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Die Lucifer-Chroniken

CATHERINE WEBB

DIE LUCIFER-
CHRONIKEN

ZWEI ROMANE IN EINEM BAND

Aus dem Englischen von
Helmut W. Pesch

Inhalt

Kapitel 1 - Der Mann in Schwarz

Kapitel 2 - Alte Freundschaften

Kapitel 3 - Schadensbegrenzung

Kapitel 4 - Adamarus

Kapitel 5 - Freya

Kapitel 6 - Bello

Kapitel 7 - Mondgespinst

Kapitel 8 - Der Historiker

Kapitel 9 - Licht und Feuer

Kapitel 10 - Träger des Lichts

Kapitel 11 - Könnte-sein-Stadt

Kapitel 12 - Der Mann ohne Gesicht

Kapitel 13 - Nebelschleier

Kapitel 14 - Eine alte Schuld

Kapitel 15 - Schwachstellen

Kapitel 16 - Aufräumarbeiten

Kapitel 17 - Die Rache des Unsterblichen

Kapitel 18 - Puzzleteile

Kapitel 19 - Das Ausmaß der Macht

Kapitel 20 - Verräter und Erzengel

Kapitel 21 - Offene Verschwörung

Epilog - Ein kurzer Sieg

1
Der Mann in Schwarz

»Ein Adler mit Angst vorm Fliegen.« So das Urteil eines seiner Kollegen über Sam Linnfer. »Wahrscheinlich hat er auch noch irgendwo eine Leiche im Keller versteckt.«

Wie alle Gerüchte, so fand auch dieses irgendwann seinen Weg zurück zu Sam und zauberte ein breites Grinsen auf sein jungenhaftes Gesicht.

Wenn es eines gab, was Sam an seiner Arbeit liebte, dann war es das Geheimnis, das ihn in den Augen anderer Leute umgab. Es verschaffte ihm große Befriedigung, dieselben Züge zu benutzen, dieselben Mahlzeiten zu essen, an denselben Bushaltestellen zu warten und dabei doch immer über allem zu stehen, und sei es nur in den wilden, fantastischen Geschichten, die man über ihn erzählte.

Obwohl Sam in der Tat anders war, schien ihn jeder in der Universität irgendwie gut zu kennen. Sein aufblitzendes Lächeln und sein Mangel an Ehrfurcht gegenüber Respektspersonen machten ihn bei den Studenten beliebt, und offensichtlich langweilte ihn schon der bloße Gedanke an ein Leben, wie es die Professoren führten, bestimmt von einem täglichen Ritual, dessen Höhepunkt im Austausch von lateinischen Wortspielen zu bestehen schien, wenn sie im Speisesaal Hof hielten. Doch entsprach Sam auch nicht wirklich dem Bild eines Studenten, denn trotz seiner augenscheinlichen Jugend umgab ihn ein Hauch von Autorität, die einer langen, in keinem Lied besungenen Geschichte entstammte.

Meist trug er Schwarz - eine zugeknöpfte schwarze Jacke über einem ausgebeulten schwarzen Pullover und darunter ein formloses schwarzes Hemd. Er trug die schäbigen Kleider als eine Art Schutzpanzer, den noch keiner durchdrungen hatte. Viele stellten Vermutungen an, was er wohl unter all diesen Schichten von Kleidung verbergen mochte. Die meisten von ihnen lagen falsch. Der Gedanke, dass er aus Eitelkeit Schwarz trug, überlebte nie eine erste Begegnung: Zu diesen Kleidern gehörten ein Paar uralte Turnschuhe und ein verfilzter blau-grauer Schal, den irgendeine unbekannte Person mal für ihn gestrickt hatte. Das Bild wurde vervollständigt durch Manschetten, die nie geschlossen waren, Hemdknöpfe, die nicht zueinander passten, und manchmal ein geflicktes Jackett, das ihm das Aussehen einer modebewussten Vogelscheuche gab.

Um diesen Charakter, dessen Widersprüche andere Menschen so anzogen, abzurunden: Er hatte dichtes schwarzes Haar und Augen so dunkel, dass auch sie fast schwarz wirkten. Nicht dass viele ihnen lange genug standgehalten hätten, um dies bestätigen zu können, denn Sams Blick war von einer Intensität ohnegleichen. Seine Stimme hatte einen ganz leichten Akzent, wenngleich niemand sicher war, woher dieser Tonfall kam. Einige sagten, er sei nordenglisch; andere meinten, dass eine Spur Gälisch darin liegen müsse. Irgendwann schrieb man ihm den Hauch eines walisischen Akzents zu, was das Gerücht in die Welt setzte, er sei in den wilden Bergen am Mount Snowdon aufgewachsen. Ein paar schworen, er müsse ein Zigeuner sein. Sam selbst, wenn man ihn über seine Vergangenheit befragte, gab nur ausweichende Antworten.

Was das Geheimnis noch vertiefte, war die Tatsache, dass Sam auch eine Kenntnis ungewöhnlicher Sprachen an den Tag legte. Einmal war ein Wissenschaftler aus Indien zu Besuch, auf einem bezahlten Trip von jener Art, die Akademiker gern »Forschungsreise« nennen. Sam, der zufällig mitbekam, wie der Gast im Gespräch über einen englischen Begriff stolperte, war nicht nur imstande, mit dem korrekten Wort in Hindi auszuhelfen, sondern fügte auch noch ein paar Erklärungen in dieser Sprache hinzu. Nachdem etwas in dieser Art zum dritten Mal vorgekommen war, immer in einer exotischen Sprache, war dies tagelang Gesprächsthema gewesen.

Über Sams genauen Status an der Universität herrschte Unklarheit. Er hielt keine Seminare ab und korrigierte keine Hausarbeiten. Doch als eines Tages ein überarbeiteter Ordinarius bei einer schwierigen Frage über die traditionelle Verehrung der Erdmutter Gaia hatte passen müssen, war Sam es gewesen, der sie beantwortet hatte. Dies war der Beginn einer ungewöhnlichen Beziehung gewesen, wobei Sam gegen unbegrenzten Zugang zu den Universitätseinrichtungen bei der Abfassung von wissenschaftlichen Arbeiten half, die ansonsten wochenlange Recherchen in Anspruch genommen hätten. Institute, die sich mit alten Kulturen oder fremden Völkern befassten, begannen sein immenses Wissen anzuzapfen und zählten auf seine Fähigkeit, im Handumdrehen irgendwelche entlegenen Informationen auszugraben.

Seine Bewegungen bildeten ein Muster, wenn auch keiner dieses richtig zu deuten wusste. Etwa an fünf Tagen im Monat kam Sam mit dem Zug von London, aß am Dozententisch zu Mittag und saß dann in der Bibliothek, um sich Aufzeichnungen in fremden Sprachen aus vergessenen Büchern zu machen. Für den Rest des Monats war er wie vom Erdboden verschwunden.

Schließlich hatte er dann eine nominelle Anstellung akzeptiert. Als Teilzeit-College-Bibliothekar, dessen Fachgebiet niemand so recht kannte, verdiente er nicht viel, aber die Höhe seines Gehalts hatte ihn nie wirklich interessiert. Von den Begünstigungen, die man ihm angeboten hatte - angefangen von leicht verdientem Geld über klangvolle Titel bis hin zu Dingen, nach denen sich die meisten Dozenten die Finger lecken würden -, hatte Sam selbst die besten ausgeschlagen. Einmal hatte er sogar einen Lehrstuhl abgelehnt, mit den Worten, er wolle sich nicht binden.

»Darf ich fragen, Linnfer, was Sie eigentlich genau tun?«, hatte der Dekan des Colleges einmal gefragt. »Wenn Sie nicht recherchieren, meine ich.«

»Ich schreibe Bücher für Schwachköpfe, die sich zu fein sind, sie selbst zu schreiben.«

Das Gesicht des Dekans hellte sich auf. Er liebte nichts mehr, als sich gegenüber einem Rivalen in »seinem« Feld einen Vorteil zu verschaffen, als ob ein Fachgebiet von jemandem besetzt werden konnte, der es erforschte. »Jemand dabei, den ich kenne, oder dürfen Sie es nicht sagen?«

Aber Sam gab keine Antwort. Nicht aus Diskretion - nein, diesmal hielt er den Mund, weil er sich gerade nicht einfach um eine Antwort herumgedrückt hatte; dieses eine Mal hatte er eine direkte Lüge gebraucht. Nicht dass er sich deswegen schuldig gefühlt hätte. Einige Wahrheiten waren viel, viel schädlicher als die gelegentliche kleine Lüge.

Und nein, es gab keine versteckte Leiche in seinem Keller oder in seiner Wohnung. Aber dafür einige andere Dinge.

An einem verregneten Abend im Februar kam Sam zu später Stunde die Treppe zu seinem Apartment hochgestapft. Er fischte in seiner Tasche nach dem Türschlüssel - und erstarrte.

Das Apartment lag in einem Mietshaus in einer jener endlosen Reihen von Mietshäusern am Rande von Camden, die seit vierzig Jahren immer teurer geworden waren, aber irgendwie immer noch tropfende Wasserhähne hatten. Die Frau, der er jede Woche die Miete zahlte, war in den Achtzigern, auf einem Ohr taub und kannte kaum seinen Namen. Sie nannte ihn immer noch Mr Samuel, obwohl er schon seit drei Jahren in der Wohnung lebte. Doch ihr schwindender Geist am Rande der Vergreisung kam ihm gerade recht. Wenn er seine Wohnung nächtelang nicht gesehen hatte, war Mrs Dinken die ideale Person, die bezeugen konnte, er sei die ganze Zeit dort gewesen - und es dabei sogar glaubte.

Doch an diesem Abend hatte Sams feines Gehör vernommen, dass sich etwas in der Wohnung bewegte. Seine dunklen, dunklen Augen hatten ein leichtes Glimmen unterhalb der Wohnungstür gesehen, was darauf hindeutete, dass drinnen irgendwo Licht brannte. Er wusste, dass er keins angelassen hatte. Als er weiter auf die Tür starrte, wurde sein Blick leer, und einen Augenblick lang schien er einer inneren Stimme zu lauschen. Schließlich wandelte sich sein Blick der Konzentration zu einem Stirnrunzeln. Er fand den Schlüssel und stieß die Tür auf.

Die Eindringlinge trugen so einfache, gewöhnliche Kleidung, dass Sam sie sofort als das erkannte, was sie waren. Polizisten.

Einer von ihnen zückte eine Polizeimarke. »Entschuldigen Sie, Sir.«

Wenn er schon anfing, sich zu entschuldigen, bevor Sam ins Zimmer getreten war, musste es schlimm stehen.

»Was«, fragte Sam mit einer sehr ruhigen, beherrschten Stimme, die sein junges Gesicht älter machte und ihm eine unerwartete Autorität verlieh, »machen Sie in meiner Wohnung?«

»Wenn Sie hereinkommen könnten, Sir …«

Da er keine andere Möglichkeit sah, trat er in das kleine, ein wenig muffige Wohnzimmer mit seinen Stapeln von ungeöffneter Post, ungelesenen Zeitungen und Zeitschriften und leeren Kaffeetassen, in denen sich interessante Pilzkulturen bildeten. Trotz der Verwahrlosung umgab den Raum ein Gefühl der Ordnung und ein Hauch von Gemütlichkeit.

Es waren zwei Männer. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, bedeuteten sie ihm, durchzugehen und sich an den Küchentisch zu setzen. Einer von ihnen, der ältere, setzte sich ihm gegenüber, als wollte er ein Verhör durchführen. Der jüngere lehnte sich gegen eine Arbeitsplatte, mit einer lässigen Zwanglosigkeit, die Sam irgendwie verärgerte.

»Es tut mir leid, Sie behelligen zu müssen, Sir …«

»Aber …?«

»Die Sache ist etwas heikel.«

Sam zog seinen Mantel aus und schob ihn achtlos über die Stuhllehne. »Sagen Sie mir, was Sie wollen.«

Als der Polizeibeamte zu sprechen begann, war Sam Linnfer alsbald klar, dass ihm eine unruhige Nacht bevorstand.

2
Alte Freundschaften

Freya Oldstock, hatte der Mann gesagt. Ob das ein Name sei, der ihm irgendetwas sage.

Sam war auf der Hut und tat so, als müsse er darüber nachdenken. In Wirklichkeit klickte es in seinem Gedächtnis sofort, auch wenn Freya im Laufe der Jahrhunderte viele Namen verwendet hatte.

»Wir kannten uns, ja. Vor vielen Jahren.«

»Sie haben sich gut gekannt?«

»Ich mochte sie, gewiss. Ich glaube, sie mochte mich auch, doch keiner von uns beiden hat sehr viel über sich erzählt.« Denn als ich sie kannte, sind wir nur wenig zum Reden gekommen.

Wie ein Mann, den nach einer schweren Verletzung noch ein betäubender Schock umfängt, hatte er das Gefühl, dass als Nächstes etwas ziemlich Schlimmes folgen würde.

Er zwang sich zu sagen: »Wieso?«

Als er den Ausdruck auf Sams Gesicht sah, bleich und schlaff, tat der Polizist sein professionell Bestes, um taktvoll zu sein. »Tut mir leid, dass ich derjenige sein muss … ihr Leichnam … gestern gefunden …«

Sams Gedanken waren in verschiedene Richtungen zugleich explodiert.

Freya ist tot?

Was sollte ich spüren?

Was soll ich sagen?

Freya, es tut mir leid …

Wer würde so etwas tun?

Er musste die Männer bitten, es zu wiederholen, bevor er es wirklich begreifen konnte - den Ort, die Zeit. Ein Teil von ihm, der seltsam losgelöst auf sein betäubtes Ich blickte, sagte sich, dass die meisten Leute so reagieren würden.

Man hatte sie in ihrem Cottage in Holcombe, einem Dorf in Devonshire, gefunden. Erstochen. Er hatte die Geistesgegenwart zu fragen: »Womit?«

»Mit einer seltsamen Art von Waffe«, sagte der ältere Mann, wobei er ihn noch genauer beobachtete.

Natürlich. Glaubst du, eine gewöhnliche Waffe könnte Freya töten?

»Seltsam … wie?«

Die beiden Polizisten tauschten einen kurzen Blick aus. Sam spürte, wie die Atmosphäre unversöhnlich wurde.

»Spuren von Knochen wurden in der Wunde gefunden. Nicht ihre Knochen - wir konnten keine DNA-Übereinstimmung finden.«

Das liegt daran, dass sie mit einer der wenigen Waffen angegriffen wurde, mit denen unsereins getötet werden kann. Das Gebein eines Drachen dürfte kaum in eurer Datenbank registriert sein - nein, kein Drachenbeindolch. Beim Licht, das heißt, es war einer von uns, der das getan hat …

Sie warteten, um zu sehen, ob ihr Schweigen ihn zu irgendwelchen unbedachten Worten verleiten würde. Aus Kummer, aus Verwirrung, aus Furcht vor einer Gefahr, die weit über ihre Vorstellung hinausging, konnte er nicht anders:

»Und warum kommen Sie jetzt zu mir?«

Dass er ihnen nicht in die Augen blicken konnte, machte alles nur noch schlimmer. Irgendetwas an der Gegenwart der Gesetzeshüter gab ihm ein Gefühl der Schuld, auch wenn er es besser wusste.

