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Die Macht des Maori-Amuletts

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Einleitung
  7. PROLOG
  8. 1. TEIL
    1. 1. KAPITEL
    2. 2. KAPITEL
    3. 3. KAPITEL
    4. 4. KAPITEL
    5. 5. KAPITEL
    6. 6. KAPITEL
    7. 7. KAPITEL
    8. 8. KAPITEL
    9. 9. KAPITEL
    10. 10. KAPITEL
    11. 11. KAPITEL
    12. 12. KAPITEL
    13. 13. KAPITEL
    14. 14. KAPITEL
    15. 15. KAPITEL
    16. 16. KAPITEL
    17. 17. KAPITEL
    18. 18. KAPITEL
    19. 19. KAPITEL
    20. 20. KAPITEL
    21. 21. KAPITEL
    22. 22. KAPITEL
    23. 23. KAPITEL
    24. 24. KAPITEL
    25. 25. KAPITEL
    26. 26. KAPITEL
    27. 27. KAPITEL
    28. 28. KAPITEL
    29. 29. KAPITEL
    30. 30. KAPITEL
    31. 31. KAPITEL
  9. 2. TEIL
    1. 32. KAPITEL
    2. 33. KAPITEL
    3. 34. KAPITEL
    4. 35. KAPITEL
    5. 36. KAPITEL
    6. 37. KAPITEL
    7. 38. KAPITEL
    8. 39. KAPITEL
    9. 40. KAPITEL
    10. 41. KAPITEL
    11. 42. KAPITEL
    12. 43. KAPITEL
    13. 44. KAPITEL
    14. 45. KAPITEL
    15. 46. KAPITEL
    16. 47. KAPITEL
    17. 48. KAPITEL
    18. 49. KAPITEL
    19. 50. KAPITEL
    20. 51. KAPITEL
    21. 52. KAPITEL
    22. 53. KAPITEL
    23. 54. KAPITEL
    24. 55. KAPITEL
    25. 56. KAPITEL
    26. 57. KAPITEL
    27. 58. KAPITEL
    28. 59. KAPITEL
    29. 60. KAPITEL
    30. 61. KAPITEL
    31. 62. KAPITEL
    32. 63. KAPITEL
    33. 64. KAPITEL
    34. 65. KAPITEL

ÜBER DIESES BUCH

Schon seit jeher spielt der Pounamu, der heilige Grünstein der Maori, bei den Frauen der Familie Parker eine geradezu magische Rolle. Auch die junge Mila bildet da keine Ausnahme: Ihre Schmuckdesigns sorgen in Auckland für großes Aufsehen. Als sie aus der Hand eines attraktiven Fremden ein perfekt gearbeitetes Amulett entgegennimmt, spürt sie sofort, wie einzigartig es ist. Doch noch weiß Mila nicht, welch verhängnisvolle Folgen das Schmuckstück für ihre eigene Urgroßmutter hatte. Können die Wunden der Vergangenheit endlich heilen? Und bestimmt dieses Liebesamulett auch Milas Schicksal?

ÜBER DIE AUTORIN

Laura Walden studierte Jura und arbeitete einige Jahre als Rechtsanwältin in Hamburg. Doch auf Dauer siegte ihre Leidenschaft für das Erzählen spannender Geschichten, und so entschied sie sich, die Schriftstellerei zu ihrem Beruf zu machen. Ihr größtes Hobby, das Reisen, ist ihr dabei ebenfalls sehr nützlich: Mit Neuseeland und Schottland machte sie ihre beiden Lieblingsziele zu den Schauplätzen ihrer äußerst erfolgreichen Romane, bei denen es immer um dunkle Familiengeheimnisse vor atemberaubender Landschaft geht.

LAURA

WALDEN

Die Macht des
Maori-Amuletts

Neuseelandroman

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ES GIBT BEI DEN MAORI unzählige Legenden, die sich um den Grünstein ranken, den Pounamu. Die bekannteste ist die romantische und zugleich tragische Geschichte von Poutini: Der Wassergeist Poutini verliebte sich einst unsterblich in die schöne Waitaiki aus dem Norden. Er floh mit ihr, denn sie erwiderte seine Liebe, war aber bereits verheiratet. Der rasende Ehemann verfolgte die beiden. Die Rache des Ehemannes fürchtend, verwandelte Poutini seine Geliebte in ihrem Bett, der Mündung des Flusses Arahura, schließlich in einen Pounamu. Und ihre Tränen wurden ebenfalls zu Grünsteinen. Deshalb findet man diese Steine noch heute so zahlreich und ganz besonders an dieser Stelle.

PROLOG

HOKITIKA, JANUAR 1951

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Der Twist, der in seiner Form an eine Acht erinnerte und von den Ahnen Pikorua genannt wurde, war schon von jeher Hines Lieblings-Maori-Symbol. Jedes Mal, wenn Hine ein Amulett aus Grünstein herstellte, tat sie dies mit großer Leidenschaft. Allein der erste Schritt, sich die unbearbeiteten Grünsteine, die man auch als Nephrit-Jade bezeichnete, aus dem Wasser zu holen, versetzte sie in einen regelrechten Rausch. Wer war auch schon in der privilegierten Lage, den begehrten Edelstein vom Grund eines namenlosen Nebenarms des großen Flusses auf dem eigenen Grundstück zu »ernten«? Bisher war dieser Strom dunkelgrünen Goldes noch nie versiegt. Das Anwesen der Familie lag ein paar Meilen nördlich von Hokitika am Ufer des Flusses Arahura, der auf Neuseelands Südinsel als der Fluss mit dem höchsten Aufkommen von Nephrit-Jade galt. Grünstein gab es in allen Schattierungen von hell bis ganz dunkel. Im Flussarm auf dem Grundstück war er fast schwarz, was ihn in bearbeitetem Zustand – beispielsweise als Amulett – besonders edel aussehen ließ.

Nach diesem magischen Jadestein waren sowohl dieses Stück Land als auch das Hotel benannt, das Hines Familie seit vier Generationen betrieb: Pounamu, wie der Stein bei den Maori hieß. Hines Urgroßmutter, die legendäre Maata, über die mehr wilde Geschichten überliefert waren als über den Rest der Familie zusammen, hatte während des Goldrausches aus einer kleinen Pferdestation eines der ersten Häuser am Platz gemacht. Da es ein paar Meilen außerhalb der Boomtown lag, zu der Hokitika in der großen Zeit des Goldrauschs herangewachsen war, war es bei den etwas wohlhabenderen Glückssuchern sehr beliebt gewesen. Der Hotelname war noch heute über dem Eingang zu lesen. An dem Schild war die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen. Sonst erinnerte kaum mehr etwas an den Glanz, den das Hotel in der Mitte des 19. Jahrhunderts besessen hatte. Die Farben an der Fassade des Haupthauses waren abgeblättert, und die Nebengebäude, in denen zu Maatas Zeiten ein Großteil der Fremdenzimmer gelegen hatte, machten einen baufälligen Eindruck. Das Hotel war noch in Betrieb. Seine acht Gästezimmer befanden sich in einem Anbau des Haupthauses, der sich sehr romantisch bis zum Ufer des Flussarmes erstreckte. Als Speisesaal für die Gäste diente heutzutage das frühere Esszimmer, das Hine und ihr Mann kaum benutzten. Zu Maatas Zeiten hatte die Familie dort gemeinsam mit den feineren Gästen gespeist. Trotz der edlen Einrichtung, die unverändert geblieben war, war vom einstigen vornehmen Flair des Hauses kaum mehr etwas spürbar. Im Gegenteil, über dem Anwesen wehte der Hauch von verblichenem Charme.

Wie eine Naturgewalt war der Goldrausch über diesen gottverlassenen Landstrich hinweggefegt. Aus dem unbedeutenden Ort Hokitika war über Nacht eine glitzernde Metropole geworden, mit all den Schattenseiten, die ein Goldrausch so mit sich brachte: Gier und Gewalt, Tod und Verderben. Aber endlich wusste man – und das nicht nur in Neuseeland –, wo dieses Hokitika überhaupt lag. Doch als der Spuk vorüber war, versank es wieder in der Bedeutungslosigkeit. Mehr denn je schien dieser an der rauen Westküste gelegene Flecken Erde vom restlichen Land wie abgehängt zu sein. Da half auch die berauschende Natur nicht, und selbst die malerischen Blicke auf die gigantischen schneebedeckten Berggipfel im Süden zogen selten Reisende an. Wenn sich doch einmal Fremde ins Pounamu verirrten, dann bot Hine Turner ihnen voller Hingabe eines der letzten noch vorzeigbaren Zimmer an und versorgte sie kulinarisch wie die Könige. Leben konnten ihr Mann Jack und sie jedoch nicht von den paar Gästen. Jack hatte nach dem Tod seiner Eltern deren Pub an der Hauptstraße von Hokitika übernommen, die mit ihren salonartigen niedrigen Holzhäusern immer noch aussah wie dem Wilden Westen entsprungen. Die Kneipe warf zwar kein Vermögen ab, aber für ein einfaches Leben reichte es allemal.

Hine liebte Pounamu, wenngleich sie den heruntergekommenen Zustand des Anwesens stets bitter beklagte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie das Hauptgebäude, das an eine viktorianische Villa erinnerte, längst renovieren und die Nebengebäude bis auf ihre Werkstatt abreißen lassen. Doch dazu hatte sie ihren Mann, der zunehmend zu seinem besten Kunden geworden war, nicht bewegen können. Außerdem fehlte es an den erforderlichen finanziellen Mitteln. Und nun wäre es sinnlos, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was aus dem Land und dem Haus ihrer Ahnen werden sollte: Hine hatte sich dazu durchgerungen, es Jack zu überlassen. Sozusagen als Preis – als hoher Preis! – für das, was sie ihm würde antun müssen. Das Stück Land, auf dem Maata das Hotel errichtet hatte, hatte ihren Maori-Vorfahren vom Stamm der Ngai Tahu gehört und war von ihnen wie ein Heiligtum verehrt worden. Jeder Stein für sich galt bereits als magische Gabe der Natur – ein eigener Flussarm, in dem sie einfach so wuchsen, war daher an Reichtum nicht zu überbieten. Der Familienlegende nach hatten auf dem Land Generationen von Steinhauern und -schnitzerinnen gelebt, die nicht nur Schmuck hergestellt hatten, sondern auch Waffen, Kämme und viele andere Dinge des Alltags, die man aus dem stahlharten Stein schaffen konnte, wenn man wusste, wie! Dass Hine diesen Schatz nun einem Pakeha überließ, galt als Frevel. Doch Hine tröstete sich damit, dass auch im Glauben der Maori der Mensch noch vor dem Land kam. Und schließlich ging sie nicht mit einem Fremden fort, sondern mit dem Vater ihrer Kinder!

