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Die Liebe wagt alles

1. KAPITEL

Unten auf dem Couchtisch klingelte Jacks Handy, als er sich gerade langsam und vorsichtig anzog. Barfuß und fluchend lief er mit dem T-Shirt in der Hand die Treppe hinunter. Zu schnell – er stieß mit der Schulter gegen die Wand. Die halb verheilte Wunde an seiner linken Seite schmerzte heftig, als er endlich das Telefon erreichte.

Mit zusammengebissenen Zähnen knüllte er das T-Shirt zusammen und erkannte Terris Stimme am Ende der Leitung.

„Oh, habe ich dich aus dem Bett geholt?“, gurrte sie unschuldig, doch der leicht verächtliche Unterton war nicht zu überhören.

Ja, Terri, ich weiß. Du hältst mich für faul, weil ich um halb acht noch nicht auf den Beinen bin. Terris neuer Ehemann Jay hingegen stand jeden Tag um sechs Uhr auf und ging eine Stunde ins Fitnessstudio. Und zwischen Powerfrühstück und Lunch verdiente er ein paar Millionen Dollar.

„Ich stand unter der Dusche“, erklärte Jack. Seine Verletzung brannte noch immer wie Feuer. Er sollte seine Zeit nicht damit verschwenden, die Meinung seiner Exfrau über ihn zu ändern. Was sie von ihm hielt, war seit der Scheidung ohnehin klar.

Das Einzige, was sie noch miteinander verband, war Ryan, und er war Jack wichtiger als alles andere. Ryan stand für ihn an erster Stelle.

Vorsichtig holte er Luft, ging langsam auf den alten Holzdielen auf und ab und hoffte, dass der Schmerz nachlassen würde. War die Wunde etwa wieder aufgerissen?

Terri wusste, dass er gerade aus dem Krankenhaus gekommen war, aber er hatte die ganze Sache heruntergespielt. Für seine Exfrau galten nicht mehr Polizisten als Helden, sondern Wall-Street-Piraten mit einem fetten Bankkonto.

Vor vierzehn Jahren war das noch anders gewesen. Sie waren zwanzig gewesen, als sie damals geheiratet hatten. Doch seit sie ihn nicht mehr liebte, bekämpfte sie ihn mit allen Mitteln, und das machte ihn nervös.

„Hattet du und Jay euer Meeting?“, fragte er.

„Familienrat“, korrigierte Terri, als sei diese Unterscheidung wichtig.

Typisch Jay Kruger! Jay behandelte seine neue Familie wie eines seiner Unternehmen – einschließlich Tagesordnung und Machtspielchen. Aber Terri wollte diese Dinge nicht sehen.

Schweigend wartete er. Er wollte sie nicht wissen lassen, wie ungeduldig er dem Ergebnis entgegensah.

„Ja …“, sagte sie und zog das Wort in die Länge.

Jack biss die Zähne zusammen. Nur zu gut kannte er dieses Spiel. Mit diesen künstlichen Pausen wollte sie ihn auf die Knie zwingen.

„Komm auf den Punkt, Terri“, entgegnete er grimmig. „Sag mir, wie ihr euch entschieden habt.“

„Ich hasse es, wenn du so aggressiv bist. Ich frage mich, ob ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen habe …“

Die richtige Entscheidung? Sein Herz tat einen Sprung. Meinte sie etwa …? „Spann mich bitte nicht länger auf die Folter.“ Mist, jetzt hatte er sie doch angebettelt! „Wie habt ihr euch entschieden?“

„Wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht.“ Mehrere Minuten lang beschrieb sie alle erdenklichen Argumente, die sie erwogen hatten, ihre Gefühle und Gedanken, bis sie endlich fortfuhr: „Wir sind der Meinung, dass das Wichtigste in dieser Angelegenheit, das Allerwichtigste“, wiederholte sie, anscheinend für den Fall, dass er nicht ganz begriffen hatte, „Ryans Wohlergehen ist.“

Beinahe hörte sie sich an, als verkündete sie eine vollkommen neue Erkenntnis. Dabei hatte Jack in den vergangenen drei Jahren nichts anderes gesagt, während sie versucht hatte, ihn hinzuhalten, zu manipulieren und zu belügen. Erst vor drei Monaten hatte er damit gedroht, sie zu verklagen. „Wir glauben, dass es nicht in seinem Interesse ist, wenn wir ihm einen erneuten Prozess zumuten“, setzte sie hinzu.