Er versuchte zu vergessen, dass es um Freya ging, seine Freya. Er versuchte, die Sache kühl anzugehen und logisch zu denken. Was können diese Menschen über sie wissen - und über mich? Sie ist tot; nichts, was ich tun könnte, kann sie zurückbringen. Ich muss an mich selbst denken; sie würde das verstehen.

»Dieser Brief« - er legte ihn vor Sam hin - »wurde gefunden. In zwei Umschlägen. Der erste war an jemanden namens Luc Satise adressiert, der Umschlag darin an Sam Linnfer. Wie es scheint, war das so gedacht, dass der Brief dann zu Ihnen gelangen sollte, falls der erste Umschlag keinen Empfänger fand.«

Sam nahm den Brief vorsichtig auf, als ob Freya ihn aus dem Jenseits angreifen könnte. Er war in einer sauberen, exakten Handschrift abgefasst, offenkundig der ihren, doch der Text war durch die Anwendung von Chemikalien verblasst. Anscheinend hatte die Polizei versucht, das Schriftstück zu analysieren, und sah die Ablieferung beim Empfänger nur als ein letztes Mittel an.

Er las:

Lieber Sam/Luc,

ich bin nicht sicher, ob dieser Brief Sam oder Luc oder beide erreichen wird. Doch wir müssen uns unbedingt treffen. Ich brauche Hilfe, und die anderen sind alle abtrünnig geworden. Zuerst wechselt der alte Hammer die Seite und jetzt der Chef meines Hauses, und ich kann nichts tun, um sie aufzuhalten. Ich würde mehr schreiben, aber ich fürchte, selbst das ist schon zu viel. Ich hoffe, dass mein Versuch, dich als einen anderen Ersten zu kontaktieren, nicht vereitelt wird, doch ich habe Angst, es könnte schon zu spät sein.

Triff mich zur üblichen Zeit im Hain. Wenn ich nicht da bin, rechne mit dem Schlimmsten. Mehr mündlich.

Freya

»Sagt Ihnen das irgendetwas, Sir?«

»Nein«, sagte er fest, während er den Blick nicht von dem Brief nahm. »Der ›Hain‹, das ist The Grove, eine Kneipe in Hampstead, wo wir uns zu treffen pflegten. Aber das ist alles, was ich weiß.«

»Keine Ahnung, wer Luc Satise ist? Oder der ›alte Hammer‹?«

»Nein.«

»Oder ›der Chef meines Hauses‹?«

»Nein.«

»Was meint sie mit ›als einen anderen Ersten‹?«

»Ihre merkwürdige Art, jemanden zu bezeichnen, den sie mochte. ›Erste‹ waren Leute, die hoch in ihrem Ansehen standen. ›Zweite‹ waren die, die sie mochte, aber nicht schätzte. ›Dritte‹ waren tolerierbar, ›Vierte‹ nicht vertrauenswürdig, ›Fünfte‹ konnte sie nicht ausstehen.«

»Und was, glauben Sie, meinte sie mit einem ›anderen Ersten‹?«

»Sie hat oft gesagt, sie sei selbst ihr bester Freund. Eine seltsame Frau, diese Freya.«

»Seltsam, in der Tat, Sir. Rätselhafte Notizen an zwei Leute zu schreiben, aber so als wäre es ein und dieselbe Person. Leute in Kategorien einzuteilen. Eine Person voller Geheimnisse, nicht wahr? Vielleicht keine … gewöhnliche Frau?«

Eine panikerfüllte Sekunde lang dachte Sam, sie wären ihm auf der Spur. Ebenso schnell ließ er den Gedanken wieder fallen. Nein. Sie hatten nicht genug Zeit gehabt, sein Apartment gründlich zu durchsuchen, und selbst wenn, war es versiegelt mit Mitteln, welche die Polizei nie verstehen würde.

Er gab sich jedoch Mühe, seine Stimme beherrscht klingen zu lassen. »Was meinen Sie damit?«

»Bei der Durchsuchung ihres Hauses« - Sam schauderte bei dem Gedanken an Eindringlinge, die Freyas geordnete, zerbrechliche Besitztümer durchwühlten - »fanden wir verschiedene bizarre Dinge. Eine Sammlung von Büchern - und verschiedene Diagramme - in unbekannten Sprachen und eine Küche voller unidentifizierter Kräuter und seltsam aussehender Messer.« Der Mann beugte sich vor und fügte hinzu: »Drei Pässe: britisch, schwedisch und russisch. Alle im selben Jahr ausgestellt.« Die kleinen Augen des Mannes, verengt durch seinen geweckten Jagdinstinkt, hatten eine verheerende Wirkung auf Sams Nerven. Er konnte es sich sparen, Sam zu erzählen, dass dies alles höchst »ungewöhnlich« war. »Und keiner von ihnen ungültig gestempelt.«

»Britin war sie ganz bestimmt und Schwedin auch, früher mal. Was den russischen Pass betrifft, ich weiß es nicht, aber ich würde die Möglichkeit nicht ausschließen.«

»Vom Gesetz her, Sir, war es keinesfalls möglich.«

»Oh.« Er gab ein nervöses Lachen von sich. »Ich habe davon keine Ahnung.«

»Und die Bücher, Sir?«

»Wie bitte?«

»Ich habe mir sagen lassen, Sie seien eine Art Experte für ausgefallene Sprachen.« Allein der Ausdruck - ›ich habe mir sagen lassen‹ - klang, als hätte man bereits Erkundungen über ihn eingezogen, und nicht nur beiläufige.

»Sie war sehr gut in alten skandinavischen Sprachen.«

Die Befragung war darauf angelegt, wie ihm klar wurde, den Befragten bei jeder Wendung zu überrumpeln. In einem Augenblick alte Sprachen, im nächsten zurück zu dem Brief, dann seine Vergangenheit mit Freya. Hier musste Sam auf der Hut sein. Er hatte keine Ahnung, welche anderen Spuren der Mann verfolgte. Wenn er eine Geschichte erzählte, war er ziemlich sicher, dass irgendjemand anders eine andere erzählen würde.

»Wir waren auf ähnlichen Fachgebieten tätig. Eines Tages trafen wir uns in der Bibliothek, als wir nach demselben Buch suchten, und seitdem sind wir uns ab und an wieder über den Weg gelaufen.«

Er wusste, dass sie ihm das nicht abnehmen würden.

»Ich habe mir sagen lassen, dass Ms Oldstock eine durchaus intelligente Frau gewesen sei. Warum, glauben Sie, sollte sie einen Brief schreiben, den keiner verstehen konnte, und ihn an Sie schicken?«

»Ich glaube nicht, dass er für mich gedacht war. Anscheinend sollte dieser ›Luc Satise‹ ihn kriegen. Ich war vermutlich zweite Wahl.«

»Aber nach dem Wenigen, was wir verstehen, war die Sache wichtig. Wenn sie sich nicht sicher war, dass ihr Brief Mr Satise erreichen würde, warum sollte sie versuchen, Sie zu kontaktieren? Ich dachte, Sie hätten sich nicht nahe gestanden.«

»Haben wir auch nicht. Ich habe keine Ahnung, warum sie das getan hat.«

»Kennen Sie irgendjemanden sonst von Ms Oldstocks … Bekanntschaften?«

»Nein. Sie hat mich nie ihren Freunden vorgestellt.«

Eine gefährliche Antwort. Sam fühlte sich wie ein Mann, der auf einem Bein stand, ohne zu wissen, welche Kräfte ihn stoßen würden und aus welcher Richtung. Wenn andere »Bekanntschaften« im Spiel waren, hatte er wiederum keine Ahnung, welche Aussagen seiner eigenen widersprechen mochten.

Inzwischen schien der jüngere Mann mit jeder Antwort, die Sam gab, immer verärgerter zu werden. Er nahm den Brief und hielt ihn Sam unter die Nase. »Also, was können sie uns über diesen Teil erzählen - wo sie anzudeuten scheint, sie würde beobachtet? Sind Sie sicher, dass Sie nicht wissen, warum jemand Ms Oldstock beobachten könnte?«

»Ganz sicher. Ich weiß es nicht.« Er musste sich zurückhalten, um nicht darauf hinzuweisen, wie oft sie ihn das nun gefragt hatten.

»Neigte sie zu Verfolgungswahn?«

»Ganz bestimmt nicht!«

Der ältere Mann öffnete den Mund, um eine Frage zu stellen, und schien es sich dann anders zu überlegen. Schließlich stand er auf. »Tut mir leid, Sie behelligt zu haben, Sir. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie uns bitte an.«

Sam war so dankbar, dass er mit aufgestanden war. In seiner Erleichterung war es schwer, nicht unkontrolliert draufloszureden. »Es tut mir leid um Freya«, sagte er, ebenso zu sich selbst wie zu den anderen. Er dachte daran hinzuzufügen: »Ich nehme an, Sie wissen nicht, wer sich um die Beisetzung kümmert?«

»Die Familie, Sir.«

Die Familie. Großartig.

Als die Polizisten gingen, drehte der Ältere sich noch einmal im Türrahmen um. »Nur noch eine Kleinigkeit, Sir.«

»Ja?«

»Wo waren Sie vorletzten Abend?«

Angesichts einer so ungeheuerlichen Unterstellung brachte es Sam irgendwie fertig, sich im Zaum zu halten. In einem wütenden, knappen Ton sagte er: »In der Uni.«

Es war ein Zeichen dafür, wie gut die Polizisten ihre Hausaufgaben gemacht hatten, dass der Mann nicht einmal fragte, welche Universität gemeint war. Er lächelte nur, gab ein freundliches »Gute Nacht, Sir« von sich und stiefelte mit seinem Begleiter die Treppe hinunter. Hinter ihnen schlug Sam die Tür zu, härter als notwendig gewesen wäre.

Erst als der Hall ihrer Schritte verklungen war, lehnte er sich gegen die Tür und schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten.

3
Schadensbegrenzung

Obwohl der Aufruhr seiner Gefühle wieder abgeebbt war und er sich beruhigt hatte, ging Sam nicht gleich zu Bett, trotz der bereits fortgeschrittenen Nacht. Bei geöffnetem Fenster, das die kalte Februarluft hereinließ, saß er lange am Küchentisch, ohne sich zu rühren. Sein Gesicht war ausdruckslos bis auf die geröteten Augen, halb geschlossen gegen das grelle Licht der Erinnerung.

Freya war mit einer Drachenbeinklinge getötet worden. Drachenbein bedeutete, jemand wusste, was Freya war, und war stark genug, an sie heranzutreten und die Tat zu vollbringen. Bevor sie gestorben war, hatte sie versucht, ein Treffen mit ihm zu arrangieren. Gab es da eine Verbindung?

Aber wer würde Freya töten wollen? Sie hatte keine Feinde. Nicht jetzt. In der Vergangenheit, ja, aber der Krieg ist vorbei …

Dass die Polizei auf den Plan getreten war, verschärfte das Problem. Wenn früher etwas dergleichen geschehen war - und ja, es hatte solche Fälle gegeben -, war der Leichnam von Verwandten oder Freunden beiseitegeschafft worden, lange bevor die Behörden von der Sache Wind bekamen. Und bis die Bürokratie erst in Gang gekommen war, waren alle Spuren, dass eine solche Person je gelebt haben könnte, längst getilgt.

Aber diesmal nicht. Diesmal hatte die Familie nicht auf das Unglück reagiert. Wegen der … Abtrünnigen, von denen Freya kurz vor ihrem Tod berichtet hatte? Selbst der alte Hammer habe die Seiten gewechselt, hatte sie gesagt. Sam drehte sich der Magen um. Der alte Hammer und er waren nicht gerade dicke Freunde. Es sah so aus, als könnte er von dieser Seite wenig Hilfe erwarten, um herauszufinden, was passiert war.

Außerdem, wie sollte er vorgehen, ohne die Polizei auf den Plan zu rufen? Er war sich sicher, dass seine Vorstellung nicht gut genug gewesen war, um sie abzuschütteln. Mord war Mord, und er musste so ziemlich die einzige Spur sein. Was das betrifft, vielleicht der einzige Verdächtige.

Er stand auf und tappte ins Schlafzimmer. Er kniete sich neben das Bett, schob einen abgetretenen roten Teppich beiseite und legte die Hand auf ein Bodenbrett. Es gab ein Aufblitzen darunter, wie von einem Zündfunken. Als das Licht erloschen war, zog er das Brett zurück und nahm verschiedene Gegenstände aus der Öffnung, darunter ein langes, schlankes Objekt und ein kürzeres, schmaleres, beide sorgsam in geöltes Leder eingewickelt, sowie einen zugebundenen Schuhkarton.

In dem Karton lagen ein Bündel Fünfzig-Pfund-Scheine, noch mit der Banderole der Bank versehen, und fünf abgegriffene Reisepässe: amerikanisch, britisch, deutsch, schweizerisch und kanadisch. Jeder war mit Länderstempeln von Grönland bis Ägypten, Nigeria bis Tibet versehen. Zwei, der kanadische und der Schweizer Pass, waren auf Luc Satise ausgestellt. Das Gesicht, das mit der üblichen Beliebigkeit von Passfotos daraus hervorblickte, war Sams eigenes, wenngleich ungewöhnlich hart und ausdruckslos. Es war bemerkenswert, dachte er, dass Pässe jeden wie einen Betrüger aussehen ließen. Der deutsche Pass trug den Namen Sebastian Teufel, die anderen beiden lauteten auf Sam Linnfer.

Aus seinem Schrank holte er eine Reisetasche, bereits fertig gepackt. Er hielt immer eine gepackte Tasche bereit, um für den Fall, dass er eines Tages Hals über Kopf verschwinden musste, nichts Lebenswichtiges zu vergessen. Er nahm auch eine Schachtel vom Boden des Kleiderschrankes auf, in der Generalstabskarten und ein London A to Z steckten. Den Straßenführer schlug er am Ende des Verzeichnisses auf, wo in säuberlicher Schrift »Höllentore« geschrieben stand. Darunter fand sich eine Reihe von Ortsangaben: Hyde Park. Camden Market. The Embankment. Mare Street. Drei weitere Einträge unter der Überschrift »Himmelstore« trugen dieselbe Handschrift.

Sam machte nicht gerne von diesen Toren Gebrauch. Als Reisemethode waren die Weltenpfade, die jenseits der Tore lagen, riskant und oft ungenau. Wenn er ein Ziel stattdessen per Intercity erreichen konnte, dann tat er es, ohne auf die Kosten zu achten. Doch es war immer gut zu wissen, wo die Fluchtwege für den Ernstfall lagen.

Als Nächstes griff er zum Telefon.

»Hi, ich bin's, Sam.« Es war nicht sein üblicher Name, wenn er mit dieser Person sprach, doch er wusste, dass der andere ihn erkennen würde. Er wusste auch, wenn er sagen würde: »Hallo, hier ist Luc«, konnten seine Probleme noch schlimmer werden. Es war nicht auszuschließen, dass sein Telefon angezapft wurde, insbesondere, wenn er ein Tatverdächtiger war. Und selbst wenn die Polizei nicht mithört, dann vielleicht andere. Sam war nicht davon überzeugt, dass seine Tarnung gehalten hatte.

»Sam? Wie in …«

»Adam, Gott sei Dank, du bist es!«, rief er aus, bevor der andere weiterreden konnte.

