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Die Macht des Schmetterlings

MATT DICKINSON

Die Macht des Schmetterlings

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Sohn Ali

1

7 Uhr 37 GMT, Sauncy Wood, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Der Schmetterling war ein blauer Eichen-Zipfelfalter, ein neugeborenes Weibchen, noch ein wenig klebrig von seiner Verpuppung, als es den jungen Eichentrieb hinaufkletterte und von der Morgenluft kostete. Es war der Beginn eines kühlen Junitages, erfüllt vom Versprechen der sommerlichen Hitze, die bevorstand. Das Gänsefingerkraut und die Roten Lichtnelken um das Tier herum spannten ihre leuchtenden Fäden, und vereinzelte Schwaden des Morgennebels waren noch mit dem Gras verwoben.

Das Zipfelfalterweibchen entfaltete sich, fraß eine Weile lang, und dann – nachdem es sich am Honigtau gesättigt hatte – öffnete es zum ersten Mal seine Flügel.

Es war ein dunkles, schönes Geschöpf, nahezu vollkommen schwarz in diesem ersten Augenblick der Enthüllung, die samtige Oberfläche seiner spitz zulaufenden Flügel schien das Licht einzufangen. Es schauderte leicht, und seine Fühler zitterten, als ein Hinterflügel nach dem anderen zu flattern begann, um die Feuchtigkeit der langen Kerkerhaft abzuschütteln.

Die Schuppen auf den Flügeln fingen an, sich zu verändern, das Schwarz verblich plötzlich und brachte auf jedem der Vorderflügel zwei schattige Flecken aus purpurfarbenen Pigmenten hervor, die faszinierend schillerten. Sie hatten die Form von Tropfenperlen und waren in vollkommener Symmetrie um die Brust arrangiert.

Die ersten Strahlen des Sonnenlichts drängten durch ein nahes Eschenwäldchen. Gefangen von dem Wunder, das aus ihm geworden war, stieß das Schmetterlingsweibchen sich von dem Eichentrieb ab und flog davon.

2

Moorend-Rennstrecke, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Keiron Wallace kürzte Mazarine Town die Zügel und richtete sich gekonnt im Sattel auf, während die Stute geschmeidig in Galopp fiel. Das rhythmische Trommeln ihrer Hufe hallte scharf auf dem Boden wider, und ihr Atem ging in heftigen Stößen. Der Jockey feuerte das Vollblut mit ein paar gemurmelten Worten an und genoss den kühlen Ansturm der Morgenluft auf seinen Wangen und das berauschende Gefühl der Macht, als die weißen Furlong-Markierungen der Trainingsstrecke an ihm vorbeiflogen.

Wenige Augenblicke später schloss an seiner Seite Beaumont Boy zu ihm auf, der Keirons Stallgefährten Gary Price im Sattel trug. »Ich dachte, das hier war nur zum Aufwärmen gedacht«, rief er Keiron zu, während er darum kämpfte, das Tempo zu halten. »Wir wollen doch nicht, dass sie schon vor dem Rennen ausgebrannt sind.«

»Tut ihnen gut, sich mal auszugaloppieren«, erklärte ihm Keiron. »Es wird ihnen helfen, zur Ruhe zu kommen. Und außerdem wette ich einen Fünfer, dass ich vor dir beim Wald bin.«

Der Herausforderung konnte Gary nicht widerstehen, also gab er Beaumont Boy den Druck seiner Knie zu spüren und hoffte nur, dass Mike Sampson, der Rennstallbesitzer, ihnen nicht mit seinem Fernglas nachspionierte. Beide Pferde sollten heute Nachmittag in Newbury laufen, und ihr Besitzer würde vor Wut schäumen, wenn er vermuten musste, seine Jockeys hätten ihre Schützlinge im Training zu hart rangenommen.

»Na los, beweg dich«, stachelte Gary ihn an, während er vorwärtspreschte. »Was ist denn los mit dir?«

Die beiden Jockeys trieben ihre Pferde härter in Galopp. Sie waren jetzt ganz und gar in ihrem Duell gefangen.

Plötzlich lag das windige Heideland hinter ihnen, und sie drangen in den waldigen Teil der Reitstrecke ein. Die Bäume flogen vorbei, die beiden Pferde verlängerten ihre Sprünge und steigerten noch einmal ihr Tempo.

