückten Ausrufen, was auch immer sie gerade entdeckt hatte. »Seht nur, ein Schiff mit schwarzen Männern! Sind das Mohren? Und da drüben, die Gondel! Wie prächtig sie bemalt ist! Und diese da – sie hat ein Dach aus rotem Samt! Und schaut, da ist eine Barke, auf der werden Orangen verkauft! Ach, kann ich bitte nachher auch eine haben? Oh, wie viele Menschen unterwegs sind! Ist denn heute Markttag? Da, ein Mann mit einem komischen gewickelten Hut, ist das ein Türke oder ein Mongole?«

So ging es in einem fort weiter.

Irgendwann sah Piero seinen Gesellen von einem Ohr bis zum anderen grinsen. Anscheinend hatte er es geschafft, sich zu entspannen und Sanchias Geplapper einfach zu genießen. Auch Piero konnte nicht umhin, sich von ihrer Begeisterung anstecken zu lassen, und nach einer Weile gelang es ihm, die Einzelheiten ihrer Umgebung durch die strahlenden Augen seiner Tochter zu sehen. Indessen stellte Piero auch bald aufs Neue fest, dass hinter all dem Glanz der großen Stadt auch Tücken lauerten. Der Verkehr war hier geradezu mörderisch, und Gebrüll sowie Handgreiflichkeiten unter den Barcaruoli waren keine Seltenheit. Sie wurden Zeuge, wie der aufgebrachte Bootsführer eines Lastkahns einen Gegner ins Wasser stieß und ihm, als der bedauernswerte Mann wieder auftauchte, unter übelsten Verwünschungen das Ruderblatt über den Kopf zog.

Boote in allen Größen und Formen beanspruchten ihren Platz auf dem Kanal, doch vorwiegend waren die typischen Gondeln unterwegs, das Hauptverkehrsmittel von Venedig, ohne das es ein mühseliges und oft vergebliches Unterfangen gewesen wäre, von einem Ort der Stadt zum anderen zu gelangen.

Sanchia umklammerte mit leuchtenden Augen den Bootsrand, und Pasquale hockte auf Tuchfühlung neben ihr, bereit, beim leisesten Anzeichen von Bewegungsdrang zuzugreifen. Wie alle Bewohner im Hause Foscari wusste er genau, dass Sanchia kaum für die Dauer eines einzigen Avemaria still halten konnte.

Piero war gespannt auf den Augenblick, in dem sie in den Hauptkanal einbiegen würden, und tatsächlich reagierte Sanchia genauso, wie er es erwartet hatte. Allein der Ausdruck ihres Gesichts, als sich die beeindruckende Weite des Canal Grande vor ihnen auftat, entschädigte ihn für alle Zweifel und Ängste. Einen Moment war sie stumm, überwältigt von dem Anblick, der sich ihr bot. Das Wasser reflektierte Himmel und Sonne zugleich in einem fast unwirklichen Licht, ein flirrendes Zusammenwirken aus Silber, Blau und Gold. Die Palazzi, die das Ufer des Wasserbogens säumten, fügten dem Farbenspiel Nuancen von Weiß, Ocker und Pastell hinzu, und die geschwungenen Bogengänge und Loggien, die ihre Fassaden unterteilten, ähnelten aus der Ferne kostbarer Spitze.

Es war um die Mittagsstunde, und das Licht über dem Wasser war so hell, dass es in den Augen stach und die Umrisse der Gebäude entlang des Canalezzo mit einer blendenden Gloriole überzog.

Die Stäbe, die hier und da wie lange starre Finger aus Fenstern und von den Dächern wuchsen und von denen Wäschestücke flatterten, bildeten in Sanchias Augen offenbar das erste alltägliche Detail, das ihr half, ihren vor Staunen aufgeklappten Mund endlich zu schließen und dann zu einer eher profanen Frage anzusetzen.

»Bitte, kann ich jetzt eine Orange bekommen?«

In unmittelbarer Nähe des Ponte di Rialto gelang es Piero, einen Anlegeplatz zu ergattern. Während Sanchia den Kopf verdrehte, um die hölzerne Konstruktion der steil ansteigenden Brücke zu bewundern, steuerte er den Sàndolo durch das Gewimmel der Gondeln dicht neben die Treppenstufen, die von der Wasserlinie zur Fondamenta hinaufführten.

»Schaut nur, man kann die Brücke in der Mitte öffnen«, rief Sanchia begeistert aus.

»Das nennt man Zugbrücke«, sagte Pasquale, allem Anschein nach stolz auf sein Wissen. »Man kann sie in der Mitte hochziehen, damit auch größere Schiffe durchfahren können.«

Doch Sanchia starrte bereits in eine andere Richtung. »Dort! Das Haus! Wie prächtig es bemalt ist! Sogar die Schornsteine!« Doch schon wanderten ihre Blicke weiter. In der von Säulen gestützten Loggia eines nahen Palazzo hatte sie eine elegant gekleidete Frau erspäht, die soeben mit gerafften Röcken und gestützt von einem livrierten Diener eine Gondel bestieg und dabei Plateauschuhe sehen ließ, deren Sohlen mehrere Handbreit dick waren.

»Pasquale, sieh nur! Hast du je so hohe Schuhe gesehen? Wozu sind die gedacht?«

Pasquale gab es auf. »Keine Ahnung, ehrlich nicht.«

»Aber sie müssen doch einen Sinn haben!«

»Zweifellos sind sie eigens für eitle Frauenzimmer entworfen worden«, sagte ein beleibter Obstverkäufer, der auf der Fondamenta stand und den Wortwechsel mit amüsierter Miene verfolgt hatte. »Aus diesem Grund dienen sie allein dem Zweck, dass die Damen sich schneller den Hals brechen. Man weiß ja, dass der ungehemmte weibliche Trieb, sich fortwährend herauszuputzen, zu nichts Gutem führt.«

Sanchia schaute ihn stirnrunzelnd an, und als sie merkte, dass er scherzte, brach sie in Kichern aus. Er lachte sie an und zwinkerte ihr zu.

In seinem Bauchladen bot er Orangen feil. Piero, der ihn herangewunken hatte, kaufte ihm einige der aromatisch duftenden Früchte ab.

»Wo soll’s denn hingehen?«, wollte der Händler wissen, während er Sanchia eine Orange hinstreckte.

»Zur Piazza San Marco«, sagte Sanchia. »Wir wollen uns da alles ansehen, und dann fahren wir weiter zu Vaters Auftraggeber.«

»Ich verstehe deine Begeisterung!« Augenzwinkernd wandte der Händler sich an Piero. »Ihr wollt Eurer Tochter etwas bieten, stimmt’s? Da habt Ihr Euch den richtigen Tag ausgesucht! Heute ist auf der Piazzetta so viel los wie seit langem nicht.«

Piero gab eine der Orangen an Pasquale weiter, der sie geschickt zu schälen begann.

»Ich will ebenfalls zum Markusplatz«, sagte der Händler. »Aber schaut Euch dieses Gewühl an!« Er wies auf das dichte Gedränge zu Füßen der Rialtobrücke. »Und es gibt so gut wie keine freie Gondel! Würdet Ihr wohl einen erschöpften alten Obsthändler den Rest des Weges auf Eurem Kahn mitnehmen? Ich zahle auch dafür.«

Pasquale warf Piero einen zweifelnden Blick zu, den dieser achselzuckend erwiderte.

Der Obsthändler zählte bestenfalls vierzig Jahre. Er war kräftig gebaut und machte auch sonst einen durchaus agilen Eindruck, doch bevor jemand Einwände gegen sein Ansinnen erheben konnte, hatte er bereits mit einem behänden Schritt das Boot bestiegen und sich mit einem geräuschvollen Plumpsen auf die Mittelbank fallen lassen. Mit einem Zipfel seines Leinenhemdes wischte er sich den Schweiß von der Stirn, während er den Gurt löste, der den Obstkorb vor seinem Bauch festhielt.

»Der Himmel weiß, wann es das letzte Mal in einem Oktober so heiß war«, meinte er stöhnend. »Die Sonne brennt heute herab, dass es einem förmlich das Hirn ausdörrt!« Er streckte einen Fuß aus dem Boot und stieß mit seinem Zòccolo gegen die nächste erreichbare Treppenstufe, sodass der Sàndolo Fahrt aufnahm, bevor jemand auf die Idee kommen könnte, ihn wieder an Land zu befördern.

»Es ist nicht heißer als in anderen Jahren«, meinte Piero, halb irritiert, halb verärgert.

»Mag sein, dass meine Leibesfülle mich die Hitze stärker wahrnehmen lässt«, räumte der Mann vergnügt ein. »Übrigens, mein Name ist Jacopo. Jacopo, der Orangenhändler. Und Ihr seid wohl ein Glasmacher, nicht wahr?« Er deutete auf die flache Kiste im hinteren Teil des Bootes, in der Piero bunte Musterstücke verstaut hatte. »Wollt Ihr das verkaufen?«

»Das geht Euch nichts an«, sagte Pasquale.

Der Obsthändler warf ihm unter hochgezogenen Brauen einen Blick zu. »Für wen haltet Ihr mich? Für einen Spion der Signoria? Ich wollte nur höflich sein.«

Unbehagliches Schweigen setzte ein, das eine Weile anhielt.

So gut es ging, bewegte Piero den Sàndolo durch den dichten Verkehr auf dem Wasser. Abwechselnd stakend und rudernd, steuerte er das im Vergleich zu den schmalen Gondeln eher schwerfällige Gefährt durch das Gedränge. Ursprünglich hatte er Sanchia zuliebe vorgehabt, um San Marco herumzurudern und dem Verlauf des Canal Grande bis zum äußeren Zipfel von Dorsoduro zu folgen, um dann auf dem Canale di San Marco das letzte Stück bis zum Markusplatz zurückzulegen. Doch jetzt bog er am Ende der Riva del Carbon in den nächsten Kanal ein, der San Marco nach Süden hin durchschnitt und der sie auf der gegenüberliegenden Seite des Sestiere an der Einfahrt zum Canalezzo herausbringen würde.

Sanchia hatte ihre Orange geschält und bis auf das letzte Stück verzehrt. Sie betrachtete immer noch die reich verzierten Häuserfassaden und das vielfältige Treiben am Ufer, doch die begeisterte Stimmung von vorhin war merklich abgekühlt. Der Osthändler machte seine Späßchen und gab sich alle Mühe, seine unfreiwilligen Weggenossen mit seiner guten Laune anzustecken, doch niemand ging darauf ein, außer Sanchia, die hin und wieder kichern musste, wenn er eine komische Grimasse schnitt.

»Du bist ein aufgewecktes Kind.« Er nahm ein paar Orangen und Zitronen und fing an, damit zu jonglieren. »Wie heißt du?«

»Sanchia«, antwortete sie, während sie ihm gebannt zuschaute. Er warf die Früchte gekonnt hoch und fing sie wieder, ohne dass eine zu Boden fiel. Zwischendurch verschwand immer eine von ihnen und kam dann auf magische Weise wieder dazu, ohne dass man hätte sehen können, wo sie zwischendurch blieb.

»Wie macht Ihr das?«, fragte sie.

»Zauberei«, sagte er gelassen. »Sanchia – ein schöner Name für ein schönes Mädchen. Das ist ein ungewöhnlicher Anhänger, den du da trägst. Er sieht sehr wertvoll aus.«

»Ich habe ihn von …«

»Schau, von hier aus kannst du die Giudecca sehen!« Piero deutete auf die lang gezogene Insel südlich von Dorsoduro. »Dort gibt es herrliche Gärten.«

»So ist es«, stimmte Jacopo zu. Er legte das Obst zur Seite. »Es ist immer noch sehr schön auf der Giudecca, zumindest, wenn man den Gestank aus den Abdeckereien und Gerbereien einmal außer Betracht lässt.« Er tat so, als müsse er sich üble Gerüche vor der Nase wegwedeln, was Sanchia erneut zum Lachen brachte.

»O weh«, sagte Jacopo betrübt, als schließlich linker Hand die Mole vor der Piazetta in Sicht kam. »Ich fürchte, es wird schwierig, hier anzulegen. Mir war klar, dass das Gedränge heute fürchterlich sein würde, aber dass es derartig voll wäre, hätte ich nun auch wieder nicht gedacht.«

Auf der Piazetta schien es einen größeren Volksauflauf zu geben. Der Platz wimmelte nur so von Menschen. Zu Wasser sah das Bild nicht viel anders aus. Unzählige Boote tummelten sich an der Anlegestelle und machten eine Durchfahrt von vornherein zu einem aussichtslosen Unterfangen.

»Schade. Ich dachte, ich hätte noch ein oder zwei Dutzend Orangen losschlagen können. Daraus wird wohl heute nichts mehr werden. Immerhin, die Sicht auf die Säulen ist von hier sicher weit besser als an Land.« Er hob einen feisten Arm und rief aus: »Ah, und seht nur, es ist schon so weit, Messèr Glasmacher! Die Renghiera läutet den Vollzug ein! Ihr habt nicht nur die kräftigen Schultern eines Galeerenruderers, sondern auch ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt!«

Sanchia reckte sich hoch, um einen besseren Ausblick auf das Geschehen auf der Piazzetta zu gewinnen. Pasquale, der mit offenem Mund ebenfalls zu den Säulen hinüberstarrte, vergaß völlig, sich um die Sicherheit seiner Schutzbefohlenen zu kümmern. Jacopo übernahm ungefragt diese Aufgabe, indem er Sanchia einen Arm um die Schultern legte. »Das, was jetzt kommt, ist vielleicht nicht so ganz nach dem Geschmack eines jungen Mädchens«, sagte er.

»Lasst mich!« Sie stieß ihn weg. »Ich will es sehen!«

Piero begriff, was auf der Piazetta vor sich ging und fühlte sich, als hätte ihm jemand die Faust in den Magen gerammt. Ohne zu zögern, ließ er das Ruder los und tat einen Satz, um Sanchia zu erreichen, doch die Kiste stand dazwischen, und Pasquale versperrte ihm ebenfalls den Weg. Durch seine hastigen Bewegungen geriet der Sàndolo bedenklich ins Schwanken.

Drüben zwischen den Säulen drängten Comandatori die Zuschauer, die sich zu weit vorgewagt hatten, gewaltsam hinter die Absperrungen zurück. Mit aufgestellten Lanzen verliehen sie ihren Befehlen Nachdruck, während zwei weitere Bewaffnete in Stiefeln und Lederharnischen einen Mann nach vorn schleppten und dann mit ihm zwischen den Säulen verharrten. Ein Dritter packte den Wehrlosen beim Schopf und zwang ihn in die Knie. Als er nicht sofort niedersank, half einer der Bewaffneten mit einem Tritt in die Kniekehlen nach.