Adam schluckte das, was er hatte sagen wollen, runter, als er seinen eigenen alternativen Namen erkannte. Auch dass Sam so pointiert »Gott sei Dank!« gesagt hatte, wo er doch dergleichen aus Prinzip nicht in den Mund nahm, ließ Adam auf der Hut sein. »Oh. Ja. Hi, Sam …«

Es gab keine richtige Art, eine Nachricht wie diese zu verpacken. Also sagte Sam es ihm geradeheraus.

»Freya? Tot? Wie?«

»Ich kann jetzt nicht reden. Kann ich dich im King's Head treffen, morgen, zur üblichen Zeit? Ich brauche Hilfe.«

Adam hätte ihm gern sein Beileid ausgedrückt oder ihn zumindest gefragt, wie es ihm ginge, aber er wagte es nicht. Wenn Sam Linnfer einen bat, sich mit ihm zu treffen, dann tat man das. Es war eine Sache von Respekt und Rang. Und wenn er sagte: »Ich brauche Hilfe«, dann musste es schon sehr schlimm stehen.

Und die Frage, die beide beschäftigte, war: Wer würde Freya etwas antun wollen? Sie hatte keinen Feind auf der Welt - weder auf Erden noch sonstwo. Was für ein Gedanke! Natürlich hatte sie einen Feind - sonst wäre sie jetzt nicht tot.

Sam wusste, als er den Hörer auflegte, dass morgen, nachdem er alle Verfolger abgeschüttelt hatte, Adam alles über Freyas Tod herausgefunden haben würde, was er konnte. Adam hatte Augen überall, so ging das Gerücht. Gerüchte gibt es immer. Und wie stolz würden einige Leute sein, wenn sie herausfänden, dass die fantastischsten davon wahr waren.

Er ging in die Küche und tastete hinter einer großen Blechdose voll altbackener Pfannkuchen herum, die ihm ein Freund aufgedrängt hatte, der sich für einen hervorragenden Koch hielt und den aufzuklären Sam nicht das Herz gehabt hatte. Bei Köchen wie diesem wäre es praktisch, einen Hund zu haben, dachte er. Er zog ein dickes Adressbuch hinter der Dose hervor und blätterte es durch. Einige Adressen waren auf Englisch, doch die meisten waren in einer archaischen Schrift, welche die Gerüchte an der Universität um ein Vielfaches vermehrt hätte. Wenn er in Europa war, behauptete er, es handele sich um eine Form von Hindi; war er in Asien, gab er vor, es wären skandinavische Runen.

Doch von der Sprache abgesehen, war es einfach ein Adressbuch. Als er den Eintrag für Freya Oldstock gefunden hatte, schrieb er ihn sich in die Handfläche. Er wollte nicht mit dem Buch in seinem Besitz erwischt werden - zu viele Leute darin scheuten die Öffentlichkeit.

Danach nahm er sich seine Karte für das Gebiet vor, die an strategischen Punkten in zwei Farben markiert war. Blau für Himmel, rot für Hölle. Er fuhr mit dem Finger um das Dorf Holcombe, in dem Wissen, dass er nicht lange würde suchen müssen. Freya hatte mit Sicherheit nahe an einem Tor gewohnt. Jedem aus seiner Familie lag es im Blut. Man lebte entweder so weit weg von einem Tor wie möglich und war verdammt schnell auf den Beinen, wenn man eines brauchte, oder man lebte nahebei und war allzeit bereit, darin zu verschwinden. Weil offensichtlich jeder auf dieser Welt, selbst die unschuldige Freya, die noch vor kurzem aller Freund gewesen war, Feinde hatte.

Als die Uhr zwölf schlug, legte Sam Linnfer schließlich seinen Kopf auf das Kissen und fiel in einen traumlosen Schlaf. Draußen auf der Straße war das Miauen einer Katze zu hören, in der Ferne das Rauschen einer Hauptstraße und das nasse Vorbeiwischen eines Busses. Als der Bus durch eine Pfütze fuhr, die sich um einen verstopften Gully gebildet hatte, überschüttete ein Wasserschwall eine Gruppe betrunkener Jugendlicher, die aus einem nahe gelegenen Pub kamen, und ersparte ihnen so vielleicht drei Stunden an Ausnüchterung. Der Videoverleih auf der anderen Seite der Straße spielte seine endlosen stummen Lieder und Filme auf dem nie ermüdenden Fernsehschirm im Schaufenster, und New Look saß gequetscht zwischen dem Schuhservice und dem Zeitschriftenkiosk, der selbst zu dieser ungastlichen Stunde noch aufhatte, damit die Familie, der er gehörte, wer-weiß-welche Schulden abtragen konnte. Nur eins von den fünf Kindern sprach Englisch, und der Mann hielt sich einen sehr alten Hund mit gelben Zähnen und von unberechenbarer Bösartigkeit. Vor dem Laden war ein Stand, der seltsam gebogene Pflanzen verkaufte, die wie eine Art religiöses Symbol aussahen und die nur eine bestimmte ethnische Minderheit auf der Welt so kochen konnte, dass der von ihr besonders geschätzte Geschmack nach totem Hund richtig zur Geltung kam.

Ein Rabe flog über die Straße. Dies war ungewöhnlich, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist Camden nicht gerade bekannt für seine Raben; die Mülleimer voller McDonald's-Verpackungen zogen, wenn überhaupt, eher eine unterernährte Brut von Tauben an. Dieser Rabe war gut im Futter, sein Gefieder glänzend schwarz. Er flog entlang einer schnurgeraden Linie, wobei er sich unterhalb der Hausgiebel hielt und der Straße folgte - so, als habe er genaue Anweisungen erhalten und müsse die Straßenschilder sehen, um zu wissen, wo es langging. Einmal schoss er über eine Querstraße hinaus und drehte sich um die eigene Achse, wobei er die Verkehrsregeln in einer Art missachtete, dass es einer Politesse Tränen in die Augen getrieben hätte. Irgendwie schaffte er es, von der Tufnell Park Station zur Camden Road zu gelangen und einem Kanal zu folgen, bis er, ziemlich verirrt wirkend, schließlich auf die Straße stieß, wo Sam wohnte. Dort ging er so scharf in die Kurve, dass er fast gegen eine Straßenlaterne geprallt wäre. Während er die stille Straße entlangflatterte, ging sein Blick hierhin und dorthin, bis er schließlich das Haus erreicht hatte. Dort landete er auf einem Fenstersims und sah sich um.

Dann geschah etwas. Der Rabe selbst war zum planmäßigen Denken nicht fähig, doch hinter jenen starren Knopfaugen lag nichtsdestotrotz ein scharfes Bewusstsein, ein Licht, das die meisten Menschen nicht in einem Gehirn von der Größe einer Walnuss erwarten würden und das hungrig von den Bildern zehrte, die der Rabe mit seinen Augen aufnahm. Als der Rabe jedoch den Fenstersims berührte, schien sich etwas zu verändern. Ein Kribbeln durchlief den Körper des Tieres. Silberne Funken blitzten aus seinen Augen. Der Griff, der seinen kleinen Verstand umfangen hielt, lockerte sich, löste sich, wurde aufgehoben. Dann war der Rabe mit einem Mal wieder nur ein Rabe und schoss in Panik davon, völlig desorientiert und ohne die geringste Erinnerung daran, was soeben geschehen war.

Im Bett drehte sich Sam um und öffnete die Augen. Er war nicht überrascht, dass irgendjemand versucht hatte, ihn auszuspionieren; vielmehr hatte er damit gerechnet, weshalb er auch gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatte. Seine Wirtin, in ihrer geistigen Verwirrung, hatte nie bemerkt, wie er viele Stunden damit verbracht hatte, im ganzen Haus Symbole zu zeichnen, die gelegentlich bei Gewittern Funken sprühten, obwohl sie nicht mit dem Stromnetz verbunden waren. Es war kein gutes Zeichen, sagte er sich, bevor er sich wieder in den Schlaf sinken ließ, dass seine Schutzvorkehrungen aktiviert worden waren, aber er würde sich damit abfinden müssen.

Fürs Erste.

4
Adamarus

Es gibt viele Pubs namens King's Head in London. Doch für Adam kam nur einer in Frage: die gemütliche Kneipe dieses Namens in einer der vielen Querstraßen der Fleet Street. Gewöhnlich war sie voller Journalisten, die das taten, was Journalisten am besten können: reden und Geld ausgeben. An dem verschwiegenen Platz, wo der König seinen Kopf versteckte, versprach eine Tafel, dies sei »An Authentic Pub, Lunch at the Bar«.

Adam hielt sich seit einer Stunde in einer Ecke an einem Glas Bier fest, und die Essenstheke zog seinen Blick inzwischen magisch an. Er war klein und ein wenig untersetzt, mit klammen Händen, einem sommersprossigen Gesicht und rotem Haar. Der Gedanke, Sam zu treffen, machte ihn nervös, und er fand es schwer, still zu sitzen.

Als die Tür endlich von einer schwarzen Gestalt verdunkelt wurde und Sam hereintrat, den Regen von seinem Mantel schüttelte und pfeilgerade auf ihn zukam, erkannte Adam in ihm einen Mann, der in den Krieg zog. Davon zeugten die Reisetasche und die ach-so-bequeme Jacke mit wenigstens drei Taschen, die ein gewöhnliches Auge nicht sehen konnte. Die Ärmel des Anoraks waren ausgebeult, und als Sam ihn auszog, bemerkte Adam, dass sein Pullover auch lose hing.

So sah es also aus. Zum ersten Mal nach Jahren der Ruhe war Sam bereit, zu der Waffe zu greifen, die verborgen in ihrer Scheide in seinem Ärmel steckte. Und ja, auf seinem Rücken hing eine schmale Plastikhülle, kaum länger als ein Beutel mit Golfschlägern. Sam war auf dem Kriegspfad.

All das machte Adam noch nervöser, sodass er, als Sam sich zu ihm setzte und ihn grüßte, am liebsten herausgeplatzt wäre: »Ich war's nicht!« Sam erweckte bei Adam und verwandten Geistern eine Ehrfurcht, die jemand, der die Wahrheit nicht kannte, nie verstehen würde.

»Hast du etwas in Erfahrung bringen können?«

»Ich hab mich gestern Abend umgehört. Habe mit ein paar Leuten in Devon gesprochen.«

»Lass hören!« Sam war nicht an dem Wie interessiert. Im Augenblick ging es ihm nur um das Was und das Warum.

»Es klingt nicht gut.« Adam erzählte ihm, was er an einem Abend hektischen Telefonierens herausgefunden hatte. Eine Nachbarin behauptete, sie habe an dem Nachmittag, bevor Freya tot aufgefunden wurde, einen Mann in ihr Haus gehen sehen. Er sei mehrere Stunden dort geblieben, erklärte die Frau, die angeblich die ganze Zeit im Garten nebenan gearbeitet hatte. Sie gehörte offensichtlich zu der Art von Frauen im Rentenalter, die ihre Nase gern in die Angelegenheiten anderer Leute steckten.

»Sie beschrieb den Mann als dunkelhaarig, groß. Elegant.«

»Dunkles Haar?«

»Sehr dunkel. Und sehr dunkle Augen. Das ist ihr sogar vom Nachbarsgarten aus aufgefallen.«

»Verdammt.« Sam sah Adams Blick und fügte hinzu: »Ich habe ein Alibi, falls irgendjemand meint, ich sei's gewesen. Und ich bin nicht ›elegant‹.«

Adam runzelte die Stirn, wie als Eröffnung für den schlimmen Teil, der jetzt kam: »Ihr Mörder muss sie sehr gut gekannt haben. Und sie muss sich sehr gefreut haben, ihn zu sehen. Das heißt, bevor er sie mit dem Drachenbeindolch erstochen hat. Was ich meine, ist … sie wurde in ihrem Schlafzimmer ermordet.«

»Du meinst, es war einer ihrer Liebhaber?«, fragte Sam.

»Ziemlich sicher. Zumindest wissen wir, dass es nicht einer von ihrer Sippschaft gewesen sein kann, da er nicht blond und blauäugig war.«

Nein, dachte Sam. Dunkles Haar und dunkle Augen, das klingt eher nach einem der jüngeren Riege. Jemandem aus meinem Umfeld. Wen davon kannte sie gut genug, um ihm nicht zu misstrauen? Vielleicht sogar gut genug, ihn zu lieben? Aber Freya hat so viele geliebt. Selbst mich, auf ihre eigene seltsame Art. Verbotene Liebe hat immer einen gewissen Reiz auf sie ausgeübt.

In Gedanken begann Sam Freyas viele Liebhaber in seiner Familie aufzulisten: Erste - außer mir: Seth, Jehova, Thor, Helios. Zweite: Gawain, Jason, Mark. Von denen zwei tot sind. Dritte: Rhys, Alrim, Saul. Zahlreiche andere, die nicht wussten, wen sie liebten. Und danach hört 's bei mir auf. Scheiße, mit dieser Vergangenheit - er erinnerte sich an den Raben - ist es kein Wunder, dass ich unter Beobachtung stehe. Der einzige Erste weit und breit mit schwarzem Haar, schwarzen Augen und einem Ruf als jemand, der mit einer Klinge umzugehen weiß und wenig Skrupel kennt, wenn es ums Überleben geht. Seth und Jehova haben meine Haarfarbe - aber warum sollten sie Freya töten? Ich dagegen - ich bin der ideale Sündenbock. Und selbst wenn ich kein Motiv habe, habe ich genug auf dem Buckel, dass die Leute meinen, sie müssten eins finden.

Aber ich war nicht da. Ich kann es beweisen.

»Die Gruppe der Verdächtigen ist klein, aber schwer zu packen. Wissen wir, wo sich welche von ihnen aufhalten?«

»Rhys, Alrim und Saul werden langsam alt, da sie dritte Generation sind. Einer von ihnen ist siebzig und wird schon grau.« Adam stieß ein missfälliges Lachen aus, als sei graues Haar etwas, was er sich nicht vorstellen könne. »Und der überlebende Zweite, Mark, steht immer noch unter Jehovas Fittichen.«

»Das macht ihn ungefähr so zugänglich, als wollte man eine Dose aus Edelstahl mit einem Faustkeil öffnen.«

»Es gibt noch andere, auf die die Beschreibung zutreffen würde, weißt du. Über die meisten von ihnen ist nicht viel bekannt. Aber von ein paar weiß man, dass sie mit ihr gevögelt haben.«

»Zähl sie mir auf«, sagte Sam abrupt. Als er all jene Namen der Reihe nach aufgelistet hörte, hatte er das Gefühl, ihm müsste schlecht werden. Adams vulgärer Ausdruck klang ihm noch in den Ohren; seine Ungerechtigkeit tat weh. Freya war die Liebe. Freya war das Leben. Niemand konnte überrascht sein, dass sie fast jeden, der ihr nahekam, geliebt hatte. Und der Feigling, der sie getötet hatte, hatte nicht mal den Mumm gehabt, seine eigene Waffe zu gebrauchen statt des Drachenbeins. Freya hatte auch ihm vertraut. Freya hatte nie gelernt, jemandem nicht zu trauen.

