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Die Macht der Erinnerung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Kapitel 32
  40. Kapitel 33
  41. Kapitel 34
  42. Kapitel 35
  43. Kapitel 36
  44. Kapitel 37
  45. Kapitel 38
  46. Kapitel 39
  47. Kapitel 40
  48. Kapitel 41
  49. Kapitel 42
  50. Kapitel 43
  51. Kapitel 44
  52. Kapitel 45
  53. Kapitel 46
  54. Kapitel 47
  55. Kapitel 48
  56. Kapitel 49
  57. Kapitel 50
  58. Kapitel 51
  59. Kapitel 52
  60. Kapitel 53
  61. Danksagung

Über das Buch

Eigenartige Ermittlungsmethoden, wechseln mit grundierter Polizeiarbeit ab – Commissario Casini ist ein außergewöhnlicher Ermittler! Der kalte Hauch längst vergangener Ereignisse lässt Commissario Casini erschauern. In Florenz werden kurz nacheinander die Leichen von vier Mädchen gefunden. Commisario Casini findet schon bald heraus, dass es hier um eine Abrechnung geht, die ihren Anfang in einer Zeit nahm, die er gern aus seinem Gedächtnis löschen würde. Doch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sind im Florenz der 1960ern immer noch erschreckend lebendig. Und das gilt nicht nur für ihn … Weitere Fälle von Commissario Casini: Das Geheimnis der Signora, Der zweite Tod des stummen Zeugen, Dunkle Wasser in Florenz

Über den Autor

Marco Vichi wurde 1957 in Florenz geboren, wo er auch heute lebt und als freier Schriftsteller arbeitet. Seine drei Retro-Romane um Commissario Casini sind alle in der Verlagsgruppe Lübbe erschienen. Ein weiterer Band dieser Serie ist in Arbeit.

Marco Vichi

Die Macht
der Erinnerung

Commissario Casinis
zweiter Fall

Aus dem Italienischen von
Christiane Winkler

Für Franco, meinen Vater

»All unsere Erkenntnisse haben ihren Ursprung in Gefühlen.«

Leonardo da Vinci

»Die Zeit verwandelt dem Eitlen jedes Mittel in Wasser.«

Anonym, 21. Jahrhundert

Florenz, April 1964

1

Abends gegen neun kam ein zerlumptes Männchen, das kaum größer war als ein Kind, keuchend ins Polizeipräsidium gerannt. Es presste sein Gesicht gegen die Glasscheibe am Eingang und rief so höflich wie nur möglich, es wolle mit dem Kommissar sprechen. Mugnai, der hinter der Scheibe saß, bedeutete ihm, sich zu beruhigen, und fragte, welchen Kommissar er denn meine. Der Zwerg legte seine schmutzige Hand auf die Scheibe und rief:

»Commissario Casini!«, als ob Casini der Einzige wäre, der infrage käme.

»Und wenn er nicht da ist?«, fragte Mugnai.

»Ich hab seinen Käfer gesehen«, antwortete der Zwerg. Schließlich ließ man ihn hinein. Mugnai gab Taddei, einem dicken, glubschäugigen Kerl, der erst seit kurzem dort arbeitete, ein Zeichen. Dieser stand schwerfällig auf und stieg mit dem Zwerg im Schlepptau die Treppe hinauf. Am Ende des langen Korridors im ersten Stock blieb er vor Casinis Büro stehen.

»Warte«, sagte er und warf dabei einen Blick auf die ausgetretenen und nur notdürftig gereinigten Schuhe des Zwerges. Dann klopfte er, verschwand hinter der Tür und kehrte kurz darauf wieder zurück.

»Du kannst reingehen«, brummte er. Der Zwerg verschwand eilig im Zimmer, und Taddei hörte noch, wie Casini ausrief: »Casimiro! Was zum Teufel machst du denn hier?« Dann fiel die Tür ins Schloss. Doch der Polizeibeamte traute dem Frieden nicht, kratzte sich am Kopf und klopfte noch mal. Respektvoll steckte er den Kopf zur Tür herein.

»Brauchen Sie noch was, Commissario?«

»Nein, danke, Sie können gehen.«

Casimiro schluckte mehrmals und wartete schweigend, bis der Glubschäugige die Tür wieder geschlossen hatte. Casini bot ihm eine Zigarette an, doch der Zwerg lehnte ab und blieb vor dem Schreibtisch stehen.

»Was gibt’s, Casimiro? Warum bist du so aufgeregt?«

»Ich hab was gesehen, Commissario, oben, bei Fiesole … Ich ging gerade spazieren … über ein Feld …«

»Wenn du schon keine rauchen willst, dann trink wenigstens ein Bier.« Casini zeigte auf die oberste Schublade des Karteikastens, der auf der anderen Seite des Büros stand.

»Mir kannst du auch eins geben, danke«, fügte er hinzu. Casimiro holte rasch die Flaschen und stellte sie auf den Schreibtisch. Er schien es kaum erwarten zu können, weiter zu berichten, doch Casini öffnete in aller Ruhe mit seinem Hausschlüssel die Flaschen und reichte Casimiro ein Bier. Der trank die halbe Flasche in einem Zug leer, worauf er sich ein wenig zu beruhigen schien und sich hinsetzte. Der Kommissar nahm ein paar schnelle Züge, bekleckerte dabei sein Hemd und stellte dann die Flasche auf die Papiere, die seinen Schreibtisch bedeckten. An der Wand hinter seinem Rücken hing ein verstaubtes Bild des Staatspräsidenten und darüber ein Hufeisen. In diesem Büro stinkt es immer nach modrigem Papier und Schimmelpilzen, dachte Casini …

Casimiro rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er trug eine Kinderjacke, die ihm zu groß war. Casini betrachtete das Gesicht des Zwerges, das so klein und schmal war, als hätte man es in der Tür eingeklemmt. Er hatte Casimiro kurz nach dem Krieg kennen gelernt, und schon damals hatte er dieselbe nervöse Art gehabt wie jetzt. Er lachte selten, nur hin und wieder riss er einen Witz über sein Aussehen, und dabei verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse. Aber Casini mochte ihn, und manchmal gab er ihm unter irgendeinem Vorwand einen Auftrag als Informant, nur damit er ihm etwas Geld zustecken konnte, ohne ihn allzu sehr in Verlegenheit zu bringen.

