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Die Liebenden von San Marco

BASTEI ENTERTAINMENT

PERSONEN

CINTIA BAROZZI, Tochter eines reichen Seidenwebers

PAOLO LOREDAN, Schiffsbauer

NICCOLÒ GUARDI, junger Patrizier

GREGORIO, sein älterer Bruder

EDUARDO GUARDI, Vater von Niccolò und Gregorio

LUCIETTA, Cintias Cousine

MONNA BAROZZI, Cintias Mutter

IPPOLITO BAROZZI, Cintias Vater

DARIA LOREDAN, Paolos Stiefmutter und Kurtisane

CASPARO LOREDAN, Darias Sohn und Paolos Bruder

GIULIO, Darias Leibwächter

ESMERALDA, Kurtisane

GIOVANNI PELLEGRINI, Freier und Luciettas Liebhaber

AGOSTINO MEMMO, Verwalter der Seidenweberei

IMELDA, alte Frau

TODARO, Krankenpfleger von der Pestinsel

VITO FARSETTI, Mann aus der Ägäis

ABBAS, Araber mit Wohnsitz in Konstantinopel

TAMINA, seine Tochter

MAHMUT SINAN, Pascha

MURAT, Leibwächter bei Abbas

AYLIN, Hure in Konstantinopel

TOMMASO FLANGINI, entfernter Onkel Cintias

LODOVICA, seine Frau

ANSELMO, beider Sohn

SIMON, jüdischer Arzt

CATTALDO, Arzt

JUANA, portugiesische Zofe

GIOVANNI, Cintias Leibwächter

AMMIRAGLIO TASSINI, Paolos Vorgesetzter im Arsenal

MARIA, stummes Mädchen

EUFEMIA, Niccolòs alte Amme

SABINA, Köchin

GIUSEPPE, Hausdiener und Ruderknecht

VICENZO, Bootsführer

COSIMA UND MARTA, Kurtisanen

CALERGI, Freier

Jüdischer Kaufmann

Französischer Kaufmann

Venezianische Kaufleute

Neapolitanischer Krämer

Dominikanerprior

Köchin im Hause Guardi

Hebamme

Teil 1

Venedig, Sommer 1510

VignetteDer Mann torkelte auf sie zu und übergab sich dicht vor Cintias Füßen, kaum, dass sie aus der Gondel gestiegen war. Der Bootsführer, der ihr auf den Kai geholfen hatte, wich zurück und fluchte lautstark, während Cintia teils entsetzt, teils angeekelt auf der Fondamenta stehen blieb.

Der Mann vor ihr erbrach sich ein weiteres Mal, und da Cintia zu nah bei der Kanalmauer stand, um auszuweichen, bekam sie diesmal noch mehr ab als beim ersten Schwall.

»Verdammt«, würgte der Mann hervor. »Der Wein muss schlecht gewesen sein!« Mit beiden Händen hielt er sich den Leib und sackte vor ihr in die Knie.

Cintia betrachtete fassungslos die Bescherung auf der Vorderseite ihres Gewandes und gleich darauf den Verursacher.

Der Mann, der vor ihr kauerte, war verschwitzt und dünstete üble Gerüche nach schalem Wein und Erbrochenem aus. Er wirkte, als hätte er sich nach einer durchzechten Nacht mit letzter Mühe auf den Heimweg gemacht.

Cintia hatte das vage Gefühl, den Mann zu kennen, doch sie konnte von seinem Gesicht nur wenig sehen, da er den Kopf gebeugt hatte und dunkle Locken in seine Stirn hingen. Er war noch jung, in den Zwanzigern, und wenn er stand, war er sicherlich recht groß, denn sogar wenn er hockte, reichte sein Kopf bis an Cintias Hüfte. Sein schwarzes Gewand war zwar schlicht geschnitten, aber von gediegener Qualität, ebenso wie die ledernen Schnabelschuhe. Wie ein armer Schlucker sah er nicht aus.

»Will ... zu Messèr Barozzi, dem Seidenweber«, stieß er mit undeutlicher Stimme hervor.

»Das ist mein Vater«, sagte Cintia spontan.

»Weiß ich. Muss ... mit ihm sprechen. Habe vorgestern schon mit ihm geredet. Muss aber noch ... dringend ...«

»Was ist hier los?«, fragte Cintias Mutter, die noch in der Gondel saß. »Was fehlt dem Mann?«

»Er ist betrunken«, antwortete Vicenzo, der Bootführer. Er sprang neben Cintia auf die Fondamenta, packte den Mann, zerrte ihn ein paar Schritte bis zur nächsten Hausecke und ließ ihn kurzerhand dort liegen, bevor er zurückkehrte, um Cintias Mutter und anschließend ihrer Cousine Lucietta aus der Gondel zu helfen.

»Himmel«, sagte Monna Barozzi naserümpfend. Sie machte einen Bogen um die Lache, die der Mann hinterlassen hatte. »Diese Trunkenbolde werden immer dreister! Jetzt veranstalten sie ihre Gelage schon bei uns vor dem Haus! Und das am helllichten Tag!« Sie vergewisserte sich, dass der Saum ihres Umhangs nicht mit der übel riechenden Flüssigkeit auf dem Pflaster in Berührung gekommen war, während sie an Cintias Seite eilte und missbilligend deren verschmutztes Gewand betrachtete.

»Komm, wir gehen hinein. Es wird höchste Zeit, dass du dich auf heute Abend vorbereitest.«

Cintia zögerte; sie schaute noch einmal zu dem Mann hinüber, der stöhnend an der Hauswand hockte.

»Vielleicht ist er krank«, meinte Cintia.

»Diese Krankheit ist von der Sorte, die alle Männer regelmäßig und ganz unabhängig von ihrem Stand befällt«, versetzte ihre Mutter. »Man nennt es Suff. Das einzige Mittel dagegen wäre Mäßigung, oder besser noch: Abstinenz. Aber wer hätte je von einem Mann gehört, der sich dem unterwerfen wollte?« Ihre Bemerkung abschwächend, fügte sie hinzu: »Außer vielleicht die frommen Mönche. Und, nun ja, dein Vater natürlich.« An Vicenzo gewandt, fügte sie hinzu: »Schaff ihn fort und lade ihn irgendwo anders ab. Es geht nicht an, dass er hier vor unserem Haus seinen Rausch ausschläft, wenn später unsere Gäste eintreffen.«

Gemeinsam mit Lucietta ging sie weiter, in Richtung der schmalen Gasse, die an der Seite des Hauses entlang zum landseitigen Eingang führte.

Cintia folgte den beiden, blieb aber unterwegs stehen und drehte sich zu dem Mann um.

Monna Barozzi blickte sich ungeduldig um. »Was ist los?«

»Ich weiß nicht ... Mir war, als hätte ich ihn schon einmal gesehen.«

»Das kann sehr gut sein«, meinte Monna Barozzi. »Abends frönen sie dem Schnaps und schlimmeren Lastern, aber morgens gehen sie in die Kirche und zu den heiligen Prozessionen wie alle guten Christenmenschen. Wenn du ihn gesehen hast, dann dort.«

»Nein, ich glaube nicht.« Der Mann hatte den Kopf gehoben, und nun sah Cintia sein Gesicht und erinnerte sich an ihn. Diese Nase, die aussah, als wäre sie einmal gebrochen und schief wieder zusammengewachsen, die Kerbe in der Mitte des Kinns, das dunkel vom Bartschatten war. So ein Gesicht vergaß man nicht.

»Er war bei Papa im Kontor. Ich stand zu weit weg, um ihre Unterhaltung zu verstehen, aber ich glaube, es ging um Geschäfte.« Sie zögerte. »Allerdings war er da nicht betrunken.«

»Dein Vater treibt mit vielen Leuten Handel«, sagte ihre Mutter. »Leider sind auch einige darunter, denen man als Frau ungern begegnet. So wie der da.« Sie deutete abfällig auf den Fremden. »Falls er wirklich Geschäfte zu bereden hat, soll er in nüchternem Zustand wiederkommen.«

»Aber vielleicht ist es wichtig. Wir sollten Vater Bescheid sagen.«

»Nein. Was immer der Mann will, es kann bis morgen warten. Heute ist dein Abend. Wenn ein Mädchen sich verlobt, sollte es an nichts anderes denken, vor allem nicht an die schlechten Dinge im Leben.«

Cintia wagte einen Protest. »Aber Mama, ich denke doch nicht an schlechte Dinge!«

»Es reicht schon, dass du so viel über die Welt da draußen nachsinnst. Der Platz gut erzogener junger Frauen ist zu Hause.«

»Ach, Mama, immer nur zu Hause zu hocken ist so langweilig!«

»Du vergisst immer wieder, wie gut du es hast«, hob Monna Barozzi hervor. »Denk nur an all die schönen Kleider! Davon habe ich in deinem Alter nicht mal träumen können! Dein Vater hat dir sogar gestattet, Lesen und Schreiben zu lernen! Und Rechnen gleich noch dazu! Es ist undankbar, dass dir das immer noch nicht reicht!«

Cintia zuckte die Achseln. Ihre Mutter hielt ihr oft vor, dass nicht einmal den Mädchen aus adligen Familien Unterricht zuteil wurde, es sei denn, sie hatten Brüder, für die ohnehin ein Lehrer ins Haus kommen musste. Auch in den Klöstern durften die Mädchen lesen und schreiben lernen, doch Cintia vermutete, dass es dort außer biblischen Texten kaum Lektüre gab. Ihr war klar, dass der Unterricht, den sie selbst genossen hatte, ein Privileg bedeutete, doch alles in ihr sträubte sich dagegen, deswegen demütige Dankbarkeit zu empfinden.

Monna Barozzi folgte Lucietta und wandte sich bei der Pforte ungeduldig zu Cintia um, die in der Gasse stehen geblieben war. »Was ist, Kind?«

»Vielleicht sollte Vicenzo den Mann zu einem Medicus bringen«, sagte Cintia. »Am Ende ist er womöglich doch krank.«

»Unsinn. Komm endlich ins Haus.«

»Sofort, Mama.« Cintia schaute die Gasse entlang zum Kanal, wo soeben die Gondel in ihrem Blickfeld auftauchte. Laut rief sie: »Vicenzo! Warte!«

Vicenzo stand auf der Ruderbank und schaute geradeaus in Fahrtrichtung. Er reagierte nicht auf ihr Rufen. Der Ruderknecht war nicht mehr der Jüngste, sein Gehör hatte schon vor langer Zeit nachgelassen.

Sein Oberkörper bewegte sich in gleichmäßigem Rhythmus, während er das lange Ruder ein ums andere Mal durchs Wasser zog. Von dem Mann, den er beförderte, war nichts zu sehen, bis auf einen Arm, der über die Bordwand baumelte und im Wasser nachgezogen wurde, schlaff und scheinbar leblos. Wenige Augenblicke später war das Boot Cintias Blicken entschwunden. Sie wandte sich ab, um ins Haus zu gehen.

vignetteVon dort, wo er lag, konnte er nicht viel anderes sehen als den grauen Himmel. Am oberen Rand seines Gesichtsfeldes glitten schemenhaft die Silhouetten der imposanten Palazzi vorbei, die den Canal Grande säumten, mit filigranen Verzierungen gekröntes Mauerwerk, bunte Fenster und Ornamente auf poliertem Marmor. Seine Hand fühlte sich merkwürdig kalt und taub an, und erst nach einer Weile begriff er, dass sie im Wasser trieb. Richtig, er war auf dem Boot, auf das der Diener ihn auf Geheiß von Monna Barozzi verfrachtet hatte, um ihn woandershin zu schaffen.

»Mein Name ist Paolo Loredan«, sagte er.

Als keine Reaktion kam, begriff er, dass er die Worte nur gemurmelt hatte. Er versuchte, lauter zu sprechen, doch er brachte nur ein schwaches Würgen hervor, untermalt von dem stetigen Platschen des Ruders.

Vage fragte Paolo sich, wohin die Fahrt wohl gehen mochte. Bis auf die Hand, die im Wasser hing, schien sein ganzer Körper zu brennen. Ihm wurde wieder übel, und als er merkte, dass er sich erneut erbrechen musste, wandte er den Kopf zur Seite, damit sein Auswurf ihm nicht im Hals stecken blieb und ihn erstickte. Er hatte Glück. Alles, was er ausspie, landete auf den mit feinem Teppich ausgelegten Bootsplanken.

Er hörte den Gondoliere fluchen. Die Ausdrücke, mit denen er seinen unfreiwilligen Passagier bedachte, waren alles andere als schmeichelhaft.

Paolo überlegte, wie der Name des Dieners lautete. Barozzis Tochter hatte ihn eben noch gerufen, daran erinnerte er sich genau. Die kleine Göre mit den rabenschwarzen Haaren und diesen seltsam blauen Augen, die nächsten Monat den schönen Gregorio heiraten sollte, ehrenwerter Spross aus dem feinen Hause Guardi. Ob sie wusste, was sie sich damit einhandeln würde? Es hieß, sie sei klug, nicht nur in dem Sinne, wie es manche belesene Menschen waren, sondern mit Scharfsicht und Urteilsvermögen ausgestattet. Allerdings fragte er sich, ob ihr diese Eigenschaften, die von ihrem Vater ausgehandelte Ehe betreffend, viel nützten.

Paolo würgte erneut, doch es kam nichts mehr außer galligem Schleim.

»Du elender Taugenichts«, polterte der Gondoliere. »Dich werde ich Sitten lehren! Anständiger Leute Boot zu besudeln! Na warte, dafür wirst du bezahlen!«

Die Gondel trieb knirschend gegen die Kaimauer, und gleich darauf war das Knarren von Holz gegen Holz zu hören, als das Ruder aus der Forcola gezogen wurde.

»Warte, Vicenzo«, sagte Paolo hastig. Der Name des Dieners war ihm wieder eingefallen. »Ich heiße Paolo Loredan und bin ein Neffe des Dogen.« Diesmal sprach er lauter, er hörte sich selbst sehr deutlich, auch wenn es wie das Krächzen eines kranken Raben klang. Gleichwohl hatte er sich dem Mann gerade noch rechtzeitig vorgestellt, denn nur einen Lidschlag darauf landete das Ruderblatt krachend neben seiner Schulter. Paolo hatte den deutlichen Eindruck, soeben mit knapper Not einem harten Hieb entgangen zu sein. Die Worte des Alten bestätigten ihn in seinem Verdacht.

»Du lügst«, sagte Vicenzo, aber Paolo hörte trotz seines erbärmlichen Zustands, wie unsicher es klang. »Ein Neffe des Dogen würde sich nicht so herumtreiben und schon am Vormittag betrunken in der Gosse liegen!« Der Alte hockte sich vor ihn auf eine der Sitzbänke, die Hände über den Knien herabhängend.

»Ich bin nur ein entfernter Neffe«, gab Paolo zu. Er brachte die Worte kaum heraus, so elend fühlte er sich. »Dennoch würde es dir schlecht bekommen, mich zu schlagen oder irgendwo wie Unrat auf einem schmutzigen Campo abzuladen. Ich habe wichtige Geschäfte mit deinem Herrn, Messèr Barozzi.« Er merkte, dass seine Stimme bei jedem Wort brach und immer undeutlicher wurde, und er fragte sich, ob der Alte ihn überhaupt verstanden hatte. Dazu kam, dass er sich kaum bewegen konnte. Er war schwächer als ein neugeborenes Kind. Seine Arme und Beine gehorchten ihm nicht mehr, sein Kopf schmerzte, als hätte ihn jemand mit dem Hammer traktiert, und seine Eingeweide vollführten wahre Bocksprünge. In seinem Körper wütete das Fieber, so viel war ihm klar. Noch vor ein paar Stunden – oder war es gar schon Tage her? – hatte er gedacht, einige Humpen Wein könnten die innere Hitze und die Schmerzen vertreiben. Er hatte die Galeerendocks verlassen und war geradewegs vom Arsenal in eine Schänke gegangen, daran erinnerte er sich noch deutlich. Und er wusste auch noch, dass er Messèr Barozzi aufsuchen wollte, aus demselben Grund wie neulich. Doch alles, was sich nach dem Verlassen der Schänke ereignet hatte, war nur noch bruchstückhaft in seinem Gedächtnis vorhanden. Er hatte sich auf den Weg gemacht und sein Ziel erreicht, das lag auf der Hand, aber wie er es in seinem Zustand geschafft hatte, zur Ca’ Barozzi zu gelangen, war ihm schleierhaft. Möglicherweise hatte er doch zu viel getrunken.

»Ich habe Geld«, krächzte er. »Bring mich nach Hause.« Er merkte, dass er im Begriff war, wieder ohnmächtig zu werden. Die Umrisse von Vicenzo, der über ihm aufragte, verschwammen mit dem grauen Himmel.

»Wo wohnt Ihr?«

Obschon kaum noch bei Bewusstsein, registrierte Paolo die höfliche Anrede; anscheinend hatte er Vicenzo überzeugt.

»Wo wohnt Ihr?«, wiederholte dieser seine Frage.

Paolo dachte nach und erwiderte etwas, aber gleich darauf wusste er nicht mehr, ob er die richtige Antwort herausgebracht hatte. Doch das spielte ohnehin keine Rolle mehr, denn die Welt um ihn herum versank in Dunkelheit.

vignetteDie Ca’ Barozzi befand sich in San Marco am Canal Grande, unweit der Kanalbiegung im Rialtobezirk. Ippolito Barozzi, Cintias Vater, hatte das Haus vor etwa zehn Jahren bauen lassen. Das Gebäude war im klassischen venezianischen Stil errichtet, mit einem Wassertor, durch das man vom Kanal aus in den Andron gelangte, den Wassersaal des Hauses, von dem zu beiden Seiten Wirtschafts- und Lagerräume abgingen. Darüber befand sich das Mezzanin mit den Gesinderäumen, und darüber wiederum lag das pompös ausgestattete Repräsentationsgeschoss, dessen Herzstück ein großer Portego bildete, eine über die gesamte Länge des Hauses reichende Halle mit schimmernden Terrazzoböden und Wänden, die mit goldgeprägtem Leder bespannt waren. Über diesem Piano nobile gab es ein weiteres Stockwerk, fast ebenso hoch und weitläufig wie das erste und ähnlich prunkvoll eingerichtet. Dort, im zweiten Obergeschoss, hatten Cintia und ihre Cousine Lucietta ihre Gemächer. Anders als die meisten älteren Palazzi besaß die Ca’ Barozzi neben der Außentreppe auch ein inneres Treppenhaus, das alle Geschosse miteinander verband, sodass niemand von der Familie das Haus verlassen musste, um von einem Stockwerk ins andere zu gelangen.

Cintia stand am offenen Fenster ihrer Kammer. Eine schwache Bö fuhr von draußen herein und wehte ihr das Haar vor die Augen. Sie strich es achtlos beiseite und blickte hinaus auf den Canalezzo, auf dem zahlreiche Boote dahinglitten, schnell oder langsam, je nach Bauart und Beladung. Leichte, schmale Gondeln, breite Traghetti und schwerfällige Lastkähne waren im Schatten der Häuser unterwegs, es war ein ständiges bewegtes Auf und Ab. Die Silhouetten der Palazzi an der gegenüberliegenden Seite des Kanals waren überstrahlt von einem seltsam diffusen Licht, in dem die ganze Stadt zu schweben schien, durchscheinend und schwerelos. Cintia dachte an die elegische Beschreibung, die sie vor Kurzem in einem erbaulichen Traktat gelesen hatte. Der Verfasser hatte Venedig ein von Gold überhauchtes, steinernes Schiff genannt, eine Bezeichnung, die sich Cintia eingeprägt hatte, weil sie von so treffender Poesie war. Auf Abertausenden eichener Pfähle ruhend und zugleich schwimmend, bestand dieses Schiff in Wahrheit aus unzähligen Inseln, umgeben von zweierlei Wassern: brackig, versumpft und verschilft zur Terraferma hin, und frisch strömend in Richtung des Lido, durch dessen Pforten die unzähligen Galeeren der weltgrößten Seemacht auf das offene Meer hinausgelangten.

Die Glocken der Kirchen ringsum begannen zu läuten, scheinbar zögernd zunächst, dann immer kräftiger, bis von den Türmen der Stadt ein steter Schall ausging, der wie ein einziger, von allen Seiten zugleich kommender, auf- und abschwellender Ton über der Stadt lag. Es war die Stunde der Komplet, des Abendgebets. Cintia senkte den Kopf und sprach rasch ein Ave-Maria. Sie bat die heilige Jungfrau um Beistand für alles Kommende, und auch darum, dass das Glück der letzten Wochen ihr weiterhin hold bleiben möge.

Mit beiden Händen fuhr sie über ihr lose herabhängendes Hemd, das in reichen Falten ihren Körper umhüllte. Später, wenn sie für das Fest angekleidet war, würde das zarte Gewebe wie leuchtender Nebelhauch aus den Schlitzen und dem Ausschnitt ihrer Gamurra hervorschimmern und das Auge des Betrachters auf ihr Haar und ihre ungewöhnlichen Augen lenken.

Bis vor wenigen Monaten hatte ihre Cousine Lucietta sie noch damit geneckt, dass ihre Arme und Beine lang und schmal wie bei einem Füllen waren, doch alles Ungelenke hatte sich noch vor ihrem letzten Geburtstag verloren. Sie wurde bald siebzehn und war damit unbestreitbar eine Frau, das hatte sogar ihre Mutter gesagt, und Cintia glaubte es, weil sie in der letzten Zeit Sehnsüchte hatte, die ganz anders waren als die ihrer Kindheit. Es waren dies nicht etwa banale Sehnsüchte nach schöneren Kleidern oder hellerem Haar; das waren Wünsche, wie Lucietta sie hegte. Cintias Haar war schwarz wie die Nacht und ließe sich auch mit noch so viel Zitrone und Sonnenlicht nicht aufhellen, und wertvolle Kleider besaß sie bereits zur Genüge. Nein, sie sehnte sich danach, zu heiraten. Nicht irgendwen, sondern Gregorio Guardi. An seiner Seite würde sich alles ändern; sie käme endlich heraus aus der behüteten, ereignislosen Stille ihres Elternhauses. Die Liebe würde ihr zu einem anderen, aufregenden Leben verhelfen und die schreckliche Langeweile beenden. Nichts würde mehr so sein, wie es war.

Cintia konnte kaum noch zählen, wie oft sie bereits hinter ihren Eltern in sittsamer Haltung durch das Kirchenportal geschritten war und dabei zugleich fieberhaft nach Gregorio Ausschau gehalten hatte. Immer, wenn sie seine hochgewachsene, schlanke Gestalt auftauchen sah, spürte sie ihren Herzschlag.

Wenn Gregorio im Kreise seiner Familie die Kirche oder einen Festsaal betrat, war es Cintia stets ein Leichtes, ihn sofort in der Menge auszumachen. Er war wie ein strahlender Held aus einer griechischen Sage, auch äußerlich. Gregorio war nicht nur größer als sein Vater und sein jüngerer Bruder Niccolò, sondern sein Haar war auch ungewöhnlich hell. Wie ein goldener Wasserfall quoll es unter seinem Barett hervor und tanzte in Locken auf seinen Schultern, als wollte es mit den Stickereien auf seinem Wams um die Wette leuchten.

Sie konnte es kaum erwarten, seine Frau zu werden. Allein die Tatsache, dass er kurz nach dem letzten Markusfest um sie angehalten hatte, war für sie der endgültige Beweis, dass das Schicksal sie von Anfang an hatte zusammenführen wollen.

»Was ist mit dir, träumst du?«

Cintia drehte sich zu Lucietta um, die sie mit dieser Bemerkung aus ihren Gedanken gerissen hatte. Ihre Cousine stand hinter ihr, das Festkleid für den Abend über dem Arm – für Cintia war es an der Zeit, sich für die Feier herzurichten. Unten im Portego sowie den tiefer gelegenen Wirtschaftsräumen waren die letzten Vorbereitungen im Gange. Scharen von Bediensteten eilten durchs Haus. Das Essen wurde erhitzt und zum Servieren auf Platten angerichtet, die Tische für das Gastmahl wurden geschmückt, die Stühle zurechtgerückt. Die Musiker waren schon vor einer Weile eingetroffen und stimmten ihre Instrumente. Bald würden die ersten Gäste erscheinen, um am Prunkbankett anlässlich der Verlobungsfeier teilzunehmen. Alles, was in Venedig Rang und Namen hatte, wurde zu diesem Fest der Familie Barozzi erwartet, darunter Mitglieder des Zehnerrats, ein Savio del Collegio, ein Prokurator sowie die Häupter diverser angesehener Scuole. Und natürlich Gregorio Guardi, ihr zukünftiger Gatte.

Cintia folgte Lucietta in das Ankleidezimmer und schlüpfte mit Luciettas Hilfe in die Gamurra.

»Halt still, sonst sitzt es nachher nicht richtig«, sagte Lucietta, während sie die Schnüre zusammenzog und an den richtigen Stellen das Unterkleid zurechtzupfte. »Lass dich ansehen!« Lucietta fasste Cintia bei den Schultern und drehte sie zu sich herum.