»Wann ist das Begräbnis?«

»Morgen Abend. Die Familie vergeudet keine Zeit, sie zurück in den Himmel zu holen. Ihre Mutter ist außer sich.«

Sam stand auf, um zu gehen, doch Adam streckte den Arm aus, um ihn zurückzuhalten. Er berührte Sam nicht wirklich - er war zu eingeschüchtert für eine solche Geste. »Es ist nur für die engste Familie gedacht. Alte Schule. Die Walhalla-Gang.«

Sam blieb stumm, als er sich die Tasche über die Schulter warf. Im Umdrehen sagte er nur: »Du hast mir sehr geholfen, Adamarus.«

Die Zugfahrt nach Devon war lang. An solch einem kurzen Wintertag erwartete Sam nicht, vor Sonnenuntergang anzukommen. Das Abteil war voll: müde aussehende Geschäftsleute mit Jackett und Krawatte, eine lärmende Gruppe von Schülern, eine Mutter und ihre zwei gelangweilten Kinder. Sam widerstand der Versuchung, in die erste Klasse zu wechseln und so dem ständigen Gequengel der Kinder zu entgehen, sondern blickte in die untergehende Sonne und sah, ohne wirklich etwas zu sehen, die englische Landschaft vorüberziehen. Große, regengetränkte Felder zwischen den dünner werdenden Vorstädten. Hier und da ein Bauernhaus aus Ziegeln und Holz, mitunter auch aus Stein, in dem früh Licht brannte. Dann die Ungeheuerlichkeit anderer Städte, riesige Fabriken, die Wolken von chemischem Qualm aus ihren metallenen Schornsteinen ausstießen. Die großen Parkplätze an den Bahnhöfen, mit Safeway- und Tesco-Supermärkten nebenan. Die leeren Nebengleise. Die Kaninchenhöhlen in den Bahndämmen.

Sam sah all dies, doch er registrierte es nicht. Seine Gedanken waren bei Freya und seinen Erinnerungen.

Sie haben sich gut gekannt?

Ich mochte sie, gewiss.

Er hatte sie gekannt, damals, in den alten Zeiten, und so würde er sie immer in Erinnerung behalten. Sie trug einen mit Efeu umrankten Stab, und mit Efeu, das sich um ihre Stirn wand, war auch ihr langes blondes Haar bekränzt. Die liebste und schönste aller Frauen, die an einem Fluss stand und einer vollkommenen Welt ihre Lieder schenkte.

Doch als er sie später wiedertraf, war sie nicht in jener Welt - und er auch nicht. Es war, als der Krieg im Himmel auf seinem Höhepunkt war. Wenn es Krieg im Himmel gab, ob die Streiter nun altbekannten Parteien wie Walhalla und Olymp, Elysium oder Arcadia oder solch neuen und unerwarteten Gruppierungen wie Nirwana oder Shangri-La angehörten, konnte man sicher sein, dass es Rückkoppelungen auf der Erde gab. Manchmal kam es einfach daher, dass der Krieg im Himmel die Ressourcen der Erde anzapfte - Waffen, Soldaten -, um die Verbündeten ihrer Feinde dort wie im Himmel auszumerzen. Häufiger jedoch war es einfach eine Sache der menschlichen Empathie. Das Bewusstsein der Sterblichen war bedauernswert unterentwickelt, doch sie konnten es immer noch spüren, wenn die Wesen des Himmels kämpften - der Tod all jener Engel, Avatare, Walküren und Seraphim hallte auf Erden wider, und auf eine blinde Art wussten die Menschen davon. Und sie kämpften auch. Es war ansteckend. Und was ihnen an himmlischer Magie fehlte, machten sie dabei durch schieren Einfallsreichtum an Zerstörungskraft wett.

Eine Sirene heulte. Die Straßen waren leer bis auf ein paar Ratten, die durch die zerstörten Häuser strichen. Der Himmel war voller Rauch, und er konnte das Brummen von Flugzeugen und die fernen dumpfen Einschläge von Bomben hören.

Warum war er hierhergekommen? Die ganze Welt stand ihm offen, was also tat Sam Linnfer, auch bekannt als Sebastian Teufel, mit seinem jungenhaften Lächeln im zerstörten Berlin der Luftangriffe des Jahres 1944?

Er kannte die Antwort bereits. Er war gekommen, weil er sich selbst hatte überzeugen wollen. Er war gekommen, um zu sehen, was ein Land so vielen Millionen Menschen angetan hatte, und um sich zu vergewissern, dass dieser Ort noch menschlich war. Er war gekommen, nachdem er vier Jahre lang in Frankreich für die Franzosen gekämpft hatte und nun sah, wie die Waage sich zur anderen Seite neigte, und er hatte immer auf der Seite der Verlierer gestanden. Er war gekommen, weil tief in seinem Inneren ein Teil von ihm, der immer noch in jener vollkommenen Welt der guten alten Zeiten von damals wandelte, gewusst hatte, dass dies hier nur ein Schatten des Kriegs im Himmel war. Es war seine Aufgabe, diesen Schatten zu erhellen, wie und wo auch immer er es vermochte.

Der Luftangriff war zu Ende, und die Menschen von Berlin begannen aus ihren Bunkern hervorzukriechen. In ähnlichen Szenarios wie diesem hatte er vor nicht allzu langer Zeit geholfen, Verschüttete aus den Ruinen von Dover und London freizugraben oder Verwundete mit einem Funken seiner Magie am Leben zu erhalten. Selbst wenn er nicht schuld war an ihren Leiden, war es doch die Schuld seiner Familie, und daher fühlte er sich irgendwie mitverantwortlich. Diesen Menschen zu helfen, sah er als seine Pflicht an. Diese Einstellung war ihm weder angeboren noch anerzogen worden. Doch wie verschiedene andere menschliche Werte half ihm dieses Ideal, Handlungen nachträglich zu rechtfertigen, die allein aus einer plötzlichen Eingebung zustande gekommen waren.

Er traf auf einen Zug von Feuerwehrleuten, die ein brennendes Gebäude zu löschen versuchten. Sie bemühten sich, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, bevor es auf die wenigen intakten Häuser in der Nachbarschaft übergriff. Sam blieb auf der anderen Seite der Straße stehen und starrte auf das Feuer. Unter seinem Blick schienen die Flammen zu schrumpfen. Schließlich waren nur noch ein paar glimmende Kohlen übrig, deren Glut erlosch, als er die Fäuste ballte. Der ganze Prozess hatte ihn zehn Minuten Konzentration gekostet.

Zehn Minuten, in denen er dastand wie auf dem Präsentierteller.

»Papiere!«

Ein Braunhemd-Offizier, in Uniform, deren blankgeputzte Knöpfe einen absurden Kontrast zu den zerbombten Häusern im Hintergrund bildeten. Herrisch streckte er die Hand aus. Sam wühlte in seinen Taschen und zog seine Ausweispapiere hervor. Der Mann blätterte sie durch, als suchte er nach einem Grund für einen Streit. Ein einziger Schwachpunkt in Sams Dokumenten, ein falscher Blick, und Sam könnte sich gezwungen sehen, mythologisch zu werden. Was sehr peinlich wäre.

Doch die Papiere, wie Sam wohl wusste, waren einwandfrei. Dafür war sein Blick schäbiger Unterwürfigkeit ziemlich aus der Übung, und so musterte er den Braunhemdmann mit unverfrorener Neugierde.

Wie nicht anders zu erwarten, machte das den Mann zornig.

»Was stehen Sie hier so herum?«

»Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll.«

Eine andere Stimme. »Er kann mit mir kommen.«

Die Sprecherin war blond, hoch gewachsen und trug einen langen Mantel, dem der ganze Dreck ringsum nichts hatte anhaben können. Doch dies war es nicht, was Sam aufmerken ließ. Er hatte vor langer Zeit gelernt, dass die äußere Erscheinung nur für irdische Dinge von Belang war. Was zählte, war der Glanz, den er im Inneren wahrnehmen konnte. Und hier stand er einer Ersten gegenüber, in derselben Straße, in derselben Stadt. Er wollte es kaum glauben.

Wenn Freya ihren Charme voll einsetzte, konnte keiner ihr so schnell widerstehen. Innerhalb einer Minute hatte sie den widerstandslosen Sam am Arm gepackt und zog ihn die Straße hinunter. »Wo ist das nächste Tor?«, fragte sie leise.

»Letzte Nacht ist eine Bombe daraufgefallen.«

»Wir sind in Gefahr - nicht durch Menschen. Es gibt hier Leute, die einen anderen Krieg führen.«

Sam spürte, wie sich sein Magen umdrehte. »Wer? Und wie viele sind es?«

»Fünf Feuertänzer. Sie sind mir auf den Fersen. Jetzt, da Walhalla gefallen ist, war dies der einzige Ort, der mir einfiel, wo Feuertänzer eine größere Chance zu sterben haben als ich … Was machst du hier?«

»Ich bin überall in dieser Schattenwelt. Ist das nicht die Geschichte? Diese Feuertänzer - hat jemand auch welche nach mir ausgeschickt?«

»Du bist die Mühe nicht wert. Der Kampf geht um den Himmel, nicht um die Erde.«

Irgendwo fiel klappernd ein Dachziegel zu Boden. Der Laut, der hier gewöhnlich genug war, ließ Sams Kopf dennoch hochzucken. Auch Freya blickte sich um. Ein Schatten verschwand über einer Dachkante, und plötzlich fühlten sie sich sehr allein. Sie waren nun ein Stück weit entfernt vom Heulen der Feuerwehrsirenen und den Stimmen von Menschen, die aus ihren Kellern kamen, um zu entdecken, dass alles, was sie ihr Eigen genannt hatten, zerstört war. In der Nähe lag eine zertrümmerte Eisenbahnstation. Die Wagen standen noch auf den Bahnsteigen, ihre Fenster waren ohne Glas. Ein Absperrseil, welches das skelettierte Gebäude umspannte, trug ein Schild: »Betreten verboten! Bombengefahr!«

»Sie sind im Bahnhof«, flüsterte Sam.

»Sie wissen nicht, dass du hier bist. Sie sind jetzt auf deinem Territorium.«

Er lächelte trocken. »Du möchtest, dass ich für dich den edlen Ritter spiele?«

Sie hob die Hand an den Kopf und zog etwas aus dem Haar, das zu einem Knoten gesteckt war. Der Haarknoten löste sich nicht, da er auf andere Weise zusammengehalten wurde, aber als Sam auf das schmale, lange Ding schaute, kam ihm ein Wort in den Sinn: Nadel. Die Spitze glänzte und sah sehr scharf aus. Das Ding war aus einem dunklen, dunklen Metall gemacht, und er hatte das Gefühl, es könnte vergiftet sein.

»Willst du?«, fragte Freya leise.

Er schnipste mit der rechten Hand, und ein schlanker silberner Dolch blitzte darin auf. Eine zweite Handbewegung, und er war wieder verschwunden. »Warum sollte ich dir helfen?«, fragte er, den Blick unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet.

»Weil ich nicht zu denen gehöre, die dich ausgestoßen haben. Weil du weißt, dass die Feuertänzer nur von den Bösen unter uns eingesetzt werden. Weil es feige ist, Feuertänzer gegen eine Erste zu schicken. Weil seit viel zu langer Zeit keiner aus der Familie mit dir geredet hat.«

Sam überlegte. Natürlich mochte es sein, dass sie ihn mit ihrer einzigartigen Macht auf subtile Weise zu beeinflussen suchte. Doch es war selten, einer solchen Aufrichtigkeit zu begegnen, insbesondere bei jemandem aus seiner großen Familie. Zu lange hatte niemand von den Seinen auf eine so vernünftige, freundliche Art mit ihm gesprochen. Er sagte: »Also gut. Gib mir fünf Minuten, um in den Bahnhof zu gelangen.«

Sie nickte, atemlos vor Erwartung. Obgleich ihr Gesicht Kampfbereitschaft zeigte und sie ihre Waffe fest im Griff hatte, waren ihre Augen angewidert von dem, was bevorstand. Sam hingegen bewegte sich bereits mit katzenhafter Entschlossenheit. Er hatte keine Skrupel, Feuertänzer zu töten.

Der Zug fuhr über einen Fluss. Sam schloss die Augen, als die Hügel des Jetzt in einem Auflodern von Sonnenlicht vergingen. Der Himmel war rosa, mit leuchtenden Schatten, die sich auf der Unterseite der Wolken spiegelten.

Damals, in jenem ausgebombten Bahnhof, hatte es für ihn keine Notwendigkeit gegeben, Freya zu helfen. Doch was sie so besonders machte, war die Tatsache, dass es ihr gleich gewesen war, was die anderen gesagt hatten. Sie hatte ihn so genommen, wie er war. Er hatte es als Ehre empfunden, sein Leben für sie aufs Spiel zu setzen. Das war Freyas Magie, ihre stärkste Waffe. Und es war ihr selbst nie zu Bewusstsein gekommen, wie hemmungslos sie diesen Zauber einsetzte.

Der Bahnhof war verlassen gewesen. Glassplitter übersäten den Bahnsteig, und die Feuerwehr hatte nicht einmal mit dem Aufräumen angefangen. Verdrehte Metallstreben hingen auf allen Seiten wie geschwärzte und verbrannte Lianen in einem chaotischen Dschungel. Keine Seele regte sich.

Mit einer Mischung aus Glück und Können hatte Sam den Aufstieg zu den Resten einer Signalbrücke geschafft, von wo man auf die Gleise hinunterschauen konnte. Er schwang sich durch ein zerbrochenes Fenster und landete mit einem gedämpften Aufprall auf der metallenen Plattform darunter. Sie knirschte unheilvoll, und irgendwo hörte man den dumpfen Schlag fallender Ziegel. Aber sie hielt.

Er schob sich seitwärts weiter, den Dolch in der Hand, spähte hinunter in die Bahnhofshalle und suchte nach seinen Gegnern. Er presste den Rücken gegen die nächstgelegene Wand und versuchte mit schierer Willenskraft, etwas von ihnen zu hören. Unten, auf einem mit herabgefallenen Ziegeln übersäten Boden, lag ein Blindgänger in einem Krater und zählte die Sekunden bis zur Ewigkeit.

Sam hörte es. Das leise Aufsetzen eines Stiefels auf der Plattform der Signalbrücke. Dann spürte er es, das leichte Wippen des Metalls, als der Fuß angehoben, aufgesetzt, wieder angehoben wurde. Näher. Fünf Meter entfernt. Dann drei. Zwei. In den Schatten hatte jemand - oder etwas - innegehalten, kaum einen Meter neben ihm, und atmete schwer.

Eine Bewegung über ihm. Zu spät schalt sich Sam einen Narren - Feuertänzer griffen immer zu zweit an. Eine schlanke Gestalt, in das Rot des Henkers gekleidet, schwang sich von den zerfetzten Dachsparren über ihm herab und traf; ihre roten Füße prallten hart gegen Sams Brust und schleuderten ihn zurück. Im selben Augenblick wirbelte ihr Genosse um die Ecke. Flammen loderten um seine Hände. Das Feuer sprang auf Sam über, um ihn zu versengen. Als der zweite Feuertänzer auf der Plattform landete, die unter dem Gewicht knirschte, kam Sam taumelnd auf die Füße. Er schüttelte sich wie ein Hund, um die Flammen loszuwerden. Das Feuer spritzte in Tropfen nach allen Seiten, und Sam erhob sich unversehrt. Beide Feuertänzer schlugen zugleich zu, jeder mit einem Dolch aus weißem Gebein. Aber Sam war bereit. Als er sah, wie der Drachenbeintod auf seine Kehle zufuhr, hob er die Arme. Beide Dolche explodierten in der Hand ihrer Besitzer und verwandelten sich in Staub.

