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Die Liebe und das wilde Vieh

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. DANK
  35. Über die Autorin

 

Mit Bewunderung und Respekt für all die Angestellten, ehrenamtlichen Mitarbeiter und Geldgeber von Tierasylen wie Rainbow Ridge, die ganz wunderbare Arbeit leisten, indem sie Tiere retten und ihnen ein neues Zuhause geben. Darüber hinaus ist dieses Buch meinem Ehemann gewidmet, der mir jahrelang nahegelegt hat, ein Buch über einen Papageien zu schreiben.

1

Das Licht der Dielenlampe flutete hinaus in die Dunkelheit und frei auf die beiden Gestalten vor meiner Haustür.

»Überraschung!« Immi schwankte auf ihren hohen Absätzen und blinzelte mich an wie eine Eule. »Ich habe ein Geschenk für dich.« Sie hielt mir eine ungeöffnete Flasche Champagner unter die Nase.

»Das macht sechzig Pfund, Miss.« Der Taxifahrer, der meine betrunkene Stiefschwester stützen musste, lehnte sie gegen den Türrahmen, und ein Hauch von Erleichterung legte sich auf seine geröteten Gesichtszüge. Er musste sie ziemlich weit chauffiert haben, um sechzig Pfund zu verlangen, und dass Immi kein Geld bei sich hatte, war typisch.

»Bezahl den Mann, Clo«, befahl Immi. Sie taumelte zur Seite und schlang ihren Arm gerade noch rechtzeitig um den Hals des Fahrers, um nicht umzufallen.

»Huch!« Sie kicherte vor sich hin.

Das einzige Geld, das ich im Haus hatte - das einzige Bargeld, das ich überhaupt noch besaß -, war in der Küche versteckt, in der Keksdose, die aussah wie ein gefräßiges Schwein. Ich ließ Immi und ihren neuen Freund vor der Haustür stehen, huschte los, um das Geld zu holen, und verfluchte sie dabei im Stillen.

Kaum dass der Taxifahrer entlohnt war, zerrte ich sie ins Haus und schloss die Tür.

Im schummrig gelben Licht des Korridors schielte sie mich an. »Wie isses, Clo? Warst du schon im Bett?«

Ja, was denn sonst, bitte: Es war zwei Uhr morgens, und ich trug meinen Schlafanzug, was möglicherweise schon mal ein Anhaltspunkt hätte sein können. Ich schob sie in die Küche und setzte den Wasserkessel auf. Eine von uns brauchte Kaffee - vielleicht brauchten wir auch beide einen.

Immi ließ sich auf einen der wild zusammengewürfelten Holzstühle plumpsen, die neben dem Aga-Herd standen, und knallte die Champagnerflasche auf den Tisch. Ihre langen blonden Haare waren zerzaust, und ihr sonst immer makelloses Make-up war verschmiert. Sie trug ein silberfarbenes Minikleid und eine dazu passende Strickjacke, als habe sie eine Tour durch die Nachtclubs hinter sich.

»Gott, ich brauch einen Drink.« Sie beugte sich über den Tisch, brachte einen Haufen Rechnungen durcheinander und wiederholte, dass sie etwas zu trinken brauche, dann vergrub sie den Kopf unter ihren Armen.

»Ich glaube, du hast schon genug getrunken.«

Dass meine beduselte Stiefschwester unangekündigt mitten in der Nacht bei mir auftauchte, war an sich nichts Ungewöhnliches. Normalerweise erschien sie aber mit ihrem kompletten Sortiment pinkfarbener Koffer und Köfferchen, mit dem Mobiltelefon am Ohr und ereiferte sich über den Mann, der ihr gerade das Herz gebrochen hatte. Sie blieb in diesen Fällen einen knappen Tag, bis jener sündige Mann eintraf, um mit einem Arm voller Rosen ihre Vergebung zu erflehen.

Sie hob den Kopf. »Du verstehst nicht, Clodagh. Mein Leben ist zu Ende. Ruiniert.«

Ihre Worte verloren durch ihr Lallen leicht an Dramatik. Ich fragte mich, wo sie gewesen war, dass sie zu dieser nachtschlafenden Zeit bei mir auftauchte.

»Ich bin sicher, dass es so schlimm nicht ist.«

»Essiss schlimmer als schlimm.« Trunken nickte sie mit dem Kopf.

Auf dem kurzen Stück, das sie aus der Diele in die Küche getorkelt war, hatte sich ihre Laune von glückselig betrunken in zu Tode betrübt verwandelt. Junge, Junge, wenn das in dieser Geschwindigkeit weiterging, war ich diejenige, die einen Drink brauchte; ihr derzeitiges Männerelend musste größer sein als sonst. Es musste um einen Mann gehen. Immi war der einzige Mensch auf der Welt, der ein noch schlechteres Händchen hatte als ich, wenn es um Männer ging. Ich schob den Papierstapel mit meinem Buchführungskram zur Seite und stellte ihr einen Becher mit schwarzem Kaffee vor die Nase. »Trink das.«

Mit großen blauen, tränenfeuchten Augen starrte Immi mich an. »Ich sag die Wahrheit. Ich hab riesige Probleme.«

Übermäßig schockiert war ich nicht über diese Eröffnung. Meine Stiefschwester glaubte stets, ihre emotionalen Krisen seien das Ende der Welt. Seit ihrer Teenagerzeit hielt ich ihr regelmäßig das Händchen und reichte ihr Taschentücher. Sie verliebte sich immer viel zu heftig und viel zu schnell.

Ich setzte mich auf den Stuhl, der gegenüber von ihrem stand. »Wer ist es dieses Mal?« Beim Kaffeebrühen hatte ich mir die ganze Zeit das Hirn zermartert, konnte mich an den Namen ihres aktuellen Liebesflüsterers aber nicht erinnern.

Sie schniefte und wischte sich mit der Seite ihres Fingers eine Träne vom Gesicht. »Es ist kein Mann. Es ist eine Fernsehshow.«

Auf der Arbeitsplatte stand eine Küchenrolle, also reichte ich sie ihr. Karrieresorgen waren auch nichts Neues. Immi ist Schauspielerin. Keine hochkarätige, eher eine drittklassige mit Ambitionen. In der Vergangenheit hat sie ein paar gute Nebenrollen gespielt, und derzeit ist sie das Gesicht des Blitzclean-Mundwassers und hat eine feste Rolle in einer Fernsehserie, die täglich im Mittagsprogramm läuft. Zwischen ihrem und meinem Lebensstil liegen Welten; ihrer besteht aus Glanz und Glamour, meiner aus Jeans und Hündchen. Ich weiß nicht viel über Immis Welt - ich besitze nicht einmal mehr einen Fernseher.

»Eine Fernsehshow?« Ich erinnerte mich, dass sie mir vor einigen Wochen eine verwirrende SMS geschickt hatte, in der es um eine Live-Talkshow gegangen war. In der Nachricht hatte mindestens zehnmal in Großbuchstaben »GR DRCHBRCH« gestanden. Ich hatte versucht, sie anzurufen, wurde aber wie gewöhnlich immer nur zu ihrer Mailbox durchgestellt.

Immi riss eines der Papiertücher von der Küchenrolle und schnäuzte sich die Nase. »Es war entsetzlich. Ich kann mein Gesicht nie wieder im Fernsehen zeigen. Meine Karriere ist zu Ende. Ich kann mich glücklich schätzen, wenn ich nach dieser Sache überhaupt noch eine Rolle bekomme - in der hintersten Provinz, in einer Pantomime, in der letzten Reihe als Dritte von links.«

»Was ist denn passiert?«, fragte ich gähnend. Ich wollte wieder in mein schönes, warmes Bett. Ich liebe Immi von Herzen, aber ich liebe sie mehr, wenn sie in London ist. Ihr derzeitiges Problem hörte sich nicht so an, als würde ich ihr helfen können, und ich hatte einen langen Tag hinter mir.

