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Die Liebe meiner Mutter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. VORWORT
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. KAPITEL 13
  20. KAPITEL 14
  21. KAPITEL 15
  22. KAPITEL 16
  23. KAPITEL 17
  24. KAPITEL 18
  25. KAPITEL 19
  26. KAPITEL 20
  27. KAPITEL 21
  28. KAPITEL 22
  29. KAPITEL 23
  30. DANK

Über dieses Buch

Man schreibt das Jahr 1930, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger sind das tägliche Brot breiter Bevölkerungsschichten in Irland, und Straßenkinder sind Bestandteil dieser Armut. Sie werden in kirchliche Fürsorgeheime gegeben, wenn sie Glück haben, findet sich eine Familie, die sie adoptiert, staatliche Unterstützung der Herkunftsfamilie ist nicht vorgesehen. J. P. Rodgers erzählt in diesem Buch die Geschichte seiner Mutter – und seine eigene Geschichte. Es ist die Geschichte einer Mutter und eines Sohnes, die eine zweite Chance erhalten.

Über den Autor

John Paschal Rodgers wurde in Tuam/ Irland in einem Heim für ledige Mütter geboren. Im Alter von dreizehn Monaten wurde er zur Adoption freigegeben. Nach vielen Jahren der Trennung trafen Mutter und Sohn sich wieder und lernten sich – zum zweiten Mal – kennen. Nach einigen Jahren in England lebt J. P. Rodgers heute mit seiner Frau in Irland.

J. P. Rodgers

Die Liebe meiner Mutter

Sie nahmen ihr die Freiheit.
Sie nahmen ihr Kind.
Aber niemand konnte ihr den Mut nehmen.

Aus dem Englischen von
Isabell Lorenz

VORWORT

Bestenfalls könnte man mein Leben als völliges Desaster beschreiben. Ich wollte so viel, versuchte mich in so vielen Projekten, manche gut, manche schlecht, die entweder im Sand verliefen oder nicht zu Ende gebracht wurden. Wie auch immer man es betrachten will: Gut war es nicht. Kurz gesagt, was ich meine, ist Folgendes: Ich war womöglich der erfolgreichste Versager, der je aus Irland kam. Ein gutes Buch aber wollte ich mein ganzes Leben schon schreiben. Zwar habe ich alle Vorarbeiten für ein Buch abgeschlossen, die inzwischen irgendwo im Haus Staub ansetzen, aber das Thema drängte sich nicht gerade auf. Zugegeben, da sind Theaterstücke, Gedichte, Kurzgeschichten – oder Teile davon, sollte ich vielleicht sagen –, aber alles ohne Ziel. Jetzt dagegen, da ich mich dem Herbst des Lebens nähere, unternehme ich eine einzige Riesenanstrengung, um ein gutes Buch zu schreiben und die Gespenster der Vergangenheit zu beschwichtigen. Doch wo soll ich anfangen? Soll ich mit dem Bericht eines einsamen Tages in meiner Jugend anfangen oder mit der Geschichte meiner Mutter, deren Leben mit meinem so eng verstrickt ist, einer Geschichte, die mich wirklich verfolgt? Ehe ich das nicht erledigt habe, sind alle anderen Schreibversuche wohl sinnlos.

27. April 1997, 5.00 Uhr

J. P. Rodgers

KAPITEL 1

An einem Freitagmorgen, dem 3. März 1930, hat diese ganze scheußliche Geschichte wohl begonnen. Es war die Art Morgen, an dem man sich wünscht, man wäre besser im Bett geblieben, statt dem schneidend kalten Wind die Stirn zu bieten, der durch die verdreckten Straßen des alten Dublin fegte, in Richtung des Metropolitan Courthouse, des Gerichtsgebäudes im Norden der Stadt.

Doch trotz beißenden Windes und strenger Kälte lungerten einige rotznäsige kleine Racker beim Smithfield Market in der Nähe des Gerichts herum, bereit, das bisschen zu stehlen, das ihnen unter die Finger kam, denn sie wollten versuchen, die anwachsende Hungersnot einzudämmen. Und auf jeden flinkfüßigen, erfolgreichen kleinen Racker, der die Straßen unsicher machte, kam wenigstens ein halbes Dutzend weiterer kleiner Kinder, die in verdreckten Hauseingängen hockten, erbärmlich weinten und um Almosen bettelten.

Gelegentlich musste der schwächste kleine Racker einen bitteren Preis zahlen und im nahe gelegenen Metropolitan Courthouse vor Gericht erscheinen. Und so kam es, dass an jenem Morgen in dem düster wirkenden viktorianischen Gebäude Oberrichter Cussens stand und dankbar zur Kenntnis nahm, dass es warm im Gebäude war. Er schickte sich an, die Perücke aufzusetzen und die Robe überzuziehen, ehe er seine Privaträume verließ, um den Verhandlungen des Tages vorzusitzen.