Ach wirklich, dachte er säuerlich. Es ist nicht in Ryans Interesse? Wie scharfsinnig!

In der Nähe wurde eine Autotür zugeschlagen. Ein metallisches Scheppern folgte, und Jack hatte Mühe, seine Exfrau zu verstehen. „… Jay will darauf Rücksicht nehmen, dass du an Ryans Leben teilhaben möchtest.“

„Okay …“, erwiderte Jack behutsam. Seine linke Seite tat immer noch weh, obwohl der Schmerz etwas nachgelassen hatte. Er wartete darauf, dass sie endlich zum Ende kam.

„Also haben wir beschlossen, dir zu geben, was du willst“, sagte Terri.

Jack konnte es kaum fassen.

„Ryan darf jedes zweite Wochenende zu dir kommen“, verkündete sie. „Von Freitagnachmittag bis Sonntagabend, und alle vierzehn Tage kann er von Montag bis Mittwoch bei dir schlafen.“

Jack hatte ihn eigentlich jede zweite Woche ganz bei sich haben wollen. Nach dem neuen Plan müsste Ryan nun andauernd zwischen ihnen hin und her pendeln. Trotzdem war es immer noch besser als erwartet, sodass er nicht weiter auf seinem Vorschlag beharren wollte.

Schließlich könnte er ab sofort einen richtigen Alltag mit seinem neunjährigen Sohn aufbauen. Die ständigen Kämpfe darum wären endlich vorbei.

In Verbindung mit den Schmerzen in seiner linken Seite war diese gute Nachricht beinahe zu viel für ihn, zumal er in der Nacht kaum geschlafen hatte. Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte ihn, und er spürte einen dicken Kloß in seinem Hals. Er war so überwältigt, dass seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Seine Augen brannten.

Nein, nur nicht nachgeben! Auch wenn die Polizeipsychologin ihm geraten hatte, nicht immer alle Empfindungen abzublocken. Doch in Gegenwart seiner Exfrau würde er sich hüten, Schwäche zu zeigen.

Als Gegengewicht zu seinem aufgewühlten Innern spannte er die Bauchmuskeln an, wodurch sich der Schmerz erneut verstärkte.

„Das ist gut, Terri, das ist großartig“, brachte er heraus, während er sich auf den Weg in die Küche begab.

Wasser. Er brauchte einfach nur ein Glas Wasser, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden.

Aus Richtung der Küche vernahm er Geräusche: Eine Tür wurde geöffnet, dann hörte er etwas klappern.

„Wir müssen aber noch über die Einzelheiten reden“, erklärte seine Exfrau in mahnendem Ton.

„Natürlich.“ Der Schmerz wurde stärker, und er begann sich langsam Sorgen zu machen. „Lass uns später darüber reden, okay?“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Bist du etwa noch nicht angezogen?“

„So ähnlich“, erwiderte er knapp und beendete damit das Gespräch. Er wollte sich über die Küchenspüle beugen und einfach nur eine Weile seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Er bog um die Ecke.

Doch in der Küche stand eine fremde Frau mit einem abgenutzten Werkzeugkasten an seinem ähnlich abgenutzten Tisch. Erstaunt sahen sie sich an.

Sie ließ etwas in den Werkzeugkasten fallen, schrie auf und presste eine Hand an die Brust. „Ich habe Sie gar nicht gehört!“

Jack schluckte, warf das Handy auf die Küchenbank und sagte: „Äh … Hallo.“

Was hatte diese Frau in seiner Küche zu suchen? Eine Gänsehaut überlief ihre nackten Arme, doch sie strahlte eine Energie aus, die ihn völlig verwirrte.