Sie stieß einen wehklagenden Laut aus. »Man hat mich vom Set wegeskortiert.«

Nun, das hörte sich zur Abwechslung einmal wirklich schlimm an. »Weshalb denn?«

»Ich hatte im Green Room ein paar Gläschen getrunken. Du weißt schon, nur um mich vor der Sendung ein wenig zu entspannen. Ich schwöre es dir bei Gott, Clo, ich hatte wirklich nur ein paar Gläschen.« Sie konnte nicht weitersprechen, weil sie hicksen musste, und wischte sich neuerlich über die Augen, wobei sie ihren blauen Eyeliner quer über die Wangen schmierte. Immis Trinkerei gab immer mal wieder Anlass zu kleineren Streitigkeiten zwischen uns. Okay, zu mittleren bis größeren Streitigkeiten.

»Und?« Meine Füße waren eiskalt, und ich musste um sechs aufstehen, um die Gänse nach draußen zu lassen. Ich bin im Allgemeinen ein mitfühlender Mensch, aber jetzt war ich müde, und Immi hatte die Angewohnheit zu schwafeln, ganz besonders, wenn sie ein paar Gläser zu viel getrunken hatte.

»Erinnerst du dich an Kirk?«

Kirk war einer der Männer in Immis Leben gewesen, die man nicht ganz so leicht vergaß wie die anderen, denn der ehemalige Kleinstrollen-Darsteller hatte unlängst mit einer beliebten Fernsehserie ganz groß Karriere gemacht. Jetzt wollte ihn auf einmal jeder haben, und gerade erst hatte er eine Rolle in einem großen Hollywood-Streifen an Land gezogen - so behaupteten es zumindest die Klatschmagazine.

»Mhm.« Zwischen ihm und Immi war es auf wahrhaft spektakuläre Weise zum Bruch gekommen, als Immi entdeckte, dass er ohne ihr Wissen in ihrer Garderobe eine Videokamera installiert hatte. Eine Zeitlang war sie besorgt gewesen, sie könne als Paris-Hilton-Verschnitt im Internet enden. Aus Rache verbrannte sie all seine heimlich gesammelten Pornomagazine und rieb weißen Pfeffer in den Zwickel seiner Unterhosen.

»Er war auch da. Mister Megastar! Wollte mir seinen Erfolg unter die Nase halten.« Sie rieb sich wieder über die Augen.

Ich ahnte, worauf das Ganze hinauslief, und es sah nicht gut aus. »Was hast du angestellt, dass man dich vom Set geführt hat?«

»Ich war als Erste dran - der Drei-Minuten-Slot, mit dem sie das Eis brechen. Die kleinen Lichter müssen immer als Erste ran - das ist so ungerecht.«

»Immi!«

»Er war als Letzter dran, dieser Eiterpickel auf dem Gesicht der Menschheit. Er fand sich so toll, hat geschwafelt über seine Fernsehserie und die Filmrolle und seine neue Freundin, und dabei hat er die ganze Zeit so widerwärtige kleine Spitzen gegen mich losgelassen.« Finster blickte sie in ihren Kaffeebecher. »Hat so getan, als wäre er nett, dieser widerliche Schleimscheißer!«

»Sag mir endlich, was du angestellt hast.« Ich kannte meine Schwester. Sie war so süß und so reizend, wie Menschen nur sein können, aber wehe dem, der ihren Zorn auf sich zog. Kirk war allerdings auch ziemlich gemein zu ihr gewesen. Ich meine, ich weiß, dass sie seine Unterhosen gepfeffert hat, aber er hat von all ihren Designer-Schuhen die Absätze abgebrochen und sie bei einem berühmten Hollywood-Regisseur in Misskredit gebracht.

»Er ist selbst dran schuld.« Sie zog einen Schmollmund.

»Was hast du getan?«

Immi war normalerweise glücklich und zufrieden, wenn sie betrunken war, aber wenn ihr Temperament mit ihr durchging, dann ging es wirklich mit ihr durch. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie sich damit in die Nesseln setzte. Vor einigen Jahren hatte es einen bedauerlichen Zwischenfall bei einem Fototermin gegeben, als sie eine Mitbewerberin um den Titel der Miss Teen Starlet in einen Fischteich schubste. Auch damals war Alkohol im Spiel.

»Hab ihm eine reingehauen. Mitten in sein blödes, selbstherrliches, blasiertes Gesicht.« Die Erinnerung war offenbar so schön, dass sie sich vor lauter Wonne die Fingerknöchel rieb.

»Vor laufenden Fernsehkameras?«

Eine Träne rollte über ihre Wange und landete platschend auf einer der unbezahlten Tierarzt-Rechnungen. »Ich habe ihm sämtliche Schimpfworte an den Kopf geworfen, die mir in dem Moment eingefallen sind, und der Welt erzählt, was für entsetzliche Dinge er mir angetan hat.«

»Du hast das Sex-Video erwähnt?« Ich hoffte, dass sie vorher erfolgreich sichergestellt hatte, dass alle Kopien davon vernichtet worden waren. Während wir uns hier unterhielten, hatte YouTube sicher eine Million Klicks, weil alle versuchten, irgendwie an eine Kopie zu kommen.

Sie wischte sich über die Augen und fuhr mit ihrer Leidensgeschichte fort. »Dann kam sein neuestes Flittchen aus dem Green Room gerannt - so eine nuttige kleine Schlampe mit der übelsten operierten Nase, die du dir vorstellen kannst - und ehe wir uns versahen, haben wir auf dem Sofa gerauft.«

»Verdammte Scheiße.« Ich lehnte mich zurück und zog die Besteckschublade auf. Jetzt brauchte ich einen Drink, und ich war überzeugt, dass ich eine Mini-Flasche Brandy darin finden würde, die auch prompt unter einem Stapel von Futterkatalogen hervorlugte.

Ich hatte gerade den Verschluss abgedreht, als Immi mir das Fläschchen aus der Hand riss und sich einen großen Schluck in ihren Kaffeebecher goss. Es gelang mir, ihr das Fläschchen zu entreißen, bevor sie es gänzlich leeren konnte. Ich wollte selbst einen Schluck, damit ich besser denken konnte.

»Was hat Marty denn zu dem Ganzen gesagt?« Ich war sicher, dass Immis kettenrauchende, vorlaute Agentin bereits voll im Einsatz war, um die Feuer zu löschen, die meine Schwester entfacht hatte. Schließlich wusste jeder, dass ein Skandal im Allgemeinen gut fürs Geschäft war, ganz besonders, wenn es sich bei dem Geschäft ums Showgeschäft handelte. Ich meine, Kate Moss und Co. haben die Eskapaden, mit denen sie für Titelschlagzeilen gesorgt haben, am Ende nicht wirklich geschadet.

»Ich weiß es nicht. Ich habe sie auf der Fahrt hierher immer und immer wieder angerufen, bis der Akku leer war, aber sie hat nie abgenommen. Ich muss eine Zillion Nachrichten hinterlassen haben.«

Das hörte sich nicht gut an. »Pass auf, ich gehe jetzt nach oben und richte dir das Gästebett. Vielleicht ruft Marty dich morgen früh an, wenn dein Telefon wieder aufgeladen ist.«

Immi schniefte wehklagend. »Kann sein. Danke, Clo.«

Sie hielt sich an ihrem Kaffeebecher fest, während ich nach oben ging, um Clive, den Kater, vom Gästebett zu scheuchen. Glücklicherweise waren nicht zu viele Haare auf der Steppdecke. Immi kann sich wegen solcher Kleinigkeiten schrecklich anstellen. Nachdem die Katze verbannt und die Heizdecke eingeschaltet war, um das Bett anzuwärmen, rief ich Marty von meinem eigenen Telefon aus an.