Cintia fragte sich, warum sie sich mit einem Mal wie ein Lamm fühlte, das für eine Begutachtung vorbereitet wurde. Nicht zum Zwecke der Schlachtung, sondern zur Schätzung, wie viel Wolle es wohl abwerfen mochte.

»Was hast du?«, wollte Lucietta wissen. »Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Du bist schon seit Stunden so merkwürdig geistesabwesend.«

Cintia wunderte sich, dass es Lucietta überhaupt auffiel. Den ganzen Tag über war ihre Cousine hauptsächlich mit ihrem eigenen Aussehen beschäftigt gewesen und hatte gejammert, weil ihr neues Kleid trotz sorgfältiger Anprobe unter den Armen kniff.

Forschend blickte sie Cintia an. »Ist dir nicht gut?«

»Mir fehlt nichts«, wehrte Cintia ab.

»Doch«, widersprach Lucietta. »Ich merke es dir an!« Ein argwöhnischer Ausdruck trat auf ihr rundes Gesicht. »Liebst du ihn etwa nicht mehr?«

»Natürlich liebe ich ihn!«, rief Cintia sofort. Mit einem raschen Blick auf die offenen Fenster dämpfte sie ihre Stimme. »Ich will seine Frau werden. Heute ist der Tag, auf den ich schon seit Ewigkeiten warte!«

»Und danach wirst du dich nach der Hochzeit sehnen! Aber die paar Wochen gehen schnell vorbei.« Schwärmerisch lächelnd drehte Lucietta sich um die eigene Achse und intonierte dabei ein Liebeslied. »Du wirst mit ihm glücklich sein bis an dein Lebensende! Gemeinsam werdet ihr reich und mächtig sein!« Ihre Augen leuchteten erwartungsvoll. »Du wirst nicht nur dich selbst, sondern auch mich mit den schönsten Kleidern versorgen! Und wir gehen zusammen zum Karneval und zur Sensa! Vielleicht fahren wir sogar eines Tages auf dem Bucintoro mit, im Gefolge des Dogen!« Sie hielt inne. »Du nimmst mich doch mit, wenn du einst auf den Bucintoro eingeladen wirst, oder?«

»Ja, sicher. Aber ...« Cintia stockte, dann sagte sie: »Ich habe kürzlich dieses Gerede gehört ...«

»Welches Gerede?«

»Es war beim Kirchgang. Hinter mir sprachen zwei Männer darüber, und es klang ... merkwürdig.«

Lucietta musterte sie befremdet. »Was haben diese Männer denn genau gesagt?«

»Ach ... es war nicht wichtig.«

Tatsächlich hatten die Männer darüber geredet, dass Gregorio dringend Geld heiraten musste; ihren Bemerkungen zufolge war das Haus Guardi im Begriff, infolge der kriegsbedingten schlechten Geschäftslage völlig zu verarmen, weshalb die Familie sich auch so beeilt hatte, nach einer Braut mit üppiger Mitgift Ausschau zu halten, ganz ohne Rücksicht auf deren bürgerliche Herkunft.

Cintia war durch dieses Gespräch bis in die Grundfesten erschüttert. Bis zu jenem Moment hatte sie sich wegen ihres bürgerlichen Standes nie minderwertig gefühlt. Die Guardis mochten einer alteingesessenen Adelsdynastie entstammen, doch nach Cintias Dafürhalten musste ihr Vater nicht hinter einem Patrizier zurückstehen. Anders als die zumeist schon reich geborenen Nobili hatte Ippolito Barozzi sich aus schlichten Verhältnissen hochgearbeitet, ein Umstand, der nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Familie, vor allem aber Cintia mit Stolz erfüllte. Angefangen hatte er als sehr junger Mann mit einer kleinen Weberei auf der Giudecca, doch schon zu der Zeit von Cintias Geburt hatte er seine Geschäfte ausgedehnt, und inzwischen war er Eigner mehrerer Manufakturen. Die Stoffe ließen sich gar nicht so schnell fertigen, wie er sie verkaufen konnte.

Er war einer der angesehensten Cittadini der Stadt – und überdies einer der wohlhabendsten.

Lucietta beharrte auf einer Antwort. »Diese Männer müssen über etwas geredet haben, was dich aus der Ruhe brachte. Also was war es?«

»Na ja, sie sprachen ... Sie sprachen über das Geld.«

»Welches Geld?«

»Meine Mitgift.«

Luciettas Augen verengten sich. »Was gibt es an deiner Mitgift auszusetzen? Sie ist höher als die Mitgiften aller anderen Donzelle in Venedig, das weiß ich genau! Ich sitze die meiste Zeit zu Hause, das ist leider wahr, aber über solche wichtigen Dinge bin ich genau informiert!«

»Niemand sagt etwas gegen die Höhe meiner Mitgift«, erklärte Cintia.

»Aha, ich verstehe!«, rief Lucietta empört. »Die Männer meinten, dass Gregorio Guardi dich nur wegen deines Geldes heiraten will!« Entschieden schüttelte sie den Kopf. »Das ist das Dümmste, was ich je hörte. Ihr seid füreinander geschaffen, du und Gregorio. Ein schöneres Paar hat die Stadt noch nicht gesehen, das schwöre ich!«

Cintia glaubte es nur zu gerne. Ihr war jedes Wort recht, das ihre Bedenken zerstreute. Hinzu kam, dass niemand von den Guardis, erst recht nicht Gregorio, ihr je Anlass zu der Vermutung gegeben hatte, sie sei nur um ihrer Mitgift willen eine gute Partie. Er war ihr stets mit der allergrößten Zuvorkommenheit begegnet. Auf all den Banketten und anderen Festen, die reihum das ganze Jahr über in den venezianischen Palazzi von den reichen Familien der Stadt ausgerichtet wurden, hatten sie sich jedes Mal bestens miteinander unterhalten, vor allem, seit zwischen ihren Familien feststand, dass er sie heiraten würde. Er hatte Cintia die höflichsten Komplimente gemacht, sei es ihre Frisuren oder ihre Kleidung betreffend oder aber die Art, wie sie sich ausdrückte. Er war ihr zugeneigt, davon war sie überzeugt.

Dass Gregorios Vater, Eduardo Guardi, sich wegen einer Heirat an ihren Vater gewandt hatte, war Cintia als die natürlichste Sache der Welt erschienen. Ihre Mitgift, so kam es ihr im Nachhinein vor, war bei alledem höchst nebensächlich.

Dennoch ließ sich nicht abstreiten, dass es bei dem anstehenden Ehekontrakt um sehr viel Geld ging.

»Komm, sieh dich an«, befahl Lucietta, während sie Cintia zu einem der großen Spiegel zog. »Dann kommst du ganz schnell auf andere Gedanken.«

Cintia musterte ihr Spiegelbild. Wenn man sich im passenden Abstand vor dem Spiegel aufstellte, konnte man sich nahezu von Kopf bis Fuß betrachten. Die Spiegel in der Ca’ Barozzi waren Meisterwerke der Glaskunst, von verblüffender und bis dahin unerreichter Reinheit, gehalten von kostbar geschnitzten, goldverzierten Rahmen. Sie stellten ein Symbol für den Reichtum der Familie dar, wenn auch nur eines von vielen. Gemälde in Öl und Tempera, al fresco aufgebrachte Deckenbilder, seidene Draperien, kristallene Kandelaber, aufwendig geschnitzte Truhen und Lehnstühle – es gab nicht allzu viele Palazzi am Canal Grande, die kostbarer ausgestattet waren als die Ca’ Barozzi.

Das Hausmädchen hatte bereits Kerzen angezündet, deren Licht sich in den Spiegeln fing und die Gestalten der beiden jungen Frauen umriss.

Cintia vermochte keinen Gefallen an ihrer Erscheinung zu finden, ein merkwürdiges Phänomen, über das sie schon häufig nachgedacht hatte. Ihre Schönheit, von anderen oft gepriesen, war ihr selbst auf seltsame Weise gleichgültig. Wohl nahm sie davon Kenntnis und fand die Ansicht der anderen nach objektiven Kriterien bestätigt, aber darüber hinaus bewegte es sie nicht. Manchmal stand sie vor dem Spiegel und betrachtete ihr glattes, ausdrucksloses Gesicht, versuchte, die Empfindungen hinter dieser runden Stirn zu ergründen, bis sie schließlich anfing, Grimassen zu schneiden, weil es die Zeit besser vertrieb als ergebnisloses Nachdenken.

Lucietta zupfte an ihrem kneifenden Kleid herum und klagte gleichzeitig über ihren bäuerlich gebräunten Teint. Cintia wusste, dass ihre Cousine für ihr Leben gern Bleiweiß verwendet hätte, so wie viele Frauen es taten, um ihre Haut aufzuhellen, doch Monna Barozzi hatte verboten, dass die Mädchen sich anmalten.

»Das ist der Nachteil, wenn man sich zum Bleichen der Haare in die Sonne setzen muss«, erklärte Lucietta unzufrieden. »Die Haut wird einfach zu dunkel davon! Ich sehe aus wie eine Frau vom Lande! Oder nein, schlimmer: wie eine alte Frau vom Lande.«

Lucietta war im März zweiundzwanzig geworden, ein Zustand, der in ihren Augen demjenigen altersbedingter Gebrechlichkeit kaum nachstand. Dabei war sie recht hübsch, wie Cintia fand. Mit ihrem feinen Blondhaar, den hellblauen Augen, der zarten Haut und einem Körper, dessen Rundungen sich unter jedem noch so züchtigen Gewand deutlich abzeichneten, wirkte sie auf viele Männer attraktiv, doch ebenso wie Cintia hatte sie immer unter strenger Obhut gestanden und niemals ohne Begleitung von Aufsichtspersonen das Haus verlassen dürfen.

Cintia erinnerte sich noch genau an den Tag, als ihre Cousine zu ihnen gekommen war. Bleich und verweint hatte das Mädchen vor Ippolito Barozzi gestanden, die Blicke beharrlich zu Boden gesenkt. Elf Jahre war Lucietta damals alt gewesen, Cintia sechs.

Luciettas Vater war kurz zuvor der Schwindsucht zum Opfer gefallen. Auch ihre Mutter war zu jener Zeit schon tot, bei einer Fehlgeburt verstorben. Lucietta hatte nach dem Tod ihres Vaters völlig allein auf der Welt gestanden, weshalb die Barozzis als ihre nächsten Verwandten von den Behörden ersucht wurden, die Vormundschaft für das nahezu mittellose Kind zu übernehmen. Monna Barozzi hatte sofort zugestimmt, obwohl die Verwandtschaft eher weitläufiger Art war; Luciettas Vater war ein Vetter von Ippolito Barozzi gewesen.

Monna Barozzi hatte indessen rasch den praktischen Nutzen dieses Familienzuwachses erkannt. Cintia war ihr einziges Kind; zu Monna Barozzis Leidwesen hatte Gott sie und ihren Mann nicht mit weiteren Sprösslingen segnen wollen. Lucietta kam gerade richtig, um Cintia wie eine ältere Schwester vor dem zu bewahren, was ihr Tag für Tag am meisten zusetzte: der gähnenden Langeweile, die das ereignislose Luxusleben als einzige Tochter reicher Eltern ihr auferlegte. Nach einigen anfänglichen Streitigkeiten hatten die beiden Mädchen sich gut verstanden. Sie hatten gemeinsam Unterricht gehabt und auch sonst während all der Jahre die meiste Zeit zusammen verbracht.

Als Lucietta ins heiratsfähige Alter gekommen war, hatten die Barozzis ihr eine Reihe passender Männer ans Herz gelegt; zwei Mal war Ippolito Barozzi sogar schon dazu übergegangen, konkrete Pläne für eine Verehelichung mit einem infrage kommenden Kandidaten auszuhandeln, doch Lucietta hatte ihren Onkel beide Male angefleht, davon Abstand zu nehmen. Ippolito Barozzi hatte zwar respektable und tüchtige Männer ausgesucht, die einen untadeligen Lebenswandel pflegten, doch beide lebten nicht annähernd in solchen Verhältnissen wie die Barozzis. Der eine, ein Tuchhändler, besaß zwar ein eigenes Haus, doch war dieses ebenso alt wie windschief und lag an einem stinkenden kleinen Seitenkanal, und außer ihm wohnte noch sein bettlägeriger Vater darin. Der andere Kandidat, erster Vorarbeiter aus einer der Seidenwebereien der Barozzis, war bereits das zweite Mal verwitwet und mit Zahnfäule geschlagen.

Keiner der beiden hätte es Lucietta ermöglichen können, auf Damastlaken zu schlafen und Seidenkleider zu tragen, geschweige denn den Luxus, von Dienstboten umsorgt zu werden. Kurzum, Lucietta hatte rasch begriffen, dass sie es im Vergleich zu ihrem bisherigen Leben nur schlechter treffen konnte, wenn sie heiratete. Da ihr jedoch klar war, dass sie mit solchen Einwänden nicht unbedingt Gehör finden würde, behauptete sie, sich auf keinen Fall von Cintia trennen zu wollen. In mehreren tränenreichen Ausbrüchen warf sie sich Monna Barozzi und dem Herrn des Hauses zu Füßen und beteuerte, lieber ihr Leben hinzugeben als die innige Verbundenheit, die sie für ihre Ziehschwester empfand. Frohen Herzens wolle sie für den Rest ihres Lebens auf die Segnungen der Ehe verzichten, wenn sie dafür nur den Barozzis, vor allem aber Cintia dienen dürfe. Cintia hatte dieses Theaterspiel mit offenem Mund zur Kenntnis genommen und sich dann auf die Zunge gebissen, um nicht laut loszulachen.

Ippolito Barozzi hatte sich brummend bereit erklärt, weitere Pläne zur Verheiratung Luciettas vorerst aufzugeben. Mittlerweile waren alle zufrieden mit dieser Entwicklung; die Aussicht, dass Lucietta Cintia begleiten würde, wenn diese als junge Braut in ihr neues Heim zog, hatte für die gesamte Familie etwas Tröstliches, vor allem für Monna Barozzi, die es nicht ohne Argwohn sah, dass die Guardis einen reinen Männerhaushalt führten.

vignetteCintia hatte den Gedanken an ihre Mutter noch nicht zu Ende gedacht, als diese unvermittelt den Raum betrat und in die Hände klatschte. »Auf, auf, ihr Mädchen! Wo bleibt ihr nur? Jeden Augenblick werden die ersten Gäste eintreffen!«

Monna Barozzi war ebenso wie Cintia und Lucietta festlich gekleidet. Sie sah blendend aus in dem schwarzen, mit Goldfäden durchwirkten Seidenkleid, das ihr makelloses Dekolleté und ihren langen, schlanken Hals zur Geltung brachte. Kein Grau zeigte sich in ihrem Haar, obwohl sie die vierzig schon überschritten hatte. Die Haut ihres Gesichts war straff und glatt. Ihr Haar war nicht so dunkel wie das ihrer Tochter, sondern eher von einem sanften Brünett, doch es war deutlich zu sehen, dass Cintia ihr Aussehen geerbt hatte. Bei beiden war die Gesichtsform gleich: die runde Stirn, die ein wenig schräg geschnittenen Augen, die feine klassische Nase und der herzförmige Mund.

»Lass mich dein Kleid anschauen.« Abermals sah Cintia sich prüfenden Frauenblicken ausgesetzt, und wieder überkamen sie dabei dieselben merkwürdigen Gefühle wie vorhin. Verdattert fuhr sie zusammen, als ihre Mutter sie unversehens in die Arme zog und sie an sich drückte. Derlei Liebesbekundungen waren normalerweise nicht Monna Barozzis Art. Wenn sie etwas mitzuteilen hatte, so war das in aller Regel eher Tadel als Lob, körperliche Zuneigung wie ein Kuss auf die Stirn oder gar diese Umarmung waren kostbare Raritäten.

Cintia schmiegte sich an ihre Mutter und genoss die Nähe, ohne groß nachzudenken. Es tat gut, so von jemandem gehalten zu werden, den man lieb hatte, und bange fragte sie sich, ob sie bei Gregorio ähnlich empfinden würde. Zärtlichkeit, das erkannte sie mit einem Mal, war ein Aspekt in ihrem Leben, den sie bisher hatte entbehren müssen. Sie war von ihren Eltern immer behütet und umhegt worden, doch körperliche Hinwendung hatte es so gut wie nie gegeben. Manchmal fühlte sie sich wie ein glatt polierter Stein, hübsch anzusehen, aber kühl und ohne spürbares Leben.

»Hör zu«, sagte Monna Barozzi unvermittelt, fast so, als hätte sie in diesem Moment einen besonderen Entschluss gefasst. »Ich weiß, dass du denkst, du musst ihn unbedingt heiraten, weil du glaubst, dass er der Mann deiner Träume ist.«

»Das ist er ganz gewiss«, mischte Lucietta sich ein. Sie stand ein paar Schritte entfernt mit dem Rücken zu den beiden anderen und beargwöhnte sie im Spiegel. »Sie liebt Gregorio und will seine Frau werden!«

»Sei still, du dummes Ding«, befahl Monna Barozzi ihr. Zu Cintia sagte sie: »Es ist alles mit Eduardo Guardi ausgemacht, das ist wohl wahr.« Ihr Gesicht verzog sich kurz, als sie den Namen von Cintias künftigem Schwiegervater erwähnte. »Doch eines sollst du wissen, mein Kind: Falls du deine Meinung noch ändern willst, so wird kein Mensch dich zwingen können, Gregorios Frau zu werden.«

»Warum sollte Cintia ihre Meinung ändern?«, rief Lucietta. In ihrer Stimme lag ein Hauch von Panik. »Sie wird alles bekommen, was sie will! Herrliche Kleider! Luxuriöse Gemächer! Heerscharen von Dienern! Jeden Tag die köstlichsten Leckerbissen aus einer der besten Küchen der Stadt! Sie wird die Frau eines Nobile, dessen Name im Goldenen Buch der Stadt steht!«

»Sei still«, sagte Monna Barozzi abermals, diesmal in schärferem Tonfall. Sanfter und an Cintia gewandt, fügte sie hinzu: »Der Himmel weiß, dass es in einer Ehe am wichtigsten ist, in Frieden miteinander leben zu können. Freundschaft und Verständnis und gegenseitige Hochachtung – das sind Dinge, die an oberster Stelle stehen sollten. Gregorio ist ein sanfter und guter Mann. Er würde dir niemals wehtun, so viel weiß ich sicher. Das andere hingegen ...« Ihre Augen wurden schmal, und ihre Lippen pressten sich kurz zusammen, bevor sie weitersprach. »Das andere vergeht so schnell, sofern es überhaupt je vorhanden ist. Es ist wie ein Feuer, das binnen weniger Herzschläge zu Asche niederbrennt, und irgendwann ist es, als wäre es nie da gewesen.«

»Nie da gewesen«, echote Lucietta. Ihre Miene drückte Zustimmung aus.

»Und allzu oft ist es ohnehin nicht das, wovon man träumt«, fuhr Monna Barozzi fort. »Man kann sogar sehr gut darauf verzichten, wenn du mich fragst.«

»O ja, man kann es«, pflichtete Lucietta ihr eifrig bei. »Ich kann es ja auch, und es macht mir überhaupt nichts aus!«

»Deine Ansicht ist hier nicht gefragt!« Monna Barozzi blitzte Lucietta wütend an, doch diese zuckte nur die Achseln und senkte in stummem Trotz den Blick.

Verwirrt musterte Cintia zuerst ihre Cousine und dann ihre Mutter, die sie aus der Umarmung entlassen hatte und einen Schritt zurückgetreten war. »Ich weiß nicht, was du meinst, Mutter«, bekannte sie.

»Nun, so wichtig ist es auch wieder nicht«, meinte Monna Barozzi leichthin. Wie schon beim Betreten des Gemachs klatschte sie auffordernd in die Hände. »Und jetzt wird es höchste Zeit, dass wir nach unten gehen und unsere Gäste in Empfang nehmen!«

vignetteObwohl die Sonne längst untergegangen war, lag die Julihitze immer noch drückend über der Stadt. Niccolò Guardi schwitzte unter seiner festlichen Kleidung, und sein Bein schmerzte stärker als sonst, während er hinter seinem Vater und seinem Bruder aus der Gondel stieg.

Die Ca’ Barozzi lag vor ihm in der Abendsonne wie ein seltenes, funkelndes Juwel, von unten begrenzt durch die schwarz glitzernde Wasseroberfläche, von oben durch den violett durchscheinenden Himmel. Vor dem Kai waren zahlreiche Gondeln vertäut, lauter teure Boote, die den reichsten Männern der Stadt gehörten. Ippolito Barozzi hatte sich nicht lumpen lassen, so wie er auch sonst an nichts sparte, um seinen Wohlstand zu demonstrieren.

Ein Diener der Barozzis vertäute ihre Gondel und verneigte sich, als die Neuankömmlinge an ihm vorbei zum Haus eilten. Niccolò unterdrückte einen Fluch, während er, behindert durch seinen Umhang und das schmerzende Bein, seinem Vater und Gregorio zur Pforte folgte.

Die Feier war bereits im Gange. Sie hätten schon früher hier sein sollen, waren jedoch durch den unseligen Streit aufgehalten worden, der seinen Bruder um ein Haar daran gehindert hätte, überhaupt herzukommen. Es hatte der ganzen Befehlsgewalt seines Vaters bedurft, um Gregorio in die Pflicht zu nehmen. Der Streit war im Boot weitergegangen, und er war immer noch nicht zu Ende. Für eine Weile hatte es gar den Anschein gehabt, als werde diese ganze Farce wie eine Seifenblase zerplatzen, bevor sie ihren Fortgang nehmen konnte. Der Druck, der auf ihnen allen lastete, drohte übermächtig zu werden und sie zu Fehlern zu verleiten. Sein Vater hatte das erkannt und ein Machtwort gesprochen, was Niccolò einerseits freute, ihn jedoch andererseits auch an den Rand der Verzweiflung brachte.

Der Grund dafür war Cintia. Es war immer Cintia gewesen, von Anfang an.

Sie erreichten die Pforte und wurden von einem Lakaien im Empfang genommen, der ihnen unter höflichen Bücklingen den Weg zur Treppe wies. Niccolò humpelte hinter seinem Vater und seinem Bruder die Treppe hinauf und hörte dabei nur mit halbem Ohr, wie die beiden stritten. Er für seinen Teil dachte an Cintia.

»Ich erwarte von dir, dass du dich zusammenreißt«, zischte sein Vater in Richtung Gregorio. Der zuckte zusammen und schaute unglücklich und zugleich bockig drein, verkniff sich aber beim Anblick des zornroten Gesichts seines Vaters eine Erwiderung. Eduardo Guardi war ein Mann, dem es nicht schwerfiel, anderen Furcht einzujagen. Ende der vierzig, breitschultrig und stiernackig, bot er bereits äußerlich einen Respekt einflößenden Anblick. Zudem war er von überaus cholerischem Wesen und wies unverzüglich jeden in die Schranken, der es wagte, anderer Meinung zu sein als er selbst.

Niccolò hatte ebenfalls hin und wieder noch Angst vor dem Jähzorn seines Vaters. Nicht mehr so viel wie früher, als er noch ein Junge gewesen war, aber ganz abgelegt hatte er seine Furcht immer noch nicht. Eduardo Guardi zögerte nicht, seine Söhne zu schlagen, wenn er wütend war, und das kam nicht gerade selten vor.

»Wag es ja nicht, meine Pläne zu sabotieren«, zischte Eduardo Guardi seinen ältesten Sohn an. »Willst du zusehen, wie wir zu einem Haufen erbärmlicher Habenichtse werden? Die Hochzeit findet wie geplant statt, und du wirst sie verdammt noch mal wie ein ganzer Mann auf dich nehmen! Du wirst mit erhobenem Haupt deine Ehegelübde sprechen, haben wir uns verstanden? Danach kannst du meinethalben tun und lassen, was du willst!«

Gregorio war trotz des Zorns seines Vaters noch nicht bereit, klein beizugeben. »Es wäre nicht recht. Es ist eigentlich überhaupt nicht recht, sie zu heiraten.«

»Wir waren uns einig«, meinte sein Vater mit leiser, drohender Stimme. »Noch dieses Jahr findet die Hochzeit statt, sonst sind wir ruiniert.«

»Aber du hast doch mit den Alaunlieferungen aus Ungarn noch Trümpfe im Ärmel, das hast du selbst gesagt!«

Idiot, dachte Niccolò verächtlich. Sein Bruder würde es nie begreifen. Mit dem Alaun hätte die Compagnia Guardi sich leicht konsolidieren können, das war das einzig Zutreffende an Gregorios Annahme. Sogar der ruinöse Verlust der letzten Schiffsfracht nach Zypern, die von türkischen Piraten erbeutet worden war, wäre durch die Alaunlieferungen auszugleichen gewesen. Aber seit dem vergangenen Jahr herrschte wieder Krieg, und dieser war schlimmer als alle anderen zuvor. Venedig war gleichsam umzingelt von feindlichen Mächten. Zur See von Osmanen und Piraten, zu Lande von Franzosentruppen und Kaiserlichen. Man konnte von Glück sagen, wenn überhaupt noch Lieferungen von außen in die Lagune gelangten. Und dieses Glück war den Guardis derzeit nicht beschieden, wie auch immer man es drehte und wendete. Während andere Handelshäuser sich am Krieg eine goldene Nase verdienten, hatten die Guardis bislang nur Pech gehabt.