Eigentlich sollte Cormack O’Brien hier sein, um die Küche und das Badezimmer zu renovieren. Stattdessen übernahm diesen Job offenbar diese kurvenreiche, zierliche Frau, die für April viel zu dünn angezogen war: Zu blauen Arbeitshosen trug sie ein rotes T-Shirt. Rote Ohrringe klimperten an ihren Ohren, sobald sie den Kopf bewegte. Sie hatte dunkles, lockiges Haar, braune Augen und eine gebräunte Haut. Wachsam musterte sie ihn, und er wollte nicht, dass sie Zeuge wurde, wie er … wie er …

Mit allerletzter Kraft spannte er jeden Muskel seines Körpers an und schüttelte sein T-Shirt aus, um es anzuziehen. Er schaffte es, auszusehen, als ginge es ihm gut.

„Sie müssen Jack sein“, sagte Carmen und trat sicherheitshalber einen Schritt zurück. Beim Anblick dieses Mannes klopfte ihr Herz ein bisschen zu schnell.

Insgeheim hoffte sie, dass wirklich Jack Davey, der Besitzer dieses Hauses, vor ihr stand. Denn sie bezweifelte, dass sie ihn überwältigen könnte, falls er ein unerwünschter Eindringling war. Er war groß und kräftig, sein nackter Oberkörper muskulös, und in der Faust hielt er irgendein zerknülltes Stück Stoff. Anscheinend war er verwundet, und er wirkte auf sie, als könnte er jeden Moment zusammenbrechen.

„Ich bin Carmen O’Brien, Cormacks Schwester“, fuhr sie eilig fort. „Das andere C in C & C Renovations. Cormack ist krank und kann heute nicht arbeiten.“

„Ach so“, sagte er.

„Und Sie sind Jack.“

„Ja, das ist richtig.“ Er ließ die Hand mit dem T-Shirt oder Lumpen oder was auch immer sinken.

Eindringlich betrachtete sie ihn. Er war nur halb angezogen und barfuß, und der Reißverschluss seiner zerschlissenen Jeans stand offen. Das dunkle Haar war zerzaust, und seit mehreren Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert. Die Augen waren von einem kalten Grau. Die winzigen Fältchen in seinen Augenwinkeln erweckten Carmens Vertrauen: Sie verrieten, dass er gerne lächelte. Doch im Moment schien er so weit von einem Lächeln entfernt zu sein, dass er ihr fast Furcht einflößte.

Auf seiner linken Seite unterhalb des gebräunten Brustkorbs verlief eine rote, kaum verheilte Narbe. Vielleicht erklärte das ihre merkwürdige Unsicherheit. Was hat das zu bedeuten? Macht er deswegen so ein ernstes, gequältes Gesicht?

„Es tut mir leid“, erklärte er. Sie sah, wie er die Zähne zusammenbiss und am ganzen Körper zitterte. „Meine Verletzung tut etwas weh.“

„Sieht schlimm aus.“

„Es tut mir leid“, wiederholte er.

„Schon in Ordnung. Sie haben schließlich nicht mit mir gerechnet. Ich denke, wir sind beide etwas verwirrt.“ Vor allem hatte sie keinen halb nackten, gut gebauten Mann um die dreißig mit einer frischen Narbe erwartet, der so scharf aussah.

„Sicher wollen Sie sich gleich an die Arbeit machen. Ich werde … äh …“

„Keine Hektik. Obwohl mir dann wahrscheinlich schneller warm würde.“ Sie versuchte ein Lächeln, während sie sich die Arme rieb, um die Gänsehaut zu vertreiben. „Ich bin dafür angezogen, mitten am Tag hart zu arbeiten, und nicht, um am frühen Morgen herumzustehen.“

Er nickte zerstreut und schaute an ihr vorbei zum Abfluss. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.

„Geht’s Ihnen gut?“

„Ja, ja, alles in Ordnung.“ Das war eine Lüge. Er brachte kaum ein Wort heraus, der arme Kerl. Sein Gesicht war angespannt, die grauen Augen zusammengekniffen.

Freundlich, aber bestimmt entgegnete sie: „Nein, das ist es nicht.“

Und da geschah es. Sein Bauch hob und senkte sich, und er presste sich das T-Shirt vors Gesicht. Seine Schultern bebten, als ein ersticktes Schluchzen erklang.

