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Die Macht der Winterelfen

Eliane Roth

Die Macht der Winterelfen


Für meine Familie. Ich danke euch für die Geduld, die ihr aufbringen musstet.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Prolog

Es begann mit einem kleinen, unscheinbaren Zettelchen. Sie wusste nicht, woher es kam. Es war einfach da. Von einem Augenblick auf den anderen. Sie hatte nur kurz geblinzelt. Es schien wie Magie.

Ihr Herz setzte für einen Schlag aus. Ihre Finger umklammerten die Schreibfeder so verkrampft, bis die Adern blau hervortraten. Ein unwohles Gefühl breitete sich in ihr aus. War es das Ende? War die Zeit der vier Elfenstämme tatsächlich vorbei?

Lange hatte sie auf ein Zeichen gewartet, dass sich alles zum Guten wenden würde. Zu lange. Um ehrlich zu sein, hatte sie die Hoffnung beinahe schon aufgegeben. Dieses Zettelchen aber nahm ihr endgültig den letzten Funken Zuversicht.

Unsicher wandte sie den Blick davon ab und hob den Kopf. Sie fühlte sich beobachtet.

Niemand. Sie war alleine.

Elda, die Königin der Frühlingselfen saß alleine vor dem riesigen Schreibtisch ihrer Arbeitskammer.

Es war unheimlich still. Eldas Herz begann immer wilder zu klopfen, so laut, dass sie das Gefühl hatte, das Pochen war im ganzen Raum zu hören.

Nach einer Weile senkte sie den Blick; er blieb erneut an dem Zettel haften. Sie schluckte schwer und streckte dann zögerlich ihre zitternden Finger aus, um danach zu greifen.

Das Papier fühlte sich dünn an in ihren Händen, so, als wäre es schon mit vielen in Berührung gekommen.

Die Königin faltete es auseinander, sorgfältig darauf achtend, dass es nicht zerriss. Eine fast unleserliche, gewundene Schrift kam zum Vorschein.

Elda beugte sich vor und hielt die Nachricht näher ans Licht, um sie besser entziffern zu können.

Es stand nicht viel geschrieben. Um genau zu sein, war es ein Satz. Ein Satz, der alles veränderte.

Die Elfenkönigin fasste sich nachdenklich an die Stirn und las den Satz noch weitere drei Male durch. Auf einmal löste sich die Anspannung von ihr und es schlich sich sogar ein zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen, als sie den Zettel wieder zusammenfaltete.

Kaum hatte sie ihn aus den Fingern gelegt, verschwand er.

Spurlos.

Die Worte aber hatten sich für immer in Eldas Gedächtnis eingebrannt.

Kapitel 1

Die Regentropfen klatschten ans Fenster, bevor sie in feinen Strömen die Scheibe hinunter rannen. Ich beobachtete dieses Spiel der Natur schon eine ganze Weile. Dabei war ich völlig in meine Gedanken versunken – was ich ziemlich oft war.

Kaum jemand wusste, was für ein verträumter Mensch ich war und wie gerne ich über den Sinn des Lebens nachdachte. Meine Freunde sahen in mir nur die hübsche Brünette, die immer ein Lächeln auf dem Gesicht trug und alle mit ihrem großen Mitteilungsbedürftnis beeindruckte. Um ehrlich zu sein: Niemand wusste zu dem Zeitpunkt, wer ich wirklich war. Niemand. Nicht einmal ich.

Ich drehte mich ächzend auf den Rücken und blickte zur Zimmerdecke. Sie war in einem erfrischenden Grün gestrichen. Dasselbe Grün, in dem auch meine Augen erstrahlten. Es war kein gewöhnliches Grün. Der Augenspezialist bezeichnete es als ein „leicht gelbliches, kräftiges Grasgrün“. Auf Grund dieser außergewöhnlichen Farbe wurde ich als Kind von den verschiedensten Ärzten untersucht. Nachdem allerdings eine schlimme Krankheit ausgeschlossen werden konnte, wurde ich mit der Aussage, es wäre wohl nur ein harmloser, genetischer Fehler, entlassen.

Gelangweilt wandte ich mich wieder dem Fenster zu. Vielleicht klingt es merkwürdig, aber es war mein Lieblingsfenster in diesem Haus. Es ermöglichte mir die Sicht auf die ganze Straße und natürlich auf das gegenüberliegende Haus – wenn man diese Bruchbude noch ein Haus nennen konnte. Dieses stand schon seit Jahrzehnten leer und hatte begonnen zu verfallen. Kein Mensch kümmerte sich darum, denn niemand wollte die Kosten eines Abrisses oder einer Restaurierung auf sich nehmen. Ich hatte kein Problem damit. Lieber ein mysteriös wirkendes Haus, als einen modernen Betonbau, der überhaupt nicht in die Queen Street passte.

