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Die Löwen

BASTEI ENTERTAINMENT

Selbstverständlich gibt es mehrere Organisationen, die engagierte Ärzte nach Afghanistan schicken; Médecins pour la Liberté gehört nicht dazu, denn sie ist frei erfunden. Die Orte und Gebiete jedoch, die in diesem Buch beschrieben werden, sind durchaus real – bis auf die Dörfer Banda und Darg, die wiederum schriftstellerischer Phantasie entspringen. Und nicht zuletzt sind natürlich alle Personen, mit Ausnahme von Masud, fiktiv. Wer immer sich genauer über Afghanistan informieren will, wird in der Bibliographie genügend Anregungen finden. Ansonsten sollte niemand annehmen – wiewohl ich mich bemüht habe, den Hintergrund authentisch zu gestalten –, daß die Ereignisse in diesem Buch real seien: Die Löwen ist ganz und gar ein Werk meiner Phantasie und sollte daher nicht als Informationsquelle über Afghanistan zitiert werden.

K. F.

1
1981

DIE MÄNNER, DIE Ahmet Yilmaz töten wollten, waren Leute, die es bitterernst meinten. Es handelte sich um türkische Studenten, die in Paris im Exil lebten, und sie hatten bereits einen Attaché an der türkischen Botschaft ermordet und das Haus eines hohen Angestellten der Turkish Airlines mit Feuerbomben belegt. Yilmaz suchten sie sich als nächstes Opfer aus, weil er, ein reicher Mann, die Militärdiktatur unterstützte und – bequemerweise – in Paris wohnte.

Sein Haus und sein Büro wurden gut bewacht, und seine Mercedes-Limousine war gepanzert, doch jeder Mann hat eine Schwäche, meinten die Studenten, und diese Schwäche ist für gewöhnlich Sex. Bei Yilmaz hatten sie damit recht. Nach einigen Wochen eher flüchtigen Observierens waren sie im Bilde: Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Yilmaz des Abends sein Haus zu verlassen, um in dem Renault-Kombi, den seine Bediensteten zum Einkaufen benutzten, zu einer Nebenstraße im 15. Distrikt zu fahren und dort eine schöne junge Türkin zu besuchen, die ihn liebte.

Die Studenten beschlossen, im Renault eine Bombe unterzubringen, während Yilmaz anderweitig beschäftigt war.

Woher sie den Sprengstoff bekommen konnten, wußten sie: von Pepe Gozzi, einem der vielen Söhne des korsischen Paten Mémé Gozzi. Pepe war Waffenhändler. Er verkaufte an jeden, zog jedoch politische Kunden vor, »weil« – wie er fröhlich einräumte – »Idealisten höhere Preise zahlen«. Er hatte den türkischen Studenten auch bei ihren beiden ersten Attentaten geholfen.

Allerdings hatte der Autobombenplan einen Haken. Zwar fuhr Yilmaz für gewöhnlich allein wieder nach Hause – aber es gab Ausnahmen. Manchmal führte er sein Mädchen zum Diner aus. Oft fuhr sie selbst im Renault davon und kehrte dann eine halbe Stunde später zurück mit Brot, Obst, Käse und Wein, augenscheinlich für eine gemütliche Mahlzeit. Mitunter lieh sie sich das Auto für ein oder zwei Tage aus, und Yilmaz fuhr in einem Taxi nach Hause. Die Studenten waren, wie alle Terroristen, Romantiker und scheuten sich, den Tod einer schönen Frau in Kauf zu nehmen, deren einziges ›Verbrechen‹ darin bestand, einen Mann zu lieben, der ihrer nicht würdig war.

Sie diskutierten dieses Problem auf demokratische Weise. Über Beschlüsse wurde abgestimmt, einen anerkannten Führer gab es nicht; doch war unter ihnen einer, dessen starke Persönlichkeit ihn dominieren ließ. Er hieß Rahmi Coskun, und er war ein gutaussehender, leidenschaftlicher junger Mann mit einem buschigen Schnurrbart und einem gewissen, gleichsam ruhmsüchtigen Glanz in den Augen. Dank seiner Energie und seiner Entschlossenheit waren die ersten beiden Projekte allen Problemen und Risiken zum Trotz durchgeführt worden. Rahmi schlug vor, einen Bombenexperten zu befragen.

Zuerst mißfiel den anderen dieser Gedanke. Wem man denn da vertrauen könne, wollten sie wissen. Rahmi schlug Ellis Thaler vor, einen Amerikaner, der sich selbst als Dichter bezeichnete, seine Brötchen jedoch mit Englischunterricht verdiente. Seine Kenntnisse über Sprengstoff hatte er als Wehrpflichtiger in Vietnam erworben. Rahmi kannte ihn seit etwa einem Jahr: Sie hatten beide für ein kurzlebiges Revolutionsblatt namens Chaos gearbeitet und außerdem eine Dichterlesung veranstaltet, um Geld für die Palästinensische Befreiungsorganisation zu sammeln. Ellis Thaler schien Rahmis Zorn über das, was in der Türkei geschah, zu verstehen, auch seinen Haß gegen die dafür verantwortlichen Barbaren. Einige der anderen Studenten kannten Ellis flüchtig: Er hatte bei mehreren Demonstrationen mitgemacht, und sie hatten angenommen, er sei ein Student im höheren Semester oder ein junger Professor. Dennoch widerstrebte es ihnen, einen Nichttürken zu beteiligen; Rahmi beharrte allerdings auf seinem Standpunkt, und am Ende gaben sie nach.

Ellis hatte die Lösung für ihr Problem sofort parat. Die Explosion müsse per Funk ausgelöst werden, erklärte er. Rahmi könne an einem Fenster vis-á-vis des betreffenden Appartements sitzen oder in einem am Straßenrand geparkten Auto, um den Renault im Auge zu behalten. In der Hand würde er einen kleinen Radiosender halten, nicht größer als ein Zigarettenpäckchen – so ein Ding, wie man es benutzt, um ein Garagentor elektronisch zu öffnen. Stieg Yilmaz allein in das Auto, konnte Rahmi die Bombe per Funksignal aktivieren, so daß sie dann beim Anlassen des Motors explodierte. Stieg jedoch das Mädchen ein, so drückte Rahmi nicht auf den Knopf, und die junge Dame konnte in gnädiger Unkenntnis davonfahren. Die Bombe allein war ungefährlich. »Kein Knopfdruck, kein Knall«, sagte Ellis.

Rahmi gefiel der Vorschlag. Er fragte Ellis, ob er wohl bei der Herstellung der Bombe mit Pepe Gozzi zusammenarbeiten würde.

»Klar«, sagte Ellis.

Dann gab’s da noch einen Haken.

»Ich habe einen Freund«, sagte Rahmi, »der euch beide kennenlernen möchte, dich und Pepe. Um die Wahrheit zu sagen, das muß sogar sein, oder die ganze Sache fällt ins Wasser, denn es ist dieser Freund, der uns das Geld gibt für Sprengstoffe und Autos und Bestechungen und Pistolen, einfach für alles.«

Warum will er uns kennenlernen? wollten Ellis und Pepe wissen.

»Er möchte sicher sein, daß die Bombe funktionieren wird, und er möchte das Gefühl haben, daß er euch vertrauen kann«, sagte Rahmi entschuldigend. »Ihr braucht ihm nur die Bombe zu zeigen und ihm zu erklären, wie sie funktioniert. Dann schüttelt ihr ihm die Hand und laßt euch in die Augen sehen, und das ist ja wohl nicht zuviel verlangt von einem, der das Ganze überhaupt erst möglich macht, oder?«

»Soll mir recht sein«, meinte Ellis.

Pepe zögerte. Zwar wollte er das Geld, das bei der Sache für ihn abfallen würde – denn auf Geld war er so versessen wie ein Schwein auf seinen Futtertrog –, doch haßte er es, neue Leute kennenzulernen.

Ellis nahm ihn beiseite. »Hör zu«, sagte er, »diese Studentengruppen kommen und gehen wie Frühlingsblumen, und Rahmi wird garantiert bald weggeweht sein. Aber wenn du diesen ›Freund‹ kennst, dann kannst du mit dem auch noch Geschäfte machen, wenn’s gar keinen Rahmi mehr gibt.«

»Da hast du recht«, sagte Pepe, der zwar kein Genie war, jedoch simpel dargelegte Geschäftsprinzipien durchaus kapierte.

Ellis teilte Rahmi mit, Pepe sei einverstanden, und Rahmi vereinbarte mit beiden eine Zusammenkunft für den folgenden Sonntag.

*

An jenem Morgen erwachte Ellis in Janes Bett. Er erwachte plötzlich und mit Angstgefühlen, wie aus einem Alptraum. Und Bruchteile von Sekunden später erinnerte er sich, warum er innerlich so angespannt war.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch früh. Im Geiste ging er seinen Plan durch. Falls alles gutging, so bedeutete der heutige Tag die Krönung für mehr als ein Jahr überaus geduldiger, sorgfältiger Arbeit. Und er würde seinen Triumph mit Jane teilen können – vorausgesetzt, daß er am Ende dieses Tages noch lebte.

Er wandte den Kopf und betrachtete sie; er bewegte sich ganz vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken. Sein Herz tat unwillkürlich einen Sprung, wie jedesmal, wenn er sie ansah. Sie lag flach auf dem Rücken; ihre Stupsnase wies zur Zimmerdecke, und ihr schwarzes Haar breitete sich über das Kissen wie die entfalteten Flügel eines Vogels. Er blickte auf ihren breiten Mund, auf die vollen Lippen, die ihn so oft und so üppig küßten. Die Morgensonne ließ den dichten blonden Flaum auf ihren Wangen erkennen – ihren ›Bart‹, wie er’s nannte, wenn er sie aufziehen wollte.

Es war ein seltenes Vergnügen, sie so friedlich ruhen zu sehen, das Gesicht entspannt und ausdruckslos. Normalerweise war sie voller Leben: lachend, stirnrunzelnd, grimassierend, Verblüffung, Zweifel oder Leidenschaft ausdrückend. Für gewöhnlich spiegelte sich in ihrer Miene ein spöttischer, fast schadenfroher Ausdruck, wie bei einem Lausbuben, der gerade einen besonders infernalischen Streich ausgeheckt hat. Nur wenn sie schlief oder angestrengt nachdachte, sah sie aus wie jetzt. Doch so liebte er sie am meisten, denn hinter ihrer ungeschützten Unbefangenheit ließ sich die träge Sinnlichkeit erahnen, die wie ein stetig loderndes Feuer in ihr brannte. Wenn er sie so sah, juckte es ihn buchstäblich in den Händen, sie zu berühren.

Das hatte ihn verblüfft. Als er sie kennenlernte, bald nach seiner Ankunft in Paris, hatte er sie für einen Typ gehalten, wie man ihn überall trifft in Großstädten unter den Jungen und Radikalen: Superaktive, die irgendwelchen Komitees vorsaßen und Kampagnen gegen die Apartheid und für die nukleare Abrüstung organisierten; die Protestmärsche wegen El Salvador anführten oder gegen die Umweltvergiftung, Geld für die Verhungernden im Tschad sammelten oder talentierte junge Filmemacher förderten. Ihr gutes Aussehen , ihr Charme, ihr Enthusiasmus, all das zog andere an. Er hatte sich ein paarmal mit ihr verabredet, bloß, um genußvoll zuzuschauen, wie ein hübsches Mädchen ein Steak in sich hineinschlang. Und dann – wie es eigentlich geschehen war, wußte er nicht mehr genau – hatte er entdeckt, daß in diesem leicht reizbaren Mädchen eine leidenschaftliche Frau steckte, und er hatte sich in sie verliebt.