Er machte einem tiefen, herzzerreißenden Schmerz Luft. Automatisch und ohne darüber nachzudenken, reagierte sie. Sie trat auf ihn zu, legte die Arme um seinen großen, warmen Körper und ließ zu, dass er sich an ihrer Schulter ausweinte.

2. KAPITEL

Carmen wusste nicht, wie lange sie so dastanden.

Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, obwohl er sich bereits zusammenkrümmte. Mit dieser unbequemen Haltung versuchte er vermutlich, seine Wunde zu entlasten. Sie achtete darauf, ihn nicht zu fest zu umarmen, denn sie merkte, dass er Schmerzen hatte. Seine Stirn lag an ihrer Schulter. Besänftigend wiegte sie ihn, wie sie es bei ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrer Schwester Melanie und ihrem Bruder Joe gemacht hatte.

Erst gestern Abend hatte sie ihre andere Schwester ebenso gehalten. Nachdem die siebzehnjährige Kate nach Mitternacht betrunken nach Hause gekommen war, hatte Carmen sie angeschrien. Kate hatte zurückgefaucht und war dann in Tränen ausgebrochen. Als sie Kate tröstend übers Haar gestrichen hatte, hatte Carmen schließlich gefragt: „Warum lässt du dich so gehen? Was ist los mit dir?“

Zunächst hatte Kate nicht darauf geantwortet. Doch allmählich waren ihre Tränen versiegt, und der bockige Teenager war wieder zum Vorschein gekommen. „Du hast überhaupt keine Ahnung! Du behandelst mich wie ein kleines Kind! Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ Anschließend war sie taumelnd ins Badezimmer gestürzt und hatte von sich gegeben, was auch immer sie an Cocktails und Fast Food am Abend zu sich genommen hatte.

Oder war da vielleicht neben den Cocktails noch etwas anderes gewesen?

Etwas Stärkeres?

Carmen machte sich unglaubliche Sorgen um ihre kleine Schwester und hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.

Und jetzt weinte sich ein vollkommen Fremder an ihrer Schulter aus, und schon wieder wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie strich Jack Davey auf die gleiche Weise übers Haar wie Kate, tröstend und hilflos zugleich, während sie flüsterte: „Wein ruhig, lass alles raus, das ist gut!“

O Gott, merkte er, was sie da tat?

Vorsichtig hielt sie in der Bewegung inne, um ihre Hand nicht einfach wegzureißen. Sein Haar war noch feucht, und sie nahm den frischen Duft seines Shampoos wahr. Inzwischen hatte er sich ein wenig beruhigt. Sie tätschelte seinen muskulösen Rücken. Er hatte den kräftigsten Körper, den sie je gespürt hatte, und trotzdem war er in diesem Augenblick so verletzlich. Was war geschehen?

„Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang kratzig. „Es tut mir …“, er holte zitternd Luft, „… schrecklich leid.“

„Es ist schon in Ordnung.“ Sie entzog sich ihm. „Ich … ich wusste nicht, ob …“

„Schon gut.“ Als wollte er sich schützen, hielt er das T-Shirt zusammengeknüllt vor seine Brust.

Einen Moment lang war Carmen leicht schwindelig. Nachdem sie die Hitze seines Körpers nicht mehr spürte, schien die Luft wieder kälter geworden zu sein. Sehr merkwürdig. Mit jeder Faser ihres Körpers fühlte sie seine Kraft, und doch war sie diejenige gewesen, die ihn getröstet hatte. Allerdings wusste sie schon seit Langem, dass es nicht nur eine Form von menschlicher Stärke gab.

Während sie ihn beobachtete, immer noch unsicher, was sie als Nächstes sagen oder tun sollte, wischte er sich mit dem T-Shirt das Gesicht ab. Dann zog er es an, betrachtete den nassen Stoff und zog es sofort wieder aus. „Ich muss mich umziehen“, murmelte er.