Bei schönem Wetter machte die Straße einen durchaus freundlichen Eindruck. Die Leute kümmerten sich mit Liebe um ihren Garten und winkten den Vorbeigehenden zu. Jetzt dagegen wirkte die Queen Street furchteinflössend. Der Nebel schien die Nachbarschaft verschlingen zu wollen, der Himmel hatte sich dunkel verfärbt, dabei war es gerade mal Mittagszeit, und ein heftiger Wind pfiff ums Haus. Die perfekte Szene für einen Horrorfilm.

Ich seufzte. Wenn doch nur etwas geschehen würde. Etwas Aufregendes. Die Ferien waren geradezu langweilig und das Wetter hinderte mich daran, auch nur einen Fuß aus dem Haus zu setzen. Alle meine Freunde waren verreist, sogar meine Eltern haben mich hier im Stich gelassen. Nicht dass ich auf ihre Hilfe angewiesen wäre, ich meinte nur, dass die Langweile noch unerträglicher ist, wenn man alleine zu Hause sitzt.

Während ich ein Gähnen unterdrückte, griff ich nach meinem Buch. Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Bewegung wahr. Ich ließ das Buch wieder zu Boden fallen und starrte angestrengt aus dem Fenster.

Da war nichts. Wie immer. Meine Einbildung hatte mir schon oft einen Streich gespielt. Ich sah und hörte Dinge, war vollkommen überzeugt, dass sie real waren, doch meine Mitmenschen rissen mich jedes Mal aus dieser Fantasiewelt und machten mir klar, dass meine Gedanken zu weit abschweiften. Wie schon erwähnt, ich war ein verträumter Mensch.

Kopfschüttelnd tastete ich erneut nach meinem Buch. Bevor ich es allerdings zu fassen bekam, wurde meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Ich sah einen Schatten in dem zerfallenen Haus verschwinden.

Es war keine Einbildung, ich war nicht nur davon überzeugt, ich verspürte auch ein ungewöhnliches Gefühl. Ein Gefühl, das mir etwas mitteilen wollte, doch ich konnte es nicht richtig deuten.

Eine Gänsehaut legte sich über meinen Körper und ich schauderte unwillkürlich. Wer war der Schatten? Ein Einbrecher? Aber dachte er wirklich, in diesem Haus gäbe es etwas zu stehlen? Oder war es vielleicht nur ein Teenager, der von Zuhause weggelaufen war und eine Unterkunft brauchte? Wie auch immer, mir war definitiv klar, dass die Person, die sich ins Haus geschlichen hatte, auf keinen Fall dort hingehörte.

Ich holte das Telefon und tippte zögerlich die Nummer der Polizei ein.

Nein. Ich löschte die Zahlen und stellte das Gerät wieder an seinen ursprünglichen Platz. Wenn ich etwas erleben wollte, dann hatte ich jetzt die Chance dazu.

Kurz entschlossen betrat ich das Schlafzimmer meiner Eltern, durchsuchte die Schubladen und nahm die kleine Pistole an mich. Mein Vater hatte mir erklärt, wie man schoss. Versucht hatte ich es trotzdem nie. Ich hatte auch nicht vor, jemanden umzubringen, die Waffe diente nur zum Schutz.

Eilig hetzte ich die Treppe hinunter, schnappte im Vorbeigehen eine Jacke vom Haken und zog sie mir im Gehen über. Nachdem ich die Haustüre hinter mir zugezogen hatte, blieb ich einen Moment lang unentschlossen stehen. In der Ferne hörte ich das Grollen des Donners und hin und wieder erleuchtete ein Blitz die Erde für eine Zehntelsekunde. Mein Blick glitt wieder zurück zu dem alten Bau. Er hatte schon bei Tageslicht etwas Unheimliches an sich, doch jetzt wirkte er richtig gruselig. Ich atmete dreimal tief durch und überquerte die Straße.

Ich wusste nicht, ob ich ängstlich oder mutig war. Es gab Situationen, da hatte ich riesige Angst und trotzdem war da diese Neugierde, die mich schlussendlich dazu verleitet hatte, mutig zu handeln. Ich glaube, man braucht beides. Wer keine Angst verspürt, geht zu große Risiken ein, was möglicherweise nicht gut endet. Wer allerdings keinen Mut hat, der wird nie ein richtiges Leben führen können. Doch Angst und Mut hängen eben auch von der aktuellen Situation ab. Welches Gefühl überwog?