3

Sauncy Wood, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Das Kaninchen war ein junges Weibchen, erst zwanzig Tage alt und noch kaum entwöhnt. Als stärkstes seines Wurfs war es das erste, das die Reise durch die dunklen Gänge des Kaninchenbaus wagte, auf dem Weg zu den grünen Wundern der Außenwelt. Vorsichtig kroch es aus dem Loch, wobei es zwinkerte, um seine Augen an das Morgenlicht zu gewöhnen. Dann begann seine rosafarbene Nase vor Aufregung zu zucken, denn es hatte Artgenossen entdeckt.

Das Tier vollführte einen Sprung auf sie zu, dann verließ es der Mut, und es flüchtete in das Loch zurück. Aber das Aroma des frischen Gemüses war zu verlockend, und schon bald war es wieder zurück, um an den saftig sprießenden Gräsern zu knabbern.

Und dann schlug binnen einer Sekunde die Stimmung in ihrer Umgebung um. Die Kaninchen hörten auf zu grasen, sobald das Geräusch eines donnernden Schlages die Morgenluft erfüllte. Der Boden selbst erzitterte unter den Trommelschlägen, und das pulsierende Dröhnen hallte im Körper des jungen Kaninchens wider. Bumm. Ein Rammler schlug mit seinen Hinterläufen Alarm, während die Kaninchen in alle Richtungen flohen.

Sein Herz pochte in wilden Sätzen, als das junge Kaninchen erst den einen und dann einen anderen Weg einschlug, während die Erwachsenen um das Tier herum in Deckung eilten.

Es hätte sich zusammenreißen können, tatsächlich stand es gerade im Begriff, die Flucht ins nächste Loch anzutreten, als eine dunkle, flatternde Kreatur aus dem Himmel niedersank und anfing, um das Kaninchen herumzufliegen. Es tat einen kleinen Hüpfer, in der Hoffnung, den Peiniger loszuwerden. Der Schmetterling aber folgte ihm, er sprang und tanzte durch die morgendliche Luft.

Das Kaninchen floh mit ein paar schnellen Sätzen ins höhere Gras, aber wiederum folgte ihm der Schmetterling und flatterte unvorhersehbar um es herum. Dann streifte der schwarze Schmetterling den Rücken des Kaninchens, und in diesem Augenblick verlor das junge Tier jeglichen Orientierungssinn und jagte los.

4

Moorend-Rennstrecke, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Mazarine Town und Beaumont Boy jagten Seite an Seite den schnellsten Abschnitt der Galoppstrecke entlang, als das Kaninchen aus dem Wald an ihre Flanke schoss.

Es geschah so schnell, dass Keiron überhaupt keine Chance hatte, zu begreifen, was vor sich ging. Alles, was er sah, war das Aufblitzen von Fell, als das kleine Geschöpf in Höchstgeschwindigkeit unter die Hufe der Pferde schoss. Eine Schrecksekunde lang geriet Mazarine Town aus dem Tritt, senkte den Kopf und warf Keiron in hohem Bogen aus dem Sattel, ehe sie selbst stürzte.

Keiron krümmte sich zu einem Ball zusammen, schützte seinen Kopf und Hals mit den Händen und betete, dass Mazarine Town nicht auf ihm landen würde, wenn sie auf dem Boden aufprallte. Er hatte mächtiges Glück, dass das Pferd ihn verfehlte. Ihre aluminiumbeschlagenen Hufe schossen knapp an seinem Kopf vorbei, als sie seitwärts an ihm vorbeiglitt und – schaumbefleckt und mit aufgerissenen Augen – zum Stillstand kam. Augenblicklich sprang Keiron auf die Füße, griff nach Mazarine Towns Zügeln und sprach beruhigend auf sie ein: »Ist ja gut, Mädchen, ganz ruhig, ganz ruhig jetzt.«

Gary hatte Beaumont Boy zum Stehen gebracht. Jetzt ritt er im Trab zurück und sprang neben Keiron ab, während Mazarine Town sich leicht zitternd wieder auf die Füße rappelte.

»Was zum Teufel war denn das?«

»Ich glaube, ein Kaninchen hat sie erschreckt.«

»Bist du in Ordnung?«

Keiron rieb sich die Brust und betastete seine Rippen, die von dem Sturz schmerzten. Es war ihm schon viel schlimmer ergangen.

»Ja, ich habe Glück gehabt.«

»Und das Kaninchen?« Gary blickte sich um, konnte aber keine Spur von dem Tier entdecken.