»Ich bin ganz zufällig da vorbeigekommen, Commissario … Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte …«

»Casimiro, entschuldige, wenn ich dich unterbreche, aber … am zweiten hatte ich Geburtstag.«

»Glückwunsch.«

»Ist das alles?«

»Was woll’n Sie hören, Commissario?«

Casini war an diesem Abend zu einem Schwätzchen aufgelegt, vielleicht, weil er müde war … und außerdem, wer weiß, was für einen Mist Casimiro ihm wieder erzählen wollte.

»Willst du gar nicht wissen, wie alt ich geworden bin?«, fragte er.

»Wie alt?«

»Vierundfünfzig, Casimiro, und ich habe überhaupt keine Lust, älter zu werden. Vierundfünfzig Jahre und niemand, der zu Hause auf mich wartet und mich mit einem Kuss begrüßt.«

»Warum legen Sie sich keinen Hund zu, Commissario?«, fragte der Zwerg ernsthaft.

Casini lächelte und drückte dabei vorsichtig seine Zigarette in dem übervollen Aschenbecher aus. Er griff wieder nach der Bierflasche, die auf einem der Papiere einen feuchten Ring hinterlassen hatte, und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Überleg mal, Casimiro, vielleicht wird ja genau in diesem Augenblick irgendwo auf der Welt die Frau geboren, nach der ich mich schon immer gesehnt habe. Aber wenn sie zwanzig ist, bin ich bereits ein alter Bettnässer. Und selbst wenn sie vor vierzig Jahren auf die Welt gekommen wäre, dann vermutlich in Algerien, Polen oder in Australien … Wie hätte ich sie da kennen lernen sollen? Denkst du nie über so was nach?«

»Commissario, darf ich Ihnen jetzt erzählen, was ich gesehen habe?«

»Natürlich, entschuldige«, sagte Casini. Nun musste er ihm wohl oder übel zuhören. Der Zwerg stellte die Bierflasche auf den Schreibtisch und rutschte von seinem Stuhl, die Nervosität war ihm deutlich anzusehen.

»Ich bin auf einem Feld spazieren gegangen und wäre fast über eine Leiche gestolpert«, sagte er in einem Atemzug, aus Angst, der Kommissar könnte ihn wieder unterbrechen.

»Bist du dir sicher?«, fragte Casini.

»Natürlich bin ich mir sicher. Er war tot, Commissario, das Blut tropfte ihm aus dem Mund.«

»Wo war das genau?«

»Gleich hinter Fiesole«, sagte Casimiro düster.

Casini stand auf, griff mit einer Hand nach den Zigaretten und den Streichhölzern, mit der anderen nahm er die Jacke von der Stuhllehne. »Was hattest du denn um diese Zeit dort oben zu suchen, Casimiro?«

»Ich bin rein zufällig dort vorbeigegangen«, sagte der Zwerg, aber es war offensichtlich, dass er log.

»Dann sehen wir uns die Leiche doch mal an«, sagte Casini, und sie verließen das Büro.

»Und was ist mit meinem Fahrrad?«, fragte der Zwerg, als er neben ihm her den Gang hinuntertrippelte.

»Das laden wir ins Auto.«

Sie fuhren die Viale Volta entlang und bogen dann in die Straße ab, die nach Fiesole hinaufführte. Kurz hinter San Domenico sahen sie die Stadt unter sich, ein großer Fleck voll glitzernder Punkte. Wie ein riesiger Kuhfladen mit kleinen Kerzen drauf, dachte Casini.

Casimiro saß mit ausgestreckten Beinen im Auto, seine Füße reichten nur knapp über den Rand des Sitzes hinaus. Schweigend spielte er mit seinem Talisman, einem kleinen Plastikskelett mit zwei roten Glasknöpfen als Augen. Er trug es seit Jahren mit sich herum, und Casini hatte es inzwischen aufgegeben, ihn deshalb aufzuziehen.

Als sie die Piazza von Fiesole überquert hatten, lotste ihn der Zwerg die Via Bargellino hinunter und begann sich nach ein paar hundert Metern nervös umzusehen. »Halt, Commissario«, rief er plötzlich. Casini ließ den Wagen auf einem unasphaltierten Platz stehen und stieg aus. Nervös hüpfte Casimiro aus dem Wagen.

»Hier lang, Commissario.« Er kletterte über eine zerfallene Mauer und bahnte sich einen Weg durch das dichte niedrige Gestrüpp. Casini folgte ihm und sah sich aufmerksam um. Hoch am Himmel stand ein großer, schneeweißer Mond und tauchte die Landschaft in ein blasses Licht. Wenigstens konnte man gut sehen. Zu ihrer Rechten lag ein großes, brachliegendes Feld mit ein paar alten, vertrockneten Rebstöcken und von Efeu überwucherten Bäumen. Eine Schande, einen Acker derart verkommen zu lassen.

»Und du bist hier rein zufällig vorbeigekommen?«, grinste Casini.

»So ungefähr«, sagte der Zwerg hastig und bahnte sich weiter seinen Weg durch das Gestrüpp.

»Was soll das heißen?«

»Ich bin völlig abgebrannt, Commissario, was zum Teufel soll ich tun?«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich suche hier manchmal nach Gemüse.«

»Um diese Jahreszeit müsste es Saubohnen geben.«

»Dafür ist es noch zu früh, Commissario, momentan gibt’s nur Kohl … Kommen Sie, hier entlang.«

»Wahrscheinlich wimmelt es hier nur so von Kröten«, sagte Casini angeekelt und hoffte, keine zu zertreten. Das Gras war hoch und feucht, seine Schuhe waren bereits nass. Es hatte die ganze Woche geregnet, und hin und wieder versank er in einer Schlammpfütze. Es war kalt. Der Frühling ließ auf sich warten.