Ich stand auf der Veranda des Geisterhauses. Je näher ich dem Gebäude kam, desto unsicherer wurde ich. Was war, wenn die Person mich kommen hörte? Vielleicht lauerte sie hinter der Tür auf mich! Wenn ich Glück hatte, war sie nicht bewaffnet. Zwar könnte mich ein kräftiger Mann auch ohne Waffe schnell außer Gefecht setzen.

Ich nagte unschlüssig an meiner Unterlippe. Dann gab ich mir einen Ruck, umklammerte die Pistole fester und drückte mit der linken Hand vorsichtig die Türklinke nach unten.

Die Tür war schwer. Entweder hatte jemand etwas dahinter gestellt oder die Angeln wurden schon lange nicht mehr geölt. Ich vermutete es war Letzteres, denn nun gaben sie ein lautes Quietschen von sich.

Ich fluchte leise. Hoffentlich hatte mich der Eindringling nicht gehört. Langsam zwängte ich mich durch den Spalt, den die Türe freigegeben hatte.

Ich brauchte einen Moment, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Wie ich angenommen hatte, befand sich nichts hinter der Tür.

Mein Blick schweifte durch den Raum. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob man das Haus als unbewohnt bezeichnen konnte. Es gab in der Tat sehr viele Bewohner. Ratten, Kakerlaken, Spinnen und sonstige Tierchen, die sich normalerweise in einem jahrelang leergestandenen Haus befinden. In der Mitte des Zimmers stand ein alter Holztisch und darauf eine fast hinuntergebrannte Kerze.

Ich kniff argwöhnisch die Augen zusammen und näherte mich dem Gegenstand. Die Zugänge zu dem Zimmer nicht aus den Augen lassend, befühlte ich die Kerze. Sie war eiskalt. Also gehörte sie wahrscheinlich doch nicht dem Eindringling.

Ohne weiter darüber nachzudenken, trat ich in das Zimmer nebenan. In dem spärlichen Licht, das durch das kleine Fenster in den Raum drang, konnte ich eine dicke Staubschicht auf dem Boden wahrnehmen. Meine Fußabdrücke hinterließen Spuren in der grauen Masse. Doch es waren nicht nur meine Spuren. Ich hatte recht; jemand versteckte sich in diesem Haus.

In dem Zimmer lagen ein abgenutzter und verschimmelter Koffer und eine durchlöcherte Matratze – wahrscheinlich diente sie als Quartier für die Ratten. Ansonsten war da nichts, das meine Aufmerksamkeit erregen konnte.

Ich drehte mich um und machte Anstalten den Raum zu verlassen, da glitt er um die Ecke. Der Eindringling.

Innerhalb Bruchteilen einer Sekunde hatte er sich auf mich gestürzt, meine Pistole aus der Hand geschlagen und hielt mich in einem Griff fest, aus dem ich mich unmöglich lösen konnte.

Mein Herz pochte wie wahnsinnig. Was hatte ich mir nur dabei gedacht! Hätte ich doch die Polizei gerufen!

Kapitel 2

"Nicht bewegen!", herrschte mich eine grobe Stimme an. Grob und dennoch weiblich. Der Eindringling war eine Frau!

"Ich werde dich loslassen, aber wage nicht, mich reinzulegen!" Ich nickte gehorsam. Kurz darauf spürte ich, wie sich der Griff lockerte und das Blut wieder in meine Arme schoss. Ich atmete erleichtert auf. 

"Du bist Zoë, nicht wahr?", wollte die Unbekannte wissen. Sie stand immer noch direkt hinter mir. Ich spürte ihren Atem im Nacken. Die Frage klang nicht unfreundlich und trotzdem fühlte ich mich bedroht.

"Antworte!", zischte sie, woraufhin ich ängstlich zusammenzuckte. "Ja, bin ich." Meine Stimme zitterte ein wenig.

Einen Augenblick lang geschah nichts, dann rammte sie mir unsanft ihren Ellbogen in den Rücken. "Lauf." Ich setzte mich unsicher in Bewegung. Wohin sollte ich gehen? Aus Angst vor Schlägen oder wütenden Worten wagte ich mich nicht zu fragen.

Sie schien meine Gedanken allerdings erraten zu haben. "Ins Obergeschoss", meinte sie kurz angebunden. Bis jetzt hatte sie kaum in ganzen Sätzen zu mir gesprochen. Ich glaube, das konnte man von einem Entführer auch nicht erwarten. Halt ... sie war keine Entführerin, schließlich war ich ins Haus eingedrungen. Was suchte sie dann hier?

Mein Fuß stieß gegen etwas Hartes. Ich fluchte leise und tastete ihn kurz ab. Nur ein abgebrochener Zehennagel.

"Das ist die Treppe, nun geh schon", hörte ich die Frau unwirsch sagen. Ich verzog genervt das Gesicht, widersetzte mich ihr aber nicht. 

