Logo weiterlesen.de
Die Liebe meines Lebens

image

Sara Craven

Die Liebe meines Lebens

Es ist Liebe auf den ersten Blick für Remy de Brizat, als er der bezaubernden jungen Engländerin Alice begegnet. Auf seinem malerischen bretonischen Landsitz kommt er ihr immer näher, küsst sie verführerisch, liebt sie voller Leidenschaft. Er schwebt im siebten Himmel. Doch kurz bevor er das Glück vollkommen machen kann und seine Traumfrau mit einem Heiratsantrag überraschen will, entdeckt Remy etwas, das seine Welt aus den Fugen geraten lässt … Hat Alice etwa nur mit seinen Gefühlen gespielt?

PROLOG

Immer wieder träumte Allie denselben Traum. Ein schmaler verlassener Strand, der sich bis in die Unendlichkeit ausdehnte. Heller fester Sand unter ihren nackten Füßen. Keine Kurven, keine Biegungen. Keine Felsen, hinter denen sie sich verstecken konnte. Dicht neben ihr rauschte die steigende Flut.

Und plötzlich, hinter ihr, der laute Hufschlag eines galoppierenden Pferdes. Es verfolgte sie und kam näher. Immer näher. Gnadenlos, unentrinnbar. Gleich würde es sie überrennen …

Allie wagte nicht, sich umzusehen. Panisch lief sie los, schneller und schneller, obwohl sie wusste, dass es keine Rettung gab. Für immer und ewig würde der Verfolger sie jagen.

Keuchend wachte Allie auf. Aufrecht in dem großen Bett sitzend, starrte sie in die Dunkelheit. Ihr Mund war ausgetrocknet, ihr Herz raste, und ihr dünnes Nachthemd klebte an ihrem schweißbedeckten Körper.

Und dann hörte sie es – das tiefe Grollen des Donners fast unmittelbar über ihr und den Regen, der prasselnd gegen das Fenster schlug. Keine Flut und kein Pferd, das mich verfolgt und zu überrennen droht, dachte sie zitternd. Nur ein nächtlicher Sturm.

Völlig erschöpft sank sie zurück in die Kissen und unterdrückte ein Schluchzen.

Nur ein Traum, sagte sie sich. Ausgelöst durch das Wetter. Mehr nicht. Nur ein furchtbarer Albtraum. Und eines Tages – sicher schon bald – verschwände der Traum und ließe der Reiter sie in Ruhe. Dann würde sie endlich ihren Frieden finden. Bestimmt.

1. KAPITEL

Als Allie die breite geschwungene Treppe hinunterschritt, blieb sie einen Augenblick stehen, um aus dem großen Flügelfenster am Treppenabsatz zu sehen.

Draußen gab es nichts Neues. Nur das weitläufige Anwesen von Marchington Hall in all seiner Pracht, das sich über saftig grüne Rasenflächen bis zu einem schimmernden See in der Ferne erstreckte. Zu ihrer Rechten konnte sie gerade noch einen Springbrunnen von Fountain Court erkennen, zu ihrer Linken die dunkelgrünen Zypressen, die den italienischen Teil des Gartens säumten.

Während sie sich abwandte, betrachtete sie sich kurz in der Fensterscheibe. Wieder hielt sie inne. Ich sehe wie ein Geist aus, dachte sie. Ein blasses hohläugiges Phantom mit blonden Haaren, ohne Leben oder Substanz, dafür aber angespannt und nervös.

Ein Teil davon war natürlich dem Sturm der vergangenen Nacht zuzuschreiben. Aber nur ein Teil, nicht alles.

Denn der ständige Kampf um die Erziehung ihres vierzehn Monate alten Sohnes glich einem zermürbenden Krieg und hinterließ deutliche Spuren.

Gerade hatte sie Tom in seinem Kinderzimmer besuchen und nachsehen wollen, ob er das Gewitter unbeschadet überstanden hatte, als es auch schon zu der üblichen Auseinandersetzung mit dem Kindermädchen kam.