Pieros Blicke flogen zwischen Sanchias Gesicht und dem Geschehen auf der Piazzetta hin und her. Hilflos sah er die Erkenntnis in den Augen seiner Tochter dämmern und war doch außerstande, rechtzeitig zu ihr zu gelangen, um ihr den Anblick zu ersparen.

»Nein!«, schrie sie entsetzt, als der Scharfrichter das Beil hob.

Im selben Augenblick, als es in einem blitzenden Bogen niedersauste, packte der Obsthändler sie und barg ihr Gesicht an seiner Brust.

Piero ruderte eilig weiter, vorbei am Palazzo Ducale und dann die Riva degli Schiavoni entlang. Am nächsten freien Anlegeplatz drehte er das Boot längsseits zum Kai und ließ den Obsthändler aussteigen. Sein Groll auf den Dicken war einem Gefühl vager Dankbarkeit gewichen, das indessen nicht so weit reichte, ihn noch länger um sich haben zu wollen. Piero lehnte die Hand voll Soldi ab, die ihm Jacopo für die Mitnahme anbot, doch das halbe Dutzend Orangen, das der Obsthändler schweigend aus seinem Korb nahm und neben dem Mast ablegte, nahm er dankend an.

Sanchia hockte stumm und bleich neben der Kiste mit den Glasmustern, und Piero warf ihr ein beruhigendes Lächeln zu, obwohl ihm selbst der Schreck noch in den Knochen steckte. Jacopo nahm seinen Bauchladen und kletterte auf die Riva.

»Ich wünsche Euch ein langes Leben. Und der Kleinen noch viel Spaß in der großen Stadt.«

Als niemand auf diese launige Bemerkung reagierte, verzog er das Gesicht zu einem Ausdruck, der zwischen Bedauern und Belustigung schwankte.

»Es tut mir leid. Ich dachte, ihr wüsstet davon. Alle Welt wusste doch, dass ein Sodomit heute seinen Kopf verliert.«

Piero stieß mit einem knappen Abschiedsgruß das Boot von der Kaimauer weg. Er hatte keine Ahnung gehabt. Nicht, dass Murano so abseits allen Geschehens gewesen wäre. Wichtige Nachrichten verbreiteten sich dort fast genauso schnell wie in der übrigen Lagune. Er selbst war schuld, dass er kaum noch erfuhr, was in der Welt draußen vorging. Und Pasquale war im Begriff, zu einem ähnlichen Eigenbrötler zu werden wie sein Meister. Nicht selten verging eine ganze Woche, ohne dass sie beide überhaupt den Kopf aus dem Haus steckten.

Der Obsthändler mochte seine starken Schultern gepriesen haben, doch Piero spürte inzwischen jeden Knochen. Er war stark, aber stundenlanges Rudern war keine Arbeit, die er tagtäglich verrichtete. Immerhin hatte er den Trost, dass der Rückweg um einiges kürzer ausfallen würde, da nach dem vorangegangenen Fiasko weitere Besichtigungstouren nicht zur Debatte standen und sie daher den direkten Weg quer durch den Stadtteil Castello nehmen konnten.

Schwitzend und mit schmerzenden Muskeln passierte er San Zaccaria und lenkte schließlich den Sàndolo in den nächsten Kanal, wo sie nach kurzer Zeit ihr Ziel erreichten.

Die Villa der Familie Caloprini befand sich an einem wenig befahrenen Seitenkanal. Es war das letzte Gebäude in einer Reihe anderer, wenn auch schlichterer Wohnhäuser, die kürzlich bei einem Brand in diesem Sestiere den Flammen zum Opfer gefallen waren. Die Ca’ Caloprini, als einziges Haus der Reihe aus Stein erbaut, war diesem Schicksal entgangen, aber durch das Feuer so schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, dass der Eigentümer den Bau eines neuen Palazzo plante. Die Caloprini hatten einen Teil des zerstörten Areals erworben, sodass die neue Villa in unmittelbarer Nachbarschaft zur alten errichtet werden konnte.

Sanchia betrachtete die verkohlten Holzruinen, die, erst zum Teil abgetragen, aus dem trüben Wasser ragten. Kolonnen von Arbeitern waren damit beschäftigt, die Überreste verbrannter Pfähle zu heben und Schutt wegzuschaffen. Einige von ihnen arbeiteten vom Boot oder von der Fondamenta aus, aber die meisten wateten, nackt bis auf Lendenschurze, durch das hüfthohe Wasser und warfen Steinbrocken und Holzplanken auf Transportflöße.

Das Boot trieb die letzten Meter zu dem hinter einer Arkade befindlichen Wassertor eines düster wirkenden Hauses. Der ehemals goldfarbene Marmor der Fassadenverkleidung war von Flammenspuren gezeichnet, die sich in rußigen Schlieren von der Wasserlinie bis zum Dach zogen. Die Fenster waren von der Hitze des Feuers geborsten, und die kunstvollen Inkrustationen über der Loggia des Piano nobile versengt. Das offen stehende Wassertor, ehemals grün gestrichen, war verbogen und von schwärzlichen Abplatzungen übersät.

»Wohnt hier dein Auftraggeber?«, fragte Sanchia.

»Ja«, antwortete Piero, erleichtert, dass sie allem Anschein nach wieder zur Normalität zurückkehrte.

»Vater, warum wurde dem Mann der Kopf abgeschlagen?«

Piero zuckte zusammen. »Ich weiß es nicht, Piccina. Es war einfach ein armer Teufel.«

»Es heißt, nur Nobili werden auf der Piazetta geköpft«, ließ sich Pasquale vernehmen. »Das gemeine Volk wird gehenkt oder heimlich in den Kerkern des Dogenpalastes stranguliert. Die Patrizier hingegen bekommen den kalten Stahl zu spüren. Es ist Ehre und Strafe zugleich. Für die wirklich schlimmen Taten, versteht sich. Ein alltäglicher Diebstahl reicht dafür bestimmt nicht aus, darauf möchte ich wetten.« Er saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden des Sàndolo und lutschte an der letzten Orange. Der Genuss der saftigen Frucht schien zu Pieros Missfallen sein Mitteilungsbedürfnis zu beflügeln. »Sie müssen die verwerflichsten Dinge tun, um diese Strafe zu verdienen.«

»Was weißt du schon«, wies Piero ihn scharf zurecht. Er wollte das Thema nicht vertiefen und hätte alles Mögliche getan, um Sanchia wieder lachen zu sehen. Bianca hatte es besser gewusst als er. Es war dumm und leichtsinnig, das Kind mitzunehmen. Hätte er doch nur auf seine Frau gehört!

»Wer immer das gesagt hat – er hat Recht.« Die Worte kamen von einer Männerstimme, die verwaschen und dumpf wie aus einer Höhle nach draußen tönte. »Sehr verwerfliche Dinge.«

Das Boot trieb das letzte Stück durch die Arkaden und dann durch das eiserne Wassertor in den Andron, die Halle hinter dem Tor. Wie alle am Kanal befindlichen größeren Häuser besaß auch dieses einen Eingang zu Wasser und zu Lande. Der steinerne Torbogen war mit Moos bewachsen und klaffte wie ein offenes Maul zu einer tiefschwarzen Hölle, aus der es verbrannt und schweflig stank.

»Der gute Bernardino hat es übertrieben mit den kleinen Jungs. Sein Schwanz hat ihn den Kopf gekostet. Ein Correr weniger auf der Welt. Zu dumm, dass es immer noch so viele von ihnen gibt.« Blechernes Lachen folgte, das von einem kurzen Hustenstoß abgelöst wurde. »Kommt hier Besuch? Was für ein seltenes Vergnügen in der letzten Zeit!«

Nach dem blendenden Tageslicht draußen erschien Piero die Halle tatsächlich fast so finster wie der Höllenschlund, und dazu passend wirkten auf ihn die Umrisse des Mannes, der auf dem Podest oberhalb der Wasserlinie stand, wie die Gestalt des Leibhaftigen persönlich. Bis auf die dunkle Silhouette und den Umhang war kaum etwas zu erkennen. Eine Fackel oben an der gemauerten Wand erhellte die Umgebung nur spärlich.

Erst nachdem er ein paar Mal geblinzelt und seine Augen auf die veränderten Lichtverhältnisse eingestellt hatte, vermochte Piero weitere Einzelheiten auszumachen. Auf der gekachelten Steinbalustrade, zu der schlüpfrige, algenüberwucherte Stufen hinaufführten, waren etliche Stapel von teils angesengten, teils geborstenen Kisten zu sehen. Aus einer quoll verschiedenfarbige Seide, die an den Rändern verkohlt war. Quer über einer anderen Kiste lag ein halb ausgerollter Teppich, dessen kunstvolle Weberei an mehreren Stellen vom Feuer weggefressen war. Andere Teppiche, in hoher Stückzahl an der Wand aufgestapelt, sahen nicht viel besser aus. Hier lagen auch weitere Ballen Seide aufgetürmt, so viele, dass ihre Anzahl schlecht geschätzt werden konnte. Die meisten waren vom Feuer verschrumpelt und geschwärzt, ebenso wie die Bänke, auf denen sie lagen. In einer nunmehr rußigen Kiste hatten offenbar Folianten gelegen, aber bis auf verkohlte Blöcke und ein paar Reste vom Einband war kaum noch etwas von ihnen übrig geblieben.

Es roch durchdringend nach verschmorten Gewürzen, verbranntem Papier und verkohlten Textilien. Piero erkannte, dass der Brand hier in der Halle und vermutlich auch in den angrenzenden Lagerräumen Reichtümer von ungeheurem Wert vernichtet haben musste.

Er konnte das Gesicht des Mannes immer noch nicht erkennen, und auch die Stimme schien ihm nicht so, als hätte er sie schon einmal gehört. Dennoch zog er vorsorglich die Kappe und neigte ehrerbietig den Kopf.

»Guten Tag, Domine. Ich bin Piero, der Glasbläser.«

»Der Glasbläser, so so. Habe ich einen Glasbläser erwartet?«

»Wenn ihr Messèr Caloprini seid, dann ja.«

»Caloprini heiße ich wohl, aber deren gibt es viele. Nicht nur meinen Vater, meinen Bruder und einen Sohn, sondern daneben so viele Neffen, Cousins, Großonkel und andere Namensvettern, dass es einem längst das Zählen vergällt hat. Es ist wie mit den Corrers, den Dandolos, den Contarini. Venedig ist voll von uns. Die Serenissima könnte uns nicht ausspeien, und wenn sie noch so oft spucken würde.« Die letzte Bemerkung wurde von einem leisen Rülpsen begleitet, aber auch ohne diesen Laut wusste Piero längst, dass sein Gegenüber ziemlich betrunken war. Sein Herz sank, als er sich klarmachte, dass er den ganzen weiten Weg womöglich vergebens auf sich genommen hatte. Mehr noch: Er hatte Sanchias kindliches Gemüt auf eine Weise belastet, dass er Schläge dafür verdiente. Wenn möglich, mit dem Schüreisen.

Statt diese unerfreulichen Überlegungen fortzuspinnen, rang er sich zu einer Äußerung durch.

»Ich bin mit Giovanni Caloprini verabredet. Er ist der Bauherr der neuen Villa, die hier in der Nachbarschaft entstehen soll.«

»Giovanni. Nun ja. Ich hätte es wissen müssen. Mein werter Bruder Giovanni, so aktiv in Sachen Hausbau und anderen Dingen. Diese Umsicht und bestechende Vernunft zeichnet allein ihn aus, niemanden sonst.« Ein Arm hob sich und wies auf die Kiste mit den vernichteten Folianten. »Ihr müsst wissen, allein der Verlust der Bücher ist eine Tragödie. Es waren unersetzliche Schriften dabei. Ein Grund für jahrelange Betrübnis. Aber Giovanni ist nicht so ein Jammerlappen wie andere. Wenn er weint, dann höchstens wegen des Safrans.« Der Mann lachte kurz. »Nicht, dass er überhaupt je Tränen vergießen würde. Geschweige denn, sich aus Kummer betrinken. Aber er ist ein Mensch und kann sich ärgern. Sogar sehr, wenn er Grund dafür hat. Wusstet Ihr, dass Safran brennt wie Zunder?«

»Nein«, sagte Piero.

»Ich vorher auch nicht. Nun, jetzt wissen wir es. Während ich armer Tropf noch nach dem Feuer unsere Wunden lecke und die kümmerlichen Überreste meiner Habe zusammenklaube, bietet Giovanni bereits ein Konsortium auf und belegt die größte Staatsgaleere für eine neue Handelsfahrt in den Osten. Und er bestellt Baumeister, Zimmerleute, Freskenmaler, Steinmetze und …?«

»Glasbläser«, ergänzte Piero höflich.

»Richtig. Nun, ich bin nicht Giovanni, sondern Francesco. Leider, wie ich vielleicht hinzufügen sollte. Denn der Verstand meines Bruder funktioniert in allen Lebenslagen einwandfrei, im Gegensatz zu dem meinen. Giovanni würde tagsüber kaum etwas Härteres trinken als langweiligen, bis auf die Neige verdünnten Wein.« Ein weiteres Rülpsen ertönte, und der Mann stieg die Stufen zur Wand empor, um die Fackel an sich zu nehmen. Piero erkannte zu seiner Überraschung, dass der Fremde wesentlich jünger war, als er zunächst angenommen hatte, nämlich kaum älter als er selbst. Er war hoch gewachsen und von sehnigem Körperbau. Seine Züge waren scharf und alles andere als verlebt, wenn auch die blutunterlaufenen Augen und die unsichere Haltung, ebenso wie die nuschelnde Aussprache, von einem handfesten Rausch zeugten. Dass dieser schon eine Weile fortdauerte, war an dem wuchernden, etwa fünf Tage alten Bart zu erkennen, desgleichen an der Kleidung, der man ansah, dass sie länger nicht gewechselt worden war.

Francesco Caloprini streckte die Fackel aus und leuchtete in das Boot. »Alsdann, Messères. Willkommen in der Ca’ Caloprini. Was für ein Glück für Giovanni, dass alle folgen, wenn er ruft. Nun ja, Gold verbrennt nicht.«

»Das ist falsch.«

»Wie?«

»Das ist falsch«, wiederholte Sanchia. »Gold verbrennt. Genauer gesagt, es schmilzt, wenn man es erhitzt.«

»Und wer sagt das?«

»Ich.«

Francesco stieg zwei Stufen hinab und ging in die Knie. »Wer ist ich

Die Fackel kam näher, und Sanchia wich ein Stück zurück. »Sanchia Foscari. Ich bin die Tochter des Glasbläsers.«

»Wie heißt du?«

»Sanchia.«

Der Mann starrte sie an wie ein Gespenst, und Sanchia bemühte sich, seinen Blick möglichst unerschrocken zu erwidern, obwohl die Ausdünstungen seines Körpers sie trafen wie eine Keule. Er stank nach Schnaps, Schweiß und Asche. Seine Augen durchbohrten sie förmlich, und er streckte eine Hand aus, als wollte er sie berühren. Im letzten Augenblick ließ er sie wieder sinken, sehr zu Sanchias Erleichterung.