Die Feuertänzer hielt das nicht auf. Aus dem Stand sprang einer einen Meter hoch in die Luft, packte einen überhängenden Balken und schwang seine Beine, um Sams ungeschütztes Gesicht zu treffen. Im letzten Augenblick duckte und drehte Sam sich unter ihm weg. Ohne einen Gedanken an den zweiten Feuertänzer in seinem Rücken zu verschwenden, warf er sich gegen das Geschöpf und rammte es gegen das Geländer der Brücke. Wieder knirschte die metallene Plattform. Dann bebte sie. Aber inzwischen kannten die beiden Feuertänzer das Spiel. Während der eine Sam packte und versuchte, seine Arme und Beine festzuhalten, versetzte ihm der andere einen Schlag ins Gesicht, dann einen zweiten. Sam wankte.

Funken blitzten in Sams Augen. Dann spürte er Betonstaub unter seinen Fingern zerbröseln, und aus dem Augenwinkel sah er, wie sich Metallbolzen in ihrer Verankerung lockerten, die aus Ziegelmauerwerk bestand, welches von wenig mehr als Trägheit gehalten wurde. Für einen Augenblick ließ er die Angreifer unbeachtet und konzentrierte sich auf das Mauerwerk hinter ihm. Ein Teil der Mauer wölbte sich explosionsartig nach außen, dann prasselten die Steine eine Dachschräge hinunter und landeten mit dumpfem Aufprall unten auf der Straße.

Es genügte. Der Bolzen löste sich, und die Plattform kippte plötzlich auf eine Seite. Ein paar zeitlupenhafte Sekunden lang hielt sie inne, dann sackte sie ein kleines Stück ab, drehte sich schließlich und krachte auf den Boden der Bahnhofshalle unter ihnen. Es war ein Sturz, den kein Feuertänzer überleben konnte.

Und auch kein Mensch.

Sam kam in einem fremden Bett zu sich. Er fühlte sich grün und blau geschlagen, und der rechte Arm und das rechte Bein prickelten als Folge der Regenerierung. Sein ganzer Körper tat ihm weh. Er versuchte, sich aufzusetzen, und bereute es im selben Augenblick.

Das Nächste, was ihm auffiel, war die Hitze. Und die Fliegen - etwas, was kaum mit dem herbstlichen Berlin in Einklang zu bringen war.

»Schön, dass du wieder da bist«, sagte eine helle Stimme. »Das waren eine Menge Brüche, die du da ausheilen musstest.«

»Ich bin aus der Übung mit Feuertänzern«, meinte er und fühlte sich dabei doppelt so alt, wie er war. Und das war, mit Verlaub, verdammt alt.

Freya war auch nicht unbeschadet davongekommen. An ihren bloßen Armen waren Striemen von Verbrennungen, wo die Feuertänzer sie erwischt hatten, und eine Seite ihres Gesichts war hellrosa.

»Wo sind wir?«

»Spanien. Ich bin gewandelt.«

Er fiel fast aus dem Bett vor Überraschung. »Du hast den Weg über den Himmel genommen?«

»Keine Sorge, niemand hat dich gesehen.«

»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!«

»Ich war es dir schuldig. Du hast ihren Anführer getötet.« Freya schien niemals etwas übel zu nehmen. Alles in ihren Augen war entweder licht oder dunkel. Für sie, eine Tochter von Zeit und Liebe, verdiente selbst das schwärzeste Schwarz eine zweite Chance.

Das war zu der Zeit gewesen, als der Krieg im Himmel seinen Höhepunkt erreicht hatte. Schließlich hatten die Königinnen eingegriffen. Die offiziellen Gemahlinnen von Vater Zeit - Liebe, Krieg, Weisheit, Nacht, Tag, Chaos, Ordnung, Glaube - hatten ihre zerstrittenen Kinder bei der Hand genommen und Verträge aufgesetzt, um die neuen Grenzen zu schützen. Eine kurze Zeit hatte es Frieden im Himmel gegeben.

Frieden, der durch den Tod Freyas gebrochen worden ist. Erst jetzt wurde Sam das volle Ausmaß dessen bewusst. Es würde Fehden im Himmel geben, von denen einige auf die Erde durchschlagen würden, wie es immer geschah. Doch was waren die Gefahren heutzutage, in dieser Zeit nuklearer und bakterieller Kriegsführung?

Je länger er darüber nachdachte, umso lebenswichtiger erschien es ihm, in Erfahrung zu bringen, was Freya ihm hatte sagen wollen.

Es war spät, als Sam in Holcombe ankam. Das Dorf trug seine Abgeschiedenheit wie einen schützenden Mantel gegen eine feindliche Welt. Die Hecken in den Vorgärten waren akkurat beschnitten, und manche der weißgekalkten Häuser hatten sogar noch ein Rieddach aufzuweisen. Die wenigen Läden auf der Hauptstraße waren in makellosem Zustand, damit die Leute nicht aufgaben und stattdessen zu Saintbury's oder Boots in die nahe gelegene Kreisstadt gingen. Holcombe war ein Dorf für alte Leute - unmodern, still und ganz bewusst zurückgezogen. Jedes Cottage hatte einen Namen, und als der Bus sich vor dem Postamt leerte, wünschte der Fahrer mindestens der Hälfte seiner Fahrgäste eine gute Nacht, Mrs Walsham, auf Wiedersehen, Mrs Leigh. Sam hatte das Gefühl, dass auch die Höflichkeit des Dorfes ein Akt des Widerstands gegen die Welt da draußen war.

Zu dem Zeitpunkt, als er Holcombes einzige Pension erreicht hatte, wo er sich für seine späte Ankunft entschuldigte, hatte seine Stimme bereits den örtlichen Akzent angenommen. Auf die Frage nach seinem Namen entschied er sich gegen Sam oder Luc, aus der Befürchtung heraus, dass einer dieser Namen Aufmerksamkeit erregen könnte.

»Simon Luther.«

Er zahlte für die Nacht in bar, und man führte ihn hinauf zu einem Schlafzimmer mit einer schrägen Decke und einem einzigen kleinen Fenster. Es blickte hinaus auf einen kleinen Spielplatz mit einer Blockhütte am Ende und die Hügel und Wälder jenseits davon, die sich für alle Augen außer seinen in der Dunkelheit verloren. Kein Wunder, dass Freya diesen Ort geliebt hatte. Selbst aus der Ferne konnte er die Anziehungskraft eines Himmelstors spüren.

Sein Zimmer sah so aus, wie man es in so ziemlich jeder englischen Privatpension fand. In der Ecke ein Waschbecken, ein großes Bett mit Nylonüberzug, Wolldecken und einer schweren, gerüschten Tagesdecke. Eine Blumentapete, angebracht von Leuten, die nicht an das dachten, was ihnen gefiel, sondern - wider besseres Wissen - was anderen Leuten gefallen müsste. Ein fadenscheiniger Teppich wies verschiedene Flecken auf, von Kaffee und Tee bis hin zu verblassten Substanzen, die Sam nicht näher erforschen wollte. An der Tür mit ihrem stabilen Schloss waren ein Nichtraucherschild und ein Hinweis für das Verhalten im Brandfall angebracht.

Sam machte sich nicht die Mühe, seine Sachen auszupacken, aber wühlte in seiner Reisetasche, bis er ein sehr kleines Radio fand, das er auf einen beliebigen Sender einstellte. Eine besorgte Stimme informierte die Welt, dass sich mehr internationale Streitkräfte in Zentralasien zusammenzogen und dass die Israelis wieder gegen einen ihrer zahlreichen Feinde ›Vergeltung‹ geübt hätten.

Zum Klang dieses Stroms schlechter Nachrichten schritt Sam den Raum ab. An der Tür legte er seine Hände auf das Holz und blieb fünf Minuten lang bewegungslos und mit geschlossenen Augen so stehen. Dieselbe Prozedur wiederholte er mit dem Fenster. Schließlich wandte er sich um und trat in die Mitte des Raums. Dort stand er ein paar Sekunden lang mit erhobenen Handflächen.

Wenn irgendjemand ihn beobachtet hätte, hätte er vielleicht bemerkt, wie sich an jedem Punkt ein leichtes Glimmen um seine Finger bildete, ein Hauch von Silber, der so schnell verblasste, wie er entstanden war.

Als er sich an jenem Abend schlafen legte, fragte er sich, was die Polizei wohl von seiner plötzlichen Abwesenheit halten mochte. Und wer den Raben geschickt hatte.

5
Freya

Die Adresse, die er hatte, lautete Thomas Strepton Road Nr. 9. Sam hatte keine Ahnung, was Thomas Strepton getan hatte, damit eine Straße nach ihm benannt worden war. Tatsächlich war es mehr ein Hohlweg zwischen mechanisch beschnittenen Hecken, wo das Dorf ins offene Land überging.

Freyas Haus sah genauso aus, wie er es erwartet hatte. Es hatte ein dickes Rieddach und einen Garten mit Nistkästen und einer Vogeltränke. Efeu rankte sich die rötlichen Steinmauern hoch. Sam war nicht überrascht, alle Fenster offen zu sehen. Manchmal half das, nicht nur den Staub, sondern auch die Erinnerungen fortzuwehen. Was ihn weit mehr überraschte, war, dass es nicht die geringsten Anzeichen polizeilicher Aktivitäten gab.

Es dauerte lange, bevor jemand an die Tür kam. Das Mädchen, das sie schließlich öffnete, hatte Freyas blondes Haar und blaue Augen. Aber es war anders als sie, wie Sam spürte, da es nichts von der Macht einer Ersten besaß.

»Ja?« Die Stimme war leise.

»Mein Name ist Luc Satise.« In dem Versuch, ihre Verwandtschaft zu Freya zu erraten, fügte er hinzu: »Hat Ihre … Mutter von mir erzählt?«

»Großmutter«, berichtigte sie ihn. »Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Ah.« Enttäuschung machte sich breit. »Trotzdem vielen Dank. Es tut mir sehr leid, von Ihrem Verlust zu hören, und wenn ich etwas für Sie tun kann …«

»Es sei denn«, fiel sie ihm ins Wort, »Sie sind jener Luc Satise, der in Paris gegen die Feuertänzer gekämpft hat.«

Er lächelte, da er die Falle erkannt hatte. »Berlin, nicht Paris.«

Sie trat beiseite. »Kommen Sie herein.«

Auch das Innere des Hauses war so, wie Sam es sich vorgestellt hatte. Poliertes Holz, Topfpflanzen, Licht und Raum. Gemütlich, altmodisch, aber in der Art, wie alles beschaffen war, ein wenig an die Hallen Walhallas erinnernd. Er wurde in die Küche geführt und nahm dankbar eine Tasse Tee entgegen.

Fran, als ein Kind Freyas in zweiter Generation, stammte von einem sterblichen Großvater ab, den, wie sie sagte, Freya sehr geliebt hatte. Sie hatten mehrere Kinder gehabt, die sich über die ganze Welt verstreut hatten und vermutlich lange nach Fran selbst sterben würden. Eines von diesen, ein Sohn, hatte eine andere Sterbliche geheiratet, und sie war ihr einziges Kind gewesen. Beide waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und Fran war in die Obhut ihrer unsterblichen Großmutter gelangt. In der Folge hatte Freya sie das Wenige gelehrt, was Fran nun von Magie, Himmel und Hölle wusste.

Sie hatte nie jemand anderen von den Ersten, den Kindern von Vater Zeit in erster Generation, gesehen, und als sie Sam beobachtete, war die Anspannung in ihrem Blick und ihrer Haltung zu spüren. Anders als ihre Großmutter betrachtete sie ihn mit Voreingenommenheit - und er wusste es. Er sah das Misstrauen in ihrem Gesicht und bemerkte mit einer Mischung aus Belustigung und Ärger, dass sie stets eine offene Schublade mit Messern in Reichweite behielt.

Sie habe keine Ahnung, wer Freya getötet hatte, sagte sie, und wolle es auch nicht wissen. Ihre Einstellung war, da im Himmel Krieg herrschte, war das Beste, was sie tun konnte, sich herauszuhalten. Als eine Dritte, mit überwiegend sterblichem Blut, wäre sie eine leichte Zielscheibe - insbesondere jetzt, da sie niemanden hatte, um sie zu schützen. Als Sam diese Worte hörte, runzelte er die Stirn, weil eine Bitterkeit darin lag, die von mehr als nur Trauer herzurühren schien. Werd endlich erwachsen, Sam, seufzte eine Stimme in seinem Innern. Sie hat nicht Tausende von Jahren auf diesem Planeten Zeit gehabt, sich an den Gedanken des Todes zu gewöhnen. Sie lässt sich von Gefühlen leiten.

Es müsse jemand gewesen sein, erklärte er, dem Freya nahegestanden hatte. »Können Sie sich denken, wer es war?«

»Freya hat allen nahegestanden«, sagte sie, wiederum mit Bitterkeit. »Allen und jedem.«

Sam konnte nicht umhin, sich vorzustellen, was viele über Fran sagen dürften. »Das kleine Wiesel: verwöhnt als Kind, gezwungen, erwachsen zu werden, dabei verbittert geworden.« Sam selbst sah die Sache milder. Es konnte nicht angenehm für Fran gewesen sein, langsamer zu altern als alle ihre Freunde, aber schnell genug, um älter auszusehen als die eigene Großmutter. Oder zu wissen, dass die Familie, in die sie hineingeboren wurde, in einen endlosen Krieg verwickelt war, aber sie selbst wehrlos sein würde, wenn jemand versuchen sollte, sie umzubringen. Von da war es nur ein kleiner Schritt zu der Frage, wie ihre Eltern gestorben waren - gewiss wäre mehr als ein Autounfall vonnöten gewesen, um ihren Vater zu töten. Es hätte jener Art von vorsätzlicher Gewalt bedurft, die Freya vernichtet hatte. Gedanken wie diese hatten Schatten unter ihre Augen gelegt und ließen ihr Gesicht, das ansonsten dem einer jungen Frau in den Zwanzigern glich, alt aussehen. Ihr Lächeln war zu einem leeren Ausdruck gefroren, hinter dem ständige Berechnungen abliefen. Natürlich fragst du dich, ob du als Nächste an der Reihe bist.

Mit der abgehackten, schrillen Stimme der Nervosität sagte sie: »Freya hat gut von Ihnen gesprochen. Sie sagte, Sie seien der einzige Erste, der nicht verdorben worden sei.«

»Verdorben von was?«

»Von Macht. Von der Verlockung des Himmels und der Aussicht, ihn auf ewig zu regieren.«

Sam sagte nichts. Er wusste, was ungesagt blieb. Ein Grund, weshalb ich nicht verdorben bin, ist die Tatsache, dass ich nie die Gelegenheit hatte, meine Seele zu verkaufen. Welche Ironie! Der Einzige, der seine Seele rein bewahrt hat, und doch angeblich der größte Seelenverderber von allen.