„Er isst gerade sein Frühstück, Lady Marchington.“

„Das weiß ich“, erwiderte Allie und zählte innerlich bis zehn. „Aber ich möchte ihn gern füttern. Das habe ich schon so oft gesagt.“

„Wir wünschen so wenig Ablenkung bei den Mahlzeiten wie möglich“, verkündete Toms Nanny daraufhin herablassend und endgültig.

Wenn ich nur den Mut hätte, mich gegen die alte Schlange zur Wehr zu setzen!

Aber hinter der korpulenten Figur des Kindermädchens stand die nur äußerlich zerbrechlich wirkende Gestalt von Grace, der verwitweten Lady Marchington – ihrer Schwiegermutter.

Alles für ein ruhiges Leben, sagte Allie sich, während sie unglücklich die Tür des Kinderzimmers hinter sich schloss.

Aber natürlich, Tom ist Hugos Erbe, ich hätte wissen müssen, was auf mich zukommt.

Andererseits bot Marchington Hall – zumindest an der Oberfläche – alles, um Tom eine idyllische Kindheit zu schenken.

Nur würde ich sie gern mit ihm zusammen genießen. Ohne dass das Kindermädchen ihn vor mir beschützt, als wäre ich eine Kidnapperin und nicht seine Mutter.

Zu ihr hat er sein erstes Wort gesagt, nicht zu mir. Ich habe seinen ersten Schritt verpasst. Als gehörte ich gar nicht zu ihm. Dabei habe ich ihm das Leben geschenkt, aber jetzt werde ich permanent zur Seite geschoben.

Langsam ging sie durch die Eingangshalle, holte noch einmal tief Luft und betrat das Esszimmer. Grace Marchington saß bereits am Kopfende des Tisches – wobei thronte allerdings die bessere Bezeichnung wäre. Dieser Gedanke ging Allie durch den Kopf, während sie den Blick der Frau über sich ergehen ließ, die missbilligend ihren Jeansrock und die weiße Bluse betrachtete.

„Guten Morgen, Alice. Hast du gut geschlafen?“ Eine Antwort wartete sie gar nicht erst ab, sondern griff sofort nach der kleinen Glocke neben ihrem Tisch und läutete sie energisch. „Mrs. Windom soll uns frischen Toast bringen.“

Allie setzte sich und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. „Entschuldige, dass ich so spät komme. Auf dem Weg nach unten habe ich noch bei Tom vorbeigeschaut.“

„Nicht gerade die passende Zeit, meine Liebe. Sicher hat das Kindermädchen dir das auch gesagt.“

„Oh ja“, entgegnete Allie. „Das hat sie.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. „Vielleicht sollte sie mir aber stattdessen vorschlagen, wann es angemessen für mich wäre, meinen eigenen Sohn zu besuchen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir folgen kann, Alice.“

„Nach dem Aufstehen möchte ich gern als Erstes nach Tom sehen, ohne dass das als unangemessene Bitte angesehen wird. Ich möchte bei ihm sein, wenn er aufwacht, möchte seine Kleider für ihn aussuchen, ihn baden und füttern. Das ist doch bestimmt nicht zu viel verlangt.“

„Möchtest du damit andeuten, dass sich das Kindermädchen nicht in ausreichendem Maße um Toms Bedürfnisse kümmert? Darf ich dich daran erinnern, dass sie bereits mit Hugos Obhut betraut war?“

„Das weiß ich doch“, erwiderte Allie.