Ich hinterließ ihr eine Nachricht auf der Mailbox: »Hier spricht Clodagh. Immi ist hier bei mir im Tierasyl. Ruf mich bitte an.«

Ich hatte gerade den Treppenabsatz überquert, um ein paar Sachen für Immi für die Nacht zu suchen, als mein Telefon klingelte.

»Clodagh? Marty! Gott, hier ist die Hölle los. Halt Imogen von der Presse fern, und lass sie in keine Kneipe. Ich rufe morgen an mit einem Update.« Im Hintergrund konnte ich ein anderes Telefon läuten hören, und sie beendete das Gespräch mit mir.

»Hat das Telefon geklingelt?« Immi torkelte auf ihren hohen Absätzen in die Diele. »Wenn das Marty war, muss ich unbedingt mit ihr reden.«

»Es hatte sich jemand verwählt.« Ich hielt es für keine gute Idee, ihr zu dieser nachtschlafenden Zeit zu erzählen, was Marty gesagt hatte.

»Ach so.« Immi verzog das Gesicht und rutschte an der Wand entlang, um sich auf die unterste Treppenstufe zu setzen und in Tränen auszubrechen.

»Komm, ich bring dich jetzt nach oben. Wenn du dich erst mal ausgeschlafen hast, wird dir das Ganze nur noch halb so schlimm vorkommen.« Ich hoffte zumindest, dass ihr das Ganze dann nur noch halb so schlimm vorkommen würde, denn wenn nicht, blieb Immi möglicherweise für eine Weile bei mir, und das würde uns beide zum Wahnsinn treiben.

Mit viel Überredungskunst gelang es mir, sie nach oben in ihr Schlafzimmer zu bugsieren, und ich hoffte, dass der Kater über ausreichend Verstand verfügte, um ihr aus dem Weg zu gehen. Immi war nicht allzu tierlieb - eine dumme Sache, da ich ein Tierasyl betrieb. Wann immer sie hier war, beklagte sie sich über den Kater und die Gänse, über den allgemeinen Gestank, und über Dave, den Papagei, den niemand adoptieren wollte, weil er über einen so unflätigen Sprachschatz verfügte.

Nachdem ich Immi sicher in ihr Zimmer verfrachtet und sie zugedeckt hatte, kontrollierte ich die Türschlösser und ging zurück ins Bett. Sie hatte vielleicht Probleme, aber Probleme hatte ich selbst auch. Das Rainbow-Ridge-Tierasyl war pleite, und wenn ich nicht bald mit etwas Geld aufwartete, würden nicht nur die Tiere obdachlos werden.

Mir war, als schrille der Wecker nur Sekunden, nachdem ich die Augen geschlossen hatte. Vorsichtig befreite ich mich von Clive, der sich um meinen Kopf gelegt hatte wie ein Pelzhut aus Katzenhaar. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Heute war ein wichtiger Tag. Sobald ich die Tiere versorgt, meine ehrenamtlichen Mitarbeiter eingeteilt und weiteres Koffein in Immi hineingepumpt haben würde, stand mir am Nachmittag ein bedeutsamer Termin bei der Bank bevor.

Nicht, dass ich mir irgendwelche Hoffnungen machte, ein weiteres Darlehen zu bekommen: Mister Curzon, der gar nicht so freundliche Direktor meiner Bank, hatte sich angewöhnt, persönliche Begegnungen mit mir zu vermeiden. Stattdessen erhielt ich auf dem Postweg immer häufiger Drohbriefe. Für heute aber war es mir tatsächlich gelungen, einen persönlichen Gesprächstermin mit ihm zu vereinbaren. Doch dafür musste ich um fünfzehn Uhr mit einem fabelhaften Geschäftsplan dort auftauchen; andernfalls würde ich wohl mit leeren Händen nach Hause kommen.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die mir dabei halfen, das Tierasyl zu führen, würden bald kommen, und so kletterte ich in meine Jeans, warf mir einen Pulli über und lief nach unten. Eines meiner Ziele war, genug Geld zu verdienen, um Mitarbeiter einstellen zu können, statt mich auf den guten Willen von Freiwilligen zu verlassen. Da ich aber kaum genug verdiente, um einen Mindestlohn für mich selbst zu bezahlen, wurde dieses Ziel zusehends zu einem Traum, der nahezu unerreichbar schien.

»Huhu, Clodagh.« Es wurde heftig gegen die Hintertür gepocht.

Ich öffnete die Tür und ließ Susie herein. Sie ist von meinen Freiwilligen diejenige, die am längsten für mich arbeitet - nicht, dass sie tatsächlich viel arbeiten würde, wenn man davon absieht, dass sie Tee kocht und viel redet. Auf das Teekochen und das Reden versteht sie sich allerdings blendend. Ich hatte sie in gewisser Weise geerbt, als ich das Tierasyl übernahm.

»Oje, das ist ja richtig kühl heute Morgen.« Sie dackelte in die Küche und rollte sich dabei einen ausgeleierten handgestrickten Schal vom Hals. Ich fragte mich, wie sie zurechtkommen wollte, wenn es wirklich kalt wurde. Wir hatten erst September, und sie beschichtete sich bereits mit mehreren Lagen Wolle.

Susie ist ein etwas seltsamer Typ. Sie ist Ende dreißig und hat in all der Zeit, die ich sie jetzt kenne, niemals eine Familie oder ein Privatleben erwähnt. Ich weiß nicht einmal genau, wie sie sich erlauben kann, den größten Teil ihrer Zeit im Tierasyl zu verbringen, da sie keiner Art von Erwerbstätigkeit nachgeht. Sie ist aber ein liebenswerter Mensch und meint es gut, selbst wenn sie einem manchmal auf die Nerven gehen kann.

»Tee?« Ich weiß nicht, warum ich mir die Mühe machte zu fragen. Gegen eine Tasse Tee hatte Susie nie etwas einzuwenden.

»Gern.« Sie setzte sich an den Tisch und rieb die Hände gegeneinander, um sie zu wärmen.

Ich reichte ihr einen Becher und schnappte mir meine alte Wachsjacke, die an der Tür zur Vorratskammer hing. »Ich gehe los und lass die Gänse raus. Könntest du die Decke von Daves Käfig nehmen?«

Der Käfig stand im Wohnzimmer, weit weg von irgendwelchen Besuchern, und so musste es auch sein. Daves Vorbesitzer war ein Bordellinhaber, und Dave hatte sich dort ein äußerst schillerndes Vokabular angeeignet. Überdies hatte er eine extrem boshafte Persönlichkeit.

Susie spitzte die Lippen, und ich wartete auf ihre Ausrede.

»Ich habe im Moment einen leichten Schnupfen, Clodagh; ich will nicht, dass die Tiere sich bei mir anstecken. Vielleicht sollte ich für dich aufräumen. Jade kann Dave ja versorgen, wenn sie gleich kommt.« Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und schnäuzte sich auf wenig überzeugende Art die Nase.

Ich nahm an, dass sie in Wahrheit nach einer Gelegenheit suchte, ein wenig herumzuschnüffeln. Sie war unglaublich neugierig, und ich hatte sie schon mehrmals beim Lesen privater Briefe erwischt, die ich meines Wissens nach in die Besteckschublade gelegt hatte. Ich glaube, ihr gefiel die Vorstellung, mehr als die anderen Freiwilligen über das Bescheid zu wissen, was hier vorging. Es war, als gebe ihr das irgendwie das Gefühl, wichtig zu sein.

»Wenn du möchtest.« Ich hob den Stapel Bücher und Rechnungen vom Tisch. »Das hier räume ich dir aus dem Weg.« Ich trug die Sachen nach oben und warf sie auf mein Bett; ich wollte nicht, dass sie von den finanziellen Problemen des Tierasyls erfuhr. Manche Dinge musste man für sich behalten.