»Vergiss den Hoppelhasen, Kumpel. Was ist mit dem Pferd? Der Boss kriegt einen Mordsanfall, wenn sie lahmt.«

»Führ sie herum.«

Keiron gab Mazarine Town Zeit, sich ein wenig zu sammeln, dann führte er sie am Nasenriemen, ließ sie im Schritt beginnen und dann in einen sanften Galopp fallen, wobei er neben ihr herrannte.

5

Sauncy Wood, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Das Kaninchen rannte noch immer um sein Leben, es floh am anderen Ende der Galoppstrecke tiefer in den Wald und versuchte instinktiv, so viel Abstand wie nur möglich zwischen sich und diese donnernden, blitzenden Hufe zu bringen, die ihm um ein Haar die Seele aus dem Leib gequetscht hätten.

Eine akute Stressreaktion breitete sich in ihm aus – allzu schnell überwältigte der Schock seiner knappen Errettung das kleine Tier. Es fing an, wild zu zittern, während sein Herz in eine Tachykardie verfiel.

Das Kaninchen hielt inne, kroch unter ein paar niedrig hängenden Gewächsen in Deckung und lag schwer atmend da, während das Geräusch der dahinjagenden Kreaturen und ihrer Reiter langsam verklang.

Es verspürte einen Schmerz in der Flanke. Versuchsweise leckte es sich über das Fell und schmeckte Blut. Plötzlich bewegten sich die Zweige über ihm, als ein Windstoß durch die Bäume fuhr. Das Geraschel versetzte es in Angst, und so brach es von Neuem aus der Deckung hervor und hüpfte kopflos einen zufällig gewählten Pfad entlang in den dunklen Wald. Nichts wünschte es sich mehr, als die einladenden Gänge wiederzufinden, die seine Heimat waren.

Schon bald hatte es sich hoffnungslos verlaufen und bewegte sich unaufhörlich weiter in die falsche Richtung. Seine Orientierungslosigkeit war nicht überraschend, denn das neugeborene Wesen besaß ja noch keine Erfahrung mit der Außenwelt, aus der es hätte schöpfen können. Alles, was es je gekannt hatte, waren die erdigen Umarmungen der Tunnel, in denen es geboren worden war. Die Welt war für das junge Kaninchen ein großes, grelles, befremdliches Geheimnis, und seine erste Begegnung mit ihr war zum feindseligen Zusammenstoß geworden, der beinahe mit seinem gewaltsamen Tod geendet hätte.

Kein Wunder, dass das arme Geschöpf vollkommen die Nerven verlor.

6

Moorend-Rennstrecke, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

»Es gefällt mir nicht, wie dieses Vorderbein aussieht.« Gary wies auf Mazarine Towns rechtes Bein. »Sie benutzt bevorzugt das rechte.«

Keiron rannte noch einmal mit ihr und achtete dabei sorgsam auf jegliches Anzeichen eines Hinkens. Ein- oder zweimal hatte er den Eindruck, gesehen zu haben, wovon Gary sprach, doch gleich darauf legte das Pferd ein paar weichere Schritte ein und wirkte gesund.

»Ich bin mir nicht sicher.«

»Du lässt sie besser vom Tierarzt untersuchen, wenn wir zurück auf dem Hof sind.«

Keiron stieg auf die Stute und strich ihr mit der Hand über den Hals, um sie zu beruhigen.

»Lass uns das mal lieber vergessen. Was keiner weiß, macht keinen heiß, okay?«

»Du musst dem Boss von dem Sturz erzählen.«

Keiron wusste, dass Gary recht hatte. Mazarine Town war ein höllisch wertvolles Pferd, und bei Verletzungen wusste man nie so genau. Wenn sich bei der Stute im Laufe des Tages ein Problem zeigte und herauskam, dass er es versäumt hatte, ihrem Besitzer von dem Fall zu erzählen, dann bekäme Keiron im günstigsten Fall einen Wochenlohn abgezogen. Und außerdem sollte er bei dem Rennen um zwölf Uhr dreißig in Newbury mit ihr antreten.

»Also schön, wir erzählen es dem Boss. Aber du bestätigst meine Aussage wegen des Kaninchens, okay?«

»Natürlich, ich hab’s ja glasklar vor mir gesehen.«

Die beiden Jockeys ritten zum Hof zurück und erzählten dem Besitzer Mike Sampson von dem Sturz. Sampson, der sichtlich wenig begeistert von der Nachricht war, griff unverzüglich zu seinem Handy und verständigte den ortsansässigen Tierarzt, der auf Verletzungen bei Rennpferden spezialisiert war.

