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Die Lilie von Palermo

CHARLOTTE LYNE

Die Lilie
   von Palermo

Historischer Roman

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BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für Lola

 

No man is an island.

 

JOHN DONNE

OUVERTÜRE

Neapel, 29. Oktober 1268

In cor’ par ch’eo vi porti

Pinta come parete,

E non pare difore.

Im Herzen halte ich dich,

Dein Bild, wie es dir gleicht

Und wie es sich außen nicht zeigt.

Giacomo da Lentini, Begründer der Scuola Siciliana,
Schöpfer des Sonetts, um 1230

1

Ihre kleinen Sohlen klopften aufs Pflaster wie Hämmer, die Kupfer trieben. Emidio, der dem Tumult auf dem Campo zusah und in Gedanken eine Zeichnung machte, erschrak und hielt inne. Er musste sich täuschen. Im Brausen des Menschengetümmels konnte nicht einmal das von Sehnsucht geschärfte Gehör eines Verliebten einen einzelnen Schritt erkennen. Dennoch war er sich sicher. Die schnellen Schritte gehörten Marianna, und so wie er die Zeichnung im Geiste vor sich gesehen hatte, sah er jetzt sie: ihre fliegenden Röcke, die feinen Flechten, die sich aus dem Gebände lösten, den fast noch kindlichen Brustkorb, der sich mit ihren Atemzügen hob und senkte.

Im Frühjahr war sie oft so gerannt, im Zickzack durch halb Neapel bis auf den belebten Platz, wo Emidio an Markttagen seine Arbeit zum Verkauf anbot. Er hatte es ihr verboten. Der Campo del muricino galt zwar neuerdings als Herz der Stadt, doch gelegen war er an ihrer kalten Schulter, die die Verführerin Neapel all jenen zeigte, die mit ihrem atemberaubenden Höhenflug nicht mithalten konnten: den Gottlosen und den Gottverlassenen, den Entrechteten und jenen, denen jedes Mittel recht war.

Emidio wollte nicht, dass Marianna sich allein durch das Spinnennetz dieser Gassen schlug. Es war keine Gegend für eine wie sie, und allein der Gedanke, ihr könne etwas zustoßen, schnürte ihm die Kehle zu. Er hatte zornig auf sie sein wollen, doch sooft er das Getrappel ihrer Sohlen vernommen und ihr vom Laufen erhitztes Gesicht erkannt hatte, war sein Zorn verraucht wie das Feuer beim Amboss, und seine Arme hatten sich geöffnet wie von selbst.

Wenn sie sich hineinwarf, war sie wieder das Mädchen, das bei ihm alles suchte: Schutz und Liebe und den Duft des wahren Lebens. Statt sie zurechtzuweisen, hatte er lächeln und sie in seinen Armen einschließen müssen, so fest und sicher wie in ihres Vaters Haus.

Nicht so heute.

Heute war kein gewöhnlicher Tag, und Marianna hätte sein Verbot nicht missachten und herkommen dürfen. Sie war zart, und ihre Brust mochte kindlich wirken, aber der geschwollene Leib ließ keinen Zweifel daran, dass sie kein Kind mehr war. Sie kam schon in Hörweite, außer Atem rief sie nach ihm, doch zwischen ihnen toste das Menschenmeer. Köpfe schnellten wie Wellenkronen in die Höhe, und eine sich bäumende Woge aus Leibern versperrte Marianna den Weg.

»Midiú! Ahime, Midiú!«

Sie sprach seinen Namen anders aus als jeder sonst in Neapel. Mit ihrer Art, den Vokal am Ende zu verdunkeln und in die Länge zu ziehen, verriet sie, dass sie beide fremd waren, dass sie nur zueinander und sonst zu niemandem gehörten. Auch nicht zu dem, den Beamte des Franzosenkönigs gleich durch die Menschenmenge und die Stufen hinauf auf das Holzgerüst schleifen würden, um ihn hier, vor den Augen der Gaffer, ums Leben zu bringen.

Sie waren Sizilianer, echte, nicht solche vom Festland, die lediglich demselben König untertan waren, aber von Sizilien nichts verstanden. Sie kamen von der Insel, ihre Sprache war dunkel und abgeschliffen wie Küstenfelsen, und die Stadt, in der sie geboren worden waren, hieß in dieser dunklen Sprache Paliemmu. Wenn man sich nach ihr sehnte, duftete sie nach Pinienharz und vor Reife geplatzten Orangen, wenn man in ihr erwachte, stank sie nach Pisse und verfaultem Fisch. Rot war ihre Farbe – rot für Feuer, Wein und Blut.

Die Sizilianer, so ging das Gerede, waren wie Stacheln im Fleisch der französischen Besatzer, stählerne Stacheln, die sich nicht beugen ließen, sondern sich einfraßen und Gift ins Blut träufelten, als säße dem verhassten König, Karl von Anjou, ein Seeigel auf der Schulter.

Was man nicht beugen konnte, zerbrach man. Emidio war Schmied, er wusste, wie groß die Versuchung war, störrischem Material mit brachialer Gewalt zuzusetzen, es nicht geduldig zu recken und auszuschmieden, sondern ihm blindwütig Hammerschläge zu verpassen, bis das Werkstück für alle Zeit verdorben war. König Karls Bewaffnete, die in zwei Reihen das Gerüst umstanden, hielten statt der Hämmer Schwerter und Lanzen. Wenn sie einen Sizilianer sprechen hörten, der sich keine Mühe gab, seinen Zungenschlag zu verbergen, horchten sie auf und umfassten ihre Waffen fester. Ein Rest verhangener Sonne ließ ihre Klingen blitzen.

Wäre einer dieser Wachleute unbewaffnet vor seinen Scharren getreten, hätte Emidio sich mit ihm auf ein Gespräch eingelassen. Glaubst du das wirklich, compagno?, hätte er ihn fragen wollen. Glaubst du wirklich, der kleine Deutsche, der Staufer, dem ihr den Kopf abschlagen wollt, wäre uns als König lieber als der Franzose, der uns knechtet? Schon recht, unter den Deutschen war unser Palermo eine strahlende Hauptstadt, während der Franzose es verkümmern lässt und seine Würde der Kurtisane Neapel vor die Füße wirft, doch warum sollte uns das scheren? Wir sind kleine Leute, wir knirschen unter der Steuerlast des Franzosen mit den Zähnen und haben genauso unter dem Deutschen geknirscht. Fremd sind sie uns beide, und wir auf Sizilien sind an Fremde gewöhnt. Byzantiner, Sarazenen, Juden, Griechen, Normannen, Deutsche – ihr Zeichen haben sie uns alle aufgebrannt. Der unglückselige Staufer gäbe nichts um uns – weshalb also sollten wir um ihn und sein Elend mehr als eine saure Feige geben?

Aber um solche Gespräche zu führen, war jetzt nicht die Zeit. Vor Emidios Scharren stand kein Unbewaffneter, der Lust zum Schwatzen hatte, sondern eine dicht gedrängte Horde, die Marianna den Weg abschnitt. Ihre verzweifelten Rufe verloren schon an Kraft.

»Midiú, hilf mir! Ich muss doch zu dir, Midiú!«

Jemand versetzte ihr einen Stoß, sodass sie ins Taumeln geriet und um ein Haar gestürzt wäre. Mit einem Satz sprang Emidio hinter dem Scharren hervor und stieß wie ein Rammbock in die Menge. Die brach auseinander, kreischend und zeternd flohen die Gaffer beiseite.

Emidio machte von der Kraft, die in seinem Körper ruhte, nur am Amboss gern Gebrauch, doch wenn jemand Marianna anrührte, kannte er kein Halten. Sie war sein Liebstes, niemand durfte ihr ein Haar krümmen, und Opfer hatte sie um seinetwillen schon genug erbracht. Einen Kerl, der nicht schnell genug aus dem Weg floh, stieß er beiseite, dass ihm die Kiepe vom Rücken kippte und ein Hagel von Zitrusfrüchten sich über den hart gebackenen Boden ergoss. Es klang wie einer der Trommelwirbel, mit denen die Steuereintreiber in Paliemmu die Leute aus der Deckung ihrer Häuser scheuchten.

»Midiú!«

Mariannas Rufen ging in Weinen über, und im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen. Entsetzen schüttelte ihn, während er vergeblich versuchte, die Bilder niederzukämpfen, die ihm durchs Hirn schossen: Marianna, seine kindlich schmale picciotta, zu Boden gestoßen, von einer Heerschar trampelnder Sohlen überrannt, der Leib vornübergekrümmt, um das zu schützen, was darin heranwuchs – den Funken Leben, noch schmaler, noch wehrloser, noch zerbrechlicher als sie. Emidio war nicht zart besaitet. Er war ein Schmied, ein robuster Bursche, der sich nie gescheut hatte, dem Leben ins Auge zu blicken, auch da, wo es wenig appetitlich war. Seine Liebe zu Marianna aber machte ihn verletzlich, und seit sie sein Kind erwartete, fühlte er sich an manchen Tagen, als hätte jemand die Haut auf seinen kräftigen Schultern mit dem Schabeisen dünn gewetzt.

Er hielt sie fest und spürte, wie sie in seinen Armen zusammenfuhr, weil er ihr wehtat. »Geschieht dir recht«, murmelte er und hielt sie noch fester. »Wozu rede ich überhaupt mit dir? Wozu erkläre ich dir geduldig wie ein Esel, was alles passieren kann, wenn du dir denkst: ›Dem, was der Dummkopf schwatzt, brauche ich nicht zuzuhören, und meine Ohren habe ich ohnehin nur, weil ihre Muscheln hübsch sind.‹«

Zaghaft hob sie den Kopf und sah mit weiten Augen zu ihm auf. »Findest du das wirklich? Dass meine Ohrmuscheln hübsch sind?«

»Darüber reden wir nicht. Lass die Koketterie.« Das war Unsinn. Koketterie war ihr fremd, und er fand alles an ihr hübsch, jede Haarsträhne, jede helle Wimper.

»Ich habe noch nie gedacht, dass du ein Dummkopf bist«, sagte sie. »Du bist der klügste Mann, den ich kenne, ich höre jedes Wort, das du sagst, und bitte sei mir doch nicht mehr böse, Midiú.«

»Ich bin dir aber böse!«, herrschte er sie an. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst in der Wohnung bleiben und die Tür verriegeln, weil heute in dieser Stadt der Teufel los ist?«

Die flache Hand, mit der sie ihm über die Brust gestrichen hatte, hielt still. Unter ihrer Handfläche vernahm er sein Herz. So war es vom ersten Tag an gewesen: Seit er sie kannte, spürte er sich selbst.

»Ich hab’s in der Wohnung nicht ausgehalten«, sagte sie. »Wenn der Teufel los ist, muss ich doch bei dir sein, amuri.«

Emidio empfand einen Anflug von Schwäche. Der Lärm um ihn schwoll an, der Tumult schien sich wie bei einem Wasserstrudel zur Mitte hin zu verdichten. Die Umschlingung, in der er Marianna hielt, wurde weicher, ohne sich zu lösen. Mit den Lippen zog er ihr das verrutschte Gebände, das sie von Rechts wegen nicht hätte tragen müssen, vom Kopf, ließ es fallen und küsste den milchblonden Schopf. »Nicht weinen, Marinuzza. Ist schon gut.«

»Wirklich, amuri? Bist du mir nicht mehr böse?«

»Aber ja doch. Was denn sonst?«

Er hatte ihr schließlich nichts vorzuwerfen. In dem Loch in Napoli sotterranea, das sie ihre Wohnung nannten, weil sie es unmöglich ihr Zuhause nennen konnten, ließ es sich nicht aushalten. Hätte er selbst den ganzen Tag über darin eingesperrt bleiben sollen, hätte er den Verstand verloren oder wäre ausgebrochen. Und dabei war Marianna viel weniger als er für einen solchen Ort gemacht.

Napoli sotterranea, Neapel unter der Erde, das war das Gewirr von Gängen, Kammern und Kanälen unter Neapels erhabenen Bauten, die zweite Welt, die sich unter der ersten verbarg wie das Reich eines dunklen Märchens, das man Kindern erzählt, um sie das Fürchten zu lehren. Es war schändlich, dass er Marianna kein angemessenes Heim bot, sondern sie in ein Nest für Ratten verbannte, seine Prinzessin, die für einen Palast geboren war. Eine Strandlilie, die man im Finstern hielt, verlor die zarten Blätter, und das Grün ihrer Stängel wurde grau.