Die Stufen knarrten bei jedem Schritt und das Treppengeländer war lose. Die Dunkelheit hinderte mich daran einzuschätzen, wie sicher der Weg war. Ich konnte nur hoffen, dass die Treppe nicht auseinanderbrach.

Als wir im Obergeschoss angelangt waren, schubste mich die Frau in das nächstgelegene Zimmer. "Dreh dich um", verlangte sie leise. Sie hatte mich bis jetzt erst von hinten betrachtet.

Langsam drehte ich mich, mein Blick war zu Boden gerichtet. Ich hörte ein zufriedenes Aufatmen. "Sieh mich an." Ihre Stimme hatte einen weicheren Klang angenommen. Ich tat wie geheißen.

Mein Blick glitt von ihren bloßen Füßen an aufwärts, bis er schließlich an meinem Gesicht hängen blieb.

Genau, ich hatte gesagt mein Gesicht. Es war mein Gesicht. Es war auch mein Körper. Stand ich etwa vor einem Spiegel? Vorsichtig streckte ich meine Hand aus.

"Fass mich nicht an!", zischte die Frau vor mir. Sie hatte misstrauisch ihre Augen zusammengekniffen. Ich glaubte, ich hatte Halluzinationen. Vor mir stand ICH in anderen Kleidern.

Die Frau schien gemerkt zu haben, dass ich mit mir rang. "Tut mir leid", sagte sie etwas sanfter. "Manchmal bin ich einfach zu grob." Sie setzte sich auf den Boden und wies mir mit einem Handzeichen an, es ihr gleich zu tun.

Ich rührte mich nicht vom Fleck. "Wer bist du?", brachte ich stotternd über die Lippen.

Die Mundwinkel der Unbekannten hoben sich leicht. "Istharija." Als sie meinen unveränderten Gesichtsausdruck sah, fügte sie hinzu: "Deine Schwester."

Einen Augenblick lang stand ich immer noch wie erstarrt da. Dann lachte ich gezwungen. "Darauf wäre ich nie gekommen", meinte ich sarkastisch. Ich runzelte die Stirn. "Seit wann habe ich denn eine Zwillingsschwester?"

Istharija hob ihre Augenbrauen. "Das ist wohl nicht dein Ernst, oder? Seit der Geburt natürlich."

Ich setzte mich. "Wo warst du denn seit der Geburt?" Meine Stimme zeigte ihr, dass ich Misstrauen gegen die Sache hegte. Andererseits sah sie aus wie ich, das konnte kein Scherz sein.

"Akaria", war ihre Antwort.

Ich überlegte kurz. "Ist das irgendwo in Afrika? Sorry, ich kenne mich nicht aus mit Geografie."

Sie schüttelte den Kopf. "Im Himmel."

Einen Augenblick lang wirkte ich verwirrt, dann begann ich zu grinsen. "Natürlich." Die Ironie war nicht zu überhören. "Verarsch mich nicht", sagte ich leicht verärgert. Ich hatte keine Angst mehr. Noch vor einer Viertelstunde dachte ich, die Frau würde mich umbringen wollen. Jetzt war mir klar, dass sie nur so reagiert hatte, weil ich sie sonst aus Angst verletzt hätte.

"Akaria ist das Elfenreich", erklärte sie mir, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie war völlig überzeugt von ihrem Glauben. Wahrscheinlich war sie eine Verrückte und unsere Mum hatte sie in die psychiatrische Klinik eingewiesen und mir nicht davon erzählt, um mir nicht das Leben schwer zu machen. Ich seufzte. „Und was tust du denn hier? Geh wieder in dein Elfenreich zurück.“ Mein Tonfall klang sowohl bemitleidend, als auch herablassend.

Meine Schwester lehnte sich zu mir vor. „Man hat mir aufgetragen, dich zu holen.“ Nun packte sie meine Hand.

Ich runzelte ärgerlich die Stirn. „Lass das! Denkst du etwa, ich glaube dir? Du spinnst!“ Mit einem Ruck versuchte ich mich aus ihrem Griff loszureißen, doch sie hielt meine Hand fest umklammert.

„Schau dir meinen Rücken an!“, befahl sie mir und ich merkte, wie sie die aufkommende Wut zu unterdrücken versuchte. Ich verdrehte kurz die Augen, tat aber schließlich, was sie von mir verlangte.

Ich hob ihr Oberteil an und erblickte zwei große, knotenartige Geschwulste auf ihrem Rücken. Gleich nebeneinander. Jetzt war ich besorgt. „Hast du Krebs?“, wollte ich wissen und strich ihr sanft über die bestimmten Stellen.