„Und bestimmt erinnerst du dich daran, dass es kurz nach Toms Geburt eine Zeit gab, in der ihre Anwesenheit unentbehrlich war?“

„Ja, weil ich eine Weile unter postnatalen Depressionen gelitten habe“, sagte Allie betont gleichgültig. „Aber die sind längst überwunden.“

„Wirklich, meine Liebe? Manchmal habe ich da meine Zweifel.“ Ihre Schwiegermutter lächelte traurig. „Wahrscheinlich ist die Trauer um deinen geliebten Mann für deine Stimmungsschwankungen verantwortlich. Bestimmt kann Dr. Lennard dir jemanden empfehlen, einen Spezialisten, der dir in dieser schwierigen Phase deines Lebens zur Seite steht.“

„Du glaubst, der Wunsch, meinen Sohn zu sehen, bedeutet, dass ich einen Psychiater brauche?“

„Es gibt viele verschiedene Arten von Therapien, Alice. Außerdem war es nur ein Vorschlag.“

Und um deutlich zu machen, dass das Thema damit beendet war, wandte Grace sich dem Stapel Post zu, der wie jeden Morgen neben ihren Teller gelegt worden war. In seiner Mitte entdeckte Allie einen hellblauen Umschlag mit französischer Briefmarke und unterdrückte ein Stöhnen.

Ein Brief von Tante Madelon, dachte sie, und ihr Herz schlug heftiger. Aber es war sinnlos, nach dem Brief zu fragen. Denn so funktionierte das System nicht. Die gesamte Post für Marchington Hall ging zuerst zu Grace, die sie prüfte und dann an Angestellte und Familienmitglieder verteilte.

Wenn Grace glaubte, dass jemand ein zu großes Interesse an einem Brief zeigte, passierte es durchaus, dass sie die Post mit in ihr privates Wohnzimmer nahm und den Betreffenden einen halben Tag oder sogar vierundzwanzig Stunden schmoren ließ, bevor sie ihm den Brief mit dem honigsüßen Kommentar „Ich glaube, das ist für dich“ überreichte.

„Das ist doch Irrsinn“, hatte Allie einmal aufgebracht zu Hugo gesagt. „Warum unternimmst du nicht etwas dagegen?“

Aber er hatte sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen überrascht angesehen. „Mutter kümmert sich immer schon um die Post. Mein Vater hat es so gewollt, und ich sehe das nicht als Problem an.“

Leider hatte Hugo so gut wie nichts als Problem angesehen – außer einen Erben zu produzieren. Das bedeutete seinen gesamten Lebensinhalt, seine einzige Leidenschaft in einem ansonsten ruinierten Leben. In zwei ruinierten Leben, wenn sie ihr eigenes dazuzählte.

In den tragischen und hektischen Wochen nach Hugos plötzlichem und unerwartetem Tod und Toms Geburt war Allie zeitweilig in ein tiefes schwarzes Loch gefallen.

Zu diesem Zeitpunkt nahm Grace Marchington wieder die Rolle der Hausherrin ein. Erst später erkannte Allie, dass sie diese Position nie wirklich aufgegeben hatte.

Ich bin nur ein vorübergehender Eindringling, der Hugo seinen Erben geschenkt hat, dachte sie bitter. Jetzt erwarten alle, dass ich mich in das mir zustehende Abseits zurückziehe, während Grace und das Kindermädchen die Aufgabe übernehmen, aus Tom einen echten Marchington zu machen.

Doch dazu wird es nicht kommen!

Allerdings sollte ich meine Energien für die Kämpfe aufheben, die ich gewinnen muss, und Grace’ zurückgehaltene Briefe gehören nicht dazu.

Also blieb sie still sitzen, aß den Toast, den Mrs. Windom gebracht hatte, und würdigte den Stapel Briefe keines weiteren Blickes.

Stattdessen betrachtete sie das Bild an der Wand vor ihr. Ein Porträt von Hugo, das seine Mutter zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, zwei Jahre vor dem Unfall, in Auftrag gegeben hatte. Der Künstler hatte Hugos Persönlichkeit sehr gut getroffen und Hugos zweifellos gutes Aussehen festgehalten, aber auch den Ansatz zum Doppelkinn, die missmutigen Linien um den Mund und das an der Stirn bereits dünner werdende Haar.

