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Die Liebknechts

Inhaltsübersicht

Vorwort

»Ganz der ›Alte‹!«?

Nicolaitaner

Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht

Aufbruch in die Politik

Aufregende Russenkontakte

Im Bunde mit der Jugend

»Hochverrat«

Festungshaft

Preußenparteitag

Auf nach Amerika!

Der Parlamentarier

Impulse für Europa

Gegen Krieg und Verderben

Armierungssoldat

Spartacus

»Landesverrat«

Im Zuchthaus Luckau

»Die Bewegungsgesetze«

Revolution

Wagnis und tragisches Ende

Anhang

Danksagung

Abkürzungen

Siglen

Anmerkungen

Bildteil

Bildnachweis

Personenregister

Vorwort

In den Augen seiner Söhne war Karl Liebknecht eine Kraftnatur, voller Lebensfreude und Willensstärke. Sein Vater bezeichnete ihn von klein auf als sehr gesund und hielt ihn für intelligent und gewitzt. Seine Lehrer bescheinigten ihm eigenwilliges Denkvermögen. Studienfreunde beeindruckte er durch Sprachbegabung, Belesenheit, Sinn für Humor und gelegentliches Klavierspiel. Naturverbundenheit und Gesellschaftsinteresse weckten in ihm Wissensdurst und Entdeckerfreude. Väterliche Freunde meinten, er sei ganz der Vater – klug und enthusiastisch. Mit Julia Paradies, seiner ersten Frau, erfreute er sich an drei Kindern: Wilhelm (Helmi), Robert (Bob) und Vera. Sie schwärmten ebenso wie Nichten und Neffen zeitlebens von Karl Liebknechts Güte und Temperament. Für einige Jahre geriet sein Seelenleben durch die heimliche Liebe zu Sophie Ryss aus Rostow am Don aus dem Gleichgewicht. Die Studentin und promovierte Kunsthistorikerin durchlebte mit ihm aufregende Zeiten. Er selbst schrieb 1906: »Ich kenne kein Rätsel als mich selbst«1, so ausweglos hin- und hergerissen fühlte er sich zwischen einem geordneten Ehe- und Familienleben und der leidenschaftlichen Begeisterung für Sophie, die er 1912, nach dem plötzlichen Tod von Julia, heiratete. Wiederholt quälte Karl Liebknecht das Verlangen, der Politik zu entsagen, öfter ins »Weltmeer der Wissenschaft«2 einzutauchen und darin Zeichen zu setzen. Kaum aber hatte er mit Studien begonnen, entriss ihn die Politik diesem Vergnügen wieder und er ergötzte sich an ihr nicht minder süchtig.

Karl Liebknecht war bescheiden und kontaktfreudig. Als Rechtsanwalt verhielt er sich zu seinen Klienten aufgeschlossen und hilfsbereit. Parlamentskollegen und Parteifreunde schätzten seine Resolutheit und Solidität, manche verprellte er durch Rigorosität, mit der er bisweilen vorging. Namhafte Politiker, Schriftsteller und Künstler verkehrten mit ihm bzw. zollten ihm Respekt. Franz Pfemfert bestaunte seine Symbolgestalt. Hellmut von Gerlach lobte seine Toleranz. Romain Rolland schätzte seinen Mut. Kurt Eisner pries seinen Idealismus. Karl Radek betonte seinen Ehrgeiz und »seine menschlichen Eigenschaften, durch die er ebenfalls von dem vorgeschriebenen Typus eines würdigen Parteiführers abwich«3. Alexandra Kollontai verehrte ihn als einen »Paladin der Unterdrückten«, der auf Ruf nach Hilfe und Mitgefühl mit einer seltenen Sensibilität reagierte.4 Henri Barbusse verewigte ihn in seinem berühmten Antikriegsroman »Das Feuer«. Arnold Zweig achtete den Propheten, der das Kriegsinferno vorausgesehen hatte. Alfred Döblin, Sebastian Haffner und Peter Weiss hinterfragten in ihren Betrachtungen über die Revolution 1918/19 in Berlin seine Rolle kritisch. Gemälde, Graphiken, Skulpturen und Filme zeugen vom Bekenntnis zu dem Unbeugsamen. Käthe Kollwitz’ Graphiken und Holzschnitte werden die Meuchelmörder für immer anklagen.

Schon 1908 gewahrte Liebknecht: »Die Bande haßt mich in den Tod.«5 Er ließ sich jedoch nicht beirren. Mit seinem »Trotz alledem!« in privaten und öffentlichen Konfliktsituationen, mit seinem »Nein!« zum Krieg und mit seinem Ruf nach einer »freien sozialistischen Republik Deutschland« bekundete er sein humanistisches Anliegen als Sozialist, der Einfühlungsvermögen wie Ausstrahlungskraft besaß, Ansporn gab und bis heute Menschen beeindruckt.

Über Karl Liebknecht ist in den letzten Jahren relativ wenig Literatur erschienen.6 In Publikationen zur Geschichte der Neuzeit wird er, wenn überhaupt, nur kurz erwähnt bzw. verzerrt dargestellt. Rosa Luxemburg rückte mit ihren Theorien, Prophezeiungen und nicht zuletzt aufgrund der Widersprüche in ihren Ansichten und Handlungen von Anfang an in den Vordergrund der ideengeschichtlichen Rezeption und steht bis heute immer wieder im Mittelpunkt von internationalen Disputen über die Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert.7 Als Luxemburg-Biografin ist mir natürlich bewusst, dass sie die theoretisch Bedeutendere der beiden gleichaltrigen Weg- und Schicksalsgefährten ist und ihr wertvoller Briefnachlass eine literarisch reizvollere Lektüre bietet. Mit einer Komposition, die Persönliches, Familiäres sowie Politisches und Zeitgeschichtliches zusammenfügt, möchte ich dazu beitragen, dass Karl Liebknecht aus dem Schatten Rosa Luxemburgs heraustritt und nicht zu einem linken Säulenheiligen versteinert, sondern als ungestümer Kämpfer und umstrittener Querdenker, als Mann mit Charme und Charisma in Erinnerung bleibt.

Die Lebensumstände und Lebensweise von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren sehr verschieden. Sie agierten in der sozialistischen Bewegung auf unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und mit ungleichen Motiven und Methoden. In ihrem Bestreben nach Frieden, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und internationaler Solidarität setzten sie unterschiedliche Akzente. Doch früh stimmten sie objektiv und spätestens ab 1914 auch subjektiv in ihren Anliegen meistenteils überein.8

Karl Liebknecht gehörte wie Rosa Luxemburg zu einer Generation humanistisch gesinnter und vielseitig gebildeter Sozialisten, deren Denken und Tun in gründlichem Wissen über die jahrtausendealte Menschheitsgeschichte verwurzelt war, die sich den zeitgenössischen Herausforderungen freimütig stellten und die ihre Vorstellungen über künftige Entwicklungen in Deutschland und in Europa mit wachem Blick auf das Weltgeschehen gewannen. Sowohl ihre Kritik am Kapitalismus in dessen erster Phase imperialer und kolonialer Raubzüge und Kriege als auch ihre auf den Sozialismus orientierten gesellschaftspolitischen Erwägungen sind bedenkenswert. Mit ihren Ansichten, durch ihr gesellschaftspolitisches Engagement und ihre integren Charaktere regen sie nach wie vor dazu an, die Suche nach Alternativen zum kapitalistischen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Weltherrschaftssystem nicht aufzugeben.

Mein Interesse für Karl Liebknecht wurde bereits vor mehr als 40 Jahren geweckt, als ich den Auftrag erhielt, das Fragment einer Liebknecht-Biografie über die Jahre 1914 bis 1916 aus dem Nachlass Erich Weinerts für den Druck vorzubereiten. Mitten in der Arbeit meldete sich der Sohn des Verfassers Willy Kerff. Der 1897 in Vaalserquartier bei Aachen geborene Willy Kerff, von Beruf Lehrer, war in verschiedenen Funktionen für die KPD tätig gewesen, u. a. bis 1933 Abgeordneter im preußischen Landtag, und hatte bis zu seiner Verhaftung gegen die Nazidiktatur gekämpft. Im Jahre 1935 gelang es ihm, über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion zu emigrieren, wo er 1936 bis 1938 an der Liebknecht-Biografie arbeitete. Seine Frau übergab das Manuskript der KPD-Führung, nachdem er im Frühjahr 1938 in Moskau verhaftet und in ein Lager abtransportiert worden war. Die KPD-Führung beauftragte im Frühjahr 1941 Erich Weinert, die Veröffentlichung des Textes vorzubereiten, doch Kerffs Fragment konnte erst 1967 erscheinen.9

Durch die Gespräche mit Willy Kerff erhielt ich das erste Mal einige konkrete Kenntnisse von stalinistischen Repressalien gegen Gleichgesinnte in der internationalen kommunistischen Bewegung, die mich erschütterten, vor allem aber motivierten, mit Forschungsbeiträgen über die deutschen Linken deren Verunglimpfung durch Stalin und dessen Protagonisten überwinden zu helfen.

In die erste Hälfte der 60er Jahre gehören auch meine ersten Kontakte zu Sophie und Wilhelm (Helmi) Liebknecht. Beide hatten in der UdSSR unter der Stalindiktatur ebenfalls leiden müssen. Sophie Liebknecht durfte erst 1954, anlässlich ihres 70. Geburtstages, nach Berlin reisen. Auch Wilhelm, der in Moskau lebte, und Robert, der in Paris seinen Wohnsitz hatte, konnten sich in den 60er Jahren wieder begegnen. Der persönliche Austausch mit Sophie, Wilhelm, Robert und dessen Frau Hertha, mit den Enkelinnen Maja und Marianne, mit dem Neffen Kurt und dessen Frau Gisela und seit 1990 mit Charlotte Otto, der Tochter von Theodor Liebknecht, vermittelte mir aufschlussreiche Einblicke in die Familiengeschichte und Lebensart.

Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs Wirken stand im Mittelpunkt meiner Dissertationsschrift »Der Kampf der deutschen Linken für eine demokratische Republik«.10 Im Jahre 1982 veröffentlichte ich zusammen mit Elke Keller eine Karl-Liebknecht-Biografie in Dokumenten.11 Darin versuchten wir über Primärquellen ein lebendigeres Bild dieser Persönlichkeit zu vermitteln, als es Heinz Wohlgemuth12 und Helmut Trotnow13 gelungen war, deren Liebknecht-Biografien von ideologischen Einseitigkeiten geprägt waren. Wir informierten über den Entstehungsprozess von Liebknechts Fragment mit den Ergebnissen seiner philosophischen Studien, fanden jedoch noch keinen unvoreingenommenen Zugang zu dieser Schrift. Schließlich ermöglichte der Aufbau-Verlag im Jahre 1992 die Veröffentlichung sämtlicher Briefe Karl Liebknechts an seine Kinder mit einem Vorwort, das viel Unbekanntes aus dem Familienleben enthält und das dramatische Schicksal des Nachlasses von Karl Liebknecht beschreibt.14 Das große und vielfältige Echo auf dieses Taschenbuch und auf meine 1996 ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienene Rosa-Luxemburg-Biografie15 ermutigte mich zu einem neuen Karl-Liebknecht-Porträt.16

Diese Biografie wendet sich gegen die Identität der Vorstellungswelt und Verhaltensweise von Wilhelm und Karl Liebknecht bei Helmut Trotnow und dessen Entgegensetzen von Humanismus und Marxismus. Sie richtet sich nicht minder gegen den stereotypen Vergleich mit Lenin nach der Meßlatte des Leninismus bei Heinz Wohlgemuth und die Konzentration beider Biografen auf den Politiker im Traditionsverständnis von SPD bzw. SED. Zudem versuche ich eigene Fehler und Schwächen zu korrigieren, die sich vor allem aus einer dogmatischen Überhöhung der marxistisch-leninistischen Klassiker und der Vernachlässigung des Individuellen ergeben haben.

Die Wertvorstellungen Karl Liebknechts unterschieden sich von denen Rosa Luxemburgs, weil er ein anders motiviertes Verhältnis hatte zu Karl Marx und Friedrich Engels, zu August Bebel und Wilhelm Liebknecht, zur deutschen Sozialdemokratie, zur russischen Bewegung und zu Vertretern anderer, auch nichtsozialistischer Parteien und Organisationen. Anders als Rosa Luxemburg beschäftigte er sich mit nichtmarxistischen philosophischen Strömungen. In seinem Kampf gegen Imperialismus und Militarismus stand die Entlarvung der »Internationale der Rüstungsindustrie« als Hauptkriegstreiber und der nationalen Demagogie für die Kriegsentfesselung im Mittelpunkt. Die Jugendarbeit der Linken in der Sozialdemokratie trug weitgehend seine Handschrift. Für die Orientierung demokratischer und sozialer Kämpfe waren seine Erfahrungen als Advokat und Parlamentarier von großem Einfluss. Seine Agitationstour durch die Vereinigten Staaten von Amerika wie sein Appell an das Gewissen Europas im Kampf gegen die reaktionärsten Mächte verweisen auf weit über Deutschland hinaus reichende Dimensionen seines emanzipatorischen Anliegens. Schließlich fungierte er in der Novemberrevolution an vielen Brennpunkten, wo er sich vor problematische Situationen gestellt sah und für den Fortgang der Revolution Entscheidungen fällte, die seinem Grundanliegen entsprachen, bis heute jedoch umstritten sind.

Da er als Sozialist und Antimilitarist von internationalem Rang bis zuletzt konsequent blieb, sich beruflich, politisch und privat zum Teil euphorisch und risikobereit auszuleben versuchte, ohne sich an Konventionen zu stören, vor Konflikten zu scheuen und auf Dauer seine Liebenswürdigkeit und Lebensfreude zu verlieren, gebührt Karl Liebknecht weiterhin Beachtung. Menschen, die sich ähnlich engagiert und mutig wie er gegen Kriegspolitik und Rüstungswahn, gegen Völkermord und Menschenrechtsverletzungen, gegen Kulturbarbarei, Religionsmissbrauch und Naturverwüstungen auflehnen wollen, können in seinem Wirken viel Anregung finden und werden sich in ihrer Opposition durch Liebknechts Worte bestärkt fühlen: »Andere mögen ihr: ›Nur nicht zu viel! Nur nicht zu früh!‹ plärren. Wir werden bei unserem: ›Nur nicht zuwenig! Nur nicht zu spät!‹ beharren.«17

Der im November 2003 vom Berliner Senat am Potsdamer Platz wieder aufgestellte Sockel für ein Denkmal ist ein großer »Stolperstein« an einer historischen Stelle. Er wird seinen Sinn besonders dann erfüllen, wenn bei recht vielen Frauen, Männern und Jugendlichen Interesse für Karl Liebknecht geweckt wird.

 

Berlin, 15. Januar 2007

»Ganz der ›Alte‹!«?

Als 1934 die junge Ärztin Vera, Tochter Karl Liebknechts, in Wien an Tuberkulose verstorben war, schrieb der nach Paris emigrierte Bruder Robert tief erschüttert an seinen Bruder Wilhelm in Moskau: »Es gibt nichts, nichts, nichts, was darüber hinwegbringt; man muß zu der einen klaffenden, ewig klaffenden Wunde, nun noch ewig eine zweite tragen und in jeder plötzlich stillen Stunde wird der Gedanke an Vera in unseren tiefsten Lebens- und Wesenskern wie ein glühendes spitzes Eisen hineintreiben und ohne physischen Schmerz an unsern Herzen nagen. Es ist unser Wesen, unser Blut, unser Schicksal, was Vera mit sich genommen hat. […] Ich war so überzeugt von Papas Kraftnatur, von Papas Lebensfreude und Willenskraft, die in ihr staken, daß ich glaubte, sie könnte in ihrer Lebenskraft doch noch Berge versetzen und Wunder verrichten. Vielleicht wurde ihr unbewußt auch ihre ererbte Kraft 1919, als sie nichts ahnte, mitgetroffen, […] ihrer Seele Kraft, ihr goldener Charakter, ihre Energie, ihr Trotz blieb unverändert, unberührt; […]. Das letzte Photo ist beinahe Papa ein kühner, reiner, überlegen lächelnder Ausdruck, als ob sie als einzige wußte, warum und wofür sie gestorben ist.«1 Dass alle drei Kinder Karl Liebknechts, seine Frau sowie sein Bruder Theodor mit Frau Lucie nach 1933 außerhalb Deutschlands leben mussten, war der Hitler-Diktatur geschuldet. Robert Liebknecht wurde 1937 und Wilhelm Liebknecht 1940 ausgebürgert. Vera Liebknecht wurde 1941, sechs Jahre nach ihrem Tod, die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.2

Robert missfiel an den Nachrufen und Pressemeldungen zum Tode seiner Schwester, dass sie nur auf den Namen Liebknecht und nicht auf Vera konzentriert waren.3 Das berechtigte Verlangen, in erster Linie persönlich anerkannt zu werden, gehörte ebenso zur Familientradition wie das Bemühen, in jeder neuen Generation Wesenszüge der Ahnen zu entdecken.