»Ist es noch weit?«

»Da hinten ist es«, flüsterte der Zwerg und rannte nun fast mit seinen kurzen Beinchen. Sie kämpften sich durch ein schlammiges Wäldchen und erreichten schließlich einen einigermaßen gepflegten Olivenhain. Auf dem Boden wucherte kurzes, struppiges Unkraut. Nach dem vielen Schlamm das reinste Vergnügen. Das Mondlicht schien so hell, dass es deutliche Schatten auf den Boden warf. Doch was im Schatten lag, war dafür umso schwärzer.

»Wir sind gleich da«, wisperte der Zwerg und ging langsamer. Ein Stück weiter vorne auf einer Anhöhe stand eine riesige Villa, sie schien ziemlich alt zu sein, vielleicht aus dem siebzehnten Jahrhundert. Der Garten fiel am Ende steil zum Feld hin ab und wurde von einer hohen, stellenweise von Efeu überwucherten Steinmauer gesäumt. Das Geländer auf der Mauer war die Trennlinie zwischen zwei Welten. Die Fensterläden der Villa waren geschlossen, kein Lichtschimmer drang durch die Ritzen.

Casimiro blieb wenige Schritte vor der Mauer stehen, neben einem riesigen Olivenbaum, und sah sich ungläubig um.

»Hier hat die Leiche gelegen, Commissario … Ich schwör’s!«

Casini zuckte mit den Achseln.

»Wahrscheinlich ist er aufgewacht«, sagte er lachend.

Der Zwerg konnte es kaum glauben und lief suchend einmal um den Olivenbaum. Plötzlich blieb er stehen und hob etwas auf.

»Schauen Sie mal, Commissario«, sagte er und hielt eine Flasche in die Höhe. Casini packte sie am Flaschenhals. Sie war klein und aus weißem Glas, und auf dem Boden war noch der Rest einer dunklen Flüssigkeit. Sie war sauber und schien noch nicht lange hier gelegen zu haben. Er las das Etikett: Cognac de Maricourt, 1913. Der Name sagte ihm nichts. Er zog den Korken aus der Flasche und schnupperte daran, es schien eine gute Marke zu sein. Er musste sich zusammenreißen, keinen Schluck zu nehmen, und steckte den Korken wieder in die Flasche.

»Die Leiche hat hier gelegen, ich bin doch nicht blöd!«, wiederholte Casimiro.

»Vielleicht war er ja nur betrunken.« Der Kommissar steckte die Flasche in die Tasche und näherte sich der Mauer, der Zwerg folgte ihm.

»Wie hat der Tote denn ausgesehen?«, fragte Casini und gähnte.

»So genau hab ich ihn mir nicht angeschaut … Ich bin über ihn gestolpert und gleich weggerannt … Ich hab nur gesehen, dass er Blut um …«

»Still!«, unterbrach ihn Casini.

Plötzlich waren schnelle Schritte und ein Hecheln zu hören. Auf den Erdschollen, die im Mondlicht weiß schimmerten, war der Schatten eines Hundes mit kurzem Fell zu sehen, der auf sie zugerannt kam. Seine weißen Zähne glänzten wie feuchter Marmor. Der Kommissar hatte gerade noch Zeit, seine Beretta zu ziehen und ihm eine Kugel direkt ins Maul zu verpassen. Der Dobermann jaulte auf, und seine Beine knickten ein, doch er hatte so viel Schwung, dass er Casini umriss. Er heulte noch einmal kurz auf, strampelte ein wenig, dann streckte er alle Viere von sich.

»Scheiße …«, murmelte Casini und rappelte sich auf.

»Nur ein Glück, dass Sie so gut schießen können«, sagte der Zwerg mit zittriger Stimme.

»Wo steckst du denn?«, fragte Casini und blickte sich um.

»Hier oben, Commissario.«

Casimiro kletterte von dem Olivenbaum herunter, auf den er sich geflüchtet hatte, Casini steckte die Pistole ins Halfter. Seine Jacke war durchnässt und die Hose voller Blut. Er wischte es so gut es ging mit dem Taschentuch ab, dann kniete er sich hin und sah sich den Dobermann an. Der Schuss hatte das Maul regelrecht zerfetzt, überall war Blut. Er trug kein Halsband.

»Casimiro, die Sache gefällt mir ganz und gar nicht«, sagte Casini und sah auf, doch der Zwerg war verschwunden. Er ließ den Blick schweifen und sah, wie Casimiro zwischen den Olivenbäumen auf den Wald zurannte. Er ließ ihn laufen.

Die Villa lag noch immer im Dunkeln. Niemand hatte auf den Schuss reagiert. Entweder war das Haus unbewohnt, oder die Bewohner hatten einen gesegneten Schlaf. Er zündete sich eine Zigarette an und machte sich auf den Weg zurück. Am Auto angelangt, sah er den Zwerg mit hochgezogenen Beinen, die Knie fest umklammernd, auf dem Kofferraum sitzen. Die feuchten Augen glänzten vor Furcht.

»Casimiro, was ist denn los?«

»Wenn ich alleine hier gewesen wäre, dann hätte er mich in Stücke gerissen«, wisperte der Zwerg mit zittriger Stimme.

»Kommst du öfter hierher?«, fragte Casini, während er sich an den Mauerresten den Lehm von den Schuhsohlen kratzte.

»Ab und zu«, antwortete Casimiro. Dann sprang er vom Kofferraum und sah sich nervös um.

Sie stiegen in den Käfer und fuhren zurück zur Stadt. Der Zwerg saß zusammengekauert auf dem Sitz, schwieg und hielt sein kleines Skelett umklammert. Sie hatten bereits die Kurven nach Regresso erreicht, als Casini plötzlich bremste.

»Was ist, Commissario?«

»Ich fahr noch mal zurück.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht.«

Kurz darauf parkte er wieder an derselben Stelle und öffnete die Tür.

»Kommst du mit?«, fragte er Casimiro, der noch immer regungslos dasaß.

»Nein, ich warte lieber hier«, antwortete er finster.