Niccolò wurde schlagartig von den Geräuschen des Festes aus seinen Gedanken gerissen. Sie hatten das Piano nobile erreicht und gingen durch den großen, mit Schnitzereien überladenen Prunkbogen in den Portego, wo bereits getafelt wurde. Zahlreiche Bedienstete eilten hin und her und trugen Speisen und Getränke auf. In einer Ecke des Raums spielten Musiker eine fröhliche Weise. Ein Teil der anwesenden Gäste stand in Gruppen beieinander. Die Menschen unterhielten sich und lachten, der Raum war erfüllt von Stimmengewirr und dem Klang der Musik. Essensgerüche mischten sich mit schweren Parfümdüften und dem würzigen Kräuteraroma, das vereinzelt aus glimmenden Räucherschalen aufstieg.

Er sah sie sofort. Cintia stand an der Fensterseite des großen Saals bei ihren Eltern, die sich angeregt mit einigen Gästen unterhielten. Niccolò konnte die Augen nicht von ihr wenden. Sie trug ein blaues Kleid, und ihr schwarzes Haar leuchtete wie von eigenem Leben beseelt im Licht der zahlreichen Kandelaber.

Niccolò fühlte, wie sich sein Inneres zusammenzog. Sie hatte die Neuankömmlinge bemerkt und wandte sich ihnen zu, freudestrahlend und so glücklich, dass niemand es übersehen konnte. Doch ihr Lächeln galt nicht ihm, Niccolò, sondern Gregorio.

Niccolò aber war derjenige, dessen Herz dabei anfing zu rasen. Er konnte sie nicht ansehen, ohne dass er so reagierte. Ein ebenso wilder wie unvernünftiger Drang überkam ihn, während er an der Seite seines Bruders und seines Vaters langsam auf die Gruppe beim Fenster zuhinkte. Es zuckte Niccolò förmlich in den Händen, seinen Bruder zu schlagen. Gregorio, der immer alles bekommen hatte, was Niccolò sich je erträumt hatte – allem voran die Braut, die nicht dem Bräutigam, sondern dem künftigen Schwager den Atem verschlug. Heimführen würde sie jedoch Gregorio. Gregorio mit dem Geburtsrecht des Älteren, nicht schmächtig und verkrüppelt wie sein Bruder, sondern groß und schön und strahlend, jeder Zoll ein Held. Gregorio, der sich alle Welt gewogen machte, indem er einfach nur lächelte. Gregorio, der zwei gesunde Beine hatte und mit einem Frohsinn gesegnet war, der nicht enden würde, solange er lebte. Gregorio, der es niemals schaffen würde, Cintia so zu lieben, wie sie es verdiente.

Niccolòs Augen brannten, während er sie anstarrte. Sie lachte seinen Bruder an, den Kopf anmutig zur Seite geneigt, sodass ihr langer, schmaler Hals freilag. Ihre Lippen, voll und rot, waren wie zum Kuss geschürzt, und in einer Mischung aus Erregung und Entsetzen über seine eigene Begierde spürte Niccolò, wie sich sein Glied versteifte. Es war ihm schon häufiger passiert bei ihrem Anblick, sogar in der Kirche, doch noch nie mit dieser unvermittelten Heftigkeit wie in diesem Moment. Mit einem Mal drängte es ihn danach, vorwärtszustürzen und sie zu berühren. Sie an sich zu reißen und sie zu küssen. Er war achtzehn Jahre alt und hatte noch nie eine Frau besessen, und er wünschte sich mit verzweifelter Eindringlichkeit, sie möge die Erste sein, mit der er diese besondere Erfahrung, der er schon so lange entgegenfieberte, teilen konnte.

Doch sie hatte nur Augen für Gregorio, diesen Heuchler. Zugegeben, er handelte auf Befehl des Vaters, doch Heuchelei war es trotzdem.

Die Erwachsenen begrüßten einander, wobei sich Eduardo Guardi mit herzlicher Jovialität hervortat. Ippolito Barozzi, Cintias Vater, wirkte ein wenig zurückhaltend, sein Lächeln gezwungen. Seine bleiche Gesichtsfarbe und der Husten, der ihn hin und wieder schüttelte, ließen darauf schließen, dass er gesundheitlich nicht auf der Höhe war. Doch er zwang sich dazu, auf vollendete Weise seinen Pflichten als Gastgeber nachzukommen, was Niccolòs Eindruck abermals bestätigte: Ippolito Barozzi war daran gelegen, seiner Familie endlich zu dem Status zu verhelfen, dem er von allein auch bei allem Reichtum nicht näherkommen würde: Er strebte nach dem Adelsstand. Wenn schon nicht für sich, so doch für seine Tochter und damit zugleich für all seine Nachkommen. Sein Enkel würde dereinst einen Platz im Großen Rat einnehmen und im Goldenen Buch der Stadt stehen, womit sein Aufstieg den Glanz erhalten würde, der ihm noch fehlte. Die Mitgift, die Barozzi dafür bereitstellen musste, bedeutete für ihn keine große Beeinträchtigung. Sein Vermögen betrug ein Vielfaches von dem, was seine Tochter als Morgengabe erhielt. Für die Guardis indessen war dieses Geld die letzte Rettung vor dem sicheren Ruin.

Niccolò betrachtete den Gastgeber verstohlen und stellte in Gedanken Vergleiche an.

Ippolito Barozzi war ein hochgewachsener, schlanker Mann um die vierzig, weit weniger grobschlächtig als Eduardo Guardi. Beide Männer waren in das edle Schwarz der reichen Kaufleute gekleidet, doch wenn man sie nebeneinander stehen sah, wirkte der distinguierte Seidenweber Barozzi weit aristokratischer als der kräftig gebaute, rotgesichtige Guardi.

Monna Barozzi, die sich an der Seite ihres Gatten hielt, war eine ausnehmend schöne Frau, Cintia ähnelte ihr auffallend. Nur das eigensinnige Kinn, so fand Niccolò, hatte das Mädchen vielleicht eher vom Vater.

Gleich darauf wurde er gewahr, wie Monna Barozzi ihn musterte. Ein Hauch von Misstrauen lag in ihrem Blick. Vermutlich hatte sein Gesicht mehr verraten, als ihm lieb sein konnte. Er blickte zu Boden und versuchte, möglichst arglos dreinzuschauen, doch er spürte, wie sie ihn betrachtete. Er fragte sich, was sie wohl von ihm denken mochte. Bisher hatte er nicht den Eindruck gewonnen, dass sie viel von ihm hielt. Niccolò verkrampfte sich und schaute erst auf, als er Cintia sprechen hörte.

»Ihr kommt spät«, meinte sie, den strahlenden Blick auf Gregorio geheftet. Dieser lächelte zurück, deutlich weniger herzlich als die künftige Braut, was indessen vermutlich außer Niccolò niemandem auffiel. Die Erwachsenen waren ein paar Schritte zur Seite getreten, wie unabsichtlich, um dem jungen Paar die Möglichkeit ungestörter Unterhaltung zu geben. Nur Niccolò blieb stehen, um nichts von dem sich anbahnenden Gespräch zwischen Cintia und seinem Bruder zu verpassen.

»Es gab noch wichtige Verpflichtungen, ein Gespräch mit einem Händler, der nicht warten konnte«, log Gregorio. »Aber nun sind wir ja da. Seit Wochen freue ich mich, dich endlich wiederzusehen! Die letzte Feier ist schon länger her, und beim Kirchgang können wir immer nur ein paar Worte wechseln.«

Das klang wie ein brav einstudierter Text. Niccolò unterdrückte ein höhnisches Lächeln, doch gleich darauf schämte er sich, als er Cintias glückliches Gesicht sah. Sie glaubte Gregorio jedes Wort und schaute ihn an, als sei er Sonne und Mond zugleich. Sie war mit so himmelschreiender Offensichtlichkeit in seinen Bruder verliebt, dass es Niccolò beinahe körperlich schmerzte.

Glaub ihm nicht!, wollte er rufen. Doch natürlich brachte er kein Wort über die Lippen.

»Ich werde uns einen Becher Wein holen«, fuhr Gregorio fort. Er lächelte, sein breites, betörendes Lächeln. »Du möchtest doch sicher mit mir trinken?« Schon im Gehen begriffen, meinte er über die Schulter hinweg: »Übrigens, in diesem Kleid siehst du zauberhaft aus. Es passt wunderbar zu deinen Augen.«

Dieses Kompliment hatte er Cintia schon ein Dutzend Mal gemacht. Jedes Mal war es Niccolò unehrlicher vorgekommen, doch das war etwas, womit er sich im Augenblick nicht befassen wollte, weil es ihn sonst den Rest seiner Beherrschung gekostet hätte.

Gregorio ging davon, während Cintia wie vom Donner gerührt stehen geblieben war und ihm nachschaute. Rasch trat Niccolò ein paar Schritte an sie heran.

»Das war nicht sehr höflich«, meinte er beiläufig.

»Was?«, fragte sie, zerstreut und ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

»Dass er dich hier stehen lässt, nur um Wein zu holen. Es laufen genug Diener herum, die servieren.«

»Er wird sicher gleich wieder hier sein.« Sie sagte es in einem verteidigenden Tonfall, der klarmachte, dass sie keinen Tadel am Verhalten ihres künftigen Gatten duldete. Immerhin wandte sie nun ihren Blick Niccolò zu, dem augenblicklich heiß wurde, als er gewahrte, wie forschend sie ihn anschaute, fast so, als sähe sie ihn zum ersten Mal. »Du bist groß geworden, Niccolò.«

Er war machtlos gegen den Ärger, der in ihm aufstieg. »Ich bin fast ein Jahr älter als du.«

Damit war er immer noch drei Jahre jünger und einen Kopf kleiner als sein Bruder, was sich bis ans Ende seiner Tage nicht ändern würde. Er las diese Erkenntnis in Cintias Augen und blickte beklommen zur Seite. Doch gleich darauf straffte er sich. So nah wie jetzt war er ihr noch nie gewesen, geschweige denn, dass er bisher je eine Möglichkeit gehabt hatte, mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Sie standen unweit der Loggia, an einer Stelle, wo weder Bedienstete noch Besucher vorbeikamen und ihre Unterhaltung störten. Die nächste Gruppe von Gästen war etliche Schritte entfernt.

Eindringlich blickte Niccolò Cintia an. »Ich muss mit dir sprechen.«

Sie lächelte, und es durchfuhr ihn heiß, als er das kleine Grübchen in ihrer rechten Wange sah. »Wir sprechen doch gerade miteinander«, meinte sie.

Sie reckte sich auf die Zehenspitzen, und Niccolò machte sich klar, dass sie nach seinem Bruder Ausschau hielt. Dennoch bemühte sie sich, ihrem künftigen Schwager gegenüber höflich zu sein und Konversation zu machen. »Freust du dich schon auf das Kloster, Niccolò?«

Niccolò zwang sich zu einem Lächeln. »Ich glaube nicht, dass ich ins Kloster gehe.«

Sie wirkte erstaunt. »Aber ich dachte, das sei bereits klar! Ist dir nicht sogar schon ein fester Platz als Novize bei den Dominikanern zugewiesen?«

Er straffte sich. »Ich will nicht ins Kloster. Und ich denke, es wird mir noch gelingen, meinem Vater das begreiflich zu machen.«

Cintia runzelte die Stirn. »Warum auf einmal dieser Sinneswandel?«

»Es ist kein Sinneswandel. Ich wollte nie ins Kloster.« Tatsächlich hatte er sich von Anfang an dagegen gewehrt, obwohl es allgemeiner Sitte und auch der Familientradition der Guardi entsprach, dass die jüngeren Söhne in ein Kloster eintraten, ebenso wie jüngere Töchter. In den Genuss einer Heirat sowie des väterlichen Erbes kamen regelmäßig nur Erstgeborene. Üblicherweise fiel jüngeren Söhnen oder Töchtern nur selten eigenes Vermögen zu. Manchmal durften sie auch im Haushalt der älteren Geschwister leben, als unverheiratete, unbezahlte Betreuer von Neffen und Nichten. Die meisten Nachgeborenen bevorzugten demgegenüber das Leben im Kloster, vor allem die jungen Männer, zumal sich innerhalb der Geistlichkeit durchaus Aufstiegsmöglichkeiten boten, die ihnen als untergeordnetem Mitglied eines Patrizierhaushalts versagt blieben.

Doch Niccolò stand nicht der Sinn nach einer kirchlichen Pfründe.

»Ich will Händler werden«, sagte er gelassen. »Ich möchte im Geschäft meines Vaters arbeiten.«

Cintia lächelte ungläubig. »Das geht aber doch nicht, Niccolò! Gregorio wird eines Tages die Compagnia Guardi übernehmen!«

»Das ist nicht in Stein gemeißelt. Brüder können eine Colleganza bilden, das tun viele.«

»Heißt das, dein Vater hat dir in Aussicht gestellt ...«

»Nein«, unterbrach er sie. Er merkte, dass sein Tonfall rüde klang und bemühte sich sofort um mehr Verbindlichkeit. »Er ist nicht damit einverstanden. Noch nicht. Aber ich werde seine Meinung noch ändern, das weiß ich.«

Tatsächlich hatte Niccolò unzählige Male versucht, darüber mit seinem Vater zu reden, was jedes Mal unweigerlich mit einem Wutanfall Eduardo Guardis endete. Hatte er Niccolò jedoch zu Anfang anlässlich solcher Debatten noch mit Backpfeifen traktiert, war es zuletzt höchstens zu verbalen Zurechtweisungen gekommen. Im vergangenen Monat hatte sein Vater gar seinem Drängen nachgegeben, sich mit den Konten- und Lieferbüchern befassen zu dürfen. Niccolò hatte es damit begründet, dass er sich im Kloster ohnehin mit dieser Materie vertraut machen müsse, um irgendwann kirchliche Pfründen verwalten zu können. In Mathematik war er immer ein sehr guter Schüler gewesen, weitaus begabter als sein Bruder, und in den Klöstern waren geschickte Buchhalter gefragt, denn es galt dort beinahe ebenso sehr wie im regulären Handel, Vermögen zu betreuen und zu vergrößern.

Danach hatte er seinen Vater mit Fragen zu Liefermengen, Kreditbriefen und Handelswegen überrascht, was diesem zuerst unwilliges Stirnrunzeln, dann jedoch immerhin sachliche, wenn auch widerstrebend erteilte Auskünfte entlockt hatte.

»Vielleicht kannst du ja eines Tages für deinen Bruder arbeiten«, schlug Cintia mit diplomatischem Lächeln vor. »Euer Handelshaus ist groß und mächtig. Sicher wird sich Gregorio über fähige Hilfe im Kontor freuen.«

»Ich will mehr als eine Hilfe sein!«, sagte Niccolò barsch. »Ich will Verantwortung tragen und Erfolg haben.«

»Aber du bist noch ein Junge!«

Ihre Antwort versetzte ihn in helle Wut, und bestürzt erkannte Niccolò, dass er – wenn auch nur einen winzigen Moment lang – gern so reagiert hätte, wie sonst sein Vater in solchen Situationen: Er wollte sie ohrfeigen. Erschrocken ballte er die Rechte zu einer zitternden Faust, als könne er damit diesen scheußlichen Drang ungeschehen machen. Tief durchatmend fuhr er fort: »Ich bin kein Junge, sondern ein Mann. Und so wahr ich hier stehe: Eines Tages werde ich die Geschicke des Hauses Guardi lenken, besser als Gregorio es je könnte. Und besser auch als mein Vater.«

Cintia wirkte schockiert, und Niccolò war nicht minder bestürzt über das, was er da eben geäußert hatte. Beklommen lauschte er seinen eigenen Worten nach, doch gleich darauf verflog die Furcht über seine eigene Kühnheit und machte ruhiger Gewissheit Platz. Er hatte lediglich die Wahrheit ausgesprochen, eine Wahrheit, die bereits seit langer Zeit in ihm begründet lag und die alle anderen nur noch begreifen mussten. Es würde ihm schon noch gelingen!

Cintia hingegen wirkte nicht überzeugt. Sie bedachte ihn mit zweifelnden Blicken, doch diesmal rief es keine Angriffslust in ihm wach. Er lächelte siegessicher, da er sich mit einem Mal aus unerklärlichen Gründen so stark fühlte wie nie zuvor. Das hing auch mit ihr zusammen, wie er unvermittelt begriff. Sie nahm ihn wahr, und er hatte sie zum Nachdenken gebracht. Es würde nicht lange dauern, und sie würde auch seine Stärke erkennen.

»Ich wollte dir eigentlich etwas anderes sagen«, meinte er rasch, bevor sie ihre Aufmerksamkeit von ihm abwenden konnte. »Ich weiß, du wirst bald Gregorio heiraten, heute wird ja nun auch offiziell die Hochzeit angekündigt.« Er hielt inne und sammelte sich für seine nächsten Worte. Alles in ihm drängte danach, sie zu bestürmen, seinen Bruder zu vergessen und sich stattdessen für ihn zu entscheiden, doch er wusste, wie lächerlich er sich damit machen würde. Seine Zeit mochte noch kommen, darauf hoffte er inständig, doch heute konnte er nicht mehr tun, als sich Cintia gewogen zu stimmen und ihr seinen guten Willen zu zeigen. »Du wirst ihn heiraten«, wiederholte er. »Es muss wohl sein, obwohl es sicherlich in mancherlei Hinsicht ein Fehler ist ...« Abermals stockte er, weil er die Unmutsfalte sah, die sich auf ihrer glatten Stirn zeigte. »Es ist bestimmt nicht dein Fehler«, versicherte er hastig. »Es ist nur ...« Er schüttelte den Kopf. »Ach, was soll’s. Man kann es nicht ändern, jedenfalls nicht im Augenblick.«

Sie musterte ihn mit deutlichen Anzeichen von Ärger. »Sag mir einfach, was du zu sagen hast, denn ich kann nicht die ganze Zeit nur mit dir hier herumstehen.«

Niccolò kämpfte die Wut nieder, die sich wieder in ihm breitmachen wollte. Um Gelassenheit bemüht, blickte er ihr fest in die Augen. »Ich möchte dir etwas versprechen, Cintia.«

Zum ersten Mal hatte er ihren Namen ausgesprochen, von Angesicht zu Angesicht. Es war eine so beunruhigend köstliche Erfahrung, dass er es gleich noch einmal tun musste. »Cintia, ich möchte dich meiner Verbundenheit versichern. Ganz unabhängig davon, dass du die Frau meines Bruders sein wirst und damit bald sowieso zur Familie gehörst – du kannst stets auf mich zählen. Wann immer du Hilfe brauchst, gleichviel aus welchen Gründen – ich stehe für dich ein und beschütze dich. Solltest du je Kummer und Sorgen haben, oder sonstwie Unterstützung brauchen, zögere nie, zu mir zu kommen. Ich werde immer dein Freund sein. Immer. Solange ich lebe.« Atemlos beendete er den Satz und blickte sie an, voll ängstlicher Erwartung, wie sie seine Äußerungen aufnehmen würde. Seine Sorge war jedoch umsonst; sie wirkte kein bisschen pikiert oder gar verärgert, im Gegenteil. Ihre Züge wurden weich, und ein Leuchten trat in ihre Augen. »Ach, Niccolò, das ist lieb von dir! Ich danke dir von Herzen für diese Worte der Treue und Zuneigung!« Sie schluckte und lächelte ihn an, sichtlich gerührt und beeindruckt, und er war so glücklich wie nie zuvor in seinem Leben.

vignetteCintia betrachtete diesen merkwürdigen jungen Mann in einer Mischung aus Mitleid und Besorgnis, in die sich jedoch auch eine Spur aufkeimender Zuneigung mischte. Er war gar so eifrig in seinem Bemühen, Eindruck auf sie zu machen und ihr zu gefallen. Bei früheren Anlässen hatte sie ihn kaum je beachtet, er war für sie einfach Gregorios jüngerer Bruder. Sie hatten einander höflich begrüßt, wenn sie sich beim Kirchgang oder auf den von ihren Familien veranstalteten Feiern trafen. Er dauerte sie, weil er von Geburt an verkrüppelt war. Sein rechtes Bein war steif und zwang ihn zu einer langsamen, mühseligen Gangart. Cintia hatte sich schon häufig gewundert, dass er so völlig anders aussah als sein Bruder. Gregorio war groß und schlank, während Niccolò um einiges kleiner war und so dunkel wie sein Bruder hell. Sie waren wie Tag und Nacht, vom Wesen her wie vom Aussehen. Gregorio zeigte sich stets offen und herzlich und lachte gern und viel. Sein jüngerer Bruder hingegen wirkte zumeist in sich gekehrt und abweisend, mit grüblerisch umwölkter Miene. Im Augenblick allerdings schien er wie verwandelt. Es überraschte Cintia, wie ein Lächeln einen Menschen verändern konnte. Er wirkte gelöst und sah seinem Bruder tatsächlich mit einem Mal ähnlich, strahlend und beinahe sogar hübsch.

Doch dieser Eindruck verflog sofort, als Cintia ihn mit einer kurzen Entschuldigung stehen ließ, um sich zu Gregorio zu gesellen. Der jähe Ausdruck von Enttäuschung in seiner Miene entging ihr nicht, als sie sich abwandte. Sie verspürte das Bedürfnis, ihn zu besänftigen. Bevor sie davonging, blickte sie über die Schulter zurück und lächelte ihm noch einmal zu. Dann galten ihre Blicke nur noch Gregorio, der sich mit einem der Gäste unterhielt. Als sie näher trat, bemerkte er sie, und Cintia kam es vor, als glitte ein Schatten über seine Züge, bevor er ihr lächelnd zunickte und sein Glas hob, um ihr zuzuprosten.

Sie hatte nicht vergessen, dass er eigentlich ihr den Wein hatte bringen wollen. Eine Spur von Ärger begleitete diesen Gedanken, doch dann gewann ihre Vorfreude wieder die Oberhand. Bald war es so weit, das große Ereignis stand unmittelbar bevor – die offizielle Verlobung mit Gregorio Guardi. Gleich nach dem Bankett, so hatte ihr Vater es angekündigt, würde er seine Rede halten. Die letzten leeren Platten, Schüsseln und Teller wurden gerade abgetragen. Bald würde der Hausherr vortreten und das Wort ergreifen.

Cintia blickte sich unruhig nach ihrem Vater um, doch er war nirgends zu sehen. Ihre Mutter unterhielt sich mit einigen Gästen, und Eduardo Guardi, ihr künftiger Schwiegervater, schlenderte mit aufgeräumter Miene durch den Portego. Er strahlte Cintia an, als er ihrer ansichtig wurde. Sie erwiderte sein Lächeln, doch es kostete sie ein wenig Überwindung. Bisher hatte sie nur selten Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen. Mehr als einige kurze, höfliche Wortwechsel hatte es nicht gegeben. Es war nicht so, dass sie Eduardo Guardi nicht mochte, dafür kannte sie ihn nicht gut genug, aber seine joviale Art lag ihr nicht. Seine Leutseligkeit war ihr eine Spur zu aufgesetzt, sein Lachen wirkte auf sie zuweilen gekünstelt. Manchmal mochte sie kaum glauben, dass er einen Sohn wie Gregorio hatte, der so viel echte Herzlichkeit ausstrahlte.

Cintia durchquerte den Saal und hielt weiter nach ihrem Vater Ausschau. Hier und da wurde sie von Gästen angesprochen, worauf sie stets wohlerzogen antwortete. Schließlich betrat sie den Raum, der vom hinteren Teil des Portego abging. Hier hielten ihre Eltern sich häufig auf, wenn kleinere Gästerunden zu bewirten waren. Es gab einen großen Tisch zum Speisen und etliche bequeme Sitzgelegenheiten. Zugleich diente dieses Gemach dem Hausherrn und seiner Gattin als Schlafraum. An diesem Abend war das gewaltige Pfostenbett jedoch verhängt und der Raum für die Feier hergerichtet worden. Hierher konnten sich die Gäste zurückziehen, denen die Musik im Portego zu laut war. Plaudernd und lachend saßen sie in den Lehnstühlen oder standen in Grüppchen beisammen. Ebenso wie im Hauptraum unterhielten sich die Besucher auch hier allem Anschein nach glänzend. Bisher war das Fest hervorragend gelungen, fand Cintia. Die Rede ihres Vaters würde es vollkommen machen.