In Immis Zimmer war es still. Ich nahm an, dass sie noch schlief und sich so von den Ereignissen des Vorabends erholte, und darüber war ich froh. Es war besser, wenn sie weder Susie noch irgendeinem meiner anderen freiwilligen Mitarbeiter in die Arme lief. Wenn man Marty Glauben schenken durfte, würde sich die Presse wie Ausschlag über dem Tierasyl ausbreiten, wenn sie herausfand, dass Immi hier war. Das Letzte, was ich jetzt brauchte, waren negative Werbung und Kamerateams, die unsere Eingänge blockierten.

Susie saß immer noch teetrinkend am Tisch, als ich auf Zehenspitzen in die Küche zurückkehrte.

»Ich bin in ein paar Minuten wieder da.« Ich schlüpfte in meine Gummistiefel.

Sie sah kurz von einer alten Ausgabe vom Monatsmagazin für Tierhalter auf. »Okay. Ist es in Ordnung, wenn ich mir ein Plätzchen nehme?«

»Es sind noch ein paar in der Dose.« Ich stapfte nach draußen, während sie mir die letzten Vollkornkekse wegaß. Wenn ich nicht so wenige Hilfskräfte gehabt hätte, wäre ich vielleicht schon vor Urzeiten versucht gewesen, Susie zu sagen, sie solle die Fliege machen. Das war vielleicht ein bisschen gemein; sie hatte durchaus ein paar gute Seiten, wenn sie nicht gerade neugierig war oder einem auf die Nerven ging. Sie verstand sich ziemlich gut darauf, die anderen Freiwilligen einzuteilen, und um ehrlich zu sein, war es nett, jemanden zu haben, mit dem ich reden konnte. Nun, das heißt, jemand anderen als Dave.

Ich ließ die Gänse nach draußen auf ihr Feld und stellte das Futter raus. Ein schwacher Dunst schwebte über dem taufeuchten Gras, das im Licht des frühen Morgens glitzerte. Als ich mich auf den Rückweg zum Haus machte, um meinen Morgentee zu Ende zu trinken, schielte Mister Sheen, der Ziegenbock, hoffnungsfroh über seinen Zaun zu mir herüber. Er machte sich immer Hoffnungen auf noch mehr Futter. Ziegen haben nicht umsonst den Ruf, unersättlich zu sein.

Als ich ins Haus zurückkam, war Jade, meine andere freiwillige Mitarbeiterin, eingetroffen. Sie stand in der Küche und wiegte ihren Teebecher in den Händen. Ich konnte Dave aus dem Nebenzimmer kreischen und fluchen hören, also hatte sie wahrscheinlich die Decke von seinem Käfig genommen.

»Hi Boss.« Jade ging zum College und half am Wochenende bei mir aus sowie an den Tagen, an denen sie keine Vorlesungen hatte. Sie wollte Sozialarbeiterin werden, liebte aber Tiere. Ich hatte immerzu Schuldgefühle, weil ich mir nicht leisten konnte, sie oder Susie zu bezahlen. Sie opferten beide ihre Zeit, um mir dabei zu helfen, das Tierasyl am Laufen zu halten. Jade hätte eigentlich im Urlaub sein können, da die Vorlesungen erst in ein paar Wochen wieder anfingen. Doch sie hatte hier einen Freund und war deshalb den Sommer über geblieben und hatte sich mit Bar-Jobs ein bisschen Geld verdient.

Susie schien sich keinen Millimeter von der Stelle gerührt zu haben, an der sie gesessen hatte, als ich gegangen war. Ich habe Riesenlandlungenschnecken erlebt, die höhere Geschwindigkeiten erreichten als Susie.

»Jade, bist du heute Nachmittag hier, um auf die Tiere aufzupassen? Ich muss zu einer Besprechung in die Stadt.«

»Klar.« Jade trank den Rest ihres Tees.

»Kann ich dir im Hinblick auf deine Besprechung irgendwie behilflich sein?«, bot Susie an.

»Nein, es ist eine persönliche Angelegenheit.« Neugierige Kuh. Ich hatte nicht vor, ihr zu sagen, wohin ich ging. Nicht, dass es noch lange ein Geheimnis bleiben würde, wenn ich das Darlehen nicht bekam, das ich brauchte, um das Tierasyl offen zu halten. Alle, die bei mir aushalfen, wussten, dass wir pleite waren, aber keiner von ihnen wusste genau, wie schlimm es stand.

»Also, Suze. Zeit, dass wir den Eselstall ausmisten.« Jade zog ein hellgrünes Strickmützchen aus ihrer Jackentasche, stülpte es sich schräg über den Kopf und zerrte dann eine widerwillige Susie aus der Küche nach draußen.

Ich warf zwei Scheiben Brot in den Toaster und setzte neues Teewasser auf. Im Obergeschoss knarrte eine Fußbodendiele.

Immi erschien im Türrahmen. Sie trug den blassblauen Schlafanzug aus Satin, den sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie sah verkatert aus.

»Kaffee?«

Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, sodass es danach noch wirrer aussah als vorher. »Ich will nur noch sterben.«

»Nein, das willst du nicht.« Ich grabschte mir meinen Toast aus dem Toaster und warf ihn auf einen Teller.

»Mein Leben ist vorbei.« Immi ließ sich auf den Stuhl plumpsen, den Susie gerade freigemacht hatte.

»Quatsch.« Ich fing an, meinen Toast mit Butter zu bestreichen.

Immi zuckte zusammen. »Clo, bitte, es gibt Menschen, die Kopfschmerzen haben.«

Ich reichte ihr einen Becher und biss gerade in meinen Toast, als ein nur zu vertrauter Geländewagen auf den Hof fuhr.

2

Jack Thatcher öffnete die Tür seines Wagens und sprang heraus. Da ich mich hinter dem Vorhang des Küchenfensters gut verstecken konnte, gönnte ich mir ein paar Sekunden Auszeit und schwärmte voller Wonne vor mich hin. Er ist der absolute Traummann: groß, dunkelhaarig und attraktiv. An diesem Morgen sah er ganz besonders gut aus in seinen eng sitzenden Jeans und dem schlichten schwarzen Pullover, der seine breiten Schultern ausgesprochen gut zur Geltung brachte.

Von der Rückseite meines Hauses geht es auf einen kleinen quadratischen Hof, hinter dem sich die Freigehege der Tiere und die Gehwege für die Besucher befinden. Von meinem Küchenfenster aus kann ich sofort sehen, wenn ein Wagen über den Privatweg aufs Haus zufährt, und ich kann die Tiere beobachten und die Besucher im Auge behalten, die durch die Anlage spazieren. Der Nachteil einer derart guten Aussicht ist ein ausgeprägter Mangel an Intimsphäre. Freunde, Familie und Mitarbeiter stehen alle plötzlich auf der Matte, weil sie über den Hof kommen, obwohl ich das Tor zum Privatweg in der Nacht zusperre, damit sich niemand auf das Gelände schleichen kann.

Von der Vorderseite des Hauses blickt man auf die Hauptstraße und den öffentlichen Parkplatz. Ich habe einen winzigen Vorgarten, der von dichten Ligusterbüschen und einem schmiedeeisernen Tor begrenzt wird, durch das man auf den schmalen, mit rotem Ziegel gepflasterten Pfad gelangt, der zur Haustür führt.

Susie schoss aus dem Eselsgehege wie eine mit Wolle umhüllte Flugabwehrrakete und richtete ihren Zielflug geradewegs auf Jack. Sie hatte ihn irgendwie auf dem Kieker und lag mir ständig in den Ohren mit Geschichten über seine neuesten Missetaten. Laut Susie sind Männer der Inbegriff alles Bösen, und Jack war der Schlimmste von allen, obwohl er zu mir immer sehr höflich und freundlich war, eher etwas zu freundlich, ganz besonders in letzter Zeit. So verlockend es also auch war, dabei zuzusehen, wie sie über ihn herfiel, nahm ich mal an, dass ich besser daran tat, nach draußen zu gehen und herauszufinden, was er wollte.