Hine hielt mit ihrer Arbeit, dem Polieren ihres perfekt gelungenen Liebesamuletts, kurz inne. Der Gedanke an Jack und was aus ihm wohl werden würde, wenn sie erst einmal für immer fortgegangen wäre, machte sie traurig. Jack war doch kein mieser Kerl, auch wenn er sich nicht immer wie ein Gentleman benahm. Hine suchte die Schuld dafür allerdings bei sich, dass er von einem fröhlichen, gutmütigen jungen Mann zu einem unberechenbaren Trinker geworden war. Kein Mann konnte auf Dauer ertragen, dass seine Frau ihn nicht liebte, sondern sich wie von Sinnen nach einem anderen verzehrte. Letzteres konnte Jack zwar nicht wissen, sorgsam wie Hine dies vor ihm verbarg, aber manchmal wurde sie das Gefühl nicht los, dass er etwas von ihrem Doppelleben ahnte. Sie musste nur an die latent aggressiven Blicke denken, mit denen er ihren Sohn Benjamin immer dann musterte, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Hine befürchtete zwar nicht, dass er dem Jungen je etwas Schlimmes antun würde, aber es genügte völlig, dass er ständig an ihm herumnörgelte und ihn maßregelte. Nichts konnte er ihm recht machen. Hine war sich sicher, dass der Sechsjährige spürte, wie sehr ihn der Mann hasste, den er Vater nannte. Warum sonst nässte sich der Junge nachts wieder ein, nachdem er sogar sehr früh trocken geworden war? Und er redete kaum mehr. Aus dem kleinen Rabauken war ein großer Schweiger geworden, der seiner Mutter regelrecht am Rockzipfel hing. Das wiederum brachte ihm ständig Jacks Häme ein. Bislang hatte Hine die durchnässten Laken vor ihrem Mann verbergen können. Wenn er davon Wind bekäme, würde er Ben sicher bestrafen. Sie lehnte entschieden ab, den Jungen mit Ohrfeigen zu erziehen. Die Heftigkeit, mit der Jack Benjamin drangsalierte, hatte sich in den vergangenen zwei Jahren dramatisch verschlimmert. Lange vorbei waren die Zeiten, in denen sie und Jack dem Kleinen voller Entzücken beim Schlafen zugesehen hatten. Vorbei die gemeinsamen Bootsfahrten über den Fluss bis hinunter zur Mündung mit anschließendem Picknick am Strand. Vorbei die sonntäglichen Fahrten hinauf in die Berge. Nein, Jack ließ Benjamin einfach links liegen, wenn er nicht gerade mit ihm schimpfte. Hine glaubte den Grund zu kennen: Es war die zunehmende Ähnlichkeit Benjamins mit seinem leiblichen Vater! Benjamin hatte mittlerweile dessen dunkles Haar und dieselben strahlend blauen Augen. Als Baby und Kleinkind war er blond gewesen, so wie Jack. Zwar waren sich die beiden Männer niemals persönlich begegnet, aber es lag sicher auch für Jack auf der Hand, dass der Junge dieses Aussehen von seinem leiblichen Vater geerbt hatte. Hine befürchtete, dass er inzwischen zutiefst bereute, sie zur Frau genommen zu haben, obwohl sie das Kind eines anderen Mannes erwartet hatte. Ja, dass er sich damit grenzenlos überfordert hatte. Und auch sie bereute bitterlich, einen Mann geheiratet zu haben, den sie wie einen Bruder liebte und nicht mehr. Daran war nicht nur Jack zerbrochen, sondern auch sie selbst.

Doch nun bot sich ihr die einzigartige Gelegenheit, dem tristen Leben an der Seite dieses Mannes zu entfliehen, dessen Nähe sie nicht länger ertragen konnte.

Der Weg in die Freiheit hatte einen Namen: Alexander! Allein der Gedanke an ihn ließ ihr Herz höherschlagen.

Es war purer Zufall gewesen, dass Alexander und sie einander vor zwei Jahren wiederbegegnet waren. Bei dieser Gelegenheit erfuhr sie, dass er sie damals gar nicht schwanger hatte sitzen lassen, wie sie all die Jahre geglaubt hatte … Hine war an jenem Tag ins ferne Dunedin gereist, um dort einen Händler zu treffen, der ihre Amulette im großen Stil vertreiben wollte. Für Hine eine vielversprechende Chance, Geld hinzuzuverdienen, denn mit dem Pub war es stetig bergab gegangen, seit Jack vor Kummer darüber, dass sie seine Liebe nicht erwiderte, an der Whiskyflasche hing.

Hines Herzschlag beschleunigte sich erneut, als sie nun daran dachte, wie sie in dem elegant gekleideten Herrn, den sie auf der Hauptstraße nach dem Weg fragen wollte, Alexander erkannt hatte. »Warum?«, hatte er sie nach einer Schrecksekunde gefragt: »Warum hast du mich verlassen?« Sie hatte nur gestammelt: »Ich dich? Du, du wolltest nichts mehr von mir wissen! Du, du wolltest doch eine andere heiraten!«

Und dann hatte sie ihm alles erzählt: wie sie damals nach Dunedin gekommen war, um ihm höchstpersönlich die Nachricht von ihrer Schwangerschaft zu überbringen. Dass seine Mutter ihr Geld in die Hand gedrückt und ihr ins Gesicht gelogen hatte, Alexander sei bereits mit einer anderen Frau verlobt. Und sie solle ihren Sohn in Ruhe lassen. Wie sie der Mutter das Geld vor die Füße geworfen und tief verstört nachhause zurückgereist war. In ihrer Verzweiflung und um ihren Stolz zu wahren, hatte sie ihm schließlich einen Brief geschrieben und ihm mitgeteilt, sie liebe einen anderen und wolle ihn nie mehr wiedersehen.

Die beiden Liebenden hatten sich auf der Straße in Dunedin die Seelen über die verlorene Zeit aus dem Leib geschluchzt und weil sie sich damals nicht vergewissert hatten, ob das auch alles wirklich der Wahrheit entsprach.

Hine würde nie vergessen, wie sie sich schließlich in sein Hotelzimmer geschlichen und sich geliebt hatten, als gäbe es kein Morgen mehr. Damals hatte Hine Alexander noch beschworen, dass sich diese Liebesnacht aus Rücksicht auf ihre Ehepartner nicht wiederholen dürfe. Doch bei dem einen Mal war es nicht geblieben. Zuerst hatten sie sich heimlich in dem Hotel getroffen und dann in einer Hütte in den Bergen, die Alexander eigens für ihre Treffen gekauft und die Hine zu einem wahren kleinen Paradies gestaltet hatte. Ihr Liebesnest befand sich nahe dem Arthur’s Pass.

Die leidenschaftliche Affäre mit ihrer großen und einzigen Liebe hatte Hines beschauliches und nur auf Benjamins Glück ausgerichtetes Leben völlig durcheinandergebracht. Offiziell fuhr sie alle vier Wochen nach Dunedin, um den neuen Geschäftspartner zu treffen, der ihre Amulette vertreiben sollte. Den Mann gab es zwar wirklich, aber sie waren bei ihrem Treffen geschäftlich dann doch auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. Das Geld, das sie angeblich mit diesem Nebengeschäft verdiente, steckte ihr Alexander zu. Natürlich hatte sie es anfangs nicht nehmen wollen, aber wie hätte sie Jack sonst glaubwürdig erklären sollen, dass sie so oft ins ferne Dunedin reisen musste? Und vor allem, wie sollte sie ihm plausibel machen, dass sie sich sogar einen alten Holden leisten konnte, um die Geschäfte mit den Amuletten auf diese Entfernung leichter abwickeln zu können?

Hine hatte seitdem nur noch für die Treffen mit Alexander gelebt. Zwischendurch hatten sie einander sehnsuchtsvolle Briefe geschrieben. Seine hatte er postlagernd nach Greymouth geschickt, weil es zu gefährlich war, solche Briefe im kleinen Hokitika zu empfangen. In dem Städtchen hätte sich schnell herumgesprochen, dass Hine ständig Post aus Dunedin erhielt. Manchmal glaubte Hine, an diesem Geheimnis ersticken zu müssen, denn sie hatte keinen Menschen, dem sie sich hätte anvertrauen können.

Ihr Blick fiel auf die Stelle, an der sie seine Briefe in einem Kästchen unter den Bodenbrettern verborgen hatte, und sie ermahnte sich, seinen letzten Brief zu ihrem nächsten Treffen unbedingt mitzunehmen. Manchmal vergaß sie das nämlich, und dann bekam sie jedes Mal Panik bei dem Gedanken, Jack könnte diese Beweise ihrer Affäre finden. Und nun sollte aus der Affäre endlich ein Neuanfang erwachsen für Hine, Alexander, Benjamin und das Kind, das sie unter ihrem Herzen trug!

Immer wenn Hine sich ihr künftiges Glück in allen Einzelheiten ausmalte, kam es ihr so ungeheuerlich vor, dass sie von einer unerklärlichen Panik ergriffen wurde. Die war so stark, dass sie jedes Mal befürchtete, jemand könnte ihre Pläne im letzten Moment durchkreuzen. Nur aus diesem Grund hatte sie Jacks sexuelle Avancen noch einmal über sich ergehen lassen. Das war an jenem Tag gewesen, an dem sie und Alexander den Entschluss zu einem gemeinsamen Neubeginn getroffen hatten. Als sie nach Hokitika zurückgekehrt war, hatte sie Jacks latent aggressive Stimmung in jeder Pore gespürt und gewusst, dass vorgeschobene Kopfschmerzen ihn dieses Mal nicht davon abhalten würden, sich sein Recht zu nehmen. Trotzdem war er nicht der Erzeuger ihres Kindes, wie sie im Nachhinein erleichtert errechnet hatte, dachte sie, während sie liebevoll über ihren Bauch streichelte. Es tat ihr zwar in der Seele weh, dass Alexanders andere Kinder nun ohne ihren Vater aufwachsen mussten, doch für dieses Kind der Liebe lohnte es sich sogar, das schlechte Gewissen zu ertragen, dass Alexander ihretwegen seine Familie verlassen würde. Sie wünschte sich von Herzen eine Tochter, die sie Omaka nennen würde, was so viel bedeutete wie »das Mädchen, das vom Wasser kam«. Einen Jungen würde sie gern Hakopa nennen. Alexander war mit ihren Namensvorschlägen völlig einverstanden. Auch dafür liebte sie diesen Mann: dass er ihr jeden Wunsch von den Augen ablas und selbst gegen Maori-Namen nichts einzuwenden hatte. Im Gegenteil, er fand, das wäre das Mindeste, was er tun konnte, damit Hine nicht das Gefühl bekam, ihm zuliebe ihre Wurzeln verleugnen zu müssen. Und schon wieder keimte diese diffuse Angst in ihr auf …

Hine drückte das Grünsteinamulett mit dem vollkommen geschliffenen Zeichen der unendlichen Liebe fest an ihr Herz und spürte, wie sie sich entspannte, was bei ihr der bloße Kontakt mit dem Edelstein auslöste.

Um ihre Panik in den Griff zu bekommen und die Wochen durchzuhalten, bis sie Jack endlich verlassen würde, hatte sie sich den allerschönsten Grünstein vom Grund des Baches gefischt. Der Stein unterschied sich grundlegend von den anderen. Er schimmerte am unteren und oberen Rand goldfarben wie der edelste unter den Grünsteinen, der Marsden-Flower. Eigentlich konnte es ihn hier am Arahura gar nicht geben, weil der seltene Stein ausschließlich in der Marsden-Region zu finden war. Und diese befand sich viele Meilen nördlich, fast schon auf der Höhe von Greymouth, in den Bergen. Hine konnte sich partout nicht erklären, wie dieses besondere Stück in ihren Flussarm gelangt war, aber sie war überglücklich, es gefunden zu haben. Wie kein zweites war es dazu geeignet, das Amulett der ewigen Liebe herzustellen. Nun musste sie es nur noch in zwei Hälften teilen, eine für sie, die andere für Alexander. Sie würde ihn bitten, seine Hälfte ständig bei sich zu tragen, so wie sie es mit ihrer Hälfte tun würde. Zum Schutz, damit keine Macht der Welt ihrer Liebe etwas anhaben konnte. Hines Unruhe hatte sich in den letzten Tagen derart gesteigert, dass sie etwas hatte unternehmen müssen, um ihre angeschlagenen Nerven zu beruhigen. Und da war ihr die Idee mit den zwei Hälften des Liebesamuletts gekommen. So wie ihre Ahnin Maata, die in ihrem Tagebuch geschildert hatte, wie sie einst ein solches Amulett für ihren Liebsten und sich angefertigt hatte.