Doch auch hier war er nicht zu finden. Cintia suchte die übrigen Räume des Piano nobile ab, ohne ihn anzutreffen. Schließlich stieß sie auf Lucietta, die mit einigen jungen Leuten zusammenstand und ganz in ihrem Element war. Sie wiegte sich ein wenig hin und her, fast wie unabsichtlich, als fühle sie sich im Einklang mit der durch den hohen Raum schwebenden Musik, doch ein gewisses Glitzern in ihren Augen brachte Cintia zu der Annahme, dass die Bewegung nur dazu diente, die kostbar schimmernde Seide des neuen Kleides in Schwingung zu versetzen und so das Auge des Betrachters darauf zu lenken. Offenbar war Lucietta damit erfolgreich, doch dann bemerkte Cintia, dass die Blicke der beiden jungen Männer, die vor ihrer Cousine standen, sich überwiegend auf das wogende Dekolleté Luciettas richteten. Unwillkürlich schaute Cintia über die Schulter hinter sich, halb und halb damit rechnend, ihre Mutter auftauchen zu sehen. Im Hause Barozzi war es ein Naturgesetz, dass ihre Mutter immer dann auf der Bildfläche erschien, wenn Cintia oder Lucietta sich in irgendeiner Form unbotmäßig benahmen. Doch im Augenblick war Monna Barozzi nirgends zu sehen, obwohl sie sich vorhin noch im Portego mit einigen Gästen unterhalten hatte.

»Lucietta, wo sind meine Eltern?«

Ihre Cousine zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Waren sie eben nicht noch da?«

Cintia wandte sich an einen vorbeieilenden Diener. »Hast du meine Eltern gesehen?«

Der Lakai blieb stehen und verneigte sich kurz. »Der Herr ist nach unten ins Kontor gegangen, Madonna. Eure Mutter ist ihm gefolgt.«

Cintia bedankte sich und ließ ihre Cousine stehen, um nach unten in das Mezzanin zu gehen. In dem Halbgeschoss oberhalb der Wasserhalle befanden sich nicht nur Lager- und Wirtschaftsräume, sondern auch ein Kontor, in das sich Ippolito Barozzi gelegentlich zum Arbeiten zurückzog. Nicht selten brachte er Schriftstücke aus der Weberei mit nach Hause, Warenbestellungen, Lohnabrechnungen und Lieferlisten, über denen er stundenlang brüten konnte.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil seines Erfolges war seiner Ansicht nach regelmäßigen Kontrollen und ordentlicher Buchhaltung zu verdanken. »Nur sorgfältigste Prüfung hilft Fehler zu vermeiden«, so pflegte er zu sagen. Was er folglich an wichtigen Arbeiten tagsüber nicht in der Weberei erledigen konnte, nahm er an den Abenden mit nach Hause.

Während Cintia die Treppe hinuntereilte, überlegte sie besorgt, was so dringend sein konnte, dass ihr Vater sich ausgerechnet an diesem Abend in sein Kontor begab. Er ging nur dorthin, wenn er arbeiten wollte. Oder um allein zu sein, wenn er über etwas Wichtiges nachdenken musste. Was war geschehen? Hatte er eine größere Lieferung verloren? Oder waren womöglich schlimme Nachrichten aus dem Krieg eingetroffen? Eine Zeit lang hatte eine düstere Stimmung die Stadt beherrscht, weil allenthalben damit gerechnet wurde, dass die Franzosen einmarschierten. In der Kirche und bei den Prozessionen hatten die Leute bedrückt die Köpfe gesenkt und murmelnd ihre Sorgen ausgetauscht. Flüchtlinge aus den von Feinden besetzten Gebieten waren scharenweise in die Stadt geströmt, täglich trafen Boote mit verletzten Soldaten ein. Während man in der Stadt schon den Kanonendonner der sich nähernden Front hören konnte, hatten die Menschen voller Furcht dem Untergang der glorreichen Republik entgegengesehen.

Zur Freude der Venezianer hatte sich jedoch inzwischen das Blatt gewendet. Der Papst war aus der Allianz der Feinde ausgeschert. Er hatte Frieden mit Venedig geschlossen und seine Truppen in den Kampf gegen die Franzosen geschickt. Danach hatte sich die Lage entspannt, alles wirkte wieder normal. Doch der Schein trog, denn der Krieg war nicht vorbei, wie Cintia wusste, auch wenn die Scharmützel nun weiter entfernt von hier stattfanden, weil es den venezianischen Truppen mithilfe der päpstlichen Streitkräfte gelungen war, die angreifenden Franzosen vom Rand der Lagune zurückzutreiben.

Als Cintia das Kontor erreichte, war durch die offene Tür die besorgte Stimme ihrer Mutter zu hören. »Ich werde sofort nach einem Medicus schicken lassen«, sagte Monna Barozzi.

»Nicht doch«, gab Ippolito Barozzi mit schwacher Stimme zurück. »Es ist nur ein vorübergehendes Unwohlsein. Ein Glas Wein, und es geht mir bestimmt wieder besser.«

Monna Barozzi beugte sich über ihren Mann und tupfte ihm mit einem feuchten Tuch die Stirn ab. Er saß zusammengesunken auf einem Schemel, das Gesicht im Schein der Talgleuchte fast so weiß wie das gefältelte Hemd, das aus seinem geöffneten Wams hervorschaute.

»Du hast hohes Fieber«, gab Cintias Mutter zurück. »Dagegen richtet ein Glas Wein nichts aus. Warum hast du nicht gesagt, dass es dir zu viel wird?« Sie schüttelte den Kopf. »Himmel, ich hätte es selbst merken müssen, du hast dich ja am Morgen schon nicht gut gefühlt!«

»Die Verlobung ... Ich muss hinaufgehen, bestimmt warten sie schon alle!«

Ippolito Barozzi versuchte, sich aufzurichten, fiel aber sofort schwer atmend zurück. »Muss mit Guardi reden. Diese ... Sache. Das müssen wir vorher klären, mit ihm und Gregorio. Ich werde ihm sonst meine Tochter nicht anvertrauen.« Stöhnend hielt er inne, bevor er hervorstieß: »Wieso habe ich das erst so spät erfahren?«

»Nun, ich hätte es dir vorher sagen können, aber wozu?«, sagte seine Frau. »Solche Dinge sind nicht unüblich, das muss die Gattin eines Patriziers wohl aushalten.« Sie wandte sich um und sah Cintia in der Tür stehen. »Kind! Gut, dass du da bist. Kümmere dich kurz um deinen Vater, während ich die Diener hole. Sie müssen ihn zu Bett bringen. Unterdessen lasse ich nach dem Medicus schicken. Dein Vater ist vom Fieber befallen.«

Gleich darauf war ihre Mutter davongeeilt und überließ Cintia ihrer aufkommenden Furcht. Fieber war gleichsam das Synonym für alle möglichen grässlichen Leiden, von denen viele unausweichlich zum Tod führten. Wie oft hatte sie schon gehört, dass von jemandem berichtet wurde, der an einem Fieber litt, und wenig später war der Betreffende gestorben! Die Angst um ihren Vater schnürte ihr die Luft ab. Zugleich spürte sie zu ihrer Beschämung eine weitere Regung, die sie sofort zu unterdrücken versuchte: Enttäuschung. Ihr Vater würde nun, da er so krank war, wohl kaum noch die Verlobung verkünden können. Das große Ereignis würde heute nicht mehr stattfinden. Ihr sank das Herz, doch dann riss sie sich zusammen und eilte an seine Seite. Sie nahm seine Hand und erschrak, als sie die Hitze spürte, die von seiner Haut ausging. Cintia erinnerte sich an den vorletzten Winter, als zuerst sie und später Lucietta stark gefiebert hatten, jedoch war das mit einer schlimmen Erkältung einhergegangen, von der sie sich beide rasch wieder erholt hatten. Damals hatte Cintia an Luciettas Bett gesessen und ihre Hand gehalten, so wie jetzt die ihres Vaters, die – im Vergleich zu der ihrer Cousine – förmlich glühte. Hilflos starrte Cintia ihren Vater an. Sein Kopf sackte noch mehr vornüber, bis sein Kinn auf seiner Brust ruhte.

»Cintia«, sagte er. »Mein kleines Mädchen ...« Seine Stimme klang lallend, als hätte er zu viel Wein getrunken. »Ich fürchte ... mir wird gerade übel. Ich muss ...« Gleich darauf übergab er sich. Mit einem entsetzten Aufschrei zuckte Cintia zurück, was dazu führte, dass ihr Vater, plötzlich der Stütze ihrer Hand beraubt, vom Stuhl rutschte und zu Boden sackte. Kraftlos versuchte er, sich aufzustützen, schaffte es aber nur, sich in eine sitzende Position hochzuhieven. Die Schultern an die Wand gelehnt und den Kopf auf den angezogenen Knien ruhend, saß er dort wie ein Häufchen Elend.

Cintia holte scharf Luft, weil der Anblick sie an den Fremden erinnerte, der genauso gestöhnt und sich vor ihren Füßen erbrochen hatte. Dieser Mann hatte mit ihrem Vater gesprochen, vor wenigen Tagen erst. Vielleicht hatte sie ja recht gehabt mit ihrer Befürchtung, dass er gar nicht betrunken gewesen war, sondern krank. Womöglich hatte er sogar ihren Vater angesteckt!

Sie verspürte den Impuls, davonzurennen, doch diese Anwandlung verflog sofort, als ihr Vater erneut aufstöhnte. »Kind«, murmelte er. »Gib mir zu trinken! Ich verbrenne vor Durst.«

Hastig sah Cintia sich um und war erleichtert, als sie den Krug und den Becher entdeckte, die neben dem Lesepult standen. Behutsam hielt Cintia ihrem Vater den Becher an die Lippen und stützte seinen Kopf, damit er den mit Wasser verdünnten Wein trinken konnte. Ihre Hände und ihr Kleid wurden dabei von dem Erbrochenen befleckt, das seine Hemdbrust und die Beinkleider tränkte, doch darauf achtete sie nicht, denn im nächsten Augenblick verschluckte er sich beim Trinken und rang unter qualvollem Husten nach Luft.

»Ich helfe dir, Vater«, sagte sie hastig, während sie den Becher wegstellte und ihm mit dem Saum ihres Unterkleides das Gesicht sauber wischte. Zu ihrem Schrecken hustete er weiter und rutschte dabei seitlich an der Wand nach unten, bis er vollends auf dem Boden lag, die Glieder verkrümmt und zitternd und die Lippen dunkel angelaufen.

»Vater«, rief Cintia entsetzt. Sie sprang auf die Füße und sah sich hektisch um, als könne sie auf diese Weise etwas entdecken, das Hilfe versprach. Ihr fiel jedoch nichts weiter ein, als einen kleineren Seidenballen aus dem benachbarten Lagerraum zu holen und ihrem Vater unter den Kopf zu schieben. Zu ihrer Erleichterung kehrte kurz darauf endlich ihre Mutter zurück. Als Monna Barozzi sah, dass ihr Mann auf dem Boden lag, schrie sie erschrocken auf. Hastig eilte sie zu ihm und versuchte, ihn aufzurichten.

»Lauf los«, fuhr sie den Diener an, der hinter ihr die Kammer betreten hatte. »Hol jemanden, der dir hilft, meinen Mann zu Bett zu bringen. Er kann unmöglich hierbleiben!«

Mit einer hastig gemurmelten Zustimmung eilte der Diener davon, während Monna Barozzi ihren Mann mit Cintias Hilfe in eine sitzende Stellung hochzog.

»War dir übel?«, fragte Monna Barozzi. »Du hast dich übergeben, Ippolito. Vielleicht hast du etwas Schlechtes gegessen!« Ihrer Stimme war anzuhören, wie sehr sie hoffte, diese Erklärung möge zutreffen.

Ihr Mann stöhnte und murmelte vor sich hin, war aber offenbar nicht mehr bei klarem Verstand, denn die Worte, die er von sich gab, ergaben kaum Sinn. »Habe es ... ihm versprochen«, stieß er leise und mit verwaschener Stimme hervor. »Die Bande des Blutes ... Ich schulde es ihr. Habe ... Unrecht auf mich geladen.«

»Was redest du da?«, rief Monna Barozzi. »Wem schuldest du was? Und welche Blutsbande meinst du?«

»Daria«, brachte Ippolito mit erstickter Stimme hervor.

»Deine Schwester? Was will sie? Geld?«

»Ich habe ihr Unrecht getan ... mich schuldig gemacht ...«

»Unsinn! Du tatest das, was sich gehörte. Was geht sie uns an, diese Daria Loredan? Sie hat sich ihr Bett so gemacht, wie sie es wollte. Wir haben unser eigenes Leben und sie das ihre!«

Mit Befremden gewahrte Cintia, dass ihre Mutter sich förmlich in Rage redete. Gleich darauf hielt Monna Barozzi jedoch inne und sammelte sich, um mit gemäßigter Stimme fortzufahren: »Es wird höchste Zeit, dass du ins Bett kommst. Ich werde dir einen Sud gegen das Fieber zubereiten lassen, dann wirst du dich rasch besser fühlen.«

»Die Gäste ... Die Verlobung ...«

»Es wird heute keine Verlobung geben«, sagte Monna Barozzi entschieden. »Die Gäste habe ich eben gerade davon unterrichtet, dass du plötzlich erkrankt bist. Die meisten haben sich bereits auf den Heimweg gemacht, auch die Guardis. Sie lassen dir ihre Empfehlung aussprechen und wünschen dir baldige Genesung. Eduardo will in ein paar Tagen zusammen mit Gregorio hier vorsprechen, um wegen der Heirat vertraglich alles unter Dach und Fach zu bringen, wie er sich ausdrückte. Den Ehekontrakt, so meinte er, könntet ihr bei der Gelegenheit auch ohne Fest besiegeln.« Monna Barozzis Stimme nahm einen abfälligen Klang an. »Er scheint es über die Maßen eilig zu haben. Nun ja, das sehen wir noch. Wenn es dein Wunsch ist, die andere Geschichte vorher mit ihm zu regeln, solltest du es tun.«

Cintia fragte sich verwirrt, was ihre Mutter damit meinte. Doch gleich darauf spielte das keine Rolle mehr. Ein weiterer Hustenanfall schüttelte ihren Vater, und als er endete, waren seine Lippen und sein Kinn von blutigem Auswurf besprenkelt. Gleich darauf schloss er die Augen und blieb besinnungslos liegen, schwer und stoßweise atmend.

Monna Barozzi beugte sich bestürzt über ihren Mann, dann winkte sie hastig die beiden Diener heran, die aus dem Gesindetrakt herübergekommen waren und wartend in der Tür standen. »Hebt ihn vorsichtig auf und tragt ihn nach oben. Aber nehmt die Außentreppe, es kommen immer noch Gäste herunter.«

Nur wenige Augenblicke später stand Cintia allein im Kontor ihres Vaters, verschwitzt, mit schmutzigem Kleid und klebrigen Händen. Das Haar hing ihr in unordentlichen Strähnen ums Gesicht, und das Schmuckband um ihren Hals schnürte ihr den Atem ab. Sie zitterte vor Furcht um ihren Vater und wäre ihren Eltern gern nach oben gefolgt, doch sie fürchtete, schon beim ersten Schritt zu fallen, weil ihr die Knie so sehr schlotterten, dass sie aneinanderschlugen. Sie hatte noch nie erlebt, dass ihre Mutter derartig die Fassung verlor, noch hatte sie ihren Vater je so schwach und krank gesehen. Ihre Mutter schimpfte zwar zuweilen mit ihr, war aber ansonsten die Ausgeglichenheit in Person. Und ihr Vater war stets wie ein Fels in der Brandung, ruhig, stark und unbesiegbar. Cintia empfand ihre eigene Erinnerung daran, wie er sich vorhin zuckend vor ihren Füßen gewunden hatte, als unwirklich, beinahe so, als hätte sie sich alles nur eingebildet. Doch der Geruch nach Krankheit und ihr besudeltes Gewand waren unwiderlegbare Beweise für das, was geschehen war. Mit schleppenden Schritten setzte sie sich schließlich in Bewegung und verließ die Kammer, in der Absicht, nach oben in ihre Gemächer zu gehen und sich auszukleiden und gründlich zu waschen. Auf halbem Wege durch die Wasserhalle hörte sie den Ausruf einer Magd. »Wir sollten alle beten, dass Gott uns nicht die schlimmste Heimsuchung schickt! Vorhin sprach jemand von einem Kranken auf der Giudecca, bei dem fing es auch vorgestern an, zuerst Fieber, dann Bluthusten. Alles binnen eines Tages. Es heißt, seine Haut sei schon ganz schwarz!«

Gefolgt wurde dieser Satz von Fußgetrappel, als zuerst die Musiker und dann auch die letzten Gäste fluchtartig das Haus verließen. Cintia blickte aus einem der Fenster und sah sie zur Fondamenta hasten, wo sie ihre Gondeln bestiegen und die Ruderknechte zur Eile antrieben.

Der Geräuschpegel, der vorhin noch im Wirtschaftsbereich des Hauses geherrscht hatte, war merklich abgefallen. Nur hier und da war Getuschel vom Gesinde zu hören, bis auch diese Laute verebbten. Es war still geworden in der Ca’ Barozzi, eine merkwürdige, lähmende Ruhe, fast so, als hielten alle Bewohner des Hauses den Atem an. Auch Cintia hörte einige Herzschläge lang auf zu atmen und lauschte in die Nacht hinaus, als könnte sie dort noch einmal das grauenhafte Wort hören, das in den leise geführten Unterhaltungen der Dienstboten vorhin immer wieder gefallen war. Seither hatte das Grauen einen Namen, und er lautete Pest.

Mit einem ruckartigen Atemzug kehrte sie in die Wirklichkeit zurück, schürzte ihre Röcke und rannte nach oben.

vignetteDaria blickte besorgt dem Arzt entgegen, als dieser endlich aus Paolos Kammer kam.
»Was fehlt ihm, Dottore? Ist es ernst?«

Der Arzt wich vor ihr zurück, als sie näher treten wollte. »Bleibt weg von mir«, sagte er leise, aber bestimmt. »Jede Berührung kann Euch den Tod bringen!«

Daria presste beide Hände gegen den Hals, als könnte sie so das jähe Flattern ihres Pulses eindämmen.

»Ich hatte es schon befürchtet, müsst Ihr wissen«, fuhr der Arzt fort. »Ich bin heute bereits zu mehreren Fällen wie diesem gerufen worden.« Mitgefühl stand in seinem Blick. »Es tut mir sehr leid.«

Sie hatte beim Anblick der Beulen an Paolos Körper das Schreckliche ebenfalls bereits vermutet, aber gehofft, es handle sich lediglich um Schwellungen vom Fieber.

»Bitte, er wird doch nicht ...« Sie konnte es nicht aussprechen.

Der Arzt, ein älterer Jude namens Simon, zuckte die Achseln. »Ob er es übersteht, bleibt Gottes Ratschluss überlassen. Sicher habt Ihr schon genug über die Krankheit gehört, um zu verstehen, dass ich keine verlässlichen Prognosen aussprechen kann. Zu befürchten ist vor allem, dass die Lunge befallen wird. Wenn er Bluthusten bekommt, sind die Aussichten schlecht.« Ein resignierter Ausdruck trat auf seine hageren, immer ein wenig traurig wirkenden Züge. »Gibt es jemanden in Eurem Haushalt, der die Pest schon hatte? Wenn nicht, schicke ich Euch eine Pflegerin.«

»Ich selbst hatte sie. Als Kind, im Jahre 1484.«

»Dann seid Ihr gegen die Krankheit gefeit«, sagte Simon. »Ihr könnt Euren Stiefsohn pflegen, das macht es einfacher. Alle anderen Bewohner des Hauses müssen sich jedoch strikt von ihm fernhalten.«

Daria erinnerte sich mit Entsetzen daran, dass Casparo geholfen hatte, Paolo ins Haus zu tragen. Er selbst hatte ihn auf der Fondamenta liegend vorgefunden, nachdem ein Nachbar berichtet hatte, dass er dort von einem schimpfenden Bootsführer abgeladen worden war wie ein verschimmelter Mehlsack.

»Mein Sohn Casparo hat geholfen, Paolo ins Haus zu tragen.« Daria holte Luft. »Ich habe den Jungen sofort auf seine Kammer geschickt. Wird es helfen, die Krankheit von ihm fernzuhalten, wenn er dort bleibt?«

»Vorausgesetzt, er hat sich nicht bereits infiziert«, antwortete Simon.

Daria nickte, um Beherrschung bemüht.

»Noch etwas.« Es war Simon sichtlich peinlich, was er noch vorzubringen hatte. »Euren ... hm, Salon ... Ihr solltet ihn für eine Weile geschlossen halten. Nur für alle Fälle. So lange, bis man weiß, womit man rechnen muss. Es kann schon überall in der Stadt sein, müsst Ihr wissen. Manchmal sind es nur wenige Fälle, aber die Gefahr, dass es sich in Windeseile ausbreitet, besteht jedes Mal.«

Abermals nickte Daria, die allmählich ihre Panik in den Griff bekam. Es war niemandem damit gedient, wenn sie hysterisch wurde, am allerwenigsten Casparo und Paolo. Den Salon zu schließen, war ihre geringste Sorge. Sie würde die Mädchen anweisen, das Haus nicht zu verlassen und keine Männer mehr zu empfangen, und sie selbst würde darauf achten, dass Casparo in seiner Kammer blieb, obwohl er vermutlich jetzt schon darauf brannte, wieder durch die Stadt zu streifen. Wäre die politische Lage anders gewesen, hätte sie ihn sofort auf die Terraferma geschickt, doch dort herrschte Krieg, mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten und Gefahren. Gebiete, die heute noch als sicher galten, konnten morgen schon wieder vom Feind bedroht sein.

Aufmerksam hörte sie zu, als der Arzt ihr weitere Anweisungen gab. Er riet ihr, bestimmte Kräuter zu verbrennen, um die giftigen Dünste zu vertreiben, vor allem aber legte er ihr ans Herz, alle Gebrauchsgegenstände, die für die Krankenpflege benutzt wurden, stets sorgfältig in Essig zu reinigen und auch die Hände damit abzureiben. Ferner empfahl er, ihrem Stiefsohn so oft wie möglich einen Sud aus ausgekochter Weidenrinde einzuflößen.

»Das senkt das Fieber und reinigt das Blut«, erklärte Simon. »Ich lasse Euch eine ausreichende Menge davon schicken.«

Er zählte eine Reihe weiterer Vorsichtsmaßregeln auf, die es zu beachten galt. Bevor er ging, händigte Daria ihm einen kleinen Beutel mit Münzen aus, fast doppelt so viel, wie er sonst für Hausbesuche zu nehmen pflegte. Er war schon häufiger hier gewesen, etwa, wenn eines der Mädchen krank war, oder früher, als Casparo diverse Kinderkrankheiten durchgemacht hatte, daher wusste sie, dass er nicht viel darauf gab, was er verdiente. Er hatte keine Familie zu versorgen, und seine besten Jahre als Mann lagen längst hinter ihm. Auf Reichtümer war er nie aus gewesen, sondern hatte sich von jeher den Belangen der Kranken verschrieben. Simon arbeitete in einem Hospital unweit vom Kloster San Lorenzo und galt als einer der fähigsten Ärzte Venedigs. Daria war froh, dass er sofort hatte kommen können, als sie nach ihm geschickt hatte, und es war ihr ein Anliegen, ihre Dankbarkeit zu zeigen, indem sie ihn gut entlohnte. Jemand anderen hätte sie vielleicht vielsagend lächelnd aufgefordert, einmal in ihrem Salon vorbeizuschauen, doch bei ihm wäre ihr das falsch vorgekommen. Er bedankte sich höflich und steckte das Geld ein.

Daria begleitete ihn zur Pforte und befahl anschließend ihrem Leibwächter Giulio, den Mädchen sowie dem Gesinde entsprechende Anweisungen zu erteilen.

»Aber wasch dich vorher«, sagte sie. »Du hast Paolo angefasst.«

»Ich hatte als Knabe die Pest.«

»Das ist gut«, sagte sie mit einiger Erleichterung. Wenigstens ihn würde sie nicht verlieren! »Trotzdem musst du dich waschen und umkleiden, denn wie Simon vorhin erklärte, kann der Pestdunst auch in die Kleider dringen und auf diesem Wege weitergetragen werden.«

Er nickte mit gleichmütiger Miene. »Soll ich den Mädchen die Wahrheit sagen?«

»Natürlich. Sonst käme vielleicht die eine oder andere auf den Gedanken, sich über meine Anordnungen hinwegzusetzen und trotz allem Freier zu empfangen. Du weißt ja, wie leichtfertig sie manchmal sind.«

»Und unbedacht«, fügte Giulio hinzu. »Sie könnten versuchen, wegzulaufen, wenn sie hören, was los ist.«

»Dafür bist du ja da«, entgegnete sie. »Du wirst es verhindern, zu ihrem eigenen Wohl. Schließlich stehen sie unter unserem Schutz.« Sie besann sich kurz und fügte dann hinzu: »Wer gehen will, mag gehen. Sag ihnen das. Ich halte niemanden auf. Sag ihnen aber auch, dass die Krankheit vielleicht schon überall in der Stadt ist und dass daher die, die jetzt gehen, auf keinen Fall zurückkehren können.« Sie hielt inne, um kurz nachzudenken. »Wenn du das erledigt hast, gehst du mit dem Küchendiener auf den Markt und besorgst so viele Vorräte, wie auf den Handkarren passen.«

Abermals nickte Giulio, mit stoischer Miene, wie es seine Art war. Seine Gesichtszüge ließen selten erkennen, was er dachte. Gerade das machte ihn, neben seiner gewaltigen Körperkraft und seiner katzenhaften Schnelligkeit mit Dolch und Degen, für Daria zu einem schätzenswerten Diener. Er blieb auch im Angesicht von Gefahren stets gelassen, ein Wesenszug, der ihr schon immer Achtung abgenötigt hatte.