»Wie du willst.«

Casini stieg aus dem Wagen und ging eilig denselben Weg zum Olivenhain. Der Mond schien noch immer, und die Villa lag verlassen da wie zuvor. Mit gezogener Pistole näherte er sich der Mauer und sah sogleich, dass der tote Dobermann verschwunden war. Nur ein wenig Blut klebte noch im Gras. Er untersuchte das umliegende Gelände, doch auf dem dichten Unkraut waren keine Spuren zu erkennen. Casini schüttelte den Kopf, wie dumm er doch gewesen war …

Plötzlich hörte er das Knirschen von Schritten auf Kies, es kam näher und schien aus dem Garten der Villa zu kommen. Instinktiv versteckte er sich im Schatten der Mauer und sah auf. Hinter der Mauer tauchte plötzlich der Kopf eines Mannes auf. Casini konnte ihn im Mondlicht gut erkennen. Er hatte weiße Haare und ein großes schwarzes Mal am Hals. Der Mann hielt einen kurzen Moment inne und sah zum Olivenhain hinüber, ehe er wieder verschwand.

Alles war still, nur der Wind war zu hören, der in kurzen Böen durch die Blätter der Olivenbäume strich. In der Ferne bellte wütend ein Hund. Der Kommissar wartete noch eine Weile und sah dann vorsichtig nach oben. Es war niemand mehr zu sehen. Er machte sich auf den Rückweg und drehte sich immer wieder zum Haus um, doch es war kein Lebenszeichen zu entdecken.

»Der Dobermann ist verschwunden, dafür hat ein Kerl seinen Kopf über die Gartenmauer gesteckt«, sagte er zu dem verängstigt dreinblickenden Zwerg und schloss leise die Wagentür.

»Verdammter Köter …«, murmelte dieser und drückte sein kleines Skelett in der Hand. Casini steckte sich eine Zigarette an und blies den Rauch gegen die Fensterscheibe.

»Weißt du, wer in der Villa wohnt?«, fragte er den Zwerg.

»Irgendein Ausländer. Der ist aber nie da.«

»Woher weißt du das?«

»Gerüchte.«

»Ausländer? Von wo?«

»Keine Ahnung …«

»Wo ist der Eingang zur Villa?«

»Oben, an der Strada dei Bosconi … Warum?«

»Reine Neugierde.«

Der Kommissar ließ den Wagen an, wendete und fuhr die Straße hinauf. Irgendwie kam ihm der Kerl mit dem schwarzen Mal am Hals bekannt vor. Er hatte so einen Fleck schon einmal gesehen … Aber vielleicht ging auch nur die Fantasie mit ihm durch, schließlich war er Polizist.

Er bog in die Via Ferrucci ab und von dort in die Strada dei Bosconi. Nach ein paar Kurven parkte er den Wagen in einer Straßenbucht nur wenige Meter vom Eingang der Villa entfernt. An dem Tor prangten undeutlich irgendwelche Initialen.

»Warte hier«, befahl er dem Zwerg und stieg aus.

»Wohin gehen Sie?«

»Ich will mich nur mal umsehen.«

Die Straße war nur schwach von einer gelblich schimmernden Straßenlaterne beleuchtet. Casini ging zum Eingangstor und versuchte es zu öffnen, doch vergeblich. Im Garten standen hohe Bäume, überall wucherten wilde Pflanzen, und ringsum standen leere Blumentöpfe, Terrakottavasen und seltsame Marmorstatuen in verschiedensten Größen. Die Villa lag ziemlich weit von der Straße entfernt und war ringsum von Zedern umgeben, die über das Dach hinausragten. Auch auf dieser Seite waren die Fensterläden geschlossen, kein Licht drang hindurch. Der Kommissar zog an der Klingelkette und hörte aus dem Innern der Villa einen feierlichen Ton. Keine Reaktion. Er klingelte wieder. Und noch einmal. Schließlich ging hinter einem Fensterladen Licht an, kurz darauf auch eine Lampe über dem steinernen Eingangsportal, dann öffnete sich die Tür. Irgendjemand stand an der Türschwelle.

»Wer ist denn da?«, fragte eine Frauenstimme.

»Polizei. Würden Sie mir freundlicherweise die Tür aufmachen?«

Die Frau verschwand wieder im Haus, und gleich darauf sprang das Schloss des Eingangstores mit einem Ruck auf. Casini drückte mit beiden Händen gegen das Tor, das sich quietschend öffnete. Er betrat den Garten und ging im Schatten der Krüge und kleinen Marmormonster den Kiesweg entlang. Die Frau stand in einen schwarzen Schal gehüllt an der Eingangstür. Es sah nicht so aus, als hätte er sie aus dem Bett geholt. Der Kommissar blieb vor ihr stehen, zog seinen Dienstausweis hervor und neigte leicht den Kopf.

»Commissario Casini. Tut mir Leid, wenn ich Sie um diese Zeit belästige.«

Die Frau schien keine Italienerin zu sein. Sie war um die fünfzig, groß und schlank mit harten Zügen um den Mund. Kerzengerade und regungslos stand sie da und sah Casini durch ihre Brille an.

»Was gibt’s?«, fragte sie mit starkem deutschen Akzent und zog dabei ihren Schal enger. Ihr weißes Haar war im Nacken zu einem perfekten Knoten zusammengebunden. Casini hatte das deutliche Gefühl, aus einem der Fenster im oberen Stock beobachtet zu werden, aber er ließ sich nichts anmerken.

»Wie war doch Ihr Name …?«, fragte er.

»Ich bin die Gouvernante des Barons«, antwortete die Frau kühl.