Hine war innerlich so aufgewühlt, dass sie den Stein zur Seite legte und ins Freie trat. Dort atmete sie einmal tief durch. Eine Mischung aus salzigem Wind und milder Bergluft breitete sich in ihren Lungen aus. Wie würde sie das im hohen Norden vermissen! Aber sie konnten es sich nicht aussuchen, wo sie sich niederlassen wollten. Man hatte Alexander in Auckland eine passende Stellung angeboten. Die dortige Chefetage wusste über seine Herkunft Bescheid und fühlte sich überaus geschmeichelt, dass der Eigentümer eines der größten Bankhäuser auf der Südinsel bei ihnen als Angestellter arbeiten würde. Ebenfalls bekannt war, dass er aus privaten Gründen ein neues Leben beginnen wollte. Einzelheiten hatte er nicht preisgegeben, aber wenn er den Herren in Auckland keinen Grund genannt hätte, hätten sie sich wohl gefragt, ob das solide Bankhaus Morris dem Untergang geweiht war. So aber würde Alexander die Bank seinem Neffen überlassen, der von seinem Glück noch nichts ahnte. Seine neue Stelle bei der Bank in Auckland würde Alexander allerdings erst im Juli antreten, aber so lange konnte und wollte Hine nicht mehr in Hokitika bleiben. Zu groß war die Gefahr, dass Jack Wind von ihrer Schwangerschaft bekam. Nach ihrer eigenen Schätzung war sie mittlerweile im dritten oder vierten Monat. Am Bauch hatte sie zwar noch nicht zugelegt, aber ihre Brüste waren wesentlich praller geworden. Mit viel Geschick hatte sie es in den vergangenen Monaten geschafft, sich Jack vom Leib zu halten, obwohl ihr die Ausreden bald ausgehen würden. Kurz, die Zeit zum Abschied drängte.

Hine ließ wehmütig ihren Blick über den Fluss schweifen, der an dieser Stelle sehr breit war und eine türkisgrüne Farbe besaß. Auf der anderen Seite gab es einen wilden Wald, in dem sie als Kind viel Zeit verbracht hatte. Nichts war schöner gewesen, als mit einem Floß über den Fluss zu setzen und sich dort im grünen Dschungel eine Höhle zu bauen. Zusammen mit ihrem Freund Jack. Der hatte sie schon als Junge grenzenlos bewundert und ihr bereits mit acht Jahren verkündet, er werde sie eines Tages heiraten. Hine hatte ihm damals ganz direkt erwidert, dass sie lieber auf einen Prinzen wartete, der sie auf seinem Pferd mit sich nehmen würde. Auf einem Pferd war Alexander Morris zwar nicht nach Hokitika gekommen, sondern mit einem alten Auto über den Highway 73.

Hine stieß einen tiefen Seufzer aus bei dem Gedanken an ihre erste Begegnung vor über acht Jahren. Ihre ganze Aufmerksamkeit hatte zunächst der in ihren Augen affigen Kleidung eines Städters gegolten. Insgeheim hatte sie ihn als Schnösel abgetan. Doch kaum hatte »der Schnösel« den Mund aufgemacht und mit seiner unglaublich wohlklingenden Stimme nach einem Zimmer für die Nacht gefragt, fand Hine alles an ihm umwerfend. Sogar den karierten Anzug mit Weste, den Hut, die gemusterte Krawatte und das lächerliche Einstecktuch. Am Abend, den sie dann gemeinsam in einem Lokal verbracht hatten, hatte er sie die ganze Zeit wie ein Weltwunder angesehen. Ob es drüben in Dunedin keine jungen Frauen gab, hatte sie sich gefragt, obwohl sie seinen Blick sehr genossen hatte. Hine war sich schon bewusst, dass sie eine ungewöhnliche Person war, weil sich bei ihr das Erbe der Maori mit ihrer britischen väterlichen Linie auf aparte Weise miteinander verbunden hatte. Sie besaß hellblondes Haar, ein schmales Gesicht und braune, ausdrucksstarke Augen. Doch nicht nur äußerlich war Hine Thompson, wie sie damals noch geheißen hatte, im kleinen Hokitika eine exotische Erscheinung gewesen, sondern auch von ihrem Wesen und Auftreten her. Wenn diese exotische Schönheit einen Raum betrat, war sie auf eine natürliche Weise präsent und bestach durch ihre Anmut. Sie war überdies eine außerordentlich begabte Schnitzerin und über die Maßen bildungshungrig. Es gab kaum einen Film, den Hine nicht gesehen, kaum ein Buch, das sie nicht gelesen hatte. Ihre Eltern hatten das stets mit einer Mischung aus Sorge und Stolz verfolgt. Sie waren in der Stadt sehr angesehen, ihr Vater war lange Zeit ihr Bürgermeister gewesen. Doch so tolerant ihre Eltern auch gewesen sein mochten, was die Zukunft ihres einzigen Kindes anging, waren sie ziemlich engstirnig gewesen: Hine sollte einen Mann von der Westküste heiraten und das Hotel übernehmen. Dabei hatte Hine sich in den Kopf gesetzt, in einer der großen Städte eine Lehre als Goldschmiedin zu machen, um mehr aus dem Pounamu zu zaubern als die üblichen Maori-Amulette. Es war sehr schwierig, den Stein zu bearbeiten, doch ihre Ahninnen hatten das Wissen darum von Generation zu Generation weitergegeben. Hine hatte schon als junges Mädchen mit dem richtigen Werkzeug mit geradezu spielerischer Leichtigkeit Pounamu-Amulette herstellen können, die sie an die Maorifrauen in der Nachbarschaft verschenkte. Aber sie träumte davon, auch noch anderen Schmuck aus Grünstein herzustellen. Sie hatte ein ganzes Heft voller Entwürfe gezeichnet. Das missfiel ihren Eltern außerordentlich, und sie verlangten von ihr, dass sie ihre Arbeitskraft im Hotel einsetzte. Insgeheim sparte sie ihren Lohn, um ihr Ziel später mit eigenen Mitteln verwirklichen zu können. Sie hatte einen starken Willen, und wenn sie eine Vision besaß, war sie nur schwerlich davon abzubringen. Und dann war Alexander in ihr Leben getreten, und alles war ganz anders gekommen!

Nachdem sie hatte glauben müssen, dass er weder sie noch das Kind wollte, hatte sie aus Hokitika fortgehen wollen, um den Eltern die Schande zu ersparen. Doch Jack, der in ihren Plan eingeweiht war, hatte sie angefleht zu bleiben und ihr jenen fatalen Vorschlag unterbreitet, der ihnen beiden nur Unglück gebracht hatte. Und nicht nur ihnen, sondern auch Ben, obwohl Jack anfangs noch ganz und gar in seiner Vaterrolle aufgegangen war. Zuerst hatte er sich beim Anblick des blonden Jungen noch der Illusion hingeben können, er wäre sein Kind. Doch dann hatte sich der Kleine äußerlich total verändert und damit für Jack in unerträglicher Weise zur Schau gestellt, dass er von einem ihm verhassten Fremden war. Einem Fremden, den Hine so geliebt hatte, wie er von ihr geliebt werden wollte! Er aber war für sie immer nur der gute Kumpel aus Kindertagen geblieben. Der zuverlässige und einst immer gut gelaunte Jack, der gerade erst als neuseeländischer Soldat aus Afrika zurückgekommen war und mit den grausamen Erlebnissen psychisch zu kämpfen hatte. Hine hatte gehofft, dass sie ihn glücklich machen könnte, aber sie hatte sich Alexander trotz allem niemals aus dem Herzen reißen können. Offenbar hatte sie ihre heimlichen Gefühle nicht gänzlich verbergen können. So erklärte sich Hine, dass aus dem liebenden Vater ein unberechenbarer Mann geworden war. Sie wollte sich lieber gar nicht ausmalen, wie Jack reagieren würde, wenn er erfuhr, dass dieser Fremde nicht nur eine sehnsuchtsvolle Erinnerung seiner Frau war, sondern nun ganz konkret seine Ehe bedrohte.

Nicht einmal Hines Eltern hatten je erfahren, dass der leibliche Vater ihres Enkels ein reicher Banker aus Dunedin war. Wahrscheinlich hätte sie sich zu deren Lebzeiten wohl kaum dazu durchringen können, ihren Mann zu verlassen. Doch die beiden waren vor vier Jahren auf dem Highway 73 auf dem gefährlichen Stück zwischen Arthur’s Pass und Otira in eine Schlucht gestürzt.

Hine atmete noch einmal tief durch, bevor sie in die Werkstatt zurückkehrte, um das perfekte Amulett fertig zu polieren. Sie hatte damit bereits voller Inbrunst begonnen. Die goldenen Ränder des Amuletts glitzerten im Sonnenlicht, das durch das kleine Fenster ins Innere der Werkstatt fiel. Hine betrachtete ihr Werk voller Stolz. Sie hatte schon viele Pikoruas hergestellt, aber noch keines, in dem das Zeichen der Unendlichkeit derart klar und ohne Schnörkel zur Geltung kam. Sonst arbeitete sie viel mehr mit Verzierungen. Aber bei dem Zeichen ihrer ewigen Liebe wollte sie so schlicht bleiben, wie es ihr nur irgend möglich war. Das Schwierigste stand ihr aber noch bevor. Sie musste das Symbol in der Mitte teilen, damit sie beide eine Hälfte besaßen, bis sie endlich vereint waren. Dann erst würde sie das Amulett bei Bedarf wieder zu einem zusammenfügen. Sie hatte einige Versuche mit anderen Steinen unternommen, um herauszubekommen, womit das nachhaltig funktionieren konnte, und sich für Kauriharz entschieden. Das schien so fest zu kleben, dass es die beiden Hälften für ewig zusammenhalten würde. Vielleicht aber würde später auch jeder von ihnen stets nur seine Hälfte bei sich tragen, so wie es Maata und ihr zweiter Mann getan hatten.

Nun wollte sie endlich zur Tat schreiten und es mittels der Steinsäge in der Mitte zerteilen, aber vorher machte sie noch ein Foto von dem ganzen Amulett. Die alte Leica hatte sie im Nachlass ihres Vaters gefunden, der leidenschaftlich gern fotografiert hatte. Die Kamera selbst sollte sie auch nicht mehr so leichtfertig herumliegen lassen, ging ihr durch den Kopf, denn auf dem Film, der in der Kamera eingelegt war, befand sich eine ganze Serie von Erinnerungsfotos an ihr letztes Treffen mit Alexander. Natürlich war sie nicht so blauäugig, ihre Bilder im kleinen Fotoladen in Hokitika entwickeln zu lassen, sondern gab die vollen Filme stets Alexander mit, der eine diskrete Möglichkeit gefunden hatte, die Bilder in der Stadt entwickeln zu lassen, ohne dass sein Verhältnis zu der exotischen Schönheit von der Westküste gleich in ganz Dunedin bekannt wurde. Mit dem Foto vom Amulett war der Film leider zu Ende. Wie gern hätte sie auch die zwei Hälften noch fotografiert. Sie nahm den Film heraus und steckte ihn in die kleine Dose, um sie bei ihrem Treffen Alexander zu übergeben. Sie hatte ihm schon am Telefon verraten, dass sie ihre Sehnsucht nach ihm mit der Fertigung eines Amuletts überbrückte, das ihre ewige Liebe symbolisierte und dessen eine Hälfte sie ihm so schnell wie möglich an die gewohnte Adresse schicken würde.