Sie wartete nicht, bis er gegangen war, sondern eilte sofort zu Casparos Kammer und stieß die Tür auf. Er sprang hinter seinem Zeichentisch hervor, kaum, dass sie den Raum betreten hatte. »Was ist los?«, rief er aufgeregt. »Was hat der Medicus gesagt? Was fehlt Paolo?«

»Mein Kleiner, ich habe keine guten Nachrichten. Wir müssen uns auf das Schlimmste gefasst machen. Es ist die Pest.«

Sein Gesicht erstarrte vor Schreck, und er schluckte heftig. »Wird er sterben?«, flüsterte er.

»Nicht, wenn ich es verhindern kann. Ich werde ihn pflegen.«

»Ich helfe dir!«, sagte Casparo eifrig. Seine hoch aufgeschossene, schlaksige Gestalt, die in rührendem Widerspruch zu seinen noch kindlich anmutenden Zügen stand, straffte sich energisch. Mit dem Kohlestift, den er zum Zeichnen benutzt hatte, stach er heftig in die Luft. »Ich werde alles tun, um der Gefahr Einhalt zu gebieten!«

»Das kannst du am besten, indem du hier in deiner Kammer bleibst und abwartest, was weiter geschieht.«

»Du meinst, ich könnte mich bei Paolo angesteckt haben?« Er warf sich in die Brust. »Das schreckt mich nicht! Vor der Pest habe ich keine Angst! Nur Feiglinge und Schwächlinge winden sich winselnd im Staub, wenn sie krank werden! Ich werde mich hohnlachend über alle erheben, die sich in ihren Kammern verkriechen wie armselige Memmen!«

Ihr wurde das Herz weit, während sie ihn betrachtete und dabei überlegte, wie sehr er doch seinem Vater glich. Es handelte sich um eine Ähnlichkeit, die weit über das Körperliche hinausging. Casparo war schon jetzt größer als Geremio, womöglich würde er eines Tages sogar seinen Bruder im Wachstum einholen, wenn er weiter so in die Höhe schoss. Doch seine Art zu reden entsprach manchmal so unverkennbar derjenigen seines Vaters, dass Daria vor Wehmut die Kehle eng wurde. Diese Tapferkeit, diese Bereitschaft, gegen jede Vernunft zu handeln, um des reinen Heldenmuts willen – das waren eindeutige Wesenszüge von Geremio Loredan, dem strahlenden Ritter ihrer Jugend.

Grüblerisch erwog Daria beim Anblick ihres Sohnes, ob der Junge möglicherweise auch jene Eigenschaften seines Vaters entwickeln würde, die – sogar bei vornehmer Formulierung – nur als weniger erstrebenswert bezeichnet werden konnten. Würde auch er eines Tages auf den absurden Gedanken verfallen, todesmutig in den Krieg zu ziehen und sein Leben aufs Spiel zu setzen, um die Ehre der Serenissima zu schützen und zu mehren? Würde auch er sein letztes Geld in eine Spielhölle tragen, weil er in blinder Zuversicht auf die Macht der Sterne vertraute? Oder sich gar duellieren, weil es jemand gewagt hatte, seine Frau zu beleidigen?

Sofort verneinte Daria in Gedanken all diese Fragen. Damals war sie jung und verliebt gewesen und hatte vieles geschehen lassen, was sie mittlerweile zu verhindern wüsste.

Vielleicht würde sie, wenn sie sich mehr Mühe mit dem Jungen gab und ihn mit noch mehr Umsicht erzog, es sogar schaffen, dass er sich von dem Hirngespinst der Malerei löste und Paolo ein wenig ähnlicher wurde. Schließlich waren die beiden Halbbrüder. Auch in Casparos Adern musste daher ein wenig von diesem besonderen Blut fließen, das Paolo stets so pragmatisch, überlegen und kühl agieren ließ.

Casparo riss sie abrupt aus ihren Gedanken, weil er Anstalten machte, tatendurstig an ihr vorbei aus der Kammer zu stürmen, offenbar in der festen Absicht, gegen die Pest zu Felde zu ziehen. Sie stellte sich ihm in den Weg. »Wo willst du hin?«

»Zu meinem Bruder. Ich werde mich um ihn kümmern.«

»Das wirst du schön sein lassen. Ich allein werde ihn pflegen, da ich, im Gegensatz zu dir, die Pest schon hatte und sie überlebte.« Sie musterte ihn besorgt. »Wie fühlst du dich, mein Kleiner?«

»Mutter!« Er wirkte ungeduldig. »Nenn mich bitte nicht mehr so! Ich bin ein Mann!«

»Du bist erst fünfzehn. Und du wirst den Befehlen deiner Mutter gehorchen, bis du alt genug bist, eine eigene Familie zu gründen, die du dann nach deinem Willen kommandieren darfst.« Sie lächelte unwillkürlich. »Falls du eine Frau findest, die dich lässt.«

Damit hatte sie, wie sie unschwer an seinen sich rötenden Wangen erkannte, einen wunden Punkt bei ihm berührt. Er hatte erst vor wenigen Monaten angefangen, sich für das weibliche Geschlecht zu interessieren, was ihn, ebenso wie die Veränderungen, die sein Körper in der letzten Zeit erfahren hatte, in heillose Verwirrung stürzte.

»Es muss doch etwas geben, das ich tun kann!« Mit dramatischer Gebärde wies er mit dem Kohlestift in Richtung der Kammer, in der Paolo lag. »Wer wird sich um ihn kümmern, wenn du schläfst?«

»Ich werde dafür sorgen, dass es ihm an nichts mangelt«, versprach sie. »Hab keine Angst. Ich werde alles für Paolo tun, was in meiner Macht steht.«

Casparo nickte widerstrebend, und nun sah sie auch die Furcht in seinen Augen. Er liebte und bewunderte seinen älteren Halbbruder mit der ganzen Kraft seines immer noch kindlichen Wesens. Falls Paolo der Pest zum Opfer fiele, würde Casparo es nur schwer verwinden können.

»Du bleibst hier«, sagte sie in unnachgiebigem Ton. »Du kannst in deiner Kammer ausnahmsweise sogar malen, wenn du willst. Ich lasse dir Farben und Holzplatten bringen.«

Ihr Angebot war eine Versuchung für ihn, wie sie sofort erkannte. Unter normalen Umständen achtete sie darauf, dass er es nicht übertrieb mit seinem Gekleckse; es reichte, dass er ständig mit Kohle und Papier hantierte, beides nicht gerade Insignien einträglichen Erwerbs. Er sollte eines Tages eine Tätigkeit verrichten, die ordentlichen Gewinn versprach, und sie würde dafür sorgen, dass es so kam, wie sie es sich für ihn vorstellte.

»Versprich mir, dass du dich meinem Willen beugst und dieses Zimmer nicht verlässt, bis ich es erlaube!«

Er nickte, doch der Widerspruchsgeist stand ihm ins Gesicht geschrieben. Die Sorge um ihn drohte sie zu überwältigen, doch für den Augenblick blieb ihr nichts weiter übrig, als es dabei bewenden zu lassen. Sie eilte davon, um nach ihrem kranken Stiefsohn zu sehen.

vignetteMonna Barozzi hatte Cintia und Lucietta befohlen, ihre Räume nicht zu verlassen. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, hatte sie die beiden eingeschlossen.

Cintia war, den Befehlen ihrer Mutter folgend, nach dem Zusammenbruch ihres Vaters gemeinsam mit Lucietta zu Bett gegangen. Geschlafen hatten sie indessen beide kaum; sie waren in aller Herrgottsfrühe wieder aufgestanden und hatten nach einem raschen Morgengebet die Stunden des Tages in unruhiger Erwartung verbracht, bis es wieder dunkel wurde. Auch der darauf folgende Tag verging in öder Ereignislosigkeit, bis abermals Dunkelheit den Beginn einer neuen Nacht ankündigte. Seither saß Cintia in seltsamer Starre auf einem Schemel beim Fenster, das zu öffnen ihre Mutter ihr untersagt hatte. Lucietta hielt sich im selben Raum auf wie sie, doch im Gegensatz zu Cintia lief sie ruhelos auf und ab und erging sich in wehklagenden Vermutungen, was wohl alles noch an Schrecklichem auf sie zukommen mochte. Anders als Cintia hatte sie bereits viele Geschichten über die Pest gehört. Eine alte Kinderfrau hatte ihr alles Mögliche darüber erzählt, als sie noch klein gewesen war. »Ihre ganze Familie ist unter grauenhaften Qualen an der Seuche gestorben«, hatte Lucietta flüsternd berichtet. Und dann hatte sie all die unaussprechlichen Leiden aufgezählt, von denen die Pestkranken den Erzählungen ihrer Amme zufolge dahingerafft wurden. Cintia hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber eine morbide Neugierde zwang sie, sich alles genau anzuhören, bis sie am Ende beinahe aufgeschrien hätte vor Abscheu und Furcht.

Vater wird nicht sterben, sagte Cintia sich in Gedanken ein ums andere Mal, immer wieder, fast wie bei einer Litanei. Vielleicht ist es gar nicht die Pest, sondern nur ein beliebiges Fieber, von dem er bald wieder genesen wird!

Doch die Tatsache, dass sie und Lucietta den ganzen Tag eingeschlossen blieben und niemand kam, um sie zu beruhigen, sprach für sich.

Um ihre Furcht zu bekämpfen, nahm sie ihren Rosenkranz in die Hände und betete stumm ein Marienpsalter, den Kopf über die Schnur mit den Perlen gesenkt, während Lucietta umherlief und dabei vor sich hinmurmelte, dass sie es nicht verdiente, so jung zu sterben, schon gar nicht, ohne je richtig geliebt zu haben.

Die Mädchen bewohnten zwei Kammern, die nebeneinanderlagen und nur durch eine Verbindungstür getrennt waren. In dieser Nacht jedoch blieben sie, wie auch schon in der vorhergehenden, wie auf eine stumme Absprache hin zusammen in Cintias Kammer. Cintia hätte es ebenso wenig wie Lucietta ertragen können, allein zu sein, und an Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Sie betraten die nebenan liegende Kammer, in der sonst Lucietta schlief, lediglich, um den Nachtstuhl zu benutzen, den ihnen, bevor sie eingeschlossen worden waren, eine Dienerin am Vortag in aller Hast gebracht hatte, ebenso wie frische Kerzen, zwei Krüge mit Wasser und ein wenig Brot, Käse und Obst. Kerzen, Wasser und Speisen hatten sie in Cintias Kammer geholt und den Nachtstuhl wegen der Geruchsbelästigung drüben gelassen. Als klar wurde, dass niemand kam, um ihn zu leeren, begann Cintia, sich auf das Schlimmste einzustellen. Einmal, am Vortag, hatte sie lauthals nach ihrer Mutter gerufen, doch es war nur eine der Mägde gekommen und hatte sie durch die geschlossene Tür angeherrscht, dass Monna Barozzi andere Sorgen habe, als sich um sie zu kümmern. Die Pest, setzte die Magd hinzu, habe schon mehrere Dutzend Menschen im Sestiere befallen, und Cintia und Lucietta sollten um Gottes willen in ihren Gemächern bleiben.

Danach war niemand mehr an die Tür gekommen, um mit ihnen zu sprechen. Die Zeit verstrich, ohne dass etwas geschah.

Cintia konnte sich kaum auf ihr Gebet konzentrieren, weil sie immer wieder auf die wenigen Geräusche lauschte, die zu ihnen drangen. Einmal vernahm Cintia das laute Schluchzen ihrer Mutter, unterbrochen vom Gerede der Mägde, das auf schlimme Weise unheilvoll klang.

Dann, zu fortgeschrittener Abendstunde, waren mit einem Mal andere, weit erschreckendere Geräusche zu vernehmen. Cintia unterbrach sich in ihrem Gebet und hob lauschend den Kopf. Sie hörte von unten einen schrillen Schrei und dann einen dumpfen Aufprall, gefolgt von trappelnden Schritten. Gleich darauf ertönten weitere Schreie und danach Schritte, die alle in Richtung Treppe führten, so überstürzt und ungeordnet, als würden alle, die noch laufen konnten, Hals über Kopf aus diesem Haus fliehen.

Lucietta war bei dem ersten lauten Schrei mitten im Satz verstummt und in die hinterste Ecke des Zimmers zurückgewichen. »Etwas Furchtbares muss geschehen sein! Der Tod ist im Haus! Ich spüre es! Wie gut, dass wir eingeschlossen sind! Dann kann er nicht zu uns herein!«

»Sei still!« Cintia lief zur Tür und drückte ihr Ohr gegen das Holz. »Mutter?«, rief sie. »Mutter, hörst du mich?«

Niemand antwortete ihr. Es waren auch keine weiteren Schritte mehr zu hören. Im Haus herrschte gespenstische Stille.

Eine Weile saßen sie in lähmendem Schweigen da, in der Hoffnung, noch einmal Stimmen zu hören, doch es blieb totenstill. Irgendwann läuteten die Nachtglocken der umliegenden Kirchen zur Matutin. Es kam selten vor, dass Cintia das gedämpfte Nachtläuten überhaupt wahrnahm; meist schlief sie um diese Zeit zu tief. Doch diesmal klangen die Glockentöne wie Vorboten eines grauenhaften Unglücks.

Als es Stunden später zur Laudes läutete, hielt Cintia es nicht länger aus. Von Panik überwältigt, eilte sie zur Tür. »Mutter?«, rief sie, diesmal lauter als zuvor. Nacheinander rief sie die Namen der Dienstboten, wieder und wieder. Am Ende schrie sie und schlug mit den Fäusten gegen die Tür, um auf sich aufmerksam zu machen, doch wieder kam keine Antwort.

»Hör auf!«, rief Lucietta, die Hände schluchzend gegen die Ohren gepresst. »Es kommt doch niemand! Wir sind ganz allein im Haus! Alle haben uns verlassen!«

Cintia lief zum Fenster und öffnete den Laden, wohlwissend, dass sie damit den Zorn ihrer Mutter heraufbeschwor, doch es kümmerte sie nicht. Im ersten Moment war die sanfte Brise, die durchs offene Fenster hereindrang, wohltuend gegenüber der Hitze, die ihnen den ganzen Tag über das Atmen in der Kammer erschwert hatte. Doch gleich darauf war zu spüren, dass die Schwüle des Tages immer noch über dem Canal Grande hing. Wie stets in den Sommermonaten roch es nach Fäulnis. Der Gestank, der vom Wasser her kam, wurde vom lauen Nachtwind durch die Gassen geweht und drang dort, wo er auf die Fassaden der Gebäude traf, als erstickender Hauch durch Öffnungen von Fenstern und Türen. Cintia widerstand dem Impuls, den Fensterladen wieder zuzuschlagen. Von ihrer Amme hatte Lucietta erfahren, dass der Pesthauch mit jedem Luftzug in die Häuser kam, und Cintia hatte keinen Anlass, das anzuzweifeln. Ihr verzweifeltes Verlangen, sich Gewissheit über die Lage im Haus zu verschaffen, war jedoch stärker als die Furcht. Dennoch hielt sie vorsichtshalber die Luft an, bevor sie den Kopf hinausstreckte, um die Umgebung zu betrachten.

Es war dunkel, doch das Mondlicht ließ genug von der Umgebung erkennen, um eine Orientierung zu ermöglichen. Cintia kam es zunächst vor, als sei dies eine ganz gewöhnliche Sommernacht. Der Mond spiegelte sich im Wasser des Kanals, und die Häuser auf der gegenüberliegenden Seite waren bleiche, von spitzenartigem Marmorflechtwerk gekrönte Flächen vor dem dunklen Himmel. Hier und da waren Gondeln und Boote auf dem Wasser zu sehen, die gleitenden Schemen vom Geflacker der Laternen umrissen wie von auf und ab tanzenden Irrlichtern.

Dann näherte sich eines der Boote, ein Sàndolo mit eingerolltem Segel. Der Mast ragte wie ein drohender Finger in die Dunkelheit. Der Barcaruolo stand am Heck, den Kopf eingezogen und die Schultern gebeugt wie von einer schweren Last, während er mit gleichmäßigen Stößen des langen Ruders den Kahn vorantrieb. Cintia beugte sich weiter aus dem Fenster, als das Boot unmittelbar unter ihrem Fenster vorbeiglitt. Sie öffnete den Mund, um den Mann anzurufen und ihn um Hilfe zu bitten. Doch die Stimme versagte ihr, als sie erkannte, welche Fracht er beförderte. Im Licht der Laterne, die am Mast hing, waren notdürftig in Leinentücher eingewickelte Gestalten zu sehen. Hier und da lugten Gliedmaßen heraus, ein Fuß, eine Hand, einmal auch ein Kopf. Das fahle Gesicht war dem Himmel zugewandt, die Augen weit aufgerissen, als könnten sie noch sehen.

Lucietta war neben Cintia getreten. »Ein Pestboot«, stieß sie hervor. »Davon hat meine Amme mir auch erzählt! Sie fahren die Kanäle auf und ab und holen alle Verstorbenen, um sie zu Sammelgräbern zu bringen! Sie müssen vor die Häuser gelegt werden, denn die Totenwache ist bei Pestopfern verboten. Sieh nur, es ist mindestens ein halbes Dutzend! Bestimmt eine ganze Familie!«

Cintia zog rasch den Fensterladen zu und holte tief Luft. »Wir müssen nachsehen, was hier im Haus geschehen ist.«

»Es ist sicherlich niemand mehr da. Hast du nicht die Schritte gehört? Wenn du mich fragst, sind sie alle weggelaufen.«

»Mutter würde nie weggehen und uns hier drin allein lassen.«

Lucietta schwieg bedeutungsvoll, und Cintia wusste sich in ihrer Verzweiflung nicht anders zu helfen, als abermals mit den Fäusten gegen die Tür zu schlagen und nach ihrer Mutter zu rufen. Außer Atem und mit blutig geschürften Fingerknöcheln hielt sie schließlich inne, um zu lauschen, doch von allen Seiten umfing sie lähmende Stille.

Lucietta rang nach Worten, und als sie schließlich sprach, war die Hysterie in ihrer Stimme nicht zu überhören. »Niemand wird kommen, um uns herauszulassen! Wir werden hier drin verhungern und verdursten! Das Wasser ist fast aufgebraucht!«

»Sei nicht albern«, entfuhr es Cintia. »Irgendwer wird uns hören und die Tür öffnen.«

»Und wenn nicht?« Lucietta wurde lauter, ihre Stimme drohte überzukippen. »Wer soll uns denn hören? Etwa die, die tot oder krank in den Kammern liegen? Oder diejenigen, die alle weggelaufen sind, weil sie Angst hatten, auch von der Pest geholt zu werden?«

Es war nur zu offensichtlich, dass Lucietta ihre Lage treffend umschrieb, doch Cintia weigerte sich schlicht zu glauben, dass ihre Eltern tot waren. Gleich darauf jedoch erstarrte sie vor Schreck, denn ihr ging auf, dass sie bisher an eines gar nicht gedacht hatte: Was, wenn ihre Eltern schwer krank in ihren Betten lagen und niemand zur Stelle war, um ihnen zu helfen?

Sie eilte zurück zum Fenster und stieß abermals den Laden auf. Es scherte sie nicht, dass der Wind, der ihr das Haar vor die Augen wehte, vielleicht vom Pesthauch gesättigt war.

»Gib mir eine Kerze, rasch!«, befahl sie Lucietta.

Lucietta brachte ihr ein Windlicht, das Cintia mit ausgestrecktem Arm aus dem Fenster hielt. Ein weiteres Boot näherte sich der Ca’ Barozzi, und diesmal zögerte Cintia nicht, den Barcaruolo zu rufen. Sie winkte laut schreiend mit dem Windlicht und machte damit so nachhaltig auf sich aufmerksam, dass der Mann bereits zu ihr hochschaute, als die Gondel noch etliche Bootslängen vom Haus entfernt war.

»Zu Hilfe!«, schrie sie. »Wir sind hier eingeschlossen! Niemand im Haus kann uns die Tür öffnen! Bitte helft uns!«

Der Mann starrte zu ihr hoch, und erst jetzt erkannte Cintia, welch unziemlichen Anblick sie bieten musste in ihrem Unterkleid und mit ihrem aufgelösten Haar. Genau wie Lucietta hatte sie, seit sie hier eingeschlossen waren, nicht sonderlich viel Mühe auf ihre Erscheinung gelegt. Vor allem hatte sie es nicht über sich gebracht, eine Gamurra anzulegen, dafür war es viel zu heiß und stickig in der Kammer.

Sie raffte das Hemd über der Brust zusammen und winkte abermals. »Ich gebe Euch Geld! Bitte helft uns!«

Der Mann hielt tatsächlich mit dem Rudern inne und ließ die Gondel gegen die Fondamenta treiben. Er nahm die Kappe ab und starrte zu ihr hinauf. »Wen meinst du mit uns, schönes Kind?«

»Meine Cousine und ich. Sie ist hier bei mir in der Kammer. Meine Mutter hat uns vorgestern hier eingeschlossen. Doch nun sind alle Diener fort, und niemand hört unser Rufen!«

»Du meinst, ihr beiden seid ganz allein, du und deine Cousine? Ist das ein Pesthaus?«

Sie bejahte zögernd. Im Licht der Bootslaterne konnte Cintia sehen, dass seine Erscheinung kaum zu der edlen, mit wertvollen Stoffen geschmückten Gondel passte. Sein Gesicht war übel vernarbt, die Zähne nur noch schwarze Stummel und die Kleidung ein Sammelsurium von Lumpen. »Na, dann will ich doch mal den guten Samariter geben.« Er lachte, und es klang in Cintias Ohren auf eigentümliche Weise abstoßend.

»Sicher sind doch noch Leute im Haus«, sagte sie eilig. »Wahrscheinlich sind sie alle zu sehr mit der Pflege der Pestkranken beschäftigt. Es würde reichen, wenn Ihr einen Büttel zu Hilfe ruft. Oder ... irgendjemanden. Fahrt lieber weiter, Ihr könntet Euch sonst anstecken.«

»Die Pest macht mir keine Angst. Sie holt immer nur die anderen. Mit mir meint sie es gut.« Grinsend deutete er vor sich in das Boot, auf mehrere Säcke, die dort in Haufen aufgetürmt lagen. Cintia zog sofort den richtigen Schluss. Der Mann war ein Dieb. Vermutlich hatte er nicht nur Wertgegenstände aus den Häusern von Kranken und Toten gestohlen, sondern auch die Gondel. Und so, wie er aussah, mochte Cintia nicht ausschließen, dass er auch schon Schlimmeres getan hatte. Hastig überlegte sie, was zu tun sei, um ihn am Betreten des Hauses zu hindern, doch er hatte bereits angelegt, die Laterne von der Ruderbank genommen und die Fondamenta erklommen. »Alsdann, schönes Mädchen! Dein Retter naht!« Sein Kichern ging in ein heiseres Lachen über, während er in der landseitigen Gasse verschwand, die zur Eingangspforte führte.

»Wird er uns helfen?« Lucietta war in sicherer Entfernung vom Fenster stehen geblieben. Erwartungsvoll lauschend wandte sie sich zur Tür. »Ich höre schon seine Schritte im Haus! Dem Himmel sei Dank!«

Cintia schüttelte den Kopf. »Ich traue dem Mann nicht«, flüsterte sie. »Er sieht schrecklich aus!«

»Du meinst, er ist vielleicht auch bereits an der Pest erkrankt?«, wollte Lucietta furchtsam wissen.

»Nein, ich denke, dass er Übles im Schilde führt. Auf mich wirkte er wie ein Dieb oder Halsabschneider.«

Lucietta hielt die Luft an. »Warum hast du ihn dann hergebeten?«

»Weil ich erst hinterher merkte, wie er aussieht«, gab Cintia gereizt zurück.

»Um Gottes willen, was tun wir jetzt?«

Beide horchten auf die Geräusche, die er im Haus verursachte. Es klang danach, als ob er das Piano nobile durchsuchte, denn aus den unter ihnen liegenden Räumen hörten sie es rumoren. Hin und wieder ertönte auch ein Krachen, wie von herabfallenden Gegenständen.

Einmal war deutlich sein Fluchen zu hören, bei dem er auf wüste Weise den Namen des Herrn schmähte.

»Er geht wieder«, flüsterte Lucietta. »Hörst du?«

Tatsächlich hatte der Mann das Haus verlassen, denn nun war das Klappern seiner Zòccoli auf der Gasse zu hören. Rasch lugte Cintia aus dem Fenster und erkannte sofort, dass sie ihn völlig zu Recht verdächtigt hatte. Der Mann schleppte einen Sack mit Diebesgut zur Fondamenta und warf ihn in die Gondel, zu seinen übrigen Beutestücken.