»Eure Tochter … wie alt ist sie?«

»Sechs«, log Piero sofort. Sein ganzer Körper hatte sich wie eine straff gezogene Sehne an einem Bogen gespannt. Sanchia öffnete den Mund, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn Piero packte sie bei der Schulter und schob sie hinter seinen Rücken, als wäre sie ein Korb Wäsche oder eine Kiste mit Bruchglas.

»Ihr macht ihr Angst«, sagte er barsch. »Sie mag keine Fremden.«

Francesco Caloprini richtete sich auf und stolperte rückwärts gehend die Stufen hoch. Er gab ein trunkenes Gelächter von sich. »Nein. Sie mag keine Fremden. Nicht unsere Sanchia.« Eine weitere Lachsalve endete in Gestammel. In Sanchias Ohren klang es beinahe wie Weinen, unterbrochen durch erstickte Worte. »Kann doch nicht sein … Sanchia, o mein Gott, Sanchia!«

»Zu viel Schnaps«, hörte Sanchia ihn anschließend hervorstoßen, während er sich weiter zurückzog. Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, um seine lallende Stimme nicht ihren Namen sagen zu hören.

»Das ist … ein Trugbild … Ich habe … sollte wirklich nicht mehr so viel trinken …«

Sie umklammerte ihre Knie und schloss die Augen.

Piero wartete, bis Francesco Caloprini die restlichen Stufen zur Balustrade hinaufgetorkelt und durch eine Seitentür verschwunden war, hinter der vermutlich die Treppe ins Obergeschoss oder ein Kontor lag.

Dann stieß er entschlossen mit dem Ruder das Boot von der Mauer ab.

»Vater?«, fragte Sanchia in die beklemmende Stille hinein.

»Schweig«, sagte Pasquale grimmig. Er stand neben ihr und hielt sie fest, während Piero das Boot nach draußen stakte. »Bleib sitzen und sag kein Wort mehr.«

Als der Sàndolo gleich darauf mit dem Heck voran ins Freie trieb, sah Sanchia im hellen Tageslicht, dass der Geselle genauso bleich war wie ihr Vater.

»Es heißt, dass in dieser Stadt über hundert mal tausend Menschen leben«, sagte Pasquale. »Wenn nicht noch viel mehr. Damit konnte niemand rechnen, Maestro.«

Piero schüttelte brüsk den Kopf. »Es war mein Fehler. Allein der Name … Sie ist ihr Ebenbild, siehst du es nicht?«

Pasquale gab keine Antwort. Er hatte den Kopf abgewandt, aber Sanchia erkannte, wie seine Kieferknochen mahlten.

»Vater? Was ist?«

»Pasquale hat Recht. Schweig jetzt. Wir fahren nach Hause.«

Er hatte den Sàndolo kaum zwei Bootslängen an der Fondamenta entlangmanövriert, als eine freundliche Stimme von oben ertönte.

»Da seid Ihr ja, Messèr Foscari!« Ein Mann stand im Säulengang vor dem Piano nobile und beugte sich über das Geländer. »Ich komme runter. Wartet, ich bin gleich bei Euch!« Er verschwand im Inneren des Hauses, um wenig später aus der Seitengasse auf die Fondamenta zu kommen und zu ihnen zu treten.

Sanchia erinnerte sich, dass er kürzlich bei ihrem Vater in der Werkstatt gewesen war. Sie hatte ihn nur kurz gesehen, als sie vom Spiel mit den Nachbarskindern heimgekommen und auf dem Weg zur Treppe an der offenen Werkstatttür vorbeigekommen war. Wie neulich war er auch heute elegant gekleidet, mit rubinfarbenen Calze, weich gegerbten Lederstiefeln, einer Tunika aus dunklem, goldbetressten Samt sowie einer auffallend glänzenden Wappenkette. Sein Haar war sorgfältig auf Kinnlänge gestutzt, und die Wangen waren sauber rasiert. Von Größe und Aussehen her ähnelte er frappierend dem Mann, den sie vorhin im Haus gesehen hatten, nur wirkte er wesentlich gepflegter und gesünder. Sanchia zweifelte nicht, dass sie Giovanni vor sich hatten, besagten geschäftstüchtigen Bruder von Francesco Caloprini, dem Säufer.

Der Patrizier war zuvorkommend, höflich und frei von jeder Überheblichkeit, denn er neigte nicht nur kurz vor ihrem Vater den Kopf, sondern streckte sogar die Hand aus, um ihm aus dem Boot zu helfen. Als er ihm gegenüberstand, legte er mit einem Strahlen seine Hand auf Pieros Schulter. »Maestro, endlich sehen wir uns wieder! Ich war so begierig darauf, Euch hier begrüßen zu dürfen! Bitte seht es meinem Bruder nach, dass er Eure Ankunft verdorben hat! Bei dem Brand hat er seinen wertvollsten Besitz verloren.« Seine Stimme nahm einen bedrückten Tonfall an. »Auch sein Sohn ist bei dem Feuer ums Leben gekommen. Er war erst zwei.«

»Das tut mir leid«, meinte Piero reserviert.

»Der Junge war nur das Kind einer Bediensteten – die übrigens ebenfalls bei dem Brand starb. Aber Francesco hing sehr an der Frau und dem Kind.« Er hob bedauernd die Schultern. »Weitere Zwischenfälle wie den von vorhin müsst Ihr nicht fürchten, Messèr Foscari. Mein Bruder zieht es offenbar vor, zur Ablenkung von seinem Elend zu einer weiteren Ausschweifung aufzubrechen, die vermutlich wieder Tage dauern wird.« Er lachte kurz, aber freudlos, während er auf eine Gondel deutete, die zwischen den Arkaden vor dem Wassertor hervorglitt und sich rasch entfernte. Die Felze war verhängt, und der Gondoliere, ein großer, kräftiger Schwarzer mit einer roten Samtkappe, lenkte das Boot in Windeseile um die nächste Ecke.

Sanchia erkannte die Erleichterung in den Zügen ihres Vaters. Auch sie selbst fühlte sich, als sei mit dem Verschwinden der Gondel eine Bedrohung von ihr gewichen.

»Da ist ja Euer Gehilfe, der strebsame Spiegelmacher. Seid gegrüßt, Messèr Pasquale. Nach allem, was ich bisher von Eurem Werk gesehen habe, weiß ich, dass Ihr mir für meine neue Sàla herrliche Spiegel fertigen werdet.«

Pasquales Wangen färbten sich vor Verlegenheit eine Schattierung dunkler. Er richtete seine spargeldünne Gestalt zu voller Länge auf, zog seine Kappe und verneigte sich linkisch.

Giovanni wandte sich wieder Piero zu. »Während der Maestro persönlich für Fenster sorgen wird, die ohne jede Frage das Aufsehen der ganzen Stadt erregen!« Sich zu Sanchia umdrehend, fügte er hinzu: »Und das muss Eure Tochter sein. Reizend, ganz reizend.«

Sanchia fühlte sich kurz, aber eingehend gemustert. Zaghaft erwiderte sie das Lächeln von Giovanni Caloprini, obwohl das Unbehagen von vorhin immer noch in ihr nachwirkte und sie den Eindruck hatte, dass seine Freundlichkeit ein wenig gezwungen wirkte.

»Maestro, kommt ins Haus. Sonderlich repräsentativ ist es nicht mehr, fürchte ich, aber wir haben einen annehmbaren Bereich abgeteilt und uns da vorübergehend eingerichtet. Es stinkt zwar grässlich überall nach Rauch, aber bis zur Fertigstellung des neuen Hauses werden wir ohnehin die meiste Zeit auf der Terraferma sein. Wir haben ein recht hübsches Anwesen in den Euganeischen Hügeln und wollen nächste Woche schon reisen. Für eine Weile lässt es sich also ertragen.«

»Sollten wir nicht lieber gleich zur Baustelle gehen?«

»Später. Jetzt wird es Zeit, dass Ihr auch meine Frau kennen lernt. Außerdem werdet Ihr durstig und hungrig sein.«

Es gab keinen vernünftigen Grund, diese Einladung auszuschlagen, doch Sanchia spürte den Widerwillen ihres Vaters. Ihr selbst war ähnlich zumute. Das Haus war ihr unheimlich, es wirkte gespenstisch unter seinem Schleier aus Ruß und Zerstörung.

»Ah, da ist mein Sohn! Lorenzo, komm hierher! Ich möchte dich einem der berühmtesten Glaskünstler der Serenissima vorstellen!«

Ein Junge war aus der landseitigen Pforte des Palazzo getreten und näherte sich mit verlegener Miene. Er war fast so groß wie sein Vater, konnte aber höchstens vierzehn oder fünfzehn sein, denn seine Wangen waren noch kindlich glatt und die ersten Spuren von sprießendem Bartflaum kaum vorhanden. Als er sprach, war nicht zu überhören, dass er sich im Stimmbruch befand, ein Umstand, der ihm ganz offensichtlich peinlich war, denn er wurde rot und verfiel nach der Begrüßung in hartnäckiges Schweigen.

Im Gegensatz zu seinem Vater war er alles andere als kostbar gekleidet. Zu den abgeschabten ledernen Beinkleidern trug er ein vielfach geflicktes Leinenhemd, das vielleicht ehedem weiß gewesen sein mochte, aber ganz sicher nicht für ihn geschneidert worden war, und darüber ein Wams, das ihm nicht nur zu groß war, sondern auch zahlreiche Flecken zweifelhafter Herkunft aufwies. Seine Füße steckten statt in gut gearbeiteten Stiefeln oder Schnabelschuhen in schlichten Zòccoli.

Sein Haar war dunkler als das seines Vaters, fast schwarz. Es lockte sich ungebärdig hinter den Ohren und über dem Hemdkragen, und seine Augen leuchteten in dem sonnenverbrannten Gesicht verblüffend blau.

Als er merkte, dass Sanchia ihn musterte, verzog er unwillig den Mund und drehte den Kopf weg. Sie beeilte sich, ebenfalls zur Seite zu schauen. Bianca hatte ihr mehr als einmal eingeschärft, wie unhöflich es sei, Leute anzustarren.

»Mein Sohn, der Arbeiter.« Aus Giovanni Caloprinis Worten klang liebevoller Spott. Wenn irgend möglich, wurde der Junge noch verlegener. Ihm war anzusehen, dass er vermutlich sonst was darum gegeben hätte, sich einfach in Luft auflösen zu können.

»Es dauert natürlich noch eine Weile bis zum nächsten Karneval«, fuhr Giovanni belustigt fort. »Dennoch dürft Ihr Euch nicht wundern, meinen Sohn bei jeder Gelegenheit kostümiert anzutreffen. Es scheint ihm ein besonderes Vergnügen zu bereiten, auf dem Bau Hand anzulegen. Ein Patrizier, an dem ein Baumeister verloren gegangen ist!« Er seufzte. »Tagein, tagaus treibt er sich auf der Baustelle herum. Am liebsten würde er vermutlich dort noch schlafen. Aber wozu diese bäuerliche Kleidung nötig ist, entzieht sich meinem näheren Verständnis.«

Sanchia fragte sich, warum diese Worte sie ärgerten, doch gleich darauf wurde ihr der Grund klar. Ihr Vater, Pasquale, Vittore – überhaupt alle Männer aus ihrem Umfeld – waren ähnlich gekleidet wie der junge Patrizier, wenn auch ihre Sachen die meiste Zeit bei weitem sauberer und besser geflickt waren.

Sie musterte den Jungen mit neu erwachtem Interesse. Ein Knabe wie er, dem die Mittel zur Verfügung standen, sich so herauszuputzen wie sein adliger Vater, und der dennoch die Kleidung eines Mannes aus dem Volke vorzog, musste anders als seine Altersgenossen sein. Anders zu sein – das war etwas, womit sie sich auskannte. Es gab Dinge, die in diese Kategorie fielen und dabei völlig harmlos waren, etwa helleres Haar, hellere Haut und ein lieblicheres Antlitz zu haben als die meisten Menschen. Dieses Anderssein führte zu Bewunderung und Neid beim Betrachter, aber es brachte einen auch dazu, ohne Grund stolz zu sein. Bianca hatte ihr beigebracht, dass es schiere Hoffart sei, stolz auf etwas zu sein, das der liebe Gott einem in die Wiege gelegt hatte. Sanchia hatte folglich beizeiten gelernt, es als lästig zu empfinden, wenn die Leute sich entzückt über ihr Äußeres ausließen. Sie konnte es nicht mehr hören, wenn jemand sie Engel oder Püppchen nannte. Kürzlich hatte ein umherziehender Bettelmönch in ihrem Beisein zu ihrem Vater gesagt, in wenigen Jahren werde sie aussehen wie die heilige Madonna persönlich, und er hatte angeregt, Piero möge ihre überirdische Erscheinung in einer Glasscheibe verewigen, um der Nachwelt einen Eindruck ihrer Schönheit zu erhalten. Sanchia hatte sich danach tagelang nicht mehr in der Werkstatt blicken lassen, aus Furcht, der Mönch könne wiederkommen und weitere Äußerungen dieser Art von sich geben, oder, schlimmer noch, ihr Vater könne auf den Gedanken verfallen, tatsächlich ein gläsernes Abbild von ihr herzustellen.

Kurzum, hierbei handelte es sich um ein Anderssein, das ihr wenig behagte.

Dann wieder mochte es um Wesenszüge gehen, die Verachtung und Niedertracht hervorriefen, wie zum Beispiel bei Carlo, dem Sohn des Schlachters, der entstellt zur Welt gekommen war und dessen in der Mitte gespaltener Mund bei den anderen Kindern Abscheu erregte und sie zu Spottversen reizte. Auch Carlo war anders, aber auf bemitleidenswerte Art. Anders war vermutlich auch der Mann, der heute auf der Piazetta enthauptet worden war. Er hatte unaussprechlich schreckliche Dinge getan, die sein Weiterleben unmöglich erschienen ließen. Er war so anders, dass es einen nicht nur schauderte, sondern auch tausend weitere Fragen aufwarf.

Und schließlich gab es jene Art des Andersseins, die sich um geistige Ansichten drehte. Etwa um diesen unstillbaren Hunger, Dinge herauszufinden, die allgemein für unnütz und schädlich gehalten wurden, sobald ein Mädchen die Fragen stellte.