„Nein. Das sind meine Flügel“, behauptete Istharija stolz. „Sie wachsen noch.“

Ich verlor langsam die Nerven. „Ich bin mir sicher, das ist Krebs!“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Färbt Krebs etwa meine Iris violett?“

Verwirrt blickte ich ihr in die Augen. Sie hatte recht. Verzweifelt fasste ich mir an den Kopf und massierte meine Schläfen. Diesmal ging meine Fantasie eindeutig zu weit. Noch nie hatten sich meine Vorstellungen so real angefühlt. War es wirklich ein Traum?

„Können wir jetzt gehen oder brauchst du noch mehr Beweise?“, riss mich die Stimme meiner Schwester aus den Gedanken.

Ich reagierte nicht auf ihre Frage. „Du behauptest also, du wärst eine Elfe, verstehe ich das richtig?“

Istharija nickte.

„Nehmen wir einmal an, das würde stimmen. Dann müsste ich auch eine Elfe sein, oder?“ Ich sah sie abwartend an.

Sie nickte erneut.

„Das bin ich aber nicht“, fuhr ich fort, „denn ich habe weder Flügel noch violette Augen!“ Für mich war die Sache geklärt. Meine Schwester war verrückt, darum glaubte sie an eine Elfenwelt, sie hatte Krebs und zudem den gleichen Genfehler wie ich, was die violetten Augen erklärte.

„Du wirst deine Flügel erhalten, sobald du deinen Schutzgeist hast. Und dir ist doch klar, dass deine Augen außergewöhnlich grün sind.“

Ich atmete tief durch um mich zu beruhigen, was allerdings wenig brachte. „Was soll der Scheiß?“, fuhr ich sie an.

Ihr Druck auf mein Handgelenk wurde stärker. „Komm mit!“ Sie zerrte mich auf die Füße und zog mich in das Zimmer nebenan. An der Wand hing ein riesiger, verzierter Spiegel. Goldene Blumen dekorierten den Rand.

„Was soll das werden?“ Mein Blick wechselte kritisch zwischen dem Spiegel und Istharija.

„Dies ist das Tor nach Akaria.“ Es war ihr Ernst. Bevor ich ihr jedoch widersprechen konnte, wurde ich auf den Spiegel zu geschubst. Mein Körper fühlte sich an, als würde er in Wasser dringen, dann wurde alles um mich dunkel.

Als ich meine Augen wieder öffnete, befand ich mich liegend auf einer Wiese. Es wirkte, als hätte ich nur kurz ein Nickerchen gemacht. Jemand beugte sich über mich.

„Steh auf“, sagte Istharija. „Wir müssen auf direktem Weg nach Inariak.“

Ich erhob mich stöhnend. Mein Rücken schmerzte.

„Du bist wohl nicht so angenehm gelandet“, bemerkte meine Schwester und grinste.

„Wieso müssen wir nach Dingsbums?“, fragte ich, während ich den Dreck von der Hose wischte. Man merkte meinem Tonfall sofort an, dass ich kein bisschen an der Antwort interessiert war. Wer hinterfragte schon während eines Traumes, wieso man es träumte?

„Die Königin des Frühlings will dich sprechen“, war ihre Erklärung. Ich nickte gedankenverloren.

"Gibt es denn hier nichts außer Gras?", wollte ich nach einer Weile wissen. So weit ich sehen konnte, war alles mit hüfthohen Gräsern bedeckt.

Istharija lachte. "Doch, sicher. Siehst du den Torbogen dort vorne?" Ihre Hand deutete auf ein steinernes Monument in der Ferne. "Durch dieses Tor gelangt man zurück in die Menschenwelt."

"Wieso sind wir dann nicht aus dem Tor gekommen?", ich sah sie fragend an.

Istharija schien einen Moment zu überlegen. "Ich weiß es nicht", gestand sie dann. "Mir ist nur bewusst, dass jeder in der Nähe dieses Torbogens landet."

Wir gingen dem Tor entgegen. Beim Näherkommen konnte ich Buchstaben erkennen und entzifferte sie. "MYNATIA."

"Der Ort wurde nach einer weisen Elfe benannt. Sie hatte das Elfenreich mit ihrer Prophezeiung vom Untergang bewahrt. Doch das ist lange her und niemand weiß Genaues darüber." Die Elfe räusperte sich kurz. "Ich glaube, ich sollte dich ein wenig über Akaria informieren.“

Ich zuckte mit den Achseln. „Wenn du meinst.“

Ohne sich von meiner Desinteresse beeinflussen zu lassen, begann sie zu erzählen. „Wie gesagt, befindet sich Akaria über der Menschenwelt. Das Land ist nämlich ein schwebender Felsbrocken. Genauer gesagt, gibt es fünf große, fliegende Felsen. Wir stehen hier auf dem Teil des Frühlings. Zudem gibt es auch noch den Winter, den Herbst und den Sommer.“

„Darauf wäre ich nie gekommen“, warf ich ein und verdrehte die Augen.