»Morgen, Howard«, knurrte der Rennstallbesitzer. »Besteht die Chance, dass du kurz rüber zum Hof kommen könntest?«

»Was gibt’s denn für Probleme?«

»Einer dieser verdammten Idioten von Jockeys hat Mazarine Town zu Fall gebracht, und sie soll nachher noch in Newbury starten. Ich muss sie also so schnell wie möglich untersuchen lassen.«

»Bin schon auf dem Weg«, versprach ihm der Tierarzt. »In zehn Minuten bin ich bei dir.«

7

Gipfelkamm des Mount Everest, Nepal

In exakt demselben Moment, sechs Zeitzonen weit entfernt, auf den tödlichen Hängen der Nordseite des Mount Everest, erkämpfte sich ein achtzehnjähriges japanisches Mädchen namens Kuni Hayashi seinen Weg durch den tiefen Schnee, dem höchsten Punkt der Erde entgegen.

Diese begabte junge Bergsteigerin kannte die Risiken, auf die sie sich hier einließ. Sie wusste nur allzu gut, dass eine Lawine, der Zusammenbruch eines Gletscher-Séracs oder ein plötzlicher heftiger Sturm ihr das Leben rauben konnte.

Die Vorstellung, etwas, das außerhalb ihrer direkten Umgebung lag, könne sich verheerend auf ihr Leben auswirken, gehörte jedoch nicht zu den Dingen, über die sie sonderlich viel nachgedacht hatte. Hier, beim Alleinaufstieg in der ausgedünnten Luft der extremen Höhe, fühlte sie sich vollkommen isoliert. In gewisser Weise getrennt von der quirligen Welt zu ihren Füßen.

Aber das war eine Illusion. Keine Welt, so abgelegen sie auch sein mag, ist gegen die heimtückischen Auswirkungen der Chaostheorie immun, und noch ehe der Tag zu Ende ging, sollte die Dynamik von Kunis Bergbesteigung von dem langen Arm des Schmetterling-Effekts grausam aus ihrer Form gerissen werden.

Jetzt gerade war es dreizehn Uhr fünfundvierzig Ortszeit, und Kuni stand am Fuß der berüchtigten zweiten Stufe, einer nackten Mauer aus bröckelndem Felsen, die glatt vom schwarzen Eis war. Wenn sie es hinauf auf dieses tödliche Kliff schaffte, dann würde der Gipfel ihr gehören – und damit die Ehre, im Alter von achtzehn Jahren die jüngste Frau zu sein, die jemals allein den Mount Everest bestiegen hatte.

Dies war die gefährlichste Herausforderung, die der Bergsteiger an der Nordwand des Mount Everest zu meistern hatte, und sie hielt inne, um eisige Luft in ihre Lungen zu pumpen. Sogar für eine Star-Bergsteigerin wie Kuni stellte dies eine schwierige Prüfung dar.

Wenn sie scheiterte, würde sie siebentausend Fuß an der nackten Nordwand in die Tiefe stürzen, und ihr Körper würde zerschmettert auf dem Friedhof der Bergsteiger, dem Gletscher unter ihr, aufprallen.

8

Silsbury Village, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

»Wie ist sie gestürzt?«, fragte der Tierarzt Keiron.

»Sie hat sich vor einem Kaninchen erschreckt.«

»Wie schnell ist sie gelaufen?«

»Na ja, viel mehr als ein leichter Galopp war es nicht«, log der verloren wirkende Jockey. »Einfach nur zum Aufwärmen.«

»In Ordnung. Führen Sie sie herum.«

Der Jockey führte das Pferd in einem Kreis rechter Hand um den Hof herum, dann in einem Kreis linker Hand, während der Tierarzt mit Kennerblick zusah.

»Es ist möglich, dass sie sich eine Sehne gezerrt hat. Vielleicht liegt sogar ein kleiner Riss vor«, sagte Howard. »Aber selbst wenn das der Fall ist, scheint es sie jedenfalls nicht allzu sehr zu stören. Wir könnten ein MRT machen«, erklärte ihnen der Tierarzt. »Nur für den Fall, dass du auf Nummer sicher gehen willst.«

Der Besitzer Mike Sampson überdachte den Vorschlag, aber er dachte dabei auch an den Zeitdruck, wenn man das Pferd jetzt noch hinüber in Howards Klinik schaffen müsste. Das würde bedeuten, dass sie mit ziemlicher Sicherheit das Rennen verpassten.