„Möchten Sie vielleicht … reden oder so?“, bot sie an. „Sie müssen nicht …“

„Es geht mir gut.“

„Das stimmt nicht.“

„Na gut, es ist mir unangenehm.“

„Das braucht Ihnen nicht peinlich zu sein. Vielleicht sollten Sie mir erzählen, was los ist.“

Er setzte eine säuerliche Miene auf. „Sie haben recht. Eigentlich ist überhaupt nichts dabei, wenn ich mich an der Schulter einer wildfremden Frau ausheule.“

„Na ja … aber Sie sind auch nur ein Mensch. Wir sind alle …“

„Schon gut. Die Psychologin hat gesagt, dass so etwas früher oder später passieren würde. Tut mir leid, dass gerade Sie es abbekommen haben.“ Er rieb sich neben der frischen Narbe über den Brustkorb. „Ich bin vor ein paar Wochen angeschossen worden.“

Angeschossen?“ Sie keuchte auf. Nicht allein die Tatsache schockierte sie, sondern vor allem der beinahe entschuldigende Tonfall, mit dem er es gesagt hatte.

„Ich war im Dienst.“ Er hatte ihre Reaktion gesehen. „Ich bin Polizist.“

„Heißt das, Sie sind so etwas gewohnt?“, fragte sie, noch immer entsetzt.

„Nein. Es ist auch kein Bandenkrieg oder so etwas gewesen, falls Sie das glauben. Das ist einfach nur … Berufsrisiko. Ich habe Glück gehabt. Aber es tut weh. Im Moment bin ich beurlaubt, und anschließend werde ich Überstunden abbummeln und Urlaub nehmen.“

„Das ist ja wohl das Mindeste!“

„Ich fürchte, ich habe mich gerade überanstrengt. Ich bin zu schnell die Treppe runtergerannt … Das Telefon hat geklingelt. Aber jetzt fühlt es sich besser an.“ Erneut rieb er sich die Seite.

„Sieht aus, als hätten Sie noch ziemliche Schmerzen“, sagte Carmen. „Brauchen Sie vielleicht einen Arzt? Sie können ja gar nicht gerade stehen.“ Gekrümmt und mit hochgezogenen Schultern stand er vor ihr.

„Es geht mir gut. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Zumindest sagen die Ärzte das.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es verschwand so rasch, wie es gekommen war. Noch einmal wischte er sich mit dem T-Shirt übers Gesicht.

„Wirklich?“, wollte sie sich versichern. „Kann ich Ihnen irgendetwas bringen?“

„Ein Glas Wasser wäre nicht schlecht.“ Er nickte in Richtung Spüle, die heute herausgerissen werden sollte. Dann warf er einen Blick auf sein T-Shirt. „Ich sollte mich wohl besser … äh …“

Ohne den Satz zu beenden, verschwand er aus der Küche. Carmen füllte ein Glas mit Wasser für ihn, um ihm wenigstens mit dieser kleinen Geste etwas Trost zu spenden.

Puh!

Jack ließ sich auf sein Bett sinken und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Etwas Wasser und eine Minute für sich allein – dann würde es ihm sofort besser gehen. Unwillkürlich dachte er allerdings an die besorgten braunen Augen vor sich. An die Hände, die nur darauf zu warten schienen, ihn zu trösten und zu liebkosen, und an die weiche Frauenstimme, die die klassische Frage gestellt hatte: Geht’s Ihnen gut?

Diese kleine Frage hatte ihn geradezu umgehauen. Und die Tatsache, dass sie keine Ruhe gegeben hatte. Nein, das war es nicht allein. Ihre Stimme hatte so süß und klar und geradeheraus geklungen.

Noch nie in seinem Leben hatte er sich so jämmerlich und verlegen gefühlt. Wie ein Kind hatte er an ihrer Schulter geweint. Er meinte immer noch zu spüren, wie sie ihren Körper an seinen gepresst hatte. Wegen der Wunde war sie sehr vorsichtig gewesen. Und wie weich sie gewesen war! Er dachte an ihre vollen Brüste und den leicht vorgewölbten Bauch. Es war so unglaublich großzügig von ihr gewesen, ihn zu trösten. Schließlich kannte sie ihn gar nicht und hatte keine Ahnung, was überhaupt los war.

Wenn diese Tränenflut nicht gewesen wäre, hätte die Situation ihn sicherlich erregt. An seiner Haut haftete immer noch ein Hauch ihres Dufts. Er roch an seinem Unterarm. Ja. Ein ganz anderer Geruch als sein eigener – nach frischem Holz und Pfirsich.