Plötzlich wurde sein Gesicht von einem anderen überlagert, einem dünneren dunkleren Gesicht, mit einer größeren Nase und blauen Augen, kalt wie der Ozean und von schweren Lidern überschattet. Eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte den Namen, den sie so gern vergessen hätte – Remy.

„Das scheint für dich zu sein, Alice.“

Gewaltsam riss sie sich aus ihrem Tagtraum, als sie sah, dass Lady Marchington ihr den hellblauen Umschlag entgegenhielt.

Kaum hatte Allie den Brief in Empfang genommen, ging die Tür zum Esszimmer auf, und die Haushälterin kam herein.

„Entschuldigen Sie, Lady Marchington, aber Mrs. Farlow ist für Sie am Telefon. Es gibt ein Problem mit den Geschäftsbüchern des Garden Clubs.“

„Ich komme.“ Mit einer Miene, die nichts Gutes für den unglücklichen Schatzmeister des Clubs verhieß, erhob sich Grace.

Sobald sie allein war, eilte Allie zur Terrassentür und trat nach draußen. Ein paar Minuten später betrat sie Fountain Court, eine wunderschöne Anlage mit plätschernden Springbrunnen und Wasserspielen.

Auf einer der steinernen Bänke ließ sie sich nieder und öffnete den Brief. Zunächst überflog sie die Zeilen, runzelte die Stirn und las dann sorgfältig alles noch einmal.

Die Schrift war verschwommen und nicht immer einfach zu entziffern, aber im Wesentlichen stand in dem Brief, dass es Madelon nicht gut ging.

Es scheint, als würde dies mein letzter Sommer in Les Sables d’Ignac. Ich hatte ein gutes Leben hier und bedaure nur, dass so viel Zeit vergangen ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Du erinnerst mich so an meine geliebte Schwester. Wie würde es mich glücklich machen, Dich wiederzusehen, mein Kind. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass Du ein wenig Zeit Deines ausgefüllten Lebens erübrigen kannst und mich besuchen kommst. Bitte, meine liebe Alys, komm zu mir und bring Deinen kleinen Sohn mit. Er ist der Letzte, in dessen Adern das Blut der Vaillacs fließt, und ich sehne mich danach, ihn zu sehen.

Mein Gott, dachte Allie bestürzt. Was um alles in der Welt mochte ihr fehlen? Tante Madelon hatte immer äußerst robust und gesund gewirkt. Andererseits hatten sie sich seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Gerührt erinnerte sie sich an die letzte Begegnung mit Madelon. Damals hatte das Gesicht ihrer Großtante angespannt und ängstlich ausgesehen, die dunklen klaren Augen jedoch voller Leben gefunkelt. Voller Liebe für die Nichte, ihre einzige lebende Verwandte.

„Geh nicht zurück, ma chère“, bat sie damals. „Dort gibt es nichts für dich. Bleib hier bei mir …“

„Ich … kann nicht“, hatte Allie zögernd und aufgewühlt geantwortet.

Jetzt atmete sie tief ein, um sich zu beruhigen, und las langsam noch einmal das Postskriptum am Ende des Briefes.

Alys, ich verspreche Dir, hier gibt es nichts, was Dich belasten könnte. Du hast keinen Grund, einen Besuch zu fürchten.

Damit sagte Tante Madelon ihr, dass Remy de Brizat nicht in d’Ignac war. Dass er immer noch im Ausland für die ärztliche Hilfsorganisation arbeitete.

Leider reichte diese Garantie nicht. Auch wenn er physisch nicht präsent wäre, wusste Allie doch, dass sie sein Gesicht, sein Lachen und seine Stimme in ihrer Erinnerung überall finden würde: an der Küste, in einem der großen Megalithe, die überall in den Klippen standen, im Wind und im Murmeln der See.

Und im Wüten jedes Sturms würde sie die Wut und Bitterkeit ihrer Trennung noch einmal durchleben. Trotz des warmen Morgens fror sie plötzlich.