»Weißt du, warum sie mit mir reden wollte?«

»Sie hat mir gesagt, sie habe etwas Wichtiges entdeckt, aber dass sie auch Hilfe nötig habe. Sie sagte, es betreffe Erde, Hölle und Himmel zugleich, und aus dem Grund sollten Sie einbezogen werden.« Ein Schatten von Unmut schien über ihr Gesicht zu wandern. »Sie wollte mir aber nicht sagen, was es war.«

»Könnte sonst jemand wissen, was diese dringliche Entdeckung war?«

»Nicht dass ich wüsste. Sie war kaum je hier.«

»Das wird jetzt furchtbar klingen«, wagte er einen Vorstoß, »aber könnte ich einen Blick auf ihre Sachen werfen?«

Fran sah aus, als wollte sie nein sagen, aber besann sich eines Besseren. »Sie sagte, ich könne Ihnen trauen.« Sie stieß ein raues Lachen aus. »›Trau der Dunkelheit in Person, er ist kein übler Kerl.‹«

In Freyas Schlafzimmer hatte man ihre persönliche Habe schon in Kartons verstaut. Sam war bestürzt, wie schnell das alles vonstattenging. Auf dem Teppich war immer noch ein Fleck an der Stelle, wo sie verblutet war, wenngleich die Familie sich große Mühe gegeben hatte, alle Spuren zu beseitigen, um der Polizei keine Hinweise zu bieten. Der Tatort war auf Fingerabdrücke untersucht und von der Spurensicherung durchkämmt worden, doch Sam wusste, dass sie nichts finden würden.

Er setzte sich mitten im Zimmer auf den Boden und begann die Kartons zu durchwühlen. Mit jedem weiteren fühlte er sich mehr wie ein Eindringling. Bücher, Kleider, Kassetten, Schreibpapier. Nichts wie Make-up oder dergleichen; so etwas hatte Freya nicht nötig gehabt. Alte Bündel von Briefen, die bereits durch die Hände der Polizei gegangen waren. Ihr Tagebuch.

Die Aufzeichnungen gingen bis ein paar Tage vor ihrem Tod. Er blätterte die Seiten durch. Am zehnten Januar hatte sie ein Treffen mit jemandem namens Gail gehabt. Der Name kam öfter vor; die letzte Begegnung lag vier Tage vor dem Datum, an dem das Tagebuch abrupt endete. Es gab auch mehrere Treffen mit jemandem, der nur als »Historiker« bezeichnet wurde.

Als Sam zum Ende des Tagebuchs blätterte, fiel ein Schwall von Papieren heraus. Die Karte eines örtlichen indischen Restaurants, das ein Stück vom Himmel verhieß. Quittungen für einen Shetlandpullover und einen Anorak, datiert Ende Januar. Warum hat sie sich Winterkleidung gekauft, als der Winter schon zu Ende ging? Eine Einladung zu einer Taufe, die nun ohne sie stattfinden würde. Eine Postkarte, datiert vom 14. Februar, mit dem Bild eines buddhistischen Tempels zwischen hohen Bergen. Auf der Rückseite stand etwas auf Kantonesisch geschrieben. Sam entzifferte die Botschaft ohne Mühe: »Freya - wir haben eine wunderschöne Zeit hier, das Essen ist ausgezeichnet. Haben gestern eine aufregende Entdeckung gemacht. Du fehlst uns hier.« Keine Unterschrift. Sam drehte die Karte ein paar Mal hin und her, prüfte das Bild und dann die Marke auf der Rückseite. Sie war in Tibet abgestempelt.

Daraus ließen sich zwei Schlüsse ziehen. Erstens, die Karte war nicht einfach ein Urlaubsgruß von einem guten Freund, sondern enthielt eine wichtige Mitteilung. Zweitens, Freya war darauf vorbereitet gewesen, auf das »Du fehlst uns hier« kurzfristig zu reagieren; darum hatte sie auch die warme Kleidung gekauft.

Die Erkenntnis folgte auf dem Fuße, dass er, um herauszufinden, was so wichtig war, nach Tibet würde gehen müssen - und zwar bald, wenn er den Absender noch antreffen wollte. Damit war der nächste Schritt bereits vorgezeichnet: Er würde in der nächsten größeren Stadt schneefeste Kleidung kaufen und dabei in Gedanken Sätze in allen tibetischen Dialekten üben, an die er sich erinnern konnte.

»Wer ist Gail?«, fragte er, bevor er ging.

»Ich weiß es nicht. Sie hat mir nie irgendetwas erzählt.« Sie sprach die Worte wie auswendig gelernt.

»Oder der ›Historiker‹?«

»Keine Ahnung.«

Er hatte das Gefühl, dass sie log.

Er spürte Frans Blick in seinem Rücken, als er über die Schwelle trat. »Pass auf dich auf!«

»Bin ich in Gefahr?«

»Man ist immer in Gefahr. Wenn man vernünftig ist, ist die Gefahr kleiner.«

Ihr Blick war fest und ihre Stimme ruhig, als sie ihm antwortet: »Ich bin nur eine Tochter von Vater Zeit in dritter Generation«, sagte sie schlicht. »Gefangen zwischen den Welten. Selbst wenn ich von einem Lastwagen überfahren würde, würde ich überleben. Also gibt es keinen Grund, vernünftig zu sein, was das betrifft, oder?«

Sam sagte nichts.

»Andererseits«, fuhr sie fort, den Blick immer noch auf ihn gerichtet, »wenn ich auf die andere Seite trete, wenn ich vergesse, wie wenig auf diesem Planeten mir etwas anhaben kann, und mich der Welt zuwende, von der ich den Rest meines Blutes geerbt habe, was dann? Dann bin ich ein Schwächling, ein armseliges Halbblut. Eine Zielscheibe des Spotts und der Verachtung. Wenn Gefahr von dieser anderen Welt droht, bin ich machtlos dagegen.« Sie lächelte matt.

»Darum macht es für mich keinen Sinn, vernünftig zu sein. Nichts hier kann mir ein Leid tun, und wenn das Leid von dort kommt, kann nichts, was ich tue, etwas dagegen ausrichten. Es liegt im Blut, nicht wahr? Dem Blut, das sie mir gab … Also, dann!«

Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu, und er stand allein auf der Schwelle.

Die nahe gelegene Kreisstadt war alles, was Holcombe sich bemüht hatte nicht zu sein. Läden großer Handelsketten beherrschten die Hauptstraßen, und dazwischen machten sich Parkplätze breit, riesigen Kahlschlägen gleich. Sam kaufte einen Tibet-Reiseführer, der auch das Gebiet umfasste, welches er zu besuchen gedachte, und fand darin sogar ein Bild des buddhistischen Tempels von der Postkarte. Er wechselte auch etwas Geld - nicht viel, denn, wenn er sich recht entsann, zählte in Tibet Geld nicht viel.

Er war sich nicht sicher, was er dort tun sollte, wenn er ankam, aber er war entschlossen, einen Versuch zu machen. Irgendetwas würde sich schon ergeben.

Unglücklicherweise bedeutete Tibet, dass er ein Tor würde benutzen müssen. Sam schulterte seinen Rucksack voller neu erworbener Kleidungsstücke und versuchte, nicht daran zu denken, welche Schwierigkeiten das mit sich bringen würde.

Es war jetzt Spätnachmittag, und er marschierte die Straße entlang, die aus Holcombe herausführte, mit Rucksack und einem schmalen Bündel auf dem Rücken und einem gefütterten Lederbeutel an seinem Gürtel.

Sam folgte seinen Instinkten. Und tatsächlich überholte ihn bald eine Kolonne von schwarzen Limousinen. Fünf Minuten später traf er erneut auf die Autos, aufgereiht in einer Parkbucht. Von dort führte ein Weg in den Wald. Es war kalt und nass, ein typisches Wetter für das West Country im Februar. Sam fröstelte, zog die Jacke enger um die Schultern und stapfte den schmalen Pfad entlang. Seine Füße patschten in andere, tiefere Fußspuren. Kein Lebewesen regte sich.

Nebel war aufgekommen, wie aus Ehrfurcht vor dem dunklen Geheimnis, das Freyas Abschied aus dieser Welt darstellte. Bald waren die Schwaden so dicht, dass Sam kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Er konnte die Magie darin spüren. Die Familie hatte diesen Nebel herbeigerufen, damit keiner sie bei ihrem Tun beobachtete.

Im Gehen streckte Sam seine geistigen Fühler aus, um Verbindung mit den Tieren des Waldes aufzunehmen. Wie immer waren die Eulen und die Dachse die ersten, die darauf ansprachen. Durch ihr Wissen und ihr Gespür wurde er ohne Umwege zu der Lichtung geführt, wo ein Dutzend schweigender Gestalten im Kreis stand.

Vom Rande der Lichtung, verborgen in der Düsternis unter den Bäumen, blickte Sam durch den Nebel, der von zwölf Fackeln bekämpft wurde. Vier dunkle Gestalten ließen einen Sarg zu Boden nieder und traten zurück. Einer der Fackelträger trat an das Kopfende. Er hatte nur ein Auge und ein narbenbedecktes Gesicht: Odin selbst. Als er sprach, war es in einer alten Sprache, die selbst Sam nur mit Mühe schnell genug übersetzen konnte.

»Sie war das schönste Kind von uns allen«, sagte er. »Tochter von Liebe und Zeit. Fürstin von Walhalla. Herrin der Natur und des Lebens.« Es lag kein Pathos in seiner Stimme - es waren schlichte Fakten, die er aussprach. Sie war die Herrin der Natur und des Lebens. Fakt. Sie war die Tochter von Liebe und Zeit. Fakt.

Als er zurücktrat, zogen die Fackelträger ihre Waffen. Einige waren Schwerter, andere Äxte mit einzelnen oder doppelten Klingen. Kalte Feuchtigkeit glitzerte auf dem Metall, alle Gesichter waren versteinert. Sam erkannte Thor, den alten Hammer, warf einen flüchtigen Blick auf den blinden Hektor, auf Signi und all die anderen - Gesichter aus seiner Vergangenheit, Erinnerungen, die jetzt mit Macht zurückkehrten.

Alle trugen Kronen oder Helme. Thor hatte einen Helm, der den Großteil seines Gesichts bedeckte, was ihm das Aussehen eines Henkers in Rüstung gab. Hektor trug eine dunkle Krone mit einen Relief von schwarzen, verdorrten Blättern. Odin, das einäugige Oberhaupt von Walhalla, war mit eisernen Dornen gekrönt. Ein Schmerzensmann, wenn Sam je einen gesehen hatte. Odin oblag es, die Ehre seines Hauses hochzuhalten, und es schien, als würde er dabei erbärmlich scheitern. Er hatte fast alles versucht, um dessen Größe wiederherzustellen - selbst, so ging das Gerücht, den einen oder anderen Mord -, doch Walhalla musste mehr und mehr den anderen Häusern des Himmels weichen. Die Chance, dass ein Angehöriger Walhallas den Thron des Himmels bestieg, stand jetzt eins zu einer exorbitant hohen Zahl.

Die Kinder von Walhalla begannen zu singen, sehr leise. Es war eine Totenklage. Auch Sams Lippen formten lautlos die Zeilen mit; er kannte jedes Wort davon aus einem Teil seiner Vergangenheit, den er vor langer Zeit vergessen hatte, doch der jetzt in ihm aufstieg und die Welt mit Schatten von Dingen erfüllte, die einst waren. Während er sang, nahm er aus der Gürteltasche den schmalen silbernen Reif, der auch ihn als einen Fürsten des Himmels auswies. Feuchtigkeit schimmerte daran, überzog sein Gesicht und Haar mit Glanz. Er setzte ihn auf aus Ehrerbietung für die Verstorbene, als er seine Trauer mit der von Odin, Thor, Hektor, Fricka und den anderen vereinte. Alte Schule. Schwache Schule. Und dennoch, wegen des Kriegs im Himmel, die Art von Leuten, die Sam auf ein bloßes Wort hin töten würden - einfach nur deshalb, weil er war, wer er war.

Als das Lied endete, trat jeder der Reihe nach vor Freyas Sarg und legte etwas hinein, sei es ein Zauber oder eine letzte Gabe. Danach hoben vier von ihnen den Sarg auf und wandten sich mit dem Gesicht nach Norden. Odin und Thor, die einander gegenüberstanden, hoben die Hände und öffneten sie. Wo ihre Finger die Luft durchteilten, folgte weißes Feuer, sich windend wie eine Schlange im Griff des Fängers, und zeichnete den Umriss eines Tores, das von dichtem weißen Nebel erfüllte war. Durch dieses Tor hindurch entschwand der Sarg mit seinen stummen Trägern. Dann folgte der Rest der Trauergemeinde; immer zwei und zwei zogen sie schweigend durch das Tor. Nur Odin und Thor blieben zurück, als das Tor sich schloss.

Thor sprach als Erster: »Wer hat das getan? Und warum? Ich verstehe es nicht!«

»Du wirst es bald verstehen. Ich verspreche es«, sagte Odin ruhig.

»Es gibt keinen Grund für ihren Tod!«

»Aber du weißt, wer dafür zur Rechenschaft zu ziehen ist. Und warum du das Werkzeug unserer Rache sein musst.«

Thor ließ den Kopf hängen, immer noch voller Zorn. »Jahrhunderte lang habe ich dir gedient, wie alle in Walhalla. Andere Tode … am Ende habe ich immer verstanden warum. Aber sie … meine Freya …«

Odin drückte ihm die Schulter in einer Geste, die väterlich wirken sollte. »Es gibt Beweise, das kann ich dir versichern. Ihre Briefe, die Bekanntschaften, die sie pflegte … Und da du ebenso gut wie ich weißt, wer dies getan hat, müssen wir zuschlagen, solange wir können. Du musst zuschlagen.«

»Wo ist er? Wo können wir ihm das Schicksal geben, das er verdient?«

Odin sprach leise, fast sanft: »Wir wissen es nicht. Er ist schlau. Er ist auf der Flucht. Aber es gibt Orte, wo er zu finden ist. Gehenna. Pandämonium. London. Paris. Und früher oder später, wenn wir ihn nicht finden, wird er zu uns kommen. Er wird nicht anders können - es wird ihm unmöglich sein, sich von denen fernzuhalten, die ihr nahestanden. Er hat sie auch geliebt.«

»Alle haben sie geliebt. Meine Freya.«

»Ja - das heißt, alle bis auf einen. Den, der sie getötet hat. Und du machst dir etwas vor, wenn du glaubst, sie sei dein gewesen. Sie gehörte niemandem außer sich selbst; auf diese Weise, so scheint es, hat sie ihr eigenes Schicksal besiegelt … Aber du weißt, was zu tun ist. Finde ihn.«

Zum Abschied legte Odin Thor noch einmal die Hand auf die Schulter, bevor er sich umdrehte und durch das Tor ging. Mit hängenden Schultern sah Thor ihm nach; dann schaute er sich um und musterte die Lichtung, als wäre ihm gerade erst bewusst geworden, wo er war.

Er kniff die Augen zusammen. »Wer ist da? Komm heraus!«

Sam hütete sich, eine Bewegung zu machen. Er sagte nichts, sein Atmen war schrecklich laut. Du könntest kein Rhinozeros finden, du Trampel, geschweige denn mich.

»Bei allem, was ehrenhaft ist, zeige dich!«

Ehre, Thor? Du bist nicht klug genug, um zu wissen, was das heißt. Mut, ja - das ist eine Tugend, die ich dir nicht abstreiten kann. Leider hast du auch eine Neigung, es zu übertreiben, und zu viel Mut ist selten gut.

Frustriert stieß Thor ein zorniges Knurren aus und schritt seinerseits durch das Tor davon.

Sam ließ ihn gehen.