Er stand auf, atmete tief ein und ging im Zimmer umher. Dann fiel ihm ein, dass sie ihn vielleicht hören konnte, wenn er wie ein gefangenes Tier hin und her lief. Wegen der frischen Narbe und seinem heftigen Gefühlsausbruch fürchtete sie sich wahrscheinlich bereits vor ihm. Außerdem konnte er nicht ewig hierbleiben, denn er hatte ihr gesagt, er wolle sich nur kurz umziehen. Er schuldete ihr eine Erklärung, warum er so durcheinander war, auch wenn ihm gar nicht danach war, ihr sein Herz auszuschütten.

Seine verdammten Augen brannten noch immer. Ungeduldig zerrte er ein altes T-Shirt aus der Kommode und stieß ein paar Flüche aus. Doch seinem Ärger Luft zu machen half nicht, wie er es erwartet hatte. Er zog sich an und ging wieder nach unten.

Carmen hörte Jacks Schritte auf den knarrenden Dielen über ihrem Kopf. Wenige Minuten später kam er zurück. Er trug ein altes, aber frisches T-Shirt, das noch nach Waschmittel roch.

Unter dem Baumwollstoff konnte sie seine Muskeln deutlich erkennen. Die Ärmel um seinen Bizeps waren ausgefranst. Trotz seiner Wunde sah er aus, als wollte er mit anpacken. Instinktiv wusste sie, dass er diese Beschäftigung brauchte. Er gehörte zu den Männern, die ihren Schmerz eher durch körperliche Aktivität linderten als durch Tränen.

Als sie ihm das Glas mit dem Wasser reichte, bemerkte sie, dass er noch immer versuchte, sich zu beherrschen. Sie platzte heraus: „Wenn Sie eine schlechte Nachricht bekommen haben oder noch mehr Zeit für sich brauchen, können wir auch mit der Arbeit warten.“

„Es war dieser Telefonanruf. Ohne ihn wäre das alles nicht passiert.“

Schweigend blickte sie ihn an. Zwar wollte sie ihn zu nichts drängen. Doch sie wollte ihm die Gelegenheit geben, von selbst zu erklären, was eigentlich los war. Sie hasste die Vorstellung, dass irgendwas unausgesprochen in der Luft hing, während sie stundenlang zu zweit im Haus arbeiteten.

„Es war keine schlechte Nachricht, im Gegenteil. Meine Exfrau hat mich angerufen.“ Er ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken und rieb sich wieder die verwundete Seite. „Ich habe das gleichberechtigte Sorgerecht für meinen Sohn Ryan bekommen, ohne dass ich deswegen vor Gericht ziehen musste. Und das nach sechs Monaten Kampf. Das hatte ich nicht erwartet, und ich bin einfach nur glücklich.“

„Ach so. Sie sind einfach nur glücklich, und deshalb fangen Sie an zu weinen“, erwiderte Carmen gedehnt, ehe sie wusste, was sie sagte. Manche Leute hielten sie für zu offen, aber sie wollte ihre Zeit nicht darauf verschwenden, irgendwelche Spielchen zu spielen.

„Man kann sehr wohl vor Glück weinen“, gab er kampfeslustig zurück, „selbst als Mann.“ Er machte eine Pause und nahm einen großen Schluck Wasser. „Wissen Sie, diese Sache mit der Schießerei … Es war eine Frau, Mitte zwanzig. Als sie auf mich geschossen hat, stand sie unter Drogen. Sie war vollkommen durchgeknallt.“

Carmen dachte an ihre Schwester. Kate wäre doch sicher nicht so dumm, damit anzufangen. Oder? Wie immer kam sie sich eher wie eine Mutter als wie die ältere Schwester vor, wenn es um Kate ging – besorgt und hilflos angesichts eines rebellischen Teenagers.

„Dann hat mein Partner auf sie geschossen und sie getötet“, sagte Jack Davey.