Jacks größtes Verbrechen bestand darin, dass er der Eigentümer einer Grundstückserschließungsgesellschaft war. Er hatte den Familienbetrieb von seinem Vater geerbt und es innerhalb weniger Jahre geschafft, ihn in ein millionenschweres Unternehmen zu verwandeln. Seine Firma war verantwortlich für das Gros der neuen Wohnsiedlungen in der Stadt und für die Sanierung des Einkaufszentrums. Ich wünschte, ich hätte einen Hauch seines Geschäftssinns gehabt - dann wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, Rainbow Ridge zu retten.

Ich durchstöberte die Sachen, die sich auf meiner Küchenanrichte häuften, weil ich nach einer Bürste und einem Haargummi suchte.

»Was machst du da?«, fragte Immi.

»Nichts. Ich muss nur mal kurz nach draußen um, äh … jemanden zu treffen.« Ich schob mein Haar nach hinten, damit es etwas ordentlicher aussah, und legte das letzte bisschen Lipgloss auf, das sich aus der fast leeren Tube quetschen ließ, die neben der Keksdose gelegen hatte.

Immi lief quer durch die Küche zum Fenster. »Nett.«

»So nett ist der nicht.« Das klang schroffer, als ich beabsichtigt hatte.

Neugierig sah sie mich an. »Ach nein?«

»Er sieht vielleicht okay aus, aber er ist es nicht.« Das Tierasyl stand auf Land, das man für entwicklungsreif hielt - eine Tatsache, die mir immer im Hinterkopf spukte, wenn Jack in meiner Nähe war. Wir hatten einen atemberaubenden Blick auf die offene Landschaft und lagen dennoch gleich am Stadtrand und im Einzugsbereich guter örtlicher Schulen. Mit jedem Haus, das man hier baute, würde viel Geld zu verdienen sein, denn die attraktiven Muttis mit den dicken Scheckbüchern, die nur darauf warteten, ein solches Haus zu kaufen, würden scharenweise kommen und sich in einer Schlange anstellen, die um den ganzen Block reichte.

Mir hatte man in den letzten paar Monaten unaufgefordert diverse Schreiben durch den Briefkastenschlitz der Haustür geworfen, in denen man anfragte, ob ich interessiert sei, das Land zu verkaufen. Einige der Briefe kamen von Bauträgern und andere von der Immobilienagentur in der Stadt. Ich konnte mich nicht erinnern, ein Schreiben von Thatcher Development gesehen zu haben, doch war es möglich, dass Jack einen der Immobilienmakler beauftragt hatte, in seinem Namen zu agieren. Long Meadow, das Land, das an das Tierasyl angrenzte, war kürzlich an Lovett Properties verkauft worden, und inzwischen hatte man der Firma die Baugenehmigung für eine Wohnsiedlung erteilt.

Jack war mit vielen der hiesigen Stadträte eng befreundet, und ich machte mir keine Illusionen über seine Möglichkeiten, Beziehungen spielen zu lassen, wenn er es für erforderlich hielt. Ich kannte ihn inzwischen recht gut aufgrund der vielen Feste und Benefizveranstaltungen, die wir im Laufe der letzten Jahre beide besucht hatten. Ich wusste, dass es wegen Long Meadow zwischen ihm und Lovett zu einem regelrechten Angebotswettkampf gekommen war, und vor Kurzem hatte er angefangen, ein persönlicheres Interesse an mir zu zeigen.

»Und deshalb hast du dir Lippenstift draufgeklatscht und dir die Haare gekämmt?«

Ich ignorierte Immi, eilte nach draußen und schlug die Hintertür hinter mir zu, sodass es äußerst befriedigend knallte. Immi hielt sich für die absolute Expertin, wenn es um Männer ging. Ich denke, dass sie das im Vergleich zu mir wahrscheinlich sogar war, obwohl ich angesichts ihres kürzlichen Abenteuers mit Kirk, dem Porno-Fan, doch meine Zweifel hegte.

Susie hatte Jack nicht ganz in die Ecke, nur gegen den Kotflügel seines Wagens gedrängt, und wie es schien, schnatterte sie ihm die Ohren voll. Vermutlich hielt sie ihm gerade einen Vortrag über Treibhausgase, obwohl … wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie ein solcher Männerhasser war, hätte ich gemutmaßt, dass sie insgeheim auf ihn stand. Ich konnte sehen, wie sie beim Reden mit den Armen um sich schlug, als sei sie eine wild gewordene Windmühle.

»Ach, da ist Clodagh ja.« Er entzog sich Susies Verhör und schritt mit einem erleichterten Ausdruck auf dem Gesicht auf mich zu.

Dummerweise begann mein Herz sofort schneller zu schlagen, wie es das immer tat, wenn Jack in meiner Nähe war. Er war umwerfend attraktiv. Ich meine, gefährlich attraktiv - jedes weibliche Wesen, das ich kannte, ob es noch im Windelalter oder bereits Großmutter war, erlag seinem schiefen Lächeln und dem Grübchen, das sich dabei auf seiner rechten Wange bildete. Doch so ansehnlich Jack auch sein mochte, so musste ich mir stets vor Augen halten, dass er der Feind war. Ausnahmsweise teilten diese Meinung sowohl Susie als auch Jade.

»Du hast gestern Abend deine Jacke im Pub vergessen. Ich muss auf dem Weg zur Arbeit heute sowieso hier entlang, und deshalb habe ich gesagt, dass ich sie dir vorbeibringe.« Seine dunklen Augen bohrten sich in meine, und ich musste schwer schlucken.

»Äh, danke.« Er hielt mir meine Jeansjacke entgegen, und ich nahm sie ihm aus der Hand. Ich arbeitete in letzter Zeit hin und wieder schwarz an der Bar vom Frog and Ferret. Damit verdiente ich mir etwas Taschengeld und konnte beim Bierzapfen fernsehen, da im Barraum ein großer Apparat stand. Ich wünschte, ich hätte Immis Talkshow-Desaster gesehen - dann wäre ich zumindest darauf vorbereitet gewesen, dass sie bei mir auftaucht - doch war ein anderer Kanal eingeschaltet gewesen, TV Gold.

Das Frog and Ferret war der letzte Ort auf der Welt, von dem ich gedacht hätte, dass Jack ihn besucht. Es war ein richtiger Arbeiter-Pub, in dem alle Bier tranken und gegrillte Schweinehaut aßen. Ich hätte gedacht, dass er mit all seinem Geld in etwas Schickeres und Exklusiveres gehen würde. Doch er war gekommen, kurz bevor wir schlossen, mit einer ganzen Gruppe von Freunden, Männern wie Frauen, und sie hatten alle in der Nähe des Breitwandfernsehers gestanden, sich unterhalten und gelacht. Ich war davon ausgegangen, dass sie aus irgendeinem schicken Laden kamen, denn dementsprechend waren sie alle angezogen. Jack hatte sich an die Theke gestellt und eine ganze Weile mit mir geplaudert. Als ich ging, waren sie alle noch da, und Jack unterhielt sich angeregt mit Frank, dem Pächter des Pubs, und dessen Ehefrau Jenny.

»Arbeitest du heute Abend wieder im Pub?«, fragte Jack.