Istharija schenkte mir einen strafenden Blick. „Im Frühling wohnen die Frühlingselfen, im Winter … “

„Ich bin nicht dumm!“, unterbrach ich sie ärgerlich. „Aber was ist mit dem fünften Felsen?“

„Er schwebt in der Mitte der anderen vier Felsen. Darauf steht der Turm Ocarid. Dieser gilt als Kontrollturm über Akaria.“

Ich nickte beeindruckt. „Warte mal, halten wir uns jetzt im Frühling auf?“

Istharija hob eine Augenbraue. „Ja, das hatte ich eben schon erwähnt. Warum fragst du?“

Ich ignorierte die Gegenfrage und stellte eine weitere. „Bist du eine Frühlingselfe?“ Ich stutzte kurz und verbesserte mich dann. „Sind wir Frühlingselfen?“

Istharija packte meinen Arm und zog mich auf einen Weg, der von dem Torbogen wegführte. Es war eigentlich nur ein schmaler Pfad, trotzdem wuchsen auf beiden Seiten Bäume, dass es wie eine Allee wirkte.

„Ja, sind wir.“ Sie zögerte einen Augenblick. „Korrekt gesagt, sind wir Halbelfen. Unsere Mutter hatte menschliches Blut in sich. Das erklärt auch, warum wir Zwillinge sind.“

Ich sah meine Schwester verwirrt an. „Nein … ?“, entgegnete ich, nachdem sie nicht auf meinen Gesichtsausdruck reagiert hatte.

Sie seufzte. „Eine Mischung aus Elf und Mensch kann nur Zwillinge zur Welt bringen. Wieso weiß ich auch nicht.“

Für eine Weile gingen wir schweigend den Weg entlang. Er war nicht breit genug, dass wir nebeneinander hätten laufen können. Aus diesem Grund hielt ich mich hinter Istharija auf und betrachtete während des Gehens ihre nackten Füße. Verspürte sie etwa keinen Schmerz? Wahrscheinlich war es nur eine Gewohnheitssache. Trotzdem zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn ich sie in einen spitzen Kieselstein treten sah.

„Tun dir die Steine nicht … ?“, begann ich, wurde aber sofort mit einem „Schtt“ zum Stillschweigen gebracht.

„Was ist denn?“, flüsterte ich kaum hörbar. Istharija war langsamer geworden. Ihre Hand griff nach meinem Arm. Dann drehte sie sich abrupt um. „Ein Duocapita nähert sich uns. Sag kein Wort zu ihnen!“

Ich gab ein gezwungenes Lachen von mir. „Was redest du für einen Quatsch? Seit wann ist „ein“ Duocapita Plural? Und was sollte das überhaupt sein?“

Meine Schwester stieß mir ihren Ellbogen in den Bauch. „Still habe ich gesagt!“

„Autsch!“ Ich schubste sie aufgebracht von mir weg. „Was zum Teufel … “

Istharija hechtete zu mir und hielt mir den Mund zu. „ES WIRD UNS UMBRINGEN!“

Kapitel 3

Ich stand da wie versteinert und beobachtete jeden Schritt, den das Wesen machte, mit angsterfüllten Augen. Ich war gerade erst in diese Welt getreten, und schon näherte sich mir eine Gefahr. Es war immer so. Immer mir gelangen Missgeschicke, und immer ich wurde vom Pech verfolgt. Wahrscheinlich denkt das jeder von sich. Jeder bemitleidet sich selbst am meisten.

Das Duocapita war nur noch wenige Meter von uns entfernt. Es war ein ungewöhnliches Wesen. Aus seinem straußenartigen Körper ragten zwei Köpfe mit riesigen, blutroten Schnäbeln. Seine winzigen Augen begutachteten uns sorgfältig. Dann wandte sich einer der Köpfe dem anderen zu und begann mit ihm zu reden.

"Seh mel ener en, Zwellenge!"

Der andere nickte. "Ind nich ginz hibsch!"

"We hesst er denn?" Die beiden Köpfe schauten uns abwartend an. In ihren Gesichtern zeigte sich nichts als Neugier. Die Vorwarnung, dass dieses Wesen mich umbringen würde, erwies sich wohl als falsch. Meine Anspannung begann sich zu lösen. Gerade als ich Anstalten machte den Mund zu öffnen und auf die Frage zu antworten, spürte ich, wie mir Istharija ihre Fingernägeln in den Arm bohrte. Ich verzog das Gesicht vor Schmerz. Doch ich verstand, was sie mir damit sagen wollte und hielt den Mund.