Dann wandte er sich wieder dem Haus zu und schaute an der Fassade hoch. Cintia wich von dem nur einen Spaltbreit offenen Laden zurück. Diesmal hatte sie die Lampe nicht mit zum Fenster genommen; es brannte nur noch eine Stundenkerze auf einem Tischchen an der gegenüberliegenden Wand der Kammer. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass der Mann sie genau gesehen hatte und nun darüber nachsann, welche Untaten er als Nächstes begehen könne. Tatsächlich machte er keine Anstalten, in die Gondel zu steigen, sondern ging zurück zur Pforte.

»Er kommt zurück«, wisperte Lucietta überflüssigerweise. Sie rang die Hände vor dem fülligen Busen und blickte sich voller Panik um. »Wir müssen uns verstecken!«

»Wir sind zu zweit«, gab Cintia zurück. Es klang weit mutiger, als sie sich fühlte.

Wenig später waren die Schritte des Mannes im Haus zu hören, zuerst auf der Treppe ins Obergeschoss, dann direkt im Saal vor ihrer Zimmertür.

»Meine Süße, ich bin gekommen, um dich freizulassen! Versprochen ist versprochen!«

Cintia griff nach einem Kerzenhalter und stellte sich hinter die Tür. Gleichzeitig signalisierte sie ihrer Cousine, stehen zu bleiben und den Mann abzulenken, sobald er den Raum betrat.

Lucietta schüttelte jedoch angstvoll den Kopf und stellte sich Schutz suchend dicht neben Cintia, worauf diese um ein Haar einen Wutschrei ausgestoßen hätte über so viel Unverstand.

Ihr blieb jedoch nicht mehr viel Zeit, über neue Taktiken nachzudenken, denn der Schlüssel drehte sich im Schloss, und die Tür wurde aufgestoßen. Mit angehaltenem Atem, den Bronzeleuchter fest umklammernd, blieb Cintia hinter der Tür stehen. Gleich darauf streckte der Mann den Kopf ins Zimmer. Cintia holte mit dem Kerzenhalter aus, doch sie kam nicht dazu, ihm den beabsichtigten Schlag zu versetzen, denn der Mann verfügte über bessere Reflexe als erwartet und wich mit katzenhafter Schnelligkeit zur Seite. Im nächsten Augenblick hatte er ihr mit einem harten Fausthieb den Leuchter aus der Hand geschlagen. Ein weiterer Hieb, mit voller Kraft ausgeführt, traf sie in die Rippen. Unter der Wucht des Schlages stürzte sie und blieb am Boden liegen, davon überzeugt, dass sie sterben müsse, weil sie nicht mehr atmen konnte. Ihr Körper war wie gelähmt vor Schock und Schmerz; dennoch nahm sie wahr, wie der Räuber die laut schreiende Lucietta packte und aufs Bett stieß, wo er ihr einen heftigen Schlag versetzte, der das Schreien abrupt verstummen ließ. Lucietta wimmerte schmerzerfüllt, doch diese Laute wurden gleich darauf vom Geräusch reißenden Stoffs übertönt.

»Halt still, du dummes Weib!«, schrie der Mann.

Cintia entdeckte, dass sie wieder Luft holen konnte, in winzigen, flachen Zügen zwar nur, aber es reichte, um die Schwärze, die sich vor ihren Augen auszubreiten drohte, zu vertreiben. Auch bewegen konnte sie sich wieder. Mühsam rollte sie herum und kämpfte sich auf die Knie hoch. Immer noch nach Luft ringend, schob sie sich keuchend bis zur Wand, wo sie sich abstützte und dann hochstemmte.

Im Widerschein der Laterne, die der Mann mitgebracht und vor der Türschwelle auf dem Boden abgestellt hatte, war zu sehen, dass er auf dem Bett kniete und Lucietta mit Schlägen traktierte. Strampelnd und sich windend hielt sie sich Arme und Hände vors Gesicht. Gleichzeitig keilte sie mit den Füßen aus und versuchte, ihren Peiniger vom Bett zu treten.

»Na gut«, keuchte der Mann. »Du willst es ja nicht anders, du dumme Gans!« Er griff an seinen Gürtel und zückte ein langes Messer, das er Lucietta an die Kehle hielt. »Halt still, oder ich schneide dir schon vorher den Hals durch!«

Cintia hatte es trotz der lähmenden Atemnot und dem Stechen in ihren Rippen geschafft, den Kerzenleuchter aufzuheben. Noch unsicher auf den Füßen und bei jedem Schritt gegen den wütenden Schmerz in ihrer Mitte ankämpfend, torkelte sie zum Bett. Sie schlug mit aller Macht zu, doch als der Leuchter herabfuhr, bewegte der Mann sich, sodass er nur an der Schulter getroffen wurde.

Mit einem Aufschrei warf er sich herum. »Du Hexe! Kannst du nicht warten, bis du an der Reihe bist?« Er stach mit dem Messer auf sie ein. Die Klinge fetzte durch ihren herabhängenden Ärmel und erwischte sie dicht unterhalb des Ellbogens. Wohl merkte Cintia, dass er sie verletzt hatte, doch es kümmerte sie nicht. Keuchend hob sie erneut den Kerzenleuchter und ließ ihn abermals niedersausen, und diesmal traf sie besser. Der massive Bronzehalter landete direkt auf dem Schädel des Mannes, mit einem ekelerregend dumpfen Geräusch. Ohne einen Laut brach der Mann zusammen und rutschte vom Bett. Cintia trat das Messer zur Seite und beugte sich vorsichtig über den Liegenden, bereit, ein weiteres Mal zuzuschlagen. Doch der Mann lieb reglos liegen.

Laut heulend kämpfte Lucietta sich von der Matratze hoch und kletterte vom Bett. »Ist er tot?«

»Ich weiß nicht«, stieß Cintia hervor.

»Er wollte mir Gewalt antun!«, rief Lucietta. »Es war so schrecklich! Er hat mich ... geschlagen! Und er wollte mich küssen!« Empörung und Ekel ließen ihre Stimme zittern.

Cintia sparte sich eine Antwort. Stattdessen warf sie den Leuchter zur Seite und untersuchte ihren Arm. Erleichtert stellte sie fest, dass der Schnitt zwar lang war, aber nicht allzu tief. Trotzdem blutete es, ein Anblick, der ihr Übelkeit verursachte.

»Er hat dich mit dem Messer verletzt!«, schrie Lucietta. »Lieber Gott, sieh nur, wie du blutest!«

»Ich sehe es ja«, erwiderte Cintia gereizt. Ihr war schwindlig, und ihre Rippen schmerzten bei jedem Atemzug. Sie konnte nur eines denken: Sie musste die Kammer so schnell wie möglich verlassen.

Lucietta empfand offenbar ähnlich, sie lief eilig auf bloßen Füßen hinaus in den Saal und wartete, bis Cintia ihr gefolgt war. »Was tun wir jetzt?«, wollte sie wissen. Im Licht der Laterne des Eindringlings, die immer noch auf dem Boden stand, sah ihr Gesicht geschwollen aus und war tränennass. »Wo sollen wir hingehen?« Sie sprach im Tonfall eines kleinen Mädchens, als sei nicht sie, sondern Cintia die Ältere. »Wer hilft uns jetzt?«

Cintia gab keine Antwort, denn im Augenblick galt es nur noch, herauszufinden, was mit ihren Eltern geschehen war. Sie ergriff die Laterne und eilte zur Treppe.

vignetteDarias Hände zitterten vor Müdigkeit, während sie eine frische Kerze an der niedergebrannten anzündete und sie in den flüssigen Wachsresten befestigte. In den vorangegangenen Nächten hatte sie kaum geschlafen, und auch tagsüber hatte sie, bis auf einen kurzen Schlummer zwischen den beiden Morgenläuten, nicht zur Ruhe gefunden. Giulio hatte ihr bei Paolos Pflege geholfen, so gut es ging, aber auch er stieß allmählich an die Grenzen seiner Kräfte. Zwei der Mädchen waren erkrankt, die übrigen völlig außer sich, und zwischendurch galt es, Casparo gut zuzureden, damit er widerspruchslos in seiner Kammer blieb. Vom Gesinde waren bis auf die Köchin und den Gondoliere alle weggelaufen, als herauskam, dass die Pest im Haus wütete. Vermutlich wären auch diese beiden verschwunden, wäre nicht die Köchin schon weit über siebzig gewesen und der Gondoliere geistig kaum weiterentwickelt als ein fünfjähriger Knabe.

Der Arzt war noch einmal da gewesen, aber auch er hatte es eilig gehabt, weiterzukommen: Überall in der Stadt gab es Kranke, und etliche Bürger waren der Pest bereits zum Opfer gefallen. Die Leute verbarrikadierten sich in ihren Häusern, andere wiederum flohen vor der Seuche aufs Festland oder zu Verwandten auf die Nachbarinseln. Viele Venezianer aber nutzten die mit Verzweiflung aufgeladene Stimmung in der Stadt auch, um ungehemmten Ausschweifungen oder gar dem Verbrechen zu frönen. Das öffentliche Leben befand sich einesteils in unnatürlichem Aufruhr, andererseits war es zum Erliegen gekommen: Kein ankommendes Schiff durfte mehr den Hafen anlaufen, keine Seefracht gelöscht werden, und die Menschen mieden Versammlungen wie Märkte und Messen.

Unterdessen kreuzten die Pestboote auf den Kanälen, Totengräber luden die Leichen auf und bestatteten sie in eilig ausgehobenen Erdlöchern am Rande der Stadt. Seuchenfähren brachten die Kranken auf eine Insel am Lido, wo sie im Pesthospital ausharren mussten, bis sie starben oder gesundeten.

Daria trat an Paolos Bett und betrachtete ihn. Solange sie es verhindern konnte, ob mit Geld oder anderen Mitteln, würde niemand ihn noch sonst einen der Ihren fortbringen. Simon, der jüdische Arzt, war ein Verfechter der Quarantäne, hielt aber nicht das Geringste von den Verhältnissen auf der Pestinsel und überantwortete die von ihm behandelten Kranken daher niemals den Behörden, auch wenn es gegen die Vorschriften war.

Paolo glühte immer noch vor Fieber, und die Beulen an seinem Körper waren zu monströser Größe angeschwollen, manche dick wie eine Männerfaust. Sein Atem ging so rasselnd und schwer, dass Daria schon seit einer Weile mit jenem blutig-schwarzen Auswurf rechnete, von dem sie wusste, dass er den baldigen Tod einleitete. Doch bisher hatte Paolo kein Blut gehustet, und auch seine Haut hatte sich nicht schwarz verfärbt, was Simon zufolge ein weiteres Anzeichen für den drohenden Tod gewesen wäre. Stattdessen war kurz nach dem Vesperläuten eine der Beulen aufgebrochen, und bald darauf eine weitere. Danach war Paolo ein wenig ruhiger geworden. Daria tupfte ihm Blut und Eiter von den aufgeplatzten Schwellungen in der Leistengegend, und sie kühlte seinen Körper mit feuchten Wickeln, so wie Simon es ihr erklärt hatte.

Sie setzte sich zu ihm ans Bett und träufelte ihm von dem Sud, den die Köchin auf Geheiß des Arztes gekocht hatte, zwischen die aufgesprungenen Lippen. Dass Paolo trotz seiner Bewusstlosigkeit jeden Tropfen dieses Heilgebräus schluckte, bestärkte Darias aufkeimende Hoffnung, dass er seine Lebensgeister nicht gänzlich verloren hatte.

Abermals wischte sie ihm die schmierigen Wundsekrete und den Schweiß vom Leib, darauf bedacht, ihm keine Schmerzen zuzufügen. Er lag nackt vor ihr, kein Laken bedeckte seine Glieder. Die Hitze in der Kammer war ohnehin kaum auszuhalten, und da seine Haut vor Fieber brannte, mochte sie ihm nicht noch zusätzliche Wärme durch eine Decke zumuten. Außerdem wollte sie die scheußlichen Beulen im Auge behalten. Simon hatte ihr erklärt, dass es im Wesentlichen darauf ankam, wie diese Anzeichen der Pest sich entwickelten. »Nach außen müssen sie aufbrechen!«, hatte er betont. »Das Beste ist, sie öffnen sich von allein, anderenfalls muss man sie aufschneiden. Entleeren sie nämlich ihr tödliches Gift nach innen in den Körper, verringern sich die Aussichten auf ein Überleben beträchtlich!«

Geistesabwesend betrachtete sie ihren Stiefsohn. Sein Körper war sogar nach anspruchsvollsten Maßstäben ansehnlich, mit gut ausgebildeter Muskulatur überall dort, wo es einen Mann männlich aussehen ließ, mit langen, wohlgestalteten Armen und Beinen, kräftigen Schultern und straffer Haut. Sein Bart war, seit er krank war, wild gewuchert und hätte seinem Gesicht zweifellos einen gefährlichen Anstrich verliehen, wäre die Haut darunter nicht so bleich gewesen. Mit beiläufigem Interesse ließ Daria ihre Blicke über jenen Teil seines Körpers gleiten, der für die meisten Männer den Mittelpunkt des Lebens bildete, und sie fand, dass Paolo sogar im unschuldsvollen Zustand der Ohnmacht auch dort ein Bild der Vollkommenheit bot.

Er war mit seinen fünfundzwanzig Jahren ganz sicher Zoll für Zoll ein Mann, doch oft kam es ihr so vor, als hätte er sich seit seiner Kindheit in seinem Wesen nie gewandelt. Vielleicht lag es daran, dass sein Charakter damals schon so deutlich ausgeprägt gewesen war. Bereits im Alter von neun Jahren hatte er bedachtsam und zielstrebig auf sie gewirkt, fast erwachsen – das genaue Gegenteil von seinem Vater und seinem Halbbruder. Falls es überhaupt etwas gab, das ihm die Fassung hätte rauben können, so war es zumindest für Daria bisher nicht zutage getreten. Temperament und Gesundheit waren bei ihm gleichermaßen unverwüstlich. Er war nicht ein einziges Mal krank gewesen, seit sie ihn kannte. Wie oft hatte sie gesagt, dass er robust wäre wie ein Ackergaul? Und dann musste seine erste Erkrankung gleich die tödlichste von allen sein!

Er stöhnte und schluckte krampfartig.

»Paolo, ganz ruhig. Ich bin bei dir. Du bist krank, aber bald wird es dir besser gehen. Hier, trink ein bisschen von dem Sud, mein Junge. Es schmeckt grässlich, ich weiß, aber Simon hat behauptet, dass es hilft.« Sie hatte wie schon in der vorangegangenen Nacht den Eindruck, dass es ihn beruhigte, ihre Stimme zu hören. Vorsichtig goss sie ein wenig von dem Fiebertrank in seinen offenen Mund, und zu ihrer Erleichterung schlürfte er es auch diesmal sofort hinunter. Sie merkte, dass er mehr trinken wollte, doch sie fürchtete, er könne sich verschlucken. So tropfte sie geduldig nach und nach winzige Mengen des Suds zwischen seine Lippen, bis es ihm reichte und er wieder einschlummerte.

Irgendwann nach dem ersten Nachtläuten musste sie ebenfalls eingedöst sein, denn die Stundenkerze war ein ganzes Stück heruntergebrannt, als sie wieder zu sich kam. Ihr Körper war steif und wie zerschlagen vom langen Sitzen, obwohl sie sich einen halbwegs bequemen Lehnstuhl an das Krankenlager gerückt hatte.

Paolo hatte angefangen, zu reden. Er murmelte ohne Unterlass vor sich hin, leise, aber in zusammenhängenden Sätzen, in denen es um Schiffsbau ging. Es klang, als hielte er jemandem einen Vortrag, wie das richtige Maß von Plankenlängen zu ermitteln sei. Daria, die wenig Sinn für derlei Konstruktionsfragen hatte, registrierte in erster Linie die Tatsache, dass er überhaupt wieder redete. Jemand, der so viel sprach, konnte unmöglich im Sterben liegen! Oder waren das Fieberfantasien? Rasch nahm sie eines der brennenden Talglichter und beugte sich über ihn, um ihn zu untersuchen. Seine Haut fühlte sich nach wie vor heiß an, er hatte zweifellos immer noch Fieber. Aber es war sicher nicht mehr so hoch wie während des vergangenen Tages, und als sie ihn näher betrachtete, stellte sie fest, dass zwei weitere Beulen sich geöffnet hatten. Auch sein Atem ging ruhiger, das Rasseln beim Luftholen hatte sich deutlich verringert. Tränen der Erleichterung stiegen Daria in die Augen. Er redete nicht im Fieber, sondern im Traum!

Sie gab ihm zu trinken; anschließend befeuchtete sie Leinentücher mit frischem Wasser und legte ihm neue Wickel an. Während er trank, hatte er notgedrungen aufgehört zu reden, doch nach einer Weile sprach er wieder, und diesmal hatte es nichts mit Booten oder Schiffen zu tun.

»Muss Barozzi warnen«, flüsterte er. »Kann Guardi nicht trauen, ist zu allem entschlossen.«

»Guardi?«, versetzte sie überrascht, für einen Moment außer Acht lassend, dass ihr Stiefsohn nicht richtig bei sich war. »Du meinst Eduardo Guardi? Wer hätte ihm je trauen können! Wen will er diesmal umbringen?« Sie sagte es nur halb im Scherz. »Was hast du mit denen zu schaffen?«, setzte sie misstrauisch hinzu. »Und was hast du mit Barozzi zu tun?«

Doch er konnte sie im Schlaf nicht hören. Sie wusch ihn und überlegte dabei, ob er wirklich mit Barozzi hatte sprechen wollen, und falls ja, warum sie nichts davon wusste. Sie hielt sich zugute, eine der bestinformierten Frauen Venedigs zu sein. Wenn jemand über das, was in der Stadt geschah, Bescheid wusste, so war sie es.

Unwillkürlich fragte sie sich, wann sie ihrem Bruder zuletzt begegnet war. Es war Jahre her, mindestens vier oder fünf, vielleicht sogar noch länger, und auch dieses eine Mal war die Begegnung nur zufällig erfolgt, während einer der zahlreichen, übers ganze Jahr verteilten Andate, bei der Ippolito in der Reihe der Gildemeister mitmarschiert war. Sie gehörte einer anderen Contrada an und besuchte folglich eine andere Kirche als Ippolito Barozzi, wofür er und seine Frau vermutlich dankbar waren, denn Daria wusste, wie unangenehm es beiden war, sie zu sehen. So gingen sie seit über zwanzig Jahren getrennte Wege. Absurderweise bewegten sie sich dabei durchaus in den gleichen Kreisen. Viele Männer, die seine Gesellschaften besuchten oder mit ihm Geschäfte machten, kamen auch zu ihr, doch zugegeben hätte das in der Öffentlichkeit niemand.

Natürlich wusste sie, was für ein Leben ihr Bruder führte, obwohl er so vollständig mit ihr gebrochen hatte. Ippolito Barozzi war ein reicher und ehrenwerter Mann, ein aufrechter Christ und untadeliger Bürger mit einer ebenso untadeligen Familie, und nie hätte er seinen guten Ruf mit einer verdorbenen, sündigen Schwester befleckt. Fast lachte Daria bei dem Gedanken, dass seine Tochter ausgerechnet einen Guardi heiraten sollte, zu allem Überfluss auch noch einen, der sie niemals glücklich machen würde. Doch diese Aufwallung bitterer Schadenfreude verflog sofort.

Wie kam Paolo dazu, mit Ippolito zu sprechen?

Ein Klopfen an der Tür schreckte sie auf. Giulio schaute herein, seine Miene war ernst. Daria fuhr hoch. »Casparo?«, fragte sie besorgt.

Er nickte stumm. Entsetzt sprang sie auf. »Ich habe noch vor einer Stunde nach ihm geschaut«, stieß sie hervor. »Da ging es ihm gut!«

»Es geht ihm immer noch gut«, sagte Giulio lakonisch. »Wahrscheinlich zu gut. Vorhin erschien er oben und verlangte eines der Mädchen. Er sagte, dass er ein Mann sei und nicht sterben wolle, ohne diese Erfahrung gemacht zu haben. Wenn seine Mutter schon ein Hurenhaus betreibe, wolle auch er endlich davon etwas haben.«

»Nein!«, entfuhr es Daria.

Giulio nickte. »Doch, leider. Ich machte ihn höflich darauf aufmerksam, dass du das ganz sicher nicht erlaubst, woraufhin er wütend wurde und mich einen Stiefel leckenden Lakaien nannte sowie einen in hündischer Ergebenheit am Rockzipfel einer Frau hängenden Feigling.«

Daria rieb sich müde das Gesicht. »Also hat er es herausgefunden.«

Giulio hob die Brauen. »Dass ich dir ergeben bin?«

»Verspotte mich nicht«, fuhr sie ihn an.

»Es war klar, dass er es eines Tages erfährt«, sagte Giulio sanft. »Was hast du erwartet?«

Niedergeschlagen schüttelte sie den Kopf. »Ich hätte ihn besser abschirmen müssen. Darauf Acht geben müssen, mit wem er seine Zeit verbringt. In der letzten Zeit war er zu viel draußen! Bestimmt haben diese grässlich aufgeblasenen Nachbarsjungen irgendwelche Andeutungen gemacht!« Sie blickte argwöhnisch zum Bett hinüber. »Paolo wird ihm doch nichts davon erzählt haben, oder?«

»Nein, das glaube ich nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Früher oder später wäre es ihm ohnehin klar geworden. Was hast du dir vorgestellt? Dass du auf ewig diese Art von Geselligkeiten veranstalten kannst, ohne dass es ihm je auffällt? Du wolltest es ja ändern, aber vielleicht hast du zu lange gewartet.«

Daria biss sich auf die Unterlippe. »Du meinst, jetzt ist es zu spät?«

Casparo hatte in den letzten Jahren durchaus einige Male wissen wollen, wieso im zweiten Stock des alten Palazzo, in dem sie wohnten, mehrere junge Frauen lebten, in deren Gemächern Woche für Woche Feste gegeben wurden, zu denen sich meist nur Männer einfanden.

Daria machte sich nichts vor; ihr war seit längerer Zeit klar, dass ihre ausweichenden Antworten kaum dazu taugten, Casparos Neugier auf Dauer zu stillen, doch sie hatte diese Einsicht immer wieder erfolgreich verdrängen können und sich gesagt, dass der richtige Zeitpunkt, alles in andere Bahnen zu lenken, noch käme.

Wut stieg in ihr auf. Sie war die Witwe eines alteingesessenen Patriziers und besaß als solche durchaus ein gewisses Ansehen in der Stadt, doch das war nur der schöne äußere Schein, der von den ehrbaren Bürgern mühelos durchschaut wurde und sie nicht vor abfälligen Blicken schützte. Dabei war ihr Haus weit davon entfernt, als Bordell zu gelten. Sie bot eine erlesene Küche, hochklassige Musik und ein perfektes Luxusambiente. Ihre Mädchen hatten Stil und waren gebildet, ebenso wie sie selbst, und zu ihren Gesellschaften waren nur ausgewählte Besucher geladen, ein illustrer Zirkel, in dem Kultur und Lebensart hochgehalten wurden und längst nicht jeder willkommen war. Dennoch war sie in den Augen all jener tugendhaften Christenmenschen, die in der Kirche hinter ihrem Rücken über sie tuschelten, nichts weiter als eine teure Hure.

»Wo ist er jetzt?«, wollte sie wissen.

»Ich habe ihn wieder mit runtergebracht. Er ist zurück auf sein Zimmer gegangen und wird sicherlich fürs Erste dort bleiben.«

»Ohne Ärger zu machen? Woher dieser Sinneswandel?«

Giulio lächelte schwach, was seinem Gesicht im flackernden Licht des Kerzenscheins einen dämonischen Anstrich verlieh. »Esmeralda hatte einen ihrer Ehrfurcht gebietenden Auftritte. Deinem Sohn verschlug es jedenfalls augenblicklich die Sprache.«

»Ich kann es mir vorstellen«, sagte Daria. »Mit ihr ist nicht gut Kirschen essen, wenn sie wütend ist.«

»Wie geht es Paolo?«, wollte Giulio wissen.

»Besser. Sein Fieber ist gesunken, die Beulen brechen auf. Du musst eine Weile bei ihm wachen. Ich werde zu den Mädchen gehen, sie brauchen gewiss meinen Beistand.«

Giulio musterte sie. »Du selbst brauchst ebenfalls Beistand.« Seine Worte klangen sachlich, doch sie meinte, in seinem Blick eine Spur von Mitgefühl zu erkennen.

»Mir fehlt nichts«, sagte sie unwirsch. Sie hasste es, wenn er sie in schwacher Stimmung sah. Sie hatte ihr Leben in jeder Lage im Griff. Niemand sollte glauben, Daria Loredan könne jemals so weit verweichlichen, dass sie anlehnungsbedürftig würde.

»Zumindest brauchst du Schlaf«, meinte Giulio.