Hines Hände zitterten, als sie den Stein auf ihrer professionellen Steinsäge platzierte. Mit einem Bleistift hatte sie einen geraden, feinen Strich auf dem Amulett gezogen. Sie brauchte allerdings eine ruhige Hand, um exakt darauf zu schneiden. Hine rieb den Grünstein so lange zwischen ihren Fingern, bis sie sich innerlich etwas beruhigt hatte. Dann legte sie das Amulett erneut bereit und setzte die Säge an. Vor lauter Anspannung hielt sie die Luft an, doch sie traf genau die Linie. Fasziniert nahm sie Sekunden später eine der gleich großen Hälften zur Hand und betrachtete ihr Werk. Nachdem sie sich daran sattgesehen hatte, ließ sie seine Hälfte in einen Umschlag gleiten, den sie mit der Adresse der Bank beschriftete, an Mr Alexander Morris persönlich, wie sie es immer tat. Sie war fest entschlossen, den Brief noch heute zum Postkasten unten an der Straße nach Hokitika zu bringen. Dann nämlich würde das Amulett noch bei ihm eintreffen, bevor er sich auf den Weg zu ihrer nächsten Verabredung in der Hütte machte. Sie eilte zum Versteck unter den Bodenbrettern, holte ihre Blechkiste hervor, in der sie außer seinem letzten Brief auch ihr Heft mit den Schmuckentwürfen und den Schlüssel für ihr Liebesnest in den Bergen verwahrte, und legte in fast feierlicher Stimmung die Filmdose hinein. Die Kiste verschloss sie wieder sorgfältig und versteckte sie im Hohlraum unter den Bodenbrettern. Den Schlüssel verbarg sie in einer Werkzeugkiste. Danach kümmerte sie sich um ihre eigene Hälfte des Pikorua. Mittels eines professionellen Edelsteinwerkzeugs bohrte sie ein winziges Loch in den Grünstein und fädelte ein dünnes Lederband hindurch. Ich sollte sie unbedingt unter meiner Bluse tragen, sagte sich Hine und wollte die Kette gerade in ihrem Ausschnitt verschwinden lassen, als sie hinter sich eine klägliche Stimme vernahm. »Kann ich mich hier verstecken?« Hine fuhr herum und blickte in die schreckensweit aufgerissenen Augen ihres Sohnes.

Sie sprang auf und stürzte auf ihren Sohn zu. »Was ist passiert?«

Benjamin schluchzte laut auf. »Dad hat ein Pipi-Laken gefunden. Er hat mir angedroht, er wird mich windelweich schlagen, damit ich nicht wie ein Baby ins Bett pisse.«

Bevor Hine überhaupt reagieren konnte, kam Jack in die Werkstatt gepoltert.

»Na, du Feigling? Verkriechst du dich wieder unter den Rockschößen deiner Mutter? Aber dieses Mal wird sie dich nicht retten.« Drohend näherte er sich dem Jungen, aber da trat Hine vor ihr Kind und funkelte ihren Mann wütend an. »Du wirst ihn nicht anfassen! Kapiert?«

»Nein, nein, so nicht! Aus dem Weg! Los, sonst …« Er hob bedrohlich die Hand, und Hine merkte, wie betrunken er schon war. Normalerweise kam er nur nachts in diesem Zustand aus seiner Kneipe und trank nicht schon am Tag. Es wird höchste Zeit, dass ich gehe, dachte sie, dieser verdammte Alkohol macht ihn immer unberechenbarer.

»Dann schlag mich doch!«, forderte sie mit fester Stimme. »Aber dem Jungen tust du nichts zuleide!«

Jack stierte sie aus glasigen Augen verwundert an, während er die Hand ganz langsam sinken ließ.

»Ich kriege ihn noch, wenn er mal nicht zu seiner Mutter rennen kann. Das verspreche ich dir«, zischte er mit verwaschener Stimme, und Hine beschloss, ihren Sohn bis zur Abreise nicht mehr mit Jack allein zu lassen. Schützend legte sie Ben die Hand auf die Schulter, doch dann lief alles aus dem Ruder.

»Du machst ihn zu einer Memme. Das lasse ich nicht zu!«, brüllte Jack und funkelte Benjamin drohend an.

»Du hast ihm gar nichts mehr zu sagen!«, rutschte es Hine heraus. Sie hoffte noch, dass Jack nicht nachhaken würde, aber zu ihrem großen Entsetzen tat er genau das.

»Was soll das denn heißen? Solange ich ihn durchfüttere, hat er mir auch zu gehorchen!«

Statt seine Bemerkung klaglos hinunterzuschlucken, spürte Hine, wie in ihr heiliger Zorn aufbrandete, und zwar so heftig, dass ihr Verstand aussetzte. Es dauerte bei Hine lange, bis sie richtig wütend wurde, aber wenn dieser Punkt einmal erreicht war, gab es für sie kein Halten mehr. Wenn sie nur kurz nachgedacht hätte, wäre ihr aufgefallen, dass Jack sie nur provozieren wollte. Und noch etwas hätte sie bemerkt: dass er immer wieder auf ihren Ausschnitt mit dem halbierten Liebesamulett starrte, das sie wegen Bens Erscheinen nicht mehr unter ihrer Kleidung hatte verstecken können.

»Keine Sorge, wir werden dir nicht mehr lange zur Last fallen. Wir sind schneller weg, als du …« Ein Blick in Benjamins schreckensweit aufgerissene Augen machte ihr bewusst, was sie da soeben in ihrem Zorn preisgegeben hatte, aber jetzt war es zu spät. Hine ahnte, dass sie einen schwerwiegenden Fehler begangen hatte, und ihr Blick fiel auf den Umschlag mit dem Amulett. Wenn Jack das sehen würde, wäre alles aus. Hine klopfte das Herz bis zum Hals, während sie den Umschlag in Zeitungspapier wickelte und ihn Benjamin in die Hand drückte.

»Ben, bring das bitte sofort zum Postkasten. Das ist ein Amulett, das dringend in Dunedin erwartet wird.« Was ja nicht einmal gelogen war. Sie konnte nur beten, dass Jack nicht misstrauisch wurde und jetzt erst recht auf den Umschlag aufmerksam geworden war. »Entschuldige«, sagte Hine einigermaßen gefasst. »Aber der Händler wartet darauf!«

Ben zögerte. Ihm war sichtlich anzumerken, dass er seine Mutter jetzt auf keinen Fall mit dem Vater allein lassen wollte.

»Ben, bitte! Es ist wirklich wichtig!«, bat sie ihren Sohn, der schließlich mit dem Umschlag in der Hand die Werkstatt verließ. Hine atmete auf. Sie hoffte, dass Jack durch diese kleine Störung vergessen hatte, was sie ihm da eben an den Kopf geworfen hatte.

Doch aus Jacks Augen sprach das nackte Entsetzen. »Was hast du vor?«, fragte er mit bebender Stimme.

Hine kämpfte mit sich. Sollte sie ihm ins Gesicht lügen, oder sollte sie ihm in diesem Moment gestehen, dass sie ihn verlassen würde? Sie war gerade gar nicht in der Stimmung, diplomatisch zu sein, sondern wollte endlich alles hinter sich bringen und nicht länger in der Angst leben, dass er ihr womöglich auf die Schliche kam. Außerdem würde sie keinen Tag länger ertragen, wie er mit Benjamin umging.

»Ich werde dich verlassen und Ben mitnehmen«, erwiderte sie mit klarer Stimme. Sie befürchtete das Schlimmste, schloss nicht einmal aus, dass er handgreiflich werden könnte. Und da trat er auch bereits mit hocherhobenen Fäusten auf sie zu. Insgeheim hoffte sie, dass er zuschlagen würde, weil ihr das den Abschied wesentlich erleichtern würde, doch er ließ die Fäuste stöhnend sinken.

»Aber, aber, du kannst doch das Land deiner Väter nicht verlassen! Und wovon, ich meine, wovon willst du leben? Von mir bekommst du jedenfalls keinen Penny!«

»Wir werden ganz sicher nicht in Armut leben.«

»Aber du kannst doch nicht mit dem Kind allein …« Jack war so durcheinander, dass er nach Worten ringen musste, aber Hine kam ihm zuvor: »Wir werden nicht allein sein. Bens Vater wird mit uns gehen.« Kaum war ihr die Wahrheit über die Lippen gekommen, ahnte sie, dass sie einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte.

Jack lief so rot an, dass Hine befürchtete, er stünde kurz vor einem Herzinfarkt. Sein Blick blieb an dem Amulett hängen.

»Du willst mit dem Schwein fortgehen, das dich damals schwanger hat sitzen lassen? Das kann doch nicht dein Ernst sein! Hast du denn gar keinen Stolz?«

»Es war eine Intrige, die uns getrennt hat«, entgegnete Hine schwach.

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es eben. Bitte, lass uns einfach gehen. Bitte!«

»Das kommt gar nicht in Frage«, zischte Jack.

»Ich bin nicht deine Gefangene, sondern ein freier Mensch!«

»Du bist meine Frau! Schon vergessen? Du wirst mich nicht verlassen!«

»Jack, bitte, du kannst mich nicht daran hindern, meinen Kindern eine glückliche Familie zu bieten.« Im nächsten Augenblick bereute sie zutiefst, dass sie im Plural gesprochen hatte, denn von ihrer Schwangerschaft sollte er um keinen Preis etwas erfahren. Sie zitterte am ganzen Körper vor lauter Angst, was jetzt geschehen würde, doch seltsamerweise musterte er sie nur durchdringend und stellte keine weiteren Fragen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Jack hatte es offensichtlich überhört. Daran glaubte Hine jedenfalls in diesem Augenblick ganz fest, zumal Jacks Miene sich merklich entspannte.

»Unter einer Bedingung«, raunte er schließlich.

»Alles, was du willst, wenn ich nur mein Kind mitnehmen kann. Du darfst auch mit Pounamu machen, was du möchtest. Es gehört dir«, stieß sie erleichtert hervor.

»Gut, dann will ich dem Kerl in die Augen sehen!«

»Alex soll herkommen?«

»Ja, ich muss doch wissen, wer sich in Zukunft um dich und den Jungen kümmert.«

Obwohl Hine von einer unüberhörbaren inneren Stimme eindringlich gewarnt wurde, sich um keinen Preis der Welt auf diesen Handel einzulassen, nahm sie die Hand, die er ihr entgegenstreckte, und besiegelte damit ihr Schicksal.

»Ruf ihn sofort an«, befahl er ihr und trieb sie wie eine Gefangene vor sich her zum Haus. Das Telefon war im Flur. »Los, sag ihm, er soll sich auf den Weg machen!«

»Aber ich kann nicht einfach bei ihm anrufen. Seine Frau, ich meine, die weiß nichts von mir und …«

»Dir wird schon etwas einfallen. Du bist doch eine Meisterin im Lügen! Seit wann läuft das eigentlich?«

Hine stöhnte laut auf. »Jack, nun lass doch gut sein …«

»Seit wann?«

»Seit vier Wochen«, schwindelte sie.

»Und wo habt ihr euch getroffen? In einem Stundenhotel oder was?«

»Nein, bitte nicht.«

»Wo?«

»Ja, in einem Hotel. Ich finde, du solltest uns jetzt einfach gehen lassen und aufhören, mich auszufragen. Und warum willst du ihn überhaupt sehen? Das tut dir doch nur unnötig weh!« Hine fühlte sich in die Enge getrieben. Ihr war unwohl. Sie verspürte einen starken Fluchtimpuls. Jack wirkte nicht mehr betrunken, aber ganz bei Sinnen schien er auch nicht zu sein. In seinen Augen flackerte etwas, was sie nicht deuten konnte, was aber alles andere zu sein schien als die Bereitschaft, sie in Frieden ziehen zu lassen.

»Ruf ihn an!«, schnauzte er sie an und hielt ihr den Hörer hin.

Mit zitternden Fingern wählte sie seine Nummer. Sie betete, dass sie nicht seine Frau am Apparat hatte, doch sie hatte Glück. Es meldete sich eine Hausangestellte, die versprach, Mr Morris zu holen.

»Jack, wollen wir uns das nicht ersparen? Es wäre doch besser, ich packe jetzt meine Sachen und steige mit Ben in meinen Wagen«, versuchte sie ein letztes Mal beruhigend auf ihren Mann einzureden.

In diesem Moment hörte sie Alexanders Stimme fragen: »Hallo, hallo, wer ist da?«

»Ich bin es. Jack weiß Bescheid. Er will mich gehen lassen, aber nur, wenn du uns abholst. Er will dich unbedingt persönlich kennenlernen. Sagt er.« Das klang verzweifelt.