»Was sagt dir denn dein Instinkt?«

Howard musterte das Pferd mit prüfendem Blick und stellte fest, dass es keinerlei Schmerz zu verspüren schien.

»Ich denke, sie ist in Ordnung.«

»Würdest du mit uns nach Newbury kommen? Und sie vor dem Rennen noch einmal untersuchen?«

Der Tierarzt blätterte in seinem Terminkalender und sah, dass er lediglich einen einzigen weiteren Termin hatte: die Routineuntersuchung einer schwangeren Stute in einem anderen Stall – eine Verpflichtung, die sich recht leicht verschieben lassen würde. Außerdem stellte ein Tag auf der Rennbahn einen der Höhepunkte seines Berufs dar, und so, wie er Mike Sampson kannte, würde der Alkohol in Strömen fließen, ob eines seiner Pferde nun gewann oder nicht. »Ich bin dabei«, ließ er den Besitzer wissen. »Aber ich muss schnell nach Hause fahren und nachsehen, ob Will auf dem Weg zur Schule ist.«

»In Ordnung, Jungs«, sagte Sampson zu Keiron und Gary. »Verladet die Pferde in ihre Transportboxen, wir gehen das Risiko mit Maz ein, sie macht keinen allzu schlechten Eindruck. Und bewegt eure Hintern, verdammt noch mal, ihr seid jetzt schon knapp in der Zeit.«

9

Ashworth Village, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Acht Meilen nordöstlich von Mike Sampsons Hof, in dem idyllischen Dorf Ashworth, wurde in eben diesem Moment Tina Curtis, die Pilotin einer Fluglinie, durch das eindringliche Schrillen ihres Weckers aus dem Schlaf gerissen.

Sie zerrte ihre frisch gereinigte Flugkapitäns-Uniform aus der Plastikumhüllung der chemischen Reinigung und kleidete sich eilig an.

Sie zog die Schlafzimmervorhänge auf und gönnte sich einen kurzen Augenblick, um die unaufdringliche Schönheit der Felder und Bäume, die sich vor ihr erstreckte, zu genießen. Viele von Tinas Pilotenkollegen hatten sie für verrückt erklärt, als sie mit ihrem Mann so weit von London weggezogen war, obwohl sie damit den Albtraum einer anderthalbstündigen Fahrt über die M4 nach Heathrow auf sich nahm. Tina aber hielt ihre Entscheidung noch immer für richtig.

Die Küche mit ihren hervorstehenden Holzbalken und dem Ölofen wirkte heimelig. Tina schüttete sich Frühstücksflocken in eine Schüssel und trank eine Tasse ungesüßten Kaffees, während sie durch die Fluganweisungen blätterte, die sie tags zuvor auf dem Flughafen erhalten hatte.

Die Flugnummer lautete JA 463, eine Boeing 747 der Jetlink Alliance, sie würde Heathrow um zehn Minuten nach Mittag verlassen und nach einer Flugdauer von etwa zehn und einer halben Stunde in Seattle landen. Tina würde spätestens anderthalb Stunden vorher beim Flugkontrolldienst einchecken müssen, um die vorgeschriebenen Prüfungen vor dem Flug und den Papierkram zu erledigen.

Sie beendete ihr Frühstück und steckte das Dossier zum Seattle-Flug wieder in ihre Tasche. Dann ging sie wieder nach oben ins Schlafzimmer, um ihr Gepäck für die Übernachtung zu richten.

10

Silsbury Village, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Mike Sampson fuhr Howard zurück nach Hause, wo dieser sofort bemerkte, dass im Fernsehen nicht der Sender MTV lief, was bedeutete, dass sein dreizehnjähriger Sohn mit ziemlicher Sicherheit noch nicht wach war.