»Und wie ist der Name?«

»Baron von Hauser.«

»Wie heißen Sie?«

»Fräulein Olga.«

»Ist der Baron zu Hause?«

»Nein.«

»Darf ich fragen, wo er sich aufhält?«

»Der Baron ist nur selten in der Villa.«

»Wohnt sonst noch jemand in diesem Haus?«

»Nein.«

»Sie sind also meistens allein?«

»Ja.«

»Das ganze Jahr über?«

»Ich verstehe nicht … Warum fragen Sie so viel?«

»Wir haben einen Hinweis erhalten. Hier in der Umgebung wurde ein Schuss gehört.«

»Ich habe nichts gehört, ich bin früh ins Bett gegangen.«

Casini lächelte und breitete die Arme aus. »Dann habe ich keine weiteren Fragen. Entschuldigen Sie bitte die Störung, gute Nacht.«

»Gute Nacht«, antwortete die Frau kühl.

Casini nickte und ging zum Ausgang. Nach ein paar Schritten wandte er sich noch einmal zu der Frau um.

»Noch was, Fräulein Olga … Haben Sie einen Dobermann?«

»Nein.«

»Sie wissen nicht zufällig, ob in der Nachbarschaft …?«

»Ich habe keine Ahnung von Hunden«, unterbrach ihn die Frau unwirsch.

»Dann habe ich wirklich keine Fragen mehr«, sagte Casini.

Als er das Gartentor hinter sich schloss, sah er, dass die Frau noch immer an der Tür stand. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er zu seinem Auto und hörte nach einer Weile die Haustür ins Schloss fallen.

Der Zwerg war mittlerweile eingeschlafen, sein Kopf war zur Seite gerollt, und er schnarchte. Als Casini den Wagen anließ, zuckte er zusammen und rieb sich die Augen.

»Ich bring dich nach Hause.«

»Und? Haben Sie was herausgefunden, Commissario?«

»Nein, aber die Sache gefällt mir trotzdem nicht«, antwortete Casini und starrte einen Augenblick ins Leere. Dann wendete er den Wagen und fuhr zurück in die Stadt. Unterwegs zog er mit einer Hand seinen Geldbeutel aus der Jackentasche, holte zweitausend Lire hervor und steckte sie Casimiro zu.

»Du kannst sie sicher gut gebrauchen, stimmt’s?«

Der Zwerg zögerte, nahm dann verlegen das Geld und steckte es in seinen Schuh.

»Danke, Commissario, ich kann es mir nicht leisten, mich lange bitten zu lassen«, sagte er finster.

»Willst du eine rauchen?«

»Nein, danke … Ich könnte versuchen, etwas für Sie herauszufinden, wenn Sie wollen.«

»Du hast dir vorhin doch vor Angst fast in die Hose gemacht«, lachte der Kommissar gutmütig.

»Ich hab keine Angst«, erwiderte der Zwerg ein wenig beleidigt.

»Lass gut sein, Casimiro, es könnte gefährlich werden«, sagte Casini ernst.

»Warum gefährlich?«

»Man kann nie wissen.«

»Ich weiß schon, was ich tue«, sagte Casimiro und umklammerte sein kleines Skelett.

»Und was würdest du tun, wenn plötzlich wieder so ein niedliches Hündchen auftaucht?«

»Ich würde eine große Pistole mitnehmen …«, antwortete der Zwerg entschlossen und blickte stolz drein.

»Vergiss die Westernfilme, Casimiro … Vielleicht kannst du ja sonst irgendeine Kleinigkeit für mich erledigen«, und er überlegte, was er dem Zwerg anvertrauen konnte. Einmal hatte er ihn sogar beauftragt, sich Diotivede, dem Gerichtsmediziner, an die Fersen zu heften, und ihm erzählt, er würde einen Mafioso beschatten …

Beide schwiegen eine Weile. Bei San Domenico bog Casini ab und fuhr die Badia Fiesolana hinunter. Hier war er als Kind immer in einer Seifenkiste den steilen Abhang hinuntergebrettert und hatte Kopf und Kragen riskiert.

»Casimiro, hast du was von Botta gehört?« Casini hatte Ennio Bottarini schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Er verspürte Lust, mal wieder ein großes Essen bei sich zu Hause zu veranstalten, und wollte Botta dafür in der Küche haben. Dieser unglückselige Dieb war ein begnadeter Koch. Er hatte in Gefängnissen von halb Europa gesessen und im Gespräch mit seinen Mitgefangenen etwas über die Küche eines jeden Landes gelernt.

»Er müsste noch in Griechenland sein«, antwortete der Zwerg.

»Auf freiem Fuß oder im Knast?«

»Vor ein paar Tagen habe ich einen seiner Freunde getroffen, der mir erzählt hat, dass Botta etwas Geld gemacht hat und bald zurückkommen wird.«

»Da sieh mal einer an …«

2

Am Eingang zum Parco del Ventaglio drängte sich eine kleine Menschentraube, drei Streifenwagen waren vor Ort. Es war gegen sieben Uhr abends, die Sonne war bereits untergegangen. Casini parkte seinen Käfer am Eingang und stieg mit klopfendem Herzen aus. Sie hatten einen Anruf im Präsidium erhalten und waren sofort losgefahren.

Piras ging schweigend neben ihm. Schon seit Jahren arbeitete der intelligente, etwas unbeholfen wirkende junge Mann im Präsidium, und Casini nahm ihn zu jedem Einsatz mit. Doch da der Kommissar nicht immer einen uniformierten Beamten neben sich haben wollte, hatte er Piras gebeten, in Zivil zu gehen. Die beiden kamen gut miteinander aus, so wie Casini während des Krieges auch gut mit Gavino, Piras’ Vater, ausgekommen war.

Der Mond hatte sich hinter einer dunklen Wolke versteckt und ließ den Park ebenso schwarz wie den Himmel darüber erscheinen. Zur linken Seite stieg das Gelände steil und dunkel zu einem Hügel an, auf dessen Spitze helle Polizeischeinwerfer zu erkennen waren, deren Licht in der umstehenden Menschentraube zu versinken schien. Casini und Piras kletterten mühsam den Hügel hinauf, ständig auf dem feuchten Boden ausrutschend, sodass ihre Hosenbeine innerhalb kürzester Zeit durchnässt waren. In der Ferne heulte von Zeit zu Zeit ein Martinshorn auf. Als sie endlich die Hügelkuppe erreicht hatten, bahnte Casini sich entschlossen seinen Weg durch die Menschenmenge, während Piras die Schneise nutzte, die sich hinter Casini gebildet hatte. Einige Fotografen standen herum, und ein paar Journalisten kritzelten eifrig etwas in ihre Notizbücher. Es blieb ein Geheimnis, wie es kam, dass die von der Presse immer als Erste am Tatort waren.