Er ließ seinen Blick durch ihre kleine Atelierwohnung wandern. Mit Vergnügen gewahrte er all die vertrauten Dinge, die der Wohnung ihren persönlichen Stempel aufdrückten: eine niedliche Lampe, deren Fuß aus einer kleinen chinesischen Vase bestand; ein Regal voller Bücher über Ökonomie und Weltarmut; ein großes weiches Sofa, in dem man versinken konnte; eine Fotografie ihres Vaters, eines gutaussehenden Mannes im Zweireiher (vermutlich aus den frühen sechziger Jahren); ein kleiner Silberpokal, den sie 1971, vor zehn Jahren, auf ihrem Pferdchen Dandelion gewonnen hatte. Damals war sie dreizehn, dachte Ellis, und ich dreiundzwanzig; und zu der Zeit, da sie ihre Ponyrennen im Hampshire gewann, habe ich den Ho-Tschi-Minh-Pfad vermint.

Als er die Wohnung vor knapp einem Jahr zum erstenmal gesehen hatte, war Jane gerade aus der Vorstadt hergezogen, und alles hatte reichlich karg gewirkt: nichts als eine kleine Mansarde mit einer Kochnische und einer Duschnische und einer Außentoilette. Nach und nach hatte Jane das Zimmer in ein behagliches Nest verwandelt. Als Dolmetscherin (vom Französischen und Russischen ins Englische) verdiente sie gut, doch die Miete war ziemlich hoch – das Appartement lag in der Nähe des Boulevard St. Michel –, und so hatte sie nur Notwendiges, wenn auch Gutes angeschafft: genau den richtigen Mahagonitisch, ein antikes Bettgestell und einen Täbris-Teppich. Sie war das, was Ellis’ Vater eine Klassefrau genannt hätte. Sie wird dir gefallen, Dad, dachte Ellis. Du wirst einfach hingerissen sein.

Er drehte sich auf die Seite, ihr entgegen, und die Bewegung weckte sie auf, genau wie er’s erwartet hatte. Ihre großen blauen Augen blickten für einen Sekundenbruchteil zur Zimmerdecke, dann sah sie ihn an, lächelte und rollte herüber in seine Arme. »Hallo«, flüsterte sie, und er küßte sie.

Sofort wurde er steif. Eine Weile lagen sie zusammen, halb im Schlaf, sich ab und zu küssend; dann schwang sie ein Bein über seine Hüfte, und sie begannen einander zu lieben, träge, wortlos.

Als sie ein Liebespaar geworden waren, liebten sie sich morgens, abends und oft auch noch am Nachmittag. Ellis hatte angenommen, ein solches Maß von Leidenschaft werde nicht von Dauer sein; er rechnete damit, daß der Reiz der Neuheit nach ein paar Tagen oder vielleicht ein paar Wochen verflogen wäre und sie sich dann auf das statistische Mittel von zweieinhalbmal pro Woche oder so beschränken würden. Er hatte sich geirrt. Ein Jahr später trieben sie es immer noch wie die Flitterwöchner.

Sie wälzte sich über ihn, ließ ihr volles Gewicht auf seinem Körper ruhen. Ihre feuchte Haut klebte an seiner Haut. Er schlang seine Arme um ihren kleinen Körper und zog sie an sich, während er tief in sie hineinstieß. Sie spürte, daß er sich dem Orgasmus näherte, und sie hob ihren Kopf und sah ihn an, küßte ihn dann mit offenem Mund. Gleich darauf ließ sie ein leises, eher stumpfes Stöhnen hören, und er spürte, wie sie in einem langen, sanften, wellenartigen Sonntagmorgenorgasmus kam. Sie blieb auf ihm liegen, noch immer halb im Schlaf. Er strich ihr übers Haar.

Nach einer Weile bewegte sie sich. »Weißt du, welchen Tag wir heute haben?« murmelte sie.

»Sonntag.«

»Und an diesem Sonntag bist du dran mit dem Mittagessen.«

»Hatte ich nicht vergessen.«

»Gut.« Sie schwieg einen Augenblick. »Was wirst du mir denn bieten?«

»Steak, Kartoffeln, Erbsen, Ziegenkäse, Erdbeeren und Chantilly-Creme.«

Sie hob den Kopf, lachte. »Das ist ja dein Standardmenü!«

»Das ist es nicht. Letztes Mal hatten wir grüne Bohnen.«

»Und das Mal davor hattest du’s vergessen, und wir aßen außerhalb. Wie wär’s denn mit etwas Abwechslung auf deinem Küchenzettel?«

»He, nun mal langsam. Unsere Abmachung lautet, daß wir uns sonntags beim Kochen abwechseln. War aber nie die Rede davon, daß es jedesmal was anderes geben muß.«

Sie erschlaffte wieder auf ihm, schien sich geschlagen zu geben.

Die ganze Zeit über war in einem Winkel seines Gehirns ein Gedanke wach gewesen: was er heute zu tun hatte. Dabei würde er ihre unwissentliche Hilfe brauchen, und dies war der Augenblick, sie zu fragen. »Ich muß heute morgen Rahmi sehen«, begann er.

»Okay. Wir treffen uns dann später bei dir.«

»Du könntest da was für mich tun, falls es dir nichts ausmacht, etwas früher zu kommen.«

»Was?«

»Essen kochen. Nein! Nein! Ist bloß ein Witz. Ich möchte, daß du mir bei einer kleinen Verschwörung hilfst.«

»Sprich weiter«, sagte sie.

»Rahmi hat heute Geburtstag, und sein Bruder Mustafa ist in der Stadt, aber das weiß Rahmi nicht.« Falls dies klappt, dachte Ellis, werde ich dich nie wieder anlügen. »Ich möchte, daß Mustafa bei Rahmis Lunchparty als Überraschung auftaucht. Aber ich brauche einen Komplizen.«

»Na, dann mal los«, sagte sie. Sie rollte von ihm herunter und saß aufrecht, mit gekreuzten Beinen. Ihre Brüste waren wie Äpfel, glatt und rund und fest. »Was habe ich zu tun?«

»Das Problem ist einfach. Ich muß Mustafa sagen, wohin er kommen soll, aber Rahmi hat sich noch nicht entschlossen, wo er essen will. Also muß ich die Nachricht Mustafa in allerletzter Minute zukommen lassen. Und Rahmi wird wahrscheinlich neben mir stehen, wenn ich anrufe.«

»Und die Lösung?«

»Ich rufe dich an. Und rede irgendwelches Zeug. Kannst du alles ignorieren, bis auf die Adresse. Ruf Mustafa an, gib ihm die Adresse und erkläre ihm, wie er hinkommt.« Als Ellis sich diesen Plan ausgedacht hatte, schien alles recht glaubwürdig zu klingen; jetzt hörte es sich an wie das wildeste Garn.

Jane jedoch nahm’s für bare Münze. »Ist ja nichts weiter bei«, sagte sie.

»Gut.« Mit Mühe verbarg Ellis seine Erleichterung.

»Und nach dem Anruf – wie lange wird’s da dauern, bis du zu Hause bist?«

»Eine knappe Stunde. Ich möchte mir die Überraschung nicht entgehen lassen, mich jedoch vor dem Lunch drücken.«

Jane sagte nachdenklich: »Dich haben sie eingeladen, mich dagegen nicht.«

Ellis zuckte die Achseln. »Ist wohl so was wie ’ne Männerparty.« Er nahm den Schreibblock vom Nachttisch und schrieb Mustafa und die Telefonnummer.

Jane stand auf und trat unter die Dusche. Sie drehte den Hahn auf. Unverkennbar hatte sich ihre Stimmung geändert. »Warum bist du plötzlich sauer?« fragte Ellis.

»Ich bin nicht sauer«, erwiderte sie. »Nur mißfällt mir manchmal die Art, wie deine Freunde mich behandeln.«

»Aber du weißt doch, wie Türken zu Mädchen sind.«

»Genau – zu Mädchen. Gegen respektable Frauen haben sie nichts, aber ich bin ja ein Mädchen

Ellis seufzte. »Es sieht dir eigentlich gar nicht ähnlich, daß du dich über das vorsintflutliche Verhalten von irgendwelchen Chauvinisten aufregst. Worauf willst du wirklich hinaus?«

Sie überlegte einen Augenblick, nackt neben der Dusche stehend, und sie wirkte so unwiderstehlich, daß Ellis sie am liebsten auf der Stelle noch einmal genommen hätte. Sie sagte: »Ich will damit wohl ganz einfach ausdrücken, daß mir mein Status nicht gefällt. Ich bin an dich gebunden – schlafe mit keinem anderen, gehe nicht einmal mit anderen Männern aus. Du dagegen bist nicht an mich gebunden. Wir leben nicht zusammen. Meistens weiß ich nicht, was du tust oder wo du steckst, keiner von uns beiden kennt die Eltern des anderen … Und das wissen die Leute, und deshalb behandeln sie mich wie ein Flittchen.«

»Ich finde, du übertreibst.«

»Das sagst du immer.« Sie begann sich zu duschen und knallte die Tür zu. Ellis nahm seinen Rasierapparat aus dem Schubfach, in dem er seine Sachen verstaut hatte, und fing an, sich am Küchenausguß zu rasieren. Diese Auseinandersetzung führten sie nicht zum erstenmal. Meist dauerte sie viel länger, und Ellis begriff sehr wohl, worum es Jane ging: Sie wollte mit ihm zusammenleben.

Er wollte das auch, natürlich; er wollte sie heiraten und sich nicht mehr von ihr trennen. Aber er mußte warten, bis dieser Auftrag erledigt war; das wiederum konnte er ihr natürlich nicht sagen, und so gab er Sprüche von sich wie: »Ich bin noch nicht bereit« und: »Alles, was ich brauche, ist Zeit«, und diese vagen Ausflüchte brachten sie in Rage. Sie fand, daß ein Jahr lange genug war, einen Mann zu lieben, der sich auf keinerlei Verpflichtungen seinerseits einließ. Natürlich hatte sie recht. Doch wenn heute alles klappte, hatte er’s praktisch geschafft.

Nach der Rasur wickelte er seinen Rasierapparat in ein Handtuch und legte ihn wieder ins Schubfach. Jane kam aus dem Duschraum, wo er sie gleichsam ablöste. Wir sprechen kein Wort miteinander, dachte er; ist doch wirklich albern.

Während er sich duschte, machte sie Kaffee. Rasch schlüpfte er in seine ausgeblaßten Jeans und in ein schwarzes T-Shirt und setzte sich ihr gegenüber an den kleinen Mahagonitisch. Sie schenkte ihm Kaffee ein und sagte: »Ich will ernsthaft mit dir reden.«

»Okay«, sagte er hastig. »Am besten beim Lunch – wie?«

»Warum nicht jetzt?«

»Ich habe jetzt keine Zeit.«

»Ist Rahmis Geburtstag wichtiger als unser Verhältnis?«

»Natürlich nicht.« Ellis registrierte seine eigene Gereiztheit, und eine warnende Stimme sagte ihm: Sei sanft, du könntest sie verlieren. »Aber ich habe es versprochen, und es ist wichtig, daß ich meine Versprechen halte, während es mir nicht ganz so wichtig scheint, ob wir unser Gespräch jetzt führen oder später.«

Janes Gesicht nahm einen entschlossenen, starrsinnigen Ausdruck an – wie stets, wenn man sie von einer Entscheidung abzubringen versuchte. »Für mich ist es wichtig, daß wir jetzt miteinander sprechen.«

Einen Augenblick lang war er versucht, ihr auf der Stelle die ganze Wahrheit zu sagen. Aber ein solches Gespräch hatte er sich anders gedacht. Jetzt fehlte ihm die Zeit dazu, er war mit den Gedanken nicht bei der Sache und in keiner Weise darauf vorbereitet. Lieber später, wenn beide entspannt waren und er ihr sagen konnte, daß sein Job in Paris abgeschlossen sei. Und so sagte er: »Ich finde, du bist albern, und ich lasse mir von dir nicht die Pistole auf die Brust setzen. Bitte laß uns später miteinander reden. Ich muß jetzt gehen.« Er stand auf.

Während er zur Tür ging, sagte sie: »Jean-Pierre hat mich gebeten, ihn nach Afghanistan zu begleiten.«

Das kam so unerwartet, daß Ellis einen Moment lang völlig perplex war. »Ist das dein Ernst?« fragte er ungläubig.