Oder – vielleicht – im schmutzigen Gewand eines beliebigen Arbeiters und schlichten Sandalen mit dünnen Holzsohlen aus einem Palazzo auf die Fondamenta zu treten, obwohl doch Kleidung aus Samt und Seide bereitlag.

Wobei sich, wie nach allen Vergleichen dieser Art, am Ende immer die Frage stellte, was dabei herauskam. War es gut oder schlecht, anders zu sein?

Sanchia stellte fest, dass sie darüber noch nie nachgedacht hatte, obwohl es doch von so offenkundig dringlicher Bedeutung war, denn schließlich war sie selbst betroffen. Sicher würde sie es ergründen können, wenn sie sich in Gedanken nur eingehend genug damit beschäftigte. Doch sofort merkte sie, wie vielfältig dieses Thema war. Es gab zu viel, das berücksichtigt werden musste. Wie alt der Mensch war und wo er lebte. Was die Kirche dazu sagte und der Staat. Kam es eher auf die inneren oder die äußeren Begleitumstände an? Oder war es am Ende eine gänzlich müßige Frage, da doch alles Leben vergänglich war und der Tod daher das unausweichliche Ende aller vom Anderssein Betroffenen?

Beschämende Hilflosigkeit bemächtigte sich ihrer, und wie selten zuvor wurde sie sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit bewusst. In ihrem Kopf schienen Hände nach etwas zu greifen, das in Reichweite vor ihr lag und sich dann doch jedes Mal ihrem Zugriff entzog wie ein flüchtiger Schatten. Der absurde Eindruck, dass das, was sie von der Welt ringsum sah, zu viel und doch gleichzeitig zu wenig war, wollte nicht weichen.

Pasquales Stimme riss sie aus ihren konfusen Gedanken. »Mir ist nicht gut, die Orangen liegen mir im Magen. Wenn es geht, bleibe ich lieber an der frischen Luft. Ich würde mir gern schon die Baustelle ansehen, Maestro.«

»Ja, tu das«, sagte Piero sofort. »Nimm die Kleine mit. Ich stoße dann später zu euch.« An seinen Auftraggeber gewandt, setzte er vorsorglich hinzu: »Wir haben bereits gegessen und getrunken.«

Damit war entschieden, dass sie ihn nicht in das Haus begleiten musste. Sanchia atmete befreit aus.

Giovanni Caloprini nahm es gleichmütig zur Kenntnis. Ihm ging es offenbar in erster Linie um die Gesellschaft von Piero Foscari.

»Lorenzo, du begleitest unseren Besuch und beantwortest alle Fragen«, wies er seinen Sohn an, bevor er mit interessierten Blicken verfolgte, wie Piero die Kiste mit den Glasmustern aus dem Boot holte.

Lorenzo konnte sich allem Anschein nach einen besseren Zeitvertreib vorstellen, denn er furchte die Stirn auf eine Weise, die seine mangelnde Begeisterung deutlich werden ließ. Mit mürrischer Miene blieb er stehen, bis sein Vater und der Glasmacher im Palazzo verschwunden waren, dann schob er die Daumen in seinen Gürtel und setzte sich ohne ein Wort in Bewegung.

Pasquale sprang aus dem Boot auf die Fondamenta und half Sanchia beim Aussteigen.

»Wir könnten einfach verschwinden und einen Spaziergang machen«, schlug er ihr leise vor, ein Zwinkern in den Augen. »Dem adligen Jüngling wäre es mit Sicherheit mehr als recht.«

Sanchia dachte kurz nach, schüttelte dann jedoch den Kopf. »Ich möchte die Baustelle anschauen. Noch nie habe ich gesehen, wie ein Haus im Wasser erbaut wird.«

Pasquale schnitt eine gutmütige Grimasse. »Du bist so naseweis, dass es uns eines Tages noch alle ins Grab bringt. Du bist anders als alle anderen Mädchen in deinem Alter, weißt du das?«

Sie versuchte zu lachen, doch es wollte ihr nicht recht gelingen.

»Gib mir deinen Glücksbringer«, sagte Pasquale.

»Warum?«

»Er ist … wertvoll. Du könntest ihn verlieren, und dann würde es Ärger mit deiner Mutter geben.«

Ärger mit Bianca war das Letzte, worauf Sanchia aus war, und so zog sie folgsam das Lederband mit dem Silberschmuck über den Kopf und reichte ihn Pasquale, der den Anhänger kurz und mit undeutbarer Miene betrachtete, bevor er ihn in seiner Gürteltasche verstaute.

»Du weißt nicht zufällig, was der Glücksbringer darstellt, oder?«, fragte sie.

Bevor er antworten konnte, fügte sie rasch hinzu: »Vater und Vittore wissen es nicht, ich habe sie schon gefragt. Vittore hat lediglich gesagt, es sei ein Glücksbringer. Ich meine, es könnte vielleicht ein Vogel sein, mit ausgebreiteten Schwingen und einem lang gezogenen Hals. Was denkst du?«

»Wenn es ein Vogel wäre, dann einer ohne Kopf und ohne Schwanzfedern«, meinte Pasquale pragmatisch.

»Du hast Recht. Trotzdem sieht es aus wie ein Vogel.«

Er grinste. »Vermutlich wirst du es herausfinden, bevor der Tag zu Ende geht.«

»Pasquale, tut es weh, wenn man an Schwermut zu Grunde geht?«

Verdutzt über die plötzliche Wendung des Gesprächs, runzelte er die Stirn. »Bei den Heiligen, Kind! Wer gibt dir nur immer diese Fragen ein?«

»Ach Pasquale, wenn ich das doch nur selber wüsste!«

Die Sonne warf flimmernde Lichtreflexe vom Wasser des Kanals gegen die Kaimauer und überzog Pasquales bartloses, schmales Gesicht mit Helligkeit, bis es von innen heraus zu leuchten schien. Sanchia bemerkte zum ersten Mal, dass er eine Narbe unter dem rechten Ohr hatte, eine an sich bedeutungslose Kleinigkeit, die ihn aber mit einem Mal vertrauter und zugleich verletzlicher wirken ließ.

»Pasquale, warum bist du Glasmacher geworden?«

Er dachte nach und ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ich wollte bei deinem Vater in die Lehre gehen. Es gibt keinen besseren Meister als ihn.« Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: »Und keinen besseren Menschen.«

Sie war glücklich über diese Worte, weil sie von ebenso schlichter wie zweifelsfreier Wahrheit waren.

Lorenzo fand die Anwesenheit des Kindes beunruhigend. Die intensive Musterung, der das Mädchen ihn unterzogen hatte, war ihm als Gipfel der Peinlichkeit erschienen. In letzter Zeit schienen alle und jeder ihn anzustarren, sodass er sich ein ums andere Mal seiner ungelenken Bewegungen und seiner viel zu großen Hände und Füße bewusst wurde. Es kam ihm vor, als sei beides innerhalb eines Jahres um das Doppelte gewachsen, von den Pickeln, die neuerdings auf seiner Stirn sprossen, ganz zu schweigen. Der dürftige Bartflaum, der sich seit einiger Zeit auf seinen Wangen zeigte, rief in ihm die Überzeugung hervor, dass sich dort niemals genug Haare entwickeln würden, um für eine Rasur zu reichen. Er hatte bereits versucht, das dünne Gewächs mit dem Rasiermesser seines Vaters abzuschaben, doch da diese Bemühung lediglich dazu geführt hatte, dass er hinterher wie das Opfer eines Abdeckers aussah, war er davon wieder abgekommen. Rufio, der schwarze Sklave der Familie, hatte dazu gelassen bemerkt, er solle sein Gesicht nicht anrühren, irgendwann würden die Pickel und Schrunden von allein verschwinden. Doch Lorenzo kam es so vor, als würden bis dahin noch Jahre vergehen.

Auch ohne sich umzudrehen, merkte er, dass der Geselle und die Tochter des Glasmachers ihm folgten. Seine Laune sank entschieden. Er hatte sich den ganzen Morgen darauf gefreut, mit Meister Lombardo zu sprechen, doch das war ihm jetzt verdorben.

»Wartet«, rief das Mädchen nun auch noch zu allem Überfluss, als sei er ein beliebiger Dienstbote statt das künftige Familienoberhaupt derer von Caloprini.

Dennoch blieb er stehen. Sein Hauslehrer hatte ihm mit zahlreichen Stockhieben allzu oft eingebläut, dass einen Patrizier nichts so sehr auszeichne wie Höflichkeit, vor allem gegenüber Menschen aus dem Volke. Nun ja, und vielleicht noch die Fähigkeit, Seneca und Platon im Original lesen und aus dem Gedächtnis rezitieren zu können.

Seufzend wandte er sich um.

»Ihr lauft so schnell«, sagte sie entschuldigend.

»Was willst du?«

»Mit Euch reden und Euch Dinge fragen.«

Er zuckte die Achseln. Solange es nichts Schlimmeres war!

Doch einstweilen war Meister Lombardo wichtiger. Lorenzo brannte darauf, ihm bei der Arbeit zuzusehen.

Sein Vater konnte mit Recht stolz darauf sein, Lombardo als Architekten gewonnen zu haben. Der Baumeister hatte sein Handwerk in der Toskana gelernt und bereits in früheren Jahren in Venedig gearbeitet. Danach hatte er eine Weile in Padua gewirkt, bevor er sich endgültig in der Lagunenstadt niedergelassen hatte. Die Scuole und der Klerus rissen sich seither darum, ihre Bauten von ihm planen und ausführen zu lassen, und für mehrere Dogen hatte er die Grabmonumente entworfen.

Lombardo war bereits eingetroffen. Die Ärmel aufgerollt und ein Schweißband um den Kopf, stand er an der Baugrube und unterhielt sich gestikulierend mit einem hochmütig wirkenden Mann, dessen Umhang die eingestickten Insignien seiner Zunft aufwies. Allem Anschein nach war der Fremde ein Gastaldo der Maurerkorporation.

Hin und wieder tauchten solche Amtsträger an den Baustellen auf, um die gesetzeskonforme Ausführung des Gewerks zu kontrollieren, vor allem die Regelung, dass kein Maurer eine neue Arbeit annehmen durfte, bevor er nicht den letzten Auftrag zu Ende geführt hatte.

Offenbar gab es genau damit heute ein Problem, denn als Lorenzo die Baustelle erreichte, warf Lombardo gerade die Arme hoch und stieß eine Verwünschung aus, um gleich darauf mit scharfer Stimme einen der Arbeiter zu sich zu beordern, der mit gesenktem Kopf ein wenig abseits gewartet hatte.

Nach einem weiteren kurzen Wortwechsel verschwand der Gastaldo, den gemaßregelten Arbeiter im Schlepptau.

»Die alte Geschichte«, sagte Lombardo, als er Lorenzos ansichtig wurde. »Arbeiter gibt es so viele wie Fische in der Lagune, doch die wirklich guten Maurer werden von den Gastaldi schikaniert, wo es nur geht.« Der Baumeister schäumte. »Bauherren gehen die Mittel aus, und sie lassen ihre Palazzi halb fertig liegen. Die Maurer warten auf ihr Geld.« Er hieb mit der Faust in die flache Hand. »Ein armer Orden lässt das Gemäuer seiner Kirche ausbessern und hofft derweil auf ein pekuniäres Wunder. Die Maurer warten auf ihr Geld.« Ein weiterer Hieb. »Aber dürfen sie etwa in der Zwischenzeit einen neuen Auftrag annehmen?« Es war eine rhetorische Frage, auf die niemand antwortete. Außer Sanchia, die nach einer Weile schüchtern fragte: »Dürfen sie es etwa nicht? Dann ist es ein schlechtes Gesetz.«

Lombardo schnaubte bei dieser naiven Äußerung, doch als er sah, von wem sie kam, lächelte er nachsichtig. »Schau an, was für eine niedliche Kleine! Habt Ihr Besuch, Messèr Lorenzo?«

»Sie ist die Tochter des Glasmachers.«

»Ah, Foscari ist hier! Endlich lerne ich dieses verrückte Genie kennen! Er muss mir alles über seine Experimente erzählen!«

Lorenzo wurde von unbestimmtem Ärger erfasst. Dieser Glasmacher und seine Familie schienen ein Ansehen zu genießen, das weit über Murano hinausreichte. Er selbst hatte bis heute noch nichts von Piero Foscari gehört, doch allen, die etwas vom Baugewerbe verstanden, war sein Name offenbar ein Begriff.

Das Mädchen starrte fasziniert in die Baugrube. Allem Anschein nach sah sie so etwas zum ersten Mal. Lorenzo fühlte eine schwache Aufwallung von Sympathie.

Wie erwartet, bestürmte ihn der kleine blondschopfige Quälgeist mit ungezählten Fragen. Lorenzo glaubte, hin und wieder ein schadenfrohes Grinsen im Gesicht des Gesellen zu erkennen, doch er hatte wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

»Fast alle Palazzi in der Lagune ruhen auf Pfählen, die in den Untergrund geschlagen werden«, erklärte er dem Mädchen auf die entsprechende Frage. »Man nimmt dazu dicke Eichenstämme, die vorher in Brackwasser eingeweicht wurden, um sie haltbarer zu machen. Damit man sie in den Boden rammen kann, muss zuerst ein freier Untergrund geschaffen und das Wasser abgepumpt werden. Und Löcher müssen für die Pfähle gegraben werden. Das ist hier schon geschehen.« Er wies auf den von Bohlen gestützten und von einer zusätzlichen Lehmwand abgesicherten Fangdamm, der den Bauplatz umgab und das Wasser des Kanals fernhielt. Mehrere Arbeiter hievten mit Flaschenzügen ein schweres Steingewicht in die Höhe und ließen es, begleitet von rhythmischen Gesängen, auf einen Pfahl niedersausen.

»Die Pfähle dienen der Verankerung des Fundaments«, sagte Lorenzo. Er hob die Stimme, um das Hämmern zu übertönen. »Nach Fertigstellung der Pfahlgründung wird die Baugrube mit Lehm abgedichtet und anschließend kreuz und quer mit Holzbohlen belegt. Auf diesen Bohlen werden dann später aus Ziegeln die eigentlichen Fundamentmauern errichtet, alles noch unterhalb der Wasserlinie. Darauf folgt dann eine Lage Marmor, der die oberhalb liegenden Mauern gegen die Feuchtigkeit schützt.«

»Was für eine kluge Bauweise!«, rief Sanchia aus.