Alexander atmete schwer, doch dann antwortete er ihr mit leiser Stimme: »Pass auf. Ich fühle das bis hierher. Der Mann führt etwas im Schilde. Sag zu allem Ja und Amen und versuche, mit Ben unauffällig zum Wagen zu gelangen. Und nimm nur deine Papiere mit! Alles andere ist nicht wichtig. Wir treffen uns im Haus. Ich fahre los, sobald ich hier reinen Tisch gemacht habe. Das kann noch ein paar Tage dauern. In unserer Hütte seid ihr in Sicherheit. Und wenn du nicht dort bist, wenn ich komme, dann hole ich dich! Versprochen! Bringt euch bitte nicht in Gefahr! Und keine Sorge, ich beschütze euch.«

»Ja, genau, dann holst du uns also morgen ab«, entgegnete Hine in gepresstem Ton und beendete das Gespräch hastig. Spätestens in dem Moment, als sie sich zu Jack umwandte, hatte sie die Gewissheit, dass Alexander die Lage realistisch eingeschätzt hatte. Jack stand die pure Mordlust ins Gesicht geschrieben.

»Er kommt morgen. Dann werde ich schon mal packen. Ich würde gern ein paar von den Steinen mitnehmen. Ben kann mir beim Sammeln helfen«, stieß sie einigermaßen gefasst hervor.

Mit diesen Worten verließ sie den Flur und spürte seine Blicke förmlich in ihrem Rücken brennen. Sie suchte nach ihrem Sohn, aber der war noch unterwegs zum Postkasten. Hine fing ihn schließlich draußen ab. Sie wollte nicht riskieren, dass er noch einmal ins Haus ging, denn sie spürte die Gefahr für ihr Kind und sich in jeder Pore. Unter dem Vorwand, Grünsteine zu sammeln, lockte sie ihn in den Garten. Sie hatte zwar wirklich vor, ein paar Steine mitzunehmen, aber das war jetzt nachrangig. Wichtig war, dass sie Ben in ihren Fluchtplan einweihte. Der Junge war blass um die Nase, als er mit ihr über das Anwesen trabte. »Du musst keine Angst mehr haben. Wenn du nur alles genauso machst, wie ich es dir sage«, sagte sie beschwörend, kaum dass sie außer Hörweite der Werkstatt waren.

»Vater ist sehr böse auf mich, oder?«, fragte er ängstlich.

»Ben, hör mir gut zu. Wenn wir zurückkommen, versteckst du dich in meinem Wagen und verriegelst die Türen von innen. Aber bitte leg dich auf den Sitz, sodass dich keiner sieht. Ich komme nach, sobald ich kann. Und dann fahren wir beide fort von hier.«

»Und Vater?«, hakte er irritiert nach.

»Dein Vater wird dich nicht noch einmal bedrohen. Verstehst du? Wir gehen ohne ihn fort.«

Ben starrte sie ungläubig an.

»Bitte, Ben, tu, was ich dir sage. Sonst geschieht ein großes Unglück. Und das willst du doch nicht, oder?«

Hines Herz krampfte sich zusammen, als sie sah, was für eine Angst sie ihm mit ihren Worten eingejagt hatte, aber es ging nicht anders.

Sie konnte sich kaum auf die Steine konzentrieren, die sie nun in einem kleinen Sack sammelte, doch als Ben ihr einen Marsden-Flower-Stein in die Hand drückte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Das war ein Zeichen ihrer Ahnen, dass alles gut werden würde, redete sie sich ein. Als das Säckchen gefüllt war, gab sie es Ben und schärfte ihm ein, sich damit unauffällig im Wagen zu verkriechen, die Steine wie einen kostbaren Schatz zu bewachen und sie niemandem zu geben außer ihr.

Er sah seine Mutter mit ernster Miene an. »Ja, Mum, ich tue alles, was du sagst, aber ist es nicht besser, wenn ich bei dir bleibe? Wer soll dich denn sonst beschützen?«

»Liebling, bitte, bitte, verlass den Wagen um keinen Preis, ganz egal, was draußen vor sich geht, verstanden? Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich nicht mehr zurückkommen sollte, schleichst du dich in meine Werkstatt, löst das auffällig helle Bodenbrett neben meinem Arbeitstisch und holst die Kiste hervor, die ich darunter versteckt habe. Mit der rennst du, so schnell du kannst, zur alten Mrs Kent und bittest sie, eine Nummer in Dunedin anzurufen. Mr Alexander Morris, von der Morris-Bank. Kannst du dir das merken, mein kleiner tapferer Schatz?«

»Mum, ich bin doch schon groß. Mr Alexander Morris«, erwiderte Benjamin mit fester Stimme, während er am ganzen Körper zitterte. Hine tat es in der Seele weh, dass sie den Jungen derart in Angst und Schrecken versetzte.

Unter Tränen riss Hine Ben in die Arme und drückte ihn fest an sich. Wenn sie gewusst hätte, dass sie weder ihn noch Alexander je wiedersehen würde, sie hätte ihn auf keinen Fall losgelassen und zum Wagen geschickt, damit sie erst ihre Papiere aus dem Schreibtisch und dann die Blechkiste unter den Bodenbrettern der Werkstatt hervorholen konnte. Obwohl Jack nun alles wusste, wollte sie keine Beweise ihrer Liebe zu Alexander in Pounamu zurücklassen. Noch wichtiger war ihr das kleine Heft mit den Entwürfen, denn nun würde sie endlich die Chance bekommen, ihre eigene Kollektion herzustellen. Doch das Entscheidende war der Schlüssel für das Haus, denn sie musste davon ausgehen, dass Alexander erst in ein paar Tagen zum Arthur’s Pass kommen würde.

Und wieder überfiel sie diese diffuse Angst, dass ihr etwas zustoßen könnte. Mit einem mulmigen Gefühl löste sie sich aus der Umarmung mit ihrem Sohn und eilte in Richtung Werkstatt.

Der kleine Junge sah ihr unschlüssig hinterher. Er kämpfte mächtig mit sich: Sollte er ungehorsam gegen die Mutter sein und ihr doch folgen, um sie notfalls zu beschützen, oder sich in den Wagen flüchten, wie sie es ihm befohlen hatte?

Als der Vater in diesem Augenblick mit wutverzerrtem Gesicht aus dem Haus trat, machte er sich vor lauter Panik in die Hosen. Nachdem der Vater außer Sichtweite war, brachte er sich am ganzen Körper bebend im Inneren des Wagens in Sicherheit. Was ihn am meisten erschreckt hatte, war der Hammer, den sein Vater wie ein Irrer durch die Luft schwang.

1. TEIL

Omakas Reise in
die Vergangenheit

1. KAPITEL
Gruenstein.jpg

Der Harbourside Ocean Grill befand sich in der ersten Etage des alten Fährgebäudes direkt am Wasser. Er war bekannt für sein exzellentes Seafood, die guten Weine und den bezaubernden Blick, den man von der Terrasse über den ganzen Hafen von Auckland hatte.

An diesem frühen Abend fand in den Räumlichkeiten des Restaurants eine Party statt. Noch brannte die Sonne kräftig vom Himmel, sodass man es draußen nur unter einem der Sonnenschirme aushalten konnte. Die alljährlich hier stattfindende Weihnachtsfeier der Kiwi Jewellery Company gehörte zu den begehrtesten Veranstaltungen der Aucklander Kreativszene. Bei diesen Events trafen sich Schauspieler, Regisseure, Maler und junge Schmuckdesigner. Man trank reichlich, aß gut und tanzte auch mal die ganze Nacht hindurch. Wer eine Einladung bekam, gehörte dazu. Mila Parker gehörte schon seit dem vergangenen Jahr zu den Auserwählten, weil der Chef der Firma, Pit Myers, ein Studienfreund ihres Bruders Tim war. Seit Pit ein paar von Milas Schmuckstücken bewundert hatte, lag er Tim mit dem Wunsch in den Ohren, seine Schwester zu einem verlockenden Job bei der Kiwi Jewellery Company zu überreden, sobald sie ihre Ausbildung an der renommierten Schmuckdesign-Akademie abgeschlossen hatte. Nun war es so weit. Mila hatte nicht nur einen hervorragenden Abschluss gemacht, auch ihre Prüfungskollektion hatte unter den Juwelieren der Stadt für große Begeisterung gesorgt.

Die viel gepriesene Schmuckdesignerin stand etwas abseits des Trubels an das Terrassengeländer gelehnt und ließ ihren Blick verträumt bis zu den Inseln im Golf schweifen. Sie konzentrierte sich dabei auf die Sonnenstrahlen, die auf dem Wasser wie kleine Sterne glitzerten. Mila liebte diese Stadt inzwischen fast genauso sehr wie ihren Heimatort Hokitika. Und die Entscheidung, in welchem der beiden Orte sie nach dem abgeschlossenen Studium leben wollte, war ihr verdammt schwer gefallen. Für die Westküste sprach, dass dort ihre Wurzeln waren. Ein weiteres Plus war der Flussarm auf dem Grundstück ihrer Familie, von dessen Grund man den Jadestein quasi abpflücken konnte. Für eine Schmuckdesignerin gab es wohl kaum einen größeren Luxus, als die schönsten Grünsteine direkt hinter dem Haus sammeln zu können. Wobei sie nicht nur nach dem äußeren Eindruck ging, sondern auch prüfte, ob der Jadestein ihr etwas zu sagen hatte, wenn sie ihn erst einmal in der Hand hielt. Dass sie mit ihren Steinen kommunizierte, behielt sie vor den Kollegen in Auckland allerdings für sich. Das wusste nur ihre Großmutter Omaka, weil die es genauso machte. Es war Mila tatsächlich schon passiert, dass sie einen wunderschönen Stein aus dem Wasser geholt hatte, der einfach stumm geblieben war. Dann hatte er für ihre Arbeit keinen Wert. Sie brauchte eine Art spiritueller Beziehung zu ihrem Material, wenn das Ergebnis gelingen sollte. Sie hatte während ihrer Ausbildung an der Schmuckdesign-Akademie mit vielen Steinen experimentiert, aber mit dem Greenstone arbeitete sie am liebsten. Beim Grünsteinschnitzen hatte ihr keine der Mitstudentinnen das Wasser reichen können, denn Mila war der Umgang mit dem stahlharten Material quasi in die Wiege gelegt worden. Generationen ihrer mütterlichen Vorfahrinnen hatten schon Schmuck aus der Nephrit-Jade hergestellt. Aus schwarzer Jade und Silber war auch ihre Abschlussarbeit gefertigt, ein Ensemble, für das ihr ein reicher Aucklander ein hübsches Sümmchen geboten hatte, um es seiner Frau zu schenken. Doch Mila fand, dass diese edlen Stücke nur einer einzigen Frau gebührten: ihrer Großmutter Omaka, der sie so viel zu verdanken hatten. Es war bestimmt nicht immer leicht gewesen für Omaka, allein zwei kleine Kinder aufzuziehen. Immer wenn Mila daran dachte, was wohl aus ihnen geworden wäre, wenn ihre Großmutter Tim und sie nicht so beherzt bei Nacht und Nebel vom Gelände einer dubiosen Sekte entführt hätte, wurde sie von einer Welle der Liebe für diese mutige Frau erfasst. Wollte sie den Heldengeschichten Glauben schenken, so war die Großmutter mit ihrem Wagen bis in den entlegensten Zipfel der Nordinsel gerast, um die beiden Kinder aus den Fängen der Sekte zu retten, nachdem ihre Tochter Klara einen Hilferuf hatte absetzen können mit der Nachricht, dass ihr die Kinder weggenommen werden sollten. Omaka hatte dann wohl keine Minute gezögert, sich auf den langen Weg zu machen. Natürlich hatte sie ihre Tochter Klara auch mitnehmen wollen, aber die hatte sich geweigert, das »Camp des Schreckens«, wie es in der Presse später genannt wurde, zu verlassen. Diese Geschichte aber hatte Mila nicht aus dem Mund ihrer Großmutter erfahren, sondern von Omakas treuer Mitarbeiterin Manuka, einer waschechten Maori, die ebenso wie Omaka das Jadeschnitzen beherrschte. Sie war Omakas rechte Hand im Hotel und in der Werkstatt gewesen, bis sie überraschend an einer seltenen Krankheit gestorben war. Mila fehlte sie so sehr, weil sie der einzige Mensch gewesen war, der ein wenig Licht in das Dunkel ihrer Herkunft gebracht hatte. Ihre Großmutter verlor niemals auch nur ein Wort über die Vergangenheit. Auch nicht über Milas Mutter Klara. Dennoch war sie tagelang mit verweinten Augen über das Anwesen geschlichen, als der Anruf gekommen war, in dem man ihr mitgeteilt hatte, dass Klara sich das Leben genommen hatte. Am Abend vorher hatte Klara Omaka – laut Manuka – noch einmal angerufen und sie gebeten, ihr zu verzeihen. Da hatte sie wohl endlich begriffen, dass ihr Paradies auf Erden nichts anderes als eine Hölle von Missbrauch und Gewalt gewesen war. Auch das wusste Mila nur von Manuka. Die Großmutter hatte den Kindern, die damals vierzehn und zwölf gewesen waren, etwas von einem Autounfall ihrer Mutter erzählt, bis Mila über Ungereimtheiten gestolpert war und sich an Manuka gewandt hatte. Von ihr wusste sie auch, wie verzweifelt Omaka ihre Tochter in diversen Briefen angefleht hatte, nachhause zu kommen, doch da war es bereits zu spät gewesen – falls sie diese Nachrichten überhaupt jemals bekommen hatte. Klara hatte ihren letzten Frieden auf dem trostlosen Friedhof von Hokitika gefunden, aber ihr Grab war das ungewöhnlichste, denn Omaka hatte – auch das hatte Manuka ihr einst voller Bewunderung für ihre Großmutter berichtet – dafür gekämpft, es über und über mit Grünsteinen zu bedecken. Der Einwand der Friedhofsverwaltung, das wäre eher im Judentum üblich, Steine auf Gräber zu legen, hatte Omaka mit dem Argument vom Tisch gewischt, sie würde sich aber nicht vorschreiben lassen, Blumen auf das Grab ihrer Tochter zu pflanzen.