Mir war bewusst, dass Susie immer noch neben dem Wagen stand - mit vor der Brust verschränkten Armen und gespitzten Ohren. »Nein. Ich helfe nur aus, wenn sie nicht genug Personal haben. Es ist eigentlich mehr ein Freundschaftsdienst.«

Frank bezahlte mich bar, ganz diskret, also wollte ich nicht, dass irgendjemand auf die Idee kam, meine Anwesenheit dort sei etwas anderes als reine Gefälligkeit. Ich wäre am Vorabend fast gestorben, als Jack auftauchte, kurz bevor ich Feierabend machen wollte. Wir waren einander einige Male bei gesellschaftlichen Anlässen begegnet, die ich besucht hatte, um Sponsoren und Mäzene anzuwerben. In letzter Zeit hatte er es sich jedoch angewöhnt, irgendeinen Vorwand zu benutzen, um zum Tierasyl zu kommen, beispielsweise um mir eine Einladung in den Rotary Club vorbeizubringen, mich um Rat zu fragen, weil er seiner Nichte ein Meerschweinchen schenken wollte, alle möglichen Sachen. Jade glaubte, dass er auf mich stand, aber Susie war ebenso wie ich misstrauisch, was seine Motive anging.

Melhampton ist ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kennt, obwohl ich als einigermaßen neu Zugewanderte noch nicht zu jedem eine Beziehung aufgebaut hatte. Um das zu schaffen, brauchte man länger als die sieben Jahre, die ich inzwischen hier wohnte. Es war die Art von Stadt, in der man seit mindestens drei Generationen leben musste, um als echter Einheimischer zu gelten.

Unterhaltungen mit Susie und Jade waren hilfreich; die beiden schienen alles über jeden zu wissen. Susie lebte seit vielen Jahren in der Gegend, und Jade war zwar ebenso wie ich eine Zugewanderte, hatte aber Familie in der Stadt. Abgesehen davon, dass ich Angst hatte, irgendeinen gesellschaftlichen Fauxpas zu begehen, machte es mir nicht viel aus, als Außenseiterin betrachtet zu werden. Es passte zu mir, mich etwas im Abseits zu halten.

»Ich habe mich gefragt, was du da hinter der Theke machst.« Er legte den Kopf zur Seite und lächelte mich an, wobei ihm eine Locke seines dunklen Haars über die Stirn fiel.

»Jedes Mädel braucht ein bisschen Sozialleben.« Ich spürte, dass mir die Hitze in die Wangen stieg. Jack war der letzte Mensch, der von meinen finanziellen Problemen erfahren durfte. Er mochte zwar attraktiv und sexy sein, doch war er auch der Mann, der nicht zögern würde, mir das Tierasyl und das dazugehörige Land wegzunehmen, wenn sich ihm dazu eine Gelegenheit bot. Ich hatte über seine skrupellosen Geschäftsmethoden massenhaft Geschichten gehört und gelesen. Jade und Susie waren beide schnell dabei gewesen, mich über die Heldentaten des Jack Thatcher zu informieren und über seine Fähigkeit, meilenweit ein Geschäft zu wittern, das in Schwierigkeiten steckte.

»Ich wollte fragen, ob du vielleicht Lust hättest, heute Abend mit mir auf einen Drink auszugehen.« Er wartete auf meine Antwort.

Was tun? Das kleine Mädchen in mir wollte zusagen, aber falls mein Gespräch bei der Bank die Zukunft des Tierasyls nicht zu sichern vermochte, musste der vernünftige Teil meines Ichs dankend ablehnen. Ich hatte in Gegenwart von Männern nicht viel Selbstvertrauen, und Jack war mehr als nur ein paar Nummern zu groß für mich. Er hatte mir am Vorabend im Pub ein paar klare Suggestivfragen über meine Pläne hinsichtlich des Tierasyls gestellt, und ich wurde das unbehagliche Gefühl nicht los, dass er Rainbow Ridge umkreiste wie ein Geier. Zudem hatte ich jetzt auch noch das Problem mit Immi. Ich wollte sie nicht allein im Haus lassen, schon gar nicht, wenn sie sich nicht wohl fühlte.

»Ah, Clodagh?« Jack wartete immer noch auf meine Antwort.

»Besser nicht. Ich habe unheimlich viele Sachen zu erledigen.« Meine Ausrede klang selbst für meine eigenen Ohren faul. Er hatte mich schon häufiger eingeladen, und meine Ausflüchte wurden von Mal zu Mal billiger. Ich glaube, die einzige alte Kamelle, derer ich mich noch nicht bedient hatte, war die, dass ich mir die Haare waschen musste.

»Dann ein andermal, vielleicht?« Seine Worte klangen gestelzt und eher wie eine höfliche Reaktion als ein ehrlich gemeinter Vorschlag.

»Prima.« Ich zwang mich zu lächeln und erfreut zu klingen, als könnte ich damit das eine Wort mit so viel herzlicher Begeisterung durchtränken, dass es die Verlegenheit, die zwischen uns in der Luft schwebte, wegwischen konnte.

»Ich mache mich besser auf den Weg. Man sieht sich.« Er drehte sich um und lief zurück zu seinem Wagen.

Scheißkerl. Mein Privatleben war noch übler dran als meine Finanzen. Ich hätte mich darauf einlassen sollen, auf einen Drink mit ihm auszugehen. Ich winkte, als sein Wagen wegfuhr, aber er drehte sich nicht noch einmal um.

»Was wollte der?« Jack war noch nicht ganz vom Hof verschwunden, als Susie bereits über mich herfiel.

»Ich hatte meine Jacke wo vergessen, und er musste sowieso hier vorbei und hat sie mir gebracht.« Ich formulierte meine Antwort so vage wie möglich.

»Hmmm. Dir ist schon klar, dass er ein Auge auf das Anwesen hier geworfen hat, oder etwa nicht?« Susie starrte wütend auf das Tor, wo Jacks Wagen gerade verschwunden war und dabei auf dem ungepflasterten Weg eine Staubwolke aufgewirbelt hatte, die sich jetzt sehr schnell auflöste.

»Das ist doch nur ein Gerücht, Susie. Außerdem ist das Tierasyl unverkäuflich.« Zumindest war es bisher nicht verkäuflich.

»Gut. An ihn würdest du sowieso nicht verkaufen wollen. Der würde hier nur einen Haufen Luxushäuschen hinbauen. Weißt du schon, dass Lovett solche Dinger auf Long Meadow hochziehen wird?« Sie wedelte mit den Armen, um ihre Worte zu unterstreichen, und dadurch sah sie noch mehr wie eine dem Wahnsinn verfallene Stadtstreicherin aus.

»Das wird nicht passieren.« Ich kreuzte meine Finger, die in meiner Jackentasche steckten.

Susie starrte finster vor sich hin. »Meinst du? Wieso hängt der dann hier rum wie ein übler Geruch? Das war jetzt das dritte Mal in vierzehn Tagen, dass er unter irgendeinem Vorwand hier aufgetaucht ist.«

Nun musste ich aber doch sehr bitten! Es war ja nicht vollkommen jenseits alles Vorstellbaren, dass er auf mich stand. Natürlich sagte ich das Susie nicht. Stattdessen murmelte ich etwas über Papierkram und flitzte zurück in die Küche, wo Immi mich erwartete.

»Nun aber los, erzähl mir alles über Mister Adonis.« Ihre Laune schien sich in der Zeit, die ich draußen gewesen war, beträchtlich gebessert zu haben.

»Da gibt es nichts zu erzählen.« Ich hängte meine Jeansjacke an den Haken der Vorratskammertür und nahm die Tasse hoch, die das enthielt, was von meinem fast kalten Kaffee noch übrig war.

Immi verschränkte die Arme vor der Brust. »Clodagh, du bist durchschaubar wie eine Glasscheibe. Du hast dich in ihn verguckt, stimmt's? Wer ist er also, und warum hatte er deine Jacke?«

Ach du meine Güte! Ein paar Tage mit ihr und Susie, und ich drehte wahrscheinlich durch. »Ich habe mich nicht in Jack verguckt. Er hatte meine Jacke, weil ich sie gestern Abend im Pub vergessen habe. Er hat mir lediglich einen Gefallen getan, indem er sie auf dem Weg zur Arbeit hier vorbeigebracht hat.«

»Aber sicher doch. Ein super aussehender Typ scheut keine Mühen hierher zu pilgern, nur um dir deine verdreckte Jacke zu bringen. Aber du hast kein Interesse an ihm, und er hat auch keines an dir?« Mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck lehnte sie sich zurück.

»So einfach ist das nicht.« Mein kalter Kaffee schmeckte abgestanden, also goss ich ihn in den Ausguss.

»Ich wette, dass er nicht nur hergekommen ist, um dir deine Jacke zu bringen.«

»Na gut, er hat mich gefragt, ob ich heute Abend mit ihm auf einen Drink ausgehen würde.« Ich spülte meinen Becher aus und war froh, dass mir das einen Vorwand bot, Immis triumphierendes Grinsen nicht sehen zu müssen.

»Ha!«

»Und ich habe nein gesagt.« Ich stellte meinen Becher auf das Abtropfgestell und drehte mich wieder zu meiner Schwester um.

»Du lebst schon zu lange hier oben mit diesen verdammten Tieren. Was stimmt nicht mit dir?«

»Er ist ein Bauträger. Er ist an Rainbow Ridge interessiert, nicht an mir.«

Immi verdrehte die Augen. »Das ist Quatsch.«

»Wie bitte?« Typisch Immi - wenn es um Männer ging, bildete sie sich immer ein, alles zu wissen. Man hätte meinen können, dass sie aus ihrem jüngsten Desaster mit Kirk gelernt hätte. Ich hatte aus meinen bisherigen Erfahrungen mit Männern - nun, insbesondere mit einem Mann - ganz bestimmt meine Lektion gelernt. Bei meinen Tieren lief ich zumindest nicht Gefahr, dass mir vor Liebeskummer das Herz brach.

»Sieh mal, er ist ein attraktiver Typ, der mit dir ausgehen will. Es ist ja nicht gerade so, als könntest du dich vor Anfragen nicht retten. Außerdem wirst du den Laden hier niemals verkaufen, weshalb bist du also beunruhigt?«

Ich konnte sie nicht ansehen. »Es gibt da ein Problem mit dem Tierasyl«, murmelte ich.

»Was meinst du damit? Was für eine Art von Problem?« Sie legte einen Arm um meine Schultern.

»Es ist pleite. Für die nächsten drei Monate habe ich noch Geld, aber dann ist Schluss.« Es war eine Erlösung, das endlich jemandem gesagt zu haben. Seit Monaten hatte ich all meine Sorgen für mich behalten, obwohl … wenn meine Mitarbeiter die Besucher gezählt hatten, mussten sie wissen, dass etwas nicht stimmte.

»Das ist verrückt. Du arbeitest so hart. Wie kommt es da, dass du kein Geld hast?« Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter.

»Keine Besucher, nicht genug Sponsoren und Mäzene, gewaltige Tierarztrechnungen - du kannst dir eines davon aussuchen.« Ich versuchte, beim Auflisten nicht in Tränen auszubrechen. »Und dann hatten wir noch den ganzen Vandalismus.«

Immi drehte den Kopf, damit sie mir ins Gesicht sehen konnte. »Vandalismus?«

»Jemand hat unsere Zäune und Gebäude beschädigt. Sie scheinen es ganz gezielt auf uns abgesehen zu haben. Wir haben eine Menge Tierfutter verloren, als sie das Futtermittellager in Brand gesetzt haben. Jetzt redet die Versicherungsgesellschaft plötzlich davon, dass sie für den Schaden nicht zahlen will. Wenn das so weitergeht, werde ich für nächstes Jahr keine Deckung bekommen.« Obwohl ich mich so sehr bemühte, entwich mir eine dicke runde Träne und rollte mir über die Wange.

»Das ist schrecklich. Warst du bei der Polizei? Können die nicht irgendetwas tun?«

Ich schüttelte den Kopf und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, um die Träne wegzuwischen. »Sie kommen in letzter Zeit auf ihren Runden häufiger hier vorbei, haben aber noch niemanden geschnappt. Ich habe heute Nachmittag einen Termin bei der Bank, bei dem ich versuchen muss, ein weiteres Darlehen zu bekommen, nur besitze ich nichts mehr, was ich als Sicherheit bieten könnte, und deshalb sieht es nicht gut aus.«

»Irgendetwas muss es geben, was du versuchen kannst.«

»Ich weiß nicht. Mir gehen die Ideen langsam aus. Ich hoffe, dass die Bank helfen wird.« Viel Hoffnung hatte ich nicht, aber an Mister Curzons besseres Wesen zu appellieren - falls er so etwas überhaupt besaß -, war mir wie der nächste logische Schritt erschienen, um mein Zuhause zu retten.

Im Hof herrschte plötzlich Tumult, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich eilte zur Hintertür und lugte nach draußen. Susie rannte Mister Sheen hinterher, der den Eindruck erweckte, als habe er die Gunst eines offenen Tores genutzt, um auf dem Gelände umherzustreifen und nach mehr Futter zu suchen. Jade winkte mir vom Eselsgehege aus zu, wo sie sich auf einen Besen stützte und darüber lachte, wie Susie vergeblich versuchte, den Ziegenbock wieder einzufangen.

»Du siehst besser zu, dass dich niemand zu Gesicht bekommt.« Ich hoffte, dass Jade nicht gesehen hatte, dass Immi hinten in der Küche stand.

»Ich geh nach oben und zieh mich an. Kann ich mir von dir irgendetwas ausleihen, was ich tragen kann? Marty muss mir meine Sachen aus dem Apartment holen.« Nahezu angewidert nahm sie meinen Pulli und die Jeans in Augenschein. Das Gros meiner Kleidung stammte aus den Secondhandläden der Stadt. Meine Garderobe war im Großen und Ganzen nur praktisch, abgesehen von ein paar etwas hübscheren Sachen für meine Arbeit im Frog and Ferret und meinem einen Kostüm, das ich noch bügeln musste, bevor ich zur Bank ging.

Immis Kleidung bestand ausschließlich aus Designerteilen und aus Imitationen, die gut genug gemacht waren, um als Designerteile durchzugehen. Ich brauchte mir keine Sorgen darum zu machen, dass sie eines meiner Kleidungsstücke auch nur eine Sekunde länger tragen würde, als unbedingt nötig. Ich fragte mich, wann Marty sich endlich bei ihr meldete. Nicht mehr lange, und es würde Immi langweilen, hier im Tierasyl herumzuhängen, und da das Frog and Ferret der einzige Ort in der Stadt war, in dem etwas los war, zeichnete sich da möglicherweise bereits ein weiteres potenzielles PR-Drama ab.

»Such dir einfach etwas aus.« Ich drehte mich zurück zur Tür, um zu sehen, was da draußen vorging.

Susie hatte sich Mister Sheens Haltestrick gepackt und versuchte nun, ihn zurück in Richtung seines Geheges zu zerren. Wie es seiner Natur entsprach, hatte der Ziegenbock seine Hufe tief in den Dreck gegraben und weigerte sich beharrlich, sich auch nur einen Millimeter von der Stelle zu bewegen. Ich wollte gerade nach draußen laufen, um zu helfen, als Jade Mitleid mit Susie bekam und mit einer Hand voll Leckerli auftauchte, um Mister Sheen damit zu seinem angestammten Platz zurückzulocken.

Als der Ziegenbock wieder sicher in seiner Einzäunung war, trottete Susie davon, vermutlich, um sich in den Kiosk am Besuchereingang zu setzen. Es sah so aus, als würde der Tag wettermäßig recht schön werden, sodass wir mit etwas Glück ein paar zahlende Kunden bekämen, die uns ein paar Beutel Tierfutter abkauften und vielleicht etwas Geld für unsere laufenden Ausgaben spendeten.