Lorenzo betrachtete sie überrascht. Ihre Begeisterung war ebenso spontan wie ungekünstelt, eine Reaktion, die ihn auf unerklärliche Art berührte. Er kannte nicht viele Mädchen, schon gar keine so kleinen wie sie. Doch dafür, dass sie dem weiblichen Geschlecht angehörte, dem man allgemein größere Schwatzhaftigkeit und einen schwächeren Geist nachsagte, machte sie einen gewitzten Eindruck. Schwatzhaft war sie allemal, doch schien das, was sie von sich gab, zuweilen Hand und Fuß zu haben.

Auch Lombardo schien Gefallen an ihrer Wissbegier zu finden. Er erklärte ihr die Unterschiede zwischen Naturkalk und gebranntem Kalk und ließ sie an seinen Erfahrungen mit Trockenmauerwerk und Stuckputz teilhaben. Doch als sie gemeinsam mit Lorenzo in die Grube steigen wollte, um beim Bedienen des Flaschenzuges zu helfen, verbot er es kategorisch.

Sanchia und Pasquale schauten noch eine Weile bei den Arbeiten zu, doch mit der Zeit wurde es langweilig, sogar der fortgesetzte Gesang der Männer bekam einen einschläfernden Klang. Wusste man erst, wie es funktionierte, wurde der Zauber rasch von Gewohnheit verdrängt, das hatte Sanchia schon bei anderen Verrichtungen festgestellt. Bei manchen geschah es rascher als bei anderen, etwa beim Sticken oder Kochen, doch letztlich war es immer dasselbe. Das Lernen war spannender als das Wissen.

Sie bedankte sich höflich bei dem Baumeister, bevor sie mit Pasquale über die Fondamenta an den ausgebrannten Häuserreihen vorbei die kurze Strecke bis zum Ende des Rio zurückging. Während sie einen letzten Blick über die Schulter warf, fragte sie sich, ob sie Lorenzo wohl je wiedersehen würde. Seine Gegenwart hatte in ihr eine merkwürdige, aber angenehme Anspannung hervorgerufen, ohne dass sie dafür den Grund hätte nennen können.

Als sie sich der Ca’ Caloprini näherten, hörte sie eine Frauenstimme.

»Seht mich an«, ertönte es unterdrückt von oben.

Sanchia legte ebenso wie Pasquale den Kopf in den Nacken. Auf der schmalen, von Säulen flankierten Veranda, die das Halbgeschoss oberhalb des Wassertors zum Kanal hin abgrenzte, war eine verschleierte Frauengestalt zu sehen. Es musste eine der Damen sein, die zur Familie gehörten, da meist nur die adligen Frauen einen Schleier trugen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigten.

Sie hob die Hände und streifte den Schleier zurück, um ihnen ihr Gesicht zu zeigen. Es war blass und von erlesener Schönheit, mit ausdrucksvollen großen Augen und einem vollendet geschwungenen Mund. Das Haar, an sich eher brünett, wies viele helle Strähnen auf, die der üppigen Hochstreckfrisur schimmernden Glanz verliehen. Sanchia wusste sofort, dass sie die Gemahlin von Giovanni Caloprini vor sich hatte. Mochte Lorenzo auch stark seinem Vater ähneln, so war er doch gleichzeitig seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

»Wer bist du, Mädchen?«, rief sie.

»Die Tochter des Glasbläsers.«

Irritation zeigte sich im Gesicht der Frau. »Wie ist dein Name, Kind?«

»Sanchia.«

Die Frau ließ einen Schrei hören, atemlos und dünn, fast wie das klägliche Maunzen eines der Kätzchen, mit denen Sanchia häufig bei den Sanudos spielte.

Die Gestalt auf der Veranda schwankte, und einen Moment fürchtete Sanchia, die Frau könne womöglich herabfallen.

Doch sie fing sich wieder. Mit beiden Händen die Brüstung umklammernd, schaute sie drein, als wäre ihr der Leibhaftige erschienen. »Das kann doch nicht sein«, stieß sie gepresst hervor. »Verflucht soll sie sein, sie und alle, die an ihrer Leine tanzten!«

Betroffen sah Sanchia, wie die Frau die Hand vor den Mund presste und die Augen schloss.

»Was meint Ihr?«, wagte Sanchia zu fragen.

Die Frau gab keine Antwort, aber sie schlug die Augen wieder auf, und gleich darauf verzerrte sich ihr Gesicht, bis es aussah, als trüge sie eine scheußliche Maske.

Sanchia wollte die Augen abwenden, doch der Blick der Frau schien den ihren festzunageln. Ihr war, als würde sie in einen kalten, dunklen Abgrund schauen.

»Warum bist du zurückgekommen?«, fragte die Frau. Dann schrie sie mit überkippender Stimme: »Warum kannst du nicht einfach tot sein?«

Sanchia stöhnte unwillkürlich.

Pasquales Hand legte sich auf ihre Schulter. »Komm.«

Wie durch Nebel wurde sie gewahr, dass seine Finger zitterten. Er zog sie zum Sàndolo und half ihr hinein. Sie ließ es verstört geschehen.

Pasquale befahl ihr, sich zu setzen, dann jagte er das Boot förmlich den Rio entlang. Als sie sich der Baustelle näherten, nahm er das Ruder aus dem Wasser. Bleich, aber gefasst, wandte er sich dem Baumeister zu, der vom Rand der Baugrube aus die Arbeiten beaufsichtigte.

»Richtet meinem Meister bitte aus, dass wir beim Quecksilberhändler auf ihn warten!«, rief Pasquale. Der Baumeister nickte, zum Zeichen, dass er die Bitte trotz des Gehämmers der Arbeiter verstanden hatte.

Von verzweifelter Ungewissheit erfüllt, schaute Sanchia Pasquale an. Doch der wich ihren Blicken beharrlich aus, während er das Boot durch die Kanäle lenkte. Die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde. Sie folgten größeren, dicht befahrenen Wasserläufen ebenso wie winzigen, verlassen wirkenden Rii, scheinbar planlos und ohne besonderes System, um am Ende in unmittelbarer Nähe einer Abdeckerei zu landen. Der Kai dort war von verwesenden Häuten und Teilen von Tierkadavern übersät, die einen unbeschreiblichen Gestank verströmten. Weitere Aasbrocken schwammen im Wasser, umgeben von schmierigen Fettschlieren, die auf der Wasseroberfläche schillerten. Bald würde die ansteigende Flut die Abfälle aus den Kanälen der Stadt in die offene Lagune schwemmen, doch bis dahin verpestete der Unrat die Luft und erschwerte das Atmen. Sanchia hielt würgend die Luft an. Schwärme von Fliegen erhoben sich, als Pasquale das Boot vertäute.

»Der Quecksilberhändler – wohnt er hier?«, brachte sie mühsam heraus.

Pasquale legte das lange Ruder ins Boot und nickte. »Der Ort war der erstbeste, der mir eingefallen ist. Hm, tut mir leid. Es stinkt ziemlich, nicht?«

Sanchia mochte nicht auf diese überflüssige Feststellung antworten. Stattdessen schluckte sie gequält, als ein Mann in einer steifen Lederschürze aus einem Tor trat und mit ungerührter Miene ein Fass dampfendes Gekröse ins Wasser leerte.

Während Pasquale aus dem Boot stieg, konnte Sanchia nicht länger an sich halten. Die Frage musste heraus, ihr würde sonst der Kopf platzen. »Die Frau … Monna Caloprini – ist sie verrückt?«

»Ja«, sagte Pasquale augenblicklich, einen leicht erstaunten Ausdruck im Gesicht, fast so, als könne er nicht fassen, dass er bisher nicht selbst auf diese Idee gekommen war. »Sie ist verrückt und redet irre.«

Sanchia ließ sich von ihm auf die Fondamenta heben. »Und warum mussten wir dann auf einmal von dort fort, so schnell, als wären die Türken hinter uns her?«

Pasquale war nicht bereit, darauf einzugehen. »Vergiss sie einfach. Tu es. Es ist ganz leicht. Denk nicht mehr an sie, dann kann sie auch nicht mehr an dich denken. Streiche sie aus deinem Gedächtnis.«

Danach blieb er stumm. Auch auf ihre weiteren Fragen blieb er die Antworten schuldig. Als sie sich schließlich beklagte, was für ein sturer Kerl er sei, hob er bloß die Schultern. Schweigsam ging er voraus. Sanchia trottete notgedrungen hinter ihm her und folgte ihm in eine der benachbarten Calli, wo der Gestank weniger schlimm war. Ein Wasserträger wankte ihnen entgegen, gebeugt und schwitzend unter der Last des Jochs, an dem zu beiden Seiten die hölzernen Eimer schaukelten.

»Ich habe Durst«, quengelte Sanchia prompt. Das war nicht gelogen, ihr brannte tatsächlich die Kehle vor Trockenheit. Pasquale kramte eine Münze hervor und wartete, bis Sanchia aus der Schöpfkelle, die der Händler ihr reichte, ein paar Schlucke getrunken hatte. Anschließend trank er selbst.

»Hunger habe ich auch«, meinte Sanchia. Tatsächlich knurrte ihr der Magen, denn außer den Orangen und etwas in Milch eingeweichtem Brot gleich nach dem Aufstehen hatte sie heute noch nichts zu sich genommen. Ein paar Schritte voraus hatte sie vor einem Hauseingang einen Verkaufstisch erspäht, hinter dem eine verhutzelte Alte stand und gebratene Fischstücke feilbot. Pasquale blieb sofort stehen; er war fraglos ebenso ausgehungert wie sie selbst.

Wieder wechselte eine Münze den Besitzer, und Sanchia schlang ihre Portion hastig in sich hinein. Pasquale war sogar noch schneller mit Essen fertig. Hinterher schien er gnädiger gestimmt, denn an einem anderen Stand kaufte er Sanchia einen heißen, in Öl ausgebackenen Krapfen, der mit einer Masse aus Mandeln, Zimt und Honig gefüllt und reichlich mit Zucker bestreut war.

Nach diesem Genuss war Sanchia vorläufig mit sich und der Welt versöhnt. Es kam nicht oft vor, dass sie Süßigkeiten bekam. Zucker und Gewürze waren kostbar, weit teurer als Obst oder Gemüse, die in jedem kleinen Garten gezogen werden konnten.

Die Calle mündete in einer ungepflasterten Gasse mit breiten Auskragungen über den Untergeschossen der einander gegenüberliegenden Häuserreihen. Darunter herrschte Dämmerlicht. Es war fast, als durchschritten sie einen nach oben hin geschlossenen Gang.

Am Ende der Gasse blieb Pasquale vor einer Pforte stehen, an der ein großes, mit Buchstaben und Verzierungen bemaltes Holzschild hing. Er klopfte kurz und stieß die Tür auf. Scharfe Dünste von Chemikalien und zerstoßenen Metallen drangen aus dem Inneren des Hauses. Sanchia, die Pasquale auf dem Fuße folgte, stellte sogleich fest, dass der Verkaufsraum große Ähnlichkeit mit der privaten Werkstatt ihres Vaters aufwies, nur dass es hier keinen Schmelzofen gab, dafür aber eine aus Brettern zusammengenagelte Verkaufstheke mit allerlei Gerätschaften, von denen Sanchia zweifelsfrei nur ein Stundenglas, diverse Gewichte, Pergamentrollen, ein Tintenfass und Federkiele identifizieren konnte.

Auch standen an den Wänden die gleichen hohen Regale wie in der Werkstatt ihres Vaters, voll gestopft mit den ihr vertrauten Gefäßen, die es hier ebenfalls in allen Größen und Formen gab. An der Rückseite des Raums waren Säcke und Fässer aufgereiht, die mit unverständlichen Symbolen beschriftet waren.

Davor stand eine Bank, auf der ein kahles Individuum fortgeschrittenen Alters lag und mit weit offenem, zahnlosen Mund vor sich hinschnarchte.

Pasquale stieß beim Nähertreten mit dem Fuß gegen einen leeren Branntweinkrug, die daraufhin unter einigem Getöse über die Bodendielen kollerte. Der Alte zuckte mit keinem Muskel, sondern schnarchte höchstens noch lauter.

»Das trifft sich gut«, sagte Pasquale, während er sich auf einem der Fässer niederließ.

»Warum?«

»Weil wir jetzt hier in Ruhe auf deinen Vater warten können, ohne Sebastianos dämliche Fragen beantworten zu müssen.«

Sie wartete, bis der Glasbläser endgültig gegangen war. Da das Boot mitsamt seinem Gesellen und seiner Tochter schon vorher verschwunden war, war er genötigt, eine Gondel zu mieten, was sie mit unbestimmter Belustigung erfüllte. Der große Künstler – er hatte plötzlich so ängstlich und betroffen ausgesehen!

Erst als die Gondel sich ihren Blicken entzogen hatte, wagte sie es, in die Dachkammer hinaufzusteigen. Hier war sie nicht völlig ungefährdet, aber seit sie vor ein paar Jahren den Riegel hatte anbringen lassen, durfte sie zumindest vor unliebsamen Überraschungen sicher sein. Der Spiegel an der Wand war neu. Er stammte nicht von Foscari, aber er war das Beste, was momentan in der ganzen Republik zu haben war. Es hieß, in Deutschland seien ebenfalls Erfolg versprechende Forschungen bei der Spiegelherstellung im Gange, doch es konnte Jahre dauern, bis jemand dieses neue Wissen nach Venedig brachte, wobei durchaus angezweifelt werden durfte, dass die Spione des Zehnerrats einen solchen Sendboten lange genug am Leben ließen.

Sie blieb vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich. Am liebsten hätte sie mit der Faust das Glas zerschmettert. Ihr Antlitz wirkte in der uneben gearbeiteten Fläche so verzerrt, dass sie einen Schrei unterdrücken musste. Hilflos biss sie sich auf die Lippen und wartete, bis die Anwandlung von Zorn vorüberging. Im Zorn hatte sie schon furchtbare Dinge getan. Sie erkannte, dass sie von den Ereignissen des heutigen Tages aufgewühlt war. Wenn sie sich nicht beherrschte, konnte das schlimme Folgen haben. Beherrschung war jedoch die unabdingbare Voraussetzung für ein sicheres Leben.

Sie trat näher zum Spiegel und spürte erneut das Entsetzen in sich aufsteigen. Ihr Haar war so dunkel! Obwohl sie häufig, wenn niemand es mitbekam, Zitronensaft hineinträufelte und es der prallen Sonne aussetzte, würde es niemals von allein jenen Farbton annehmen, den die Hexe Sanchia ihr Eigen genannt hatte, ebenso wie es ihre Tochter tat, die heute plötzlich und wie ein Geist aus der Vergangenheit hier aufgetaucht war. Beider Haar hatte dieselbe Farbe. Mondlicht, das sich in der Lagune spiegelte. Silber, von der Sonne beschienen. Reines, helles, herrlich schimmerndes Haar.