Marianna aber beklagte sich nicht. Sie tat noch immer, als hätte sie nie einen Herzschlag lang bereut, ihrem behaglichen Heim, ihren fürsorglichen Verwandten, ihrer beschützten Welt entflohen zu sein, aus keinem Grund, nur weil sie Emidio Maniscalco liebte. Wann immer er in ihr Gewölbe zurückkehrte, flog sie ihm um den Hals. Sie hatten alles aufgegeben, sie viel mehr als er, und sooft er sie zögernd fragte, ob sie wahrhaftig ihre Entscheidung nie anzweifelte, hielt sie ihm den Mund zu.

»Sag nichts mehr, Midiú, sag kein Wort. Mir kommen solche Gedanken wie Sünde vor. Wo wir zusammen sind, wo uns das Kind geschenkt ist, wie kann es da etwas anzuzweifeln geben?«

Er grub das Gesicht in ihr Haar. Recht hatte sie, und sie beschämte ihn damit. Wie so oft. Sie war die gute, die zärtliche Hälfte von ihm, über die er manchmal lachen musste, weil er nicht an sie glauben konnte. Die Welt war nicht gut und zärtlich, sondern wild und gefährlich, sie zerbrach in Stücke: Der Heilige Stuhl in Rom, der Kaiserthron im Deutschen Reich – keiner der beiden Hüter, die dieser Welt Verlässlichkeit verliehen hatten, stand mehr fest auf seinen Beinen. Wer es heute mit dem einen hielt, schlug sich morgen auf die Seite des andern und half, seinem einstigen Herrn das Licht auszublasen. Emidio passte in diese Welt, er nahm es mit ihr auf. Er hatte stets gewusst, was er wollte, hatte an Stolpersteinen seine Kräfte erprobt und Unwägbarkeiten auf die leichte Schulter genommen.

Marianna war anders. Sie glich wahrhaftig keiner Lilie, die wild und widerstandsfähig am Strand wuchs, sondern einer kostbaren Rose, die behütet wie unter einer Haube aufgezogen worden war. Emidio schloss sie ganz in seine Umarmung ein, damit ihr nichts, das um sie tobte, etwas anhaben konnte, und spähte über die Köpfe hinweg nach dem Meer, das trügerisch wie falsches Silber glitzerte. Wenn er den Kopf leicht wandte, sah er statt des Meeres den Berg Vesuvio, von dem die Weiber, wenn der Priester sie nicht hörte, munkelten, er sei ein Tor zur Hölle, eine Schmiede des Teufels wie Siziliens Ätna. Andere schworen Stein und Bein, im Ätna, den die Sizilianer ihren Mungibeddu, ihren »schönen Berg« nannten, liege der große Staufer, Federico, das Staunen der Welt, und schlafe bis zum Tag seiner Wiederkehr.

Emidio sah seinen Gedanken zu, die mit den bleigrauen Wolken über den Krater des Feuerbergs hinwegschweiften – über den Himmel und durch die Zeit zurück, bis zu dem Tag, an dem Marianna ihm geschenkt worden war.

2

Mariannas Onkel, Ruggiero Tusco, war einer der streitbaren sizilianischen Barone, dessen Geschlecht auf rätselhaften Wegen alle Machtwechsel und alles Gemetzel überlebt hatte. Seinem Normannenblut war der Franzose Karl sogar lieber als die gesammelte Brut von Friedrich, dem Staufer, und seit Karl vom Papst mit Sizilien belehnt worden war, hatte er Boden zurückgewonnen und sich dem neuen Herrn als Justiziar angedient. Vermögen war Ruggiero und seiner Sippe kaum geblieben, der Samt ihrer Kleider war räudig wie Hundefell, doch ihr Stadthaus am Cassaro, der breiten Hauptstraße hinauf zum Palazzo Reale, das sie nach Normannenart ihr Palais nannten, führten sie noch immer in Glanz und Gloria.

Ruggiero Tusco hatte eine Gattin nach der anderen in ein frühes Grab getrieben, war dabei kinderlos geblieben und hatte daher zu seiner Bequemlichkeit und in Hoffnung auf einen Erben seine Schwester und seinen verarmten Schwager ins Haus genommen. Der alten Familie war offenbar der Saft der Fruchtbarkeit verdorrt, denn auch Schwester und Schwager brachten nicht mehr als ein einziges Kind zustande, eine einzige kostbare Tochter – Marianna. Fein und süß und vollkommen, als wäre in Generationen alles Grobe und Hässliche aus dem edlen Blut herausgefiltert worden, um diese eine Perle hervorzubringen.

Aber auch alles Stabile, Lebensfähige, dachte Emidio. So, wie sie sich jetzt in seinen Arm schmiegte, kam sie ihm wieder einmal zu zart vor, um den leisesten Sturm zu bestehen.

Dabei war das Unsinn. Marianna, die Erbtochter der Tusco, hatte einen Sturm bestanden, vor dem viel Stärkere die Waffen gestreckt hätten. Ihr Weg war ihr vorgegeben worden wie in Eisen geschmiedet: Den Gatten hatte ihr Onkel ihr ausgesucht, als sie noch in der Wiege lag; er hatte für sie ein gültiges Verlöbnis mit einem Adelssohn aus Catania geschlossen, der Geld und Ansehen zurück ins Palais der Tusco bringen sollte. Stattdessen hatte die stille, gefügige Marianna sich in einen hergelaufenen Burschen verliebt, den Sohn des Helmers, der im Auftrag seines Vaters Eisenhüte für Ruggiero Tuscos Wachleute auslieferte.

Ein Helmer, der den unentbehrlichen Kopfschutz der Ritter schmiedete, war ein angesehener Handwerker, ganz anders als ein gewöhnlicher Schwarzschmied, der am Stadtrand zu hausen hatte und als Schoßkind des Teufels galt. Die Werkstatt von Emidios Vater florierte, sie hielt drei Lehrlinge und zwei Gesellen in Lohn und Brot. Dennoch blieb ein Handwerker eben ein Handwerker, einer, dessen Sohn man im Hof abfertigte, den man bestenfalls noch an die Tür des Küchenhauses schickte: »Na, geh schon, sag den Mägden, sie sollen dir vom Mandelgebäck ein bisschen Bruch zustecken.«

Emidio wollte kein Mandelgebäck. Und dass er das, was er nicht wollte, auch nicht schluckte, hatte er bewiesen, so lange er denken konnte. Er war ruhig, wirkte besonnen, niemand vermutete den Rebellen in ihm, doch er hatte von klein auf, vom ersten Tag, an dem sein Vater ihn mit in die Schmiede genommen hatte, gewusst, dass er kein Helmer werden wollte. Statt die Arbeit zu tun, die der Vater ihm auftrug, hatte er das teure Pergament vergeudet, um zu zeichnen. Hatte der Vater ihn erwischt, hatte er vor dem versammelten Haushalt den Hintern hinhalten müssen und wäre gern gestorben, doch den Bildern in seinem Kopf hatte selbst das nichts an. Sie halfen, es durchzustehen. Jedes Mal, wenn der Stecken auftraf, hatte er fest auf seine Hände gesehen, die schnellstmöglich weiterzeichnen wollten, so, als hätte der Körper, der unter dem Gelächter der Lehrlinge wie ein wertloses Ding verdroschen wurde, nichts mit ihm zu tun, als bestünde er nur aus dem Kopf, in dem die Bilder erstanden, und den Händen, die ihnen Wirklichkeit verliehen.

Der Vater erfasste, was vorging, zerrte Emidio in die Höhe und befahl ihm, seine Hände auszuliefern. Statt des Steckens nahm er das Halfter seines Gauls, dessen eiserne Schnallen er selbst geschmiedet hatte, und zielte auf Emidios Fingerknöchel. »Dich werde ich lehren, dich zu fügen, bonu a nulla. Ziegenhaut und Tintenhörnchen sind für Kunden, die einen Entwurf verlangen, nicht für Bürschlein, die sich zu fein sind, um brav ihr Handwerk zu erlernen.«

Emidio hätte sich gern gefügt und brav sein Handwerk erlernt. Die Schläge taten so weh, dass er sich die Hosen nass machte, und die Demütigung machte ihn sich selbst zuwider. Eine Wahl hatte er trotzdem nicht: Die Bilder waren in ihm gewesen, so lange er denken konnte, sie ließen ihn nur los, wenn er sie bannte, und seit er die Höhle in der felsigen Flanke des Pellegrino entdeckt hatte, war er besessen davon. Alles in ihm konzentrierte sich darauf, sie festzuhalten.

Solange seine Finger zu verschwollen waren, um eine Feder zu führen, lernte er, sich die Bilder ins Gedächtnis zu zeichnen. Das war ein Notbehelf, doch er sparte Pergament. Später stellte ihn der Vater an den Amboss, und er erkannte, dass sich Bilder aus Eisen schmieden ließen – Bilder, wie man sie niemandem schildern konnte, ja, wie man sie nicht einmal selbst erahnte, ehe das Metall erglühte und nachgab und der erste Hammerschlag ihm eine brandneue Form verlieh.

Die Sarazenen, die Paliemmus Gesicht nicht weniger gezeichnet hatten als die Christen, prägten Bilder in ihre Moscheelampen, Rauchgefäße, Wärmebecken. Ihr Glaube verbot ihnen, die Schöpfung ihres Gottes auf Papier zu bannen, wie sein Vater es Emidio verbot, doch in ihrer Schmiedekunst lebten sie ihre schillerndsten Visionen und ihre dunkelsten Träume aus. Ohne es zu bemerken, hatte Emidio, der in La Kalsa zur Welt gekommen und wie ein Köter durch die muselmanischen Quartiere der Stadt gestreunt war, sich ihren Weg zu eigen gemacht.

Er lernte, das Eisen zu lieben, auch wenn er noch lieber Kupfer gehabt hätte, weil es weicher und formbarer war und weil die Farbe ihn an den rötlichen Wandstein in der Höhle erinnerte. Manchmal stahl er aus der Kasse der Schmiede eine Münze und kaufte eine Platte, trieb sie mit dem Hammer oder erwärmte sie und versuchte, in ihre schimmernde Oberfläche seine Bilder einzugraben.

Wenn er ganz und gar vermessen war, träumte er davon, Silber zu benutzen.

Es setzte härtere Prügel, Drohungen; am Ende hätte sein Vater ihn um ein Haar hinausgeworfen. Er schleuderte ihm ein Bündel auf die Schwelle und schlug ihm vor Lehrlingen, Gesellen und seinen drei Schwestern ins Gesicht. Dann aber, gerade als Emidio sich mit bleischweren Gliedern zur Tür schleppen wollte, besann sich der Vater und hielt ihn zurück. Ein respektabler Handwerksmann zerstritt sich nicht mit seinem Erben, schon gar nicht Pietro Maniscalco, der Helmer, der Siziliens Königshaus belieferte, und gewiss war kein Vater – nicht einmal der große Pietro Maniscalco – völlig frei von Gefühl für seinen Sohn, selbst nicht für eine Enttäuschung wie ihn. Emidio gab sich redlich Mühe, dem Vater gefällig zu sein, doch gegen die Bilder, die sich in seinem Kopf verbreiteten wie Pilze auf dem lehmigen Boden der Pinienwälder, vermochte er nichts auszurichten.

Seine Gefühle für die Nichte des Barons wollte er dagegen niederkämpfen, noch ehe sie in ihm Wurzeln schlugen. Sein Gewissen verlangte es von ihm. Bei allen Heiligen hätte er geschworen, dass er dem zauberhaften Mädchen, das an einem glutheißen Tag an die Küchentür des Palais gekommen war, um ihm einen Becher Wein zu geben, kein Leid tun wollte.

Mit dem schweren Eisenzeug, das er zu liefern hatte, war er die Anhöhe hinaufgerannt. Unter dem Hemd lief ihm der Schweiß in Strömen, und doch wäre niemand auf den Gedanken gekommen, der grobschlächtige, linkische Sohn des Schmieds könne Erholung oder gar Erfrischung nötig haben.

Niemand außer Marianna.