Obwohl es sehr viel mehr brauchte als eine Hand voll Besucher, um meine derzeitigen finanziellen Probleme zu lösen.

3

Da Susie mir jetzt nicht mehr im Weg und Immi unter der Dusche stand, holte ich mir meine Buchhaltungsunterlagen wieder nach unten, denn ich musste versuchen, einen Geschäftsplan zu erarbeiten, mit dem ich das Tierasyl retten konnte. Von meinem Stuhl am Küchentisch konnte ich alles überblicken und sah, wie Jade nacheinander die einzelnen Ställe ausmistete und die Tiere fütterte. Immi polterte oben herum, und Dave, der Papagei, lieferte im Wohnzimmer ein fortwährendes Sperrfeuer aus Schimpfwörtern und Beleidigungen. Die Atmosphäre war also nicht unbedingt förderlich, um eine komplexe Finanzstrategie auszuarbeiten, doch musste ich damit klarkommen.

Trotz des sonnigen Wetters blieben die Gehwege um die Tiergehege deprimierend leer. Eine einsame Mutti mit einem Kleinkind im Kinderwagen starrte mit abwesendem Gesichtsausdruck auf die Esel, und ein älterer Mann verstreute etwas Futter für die Gänse. Die Besucherzahlen, die ich veranschlagen konnte, wurden immer kläglicher, während ich versuchte, neue und kreativere Wege zu ersinnen, um den Besucherfluss zu erhöhen.

Werbung kostete eine Menge Geld und hatte nur wenig geholfen, unsere Einnahmen anzukurbeln. Ich hatte es mit Broschüren und Plakaten versucht, aber das wenige Gute, was dabei herausgekommen war, hatten das Pech und das erbärmliche Wetter während der Schulferien wieder zunichtegemacht. Tierarztrechnungen verschlangen einen riesigen Batzen unserer Einkünfte, und obwohl ich für mich selbst so wenig Geld abzweigte, dass man es kaum einen Lohn nennen konnte, erschienen die Gesamtausgaben deprimierend hoch.

Das Telefon läutete, und Immi hüpfte die Treppe hinunter, um sich den Hörer zu schnappen, ehe ich auch nur die Chance bekam, mich von meinem Stuhl zu erheben.

»Hallo?«

Böse blitzte ich sie an. Über das Haustelefon liefen nur die Anrufe des Tierasyls.

»Ja, Sie sind mit dem Rainbow-Ridge-Tierasyl verbunden.« Mit einem lauten Seufzer reichte sie mir den Telefonhörer.

Ich kümmerte mich um die Anfrage hinsichtlich der Kaninchenbabys, die wir zum Verkauf anboten, und wandte meine Aufmerksamkeit dann wieder meiner Stiefschwester zu. Mit gerunzelter Stirn und nachdenklichem Gesichtsausdruck brütete sie über meiner Buchführung.

»Du hattest recht, diese Zahlen sind miserabel.«

Da Immi blond, hübsch und Schauspielerin war, neigten viele Leute dazu, sie für dämlich zu halten. Sie versuchte nur selten, diese Ansicht zu widerlegen, denn sie behauptete, es zahle sich aus, unintelligenter zu erscheinen, als sie es in Wirklichkeit war. Doch war Immi abgesehen von ihrem schlechten Geschmack, was ihre Liebhaber anging, und ihrem Hang zum Alkohol alles andere als auf den Kopf gefallen.

Sie ließ sich auf meinen Stuhl gleiten und zog den Taschenrechner näher heran. Mir fiel auf, dass sie sich mein bestes Oberteil herausgesucht hatte - jenes, das ich nur zu ganz besonderen Anlässen trug - und meinen hübschesten Rock. Als ich mich so hinstellte, dass ich ihr über die Schulter schauen konnte, roch ich auch noch mein Luxus-Duschgel. Das besaß ich nur »für alle Fälle«, für diese seltenen, so gut wie nie stattfindenden Abende, an denen ich mit einem Mann ausging; sonst benutzte ich immer nur das hauseigene Produkt des Supermarkts, obwohl ich mich häufig fragte, ob das nicht das Spülmittel in anderer Verpackung war.

»Hast du mein gutes Duschgel benutzt?«

Immi sah nicht von ihren Kalkulationen auf. »Du weißt doch, dass ich empfindliche Haut habe. Ich werde dir ein anderes geben, wenn ich meine Sachen bekomme.«

Sie hämmerte noch ein paarmal auf dem Taschenrechner herum und korrigierte mit dem Bleistift eine meiner Zahlen. »Puh, du hast recht, das Tierasyl steckt echt in Schwierigkeiten. Wie willst du die Bank dazu bringen, dir mehr Geld zu leihen?«

Ich schob einen Stapel Rechnungen zur Seite und hielt ihr die drei Seiten Papier vor die Nase, denen ich voller Optimismus den Titel »Geschäftssanierungsstrategie« gegeben hatte. Darin wurden drei verschiedene Wege aufgezeigt. Brillant war keiner, aber besser bekam ich es angesichts meiner begrenzten Mittel nicht hin. Immi überflog die Papiere und legte sie seufzend auf den Tisch.

»Diese Ideen sind ja noch miserabler als deine Zahlen.«

»Heißt das, dass du bessere hast.« Ihre Reaktion versetzte mir einen Stich. Zugegeben, meine Strategien waren nicht großartig, doch ließen sie sich umsetzen, und vielleicht behagten sie dem verhassten Direktor meiner Bank.

»Nu-hun …« Sie drehte eine der Rechnungen um, die auf dem Tisch lagen, und nahm den Bleistift wieder in die Hand. Fünf Minuten kritzelte sie intensiv vor sich hin, dann reichte sie mir das Blatt.

Allein schon aus Prinzip wollte ich natürlich nicht, dass mir ihre Idee gefiel, doch war sie im Grunde recht gut. Besser als gut - na ja, besser als meine allemal.

Immi strahlte mich an. »Was meinst du?«

»Das ist nicht übel.«

Sie verdrehte die Augen. »Na schön, es muss noch ein bisschen weiter ausgearbeitet werden. Nur wird das Problem nicht gelöst werden, wenn du dir nicht langfristig dauerhafte finanzielle Einnahmen verschaffst.«

»Ich weiß. Ich brauche ein paar Sponsoren.« Ich hatte schon so oft versucht, welche zu finden. Die meisten hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, auf meine Anfrage zu reagieren.

Immis Plan würde ohne große Ausgaben etwas Geld in die Kasse spülen - zumindest würde ich dadurch etwas Zeit gewinnen. Einen Flohmarkt zu organisieren, klang machbar, und ein Tag der offenen Tür mit besonderen Veranstaltungen ließ sich vor Ende der Sommersaison irgendwie einbauen. Beides war besser, als einen Teil des Landes zu verkaufen. Wenn ich damit erst einmal anfing, waren die Tage des Tierasyls gezählt, da ich mich damit von dem einzigen Vermögen trennte, das ich besaß.

»Vielleicht könnte ich dir ein paar Sponsoren besorgen«, meinte Immi.

»Ich hasse es, deine Seifenblase zum Platzen zu bringen, aber nach dem, was in der Fernsehshow passiert ist, könnte sich das als schwierig erweisen.« Ich kam mir gemein vor, weil ich das zur Sprache brachte, aber es war bereits Mittagszeit, und ich fing an, mir Sorgen zu machen, weil Marty noch nicht angerufen hatte.

Immi verzog das Gesicht, und ich dachte, sie würde jetzt anfangen zu weinen. »Ich weiß. Ich hatte gehofft, das wäre Marty, als das Telefon läutete.«

»Ach, Imms.

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