Sie stöhnte auf und griff sich an den Kopf, erfüllt von Selbsthass. Wie aus eigenem Antrieb bewegte ihr Körper sich auf die Truhe neben dem Spiegel zu. Sie holte den Schlüssel aus ihrem Schuh, das einzige Versteck, das ihr dafür sicher genug erschien. Er quietschte in dem altertümlichen Vorhängeschloss, doch der Deckel der Truhe klappte anschließend wie immer leicht und geräuschlos auf.

Hastig zog sie den Seidenstoff zur Seite, bis sie gefunden hatte, was sie brauchte. Während sie die silbern schimmernden Haarsträhnen glatt strich, dachte sie voller Dankbarkeit, was für ein Glück es doch gewesen war, dass die Flammen nicht den Dachstuhl erreicht hatten. Die Kammer wie auch die ganze obere Etage hatten bei dem Brand keinen Schaden genommen.

Mit zitternden Fingern streifte sie die Perücke über ihr eigenes, viel zu hässliches Haar und ging dann zögernd zurück zum Spiegel, um sich erneut zu betrachten. Ja, das war besser. Viel besser. Sie rückte die Haare der verfluchten Sklavin zurecht und fand sich schön. Ihre Haut war nicht so hell wie die der Hexe, aber deren Haar stand ihr gut.

Sie summte und spitzte die Lippen wie zum Kuss. Wenn sie nur immer dieses Haar tragen könnte! Oder das Kleid! Sie eilte abermals zur Truhe, um das Seidengewand herauszuholen. Natürlich war es ihr zu klein, die Sklavin war erst sechzehn gewesen, mit zierlicher Taille und schmalen Schultern. Sie selbst würde hundert Jahre hungern können und würde doch niemals diese grazile Gestalt erlangen. Doch sie hatte sich fast das gleiche Gewand schneidern lassen, es war eine sehr gute Imitation.

Rasch entledigte sie sich ihrer eigenen Gewänder, bis sie nackt war. Anschließend schlüpfte sie in das feine, durchsichtige Seidenkleid, in dem die Hexe ausgesehen hatte wie eine verruchte Odaliske beim Schleiertanz. O ja, sie war nur eine Sklavin gewesen, und dazu nicht mal eine besonders tüchtige. Aber sie hatte es verstanden, ihre Reize auszuspielen! Und sie hatte es tatsächlich geschafft, das verfluchte Kind zu bekommen, trotz der tödlichen Verletzungen. Ein Wunder oder eine lächerliche Laune des Schicksals? Sie wagte nicht, darüber nachzudenken.

Etwas fehlte noch. Die Hexe hatte es nicht benutzt, aber sie selbst fühlte sich damit einfach hübscher. Sie holte die Schatulle mit den Schminkutensilien aus der Truhe. Mit geübten Fingerstrichen verteilte sie in dezenter Dosierung Zinkweiß, Lippenfarbe und Khol, und als sie das Ergebnis im Spiegel begutachtete, war sie zum ersten Mal an diesem Tag zufrieden mit sich.

Es machte ihr nicht einmal sonderlich viel aus, als der alte Mann nach ihr rief. Seine zittrige Stimme war kaum zu hören, doch er würde nicht ruhen und weiterstöhnen, bis jemand sich seiner erbarmte. Natürlich würde sie zu ihm gehen, das war sie ihm schuldig. Armer, alter Mann!

Bei dem Gedanken, in diesem Gewand und mit dem angemalten Gesicht vor ihm zu erscheinen, erfüllte sie eine diebische Freude. Mit den Händen strich sie sich über die Hüften und vergewisserte sich, dass die Seide glatt auf ihrer Haut lag. Dann horchte sie aufmerksam nach unten, doch es war kein Geräusch zu hören. Rasch zog sie den Riegel zurück und schlüpfte aus dem Zimmer, um zur benachbarten Tür zu eilen. Sie hatten den Alten heraufschaffen lassen, gleich nachdem ihn der Schlag getroffen hatte. Seine unartikulierten Schreie und das ewige Stöhnen hätten sonst das Leben im Piano nobile unerträglich gemacht. Hier oben war er kaum zu hören, es sei denn, sie selbst hielt sich zufällig gerade in der Kammer neben der seinen auf.

Sie öffnete möglichst lautlos die Tür und schlich zu seinem Bett. Rein äußerlich wirkte er kaum verändert, bis auf die Lähmung, die seinen ganzen Körper gefangen hielt und ihn daran hinderte, mehr zu bewegen als ein paar Finger seiner linken Hand. Er konnte weder sprechen noch sonst etwas alleine erledigen. Die Bediensteten mussten ihn waschen, füttern und windeln wie ein kleines Kind.

Doch sein Denkvermögen war nicht im Mindesten beeinträchtigt. Sie erkannte es jedes Mal an dem kalten Entsetzen, das in seine Augen trat, sobald sie unerwartet vor seinem Bett auftauchte, vor allem, wenn sie so gekleidet und zurechtgemacht war wie jetzt.

Kichernd beugte sie sich über ihn und strich ihm über das schüttere Haar.

»Bin ich ein ungezogenes Mädchen? Was denkst du? Gefalle ich dir?«

Ein Speichelfaden rann ihm aus dem Mundwinkel, langsam und Ekel erregend. Doch es störte sie nicht. Mit einem verschwörerischen Lächeln beugte sie sich über ihn, um ihn auf die Lippen zu küssen. »Ich weiß, das sollte ich nicht tun. Die Kirche sagt, es sei Sünde.« Sanft flüsterte sie die Worte an seinem faltigen Hals, eine Hand an seiner Wange. »Doch die Liebe geht nun mal ihre eigenen Wege, und wer könnte dich mehr lieben als ich, Vater?«

Piero war sofort aufgebrochen, als er festgestellt hatte, dass das Boot weg war. Sein neuer Auftraggeber hatte zwar ein wenig befremdet reagiert, zeigte jedoch Verständnis, vor allem, nachdem Piero ihm versichert hatte, dass er in einigen Wochen wiederkommen würde. Bis zur Fertigstellung des Rohbaus würde es ohnehin noch eine Weile dauern, und vorher würde er auch keine Fenster einpassen können. Immerhin hatte Giovanni Caloprini eine Auswahl aus den Glasmustern treffen können, der Zweck des heutigen Besuchs war folglich erfüllt.

Piero fühlte sich elend, als die Gondel endlich in den stinkenden Kanal einbog, der an der Abdeckerei vorbeiführte. Ihm war sterbensübel, und das hatte nichts mit den widerwärtigen Gerüchen zu tun, die von den herumliegenden Fleischabfällen kamen.

Er entlohnte den Gondoliere und legte den restlichen Weg im Laufschritt zurück, die Kiste mit den klirrenden Musterstücken auf der Schulter.

Seine Erleichterung war gewaltig, als er seine Tochter und seinen Gesellen in Sebastianos Laden antraf. Er stellte die Kiste ab, und Sanchia stürzte auf ihn zu. Er hob sie hoch in seine Arme und presste sie so fest an sich, dass sie aufstöhnte.

Über ihren Kopf hinweg schaute er Pasquale an, der seinen Blick niedergeschlagen erwiderte. Sie beeilten sich, zum Sàndolo zurückzukehren und die Heimfahrt anzutreten. Unterwegs wechselten sie kaum ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach. Sanchia, die vorhin schon erschöpft gewirkt hatte, schlief nach kurzer Zeit ein, den Kopf in Pasquales Schoß.

»Caloprinis Frau«, sagte Pasquale nach einer Weile leise. »Ihretwegen sind wir verschwunden. Sie weiß etwas.«

Piero nickte. »Ich habe es mir gedacht.« Er trieb das Boot mit stetigen Ruderschlägen voran, und nichts an der bedächtigen Art seiner Bewegungen ließ ahnen, wie es in ihm rumorte.

»Wir haben nie drüber geredet«, fuhr Pasquale zögernd fort. »Aber der Mann, der damals … Ihr wisst schon. Es war nicht einfach nur irgendein Betrunkener. Es war ein Edelmann. Teuer gekleidet, mit einem wertvollen Schwert. Er war völlig nüchtern, und er hat das Mädchen mit der Absicht von der Piazza weggeschleppt, um …« Mit einem kurzen Blick auf Sanchia verstummte er, doch das Kind schlief fest.

Piero hielt einen Moment mit Rudern inne und lockerte seine Schultern. »Das Mädchen … Die andere Sanchia – du hast sie gemocht, oder?«

Pasquale nickte mit gesenkten Augen. »Ich kannte sie nicht. Aber sie war so … Nie zuvor habe ich eine Frau gesehen, die so schön war wie sie.«

Wieder schwiegen sie. Piero dachte an die Nacht vor mehr als sieben Jahren, und jeder einzelne Augenblick war mit einem Mal wieder gegenwärtig, gerade so, als wäre die Zeit seither nicht verstrichen.

Sie hatten Castello durchquert und fuhren in die Lagune hinaus. Als er das Segel hisste, kreuzte ein Traghetto mit Trauerbeflaggung ihren Weg, der Sarg darauf wie ein dunkles, lang gezogenes Mahnmal. Weitere Boote mit Trauernden folgten, begleitet von kreischenden Möwenschwärmen. Schluchzen und rituelle Klagegesänge stiegen auf und wurden vom Wind über das Wasser getragen. Es waren Juden, die diesen Toten zur letzten Ruhe begleiteten. Die gelben Ringe an ihrer Kleidung leuchteten in der Abendsonne. Langsam entfernte sich der Trauerkonvoi auf seinem Weg zum Lido, wo sich der jüdische Friedhof befand.

»Sie war den Caloprinis bekannt. Zumindest einigen von ihnen. Und verhasst. Vielleicht so sehr, dass es über den Tod hinausreicht. So sehr, dass der Hass auch dem Kind gilt.« Pasquale stellte diese Überlegungen mit leiser Stimme an, die gegen den aufkommenden Wind kaum zu hören war. Doch Piero hatte dieselben Schlussfolgerungen im Stillen schon vorher gezogen. Jemand aus der Familie Caloprini war für den Tod des Mädchens verantwortlich, hatte sie vielleicht sogar eigenhändig ermordet.

Und jetzt wusste der Betreffende, wo ihre Tochter lebte. Seine Tochter, verbesserte er sich sogleich in Gedanken. Sanchia war sein Kind, ungeachtet der Frage, wer ihr Erzeuger gewesen sein mochte. Sie gehörte zu ihm und Bianca. Er würde sie mit seinem Leben beschützen. Doch er fragte sich voller Unruhe, ob das reichen würde.

Die restliche Fahrt über schwiegen sie. Erst als nach der letzten Biegung des Kanals bereits sein Haus in Sicht kam, sagte Piero leise: »Wenn … Ich meine, sollte es einmal …« Er stockte und suchte nach Worten, nur um schließlich zusammenhanglos hervorzustoßen: »Du würdest dich um sie kümmern, oder?«

Pasquale begriff sofort, worauf er hinauswollte. Pathetische Worte lagen ihm nicht, doch sein Nicken kam sofort und mit Nachdruck.

Dennoch legte sich Pieros Unruhe nicht, sondern wurde in den folgenden Tagen eher schlimmer. Der Alltag gestaltete sich wie immer, rein äußerlich setzten sie ihr Leben unverändert fort, bis auf kleinere Zwischenfälle, die indessen nicht gravierender waren als andere Unannehmlichkeiten, zu denen es in einem großen Haushalt wie dem seinen zwangsläufig hin und wieder kam.

In der kleineren Werkstatt brach ein Brand aus, als sich eines der Pulver unter der Sonneneinstrahlung selbsttätig entzündete, doch Piero war in der Nähe und konnte die Flammen rasch mit einer Ladung Sand löschen.

Tags darauf verletzte Nicolò sich am Daumen, ein tiefer Schnitt, den er sich bei dem Versuch beibrachte, eine fertige Scheibe ohne Hilfe von der Werkbank zu heben. Zurück blieben ein Haufen Scherben und eine Pfütze Blut. Piero nähte die Wunde und schickte den Lehrjungen anschließend für eine Woche heim zu seiner Mutter.

Vittore trank mehr denn je und verdarb einen guten Spiegel, weil er die erhitzte Metallmischung fallen ließ. Er kurierte die dabei entstandenen Verbrennungen an seinen Beinen mit dem Verzehr von noch mehr Zwiebeln, bis seine prompt folgenden Verdauungsstörungen das Geruchsempfinden seiner unglücklichen Kollegen aufs Ärgste strapazierten.

Bei Bianca setzten nachts immer wieder leichtere Wehen ein, die jedoch bis zu den Morgenstunden vergingen. Die Hebamme untersuchte sie und erklärte, es sei alles in bester Ordnung. Piero gestattete es sich nicht, diese Aussage anzuzweifeln. Er hatte genug andere Sorgen.

Die harmlosen Vorfälle schienen nur Sendboten künftigen, weit schlimmeren Unheils zu sein. Böse Ahnungen hatten sich seiner bemächtigt und füllten sein ganzes Denken aus, bis Vergangenheit und Gegenwart sich auf beängstigende Weise zu vermischen schienen. Er konnte seine schwangere Frau nicht anschauen, ohne an das Mädchen von damals zu denken. Und wenn er Sanchias blonden Schopf sah, erstand in seinem Geist das Bild von gewaltsam geschorenem Haar.

Zwei Tage nach dem Besuch bei den Caloprinis tauchte ein Fremder auf. Er lungerte in den Gassen rund um die Glaserei herum und ruderte mit einem morschen Kahn scheinbar ziellos den Kanal auf und ab. Hager, schlecht gekleidet und die Kappe tief ins Gesicht gezogen, war er niemand, der besonderes Aufsehen erregt hätte, doch jemandem, der neuerdings auf noch so nebensächliche Abweichungen vom Alltäglichen achtete, konnte er nicht entgehen.

Piero selbst war es, der den Mann entdeckte, denn seit seiner Rückkehr konnte er kaum noch arbeiten. Weit häufiger als sonst trat er aus der Werkstatt ins Freie und behielt argwöhnisch seine Umgebung im Auge. Der Mann duckte sich und ruderte hastig hinter ein Floß mit Brennholzstapeln, als er merkte, dass er aufgefallen war. Anschließend war er verschwunden und ließ sich auch an den folgenden Tagen nicht mehr blicken.

Dennoch konnte Piero nicht umhin, eine Entscheidung zu treffen. Es brach ihm das Herz, doch er wusste keinen anderen Ausweg.

Sein Entschluss war gefallen, als er Bianca drei Tage nach dem Auftauchen des Fremden abends in ihrer Schlafkammer aufsuchte. Sanchia war bereits zu Bett gegangen, und auch die Arbeiter und das Gesinde hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen.