»Wollt ihr unser Haus beschämen?«, hatte sie die Mägde angefahren. »Ihr lasst den Mann in der Hitze stehen, ohne ihm etwas zu trinken anzubieten? Bringt Wein! Auf der Stelle! Nicht von dem sauren Zeug zum Kochen, sondern vom Schwarzen, den der barone trinkt.« Ihre Stimme war fein wie Grillenzirpen, und Emidio hatte lachen müssen, weil dieses feine Stimmchen die Mägde zum Kuschen brachte.

»Hier. Nehmt das mit meiner Bitte um Vergebung, Signur’.« Ihre Hand schien zu klein, den schweren Becher zu halten.

»Ich bin kein Signur.«

Ihre hellen Augen hatten sich erstaunt geweitet. »Ihr seid ja wohl ein Mann, oder sehe ich schlecht?«

Mit Erschrecken hatte Emidio gespürt, dass er in der Tat einer war. »Aber kein Herr.«

»Für mich schon.« Sie schob ihm den Becher in die Hand. »Jetzt trinkt. Wein aus schwarzen Trauben von den Hängen des Pellegrino. Er ist tiefgründig, finde ich. Die Sonne bäckt seine Erde hart, und die Pinien geben ihm Schatten, Duft und Seele.«

Verblüfft umfasste Emidio das Gefäß. Er hatte drei Schwestern, von denen keine ein Blatt vor den Mund nahm, aber kein Mädchen, das er kannte, hätte von einem Wein gesagt, er habe Seele. Das Mädchen hatte blaue Augen. Nicht meerblau, sondern wie eine Schattierung in Perlmutt. Auch das kannte er nicht. Er trank einen Schluck und hätte ihn um ein Haar wieder ausgespuckt. »Santa Matri di Diu! Trinken Eure Leute dieses Bullenblut immer unverdünnt? Und einer kleinen Grille wie Euch geben sie es auch?«

Das Mädchen mit den Perlmuttaugen sah zu ihm auf. »Ich bin keine Grille, sondern ein Mensch, und dass ich kleiner bin als Ihr, macht mich nicht rechtlos. Wenn ich Wein trinken will, dann schenke ich mir welchen ein.«

Schwach lachte er auf. Er fühlte sich in die Schranken gewiesen und trank um Worte verlegen seinen Wein. Dabei sah er über den Becherrand nach dem Mädchen, dessen Haut so blass war wie der Wein voll Farbe, und doch schien in beiden gleich viel Kraft zu stecken.

Jetzt, wo er hier, auf Neapels belebtestem Platz mit ihr stand und sie an sich zog, um sie vor dem Ansturm der Menge zu bewahren, empfand er noch einmal dasselbe. Sie mochte zerbrechlich gebaut und unscheinbar sein, aber ihre Willensstärke konnte sich mit der seinen messen. Nein, das war falsch – ihre Willensstärke stellte die seine in den Schatten. Vielleicht, so versuchte er sich zu erinnern, hatte er sich damals in sie verliebt. Ohne Zögern. Er hatte sie angesehen und sich in seinem Kopf ein Bild von ihr gemacht, das unauslöschlich war.

Umso brüsker hatte er ihr den Becher zurückgegeben und war gegangen. Was hätte er sonst tun sollen? Sie war für ihn nicht bestimmt, daran ließ sich nicht rütteln. Kein Baron Siziliens gab seine Nichte im weißen Spitzenkleid dem Sohn eines Schmieds, schon gar nicht einem, der nichts taugte, schon gar nicht einem bilderspinnenden Verrückten, der in einer ungelenken Masse von Körper steckte. Marianna aber hatte darüber anders gedacht. Am Abend stand sie in Schwaden von stinkendem Qualm vor der Hintertür der Schmiede.

»Das war nicht nett«, sagte sie. »Einfach zu verschwinden und mich stehen zu lassen. Bei der Küche hast du mich so lange angesehen – also dachte ich, ich gefalle dir.«

Sein Vater war bei einem Herrn in Monreale, um dessen Reisigen Helme und Halsbergen anzupassen. Emidio hatte der Versuchung nicht widerstehen können und an einem Kerzenleuchter geschmiedet, obwohl Cammelú, der als Lehrling am längsten in der Werkstatt war, der Luft einen Hieb verpasst und ihn gewarnt hatte: »Gutes Schmiedeeisen verderben? Oh weh, ich fürchte, das setzt Saures, Midiú. Besser, du verkneifst es dir.«

»Willst du mich verraten?«

»Ich bin dein Freund«, gab Cammelú empört zurück. »Das hat man gerne – ich mache mir die Mühe, dich zu warnen, weil mich die Schläge, die du bekommst, am eigenen Leib schmerzen, und dafür muss ich mich als Verräter beleidigen lassen. Dabei habe ich mir eingebildet, du wüsstest, dass ich mir lieber selbst Prügel von deinem Alten einhandeln würde, als dich ihm auszuliefern.«

So war Cammelú. Wer mit ihm sprach, musste auf seine Worte achten, denn er fing die kleinste Bemerkung auf wie ein gegen sich gerichtetes Schwert. In jedem Winkel der Welt witterte er Feinde, die nichts anderes im Sinn hatten, als ihn zu kränken. Emidios Liebe zu ihm tat das keinen Abbruch. Sie waren Freunde, umso mehr, als sie beide zu verschlossen und unbeholfen waren, um im Kreis der Gleichaltrigen ihren Platz zu finden.

Zuweilen versuchte er, Cammelús Empörung zu besänftigen, doch an jenem Nachmittag hatte Emidio unbeirrt weitergeschmiedet. Jetzt hielt er das fertige Werkstück in der Hand, um es zu verbergen, bevor der Vater nach Hause kam. Er blickte auf das schlanke Gebilde aus Eisen, dann hob er den Kopf und sah das Mädchen, und auf einmal schämte er sich. Es war würdelos, sich wie ein kleiner Junge oder ein Verbrecher zu betragen und eine gute Arbeit zu verstecken.

Und seine Arbeit war gut. Nicht ganz, was er gewollt hatte, aber dem Bild in seinem Kopf doch ähnlich. Zu erkennen, woher das Bild stammte, trieb ihm die Hitze ins Gesicht: Der zierliche Leib des Leuchters war der ihre, ihre Grazie hatte ihm die Idee verschafft. Bemerkte sie es? Sein Herz jagte.

Sie sah ihn an, lachte, und er fuhr sich erschrocken an die Wange. In seiner Verlegenheit über den Leuchter hatte er vergessen, dass sein Gesicht schwarz vom Ruß sein musste und dass ihm die Kleider dreckig und verschwitzt am Leib klebten. Er wandte sich ab.

»Ach nein!«, rief sie. »Sieh nicht weg. Was habe ich dir denn getan?«

»Geh nach Hause«, sagte er, noch immer, ohne sie anzusehen. »Du beträgst dich dumm.«

»Willst du das wirklich? Dass ich gehe?« Sie streckte die Hand aus und strich ihm über die verdreckte Wange. »Bitte schick mich nicht weg.«

»Ich muss mich waschen«, murmelte er. »Ich stinke.«

Sie hörte nicht auf, ihn zu streicheln, und ihm kam es vor, als könnte er unter den Kuppen ihrer Finger seine Haut spüren.

»Für mich stinkst du nicht.« Sie reckte sich und roch an seinem Hals, da, wo Hemd und Haar einen Streifen Haut unbedeckt ließen. »Ich mag deinen Duft. Ich stelle mir vor, dass so das Leben duftet.«

War in dem Augenblick der Wunsch erwacht, sie zu beschützen? Sie war weich und offen und voll gutem Glauben – alles, was man nicht sein durfte in einer Stadt wie Paliemmu, die seit dem Tag ihrer Gründung umkämpft war, und in einer Zeit, in der Vertrauen Leichtsinn war und kein Stein auf dem anderen blieb.

Emidio schloss die Arme noch fester um Marianna, hier, auf dem Platz in Neapel, wie er es hinter seines Vaters Schmiede gern getan hätte. Sie hatten sich damals beide entschieden, aus der Ordnung auszubrechen, den Platz zu verlassen, an den ein göttliches Gericht sie gestellt hatte, und nichts mehr zu haben als einander. Für ihn war es leichter gewesen als für sie, er hätte diesen Weg ohnehin gehen müssen, denn in seines Vaters Haus konnte er das, was er wollte, nicht tun.

»Vergiss mich, häng dich nicht an mich«, hatte er zu Marianna gesagt, nachdem sie sich wochenlang wie zwei Besessene zueinandergeschlichen hatten und es längst kein Vergessen mehr gab.

»Warum nicht? Du bist der Sohn des Helmers, das ist ein angesehener Beruf, der einen Mann vielleicht besser ernährt als der Adelsstand meines Vaters.«

»Dein Vater wohnt in einem Palast.«

»Und hat im Winter kein Geld, ihn zu heizen.«

Das war der Augenblick gewesen, in dem seine Beherrschung den Kampf verloren hatte. Er hatte sie geküsst. Warum war Lippenaufeinanderpressen so anders als Händeschütteln oder Schulterklopfen? Warum war es, als hätten zwei Menschen nur noch einen Atem? Warum wurden Lippen zu Magneten, die fortan zu vernünftigem Sprechen kaum noch zu gebrauchen waren, weil sie beständig zueinanderstrebten? Damals hatte er sich trotzdem ein letztes Mal zusammengenommen und versucht, sie zur Besinnung zu bringen: »Du wärst eine Geächtete, Marinuzza. Wer seinen Platz in der Ordnung verlässt, wird gehetzt, bis Blut fließt, denn sonst käme womöglich die halbe Welt auf die Idee, dasselbe zu tun.«

»Und wenn ich es trotzdem will? Wenn mich das nicht schreckt?«

Emidio hörte sich bis heute stöhnen – es war ein Stöhnen, das verriet, wie süß und unwiderstehlich er die Vorstellung fand, sie bei sich zu behalten, und wie sie ihn quälte, weil sie um etwas kämpfte, das nicht sein durfte. »Marinuzza.« Er hatte die Hände um die kleine Halbkugel ihres Hinterkopfs geschlossen. »Ich weiß, du bist ein mutiges Mädchen …«

»Nein, ich bin keines, aber ich habe meinen schönen Mann sehr lieb.«

Sie presste ihm die Hand auf den Mund, und wieder einmal verblüffte ihn die Kraft, die in dieser kleinen Hand steckte. Er hatte Mühe, sich zu befreien und weiterzusprechen. »Du bist ein mutiges Mädchen, und du hast mich lieb. Das ist mehr wert als Augustalen in Gold, griddu. Aber davon können wir nichts kaufen. Wenn ich meinen Vater beerben und Helmer werden wollte, nähme ich dich beim Wort und würde mich die paar Jahre bis zur Meisterprüfung ducken, damit ich dir ein Heim zu bieten hätte, aber …«

Ehe er weitersprechen konnte, landete ihre Hand wiederum auf seinem Mund. »Habe ich von dir verlangt, dich zu ducken? Du bist nicht wie andere Männer. Deshalb bin ich dir an diesem Tag im August nachgelaufen, und deshalb laufe ich dir nach, wohin du auch gehst. Ich bin stolz, Midiú. Als ich noch nicht über meines Onkels Tisch schauen konnte, habe ich schon beschlossen, nie zu heiraten und nichts zu tun, nur weil ein Mensch, der dümmer ist als ich, es mir befiehlt. Aber du bist nicht dümmer als ich. Wenn ich wollte, dass du dich duckst, hätte ich es selbst tun können. Sei so klug, wie du sein kannst, Midiú.«

»Ich kann nicht hierbleiben«, brach es aus ihm heraus. »Ich weiß nicht, warum, aber ich bin kein Schmied wie all die anderen. Ich habe diese Bilder in meinem Kopf, die mir keinen Frieden lassen.«

»Ich weiß«, sagte Marianna ruhig. »Du bist ihr Gefangener, wie die Gezeichneten in deiner Höhle am Pellegrino gefangen sind. Du bist ein Künstler und musst bei einem Künstler in die Lehre gehen.«

»Hier wird mir keiner die Tür aufmachen. Mein Vater ist Pietro Maniscalco; in der Schmiedezunft von Paliemmu ist sein Wort Befehl. Um Kunstschmied zu werden, muss ich nach Neapel oder noch weiter gehen, und vielleicht bin ich alt, bis ich wiederkomme. Und ich werde arm sein, griddu.«

»Ja, du wirst arm sein.«

»Begreifst du jetzt, dass ich kein Mann für dich bin, selbst wenn du tollkühnes Menschlein alles, was dir zusteht, in den Wind wirfst?«

»Nein.«

»Santa Matri di Diu, warum denn immer noch nicht?«

»Weil ich mit dir komme. Was immer du redest. Wenn ich dich nicht gewinnen kann, was habe ich dann zu verlieren?«

Einen Tag lang hatte er mit sich gerungen, hatte sich beschworen, er dürfe ihr unglaublich nobles Geschenk nicht annehmen. Sein Gewissen kämpfte. Im Herzen, in den Lenden und im ganzen Körper aber hatte er längst die Waffen gestreckt. Seit er Marianna kannte, seit sie ihn liebte und es ihm mit den Händen zeigte, konnte er seinen Körper nicht länger von sich wegdenken. Es war alles eins – Körper, Herz und Gedanken, es war alles er, Emidio Maniscalco, und keinen Teil davon wollte er sich mehr wegnehmen, misshandeln und entwürdigen lassen. Schon gar nicht den Körper, den Marianna berührte, als hätte sie einen Schatz entdeckt.