In dem Moment, als er die Tür öffnete und den Gerichtssaal betrat, befahl der Protokollführer der versammelten Menge: »Die Anwesenden mögen sich erheben.« Der gut gefüllte Saal voller Anwälte, Polizisten und all jenen, die auf ihren Prozess warteten, erhob sich sofort, als der Richter würdevoll durch die Tür schritt und auf die Richterbank zuging. Dort gab er mit einem Kopfnicken zu verstehen, der Prozesstag könne beginnen. Als der Protokollführer sich überzeugt hatte, dass Richter Cussens bereit war, ließ er die versammelte Menge Platz nehmen und rief den ersten Fall auf.

»Euer Ehren, das hohe Gericht ruft den Fall Clancy gegen Rodgers auf. Klägerin ist Rose Clancy, Beklagte Bridgit Norah Rodgers.«

Eine halbe Ewigkeit schien die große Stille zu dauern, die sich über die versammelte Menge gesenkt hatte, während gleichzeitig unauffälliges Kopfnicken und Flüstern zwischen Rose Clancy und Michael Corcoran hin und her ging; Corcoran war ein junger Polizist, der in Rose Clancys Namen geladen worden war. Dann stand Corcoran auf und betrat zögerlich den Zeugenstand, wo er die kleine schwarze Bibel zur Hand nahm und schwor, die Wahrheit zu sagen, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit …

Als sich der junge Polizeibeamte auf Aufforderung des Richters gesetzt hatte, warf er nervös einen Blick in seine Notizen, ehe er im Namen der Klägerin die Anklage verlas. »Euer Ehren, nach einer Beschwerde von Rose Clancy, die am 21. Februar 1930 um genau 14.30 Uhr einging, begab ich mich zum Markt bei der Chancery Street in besagten Stadtteil von Dublin, wo mir ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in erbärmlichem und unordentlichem Zustand auffiel. Die Kleine weinte jämmerlich und bettelte, wobei sie den Passanten ein leeres Gefäß entgegenstreckte. Nach einigen Nachforschungen ergab sich für mich folgendes Bild: Das Kind ist Katholikin, getauft auf den Namen Bridgit Norah Rodgers. Das Geburtsdatum wird mit 13. September 1927 angegeben und die Anschrift mit North Great Clarence Street 44 in Dublin, zuletzt jedoch wohnhaft in Bluebell, Inchicore, in der Grafschaft Dublin. Weitere Nachforschungen ergaben, dass es die Adresse North Great Clarence Street 44 nicht mehr gibt, es existiert nur noch ein verlassenes, verfallenes Grundstück. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint die Beklagte Bridgit Norah Rodgers moralisch ernsthaft gefährdet zu sein, denn es fehlt ihr die Unterstützung einer Familie, und es ist nicht bekannt, wer derzeit die gesetzlichen Erziehungsberechtigten sind. Dies, Euer Ehren, erkläre ich wahrheitsgemäß und schließe meinen Bericht.«

Oberrichter Cussens räusperte sich und erwiderte: »Was für Zustände … Da meinen die Leute, sie könnten ihre Sprösslinge wie einen unerwünschten Wurf junger Katzen auf den Straßen Dublins aussetzen.« Dann wandte er sich an den Polizeibeamten Corcoran und fügte hinzu: »Danke, Mr. Corcoran, Sie dürfen den Zeugenstand verlassen.«

Michael Corcoran stand rasch auf, seufzte erleichtert und zupfte sich die Aufschläge seiner adretten Uniformjacke zurecht. Dann marschierte er flott ganz nach hinten in den Gerichtssaal, während die Klägerin Rose Clancy in den Zeugenstand gerufen wurde.

Rose Clancy, die einen dreiviertellangen dunkelblauen Mantel und einen dazu passenden Hut mit breiter Krempe trug, war eine etwa fünfundvierzigjährige unverheiratete Frau aus Dublin. Sie war erfüllt von dem glühenden Wunsch, aus der Straße, in der sie wohnte, alle unerwünschten obdachlosen Kinder zu entfernen. Sie machte einen irgendwie überheblichen Eindruck, als wolle sie zu verstehen geben, sie sei die Größte, und sie hatte einen schmalen Mund, der nie zu lächeln schien. Außerdem hatte sie einen wenig schmeichelhaften Gang, der den Leuten ein Schmunzeln entlockte, als sie ihren Platz im Zeugenstand einnahm.

Nach den üblichen Belehrungen durch den Richter und den Angaben zur Person berichtete Rose Clancy, wie sie das Kind entdeckt hatte und dass es ihr glühender Wunsch sei, aus der Gegend um den Smithfield Market ein für alle Mal die Straßenkinder zu entfernen.