Nun meldete sich Milas schlechtes Gewissen, weil sie ihrer Großmutter diese unbeschwerte Kindheit in Freiheit damit dankte, dass sie das glitzernde Leben in Auckland einer Rückkehr in die Heimat vorzog. Doch welche Anfängerin bekam schon die Chance, auf Anhieb die Verantwortung für ihre erste eigene Kollektion zu übernehmen?

Eigentlich hätte das Ganze ein echtes Märchen sein können, wenn sie nicht zuvor schon ein Angebot der Jade Factory aus Hokitika bekommen und dort mündlich zugesagt hätte. Und wenn ihre Großmutter nun nicht fest damit rechnen würde, sie bald wieder in ihrer Nähe zu wissen. Ihre Granny war überdies sehr stolz auf Mila und ihren Job in der Jade Factory, wobei sie insgeheim hoffte, Mila würde sich später auf Pounamu selbständig machen. Das Zeug dazu besäße sie, hatte sie ihrer Enkelin stets versichert und ihr einst anvertraut, dass es früher ihr Traum gewesen sei, sich ganz auf das Entwerfen von Schmuck aus Greenstone zu verlegen. Aber wer hätte dann das Hotel führen sollen?

Mila wurde traurig bei dem Gedanken, wie enttäuscht ihre Großmutter wohl sein würde, wenn sie erfuhr, dass sie das Jobangebot, in ihrer Heimatstadt als Designerin anzufangen, nun doch ablehnen würde.

Sie hatte den Gedanken noch gar nicht ganz zu Ende geführt, als jemand neben sie ans Geländer trat. »Nicht erschrecken. Es ist nur dein neuer Chef.« Mila fuhr herum und rang sich ein Lächeln ab. »Hallo, Pit.«

»Ich will die Prinzessin auch gar nicht beim Träumen stören. Aber ich würde die Vertragsunterzeichnung gern noch vor den großen Ferien erledigen. Bist du morgen noch im Lande, oder bist du dann schon an der rauen Küste?«

»Nein, ich fahre erst übermorgen, damit ich zu Weihnachten bei meiner Granny sein kann. Ich fliege gemeinsam mit Tim, und der muss morgen noch arbeiten.«

»Wann passt es dir? Kommst du ins Büro, oder wollen wir hier auf der Terrasse auf unsere gemeinsame Zukunft anstoßen?« Pit konnte nicht verbergen, wie sehr es ihn freute, dass er sie nun doch noch als zukünftige Mitarbeiterin hatte gewinnen können. Sie hatte sich seinen Avancen zunächst widersetzt, weil sie befürchtete, dass sie als Fachfrau für schwarze Jade weder in Arbeiten aus Rosenquarz noch aus Achat je so viel Herzblut investieren würde wie in den Entwurf von Schmuckstücken aus Grünstein. Doch Pit hatte das als Ausrede abgetan und sein Glück weiter versucht. Seinen Freund Tim wusste er bereits auf seiner Seite. Er und Pit hatten zusammen Architektur studiert, waren dann aber völlig unterschiedliche Wege gegangen. Tim hatte ein Architektenbüro übernommen, während Pit in die Firma seiner Eltern eingestiegen war.

Tim hatte jedenfalls im Gegensatz zu ihr nicht die geringsten Skrupel, Großmutter Omaka in Zukunft allein an der Westküste zurückzulassen. Er wurde nicht müde, Mila zu versichern, ihre Granny wäre eine überaus fitte und autarke Person, die auch ohne ihre Enkel mit dem Hotelbetrieb zurechtkäme, zumal sie sich durchaus fähiges Personal leisten könnte. Natürlich verstand er, dass sich seine Schwester durch ihre Liebe zu dem Jadestein Pounamu weitaus stärker verbunden fühlte als er, der gar nicht schnell genug in die Stadt hatte flüchten können. Für ihn war ein Job in der Jade Factory, in der Maorischmuck für die Touristen gefertigt wurde, gar nicht zu vergleichen mit der Stellung als Designerin in einer international arbeitenden Firma wie der Kiwi Jewellery.

Mila tat es manchmal beinahe weh, ihren Bruder so abfällig über Pounamu reden zu hören. So als wäre das Anwesen der hinterletzte Flecken Erde, der nur zu einem taugte: ihn nach Omakas Tod schnellstmöglich loszuwerden! Ihm schien die Historie dieses Ortes herzlich wenig zu bedeuten. Immer wenn Mila ihm zu erklären versuchte, dass dieses Stück Land seit Generationen ihren Maori-Vorfahren gehört hatte und dass ihnen der Flussarm mit der Jade heilig wäre, winkte er nur ab mit der Begründung, er käme eher nach seinen männlichen Vorfahren, die allesamt englische und irische Gene hätten. In dem Punkt hatte er natürlich Recht. Schon ihre legendäre Ahnin Maata, die Begründerin des Hotels Pounamu, hatte ihren Maorimann wegen eines britischen Goldsuchers verlassen und mit ihm dann die Kinder bekommen. Seit der Zeit waren die Frauen der nachfolgenden Generationen streng genommen keine reinen Maori mehr, wohl aber von ihrer Haltung und dem Stolz auf ihr Erbe. Sie spürten die magische Kraft, die vom Grünstein ausging, und glaubten fest daran, dass die Mana, die spirituelle Kraft des Trägers, auf den Stein überging. Überdies verband der Stein die Kräfte der Erde mit denen des Himmels, und die der Sterne mit der des Wassers. Ja, davon war auch Mila überzeugt, doch damit musste sie ihrem Bruder gar nicht erst kommen. Er hatte keinerlei Antennen für die Tradition seiner Ahninnen und auch nicht für das Verdienst seiner Großmutter um das Land. Wie hatte Omaka sich dafür starkgemacht, dass der Flussarm im Besitz der Familie bleiben konnte, nachdem die neuseeländische Regierung 1997 festgelegt hatte, dass alle Grünsteine dem Stamm der Ngai Tahu, dem Stamm ihrer Ahninnen, gehören sollten. Schließlich war Omaka von Stammesvertreterinnen offiziell zur Hüterin des Schatzes von Pounamu gewählt worden, mit der Maßgabe, dass jedes Mitglied des Stammes sich jederzeit einen Stein aus dem Wasser holen durfte. Doch keiner hatte das Anwesen je betreten, um von diesem Recht Gebrauch zu machen. Für die Ngai Tahu gehörte dieser Fluss zum Erbe von Omakas und Milas Ahnen. Von dieser Magie und der Berufung, an dem geheiligten Flussarm zu leben, blieb Tim allerdings völlig unberührt. Für ihn waren das irgendwelche Steine, aus denen man im besten Fall Schmuck herstellen konnte, wenngleich ihm ein echter Diamant wesentlich lieber war. Mila zog ihn manchmal damit auf, dass ihn seine letzte feste Freundin sicher nicht verlassen hätte, wenn er ihr statt des Klunkers ein Pikorua-Amulett, das Zeichen unendlicher Liebe, geschenkt hätte. Und zwar aus Grünstein! Tim wies das weit von sich und schob das Scheitern der Beziehung allein auf den miesen Charakter seiner Ex. Außerdem weinte er ihr sowieso keine Träne nach. Eine Frau in seinem Leben – gleich ob als positive oder negative Erfahrung – hatte ihren Bruder emotional noch nie sonderlich tief berührt. Manchmal hegte Mila den Verdacht, ihr Bruder hätte um sein Herz eine undurchdringliche Mauer errichtet, aber sie liebte ihn dennoch über alles.

»Ich will dich dann mal nicht weiter stören«, sagte Pit wie aus einer anderen Welt. Mila zuckte regelrecht zusammen.

»Ich weiß auch nicht, wo ich heute mit meinen Gedanken bin. Das ist alles so aufregend für mich, und ich muss ständig daran denken, was meine Granny wohl sagen wird, dass ich mich für Auckland entschieden habe, zumal ich ihr dein Angebot bisher verschwiegen habe«, bemerkte sie entschuldigend.

»Die alte Dame wird das schon verstehen. Tim sagt, du machst dir ganz umsonst so einen Kopf. Er glaubt, dass eure Granny da viel pragmatischer rangeht als du.«

»Meint er das?«, entgegnete sie leicht säuerlich. Der Hang ihres Bruders, ihre Gefühle überspannt zu finden, missfiel ihr außerordentlich. Doch vielleicht hatte er in dieser Angelegenheit gar nicht so Unrecht, fügte sie in Gedanken selbstkritisch hinzu. Vielleicht würde ihre Großmutter sogar Verständnis für ihre Entscheidung aufbringen, wenn sie von ihrer gigantischen Karrierechance erfuhr. Das war schon immer eines von Milas größten Problemen gewesen: Sie machte sich viel zu viele Gedanken darüber, was andere denken und fühlen könnten.

Pit gab Mila nun überschwänglich ein Küsschen auf die linke und eines auf die rechte Wange. »Wir sehen uns später auf der Tanzfläche.« Mila nickte müde, denn sie hatte weder Lust auf Smalltalk, was ohnehin eine Qual für sie war, noch auf das Tanzen. Es sei denn, ein gewisser Jemand würde auf der Party vorbeischauen und sie zu einem Tanz überreden …

2. KAPITEL
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Omaka Parker war eine imposante Erscheinung. Sie war groß und hatte im Alter mächtig an Pfunden zugelegt, was ihr zumindest bei den Maorifrauen in der Gegend eher Respekt einbrachte. Hinzu kamen ihre tiefe, durchdringende Stimme und ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Jadestein. All das machte sie zu einer örtlichen Autorität. Die Maorifrauen ließen sich ihre Amulette ausschließlich von ihr fertigen, obwohl Hokitika sich in den letzten Jahren von einer vergessenen ehemaligen Goldgräberstadt zu einer Grünstein-Touristenattraktion gewandelt hatte. An jeder Ecke gab es Läden, die örtlichen Jadeschmuck anboten. Dort ließ Omaka die Amulette allerdings nicht verkaufen, die sie in ihrer raren Freizeit fertigte, sondern bot sie direkt im Hotel an. Sie betrachtete diesen Boom eher mit einer gewissen Skepsis, weil viel Schmuck aus der industriellen Fertigung stammte. Trotzdem profitierte auch Omaka von dem Aufschwung des kleinen Städtchens, weil ihr Hotel sehr beliebt bei den Touristen war. Es hatte sich herumgesprochen, dass es dort noch echt handgefertigte Amulette mit magischen Kräften zu kaufen gab.