Endlich erreichte Casini die Beamten, die den Tatort ringförmig abriegelten, und dann sah er am Fuße eines großen Baumes und im gleißenden Licht der Scheinwerfer die Leiche: Das Mädchen lag auf dem Rücken, wie ein weggeworfenes Stück Lumpen, die kleinen Arme und Beine einer Christusstatue gleich von sich gestreckt. Der Kommissar trat näher heran und beugte sich über das Kind. Es war ungefähr acht Jahre alt, Mund und Augen waren weit aufgerissen, und seine schwarzen Haare hingen seitlich in einem wirren Zopf herab. Der Hals war von roten Striemen bedeckt, und unter dem Hemdchen, das nur dürftig den Körper verbarg, waren Bisswunden zu erkennen. Casini sah lange auf das Mädchen hinunter.

Schaulustige drängten sich um den Tatort und begafften mit dampfenden Mündern das Mädchen, Entsetzen im Gesicht. Eine Frau weinte, und weiter hinten erbrach sich jemand. Casini gingen all die Leute auf die Nerven. Er war müde und rieb sich die Augen. Vielleicht war es aber auch der Abscheu vor dem, was er sah.

Das Heulen des Martinshorns kam immer näher, und der Kommissar fragte sich, ob der Wagen wohl zu ihnen wollte. Wenn ja, dann war das Martinshorn überflüssig. Das Mädchen war tot, und nichts durfte berührt werden, solange der Gerichtsmediziner die Leiche nicht untersucht hatte. Casini sah auf die Uhr. Verdammt, wo blieb Diotivede denn nur? Dann tippte er einem Beamten auf die Schulter.

»Rinaldi, hat irgendjemand was gesehen oder gehört?«

»Nein, Commissario, niemand.«

»Schaff mir die Leute hier weg.«

»Jawohl, Commissario.«

Plötzlich war in der Menschentraube die Stimme eines Mannes zu hören: »… und was macht die Polizei?«

Casini zuckte zusammen. Was sollte das heißen, was die Polizei macht? Er sah sich nach dem Idioten in der Menge um und hätte ihn am liebsten am Schlafittchen gepackt. Piras sah, wie aufgebracht Casini war, und nahm seinen Arm.

»Vergessen Sie’s, Commissario«, sagte er.

Der Krankenwagen kam im Park mit quietschenden Bremsen zum Halten, das Martinshorn verstummte jäh. Fünf Männer sprangen aus dem Wagen und erklommen mit einer Trage eilig den Berg.

Casini kratzte sich am Kopf. »Was machen die denn hier?«

Ein korpulenter Kerl mit Arztköfferchen kam den Hügel heraufgekeucht. Casini ging ihm entgegen. »Hier darf nichts angefasst werden, bevor der Gerichtsarzt nicht da war«, sagte er.

Der Dickwanst pflanzte sich vor Casini auf und wirkte sichtlich erleichtert, den Aufstieg endlich hinter sich zu haben.

»Wer sind Sie denn?«, fragte er.

»Commissario Casini. Sagen Sie Ihren Männern, dass sie die Finger von dem Mädchen lassen sollen.«

»Entschuldigen Sie, aber wir sind eigentlich wegen einer Frau hier.«

»Was für einer Frau?«

»Man hat uns gerufen, weil eine Frau einen Kreislaufkollaps erlitten haben soll. Gestatten, Dottor Vallini.«

Casini reichte ihm die Hand und sah, wie die Rettungskräfte zu einer kleinen Menschentraube eilten und eine Frau auf die Trage legten. Sie kamen mit ihr zurück, und der Arzt begann die Frau zu untersuchen. Er fühlte ihren Puls, sah ihr in den Mund, hob ihre Augenlider an und leuchtete ihr mit einer kleinen Taschenlampe in die Pupillen. Sie schien noch jung zu sein, rabenschwarzes Haar umrahmte ein blasses Gesicht. Sie war recht hübsch. Ihr Mund stand halb offen, und ihre Wimpern zuckten. Ihr Arm hing von der Trage, und der Arzt legte ihn wieder hoch.

»Nichts Ernstes, nur ein Ohnmachtsanfall«, sagte er.

»Wer ist sie?«, fragte Casini.

»Die Mutter des Mädchens«, sagte ein Rettungshelfer.

Der Kommissar biss sich auf die Lippe … Die Mutter. Warum zum Teufel war er nicht selbst darauf gekommen? Er beugte sich über die junge Frau und betrachtete sie. Plötzlich öffnete sie die Augen und starrte Casini verwirrt an. Dann griff sie mit beiden Händen nach seinem Arm und umklammerte ihn, zehn zarte, kalte Finger.

»Valentina … Vale…«, flüsterte sie und sah ihn an. Doktor Vallini hatte bereits eine Beruhigungsspritze vorbereitet.

»Signora. Sie sollten jetzt ein wenig schlafen.« Er schob ihr die Nadel in den Arm und drückte den Kolben. Die Frau öffnete den Mund und wollte noch etwas sagen, aber es gelang ihr nicht mehr. Sie verdrehte die Augen und ihre Arme sackten herab. Daraufhin gab der Arzt den Rettungskräften ein Zeichen, und der Krankentransport setzte sich in Bewegung. Casini deutete auf die Frau.

»Wo bringt ihr sie hin?«

»Ins Santa Maria Nova.«

»Wann kann ich mit ihr sprechen?«

»Rufen Sie in zwei oder drei Tagen im Krankenhaus an und lassen Sie sich dort mit Dottor Saggini verbinden.«

»Danke.«

»Auf Wiedersehen, Commissario.« Der Arzt machte sich an den Abstieg und versuchte mithilfe seines Arztköfferchens seinen massigen Körper im Gleichgewicht zu halten. Casini zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Noch immer sah er das blasse, mädchenhaft zarte Gesicht von Valentinas Mutter vor sich.