»Allerdings.«

Ellis wußte, daß Jean-Pierre Jane liebte. Genau wie ein halbes Dutzend weiterer Männer; das konnte bei einer solchen Frau nicht ausbleiben. Keiner dieser Männer war jedoch ein ernsthafter Rivale; zumindest hatte er das bis zu diesem Augenblick geglaubt. Allmählich gewann er seine Fassung zurück. Er sagte: »Du und mit solch einem Schwächling in ein Kriegsgebiet reisen – was soll der Unfug?«

»Das ist kein dummer Witz!« entgegnete sie heftig. »Ich spreche von meinem Leben

Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Du kannst nicht nach Afghanistan.«

»Warum nicht?«

»Weil du mich liebst.«

»Deswegen stehe ich noch lange nicht zu deiner Verfügung.«

Wenigstens hatte sie nicht gesagt: Nein, ich lieb’ dich nicht. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Eine lächerliche Situation: Nur noch ein paar Stunden, und er würde ihr alles sagen, was sie hören wollte. »Ich bin nicht dazu bereit«, erklärte er. »Wir reden über unsere Zukunft, und das ist kein Gespräch, das sich überstürzen läßt.«

»Ich werde nicht ewig warten«, sagte sie.

»Das verlange ich ja auch nicht von dir. Nur ein paar Stunden.« Er streichelte ihre Wange. »Laß uns nicht wegen ein paar Stunden streiten.«

Sie stand auf und gab ihm einen Kuß, sehr fest, fast hart.

Er sagte: »Du wirst nicht nach Afghanistan gehen, oder?«

»Weiß ich noch nicht«, sagte sie aufrichtig.

Er wagte ein Lächeln. »Zumindest nicht vorm Lunch.«

Sie erwiderte sein Lächeln und nickte. »Nicht vorm Lunch.«

Er sah sie noch einen Augenblick an, dann ging er.

Auf dem breiten Boulevards der Champs-Elysées wimmelte es von Touristen und Einheimischen, die ihren Morgenspaziergang machten, sich wie Schafherden in der warmen Frühlingssonne tummelten und sämtliche Straßencafés füllten. Ellis stand in der Nähe des Treffpunkts, mit einem Rucksack, den er in einem billigen Koffergeschäft gekauft hatte. Er sah aus wie ein Amerikaner auf Tramptour durch Europa.

Daß sich Jane ausgerechnet diesen Morgen für eine solche Konfrontation ausgesucht hatte! Sie würde unentwegt vor sich hinbrüten und eine Stinklaune haben, wenn er wiederkam. Und er würde eine Weile brauchen, bis er ihr gesträubtes Gefieder wieder geglättet hatte.

Er verdrängte Jane aus seinen Gedanken und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe.

Es gab zwei Möglichkeiten, was die Identität von Rahmis ›Freund‹ betraf, der die kleine Terroristengruppe finanzierte. Die erste bestand darin, daß es sich um einen reichen, freiheitsliebenden Türken handelte, der, aus politischen oder persönlichen Gründen, Gewalt gegen Militärdiktaturen und deren Befürworter für gerechtfertigt hielt. In diesem Fall wäre Ellis enttäuscht gewesen.

Die zweite Möglichkeit bestand darin, daß es sich um Boris handelte.

›Boris‹ war eine legendäre Gestalt in den Kreisen, in denen Ellis sich bewegte – unter revolutionären Studenten, unter den exilierten Palästinensern, den passionierten politischen Rhetorikern, den Herausgebern schlecht gedruckter Extremistenblätter, den Anarchisten und Maoisten und Armeniern und militanten Vegetariern. Es hieß, er sei Russe, ein KGB-Mann, der bereit sei, jedwede ›linke‹ Gewalttat im Westen finanziell zu unterstützen. Viele bezweifelten, daß es ihn wirklich gab, vor allem diejenigen, die vergeblich versucht hatten, für ihre Heldentaten Geld von den Russen zu kriegen. Doch Ellis hatte seine Beobachtungen gemacht. Von Zeit zu Zeit kam es vor, daß zum Beispiel eine Gruppe, die monatelang gejammert hatte, sie könne sich nicht einmal ein Kopiergerät leisten, mit einem Schlag aufhörte, von den fehlenden Finanzen zu quasseln, und plötzlich sehr sicherheitsbewußt wurde; und dann, kurz darauf, gab es eine Entführung oder eine Schießerei oder eine Bombenexplosion.

Zweifellos, davon war Ellis überzeugt, gaben die Russen solchen Gruppen wie den türkischen Dissidenten Geld: Der Versuchung, auf so billige und praktisch risikolose Weise Unruhe zu stiften, konnten sie schwerlich widerstehen. Im übrigen finanzierten ja auch die USA in Mittelamerika Kidnapper und Mörder, und er konnte sich nicht vorstellen, daß die Sowjetunion weniger Skrupel hatte als sein eigenes Land. Und da in diesem Beruf Banküberweisungen mehr als riskant gewesen wären, mußte es jemanden geben, der bar zahlte; folglich existierte da auch irgendeine Art Boris.

Den wollte Ellis dringendst kennenlernen.

Punkt zehn Uhr dreißig ging Rahmi vorüber. Er trug ein rosa Lacoste-Hemd und tadellos gebügelte braune Hosen. Er wirkte nervös. Er warf Ellis einen brennenden Blick zu, dann sah er wieder weg.

Ellis folgte ihm im Abstand von zehn bis fünfzehn Metern, wie sie es vereinbart hatten.

Im nächsten Straßencafé saß, muskulös und übergewichtig, Pepe Gozzi. Er trug einen schwarzen Seidenanzug, als habe er die Messe besucht, was wahrscheinlich sogar stimmte. Auf seinen Knien lag eine große Aktentasche. Er erhob sich und fiel gleichsam neben Ellis in Schritt, doch auf eine solche Weise, daß ein zufälliger Beobachter nicht wissen konnte, ob sie zusammengehörten oder nicht.

Rahmi strebte hügelaufwärts, dem Arc de Triomphe entgegen.

Ellis beobachtete Pepe aus den Augenwinkeln. Der Korse besaß einen geradezu animalischen Selbsterhaltungstrieb. Unablässig prüfte er, ob er beschattet wurde: Zum Beispiel blickte er, wenn sie eine Straße überquerten und wartend an der Ampel standen, auf denkbar natürlichste Weise den Boulevard zurück; oder er beobachtete, wenn sie einen Eckladen passierten, die Menschen, die sich hinter ihm in der diagonalen Schaufensterscheibe spiegelten.

Ellis mochte Rahmi, Pepe jedoch nicht. Rahmi war ein aufrichtiger Mensch mit hohen Prinzipien, und die Menschen, die er tötete, hatten den Tod wahrscheinlich verdient. Pepe war völlig anders. Was er tat, tat er des Geldes wegen – und weil er zu plump und zu dumm war, sich im legalen Geschäftsleben über Wasser zu halten.

Drei Straßenzüge östlich vom Arc de Triomphe bog Rahmi in eine Nebenstraße ein. Ellis und Pepe folgten. Rahmi führte sie quer über die Straße und trat ins Hotel Lancaster.

Das also war der eigentliche Treffpunkt. Ellis hoffte, das Rendezvous werde in einer Bar oder einem Restaurant im Hotel stattfinden: In einem der Öffentlichkeit zugänglichen Raum würde er sich sicherer fühlen.

Nach der Hitze auf der Straße wirkte die marmorne Eingangshalle kühl. Ellis fröstelte leicht. Ein Kellner im Frack musterte mißbilligend seine Jeans. Rahmi trat in den winzigen Fahrstuhl am Ende des L-förmigen Foyers. In einem Hotelzimmer also. Nun gut. Ellis folgte Rahmi in den Fahrstuhl, und Pepe quetschte sich hinter beiden rein. Während der Lift emporglitt, waren Ellis’ Nerven zum Zerreißen gespannt. Im vierten Stock stiegen sie aus. Rahmi führte sie zu Zimmer 41 und klopfte.

Ellis versuchte, eine ruhige und ausdruckslose Miene aufzusetzen.

Die Tür öffnete sich langsam.

Es war Boris. Das war Ellis klar in demselben Augenblick, da er ihn sah, und er empfand einen vibrierenden Triumph und gleichzeitig das kalte Schaudern von Furcht. Alles an dem Mann ›sprach‹ gleichsam von Moskau, vom billigen Haarschnitt bis zu den soliden, praktischen Schuhen; der harte Blick, mit dem er alles taxierte, und der brutale Zug um seinen Mund verrieten den unverkennbaren Stil des KGB. Dieser Mann war nicht wie Rahmi oder Pepe; er war weder ein hitzköpfiger Idealist noch ein dreckiger Mafioso. Boris war ein professioneller Terrorist mit einem Herzen aus Stein, der keine Sekunde zögern würde, jedem der drei Männer, die jetzt vor ihm standen, das Gehirn zu durchlöchern.

Nach dir habe ich lange gesucht, dachte Ellis.

Boris musterte die Männer einen Moment lang durch die halboffene Tür, mit der er seinen Körper schützte. Dann trat er zurück und sagte auf französisch: »Treten Sie ein.«

Sie betraten das Wohnzimmer einer Suite. Es war recht exquisit ausgestattet und möbliert mit Stühlen, etlichen Tischen und einem Schrank, die aus dem 18. Jahrhundert zu stammen schienen. Auf einem zierlichen, krummbeinigen Tisch fanden sich eine Stange Marlboro-Zigaretten und ein Liter zollfreien Brandys. Eine halbgeöffnete Tür am anderen Ende des Zimmers führte ins Schlafzimmer.

Rahmi stellte sie vor, ebenso flüchtig wie nervös. »Pepe. Ellis. Mein Freund.«

Boris war breitschultrig und trug ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, die fleischige, behaarte Unterarme freiließen. Seine blauen Serge-Hosen waren für dieses Wetter viel zu dick. Über einem Stuhlrücken hing ein kariertes Jackett in Schwarz und Braun, das in keiner Weise zu den blauen Hosen paßte.

Ellis stellte seinen Rucksack auf dem Teppich ab und setzte sich.

Boris deutete auf die Brandyflasche. »Ein Drink?«

Ellis wollte keinen Brandy, nicht um elf Uhr vormittags. Er sagte. »Ja, bitte – Kaffee.«

Boris maß ihn mit einem harten, feindseligen Blick, dann sagte er: »Wir werden alle Kaffee trinken«, und trat ans Telefon. Er ist gewohnt, daß ihn jeder fürchtet, dachte Ellis; daß ich ihn als Ebenbürtigen behandle, mißfällt ihm.

Rahmi hatte unverkennbar Angst vor Boris. Während der Russe den Zimmerservice anrief, fingerte Rahmi nervös an seinem rosa Polohemd, öffnete und schloß den obersten Knopf.

Boris legte auf und sprach Pepe an. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte er auf französisch. »Ich glaube, wir können einander helfen.«

Pepe nickte wortlos. Er saß vorgebeugt auf dem samtbezogenen Stuhl, und sein mächtiger Körper nahm sich auf dem hübschen Möbelstück sonderbar verletzlich aus, als könne es ihn zerbrechen. Pepe hatte viel mit Boris gemein, dachte Ellis: Sie sind beide starke Männer, ebenso rücksichtslos wie leidenschaftslos. Wäre Pepe Russe, so wäre er beim KGB; und wäre Boris Franzose, so wäre er in der Mafia.

»Zeig mir die Bombe«, sagte Boris.

Pepe öffnete seine Aktentasche. Sie war voller Blöcke aus einer gelblichen Substanz, jeweils etwa 30 Zentimeter lang und etliche Zentimeter im Durchmesser. Boris kniete sich auf den Boden neben der Tasche und strich mit dem Zeigefinger über eine der Stangen. »Ich nehme an, dies ist C 3«, sagte er zu Pepe.

Pepe nickte.