Bianca saß mit durchgedrücktem Kreuz auf einem Schemel und kämmte ihr Haar, das in langen Strähnen bis zum Fußboden herabhing. Ein Talglicht brannte auf der Kommode und erzeugte ein mattes Licht, das flackernd von dem Spiegel in der Ecke der Kammer zurückgeworfen wurde.

»Ich möchte Sanchia in ein Kloster bringen. Gleich morgen, zusammen mit Pasquale. Ich habe schon mit ihm gesprochen, auch er meint, es sei die beste Lösung.«

Die Hand mit dem Kamm verharrte in der Luft. Bianca drehte sich nicht zu ihm um, sondern betrachtete ihn im Spiegel, wo seine Gestalt leicht verzerrt zu sehen war. Schatten schienen aus der Dunkelheit über seinen Körper und sein Gesicht zu kriechen, als er sich einen Schritt nach vorn bewegte und seine Hand auf Biancas Schulter legte.

»Ich nehme nicht an, dass sie dorthin soll, um lesen zu lernen«, sagte sie tonlos.

Er erzählte ihr von dem Fremden. »Kann sein, dass ich Gespenster sehe«, meinte er. »Aber mein Gefühl sagt mir das Gegenteil. Sie ist in Gefahr.«

Bianca starrte ihn bloß an.

»Das ist doch hier kein Leben mehr für sie«, brach es aus Piero heraus. »Sie darf nicht mehr raus, muss den ganzen Tag in der Kammer hocken! In der einen Woche ist sie richtig apathisch geworden! Hast du sie seither auch nur ein einziges Mal lachen hören? Und um uns steht es auch nicht viel besser! Wir machen uns noch ganz verrückt vor lauter Sorge!«

»Du würdest sie ernsthaft hergeben?«

»Wenn es sie rettet: ja.«

Sie fing an zu weinen, eine Hand immer noch um den Kamm gekrampft, die andere auf ihren schweren Leib gelegt. Piero ging neben ihr in die Hocke und umschlang sie mit beiden Armen, das Gesicht gegen ihren Bauch gedrückt. Tränen stiegen ihm in die Augen, und in seiner Kehle formte sich ein Schluchzen. Er hatte geglaubt, nicht weinen zu können, aber nun tat er es doch. Nur, dass es ihm keine Linderung in seiner Qual verschaffte, sondern alles nur noch schlimmer machte.

»Es tut mir leid«, stammelte er. »Es tut mir ja so leid!«

»Das Kloster – es würde Geld kosten«, meinte sie mit dumpfer Stimme. »Sie nehmen nur Mädchen aus hoch gestellten Familien. Es sei denn, sie brauchen eine als billige Magd für die niedrigsten Dienste, zum Wasserschleppen, Ställeausmisten und Putzen! Soll unsere Tochter etwa Nonne werden, um vornehmen Gänsen hinterherzuputzen?«

Er verschwieg ihr, dass manche Nonnen sich weit fragwürdigerem Zeitvertreib als dem Putzen hingaben. Dies war nicht der Moment, davon anzufangen. Außerdem hatte er Erkundigungen eingezogen und dabei einiges erfahren, das ihn dazu gebracht hatte, seine Vorurteile über Frauenklöster zu revidieren.

»Es ist genug Geld da«, sagte er. »Sie wird da alles haben, was sie braucht.«

Sie beugte sich zurück, um ihn ansehen zu können. Ein fragender Ausdruck stand auf ihrem Gesicht. »Was meinst du damit?«

»Ich habe Geld.«

»Willst du damit sagen, dass wir reich sind?«

Ein wenig linkisch hob er die Schultern. Bisher hatte er nie einen Grund gehabt, sich über Reichtum oder Armut den Kopf zu zerbrechen. Er hatte immer genug verdient, um seine Familie und sein Gesinde sowie die Glaswerkstatt mit ihren Arbeitern zu unterhalten. Er kaufte Feuerholz für die Öfen, Sand, Kalk und Soda sowie alles, was er an Metallen und sonstigen Bestandteilen für die Glasherstellung benötigte. Daraus fertigte er Scheiben, Spiegel, Ziergegenstände und Gläser für den täglichen Gebrauch und übergab anschließend die Produkte seinen Zwischenhändlern, die ihm förmlich alles aus den Händen rissen, sobald es fertig war. Oft führte er auch besonders kunstvolle und kostspielige Arbeiten auf Bestellung aus, was sich in letzter Zeit häufte, sodass die Produktion von Mengenartikeln nun überwiegend seinen Arbeitern oblag.

Für das eingenommene Geld kaufte er wieder neue Rohstoffe, und so weiter und so fort. Es war ein nie abreißender, einträglicher Kreislauf.

Er wusste, dass manche Fioleri genaue Listen erstellten, in denen sie ihre Einnahmen und Ausgaben protokollierten, doch damit hatte er nie seine Zeit verschwendet. Einen Teil seiner Einkünfte führte er jedoch an seine Zunft ab, so wie es üblich war in Venedig, wo die Scuole für die Armen und Alten unter den ihren sorgten.

Das, was an Geld übrig blieb und nicht zum Leben verbraucht wurde, hatte er eine Zeit lang in einer Börse aufbewahrt, bis diese zu platzen drohte. Danach war das Geld in eine Schatulle gewandert, die auch schon beinahe voll war. Gestern hatte er die Dukaten zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder gezählt. Es war mehr als genug da. Nicht nur, um Sanchia in ein Kloster einzukaufen, sondern auch, um ihr dort für den Rest ihres Lebens ein sorgenfreies Auskommen zu ermöglichen.

»Lass uns weggehen!«, sagte Bianca plötzlich. »Wenn wir Geld haben, können wir weg von hier.«

Er hob den Kopf. »Was meinst du mit weg

»Weg von Venedig. Nach Florenz. Oder Rom.« Ihre Stimme wurde eifriger. »Oder warum nicht in ein anderes Land!«

»Darauf steht der Tod!«

»Lieber sterbe ich, als mein Kind herzugeben«, sagte sie ruhig.

Im Licht der Talgleuchte sah ihr Gesicht unwirklich aus, wie von Schatten aus einer fremden Welt erfüllt. Ihre Augen waren vom Weinen geschwollen, aber ihre Miene spiegelte Entschlossenheit wider.

Unter seinem Arm, der um ihre Mitte lag, spürte er, wie das Kind in ihrem Leib sich bewegte.

Als würde ihn plötzlich ein Widerhall ihrer Gefühle treffen, merkte er, wie alles in ihm aufbegehrte.

»Du hast Recht«, sagte er, ganz der verrückte Glasbläser. »Lieber sterben, als ohne sie zu sein!«

Nachdem sie zu Bett gegangen waren, redeten sie noch bis tief in die Nacht hinein. Sie schmiedeten Pläne, wohin sie gehen könnten und wie sie es bewerkstelligen würden. Piero hielt seine Frau in den Armen und gab vor, mit neu erwachter Begeisterung in die Zukunft zu blicken, doch sein Inneres war wie ein einziger Klumpen aus Blei. Ein Gefühl von Ausweglosigkeit hielt ihn gefangen, und mit dieser Empfindung schlief er am Ende auch ein.

Als er aufwachte, spürte er eine akute Bedrohung. Es war noch Nacht. Von draußen drang kein Licht durch die geschlossenen Läden, und auch im Zimmer war es finster. Neben ihm ertönte ein gurgelndes Geräusch, und als er orientierungslos die Hand ausstreckte und die Kissen betastete, fühlte er Nässe unter seinen Fingern. Er berührte den Körper seiner Frau.

»Bianca?«

Ein erneutes Gurgeln. Es kam von ihr.

»Bianca?«

Sie gab keine Antwort, doch ihre Hand krallte sich für einen Moment in seinen Arm, dann fiel sie schlaff wieder herab.

O Gott, dachte er, das Kind kommt doch früher!

Piero sprang aus dem Bett und stieß die Läden auf, woraufhin blasses Nachtlicht in den Raum fiel. Als er sich wieder zum Bett umwandte, sah er seine Frau, die ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte. Blut sprudelte aus ihrer aufgeschlitzten Kehle. Sie röchelte noch ein weiteres Mal, dann versiegte der pumpende Blutfluss.

Piero blinzelte in die plötzlich einsetzende Stille, als könne er so das grausige Bild vertreiben, das sich ihm bot. Doch der Anblick blieb derselbe. Seine Frau, die tot in ihrem Blut lag.

Bevor er sich bewegen konnte, spürte er das Messer an seiner Kehle. »Wenn du nicht willst, dass wir dasselbe mit dir und deiner Tochter machen, bist du besser still«, flüsterte es dicht hinter ihm.

Er gab ein unartikuliertes Geräusch von sich, es klang wie das Stöhnen eines gefolterten Tieres. »Sanchia … wo …«

»Hier. Wir haben sie hier, dein kleines Täubchen.«

Er hörte sie wimmern, und das war der Moment, als etwas in ihm zerriss. Er packte die Hand, die das Messer gegen seinen Hals drückte, und dann drehte er brutal das Gelenk, bis er den Knochen knacken und dann zerbrechen hörte. Er stieß einen wilden Schrei aus, während er herumfuhr, um seinen Angreifer vollends zu überwältigen.

Ihm wurde zu spät klar, dass noch ein weiterer Mann im Zimmer war. Er trug einen schwarzen Umhang, und sein Gesicht war unter einer Maske verborgen. Er schlug Piero in den Bauch, ein harter Hieb, der ihm die Luft wegnahm. Die Augen hinter den Sehschlitzen der Maske funkelten ihn an, während Piero einen Schritt zurücktaumelte.

Er konnte immer noch nicht richtig atmen. Mit vagem Erstaunen bemerkte er, dass der Mann ein blutverschmiertes Kurzschwert in der Hand hielt. Er hatte Piero keinen Schlag versetzt, sondern ihm die Klinge in den Leib gestoßen.

Pieros Blick trübte sich bereits, die Umrisse des Fremden verschwammen zusehends vor seinen Augen. Ein weiterer harter Schlag folgte dem vorangegangen, eine Handbreit tiefer als der erste. Als er langsam in die Knie sackte und dann zur Seite fiel, hörte er sein Kind aufschluchzen.

Dunkelheit brandete von allen Seiten auf ihn ein, dennoch zwang er sich, die Augen zu öffnen. Sanchia … Wo war seine Tochter?

Der zweite Mann hatte sie beim Haar gepackt und zerrte ihren Kopf nach hinten. Auch er trug Umhang und Maske. Er hielt Sanchia nachlässig wie eine Puppe. Der Dolch an ihrem schmalen Hals wirkte riesenhaft, fast wie ein Schwert. Er umklammerte ihn mit der gebrochenen Hand, linkisch und kraftlos. Doch es brauchte keine Kraft, um einem kleinen Kind das Leben zu nehmen.

Ihre Augen waren starr wie durchsichtiges Glas, ihr Gesicht bleicher als der Mond.

Ihr Leben zog an ihm vorbei. Die Geburt in dem schmutzigen Cortile. Das flaumbedeckte Köpfchen an Biancas Brust. Die ersten tapsigen Schritte, in die Sicherheit seiner Arme. Das erste Wort: Papa.

Dann war sie drei Jahre alt und wollte wissen, warum die Sonne nicht vom Himmel fiel. – Aber das hat sie schon getan, Piccina – sie steht gerade vor mir!

Seine Lippen bewegten sich, als könnte er noch einmal mit ihr sprechen. Doch selbst, wenn ihm noch Zeit geblieben wäre, hätte er niemals die richtigen Worte gefunden.

Was hätte er auch sagen sollen? Danke, dass du zu uns gekommen bist? Danke für dein Lachen, deine Fragen, die vielen Augenblicke, in denen die Zeit stillstand vor lauter Glück?

Er hätte ihr so gern all das und noch viel mehr zum Abschied gesagt. Stattdessen hielt er für einen letzten Moment ihren Blick fest, frei von Angst und voller Liebe.

Leb wohl, meine Tochter!

Pasquale wurde von trappelnden Schritten wach, die aus der Werkstatt zu hören waren. Gleich darauf schrie ein Mann unterdrückt auf. Ein anderer zischte: »Halt den Mund! Willst du, dass alle aufwachen?«

»Ich habe mich an irgendwas Scharfem geschnitten. Verdammt, hier liegt überall Glas rum.«

»Schweig! Wo ist das Kind? Warum hast du es nicht festgehalten?«

»Sie hat mich gebissen. Außerdem ist meine Hand gebrochen.«

Pasquale war bereits lautlos von seinem Lager geglitten und hatte sich mit dem Rücken gegen die Wand neben der Tür gepresst. Meist schlief er wie alle anderen in dem straßenseitigen Anbau des Hauses, wo sich die Kammern der unverheirateten Arbeiter und des übrigen Gesindes befanden, doch heute hatte er in der kleineren Werkstatt noch länger an einer Metalllegierung gearbeitet. Als er zu müde gewesen war, um weiterzumachen, hatte er sich auf der Decke neben dem immer noch warmen Ofen zusammengerollt und war eingeschlafen. Wenn die Nächte kühler wurden, zog er es gelegentlich vor, in der Werkstatt zu übernachten statt in der zugigen Kammer, die er zudem mit dem ewig rülpsenden und furzenden Vittore teilen musste.

Das Flüstern nebenan ging weiter, es entwickelte sich zu einem Streit. »Sie muss hier irgendwo sein, sie kann nicht nach draußen gerannt sein, sonst wäre ja eine Tür offen.«

»Vielleicht ist sie durch eines der Paneele geschlüpft.«

»Worauf wartest du dann, du Tölpel! Geh raus und sieh nach! Ich suche hier drin weiter.«

Pasquale hörte Schritte auf den Dielen und scharrende Geräusche, als würde jemand Fässer und Kisten hin und her rücken.

Dann kam der andere Mann zurück. »Draußen ist sie nicht. Vielleicht ist sie in den Kanal gefallen und ertrunken.«

»Das hättest du wohl gerne, du Idiot! Wieso konntest du ihr nicht einfach das Messer in den Hals stoßen, als du die Gelegenheit dazu hattest? Der Frau konntest du doch auch die Kehle durchschneiden!«

»Ich dachte, ich sollte ihr zuerst die Haare abschneiden, und das hab ich auch gemacht, oder nicht?«

»Du solltest ihr vorher die Kehle durchschneiden, danach hätte sie sich nicht mehr wehren können!«

»Dann wäre das Haar ruiniert gewesen, oder etwa nicht?«

»Du hättest sie abstechen sollen!«

»Ich hab’s ja versucht! Aber sie hat mich gebissen!«

Pasquale merkte, wie ihm am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. Er wagte kaum, Luft zu holen.