Ihr Blick fiel auf die entscheidenden Worte. Bitte, meine liebe Alys, komm zu mir …

Traurig schloss sie die Augen und hörte sich selbst ihre Antwort von damals wiederholen. „Ich kann nicht.“

Dann zerknüllte sie voller Bitterkeit den Brief und schob ihn in ihre Rocktasche.

Während sie ruhelos über die mit Kies bestreuten Wege ging, zwang sie sich, an andere Dinge zu denken – an andere Menschen.

Also dachte sie an die beiden Vaillac-Schwestern, Celine und Madelon. Während des Zweiten Weltkriegs hatte die Familie Vaillac Allies Großvater Guy Colville Zuflucht gewährt. Auf dem Heimflug nach England hatte er mit dem Fallschirm abspringen müssen und sich dabei das Bein gebrochen. Er schaffte es gerade noch, sich zur nächsten Scheune zu schleppen, wo Celine Vaillac ihn fand.

Die Vaillacs riskierten ihr Leben, als sie ihn versteckten und gesund pflegten. Mehr noch, sie organisierten sogar ein kleines Fischerboot, das ihn zurück nach England brachte. All das gehörte mittlerweile zur Familienhistorie, und als Kind konnte Allie die Geschichte nicht oft genug hören.

Dass Guy die hübsche, scheu lächelnde Celine niemals vergessen hatte, fand sie unglaublich romantisch. Nach Kriegsende kehrte er mit seinem jüngeren Bruder Rupert zu den Vaillacs zurück, um sicherzugehen, dass Celine und ihre Familie den Krieg unbeschadet überstanden hatten. Während dieses Besuchs entdeckte er, dass auch Celine sehr warmherzige Erinnerungen an ihn hegte.

Dem ersten Besuch folgten weitere, und zu Guys Überraschung bestand Rupert jedes Mal darauf, ihn zu begleiten. Als Guy Celine schließlich einen Heiratsantrag machte, gestand ihm sein Bruder, dass er sich in ihre jüngere Schwester Madelon verliebt hatte, und schlug eine Doppelhochzeit vor.

Wie in einem richtigen Märchen, dachte Allie wehmütig. Aber das Happy End war nicht von Dauer – zumindest nicht für ihre Großeltern. Schon immer war Celine die hübschere und stillere der beiden Schwestern gewesen. Schlank wie eine Lilie und genauso zart. So zart, dass sie die Geburt ihres ersten Kindes nicht überlebte.

Guy litt entsetzlich. Zunächst, weil seine über alles geliebte Frau gestorben war, dann, weil er lernen musste, sich um seinen neugeborenen Sohn zu kümmern. Selbstverständlich wandte er sich in seiner Not an Rupert und Madelon, die ihm alle Unterstützung gaben, die er brauchte. Ironischerweise blieben sie selbst kinderlos. So übertrugen sie all ihre Zuneigung auf ihren Neffen Paul Colville, Allies Vater, zu dem sie eine sehr herzliche und innige Bindung aufbauten.

Deshalb war Madelon auch für Allie ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Erst als Guy und Rupert gestorben waren, zog sie zurück nach Frankreich. Dort besuchten Allie und Paul sie oft. Nur Allies Mutter kam nie mit und entschuldigte dies mit der Fährüberfahrt und ihrer Neigung zur Seekrankheit.

Rückblickend vermutete Allie, dass Fay Colville die tiefe Zuneigung ihres Ehemanns zu seiner französischen Tante verabscheute und es viel eher Eifersucht als die Wellen des Meeres waren, die sie in England hielten. Außerdem ärgerte sie sich darüber, dass Allie auf den Namen Alys getauft worden war anstatt auf das englische Alice, das sie selbst immer verwendete.

Sogar bei Guys Tod lehnte ihre Mutter jede Unterstützung von Madelons Seite ab. Und ein paar Jahre später, als Allie ihre Großtante in Frankreich besuchen wollte, reagierte sie fast hysterisch.