Die Köpfe des Duocapita wirkten enttäuscht. "Di kinnen villicht nicht ridin", meinte der Eine. Er reckte den Hals, um uns genauer anzusehen.

"Ech gehe kenen Schrett weter!", protestierte der Andere, als er merkte, dass sein Kollege uns gierig anblickte. Vielleicht war dieses Wesen doch nicht so harmlos, wie ich anfangs dachte.

"Ibir si sillen indlich ridin!", jammerte Ersterer. "Nimind ridit mit ins!"

"Se endlech stell! Se wellen necht reden!"

Ich hob amüsiert die Augenbrauen und warf einen seitlichen Blick auf meine Schwester. Sie wirkte ein wenig nervös. Ich runzelte die Stirn. Dieses Wesen war neugierig, nicht bösartig. Es könnte uns nie töten. 

Der I-Kopf stieß wüste Beschimpfungen aus, während der E-Kopf ihn inständig versuchte zu beruhigen.

Plötzlich zuckte der Schnabel des wütenden Kopfes. Er holte einmal tief Luft und nieste. Gelbe Flüssigkeit spritze aus zwei Löchern, die wohl seine Nasenlöcher darstellten, und verteilte sich auf dem Erdboden. Ein paar Tropfen landeten auf meiner Haut und begannen sofort heftig zu jucken. Ich wagte mich nicht zu kratzen, sonst verteilte ich es nur.

Mit zusammengekniffenen Lippen wartete ich darauf, dass Istharija irgendetwas unternahm. Doch sie sah mich nur entschuldigend an und zuckte ratlos mit den Schultern.

"Reg dech eb!" Jetzt begann sich auch der E-Kopf zu ärgern.

Ich wusste es war kein gutes Zeichen. Mit langsamen Schritten entfernte ich mich rückwärts von dem Duocapita.

Das Wesen bemerkte aber mein langsames Fliehen und schrie wütend auf. Es blickte mich aggressiv an und flatterte dann direkt auf mich zu.

Ich schloss die Augen und hob schützend meine Arme vor das Gesicht. Dann hörte ich einen lauten Knall, gefolgt von einem Wimmern.

Ich blinzelte verwirrt. Unmittelbar vor meinen Füßen lag der eine Kopf des Duocapita. Der Andere richtete sich jetzt auf und beugte sich über den Ersteren.

"Achtung, in Deckung!", hörte ich ein feines Stimmchen rufen und zog instinktiv den Kopf ein. Kurz darauf schoss eine Kugel an mir vorbei und traf den lebendiger wirkenden Kopf des Duocapita. Dieser kippte unkontrolliert zu Boden.

"Juhu!", jubelte der Werfer.

Ich blickte mich suchend um. Ganz in der Nähe krabbelte ein kleines, grünes Wesen vom Baum hinunter und watschelte auf mich zu.

"Was bist du denn für ein Wicht?", fragte ich erstaunt. Der Zwerg hatte riesige, dunkle Augen und eine dünne, längliche Nase. Seine Ohren standen ab und sein Kopf war im Vergleich zum Körper ein wenig zu groß. Das Geschöpf wirkte einerseits lächerlich, andererseits hatte es auch etwas Süßes an sich. 

"Ich?! Ein Wicht?! Was für eine Frechheit! Ich bin ein waschechter Nivel!", erwiderte es entrüstet. Das Wesen stampfte wütend auf den Boden. Es reichte mir gerade mal bis zur Hälfte des Unterschenkels, weshalb ich nicht wirklich beeindruckt war von seinem Wutanfall.

"Jaja, ist ja schon gut", sagte ich und unterdrückte ein Lächeln. "Hast du mich eigentlich vor diesem Duocapita gerettet?"

Der kleine Kerl nickte eifrig. "Ich habe es mit Jengols abgeknallt!" Rasch schlüpfte er zwischen meinen Beinen hindurch, kletterte auf einen Baum hinter mir und verschwand in den Blättern. Einen Augenblick später fiel etwas zu Boden.

Ich kniff die Augen zusammen. War der Nivel etwa vom Baum gefallen? Das Ding bewegte sich nicht.

"Nivel?", rief ich fragend.

"Ja, Elfe?", kam eine Antwort und ein grüner Kopf tauchte zwischen den Blättern auf.

Ich atmete erleichtert auf.

"Zoë, wir sollten uns beeilen", warf Istharija ein. Sie hatte sich über das Duocapita gebeugt. "Es ist nur bewusstlos."

Ich nickte zustimmend. "Gleich."

Der Nivel war inzwischen vor mich getreten und legte mir eine grüne Kugel vor die Füße.