Das Martinshorn des Hilfsdienstes heulte auf, ging gleich darauf aber wieder aus, als handle es sich um einen Irrtum. Dann fuhr der Krankenwagen in ruhigem Tempo in die Dunkelheit hinein. Casini sah ihm nach, bis er durch das Eingangstor des Parks verschwunden war, ließ dann seinen Blick über die Dächer der Stadt schweifen und hing seinen Gedanken nach. Erst Piras’ Stimme riss ihn wieder aus seinen Träumen.

»Commissario, hallo?«

Casini fuhr sich über die Augen. »Was ist los, Piras?«

»Dottor Diotivede ist da.«

Casini hatte den Arzt nicht kommen hören, aber das war kein Wunder, denn Diotivede war ein stiller Typ und scheu wie ein Waldtier.

»Komm«, sagte Casini und zog Piras mit sich fort. Sie gingen zum Gerichtsarzt und konnten schon von weitem das phosphoreszierende Weiß seiner Haare sehen. Diotivede kniete auf einem Stück Zeitung neben der Leiche, sah sie sich genau an und berührte sie hier und da. Seine Handgriffe waren routiniert, trotzdem wirkte er irgendwie beleidigt, als habe ihm jemand eine Ohrfeige verpasst. Casini und Piras blieben in einiger Entfernung stehen, um ihn nicht zu stören, der Arzt duldete in solchen Augenblicken niemanden in seiner Nähe.

Mittlerweile hatten die Beamten auch den letzten Schaulustigen vertrieben, Casini rauchte eine Zigarette nach der anderen, während er ungeduldig darauf wartete, mit Diotivede reden zu können, ein leichter Wind wehte, und der Geruch von fauligen Blättern hing in der Luft. Es war April, doch man hatte eher das Gefühl von November. Die Wolkendecke riss auf, und am nächtlichen Himmel waren vereinzelt die Sterne und ein kleines Stück Mond zu sehen, das gelblich durch die Wolken schimmerte.

Endlich hatte der Gerichtsarzt die Untersuchungen an der Leiche abgeschlossen, blieb jedoch auf den Knien und notierte etwas in sein schwarzes Notizbuch. Dann erhob er sich und ging auf Casini und Piras zu.

»Erwürgt. Außerdem eine schlimme Bisswunde auf dem Bauch, die dem Mädchen aber vermutlich erst nach dem Tod zugefügt wurde.«

Der Kommissar warf seine Kippe fort. »Sonst nichts?«

»Nach der Autopsie kann ich dir mehr sagen. Vielleicht kommt noch was dabei heraus.«

»Hoffentlich.«

Casini ging wieder zu der Leiche des Mädchens, kniete sich neben sie und betrachtete das aschfahle, verschmutzte Gesicht des Kindes. Eine Ameise krabbelte an den Lippen entlang, mit einem Finger wischte Casini sie fort und berührte dabei für einen Augenblick die tote Haut des Mädchens. Ein hübsches Kind, es erinnerte ihn an eine Frau, die er vor vielen Jahren geliebt hatte …

Casini schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu ordnen, und fragte sich, weshalb er ausgerechnet in einem solchen Augenblick an so etwas denken musste. Er warf noch einen letzten Blick auf das Mädchen, sah die bloßen Füße, dann ging er zu den anderen zurück. Diotivede war zum Aufbruch bereit und hielt mit beiden Armen seine Tasche an den Bauch gepresst. Hinter der dicken Brille wirkten seine Augen beinahe gläsern.

»Eigentlich dürfte ich so was nicht sagen, aber dieses Verbrechen lässt an einen Triebtäter denken, der vermutlich erneut zuschlagen wird«, sagte er.

»Das befürchte ich leider auch«, stimmte Casini ihm nachdenklich zu.

»Oder wir haben es mit einem Rachedelikt zu tun«, murmelte Piras, der an die grausamen Bluttaten in seiner Heimat Sardinien denken musste.

»Soll ich dich irgendwo hinbringen, Dottore?«, fragte der Kommissar.

»Ja, warum eigentlich nicht«, antwortete Diotivede.

Der Kommissar gab Rinaldi ein Zeichen, dass sie die Leiche fortschaffen konnten, dann stieg er mit Piras und Diotivede den glitschigen Hügel hinab, immer darauf bedacht, nicht auszurutschen. Piras schwieg und starrte mürrisch vor sich her. Er überließ Diotivede den Beifahrersitz und setzte sich auf die Rückbank des Käfers. Der Kommissar startete den Wagen und fuhr mit einer nicht angezündeten Zigarette im Mundwinkel los.

»Soll ich dich nach Hause bringen oder möchtest du lieber ins Labor?«, fragte Casini, als er in die Via Volta einbog.

»Nach Hause«, antwortete Diotivede und schwieg dann für die restliche Fahrt. Casini setzte ihn in der Via dell’ Erta Canina vor seinem Gartenhäuschen ab, der Sarde stieg aus und nahm wieder seinen Platz neben dem Kommissar ein.

»Was hältst du von dem Mord, Piras?«

»Wie bitte? Was haben Sie gesagt, Commissario?«

»Ach, nichts.«

3

Sie fuhren zurück zum Präsidium und machten sich sogleich an die Arbeit. Casini schickte ein paar Beamte los, die Anwohner des Parco del Ventaglio zu befragen. Vielleicht fanden sie ja jemanden, der etwas gehört oder gesehen hatte. Allzu große Hoffnungen machte sich Casini allerdings nicht. Sie schickten Beamte in Zivil in die Stadtparks, in denen besonders viele Mütter mit ihren Kindern unterwegs waren. Doch das waren nur allgemeine und nicht unbedingt effektive Sicherheitsvorkehrungen. Casini wusste nur zu gut, dass der Mörder auch auf ganz andere Weise oder an einem anderen Ort wieder zuschlagen konnte. Schließlich schrieb er eine Pressemitteilung für Fernsehen und Rundfunk.