Wilhelm Liebknecht, Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, langjähriger Freund von Karl Marx und Friedrich Engels, hatte seinen Sohn Karl gleich nach der Geburt auserkoren, in der sozialdemokratischen Bewegung in seine Fußstapfen zu treten. »Der Kleine gedeiht sehr gut und wird hoffentlich seinen Paten Marx und Engels Ehre machen«, schrieb er an Friedrich Adolph Sorge.4 Karl sehe »ganz intelligent aus«, schwärmte er in einem Brief an Friedrich Engels, und er wünschte, dass sie dem jungen Sozialdemokraten etwas Geist von ihrem Geist »einzufiltrieren« suchten. Sonstige Pflichten gäbe es keine.5 Die drei weiteren Paten waren der Advokat Carl Reh aus Darmstadt, der Fabrikant Paul Stumpf aus Mainz und der Bergdirektor in Bulzach August Kleinschmidt.6 Warum Wilhelm Liebknecht an Karl schon im Säuglingsalter Ähnlichkeiten mit sich festzustellen meinte, warum er ihn so früh auserkor, ist quellenmäßig nicht zu ergründen. In mancherlei Hinsicht sollte er jedoch mit seiner Behauptung bzw. seinem Wunsch Recht behalten. »Rückhaltlos sein ganzes Ich in die Waagschale«7 zu werfen, wie es Wilhelm Liebknecht als Maxime seines Lebens verstand, wurde auch Karl zum Lebensbedürfnis. Im Elan, in der Impulsivität, in der Beharrlichkeit und im Wissensdrang ähnelten sich Vater und Sohn. An Eckpunkten ihrer Lebensläufe gibt es erstaunlich viel direkt Vergleichbares. Sie beschritten beide klassische bürgerliche Bildungswege, ihr Denken und Handeln war im Humanismus verankert und sie nutzten ihre Sprachbegabungen für die internationale Kommunikation. Beide agierten als Antimilitaristen und Regimegegner und waren exzellente Parlamentarier. Mutig verweigerten sie den Herrschenden im deutschen Kaiserreich die Kriegskredite und blieben unbeugsam in gegen sie angestrengten »Hochverratsprozessen«. Gefängnisaufenthalte nutzten sie zum Studieren und Schreiben. Auf Agitationstouren durch die USA verschafften sie sich ein eigenes Bild von der »Neuen Welt«. Als Republikaner fochten sie auf den Barrikaden der Revolution für Demokratie. Sie favorisierten im Kampf gegen ihre Widersacher die geistige Auseinandersetzung und verfassten viel beachtete Streitschriften. Gewaltverherrlichung war ihnen fremd, Gewaltverzicht erstrebenswert. Beide erhielten für ihre Antworten auf theoretische Fragen manche Schelte aus dem Kreis der professionellen Theoretiker in der Partei.

Unterschiede im Charakter, im Ehe- und Familienleben und in den Tätigkeiten prägten aber auch sich wenig ähnelnde Eigenschaften, Fähigkeiten und Gewohnheiten aus. Andersgeartete gesellschaftliche Zustände sorgten für kaum vergleichbare Wirkungseffekte. Während Wilhelm sein Studium abbrach, verließ Karl die Universität mit einer Promotion. Er wurde nicht wie der Vater Journalist und Politiker von Beruf, sondern Rechtsanwalt. Auch besaß er keine sonderlichen Anlagen zum Schulmeister, wie sie dem Vater nachgesagt wurden. Viel lieber beschäftigte sich Karl mit Philosophiegeschichte und träumte von wissenschaftlichen Höhenflügen. Während Wilhelm Liebknecht zum Führungskern der deutschen Sozialdemokratie gehörte, seine Stimme als argumentationstüchtiger Rhetoriker großes Gewicht hatte und seine Meinung als Chefredakteur bedeutender Presseorgane mit zunehmendem Alter selbstherrlich durchzusetzen versuchte, erhob Karl Liebknecht keinen Anspruch auf Parteifunktionen mit Einfluss und Macht. Er errang allmählich Achtung durch seine parlamentarische und juristische Tätigkeit, seine antimilitaristischen Aktivitäten und nicht zuletzt durch seine Initiativen, junge Menschen dafür zu gewinnen, ihre Interessen aktiv zu vertreten. Bis zur Gründung der Spartakusgruppe und der Kommunistischen Partei Deutschlands übte er innerhalb der Partei keine Leitungsfunktion aus. Während Wilhelm Liebknecht die deutsche Sozialdemokratie über Jahrzehnte in einem komplizierten Prozess zu einer Massenpartei entwickeln half, musste Karl seinen Platz in dieser national wie international etablierten Partei suchen und behaupten lernen. Er lehnte sich von Anfang an dagegen auf, dass Freund und Feind ihn mit dem »Alten« priesen bzw. befehdeten. Er versuchte zunehmend eigenwilliger aus Dogmenstrenge, Parteiritualen und Lebensnormen auszubrechen.

Karl Liebknecht wurde am 13. August 1871 in Leipzig, Braustraße 11 (heute Nr. 15) geboren. Sein Vater war der am 29. März 1826 in Gießen geborene Wilhelm Liebknecht. Seine Mutter Wilhelmine Natalie geborene Reh stammte aus Darmstadt, ihr Geburtsdatum war der 19. Juli 1835. Die zwei älteren Schwestern, Alice (16. November 1857–27. November 1933) und Gertrud (28. Oktober 1863 – 21. Februar 1935), stammten aus der ersten Ehe des Vaters. Der ältere Bruder Theodor war ein Jahr vor ihm, am 19. April 1870, auf die Welt gekommen und lebte bis zum 6. Januar 1948. Die drei jüngeren Brüder waren Otto (13. Januar 1876 – 21. Juni 1949), Wilhelm (29. November 1877 – 3. Februar 1972) und Curt (7. Juni 1879 – 8. November 1966). Die Abstammung der Liebknechts von Martin Luther ist eine Legende.8

Der Vater konnte mit seinen 45 Jahren in Karls Geburtsjahr bereits auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Er entstammte einer alten Gelehrten- und Beamtenfamilie. Sein Vater, Karls Großvater, war hessischer Regierungsregistrator. Einer seiner Vorfahren, Johann Georg Liebknecht (1679 – 1749), ein bedeutender Mathemathiker, hatte auf Empfehlung des Philosophen Leibniz einen Lehrstuhl erhalten und wurde schließlich Rektor der Universität Gießen. Wilhelm Liebknecht hatte seine Eltern im Alter zwischen fünf und sechs Jahren verloren. Nachdem ihm der Tod 1834 auch noch die Großmutter entrissen hatte, übernahm Karl Oßwald, Kandidat der Theologie aus Kleeberg und vertrauter Freund des Vaters, die Vormundschaft. Das verschuldete Liebknechtsche Haus am Burggraben in Gießen wurde verkauft. Wilhelm Liebknecht lebte bei Karl Oßwald in der Wohnung des Kaufmanns Bücking in Gießen, bis das »gute Oßwäldchen« 1845 verstarb.9 Tiefe Spuren hinterließ bei ihm die Ermordung seines Großonkels Friedrich Weidig durch reaktionäre Elemente 1837, denen der republikanische Lehrer und Pfarrer verhasst war. Danach stand für Wilhelm ziemlich früh fest, »daß er dem herrschenden politischen System nur als Feind gegenübertreten konnte«10. Er las Schriften von Friedrich Engels, Robert Owen, Saint-Simon und weiteren französischen Sozialisten und entwickelte sich zu einem radikalen Republikaner. Von 1842 bis 1847 studierte er in Gießen, Berlin und Marburg Philosophie, Philologie und Theologie, brach sein Studium jedoch im Gefolge seines politischen Engagements vorzeitig ab. In den Revolutionskämpfen 1848/49 stand er als streitbarer Demokrat auf der Barrikade. Er war Angehöriger der badischen Volkswehr, Leutnant im Mannheimer Arbeiterbataillon, Zivilkommissar, Zeitungskorrespondent, Adjutant Gustav von Struves und Bombardier in der Batterie Borkheim unter Johann Philipp Becker. Als sich im Juli 1849 die Reste der zerschlagenen republikanischen Armee über die Grenzen zurückziehen mussten, floh Wilhelm Liebknecht in die Schweiz. Im August 1849 wurde er Mitglied und später Präsident des deutschen Arbeitervereins in Genf. Dort lernte er Friedrich Engels kennen. Er hielt Vorträge zu politischen und sozialen Problemen, darunter zum Kommunistischen Manifest. Auf Beschluss des Schweizer Bundesrates wurde er Anfang 1850 verhaftet und des Landes verwiesen. Liebknecht emigrierte nach London (1850 – 1862). Hier kam er in die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels. Marx »zwang uns zum Studieren« und trieb uns in »das prachtvolle Lesezimmer des Britischen Museums mit seinen unerschöpflichen Bücherschätzen«, erinnerte er sich. Marx verweilte dort täglich. »Lernen! Lernen! das war der kategorische Imperativ, den er oft genug uns laut zurief, der aber auch schon in seinem Beispiel, ja in dem bloßen Anblick dieses stets mächtig arbeitenden Geistes lag […] nie kann ich mein Glück hoch genug preisen, das mich jungen, unerfahrenen, bildungsdurstigen Burschen zu Marx geführt, mich unter seinen Einfluß und seine Schulung gebracht hat.«11 Wilhelm Liebknecht wurde Mitglied der Londoner Gemeinde des Bundes der Kommunisten. Auch im Kommunistischen Arbeiterbildungsverein fand er ein Betätigungsfeld. In den Londoner Organisationen habe er mehr gelernt als an den Universitäten, da er hier »gründliche Kenntnisse des Lebens und Denkens der Arbeiter erwerben konnte«12.

1854 heiratete Liebknecht Ernestine Landolt aus Freiburg im Breisgau, die er während der Verfassungskämpfe in Baden in der Haftanstalt Freiburg kennengelernt hatte. Die Tochter des dortigen Gefängniswärters war ihm nach langem Zögern ins Exil gefolgt. Eine Amnestie erlaubte ihnen im Jahre 1862 mit ihrer 1857 geborenen Tochter Alice die Rückkehr nach Deutschland. Sie lebten in Berlin, dort wurde 1863 ihre Tochter Gertrud geboren. 1865 drohte Wilhelm Liebknecht als ehemaligem politischen Emigranten und als »Ausländer« die Ausweisung – er war als gebürtiger Hesse13 schließlich kein Preuße. Zum neuen Wohnort wählte er Leipzig, wo er vom Einwohneramt ebenfalls als »Ausländer« registriert wurde.14 Rasch fand er Kontakt zu August Bebel, der in der Stadt einen der bedeutendsten Arbeiterbildungsvereine leitete und ihm nach den vielen Emigrationsjahren half, vom »Fluch der Entfremdung« loszukommen. Dieser Verein hatte Ende 1865 432 Mitglieder. Hier unterrichtete Wilhelm Liebknecht in französischer und englischer Sprache, Geschichte und in Rhetorik. Auch in den 29 sächsischen Arbeiterbildungsvereinen mit etwa 4500 Mitgliedern, die alle mehr oder weniger unter Bebels Einfluss standen,15 trat Liebknecht als »Wanderredner« auf. Durch die reichen Kenntnisse, die er im Umfeld von Marx und Engels in London erworben hatte, und durch »das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen« habe der 14 Jahre ältere Liebknecht Bebels »Mauserung zum Sozialisten« beschleunigt«.16 Zum Freundeskreis in Leipzig gehörten neben der Familie Bebel von Anfang an Elise und Robert Schweichel. Bald trafen sich die drei Ehepaare wöchentlich einmal zu Geselligkeit und zum Gedankenaustausch.17

Den Freunden und Genossen gegenüber sei Wilhelm Liebknecht »allezeit ein guter Kamerad« gewesen, »der vorhandene Gegensätze auszugleichen suchte«18.

Anfang 1868 begann er mit der Herausgabe des »Demokratischen Wochenblatts«, das zunächst noch die Zeitung der 1866 gegründeten Sächsischen Volkspartei war, aber zugleich als erste sozialdemokratische Zeitung mit Verlagsort Leipzig im Königreich Sachsen galt. Im September 1868 hatte der Generalrat der 1864 auf Initiative von Marx und Engels gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation Wilhelm Liebknecht zum Korrespondenten und Bevollmächtigten in Deutschland ernannt. Im Norddeutschen Reichstag, dem er seit 1867 angehörte, trat er mutig gegen die Blut-und-Eisen-Politik Otto von Bismarcks auf. Mit Bebel und anderen Gefährten gründete Wilhelm Liebknecht auf dem sozialdemokratischen Arbeiterkongress im August 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Das »Demokratische Wochenblatt« ging als Wochenzeitung in die Hände der SDAP über. Auf Vorschlag von Johann Philipp Becker wurde es in »Der Volksstaat« umbenannt und als »Organ der social-demokratischen Arbeiterpartei und der Gewerksgenossenschaften« ab 2. Oktober 1869 herausgegeben. Leipzig wurde de facto zur sozialdemokratischen Hauptstadt der Bebel’-Liebknecht’schen Richtung und das Königreich Sachsen deren Aktionsbasis.19 Die offizielle Parteileitung, der Parteiausschuss, fiel »der Braunschweiger Mitgliedschaft um Bracke zu, und die Führung der Kontrollkommission oblag August Geib in Hamburg: Diese bisherigen ADAV-Funktionäre schärften das proletarische Profil der SDAP und sicherten eine straffere Organisation.«20

Während des Deutsch-Französischen Krieges lehnten Bebel und Liebknecht die Kriegskredite ab, da nach der Schlacht von Sedan (1./2. September 1870) offenkundig geworden war, dass der Krieg deutscherseits nunmehr eindeutig Eroberungscharakter trug. Als die Kunde von der Proklamierung der Pariser Kommune nach Leipzig drang, solidarisierten sich beide rückhaltlos mit den Zielen und Kämpfern der ersten Arbeiterregierung in der Welt. Daraufhin wurden sie und Adolph Hepner des »Hochverrats« bezichtigt und vor Gericht gestellt. Ihre Verteidiger waren die Leipziger Rechtsanwälte Bernhard und Otto Freitag, erprobte Mitstreiter der Sächsischen Volkspartei. Otto Freitag gehörte fernerhin zum Freundeskreis der Liebknechtschen Familie und wurde Mitglied der SDAP. Die Berichterstattung der Korrespondenten zahlreicher Blätter machte das mutige Auftreten von Bebel und Liebknecht im Prozess zu einer politischen Sensation. Wilhelm Liebknecht war, wie August Bebel hervorhob, »der eigentliche Führer des Prozesses«. Er brillierte durch seinen Scharfsinn und rhetorische Meisterschaft.21 Stolz erklärte er vor dem Leipziger Schwurgericht: »…ich bin nicht ein Verschwörer von Profession, nicht ein fahrender Landsknecht der Konspiration. Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution, dagegen habe ich nichts.«22

Zu dieser Zeit war Wilhelm Liebknecht bereits das zweite Mal verheiratet, und zwar mit Wilhelmine Natalie geborene Reh (19. Juli 1835 bis 1. Februar 1909), die aus gutbürgerlichem Hause in Darmstadt stammte und nach dem Tod ihres Vaters, des Großherzoglich-Hessischen Hofgerichtsadvokaten, eine Erbschaft von 8000 Gulden in die Ehe brachte. Wilhelm Liebknechts erste Frau Ernestine und Mutter der beiden Töchter war am 29. Mai 1867 an Lungenentzündung verstorben.

»Daß Liebknecht mit Natalie Reh bekannt wurde, war eine Folge seiner politischen Betätigung«, schrieb August Bebel später. »Im Frühjahr 1868 reisten er und ich nach Hessen, um dort mehrere bürgerlich-demokratische Kandidaten für die Wahlen zum ersten Zollparlament gegen die Nationalliberalen zu unterstützen. Bei dieser Gelegenheit kamen wir auch nach Darmstadt und wurden von Professor Louis Büchner, dem bekannten Verfasser von ›Kraft und Stoff‹, zu Tische geladen. Hier lernte Liebknecht Natalie Reh kennen, die mit Frau Büchner befreundet war […] und da erschien ihm in der klugen und redegewandten Natalie Reh die Gesuchte. Ich mußte also am nächsten Tage die Rolle des postillon d’amour übernehmen und durch Frau Büchner eine zweite Zusammenkunft vermitteln. Vier Monate später war die Hochzeit.«23

Sich für den Witwer mit zwei Kindern von 10 und 4 Jahren zu entscheiden, fiel Natalie nicht leicht. Schließlich war sie eine hochgebildete, sprachbegabte, feinfühlige und anspruchsvolle Frau von 32 Jahren, eine begeisterte Freundin guter Musik und des Theaters. Ihr Vater Theodor Reh legte wegen politischer und weltanschaulicher Differenzen und aus Sorge um die materielle Zukunft seiner Tochter ein Veto gegen die Eheschließung ein und drohte mit Enterbung. Nach dem Tod des Vaters zogen Natalies Stiefmutter und ihr Bruder Erkundungen über Wilhelm Liebknecht ein. Da er nur geringe Einkünfte aus Honoraren für Zeitungsartikel und Privatunterricht aufzuweisen hatte, wünschte Natalie, Liebknecht möge sich vor der Heirat eine gesicherte Stellung bei einer Zeitung, einer Schule oder dergleichen verschaffen. Darauf aber konnte und wollte sich Liebknecht nicht festlegen, weil es sich nicht mit seiner politischen Arbeit vereinbaren ließ. Er versicherte ihr, eine Frau ernähren zu können, wenngleich er nicht reich sei.24 Die Freundin von Natalie Reh bat er, der Umworbenen verständlich zu machen, dass sein Lebensglück und das seiner Kinder auf dem Spiel stehe. Als »Soldat der Demokratie« habe er viel gekämpft und gelitten und eine »dicke Hornhaut« bekommen. Doch sei er weder rauh noch gefühllos, habe sein Herz jugendwarm erhalten. Er könne nicht leben, ohne zu lieben, ohne geliebt zu werden.25 Natalie Reh schrieb er am 30. April 1868: »Ich bin leidenschaftlich, rasch im Entschluß, aber auch zäh; noch nie habe ich von dem einmal Erstrebten abgelassen, nie bin ich mir selbst untreu geworden. Also glauben Sie nicht, daß nur eine vorübergehende Laune aus mir spricht …« Er bräuchte endlich Gewissheit.26 Sie habe sich niemals glänzende äußerliche Verhältnisse gewünscht, erwiderte ihm Natalie. Sie ersehne Häuslichkeit, unerschütterliche Liebe und festes Vertrauen ihrer Angehörigen, »um für dieselben zu leben und darin meine höchste Seligkeit zu finden«. Sie selbst habe bei ihrer Stiefmutter viel unter Lieblosigkeit und Misstrauen gelitten. Die Einwände ihrer Verwandten beträfen weder seine Person noch seinen Charakter, sondern einzig und allein seine politische Stellung. Sie sei nicht im Stande, ihre Bedenken zu zerstreuen, »die traurige Erfahrung, wie tief die Politik in das Familienglück eingreifen kann, haben Sie leider selbst gemacht, und auch unsere Familie blieb davon nicht verschont«27.

Als sie ihn bat, recht bald seinen Töchtern begegnen zu können, war er zutiefst gerührt. Doch war er nach wie vor »an den Fels der Politik« geschmiedet, musste sie um Geduld bitten, bis er mit der älteren Tochter zu ihr reisen konnte. Er liebe sie unbändig: »Sie haben alle die Eigenschaften, die ich Ihnen in meinen Träumen beigelegt: Sie haben Verstand, Bildung, Herz und Sie können lieben, leidenschaftlich lieben. […] Gebe Gott, daß ich es sein möge, dem Sie sich ganz hingeben! Sie werden finden, daß auch ich, wo ich liebe, ganz liebe, und daß es kein Opfer gibt, das ich dem geliebten Weib nicht bringen kann. Sie sind zu verständig, mir Verzicht auf meine politischen Prinzipien zuzumuten; aber das schwöre ich Ihnen: Wenn ich Sie besitze, werde ich mein Leben nach Ihren Wünschen regeln …«.28 Nachdem sie sich in der ersten Junihälfte näher kennengelernt hatten, teilte Wilhelm Liebknecht Karl Marx mit, dass er am 30. Juli heiraten werde. Natalie Reh sei die »Tochter des ehemaligen Vizepräsidenten bzw. Präsidenten des Frankfurter Parlaments, der früher ein fanatischer Kaisermacher war, aber durch 1866 zur Vernunft kam«. Sie sei sehr klug, gesund, gutmütig, eine ausgezeichnete Hausfrau und übrigens »eine entfernte Verwandte, ihre Großmutter war die Schwester meines Großvaters«.29

Mit ihrem Einzug in die Braustraße 11 in Leipzig begann für Natalie ein völlig neues Leben. »Aus dem gesicherten Frieden ihres Elternhauses, in dem Not und Sorge unbekannte Dinge gewesen waren«, so Minna Kautsky, »trat die junge Frau unvermittelt in ein Leben der Armut, der Unrast, der Kämpfe und der Aschenputtelarbeit. Wenn die sozialdemokratische Partei, die damals noch klein und arm an Geldmitteln war, in jener Zeit die höchsten Anforderungen an den Idealismus ihrer Vorkämpfer stellte, so verlangte sie nicht zuletzt von den Frauen derselben ein fast übermenschliches Maß von Selbstentäußerung und Opferwilligkeit.«30 Beziehungskonflikte und gesundheitliche Krisen blieben nicht aus. »Ich glaube nicht«, schrieb Natalie am 15. Februar 1871 an Friedrich Adolph Sorge in Hoboken/New York, »daß Sie eine Ahnung haben, in welchem politischen und Parteistrudel mein Mann lebt, von einem eigentlichen Familienleben, von Gemütlichkeit und einem wenigstens einigermaßen ungetrübten Lebensgenuß kann bei uns nicht die Rede sein.«31 Verbittert äußerte sie noch 1880 gegenüber vertrauten Freunden, dass politisch so engagierte Sozialdemokraten wie ihr Mann eigentlich überhaupt nicht heiraten sollten.32 Durch moralische und finanzielle Unterstützung von Julie und August Bebel, Elise und Robert Schweichel, Minna Kautsky, Friedrich Engels, Karl und Jenny Marx fand sie schließlich etwa zwei Jahre nach der Eheschließung die Kraft, ihre Rolle anzunehmen.

Karl war noch kein Jahr alt, da mussten Wilhelm Liebknecht und August Bebel im Sommer 1872 im ehemaligen Jagdschloss Hubertusburg die zweijährige Festungshaftstrafe antreten, die gegen sie im Leipziger »Hochverratsprozess« verhängt worden war. Wilhelm Liebknecht begab sich am 15. Juni 1872 nach Hubertusburg, August Bebel kam am 8. Juli 1872 nach.

Die Festungshaft gewährte ihnen allerdings einige Freiheiten. Sie unterlagen keinem Arbeitszwang, ihre Zellen waren geräumig, mit Tischen zum Lesen und Schreiben sowie mit Kisten für Bücher ausgestattet. Vormittags und nachmittags durften sie jeweils zwei bis drei Stunden im Wirtschaftsgarten des Schlosses spazieren gehen. An der Schlossmauer konnten sie sich ein Gartenbeet anlegen. Das Essen bekamen sie auf eigene Kosten aus dem Gasthof »Zum Goldenen Hirsch«. Bebel lernte von Liebknecht Französisch und Englisch. Im Übrigen nutzten sie die Haftzeit zum Studium und zum Gedankenaustausch.33

Der Zusammenhalt der beiden übertrug sich auf ihre Familien, zumal Wilhelm Liebknecht, wie Bebel hervorhob, stets eine »echte Kraftnatur« war und durch »unerschütterlichen Optimismus« Mut zu machen verstand.34 Mindestens einmal im Monat reisten die beiden Frauen nach Hubertusburg. Natalie brachte meist den zweijährigen Theodor mit, Julie die etwas ältere Frieda. Sie wohnten während der zwei bis drei Besuchstage in Wermsdorf.35 »Die Reise war beschwerlich«, erinnerte sich Bebel. »Die Frauen und Kinder mußten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine Droschke auszugeben hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen.«36

Die Festungshäftlinge hielten auch Kontakte zur Partei aufrecht. Theodor Yorck, seit 1871 Sekretär des Parteiausschusses, beriet sich mehrmals mit ihnen. Adolph Hepner und Wilhelm Blos, beide zeitweilig Redakteure vom »Volksstaat«, reisten regelmäßig nach Hubertusburg, wenn sie nicht gerade selbst im Gefängnis saßen. Wilhelm Liebknecht ließ seine für die Zeitung verfassten Beiträge zumeist durch den Essenträger Wappler hinausschmuggeln oder er gab sie Natalie mit. Sie versorgte ihn mit Mitteilungen und Geschenken und erledigte seine Korrespondenz.37

Die Gegner erreichten nicht, was sie mit dem »Hochverratsprozess« und der Festungshaft bezweckt hatten. Wilhelm Liebknecht und August Bebel blieben standhaft. Der Einfluss der SDAP wuchs. Im Juli 1872 konnte die Genossenschafts-Buchdruckerei gegründet werden, in der neben Broschüren und Kalendern auch der »Volksstaat« gedruckt wurde. Sie befand sich in Leipzig in einem Hinterhaus in der Zeitzer Straße 44 (heute Karl-Liebknecht-Straße). 1874 wurde Julius Motteler der geschäftliche Leiter. Bald schon beschäftigte der Betrieb mit vier Schnellpressen 25 Mitarbeiter.38 Bei den Reichstagswahlen am 10. Januar 1874 errang Wilhelm Liebknecht eines der sechs Mandate der SDAP, musste aber die Haft bis zum Ende absitzen.

Am 17. April 1874 war er endlich wieder bei seiner Familie in Leipzig. Von 1874 bis 1890 besaß die Familie Liebknecht die dritte Parzelle der gerade entstehenden Kleingartenanlage »Südvorstadt« am Schleußiger Weg. Das 80 Quadratmeter umfassende »Stückchen Land hegte und pflegte Wilhelm Liebknecht sorgsam«39. Längst häuften sich bei ihm als Reichstagsabgeordneten, Versammlungsredner, Journalist und Redakteur des »Volksstaat« wieder die Aufgaben. Umso mehr genoss und nutzte er die wenigen Stunden, die ihn Karl Marx im September 1874 auf der Rückreise von Karlsbad nach London besuchte. Schließlich gab es noch viel zu beraten über die inhaltlichen Grundsätze und über das Tempo einer Verschmelzung der ca. 16 000 Mitglieder des 1863 von Ferdinand Lassalle in Leipzig gegründeten und inzwischen gespaltenen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und der 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), die ca. 9000 Mitglieder hatte. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg, der Gründung des bürgerlichen deutschen Nationalstaates und angesichts der Stabilisierung des junkerlichbourgeoisen Herrschaftssystems, das zunehmend zu Repressivregeln griff, war die baldmöglichste Vereinigung von SDAP und ADAV geboten. Karl Marx hielt den Klärungsprozess über gemeinsame Positionen in der Kritik am Gesellschaftszustand und in der sozialistischen Zielstellung für nicht genügend fortgeschritten. Wilhelm Liebknecht jedoch, der sich im Vereinigungsprozess auf Seiten der Eisenacher als Hauptakteur erwies und die Bedenken der »Alten in London« nicht teilte, war entschlossen, auf eigene Faust vorzugehen. Bereits 1870 hatte er betont: »Auf dem Feld der Theorie lasse ich mich gern von Engels bescheiden, auf dem Feld der Praxis glaube ich aber etwas besser bewandert zu sein, als er.«40 1875 hatte das Deutsche Reich rund 41 Millionen Einwohner. Bei den Reichstagswahlen 1874 erreichten die Kandidaten der SDAP und des ADAV rund 350 000 Stimmen von insgesamt 8,5 Millionen Wahlberechtigten, d. h. 6,8 % der abgegebenen Stimmen, und errangen 9 der 397 Reichstagsabgeordnetensitze. Diese Situation sollte sich durch Vereinigung von ADAV und SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) auf dem Vereinigungskongress in Gotha im Mai 1875 ändern, auch wenn ein solcher Schritt zur Überwindung der Spaltung naturgemäß Kompromisscharakter tragen musste.41

»Der Volksstaat« erschien ab 1. Oktober 1876 als einziges offizielles Parteiorgan der Sozialdemokratie unter dem Titel »Vorwärts«. Die beiden Redakteure Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever entwickelten das Zentralorgan zunehmend zu einem theoretischen Forum. Das stieß nicht bei allen Lesern auf Gegenliebe, und da auch wenig auf regionale Belange eingegangen wurde, sank die Abonnentenzahl von 12 000 auf 7000. Die Partei bemühte sich, dem langsamen Absterben des »Vorwärts« Einhalt zu gebieten. Doch bevor die Anstrengungen Früchte trugen, musste das Blatt am 26. Oktober 1878 nach dem Presseverbot des Sozialistengesetzes sein Erscheinen einstellen.42 In dieser Zeit mussten Liebknecht und viele andere sozialdemokratische Zeitungsredakteure zahlreiche Prozesse ertragen. So berichtete er im Mai 1877 an Friedrich Engels: »Heut bekam ich 2 neue Prozesse. Macht jetzt 6 – wie viele noch in petto sind, weiß ich nicht.«43 Infolgedessen war Liebknecht immer wieder einmal von der Familie getrennt, und es fehlte hin und wieder am Nötigsten. »Daß bei diesem unruhigen, aufregenden Leben meines Mannes unser Familienleben nach keiner Richtung hin gedeihen kann, ist selbstverständlich«, schrieb Natalie betrübt an Friedrich Engels in London. Den Mann treffe das alles nicht so sehr, »für eine Frau u. Mutter, der die Pflichten der Erziehung von 4 Kindern allein obliegen u. die nur an’s Haus gefesselt ist, ist das was ganz Anderes.«44 Doch sie verzweifelte nicht und meisterte das Leben.

Karl Liebknecht liebte und achtete seine Mutter über alles. Als sie 1909 starb, traf ihn das in tiefster Seele. »Wie ich, wie wir alle mit unseren Eltern, mit unserer Mutter waren, kann nicht mit Worten beschrieben werden«, schrieb er Sophie. »Es erklärt sich aus vielem, auch aus der Fülle gemeinsamer Not und Verfolgung. Und wirklich – es gibt einen Grad und eine Art der Liebe, die stärker ist als der Tod, der der Tod nichts anhaben kann – der Gestorbene lebt lebendig in der Vorstellung und im Gefühl der Hinterbliebenen fort. So gings mir mit meinen Eltern…«45

Im Jahre 1889 berichtete Ignatz Auer Wilhelm Liebknecht, er behaupte, Karl habe »das Gesicht von der Mama, das Wesen aber ganz wie der Papa.« Seine Frau dagegen meine: »›Ganz der Alte!‹ Wer hat nun recht?«46 Im Folgenden wird sich zeigen: Karl Liebknecht war nicht »Ganz der ›Alte‹!«, der sich mit zunehmendem Alter und Einfluss zu einer respektierten Autorität entwickelt hatte und durch Eigenmächtigkeit nicht selten mit politischen Freunden in Konflikt geriet. Er blieb weitgehend der Suchende und Kontaktfreudige, der sich ohne Bevormundung erproben und bewähren wollte. Statt auf Autorität setzte er auf die Überzeugungskraft seines Engagements. In seiner Persönlichkeit vereinte sich die Leidenschaftlichkeit des Vaters mit dem gutmütigen Naturell der Mutter und deren freimütigem Streben nach intellektueller und musischer Selbstverwirklichung.

Nicolaitaner

Nachdem die Töchter Alice und Gertrud die Smittsche Mädchenschule bereits hinter sich hatten, wurden Ostern 1877 bzw. 1878 die Söhne Theodor und Karl eingeschult. Karl Liebknecht besuchte die 5. Bürgerschule in der Schletterstraße in der Südvorstadt von Leipzig, nahe der elterlichen Wohnung.1 Von der 1. bis zur 3. Klasse hatte er wöchentlich 30 Stunden Unterricht, und zwar in den Fächern Deutsch, Rechnen, Geometrie, Geschichte, Naturkunde, Schreiben, Zeichnen, Singen, Turnen. Vier Stunden waren der Religion vorbehalten. Seine Eltern hatten zwar 1878 auch für ihn den Kirchenaustritt erklärt, doch Religionsunterricht war laut Volksschulgesetz von 1873 obligatorisch. Wahrscheinlich besuchte er wie die Kinder anderer Leipziger Sozialdemokraten den Unterricht der deutsch-katholischen Gemeinde, in der ein freier Umgang mit religiösen und antikirchlichen Auffassungen gepflegt wurde.2 Ein Zeugnis aus der Bürgerschulzeit ist nicht erhalten geblieben. Da er nach der 3. Klasse auf das Gymnasium ging, waren seine Leistungen vermutlich überdurchschnittlich.

Am 19. Oktober 1878 wurde im Deutschen Reichstag mit 221 gegen 149 Stimmen das »Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie« angenommen, das am 21. Oktober in Kraft trat. Bismarck erklärte den antisozialistischen Vernichtungskrieg. Der Staat habe das Recht und die Pflicht, »die Sozialdemokratie nicht nur in ihren Wirkungen, sondern in ihrer Berechtigung zur Existenz im Staate zu bekämpfen«3. Noch im gleichen Jahr forderte Papst Leo XIII. in einer Enzyklika, die katholische Lehre verstärkt zu verkünden, um das »unheilvolle Unkraut des Sozialismus« mit der Wurzel auszurotten.4

Das Sozialistengesetz und das generell sozialistenfeindliche Klima im Kaiserreich brachten für die Familie Liebknecht einschneidende Veränderungen mit sich. Nach dem Gesetz konnte jeder, der sich zur sozialistischen Idee bekannte, sozialdemokratische Schriften verbreitete oder sozialdemokratische Organisationen unterstützte, mit Geld- und Gefängnisstrafen gemaßregelt werden. Vereine, Druckschriften und Versammlungen, die »durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung bezweckten«, wurden verboten.5 Arbeitervereine, Gewerkschaften und freie Hilfskassen wurden aufgelöst, ebenso Genossenschaftsdruckereien, an denen 2500 Arbeiter mit ihren wenigen Ersparnissen beteiligt waren.6 Bereits am 26. Oktober 1878 musste der von Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever redigierte »Vorwärts« sein Erscheinen einstellen.7 Von den 47 Zeitungen entgingen nur zwei dem sofortigen Verbot.8 »Das wird unsere Partei nicht vernichten«, schrieb Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels, »aber es vernichtet die Existenz mehrerer Parteigenossen, u. A. auch d[ie] meine. Deutschland will ich unter keinen Umständen verlassen, aber ich muß doch auch leben.«9 Es sei keine »Kleinigkeit, mit einer so großen Familie, wie ich sie habe, zum Mindesten eines Theils der ohnehin höchst knappen Erwerbsquellen beraubt zu werden. Die Bande möchte mich aushungern, da sie uns sonst nichts anhaben kann. Ich denke, aber auch das wird ihnen <völlig> vereitelt werden, und wir finden das zur Existenz Nöthige für alle Bedrohten.«10

§ 28 des Sozialistengesetzes sah für den Fall der »Gefährdung« der öffentlichen Sicherheit Beschränkungen vor, die unter dem Namen »Kleiner Belagerungszustand« bekannt wurden. Die Behörden waren befugt, durch die Verhängung des Belagerungszustandes Sozialdemokraten mit ihren Familien aus Zentren der Bewegung zu vertreiben. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands zählte damals etwa 40 000 Mitglieder in rund 300 Organisationen. Bereits wenige Wochen nach Erlass des Gesetzes wurde über Berlin, Charlottenburg, Niederbarnim, Osthavelland, Potsdam und Teltow der Kleine Belagerungszustand verhängt. 67 bekannte Sozialdemokraten wurden aus Berlin ausgewiesen. Ein sofort illegal verbreitetes Flugblatt der SAPD rief dazu auf, sich nicht provozieren zu lassen und Solidarität mit den Ausgewiesenen zu üben. In Leipzig wurden 16 Arbeiter-, sieben Fach- und vier Gesangvereine verboten. 18 Zeitungen mussten ihr Erscheinen einstellen.11

Die ersten Jahre unter dem Sozialistengesetz erwiesen sich als besonders schwierig, galt es doch gegen Mut- und Ausweglosigkeit anzukämpfen und politisch unverdächtige Formen für die Parteiarbeit zu finden. Da die parlamentarische Tätigkeit nicht unter die Verbote des Sozialistengesetzes fiel, oblag den sozialdemokratischen Abgeordneten eine große Verantwortung. Sozialdemokraten blieb die Möglichkeit, vor Wahlen Wahlvereine zu bilden, die Kandidaten für die Reichs-, Länder- und Stadtparlamente nominieren konnten. Doch es war schwer, dieses Recht wahrzunehmen. Die Polizei behinderte die Verbreitung von Flugblättern, das Abhalten von Versammlungen, das Austeilen von Stimmzetteln auf Schritt und Tritt. Wähler, die in Verdacht standen, sozialdemokratisch zu wählen, wurden moralisch verfemt bzw. in ihrer Existenz bedroht.

Wilhelm Liebknecht gehörte dem Reichstag von 1874 bis 1887 und von 1888 bis 1900 an. In den sächsischen Landtag wurde er 1879 gewählt, wo er bis 1885 und von 1889 bis 1892 tätig war. Alle damit verbundenen Chancen nutzte er zugunsten seiner Partei. Zu Liebknechts »Uranlage« zählte Eduard Bernstein »eine seltene Unbesorgtheit um alles, was die eigene Person betraf, und Gleichgültigkeit gegen formale Regeln«. Ohne langes Überlegen sei er spontanen Eingebungen gefolgt. Er »rief zu seiner Zeit durch rücksichtsloses Aussprechen dessen, was ihm Wahrheit war, Stürme im Parlament hervor«, er focht »als Anwalt der Menschlichkeit und Gerechtigkeit«.12 Bei seinen Enthüllungen über die Praxis des Ausnahmegesetzes wählte er auch Formulierungen, die für den anhebenden Richtungsstreit in der Partei über die sogenannte Taktik der Gesetzlichkeit im sozialreformistischen Sinne ausgenutzt werden konnten.13 So erklärte er am 17. März 1879, dass die Sozialdemokratie keine andere Haltung als die »der Unterwerfung unter das Gesetz befolgt oder auch nur beabsichtigt habe«. Er halte nichts von »unparlamentarischen« Ankündigungen, auf das Gesetz »pfeifen« zu wollen, und erklärte, die Sozialdemokratie sei »Reformpartei im strengsten Sinne des Wortes […] und nicht eine Partei, die gewaltsam Revolution machen will, was überhaupt ein Unsinn ist«.14 Wilhelm Liebknecht verlor jedoch, wie August Bebel hervorhob, »keinen Augenblick den Kopf, sondern regte und spornte an, wo immer er konnte. Ein echter Marschall Vorwärts«.15

Nachdem sich das Hamburger Zentralkomitee gegen den Willen von Bebel und Liebknecht bereits am 19. Oktober 1878 aufgelöst hatte, wurde die Zentrale der Partei de facto von Hamburg nach Leipzig verlegt. Bebel wurde die Funktion des Kassierers übertragen, zunächst die einzige Funktion in der Parteiführung. Gemeinsam mit Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Hasenclever und Friedrich Wilhelm Fritzsche bildete er das Zentrale Unterstützungskomitee, das bis 1880 als engere Parteileitung fungierte und dessen wichtigste Aufgabe darin bestand, für die Ausgewiesenen und deren Familien Geld zu sammeln. Bis August 1880 kamen 75 000 Mark zusammen.16 Fast jeder namhafte Leipziger Sozialdemokrat trat dem 1879 gegründeten Fortbildungsverein für Arbeiter bei, der unter dem Vorsitz von Friedrich Bosse als eine legale Organisation den Zusammenhalt förderte und das Sozialistengesetz überlebte. Ermutigende Unterstützung kam von im Ausland lebenden Freunden. Carl Hirsch, seit 1871 Pariser Korrespondent der deutschen sozialdemokratischen Presse, schrieb z. B. an Natalie Liebknecht am 3. Dezember 1880, es sei merkwürdig, »daß unser Freund W[ilhelm] regelmäßig um diese fröhliche, selige Zeit sich in die Gemächer der heiligen Justitia zurückzieht. Es ist doch schon das dritte oder vierte Mal, oder gar das fünfte, daß er sich seinen ›Tannenbaum‹ ›in einem kühlen Grunde‹ des Bezirksgefängnisses aufbaut. Sie müssen nun schon ganz daran gewöhnt sein und nehmen es sich also hoffentlich nicht zu sehr zu Herzen; auch wird er wohl sicher für die Festtage einen kleinen Urlaub erhalten. Darf ich Sie bitten, ihn herzlich zu grüßen? Zugleich bitte ich Sie, für die lieben Kleinen mit beiliegenden 20 M. einige Kleinigkeiten kaufen zu wollen.«17 Die Haft vom 10. November 1880 bis 15. Mai 1881 war nächst der in Hubertusburg 1872 – 1874 und der badischen Untersuchungshaft von 1848/49 Liebknechts längster Gefängnisaufenthalt.18

Natalie Liebknecht versorgte die Kinder so aufmerksam und liebevoll, damit sie möglichst wenig unter der häufigen Abwesenheit des Vaters litten. Die Kinder lehnten sich liebevoll an ihre Mutter, vertrauten ihr kleine Nöte an, lernten fleißig, spielten vergnügt und wussten beizeiten, dass sie sich von niemandem über den Vater und dessen Freunde ausfragen lassen durften. An Geselligkeit fehlte es in der Familie Liebknecht nie. Sie entsprang dem Naturell von Natalie, dem vielseitigen Betätigungsdrang der Kinder und dem Vorsatz Wilhelm Liebknechts, die Familie nicht mit seinen Arbeitssorgen zu belasten. Natalie ärgerte allerdings, dass sie wenig über all das informiert war, was ihn an »Parteiinterna« bewegte. »Mein Mann spricht sich bei mir sehr wenig aus, er ist im Allgemeinen schweigsam, hat immer, bes[onders] jetzt, sehr viel zu thun und ist infolge davon <ist er> auch in Gedanken stets sehr geoccupiert.«, schrieb sie an Friedrich Engels.19 Julie Bebel pflichtete ihrem Unmut bei und sagte Wilhelm Liebknecht unverblümt, seine Furcht, Natalie könnte sich beunruhigen, sei falsch. Da sie ständig direkt oder indirekt an seiner Tätigkeit beteiligt sei, verdiene sie unbedingtes Vertrauen. »Unsere Männer sind ja so gut […] und haben ihre Familien sehr lieb, aber durch die ununterbrochene Hetzerei und Überbürdung im Arbeiten und im fortgesetzten Kampfe mit ihren Ansichten werden sie uns immer mehr entzogen und der wichtige Sinn für die Familie geht ihnen immer mehr verloren. Rücksichten uns gegenüber gibt es nicht.«20 Auch Rosa Luxemburg missfiel das verschrobene Rollenverständnis von Mann und Frau, das noch immer dem traditionellen Ehegebaren in der bürgerlichen Gesellschaft entsprach. »Ein starker frischer Wind« müsse »die Stickluft des jetzigen philisterhaften Familienlebens« vertreiben, das auf die Parteimitglieder, Arbeiter wie Führer, abfärbe.21 Jenny Marx hatte Wilhelm Liebknecht bereits 1872 geschrieben: »Uns Frauen fällt in allen diesen Kämpfen der schwerere, weil kleinlichere Teil zu. Der Mann erkräftigt sich im Kampf mit der Außenwelt, erstarkt im Angesicht der Feinde und sei ihre Zahl Legion, wir sitzen daheim und stopfen Strümpfe. Das bannt die Sorgen nicht und die tagtägliche kleine Not nagt langsam aber sicher den Lebensmut hinweg.«22

Die Kinder nahmen die vielen bekannten und unbekannten Freunde, die bei ihnen ein- und ausgingen und sich mit dem Vater zu Gesprächen zurückzogen, eher als Abwechslung und weniger als etwas Besonderes wahr, das zur politischen Tätigkeit des Vaters gehörte. Im November 1900 hieß es im Bericht der »Leipziger Volkszeitung« über Karl Liebknechts Rede zum Thema »Weltmachtpolitik und Sozialpolitik von oben«: »…das Sozialistengesetz hat es uns deutlich gezeigt, wohin die Gewaltpolitik führt. Er kennt keine unter seinen zahlreichen Erinnerungen an Leipzig, die nicht mit einem Polizisten verknüpft ist. Diese Erinnerungen allein schon sind geeignet, zur Entrüstung aufzustacheln, und da will man uns in den Glauben versetzen, daß durch solche Gewaltpolitik die Chinesen bekehrt werden sollen.«23 Und auf dem Magdeburger Parteitag 1910 trumpfte Karl Liebknecht gegen den Disziplinbruch der süddeutschen Budgetbewilliger mit der Bemerkung auf: »Ich bin ja sozusagen im Parteileben aufgewachsen« und habe die Parteidisziplin »mit der Muttermilch eingesogen«.24

Ab Ostern 1881 besuchte er das Nicolaigymnasium, wo er mit weitaus mehr Kindern aus bürgerlichen als aus sozialdemokratischen Elternhäusern zusammentraf. Dieses städtische Gymnasium war neben der Thomasschule das älteste in Leipzig.25 Um dort aufgenommen zu werden, musste er am 4. und 5. März 1881 eine Prüfung ablegen. Die Eröffnung des Schuljahres 1881/82 am 26. April war mit einer pompösen Geburtstagsfeier für den König von Sachsen verbunden. Der Schulweg war jetzt weiter als bisher. Zusammen mit seinem Bruder Theodor musste er an die Ecke Königsstraße (heute Goldschmidt-/Stephanstraße) laufen, wo der Neubau der seit 1512 auf dem Nicolaikirchhof existierenden Schule errichtet worden war. Die Einschulung lag in den Händen von Natalie Liebknecht, denn der Vater verbüßte seit November 1880 eine Gefängnisstrafe. Angesichts des jährlich pro Kind aufzubringenden Schulgeldes von 120 Mark und weiterer Gebühren z. B. für die Benutzung der Schulbibliothek wurde der Mutter ziemlich bange. Die Familie lebte so schon in ärmlichen Verhältnissen. Doch um eine der 24 Freistellen an der Nicolaitana zu bitten, kam aus Gründen politischer Selbstachtung nicht in Frage. August Bebel bat Marx und Engels um direkte Hilfe, die wohl auch erfolgte. Weitere Beihilfe gab es vermutlich auch von der Unterstützungskasse der vom Bismarck-Staat verfolgten Familien und einem guten Freund des Hauses, dem vermögenden Sympathisanten Ignatz Bahlmann in Dresden. Als Mitte der 80er Jahre die Ausbildung für die Kinder Wilhelm Liebknechts aus finanziellen Gründen gefährdet war, sandten Ignatz Auer, August Bebel, Karl Grillenberger, Wilhelm Hasenclever und Paul Singer im Namen der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion an vermögende und gut verdienende Parteifreunde ein Rundschreiben und regten die Gründung eines »Erziehungsfonds« an. Als Wilhelm Liebknecht durch eine Indiskretion der »Frankfurter Zeitung« davon erfuhr, schrieb er in dem Blatte, er wisse davon nichts und seine Begriffe von Ehre und politischer Unabhängigkeit würden es ihm nicht erlauben, »den Bettelstab für sich schwingen zu lassen«26. Die gestifteten Gelder, darunter 10 Pfund Sterling von Friedrich Engels, bekam Wilhelm Liebknecht von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu seinem 60. Geburtstag überreicht.

Das Nicolaigymnasium wollte seine Schüler durch allseitige humanistische Bildung zum selbstständigen Studium der Wissenschaften befähigen. Eine ausgesprochene Vorliebe soll Karl Liebknecht nach Berichten seiner Mitschüler für Sprachen gehabt haben, besonders begabt soll er in Griechisch und Latein gewesen sein. Griechische und römische Literatur und Geschichte gehörten zu seinen Lieblingsfächern. Wenig erbaulich fand er die »patriotischen Gedenk- und Freudentage« an den Geburtstagen des Kaisers und des Königs oder die Schulfeiern und Turnfeste zum sogenannten Sedantag, an denen er mit Gewissensnöten teilnahm. Als Kind des Sozialisten Wilhelm Liebknecht war Karl keinen nennenswerten Drangsalierungen ausgesetzt. Gelegentliche politische Anfechtungen habe er stets »mit Stolz, Verachtung und Mitleid« ertragen, versicherte er später seinen Kindern, »und sie haben mich gefestigt und erhoben«.27

Die Hälfte aller Wochenstunden war den altsprachlichen Fächern vorbehalten. Dazu kamen Deutsch, Französisch und fakultativ Englisch. In Geographie, Naturkunde, Arithmetik bzw. Mathematik sowie Physik wurden solide naturwissenschaftliche Grundlagen gelegt. Den Religionsunterricht erhielt er vermutlich weiterhin bis zum 14. Lebensjahr in der deutsch-katholischen Gemeinde, die Verbindungen zu Arbeiterbildungsvereinen pflegte und in der die Sozialdemokraten Gabriel Findel und Friedrich Bosse mit an der Spitze standen.28 Hinzu kamen Schreiben, Stenographie, Zeichnen, Gesang und Turnen. In den meisten Fächern unterrichteten am Nicolaigymnasium ausgezeichnete Spezialisten und Pädagogen. Neun der 10 Lehrer Karl Liebknechts waren Doktoren der Philosophie, und vier trugen den Ehrentitel eines Professors. Die meisten waren um eine objektive Beurteilung der Schüler bemüht. Der Rektor Karl Mayhoff schrieb über den lateinischen Aufsatz von Karl Liebknecht: Er »bringt viel mehr Eigenes als die anderen in ziemlich selbständiger Verarbeitung«29.

Die schriftliche Reifeprüfung fand vom 10. bis 15. Februar 1890 statt. Karl Liebknecht schrieb zwei Aufsätze, in Latein hieß das Thema »Quantum studium Cicero contulerit ad excolendam dicendi artem« und in Deutsch »Worauf beruht in Goethes Tasso die Versöhnung zwischen Dichter und Weltmann?«. Außerdem musste er Klausuren in Französisch, Griechisch und Mathematik und in Latein die von nahezu allen Schülern gefürchtete Extemporale schreiben.

Mündlich wurde er am Nachmittag des 13. März 1890 in Geschichte, Latein, Griechisch und am Vormittag des 15. März 1890 in Französisch und Mathematik resp. Physik geprüft. An der Religionsprüfung nahm er nicht teil. In der Mathematikprüfung musste er sich sehr anstrengen, um die verhältnismäßig schlechte schriftliche Leistung (3a) auszugleichen. Karl Liebknechts Abiturnoten lagen über dem recht guten Klassendurchschnitt. In Deutsch, Latein, Griechisch, Französisch, Geschichte, Mathematik und Physik bekam er eine 2 (in den »Sitten« eine 1b). Autodidaktisch erlernte er während der Gymnasialzeit Klavier spielen.

August Bebel übersandte sofort Glückwünsche zum »gelungenen Examen Karls«; Ignatz Bahlmann begrüßte es mit Freuden, »daß die einem solchen Ereignis vorhergehenden Aufregungen nunmehr vorüber sind«30. Briefe Karl Liebknechts an seine Kinder illustrierten, wie nachhaltig ihn seine Gymnasialjahre prägten und welchen Wert das damals erworbene Wissen und die damals geweckten kreativen Fähigkeiten für ihn hatten. Helmi schrieb er aus dem Zuchthaus Luckau am 11. Februar 1917: »Die Schule – mein Junge, Du täuschst Dich so abgründlich, wenn Du sie langweilig nennst! Möglich, daß dieser oder jener Lehrer langweilig ist. Ganz wie auf der Universität, vielleicht nicht mal so sehr. Aber das ist doch nicht die Schule! Die Schule: das sind die Gegenstände, die Wissenschaften, die ihr dort lernt.« Er legte ihm ans Herz, die Zeit zum Erwerb höchster Bildung zu nutzen. Die Mathematik sei einer der bedeutsamsten »Gradmesser für die Reife des Verstandes« und »für die allgemein-wissenschaftliche Entfaltung des Geistes« sehr wichtig.31 Besonders schwärmte er vom Literaturunterricht, der unermessliche Horizonte eröffne und »Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Klopstock usw. zu einem Freunde gibt«. Er pries die Sprachen als »die interessantesten menschlichen Geistesprodukte«. Über jede Sprache erschließe sich eine neue Welt. Er empfahl Helmi, griechische und römische Klassiker zu lesen, sie würden noch nach Jahrtausenden leuchten. »Wie gern hätte ich jetzt meinen Vergil, Horaz, Homer, Sophokles, Plato hier – wie lebendig sind mir viele Horazsche Oden wieder geworden; […] Wie glücklich wäre ich, wäre mein Schatz an solcher Kenntnis zehnmal größer, lessingisch-groß!«32

Karl Liebknecht wurde in seiner Klasse als ein guter Kamerad geachtet, »jederzeit bereit, den schwächeren Mitschülern zu helfen«. Sein Spitzname war »Dux«. »Den Lehrern gegenüber ließ er [es] niemals an der gebührenden Achtung fehlen. […] Politisch war er sehr zurückhaltend und versuchte niemals von sich aus politische Fragen anzuschneiden. Einmal nur erinnere ich mich«, berichtet Walter Troitzsch, »daß er auf Befragen nach den Reichstagswahlen des Jahres 1881 mit Stolz erklärte, daß sein Vater in Mainz und in Offenbach gewählt sei.« Darüber entbrannte ein kleiner Streit mit dem Lehrer Oskar Brugmann, der wohl sogar der Sozialdemokratie nahestand.33 In der Unterprima rief er eine Art Schülerbund ins Leben. »Er muß ein junger Bursche von 17 oder 18 Jahren gewesen sein«, erinnerte sich Franz Mehring, »als er mich brieflich aus Leipzig um ein Freiexemplar der ›Berliner Volks-Zeitung‹ bat, für irgendeinen Bund von Schülern, den er gestiftet hatte. Es war in den Tagen des Sozialistengesetzes, wo sich die ›Volks-Zeitung‹ das radikalste Blatt der deutschen Presse nennen durfte. Ich gewährte ihm gern seine Bitte…«34

Die Schulferien verbrachte Karl, meist zusammen mit seinem Bruder Theodor, fast jedes Jahr woanders – einmal in Reichenbach im Vogtland bei der Familie seines Schulfreundes Neu; 1886 in Dresden beim väterlichen Freund Ignatz Bahlmann, bei den Bebels, die seit 1884 in Plauen bei Dresden wohnten, und bei Paul Singer. Am 3. Oktober 1886 berichtete Bahlmann Natalie Liebknecht von den Entdeckungstouren ihrer Söhne: ein Ausflug mit Bebels und Paul Singer per Dampfschiff nach Pillnitz, Besuche der Gemäldegalerie, der zoologischen und anthropologischen Sammlung und des Rietschelmuseums. »Vorgestern waren sie im Zoologischen Garten und im sog. Großen Garten. Hoffentlich haben die jungen Herrn in den Wissenschaften hier schon einiges profitiert. An Verständnis für die wissenschaftlichen Schätze der hiesigen Sammlung fehlt es ihnen nicht. Geniert haben sie uns noch nicht, und werden wir sie morgen Abend ungern scheiden sehen.«35 Im Jahre 1887 besuchten beide in Breslau ihre Halbschwester Alice und deren Mann Bruno Geiser. »Liebe Alice, lieber Bruno«, schrieb Karl Liebknecht in seinem Dankesbrief vom 9. Juni: »Die Riesengebirgstour hat mir so viel Neues erschlossen, schöner hätte ich sie mir nicht denken können. Das Wetter war so günstig wie nur irgendmöglich und Bruno, in Deiner Begleitung wurde uns alles Mögliche möglich. Was mir am meisten gefallen hat, kann [ich] noch nicht sagen, mir schwirrt noch mein Kopf, es war eben alles wunderschön. Wir bedanken uns herzlich bei Euch. Ihr habt es an nichts fehlen lassen, […] Nach dem Apfelsahnen wässert mir noch der Mund, u. verdammterweise haben wir das Rezept vergessen. Die Schweidnitzer Würste entbehrt mein Gaumen nur ungern. Die Elisabethturm-Glocken tönen mir noch in den Ohren. Das Geschrei der Kleinen höre ich immer noch. Manchmal umdünstet mich auch noch der Nebel der Schneekoppe. Ich bin eben noch ganz erfüllt, noch ganz in der Atmosphäre von der Reise.«36 1889 war Karl in Nürnberg bei der Familie von Karl Grillenberger und in München bei der Familie von Ignatz Auer, der Natalie Liebknecht am 19. Juli 1889 versicherte: »Karl soeben 2 ¼ Uhr wohlbehalten angekommen. Glücklich, aber müde, Hunger gestillt. Münchner Bier eben geschluckt.«37 Die Pinakotheken wurden quasi seine Heimat, und er unternahm Ausflüge nach Oberbayern. Von München, bemerkte Karl Liebknecht später, »bekam ich für mein Leben entscheidende Einflüsse, 1889, achtzehnjährig, erwachend, aufatmend, enthusiastisch, die ganze Welt in mich einsaugend und durchglühend, ein Regenbogen alles Seins«38. Was Wunder, wenn aus seiner Liebe zur Natur eine nicht weniger starke Liebe zur Kunst hervorging, wurde im Familien- und Freundeskreis resümiert. Er habe in der Jugend viele Gedichte geschrieben, »doch war er selbstkritisch genug, nicht das kleinste Poem an die Öffentlichkeit zu bringen. Nachhaltige Neigungen ließen ihn überhaupt ein engeres Verhältnis zur Dichtung gewinnen, als die meisten ›Gebildeten‹ einnehmen. Den ›Faust‹ kannte er zum Teil auswendig, und eine der schönsten Erinnerungen knüpfte an eine Aufführung von ›Auerbachs Keller‹ an, die er mit einigen Schulkameraden in Leipzig veranstaltet hatte. Wie zur Dichtung überhaupt, so hatte er sich zeitlebens ein starkes inneres Verhältnis zur bildenden Kunst bewahrt. Besonders die klassische Malerei und die klassische Bildhauerei gaben ihm viel.« Das innigste Verhältnis gewann er zur Musik. »Geradezu ergreifend soll er sich bemüht haben, den innersten Kern, den Geist irgendeines Liedes, irgendeiner Symphonie herauszubringen. Er hat inbrünstig um den Geist der Musik gerungen wie um sein Ideal einer glückseligeren Menschheit […] so aber begreifen wir auch das Bekenntnis seines Bruders: ›Ich hörte niemand so gern Klavier spielen wie Karl, und wer zuhören durfte, wie er sich um die Musik mühte, schien in eine andere Welt entrückt.‹«39

Seit 1881 gab es an den Wochenenden und in den Ferien außerdem ein ganz in der Nähe Leipzigs gelegenes Ausflugsziel: Borsdorf. Damit hatte es folgende Bewandtnis. Am 27. Juni 1881 wurde über die Stadt und Amtshauptmannschaft Leipzig der Kleine Belagerungszustand verhängt. Persönliche Freiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit wurden als verfassungsmäßige Grundsätze außer Kraft gesetzt. Unliebsame Personen wies man sofort aus. Dadurch sollten vor allem die Führer der deutschen Sozialdemokratie ausgeschaltet werden. Mit Liebknecht und Bebel traf das Schicksal weitere 31 Sozialdemokraten und deren Familien. Die Empörung darüber saß tief und verblasste nicht. Wenn »ich mir vergegenwärtige, wie wir aufs Polizeibureau kommandiert, dort wie Verbrecher unters Metermaß gestellt und abgemessen wurden, wie wir photographiert wurden und unser Signalement aufgenommen wurde und wie es dann hieß, binnen drei Tagen macht ihr, daß ihr zum Tempel hinauskommt, das vergesse ich in meinem Leben nicht«, erklärte Bebel 1903 auf dem Parteitag in Dresden.40 In den folgenden Jahren wurden 164 Sozialdemokraten ausgewiesen und insgesamt über 200 Jahre an Gefängnis- und Freiheitsstrafen verhängt. Die Genossenschaftsbuchdruckerei musste liquidiert werden, weil selbst unpolitische Nachfolgezeitungen der einstigen sozialdemokratischen oder gewerkschaftlichen Blätter verboten wurden. Die Vermögensreste und der beste Teil der technischen Ausrüstung bildeten zwei Jahre später den Grundstock des Verlages von J. H. W. Dietz in Stuttgart.41

Am späten Abend des 29. Juni 1881 trafen sich etwa 100 Vertrauensmänner der Partei am Napoleonstein bei Probstheida, wählten die neue Leitung für Leipzig und Umgebung, legten das Verteilernetz für den in Zürich herausgegebenen »Sozialdemokraten« fest und besprachen die illegale Verbreitung von Flugblättern. Julie Bebel, Natalie Liebknecht und Clara Hasenclever, den Frauen der drei ausgewiesenen Reichstagsabgeordneten, wurde die Kasse der Solidaritätsgelder übergeben.42

Eine kleinere Gruppe ging mit Bebel und Liebknecht nach Borsdorf im Kreis Oschatz. Andere hielten sich fortan in Halle, Schkeuditz, Altenburg, Chemnitz oder Dresden auf. Die Quartiersuche war mühselig. Monate vergingen, bis Bebel ein Haus entdeckte, in dem er für Liebknecht und sich Räume mieten konnte. Schon bald hieß das Domizil der Exilanten unter Freunden »Villa Liebknecht«. Natalie Liebknecht versuchte das Beste daraus zu machen. »Park u. Wald, beides unsrer Wohnung gegenüber«, schrieb sie an Friedrich Engels, »gehört soz[u]s[agen] uns, denn außer an Sonntagen, verliert sich selten Jemand bis dahin u. so sind wir darin unser eigner Herr. Wir lesen, schreiben u. arbeiten, die Kinder spielen, Niemand stört uns.«43 Sie führte eine umfangreiche Korrespondenz und wurde zum Erstaunen ihrer Freunde eine emsige Übersetzerin. Ihre langjährige Freundin Elise Schweichel hielt es für ein kühnes Unternehmen, »Die wahrhaftige Lebensgeschichte des Josua Davidsohn« von Mrs. Linton ins Deutsche zu übersetzen, weil sie sich nicht vorstellen konnte, woher Natalie dafür die Zeit nehmen wollte. Jenny Marx hatte Wilhelm Liebknecht auf diesen Roman aufmerksam gemacht. Natalie meinte wie er, diese Lebensgeschichte sei die »beste Propagandaschrift für diejenigen Bevölkerungskreise, […] in denen die christliche Weltanschauung durch den modernen Materialismus noch nicht verdrängt« sei. Danach übersetzte sie den Roman »Ritter der Arbeit«, der mit einem Vorwort von Wilhelm Liebknecht 1888 erschien, und William Morris’ »Kunde von Nirgendwo«. Dieser Roman wurde 1892/93 in der »Neuen Zeit« abgedruckt. Natalie Liebknecht schrieb außerdem für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Theater- und Konzertkritiken. Der Erlös wurde vor allem in der Zeit des Sozialistengesetzes zum Unterhalt der Familie dringend benötigt.44

Wegen des Schulbesuchs der größeren Söhne musste Natalie die Woche über in Leipzig bleiben, allerdings aus finanziellen Gründen eine kleinere Wohnung am damaligen Südplatz 11 (heute Karl-Liebknecht-Str. 69) mieten.

Jedes Wochenende ging es hinaus zum Vater. »Wir sieben wohnten in Borsdorf in zwei Zimmern und hatten für sieben nur vier Betten«, erinnerte sich Karls jüngerer Bruder Otto. »Das Rechenexempel, uns alle unterzubringen, wurde dadurch gelöst, daß meine jüngsten Brüder in langen niedrigen Kisten schliefen, die tagsüber unter die Betten geschoben wurden.«45 An manchem Sonntag kamen noch Schulfreunde hinzu.46 Pflanzen und Tiere genauestens kennen- und bestimmen zu lernen, Schmetterlinge zu fangen und ausgelassen umherzutollen, gehörte zu den schönsten Kindheitserinnerungen Karl Liebknechts und seiner Brüder. »Mir wird Borsdorf fortgesetzt lebendig«, schwärmte er noch viele Jahre später, »u. unser Zusammenwachsen mit der Natur, die wir nie nur beim ›Spazierengehen‹, nie als bloße ›Sommerfrischler‹ von ferne, unpersönlich, als fremdes Objekt, sahen.«47 Als er sich in einem Brief an seine Frau im Mai 1918 für seinen Sohn Bob ein Plätzchen wünschte, »wo Arbeit in enger Fühlung mit der Natur u. bei guter Ernährung möglich ist«, hob er schwelgend hervor, »wie wir’s in Borsdorf hatten – im primitivsten Quartier, in engsten Kammern u. Verschlägen eines baufälligen Hauses, wir in Wind u. Wetter drauß, aber Wind u. Wetter auch bei uns drin; u. neben Wind u. Wetter Sonnenschein die Fülle; geturnt, geprügelt, Schmetterlinge gezüchtet, gewandert, in Wald, Wiesen, Getreidefeldern verkrochen mit den herrlichsten Büchern – u. allen Musen im Leibe. Kuhstall, Obstgarten, Erntearbeit mit den Knechten, Jauchefässer geritten …«48 Im Garten hatte jedes Kind sein Beet, berichtete Otto, »und es wurden eifrig Schießübungen mit einer aus der Schweiz von meinem Vater mitgebrachten nur mit Hebel zu spannenden Armbrust mit Bolzen, die eine eiserne Spitze trugen, abgehalten. […] Oft kam es vor, besonders im Winter, daß wir vor unserem Vater, der von Dresden oder Berlin kam, in Borsdorf eintrafen; dann mußte erst Feuer im Ofen gemacht werden, und die steif gefrorenen Bettlaken wurden am Ofen aufgetaut und getrocknet.«49

Borsdorf entwickelte sich zum Wallfahrtsort, wie Kurt Eisner schrieb: »Kamen Gäste, und die fehlten nie, so wurden sie in dem nachbarlichen Gasthof ›Kaffeebaum‹ angesiedelt; hier versammelten sich die Parteigenossen, die aus Leipzig herüberkamen, hier die vielen Freunde, die von nah und fern die Borsdorfer Einsiedelei besuchten. Hier aber wurde auch der Krieg gegen das Ausnahmegesetz organisiert und Rat gepflogen, wie mit List und Humor die Heldentaten der Polizei zu durchkreuzen seien.«50

Hier fanden illegale Versammlungen der Partei und Besprechungen des Fraktionsvorstandes statt, wurde über den Neuanfang mit relativ unpolitischen Presseerzeugnissen beraten, wurden die Gemeindevertreter unterstützt, die Landtagswahlen und vor allem die Reichstagswahlen 1881, 1884 und 1887 vorbereitet. Kehrte Wilhelm Liebknecht zum Wochenende aus dem Landtag nach Borsdorf zurück, so Friedrich Geyer, »dann warteten ihm die Leipziger Arbeiter en masse auf. Diese wollten Rat, andere kamen aus Freundschaft und wieder andre brachten ausländische Gäste zum Besuch«.51 Immer wieder musste für verbotene Presseorgane Ersatz geschaffen werden. Für das Lokalblatt der Leipziger Sozialdemokraten schlug Wilhelm Liebknecht am 3. November 1887 den Titel »Der Wähler« vor, der Untertitel lautete »Organ für die Interessen aller Wähler zum Reichstag, zu den Landtagen und zu den Gemeinde-Vertretungen«. Gustav Heinisch berichtete später, er sei an jedem Dienstag und Freitag zum »Alten« nach Borsdorf gefahren, »damit dem Blatt kein Unheil geschehe. Fand er eine gefährliche Stelle, so biß er auf den Bleistift. Das war für mich ein Zeichen, daß etwas zu scharf war. Oft sagte er: ›Sie können alles schreiben, nur müssen Sie die richtige Form finden!!‹ Das war’s aber gerade, worin uns Neulingen die Routine fehlte.« Der »Wähler« wurde nicht verboten, aber es gab Anklagen. »Als ich dem Genossen Liebknecht meine erste Anklage zeigte, war er sehr erfreut und rief: ›Jetzt werden wir nicht mehr verboten, jetzt machen Sie sich nur auf Anklagen gefaßt.‹ – und so kam es auch.«52 Eine andere Episode aus der »Villa Liebknecht« bezeichnete Karl Liebknecht als »das rührendste Erlebnis« seines Lebens: »Unter dem Sozialistengesetz, es mag Mitte der 80er Jahre gewesen sein, erschien eines Tages eine Deputation ostpreußischer Landarbeiter bei meinem Vater im Exil in Borsdorf. Sie legten ihm ihre jammervolle Lage ans Herz und baten ihn, er möge doch bei dem deutschen Kaiser ein gutes Wort für sie einlegen, damit ihre Verhältnisse gebessert würden. Es kam in der Unterhaltung mit diesen braven biederen Leuten ein wahrer Kinderglaube an die Sozialdemokratie, ein wahrer Erlöserglaube, in geradezu überwältigender Weise zum Ausdruck. In der Tat, die Sozialdemokratie ist die Erlöserin der Landarbeiter. Sorgen wir dafür, daß der Kinderglaube dieser Leute nicht zuschanden werde!«, rief Karl Liebknecht in die Debatte auf dem Preußenparteitag 1904 in Berlin, in der er für eine wirksamere Verteidigung der Rechte der ländlichen und der ausländischen Arbeiter eintrat.53

Trotz aller politischen und familiären Belastungen reiste Wilhelm Liebknecht 1889 mehrfach in die Schweiz, nach London und Paris. Er nahm auch an der Gedenkfeier für den am 14. März 1883 verstorbenen Freund Karl Marx auf dem Highgate-Friedhof in London teil. Vor den Vertretern des internationalen Proletariats erklärte er: »Toter, lebender Freund! Wir werden den Weg, den Du uns gezeigt hast, wandeln bis zum Ziel.«54 Im September 1886 erfüllte sich für ihn ein seit der Revolutionszeit 1848/49 gehegter Wunsch. Zusammen mit Eleanor Marx-Aveling und Edward Aveling unternahm er bis November eine Agitationsreise durch die Ostgebiete der Vereinigten Staaten von Amerika, um in der »Neuen Welt« den emigrierten deutschen wie auch den amerikanischen Sozialisten beizustehen. Zweck der Reise war auch, über den Kampf gegen das Bismarck’sche Sozialistengesetz in Deutschland zu informieren und Gelder für den bevorstehenden Wahlkampf zu sammeln.55 Im Jahre 1889 beteiligte er sich aktiv an der Gründung der II. Internationale auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris. Zum Gedenken an die Pariser Kommunarden sprach er vor dem Massengrab der Gefallenen auf dem Friedhof Père Lachaise. Auch in Deutschland trat er wiederholt in Versammlungen auf.

Am 30. September 1890 um 24 Uhr verlor das Sozialistengesetz seine Gültigkeit, nachdem die Vorlage für die »Verewigung« dieses Gesetzes am 25. Januar 1890 im Reichstag mit 169 gegen 98 Stimmen abgelehnt worden war. Freudentaumel und Zuversicht erfassten die Genossen. Die Legalität für die Partei, die Gewerkschaften und weitere politische Massenorganisationen war zurückerobert. Zufrieden stellte August Bebel für die Sozialdemokratie fest: »Ihr grimmigster Gegner und ihr gewalttätigster Verfolger muß in demselben Augenblick das Feld räumen, wo die Partei die größten Erfolge erlangte und sie mit einem Schlage zur stärksten Partei in Deutschland wurde.«56 Bei den Reichstagswahlen am 20. Februar 1890 hatte die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands 1427298 Stimmen erhalten, fast doppelt so viele wie 1887. Als wählerstärkste Partei im Deutschen Reich zog sie mit 35 Abgeordneten ins Parlament, unter ihnen erneut der Vater Karl Liebknechts. Die Parteimitglieder hatten »einen Triumph erfochten«, schrieb Friedrich Engels, »wie ihre zähe Standhaftigkeit, ihre eiserne Disziplin, ihr heitrer Humor im Kampf, ihre Unermüdlichkeit ihn nicht anders verdient« hatten.57 Bismarck musste am 20. März 1890 abdanken.58 Für Freund und Feind trat 1890 offen zutage, dass die Sozialdemokratie ihren Masseneinfluss bedeutend verstärkt hatte. Im Vergleich zu 1877/78 verdoppelte sich ihre Mitgliederzahl fast, von etwa 40 000 auf schätzungsweise 75 000. Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter erhöhte sich von 50 000 1878 auf rund 300 000 im Jahre 1890. Der Parteitag in Halle (Saale) im Oktober 1890 zog eine erste Bilanz über den legalen und illegalen, parlamentarischen und außerparlamentarischen Kampf der Partei und beschloss ein neues Organisationsstatut. Ab jetzt hieß die Partei Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Der Parteivorstand wurde beauftragt, ein neues Programm vorzubereiten. Im Reichstag hielt Wilhelm Liebknecht den Gegnern der Sozialdemokratie kraftvoll entgegen: »Wir haben einen elfjährigen Kampf gegen Sie geführt, und in diesem Kampfe sind wir Sieger geblieben; die Besiegten und die Geschlagenen sind Sie.«59 Die Partei belohnte ihn für seinen großen Anteil am Erfolg mit dem Posten des Chefredakteurs ihres Zentralorgans, den er nur widerwillig annahm. Das neue Parteistatut bestimmte dazu das »Berliner Volksblatt«, das vom 1. Januar 1891 an unter dem Titel »Vorwärts. Berliner Volksblatt« erschien. Wilhelm Liebknechts Jahresgehalt betrug 7200 Mark.60 Die Familie Liebknecht zog im September 1890 nach Berlin-Charlottenburg in die Kantstraße 160.

Das Ende von Karl Liebknechts Gymnasialzeit fiel mit dem Fall des Sozialistengesetzes zusammen. Es gibt nur wenige Quellen darüber, was er dazu, zum Sturz Bismarcks, zu des Vaters neuer Stellung und zum Umzug nach Berlin meinte. Bei einem seiner ersten öffentlichen Auftritte am 18. Juli 1900 in Magdeburg begründete er seine Entscheidung für den proletarischen Befreiungskampf damit, dass er »wie kein anderer in der Familie den Druck der Ausnahmegesetze gefühlt« habe.61 1911 verwies er indirekt auf die Verfolgungszeit unter Bismarck, indem er den Gesetzentwurf über die Polizeiverwaltung im Ruhrgebiet als »ein kleines Sozialistengesetz« anprangerte.62

Karl habe sich »im letzten Jahre bedeutend entwickelt«, schrieb Ignatz Auer am 31. August 1900 an Wilhelm Liebknecht.63 In den Ferien hatte Auer seine große Naturverbundenheit, das gewachsene Interesse an Kunst und Wissenschaft, seine stabile Gesundheit, seinen Bewegungs- und Betätigungsdrang, seinen Frohsinn und respektvollen Umgang mit Menschen wahrgenommen. Karl Liebknecht wurde immer deutlicher bewusst, wie fest verankert und verständnisvoll umsorgt er in seinem Elternhaus und dessen Freundeskreis war. Humanistisches Nicolaigymnasium und sozialdemokratisches Elternhaus schufen wesentliche Voraussetzungen für seine Entwicklung zu einem gebildeten Sozialisten mit lauterem Charakter. Noch bestaunte er das politische Engagement seines Vaters nur und beobachtete kritisch die »rastlose und dabei so oft unerquickliche, ja für andre Menschen geradezu geisttilgende Arbeit«, die Wilhelm Liebknecht »Tag für Tag, Jahr für Jahr« verrichtete.64 Selbst verlangte es ihm wohl kaum schon danach. Es drängte ihn zum Studium, denn vom geflügelten Wort des »Alten« »Wissen ist Macht« war er begeistert.

Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht

Der Werdegang Karl Liebknechts zum promovierten Rechtsanwalt erstreckte sich über ein Jahrzehnt. Er umfasst das Studium von 1890 bis 1893 in Leipzig und Berlin, die Referendarzeit von 1894 bis 1899 in Arnsberg und Paderborn und die Promotion im Jahr 1897. Nach großer Staatsprüfung zum Gerichtsassessor und Entlassung aus dem Staatsdienst wurde er im Mai 1899 als Advokat vereidigt und in die Liste der Rechtsanwälte in Berlin aufgenommen.

Am 16. April 1890 ließ Karl Liebknecht sich in die Matrikel der Alma mater Lipsiensis für Rechts- und Kameralwissenschaften eintragen, obwohl er einige Wochen zuvor noch Medizin als gewünschte Studienrichtung angegeben hatte. Sein älterer Bruder Theodor hatte ein Jahr vor ihm an der Leipziger Universität mit dem Jurastudium begonnen, das er ab 1890 an der Universität in Freiburg im Breisgau fortsetzte. Die Jurisprudenz entsprach sowohl dem Ratschlag des Vaters als auch dem Wunsch seiner beiden ältesten Söhne. Der Sozialdemokratie mangelte es nicht an Rechtsanwälten, aber sie habe, wie August Bebel noch 1908 feststellte, »sehr wenig Anwälte, die einen politischen Prozeß führen können«1.

Bereits im ersten Semester, das bis zum 15. August 1890 dauerte, konzentrierte sich Karl Liebknecht vornehmlich auf die Lehrveranstaltungen international ausgewiesener Kapazitäten und schuf so eine solide Ausgangsbasis für seine weitere Entwicklung.2 Von 7 bis 8 Uhr hörte er an der Philosophischen Fakultät die Einführungsvorlesung in die »Allgemeine theoretische Nationalökonomik« des Kathedersozialisten Lujo Brentano. Von 8 bis 9 Uhr belegte er an der Juristischen Fakultät das Kolleg von Bernhard Windscheid über die »Institutionen des römischen Rechts nebst äußerer Rechtsgeschichte«. Windscheid war Ordinarius der Fakultät und damals einer der bedeutendsten Juristen. Er gehörte der Kommission an, die den Entwurf zum Bürgerlichen Gesetzbuch auszuarbeiten hatte, verfasste das viel beachtete »Lehrbuch des Pandektenrechts« und trat im Unterschied zu vielen seiner Kollegen gegen stures Auswendiglernen auf. Die Lebendigkeit Windscheids fesselte Karl Liebknecht. Von 10 bis 11 Uhr ging er in die Vorlesung zur »Deutschen Rechtsgeschichte« von Rudolph Sohm, der zu den bekanntesten Kirchen- und Rechtshistorikern zählte und deshalb 1891 in die Kommission für die zweite Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuches berufen wurde. Sohm führte in die Quellen des bürgerlichen deutschen Rechts in ihrer Gesamtheit und speziell in die Entwicklung von der Entstehung des Stadtrechts über die verfassungsrechtlichen Anfänge eines einheitlichen Nationalstaates bis zum Jahre 1890 ein. Als Wortführer des konservativen Flügels im Nationalsozialen Verein verfolgte Sohm allerdings das Ziel, der Sozialdemokratie den Garaus zu machen.

Die Nachmittage hielt Karl Liebknecht für das Literaturstudium frei. An den Abenden belegte er mittwochs von 19 bis 20 Uhr an der Philosophischen Fakultät das kulturgeschichtliche Kolleg von Anton Springer über die Renaissance- und Reformationszeit. Der in Prag geborene Wissenschaftler hatte in Tübingen, Prag, Bonn und Straßburg gelehrt und erhielt 1873 in Leipzig den ersten Lehrstuhl für Kunstgeschichte. Er gehörte zu den ersten, die Kunstgeschichte als Wissenschaft auffassten. Durch seine Studien wurde die Ikonografie zu einer Hilfsdisziplin der Kunstgeschichte des Mittelalters. Seine Bücher – u. a. ein Leitfaden der Baukunst des Christlichen Mittelalters, ein Handbuch der Kunstgeschichte, eine Geschichte der bildenden Künste im 19. Jahrhundert (1858), über Raffael, Michelangelo sowie Dürer – setzten neue Maßstäbe in der Betrachtung abendländischer Kunst. Karl Liebknecht zehrte von der Klarheit, Logik und der begeisternden Vortragsweise Springers. Sein Leben lang blieb er ein Verehrer der Renaissance, die er später einmal als ein »Zeitalter der größten überschäumenden künstlerischen Kraft« bezeichnete.3

Die übrigen Wochentage hörte Karl Liebknecht von 17 bis 18 Uhr bei Wilhelm Wundt »Geschichte der neueren Philosophie vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart«, dessen Auffassungen er sich auch bei seinen späteren philosophischen Studien wiederholt zuwandte. Dem Belegbogen für die Privatvorlesung des Herrn Geheimrat Prof. Dr. Wundt zufolge hatte er wie alle übrigen 20 Studenten pro Semester 15 Mark Honorar, 1 Mark Stuhlgeld und 0,50 Mark Auditoriengeld zu entrichten. Weitere Vorlesungen konnte Karl Liebknecht nicht hören, da die meisten Kollegreihen gebührenpflichtig waren.

Trotz des dichten Stundenplans und des schmalen Budgets genoss er das Studentenleben von Anfang an in vollen Zügen. Bei den feucht-fröhlichen Runden kam es gelegentlich zu Raufereien. Auf solch Kräftemessen spielte er an, als er später die wegen der Keilereien seiner Söhne aufgeregte Sophie zu beruhigen suchte: Wir »haben diesem Brauch nach Tisch noch als Studenten regelmäßig obgelegen u. wurden geduldet; es ist physiologisch motiviert«4. 1909 unterstützte er in einer preußischen Abgeordnetenhausdebatte eine Petition von Studenten für eine Reform der längst überholten Disziplinarordnung an Universitäten. Der »romantische Schimmer, der über der Karzerstrafe lag«, sei »schon sehr verblaßt«. Dieses »privilegium odiosum« müsse beseitigt werden. »Ich glaube, das einzige Privileg, das der Student noch etwas angenehm empfindet – wenigstens ist es mir so gegangen –, ist, daß man bei einem Konflikt mit einem Polizeibeamten nicht auf die Wache gesteckt, sondern bei Vorzeigung seiner Studentenkarte ohne weiteres entlassen wird.«5

Karl Liebknecht trat an der Leipziger Universität dem »Akademisch-philosophischen Verein« und der »Leipziger freien wissenschaftlichen Vereinigung« bei. Eine Mitgliedschaft in der »Sozialwissenschaftlichen Studentenvereinigung« ist nicht verbürgt. Der »Akademisch-philosophische Verein«, die von Richard Avenarius 1866/67 ins Leben gerufene wissenschaftliche Hochschulvereinigung in Deutschland, nahm auch Studenten auf. Dem Anliegen »Förderung und Anregung philosophischer Studien und Bestrebungen« wurden die Vortrags- und Leseabende mit Diskussionen gerecht, auf denen sowohl Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer als auch Eugen Dühring und Karl Marx vorgestellt wurden. Karl Liebknecht, der am 3. Juni 1890 erstmals als Gast an einer Vereinsversammlung teilnahm und drei Wochen später Mitglied wurde, beteiligte sich an den Debatten. Aus den Protokollbüchern geht hervor, dass ihn der Begriff des Wertes in der Nationalökonomie und die moderne deutsche Philosophie interessierten. Als ein Referent Rodbertus gegen Marx zu verteidigen versuchte, ereiferte sich Karl Liebknecht nebst anderen im Disput. Auch über das Buch »Die Erziehung« von Herbert Spencer, Vertreter des englischen Positivismus, diskutierte er mit.

Die »Leipziger freie wissenschaftliche Vereinigung« war schon zweimal aufgelöst worden, weil sie die »Förderung des allgemeinen wissenschaftlichen und geselligen Verkehrs der Studenten an der Universität Leipzig, ohne Unterschied der Nationalität und Konfession« bezweckte. Als sie am 7. Juli 1890 abermals gegründet wurde, hatte Karl Liebknecht daran Anteil. Damit das Universitätsgericht die Vereinigung nicht gleich wieder verbieten konnte, wurde der Vereinszweck unverfänglicher formuliert: Allgemeinwissenschaftliche Studien anzuregen und geselligen Verkehr unter den Studierenden aller Fakultäten zu pflegen. Ein Beamter des Universitätsgerichts kontrollierte weiterhin die Mitgliederliste, auf der er den Namen Karl Liebknecht besonders hervorhob. Obwohl die meisten Mitglieder nicht über linksliberale Positionen hinausgingen und jedes offene Bekenntnis zur Sozialdemokratie gemäß einer Verfügung des Sächsischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1887 zu einem sofortigen Verweis von der Universität geführt hätte, sollen der erste Band des »Kapital«, »Das Elend der Philosophie« und andere Werke von Karl Marx studiert worden sein.

Als die bürgerliche Presse die Nachricht verbreitete, dass Karl und Theodor zu konservativen Anschauungen gelangt seien und mit ihrem Vater gebrochen hätten, da sie später als Richter in preußische Staatsdienste treten wollten, richteten Sozialdemokraten unablässig Anfragen an Wilhelm Liebknecht. Mit der Kampagne wollte die Presse eine Erklärung provozieren, in der Wilhelm Liebknecht die zweifelsohne schon vorhandene sozialdemokratische Gesinnung seiner beiden Ältesten offenlegte oder diese sich selbst zur Sozialdemokratie bekannten. Die Liebknechts straften die Verleumdung mit Verachtung.6 Karl Liebknecht wusste also genau, wovon er sprach, als er z. B. 1909 im Preußischen Abgeordnetenhaus anprangerte, wie einseitig die politische Betätigung der Studenten belangt wurde. Er erinnerte daran, dass sowohl bei der »Faschingswahl« 1887 als auch bei der »Hottentottenwahl« 1907 zum Reichstag Studenten unter Billigung der Universitätsbehörden an der Agitation und der Schlepperarbeit für die sogenannten Blockparteien im Kampf gegen die Sozialdemokratie beteiligt waren.7

Nach einem Semester verließ Karl Liebknecht die damals sehr angesehene Leipziger Universität, da er im September 1890 mit den Eltern nach Berlin-Charlottenburg zog. Friedrich Engels war über die »schrecklich verbauten« Räume entsetzt: »Hier in Berlin hat man das ›Berliner Zimmer‹ erfunden, mit kaum einer Spur von Fenster, und darin verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit […] Aufmachung und sogar Glanz nach außen, Finsternis, Unbehaglichkeit und schlechte Anordnung nach innen; die Palastfront nur als Fassade und zum Wohnen die Unbehaglichkeit.«8 Die jährliche Miete für die Wohnung im 4. Stock betrug mehr als 1500 Mark.9 Die »ganz unpolitische Skizze eines Zeitgenossen« vermittelt einen plastischen Eindruck von dem Domizil: »Im großen Zimmer, rechts am Eingang, stand das Büffet mit schlichter Renaissanceschnitzerei, ein Geschenk der Parteigenossen. Hier die Sammlung der Becher, Humpen, Bierkrüge und Gläser in wunderlichen Formen, seltsamen Farben, durch Freundschaft und Verehrung zusammengekommen, erinnernd an fröhliche Stunden, leidenschaftliche Gespräche.[…] Über dem großen Schreibtisch, den er kaum benutzte, ein Abbild jener Freiheit, wie sie ersehnt wurde, die Glückseligkeit und Frieden auf Erden bringt, daneben Photographien des Asyls in Borsdorf. Nicht weit davon entfernt die Abbildung einer Büste Lassalles. Auf dem Schreibtisch einige Bücher, abgegriffen, in altem Leder: die vierbändige ›Geschichte der Deutschen‹ des Achtundvierzigers August Wirth. […] Über dem Schreibtisch im schlichten Rahmen: Der Kopf Friedrich Engels. Dort eine bekannte Aufnahme von Liebknechts Amerikareise 1886 […] An den Wänden Photos aus den sechziger, siebziger Jahren. Eine Photographie war dem Alten besonders wertvoll, sie stellte Disraeli dar. Liebknecht verehrte diesen konservativen Engländer […] Im Arbeitszimmer an dem schmucklosen Pult stand Liebknecht häufig und warf – schon wieder im grauen Mantel – einige Zeilen aufs Papier. ›Lieber einige wenige Zeilen – jetzt, gleich, als gar keine.‹ Das Pult bedeckt mit Papieren, Blättern, Briefen, Zeitungsausschnitten. […] Die Wände – bis zur Decke volle Regale, dicht gestopft mit Schriften, vergilbten Ausschnittsammlungen, Büchern, Broschüren, Briefmappen.«10

»Hier in Berlin ist alles gut«, schrieb Karl Liebknecht am 31. Dezember 1890 nach Leipzig. »Die Familie hat sich recht leidlich eingelebt, auch Papa und die übrigen Herren fangen jetzt an, obgleich die Arbeitslast immer noch außerordentlich ist, sich mit ihren Verhältnissen mehr zu befreunden. […] Vor wenigen Tagen wohnten wir, mein älterer Bruder und ich, einer Versammlung bei, in der mein Vater über den ›Kampf mit geistigen Waffen‹ referierte. Es war die erste große Volksversammlung, die ich mitgemacht habe und war mir sehr interessant; es gibt hier auch einen sehr guten festen Kern von Genossen, und die Masse steckt voll Begeisterung. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, Herrn Bebel oder Auer oder einen andern der Herren zu hören, werde ich nicht fehlen, ich bin sehr gespannt. Meine Hauptarbeit, Hauptzeit u. Hauptinteressen nimmt indes vorderhand mein Studium in Anspruch.«11

Er hatte sich am 17. Oktober 1890 an der Königlichen Friedrich Wilhelms Universität zu Berlin einschreiben lassen und war bis zum Schluss des Wintersemesters 1892/93 Student der Rechtswissenschaft. Er belegte laut Aufstellung im Abgangszeugnis insgesamt 30 Vorlesungen und Übungen, pro Semester in der Regel sechs. Das betraf im Hauptfach Rechtsphilosophie und -geschichte, Völker-, Straf-, Kirchen-, Privat-, Handels-, Versicherungs- und Erbrecht sowie deutsches und preußisches Staats- und Verwaltungsrecht. Außerdem besuchte er ein Kolleg des Kathedersozialisten Gustav Schmoller über Nationalökonomie. Zur Französischen Geschichte schrieb er sich beim borussischen Historiker Heinrich von Treitschke ein. Im Sommersemester 1891 besuchte er Dr. Oldenbergs Vorlesungsreihe »Die sozialistischen Lehren in Deutschland«. Im Sommersemester 1892 wandte er sich Gebieten zu, die nur mittelbar oder gar nichts mit seinen juristischen Ambitionen zu tun hatten. So hörte er bei Prof. Schmidt Vorlesungen über das deutsche Volkslied und bei Prof. Mendel über psychologische Probleme der Zurechnungsfähigkeit.12 Als Franz Mehring Karl Liebknecht persönlich kennenlernte, war er von ihm sehr angetan: »Er war damals ein Student von kaum 20 Jahren, begabt, fleißig, geistig regsam, keck und ein wenig vorwitzig, so wie ein rechter Junge sein soll. Aber er war weder anmaßend noch eitel und am wenigsten empfindlich, wenn man seine grün sprossende Weisheit nicht gleich für voll nahm. Seine bescheidene Liebenswürdigkeit hat Karl Liebknecht von beiden Eltern geerbt.«13 Selbst sprach er später gern von der »frisch sprudelnden Jugend« und davon, »daß man gerade in der Jugend den Idealen zugänglicher ist«14. Als Parlamentarier focht er für »freie Regung auf dem Gebiete der Wissenschaft«, für Idealismus, für »Bewegungs- und Betätigungsfreiheit« und für ein ernsthaftes Streben nach einer »vorurteilsfreien, voraussetzungslosen Wissenschaft« an Universitäten, die nicht zu Drillanstalten entarten dürften.15 Akademien und Universitäten müssten Orte sein, wo die Anhänger der verschiedensten Richtungen ihre Meinungen frei austauschen.

So oft er konnte, beteiligte sich Karl Liebknecht an den Geselligkeiten der Familie. Der Freundeskreis des Vaters war groß und dafür bekannt, dass man sonntags gern ins Grüne zog. Spaziergänge durch den Grunewald wurden zum Symbol der wachsenden Verbundenheit mit Berlin und zu einer unverbrüchlichen Familientradition. »Es tauchten immer neue Gesichter auf. So steht auf einer Fotoaufnahme der hochaufgeschossene beste Jugendfreund der fünf Söhne Wilhelm Liebknechts, Otto Bracke, später Rechtsanwalt in Braunschweig und Verteidiger meines Mannes beim Prozeß 1916, hinter Wilhelm Liebknecht«16, hieß es in Aufzeichnungen Sophie Liebknechts.

Die Freunde der Eltern wurden für Karl immer mehr zu Vertrauten: August und Julie Bebel, Louis Kugelmann, Franz und Eva Mehring, Julius Motteler, Robert und Elise Schweichel. Nach Erinnerungen von Theodor Liebknecht besuchte sein Vater mit Karl »einen hohen Staatsbeamten in Finnland, A. N. Herlin. Dieser Mann erkannte die Fähigkeiten des jungen Karl und würdigte ihn der Mitarbeit an seinem Buch ›Das Rechtssystem der Sozialdemokratie‹, das 1894 in Nürnberg erschien.«17 Im Sommer 1892 dürfte Karl Liebknecht Herlin im finnischen Björneborg bei der Korrektur am ersten Entwurf geholfen haben. Im Jahre 1893 begegnete er das einzige Mal dem »General« aus London, wie Friedrich Engels liebevoll von seinen Freunden genannt wurde. Auch der Kontakt zur Familie Paradies festigte sich. Der vermögende jüdische Bankier und Kaufmann Louis Paradies, geboren am 2. September 1843 in Danzig, stand seit Anfang der 1870er-Jahre der Sozialdemokratie nahe und wurde später Parteimitglied. Seit etwa 1883 wohnte er mit seiner Frau Rosine (oder Rosina), geboren am 13. März 1848 in Straßburg (Elsass), und den Kindern in Berlin.18 Diese Freundschaft bezeugten »Fotoaufnahmen von den sonntäglichen Grunewaldspaziergängen«, notierte Sophie Liebknecht. Auf jedem Bild sehe man »den freundlich blickenden Herrn Paradies mit seiner Tochter Julia, einem äußerst anmutigen jungen Mädchen […] Sie war, so hörte ich meinen Mann und meinen Schwager, Dr. Curt Liebknecht, erzählen, die Gespielin und Jugendfreundin der fünf Brüder Liebknecht, und alle fünf waren in sie verliebt. Heiratsgedanken beschäftigten die älteren unter ihnen, Karl erwies sich als der Bevorzugte…«19

Als Karl Liebknecht die Berliner Universität verließ, bescheinigte ihm das Abgangszeugnis vom 7. März 1893: »Hinsichtlich seines Verhaltens auf der hiesigen Universität ist Nachteiliges nicht zu bemerken.«20

Am 29. Mai 1893 legte er sein Referendarexamen ab, die erste juristische Prüfung. Eine Referendarstelle zu finden erwies sich als sehr schwierig, weil man »ihm bürokratischerseits«, wie Friedrich Engels schrieb, »nun einmal seinen Vater nicht« verzieh.21 Die Oberlandesgerichte in Berlin und Kiel lehnten ihn unter allerhand Vorwänden ab. Die Querelen um die Zulassung zum Referendariat bezeichnete Karl Liebknecht z. B. 1910 im preußischen Abgeordnetenhaus als »eine Sache der absoluten Willkür der Verwaltungsbehörde«22. Natalie schrieb am 24. Juli 1893 besorgt an Engels: Die Anstellung als Referendar wurde ihm verweigert, »weil er noch Sächsi[scher] Untertan sei. Man möchte gerne unsere Söhne los sein. Der arme Karl war so begierig rasch in seine Thätigkeit einzutreten um rasch fertig zu werden u. nun wartet er schon 9 Wochen u. wer weiß wie lange er noch warten muß.«23 Seit einem Jahr lebe er in unaufhörlicher Unruhe, teilte Karl seiner Schwester Alice mit. »Erst die Büffelei für das Examen, dann die fortwährende Ungewißheit über meine Anstellung, die erzwungene nicht Untätigkeit, aber zweck- u. ziellose Tätigkeit, denn ich war ja über den nächsten Tag beständig ungewiß: es war wahrlich kein Vergnügen. Jetzt nun scheine ich doch die juristische Karriere, wie ich schon eine Zeitlang fest entschlossen u. vorbereitet war, nicht aufgeben zu brauchen.«24 Er schöpfte wieder Mut, als er am 4. Oktober 1893 vom liberalen Oberlandesgerichtspräsidenten Wilhelm Falk zum Referendar am Oberlandesgericht in Hamm (Westfalen) ernannt und am 17. Oktober vereidigt wurde. Damit sei ein hinderlicher Stein aus dem Weg, schrieb Wilhelm Liebknecht erleichtert an Engels. Begünstigt wurde dies nicht zuletzt dadurch, dass die Familie Liebknecht mit ihren noch minderjährigen Kindern sowie den erwachsenen Söhnen Theodor und Karl im November 1893 die preußische Staatsangehörigkeit erhielt.25

Zunächst mussten Karl und Theodor Liebknecht jedoch bei den Garde-Pionieren als »Einjährig-Freiwillige« ihren Wehrdienst ableisten. Sie rückten beide am 1. Oktober 1893 in die Kaserne des Garde-Pionier-Bataillons in der Köpenicker Straße in Berlin ein und kamen dort in die 2. Kompanie. Als Engels erfuhr, dass Karl Liebknecht unter den Strapazen des Militärdienstes gesundheitlich litt und sich eine Sehnenentzündung zugezogen hatte, fehlte es dem »General« bei aller Anteilnahme nicht an Witz und Spott. Und so schrieb er an Natalie Liebknecht: »Ich glaube gern, daß die Herren Offiziere sich hüten werden, sich Ihren Söhnen gegenüber Blößen zu geben, diese zwei Pioniere stehn zu nah an der Türe des Reichstags, und was auch der Kriegsminister sagen mag, sie scheuen sich doch davor, in den dortigen Debatten persönlich zu figurieren. Und wenn Ihre Söhne nun gar noch, wie mein alter Hauptmann von uns Freiwilligen verlangte, ›das Muster der Kompanie‹ werden, dann kann’s nicht fehlen und sie avancieren am Ende doch noch trotz ihres Vaters zum Unteroffizier. Und das wäre ganz in der Ordnung. Wenn Bebel der Sohn eines Unteroffiziers ist, warum sollte Liebknecht nicht der Vater von einem oder mehreren Unteroffizieren sein können? Sie sollen einmal sehn, wie sehr die Tressen die Uniform verschönern, und in Berlin soll das schöne Geschlecht dem Moloch weit geneigter sein, sobald er Tressen trägt, allerdings ist das noch nicht alles, denn wie Heine sagt: Doch am reizendsten sind immer Cäsars goldene Epauletten. So hoch werden wir uns aber schwerlich versteigen.«26 In preußischen Diensten kam es obendrein zu einer kuriosen Begebenheit, die Alfred Grotjahn erzählte. »Kaisers Geburtstag nahte, und den Einjährigen war befohlen, zu diesem Feste vor den Mannschaften lebende Bilder aus der preußischen Geschichte zu stellen. Es fehlte jedoch an einem Darsteller Friedrichs des Großen. Der Hauptmann ließ die Einjährigen antreten, sah jeden einzelnen genau an und befahl Karl Liebknecht zu der Rolle. Die großen leuchtenden Augen hatte er ja auch dazu. Kurz vor dem Wegtreten fragte er ihn: ›Wie heißen Sie?‹ Karl Liebknecht‹, war die Antwort. ›Der Sohn des Sozialdemokraten?‹ ›Zu Befehl, Herr Hauptmann!‹ ›Ganz egal.‹ Und dabei ist es denn auch geblieben, und Karl Liebknecht hat zu Wilhelms II. Geburtstag den Friedericus Rex im lebenden Bilde darstellen müssen.«27

Im Herbst 1894 begann Karl Liebknecht seine Referendarzeit. Zunächst verbrachte er einige Monate in Arnsberg an der Ruhr, das zum Bereich des Oberlandesgerichts von Hamm gehörte. In dieser mittleren Kleinstadt im Sauerland mit wenig Industrie und einer vorwiegend kleinbürgerlichen Bevölkerung vereinsamte er als »unruhiger Geist« mit einem »tiefen Gemüt«, der »Anschluß an sympathische Menschen« brauchte.28 Sein Vater berichtete Friedrich Engels von einem regelrechten »gesellschaftlichen Boykott«. Als Karl Liebknecht bei einer Referendarversammlung in Hamm wegen der politischen Ansichten seines Vaters angegriffen wurde, hielt er es für ratsam, den Saal zu verlassen. Obwohl kein Sozialdemokrat, empfand Otto Pape das Verhalten der übrigen Referendare als derart empörend, dass er sich Liebknecht anschloss. Der Vorfall begründete eine Freundschaft, die bis zum Jahre 1898 anhielt. Als Pape 1901 plötzlich starb, schrieb Karl Liebknecht an dessen Schwester: »Die Todesnachricht traf mich wie ein Blitz, ich habe zwar seit mehreren Jahren mit Ihrem Bruder nicht mehr in direkter Verbindung gestanden, aber ich halte und habe ihn in gutem und genauem Andenken.«29

In Paderborn, der nächsten Station seines Referendariats, nahmen ihn Freunde seines Vaters freundlich auf. Dr. med Max Baruch verstand sich mit Karl Liebknecht ausgezeichnet. »Sie haben ihm die fremde Stadt zu einer Heimat gemacht, seiner Verbannung – denn das ist es – den Stachel genommen«, schrieb Wilhelm Liebknecht »Carl ist mir in mancher Beziehung sehr ähnlich. Und ich weiß, wie wichtig es für mich war, daß ich als Flüchtling in London – ich war damals ungefähr in seinem Alter – eine Familie fand, in der ich ›zu Haus‹ war. Das rettete mich vor dem Untergang. Es war die Familie Marx30 Gern trank Karl Liebknecht im Gartenlokal vom Wirt Heitheker, einer Stammkneipe der Referendare und Assessoren des Kgl. Amtsgerichts am Rothoborn, einen Schoppen Wein. »Was war die Paderborner Idylle doch vergnüglich und gemütlich«, schwärmte er 1902 in einem Brief an Max Baruch, »wenn man mich auch aus dem ›Kollegenklub‹ herausgewunken hat – wahrlich kein Malheur und unvermeidlich! –, ich denke oft mit viel Behagen und einer Art Sehnsucht, möchte ich beinah sagen, an dieses Erdenwinkelchen zurück.«31 Tochter Paula schwärmte damals für Karl und porträtierte ihn. Das Bild schenkte sie 1940 Theodor Liebknecht zum Geburtstag.32 In Westfalen sei Karl eine neue Welt aufgegangen, bemerkte sein Bruder. Er bekam Aufschluss über den Katholizismus, entdeckte den besonderen Menschenschlag der westfälischen Bauern sowie den eigentümlichen Stolz des dortigen Hochadels. Leute, die Karl Liebknecht damals erlebten, schilderten ihn als sympathischen und fleißigen Menschen, der auch abends im Schein der Petroleumlampe in seinem Dienstzimmer über den Akten saß, wenn seine Kollegen den »Kotten«, das Amtsgericht, verlassen hatten.33 Schließlich wollte er möglichst viele praktische Erfahrungen sammeln, mit hoher Sachkenntnis die Examina ablegen und seine Bestallung als Advokat überzeugend erreichen. Außerdem strebte er die Promotion an. Mit dem Quellenstudium sei er fertig, berichtete der Vater, als sich Karl einige Zeit in Berlin aufhielt, »wenn er nur nicht wieder zu Großes und Weites erstrebt!«34.

Mitte 1897 promovierte Karl Liebknecht an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Würzburg mit »Magna cum laude«. Promotor war der Dekan Prof. Christian Meurer, der katholisches Kirchenrecht, Völkerrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsenzyklopädie lehrte. Die Prüfung war vor den sieben Ordinarii der Fakultät abzulegen, den Professoren Christian Meurer, Friedrich Schollmeyer, Hugo von Burckhard, Georg Schanz, Friedrich Oetker und Robert Piloty. Die Gebühren betrugen insgesamt 300 Mark.35 Die Universität Würzburg wählte Karl Liebknecht vermutlich aus politischen Gründen als Ort der Verteidigung. In Berlin und Leipzig, wo er studiert hatte, wurde die Familie von den Behörden und der Öffentlichkeit zu sehr ins Visier genommen. Gedruckt und veröffentlicht wurde seine Dissertationsschrift »Compensationsvollzug und Compensationsvorbringen nach gemeinem Rechte« 1898 in Berlin. »Meinen lieben Eltern in Treue u. Verehrung« lautete die Widmung.36 »Ja es hat mir auch Freude gemacht, daß Karl, meinem Wunsche entsprechend, erst den Doktorgrad erworben hat«, antwortete Wilhelm Liebknecht seinem Freund Baruch auf die Gratulation.37 Er habe die Nachricht in London erhalten, wo sie im Freundeskreis heiter gefeiert worden sei. Zünftigem Feiern war vor allem Karl Liebknecht nicht abgeneigt. An Würzburg entsinne er sich sehr gut, schrieb er 20 Jahre später an seine Frau. Er habe dort »aber auch getollt, grad genug!«.38

Der frisch gekürte »Dr. iur. et rer. pol.« schloss seine Referendarzeit mit der juristischen Arbeit »Vorbehaltszahlung und Eventualaufrechnung nach heute geltendem und künftigem Reichsrecht« ab und bereitete sich auf das Assessorexamen vor. Sein Bruder Theodor legte dieses Examen Ende 1898 ab.

Um diese Zeit gab es in der Familie Liebknecht viel Aufregung. Wilhelm Liebknecht teilte Paul Meurice am 2. März 1899 mit: »Drei meiner Söhne hatten im Laufe des Winters Prüfungen zu bestehen – und Sie wissen, was das heißt. Zwei haben bestanden (cum laude), der dritte steckt noch mitten in der Arbeit. Um unsere Sorge auf das höchste zu steigern, ist mein erster Sohn, der seit vier Monaten Advokat ist, plötzlich an einem ansteckenden Fieber erkrankt (scar latina) und dies hat uns in eine häusliche Revolution gestürzt, weil unser Logier nicht groß genug ist, um jedem meiner Kinder ein separates Zimmer zu geben. Und wenn Sie zu diesem hinzufügen, das gegen Ende des vergangenen Herbstes der Mann meiner ältesten Tochter gestorben ist und sie allein gelassen hat mit fünf Jungen und ohne Vermögen und ohne Ressourcen, so werden Sie begreifen, daß mein Schweigen Gründe hatte. Ich will deswegen nicht klagen, ich wollte nur erklären.«39

Am 5. April 1899 bestand Karl Liebknecht die große Staatsprüfung (Assessorenprüfung) mit »Cum laude« und wurde am 11. April 1899 zum Gerichtsassessor ernannt. Am 9. Mai erhielt er die Entlassung aus dem Staatsdienst sowie seine Bestallung als Advokat, am 13. Mai erfolgte die Vereidigung: Karl Liebknecht war nunmehr in die Liste der Rechtsanwälte eingetragen und an den Landgerichten I und II in Berlin zugelassen. Die Freude der Familie war riesengroß. Der »Alte« schrieb am 7. April 1899 an Carl Ulrich: »Von 6 fielen 3 durch – es war also keine ganz leichte Sache. Jetzt wird er Anwalt – zusammen mit dem ältesten Bruder, der von seinem Scharlachfieber-Anfall wieder ganz hergestellt ist. Karl hat auch die Gelegenheit benutzt, sich zu verloben – und zwar mit einer Jüdin, was bei den Antisemiten, wenn sie es erfahren, ein großes Halloh geben wird.«40

Die Verlobte Julia Paradies, am 20. Juli 1873 in Meiningen geboren, war eine sehr hübsche junge Frau, klein, zierlich und zart. Sie schmückten herrliche kupferbraune Haare. Ihr von Sophie Cohn gemaltes Porträt hing über Karl Liebknechts Schreibtisch. Die Hochzeit fand am 8. Mai 1900 in Weimar im Kreise der beiden Familien und im Beisein von August Bebel, Robert Schweichel und Paul Singer statt. Eine Wohnung mietete das junge Paar in der Kaiser-Wilhelm-Straße 19, heute Karl-Liebknecht-Straße.

Im Mai 1899 trat Karl Liebknecht als Sozius in die Rechtsanwaltspraxis von Theodor Liebknecht ein. Das Büro befand sich bis 1903 in der Anwaltskanzlei an der Spandauer Brücke 8, nahe dem heutigen S-Bahnhof Hackescher Markt. Hier praktizierte auch Dr. Oskar Cohn, der sich 1897 als Rechtsanwalt in Berlin niedergelassen hatte und wie seine Frau Sophie mit den Liebknechts befreundet war.41 Alles mache sich sehr gut. Theodor und Karl könnten bald auf eigenen Füßen stehen, berichtete Wilhelm Liebknecht erleichtert seinen Freunden.42 Seit 1904 unterhielten die Gebrüder Liebknecht ein Büro in der Kaiser-Wilhelm-Straße 46. Nach Meinung des Berliner Polizeipräsidenten war Karl Liebknecht als Rechtsanwalt unter den Sozialdemokraten vor allem deshalb sehr beliebt, weil er Unterbemittelten häufig unentgeltlich half.43 Er nutzte seine parlamentarischen Möglichkeiten und forderte wiederholt, die Gebühren in den unteren Klassen gänzlich fallen zu lassen oder wesentlich herabzusetzen und damit die Tore der Gerichte weit für jene zu öffnen, die mühselig und beladen sind und auf dem Gebiet der freiwilligen Gerichtsbarkeit vom Staate geschützt werden sollten. Obwohl er als Anwalt dadurch Nachteile hatte, protestierte er gegen jedwede Verteuerung der Rechtspflege.44

Da sich ihre Praxis weiter ausdehnte, mieteten die beiden Liebknechts 1908 ein größeres Büro in der Chausseestraße 121, das im Zweiten Weltkrieg durch Bombardement zerstört worden ist. Leider sind dadurch fast sämtliche Advokatenunterlagen Karl Liebknechts verloren gegangen. Nur wenige Stücke sind durch Zufall erhalten geblieben, so z. B. die Handakte, mit der er die Strafsache des Kalkwerkspächters Ernst Richard Schneider wegen öffentlicher Beleidigung in Plauen (Vogtland) vertrat.45 Zwei weitere Fälle fanden Aufnahme in seinem Beitrag für den Band »Justizirrtum und Wiederaufnahme«, den der Berliner Rechtsanwalt Dr. Max Alsberg herausgab.46

Sophie Liebknecht hat das Getriebe im Büro in der Chausseestraße 121 beschrieben. »Das große Berliner Zimmer diente als Warteraum.

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