Sein Gewissen zog den Kürzeren, weil die Entscheidung längst gefällt war, vielleicht schon seit jenem Tag im August, als sie zum ersten Mal die Arme nacheinander ausgestreckt hatten. Deine Augen sind mein Spiegel. Seit du mich ansiehst, sehe ich mich. Er nahm ihr Geschenk an.

Sie flohen in der grauen Morgenstille, bezahlten mit Mariannas Armreif einen Schiffer, der sie nach Neapel übersetzte, ließen alles hinter sich und blickten nur nach vorn. Im ersten Licht des Tages schälte sich das trutzige Castel dell’Ovo aus den Nebeln, das der Normanne Roger zu seiner Residenz gemacht hatte und das Karl von Anjou nun nicht mehr gut genug war. Das Eiland Megaride und die Hafenanlagen, die Karl seinen provenzalischen Gefolgsleuten wie eine Morgengabe übergeben hatte, ragten abweisend auf, als wollten sie die Reisenden zurücksenden, zurück übers Meer, auf ihre Insel, die Rivalin, deren Blütezeit vorüber war. Neapel hieß die Stadt am Golf, doch die, die ihr verfallen waren, nannten sie Parthenope – nach der Sirene, die Odysseus mit ihrer süßen Stimme bezirzt hatte, ohne zu ahnen, dass seine Ohren verstopft waren. Neapel bezirzte niemanden und würde sich nicht vor Liebesschmerz in die sachten Fluten ihres Golfs stürzen. Ihre Stimme war kalt, ihre Ohren taub.

Die erste Zeit war hart wie Eisen, nur ließ sie sich nicht schmieden, sondern blieb starr. Das bisschen Geld, das Emidio erspart hatte, war im Handumdrehen verbraucht, und die Hand musste man in Neapel allzu oft umdrehen. Anstelle ihr den Palast bieten zu können, den er Marianna gerne gebaut hätte, bezahlte er einen Wucherpreis für ein lichtloses Loch, dem der Lärm der Stadt aufs Dach hämmerte. Zum Kochen versammelten sich die Frauen von Napoli sotterranea an Feuerstellen vor dem Ausgang. Irgendwann würde irgendwer das Feuer zu hoch schüren oder nicht gründlich genug löschen, und das ganze Gewölbe würde ihnen um die Ohren fliegen.

Marianna war so stolz gewesen, weil sie sich von den Küchenmägden ihres Onkels hatte zeigen lassen, wie man Farsumagru zubereitete – ihr Gesicht hatte vor Begeisterung geglüht, als sie es Emidio erzählte: »Das essen die Armen von Paliemmu, nicht wahr? Sie füllen mageres, zähes Fleisch, das sonst niemand kaufen mag, mit allem, was die Speisekammer hergibt, und stellen am Ende doch noch ein Gericht, das sättigt, auf den Tisch.«

Emidio hatte sie halten und küssen müssen. Sie war ein solches Geschenk. Kein Mann verdiente sie. »Das ist schon richtig, griddu. Aber selbst wenn es aus deinen Kreisen niemand kaufen mag – das magere Fleisch wird nicht verschenkt. Und unsere Speisekammer, fürchte ich, gibt gar nichts her. Noch schlimmer: Wir haben keine und auch keinen Tisch, auf den du etwas stellen könntest.«

Dieses eine Mal war sie erzürnt und gab ihm so etwas wie eine Ohrfeige. »Mach dich nicht lustig über mich.«

Der Schlag – viel eher eine aufgebrachte Liebkosung – war der erste seines Lebens, der weder wehtat noch kränkend war. Sie hätte ihn niemals gekränkt, und in ihrem Zorn war sie so reizend, dass er lachen musste, auch wenn er dabei gegen die Tränen kämpfte. »Farsumagru ist kein Gericht für arme Leute, Marinuzza.«

»Aber du hast mir doch erzählt, wie oft deine Schwester Calogera es euch vorsetzt …« Sie brach ab und sah ihn an, als hätte sie ein Verbrechen begangen. »Ahime, Midiú. Ich bin so dumm, mir sollte verboten werden, den Mund aufzutun.«

»Darüber wäre ich traurig«, erwiderte er. »Du bist meine liebste Grille, die mit ihrem kleinen Grillenkopf arabische Bücher liest, und dass du dir ärmere Leute als die Familie eines gutgestellten Handwerksmeisters nicht vorstellen kannst, macht dich nicht dumm. Es tut mir nur leid, dass du selbst jetzt einer von diesen ärmeren Leuten bist. Das hast du nicht verdient, mein Menschlein – so ein Leben im Nichts.«

»Ich lebe doch nicht im Nichts.« Sie hielt sich an ihm fest. »Ich lebe in deinen Armen.«

»Vom Umarmen wirst du nicht satt.«

»Ich bin mein Leben lang satt geworden und hatte immer Hunger«, sagte Marianna. »Jetzt fehlt’s mir an Essen, und ich habe keinen mehr. Und wenn wir spindeldürr werden wie die Gräten von gegessenem Fisch, so macht es mir auch nichts aus.«

Emidio lachte, obwohl er traurig war. »Spindeldürr werden kann nur ich. Du bist es ja schon.«

Sie schmiegte sich an ihn, legte die Hand auf seine Bauchdecke. »Du bist schön. So wie Queis.« Hell auflachend streichelte sie ihn weiter und zitierte aus ihrer liebsten Dichtung: »›Es wurde ihm ein Knabe geschenkt, der aussah wie das Lachen eines Granatapfels, wie ein Edelstein, der die Dunkelheit des Erdentags in lauteres Licht verwandelt.‹ Das bist du, mein Midiú. Wenn wir ein bisschen Geld haben, backe ich Küchlein aus Feigen und Mandeln und füttere dir jede Unze von deiner Schönheit, die du verloren hast, wieder an.«

Emidio hatte auch lachen müssen, denn außer seiner Mutter, die an seinem fünften Jahrestag gestorben war, hatte ihn nie ein Mensch schön genannt. Doch vor ihren Augen schmolz die Verachtung für seinen Körper und er konnte alles sein, was sie wollte. Zur Antwort gab er ihr ein Zitat aus derselben Dichtung, die sie ihn nachts, bei der Liebe, lehrte: »›Wer hätte gedacht, dass eine solche Fülle von Süßigkeit aus einem so kleinen Mund strömen könnte? Kann man mit Zucker denn Heere zerbrechen?‹«

Sie küsste seine Lippen und zerbrach mit ihrem Zucker, was immer in ihm auf Krieg gerichtet war. Die Zeit war hart gewesen, und dennoch fühlte sich alles in ihm weich an, wenn er daran dachte. Ihre Fibel, eine schöne Arbeit aus Silber und eines der letzten Geschenke ihres Onkels, die sie besaß, gab sie her, um einen Tisch zu kaufen, auf den sie ihm sein Essen stellen konnte. Zu Mandeln und Feigen reichte es so wenig wie zu zähem Fleisch, doch Bohnen, Zwiebeln und die mehligen Kichererbsen, die Sizilianer für alle Welt unaussprechlich Ciciri nannten, trieb Marianna an so gut wie allen Tagen auf. Das Maccu, das ihre kleinen Hände mit ein wenig Knoblauch daraus stampften, schmeckte Emidio so gut, dass er es ohne Ende hätte essen können.

Einmal, als sie gar nichts hatten, das zum Essen getaugt hätte, hatte Marianna ihm mit einem Stück Kohle Schüsseln und Platten voll Fleisch und Früchten, Gebäck und maccaruni auf das Holz des Tisches gezeichnet. Sie konnte nicht zeichnen. Was all die Kringel und Striche darstellen sollten, konnte er nicht erraten, aber sie erklärte es ihm, und davon wurde er satt.

Mit dem Tuffstein, der aus der Erde gehoben worden war, um Neapels Pracht zu errichten, ließ sich zur Not beinahe wie mit Kreide zeichnen. Emidio sammelte graue, gelbe und rote Brocken und zauberte Marianna Festmähler an die feuchten, nackten Wände. Ein wenig sah es bei ihnen jetzt aus wie in seiner Höhle am Hang des Pellegrino, nur dass es in ihrer Höhle, so elend sie sein mochte, keine Gefangenen gab.

Es gab dort nichts als zwei Menschen, die trotz der Bedrängnis, in der sie lebten, frei waren. Über die Kostbarkeit von Freiheit hatte Emidio nie nachgedacht, und wie sehr er sich danach gesehnt hatte, erfasste er erst, als er sie besaß.

Frei zu sein bedeutete, sich loszureißen wie eine Insel vom Festland, keinen Halt mehr zu haben als den in sich selbst. Das war nicht einfach, es machte Angst, aber es rief die eigenen ungekannten Kräfte wach. An einem Morgen, ehe Emidio zur Arbeitssuche aufbrach, schob Marianna ihm einen abgegriffenen metallenen Gegenstand in die Hand, ein Pilgerabzeichen des heiligen Vito. »Wenn du hier bist, halte ich dich. Wenn du dort draußen bist, halte dich daran fest.«

Er hatte Arbeit als Lastenträger gefunden, brachte ein wenig Geld heim, und ihre Abende wurden schön. Ihre Nächte waren es ohnehin, auch wenn sie die Decken, in denen sie schliefen, kaum vor Schimmel schützen konnten. In den Armen der Frau zu liegen, die ihn so liebte, wie er gemacht war, verlieh Emidio ungeahnte Kräfte. Wenn er in der Frühe erwachte, lag er in völligem Dunkel und klammer Kälte, und doch kam es ihm vor, als könnte er diese ganze Stadt bewegen und aus ihren Angeln reißen, sodass sie sich über ihm und Marianna erhob und ihnen Luft zum Atmen ließ. Die Aussicht, am Abend in der Tür von ihr empfangen zu werden, beflügelte seinen Schritt.

Nach endlosen Streifzügen fand er im Stadtteil Pendino einen Kesselmacher, der ihn in seine Werkstatt nahm. Nicht als Lehrling, sondern als nicht viel mehr als einen Knecht, den er herumstieß und ausnutzte. Sobald er bemerkte, dass dieser Knecht bei Weitem der bessere Schmied war, legte er sich auf die faule Haut und ließ Emidio die bestellten Werkstücke fertigen. Er gab ihm wenig Geld, manchmal gar keines, sondern Reste von seinem Tisch. Marianna genügte es. Sie machte Maccu und Farsumagru aus nichts. Emidio genügte es ebenfalls, denn der Kesselmacher war ein Säufer vor dem Herrn, der Emidio am Amboss freie Hand ließ und nie nachwog, wie viel Kupfer gekauft und verwendet worden war.

Emidio nahm nicht mehr, als ihm seiner Meinung nach zustand, und er schmiedete an seiner eigenen Arbeit erst, wenn er die für den Kesselmacher erledigt hatte. Er hatte ohne Plan begonnen, einen Becher verwendet, der seinem Brotgeber misslungen war, und nach und nach die Bilder, die aus seinem Kopf herausdrängten, in die schillernden Wände des Werkstücks getrieben. Figuren entstanden. Gesichter, wie er sie in ihrem Gewölbe unter der Erde tagtäglich zu sehen bekam, gezeichnet von einer Lebenserschöpfung, die selbst von der Ewigkeit nur Schmerz und Mühsal erwartete. Und Mariannas Gesicht. Es war, als gäbe es kein Bild mehr ohne sie.