Es klingelte, Mugnai war am Apparat.

»Hier stehen noch ein paar Journalisten, Commissario.«

»Schick sie zu Inzipone, ich will mit niemandem reden.«

»Der Polizeipräsident hat aber gesagt, dass ich sie zu Ihnen schicken soll.«

»Dann schick sie weg. Das Gleiche gilt auch für die nächsten Tage.«

»Wird gemacht, Commissario.«

Casini legte auf, mit Journalisten wollte er jetzt nichts zu tun haben. Er rieb sich die Augen, sie brannten, als habe er seit drei Tagen nicht mehr geschlafen. Er verließ das Präsidium durch den Hintereingang, stieg in seinen Käfer und fuhr zur Trattoria Da Cesare. Als er eintrat, winkte er dem Besitzer und den Kellnern kurz zu und schlüpfte dann zu Totò in die Küche. Casini ließ sich auf einen Hocker fallen, der seit Jahren für ihn in einer Ecke bereitstand. Das Bild des toten Mädchens auf dem Rasen ging ihm nicht aus dem Kopf.

»Commissario! Was ist los? Sie machen vielleicht ein Gesicht …« Totò kam mit dem Kochlöffel in der Hand auf ihn zu.

»Ich bin nur ein wenig müde«, antwortete Casini. Offensichtlich war die Nachricht von dem Mord noch nicht verbreitet worden.

»Auf was hätten Sie heute Appetit?«

»Ist mir egal, Totò. Ich esse irgendwas.«

»Keine Sorge, Commissario, überlassen Sie das mir«, antwortete der Koch, eilte zum Herd und kehrte mit einem dampfenden Teller zurück. Casini schenkte sich ein Glas Wein ein und begann das gebratene Huhn mit Artischocken zu essen, eins von Totòs Spezialgerichten. Wie gewöhnlich fing Totò beim Geruch von Frittiertem über Politik und Gefühle zu philosophieren an, ohne dabei den Küchenbetrieb zu vernachlässigen. Er verfügte über die seltene Begabung, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

»Leute heiraten und lassen sich wieder scheiden … Ich hab mir so meine Gedanken zu dem Thema gemacht, Commissario … Wenn Mann und Frau sich verstehen, können sie die Welt aus den Angeln heben, verstehen sie sich nicht, reicht ein Teller zerkochter Spaghetti aus, dass die Fetzen fliegen.«

Casini schlang sein Essen hinunter, trank den Wein und hörte sich Totòs Geschichten an, die von Schauermärchen aus seinem Dorf bis hin zu Rezepten für Schweinebraten mit Myrthe reichten.

»Noch einen Kaffee, Commissario?«, fragte der Koch schließlich.

»So stark wie möglich, Totò, du hast mich gemästet wie ein Schwein.«

»Dann brauchen Sie hinterher unbedingt noch einen Grappa«, antwortete der Koch, angelte die Flasche vom Küchenbord und schenkte dem Kommissar ein Glas ein.

»Komm, Totò, setz dich ein wenig zu mir, du bist die ganze Zeit nur umhergerannt.«

Satt und hundemüde verließ Casini gegen elf Uhr die Trattoria und schwor sich, mindestens einen Monat lang keinen Fuß mehr in Totòs Küche zu setzen. Auf der Rückfahrt ins Präsidium fing es leicht zu regnen an, doch es lohnte sich kaum, deswegen die Scheibenwischer anzumachen. In der Via San Gallo trank er einen weiteren Kaffee und ging trotz seiner Müdigkeit noch mal ins Büro. Ihm stand eine Menge Arbeit bevor.

4

Seit Wochen sollte die Razzia stattfinden, dennoch hatte Casini, der solche Aktionen hasste, noch einmal versucht, Doktor Inzipone von der Sache abzubringen und als Ausrede sogar das schlechte Wetter bemüht.

»Jetzt stellen Sie sich nicht so an, Casini, das sind schließlich nur ein paar Regentropfen. Hin und wieder müssen wir solche Razzien eben durchführen. Anweisung vom Ministerium. Nun machen Sie mir das Leben doch nicht immer so schwer.«

Also fuhr Casini mit einigen Polizei- und Mannschaftswagen kurz nach Mitternacht nach Ponte di Mezzo, eines der ärmsten Viertel der Stadt. In den Sozialwohnungen, die man nach dem Krieg dort hochgezogen hatte, verbargen sich ein paar heruntergekommene Bordelle und illegale Spielhöllen für arme Schlucker, außerdem wohnten dort Hehler, Schmuggler und kleine Diebe. Die hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit war hier schon lange verflogen und hatte Wut und Enttäuschung Platz gemacht. Die Gründung der Republik schien dem Land mehr geschadet zu haben als die Deutschen oder die Faschisten. Casini fühlte sich nicht wohl dabei, diese Menschen zu belästigen, die einfach nur versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen.

Casini, Piras und vier Beamte rannten im prasselnden Regen auf einen der Häuserblocks zu und schlüpften in einen Hauseingang in der Via del Terzolle. Das gesamte Viertel war von zahlreichen unterirdischen Gängen und Tunnels durchzogen, mit deren Hilfe die Deutschen während des Krieges bei ihren Säuberungsaktionen immer wieder an der Nase herumgeführt worden waren. Casini und seine Männer traten eine Kellertür ein und befanden sich plötzlich in einem dunklen verqualmten Raum. Sie knipsten ihre Taschenlampen an und befahlen den Anwesenden, sich an die Wand zu stellen. Casini nickte ein paar bekannten Gesichtern zu und überließ dann den Kollegen die Kontrolle der Papiere. Er stieg zusammen mit Piras in den dritten Stock hinauf und drang in einen Raum mit der Aufschrift Pensione Aurora ein. Dabei beschmutzten sie mit ihren nassen Schuhen die kleinen rosa Teppiche im Eingangsbereich.

Signorina Hortensia stürzte auf sie zu. »Putzt ihr euch zu Hause nie die Schuhe ab?«

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