»Wo ist der Mechanismus?«

Rahmi sagte: »Den hat Ellis in seinem Rucksack.«

Ellis sagte: »Nein, habe ich nicht.«

Für einen Augenblick wurde es im Raum ganz still. Ein Ausdruck von Panik trat in Rahmis hübsches, junges Gesicht. »Was soll das heißen?« fragte er aufgeregt. Sein verängstigter Blick huschte von Ellis zu Boris und wieder zurück. »Du hast gesagt … Ich sagte dir, er würde –«

»Halt’s Maul«, sagte Boris scharf. Rahmi verstummte. Boris sah Ellis fragend an.

Ellis sprach mit einer lässigen Gleichgültigkeit, die er nicht empfand. »Ich fürchtete, dies könne eine Falle sein, und so habe ich den Mechanismus zu Hause gelassen. Er kann schon in wenigen Minuten hier sein. Ich brauche nur mein Mädchen anzurufen.«

Boris starrte ihn mehrere Sekunden lang an. Ellis erwiderte den Blick so kühl wie möglich. Schließlich sagte Boris:

»Warum haben Sie geglaubt, dies könnte eine Falle sein?«

Ellis fand, daß jeder Versuch, sich zu rechtfertigen, ihn in die Defensive bringen würde. Außerdem war es eine dümmliche Frage. Er maß Boris mit einem arroganten Blick, zuckte dann die Achseln und schwieg.

Boris fuhr fort, ihn zu mustern. Schließlich sagte er: »Ich werde den Anruf machen.«

Ellis wollte protestieren, doch er unterließ es. Diese Entwicklung hatte er nicht erwartet. Äußerlich blieb er gelassen, versuchte es jedenfalls; innerlich kochte er vor Zorn. Wie würde Jane auf die Stimme eines Fremden reagieren? Und was, wenn sie überhaupt nicht da war, wenn sie sich entschlossen hatte, auf ihr Versprechen zu pfeifen? Er bedauerte, sie überhaupt eingeschaltet zu haben. Aber jetzt war es zu spät.

»Sie sind ein vorsichtiger Mann«, sagte er zu Boris.

»Genau wie Sie. Welche Telefonnummer haben Sie?«

Ellis nannte sie ihm. Boris schrieb die Nummer auf den Notizblock neben dem Telefon und begann zu wählen.

Die anderen warteten schweigend.

Boris sagte: »Hallo. Ich rufe wegen Ellis an.«

Vielleicht würde die unbekannte Stimme sie gar nicht so sehr irritieren, ging es Ellis durch den Kopf, sie erwartet ja ohnehin einen etwas absonderlichen Anruf. Ignoriere alles außer der Adresse, hatte er zu ihr gesagt.

»Was?« fragte Boris gereizt, und Ellis dachte: Ach du Scheiße, was quasselt sie denn jetzt? »Ja, bin ich, aber lassen wir das«, sagte Boris. »Ellis möchte, daß Sie den Mechanismus zum Hotel Lancaster in der Rue de Berri bringen, Zimmer 41.«

Wieder trat eine Pause ein.

Halt dich an die Spielregeln, Jane, dachte Ellis.

»Ja, es ist ein sehr nettes Hotel.«

Hör mit der Quasselei auf! Sag dem Kerl bloß, daß du’s tun wirst – bitte!

»Danke«, sagte Boris und fügte sarkastisch hinzu: »Sie sind äußerst liebenswürdig.« Dann legte er auf.

Ellis versuchte sich den Anschein zu geben, als habe er von vornherein keinerlei Probleme erwartet.

Boris sagte: »Sie wußte, daß ich Russe bin. Wie erklärt sich das?«

Einen Moment lang war Ellis verblüfft; dann ging ihm ein Licht auf. »Sie ist Linguistin«, sagte er. »Sie kennt sich mit Akzenten aus.«

Zum erstenmal meldete sich Pepe zu Wort. »Während wir auf diese Fotze warten, können wir uns doch schon mal das Geld ansehen.«

»Okay.« Boris ging ins Schlafzimmer.

Kaum war er verschwunden, zischte Rahmi Ellis zu: »Ich wußte nicht, daß du diesen Trick durchziehen würdest!«

»Natürlich nicht«, sagte Ellis und gab sich gelangweilt. »Hättest du gewußt, was ich vorhatte, wäre meine Sicherheitsmaßnahme ziemlich im Eimer gewesen, oder?«

Boris kam mit einem großen braunen Umschlag zurück, den er Pepe reichte. Pepe öffnete ihn und begann, Hundert-Francs-Scheine zu zählen.

Boris riß die Stange Marlboro auf und steckte sich eine Zigarette an.

Ellis dachte: Hoffentlich läßt sich Jane keine Zeit mit dem Anruf bei ›Mustafa‹. Ich hätte ihr sagen sollen, daß es wichtig ist, die Nachricht sofort weiterzugeben.

Nach einer Weile sagte Pepe: »Es ist alles da.« Er steckte das Geld wieder in den Umschlag, klebte ihn zu und legte ihn auf einen Seitentisch.

Mehrere Minuten lang saßen die Männer schweigend herum. Boris fragte Ellis: »Wie weit von hier wohnen Sie?«

»Eine Viertelstunde, auf einem Motorroller.«

Es klopfte an die Tür. Ellis’ Muskeln spannten sich.

»Sie ist schnell gefahren«, sagte Boris. Er öffnete die Tür. »Kaffee«, sagte er enttäuscht und ging wieder zu seinem Stuhl.

Zwei Kellner in weißen Jacken schoben ein Wägelchen herein. Sie richteten sich auf, drehten sich um, und hielten beide eine Modell-›D-MAB-Pistole in der Hand, die Standardwaffe der französischen Detektive. Einer der beiden sagte: »Keine Bewegung!«

Ellis spürte, wie sich Boris’ Muskeln zum Sprung spannten. Warum waren da nur zwei Detektive? Falls Rahmi jetzt eine Dummheit machte und die Kerle auf ihn schossen, wäre die Verwirrung groß genug für Pepe und Boris, um die beiden Bewaffneten zu überwältigen –

Die Schlafzimmertür flog auf, und zwei weitere Männer in Kellnerkleidung erschienen, genauso bewaffnet wie ihre Kollegen.

Boris’ angespannte Muskeln erschlafften, ein Ausdruck der Resignation zeigte sich auf seinem Gesicht.

Plötzlich wurde Ellis bewußt, daß er die ganze Zeit über den Atem angehalten hatte. Er atmete aus in einer Art langanhaltendem Seufzer.

Alles war aus.

Ein uniformierter Polizeibeamter betrat das Zimmer.

»Eine Falle!« rief Rahmi. »Dies ist eine Falle.«

»Halt’s Maul!« sagte Boris, und wieder brachte seine rauhe Stimme Rahmi zum Schweigen. Er wandte sich an den Polizeibeamten. »Ich protestiere mit allem Nachdruck gegen diesen Übergriff«, fing er an. »Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, daß –«

Der Polizist schlug ihn mit behandschuhter Faust auf den Mund.

Boris betastete seine Lippen, sah das verschmierte Blut auf seiner Hand. Sein Verhalten veränderte sich vollkommen. Offenbar war er sich bewußt, daß mit Bluffs hier wenig zu erreichen war. »Prägen Sie sich mein Gesicht ein«, sagte er mit einer Stimme, die buchstäblich Eiseskälte auszustrahlen schien. »Sie werden es wiedersehen.«

»Aber wer ist der Verräter?« rief Rahmi. »Wer hat uns verraten?«

»Der«, sagte Boris und deutete auf Ellis.

»Ellis?« sagte Rahmi fassungslos.

»Der Anruf«, sagte Boris, »die Adresse.«

Rahmi starrte Ellis an. Er sah aus, als sei er bis ins Mark getroffen.

Eine Anzahl weiterer uniformierter Polizisten kam herein. Der Offizier deutete auf Pepe. »Das ist Gozzi«, sagte er. Zwei Polizisten legten Pepe Handschellen an und führten ihn hinaus. Der Offizier blickte Boris an. »Wer sind Sie?«

Boris gab sich gelangweilt. »Mein Name ist Jan Hocht«, sagte er. »Ich bin argentinischer Staatsbürger –«

»Schon gut«, sagte der Offizier angewidert. »Führt ihn ab.« Er blickte zu Rahmi. »Nun?«

»Ich habe nichts auszusagen!« erklärte Rahmi und gab seinen Worten einen heroischen Klang.

Der Offizier ruckte kurz mit dem Kopf, und Rahmi wurden ebenfalls Handschellen angelegt. Während er hinausgeführt wurde, schien er Ellis mit Blicken durchbohren zu wollen.

Die Festgenommenen wurden im Fahrstuhl hinuntergefahren, und zwar jeweils einzeln. Pepes Aktentasche und der Umschlag mit den Hundert-Francs-Noten waren in Plastik gehüllt. Ein Polizeifotograf kam herein und stellte sein Stativ auf.

Der Offizier sagte zu Ellis: »Vor dem Hotel steht ein schwarzer Citroën DS.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Sir.«

Ich stehe wieder auf der Seite des Gesetzes, dachte Ellis. Schade nur, daß Rahmi mir im Grunde viel besser gefällt als dieser Polizist.

Er fuhr im Fahrstuhl hinunter. Im Foyer des Hotels stand der Manager, in schwarzem Jackett und gestreiften Hosen, das Gesicht zu einer schmerzlichen Maske erstarrt, während unentwegt weitere Polizisten hereinmarschierten.

Ellis trat hinaus in den Sonnenschein. Der schwarze Citroën parkte auf der anderen Seite der Straße. Vorn saß ein Fahrer, hinten ein Passagier. Ellis stieg hinten ein. Der Wagen fuhr zügig an.

Der Passagier drehte sich zu Ellis herum und sagte: »Hallo, John.«

Ellis lächelte. Irgendwie war es sonderbar, nach über einem Jahr wieder seinen richtigen Namen zu hören. Er fragte: »Wie geht’s denn so, Bill?«

»Na jedenfalls fühle ich mich enorm erleichtert! Dreizehn Monate lang hören wir nichts von dir außer Forderungen nach mehr Geld. Dann kommt ein dringender Telefonanruf, in dem uns mitgeteilt wird, wir hätten innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein lokales Festnahmekommando zu organisieren. Überleg mal, was es heißt, die Franzosen dazu zu bewegen, ohne ihnen den Grund dafür zu verraten! Das Kommando mußte sich in der Nähe der Champs-Elysées in Bereitschaft halten, hatte jedoch zu warten, bis die genaue Adresse telefonisch durchkam von einer unbekannten Frau, die nach Mustafa fragte. Und das ist alles, was wir wissen!«

»Es war die einzige Möglichkeit«, sagte Ellis entschuldigend.

»Wir mußten uns ganz schön tummeln – und außerdem bin ich jetzt allerhand Leuten hier einen Gefallen schuldig. Aber wir haben’s geschafft. Erzähl mir also, ob’s die Sache wert war. Wen haben wir im Sack?«

»Der Russe ist Boris«, sagte Ellis.

Auf Bills Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen. »Ich glaub’, mich tritt ein Pferd. Dir ist Boris in die Falle gegangen? Ehrlich?«

»Ehrlich.«

»Mann, dann muß ich ihn irgendwie den Franzosen wegschnappen, bevor denen dämmert, wer das ist.«

Ellis zuckte mit den Achseln. »Aus dem holt sowieso keiner viele Informationen raus. Das ist ein Überzeugter. Das Wichtige ist, daß wir ihn aus dem Verkehr gezogen haben. Es wird ein paar Jahre dauern, bis die einen vollwertigen Ersatzmann haben und der neue Boris seine Kontakte geknüpft hat. Bis es soweit ist, haben die eine Menge Sand im Getriebe.«

»Darauf kannst du Gift nehmen. Das ist eine Sensation.«

»Der Korse ist Pepe Gozzi, der Waffenhändler«, fuhr Ellis fort. »Er hat so ziemlich alles geliefert, was während der letzten paar Jahre bei Terroristenaktionen gebraucht wurde, in Frankreich wie auch in den anderen Ländern. Er ist es, den wir ausquetschen müssen. Schick einen französischen Detektiv zu einem Gespräch mit seinem Vater Mémé Gozzi nach Marseille. Jede Wette, daß er herausbekommen wird: Der Alte war niemals damit einverstanden, daß sich die Familie auf politische Verbrechen einließ. Biete ihm einen Handel an – Immunität für Pepe, falls Pepe auspackt über die politischen Kriminellen, denen er Zeug verkaufte – die normalen Kriminellen braucht er nicht zu nennen. Mémé wird einverstanden sein, weil das nicht als Verrat von Freunden gilt. Und wenn Mémé einverstanden ist, ist es Pepe auch. Die französischen Gerichte wären auf Jahre hinaus ausgelastet.«

»Nicht zu fassen!« Bill schüttelte den Kopf. »An einem einzigen Tag schnappst du zwei der vermutlich wichtigsten Hintermänner des internationalen Terrorismus!«

»An einem einzigen Tag?« Ellis lächelte. »Es hat ein ganzes Jahr dazu gebraucht.«

»Jedenfalls hat sich’s gelohnt.«

»Der junge Kerl ist Rahmi Coskun«, sagte Ellis. Er sprach schneller, weil da noch jemand war, dem er all dies erzählen wollte. »Rahmi und seine Gruppe sind verantwortlich für den Bombenanschlag auf die Turkish Airlines und für den Mord an dem Botschaftsattaché davor. Wenn du die ganze Gruppe geschnappt hast, wirst du mit Sicherheit Beweismaterial finden.«

»Oder die französische Polizei wird sie zum Singen bringen.«

»Ja. Gib mir mal was zum Schreiben, damit ich die Namen und Adressen notieren kann.«

»Nicht nötig«, sagte Bill. »In der Botschaft wirst du mir einen vollständigen Bericht erstatten.«

»Ich komm’ nicht mit zur Botschaft.«

»John, sei nicht so widerborstig.«

»Ich werde dir diese Namen geben, dann hast du alle wirklich wichtigen Informationen, selbst wenn ich unter ein Taxi geraten sollte oder was. Wenn nichts dazwischenkommt, treffen wir uns morgen früh, und ich liefere die Details nach.«

»Warum warten?«

»Ich habe eine Verabredung zum Lunch.«

Bill rollte mit den Augen. »Nun ja, das sind wir dir wohl schuldig«, sagte er widerstrebend.

»Das finde ich auch.«

»Mit wem bist du denn verabredet?«

»Jane Lambert. Ihr Name war einer von denen, die du mir gabst, als du mich seinerzeit instruiertest.«

»Ich erinnere mich. Und ich weiß auch noch, was ich zu dir gesagt habe: Wenn du bei der landen kannst, wird sie dich mit jedem verrückten Linken, arabischen Terroristen, Baader-Meinhof-Anhänger und Avantgarde-Dichter in Paris bekannt machen.«

»Damit hat’s auch geklappt – nur, ich hab’ mich echt in sie verliebt.«

Einen Augenblick lang sah Bill aus wie ein Banker aus Connecticut, dem eröffnet wird, sein Sohn werde die Tochter eines schwarzen Millionärs heiraten. Er wußte nicht, ob er sich darüber freuen oder ärgern sollte. »Ah, wie ist sie denn so?«

»Sie ist nicht verrückt, hat aber ein paar verrückte Freunde. Was kann ich dir sonst noch erzählen? Sie ist bildhübsch, blitzgescheit und märchenhaft im Bett. Sie ist wunderbar. Sie ist die Frau, nach der ich mein Leben lang gesucht habe.«

»Nun, dann kann ich schon verstehen, warum du lieber mit ihr ein Tête-á-tête hast als mit mir. Was hast du denn so vor?«

Ellis lächelte. »Eine Flasche Wein aufmachen, ein paar Steaks vertilgen, ihr erzählen, daß ich mir meine Brötchen mit Terroristenfangen verdiene, und sie bitten, mich zu heiraten.«

2

JEAN-PIERRE BEUGTE sich über den Kantinentisch und betrachtete die Brünette mit einem leidenschaftlichen Blick. »Ich glaube, ich kann mich in Sie hineinversetzen«, sagte er teilnahmsvoll. »Ich weiß noch, wie ungeheuer deprimiert ich nach dem ersten Jahr meines Medizinstudiums war. Man hat das Gefühl, mehr Wissen in sich hineinstopfen zu müssen, als ein einzelnes Gehirn aufnehmen kann, und man weiß einfach nicht, wie man es bis zu den Prüfungen schaffen soll.«

»Genau das ist es«, sagte sie und nickte heftig. Sie war den Tränen nahe.

»Das ist ein gutes Zeichen«, versicherte er ihr. »Es beweist die richtige Einstellung. Die Unbekümmerten – die sind es, die durchfallen.«

In ihren Augen schimmerte es feucht vor Dankbarkeit. »Meinen Sie das wirklich?«

»Ich bin mir da ganz sicher.«

Sie betrachtete ihn liebevoll. Du würdest lieber mich genießen als dein Essen, wie? dachte er. Sie bewegte sich leicht, und am Hals klaffte der Pulli auf, so daß man ihren BH sehen konnte. Einen Augenblick lang fühlte Jean-Pierre sich versucht. Im Ostflügel des Krankenhauses befand sich eine Wäschekammer, die nach halb zehn Uhr vormittags niemals benutzt wurde. Jean-Pierre hatte mehr als einmal davon Gebrauch gemacht. Man konnte die Tür von innen abschließen, es gab einen Stapel sauberer Laken …

Die Brünette seufzte und stopfte sich ein Stück Fleisch in den Mund. Als sie zu kauen begann, verlor Jean-Pierre jedes Interesse. Es war ihm zuwider, anderen beim Essen zuzusehen. Außerdem hatte er nur mal prüfen wollen, ob er noch was drauf hatte; es ging ihm in Wirklichkeit gar nicht darum, die Brünette zu verführen. Zwar war sie sehr hübsch, mit lockigem Haar und warmem, mediterranem Teint, auch hatte sie eine tolle Figur, doch seit einiger Zeit hatte Jean-Pierre das Interesse an Zufallseroberungen verloren. Das einzige Mädchen, das ihn wirklich faszinierte, war Jane Lambert – und sie würde sich nicht einmal von ihm küssen lassen.

Er wandte seinen Blick von der Brünetten ab und ließ ihn ruhelos durch die Krankenhauskantine schweifen. Nirgends ein bekanntes Gesicht. Die Kantine war fast leer; er aß frühzeitig zu Mittag, weil er Frühschicht hatte.

Es war jetzt ein halbes Jahr her, daß er zum erstenmal Janes bildhübsches Gesicht gesehen hatte, und zwar bei einer Cocktailparty anläßlich der Veröffentlichung eines neuen Buches über feministische Gynäkologie. Er hatte zu ihr gesagt, daß es so etwas wie feministische Medizin nicht gebe; es gebe nur gute Medizin oder schlechte Medizin. Sie hatte erwidert, daß es auch so was wie eine christliche Mathematik nicht gebe, daß aber dennoch ein Ketzer wie Galilei vonnöten gewesen sei, um zu verkünden, daß die Erde sich um die Sonne bewege. »Sie haben recht!« hatte Jean-Pierre ausgerufen, mit all dem Charme, den er aufbringen konnte, und sie waren Freunde geworden.

Doch sein Charme hatte ihm wenig genützt; sie schien dagegen immun. Sie mochte ihn, war jedoch allem Anschein nach mit dem Amerikaner liiert, obwohl dieser Ellis wesentlich älter war als sie. Irgendwie machte sie das für Jean-Pierre noch begehrenswerter. Wenn bloß dieser Ellis von der Bildfläche verschwände, auf welche Weise auch immer … In letzter Zeit schien Janes Widerstand schwächer zu werden – oder war das nur Wunschdenken?

Die Brünette fragte: »Stimmt es, daß Sie für zwei Jahre nach Afghanistan gehen werden?«

»Ja, das stimmt.«

»Warum?«

»Weil ich an die Freiheit glaube, vermutlich. Und weil ich diese ganze Ausbildung nicht nur mitgemacht habe, um verfetteten Geschäftsleuten Koronar-Bypässe zu applizieren.« Die Lügen gingen ihm ganz automatisch über die Lippen.

»Aber weshalb zwei Jahre? Die meisten, die das tun, verpflichten sich für drei bis sechs Monate, äußerstenfalls für ein Jahr. Zwei Jahre, das ist ja wie eine Ewigkeit.«

»Wirklich?« Jean-Pierre lächelte gequält. »Sehen Sie, es ist schwierig, in einem kürzeren Zeitraum etwas von wirklichem Wert zu erreichen. Das Konzept, Ärzte bloß für eine Art Stippvisite dorthin zu schicken, ist äußerst ineffizient. Was die Rebellen brauchen, ist ein permanentes Versorgungszentrum, ein Krankenhaus an einem festen Ort mit einigermaßen konstantem Personal. Nach Lage der Dinge wissen die Menschen dort nicht, wohin sie ihre Kranken und Verwundeten bringen sollen, auch befolgen sie nicht die Anweisungen des Arztes, weil sie ihn nie lange genug kennen, um ihm zu vertrauen. Und niemand hat Zeit zur Ausbildung im Gesundheitswesen. Überdies macht der Transport der freiwilligen Mediziner nach Afghanistan und zurück ihre ›freien‹ Dienste ziemlich teuer.« Jean-Pierre sprach mit so viel Überzeugungskraft, daß er beinahe selbst glaubte, was er sagte, und er mußte sich sein wahres Motiv ins Gedächtnis zurückrufen: Warum er nach Afghanistan ging, und warum er dort zwei Jahre lang bleiben mußte.

Hinter ihm sagte eine Stimme: »Wer leistet ›freie‹ Dienste?«

Er drehte sich um und sah ein Pärchen mit Tabletts, auf denen sie ihr Mittagessen trugen: Valerie, eine Internistin (also von derselben Sparte wie er selbst), und ihr Intimfreund, ein Röntgenologe. Sie setzten sich zu Jean-Pierre und der Brünetten.

Die Brünette beantwortete Valéries Frage: »Jean-Pierre geht nach Afghanistan, um für die Rebellen zu arbeiten.«

»Wirklich?« Valerie zeigte sich überrascht. »Ich hatte gehört, dir sei ein toller Job in Houston angeboten worden.«

»Ich habe abgelehnt!«

»Aber warum denn?« fragte sie verblüfft.

»Ich finde es wichtig, das Leben von Freiheitskämpfern zu retten, während es auf ein paar texanische Millionäre mehr oder weniger nicht so sehr ankommt.«

Der Röntgenologe zeigte sich von Jean-Pierre weit weniger fasziniert als seine Freundin. Er schluckte einen Mundvoll Kartoffeln und sagte: »Was soll’s. Wenn Sie zurückkommen, wird man Ihnen denselben Job wieder anbieten – und Sie werden nicht nur ein Arzt, sondern auch ein Held sein.«

»Meinen Sie?« sagte Jean-Pierre kühl. Die Wendung, die das Gespräch nahm, behagte ihm gar nicht.

»Im vorigen Jahr gingen zwei Leute aus diesem Krankenhaus nach Afghanistan«, fuhr der Röntgenologe fort. »Nach ihrer Rückkehr kriegten sie unwahrscheinlich gute Jobs.«

Jean-Pierre lächelte nachsichtig. »Nett zu wissen, daß ich noch verwendbar sein werde, falls ich überlebe.«

»Das will ich doch hoffen!« sagte die Brünette indigniert. »Nach solch einem Opfer!«

»Was halten deine Eltern davon?« fragte Valerie.

»Meine Mutter hat nichts dagegen«, sagte Jean-Pierre. Natürlich hatte sie nichts dagegen: Sie liebte einen Helden. Jean-Pierre konnte sich denken, was sein Vater sagen würde über idealistische junge Ärzte, die bereit waren, für afghanische Rebellen zu arbeiten. Sozialismus bedeutet nicht, daß jeder tun kann, was er will, würde er sagen, mit rauher und beschwörender Stimme und leicht gerötetem Gesicht. Was glaubst du denn, was diese Rebellen sind? Sie sind Banditen, die die gesetzestreuen Bauern ausbeuten. Feudale Strukturen müssen vernichtet werden, bevor der Sozialismus eingeführt werden kann. Mit seiner mächtigen Faust würde er auf den Tisch schlagen. Um ein Soufflé zu machen, mußt du Eier zerbrechen – um Sozialismus zu machen, mußt du Köpfe zerbrechen! Keine Sorge, Papa, das weiß ich alles. »Mein Vater ist tot«, sagte Jean-Pierre. »Aber er war selbst ein Freiheitskämpfer. Während des Krieges kämpfte er in der Résistance.«

»Was tat er denn?« fragte der skeptische Röntgenologe, doch Jean-Pierre antwortete nicht, weil er sah, wie sich Raoul Clermont quer durch die Kantine ihrem Tisch näherte: Raoul Clermont, der Herausgeber von La Révolte, schwitzend in seinem Sonntagsanzug. Was zum Teufel wollte dieser fette Zeitungsmensch hier in der Krankenhauskantine?

»Ich muß mit Ihnen reden«, sagte Raoul ohne Umschweife. Er war außer Atem.

Jean-Pierre wies auf einen Stuhl. »Raoul –«

»Es ist dringend«, unterbrach ihn Raoul, fast als wolle er nicht, daß die anderen seinen Namen verstanden.

»Warum setzen Sie sich nicht auf einen Happen zu uns? Dann können wir in aller Ruhe miteinander sprechen.«

»Bedaure, geht leider nicht.«

In der Stimme des Dicken schwang ein Unterton von Panik mit, und er blickte Jean-Pierre geradezu flehend an. Verwundert stand Jean-Pierre auf. »Okay«, sagte er. Und um dem Ganzen einen Anstrich von Lässigkeit zu geben, fügte er hinzu: »Daß ihr mir ja nicht mein Essen wegfuttert – bin bald wieder da.« Er nahm Raoul beim Arm, und gemeinsam verließen sie die Kantine.

Jean-Pierre wollte gleich draußen auf dem Korridor stehenbleiben, um das Gespräch zu erledigen, doch Raoul ging weiter. »Monsieur Leblond schickt mich«, sagte er.

»Konnte ich mir ja denken, daß er dahintersteckt«, sagte Jean-Pierre. Vor einem Monat hatte Raoul ihn mit Leblond bekannt gemacht, der ihm dann vorschlug, nach Afghanistan zu gehen, scheinbar um den Rebellen zu helfen, wie viele junge französische Ärzte, in Wirklichkeit jedoch, um für die Russen zu spionieren. Jean-Pierre hatte Stolz empfunden, großen Stolz und eine klopfende Erregung, daß sich ihm hier die Chance bot, etwas wirklich Wichtiges für den Kommunismus zu tun. Allerdings befürchtete er, daß die Organisation, die Ärzte nach Afghanistan schickte, ihn abweisen würde, weil er Kommunist war. Zwar konnten die nicht wissen, daß er Parteimitglied war, und er dachte nicht daran, es ihnen zu verraten; doch womöglich war ihnen bekannt, daß er mit der kommunistischen Partei sympathisierte. Es gab auch viele französische Kommunisten, die die Invasion in Afghanistan keineswegs billigten. Es ließ sich nicht ganz ausschließen, daß eine vorsichtige Organisation den Vorschlag machte, Jean-Pierre solle lieber für andere Freiheitskämpfer arbeiten – zum Beispiel in El Salvador. Doch das war nicht geschehen: Jean-Pierre war sofort von Médecins pour la Liberté akzeptiert worden. Er hatte Raoul die erfreuliche Neuigkeit mitgeteilt, und Raoul hatte gesagt, es werde ein weiteres Treffen mit Leblond geben. Vielleicht war es das nun. »Aber weshalb die Panik?«

»Er will dich jetzt sehen.«

»Jetzt?« fragte Jean-Pierre ärgerlich. »Ich bin im Dienst. Da sind Patienten, die ich –«

»Um die kann sich doch jemand anders kümmern.«

»Aber weshalb diese überstürzte Eile? Bis zu meiner Abreise sind’s doch noch zwei Monate.«

»Dies hat nichts mit Afghanistan zu tun.«

»So? Worum geht es dann?«

»Keine Ahnung.«

Warum ist dir dann der Schreck so in die Glieder gefahren? fragte sich Jean-Pierre. »Du hast nicht die mindeste Ahnung?«

»Ich weiß nur, daß Rahmi Coskun verhaftet worden ist.«

»Der türkische Student?«

»Ja.«

»Weshalb?«

»Weiß ich nicht.«

»Und was hat das mit mir zu tun? Ich kenne ihn ja kaum.«

»Monsieur Leblond wird alles erklären.«

Jean-Pierre gestikulierte heftig. »Ich kann doch nicht so einfach von hier fort.«

»Was würde denn passieren, wenn du plötzlich krank würdest?« fragte Raoul.

»Ich würde es der Oberschwester melden, und sie würde für Ersatz sorgen. Aber –«

»Dann verständige sie.« Sie hatten den Ausgang erreicht, wo sich eine ganze Reihe Telefone für den internen Gebrauch befand.

Vielleicht ist dies eine Art Prüfung, dachte Jean-Pierre; eine Loyalitätsprüfung, um festzustellen, ob ich zuverlässig genug für meinen Auftrag bin. Er entschied sich, den Zorn der Krankenhausleitung zu riskieren. Er hob einen Hörer ab.

»Ich muß sofort weg. Da ist ein Notfall in meiner Familie«, sagte er, als er die richtige Verbindung hatte. »Sie müssen sofort Dr. Roche verständigen.«

»Ja, Herr Doktor«, erwiderte die Schwester ruhig. »Hoffentlich haben Sie keine traurige Nachricht erhalten.«

»Ich werd’s Ihnen später erzählen«, sagte er hastig. »Auf Wiedersehen. Oh – einen Augenblick noch.« Er hatte eine frisch operierte Patientin, die in der vergangenen Nacht Blutungen gehabt hatte. »Wie geht es Madame Ferier?«

»Zufriedenstellend. Es hat keine neuen Blutungen gegeben.«

»Gut. Behalten Sie sie ständig im Auge.«

»Ja, Herr Doktor.«

Jean-Pierre hängte auf. »Also gut«, sagte er zu Raoul. »Dann los.« Sie gingen zum Parkplatz und stiegen in Raouls Renault 5. Im Inneren des Autos war es heiß von der Mittagssonne. Raoul lenkte den Wagen durch Nebenstraßen. Er fuhr ein hohes Tempo. Jean-Pierre war nervös. Er wußte nicht genau, wer Leblond eigentlich war, nahm jedoch an, daß der Mann einen Posten beim KGB hatte. Unwillkürlich fragte sich Jean-Pierre, ob er irgend etwas getan hatte, was den Zorn der vielgefürchteten Organisation auf ihn lenkte, und – falls dem so war – mit was für einer Strafe er zu rechnen hatte.

Über die Sache mit Jane konnten die sicher noch nichts wissen.

Daß er Jane gebeten hatte, mit ihm nach Afghanistan zu gehen, ging die nichts an. Garantiert würde eine ganze Gruppe reisen, darunter, außer weiteren Ärzten, vielleicht auch eine Schwester als Assistentin für Jean-Pierre: Warum sollte Jane nicht diese Assistentin sein? Zwar war sie keine ausgebildete Krankenschwester, doch konnte sie ja einen Schnellkurs machen, und ihr großes Plus war, daß sie Farsi konnte, die persische Sprache, von der eine Abart in jener Gegend gesprochen wurde, für die Jean-Pierre bestimmt war.

Er hoffte sehr, daß sie mit ihm gehen würde, aus Idealismus und aus Abenteuerlust. Und war sie erst einmal fern vom Westen, so seine Kalkulation, würde sie Ellis nach einiger Zeit vergessen und sich in den am ehesten verfügbaren Europäer verlieben, der natürlich kein anderer sein würde als Jean-Pierre.

Er hatte auch gehofft, daß die Partei niemals erfahren würde, daß er Jane aus persönlichen Gründen ermutigte, ihn zu begleiten. Es war besser, wenn die das nicht wußten, und normalerweise gab’s ja auch keine Möglichkeit, daß sie etwas erfuhren – jedenfalls hatte er das geglaubt. Vielleicht hatte er sich geirrt. Vielleicht waren die zornig.

Ach was, alles Unsinn, dachte er. Ich habe nichts Unrechtes getan, wirklich; und selbst wenn ich was verkehrt gemacht hätte, gäb’s keine Bestrafung. Dies ist der wirkliche KGB und nicht die mysteriöse Institution, welche die Leser von Reader’s Digest in Angst und Schrecken versetzt.

Raoul hielt vor einem luxuriösen Appartement-Gebäude in der Rue de l’Université. Es war dasselbe, in dem Jean-Pierre Leblond schon zuvor getroffen hatte. Sie stiegen aus und traten ein.

Die Lobby wirkte düster. Sie folgten den Windungen der Treppe bis in den ersten Stock und klingelten. Wie sehr sich mein Leben doch verändert hat, seit ich das letzte Mal vor dieser Tür stand, dachte Jean-Pierre.

Monsieur Leblond öffnete. Er war ein kleiner, schmächtiger, fast kahlköpfiger Mann mit Brille, und in seinem dunkelgrauen Anzug mit der silbernen Krawatte sah er aus wie ein Butler. Er führte sie in den rückwärtig gelegenen Raum des Gebäudes, in dem Jean-Pierre seinerzeit befragt worden war. Die hohen Fenster und die eleganten Verzierungen ließen erkennen, daß dies einmal ein luxuriöser Salon gewesen war, doch jetzt befanden sich darin ein Nylon-Teppich, ein billiger Büroschreibtisch und ein paar orangefarbene Plastikstühle.

»Wartet hier einen Augenblick«, sagte Leblond. Seine Stimme klang ruhig, befehlsgewohnt und gleichsam staubtrocken. Ein leichter, jedoch unverkennbarer Akzent ließ ahnen, daß sein wirklicher Name nicht Leblond war. Er ging durch eine andere Tür hinaus.

Jean-Pierre setzte sich auf einen der Plastikstühle. Raoul blieb stehen. In diesem Raum, dachte Jean-Pierre, hat jene staubtrockene Stimme zu mir gesagt: Du bist praktisch seit deiner Kindheit ein stilles und loyales Parteimitglied. Dein Charakter und deine Herkunft lassen darauf schließen, daß du der Partei in einer geheimen Funktion von großem Nutzen wärest.

Hoffentlich habe ich nicht alles wegen Jane ruiniert, dachte er.

Leblond kam mit einen anderen Mann zurück. Die beiden blieben in der Türöffnung stehen, und Leblond deutete auf Jean-Pierre. Der zweite Mann musterte ihn eindringlich, als wollte er sich sein Gesicht genau einprägen. Jean-Pierre erwiderte den Blick. Der Mann war sehr groß, mit einem Kreuz wie ein Kleiderschrank. Sein langes Haar war nach oben zu schon recht schütter, und sein Schnauzbart hing welk herab. Er trug eine grüne Cordjacke mit geschlitzten Ärmeln. Nach ein paar Sekunden nickte er und ging hinaus.

Leblond schloß die Tür hinter ihm und setzte sich an den Schreibtisch. »Es hat eine Katastrophe gegeben.«

Mit Jane hat’s also nichts zu tun, dachte Jean-Pierre. Gott sei Dank.

Leblond sagte: »In deinem Freundeskreis gibt es einen CIA-Agenten.«

»Mein Gott!« sagte Jean-Pierre.

»Das ist doch nicht die Katastrophe«, erklärte Leblond gereizt. »Daß sich unter deinen Freunden ein amerikanischer Spion befindet, kann kaum überraschen. Zweifellos haben die Israelis, die Südafrikaner, die Franzosen dort auch ihre Spione. Ist doch klar, daß alle ein Interesse daran haben, Gruppen junger politischer Aktivisten zu infiltrieren. Genau wie wir unseren Mann dort haben.«

»Und wer ist das?«

»Du.«

»Oh!« Jean-Pierre war bestürzt: Als Spion hatte er sich eigentlich nicht betrachtet. Aber was sonst sollte der Satz schon heißen: der Partei in einer geheimen Funktion von Nutzen sein? »Wer ist der CIA-Agent?« fragte er voller Neugier.

»Ein gewisser Ellis Thaler.«

Jean-Pierre war so schockiert, daß er unwillkürlich aufsprang. »Ellis?«

»Du kennst ihn also wirklich. Gut.«

»Ellis ist ein CIA-Agent?«

»Setz dich«, sagte Leblond streng. »Unser Problem ist nicht, wer er ist, sondern was er getan hat.«

Jean-Pierre dachte: Wenn Jane das erfährt, wird sie Ellis fallenlassen wie eine heiße Kartoffel. Wird man mir erlauben, es ihr zu sagen? Und wenn nicht: Wird sie’s auf eine andere Weise erfahren? Wird sie es glauben? Wird Ellis es abstreiten?

Leblond sprach. Jean-Pierre zwang sich, konzentriert zuzuhören. »Die Katastrophe besteht darin, daß Ellis eine Falle aufstellte. Und in diese Falle ist jemand geraten, der für uns ziemlich wichtig ist.«

Jean-Pierre erinnerte sich, daß Raoul gesagt hatte, Rahmi Coskun sei festgenommen worden. »Rahmi ist für uns wichtig?«

»Doch nicht Rahmi.«

»Wer ist es dann?«

»Das brauchst du nicht zu wissen.«

»Weshalb bin ich dann hierher beordert worden?«

»Halt die Klappe und hör zu«, fuhr ihn Leblond an, und zum erstenmal hatte Jean-Pierre Angst vor ihm. »Ich kenne deinen Freund Ellis natürlich nicht persönlich. Raoul leider auch nicht. Also wissen wir beide nicht, wie er aussieht. Aber du weißt es. Deshalb habe ich dich herbestellt. Weißt du auch, wo Ellis wohnt?«

»Ja. Er hat ein Zimmer über einem Restaurant in der Rue de l’Ancienne Comédie.«

»Geht das Zimmer auf die Straße hinaus?«

Jean-Pierre krauste die Stirn. Er war nur ein einziges Mal dort gewesen: Ellis lud nur selten jemanden zu sich ein. »Ich glaube, ja.«

»Du bist dir nicht ganz sicher?«

»Augenblick, ich muß nachdenken.« Eines späten Abends, nach einer Filmvorführung an der Sorbonne, hatte er zusammen mit Jane und einem Haufen anderer Ellis besucht. Es war ein kleines Zimmer. Jane hatte sich beim Fenster auf den Fußboden gesetzt … »Ja. Das Fenster geht auf die Straße hinaus. Weshalb ist das wichtig?«

»Es bedeutet, daß du Signale geben kannst.«

»Ich? Warum? Und wem?«

Leblond warf ihm einen drohenden Blick zu.

»Verzeihung«, sagte Jean-Pierre.

Leblond zögerte. Als er wieder sprach, klang seine Stimme etwas weicher, während sein Gesicht ausdrucksleer blieb. »Du hast eine Feuertaufe vor dir. Ich bedaure es, dich bei einer solchen … Aktion einsetzen zu müssen, da du dergleichen noch nie für uns getan hast. Aber du kennst Ellis, und du bist hier, und im Augenblick haben wir keinen anderen, der ihn kennt. Und was wir vorhaben, ist wirkungslos, wenn wir es nicht sofort tun. Also. Hör genau zu, denn dies ist wichtig. Du gehst zu seinem Zimmer. Befindet er sich dort, so gehst du unter irgendeinem Vorwand hinein. Tritt ans Fenster, lehne dich hinaus und vergewissere dich, daß Raoul dich sieht, der auf der Straße warten wird.«

Raoul schien buchstäblich die Ohren zu spitzen: reagierte wie ein Hund, dessen Name zufällig in einem Gespräch genannt wird.

Jean-Pierre fragte: »Und wenn Ellis nicht dort ist?«

»Sprich mit seinen Nachbarn. Versuche herauszubekommen, wo er hingefahren ist und wann er voraussichtlich zurückkommen wird. Hast du den Eindruck, daß er nur für ein paar Minuten oder selbst für eine Stunde fort ist, so warte auf ihn. Wenn er kommt, gehe genauso vor, wie ich’s dir bereits erklärt habe: Tritt ein, geh zum Fenster und vergewissere dich, daß Raoul dich sieht. Dein Erscheinen am Fenster ist das Zeichen, daß Ellis im Zimmer ist – tritt also auf gar keinen Fall ans Fenster, wenn Ellis nicht dort ist. Hast du verstanden?«

»Sicher habe ich verstanden«, sagte Jean-Pierre. »Nur, was soll das alles?«

»Wir wollen Ellis identifiziert haben.«

»Und wenn er identifiziert ist, was dann?«

Leblond gab die Antwort, auf die Jean-Pierre kaum zu hoffen gewagt hatte und die ihn tief erregte: »Wir werden ihn natürlich liquidieren.«

3

JANE BREITETE EINE geflickte weiße Decke über den winzigen Tisch in Ellis’ Zimmer und legte zwei ramponierte Bestecke darauf. In dem Schränkchen unter dem Ausguß fand sie eine Flasche Fleurie und öffnete sie. Gern hätte sie eine Kostprobe genommen, doch sie entschied sich, damit zu warten, bis Ellis kam. Sie stellte Gläser auf den Tisch; Salz und Pfeffer, Senf und Papierservietten folgten. Sollte sie schon mit dem Kochen anfangen? Nein, es war besser, das ihm zu überlassen.

Ellis’ Zimmer gefiel ihr nicht. Es wirkte kahl und eng und unpersönlich. Als sie es das erste Mal gesehen hatte, war sie ziemlich schockiert gewesen. Da hatte sie sich mit diesem Mann verabredet, der so entspannt und warmherzig und reif wirkte, und natürlich hatte sie erwartet, daß die Wohnung, in der er lebte, Ausdruck seiner Persönlichkeit sein würde: ein attraktives, komfortables Appartement mit vielen Erinnerungsstücken aus seiner erlebnis- und erfahrungsreichen Vergangenheit. Doch über den Mann, der hier wohnte, sagte das Zimmer nichts aus – nicht, daß er verheiratet gewesen war, daß er in einem Krieg gekämpft hatte, daß er einmal Kapitän des Football-Teams seiner Schule gewesen war, daß er LSD genommen hatte. Die kalten, weißen Wände waren mit ein paar nichtssagenden Postern geschmückt. Das Geschirr stammte aus Trödelläden, und die Kochtöpfe waren aus billigem Blech. In den Lyriktaschenbüchern auf dem Bücherbord fand sich nirgends eine Widmung. Seine Jeans und seine Pullis bewahrte er in einem Plastikkoffer unter dem klapprigen Bett auf. Wo waren seine alten Schulzeugnisse, die Fotos von seinen Neffen und Nichten, sein so hochgeschätztes Exemplar von Heartbreak Hotel, irgendwelche Souvenirs von irgendwelchen Reisen, Geschenke von Verwandten oder Freunden? Das Zimmer enthielt nichts Interessantes, keinen jener Gegenstände, die man nicht ihrer selbst wegen aufbewahrt, sondern wegen ihres Symbolwertes. Nichts fand sich, das Ausdruck seiner Persönlichkeit, seiner Seele war.

Es war das Zimmer eines verschlossenen Mannes, eines Mannes, der seine persönlichsten Gedanken niemals mit jemandem teilen würde. Allmählich und mit tiefem Erschrecken war Jane bewußt geworden, daß das Zimmer sehr wohl Ellis’ Persönlichkeit ausdrückte: kalt und abweisend-verschlossen.

Dabei paßte das irgendwie gar nicht zusammen. Er war ein so selbstsicherer Mann, der sich vor niemandem und nichts zu fürchten schien. Im Bett kannte er keinerlei Hemmungen und lebte seine Sexualität voll aus. Er tat und sagte, was ihm gefiel, ohne Scheu oder Scham. Noch nie hatte Jane einen Mann wie ihn gekannt. Doch oft, allzu oft – im Bett, in einem Restaurant, bei einem Spaziergang –, wenn sie mit ihm lachte oder ihm zuhörte und sah, wie er grübelnd die Stirn krauste, geschah es, daß er gleichsam ein Visier herunterklappen ließ. Sein Gesicht wirkte verschlossen, und er war nicht mehr jener liebevolle und amüsante oder auch nachdenkliche und rücksichtsvolle oder zärtliche und leidenschaftliche Mann von sonst. Er gab ihr das Gefühl, abgewiesen zu werden, eine Fremde zu sein, ein Eindringling in seiner privaten Welt. Es war, als verschwinde die Sonne hinter einer Wolke.

Sie wußte, daß sie ihn verlassen würde. Zwar liebte sie ihn über alles, doch schien er sie nicht in gleicher Weise lieben zu können. Er war dreiunddreißig Jahre alt, und wenn er sie bis jetzt nicht erlernt hatte, die Kunst wahrer Intimität, dann war da auch keine Hoffnung mehr.

Sie setzte sich aufs Sofa und begann, The Observer zu lesen, den sie auf dem Boulevard Raspail an einem internationalen Zeitungsstand gekauft hatte. Auf der Titelseite war ein Bericht über Afghanistan. Das schien der richtige Ort zu sein, um Ellis zu vergessen.

Die Idee hatte ihr sofort gefallen. Zwar liebte sie Paris, und ihr Job war ziemlich abwechslungsreich, doch sie wollte mehr: Erlebnisse, Abenteuer und eine Chance, etwas für die Freiheit zu tun. Angst hatte sie nicht. Jean-Pierre hatte ihr versichert, Ärzte seien zu wertvoll, als daß man sie ins Kampfgebiet schickte. Gewiß riskierte man, von einer »verirrten« Bombe erwischt zu werden oder in ein Scharmützel zu geraten, doch war die Gefahr wahrscheinlich nicht größer, als daß man hier in Paris einen Verkehrsunfall erlitt.

Jane war sehr neugierig, was die Lebensweise der afghanischen Rebellen betraf. »Was essen sie dort?« hatte sie Jean-Pierre gefragt. »Was für Kleidung tragen sie? Wohnen sie in Zelten? Haben sie Toiletten?«

»Keine Toiletten«, hatte er erwidert. »Keine Elektrizität. Keine Straßen! Keinen Wein. Keine Autos. Keine Zentralheizung. Keine Zahnärzte. Keine Postboten. Keine Telefone. Keine Restaurants. Keine Reklame. Kein Coca-Cola. Keine Wettervorhersage, keine Börsenberichte, keine Dekorateure, keine Sozialarbeiter, keine Lippenstifte, kein Tampax, keine Modenschau, keine Dinner-Parties, keine Taxistände, keine Schlangen an Bushaltestellen –«

»Hör auf!« hatte sie ihn unterbrochen; er hätte wohl noch stundenlang so fortfahren können. »Die müssen doch Busse und Taxis haben.«

»Nicht auf dem Land. Ich gehe in ein Gebiet mit dem Namen ›Fünf-Löwen-Tal‹, eine Bastion der Rebellen in den Ausläufern des Himalaya. Und die war schon primitiv, bevor die Russen sie bombardierten.«

Jane war fest davon überzeugt, daß sie auch ohne WC oder Lippenstift oder Wettervorhersage glücklich leben konnte. Allerdings hatte sie das Gefühl, daß er die Gefahren auch außerhalb des eigentlichen Kampfgebietes unterschätzte; doch aus irgendeinem Grunde schreckte sie das nicht. Ihre Mutter würde zweifellos hysterisch reagieren, während ihr Vater, hätte er noch gelebt, gesagt haben würde: »Viel Glück, Jane.« Er hatte gewußt, wie wichtig es war, daß man etwas Lohnenswertes mit seinem Leben anfing. Obwohl er ein guter Arzt gewesen war, hatte er es nie zu einem Vermögen gebracht, weil er, wo immer sie auch lebten – Nassau, Kairo, Singapur, hauptsächlich jedoch in Rhodesien –, arme Patienten kostenlos behandelte, so daß diese in Scharen zu ihm kamen, während jene, welche zahlen konnten, mehr und mehr wegblieben.

Ein Geräusch unterbrach sie in ihren Gedanken: Schritte von der Treppe her. Ihr wurde bewußt, daß sie nur wenige Zeilen in der Zeitung gelesen hatte. Die Schritte – nein, sie klangen nicht nach Ellis. Gleich darauf klopfte es an die Tür.

Jane legte die Zeitung zur Seite und öffnete. Dort stand Jean-Pierre. Er war fast genauso verblüfft wie sie. Für einen Augenblick starrten sie einander wortlos an. Dann sagte Jane: »Du siehst irgendwie schuldbewußt aus. Ich auch?«

»Ja«, sagte er und lächelte.

»Ich habe gerade an dich gedacht. Komm herein.«

Er trat ein und blickte sich um. »Ellis ist nicht hier?«

»Er müßte bald kommen. Nimm doch Platz.«

Jean-Pierre ließ seinen langen Körper auf dem Sofa nieder.

Jane dachte wieder, was sie schon oft gedacht hatte: daß er wahrscheinlich der schönste Mann war, den sie je kennengelernt hatte. Sein Gesicht besaß sehr regelmäßige Züge, mit einer hohen Stirn, einer kräftigen, aristokratisch wirkenden Nase, klaren braunen Augen und einem sinnlichen Mund, der teilweise verdeckt wurde von einem vollen, dunkelbraunen Bart, der auf der Oberlippe durchsetzt war mit ein paar Streifen von hellerem Braun. Seine Kleidung war zwar billig, jedoch sorgfältig gewählt, und er trug sie mit einer nonchalanten Eleganz, um die ihn Jane beneidete.

Sie mochte ihn sehr. Sein großer Fehler war, daß er an Selbstüberschätzung litt; doch war er hierin so naiv, daß es schon wieder etwas Entwaffnendes hatte – wie ein prahlerisches Kind. Sein Idealismus und seine Hingabe an die Medizin gefielen ihr. Er besaß einen ungeheuren Charme. Außerdem hatte er eine geradezu märchenhafte Phantasie, die manchmal sehr komisch sein konnte: Irgendeine Absurdität, ein Versprecher zum Beispiel, schien einen Funken in ihm zu entzünden, und schon stürzte er sich in einen kuriosen Monolog, der zehn oder fünfzehn Minuten dauern konnte. Als irgend jemand eine Bemerkung zitierte, die Jean-Paul Sartre über Fußball gemacht hatte, legte Jean-Pierre spontan los mit einem Kommentar über ein Fußball-Match, wie ihn ein existentialistischer Philosoph geliefert haben könnte. Jane hatte gelacht, bis ihr der Bauch weh tat. Es hieß, daß seine Fröhlichkeit auch ihre Kehrseite hatte, und zwar in Form von Phasen tiefster Depression, doch davon hatte Jane nie etwas bemerkt.

»Trink einen Schluck von Ellis’ Wein«, sagte sie und griff nach der Flasche auf dem Tisch.

»Nein, danke.«

»Übst du schon für dein Leben in einem mohammedanischen Land?«

»Nicht speziell.«

Er wirkte sehr ernst. »Was ist denn?« fragte sie.

»Ich muß mit dir über etwas Wichtiges reden.«

»Das hast du doch schon vor drei Tagen getan«, sagte sie etwas ironisch. »Oder hast du das schon vergessen? Du hast mich aufgefordert, meinen Freund zu verlassen und mit dir nach Afghanistan zu gehen – ein Angebot, dem wenige Frauen widerstehen könnten.«

»Sei ernst.«

»Schon gut. Ich habe mich noch nicht entschieden.«

»Jane. Ich habe etwas Furchtbares über Ellis in Erfahrung gebracht.«

Sie sah ihn forschend an. Was würde jetzt kommen? Würde er ihr eine erfundene Geschichte, eine Lüge erzählen, um sie dazu zu bringen, daß sie mit ihm nach Afghanistan ging? Nein, dachte sie, das wird er nicht tun. »Also, was ist es?«

»Er ist nicht, was zu sein er vorgibt«, sagte Jean-Pierre.

Er gab sich schrecklich melodramatisch. »Du sprichst ja wie mit Grabesstimme. Was soll das? Worauf willst du hinaus?«

»Er ist kein armer Poet oder so. Er arbeitet für die amerikanische Regierung.«

Jane krauste die Stirn. »Für die amerikanische Regierung?«

Ihr erster Gedanke war, daß er sich ein falsches Bild machte. »Er gibt ein paar Franzosen, die für die amerikanische Regierung arbeiten, Englischunterricht.«

»Das meine ich nicht. Er bespitzelt radikale Gruppen. Er ist ein Agent. Er arbeitet für die CIA.«

Jane lachte laut auf. »Sag mal, spinnst du? Glaubst du wirklich, mich ihm mit einem solchen Märchen abspenstig machen zu können?«

»Es ist die Wahrheit, Jane.«

»Es ist nicht die Wahrheit. Ellis kann kein Spion oder Spitzel sein. Da hätte ich garantiert was bemerkt. Ich lebe praktisch schon seit einem Jahr mit ihm zusammen.«

»Theoretisch, meinst du wohl. Du hast nicht wirklich mit ihm zusammengelebt, oder?«

»Das macht keinen Unterschied. Ich kenne ihn.« Aber noch während sie sprach, dachte Jane: Es würde eine Menge erklären. Sie kannte Ellis nicht wirklich. Doch sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er nicht tückisch und gemein und hinterhältig war – kein böser Mensch.

»Die ganze Stadt weiß es«, sagte Jean-Pierre. »Rahmi Coskun ist heute morgen festgenommen worden, und es heißt allgemein, dafür sei Ellis verantwortlich.«

»Weshalb hat man Rahmi festgenommen?«

Jean-Pierre zuckte die Achseln. »Wegen Subversion, zweifellos. Jedenfalls sucht Raoul Clermont jetzt in der ganzen Stadt nach Ellis, und irgendwer schreit nach Vergeltung.«

»Ach, Jean-Pierre, das ist doch lachhaft«, sagte Jane. Plötzlich war ihr sehr heiß. Sie trat zum Fenster und öffnete es. Als sie nach unten auf die Straße blickte, sah sie Ellis’ blonden Schopf, der gerade in der Haustür verschwand. »Nun«, sagte sie zu Jean-Pierre, »er kommt gerade. Jetzt mußt du ihm diese alberne Geschichte auch erzählen.« Sie hörte Ellis’ Schritte auf der Treppe.

»Genau das ist meine Absicht. Was glaubst du denn, weshalb ich hier bin? Ich will ihn warnen, daß man hinter ihm her ist.«

Jane begriff, daß Jean-Pierre im Ernst sprach: daß er diese Geschichte wirklich glaubte. Nun, Ellis würde da gleich Klarheit schaffen.

Die Tür ging auf, und Ellis trat ein.

Er sah sehr glücklich aus, so als habe er eine prachtvolle Neuigkeit zu überbringen, und als Jane sein rundes, lächelndes Gesicht sah, mit der gebrochenen Nase und den durchdringend blauen Augen, schlug ihr das Gewissen wegen ihres Flirts mit Jean-Pierre.

Ellis blieb in der Tür stehen, offensichtlich von Jean-Pierres Anwesenheit überrascht. Sein Lächeln schien zu verblassen. »Hallo, ihr beiden«, sagte er. Er zog die Tür hinter sich zu und schloß sie ab, wie er es immer tat. Bisher hatte Jane das für eine Art Spleen gehalten, aber jetzt kam ihr der Gedanke, daß dies genau dem Verhalten eines Spions entsprechen mochte. Sie verdrängte die Vorstellung.

Jean-Pierre sprach als erster. »Die sind über dich im Bilde, Ellis. Die wissen Bescheid. Und sie sind hinter dir her.«

Jane blickte vom einen zum anderen. Jean-Pierre war größer als Ellis, doch Ellis hatte breitere Schultern und eine breitere Brust. Sie standen da und sahen einander an wie zwei Katzen, die wechselseitig Maß nehmen.

Jane legte ihre Arme um Ellis, küßte ihn ein wenig schuldbewußt und sagte: »Jean-Pierre hat die absurde Behauptung aufgestellt, du seist ein CIA-Spion.«

Jean-Pierre beugte sich aus dem Fenster und ließ seinen Blick über die Straße gleiten. Dann drehte er sich um. »Sag’s ihr, Ellis.«

»Wo hast du das gehört?« fragte Ellis ihn.

»Es ist inzwischen stadtbekannt.«

»Und von wem genau hast du es gehört?« fragte Ellis.

»Von Raoul Clermont.«

Ellis nickte. Auf englisch sagte er: »Jane, würdest du dich bitte hinsetzen?«

»Ich will mich nicht setzen«, sagte sie gereizt.

»Ich habe dir etwas zu sagen«, erklärte er.

Es konnte nicht wahr sein, es durfte nicht wahr sein. Jane spürte, daß ein Gefühl von Panik in ihr aufstieg. »Dann fang damit an«, sagte sie, »und hör auf, mich zum Sitzen aufzufordern!«

Ellis blickte zu Jean-Pierre. »Würdest du uns allein lassen?« sagte er auf französisch.

Jane wurde zornig. »Was willst du mir erzählen? Warum sagst du nicht einfach, daß Jean-Pierre unrecht hat? Sag mir, daß du kein Spion bist, Ellis, ich werde sonst glatt verrückt!«

»So einfach ist das nicht«, sagte Ellis.

»Doch, es ist einfach!« Ihre Stimme bekam einen hysterischen Unterton. »Er sagt, daß du ein Spion bist, daß du für die amerikanische Regierung arbeitest und daß du mich, seit wir uns kennen, unentwegt schamlos und gemein angelogen hast. Ist das wahr? Ist es wahr oder nicht wahr? Raus mit der Sprache!«

Ellis seufzte. »Ich fürchte, es ist wahr.«

Jane hatte das Gefühl zu explodieren. »Du Saukerl!« schrie sie. »Du Schweinehund!«

Ellis’ Gesicht war von steinerner Ausdruckslosigkeit. »Ich wollte dich heute ins Bild setzen«, erklärte er.

Es klopfte an die Tür. Sie ignorierten es beide. »Du hast mich und all meine Freunde bespitzelt!« fauchte Jane. »Ich schäme mich für dich!«

»Meine Arbeit hier ist beendet«, sagte Ellis. »Ich brauche dich nicht mehr anzulügen.«

»Dazu wirst du auch gar keine Gelegenheit haben. Ich will dich niemals wiedersehen.«

Es klopfte wieder, und Jean-Pierre sagte auf französisch: »Da ist jemand an der Tür.«

Ellis sagte: »Das ist doch nicht dein Ernst – daß du mich niemals wiedersehen willst.«

»Du begreifst einfach nicht, was du mir angetan hast, wie?« fragte sie.

Jean-Pierre sagte: »Öffnet die verdammte Tür, Herrgott noch mal!«

Jane murmelte: »Gütiger Himmel«, und trat zur Tür. Sie schloß sie auf und öffnete sie. Draußen stand ein großer, breitschultriger Mann in einer grünen Cordjacke mit einem Schlitz im Ärmel. Jane hatte ihn noch nie gesehen. Sie fragte: »Was zum Teufel wollen Sie?« Dann sah sie die Pistole in seiner Hand.

Die nächsten Sekunden schienen sich endlos zu dehnen.

Doch Jane ging es blitzschnell durch den Kopf, daß alles genau so sein mochte, wie Jean-Pierre es behauptet hatte.

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