Ihre Gedanken schweiften kurz zu Mila, und sie spürte die Vorfreude in sich aufsteigen. Vielleicht konnte Mila ihr sogar bei den Kursen assistieren, die sie neuerdings nicht nur ihren Hotelgästen anbot. Diese Kurse im Jade-Schnitzen hatten mehr Zulauf, als Omaka je erwartet hätte. Kopfschmerzen bereitete ihr nur der bauliche Zustand der alten Werkstatt ihrer Mutter, in der sie die Kurse veranstaltete, denn es stand zu befürchten, dass die alte Bretterbude irgendwann über den Köpfen der Gäste zusammenstürzen würde. Mit Milas Hilfe würde sie gern eine neue Werkstatt planen. Keine Frage, sie brauchte dringend die Unterstützung ihrer Enkelin.

Doch da holten sie ganz andere Gedanken ein, Gedanken, die sie am liebsten verdrängt hätte. Allein die Vorstellung, ihren Enkeln von dem »kleinen Zusammenbruch« zu erzählen, wie sie ihn insgeheim bezeichnete, um ihm seinen Schrecken zu nehmen, bereitete ihr schlechte Laune.

Seit Tagen quälte sie sich mit der Frage, ob sie es nicht irgendwie vermeiden konnte, den Kindern die Wahrheit zu sagen: Dass sie vor vierzehn Tagen in ihrer Werkstatt umgekippt war und ihre neue Mitarbeiterin Sara sofort Dr. Leyland geholt hatte, der sie nach einer intensiven Erstversorgung umgehend mit dem Notarztwagen nach Greymouth ins Krankenhaus hatte bringen lassen. Und vor allem, dass die kardiologische Untersuchung Leylands Diagnose bestätigt hatte. Sie wollte ihnen doch nicht das Weihnachtsfest verderben. Vor allem befürchtete sie, dass es die sensible Mila aus der Bahn werfen würde. Sie selbst hatte ja auch nicht mit diesem niederschmetternden Ergebnis gerechnet. Ein Infarkt! Darauf wäre sie im Leben nicht gekommen, als sie diese diffusen Schmerzen im Oberbauch bekommen hatte. Aber wenn sie ihrer Enkelin beichtete, dass man ihr dringend zu Stents riet, die ihre Koronargefäße stützen sollten, wie man ihr ausführlich erklärt hatte, würde die sofort mit ihr in die Klinik fahren und das gemeinsame Weihnachtsfest platzen lassen. Das passte Omaka nach allem, was sie kurz vor dem Infarkt hatte erfahren müssen, ganz und gar nicht. Sie wollte die gemeinsamen Tage mit beiden Enkeln nutzen, um ihnen zu erzählen, auf was für eine ungeheuerliche Familiengeschichte sie da gestoßen war. Es entsprach zwar ganz und gar nicht ihrer Art, Probleme mit anderen zu teilen, schon gar nicht mit ihren Enkeln, aber in dieser Sache wusste sie einfach nicht weiter und benötigte vor allem Tims Rat. Er betrachtete das Leben ähnlich realistisch wie sie. Und wenn er ihr riet, in dieser Angelegenheit weiterzurecherchieren, würde sie das auch tun. In ihrer Brust kämpften nämlich zwei Seelen: die Angelegenheit zu vergessen oder ihr nachzugehen. Ihr war durchaus bewusst, dass die Aufregung neulich ein Auslöser für den Herzanfall gewesen sein konnte, und sie redete sich ein, dass ihr Herz sich, sobald sie eine Entscheidung getroffen hatte, wieder beruhigen würde. In ihre Krankheitsgeschichte würde sie ihre Enkel vorerst jedenfalls nicht einweihen. Erst wenn sich Mila zuhause wieder eingelebt hatte und Omaka sich tatsächlich dazu durchringen konnte, sich solche künstlichen Zugänge einpflanzen zu lassen … Tja, dann würde ihr wohl auch gar nichts anderes übrigbleiben. Aber auch dann würde sie das Ganze natürlich herunterspielen und Mila auf keinen Fall verraten, was der Doktor in Greymouth ihr mit auf den Weg gegeben hatte: dass der nächste Infarkt ihr letzter sein könnte, wenn sie nichts unternähme! Ein Gedanke, der sie erschaudern ließ. Weniger der Gedanke an den Tod, sondern daran, diese Operation über sich ergehen zu lassen. Insgeheim hoffte sie inständig, dass sie diesen Eingriff würde vermeiden können, denn ein bisschen Zeit war ihr noch vorbestimmt. Das spürte sie genau – und auch, dass sie nicht endlos war. Neulich war ihr wieder ihre Mutter im Traum erschienen und hatte sie ganz liebevoll in den Arm nehmen wollen. So als wollte sie ihre Tochter zu sich holen. Sie hatte sogar mit sanfter Stimme zu ihr gesprochen und ihr versichert, dass sie nicht leiden würde. Omaka war das immer ein bisschen suspekt, wenn sie von ihrer Mutter träumte, weil sie im Traum so ganz anders als im wahren Leben war. Eher wie ein Engel und überhaupt nicht wie jene arme Kreatur, die zu nichts anderem in der Lage gewesen war, als stumm und verwirrt in einem Sessel zu sitzen. Der Gedanke, in absehbarer Zeit bei den Ahnen zu sein, machte Omaka allerdings keine Angst. Sie war viel zu vernünftig, um sich gegen die Macht des Schicksals aufzulehnen oder zu versuchen, es auszutricksen. Aber noch war es nicht so weit! Sie durfte sich eben nur nicht mehr so aufregen wie neulich, als sie auf die geheimnisvollen Unterlagen gestoßen war.

3. KAPITEL
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Mila stand immer noch draußen auf der Terrasse und ließ ihren Blick über den Hafen von Auckland schweifen: die vielen Schiffe, das türkisfarbene Wasser und die grünen Inseln … das fühlte sich fast schon ein wenig heimisch an. Ihre Gedanken kreisten nun um den zweiten Grund, der sie in Auckland hielt. Es war der gewisse Jemand, mit dem sie an diesem Abend sogar tanzen würde. Sie fand es ja selbst unverzeihlich, dass hinter ihrer Entscheidung, in Auckland zu bleiben, nicht nur ein verlockendes Jobangebot stand, sondern auch ein Mann.

Niemals würde Omaka es gutheißen, dass ein »Kerl« ihre Enkelin veranlasste, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Und schon gar nicht Jonah, Tims Kompagnon, auf den Omaka ohnehin keine großen Stücke hielt. Aber er war nicht der einzige Mann, den ihre Großmutter mit äußerster Skepsis betrachtete. Den tieferen Grund, dass Granny Omaka von Männern nicht unbedingt viel hielt, vermutete Mila in deren eigener Geschichte. Dunkel erinnerte sich Mila daran, dass es früher im Leben ihrer Großmutter immer wieder einmal Männer gegeben hatte, aber die waren so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Omaka hatte auch nie ein Wort über diese Herren verloren. Nur über den einen, über Klaras Vater. Den nannte sie gern einen miesen Heiratsschwindler, weil er wohl bereits eine Familie besessen hatte, als er die schöne Omaka umworben und dabei ganz vergessen hatte, ihr von der Existenz seiner Ehefrau und der vier Kinder zu berichten. Sie hatte ihm, nachdem das herausgekommen war, sofort den Laufpass gegeben und ihre Tochter allein großgezogen. Aber aus den wenigen dürren Worten, die sie über Klara verlor, konnte Mila schließen, dass Omaka sich für eine schlechte Mutter hielt. Das mochte Mila kaum glauben, war Omaka doch die wunderbarste »Mutter«, die sie selbst je hätte haben können. Manchmal beschlich Mila der Gedanke, dass Omaka vielleicht versucht hatte, an ihrem Bruder und ihr etwas wiedergutzumachen, was sie bei ihrer eigenen Tochter versäumt hatte. Aber es war schwer, mehr darüber zu erfahren, denn Omaka neigte dazu, nur das von sich preiszugeben, was ihr passte. Schon auf vorsichtige Nachfragen ihrer Enkelin konnte sie sehr unwirsch reagieren. Mila hatte manchmal den leisen Verdacht, dass sich hinter der lebenstüchtigen, starken Fassade, die ihre Großmutter nach außen hin zeigte, irgendwelche Geheimnisse verbargen. Wie gern hätte sie sich darüber einmal mit Tim ausgetauscht, aber da rannte sie gegen eine Wand. Tim interessierte die Vergangenheit nicht die Bohne, wie er wortwörtlich behauptete. Er reagierte mit Abwehr, wenn seine Schwester zu psychologisieren anfing, wie er es abschätzig nannte, und wenn sie versuchte, der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Wenn es nach ihrer Großmutter gegangen wäre, hätten Tim und sie auch niemals im Leben erfahren, was sie für ihre Enkel auf sich genommen hatte. Aus ihrem Mund hatte es nur lapidar geheißen, ihre Mama wäre einfach fortgegangen. Davon, dass die kleine Mila nächtelang nicht schlafen konnte, weil sie glaubte, sie trüge die Schuld daran, hatte keiner etwas bemerkt. Bis auf Manuka, die sie eines Tages, als sie vielleicht zwölf Jahre alt gewesen war, gefragt hatte, was sie so schrecklich bedrücke. Da war es aus Mila herausgebrochen: Es müsste doch einen Grund haben, dass die Mutter sie verlassen habe! Ob Tim oder sie ihr etwas angetan hätten? Da hatte Manuka kein Blatt mehr vor den Mund genommen und Mila die Wahrheit erzählt, jedenfalls das, was sie dafür gehalten hatte. Dass sich ihre Mutter, nachdem »der Typ«, dessen Namen keiner kannte, sie mit den zwei kleinen Kindern hatte sitzen lassen, einer dubiosen Sekte angeschlossen hatte. Und sie hatte Mila in allen Einzelheiten von der heldenhaften Rettungsaktion berichtet. Mila hatte ihr fasziniert zugehört und es anfangs wie eine der spannenden Maori-Legenden aufgenommen, mit denen Manuka sie von frühster Kindheit an in ihren Bann gezogen hatte. Bis sie begriffen hatte, dass das alles kein Märchen war, sondern ihre Geschichte. Aufgeregt war sie zu ihrem zwei Jahre älteren Bruder gerannt, um ihm von dieser abenteuerlichen Geschichte zu berichten, doch der hatte sich die Ohren zugehalten und ihr erklärt, er wolle von dem Scheiß nichts hören. Erst nachdem Mila in ihrem ersten Jahr in Auckland wegen ihrer Schlafstörungen zu einer Psychologin gegangen war, war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen: Womöglich konnte er sich ganz dunkel an die Zeit bei der Sekte erinnern, denn schließlich war er schon drei oder vier Jahre alt gewesen, als Omaka sie dort weggeholt hatte. Das konnte der wahre Grund sein, warum er so abblockte. Er wollte es verdrängen! Daraufhin hatte Mila alles über diese Sekte gelesen und war zu ihrem Entsetzen auf den Vorwurf des Kindesmissbrauchs an Mädchen und den der Misshandlungen von Jungen gestoßen. In ihrer Verzweiflung hatte sie die gute Manuka auf dieses heikle Thema angesprochen. Manuka hatte auf diese Nachfrage nicht genervt reagiert, sondern fast erleichtert. Und durch sie hatte Mila erfahren, dass ihre Mutter Klara sie offenbar rechtzeitig vor potenziellen Übergriffen geschützt hatte. Aber Klaras Sorge um die Kinder hatte leider nicht ausgereicht, um sich selbst vor diesem »Monster«, wie ihn die neuseeländische Presse Jahre später gern bezeichnete, in Sicherheit zu bringen.