»Ein bisschen müde bin ich wohl, aber das wird vergehen, wenn ich mich bewege. Irgendwann wird diese dumme Krankheit vorbei sein, dann kann ich immer noch schlafen.«

»Mute dir nicht zu viel zu.«

»Und du hör auf, mich wie ein unmündiges Kind zu behandeln.«

»Niemand könnte auf die Idee verfallen, du wärst ein Kind. Warst du überhaupt je eines?«

»Wenn du mich so fragst: Ich erinnere mich kaum. Es ist zu lange her, und ich lebte schon immer lieber in der Gegenwart als in der Vergangenheit.«

»Vergiss die Lampe nicht.« Er reichte ihr eines der Windlichter. Sie nahm es entgegen und bedachte ihren langjährigen Leibwächter mit einem schwachen Lächeln. »Was täte ich ohne dich!«

»Was du immer tust. Deinen Weg gehen.«

Sie nickte ihm zu, bevor sie an ihm vorbei die Kammer verließ und mit raschen Schritten davoneilte.

vignetteCintia ging mit der Laterne des Räubers voran, und Lucietta folgte ihr dichtauf, die Finger in Cintias Hemd gekrallt, als würde sie ohne diesen Halt zusammenbrechen. Ihre stoßweisen Atemzüge zeigten, dass sie den Schock immer noch nicht verwunden hatte.

Cintia hingegen empfand im Nachhinein die gewaltsame Attacke durch den Einbrecher als eigenartig unwirklich, fast so, als wäre alles gar nicht geschehen. Die Dunkelheit des Hauses und die nicht minder unheimliche, alles überdeckende Stille der hohen Räume schienen sich unterdessen zu einer einzigen lauernden Gefahr zu verbinden.

Ihre Füße fanden den Weg zur Treppe in den Portego wie von allein. In diesem Haus kannte sie jeden Zoll des Fußbodens, wusste genau, an welchen Stellen Möbel standen und Türen in andere Räume führten. Ihre Finger glitten über das Geländer, das aus dick geflochtenem, seidenüberzogenem Seil bestand und an den Absätzen von bronzenen Löwenköpfen gehalten wurde. Die glatten Knäufe fühlten sich kühl an, ebenso wie der polierte Terrazzo unter ihren nackten Fußsohlen.

Die Angst vor dem, was sie vorfinden mochte, drückte ihr die Luft ab, und auf dem Weg zur großen Schlafkammer ihrer Eltern musste sie innehalten und durchatmen, weil sie fürchtete, vor lauter Angst zu ersticken. Die Rippen taten ihr dort, wo sie die Faust des Räubers getroffen hatte, immer noch bei jedem Atemzug weh, doch dieser Schmerz war nebensächlich angesichts dessen, was sie im Licht der Laterne erblickte, als sie das Schlafgemach ihrer Eltern betrat.

Ihre Mutter lag auf dem Rücken, nicht im Bett, sondern mitten im Zimmer auf dem Fußboden. Ihr Haar war aufgelöst und lag wie eine dunkle Lache um ihren Kopf herum ausgebreitet. Wie die Mädchen war sie im Unterkleid, doch das ehemals weiße Hemd war von dunklen Flecken übersät, über der Brust sogar so breitflächig, dass es aussah, als wäre es dort schwarz.

»Mutter?«, flüsterte Cintia, während sie langsam nähertrat. Ihre Mutter regte sich nicht, und als bei Cintias nächstem Schritt vollends das Licht der Laterne auf die hingestreckte Gestalt am Boden fiel, war auch zu erkennen, dass Monna Barozzi ohne jeden Zweifel tot war. Ihre gebrochenen Augen standen weit offen, und der Mund war wie in einem letzten stummen Röcheln ebenfalls geöffnet. Und unter ihrem Kinn, quer über den Hals, zog sich fast von einem Ohr bis zum anderen ein weiter Schlitz – der blutige Beweis, dass nicht die Pest, sondern ein Mord ihrem Leben ein Ende bereitet hatte.

»Mutter!«, schrie Cintia. Sie ließ die Lampe fallen, sodass die Kerze durch den Aufprall erlosch und vollständige Dunkelheit sie umfing. Lucietta schrie hinter ihr ebenfalls und geriet ins Straucheln. Sie stieß gegen Cintia und brachte sie aus dem Gleichgewicht, sodass beide Mädchen stolperten und hinfielen. Cintia fiel zu ihrem grenzenlosen Schrecken halb auf ihre tote Mutter, spürte den leblosen Körper unter sich, der starr war wie ein Stück Holz.

Lucietta, die wiederum auf Cintia gefallen war, kroch wimmernd ein Stück weg und kniete sich hin. Von erstickten Schluchzern unterbrochen, betete sie zur Heiligen Jungfrau und flehte um Hilfe. Als hätte die Muttergottes sie erhört, tauchte inmitten der Dunkelheit ein Licht auf, das schwankend näher kam.

»Hier sind wir!«, rief Lucietta beschwörend. Gleich darauf mündete ihr Ausruf in einen schrillen Schrei, denn der vermeintliche Retter war niemand anderer als ihr Peiniger, der offenbar wieder zu sich gekommen und ihnen gefolgt war. In der einen Hand trug er eines der Talglichter aus Cintias Schlafgemach, mit der anderen hielt er seinen Dolch umklammert. Er wirkte mitgenommen, aber auch über alle Maßen wütend. Mit gezücktem Messer stürzte er auf Cintia los, die ihm am nächsten stand. Mit einem Sprung zur Seite versuchte sie, dem Angriff auszuweichen, doch der niederfahrende Dolch hätte sie fraglos getroffen, hätte der Mann nicht mitten in der Bewegung innegehalten. Durch seinen aufgerichteten Körper fuhr ein Ruck, und ein lautes Ächzen entrang sich seiner Brust.

Fassungslos verfolgte Cintia, wie der Räuber in die Knie brach und den Blick auf den Mann freigab, der hinter ihm stand und soeben seine Schwertklinge aus dem Rücken seines Gegners zog. Mit einem Tritt half er nach und stieß auf diese Weise den anderen vollends nieder, bis dieser ohne jedes Lebenszeichen auf dem Boden liegen blieb. Der Neuankömmling, der in der freien Hand eine Laterne trug, beugte sich kurz über den Gefallenen, um sich zu vergewissern, dass aus dieser Richtung keine bösen Überraschungen mehr drohten, dann wandte er sich Cintia zu. »Es scheint, als wäre ich gerade noch rechtzeitig gekommen.«

»Niccolò!«, stammelte Cintia. »Was tust du denn hier?«

Der Bruder ihres künftigen Gatten lächelte, einen Ausdruck reinen Triumphs im Gesicht. »Dich retten.« Er stellte die Lampe zu seinen Füßen ab, schob das Schwert zurück in die Scheide und streckte ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen.

Sie ließ sich von ihm hochziehen, und als sie schwankte, hielt er sie bei den Schultern fest.

»Das alles war zu viel für dich«, bemerkte er. »Du musst dich ausruhen!«

Er hob die Lampe wieder auf und führte sie vom Leichnam ihrer Mutter weg, an Lucietta vorbei, die immer noch auf dem Boden hockte und vor sich hinschluchzte. Cintia löste sich aus Niccolòs Griff und stolperte weiter, zu dem großen Pfostenbett in der Ecke des Raumes. Dort blieb sie stocksteif stehen.

Niccolò war ihr eilig gefolgt. »Herr im Himmel! Schau nicht hin!« Er schob sich zwischen Cintia und das Bett, doch sie trat einfach einen Schritt zur Seite.

»Vater«, flüsterte sie. Zitternd hielt sie sich am Bettpfosten fest, weil sie sonst vor Entsetzen zusammengesunken wäre. Es stand außer Frage, dass man auch ihn ermordet hatte. Seine Kehle klaffte wie bei Cintias Mutter von einem mörderischen Schnitt, aus dem genug Blut geflossen war, um die Kissen unter seinem Kopf schwarz wirken zu lassen.

Cintia konnte sich nicht länger aufrecht halten. Sie brach neben dem Bett in die Knie, die Hände vors Gesicht geschlagen. Dumpfe, abgehackte Schreie drangen an ihr Ohr, und erst nach einer Weile erkannte sie, dass es ihre eigenen waren. Nur undeutlich wurde sie gewahr, dass Niccolò sie abermals hochzog. Halb ziehend, halb schleppend verfrachtete er sie aus der Kammer in den Portego und drängte sie dort, sich auf dem langen, steiflehnigen Prachtsofa niederzulegen.

»Ruh dich aus«, sagte er. »Du musst keine Angst mehr haben. Solange ich mich um dich kümmere, kann dir nichts geschehen.«

vignetteWildes Glücksempfinden durchströmte ihn, während er das Mädchen betrachtete. Noch nie hatte er sich so mächtig gefühlt, beinahe kam er sich vor wie ein siegreicher Held am Ende einer gewonnenen Schlacht. Er hatte Cintia vor dem sicheren Tod bewahrt!

Der Schock hatte sie benommen gemacht; sie lag stumm und zitternd auf dem Sofa und schaute unter den gesenkten Lidern hindurch ins Leere. Besorgt fragte er sich, ob sie womöglich auch bereits an der Pest erkrankt war, doch keine Macht der Welt hätte ihn jetzt dazu gebracht, sie im Stich zu lassen. Er hinkte in den Schlafraum zurück und brachte Lucietta dazu, sich hochzurappeln und ihm in den Portego zu folgen. Sie stand ebenfalls unter dem Eindruck des Geschehenen, doch bei ihr äußerte sich der Schreck, anders als bei Cintia, in unzusammenhängendem Geheule und Gestammel. Viel Brauchbares konnte er ihr nicht entlocken. Sie und Cintia waren zwei Tage und zwei Nächte lang eingeschlossen gewesen und hatten nur anhand der Geräusche von außen erraten können, was derweil unten im Haus geschehen war. Geschrei und das Getrappel vieler Schritte hatten offenbar eine wilde Flucht der Dienerschaft aus dem Haus eingeleitet, danach war es still geworden, bis Cintia diesen Galgenstrick zu Hilfe gerufen hatte, der jetzt tot nebenan in der Schlafkammer lag.

Als Niccolò von Lucietta erfuhr, dass der Fremde Cintia mit dem Messer verletzt hatte, eilte er sofort zu ihr, um nach der Wunde zu sehen. Doch der Schnitt, den er an ihrem Arm entdeckte, stellte sich als harmlos heraus; er blutete kaum noch und würde mit einem leichten Verband schnell verheilen.

Niccolò befahl Lucietta, sich zu Cintia zu setzen und bei ihr zu bleiben, während er das Haus durchsuchte. »Wo ein Plünderer sich herumgetrieben hat, könnten noch andere sein.«

»Bitte lass uns hier nicht allein«, flehte Lucietta.

Niccolò schnitt ihr barsch das Wort ab. »Sei nicht so eine weinerliche Memme! Ich bin schnell wieder da, also reiß dich zusammen!«

Das brachte sie vorläufig zum Verstummen, doch während er zur Innentreppe ging, hörte er schon wieder ihr Schluchzen. Er durchsuchte alle Räume des Hauses, zunächst die im Ober- und Dachgeschoss, dann die Kammern, die zu beiden Seiten vom Portego abgingen, sowie schließlich das Mezzà mitsamt den Vorrats- und Arbeitsräumen beidseits des Andron. In einer der Gesindeschlafkammern fand er die Leiche einer Frau mittleren Alters, der Kleidung und den sichtbaren Habseligkeiten nach zu urteilen offenbar eine Küchenmagd. Die anderen Räume waren allesamt menschenleer. Nach dem unvermuteten Ausbruch der Pest in Venedig war die Ca’ Barozzi nicht der einzige Palazzo, der zum Ziel von Verbrechern geworden war. Niccolò hatte am Vortag von einem Patrizierhaushalt in San Polo gehört, von dessen Mitgliedern die Hälfte erstochen worden war, während die Pest sich die andere Hälfte holte. Das, was in den letzten beiden Tagen hier im Hause der Barozzis geschehen war, hätte zu anderen Zeiten großes Aufsehen erregt, doch unter dem Einfluss der Seuche war das sonst wohlgeordnete öffentliche Leben in der Stadt durcheinandergeraten. Ob jemand durch einen Mord oder die Pest zu Tod kam, kümmerte kaum noch jemanden. Man würde die Barozzis sowie die beiden anderen Toten in Massengräber werfen, und wenn sie Glück hatten, las ein Priester anschließend noch eine Totenmesse.

Niccolò ging zurück in den Portego, wo die Mädchen eng aneinandergeschmiegt auf dem Sofa hockten und ihn im Licht der Talgleuchte, die er ihnen hingestellt hatte, in stummer Apathie anstarrten. Beim Anblick von Cintia erfüllte ihn Beschützerdrang, während er ihre Cousine am liebsten mit rüden Worten zur Vernunft gebracht hätte. Doch dann wandte er sich rasch dringenderen Angelegenheiten zu. Ohne es den Mädchen großartig zu erklären, begann er, die Toten nach draußen zu befördern. Bald würde das nächste Pestboot auftauchen, bis dahin sollten die Leichen zur Abholung bereitliegen, womit zugleich das schlimmste Grauen aus diesem Haus verschwunden wäre.

Zuerst zerrte er den Leichnam von Ippolito Barozzi aus dem Bett, wickelte und knotete ihn fest in eines der fleckigen Laken ein und schleppte ihn Schritt für Schritt durch den Portego zur Außentreppe. Draußen stellte es sich wegen seines steifen Beins als überaus mühselig heraus, die Last die Stufen hinabzubefördern; um ein Haar wäre Niccolò dabei gestürzt. Er drehte sich zum Haus zurück und horchte ein paar Atemzüge lang; dann schubste er kurzentschlossen die Leiche die Treppe hinunter. Das dumpfe Knacken, das dabei ertönte, deutete darauf hin, dass der in Totenstarre befindliche Körper durch den Sturz beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen wurde, doch Niccolò schluckte seinen Ekel rasch herunter. Es tat ja niemandem mehr weh. Mit der Leiche von Monna Barozzi, die ebenso steif war wie die ihres Gatten, verfuhr er ähnlich. Die Magd musste schon länger tot sein; aus ihrem Körper war die Totenstarre bereits wieder gewichen, während sie bei dem Gauner, den er zuletzt nach draußen zerrte, noch nicht eingesetzt hatte. Als er endlich alle vier Leichen durch die schmale Gasse neben dem Haus bis auf die Fondamenta geschleppt hatte, war er in Schweiß gebadet und vom Blut sowie den übrigen Körpersäften der Toten beschmiert. Es widerte ihn bis in die tiefste Seele an, was er hier tun musste, doch er wusste keine andere Lösung, um das schaurige Chaos zu ordnen und auf diese Weise den Schrecken von Cintia zu lindern. Sorgfältig kontrollierte er nochmals, ob alle Leichen ordentlich eingewickelt waren und nirgends Körperteile herausschauten. Erschöpft, aber halbwegs zufrieden betrachtete er anschließend das Ergebnis seiner Bemühungen. Hastig bekreuzigte er sich über den Toten und sprach ein kurzes Gebet, mit dem er die Seelen der armen Verstorbenen zur Aufnahme in das Himmelreich empfahl. Er bat Gott um Vergebung für all ihre Sünden, und da er schon dabei war, auch gleich für seine eigenen und diejenigen all derer, die er kannte und schätzte.

Auf dem Weg zurück ins Haus zog er sein besudeltes Wams aus, doch er stank immer noch, als hätte er in den Abfällen einer Abdeckerei gewühlt. Liebend gerne hätte er sich gewaschen und umgekleidet, bevor er Cintia wieder vor die Augen trat, doch das musste zwangsläufig warten, bis die wirklich wichtigen Dinge erledigt waren.

Als er mit schmerzendem Bein die Außentreppe zum Portego hinaufgehumpelt kam, hatten sich die Mädchen von dem Sofa erhoben und warteten bereits auf ihn. Die großen Fenster an der Vorderfassade des Palazzo waren geöffnet; eine Brise fuhr durch die Loggia herein und vertrieb die stickigen Ausdünstungen von Tod und Siechtum. Die Morgendämmerung war heraufgezogen und erfüllte den großen Saal mit fahlem Licht.

Lucietta weinte immer noch leise vor sich hin. Cintia hingegen gab keinen Laut von sich. Ihr Gesicht war kreidebleich und ihr Hemd von Blut und Schweiß befleckt, doch ansonsten wirkte sie gefasst. Beinahe verwundert nahm Niccolò zur Kenntnis, wie ruhig sie war. Aufrecht stehend und mit starrer Miene suchte sie seinen Blick. Nie war sie ihm schöner erschienen als in diesem Moment. Es verlangte ihn mit solcher Sehnsucht danach, sie in die Arme zu schließen, dass er die Hände verschränken musste, um diesem Drang Einhalt zu gebieten.

»Warum ist Gregorio nicht gekommen?«, wollte sie wissen.

Er hatte mit der Frage gerechnet, doch er konnte nicht verhindern, dass er zusammenzuckte, als er sie so unvermittelt aus ihrem Mund hörte. Warum musste sie ausgerechnet als Erstes nach seinem Bruder fragen, der sich einen feuchten Kehricht um sie scherte? Erkannte sie denn immer noch nicht, was er, Niccolò, für sie tat? Schuldete sie ihm denn nicht Dank dafür, dass er sie gerettet hatte?

»Er ist weggelaufen«, sagte er mit wohlberechneter Grausamkeit. Er hätte es ihr gerne schonend beigebracht, aber sie wollte es ja unbedingt wissen.

»Was meinst du mit weggelaufen

»Oh, sicher, es gibt vermutlich mehrere Arten, wegzulaufen.« Niccolò gab sich keine Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken. »Bei meinem werten Bruder war es jene eine, die den Feigling antreibt. Er hatte ganz einfach Angst.«

»Du meinst, vor der Pest?«

Er merkte, dass sie ihm nicht glaubte, und tatsächlich hatte er nicht die volle Wahrheit gesagt. Letztere würde sie erst recht kränken, doch anscheinend gab es keinen anderen Weg, als damit herauszurücken, sonst würde sie nicht begreifen, warum die Umstände sich geändert hatten.

»Er hatte nicht nur um sich selbst Angst«, räumte Niccolò widerstrebend ein. »Sondern auch um seine Familie.«

»Um dich und deinen Vater?«, fragte Cintia stirnrunzelnd. »Weshalb sollte er deswegen weglaufen?«

»Ich meine seine richtige Familie. Er hat eine Frau und einen Sohn.«

Cintia wankte wie unter einem Schlag. »Du lügst! Wie kann er eine Frau haben? Er will mich zur Frau nehmen!«

»Er ist nicht verheiratet«, meinte Niccolò einschränkend. »Jedenfalls nicht richtig. Sie ist von niederer Geburt, nicht einmal Popolanin. Dennoch ist sie mehr als eine Mätresse für Gregorio. Er ist so oft bei ihr und dem Kind, wie er nur kann.« Er blickte Cintia aufmerksam an, damit ihm nicht die geringste Regung in ihren Zügen entging. Wiederum empfand er Bewunderung, weil ihr Mienenspiel kaum etwas von dem inneren Aufruhr preisgab, den er mit seiner Erklärung bei ihr ausgelöst haben musste.

Bevor sie weitere Fragen stellte, fuhr er rasch fort: »Als die Pest in der Stadt ausbrach, hat er sich sofort aufgemacht und ist zu ihr geeilt, um sie und den Kleinen in Sicherheit zu bringen.«

Niccolò bemerkte die Fassungslosigkeit in ihrem Blick. Der Anflug leiser Genugtuung, den er dabei spürte, verging sofort, denn es war nicht zu übersehen, wie sehr diese Nachricht sie schockierte. Nach allem, was sie hatte durchmachen müssen, war dies zweifellos nicht der schlimmste Schicksalsschlag, aber sicherlich einer, der ihr nun auch noch den letzten Funken Hoffnung raubte. Ihm wurde klar, dass ihre Gefasstheit nur aufgesetzt war, das Ergebnis mühsamer Beherrschung. Wiederum hätte er sie gern umarmt, diesmal, um sie zu trösten, doch er ahnte, dass sie dergleichen gerade jetzt sicherlich kaum ertragen könnte. Folglich flüchtete er sich in Erklärungen, damit sie das Ganze besser verstand – und möglichst rasch erkannte, dass sie trotz allem eine Zukunft hatte.

»Er kennt sie schon seit Jahren und liebt sie über alles, ebenso wie seinen Sohn. Bestimmt kommt er vorläufig nicht wieder, zumindest nicht, solange hier in der Stadt die Pest grassiert.« Abwägend blickte er sie an. »Ich werde nicht ins Kloster gehen, Cintia. Nachdem Gregorio weg war, hatte ich mit Vater noch eine längere Unterhaltung deswegen.« Er verschwieg, dass sein Vater seiner Forderung, nicht ins Kloster einzutreten, keineswegs zustimmend gegenüberstand, sondern ihm lediglich wortlos zugehört hatte. Jene Wortlosigkeit wiederum war vermutlich in erster Linie auf ein Übermaß an Schnaps zurückzuführen, in welchem Eduardo Guardi seinen Zorn über Gregorios unvermutetes Verschwinden hatte ertränken wollen. Wieder nüchtern, hatte er sich nicht mit Niccolòs erneut vorgetragenen Argumenten befasst, sondern war unverzüglich aufgebrochen, um Gregorio zurückzuholen. Indessen war das letzte Wort in dieser Sache noch längst nicht gesprochen, so viel stand für Niccolò fest. Ins Kloster würde er jedenfalls nicht gehen.

Er räusperte sich. »Kurz und gut, mit Gregorio kannst du nicht mehr rechnen, zumindest nicht als Ehemann. Das ist eine Tatsache, der du ins Auge sehen musst. Allerdings brauchst du keinesfalls auf den Schutz der Guardis zu verzichten. Unsere Familie steht zu ihrem Wort. Mit einer gewissen ... Änderung.«

In angespannter Erwartung blickte er sie an. Gleichzeitig ballte er die Hände zu Fäusten, weil er Luciettas fortwährendes Heulen nicht länger ertrug. Nur zu gern hätte er sie gepackt und geschüttelt, damit dieses Gewinsel ein Ende nahm.

Verunsichert beobachtete er Cintia, denn er meinte, in ihren Zügen Unwillen zu bemerken. Damit lag er richtig, wie er gleich darauf erkannte, denn aus ihren nächsten Worten sprach unverhohlener Zorn. »Eine Änderung?«, fuhr sie ihn an. »Was für eine Änderung?«

Er sammelte sich, um Worte zu finden, die ihren Ärger nicht noch mehr schürten. Doch Lucietta kam ihm zuvor. Es zeigte sich, dass sie trotz ihres ständigen Gejammers sehr genau zugehört hatte, denn sie meinte mit ungläubiger Miene: »Ich glaube, er will dich heiraten!« Zu Niccolòs grenzenloser Wut kicherte sie kurz, ein Laut, der gleich darauf in ausgedehntes Schniefen überging. Mit großen Augen sah sie ihn dabei an, als bemerkte sie ihn zum ersten Mal. »Du kannst Cintia nicht heiraten. Dein Vater wird das niemals erlauben.«

»Das werden wir ja sehen«, sagte er angriffslustig.

»Und selbst wenn er zustimmt, kann daraus nichts werden«, fuhr Lucietta fort. »Cintias Eltern sind nicht mehr da. Ohne die Genehmigung eines Vormunds wird sie niemanden heiraten können.«

»Es wird sich alles finden«, sagte er mit größtmöglicher Gelassenheit.

»Nichts wird sich finden.« Cintia verschränkte die Arme vor der Brust, als würde sie frieren. »Du redest Unsinn. Ich empfinde für dich höchstens wie für einen Bruder.«

»Du könntest lernen ...«

Sie schnitt ihm das Wort ab. »Schweig! Meine Eltern sind tot! Und du kommst hier herein und nutzt mein Entsetzen und meine Schwäche aus, erzählst mir Schauermärchen über deinen Bruder und willst mich gleichzeitig dazu bringen, dich zu heiraten. Was Gregorios angebliche Mätresse angeht: Ich glaube dir kein Wort, jedenfalls so lange nicht, bis ich selbst mit ihm über alles gesprochen habe!« Zorn und Empörung schwangen in ihrer Stimme mit. »Und was meine Eltern betrifft – sie sind ermordet worden, das habe ich genau gesehen! Warum hast du sie überhaupt zum Kanal gebracht? Sie sind nicht an der Pest gestorben! Ich will nicht, dass sie in ein Massengrab kommen! Sie sollten hergerichtet und in der Kirche aufgebahrt werden! Unser Priester muss benachrichtigt werden, Pater Enzo! Er soll herkommen und sich um alles kümmern!«

»Alle Toten aus einem Pesthaus müssen von amtlichen Leichensammlern abgeholt werden«, sagte Niccolò, mühsam gegen seine Enttäuschung über ihre Reaktion ankämpfend. »Das ist Vorschrift. Und Totenwachen sind verboten, Aufbahrungen in der Kirche ebenfalls. Aber ich werde mich um eine ordentliche Beisetzung deiner Eltern bemühen und rede deswegen mit dem Priester. Versprechen kann ich jedoch nichts.«

Lucietta mischte sich ein. »Immerhin ist der Mörder durch deine Hand gestorben und hat damit seine Strafe bereits erhalten. Das hast du wirklich gut gemacht. Du bist sehr tapfer, obwohl du eigentlich noch ein Junge bist!« Gleich darauf schwächte sie ihr Lob weiter ab. »Der Kerl hat Wertsachen aus dem Haus geschleppt und in seine Gondel geworfen, das solltest du rasch hereinholen, bevor ein anderer Gauner es findet.«

Niccolò hatte sich bereits zum Gehen gewandt, um seine Wut und seine Enttäuschung zu verbergen. »Ich lege das Diebesgut auf die Treppe«, sagte er mit abgewandtem Gesicht. »Und dann gehe ich zu diesem Pater und rede mit ihm.«

Er war schon bei der Tür, als Cintias Stimme ihn innehalten ließ. »Niccolò?«

Zögernd drehte er sich zu ihr um. Barfuß und in ihrem zerrissenen, schmutzigen Hemd stand sie mitten im Raum, eine reglose Gestalt. Die Sonne war aufgegangen und umhüllte den zierlichen Körper mit einer Gloriole aus Licht. Sie war unnatürlich bleich, ihre Augen waren kummervolle Seen. Es presste ihm das Herz zusammen, weil er es kaum ertragen konnte, sie so zu sehen.