»Will?«, rief er die Stufen hinauf. »Du hast noch zwanzig Minuten Zeit, um in die Schule zu kommen. Ich will nicht, dass du wieder auf der schwarzen Liste landest, hast du gehört?«

Keine Antwort erfolgte. Der Tierarzt rannte nach oben zu Wills Zimmer. »Will! Du hast deinen Wecker verschlafen. Du hast fünf Minuten Zeit, dich anzuziehen und aus dieser Tür zu treten.«

Unter der Bettdecke war ein undeutliches Grunzen zu vernehmen, auf mehr Kommunikation durfte Howard unter den gegebenen Umständen kaum hoffen. »Ich fahre mit Mike Sampson nach Newbury«, teilte er der unsichtbaren Gestalt mit. »Und du machst dich gefälligst auf den Schulweg. Fünf Minuten, hast du verstanden?«

In dem Augenblick, in dem er die Tür hinter sich zuknallte, fiel Howard ein, dass er seine Schlüssel auf dem Tisch liegen gelassen hatte. Er tastete in seinen Taschen. »Verdammt noch mal. Warte mal, Mike.« Er beugte sich herunter zum Briefschlitz und brüllte nach drinnen: »Will, ich bin es! Mach die Tür auf, ich habe meine Schlüssel vergessen!«

Wieder keine Antwort. Howard trat einen Schritt zurück und hob eine Handvoll Kies auf, den er mit leichtem Schwung an Wills Zimmerfenster warf. »Will! Lass mich rein!« Aber noch immer kam keinerlei Antwort. Und dann wurde ihm klar, dass Will womöglich unter der Dusche stand.

»Vergessen wir’s«, sagte er zu Mike und stieg wieder in den BMW. »Rebecca ist sicher schon von der Arbeit zurück, wenn wir aus Newbury zurückkommen. Sie wird mich reinlassen. Wir machen uns besser auf den Weg.«

Als der Wagen die Auffahrt verließ, zog Will den Vorhang im Flur ein winziges Stück weit beiseite, um zuzusehen, wie er davonfuhr.

In seinen Fingern baumelten die Schlüssel seines Vaters.

11

Mount Everest, Nordwand, Nepal

Auf dem Mount Everest hatte Kuni inzwischen ihre Hand auf den ersten der Griffe gelegt. Sie zog sich nach oben und entdeckte ein faustgroßes Loch in der Oberfläche, in das sie die vorderen Spitzen ihrer Steigeisen rammen konnte. Sie hob das linke Bein, balancierte abenteuerlich auf einem winzigen Felsvorsprung, dann presste sie den linken Arm in die Spalte, die an der Ecke des Kliffs entlanglief.

Noch zwei weitere Schritte, und sie hatte es unter den Vorsprung geschafft.

Das war die Krux, der mächtige Aufschwung mit der rechten Hand, die nach der Kante eines bröckelnden Plateaus greifen und sich dann mit allen verfügbaren Kräften nach oben ziehen musste. Hier war der Felsen spiegelglatt und ohne jegliche Kontur. Kuni wusste, dass die Spitzen ihrer Steigeisen auf der Oberfläche keinen Halt finden und ihre Füße über der Höhenangst weckenden Tiefe baumeln würden, dass sie in die Leere stürzen würde, wenn ihre Finger sich auch nur den leisesten Ausrutscher erlaubten.

Die junge japanische Bergsteigerin wusste, dass allein im vergangenen Jahr fünf erfahrene Bergsteiger beim Versuch, diese vertikale Wand aus zerfallendem Felsen und Eis hinaufzusteigen, ihr Leben verloren hatten. Tatsächlich war dies der Ort, wo Mallory und Irvine, jene großen Pioniere des Mount Everest, zum letzten Mal gesehen worden waren.

Kuni sprach sich Mut zu und nahm einen tiefen Zug aus der Sauerstoffmaske, die ihr Gesicht bedeckte. Sie versuchte, ihre erschlaffenden Muskeln in Schwung zu bringen, während sie sich im Geiste auf den Moment der Entscheidung vorbereitete. Dann setzte sie sich mit einem kraftvollen, fließenden Sprung in Bewegung, ihre rechte Hand packte die schmale Kante über ihrem Kopf und übernahm ihr gesamtes Körpergewicht, als sie sich aus der Spalte herausschwang.

Einen Herzschlag später spürte sie, wie ihre behandschuhte Hand ins Rutschen geriet, wie ihre kältestarren Finger umhertasteten, während ihr Körper über der Leere hing.

12

Hinkley, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Wills Kumpel Jamie radelte gerade entlang der Schleichwege hinter den Kleingärten zur Schule, als sein Handy in der Tasche seines Blazers ein ›Pling‹ von sich gab. Er zog das Nokia heraus und prüfte die Nummer auf dem Display, ehe er den Anruf entgegennahm.