"Was ist denn das?", wollte ich wissen und machte sicherheitshalber einen Schritt rückwärts.

Der Nivel legte den Kopf schief. "Das ist eine Jengol." Er nahm sie vom Boden und hielt sie zu mir hoch. "Probier mal", verlangte er.

Misstrauisch blickte ich ihn an.

Erst nachdem der Zwerg selbst in die Frucht gebissen hatte, wagte ich mich es ihm gleich zu tun. Sie schmeckte süß und exotisch, ähnlich wie eine Mango. Ich hob den Daumen und brachte so zum Ausdruck, dass die Jengol mir schmeckte.

"Siehst du, siehst du! Du magst die Frucht, siehst du!" Der Nivel wurde ganz aufgeregt. Lebhaft sprang er wieder auf den Baum und warf noch mehr Jengols hinunter. Ich lachte.

Meine Schwester wirkte allerdings genervt. "Lass uns verschwinden!", zischte sie und zog mich am Arm weiter.

Ich protestierte sofort. "Wir können doch nicht den Nivel im Stich lassen!"

Istharija winkte ab. "Keine Angst, der kann auf sich selbst aufpassen und so schnell wirst du ihn übrigens nicht los."

Ich verstand zwar nicht genau, was sie damit meinte, doch ein Blick nach hinten überzeugte mich davon, dass wir uns möglichst schnell aus dem Staub machen sollten. Das Duocapita zuckte. Auch Istharija hatte es bemerkt.

Sie sah mir kurz in die Augen, dann begann sie zu rennen. Von ihrer Panik angesteckt folgte ich ihr.

Nach ein paar Minuten bremste sie ab und kam schließlich ins Stehen. Auch ich hielt an und rang nach Luft. Sport war wirklich nicht mein Ding. Solange ich nicht dick wurde, erachtete ich es nicht als nötig joggen zu gehen.

"Das Duocapita wirkte gar nicht so böse. Wieso hätte es uns umbringen sollen?"

Istharija wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Bei diesem Wesen weiß man nie", sagte sie. "Es regt sich ziemlich schnell auf, und das verursacht einen Niesanfall. Dadurch spritzt eine giftige Säure auf das Wesen, das vor dem Duocapita steht." Sie nahm meine Arme und schaute sie genauer an. "Siehst du." Mit dem Zeigefinger deutete sie auf ein kleines Loch. Die Stelle hatte noch vor kurzem wahnsinnig gejuckt. Jetzt befand sich dort ein Loch von etwa einem halben Zentimeter.

Ich wurde bleich. "Zerfrisst es mich?", fragte ich ängstlich.

Kapitel 4

Nachdem mich Istharija einigermaßen hatte beruhigen können, waren wir in einem zügigen Tempo weitermarschiert. Sie meinte, dass die Königin bestimmt ein Mittel gegen die Säure hätte. Duocapitas wären zwar nicht mehr häufig anzutreffen, seit sie zu den Golum-Bäumen verbannt wurden, doch hin und wieder entwischte eines.

Natürlich hatte es genau uns getroffen. Ich glaubte nicht an Gott, erst recht nicht an einen bösen Gott, doch irgendjemand spielte wohl gerne mit mir.

„Es ist nicht mehr weit“, teilte mir Istharija mit. Ich atmete erleichtert auf. Die Löcher in meinen Armen waren deutlich größer geworden. Wenigstens hatte das Gift die Stellen betäubt, dass ich keine Schmerzen spürte. Ich riss den Blick von meinen Armen los und richtete ihn wieder auf den Boden.

Die nackten, dreckigen Füße vor mir waren stehen geblieben. Ich hob den Kopf und sah ein riesiges Eisentor, das vermutlich den Zugang in die Elfenhauptstadt gewährte. Ich staunte.

Neben dem Tor stand eine Hütte, die im Gegensatz zu dem Tor winzig wirkte. Ein Elf trat hinaus und lachte uns zu.

„Jetzt haben wir ja gleich zwei von der hübschen Istharija!“ Meine Schwester warf ihm einen herablassenden Blick zu, doch ich lächelte zurück.

„Wie heißt denn die Süße?“, wollte er interessiert wissen. Ich strich mir verlegen durchs Haar.

„Zoë.“ Istharija wurde ungeduldig. „Lass uns einfach durch, Leyn!“

Der Elf lachte erneut. „Nicht so schnell!“ Seine orangefarbenen Augen strahlten selbstbewusst. „Wollt ihr mir nicht ein bisschen Gesellschaft leisten?“ Er deutete auf die Hütte.

Ich sah Istharija abwartend an.

Doch sie schüttelte bestimmt den Kopf und trat drohend näher an Leyn heran. „Mach sofort das verdammte Tor auf oder ich …“

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