Sie blickte ihn unverwandt an. »Ich habe etwas vergessen.«

»Was?«, fragte er atemlos.

»Dir zu danken. Ich stehe tief in deiner Schuld. Du hast mir das Leben gerettet.«

»Das würde ich immer wieder tun«, sagte er einfach. »Solange ich lebe.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab und hinkte hinaus.

vignetteKaum war er fort, ließ Lucietta wieder ein ersticktes Schluchzen hören. »Jetzt sind wir allein und ohne Schutz! Wir hätten ihn bitten sollen, bei uns zu bleiben!«

Cintia fuhr zu ihr herum. »Wenn du jetzt nicht endlich mit diesem Geflenne aufhörst, werde ich wahnsinnig!«

Lucietta prallte sichtlich zurück vor Schreck. Immerhin stellte sie das Weinen ein. Mit einem Zipfel ihres Hemdes rieb sie sich das Gesicht ab. »Es tut mir leid, wenn ich dich mit meiner Trauer störe.« Sie brachte es fertig, dass ihre Erwiderung nicht nur leidend, sondern zugleich auch schnippisch klang.

»Und was ist mit mir?«, fragte Cintia mit zitternder Stimme. »Es sind immerhin meine Eltern, die gestorben sind!«

Lucietta schluckte merklich. »Mein armes Lämmchen, du hast ja so recht! Du bist von uns beiden eigentlich diejenige, die Tränen vergießen sollte!«

Cintia fragte sich, ob sie hier einen Vorwurf heraushörte. Tatsächlich verspürte sie kein Bedürfnis, zu weinen. Eher fühlte sie sich nach den Vorfällen der vergangenen Nacht wie erstarrt, als wäre ihr Körper inwendig aus Eis, das ihr ganzes Sein bei der leisesten falschen Bewegung in Stücke zersplittern lassen könnte. Das Grauen über den Tod ihrer Eltern lähmte sie, und das, was Niccolò ihr über Gregorio erzählt hatte, tat ein Übriges. Hinzu kam die körperliche Erschöpfung, die, anstatt nachzulassen, stetig zunahm. Ihr ganzer Leib bestand nur noch aus Schmerz.

»Ich muss mich ausruhen«, murmelte sie.

»Du kannst dich unmöglich so hinlegen«, wandte Lucietta ein. »Sieh nur, wie du aussiehst! Willst du in dieser Verfassung erscheinen, wenn Niccolò später mit Pater Enzo zurückkommt? Wir müssen uns waschen und ankleiden.«

Cintia sah ein, dass ihre Cousine recht hatte. Gemeinsam gingen sie in die Küche, um dort Wasser zum Waschen zu erhitzen. Als sie den Raum betraten, schlug ihnen fauliger Gestank entgegen. Im kalten Kochkamin hingen Töpfe, in denen sich das Essen zersetzte, und auf dem großen Tisch und den Anrichten lagen schimmelnde Nahrungsreste.

Lucietta blickte sich voller Ekel um. Dann schaute sie nicht minder angewidert an sich herunter. »Ich würde so gern ein Bad nehmen! Ich fühle mich so ... beschmutzt!«

Cintia erging es nicht anders. Allein die Vorstellung, in einem Badezuber mit heißem Wasser all die Schmerzen und das Blut abwaschen zu können, war bereits eine Wohltat. Doch noch lieber hätte sie sich einfach nur ins Bett gelegt, um zu schlafen und so all das Schreckliche zumindest zeitweilig zu vergessen.

»Wir müssen Wasser heiß machen«, sagte Lucietta mit zweifelndem Blick auf das Ungetüm von Wasserkessel.

»Dazu müssten wir erst den Kamin anheizen«, erwiderte Cintia.

Bisher waren sie nur sehr selten in der Küche gewesen, und bei diesen wenigen Gelegenheiten hatten sie sich zumeist darauf beschränkt, die Küchenmägde um Leckereien anzubetteln. Noch seltener hatten sie beim Zubereiten der Speisen zugeschaut. Beide hatten sie hier niemals auch nur einen einzigen Handschlag getan und hatten folglich nicht die geringste Ahnung von Küchenarbeit; nicht einmal so elementare Vorgänge wie das Kochen von Wasser waren ihnen vertraut.

Immerhin schafften sie es ohne größere Schwierigkeiten, an dem Ziehbrunnen, der an die auf dem Campo hinter dem Haus liegende Zisterne angeschlossen war, genug Wasser zu schöpfen, um zwei Kübel zu füllen. Sie wuschen sich in der Küche, weil sie wenig Lust verspürten, das Wasser nach oben in ihre Zimmer zu schleppen. Cintia bekam dabei zum ersten Mal eine ungefähre Vorstellung davon, welche Arbeit damit verbunden war, für all die vielen kleinen und größeren Annehmlichkeiten zu sorgen, die sie von jeher für selbstverständlich gehalten hatte. Allein das Hieven des vollen Kübels kostete so viel Kraft, dass ihr überall der Schweiß ausbrach. Anschließend bereitete es ihr fast ebenso viel Mühe, sich von Kopf bis Fuß zu waschen. Beim Bücken tat ihr alles weh, vor allem aber der Kopf, in dem die Marangona zu hämmern schien.

»Ich habe solchen Hunger!«, sagte Lucietta, die ihre Waschungen beendet hatte und nun durch die Küche schlenderte. »Aber von diesem ganzen Zeug, das hier herumliegt, kann man bestimmt nichts mehr essen. Es stinkt furchtbar!« Auf der Suche nach genießbarer Nahrung wühlte sie in der angrenzenden Vorratskammer herum und kam mit einem halben Schinken zurück. »Schau nur, der sieht gut aus.« Sie stöberte herum und fand ein Messer. »Soll ich dir auch ein Stück abschneiden? Wir können Zwieback dazu essen, in der Speisekammer ist welcher. Oh, und ich habe auch Wein entdeckt. Ich mache uns einen Krug auf, ja?«

Cintia ließ sich auf einen Schemel sinken und stützte den schmerzenden Kopf in die Hände. Hatte sie vorhin noch geschwitzt, so war ihr jetzt eiskalt. Es kam ihr vor, als hätte sie mit dem Waschen ihre letzten Kräfte verbraucht. Durst hatte ihre Kehle ausgedörrt, und gierig trank sie von dem verdünnten Wein, den Lucietta ihr reichte – nur um nach wenigen Schlucken ruckartig den Becher abzusetzen.

Wie kann ich hier sitzen und trinken, als wäre mein Durst wichtiger als meine toten Eltern?

Wie bei einem Kaleidoskop wechselten in ihrem Kopf die Bilder. Ihre Mutter, tot auf dem Boden. Ihr Vater, ebenso leblos auf dem Bett. Das geronnene Blut in den aufgeschlitzten Kehlen ... Sie würgte und spie den letzten Schluck von dem Wein wieder aus.

Abermals wurde sie von einem Würgen geschüttelt.

»Hier, du musst auch was essen.« Lucietta schob ihr ein Brett mit einer Scheibe Schinken hin.

Der intensive Geruch des Geräucherten verursachte Cintia erst recht Übelkeit. Sie wandte sich ab. »Mir ist nicht gut. Ich habe keinen Hunger.«

»Keinen Hunger?«, wiederholte Lucietta ungläubig und mit vollen Backen kauend. »Du hast gestern schon kaum was gegessen! Wahrscheinlich fühlst du dich deswegen so miserabel. Iss nur rasch ein paar Bissen, dann kommst du auf andere Gedanken!«

Anstelle einer Antwort legte Cintia den Kopf auf die verschränkten Arme. Sie war so erschöpft, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Ihre Eltern ... All das Blut ...

Nur einen Augenblick ausruhen, dachte sie. Wenn mir nur nicht der Kopf so wehtäte!

Dann verschwammen ihre Gedanken, bis nichts mehr übrig war außer dem Schmerz und der Kälte.

Das Nächste, was sie wieder wahrnahm, war ein schriller Aufschrei, der von Lucietta stammte. Die Stimme schmerzte ihr in den Ohren und verstärkte das Hämmern in ihrem Kopf.

»Du bist kochend heiß!«, stammelte Lucietta dicht neben ihr. »Du bist ... krank! Oh, Herr im Himmel, bitte lass es nicht die Pest sein!« Sie schluchzte laut auf, und Cintia hätte ihr gern verboten, schon wieder zu heulen, doch ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Ich werde sterben, dachte sie seltsam teilnahmslos. Der Räuber hat mich nicht erwischt, aber dafür die Pest. Ob irgendwer um sie trauern würde? Lucietta vielleicht, sie würde zumindest eine Weile weinen, so wie sie es immer tat. Und Niccolò möglicherweise, denn er hatte sie heute wieder so angesehen, als bedeute sie ihm etwas.

Gregorio? Nein, der gewiss nicht. Er hatte ja schon eine Frau, die er liebte und um die er sich kümmerte.

Ihre Eltern hätten um sie getrauert, sehr sogar, davon war Cintia überzeugt. Doch nun waren sie tot und konnten keine Tränen mehr vergießen. Dafür würden sie vielleicht im Himmelreich auf sie warten. Bald war sie bei ihnen, dann war alles wieder gut ...

Abermals hörte sie Lucietta schreien, diesmal weiter weg. »Zu Hilfe! So helft uns doch! Wir sind hier ganz allein! Niemand kümmert sich um uns!«

Das waren die letzten Worte, die Cintia verstand. Bei ihrem nächsten Atemzug versank die Welt unaufhaltsam in einem tintenschwarzen Nichts.

vignettePaolos bewusste Wahrnehmungen kehrten nur langsam zurück. Seine Glieder fühlten sich an, als seien sie allesamt gebrochen und unvollständig wieder zusammengewachsen. In der Leiste und unter einer Achsel brannte und zog es wie von Messerwunden. Sein Kopf steckte in einer zu engen Schraubzwinge, und in seinem Mund hatte sich die Zunge in modriges Leder verwandelt.

Er gab es rasch auf, seine Schmerzzustände näher zu ergründen. Stattdessen konzentrierte er sich auf sein Gehör, das ebenfalls nach und nach wiederkehrte. Der Widerhall von Glockengeläut drang an seine Ohren, und unwillkürlich zählte er die Schläge – es läutete zur Terz.

Zugleich wurde ihm klar, dass er krank sein musste, denn er roch brennende Kräuter. Es gab kaum etwas, das er mehr hasste. Von Kind an brachte er diesen Geruch mit Krankheit und Tod in Verbindung. In der Zeit, als seine Mutter im Sterben lag, hatten immer Kräuter in ihrem Zimmer gebrannt. Im Rückblick kam es ihm oft vor, als hätte ihr Sterben eine Ewigkeit gedauert, und in all diesen endlosen, quälenden Wochen hatte sie nach Luft gerungen, gehustet und gestöhnt, während das Haus von diesem Geruch erfüllt war.

»Muss ich sterben?« Die Laute kamen aus seiner eigenen Kehle, also stammten sie von ihm selbst, doch für Paolo hörte es sich an wie das Ächzen eines verendenden Tiers.

»Da du in der Lage bist, danach zu fragen, bestehen gute Aussichten, dass du es nicht musst«, sagte eine Frauenstimme in der Nähe seiner Füße. Immerhin, diese Stimme kannte er, sie hörte sich an wie immer, nur sehr erschöpft.

»Daria«, flüsterte er. »Was ist los mit mir?«

»Du hast die Pest.« Sie hielt inne. »Hast du Durst? Warte, ich gebe dir zu trinken.«

Er spürte, wie sie sich über ihn beugte. Eine widerlich bitter schmeckende, lauwarme Flüssigkeit wurde ihm zwischen die Lippen geträufelt. Sein Durst war jedoch tatsächlich gewaltig, er schluckte alles, was ihm in den Mund lief, obwohl er es wegen des scheußlichen Geschmacks am liebsten sofort ausgespien hätte.

»Dieser Gestank ...«

»Es tut mir leid, mein Junge, aber Pestkranke verbreiten nun mal keine Wohlgerüche. Ich habe dich gewaschen, so gut es ging, und in der letzten Nacht hat Giulio sogar dein Bett bezogen, aber ...«

»Es sind die ... Kräuter. Sie stinken.«

»Oh. Nun ja. Im Grunde bin ich da ganz deiner Meinung, weißt du. Simon hat jedoch darauf bestanden, dass wir sie abbrennen. Hm, ich denke, sie haben ihren Dienst getan.«

Er hörte sie rascheln und dann zur Tür gehen. Gleich darauf ließ der durchdringende Kräuterdunst nach. Paolo zwang sich, die Augen zu öffnen. Er lag in seinem Bett, wie er sofort an der Umgebung erkannte. Im Zimmer herrschte mattes Dämmerlicht, da die Läden geschlossen waren. Die Luft war stickig und heiß, und tatsächlich stammte der Gestank nicht nur von den Kräutern. Er konnte nicht umhin festzustellen, dass auch er selbst widerwärtig roch, wie etwas, das längst verwest und aus der Erde ausgegraben worden war. Außerdem hing ein deutlicher Essiggeruch in der Luft, der jedoch die Ausdünstungen seines Leibes nicht überdecken konnte.

»Wie lange ...?«, brachte er mühsam heraus.

Daria erschien in seinem Blickfeld. Sie sah aus wie immer, bis auf den Zug von Müdigkeit um Mund und Augen. Sie wirkte beherrscht, doch er kannte sie lange genug, um den Ausdruck von Erleichterung zu erkennen.

Sanft legte sie die Hand auf seine Schulter. »Du warst zwei Tage und zwei Nächte ohne Bewusstsein. Davor musst du auch schon krank gewesen sein, denn du warst in der Nacht, bevor sie dich brachten, nicht hier. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil es nicht deine Art ist, die ganze Nacht wegzubleiben.«

Paolo erinnerte sich nur bruchstückhaft an jene Nacht. An den Wein, den er getrunken hatte, um die Kopfschmerzen zu vertreiben. An die verschwörerische Unterhaltung, die er belauscht hatte. An die Gefahren, gegen die er hatte ankämpfen wollen. Doch all das war weit weg, fast so, als sei es Jahre her. Die Erinnerung an diese Ereignisse war im Nebel des Fiebers gefangen, nur einzelne Fetzen wurden beim Nachdenken erkennbar, ohne dass ihm ein Gesamtbild vor Augen trat. Er würde sich später genauer damit befassen, vielleicht fiel ihm dann alles wieder ein.

»Ippolito Barozzi«, sagte er krächzend.

»Was ist mit ihm?«

Er hatte den Eindruck, dass ihre Stimme reserviert klang.

»Ich wollte dringend zu ihm, das weiß ich noch. Danach ist alles weg.«

»Du hattest Glück, dass du einer der Ersten warst.«

»Der Ersten wovon?«

»Der Pestkranken. In diesen Tagen werden die meisten von ihnen, die man auf der Straße findet, gleich auf die verfluchte Insel gebracht, wo sowieso alle sterben. Ippolitos Gondoliere brachte dich hierher, das war dein Glück.«

Auch daran erinnerte sich Paolo wieder. Und daran, dass er Barozzis Tochter gesehen hatte, die schwarzhaarige Cintia, deren Verlobung an jenem Abend verkündet werden sollte.

»Was hast du mit meinem Bruder zu schaffen?«, fragte Daria unvermittelt.

»Ich ... weiß nicht«, murmelte er kraftlos. Im Moment wusste er es wirklich nicht, und überdies sagte ihm eine innere Stimme, dass er, selbst wenn er sich erinnert hätte, es Daria nicht unbedingt mitteilen sollte.

Er fragte nach Casparo. Daria berichtete von den Eskapaden des Jungen und behauptete, es sei einfacher, einen Sack voller Flöhe zu hüten als den Knaben. Sie habe ihn kurzerhand eingeschlossen. Anschließend erzählte sie, was sich in der Stadt ereignet hatte, seit er an der Pest erkrankt war. Ganz Venedig befand sich in Aufregung, überall herrschten Furcht und Chaos, nachdem in mehreren Sestieri gleich am ersten Tag des Ausbruchs Dutzende von Pestfällen gemeldet worden waren. In den folgenden Tagen war die Anzahl der Erkrankten auf ein Mehrfaches angestiegen, das Pestboot durchfuhr ständig alle großen Kanäle. Der reguläre Schiffsverkehr war eingestellt worden, vor allem die einlaufenden Schiffe waren strengsten Quarantänevorschriften unterworfen.

»Wird im Arsenal noch gearbeitet?«, wollte Paolo wissen.

Daria zuckte die Achseln. »Das kann ich dir nicht sagen. Offen gestanden bin ich in den letzten Tagen nicht viel herumgekommen, ich war die meiste Zeit hier bei dir. Das, was ich gehört habe, weiß ich von Simon, der seither drei Mal kam.« Sie seufzte. »Eines der Mädchen ist gestorben, eine ist krank, aber es scheint so, als käme sie durch. Natürlich können auch die anderen noch erkranken, von daher können wir alle erst aufatmen, wenn dieser Pestausbruch vorüber ist. Simon hat gemeint, es könne ebenso gut Wochen wie Monate dauern, möglicherweise bis zum Winter. Seiner Meinung nach ist es schneller vorbei, wenn alle Kranken strikt zu Hause bleiben und die Pflegekräfte viel Essig verwenden.«

»Du scheinst große Stücke auf diesen Arzt zu halten.« Paolo merkte, dass seine eben erst erwachten Lebensgeister sich bereits wieder verabschieden wollten.

»Nun, einen Besseren kenne ich nicht. Bis jetzt hatte er immer recht.«

»Hat er gesagt, was ich tun kann, um schneller wieder gesund zu werden?«, murmelte Paolo.

»Möglichst viel von dem Sud trinken und das Bett hüten.«

»Wie lange dauert diese Krankheit?«

»Bis du gesund bist«, erwiderte Daria pragmatisch. »Hier, trink noch etwas. Und dann solltest du ruhen.«

Dazu brauchte Paolo keine besondere Aufforderung. Er musste sich schnellstmöglich erholen, um das zu erledigen, woran ihn die Krankheit gehindert hatte. Ihm war soeben wieder eingefallen, warum er Ippolito Barozzi hatte sprechen wollen.

Mit letzter Kraft trank er von dem scheußlichen Gebräu, bevor er wieder in einen unruhigen und von unangenehmen Träumen durchsetzten Schlummer fiel.

vignetteDie Ereignisse nach Cintias Zusammenbruch waren, wie Lucietta später behaupten sollte, von einer Verkettung unseliger Zufälle beeinflusst. Ein Seuchenarzt, der im Auftrag der Signoria mit seinen beiden Gehilfen die Pesthäuser aufsuchte, kreuzte mit seinem Boot auf dem Canalezzo, als Lucietta von der Fondamenta aus um Hilfe rief. Er hörte sie schreien und legte vor der Ca’ Barozzi an. Ein Blick auf die Toten, die dort säuberlich in Leinen gewickelt aufgereiht lagen, reichte ihm, um seine Schlüsse zu ziehen. Als seine Gehilfen gleich darauf einen weiteren Pesttoten in der Gondel im Wassersaal entdeckten, bestätigte sich seine Annahme, dass es diesen Haushalt schwer getroffen hatte. Die junge Frau, die ihn um Hilfe anflehte, war körperlich in gutem Zustand, doch um ihre Beherrschung war es schlecht bestellt. Die Entdeckung des Toten im Wassersaal – der jungen Frau zufolge war er der Gondoliere der Familie – hatte sie vollends um ihre Fassung gebracht. Der Arzt konnte es ihr nicht verdenken. Der Leichnam des Alten war schwarz angelaufen vor Pestflecken und überdies in der Sommerhitze aufgedunsen. Fliegen umschwärmten den Toten, als die Gehilfen des Arztes ihn zu den übrigen Leichen schleppten und dort ablegten.

Die junge Frau ließ sich unterdessen kaum beruhigen. Es bedurfte einer Menge guten Zuredens, bis der Arzt endlich ihrem Gestammel eine vernünftige Aussage entnehmen konnte. Er erfuhr, dass es eine weitere Kranke im Haus gab, was wiederum seine Beurteilung der Lage festigte. Das Mädchen, zu dem sie ihn gleich darauf führte, war tatsächlich schwer krank, von der Seuche bereits gezeichnet. In ihrem Nacken saß eine der tückischen Beulen, in denen sich das tödliche Gift dieser Krankheit sammelte. Flüchtiges Bedauern erfasste ihn, als er sah, wie jung und schön sie war. Doch gerade die Jungen und Starken wurden weit häufiger Opfer der Seuche als die Älteren, der Herrgott allein wusste, warum. Der Arzt seufzte unter seiner schnabelartigen Maske, die ihm, ebenso wie der lederne, bodenlange Mantel, das Atmen erschwerte und ihn in seinem eigenen Schweiß beinahe ersticken ließ. Er erkundigte sich bei der jungen Frau, ob es Angehörige gebe, die über den Verbleib des Mädchens in Kenntnis zu setzen seien, und als sie das nach kurzem Nachdenken verneinte, befahl er seinen Gehilfen, die Kranke auf das Boot zu tragen. Anschließend wies er die junge Frau an, ein paar Kleidungsstücke und Decken einzupacken.

»Nehmt nicht mehr, als Ihr tragen könnt. Und steckt Geld ein, falls Ihr welches besitzt.«

Sie eilte ins Haus, ohne Fragen zu stellen, und war bald darauf zurück, fertig angekleidet und einen Schließkorb hinter sich herziehend. Unter der Last ächzend, hievte sie den Korb auf das Boot und nahm erschöpft auf einer der Bänke Platz.

»Wollt Ihr etwa mitkommen?«, erkundigte er sich überrascht.

Erstaunt blickte sie ihn an. »Denkt Ihr vielleicht, ich bleibe mutterseelenallein in diesem Haus? Die ganze Familie ist tot, das Gesinde ist weg! Cintia und ich sind die Einzigen, die noch übrig sind!«

»Habt Ihr denn keine Verwandten, zu denen Ihr gehen könnt? Ihr könntet auch ... nun ja, einfach hierbleiben. Ihr seid nicht krank.«

»Ich würde niemals allein hierbleiben! Letzte Nacht wollte uns ein Räuber töten! Es könnte wieder einer kommen, und wer steht mir dann bei?« Entschieden schüttelte sie den Kopf. »Keine Macht der Welt wird mich von Cintia trennen. Sie ist alles, was ich in diesem Leben noch habe. Ich würde ihr bis in die Hölle folgen, wenn es sein muss.«

Der Arzt nickte verständnisvoll. Nicht wenige Menschen entschlossen sich, ihre Angehörigen auf dieser unausweichlichen und oftmals zugleich letzten Reise zu begleiten.

»Wo bringt Ihr uns denn hin?«, wollte die junge Frau wissen.

»Zum Lazzaretto Vecchio. Das ist ein Ort für Pestkranke.«

»Ist sie ... Hat Cintia die Pest?«

»Nun ja, leider.«

Das verschlug ihr nachhaltig die Sprache. Wie vom Donner gerührt saß sie da, eine von zu viel Leid gezeichnete junge Frau, die unter anderen Umständen wie das blühende Leben selbst ausgesehen hätte. Der Arzt erwartete einen weiteren Tränenausbruch, aber sie blieb stumm und reglos auf ihrem Platz sitzen. Hin und wieder zitterten ihre Lippen, doch sie gestattete sich keinen Laut. Abermals verspürte der Arzt Mitleid. Er hatte eine Tochter, die ungefähr im Alter dieser jungen Frau war. Sie hatte bereits zwei Kinder, und die Angst, ihr und den Kleinen könne etwas geschehen, begleitete ihn schon seit Tagen, seit dem unerwarteten Ausbruch der Seuche, die das Leben in der Stadt so nachhaltig zu verändern im Begriff war wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, dem letzten schlimmeren Pestjahr. Damals war er noch ein junger Mann gewesen, aber er erinnerte sich noch sehr gut an die unzähligen Toten, die es in Venedig damals zu beklagen gab.

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