Mila schluckte bei dem Gedanken, dass sie Manuka nie wieder etwas fragen konnte. Immerhin hatte Manuka ihr damals ein paar Fotos von Klara geschenkt. Seitdem wusste Mila wenigstens, von wem sie das blonde Haar und die braunen Augen geerbt hatte. Ja, es war fast ein Schock gewesen, wie ähnlich sie ihrer Mutter sah, und sie hätte sich sehr gewünscht, wenn sie darüber wenigstens mit ihrem Bruder hätte sprechen können, wenn ihre Großmutter beim Thema Vergangenheit schon so abblockte. Aber an dem Punkt »Mutter« hatte Tim ein massives Problem! Darin war sich Mila sogar mit Jonah einig. Und damit war sie wieder bei dem Mann ihrer Träume.

Jonah Wagner, achtundzwanzig Jahre, dunkles Haar, Augen wie ein dunkelgrüner Jadestein, sinnliche Lippen, sportlich trainierter Körper und ein unwiderstehliches Lächeln …

Als sie Jonah von ihrem Plan erzählt hatte, nach Hokitika zurückzugehen, um einen Job bei der Jade Factory anzunehmen, war er sichtlich entsetzt gewesen. »Aber du kannst doch nicht einfach weggehen«, hatte er theatralisch ausgerufen. Jonahs wegen in Auckland zu bleiben war nach rein objektiven Erwägungen das Dümmste, was sie tun konnte. Jonah war ein attraktiver Kerl, dem die Frauen nur so zu Füßen lagen. Ständig war er in Begleitung irgendeiner Beauty, die ihn anhimmelte. Und wenn man Tims nüchterner Einschätzung Glauben schenken durfte, würde sich an diesem Zustand in den kommenden Jahren auch nichts ändern. Nachdem ihn seine Freundin aus Jugendtagen vor ein paar Jahren von einem Tag auf den anderen abserviert hatte, gefiel sich Jonah als Frauenheld. Dass er dabei immer wieder Frauenherzen brach, ließ ihn nicht kalt, aber er verteidigte sich damit, dass er stets mit offenen Karten spielte. Mila konnte sich allerdings lebhaft vorstellen, dass das eine verliebte Frau kaum abschrecken würde. Dazu musste sie sich doch nur an die eigene Nase fassen. Sie hatten genau dieselben Allmachtsfantasien: dass sie ihn würde retten können. Mila war in diesem Punkt nicht abgeklärter als andere, sondern eher aufgeklärter, weil ihr Bruder ihr stets versicherte, die Frau, die Jonahs Beziehungsangst knacken wollte, müsste erst noch geboren werden. Trotzdem hoffte sie insgeheim auf eine Beziehung mit ihm. Wenn sie sich nur in Geduld übte … Das war Milas größtes Geheimnis, von dem kein Mensch je erfahren sollte. Am wenigsten ihr Bruder! Sie konnte sich seine kritisch hochgezogenen Brauen geradezu bildlich vorstellen, bevor er ihr dann in sachlichem Ton erklärte, dass das keinerlei Zukunftsperspektive hätte. Nein, das wollte sie sich auf keinen Fall anhören, zumal Tim seinem Freund Jonah offenbar nacheiferte, was die Unverbindlichkeit Frauen gegenüber anging. Wobei es wahrscheinlich eher umgekehrt war, denn Jonah hatte immerhin eine große Enttäuschung hinter sich, während Tim schon zu Schulzeiten als der unwiderstehliche Herzensbrecher gegolten hatte. Bei ihm waren rein äußerlich die Maori-Gene, die er doch so leugnete, voll durchgebrochen. Das jedenfalls vermutete Mila. Er hatte pechschwarzes Haar und dunkle Augen, aber das gepaart mit einem eher schmalen Gesicht. Er wurde oft für einen Nachkommen italienischer Einwanderer gehalten, und da er kein besonderes Verhältnis zu seinen Wurzeln hatte, hatte er dem nie widersprochen, sondern es eher noch kultiviert. Mila hatte unter seinem Frauen-Verschleiß mächtig zu leiden gehabt. Ständig war eine ihrer Freundinnen in Tim verknallt gewesen und hatte ihr, nachdem er den Rückzug angetreten hatte, wochenlang die Ohren vollgeheult. Danach hatten diese Freundinnen irgendwann den Kontakt zu Mila abgebrochen, weil sie nicht mehr an »Don« erinnert werden wollten. Sein Spitzname leitete sich von Don Juan ab. Auf diese Weise hatte Mila viele beste Freundinnen verloren, aber auch viele dazugewonnen, auf die sie gern verzichtet hätte, weil diese den Kontakt zu ihr nur gesucht hatten, um »Don« näher kennenzulernen. Immerhin war ihr eine echte Freundin geblieben, die niemals den Schwur gebrochen hatte, sich nicht auf Tim einzulassen, den Mila schließlich jeder ihrer angeblichen Freundinnen abverlangt hatte. Aber nur Ruby hatte es geschafft. Sie war auch die Einzige, die von Jonah wusste. Auch sie wäre bitter enttäuscht, wenn sie ihr gestand, dass sie nach Auckland umsiedeln würde, war sie doch eine der letzten Freunde aus Kindertagen, die nicht von der Westküste geflüchtet war. Ruby war dort Lehrerin geworden. Gerade gestern erst hatte sie Mila eine WhatsApp geschickt mit einem Foto vom sonnenbeschienenen Strand von Hokitika und der Nachricht, dass sie sich auf ihre Rückkehr riesig freute.

Es war wirklich verhext mit ihren Gefühlen für Jonah. Das sah Mila durchaus kritisch, nur, was sollte sie tun? Sie hatte sich nun einmal entschieden, dass er es sein sollte. Und das ganz ohne Schmetterlinge im Bauch und weiche Knie, sondern weil sie der festen Überzeugung war, dass sie ihn würde zähmen können. Und nur, weil er sie vor ein paar Monaten nach einem Essen bei Tim nachhause begleitet hatte. An dem Abend hatte es furchtbar geregnet, und Jonah hatte im Gegensatz zu ihr einen Schirm dabeigehabt. Und wie schützend er ihn über sie gehalten hatte, auf die Gefahr hin, dass er selbst nass wurde. Nein, ein Egoist war Jonah sicher nicht. Im Gegenteil, er war eher ein aus der Zeit gefallener Gentleman, der seine Wünsche zugunsten der Frauen gern zurückstellte. Einer, der ihnen auch Türen aufhielt und in den Mantel half, ein Verhalten, das viel Stoff für Missverständnisse bot. Auch bei ihr! Mila hatte sich jedenfalls überhaupt nicht vorstellen können, dass ein Mann, der gar nichts von ihr wollte, freiwillig pitschnass wurde, damit sie trockenen Fußes nachhause kam, obwohl sie doch bereits wusste, was für ein Hallodri er war. Er hatte das in der Tat auch nicht ganz ohne Hintergedanken auf sich genommen, wie er ihr vor der Tür ihres Studentenwohnheims mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen ganz unverblümt gestanden hatte. Im Normalfall hätte er sie jetzt aufs Zimmer begleitet, aber eben nicht die kleine Schwester seines besten Kumpels Tim. Mila war in dem Augenblick herzlich egal gewesen, wie ihr Bruder das gefunden hätte, wenn er davon erführe. Deshalb hatte sie ihn direkt gefragt: »Was ist an mir so komisch, dass du nicht mit mir ins Bett gehen kannst?«

»Du bist entzückend, bildhübsch und wahnsinnig sexy in deinem Flatterkleid. Nichts an dir ist komisch. Du bist eine einzige Versuchung! Und nichts könnte mich davon abhalten, dich zu begleiten, bis auf eines: Tim hat mir angedroht, wenn ich mich jemals an dir vergreife und dich unglücklich machen sollte, würde er mir die Ei… ich meine, den Kopf abreißen.«

Mila hatte an dem Abend einige Gläser des unvergleichlichen Sauvignon Blanc aus der Marlborough-Region genossen und einen derartigen Lachkrampf bekommen, dass sie sich beinahe in die Hosen gemacht hätte. Jonah hatte schließlich gar nicht anders gekonnt, als in ihr ansteckendes Lachen einzustimmen.

»Sollte ich je in diesem Leben von meiner Bindungsmacke geheilt werden, werde ich dich heiraten«, hatte er unter Lachtränen verkündet.

Mila hatte mitgelacht, aber tief im Inneren hatte sie das als Versprechen verbucht. Seit jenem denkwürdigen Abend war sie felsenfest davon überzeugt, dass aus Jonah und ihr eines Tages doch noch ein Traumpaar werden könnte.

Obwohl sie eigentlich ein wenig sauer auf ihren Bruder war, weil der ihr mit seiner Drohung gegenüber Jonah eine wahrscheinlich sehr aufregende erste Nacht mit ihrem Traummann verdorben hatte, rührte sie diese ihr bislang unbekannte Seite Tims, ihren Beschützer zu spielen, auch ein wenig. War er gar nicht so obercool, wie er immer tat? Lag ihr Wohl ihm viel mehr am Herzen, als er es je zugeben würde? Wenn sie es recht bedachte, musste sie zugeben, dass ihr großer Bruder sie damit in der Tat vor einer großen Dummheit bewahrt hatte. Nicht auszudenken, wenn sie nun Tims Wohnung und sein Büro meiden müsste aus lauter Sorge, dort Jonah über den Weg zu laufen. In ihren Augen war es wesentlich angenehmer, unglücklich in einen Mann verliebt zu sein, mit dem man noch nicht im Bett gewesen war. Letzteres hatte sie nämlich schon mehr als einmal erleben müssen. Dass die Männer sich zurückgezogen hatten, nachdem sie eine wunderbare Nacht mit ihr verbracht hatten. Wahrscheinlich wäre sie schier daran verzweifelt und hätte sich langsam für unattraktiv gehalten, wenn ihr nicht einer dieser jungen Männer, die sie immer noch gut an einer Hand abzählen konnte, gestanden hätte, dass sie die tollste Frau sei, die er jemals kennengelernt habe.

»Und das ist der Grund, warum du gerade den Eindruck erweckst, als müsstest du ganz schnell gehen und nie wiederkommen?«, hatte sie ihn skeptisch gefragt. Er hatte genickt. »Dich möchte man einfach vom Fleck weg heiraten. Und man möchte Kinder mit dir, aber du bist viel zu schön, um bei mir zu bleiben.«

Mila hatte ihn fassungslos angesehen. »Heißt das, du willst mich nicht wiedersehen, weil ich dich möglicherweise verlassen könnte?«

Er hatte ihr Gesicht zärtlich in beide Hände genommen. »Du bist etwas Besonderes. Du hast eine unglaubliche Aura. Lach nicht! Aber ich habe tatsächlich das Gefühl, du wirst gehen, sobald ich mich auf dich eingelassen habe!«

»Super, dann sollten wir uns rein prophylaktisch nie wiedersehen«, hatte Mila ihm spöttisch erwidert. Erst hatte sie das für die perfideste Ausrede gehalten, die einem Mann einfallen konnte, wenn er sich nicht binden wollte, aber mit der Zeit hatte sie tatsächlich verinnerlicht, dass sie offenbar eine besondere Ausstrahlung besaß. Sie musste sich ja nur umsehen. Bestimmt waren auch jetzt wieder einige Augenpaare bewundernd auf sie gerichtet. Doch da gab es eine andere Seite in ihr. Mila konnte mit der Bewunderung der Männer kaum etwas anfangen, weil ihr komplett die Fähigkeit fehlte, mit ihnen zu flirten.

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