„Bist du verrückt?“, hatte sie gewütet. „Was soll Hugo denken?“

„Spielt das denn eine Rolle?“

„Du scheinst nicht die leiseste Ahnung zu haben, wie man das Interesse eines jungen Mannes am Leben hält, Alice.“

„Weil ich vermute, dass sein Interesse nur eine kurze Laune ist.“

„Unsinn. Hat er dich nicht mit nach Marchington Hall genommen und seiner Mutter vorgestellt?“

„Ja“, stimmte Allie zögernd zu.

„Nun, die Einladung ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sie Hugos Wahl billigt.“

„Und was ist mit meiner eigenen Meinung zu Hugos Wahl? Was ist, wenn ich sie nicht billige?“

„Das“, hatte ihre Mutter schneidend entgegnet, „ist nicht lustig.“

Dabei hatte ich gar keinen Scherz gemacht, dachte Allie jetzt.

Natürlich hatte sie sich geschmeichelt gefühlt, als Hugo Marchington mit ihr ausgehen wollte. Er war reich, attraktiv und – wenn er wollte – auch charmant.

Genau da lag das Problem. Hugo konnte charmant sein, doch er war es nicht immer. Im Gegenteil, oft verhielt er sich gemein und sogar hinterhältig.

Und trotz all der Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte, war sie nicht überzeugt, dass sein Herz oder seine Gefühle dabei eine große Rolle spielten. Vielleicht verhielt er sich nur so, weil es von ihm erwartet wurde.

Am Anfang ihrer Beziehung unternahm er einige ernst gemeinte Verführungsversuche, die Allie ebenso ernsthaft abwehrte. Auch wenn er sie körperlich nicht abstieß, entfachte er eben auch keine Leidenschaft in ihr. Nie weckten seine Küsse ihre Sehnsucht nach mehr.

In Anbetracht all dessen überraschte es Allie, dass er sie nicht als Zeitverschwendung abschrieb und sich nach einer sexuell zugänglicheren Partnerin umsah, sondern sie weiterhin einlud.

Ob seine Mutter ihm gesagt hat, dass es an der Zeit ist, eine Familie zu gründen?, dachte sie damals oft. Und ich bin verfügbar und vorzeigbar.

Nachdem sie Lady Marchington kennen gelernt hatte, war sie fast sicher, dass sie mit dieser Vermutung richtiglag.

Allie unterbrach ihren ruhelosen Spaziergang und sah sich um. Wieder einmal genoss sie die barocke Schönheit von Fountain Court.

Mir gefällt es hier, dachte sie. Aber ich gehöre nicht hierher. Das habe ich nie. Marchington Hall ist nicht mein Zuhause, aber es muss Toms werden. Irgendetwas Gutes muss doch aus all diesem Unglück entstehen.

Er gehört hierher. Ich habe diese Entscheidung getroffen, und um seinetwillen muss ich bleiben.

Trotzdem brauche ich eine Beschäftigung. Ständig diese Nervosität, weil ich mich eingesperrt fühle. Ständig diese leeren öden Tage. Ich langweile mich – das kann auf die Dauer nicht gesund sein.

Aber ich werde nicht über das Leben nachdenken, das ich hätte haben können, wenn ich auf Madelon gehört hätte und in Frankreich geblieben wäre. Im Grunde war das nie wirklich eine Möglichkeit, sondern nur ein Traum. Und ein gefährlicher Traum dazu.

Wieder erklang das Dröhnen in ihrem Kopf, der gleich bleibende rhythmische Hufschlag eines galoppierenden Pferdes. In den vergangenen Monaten hatte sie dieses Geräusch so oft gehört, schlafend und wachend. Überallhin verfolgte sie der Reiter und kam immer näher.

Laut sagte sie: „Das ist nur meine Einbildung. Einbildung … und Schuldgefühle.“

Langsam kehrte sie zu der steinernen Bank zurück und setzte sich. Wie ein tonnenschweres Gewicht zog Madelons Brief in der Rocktasche an ihr. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten und wäre geflohen.