Um das Höllentor wallte kein Nebel. Es lag nur eine kurze Busfahrt von Holcombe entfernt, in einem hügeligen Gelände mit eingezäumten Weideflächen, wo Schafe im Regen an nassem Gras rupften und ihre klatschnasse Wolle wie Gewichte an ihnen hing. Sam, die Jacke hochgeschlossen gegen die Nässe und mit einem schweren Rucksack, trug bereits seine Thermokleidung, als er über die Felder stapfte, und ihm war unangenehm warm. England war selten so kalt, wie seine Kleidung es erfordert hätte.

»Schlamm, Schlamm, Schlamm«, sang er halbherzig, während er vor sich hinplatschte. Gras war alles, was hier wuchs, und auf Meilen im Umkreis gab es kein Zeichen menschlichen Lebens. Der Schlamm gluckste unter seinen Füßen.

Abrupt senkte sich das Land zu einer kleinen Niederung, wo sich in prähistorischer Zeit ein Fluss den Weg zum Meer gebahnt hatte. Auf dem Grund der Senke war ein trockener Wasserlauf, ein paar Fuß breit. Sam stieg in das Flussbett hinab und folgte ihm hinauf, in die Richtung, in der die Quelle gewesen wäre.

Nach etwa zehn Minuten, während der Himmel sich verdunkelte und der Wind kälter wurde, erreichte er ein Gehölz aus Eichen und Weißdornbüschen. Er bahnte sich einen Weg durch ein dichtes Gewirr von Dornenzweigen, das die meisten Besucher abgeschreckt hätte. Innerhalb des Wäldchens war es noch dunkler, doch es gab Schutz vor dem Wind. Sam streckte seine Fühler nach dem Tor aus. Schnell hatte er es aufgespürt, ein Portal aus Schwärze, das wenige Schritte vor ihm in der Luft zu hängen schien. Vorsichtig richtete er seinen Geist auf das Tor und zwang es allein durch Willenskraft, sich für ihn zu öffnen.

Nur die Kinder von Vater Zeit konnten auf den Pfaden zwischen den Welten wandeln, so hatte man ihn gelehrt. Alle anderen verloren den Weg.

Er fragte sich, welches Tor er am anderen Ende des Pfades öffnen sollte. Jedes Tor führte zu einem anderen, doch die Natur der Pfade war dergestalt, dass man im Voraus entscheiden konnte, zu welchem. Es war eine ungenaue Art zu reisen; man kam oft meilenweit von dem Ort entfernt an, zu dem man wollte, und ohne die Mittel, sein Ziel zu erreichen. Wenn man ein Tor zur Hölle wählte, hatte man von dort aus einen unmittelbaren Zugang zu jedem Tor irgendwo auf der Erde. Nichtsdestotrotz hasste Sam das Weltenwandeln.

Als weißes Feuer das Tor umhüllte, fasste Sam einen Entschluss. Er würde nach Gehenna gehen und dort ein paar Dinge deponieren.

Er zwang sich in das Tor hinein. Sogleich war er von einem blassen Nebel umgeben und spürte die plötzliche Kälte. Schatten regten sich und lauerten ringsum. Er biss die Zähne zusammen und ging weiter, setzte mit qualvoller Langsamkeit einen Fuß vor den anderen. Das Atmen fiel ihm schwer; er musste ganz flache Züge machen, und jeder davon schwächte ihn mehr. Es gab nur so viel Luft auf den Pfaden, wie man durch das offene Tor mit sich brachte. Wer zu lange auf dem Pfad blieb, erstickte.

Sam zwang sich, in Bewegung zu bleiben, rief sich mit Gewalt das Bild von Gehenna vor Augen. Das Bild zu verlieren hieß den Weg zu verlieren. Hartnäckig ignorierte er die lauernden Schatten voraus, doch er wusste, dass er die Augen offen halten musste, um das Tor nicht zu verfehlen. Geisterhafte Finger zerrten an seinem Gesicht, seinem Haar. Kaum vernehmliche Stimmen flüsterten, warben um seine Aufmerksamkeit, baten ihn, anzuhalten und ihnen zu helfen. Dies waren die Schatten derer, die auf dem Pfad in die Irre gegangen waren. Jene Sterblichen, die durch Zufall in ein Tor geraten waren und die nicht das Blut und die Widerstandskraft hatten, derer es bedurfte. Und jene Kinder von Vater Zeit, die ihren Weg verloren hatten.

Da war ein Licht, das durch den Nebel leuchtete. Dankbar, dass sich seine Reise dem Ende näherte, taumelte er darauf zu, stolperte vor Hast beinahe über seine eigenen Füße. Das weiße Licht wurde schärfer, bildete einen Durchgang, eine deutliche Form. Er fiel hindurch, keuchend und nach Luft schnappend, während sich in seinen Beinen ein dumpfer Schmerz von den Anstrengungen des Pfades ausbreitete.

Er war in einem Raum ausgekommen, den man am ehesten als Verlies bezeichnen mochte. Gehenna war um ein Tor herum errichtet worden, und die dämonischen Baumeister hatten nicht ganz zu Unrecht argumentiert, wenn jemand durch ein Tor dorthin zu kommen versuchte, sollte er am besten an einer Stelle auftauchen, wo er keinen Schaden anrichten konnte.

So war der Raum, in dem Sam angekommen war, kalt, dunkel und ein wenig feucht, mit glatten Steinwänden und einer schweren hölzernen Tür. Er überlegte, ob er gegen die Tür hämmern sollte, doch entschied, dass es keinen Sinn machte. Schließlich wollte er nicht bleiben. Stattdessen setzte er seinen Rucksack ab, zog eine Wollmütze heraus, wickelte seinen Schal um Mund und Nase und holte mehrmals tief Luft. Auch wenn er für die tibetischen Berge wohl gerüstet war, sah er doch mit Unbehagen auf den Schatten, wo das Tor wartete. Die rationale Überlegung gebot, dass er wieder zu Atem kam, bevor er den Weg zurück wagte; zugleich forderte die irrationale Furcht, dass er zuerst das Für und Wider seiner Handlungen erwog.

Also stand er eine lange Zeit einfach da und überlegte, sammelte seine ganze Kraft, um sich erneut jenen Schatten zu stellen. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und trat hinein; denn er wusste genau, wenn er es jetzt nicht tat, während dieses plötzlichen Aufwallens von Tapferkeit, würde er vielleicht nie mehr den Nerv dazu aufbringen.

Nebel. Schatten. Druck. Nicht genug Luft, brennende Lungen, winselnde, lauernde Schemen. Schatten, die ihn anflehten, sie zu erlösen, die versuchten, ihn von dem geraden Weg abzubringen. Das Ziel verschwamm. Das Bild, das er vorgegeben hatte, war nicht in unmittelbarer Nähe eines Tores, und der Pfad suchte nach dem nächsten Zugangspunkt. Dies machte das Gehen noch schwerer. Sam war mit kaltem Schweiß bedeckt, und seine Hände zitterten, als die Luft noch knapper wurde. Ein Licht voraus, aber oh, wie schwer war es zu atmen, wie leicht würde es sein, das Bild loszulassen, seine Augen zu schließen und …

Die Erkenntnis, dass er dabei war, den Kampf zwischen Weltenwandeln und Überleben zu verlieren, rüttelte ihn zu neuen Anstrengungen auf, und er schritt schneller aus; den Blick auf das Licht geheftet, ließ er sich davon anziehen wie von einem Magneten, zerteilte die Schatten, ungeachtet des Brennens in seinen Lungen und der Einflüsterungen ringsum.

Er stürzte aus dem Tor, mitten hinein in den scharfen Wind, der um die Berge heulte. Der Schneesturm peitschte so heftig, dass er kaum etwas sehen konnte. Er war in eine Wechte gefallen und blieb dort fast zwanzig Minuten lang liegen, um wieder zu Atem zu kommen, während sich um ihn herum bereits eine kleine Schneebank bildete.

Er hatte fast schon vergessen, wie es im Winter im Hochgebirge war - wie bitterkalt und gefährlich der Wind, wie dünn die Luft.

Nun, sich selbst tadelnd wegen seines Mangels an Voraussicht, konnte er sich kaum an das Wenige erinnern, das er zum Überleben brauchte. Sein Ziel war nahe. Alles, was er tun musste, war, es zu finden. Das Wichtigste ist, in Bewegung zu bleiben. Wer sich hinlegt, erfriert. Steh auf und beweg dich, oder du wirst bald merken, was für eine dumme Idee das hier war.

Wie wünschte er sich, er hätte das alles im Voraus planen und das Flugzeug nehmen können!

Die Tibeter wissen, was Mühsal ist; sie ist Teil ihrer Geschichte und war es immer gewesen. In seinen jüngeren Tagen hatte Sam, begierig darauf, die Erde zu erforschen, Tibetisch gelernt. Er hatte sich hundert Jahre Zeit gegeben, um alle möglichen Sprachen der Erde zu lernen, aber jedes Mal, wenn er nach Tibet gekommen war, hatte er einen Blick auf das Wetter, die Berge und das Essen - oder dessen Nichtvorhandensein - geworfen und beschlossen, so schnell wie möglich wieder abzureisen. Das Land selbst schien auf Selbstvernichtung aus zu sein, im Norden wüstentrocken und im Süden Teil des riesigen Himalaja. Erst kamen die Mongolen, dann die Chinesen, dann noch einmal die Chinesen, dann wieder die Chinesen, während die Inder an der südlichen Grenze hockten, um zu sehen, was passierte, und dabei die eine oder andere Atombombe testeten, wie um sicherzugehen, dass sie richtig geölt war. Nach einer gewissen Zeit unter chinesischer Herrschaft war ein Sechstel der tibetischen Bevölkerung gestorben; das kommunistische Regime war gnadenlos in seiner Unterdrückung jeder Unterstützung für den Dalai Lama und all seine anti-chinesischen Bemühungen. Das hatte einen Teil von Sams Familie wirklich sauer gemacht, aber selbst dieser scheute sich, es mit einem Sechstel der Weltbevölkerung aufzunehmen. Die Mehrzahl der Tibeter waren Nomaden, und die wenigen Klöster, die die Angriffe der Roten Armee überlebt hatten, lagen tief in den Bergen, wo der Widerstand noch seine Botschaft des Antikommunismus flüsterte. Wenn auch ohne große Wirkung.

Doch das Kloster, das Sams Ziel darstellte, war nicht nur entlegen, sondern wurde seit langem als Teil des Weltkulturerbes betrachtet, zugänglich zumindest für seinen Taschenreiseführer und die Macher von Postkarten. Selbst die berüchtigten Roten Garden hatten es nicht angerührt. Auch wenn es keinen Beweis dafür gab, hatte Sam den Verdacht, dass hier jemand von seiner Familie interveniert hatte.

Aber dort oben im Winter aufzutauchen, aus dem Nichts …

Was werden sie denken?, fragte sich Sam, als er, den Weg vor ihm mehr erfühlend als sehend, durch den Schnee pflügte. Ein Europäer, der fließend Tibetisch, Kantonesisch und Mandarin spricht und aus einem Schneesturm kommt … Er hatte seine Entschuldigungen schon bereit. Verzeihen Sie, ich bin Bergsteiger, der Sturm hat mich überrascht …

Etwas Dunkles ragte im Schnee vor ihm auf, abgesetzt in Schwarz und Weiß. Sam sah eine riesige Wand, ein Relikt aus alten Zeiten, als Raketen und Schießpulver nur für Feuerwerke dienten. Das Tor war geschlossen, was verständlich war. Die ganze Stadt, ohne Elektrizität oder ausreichende Wasserversorgung, maß wenig mehr als eine halbe Meile im Durchmesser, und in ihrem Herzen erhob sich das Kloster von der Postkarte, die jemand an Freya geschickt hatte. Von hier musste die Karte in einer Eselslast den Berg herabgeschafft, im Tiefland auf einen rappelnden alten Lieferwagen verladen und zweifellos von mindestens fünf Zollbeamten am Flughafen gelesen worden sein, bevor sie auf das Flugzeug verladen worden war, um Freya kurz vor ihrem Tod zu erreichen.

Da Sam keine andere Möglichkeit sah, sich Zutritt zu verschaffen, hämmerte er gegen das Tor. Ein Riegel wurde zurückgeschoben, und ein Paar misstrauischer Augen richtete sich auf den Fremden, der eine nicht allzu dicke Schutzkleidung trug, welche in Devon gekauft worden war. Sam wusste nicht, ob dem Torwächter seine blasse Haut unter dem Schal auffiel, doch er hörte den Fetzen einer Frage auf Tibetisch, die gegen den Sturm geschrien wurde. Er schrie zurück: »Bitte! Lasst mich ein!«

Der Riegel schnappte ein. Sie werden es nicht tun. Fremde sind hier nicht willkommen. Im nächsten Augenblick schämte er sich für den Gedanken. Es sind gute Menschen. Sie werden mich nicht erfrieren lassen.

Ein kleines Tor öffnete sich, und dankbar taumelte er in die relativ geschützte Vorhalle. Zwei Männer in dicker Leder- und Fellkleidung begannen ihn zu befragen, noch während sie ihn nach innen zogen, in die Wärme. Woher er gekommen sei. Was er hier wolle.

»Ich suche jemanden. Es ist wichtig.«

Im Torhaus waren mehr dunkelhäutige Wachen, die überrascht aufblickten. Als Sam seinen Schal löste und neben dem flackernden Feuer mehr oder weniger zusammenbrach, enthüllte das Licht der Flammen seine zweifellos europäischen Gesichtszüge. Sofort wurde die Befragung aggressiver. Europa stand bei den Tibetern aus historischen Gründen nicht in allerbestem Ansehen.

»Wie sind Sie hierhergekommen? Was wollen Sie?«

»Ich suche jemanden«, wiederholte er. Er richtete die volle Kraft seines Blicks auf die am nächsten stehende Wache, die unwillkürlich zurückwich. Ja, jetzt, da sein Gesicht im Licht lag, gab es wenig Zweifel. Im Feuerschein waren seine Augen, die von den meisten Menschen als sehr, sehr dunkelbraun wahrgenommen wurden, nahezu pechschwarz. Vielleicht ist es auch das Licht, dachte der Mann. Ja, ein Trick des Lichts. Alle dachten das.

»Jemanden, der Kontakt mit einem anderen Besucher aus Europa hatte, einer Frau. Sie reiste wahrscheinlich unter dem Namen Freya Oldstock. Blondes Haar, blaue Augen. Groß, sehr schön. Kam aus dem Nichts, vermute ich, so wie ich.«

Sie blickten sich unbehaglich an. »Was haben Sie mit dieser Frau zu tun - wenn sie denn hier war?«, fragte einer.

»War sie hier?«

»Vielleicht.«

»Wen hat sie besucht?«

»Was wollen Sie?

»Ich bin ihr Freund. Sie ist tot.«

Schockiertes Schweigen. »Tot?«, fragte einer. »Die Herrin ist tot?« Wie bei jedem, dem sie begegnet war, hatte Freya auch ihr Herz gewonnen.

»Ich muss die Person sprechen, die sie besucht hat.«

»Wir wissen nicht, wer es war. Sie ging immer zum Kloster.«

»Dann muss auch ich dorthin.«

Sie gingen wieder in Abwehrhaltung. »Haben Sie Papiere? Wer sind Sie?«

Bei diesen Worten schien Sam die Geduld zu verlieren. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Sein Blick brennt sich in einen hinein, als ob er alle Gedanken lesen würde, dachte der Wachhauptmann. Die Herrin hatte Augen wie diese, doch ihre waren blau - und ihr Blick war sanfter, freundlicher.