»Hi, Will.«

»Wo steckst du?«

Jamie fuhr schwankend aus der Allee heraus und konnte mit dem Handy, das er ans Ohr presste, kaum das Gleichgewicht halten.

»Fast an der Schule.«

»Wir gehen heute nicht zur Schule. Mein Vater hat seine Schlüssel hier liegen lassen.«

»Ich kann heute nicht schwänzen. Ich muss meine Geografie-Arbeit abgeben.«

»Vergiss deine Geografie-Arbeit. Es gibt etwas, das du dir anschauen musst.«

»Was denn?«

Will stellte sich stur: »Komm her.«

Jamie beendete das Telefongespräch und beobachtete die Reihe von Jugendlichen, die der Schule entgegenströmten. Ein flaues Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Aber er konnte nicht leugnen, dass seine Neugier auf das, was seinen Kumpel in solche Erregung versetzte, geweckt worden war.

Mit einem unterdrückten Fluch stieg Jamie wieder auf sein Fahrrad, fuhr in Richtung Stadtrand und schlug sich dann auf die Landstraßen, die zu Wills Haus führten. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen stand Will bereits in der Einfahrt.

»Sieh dir das mal an.« Will ließ ein Schlüsselbund an seinen Fingern baumeln.

Jamie folgte Will ins Arbeitszimmer seines Vaters. In diesem Raum war Jamie schon einmal gewesen, aber den hohen Metallschrank, der an der Wand festgeschraubt war, hatte er nie zuvor bemerkt.

»Weißt du, was das ist?«

Jamie zuckte die Schultern, während Will den Schlüssel ins Schloss steckte. Mit einem befriedigenden, metallischen Klicken schnappten die sieben Hebel des Schnappschlosses auf.

Die beiden Jungen spähten hinein.

»Wow! Ist ja irre.« Jetzt begriff Jamie, wovon sein Freund gesprochen hatte.

»Hab ich dir doch gesagt.«

13

Ashworth Village, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Die Fluglinien-Pilotin Tina Curtis schaltete Radio Four ein, während sie in ihrem Audi TT durch das Dorf fuhr. Sie genoss das sinnliche Aroma der lederbezogenen Sitze und fuhr an dem makellos gepflegten Kricketfeld und dann am Kriegerdenkmal vorbei.

Während der Fahrt stellte Tina fest, dass ihre Gedanken zu ihrem Mann wanderten, der im Augenblick als Mediziner für die Wohlfahrtsorganisation Africa Frontline Care in Malawi tätig war. Tina bewunderte ihn für das, was er tat, aber ein nagender Teil in ihr fragte sich, ob Martins Entscheidung, einige Zeit in Afrika zu verbringen, ein Warnzeichen für andere Probleme war: Sie waren beide Anfang vierzig, ihre Ehe musste auf die verbindende Wirkung von Kindern (nicht dass sie es nicht versucht hätten) verzichten, und vielleicht hatte er ihr ruhiges Leben in dem Dorf in Wiltshire, in dem sie zu Hause waren, einfach sattbekommen. Es war nicht unbedingt eine Midlife-Crisis, aber es war eine Midlife-Trennung, und das bereitete Tina in einer Weise Sorge, die sich schwer abschütteln ließ.

Der Verkehr war dicht, und Tina ertappte sich dabei, wie sie immer wieder auf die Uhr an ihrem Armaturenbrett sah. Es war schon fünf Minuten nach neun.

Sie ließ den Motor auf vollen Touren laufen, beschleunigte auf 85 oder gar 90 Meilen in der Stunde und ließ eine Reihe minderbemittelter Fahrer in ihren Mondeos und Minis hinter sich. Im Rückspiegel behielt sie dabei ein wachsames Auge auf mögliche Polizeikontrollen und drosselte ihr Tempo auf siebzig, als sie an der einzigen Kontrollkamera auf der Straße vorbeikam. Dann setzte sie zu einem letzten großen Spurt an, um einen Viehtransporter zu überholen, ehe die doppelspurige Straße auslief.

Tina wusste, es würde ihre Fluggesellschaft in Schwierigkeiten bringen, wenn sie zu spät kam. Die Dienstpläne waren letzthin überstrapaziert worden, weil allzu viele Piloten sich krankgemeldet hatten, und ohne Zweifel würde es erhebliche Probleme mit dem Flugplan geben, wenn sie den Flieger nach Seattle verpasste.

Sie musste um zehn Uhr vierzig in Heathrow sein. Es war eine Frage der Berufsehre.

14

Silsbury Village, Wiltshire, Vereinigtes Königreich

Die Waffe war eine Perazzi Custom, eine elegante, in Italien gefertigte, zwölfkalibrige Flinte mit einem neunundzwanzig Zoll langen Lauf. Sie wirkte edel mit ihrem Kolben aus poliertem Walnussholz und Silberbeschlägen, in die ein Muster mit Jagdhunden und auffliegenden Enten eingraviert war. Will zog sie aus den Halterungen, die im Schrank angebracht waren, und barg sie in seinen Armen, ehe er Jamie einen Blick zuwarf.

»Hast du schon mal eine von denen abgefeuert?«

»Mein Bruder hatte ein Luftgewehr.«

»Ja schon, aber hast du damit geschossen?«

»Ein- oder zweimal.«

Will übergab ihm das Gewehr. Jamie legte es sich unbeholfen an die Schulter.

»Mannomann. Ganz schön schwer, was?«

Er blickte auf den Lauf hinunter und spürte, wie ihm ein Adrenalinstoß die Brust verengte.

»Man gewöhnt sich daran.«

»Erlaubt dir dein Vater, die zu benutzen?«

Will lachte. »Du machst wohl Witze, oder? Eher würde er mich umbringen.«

»Was, wenn er zurückkommt?«

»Er ist zum Pferderennen gefahren. Wir haben den ganzen Tag Zeit.«

Jamie spähte aus dem Fenster und entdeckte das Vogelhaus in der Mitte des Gartens. Als er auf einen Star zielte, wackelte der Lauf ein bisschen, weil das Gewicht der Waffe den Muskeln seines linken Arms einiges abverlangte.

»Knallbumm.« Jamie tat so, als würde er schießen, und ließ die Waffe an seine Schulter zurückschnellen.

»Es tut weh«, erklärte ihm Will und riss ihm das Gewehr wieder weg. »Wenn du es in echt machst.«

Will hob eine kleine Pappschachtel vom Boden des Schrankes auf. Er öffnete sie und enthüllte eine ordentliche Reihe von fest verpackten roten Patronen. Jamie konnte die Süße des Schießpulvers und das Blei riechen, als er sich vorbeugte, um die Munition zu begutachten.

»Wir müssen ein bisschen vorsichtig sein. Allzu viel können wir nicht nehmen.«

Will griff in die Schachtel mit den Patronen und förderte eine Handvoll zutage.

»Und was machen wir jetzt damit?«, fragte Jamie.

»Wir gehen auf die Jagd. Um etwas zu töten. Und wir reden hier nicht von Eichhörnchen.«

15

Mount Everest, Nordwand, Nepal

Kuni streifte ihren Rucksack ab und ließ sich schwer in den Schnee fallen. Sie zog ihre Flasche heraus und nippte an dem süßen, lauwarmen Tee, während sie das Abenteuer, das sie gerade auf der zweiten Stufe erlebt hatte, noch einmal Revue passieren ließ.

Die zweite Stufe. So nahe war sie dem plötzlichen Tod nie zuvor gewesen. Ihre Finger hatten an den losen Schieferplatten, die auf dem Felsvorsprung verstreut lagen, nach Halt gesucht. Wie viele Sekunden hatte es gedauert, ehe ihre linke Hand nach vorn geschossen war und etwas zum Greifen gefunden hatte? Zwei oder drei? Es war ihr vorgekommen wie eine Ewigkeit.

Die junge japanische Bergsteigerin hatte sich nach oben gehievt, wobei die stählernen Spitzen ihrer Steigeisen Funken aus dem Felsen schlugen, während sie die alles entscheidenden ein oder zwei Meter an Höhe gewann. Noch ein letzter Kraftaufwand, und sie hatte es auf den Vorsprung des Felsens geschafft, wo sie sich jetzt eine wertvolle Pause gönnte und ihrem Geist erlaubte, sich von dem Schrecken des nur knapp verhinderten Sturzes zu erholen.

Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Uhr: Sie stand unter Druck. Der Tag schritt rasch voran. Es war Zeit, weiter dem Gipfel entgegenzusteigen, sich den schmalen Weg zwischen den Felskanten entlangzuschlängeln, der stellenweise nicht breiter als ihre Füße war.

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