Aber das habe ich schon versucht – zweimal. Nun muss ich mit den Konsequenzen leben.

Mit allen …

Und wenn das bedeutete, sich den Erinnerungen zu stellen, um sie für immer auszulöschen, dann sollte es eben so sein.

2. KAPITEL

Die Ohnmacht, erinnerte Allie sich. Eines Morgens am Frühstückstisch hatte sie unter Grace’ erstauntem Blick das Bewusstsein verloren. So fing alles an. Denn damals kam nicht der Hausarzt der Marchingtons, sondern sein Stellvertreter, ein junger Mann, der sich von der Umgebung nicht im Geringsten beeindrucken ließ.

Er bestand darauf, Allie allein zu untersuchen. Freundlich stellte er ihr Fragen, bis sie erkannte, dass er eine mögliche Schwangerschaft erwog. In dem Moment fing sie an zu weinen und konnte lange, lange nicht aufhören. Endlich löste sich der ewige Knoten in ihrer Brust, und sie erzählte ihm, wie vollkommen unmöglich alles war und immer sein würde. Erzählte von dem permanenten Druck, unter dem sie in den letzten vier Monaten dieser lieblosen Ehe lebte. Und dass sowohl Hugo als auch seine Mutter ein Wunder von ihr verlangten.

„Hugo glaubt keinem der Ärzte“, schniefte sie. „Er sagt, alles sei meine Schuld. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Weiß nicht, was er von mir erwartet.

Zurück bei Hugo und Grace, verkündete der Arzt, dass Allie seit der Hochzeit unter großem Stress leide und dringend eine Pause brauche, weit weg von Marchington Hall und seiner Umgebung.

„Ich habe eine Großtante in der Bretagne“, meinte Allie leise. „Sie würde sich freuen, wenn ich sie besuche.“ Der Arzt nickte zufrieden. „Spaziergänge am Strand und viel Schlaf. Genau das ist es, was ich Ihnen verschreibe. So ein Urlaub ist mehr wert als jede Medizin.“

„Natürlich darfst du fahren“, erklärte Hugo in beißendem Tonfall, nachdem der Arzt gegangen war. „Gott weiß, von wie geringem Nutzen deine Anwesenheit hier ist.“

„Und während du fort bist“, fügte Grace hinzu, „könntest du vielleicht darüber nachdenken, was du dem Namen Marchington schuldig bist, und bei deiner Rückkehr deinen Pflichten als Hugos Ehefrau etwas aufgeschlossener gegenüberstehen.“

Aber ich bin nicht seine Frau, schrie eine Stimme in ihrem Kopf. Dazu habt ihr mich nur gemacht. Und er ist körperlich nicht in der Lage, mein Ehemann zu sein. Wir alle wissen das. Warum müssen wir diese grauenhafte Scharade weiterspielen?

Wieder hätte sie fast geweint, doch dieses Mal vor Erleichterung, weil sie wusste, dass sie all dem entkommen würde …

„Mein liebes Mädchen, du siehst aus wie ein Gespenst“, hatte ihre Tante sie bei ihrer Ankunft in Les Sables d’Ignac besorgt begrüßt. „Und diese dunklen Schatten unter deinen Augen. Schläfst du nicht richtig?“

„Na ja, Hugo ist manchmal ein wenig ruhelos. Und mein Leben ist seit der Hochzeit sehr hektisch.“ Mit Mühe gelang es ihr zu lachen. „Ich scheine auf einmal öffentliches Eigentum zu sein. Es ist alles … ein bisschen viel.“

Nach einer Pause sagte ihre Tante: „Ich verstehe.“

Aber bitte, versteh nicht zu viel, flehte Allie innerlich. Und stell mir keine Fragen, die ich nicht beantworten kann.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Liebe meines Lebens" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen