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Die Liebeslist

PROLOG

Januar 1158 – ein nasskalter Winter, vier Jahre nach Beginn der Regentschaft von König Henry II. von England.

Clifford Castle – eine entlegene Grenzfestung in den walisischen Marken, dem Grenzland zwischen Wales und England.

„Halt! Was soll denn das, in Gottes Namen?“

„Seht Ihr doch!“ Der unbekannte Ritter, der die beeindruckende Streitmacht anführte, mochte angesichts der Lady zwar überrascht sein, verzog jedoch kaum eine Miene und übersah die junge Dame ganz bewusst. Im bitterkalten Wind am ganzen Leibe zitternd, stand sie oben auf der Treppe, die vom eng umfriedeten Burghof hinaufführte zum Wohnbereich der Burg, dem steinernen Palas. Offenbar wutentbrannt stemmte sie die Fäuste in die Seiten und starrte den Fremden an, der sie keines Blickes würdigte. Neben ihr befand sich ein weiteres weibliches Wesen, auch dieses gegen die Elemente bis unter die Nasenspitze in viele Schichten Stoff gehüllt. Der Ritter indes erteilte ungerührt knappe Befehle, ließ seine Männer absitzen und trug ihnen auf, die Festung zu sichern.

Die Lady wollte etwas sagen, presste aber dann die Lippen fest aufeinander. Mit ihren grünen Augen, klar und scharf wie Glas in einem Kirchenfenster, die Brauen dunkel und wundervoll geschwungen, verfolgte sie die planmäßige Besetzung ihrer Burg in stummem Entsetzen. Ihr üppiges rotbraunes Haar war durchsetzt mit goldenen und rostroten Tönen, schimmerte und glänzte wie die herbstliche Frucht des Kastanienbaums. Jetzt allerdings war es vom peitschenden Wind zerzaust zu einer wilden Mähne. Sie achtete nicht darauf. Sprachlos wie nur selten zuvor in ihrem bisherigen Leben rang sie nach Worten, um ihrer Bestürzung, der nackten Wut Ausdruck zu verleihen, fassungslos und wie gelähmt. Allerdings nicht lange.

„Was habt Ihr hier zu suchen? Wer seid Ihr? Wer hat Euch das Tor geöffnet?“

„Ich bin Gervase Fitz Osbern.“ Er machte keine Anstalten, weitere Erklärungen abzugeben.

Mit zusammengekniffenen Augen musterte die Lady das Emblem auf den zahlreichen Bannern und Wimpeln, die knatternd an den Soldatenspießen flatterten. Ein drachenähnliches Fabelwesen, silbern auf schwarzem Grund, den Rachen aufgerissen zu einem grimmigen Knurren. Sie hatte ein solches Wappen noch nie gesehen. Gervase Fitz Osbern? Wer mochte das sein? Ein Räuberhauptmann mit seiner marodierenden Bande? Ein Raubritter gar? Von denen trieben nämlich etliche hier in der Gegend ihr Unwesen – rohe, gesetzlose Gesellen, die sich von niemandem Vorschriften machen ließen, nicht einmal vom König. Jedenfalls kam er ihr wie ein Raubritter vor. Mit bitterbösem Blick musterte sie den Mann, der inzwischen ebenfalls von seinem Pferd abgesessen war und nun in ihrem Burghof stand, flankiert von einem älteren Ritter, der sich stumm zu ihm gesellt hatte. Um beide herum tollte ein Windhund, ebenso schlank und sehnig wie sein Herr, aufgeregt hin und her und zwischen den Beinen der Pferde hindurch.

Fitz Osbern … Sie hob die Stimme, um den Lärm, der über ihre Heimstatt hereingebrochen war, zu übertönen. „Ich verstehe nicht, was das Ganze hier soll!“

„Was mich nicht im Geringsten interessiert, Lady.“ Fitz Osbern warf seinem jungen Knappen die Zügel seines dunkelbraunen Hengstes zu. „Bryn!“ Mit einem Fingerschnipsen befahl er seinen Hund bei Fuß und wandte sich dann den Stallungen zu. Dabei gab er seinen Männern weiterhin mit befehlsgewohnter Stimme Anweisungen.

Das wiederum riss die junge Dame aus ihrer Erstarrung. Wer er war oder nicht war, tat ganz und gar nichts zur Sache. „Ich dulde keine Widerrede in meinem eigenen Haus!“ Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit eilte sie die Treppe hinunter und über den Burghof auf den Ritter zu. Unerschrocken packte sie ihn bei einer Falte seines Mantels, machte aber ein angewidertes Gesicht, als sie die schmierig-feuchte Schlammschicht auf dem Stoff zwischen den Fingern fühlte. „Ihr habt kein Recht, hier Befehle zu erteilen!“

„Das ist mir neu!“

Er schüttelte sie ab, als wäre sie – zumindest nach ihrem Eindruck – ein lästiger Hundewelpe, und hatte dann auch noch die Unverfrorenheit, ihr abermals den Rücken zuzukehren.

„Diese Burg ist mein Zuhause! Mein Eigentum! Mein Erbe!“ Selbst verunsichert durch den bestürzten Unterton, der sich in ihre Stimme geschlichen hatte, zerrte sie abermals an dem Mantel, um den Ritter am Weitergehen zu hindern. „Was fällt Euch ein, hier einfach so hereinzureiten und …“

Der Ritter blieb dermaßen unvermutet stehen, dass sie einen hastigen Ausfallschritt machen musste, sonst wäre sie ihm in die Hacken getreten. Er wandte sich so plötzlich zu ihr um, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückprallte. Dann musterte er sie von Kopf bis Fuß, von den schlammbespritzten Schuhen bis hinauf zu den üppigen Locken, die vom Wind zerzaust ihr Gesicht umrahmten. „Euer Erbe, sagt Ihr? Wer seid Ihr denn?“

Sie reckte entschieden das Kinn. „Rosamund de Longspey.“

„Longspey?“ Der Ritter furchte die Stirn. Sein Blick wurde durchdringender. „Die Longspey-Erbin? Aber die ist doch noch ein Kind!“

„Von wegen!“ Rosamund entfuhr ein abfälliger Laut, fast schon ein verächtliches Schnauben. „Ich bin jedenfalls kein Kind mehr!“

„Das ist nicht zu übersehen.“ Der Ritter betrachtete sie, anscheinend bemüht, die neue Lage abzuschätzen. Dann zuckte er gleichgültig die Schultern. „Sei es drum – tut trotzdem nichts zur Sache.“

Die Lady straffte resolut den Rücken. „Da bin ich anderer Meinung! Diese Burg gehört mir!“

„Ihr irrt Euch, meine Dame. Tut sie nicht.“ Mittlerweile sichtlich gereizt, hob er den Arm und wies mit einer ausladenden Geste auf seine Männer, die gerade am Torhaus und auf den Wehrgängen ihre Stellungen einnahmen. Die Pferde wurden bereits in den für so viele Tiere ungeeigneten Stall gepfercht. „Wie Euch zweifellos klar geworden sein dürfte, ist Clifford Castle nunmehr in meinen Besitz übergegangen.“

„Wer sagt das?“ Verwirrung und Empörung, ja, auch ein Anflug von Furcht spiegelten sich auf Rosamunds Zügen. Allmählich spürte sie, wie die Angst in ihr aufstieg. Hoffentlich merkte der Ritter nicht, wie sie bang die Finger in dem dicken Pelzfutter ihres Mantels vergrub!

Hochmütig sah Fitz Osbern auf die Frau hinunter, die ihm kaum bis zur Schulter reichte. Was Rosamund faszinierte, das war seine Nase – eigentlich ein völlig unbedeutendes Detail angesichts der Tatsache, dass sie sich vom Blick seiner kalten grauen Augen förmlich festgenagelt fühlte. Eine schöne Nase war es gleichwohl, mit hohem Nasenrücken, der das selbstherrliche Gebaren des Ritters noch betonte.

„Wer das sagt? Ich! Sie gehört mir. Genauso wie das hier!“ Rücksichtslos zückte er das Schwert und zielte mit der Klingenspitze mitten auf Rosamunds Brust, ohne sie allerdings zu berühren. Dabei verzog er das dunkle, unrasierte Gesicht zu einem wölfischen Lächeln, das allerdings den wild-verwegenen Blick nicht einen Deut zu erwärmen vermochte. „Macht ist gleich Recht, Verehrteste. Und die Macht hier habe von Stund an ich. Denn ich halte das Schwert in der Faust. Nicht Ihr!“

Rosamund erstarrte, als sei ihr das Blut in den Adern gefroren. Die Drohung, die in seinen Worten lag, ließ sich nicht einfach abtun. Dazu klang sie zu eindringlich.

Plötzlich und ohne Vorwarnung ließ er das Schwert sinken. Gott sei Dank! Rosamunds Erleichterung war allerdings nur von kurzer Dauer, denn ebenso unvermutet machte der Ritter einen Schritt auf sie zu. Ehe sie zurückweichen konnte, umschlang er sie mit dem Arm, packte fest zu und presste sie so grob an sich, dass ihre Füße fast vom Boden abhoben – ganz dicht, Brust an Brust und Hüften an Hüften. War sie zuvor schon sprachlos gewesen, so setzte jetzt zu allem Überfluss auch noch ihr Verstand aus, sodass sie außerstande war, einen klaren Gedanken zu fassen. Alles war nur noch Empfinden: sein kräftiger Körper an ihrem, die Hitze, die er ausstrahlte, als er sie an sich drückte, so eng, dass kein Blatt mehr zwischen sie passen würde. Sie hatte noch nie erlebt, wie es war, einem Mann ausgeliefert zu sein. Nach Atem ringend, spürte sie, wie ihr das Herz in der Brust pochte, und es nutzte auch nichts, dass sie sich aus Leibeskräften wehrte.

Wenn man in die Hände eines solchen Mannes fiel – welche Hoffnung blieb da noch? Zum ersten Mal seit dem Tag ihrer Geburt fürchtete Rosamund de Longspey um ihr Leben und ihre Ehre.

1. KAPITEL

Januar 1158, zwei Wochen vorher

In flottem Tempo trabten die Reiter in nordwestlicher Richtung aus Gloucester hinaus, angetrieben von der verlockenden Aussicht auf einen warmen Empfang auf Fitz Osbern Castle in der Grafschaft Monmouth. Nur endlich heraus aus diesem dreimal vermaledeiten windigen Regenwetter! Ale in Strömen, eine warme Mahlzeit, eine sanfte Frauenhand, ein heißes Bad – all das war wahrlich nicht zu verachten. Schon lange bei Wind und Wetter unterwegs, waren sie eben erst zurückgekehrt von einem strapaziösen Feldzug nach Anjou, jenseits des großen Kanals, wo Gervase Fitz Osbern, Lord of Monmouth, etliche strategische Festungen unterhielt.

Gervase legte ein rasantes Tempo vor. Die Überfahrt über den Kanal war schlimm gewesen; noch jetzt erinnerte er sich mit Grausen, wie er an Bord des Kahns hin und her geworfen worden war, völlig durchnässt und einen ganzen Tag grässlich seekrank. Die Seefahrt war eben nichts für ihn. Nun aber befand man sich wieder auf festem Boden. Er hob den Kopf und streckte die Nase in den Wind, als prüfe er witternd wie der neben ihm trottende Hund die in der Luft liegenden Gerüche. Die Heimat war in greifbarer Nähe; durch die beständig wirbelnden Dunstschleier hindurch erkannte man in der Ferne bereits die dunklen Umrisse der Black Mountains.

Kurze Zeit später traf die Kolonne auf eine Reisegruppe, die ebenfalls auf der Landstraße entlangritt. Was die Reisenden zu erzählen wussten, das machte Fitz Osbern einen gründlichen Strich durch die Rechnung. In den Waliser Marken, so hieß es, da gehe das Gerücht, William de Longspey, der Earl of Salisbury, liege im Sterben.

Bei dieser Nachricht stockte Fitz Osbern der Atem. Ihm war, als habe er einen Schlag in die Magengrube erhalten.

„Reiten wir weiter, Mylord?“ Watkins, sein Unterführer, musste ihn beinahe anstoßen, so schwer hatte die Kunde Fitz Osbern getroffen. Reglos saß er im strömenden Regen im Sattel, mitten auf der Landstraße, die Miene finster verzogen, den Blick missmutig auf einen fernen, imaginären Punkt gerichtet.

Er riss sich zusammen, hob den Kopf und nahm wieder die Zügel auf. Sein Entschluss stand fest: Es ging weiter. „Wir übernachten in Hereford.“ Die Führungsstärke ihres Lords, verbunden mit den Verheißungen randvoller Fleischtöpfe, verfehlte ihre Wirkung nicht und ließ Gemurre unter den Männern gar nicht erst aufkommen. „Und in Hereford“, fügte Fitz Osbern leise und mit entschlossener Miene hinzu, „da schaue ich höchstpersönlich erst einmal nach, wie es um den Gesundheitszustand von William de Longspey bestellt ist.“

Zur selben Zeit, ein paar Meilen entfernt in der wohlhabenden Stadt Salisbury, war Rosmund de Longspey in gereizter Stimmung. Aber wer wollte es ihr verdenken? Inzwischen annähernd vierundzwanzig Jahre alt, ohne Verlobten und ohne die geringste Aussicht auf einen Gemahl, hatte sie eben zum zweiten Mal im Leben den Vater verloren und blickte in eine ungewisse Zukunft. Da spielte es auch keine Rolle, dass sie von edlem Geblüt und – das konnte man wirklich nicht abstreiten – recht adrett anzusehen war.

Aus diesem Grunde zu Recht missgestimmt, gesellte sie sich nun zu den restlichen Familienmitgliedern, um das Ableben von William de Longspey, Earl of Salisbury, zu betrauern, der einem grassierenden Schüttelfieber erlegen war. Sie war mit dem Earl nicht blutsverwandt, was wohl erklärte, dass sich ihre Trauer anlässlich dieses betrüblichen Ereignisses in Grenzen hielt. Als ihr Stiefvater hatte er für sie nur wenig Interesse und noch weniger Zuneigung gezeigt. Als Tochter aus erster Ehe von Countess Petronilla mit John de Bredwardine hatte Rosamund bei der zweiten Ehe der Mutter den Namen ihres Stiefvaters angenommen und erwartete aus diesem Grund nun auch mit Spannung die Eröffnung seines Testaments. In knapp einer Stunde sollte sich nämlich in eben diesem Gemach ihre gesamte Zukunft entscheiden, ganz gleich, ob es ihr passte oder nicht.

Überraschungen blieben aus, als Pater Benedict, der Burgkaplan derer zu Longspey, das Testament des Verstorbenen verlas. Für seine Nachkommen aus erster Ehe hatte der Verblichene angemessen vorgesorgt. Adelstitel und Sitz in Salisbury sowie der Großteil der überall im Land verstreuten Ländereien gingen über auf Gilbert, den Erstgeborenen, der diese Nachricht mit einem selbstgefälligen Nicken quittierte. Auch Walter und Elizabeth waren bedacht worden. Die trauernde Witwe, Countess Petronilla, erhielt die Güter und Einkünfte aus ihrer in die Ehe eingebrachten Mitgift. Auf Wunsch stand ihr Wohnrecht auf Lebenszeit als Ehrengast im Schloss zu Salisbury zu. Außerdem gehörte ihr fortan Lower Broadheath, ein schönes, idyllisch gelegenes Landgut. Earl William hatte sich wahrlich als großzügig und redlich erwiesen.

„Mylord ging davon aus, dass Ihr womöglich wieder heiraten würdet“, sagte Pater Benedict gütig lächelnd zur Witwe.

Die vergoss ob ihres Verlustes nicht eine Träne und neigte nur unmerklich das Haupt. Rosamund ließ sich dadurch nicht täuschen. Falls sie es richtig deutete, hatte ihre Mutter keineswegs die Absicht, ein drittes Mal die Ehe einzugehen, gleich, wie reich oder wohlgestalt ein möglicher Kandidat auch sein mochte. Nein, sie gedachte vielmehr ihre Freiheit zu genießen. Zwei Ehemänner im Leben, beide weiß Gott keine Mustergatten, so hatte man Lady Petronilla zuweilen im Vertrauen sagen hören – das war für jede Frau mehr als genug.

Mir würde einer schon reichen! Nur mit Mühe gelang es Rosamund, die krampfhaft verschlungenen Finger zu lockern. Ein Punkt stand nämlich noch aus.

„Pater Benedict …“ Rosamund fixierte den Burgkaplan. „Welche Vorkehrungen sind denn für mich getroffen? Ich brauche doch zumindest ein paar als Mitgift geeignete Ländereien.“

„Ach ja, richtig … Lady Rosamund …“ Der Geistliche hüstelte. „Der Earl hielt es für angemessen, Euch drei Kastelle zu hinterlassen.“ Er nickte ihr aufmunternd zu. Sein Lächeln, so schien ihr, wirkte verlogen. „Drei Festungen“, wiederholte er, „dazu die Einkünfte aus den zugehörigen Herrenhäusern und Äckern. Zu Eures und Eures Gemahls Wohlergehen, Lady Rosamund.“

Die so Beglückte lupfte forschend die Brauen. „Und wo befinden sich diese drei Kastelle, Pater?“ Ihre Stimme war leise, ein wenig belegt, normalerweise recht liebenswürdig, zuweilen allerdings, wie jetzt, mit einem argwöhnischen Unterton.

„An der Grenze, Mylady.“

„An welcher Grenze, Pater? Zu Wales etwa? Etwas genauer, wenn ich bitten darf!“

Der Kaplan räusperte sich noch einmal und blickte Hilfe suchend hinüber zum neuen Earl, der zustimmend nickte. „In Euren Besitz gehen die Burgen von Clifford, Ewyas Harold und Wigmore mitsamt dazugehörigen Anwesen, Mylady. Im walisisch-englischen Grenzgebiet.“

„Aha. Also doch genau an der Grenze zu Wales.“ Rosamund senkte den Blick auf die Hände, die sie nun flach auf den Schoß gelegt hatte. Äußerlich ließ sie sich nichts anmerken, doch ihre Gedanken rasten. „Sind diese drei Festungen denn verlockend genug, dass sie mir einen Gemahl verschaffen?“

Earl Gilbert brach in schallendes Gelächter aus, das er hastig verschluckte. Walter grinste ganz unverhohlen.

„Kein Grund zur Besorgnis, Rose“, wiegelte Gilbert leutselig ab. „Du wirst schon nicht als verarmte Jungfer im Elend enden.“ Auf dem breiten Gesicht ihres Stiefbruders spiegelte sich unverhüllter Spott. Er erhob sich, kam quer durch den Raum auf sie zu und tätschelte ihr tröstend die Hand. „Vater war in dieser Hinsicht ein wenig nachlässig, aber keine Bange. Ich bin dabei, alles zu deinen Gunsten zu regeln. Da du doch jetzt drei solch wertvolle Kastelle besitzt, wirst du auch nicht mehr lange auf einen geeigneten Gatten warten müssen!“ Er gluckste schadenfroh. „Es soll uns schließlich keiner nachsagen, wir hätten eine de Longspey nicht gut behandelt.“

Rosamund lächelte zwar dankbar, kochte aber innerlich vor Wut. Doch erst als sie endlich mit ihrer Mutter allein in der Kemenate war, machte sie ihrem Zorn Luft.

„Dann bin ich also jetzt Herrin von drei Burgen, tief in den walisischen Marken, und eine darf ich mir als Wohnsitz aussuchen!“ Ihre grünen Augen blitzten; sie versuchte auch nicht länger, die Fassung zu wahren. „Da kann ich mich ja gleich lebendig begraben lassen! Eins steht jedenfalls fest: Keine zehn Pferde kriegen mich dorthin!“

Rosamunds Vorsatz überstand den Tag nicht. Kaum war der Mittagstisch abgeräumt, da wurde sie vom neuen Earl in dessen Privatgemächer bestellt. Sie musterte ihren Halbbruder argwöhnisch. In der hochherrschaftlichen Umgebung seines Vaters wirkte Gilbert noch selbstgefälliger, falls dies überhaupt möglich war. Schon als Rosamund in der Tür auftauchte, begrüßte er sie mit herablassendem Wohlwollen.

„Ach Rose! Es gibt Vortreffliches zu berichten, das kann ich dir jetzt schon sagen. Ich habe den Eindruck, dieser Tag hat es in sich. Habe ich nicht gesagt, ich würde alles Weitere schon regeln? Der Bote ist eingetroffen.“ Er warf ihr ein von der Reise zerknittertes Dokument zu. „Deine Heirat. Mir schwebt da ein Ritter vor, der dich im Gegenzug für deine drei Kastelle nehmen wird. Eine höchst vorteilhafte Verbindung.“ Sich offenbar seiner Sache sicher, stellte er sich endlich ihrem Blick. „Es wird langsam Zeit, dass wir dich unter die Haube bringen.“

Rosamund holte tief Luft. In ihrer Magengegend breitete sich ein ungutes Gefühl aus. Das war also der Haken an der Sache! Die drei Befestigungen an der walisischen Grenze, die waren nur eine Falle. Wie sie es schon geargwöhnt hatte! Und sie selbst war der Lockvogel. Jetzt begriff sie auch, was es mit Clifford und Ewyas Harold und Wigmore auf sich hatte. Langsam atmete sie aus.

„Um wen handelt es sich?“

„Um Ralph de Morgan of Builth. Großgrundbesitzer dort in der Gegend.“

„Ralph de Morgan?“ Der war ein recht häufiger Gast auf Salisbury. Bei seinem Namen erschien ihr schlagartig sein Bild vor Augen, und dabei wurde ihr so bang ums Herz, dass ihre Handflächen schweißfeucht wurden. „Aber der ist ja noch älter, als Earl William es war!“ Freilich, das war zwar eine Übertreibung, traf jedoch in etwa zu.

„Er ist eine wichtige Persönlichkeit, Rose.“ Weiterhin lächelnd, beugte Gilbert sich vor, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Und frisch verwitwet obendrein. Er wünscht eine Braut, die seine Ländereien innerhalb Englands vermehrt. Und er will für Ruhe in der Grenzmark sorgen, womit er mir sehr entgegenkommt. Einen Besseren kriegst du nicht, also solltest du nicht zögern. Außerdem bietet er ein ansehnliches Brautgeld.“

„Das kann ich mir denken.“ Wer täte das nicht, wenn dabei ein Bündnis mit den mächtigen de Longspeys heraussprang?

„Dir bleibt keine Wahl, Schwesterherz“, stellte der Earl fest, als könne er ihre ablehnenden Gedanken lesen. „Die Sache ist abgemacht. Ralph ist einverstanden, und die Bedingungen sind akzeptabel. Er wird uns nächste Woche seinen Besuch abstatten, um eure Bekanntschaft aufzufrischen, und zwar als Brautwerber.“

Rosamund wahrte mit Würde die Fassung. „Ist recht, Gilbert.“

Der Earl beäugte sie misstrauisch, als traue er ihr nicht ganz. „Und um eines möchte ich dich bitten, Schwesterchen: Vergraul den Kerl bloß nicht!“

„Nicht doch, Gilbert! Was für Ideen du immer wieder hast!“ Sie lächelte hoheitsvoll.

Von wegen! Meine Hand würde ich dafür jedenfalls nicht ins Feuer legen!

Auf einmal kam es ihr gar nicht so abwegig vor, Clifford zu ihrem neuen Zuhause zu machen, und wenn es bedeutete, dahin flüchten zu müssen.

Ein einziges Treffen mit Ralph de Morgan reichte, um Rosamunds schlimmste Befürchtungen zu bestätigen, sodass sie zur offenen Meuterei überging. Aufgelöst stürmte sie ins Schlafgemach ihrer verwitweten Mutter. Die beaufsichtigte gerade ihre Zofe Edith beim Packen für die Reise nach Lower Broadheath.

„So, das hat gereicht! Nicht mit mir!“

Lady Petronilla ließ das tiefgrüne seidene Überkleid sinken, das sie gerade zusammenfaltete, und betrachtete ihre Tochter mit einer kummervollen Mischung aus Mitleid und Resignation. „So erging es mir damals auch, als mir die Heirat angetragen wurde. Zuweilen jedoch, mein Kind, bleibt uns einfach nichts anderes übrig, als uns zu fügen.“ Mit fahrigen Händen glättete die Witwe ihre schwarzen Röcke und trat an eine Truhe, die Becher sowie einen Krug Ale enthielt. Wenn auch nicht allzu hochgewachsen, hatte Petronilla doch eine ansehnliche Figur. Ihre grünen Augen blickten wach; ein schlichtes Diadem zierte das Haar, das noch keinerlei Grau zeigte. Mit einer resoluten Bewegung schenkte sie Rosmunde einen Becher Ale ein.

„Nichts anderes übrig? Das gilt es abzuwarten!“ Rosamund nahm kein Blatt vor den Mund. „Dieser Ralph de Morgan, der ist hässlich und hat eine Glatze. Seine Kleidung stinkt erbärmlich. Und hast du nicht gesehen, wie der sich die Fettfinger an der Tunika abwischte? Weiß der Himmel, wann der sich das letzte Mal die Pfoten in heißem Wasser gewaschen hat! Und der Mundgeruch, als er bei der Begrüßung vor mir stand …“ Rosamund wirbelte so entrüstet um die eigene Achse, dass das Haar unter den Bändern nur so flog, und drosch mit den Fäusten gegen die Bettvorhänge. „Nein, niemals werde ich einen derart widerlichen Mann heiraten!“

„Zugegeben, er bietet nicht gerade verlockende Aussichten … aber deine Brüder haben sich das nun mal in den Kopf gesetzt …“

„Brüder? Die sind doch gar nicht blutsverwandt mit mir! Ich lasse mir von diesen eingebildeten Jungspunden keine Vorschriften mehr machen! Ich höre mir das nicht mehr an, was gut für mich sei und was unklug. Es ist genug!“

„Gemach! Gewiss, Ralph ist sicher kein schöner Mann … irgendwie stämmig …“

„Stämmig? Ein Fettwanst ist das! Lieber heirate ich diesen zerlumpten, verlausten Dreckspatzen, der immer draußen vor der Kathedrale sitzt und um Almosen bettelt!“

„Ach, mein Kind – das meinst du nicht ernst! Und der Bettler, der würde dich auch nicht nehmen!“ Mutter und Tochter ließen die zweifelhafte Aussicht ein Weilchen wirken. „Gleichwohl, liebste Rosamund: Du brauchst einen Mann!“, meinte Petronilla entschieden. „Eigentlich müsstest du schon seit Jahren verheiratet sein!“

„Weiß ich doch! Und die Vorteile streite ich ja auch keineswegs ab. Nur möchte ich …“ Vor Rosamunds geistigem Auge erschien ein Mann aus Kinderträumen, ein schwärmerisches Traumbild, dem sie eine ganze Weile nachhing. „Jung muss er sein. Hübsch natürlich auch und schwarzhaarig. Edelmütig und ritterlich; einer, der mich ehrvoll und rücksichtsvoll behandelt. Ein kultivierter, höfischer Rittersmann, des Lesens und Schreibens kundig, einer, der mich nicht schikaniert und mir nichts zumutet, das ich nicht möchte.“ Für einen Moment fühlte sie eine Sehnsucht in sich, die sie nahezu zu überwältigen drohte. „Und auf jeden Fall muss er etwas für mich übrighaben“, fügte sie zuletzt hinzu. „Liebe verlange ich ja gar nicht, aber eine simple Schachfigur in einem Machtspiel, das möchte ich auf keinen Fall sein.“

„Na, du stellst ja vielleicht Ansprüche!“ Lady Petronilla schaute skeptisch und wandte sich wieder dem Seidenkleid zu, das nun ordentlich zusammengefaltet vor ihr lag. „Aber existiert denn ein solcher Traummann? Einer, der dich nach Gutdünken gewähren lässt? Also, ich weiß nicht … Und wenn er das täte – wäre dir das denn recht?“

Rosamund dachte über diese Worte nach. Ihrer Mutter hatte die Ehe nicht allzu viel Glück gebracht. Wieso sollte diese Erfahrung bei ihr selbst anders sein? Sicher, einmal, da hatte es einen Mann gegeben … die Erinnerung daran traf sie bis ins Mark. Sie wandte sich ab, damit ihre Mutter nicht merkte, wie plötzliches Begehren ihr gleichsam den Hals zuschnürte.

Ihr ungezähmter Falke. Ihr ungestümer Ritter …

Jener Mann damals …Vier Jahre war das inzwischen her, doch Rosamund war, als hätte ihre Begegnung erst am vorherigen Tag stattgefunden, obgleich sie nicht einmal seinen Namen kannte. Der Fremde war in übelster Stimmung auf Salisbury erschienen, um mit dem Earl ein außerordentlich unerfreuliches Gespräch zu führen. Um was es dabei eigentlich ging, hatte Rosemund nie in Erfahrung gebracht. Doch zwischen Earl William und dem Ritter hatte von Anfang an böses Blut geherrscht. Wenn die zwei sich in einem Raum befanden, knisterte die Luft, und man musste jedes Mal befürchten, dass beide jeden Moment blankzogen, sobald sie nur einen Blick wechselten. Der Earl war bemüht gewesen, die Wogen zu glätten und seinen Kontrahenten zu einer Allianz zu bewegen. Daher hatte er ihm Rosamund versprochen – als Anreiz sozusagen, damit er eine Longspey zur Frau nehme.

Rosamund wusste noch, wie man sie herbestellt hatte, damit der Ritter sie begutachten konnte, als wäre sie ein Stück Vieh auf dem Markt.

Das hatte er aber gar nicht, sondern sie, als sie das Gemach betrat, gerade mal finster gemustert, danach aber kaum mehr eines Blickes gewürdigt. Er war nicht einmal so höflich gewesen, ihre Vorzüge als Braut überhaupt in Betracht zu ziehen – und das trotz der erheblichen Mühe, die ihre Mutter sich gemacht hatte, um die Tochter so passabel wie möglich zu präsentieren, indem sie ihr smaragdgrüne Schleifen in die Zöpfe geflochten hatte. Was für eine dünkelhafte Situation das gewesen war: eine oberflächliche Musterung von Kopf bis Fuß, wobei er sie mit Blicken nahezu auszog, um ihr danach die kalte Schulter zu zeigen. Selbst jetzt, mit jahrelangem Abstand, erlebte sie aufs Neue jenen demütigenden Moment, der ihr die Schames- und Zornesröte zugleich in die Wangen getrieben hatte. Nicht etwa, dass ihm das aufgefallen wäre! Der Rittersmann war zu sehr damit beschäftigt gewesen, Earl William eine Absage zu erteilen, um auf Rosamunds Erscheinung oder gar ihre Gefühle angesichts dieser erniedrigenden Behandlung überhaupt einen Gedanken zu verschwenden. Sie war schon Luft für ihn gewesen, kaum dass sie den Fuß in die Kammer gesetzt hatte.

Ihr wollt mich mit einer Longspey kaufen? Daraus wird nichts. An Euren Händen, Mylord, klebt Blut. Und das lässt sich nicht abwaschen, indem Ihr mir eine weinerliche Jungfer offeriert.

Die mühsam unterdrückte Wut in seiner Stimme, der schroffe, drohende Ton! Die Scham, die Rosamund überkam, als sei sie selbst schuld an seiner Zurückweisung! Der Stachel saß noch immer tief, genauso scharf wie das Bild von Gesicht und Gestalt jenes Mannes in ihrem Gedächtnis. Es mochte ja sein, dass er sie nur ganz nebenbei zur Kenntnis genommen hatte, aber mit ihren zwanzig Jahren war Rosamund damals mit Sicherheit keine „weinerliche Jungfer“ gewesen – als weinerlich galt sie beim besten Willen nicht –, und im Gegensatz zu seiner gleichgültigen Art hatte sie ihn immerhin angelächelt.

In ihren Träumen erschien er ihr als ihr „Wilder Falke“, ein tollkühner, ungezähmter Raubvogel, der nie die Haube, die Lederfesseln oder die Leine des Falkners kennengelernt hatte. Und was für eine Augenweide! Er war hochgewachsen und von athletischem Wuchs – ein wahrer Kämpfer, wenngleich bei seinem Besuch in feinstem Tuch, mit eingesticktem Zierwerk an Saum und Ärmel der Tunika gekleidet. Womöglich trug er sonst auch ein Schwert, doch der Ledergürtel war goldverziert und mit Juwelen besetzt. Offenbar lag ihm daran, möglichst beeindruckend zu wirken. Wenn sie scharf überlegte, konnte sich Rosamund noch jetzt an sein Haar erinnern, an seine grauen, goldfleckigen Augen. Wie ein Adler!, so hatte sie noch gedacht. Mit einem unbeugsamen Willen. Wie das wohl gewesen wäre, solch einen Mann wie ihn zu heiraten?

Ohne sich lange mit Artigkeiten abzugeben, war er gleich mit der Tür ins Haus gefallen. Mir liegt nichts an einer Heirat mit Euresgleichen. Das war noch eine seiner mildesten Äußerungen gewesen. Doch der Blick seiner harten grauen Augen war schon eine Beleidigung an sich. Ich fordere nur eins von Euch, Mylord: die Rückgabe von meines Vaters Grund und Boden sowie eine Entschädigung für den verfrühten Tod meiner Gemahlin. Hätte sie, Rosamund, das stand für sie fest, diesen wilden Greif geheiratet – er hätte sie mit Sicherheit nicht gewähren lassen. Er hätte sie vielmehr bei jeder sich bietenden Gelegenheit herumkommandiert und drangsaliert. Bei dieser Vorstellung grauste es sie regelrecht. Das wäre ja fast so schlimm wie eine Heirat mit Ralph de Morgan! Trotz ihrer Abneigung verspürte sie so etwas wie Mitleid mit der armen toten Gemahlin des Wildfalken.

Ganz zuletzt hatte er sie, vermutlich ungewollt, einmal berührt. Als er zur Tür stapfte, enttäuscht und aufgebracht, da musste er zwangsläufig dicht an Rosamund vorbei. Er war abrupt stehen geblieben und hatte herrisch die Hand ausgestreckt. „Mylady!“

Sie hatte ihm die ihre geboten, und er hatte sie an die Lippen geführt. Flüchtig. Trotzdem war es ihr so vorgekommen, als hätte sie sich verbrannt. Die Hitze raubte ihr schlagartig die Sinne. Es war ihr im Gedächtnis haften geblieben, als brenne die Stelle nach wie vor, und in Zeiten tiefster Verzweiflung malte sie sich aus, wie es wohl sein würde, seine Lippen auf ihrem Mund zu spüren, seine Hände an ihrem Busen, in dem ihr das Herz pochte, als sehne es sich nach etwas bislang Unerlebtem …

Sie kniff die Augen zusammen, um das Bild zu verscheuchen. Nun, das Ergebnis des Zusammenpralls zweier solcher Sturköpfe hatte der Möglichkeit, von dem Wilden Falken verführt zu werden, sowieso einen Riegel vorgeschoben. Er hatte seine Forderung nicht durchgesetzt und weder das väterliche Land noch die Entschädigung erhalten. Earl William seinerseits musste auf die Allianz verzichten und Rosamund auf einen Ehegatten. Die schwarze Lockenpracht seidig an ihrem Handgelenk, hatte ihr Traumritter sich steif verneigt, ihre Hand anschließend losgelassen, als habe auch er sich versengt, und Rosamund keines weiteren Blickes mehr gewürdigt. Danach hatte sie nie wieder von ihm gehört.

Dennoch gelang es ihr nicht, sein markantes Gesicht zu vergessen. Eine Schönheit war er zwar nicht, dafür waren seine Züge zu streng, zu wenig ebenmäßig. Doch faszinierend war er allemal. Er besaß eine geheimnisvolle Ausstrahlung, die auf Rosamund über die Maßen anziehend wirkte. Er war ein Mann, da war sie sich sicher, der sich durch nichts und niemanden aufhalten ließ. Ja, in der Tat: Wie wäre das wohl gewesen, diesen Falken zu heiraten, die Seine zu sein und ihm zu gehören, nur ihm allein? Ihm ihre wohlbehütete Jungfräulichkeit zu schenken, einem Ritter, der auf Beutezug ging und brandschatzte und nicht lange zögerte? Vier Jahre, und noch immer hütete sie ihren kostbaren Schatz, für den sich offenbar niemand interessierte – außer diesem abscheulichen Ralph de Morgan! Vermutlich würde sie ihre Unschuld mit ins Grab nehmen.

„Rose …?“

Sie blinzelte nochmals und stellte fest, dass ihre Mutter allmählich unruhig wurde. Rosamund rief sich zur Ordnung – das war doch alles schon so lange her! Inzwischen war ihr Falke vermutlich so fett und unansehnlich wie Ralph de Morgan und hauste gemeinsam mit Weib und Kinderschar in einer zugigen, einsam gelegenen Burg. Höchstwahrscheinlich hätte er Rosamund ebenso schikaniert, wie das gegenwärtig ihre Familie tat, was ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack gewesen wäre.

„Also, Rose, wenn Gilbert das so entschieden hat …“ Die Stimme ihrer Mutter riss Rosamund aus ihren Grübeleien. „Was sollen wir dagegen tun?“

In Rosamunds Augen glomm ein Funkeln auf, das ihre Mutter eigentlich hätte warnen müssen. „Das kann ich dir sagen: Ich nehme mein Erbe in Anspruch.“

„Sprichst du von Clifford?“

„Genau. Es gehört mir, und wenn ich will, darf ich da wohnen. Du kannst ja mitkommen oder nach Lower Broadheath umsiedeln. Was meinst du?“ Ein Lächeln umspielte Rosamunds Lippen, während Petronilla über das Angebot nachdachte. Sie ahnte schon, wie ihre Mutter sich entscheiden würde: Natürlich würde sie mitkommen, denn ihre Tochter umzustimmen, das war, als wolle man die Windrichtung ändern. Die Mühe brauchte sie sich also nicht zu machen. Allerdings würde auch keine rechte Mutter ihr Kind unbeaufsichtigt in unbekanntes, unzivilisiertes Gebiet tief im Westen ziehen lassen.

„Ich begleite dich“, bekräftigte Petronilla. „Selbstverständlich. Wieso fragst du noch?“ Dann aber, als sie die Tragweite dieser Entscheidung begriff, seufzte sie: „Nur wird Gilbert dich nicht gehen lassen.“

„Doch, doch. Ich habe nämlich einen Plan.“

„Aber es ist so weit weg, Rose!“

„Eben! Weit genug, um eine Heirat mit Ralph de Morgan unmöglich zu machen. Bin ich erst einmal dort, ist die Gefahr gebannt. Dann kann ich nach meinen Vorstellungen leben.“ Entschlossenheit schimmerte in Rosamunds Augen, helle Begeisterung angesichts dieses Abenteuers, das sie sich vorgenommen hatte. „Wenn ich nach Clifford fliehe und alle Bindungen an Salisbury abbreche, dann werden Gilbert und auch Ralph mich vielleicht als hoffnungslosen Fall abschreiben. Ich denke nicht, dass einer von beiden mir einen Suchtrupp hinterdreinschickt und mich in Ketten zurück nach Salisbury schleppen lässt. Dass er mich ins Verlies wirft, bis ich zur Vernunft komme und gehorche. Wir zwei, wir sind dort den Rechthabereien der eigensüchtigen Männerwelt entzogen. Und das – davon bin ich überzeugt – wird uns beiden gefallen.“

2. KAPITEL

In unverändert strömendem Regen erreichte Fitz Osbern bei Anbruch des Winterabends die Stadt Hereford. Wie gewohnt quartierte er seine Männer im Wirtshaus „Zum Blauen Eber“ und dessen Nebengebäuden ein. Er selbst blieb bloß auf einen Kanten Brot mit zähem Fleisch von zweifelhafter Herkunft, das er mit einem Humpen Ale herunterspülte. Danach zog er Mantel und Haube wieder über und machte sich auf zu einer Runde durch die Schänken und Tavernen der Stadt.

Er brauchte nicht lange zu suchen, wusste er doch um die Gewohnheiten gewisser Zeitgenossen. Im „Roten Löwen“ traf er auf den Gesuchten – einen stämmigen Kämpen mit etlichen Dienstjahren auf dem Buckel. Der hob gerade einen Krug an die Lippen, als Fitz Osbern von hinten an ihn herantrat und ihm dermaßen auf die Schultern hieb, dass er sich beinahe verschluckt hätte.

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch!“ Zornentbrannt fuhr der Zecher herum. Der Bierkrug polterte auf den Tisch, auf dem sich gleich eine Bierlache ausbreitete. Mit der ausgeprägten Wachsamkeit des kampferprobten Ritters griff der Stämmige mit der Hand blitzschnell zum im Gürtel steckenden Dolch. Dann aber begann er zu grinsen, stieß einen Grunzlaut aus und wischte sich mit der freien Hand die bierbefleckte Tunika ab. „Ger! Hätte ich mir doch gleich denken können! Aber pass nächstens auf, wenn dir dein Leben lieb ist …“ Hugh de Mortimer ließ die Dolchspitze drohend kreisen, bevor er die Klinge auf die Tischplatte knallte. Mit dem gestiefelten Fuß angelte er nach einem Schemel und zog das Sitzmöbel heran.

„Als ob du mich mit dem Spielzeug da auch nur ritzen könntest!“ Gervase nahm Platz und entledigte sich seines Mantels. „Bis dahin hätte ich dich doch längst aufs Kreuz gelegt! Na, amüsierst du dich immer noch in Spelunken wie dieser hier?“ Abgestoßen vom Mief aus Qualm, verdorbenen Zwiebeln, saurem Ale, feuchter Kleidung und Körperschweiß, machte er ein angewidertes Gesicht.

Hughs wettergegerbte Züge entspannten sich; ein kameradschaftliches Lächeln breitete sich aus, das Gervase sogleich erwiderte. Die beiden Kampfgefährten schüttelten sich die Hände. Hugh hielt sich wacker für sein Alter. Obwohl gut zwölf Jahre auseinander, hatten sie Seite an Seite für Frieden in den Marken gekämpft. Grauhaarig und untersetzt, gab sich der Markgraf mit den stahlblauen Augen stets wie eine Mischung aus Zuchtmeister und Kumpel, was ihn beliebt und umgänglich gemacht hatte.

„Damit du es weißt, Ger: Ich bin hier nur auf wohlfeile Neuigkeiten aus“, schalt der Markgraf, zwar milde im Ton, doch mit der Autorität des Älteren. Von seinem Stammsitz in Hereford aus hatte Hugh de Mortimer es sich zur Aufgabe gemacht, im Namen des englischen Königs stets die Hand am Puls der aufmüpfigen Grenzmarken zu halten. „Ich hatte hier ein Treffen mit einem meiner Kundschafter.“ Er musterte den Stoppelbart und das schwarze, regennasse Haar seines Freundes. „Ich dachte, du wärst in Anjou.“

„War ich auch. Bin gerade zurück.“ Ächzend streckte Gervase das rechte Bein aus. Bei nasskaltem Wetter tat es ihm immer noch weh – Andenken an einen Sturz aus dem Sattel. Widerwillig fuhr er sich mit der Hand über die unrasierten Wangen. „Strapaziöse Angelegenheit, wenig Annehmlichkeiten. Und die Überfahrt erst …“ Seine Miene sprach Bände. „Eigentlich war Monmouth das Ziel, doch dann erreichte uns kurz hinter Gloucester interessante Kunde.“

Hugh warf seinem Freund einen aufmerksamen Blick zu. „Salisbury?“

„Du sagst es. Deswegen bin ich hier. Ich dachte, wenn es irgendwas zu erfahren gäbe – du wüsstest es. Schließlich verfügst du über vortreffliche Kanäle. Also, lass hören: Was gibt es an Neuigkeiten?“

„Salisbury ist tot.“ Hugh kam ohne Umschweife zur Sache. „Wolltest du das hören?“

„Dann stimmt es also.“

„Und dir geht die Zukunft von Clifford durch den Kopf.“

„Wundert dich das?“

„Du meinst, die Gelegenheit ist günstig, es zurückzuholen?“

„Das vermag ich nicht zu sagen. Eher nicht. Der Sohn und Erbe regiert mit ebenso harter Hand wie sein Alter. Die Ländereien, die sind abgesichert, da ändert auch der Wechsel an der Spitze nichts dran. Ich selbst habe zudem mit meinen weit auseinanderliegenden Besitzungen in Anjou schon genug zu tun; da kann ich mir eine solche Fehde nicht leisten. Soviel mir das Kastell auch bedeutet.“

Hugh packte den Gefährten beim Handgelenk und zog ihn näher heran. „Pass auf, Ger: Es geht das Gerücht, der neue Earl schenke den Grenzmarken keinerlei Beachtung. Er habe Clifford und die beiden anderen Grenzkastelle sowieso nicht geerbt. Sein Bruder Walter ebenfalls nicht.“

Gervase hielt inne, den Bierkrug schon halbwegs an den Lippen. Das Blut rauschte ihm in den Adern; ihm wurde plötzlich warm. Seine Stimmung hob sich.

„Wenn Gilbert nicht der Erbe ist – wer dann?“

„Die Tochter des Verstorbenen aus zweiter Ehe. Vor etwa zwölf Jahren heiratete er eine Petronilla de Bredwardine; muss folglich blutjung sein, das Mädel. Eher noch ein Kind, würde ich meinen.“

„Ein Kind?“ Angesichts dieser veränderten Lage trommelte Gervase nachdenklich mit den Fingern gegen den Krug.

„So jedenfalls meine Quellen. Insofern könnte du es durchaus in Betracht ziehen, das Terrain zu sondieren.“ Ein listiges Lächeln stahl sich auf Hughs Züge, was gar nicht zu seinem aufrichtigen Blick passen wollte.

„Sapperlot, da magst du recht haben. Na, so was! Clifford im Besitz eines Kindes. Eines kleinen Mädchens!“ Sinnend hockte Fitz Osbern da und starrte in seinen Humpen.

Clifford … Der Name haftete ihm schon von Kindesbeinen an im Gedächtnis, eingebrannt gleichsam von der derben Hand seines Vaters. Rein rechtlich gesehen gehörte die kleine Grenzbefestigung Gervase als Erbteil. Er kannte die Burg gut, hatte er doch dort für kurze Zeit gelebt, damals, während seiner Ehe mit Matilda de Vaughan. Eilig verdrängte er die unwillkommene Erinnerung und richtete seine Gedanken auf das, was er noch über das eigentliche Kastell wusste. Im Großen und Ganzen handelte es sich um eine Fachwerkanlage mit einem simplen Steinbau als Palas und fünf Türmen. Das war indes nicht das Entscheidende. Viel bedeutsamer war die strategisch günstige Lage an einer Furt über den Fluss Wye. Es zählte zu den ursprünglichen Lehen derer zu Fitz Osbern. Seinen Vorfahren war es nach der normannischen Eroberung Englands im Jahre 1066 verliehen worden, und zwar als Dank von Wilhelm dem Eroberer höchstpersönlich. Schon allein deshalb war es unweigerlich Teil seines Erbes.

Dann allerdings hatte sich der Earl of Salisbury die Burganlage unter den Nagel gerissen. Seinerzeit weilte Gervases Vater, Lord Henry Fitz Osbern, gerade zu einem Feldzug in Anjou, und Gervase selbst hielt zu dem Zeitpunkt als Stellvertreter seines Vaters Gericht in Monmouth. Bei Lord Henrys Heimkehr war der Diebstahl bereits vollzogen; da konnte er auch keine eigene Streitmacht mehr aufbieten und von Monmouth aus gegen Clifford ziehen. Salisbury hockte schon in den Mauern und lachte sich eins ins Fäustchen.

Seitdem war Clifford ein ständiger Stachel im Fleisch derer zu Fitz Osbern, eine Demütigung, die Gervases Vater ins Grab gebracht hatte. Ohnehin nicht der Gesündeste, hatte er den Verlust als Schmach begriffen, als einen Schandfleck auf seiner Ehre. Ein Jahr später starb er an einer schwärenden Schwertwunde. An eine gewaltsame Rückeroberung des Kastells war nicht zu denken. Hätte Gervase das gewagt, wäre ihm Salisbury mit einem ganzen Kriegsheer, finanziert durch den immensen Reichtum derer de Longspey, zu Leibe gerückt. Dass Salisbury zudem noch König Stephen auf seiner Seite hatte, machte ein solches Unterfangen noch aussichtsloser.

Nun aber waren beide tot, sowohl der König als auch Salisbury. Und auf Clifford Castle hatte ein Kind das Sagen …

„Bedeutet es dir denn so viel?“ Hugh war das Wechselspiel der Gefühle auf den Zügen seines Freundes nicht entgangen. „Es ist klein und muss von Grund auf erneuert werden, sonst hält es keiner Belagerung stand. Ich glaube kaum, dass es seit dem Bau des ersten Turms und der Wallanlagen ausgebessert oder erweitert wurde. Liegt es dir so am Herzen, die Burg wiederzukriegen?“

„Und ob!“ Der flammende Blick in Gervases Augen war unmissverständlich, ebenso wie der überzeugende Unterton in seiner Stimme. „Es bedeutet mir alles.“

„Wegen deines Vaters.“

„Seinetwegen. Und vermutlich wegen der Familienehre.“ Er hielt kurz inne. „Und wegen Matilda …“

„Ach so, ja. Hatte ich ganz vergessen.“

„Ich nicht.“ Gervase umfasste den Humpen so fest, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. „Das vergesse ich nie. Sie ist dort gestorben, und ich war nicht zugegen, um sie zu retten.“

Die unterdrückte Trauer im Gesicht des Freundes verriet Hugh, dass es wohl besser war, das Thema nicht zu vertiefen. Er räusperte sich. „Also: Was hast du vor?“

„Morgen ziehe ich gen Clifford. Eine noch günstigere Gelegenheit wird sich ja wohl kaum ergeben, oder?“

„Nein. Soll ich dich begleiten?“

Forschend musterte Gervase das Gesicht des Markgrafen. Für einen Vorstoß in feindliches Gebiet konnte man sich eigentlich kaum eine noch bessere Unterstützung wünschen. Eine kräftige, schnelle Hand, gepaart mit Kampfgeist und Mut. Außerdem wusste Hugh in allen Lebenslagen stets fundierten Rat. In den vergangenen Jahren hatte Gervase sich daran gewöhnt, auf eigene Faust zu handeln. Ein Einzelgänger, wie seine Mutter ihm zuweilen in unverblümten, ehrlichen Worten an den Kopf warf. Da war es vielleicht gar nicht so übel, ein vertrautes Gesicht an der Seite zu wissen …

„Also?“, hakte Hugh nach. „Soll ich, oder soll ich nicht?“

Gervase nickte sichtlich gelöst. „Einverstanden. Wenn es dir zusagt, mitzukommen und dir anzuschauen, wie ich hämisch über meinen Triumph frohlocke – dann bitte sehr.“

„Darauf heben wir einen!“

Mit vereinten Kräften machten sich die beiden Freunde mit Gervases Männern am folgenden Morgen auf den Weg. In westlicher Richtung ging es von Hereford aus Richtung Clifford. Der Tag begann mit stürmischen Winden und hellen, jagenden Wolken. Immer schärfer wurden die Umrisse der Black Mountains, die sich vor ihnen aus der Ebene erhoben. Das Ziel, die kleine Grenzfeste, stand am Südufer des Wye, nördlich des Höhenzuges.

In der vertrauten Umgebung ritt es sich locker und entspannt. Hugh dehnte die Glieder im Sattel und rollte die Schultern. Zwar sagte ihm das Stadtleben durchaus zu – das süße Nichtstun, wie Gervase es nannte –, doch es tat ihm gut, mal wieder mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein. Anfangs unterhielt man sich über alles Mögliche, bis das Gespräch sich nach und nach persönlichen Dingen zuwandte. Hugh nutzte die Gelegenheit der langen Bekanntschaft beider Familien, um das heikle Thema, das er am Vorabend noch so geschickt umschifft hatte, erneut anzuschneiden. Er wusste zwar, dass Gervase sich zieren würde, sprach die Sache bei Tageslicht jedoch trotzdem an.

„Du brauchst ein Weib, Ger.“

„Weiß ich“, lautete die lakonische Antwort. „Gilt für dich genauso.“

Aha! Daher wehte der Wind: Antäuschen und parieren, um den Gegner abzulenken! De Mortimer beschloss, das Spielchen mitzuspielen. „Nein, keineswegs. Ich war über zwanzig Jahre verheiratet und habe zwei wackere erwachsene Söhne als Erben, beide inzwischen mit eigenen Familien. Die tragen den Namen weiter und werden die Mortimer-Güter schon führen. Ich habe Joanna sehr geliebt. In meinem Alter möchte ich keine andere Frau mehr. Inzwischen bin ich zu sehr Eigenbrötler, als dass ich mich noch nach den Bedürfnissen und Wünschen einer neuen Gemahlin in meinem Hause richten könnte. Dazu gehe ich viel zu gern meiner Wege.“

„Nicht mal eine, die dir in kalten Nächten das Bett wärmt?“ Gervase schielte hinüber zu dem Älteren, der trotz seiner Jahre immer noch so burschikos und robust wie ein Jüngling wirkte. Die grauen Fäden im Haar, die feinen Fältchen an Augen- und Mundwinkeln täuschten.

„Wenn mir nach so was ist, gibt es andere Möglichkeiten. Beispielsweise eine sehr anschmiegsame Kaufmannswitwe in Hereford. Der wäre nichts lieber, als meine ständige Bettgenossin zu werden. Da bräuchte ich nur zu lächeln und mit dem Finger zu schnipsen. Nein, nein, das Eheversprechen, das werde ich wohl nicht mehr ablegen. Aber wir kommen vom Thema ab …!“ Sein Blick wurde schärfer und durchbohrte Gervase regelrecht. Der nachfolgende Ratschlag war von brutaler Offenheit. „Denk dir nur, ich wäre dein armer verblichener Vater. Du hast keinen Erben, brauchst aber einen. Du könntest heute oder morgen von einem verirrten Pfeil oder einem gut gezielten Schwerthieb dahingerafft werden. Du kannst doch nicht ewig deiner schönen Matilda nachtrauern und Kerzen für sie anzünden! Wie lange ist sie jetzt tot? Fünf Jahre? Du musst dich endlich damit abfinden, dass sie nicht mehr da ist, und dich wieder dem Leben zuwenden. Wie soll das denn weitergehen mit dir?“

Gervases Stimme nahm einen gereizten Ton an. „Ich werde mir vermutlich eine andere suchen. Matilda, falls du es wissen willst, ist nicht der eigentliche Grund meiner Zurückhaltung. Und Kerzen würde ich sowieso nicht entzünden.“ Er verzog die Lippen zu einem hintergründigen Lächeln. „Das ist etwas für das schwache Geschlecht. Du hörst dich schon wie diese vermaledeiten Minnesänger an, Hugh!“

Sein Begleiter lachte auf. „Und wann fängst du mit der Brautsuche an?“

„Sobald ich Clifford zurückerobert habe.“

„Irgendwelche Vorstellungen?“ De Mortimer blieb beharrlich. „Du hast doch bestimmt gewisse Erwartungen an deine Zukünftige.“

„In der Tat!“ Offenkundig wenig erpicht auf einen Streit mit seinem Freund und entschlossen, die Unterhaltung zu beenden, nannte er eine ganze Reihe von Eigenschaften, als zähle er die Ausrüstungsgegenstände für einen Feldzug auf. „Was jeder vernünftige Mann sich wünschen würde: aus gutem Haus und passabel aussehend natürlich. Brav und folgsam, in Haushaltsführung gründlich geschult, eine tüchtige Burgherrin, die die Zügel des Gesindes fest in die Hände nimmt. Du kennst das doch!“

Hugh verkniff sich ein Grinsen. Und ob er das kannte! Gervase wollte eine Gemahlin, die sich voll und ganz unterordnete und keine Schwierigkeiten machte. Die keine Widerworte gab und auf Bemerkungen oder Fragen verzichtete. Weich und nachgiebig wie ein Daunenkissen. Und ebenso erstickend langweilig.

„Und?“, hakte er nach, wobei er ganz unschuldig tat. „Schon Angebote gekriegt?“

„Eigentlich keine. Es sei denn, man rechnet die kleine Longspey dazu.“

„Wie bitte?“

„Salisbury hatte mir doch eine von seinen Töchtern angeboten. Wollte mich ganz geschickt an sein Haus fesseln, damit ich nicht mehr so kann, wie ich will.“

„Na, das ist ja eine Überraschung.“ Hugh dachte angestrengt nach. Wie war das noch mit den Longspey-Damen? „Um welche von den Töchtern handelte es sich denn?“

„Hab ich vergessen“, brummte Gervase, verlegen ob der Röte, die ihm bei dieser Wendung des Gespräches in die Wangen stieg. „Ich glaube, wir wurden nicht mal richtig vorgestellt. Ich war nicht interessiert und habe das Angebot ausgeschlagen.“

„Ungehobelt, wie es deine Art ist, was?“

„Nein, offen und ehrlich! Ich trauerte nämlich um meinen Vater, das weiß ich noch. Ich hatte nicht die Absicht, mich kaufen zu lassen.“ Er unterbrach sich und schnaubte verärgert. „Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Gesittet habe ich mich nicht gerade verhalten. Werfe ich mir seitdem auch dauernd vor.“

„Dann war die junge Dame also nicht … äh … passabel anzuschauen, fügsam und brav?“

Gervase lachte gutmütig. „Das kann ich dir nicht beantworten!“

Mortimer fehlten die Worte. „Es ist zum Verzweifeln mit dir, Ger! Warte lieber nicht allzu lange!“

„Sobald das mit Clifford erledigt ist, werde ich mich ganz der Brautschau widmen.“

Sie mussten nun ein mit Pfützen und Schlaglöchern übersätes Straßenstück bewältigen, wobei die Pferdehufe glucksend im lehmigen Morast versanken. Die Sonne verschwand hinter den Wolken, und der Regen setzte aufs Neue ein.

„Und was machst du, wenn dieses Kind bereits auf Clifford residiert?“, fragte Hugh, dem der Gedanke plötzlich gekommen war.

„Davon gehe ich nicht aus.“ Gervase legte die Stirn in Falten. Diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht in Erwägung gezogen. „Warum sollte es? Eher erwarte ich, dass die Kleine in Salisbury bleibt, bis sie im heiratsfähigen Alter ist. Clifford taugt nicht als Zuhause für ein Kind. Erst recht nicht für ein Mädchen.“

„Mag sein. Aber möglich wäre es.“

„Dann packe ich die Kleine zusammen mit Amme, Kleidung, Spielzeug und Miezekatze oder was sie sonst noch mitgeschleppt hat auf ihren Reisewagen und schicke sie zurück nach Salisbury zu ihren Longspey-Brüdern. Was hast du denn sonst erwartet? Dass ich sie ins Verlies werfe?“

„Unsinn, Gervase!“ Für einen Augenblick nahm der Mund des Markgrafen einen ernsten, beinahe warnenden Zug an. „Ich erwarte vielmehr, dass du sie höflich und mit allen Ehren behandelst.“

„Genau das habe ich vor, sei unbesorgt.“

Mit seinem Hinweis hatte Hugh seinen Freund unabsichtlich ins Grübeln gebracht. Gervase stellte fest, dass seine Gedanken immer wieder zu jenem unglückseligen Gespräch mit Salisbury von damals zurückkehrten. Vor allem war ihm noch gegenwärtig, dass er damals große Mühe gehabt hatte, vor Zorn nicht aus der Haut zu fahren, und eben das machte ihm die Erinnerung unangenehm. In der Rückschau war ihm klar, dass er sich besser hätte beherrschen müssen, zumal sein Vater gerade erst gestorben war. In seiner Trauer hatte Gervase den Versuch gewagt, den ihm rechtmäßig zustehenden Grund und Boden dadurch zurückzugewinnen, dass er an Earl Williams Gerechtigkeitssinn appellierte – vergeblich. Der Earl hatte abgelehnt und dann versucht, Gervase eine Braut aus dem Hause Longspey anzudienen und auf diese Weise gefügig zu machen. Nein, Gervase hatte aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Als ob er ein Weib aus solch einer Familie ehelichen würde! Eine Familie von Verbrechern! Er wusste noch, wie er aufgebracht aus den feudalen Räumlichkeiten des Stadthauses gestürmt war, ohne das arme Mädchen, das man ihm als Braut unterjubeln wollte, eines Blickes zu würdigen. Es war ihm bewusst, dass sein Verhalten nicht sonderlich klug gewesen war. Und das Allerschlimmste: Clifford war dadurch nur noch fester in den Besitz derer zu Salisbury geraten. Aber ein echter Fitz Osbern, der noch einen Funken Ehrgefühl besaß, hätte sich nie und nimmer in die Abhängigkeit eines Salisbury begeben und sich von ihm aushalten lassen. Dass er dem selbstgefälligen Halunken ohne viel Federlesen das Brautangebot an den Kopf geworfen hatte, das war ihm eine Genugtuung sondergleichen gewesen.

Was das Mädchen anbetraf … Tja, was wusste er noch von ihm? Es fiel ihm schwer, sich ein vollständiges Bild zu machen. Er hatte die Kleine ja kaum zur Kenntnis genommen – eine offenbar wohlerzogene, blässliche junge Dame, soweit er sich entsann. Ihre Wangen hatten sich unter seinem verächtlichen Blick leicht rot überzogen. Energischer Mund, der Blick offen, eher herausfordernd wie der eines gegnerischen Ritters, keineswegs sanftmütig wie bei einem hochwohlgeborenen Fräulein. Das war aber auch schon alles. Sie hatte ihn angeschaut, als käme er auch nicht annähernd an ihre Vorstellung von einem Gemahl heran. Als sei er ein Wegelagerer aus den walisischen Wäldern. Grüne Augen, der Blick zu unverblümt, wie er sich jetzt genau erinnerte, zu kämpferisch. Hübsch war sie ja gewesen, gar keine Frage. Aber fügsam und brav? Mit Sicherheit nicht, da wäre er jede Wette eingegangen. Kein Vergleich zu Matilda. Keine geeignete Heiratskandidatin, gleichgültig, aus welchem adeligen Haus sie stammen und was für Verbindungen sie haben mochte.

Als er damals nach dem Scheitern der Unterredung fuchsteufelswild das Anwesen verlassen hatte, da musste er ganz nahe an ihr vorbei. Anscheinend hatte sie sich das Haar mit Lavendel gewaschen, denn der Duft vernebelte ihm fast die Sinne, obwohl sie erschrocken zurückwich.

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