„O nein …“

„Er hatte keine Wahl. Die Frau schoss wild um sich und ließ sich durch nichts abbringen. Mein Partner wollte sie nicht töten, aber das Licht war schlecht, und sie rannte wie eine Verrückte über den ganzen Platz. Die Leute denken immer, zu schießen und zu töten gehöre zum Polizeialltag, aber das stimmt nicht. Und leicht ist es schon gar nicht. Egal, ob man eine Wahl hatte oder nicht – so etwas begleitet einen sein Leben lang.“

„Wann ist es passiert?“

„Vor zehn Tagen.“

Kein Wunder, dass er noch so aufgewühlt und empfindlich ist!

„Was gerade passiert ist, tut mir leid“, fuhr er fort. „Sie sollen hier meine Küche renovieren, nicht meine Therapeutin spielen.“

„Das ist schon in Ordnung.“

„Die Psychologin hat mich davor gewarnt, alles runterzuschlucken und meine Gefühle nicht rauszulassen. Sie hat gesagt, dass wir beide mit merkwürdigen Reaktionen rechnen müssten, mein Partner und ich.“ Für einen Moment hielt er inne und holte tief Luft. „Zum Beispiel, dass wir Fremden etwas vorjammern.“ Er verzog den Mund.

Carmen nickte. „Es hört sich an …“

Wie ein Albtraum.

Mit schroffer Stimme unterbrach er sie: „Ja, das war es.“

Sie verstand seine Botschaft klar und deutlich: Ich will nicht mehr darüber reden!

„Ich kann auch morgen mit der Arbeit anfangen, wenn Ihnen das lieber ist.“

Kurz dachte er darüber nach, bevor er erwiderte: „Nein, bitte bleiben Sie und lassen Sie uns anfangen. Ehrlich gesagt freue ich mich über ein bisschen Gesellschaft“, sagte er freiheraus. „Vorher habe ich nie Angst gehabt, aber seit der Schießerei habe ich das Gefühl …“ Er brach ab und stieß einen leisen Fluch aus. „Ich weiß nicht, warum ich immer wieder davon anfange.“

„Dann lassen wir es einfach bleiben. Es ist ein schönes Haus“, wechselte sie schnell das Thema.

„Das war es einmal, vor achtzig Jahren.“

„Mit etwas Arbeit wird es sicher wieder hübsch. Sie wollen noch mehr renovieren, außer der Küche und dem Badezimmer, oder?“ Sie wollte ihn auf andere Gedanken bringen.

„Den größten Teil davon will ich selbst erledigen: Fußböden abschleifen, streichen.“ Während er über die Renovierung sprach, wirkte er immer sicherer. Er sah nicht mehr ganz so verschlossen und angespannt aus. „Das Haus hat meinem Onkel gehört. Als er letztes Jahr gestorben ist, hat er es mir hinterlassen. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Ich kann Ihnen auch gerne das ganze Haus zeigen, wenn Sie mögen.“

Carmen erkannte, dass er nach Ablenkung suchte, und stimmte zu: „Ja und noch mal ja. Kaffee und eine Besichtigungstour klingen gut. Aber das mit Ihrem Onkel tut mir leid.“

„Er war schon achtzig und krank.“ Erneut schien er sich unwohl zu fühlen, einer Fremden davon zu erzählen. Sie hatte ihn wirklich an einem schlechten Tag erwischt.

Zudem verwirrte es sie, dass sie noch immer das Bedürfnis verspürte, ihn tröstend in die Arme zu schließen. Aber einmal am Tag war genug. Die Verlegenheit darüber stand selbst jetzt noch zwischen ihnen im Raum.

War sie nicht ohnehin schon zu oft in ihrem Leben für andere da gewesen? Für ihren Vater, für Melanie, Joe und Kate? Und selbst für Cormack, wenn es ihm mal nicht gut ging? Die ganze Familie brauchte sie und ihre Umarmungen. Warum sollte sie sich erneut jemanden suchen, für den sie stark sein musste? Schließlich könnte sie jetzt endlich frei sein – wenn Kate nur zur Vernunft käme.

Nein, sie würde nicht noch einmal zulassen, dass Jack Davey sich an ihrer Schulter ausweinte. Heute nicht und hoffentlich auch nicht in Zukunft.

„Soll ich den Kaffee kochen?“, bot sie an.

„Nein, ich weiß wenigstens, wo in dem Chaos hier alles ist“,

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