»Du bist völlig unfähig!«, zischte der erste Mann. »Hättest du dir von Foscari nicht die Hand brechen lassen, hätte ich ihn nicht erstechen müssen!«

»Aber es ist doch gut, dass er tot ist! Er könnte uns verraten!«

Der andere Mann fluchte leise. »Natürlich ist es gut. Aber er hätte uns vorher sagen können, wo das Amulett ist. Und die Stelle, wo er sein Geld versteckt. Was glaubst du denn, wovon ich dich bezahlen wollte?«

»Vom Geld des Glasbläsers?«, kam es dümmlich zurück. Ein leises Kichern folgte. »Das ist gut. Er muss selbst für seinen Tod und den seiner Familie zahlen!«

Pasquale hatte genug gehört. Seine Furcht und sein Entsetzen hatten sich in siedenden Zorn verwandelt. Mit zwei Schritten war er bei der Werkbank und entzündete mit Feuerstahl, Hanf und Zunder eine Fackel, bevor er in rasender Eile ein fein gemahlenes Gemisch aus Salpeter, Holzkohle und Schwefel in einen hohen eisernen Topf füllte.

»War da eben ein Geräusch? Vielleicht hat sie sich nebenan versteckt!«

Pasquale hielt mit einer Hand die Fackel und riss mit den Zähnen und der freien Hand einen Fetzen Stoff von seinem Hemd.

»Dann hätten wir ja die Tür gehen hören. Sie ist groß und schwer und mit Eisen beschlagen. Und sie ist zu, das siehst du doch!«

Pasquale rollte und zwirbelte den Stofffetzen über den Boden und stopfte dann ein Ende in das Pulvergemisch. Er hatte keine Ahnung, ob die Menge ausreichte. Sebastiano hatte es Piero und ihm selbst nur einmal vorgeführt, letzten Sommer auf einem Brachgelände unweit des Arsenals.

»Aber ich habe etwas gehört!«

»Dann sieh doch nach, du hirnloser Kerl!«

Pasquale stellte den Topf vor der Tür auf den Boden und ging daneben in die Knie, das Gesicht dicht am Boden.

Schritte näherten sich, und unter der Türritze hindurch waren Stiefel zu sehen, die auf der anderen Seite stehen blieben.

Der Türknauf wurde gedreht.

Pasquale hielt die Fackel an die primitive Lunte und fluchte lautlos, weil sie nicht gleich brannte.

Die Tür öffnete sich langsam und mit so lautem Knarren, dass nebenan sofort wieder Streit ausbrach. »Mach nicht so einen Lärm!«

»Das bin nicht ich, sondern die Tür!«

Endlich fing die Lunte Feuer. Pasquale ließ die Fackel zu Boden fallen und wich blitzartig hinter den Ofen zurück.

»Das verstehe ich nicht.«

»Was verstehst du nicht, du Tollpatsch?«

»Hier liegt eine brennende Fackel. Und ein merkwürdiges glimmendes Gerät.«

Die Explosion des Schwarzpulvers war so gewaltig, dass die Werkbank durch den halben Raum flog und sämtliche Regale splitternd zusammenbrachen. Die Tür wurde aus ihren Angeln gerissen und durchschlug einem der beiden Männer das Rückrat. Er war auf der Stelle tot, wobei später nicht mehr festgestellt werden konnte, ob er an seinem zerschmetterten Rücken gestorben war oder aber an der Stichflamme, die ihm das Gesicht mitsamt Maske bis auf die Knochen weggebrannt hatte.

An ihm war nichts zu entdecken, das geholfen hätte, seine Identität zu ergründen. Das bekundeten jedenfalls nach kurzer Zeit die eilends herbeigerufenen Militi, die nach ihrem Eintreffen gemeinsam mit den schockierten Arbeitern und dem aufgescheuchten Gesinde treppauf, treppab durchs Haus liefen und nach Beweisen suchten. Das Kind blieb zu aller Entsetzen trotz sofort ausschwärmender Suchtrupps unauffindbar. Es wurde daher die Vermutung geäußert, der andere Mörder, von dem ebenfalls keine Spur zu entdecken war, müsse es entweder mitgenommen oder getötet und im Kanal versenkt haben.

Dafür fanden die Militi den Glasbläser und seine Frau in deren Schlafkammer und überantworteten die sterblichen Überreste der inzwischen ebenfalls eingetroffenen Geistlichkeit. Ein Priester sprach betend seinen Segen über die armen Seelen und wies einige fromme Mitbürger aus der Nachbarschaft an, die geschundenen Körper herzurichten und sie in Anbetracht der besonderen Umstände nicht erst in der folgenden Nacht, sondern sogleich in die Kirche der Contrade zu bringen, wo man die Toten aufbahren und im Kreise der Hausgemeinschaft bei ihnen bis zum Morgen Wache halten würde. Es traf sich dabei gut, dass der bald anbrechende Tag ein Sonntag war und niemand dringend zur Arbeit musste.

Eilig formierte sich ein Fackelzug, der in stummer Prozession den Bahrenträgern in die Dunkelheit folgte. Die Leiche des Mörders wurde ebenfalls weggeschafft, wenn auch mit wesentlich weniger Aufwand und gänzlich ohne Pietät.

»Wollt Ihr nicht mit zur Totenwache?« Der Ordnungshüter, der als Letzter die Werkstatt verließ, war bei der Tür stehen geblieben und betrachtete Pasquale, der stumm inmitten der Zerstörung auf dem Boden hockte.

Der Polizist musste die Frage erneut stellen, denn Pasquales Ohren klingelten immer noch von dem gewaltigen Donnerschlag.

»Ich kann nicht laufen. Mein Fuß ist verletzt.«

»Warum habt Ihr nichts gesagt? Soll ich einen Arzt rufen?«

Pasquale schüttelte den Kopf. »Ich muss mich nur ein wenig erholen. Zum Begräbnis wird es wieder gehen.«

Die eigentliche Trauerfeier würde frühestens in zwei Tagen stattfinden, denn Piero Foscari würde als Mitglied einer Scuola natürlich mit dem gebührenden Pomp zu Grabe getragen werden, in einer Zeremonie, bei der keiner der wichtigen Würdenträger aus seiner Zunft fehlen durfte.

»Was glaubt Ihr, warum Foscari ermordet wurde?«

»Er war ein besonderer Künstler«, sagte Pasquale. Bis hierher war es die Wahrheit. »Hohe Kunst erregt oft Neid. Besonders dann, wenn es um die Herstellung von Glas geht.« Auch das stimmte noch. »Jemand wollte ihm seine Geheimnisse entreißen.« Ebenfalls wahr. »Und deshalb mussten er und seine Frau sterben. Danach haben die Mörder dann versucht, seine geheimen Ingredienzien mitzunehmen und dabei versehentlich die Explosion ausgelöst.« Das war gelogen, aber wen scherte das schon.

Der Beamte nickte mitfühlend und wünschte ihm eine gute Nacht. Pasquale stemmte sich vom Boden hoch und schickte sich erschöpft an, die überall herumliegenden Trümmer wegräumen. Er tat es mechanisch, ohne über das Ausmaß der Zerstörung nachzudenken. Sein ganzer Körper war steif und schmerzte, am meisten aber sein Fuß, der von einer der herumfliegenden Scherben getroffen worden war. Mehr als ein paar Schritte konnte er nicht gehen, sonst fing es wieder an zu bluten. Er hatte eine behelfsmäßige Kompresse angelegt, doch die Wunde an seiner Ferse war zu tief, um den Fuß belasten zu können.

Als er die quer im Raum liegende Tür aus dem Weg schieben wollte, begriff er, dass es über seine Kräfte ging. Nach der Seelenmesse würden die anderen zurückkommen und ihm helfen. Bis dahin sollte er das tun, was er zu dem Ordnungshüter gesagt hatte: sich ausruhen. Und dabei möglichst nicht zu viel nachdenken, damit ihn nicht das Elend übermannte.

Doch wann hätten sich Gedanken je unterdrücken lassen? Pasquale ließ sich wieder auf den Boden zurücksinken, rieb sich die schmerzenden Ohren und grübelte.

Höchstwahrscheinlich würden in den folgenden Tagen auch noch Beamte des Zehnerrats den Mord untersuchen, vielleicht könnte er ihnen den Fall in Gänze unterbreiten.

Voraussetzung dafür war allerdings, dass jemand von der Obrigkeit willens wäre, eine über jeden Zweifel erhabene Familie wie die Caloprini mit einem Verbrechen in Verbindung zu bringen.

Allein das war so wahrscheinlich wie Sonnenschein bei Nacht, zumal es keinerlei Beweise gab. Zudem pflegte die Signoria in solchen Zweifelsfällen den Denunzianten einzusperren und sein Geld zu konfiszieren, bis die Schuld des Angeklagten bewiesen war. So lautete die Vorschrift. Blieb natürlich noch die heimliche Denunziation, die, wen nahm es wunder, wie alles im Leben der Venezianer ebenfalls gesetzlich geregelt war. Doch die Schmierzettel in der Bocca di Leone nahm niemand wirklich ernst, es sei denn, der Angeschwärzte hatte schon andere Übeltaten auf dem Kerbholz.

Er drehte den Kopf, weil er etwas gehört hatte. War schon jemand aus der Kirche zurück? Nein, unmöglich, sie waren ja gerade erst alle gegangen.

Dann war das Geräusch wieder zu hören. Ein leises, rhythmisch wiederkehrendes Schaben.

Pasquale hielt die Luft an, um es besser lokalisieren zu können. Er stand auf und humpelte in den größeren Werkstattraum, wo er nacheinander in die Öfen schaute.

Sie saß im letzten, weit hinten und ganz klein zusammengekrümmt, die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf nach vorn gesenkt. Sie wiegte sich vor und zurück, immer wieder, ohne innezuhalten.

»Sanchia«, sagte Pasquale erschüttert. Er streckte die Arme aus und hob sie in einem Schauer herabrieselnder Holzasche aus der Öffnung. Als er sie auf den Boden stellen wollte, fing sie an zu wimmern und sich zu wehren.

»Ich bin es. Pasquale!« Entsetzt sah er, dass sich ihre Haut krebsrot verfärbt hatte. Der Ofen war immer noch heiß nach dem vorangegangenen Arbeitstag, doch eine rasche Untersuchung zeigte ihm, dass sie nicht verbrannt, sondern nur über die Maßen erhitzt war.

Er unterdrückte einen Fluch, als er gewahr wurde, dass ihr Haar dicht über der Kopfhaut geschoren war. Dort, wo vorher herrliche Silberflechten ihren Kopf umrahmt hatten, waren nur mehr kümmerliche Borsten und winzige Löckchen übrig. Sie sah damit auf so herzzerreißende Art ihrer leiblichen Mutter ähnlich, dass es ihm die Kehle zuschnürte.

Sein Fuß tat weh, und er hockte sich auf den Boden, sein Gesicht auf einer Höhe mit dem des Kindes, das mit geschlossenen Augen vor ihm stand.

»Sanchia«, sagte er abermals.

Sie sagte kein Wort und öffnete auch nicht die Augen.

Er zog sie in seine Arme und drückte sie an sich. Er wiegte sie, so wie sie es vorhin selbst getan hatte, und seine Hand streichelte den borstigen heißen Kopf. Den kleinen Körper fest umschlungen, blieb er sitzen, bis der Morgen graute.

Teil 2, Canale Grande, 1483–1484

Der Gesandte des Patriarchen traf kurz vor der Terz in San Lorenzo ein. Eine der Nonnen meldete der Äbtissin seine Ankunft und zog sich dann schnell wie der Wind in den Garten zurück.

Albiera konnte es dem Mädchen nicht verdenken. Am liebsten hätte sie sich ebenfalls versteckt. Als der kirchliche Würdenträger in vollem Ornat durch den Treppenbogen trat, verschränkte sie die Hände hinter ihrem Rücken und bemühte sich um ein verbindliches Lächeln. Sie ging nicht auf ihn zu, obwohl er es zweifellos wünschte. Stets verharrte er vor dem säulengestützten, mit korinthischem Gebälk verzierten Bogendurchgang wie eine Statue in einem kostbaren Rahmen, als warte er darauf, dass sie ihm entgegeneilte und ihm huldigte. Doch sie blieb wie bei seinem letzten Besuch auf der gegenüberliegenden Seite des Portego stehen, was ihn dazu zwang, den ganzen Raum zu durchschreiten, um zu ihr zu gelangen.

Suor Albiera Mocenigo wäre nicht Äbtissin geworden, hätte sie es nicht verstanden, Autoritäten mit der Gelassenheit der Gleichgestellten zu begegnen. Sie war die Schwester des Dogen und zugleich die Verwandte und Nachfahrin vieler früherer gleichnamiger Inhaber dieses Amtes. Die Mocenigo hatten der Serenissima über die Jahrhunderte hinweg ihren Stempel aufgedrückt.

Es lag ihr fern, dem fetten, stets übel gelaunten Vertreter des Patriarchen demütig entgegenzutreten.

Davon abgesehen hatte ihr derzeitiger Standort den Vorteil, dass sie von hier aus in den Garten und auf den Hof hinausschauen konnte. Oder, falls sein Mundgeruch ihr wieder einmal den Atem verschlagen sollte, auf die Loggia hinauszutreten und das unausweichliche Gespräch im Freien zu führen.

Ohne sonderliches Interesse stellte sie fest, dass er in Begleitung eines Dominikaners war, der Albiera mit seiner blassen Haut, dem dunklen Kapuzenumhang über der weißen Kutte und den langen, vor der Brust wie zum Gebet verschränkten Fingern wie eine große Spinne vorkam.

»Suora!« Tullio Sabellico, Koadjutor des Patriarchen von Venedig, kam mit wehenden Gewändern über den Terrazzoboden auf sie zugerauscht wie ein Segelschiff vor der Schlacht, und Albiera fügte sich in das Unvermeidliche.

Er blieb vor ihr stehen, wie immer viel zu nah.

»Monsignore«, sagte sie, den Kopf kurz über seinen dargebotenen Ring neigend, während sie mit angehaltenem Atem dachte: Himmel, wie kann ein Mensch so aus dem Hals stinken und trotzdem Weihbischof werden! Vorsorglich hielt sie ihren Amtsstab zwischen sich und sein Gesicht. Nicht, dass ihm der Atem stockte, das leider nicht. Aber es brachte ihn dazu, ein Stück zurückzuweichen.

Er hüstelte. »Darf ich Euch Bruder Ambrosio vorstellen?«

Albiera nickte dem Dominikaner zu.

Der Mönch verbeugte sich steif, doch bevor er den Kopf senkte, erhaschte Albiera einen Blick aus ...

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