Am Ende hatte er aus dem Becher ein Ziborium gemacht und die Reihen von Figuren zu Szenen aus dem Leben der heiligen Agata erklärt, weil unweit der Schmiede eine Agata geweihte Kirche stand. Deren Geistlicher kaufte ihm das Ziborium ab und bestellte zwei Bilder für einen Reisealtar, die er im Voraus anzahlte. Auf dem Heimweg kaufte Emidio alles, was ihm in den Sinn kam: eine fette Taube und Mandeln und Feigen, um sie zu stopfen, einen Batzen faserigen weißen Käse aus der Milch von Wasserbüffeln, einen Tonkrug, den er mit schwarzem Wein füllen ließ, und eine samtene Schleife für Mariannas verschlissenes Kleid. »Von jetzt an bringe ich richtiges Geld nach Hause«, sagte er zu ihr. »Mehr als den Hungerlohn, den der Kessler mir bezahlt. Du musst dich nicht länger sorgen.«

»Ich habe mich nie gesorgt«, sagte sie. »Nicht mit einem Mann wie dir. Ich erwarte dein Kind, Midiú.«

3

Emidio liebte Bilder mehr als Worte, weil Worte nie genügten. So hätte es ein eigenes Wort geben müssen für den Schrecken, der nicht geschah.

Seit Mariannas viel zu schmaler Leib sich blähte, weil sein Kind darin wuchs, kam sie ihm noch schutzloser vor. Er hatte sich aus ein paar Brettern einen Scharren gezimmert und stellte sich an den wichtigen Markttagen mit seinen Arbeiten auf den Campo del Muricino. Ohne Lizenz war das verboten, aber der Marktmeister ließ sich mit einem Schwarzpfennig bestechen, und die Geldausgabe lohnte sich. Nicht nur verkaufte er stets alles, was er anbot, sondern er kam auf diese Weise auch an Auftraggeber, die ihm das Material im Voraus bezahlten. Der Kessler soff weiterhin seinen Branntwein, und solange die Arbeit beizeiten erledigt wurde, bemerkte er kaum, ob Emidio zur Stelle war oder nicht.

Alles war gut. Sie konnten ihr Leben bestreiten und Geld beiseitelegen. Noch ein Jahr oder zwei, dann würde er genug beisammen haben, um sich den Eintritt in die Zunft zu erkaufen und eine Werkstatt zu suchen, ein kleines Haus entlang der Hafenmauern mit einem luftigen, trockenen Zimmer im Obergeschoss, in dem ihr Kind es gut haben würde. Ein Dach, unter dem seine Familie geborgen sein würde, bis der Tag kam, an dem sie auf ihre Insel zurückkehren konnten. Nach Paliemmu.

Von dort wegzugehen war nicht so einfach gewesen, wie sie beide sich gegenseitig vorgegaukelt hatten.

»Du willst dein Erbe aufgeben?«, hatte Cammelú ihn gefragt, während Emidio ohne aufzublicken eine Handvoll Besitztümer in ein Bündel geschnürt hatte, um mit seiner todesmutigen Baronin von der Insel zu fliehen. »Du musst den Verstand verloren haben – weißt du überhaupt, was für ein gottverdammtes Glück du hast? So ein Erbe – eine angesehene Werkstatt, ein Vaterhaus und einen Platz unter den Ältesten der Zunft, das wirft man doch nicht achtlos weg, nur weil sich ein Mädchen eine Blume ans Kleid steckt und einem ein Lächeln gönnt!«

Dass Cammelú so dachte, war kein Wunder. Er hatte Marianna nie lächeln sehen, und ohnehin hatte er für Mädchen nicht viel übrig. Dafür umso mehr für das Erbe von Vätern. Seinen eigenen kannte er nicht, und dessen Familie war er nicht mehr als ein paar Pfennige Zehrgeld wert gewesen, damit er sich aus dem Haus scherte. Emidio hatte ihm den Arm um die Schultern gelegt. »Ich werfe mein Erbe ja nicht achtlos weg. Ich übergebe es meinem Freund zu treuen Händen.«

Cammelús Augen waren weit geworden, so weit, dass der rote Rand sich zeigte. »Meinst du damit mich?« Dieses eine Mal war der Freund nicht gekränkt, sondern schnappte vor Rührung nach Luft wie ein Frosch. Dann umarmte er Emidio. »Auf mich kannst du zählen, Midiú. Ich werde über diese Werkstatt wachen, als wäre es meine eigene.«

»Und über meine Schwestern auch?«

Cammelú nickte und reichte ihm feierlich die Hand. »Deine Schwestern sind meine eigenen. Von den meinen hat man mich schließlich ferngehalten wie einen Tunichtgut, für den eine Familie sich schämen muss. Ich habe gar keine Familie – nur die Deinen und dich.«

In die letzten Worte mischte sich wieder eine Spur der alten Bitterkeit. Cammelú war von seinen zwei Schwestern, die seine Mutter von anderen Vätern hatte, getrennt aufgewachsen und kannte sie kaum. Emidio hatte ihn noch gebeten, ein besonderes Auge auf Stidda zu haben, die Jüngste, den Springinsfeld, den er so sehr liebte, dass es wehtat, sich ihr Bild heraufzubeschwören. Aber er würde sie ja wiedersehen. »Sende mir Nachricht, wenn ich heimkommen kann«, hatte er zu Cammelú gesagt. Was er damit meinte, war ihnen beiden klar, auch wenn Emidio nicht fähig war, es auszusprechen: Sende mir Nachricht, sobald mein Vater nicht mehr lebt. Die Vergebung des Vaters, die er sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz erhofft hatte, hatte er nicht erlangt, und damit stand außer Frage, dass er ihm nicht mehr unter die Augen kommen durfte.

Cammelú nickte. »Ich bin dein Freund. Was immer geschieht, um dein Erbe brauchst du keine Sorge zu haben.«

Er würde das Erbe mit ihm teilen. Er und Cammelú würden die Schmiede gemeinsam führen und ein Heim für ihre Familien schaffen, einen Platz für die, die sich mit der Ordnung der Welt schwertaten.

Im Lesen und Schreiben war natürlich keiner von ihnen unterrichtet worden, und Emidio hätte sich damals noch nicht zugetraut, dass er es lernen konnte. Auf jedem Marktplatz gab es jedoch Leute, die gegen Bezahlung Briefe aufsetzten oder sie den Empfängern vorlasen. Emidio machte sich nichts vor: Solange sein Vater lebte, war ihm sein Elternhaus verschlossen, also versuchte er, sich mit Gedanken daran nicht allzu sehr zu quälen. Immerhin wusste er es bei Cammelú in guten Händen, bis er eines Tages seine Liebste und seinen eigenen Sohn dorthin zurückbringen konnte.

Tagsüber, bei der Arbeit, erfüllte ihn jetzt oft eine tiefe Freude auf die Zukunft, auf den nahen Abend bei Marianna wie auf die fernen Jahre, die vor ihnen lagen. Sobald er sich jedoch auf den Heimweg machte, ergriff die Angst von ihm Besitz. Sein Kopf quälte ihn mit einer Folge sich jagender Bilder von dem Grauen, das Marianna zugestoßen sein könnte: Hatte jemand sie überfallen, ihr Gewalt angetan, die zu entsetzlich war, um sie beim Namen zu nennen? Hatte sich das Kind zu früh auf den Weg gemacht, und seine Liebste lag ohne Hilfe in ihrem Blut?

Er konnte nie ruhigen Schrittes nach Hause gehen. Spätestens nach der ersten Biegung begann er zu rennen, raste hakenschlagend durchs Gewirr der Gassen, bis er außer Atem den Einstieg ins Gewölbe erreichte. Wenn ihm Marianna dann durch den Gang vor ihrer Kammer entgegenlief, glaubte er, das Geräusch zu hören, mit dem die Last von seinem Herzen fiel. Hätte es ein Wort dafür gegeben, für den Schrecken, der nicht geschehen war, hätte er es zu seinem Lieblingswort erkoren.

Ein Wort, das stark genug war, um Bilder zu besiegen!

Gleich würde es auch die Bilder besiegen, die ihm an diesem schwarzen Morgen auf dem Campo del Muricino durch den Kopf jagten. Er hielt Marianna an sich gepresst und zwang sich, tief zu atmen. Auch heute war der Schrecken nicht geschehen, waren sie verschont geblieben, und das, was hier auf dem Platz bevorstand, was die geballte Menschenmenge mit angehaltenem Atem erwartete, hatte mit ihnen beiden nichts zu tun.

»Ist ja gut«, murmelte er und strich Marianna das Haar aus der Stirn, womöglich mehr, um sich selbst zu beruhigen als sie. Etwas in ihm war beständig auf der Hut und erwartete eine Strafe für die Unverschämtheit, mit der sie die gottgegebene Ordnung außer Kraft gesetzt hatten. Er senkte den Kopf, brachte seinen Mund an ihr Ohr. »Ich wollte so oder so bald zusammenpacken«, raunte er hinein. »Heute kauft niemand Kerzenhalter oder Türbeschläge. Sobald diese Rotten anfangen, sich zu zerstreuen, bringe ich dich in die Wohnung zurück.«

Mariannas Hände schlossen sich um seine Oberarme. Ihre Finger, so zart sie waren, gruben sich schmerzhaft in sein Fleisch. »Und bleibst du dann bei mir? Das wäre schön, Midiú. Ich will keine Last für dich sein, aber dieser Tag macht mir Angst.«

Emidio streichelte ihr über den gespannten Leib. »Ja, ich bleib dann bei dir. Wir zünden uns die große Kerze an, die der Priester mir für den Türklopfer bezahlt hat, nehmen meine Tafel mit ins Bett, und ich zeichne dir eine Geschichte, wenn du willst. Oder noch besser: Du nimmst eins deiner Bücher und liest mir vor.«

Mit all der Furcht in den Augen lachte sie zu ihm auf. »Du kannst doch die eine wie die andere Schrift längst besser lesen als ich. Und was in den Büchern steht, kannst du Zeile für Zeile im Kopf hersagen.«

»Aber nicht mit deiner Stimme«, gab er zurück.

Sie nahm seine Hand und gab ihm einen Kuss in die Handfläche. »Wenn es dir Freude macht, amuri, lese ich dir meine Bücher noch hundertmal vor.«

Die beiden Bücher, zwei schmale, mit delikater Ornamentik illustrierte Bände, waren die letzte Kostbarkeit aus Mariannas Besitz, die sie nicht veräußert hatte. Das in Arabisch gesetzte enthielt ihre Lieblingsdichtung, eine Übersetzung des persischen Dichters Nizami, und das in lateinischer Schrift versammelte Gedichte der sizilianischen Schule. Beider Schönheit machte Emidio glauben, es müsse in der Welt eine Harmonie geben, die sich durch nichts und niemanden erschüttern ließ. Ehe er Marianna begegnet war, hatte er keinen Menschen gekannt, der Gedichte las, und hatte nicht gewusst, dass Dichter Bilder mit Worten malten, in denen er seine eigenen erkannte. Marianna hatte begonnen, ein paar der Verse vor sich hin zu murmeln, wie sie es manchmal zur Beruhigung tat, wenn Emidio nicht in den Schlaf fand:

Geh jetzt, mein Liebster,

Auf dass sie dich nicht finden.

Die Morgenglocke hat geläutet,

Und mir scheint, es ist Tag.

Jäh unterbrach sie sich. »Wie kann ich das tun? Von Büchern schwatzen, von meinem warmen Bett, in dem ich mit dir liegen will, während hier auf dem Platz …«

Sie sprach nicht weiter, und er beendete ihren Satz nicht für sie. »Du musst dich nicht fürchten«, sagte er stattdessen und klang wie der Priester, dessen Latein inhaltslosem Wortgeklingel glich.

»Aber was wollen die denn?«, rief Marianna. »All diese Leute, die aus der Vorstadt zusammenlaufen, was haben die denn vor?« Sie reckte sich und zog sich an ihm in die Höhe, doch über das wogende Meer von Köpfen hinweg erhaschte sie keinen Blick.

»Nichts«, sagte Emidio und drängte sie sacht nieder. »Es geht uns nichts an. Die Mächtigen rangeln sich um ein Stück Land, das kommt alle naselang vor und ändert nichts an unserem Leben.«

»Aber es geht doch um unsere Insel, oder nicht?«

Wieder schloss er die Arme um sie und verschränkte die Hände wie zusammengeschmiedet in ihrem Rücken. »Wir zwei sind jetzt unsere Insel«, sagte er. »Das hast du gewusst, ehe wir aufgebrochen sind, und du hast gesagt, es ist dir genug.«

»Das ist es ja auch«, versetzte Marianna. »Wo du bist, ist Sizilien für mich. Aber das hier macht mir Angst.«

Mir auch, dachte Emidio, und im nächsten Atemzug erhob sich die Menge wie eine der haushohen Wogen, die das Meer formte, wenn auf der Insel die Erde bebte. Auch das Geräusch, das sich aus Hunderten von Kehlen befreite, glich dem Grollen unter den Sohlen, mit dem ein solches Beben sich den Weg zum Meer bahnte.

Marianna schauderte. »Was ist das, Midiú?«

An Hüften und Lenden spürte er ihren harten, geschwollenen Leib.

»Nichts, mach dir keine Sorgen.« Emidio hob sich auf die Zehenspitzen, fühlte, wie sich die Schenkelmuskeln anspannten, um sein Gewicht zu stemmen, und musste schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Er war größer als die meisten im Süden geborenen Männer und erlangte ohne Schwierigkeiten Sicht. Das Meer aus Menschen platzte von Lanzen getrieben auseinander und gab eine allzu schmale Gasse frei. Durch sie zwängten sich die Diener der Gerichtsbarkeit in ihren gezaddelten Schecken, schwarze Masken mit Augenschlitzen über den Gesichtern. Zwei gingen voran und zwei hinterdrein. Ihren Gefangenen führten sie zwischen sich wie ein Kalb, das sich zum Fleischmarkt zerren lassen muss.

Er trägt Stricke um die Schultern! Der letzte Spross eines gottgewollten Herrscherhauses hängt in Stricken!

Dabei war bei dem Gefangenen gar nicht viel Gezerre nötig. Seinen Schritt hemmte kein trotziges Aufbegehren gegen das Schicksal, zu dem man ihn verurteilt hatte, sondern nur nackte Angst. Die Schaulustigen, die Plätze in der Nähe ergattert hatten, konnten vermutlich das Flackern in den aufgerissenen Augen und das Zittern der Glieder sehen, doch alle – auch die, die so weit entfernt standen wie Emidio – sahen sein Haar, das ihm in Locken über die Schultern fiel und eine Farbe zwischen Weizenähren und frisch gemolkener Milch aufwies. Hätte an jenem Tag die Sonne geschienen, hätte sie diesem Haar Glanzlichter aufgesetzt.

»Dio mio, aiutami!«, schrie eine Frau, dass die Worte gellend über den Platz hallten. »Das ist ja noch ein Kind!«

Einzelne Stimmen schälten sich aus dem Grollen und nahmen den entsetzten Ruf auf:

»Noch ein Kind, der König lädt Schuld auf uns alle, er mordet ein Kind!«

»Das Kind der Staufer! Der Erbe des Staunens der Welt!«

»Corradino!«

Dieser letzte Ruf – der Name des Blonden – pflanzte sich über den Platz fort, flog so schnell wie die Wolken, die am düsteren Himmel einander jagten, erhaschten und sich ballten.

»Corradino, Corradino – der kleine Konrad, das Söhnchen!«

Dabei war ein Großteil der Versammelten, Emidio eingeschlossen, nicht mehr als eine Handvoll Jahre älter als der Blonde. Es war seltsam, stellte er fest, dass man diese helle Farbe von Haar und Haut immer mit Kindlichkeit in Verbindung brachte, obwohl sie doch nur Menschen auswies, deren Ahnen aus einem anderen Teil der Welt stammten. Mit Marianna erging es Emidio nicht anders: Sie war so blond, dass sie unmöglich je erwachsen, geschweige denn alt werden konnte. Sein eigenes Haar hingegen war derart schwarz, als hätte er sich bereits in den Windeln den Bart scheren müssen.

Der Blonde, den die maskierten Gerichtsdiener Karl von Anjous durch die Gasse auf das in aller Hast zusammengezimmerte Podium zu führten, war kein Kind mehr, aber er war ohne Zweifel blutjung. Er war keine sechzehn gewesen, ein Milchgesicht noch, als er sich entschlossen hatte, über die Alpen zu ziehen, aus der Sicherheit seiner schwäbischen Heimat in ein fremdes, umkämpftes Land, von dem er unmöglich etwas verstehen konnte. Und dennoch nannte er es das seine, weil sein Großvater, Federico Secondo, dort der größte Herrscher aller Zeiten gewesen war.

Friedrich von Hohenstaufen, der Sohn des deutschen Kaisers, hatte seinen Anspruch auf das Königreich Sizilien von seiner Mutter abgeleitet, von Konstanze, der Tochter des Normannenkönigs Roger. Ihren Sohn hatte Siziliens Königstochter in einem Zelt, auf einem offenen Marktplatz wie diesem, zur Welt bringen müssen. Um zu beweisen, dass kein rasch untergeschobenes Wechselbalg, sondern der Erbe der Staufer zur Welt gekommen war, hatte ihr kaiserlicher Mann derart Unsägliches von ihr verlangt.

Wie konnte ein Mann seine Frau so demütigen? Flüchtig sah Emidio auf Marianna hinunter. Für alle Königreiche der Welt wäre er nicht in der Lage gewesen, sie zu zwingen, ihre Beine vor den Augen der lechzenden Gaffer zu spreizen, ihr Geschlecht zu entblößen und unter Schmerzensschreien ihr Kind zu gebären. Eine so tiefe Erniedrigung hätte Marianna umgebracht.

Auch die bedauernswerte Normannenprinzessin hatte die Tortur nicht lange überlebt. Vier Jahre nach der Schandtat ihres Mannes, den schon zuvor das Zeitliche gesegnet hatte, war sie sang- und klanglos in ihrem geliebten Palermo gestorben. Ihren kleinen Sohn hatte sie dort zuvor noch krönen lassen, und sie hatte verfügt, dass er als Sizilianer in der alten Königsstadt erzogen werde. Für Sizilien, ihre bittere Orange, hatte sie den Anspruch des Jungen auf den römisch-deutschen Kaisertitel aufgegeben. Zu einer Vereinigung beider Reiche hätte ihr der Papst nicht seinen Segen gegeben, und die Insel, ach, ihre Insel, schien ihr das Opfer einer kalten Schimäre hinter den Alpen wert gewesen zu sein.

Ihr Sohn Friedrich aber – mit vier Jahren Waise und König in Palermo – hatte sich damit nicht begnügt. »Warum einen Teil nehmen, wenn ich geboren bin, um alles zu bekommen?«, mochte er sich gefragt haben, und vielleicht konnte man nicht anders denken, wenn man nie zu einem Menschen, sondern nur zu Ländern, Titeln, Besitz gehört hatte, wenn man niemandes Sohn, niemandes Geliebter war, sondern ein Pfand, das auf einem Marktplatz geboren und einer Fremden anvermählt werden musste, mit der ein Stellvertreter die Ehe vollzog.

Friedrich war wie der blonde Knabe in den Stricken »Kind« genannt worden, als er über die Alpen zog, um sich das Reich seiner väterlichen Ahnen zurückzuholen. Wenn einer nie einen Vater gehabt hatte, auf dessen Knien er reiten konnte, nie mit ihm zu zweit einen Bogen hatte schnitzen können – stand dem nicht wenigstens des Vaters Erbe zu? Als es ihm schließlich gegen jede Erwartung gelungen war, nannte ihn niemand mehr Kind, sondern Stupor Mundi, Staunen der Welt.

Er hatte Palermo nie vergessen. Vielleicht hatte er die Insel, auf der er sein einziges, winziges Stück Kindheit verlebt hatte, tatsächlich mehr als den Rest seines Reiches geliebt. Er hatte sie elendig geschunden und mit seinen Steuern ausgepresst wie alle Könige, die vor oder nach ihm kamen, aber er hatte ihr auch eine Rechtsordnung mit einer glasklaren, nie dagewesenen Struktur gegeben, hatte seiner Königsstadt Palermo ein Füllhorn von Macht verliehen und ihr seinen Glanz geschenkt. Das vergaßen ihm die Sizilianer nicht – schon gar nicht die, die lange nach seinem Tod geboren worden waren und nur den Glanz, nicht das Elend kannten.

Der Papst hingegen vergaß nicht, dass der nach den Sternen greifende Staufer seinen Ratschluss missachtet hatte. Er wollte das Staunen der Welt von der Welt herunterwischen wie eine Lache Rotwein vom Schanktisch. Nicht nur das Staunen selbst, sondern alles, was ihm entsprang, seinem Geist nicht weniger als seinen Lenden. Die Krönung von Friedrichs Sohn Konrad, dem die Mutter bei der Geburt gestorben war, erkannte der Heilige Vater nicht an. Konrad musste deshalb den Weg über die Alpen, den sein Vater gegangen war, in umgekehrte Richtung gehen, musste nach Sizilien ziehen und sich das Reich erobern, das dieser Vater ihm hinterlassen hatte. Er starb, ohne es für den Sohn sichern zu können, den ihm seine Frau im fernen Schwaben geboren hatte. Sein eigener Halbbruder, Manfred, überging den Neffen und rief sich selbst zum König von Sizilien aus.

Seinen Sohn hatte der arme Konrad vor seinem Tod nicht einmal zu Gesicht bekommen.

Emidios Hand wanderte über Mariannas Leib. Diese Staufer schienen ein Geschlecht von Kindern ohne Eltern zu sein, als ruhte eine päpstliche Verwünschung auf ihnen. Der Gedanke, er selbst könne sterben, ohne seinem Sohn begegnet zu sein, schnürte ihm die Kehle zu. Immerhin hatte Konrads Sohn eine Mutter gehabt, von der die Frauen auf dem Markt behaupteten, sie habe ihn mit der innigsten Liebe aufgezogen. Müsste ich sterben, wünschte ich meinem Sohn dasselbe, dachte Emidio. Dass er seine Mutter hat, diese kleine, von unglaublicher Kraft erfüllte Person, die ihm zu spüren geben wird, wie gut Liebe tut und wie stark sie macht.

Hatte der Sohn des toten Konrad – der kleine Corradino – dasselbe gespürt? Und, wenn ja, spürte er es noch immer, machte die Liebe seiner Mutter ihn auch jetzt noch stark, wo er durch eine Gasse aus Gaffern auf ein Gerüst gezerrt wurde? Und wo war seine Mutter? In Schwaben? Wusste etwas in ihr, dass Angst ihrem Kind die Schritte lähmte und dass die Stricke der Schergen ihm ins magere Fleisch schnitten?

Emidio hielt Marianna in den Armen und wünschte sich, dass sein Sohn, der in ihrem Leib wuchs, von dieser festen Umarmung etwas fühlte. Ich beschütze euch. Deine Mutter und dich. Ihr seid auf unserer Insel in Sicherheit, denn unsere Insel sind wir drei allein. Was diesem armen Jungen angetan wird, hat mit uns nichts zu tun. Es geschieht weit weg von uns, auch wenn wir dabeistehen. Lass uns hier stillhalten, bis das Getümmel sich auflöst, und dann nach Hause gehen. Du musst dich nicht fürchten. Würdest du je beschließen, über ein entferntes Gebirge zu ziehen, um in einem fremden Land um Macht zu kämpfen, deine Mutter und ich, wir würden es dir nicht erlauben, dusci picciriddu, wir würden dich in unseren Armen wie mit Ketten fesseln, mi figghiu.

Dass er ein anderes Geschöpf wie von selbst bei solchen Namen nannte, verblüffte ihn. Süßer Kleiner, mein Sohn. Woher kamen ihm die Worte ausgerechnet hier, im aufgepeitschten Getöse, und noch dazu für ein Menschlein, das er nie gesehen hatte? Hatte sein Vater ihn bei diesen Namen genannt, ehe er geboren war, ehe er der Sargnagel, der Taugenichts, bonu a nulla, geworden war, dem Schläge und Beschimpfungen gebührten statt in Worte gefasste Zärtlichkeit? Jäh sehnte Emidio sich nach seinem Vater und wünschte, er hätte ihm erzählen können, dass er selbst Vater wurde, dass er hier, in der wie ein Erdbeben wogenden Menge, sein Kind mit Kosenamen ansprach und schon Vater war.

Die Liebe zu dem Sohn, den er noch gar nicht kannte, überfiel ihn mit einer Wucht, die fast unerträglich machte, was einem anderen Sohn vor seinen Augen geschah. Wenn man seinen Sohn verlor, verlor man dann alle Bedeutung? War man auf einmal kein Vater, keine Mutter mehr?

Die Versammelten, die den Platz schwarz färbten, schrien noch immer vor Empörung. Dabei war Neapel gar keine Stadt der Ghibellinen, wie sich die Anhänger der Staufer nannten, sondern eine, die von der Herrschaft des Franzosenkönigs profitierte. »Guelfen« war der Name derer, die es mit dem Papst und seinem Karl von Anjou hielten, und von solchen musste es in Neapel wimmeln.

Und genau wie Palermo war Neapel eine Stadt, die das blutige Spektakel einer Hinrichtung liebte, die dabei in Öl gebackene Cuddureddi mit Sultaninen und Walnüssen feilbot, fette Huren küsste oder in gesalzene Würste biss. Es war der Junge, der schlaksig aufgeschossene Blonde, der ihnen den Appetit verdarb. Man führte Kriege, bezahlte Soldaten, um sich gegenseitig abzuschlachten, und kerkerte die Söhne möglicher Thronrivalen hinter meterhohen Mauern ein. Aber man verurteilte keine Kinder zum Tode und brachte sie vor aller Augen um.

Auf der Insel hatte es seit drei Jahrhunderten Sarazenen gegeben, Muselmanen, denen man jedwede Grausamkeit unter dem Himmel nachsagte, doch einem christlichen König traute eine solche Untat niemand zu.

Karl von Anjou mochte sich mit seinen Plänen, Neapel zu einer pompösen Königsstadt auszubauen, zahlreiche Freunde in der Stadt geschaffen haben, aber heute verlor er welche. Er hatte Konrad wie auch den zweiten Staufersohn Manfred in offener Feldschlacht besiegt, was selbst die hinnahmen, denen er ein Dorn im Auge war. Was hier geschah, ließ jedoch selbst die schlucken, die ihn unter der Führung des Papstes auf den Thron gehievt hatten. Es schien ein dunkles Unbehagen aufzustören, das tief in ihnen allen zu lauern schien, eine Erinnerung, die ohne Namen war.

Das Grollen der Menge schwoll. Von ihren Worten war in dem Lärm kaum noch ein einzelnes auszumachen, geschweige denn zu verstehen.

»Mir ist so kalt, Midiú.« Marianna drängte sich an ihn, und auf einmal spürte Emidio die Kälte selbst. Es war erst Oktober. Herrschte drüben auf der Insel je ein so klammer Wind, der unter die Kleider und in die Knochen fuhr?

Kurz erwog er, Marianna auf seine Arme zu heben und sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, aber mit dem Kind im Bauch war sie schwerer, als sie aussah, und durchs Gedränge wären sie nicht weit gekommen. Außerdem hätte er den Scharren zurücklassen und Geld für neues Holz ausgeben müssen, statt es für ein Haus für seine Familie zu sparen. Es half nichts. Sie würden hier ausharren und den Schrecken mitansehen müssen, bis es vorüber war und die Menge sich auflöste.

Warum war es nicht möglich, wegzusehen? Warum reckte auch er sich wieder auf die Zehen und starrte über die Köpfe hinweg? Der Zug mit dem Gefangenen erreichte eben die Leiter, die auf die hölzerne Plattform führte. Der erste Scherge setzte seinen Fuß auf die Sprosse, und ein Mann, der hinter dem Podium stehen musste, sodass Emidio ihn nicht sehen konnte, begann, eine Trommel zu schlagen. Einige Atemzüge lang schlug die Trommel die Menge stumm.

Emidio sah Beamte des Königs, die sich mit gezogenen Waffen den Weg durch die Menge erzwangen und einzelne Unruhestifter vom Platz schleiften. Dann wandte er sich wieder dem Podium zu, auf dessen Mitte ein hölzernes Gerüst aufragte.

Das Blutgerüst.

Die welsche Falle, wohl mit diesem Namen belegt, weil sie so trügerisch harmlos wirkte, ein wenig wie ein Türrahmen, der zu keinem Haus gehörte, durch den man aber hätte schreiten können, ohne sich wehzutun.

Stattdessen würde der Augenblick, in dem der kleine Staufer hindurchschritt, die Geschicke der Welt verändern. Nicht unseres!, begehrte es in Emidio auf. Wir drei sind eine Insel, und das Getöse auf diesem Platz ist für uns nur das Meer, das uns umgibt.

Der kleine Staufer wusste, was sich hinter dem hölzernen Dachbalken verbarg. Wenn es sein Hirn nicht wusste oder nicht wissen wollte, so wusste es sein Bein umso besser, denn es ließ sich nicht heben und vorwärtszwingen, seine Sohle klebte auf dem Platz wie angeleimt.

Emidio glaubte, mit seinen scharfen Augen das Rinnsal Schweiß zu erkennen, das dem Jungen erst Schläfe und Wange und dann den Hals hinunterlief. Angstschweiß, der selbst in der Kälte rann. Spürte Konradin von Hohenstaufen ihn auf Brust und Rücken? Dachte er daran, dass sein Körper zum letzten Mal fähig war, Flüssigkeit abzusondern, wie er es von seinem ersten Augenblick auf Erden an getan hatte – zu schwitzen, zu weinen, zu speicheln und zu pinkeln?

Nein, ganz das letzte Mal war es nicht. Noch eine Flüssigkeit würde der Körper von sich geben, ehe er erstarrte und Konradin von Hohenstaufen nicht länger gehörte, die kostbarste, unersetzlichste: Blut.

Die Henkersknechte, die jetzt zu zweit auf den Sprossen standen, rissen abrupt an den Stricken. Dem Staufer entfuhr ein rauer Laut, vielleicht eher vor Schrecken als vor Schmerz. Seine Stimme hatte noch kein männliches Volumen in der Tiefe, sie ließ sich leicht für eine Mädchenstimme halten. Vermutlich hatte er mit dieser hohen Stimme hübsch singen können. Von den zwei Schergen, die hinter ihm gingen, versetzte ihm einer einen weichen Stoß, der wohl zur Aufmunterung gedacht war. Das bis zum Äußersten gereizte Königskind fuhr entsetzt zusammen, bog den Rücken durch und bäumte sich. Das löste die Erstarrung der Menge. Lauter und viel bedrohlicher als zuvor hob das Gebrüll von Neuem an.

Die Henkersknechte schienen die Sache jetzt so schnell als möglich hinter sich bringen zu wollen, sie wirkten geduckt, als hätten sie Angst, die Menge könnte sie zerreißen. Am Fuß der Leiter hatten die Bewaffneten in der Tat Mühe, die Menschen zurückzudrängen, und das Getümmel wurde so dicht, dass Emidio vom Geschehen das meiste entging. Irgendwie zerrten oder schoben die Schergen ihr Stück Schlachtvieh die Sprossen hinauf. Der Junge schwankte, zitterte, suchte mit rudernden Armen nach Halt, doch keiner der vier Männer schien mehr bereit zu sein, ihn zu berühren.

Wie manche Menschen sich scheuen, eine Leiche zu berühren, als könnte der Tod auf sie übergreifen.

Der Junge wehrte sich nicht. Auch seine Beine sträubten sich nicht länger, sondern schleppten sein klägliches Gewicht in stolpernden Sätzen auf die Plattform. Die Menge brüllte und drängelte, als wollte sie ihm folgen. Emidio aber stand mit Marianna in den Armen still und starrte unverwandt auf das Viereck aus Holz, auf den jämmerlichen Überrest eines Menschen, dessen Schritte kleiner und kleiner wurden, je näher er dem gefürchteten Gerüst kam. Er glaubte zu sehen, wie das tückische Holzgestell sich vor den Augen des Jungen zu drehen begann, und vor seinen eigenen Augen drehte sich das Bild.

Der Junge krümmte sich vornüber, fasste sich an den Hals und würgte. Zuletzt bekam er die Füße nicht mehr gehoben, sondern schob sie um winzige Stücke voran. Als er endlich dennoch die Stufe vor dem Gerüst erreichte, wollte er sich zweifellos zwingen, wie ein Mann zu handeln, den letzten Schritt zu gehen und den Kopf ohne Zaudern auf den Block zu beugen. Aber er war doch noch kein Mann – und auch ein Mann wollte leben.

Wenn man sterben können muss, ohne dass sämtliches Leben in einem sich wehrt, um ein Mann zu sein, dann sind wir alle Kinder.

Statt sich vornüberzuneigen, schreckte der Junge zurück und schrie auf. »Mamma!«, schrie er, »Mamma, Mamma, Mamma!« Zumindest war es das, was Emidio verstand. Nannten Söhne in Schwaben ihre Mütter »Mamma« wie Söhne auf Sizilien?

Der Junge bog den Rücken hintüber, sodass er um ein Haar gestürzt wäre, dann warf er jäh und mit donnernder Wucht seinen Körper auf den Block. Statt jedoch liegen zu bleiben, bäumte er sich sofort wieder auf und tat dasselbe noch einmal. Der Aufprall hallte so laut, als würden Knochen brechen.

Zwei der Schergen überwanden ihre Scheu und packten den Jungen bei den Schultern. Es war kein Gewaltakt, eher einer der Gnade – da das Häuflein Elend ohnehin sterben musste, war es barmherzig, dafür zu sorgen, dass es schnell ging, möglichst schneller, als ein Menschenhirn denken konnte. Die Menge aber urteilte anders. Sie erhob sich und grollte auf wie ein Mann. Die Bewaffneten senkten die Lanzen und zogen ihre Schwerter und wurden dennoch der aufgebrachten Horden, die das Gerüst stürmen wollten, kaum Herr. Wäre einer der Henkersknechte den aufgebrachten Menschen in die Hände gefallen, hätten sie ihn zwischen sich zerfleischt.

Lanzen und Schwerter schwangen nach allen Seiten, um die Männer zu schützen, die den kleinen Staufer auf die Knie und seinen Oberkörper auf den Block zwangen. Sobald nur einer der Männer ihn losließ, schoss das schmächtige Bürschlein wieder in die Höhe, bis schließlich kein anderer Weg blieb, als ihm Fesseln anzulegen. Im letzten Zucken und Beben des Lebens gefesselt zu sein war grausam, fand Emidio. Aber das andere wäre grausamer gewesen – ein Fallbeil, das womöglich danebentraf, weil der Junge nicht stillhielt, und das aus dem Sterben eine lange Qual mit unerträglichen Schmerzen machte. So aber würde es in einem letzten halben Atemzug vorüber sein. Das Fallbeil war schnell, das war seine einzige Gnade.

Danach gehen wir in die Wohnung, in unser Gewölbe, und verkriechen uns. Danach küssen wir uns so lange die Augen, bis wir die Bilder vergessen.

»Das dürfen sie nicht!«, löste sich eine Frauenstimme aus dem ohrenbetäubenden Getöse. »Sie dürfen ihn doch nicht töten, den picciriddu, der nach seiner Mutter schreit!«

Mit dem nächsten Herzschlag geschahen so viele Dinge zugleich, dass Jahre vergehen würden, ohne dass Emidio sie in eine Ordnung bringen konnte, ohne dass er Antwort auf die Frage fand: An welcher Stelle hätte ich Einhalt gebieten und die Welle aufhalten können, die unsere Insel überrollt hat?

Die Henkersknechte auf dem Podium waren mit der Fesselung fertig. Sie zogen dem Kleinen eine Kappe über, die am Kopf eng anlag, und stopften die leuchtenden Locken darunter, damit sie die Schärfe des Fallbeils nicht abfingen. Dann wichen sie nach beiden Seiten zurück.

Der Henker selbst, der in einer Ecke des Podiums so reglos auf seinen Einsatz gelauert hatte, als wäre er Teil des hölzernen Aufbaus, trat vor. Gleichzeitig stürzte sich ein Schwarm von Menschen mit Gebrüll auf die Wachen, um die Leiter zu stürmen. Im Nu gaben die Bewaffneten, die über den Platz verteilt gestanden hatten, ihre Posten auf und eilten den bedrohten Kumpanen zu Hilfe, um die wütenden Massen am Betreten des Podiums zu hindern.