»Luc Satise nennt man mich und Sam Linnfer und Sebastian Teufel. Sagt den Leuten im Kloster, dass ich unter einem oder all diesen Namen komme. Namen sind Schall und Rauch. Sagt ihnen, irgendjemand aus meiner Familie hat Freya ermordet, und es mag sein, dass er auch hinter ihnen her ist. Sagt ihnen, sie sei mit einem Drachenbeindolch getötet worden, der selbst Unsterbliche vernichten kann. Sagt ihnen all das - und bringt mich zum Kloster!«

Etwas an Sams Worten ließ keine weitere Diskussion zu. Ein Junge lief voraus, während der Hauptmann mit Sam in einem klapprigen Jeep folgte, der fünf Versuche brauchte, um zu starten, und an jeder Straßenecke stehen blieb. Die Wachen schienen sehr stolz auf den Wagen zu sein.

Die ganze Zeit redete der Hauptmann nervös auf Tibetisch. Er hatte Freya gekannt. »Sie kam eines Tages aus dem Schnee. Sagte, sie müsse das Kloster besuchen. Sie war freundlich, sehr freundlich, ja.«

»Wie oft kam sie hierher?«

»In jüngerer Zeit? Einmal, vielleicht zweimal im Monat. Wir haben nie gesehen, wie sie gekommen ist oder wohin sie ging. Alles, was sie uns gesagt hat, war, dass sie einen lang vermissten Vetter suchte.« Er lachte. »Das ist so, wie wenn man einem Kind sagt, es solle seine Nase nicht in Dinge stecken, die es nichts angehen. Ihre Besuche begannen vor ungefähr einem halben Jahr. Sie hat damals schon jemanden im Kloster gekannt.«

Wir kennen immer jemanden. Wenn man weiß, wo oder wie man hinsehen muss, gibt es in jeder Straße in jedem Dorf in jedem Land jemanden, den wir kennen.

Der Hauptmann fügte hinzu: »Woher kennen Sie sie?«

»Ich bin auch ein lang vermisster Verwandter«, erwiderte Sam milde. »Nun ja, Halbbruder. Derselbe Vater, verschiedene Mütter.«

Die Straßen waren eng und holprig, nicht einmal für die Geländereifen des Jeeps geeignet. Leute starrten ihnen stumm aus Hauseingängen nach, während sie vorbeifuhren, und folgten ihnen mit den Blicken.

»Verzeihen Sie den Leuten«, sagte der Hauptmann, als sei ihm der Mangel an europäischen Manieren bei seinem Volk peinlich. »Abgesehen von der Herrin haben sie nie jemanden von Ihrer Art gesehen.«

Von unserer Art? Nun ja, wir sind wohl als andere Spezies anzusehen. »War sie allein?«

»Beim ersten Mal war ein Mann bei ihr. Sie hat ihn im Kloster gelassen. Soweit ich weiß, ist er immer noch dort.«

Sam brannte vor Fragen, doch der Hauptmann war schneller. »Darf ich fragen - woher können Sie Tibetisch?«

»Ich bin viel herumgekommen.«

»Verzeihen Sie«, sagte der Hauptmann wieder - anscheinend fühlte er sich verpflichtet, sich für alles zu entschuldigen -, »aber wie viele Sprachen sprechen Sie?«

»Eine paar lebende und viele tote.« Es war die einzige Antwort, die Sam darauf zu geben pflegte.

Das Kloster tauchte aus dem Schnee auf. Am Tor stand eine Gruppe von Mönchen in orangefarbenen Gewändern bereit, ihn einzulassen. Während er durch kalte, von Kerzen erhellte Gänge hastete, erblickte er Wandbehänge und goldene Buddhastatuen und hörte den fernen, leisen Gesang und die dröhnenden Hörner von anderen Mönchen beim Gebet. Ohne ein Wort von seinen Begleitern wurde er in eine kleine Kammer geführt, in der ein Feuer glomm. Ein Mann in einer Robe mit einem roten Streifen, die ihn als Abt kennzeichnete, drehte sich um, verneigte sich leicht und sagte: »Sie sind gekommen.«

»Haben Sie mich erwartet?«, fragte Sam und nahm auf dem Stuhl Platz, der ihm angeboten wurde. Es war der einzige im Raum, und es war ihm nicht recht, dass der Abt stehen musste. Aber der Abt bestand darauf, und der Stuhl stand nahe am wärmenden Feuer.

»Bevor ich Ihnen mehr sage, brauche ich einen Beweis, dass Sie Sebastian Teufel sind.«

»Ah.« Sam stand auf, zog seine Jacke aus, nahm das längliche Bündel auf seinem Rücken ab und zog das lange silberne Schwert heraus.

Mit einem zufriedenen Seufzer und einem leichten Senken des Kopfes wie in der Gegenwart eines heiligen Objekts streckte der Abt die Hand über die Klinge aus und schloss die Augen. »Ja«, flüsterte er. »Ich höre es. Sie sagte, ich würde es hören. Ich weiß nicht viel von Ihrer Welt und glaube noch weniger von dem, was ich höre, doch mit ihr war es genauso. Ich konnte es bei ihren Dingen auch hören; alles, was sie berührte, schien zu summen.« Er blickte scharf auf. »Sie haben noch mehr?«

Sam zog auch den Dolch und den Stirnreif hervor. Diesen hielt er mit den Fingerspitzen vor sich, als ob seine Berührung ihn entweihen könnte, selbst wenn es sein eigener war.

Der Abt wandte seine ganze Aufmerksamkeit darauf. »So. Auch Sie wurden gekrönt. Ebenso wie Ihre Brüder. Sagen Sie mir, ist es wahr, dass jeder außer dem rechtmäßigen Besitzer dem Wahnsinn verfällt, wenn er dies trägt?«

»Ich glaube, dem ist so. Was glauben Sie?«

Der Abt lächelte dünn. »Ich glaube, dass Aberglauben eine Menge Macht hat, ob er nun auf Wahrheit beruht oder nicht. Und ich glaube auch, dass jeder Mythos irgendwo in der Wirklichkeit verankert ist. Wenn die Herrin sich scheute, einen Kronreif zu tragen, dann erscheint es glaubhaft, dass ihr Bruder auch Angst davor haben würde. Entweder haben Sie keine Angst, oder es ist eine Lüge, dass die Krone Ihnen gehört. Ich glaube nicht, dass es eine Lüge ist, aber ich bin mir auch nicht sicher, ob ich glaube, dass es gänzlich wahr ist. Also werden Sie sich nicht daran stoßen, wenn ich Sie bitte, mir zu beweisen, dass dieses … dieses Ding wirklich Ihr Eigen ist.«

Sam zögerte, woraufhin der Abt die Stirn runzelte. »Warum so zögerlich? Es ist eine Prüfung, die sie selbst mir angeraten hat. Lassen Sie ihn seine Krone tragen, sagte sie. Kein anderer würde das wagen.«

»Ich kann's ihr nicht verdenken«, murmelte Sam, fast unhörbar. Vorsichtig setzte er sich die Krone auf das Haupt und sah den Abt an. »Ich bin nicht wahnsinnig«, sagte er. »Ich bin der, der ich zu sein behaupte.«

Immer noch war der Abt nicht zufrieden gestellt. Er beugte sich vor und sah Sam unmittelbar in die Augen.

Schließlich sagte er: »Ja, es ist nicht nur ein Trick des Lichts. Sie sind gekommen, Sie sind es wirklich.«

Sam steckte den Dolch weg und schob das Schwert in die Hülle. Er nahm keine Notiz von dem immer noch nachklingenden Unglauben in der Stimme des anderen. »Sie sagten, Sie hätten mich erwartet.«

»Ja. Es gab Sicherheitsvorkehrungen.«

»Erzählen Sie. Ich meine, alles.«

»Da gibt es viel zu erzählen. Und ich fürchte, ich kenne nur Teile davon.«

Sam setzte sich wieder. »Dann erzählen Sie mir, was Sie wissen. Das wird, zumindest für Sie, alles sein.«

»Ah.« Der Abt lächelte. »Sie sprechen sogar, wie Sie es mir schilderte. Ich habe mir Ihre Stimme vorgestellt - es kommt dem sehr nahe.« Er zog seine Kutte zurecht, und mit ernstem Gesicht nahm er Haltung an, die Positur des Geschichtenerzählers. Der Abt, erkannte Sam, war einer jener seltenen Menschen, die alles so berichten, wie ihre Augen und Ohren es wahrgenommen haben, nicht wie ihr Geist es deutet.

»Vor sechs Monaten«, begann er, »kamen Ihre Freundin und ihr Begleiter in meinem Kloster an. Er war jünger, und wo sie still war, war er laut, und wo sie heiter und gelassen war, war er immer auf dem Sprung, etwas anderes zu tun. Somit war ich unschlüssig, als sie mich bat, ihn eine Zeit lang in meinen Orden aufzunehmen. Doch mein Bibliothekar, den sie kannte, sprach gut von ihnen. Am Ende bereute ich meine Entscheidung nicht, ihren Gefährten … Andrew« - er hatte Schwierigkeiten mit der Aussprache des Wortes - »in meinen Orden aufzunehmen. Er war ein gewissenhafter Arbeiter, und wenn er nicht bei meinem Bibliothekar war, half er meinen Mönchen bei ihrer Arbeit. Er besuchte oft die Kranken und ging mit den Mönchen ins Tiefland, um Vorräte zu besorgen. Im Kloster verbrachte er vielleicht zwei von vier Wochen, wenn das Wetter ihn nicht vom Reisen abhielt. Wir nannten ihn einfach Andrew. Einen anderen Namen hat er uns nie genannt.«

Ein wichtiger Anhaltspunkt, dachte Sam. Einen von uns hätte das Wetter nicht aufgehalten. Wir hätten das Tor benutzt.

»Er verschickte die ganze Zeit Postkarten - auf Kantonesisch - nach England, nach Frankreich, aber meist nach Amerika. Er schien nach etwas zu suchen. Jedes Mal, wenn er aus dem Tiefland wiederkam, brachte er mehr Bücher mit. Unsere Bibliothek hat sich in der Zeit fast verdoppelt. Eines Tages fragte ich ihn: ›Da du den Berg hinuntermusst, um all diese Bücher zu kaufen, warum machst du dir die Mühe, ihn wieder hinaufzusteigen?‹ Er lachte nur. ›Weil ich hier oben sicher bin. Dort unten halten andere Augen Ausschau.‹ Und er nahm es genau mit der Sicherheit. Niemand außerhalb des Klosters durfte sein Gesicht sehen. In der Stadt erwarb er Bücher immer über eine Kette von mindestens drei Zwischenhändlern, auch wenn er sie direkt für den halben Preis hätte kaufen können. Er machte den Eindruck eines Mannes, der auf der Flucht ist. Außer wenn er hier war und die ganze Zeit mit meinem Bibliothekar zusammenhockte.«

»Was ist geschehen?«

Der Abt mahnte ihn zur Geduld. »Zuerst lassen Sie mich von seinem Plan für den Notfall berichten. Er hat ihn mir genau erklärt, wissen Sie. ›Wenn ich je bei meinem eigenen Spiel ertappt werde, gibt es da jemand anderen. Ich bin schließlich nur sterblich. Unfälle passieren. Aber er - er wird dafür sorgen, dass diese Sache zu Ende geführt wird.‹ Er müsse nichts dafür tun, sagte er, weil Sie Ihren Weg hierher von selbst finden würden. Wenn ihm etwas zustieße, würde Freya sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Wenn etwas mit Freya passiere, dann würden Sie, da war er sicher, herauszufinden versuchen, was geschehen sei. Und sobald Sie einmal die Witterung aufgenommen hätten, würden Sie die Jagd für nichts und niemanden mehr aufgeben. Er schien sich sehr sicher zu sein, dass Sie kommen würden. Ich sollte Ihnen in jeder Beziehung behilflich sein, aber ich müsse absolut sichergehen, dass Sie es sind. Er hat Sie beschrieben, Ihre Augen, Ihre Krone, Ihre Waffen.«

»Er scheint mir sehr vertrauensselig gewesen zu sein«, murmelte Sam.

»Er spielte ein gefährliches Spiel. So viel war mir klar.«

»Was ist passiert? Wo hat das Sicherheitssystem versagt?«

»Er machte eine Entdeckung. Ich weiß nicht, was es war, aber er schien überglücklich zu sein. ›Ich habe es gefunden‹, sagte er. ›Ich habe herausgefunden, um was es geht.‹ Ein paar Wochen später teilte er mir mit, dass er uns verlassen müsse. Er wirkte sehr beunruhigt. Mein Bibliothekar im Übrigen auch. Beide waren geradezu verängstigt. ›Sag ihm, wenn er kommt, es wäre schlimmer, als wir gedacht haben. Sag ihm, mindestens einer der Schlüssel sei bereits gefunden und sie seien töricht genug, nach dem vierten zu suchen.‹«

Sam sagte nichts. Sein Gesicht war ausdruckslos wie Stein geworden, und er saß mit dem Kinn in den Händen. Seine Augen waren auf die Flammen gerichtet, als hörte er gar nicht zu. In Wirklichkeit war Sam ein guter Zuhörer, ein sehr guter sogar.

»Sie wollten noch am selben Tag fort. Andrew wollte direkt ins Tiefland hinunter, und mein Bibliothekar sollte ihm ein paar Stunden später auf einem anderem Weg folgen. Ich konnte sie nicht überzeugen zu bleiben. Bevor mein Bibliothekar das Kloster verlassen konnte, begann der Schneesturm. Er kam so plötzlich, dass ich es fast nicht glauben konnte - es hatte nicht die geringsten Vorboten für den Wetterumschwung gegeben. Darauf wurde mein Bibliothekar noch banger. ›Sie kommen‹, sagte er. ›Sie wissen, dass ich noch hier bin.‹ Am nächsten Morgen war er verschwunden, und seitdem hat keiner ihn mehr gesehen. Keine Karawanen sind in jener Nacht losgezogen. Keine Pelze fehlten, auch keine Pack- oder Reittiere.«

»Tot?«

»Keiner konnte diesen Sturm ohne Schutzkleidung oder Tiere überleben«, sagte er ruhig. »Es sei denn, er wäre ein Bruder Freyas. Doch nun sagen Sie mir, sie sei tot.«

»Ja.«

»Das tut mir sehr leid. Freya war etwas Besonderes.«

Es gab ein langes Schweigen. Sam schien auf seinen Stuhl festgefroren zu sein und starrte in das Feuer. Die Krone saß immer noch auf seinem Kopf, ein wenig schief, als hätte er sie ganz vergessen. Schließlich ergriff der Abt wieder das Wort. »Was ist es, wonach Andrew gesucht hat?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe einen Verdacht, aber ich weiß es nicht.«

»Die Schlüssel?«

»Ja. Die Pandora-Schlüssel.«

»Wollen Sie mir davon erzählen?«

Seufzend richtete Sam sich auf. »Eine Legende, nicht viel mehr. Vier Schlüssel, um vier verbotene Türen aufzusperren, hinter denen vier Geister oder Wesen eingekerkert sind. Hass, Misstrauen und Gier sind die Geister. Aus dem Himmel verbannt und für alle Zeit zumindest aus jener Welt ausgesperrt, auch wenn ihre Kinder auf Erden und in der Hölle gedeihen.«

»Und die vierte Tür?«

»D

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