Dort, wo nun kein Lanzenträger mehr für Ordnung sorgte, schloss sich die Gasse. Menschen wimmelten durcheinander, und wer nicht stark genug war, dagegenzuhalten, lief Gefahr, zu Boden gestoßen zu werden. Kinder weinten, Köter flitzten zwischen Beinen von dannen, Krüppel und Greise humpelten vergeblich im Zickzack, um an den Rand des Platzes auszuweichen.

Während all dies geschah, zog der Henker wie ein Glöckner am Strick. Mehr war nicht nötig. Das Fallbeil sauste so schnell in die Tiefe, dass man nicht mehr als einen metallenen Blitz in der Trübnis erkennen konnte. Die niederfahrende Klinge trennte den blond gelockten, mit der Kappe bedeckten Kopf des kleinen Konradin vom Hals, setzte dem Geschlecht derer von Hohenstaufen ein Ende und der Weltgeschichte ihr Siegel auf.

Emidio würde sich nie sicher sein, doch vermutlich hatte sich all dies bereits ereignet und der Kopf des Königskindes war hinter dem Gerüst ins Stroh gefallen, als er bemerkte, dass seine Oberarme kein schmerzlich fester Griff mehr umklammerte. Noch einen weiteren Augenblick lang lähmte ihn der Schrecken, erst dann war er fähig zu handeln. Marianna, die sich von ihm losgerissen hatte, war da schon mehrere Schritte von ihm entfernt und drängte sich durch das wogende Menschenmeer. Sie war die Frau, die geschrien hatte, und sie schrie noch immer: »Hört doch auf! Was seid ihr denn für Menschen? Was haben euch denn dieser picciriddu und seine Mutter getan?«

Sie war so klein und schmal, trotz des vorgewölbten Leibes, sie konnte in Lücken stoßen, in die ihr niemand zu folgen vermochte und die sich hinter ihr sofort wieder schlossen.

Emidio war groß und stämmig gebaut. Er hatte nicht die Spur einer Chance. Stattdessen brüllte er aus Leibeskräften, so laut, dass er glaubte, ihm würden die Lungen bersten: »Marianna! Komm zurück!«

Während er so mit allem, was er aufbringen konnte, schrie und zugleich weiter versuchte, sich durch die Leiber hindurch hinter ihr her zu schieben, während sein Herz vor Angst raste und sein Puls flog, blieb etwas in ihm in völliger Ruhe. Dieses Etwas, das Bilder sah, die ihm nicht vor Augen standen, wollte nicht brüllen, sondern auf zärtlichste Weise rufen und Marianna bei anderen Namen nennen: Amuri, griddu, Liebe meines Lebens, ich habe dir doch so vieles noch nicht gesagt. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ein so kleiner, so zerbrechlicher Mensch einem anderen ein so großes Glück schenken kann.

Dann verstummte die ruhige Stimme in ihm, der tosende Lärm überschrie sie, und die Bilder verblichen, weil die Wirklichkeit in ihren grellen Farben überhandnahm. Marianna drängte sich weiter durch die Menge. Offenbar hatte sie noch nicht erfasst, dass dem kleinen Staufer nicht mehr zu helfen war. Sie war selbst eine Mutter, und sie war entschlossen, den Sohn jener anderen Mutter zu retten. Ihre Kraft aber ließ allzu rasch nach. Ein Körper, der sie von der Seite her rammte, brachte ihr kleines Gewicht ins Taumeln. Noch einmal fing sie sich, doch auf der anderen Seite brach im selben Augenblick ein Trupp französischer Reiter durch die Reihen. Hatte der Befehlshaber den Verstand verloren? Wie konnte er schreckhafte Pferde, die ihre Reiter kaum beherrschten, in diese aufgewühlte Menge hetzen? War er ein Schwachkopf, oder war er geil auf Blut?

Kreischend und fluchend spritzten die Menschen nach den Seiten auseinander.

Marianna war nicht schnell genug. Eines der Pferde scherte nach der Seite aus, traf ihren Körper mit der Hinterhand und warf sie nieder. Emidio sah sie stürzen und schrie mit fremder Stimme auf. Dann sah er nur noch einem Fetzen vom hellgrauen Stoff ihres Kleides auf dem hart getretenen Boden, während die Nachstürmenden über sie hinwegtrampelten.

Wie er durch die Menge kam, wusste er nicht, und wen er zur Seite stieß, war ihm einerlei. Das kurze Stück Weges schien endlos. Als er Marianna erreichte, schlug er einen Mann, der nicht auswich, mit der Faust, damit er ihm Platz machte und er neben ihr auf die Knie fallen konnte. Er hatte sich nie gern geschlagen, und Cammelú hatte ihn oft damit geneckt: »Du bist zarter besaitet als ein Mädchen, dabei würde kein Gras mehr wachsen, wo du einmal hinschlägst.«

Jetzt war es so. Wo er hinschlug, wuchs kein Gras mehr. Mit zwei, drei Schlägen hatte er das Stück Boden um Mariannas Körper für sich allein.

Sie krümmte sich zusammen. Aus ihrem Mundwinkel rann eine dünne Spur Blut. Emidio umschlang ihre Schultern und zog ihren schlaffen Leib auf seine Knie. In seinen Armen kam sie ihm vor wie eine Puppe, die seiner Schwester Stidda vor Jahren zerbrochen war. Stidda hatte herzzerreißend geweint, und Emidio hatte sein Bestes getan, um die Puppe zusammenzuleimen, aber hinterher hatte Stidda sie beiseitegeworfen: »Die ist ja tot. Die will ich nicht mehr.«

Marianna war nicht tot, und Emidio wollte sie. Sie hatte doch eben noch gelebt und sich mit ihrem zerbrechlichen Grillenkörper an seinen Armen festgehalten, bis es wehtat, wie konnte sie da jetzt tot sein? Er begann, auf sie einzusprechen, er murmelte Silbe um Silbe, doch von dem, was er sprach, bekam er nichts mit.

Sie war nicht tot. Sie hing leblos in seinen Armen, aus ihrem Mund rann Blut, und ihre Augen waren zu einer seltsamen Starre verdreht, doch ihre Lippen zitterten, und sie versuchte, ihm etwas zu sagen. Der Lärm auf dem Platz machte es unmöglich, ein Wort zu verstehen.

»Nicht sprechen, Marinuzza, griddu, meine liebste kleine Grille. Keine Kraft vergeuden.«

Marianna schüttelte den Kopf. Es war nur eine winzige, matte Geste, doch er erkannte, was sie bedeutete: Sie musste sprechen, einerlei, was es sie kostete, und er musste um jeden Preis verstehen, was sie ihm zu sagen hatte. Er beugte sich zu ihr und versuchte, so gut es ging, Silben von ihren Lippen zu lesen.

»Das Kind, Midiú«, sagte sie.

Flüchtig glaubte er, sie meinte den toten, enthaupteten Staufer, doch dann erfasste er, warum ihr Leib sich in Krämpfen wand.

»Das Kind, Midiú. Unser Kind.«

Um sie brüllte ein Meer, das wahllos tötete, doch auf ihrer sturmverwüsteten Insel waren sie noch einmal miteinander allein.

ATTO PRIMO

Zehn Jahre später
Palermo, Februar 1279

Chi non avesse mai veduto foco

Non crederia che cocere potesse.

Anti li sembraria sollazzo e gioco

Lo so isprendore, quando lo vedesse.

Wer niemals Feuer gesehen hat,

Wird nicht glauben, dass es verbrennen kann.

Wie ein Vergnügen, wie ein Spiel wird ihm

Sein Glanz erscheinen, wenn er ihn sieht.

Giacomo da Lentini, Begründer der Scuola Siciliana,
Schöpfer des Sonetts, um 1230

4

Mit ihren Freundinnen Nunzia und Francesca ging Aita am Strand von Paliemmu spazieren. Es war nach Tagen des Sturms und der ungewohnten Kälte ein recht hübscher Morgen, selbst über dem Meer lag kaum Nebel, und die Freundinnen redeten vom Heiraten. Aita hörte mal zu und dann wieder nicht.

»Mit Turri habe ich keine üble Wahl getroffen«, sagte Francesca jetzt vielleicht zum dritten Mal. »Ja, ich weiß, er ist nur ein zweiter Sohn und nicht der Erbe, aber mein Vater handelt mit seinem Vater aus, dass sein Bruder ihn ins Geschäft nehmen muss. Und im Haus bekommen wir unsere eigene Kammer, wo ich haushalten kann, wie es mir gefällt.«

»Das ist so schön, Francé!«, rief Nunzia, die mehrere Jahre älter als die Freundinnen und im Grunde schon eine alte Jungfrau war, und nahm die andere beim Arm. »Wenn du nicht meine Freundin wärst, würde ich dich beneiden, weißt du das?«

»Was es da zu beneiden gibt, möchte ich mal wissen«, entfuhr es Aita. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen, obwohl der Strand von der Winternacht ausgekühlt war, und sah im Gehen ihren Füßen zu, weil es ihr gefiel, wie sich die weißen Füße in den weißen Sand gruben. Alle paar Schritte hob sie ihre Röcke, um den Beinen auch zuzusehen. Im Winter hatte die Haut an ihren Beinen eine wundervolle Farbe, und der Sand ließ sie noch weißer erscheinen.

Francesca riss sich von Nunzia los und fuhr herum. »Was bitte hast du gesagt?«

»Dass ich nicht weiß, worum Nunzia dich beneidet«, erwiderte Aita, ohne von ihren hübschen weißen Beinen aufzublicken. »Das Haus von Turris Vater ist uralt, und in allen Winkeln hockt der Geiz. Wie du da nach deinem Gutdünken haushalten willst, weiß ich erst recht nicht. Die Hexe, die du zur Schwiegermutter bekommst, wird es dir jedenfalls nicht erlauben, und ihre drei Vetteln von Schwestern sprechen ihr wie drei Papageien alles nach. Und wenn die Alten sterben? Dann sitzt dir deine Schwägerin vor der Nase, und die wird sich von dir nicht ins Handwerk pfuschen lassen.«

Francesca, die dünn und lang aufgeschossen war und ein ebenso dünnes, langes Gesicht hatte, öffnete den Mund und schnappte wie ein Fisch ins Leere, brachte jedoch nur Tröpfchen Spucke und kein Wort heraus.

Stattdessen sprach die zu klein geratene Nunzia, deren Gesicht an einen Klumpen Ton erinnerte, an dem der Töpfer herumprobiert, aus dem er aber noch nichts Fertiges geformt hatte. »Pfui, Aita!«, rief sie und legte den Arm um Francesca. »Wie kannst du denn die arme Francé so kränken? Du weißt, ich habe dich lieb wie nichts auf der Welt, viel lieber als meine eigenen Leute, aber das war gehässig, und ich kann noch immer nicht glauben, dass du so etwas zu deiner Freundin sagst, die sich auf ihre Hochzeit freut.«

»Das bin eben ich«, sagte Aita. Sie beugte sich nieder und strich sich ein bisschen festgeklebten Sand von der glatten Haut ihrer Wade. »Ich sage immer, was mir einfällt. Wenn ich das Meer sehe, sage ich: ›Es sieht aus wie ein Rieseneimer mit verdrecktem Putzwasser‹, nicht irgendwas Gedrechseltes über schillernde Türkise und Smaragde, über das man erst eine Stunde lang nachdenken muss.«

Nunzia sah sie an wie ein Mäuslein, dem die Nagezähne zitterten. Ehe sie auf eine Antwort sinnen konnte, schob Francesca sie beiseite. »Vergeude nicht deinen Atem, Nunzia. Du meinst es gut, aber ich weiß ja selbst, warum diese kleine Schlange gegen mich ihr Gift verspritzt. Das ganze Quartiere um Sant’Orsola weiß es. Sie und Turri galten schließlich als so gut wie verlobt.«

»Francé, lass das doch sein«, murmelte Nunzia, die es nicht haben konnte, wenn andere sich stritten, so wie Aitas Mutter von fetter Milch einen Druck auf dem Magen bekam.

Francesca beachtete sie nicht. »Aber es weiß doch wirklich jeder!«, rief sie triumphierend. »Ihre Mutter hat im Backhaus ja schon damit geprahlt, wie sie ihre Tochter zur Hochzeit ausstaffieren wird, auch wenn ihr der Turri natürlich nicht fein genug für ihren Goldschatz war. Würde es nach Mamma Santa gehen, wäre ja längst ein Prinz dahergekommen, um das holde Töchterchen zu ehelichen.

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