Während Rose Clancy ihre Rede hielt, nahm Richter Cussens die Lesebrille ab und musterte die Klägerin mit kaltem Blick aus wachen Augen, ehe er fragte: »Miss Clancy – so darf ich Sie doch nennen –, ich nehme an, Sie sind nicht verheiratet?«

»Nein, Euer Ehren … ich bin nicht verheiratet.«

»Helfen Sie meinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge, seien Sie so gut, ich glaube … wir sind uns schon einmal begegnet, nicht wahr?«

»Jawohl, Euer Ehren, in meiner Eigenschaft als Mitglied des Kinderschutzbundes habe ich schon einmal bei Gericht beantragt, ein Kind möge der staatlichen Fürsorge übergeben werden. Es handelte sich um einen zehnjährigen Jungen, der zwei kleine frisch gebackene Kuchen gestohlen hatte, und zwar von meinem …«

»Oh ja, natürlich! Wie konnte ich das nur vergessen!«, unterbrach sie der Richter beiläufig, ehe er fragte: »Und was können Sie mir nun über Bridgit Norah Rodgers sagen?«

»Bridgit Norah Rodgers ist, nach allem, was ich weiß, ein uneheliches Kind, Euer Ehren. Niemand scheint zu wissen, wer die leiblichen Eltern sind. Standesamtlich eingetragen ist Colleen Rodgers als leibliche Mutter, deren Cousine Mary Harte aus Bluebell, Inchicore, sich wohl um das Kind kümmern sollte …«

»Verzeihung, da muss ich Sie gleich unterbrechen. Sie haben gesagt, niemand scheint zu wissen, wer die leiblichen Eltern sind, und dann erzählen Sie mir, leibliche Mutter des Kindes sei Colleen Rodgers. Da scheint doch wohl ein Widerspruch vorzuliegen, oder?«

»Ja, doch … Euer Ehren. Colleen Rodgers ist die Mutter, aber ich …«

»Und wo ist die Mutter?«

»Sie soll in London leben, sie ist offenbar fortgelaufen.«

»Und was hat es mit dieser famosen Cousine auf sich? Wieso kann die sich denn nicht um das Kind kümmern und die Kleine davon abhalten, auf der Straße herumzulungern wie eine Figur aus einem Roman von Charles Dickens?«

»Mary Harte hat sechs eigene Kinder, Euer Ehren. Sie arbeitet als Obstverkäuferin auf dem Markt von Smithfield, ihr Mann hat nämlich Tuberkulose.«

»Na, ein Glück, dass sie nicht auch nach London gegangen ist, sonst wären wir jetzt in ziemlichen Schwierigkeiten. Wie ist denn gegenwärtig der Gesundheitszustand des Kindes? Weiß jemand, ob die Kleine einem Arzt vorgestellt wurde?«

»Sie wurde von meinem eigenen Arzt untersucht, Euer Ehren, und ist bei guter Gesundheit, wenn auch etwas unterernährt.«

»Wie alt ist sie, und wo ist sie jetzt?«

»Sie ist zweieinhalb, und sie ist hier im Saal anwesend, Euer Ehren«, sagte Miss Clancy und deutete nach hinten auf ein schwächlich wirkendes Kind, das spielerisch versuchte, Michael Corcoran, dem Polizisten, der ein Auge auf sie hatte, einen Ball zuzuspielen.

»Gegenwärtig befindet sie sich in der Obhut des Kinderkrankenhauses in der Harcourt Street, doch da man dort nicht in der Lage ist, Verantwortung für ihr weiteres Wohlergehen zu übernehmen, muss eine geeignete Unterbringungsmöglichkeit für sie gefunden werden.«

Wieder setzte der Richter seine Hornbrille ab und schaute hinunter in den Gerichtssaal, wo er Bridgit Norah Rodgers einen roten Ball aufnehmen und fröhlich herumtanzen sah.

»Hm! Das ist ja nun wirklich ein schmächtiges Mädel«, meinte der Richter, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder der Klägerin im Zeugenstand widmete.

»Haben Sie noch etwas zu sagen, Miss Clancy?«

»Mit Erlaubnis des hohen Gerichts, Euer Ehren, beantrage ich die Unterbringung sämtlicher Straßenkinder aus meiner Gegend in staatlichen Einrichtungen, wo sie zweifellos in angemessener Weise versorgt werden und auch eine Art religiöser Unterweisung und Berufsausbildung erhalten.«

Als Richter Cussens das hörte, verzogen sich die jovialen Züge seines rundlichen Gesichts wieder zu einer Grimasse und er bemerkte: »Ob das hohe Gericht es nun erlaubt oder nicht, so scheint doch offensichtlich, dass in Bezug auf dieses Kind gewisse gerichtliche Anordnungen erlassen werden müssen. Doch bevor Sie den Zeugenstand verlassen, Miss Clancy, lassen Sie mich noch hinzufügen, dass Sie zwar gute Absichten haben mögen, Sie aber dennoch ernsthaft in Erwägung ziehen sollten, eine Art Zufluchtsstätte in Ihrer näheren Umgebung einzurichten, in der diese ›Straßenkinder‹, wie Sie sie nennen, betreut werden können. Dann müssten Sie die Kinder nicht ständig vor dieses Gericht bringen. Das ist alles, Miss Clancy«, fügte er hinzu und schob sofort die sich auf diesen Fall beziehende Akte zur Seite, ehe er im Flüsterton einige Sätze mit dem Protokollführer wechselte.

In der Zwischenzeit reckte Miss Clancy die Nase in die Luft, stapfte vom Podium herunter und trottete unelegant in den hinteren Bereich des Gerichtssaals, um auf das Urteil zu warten. Sie hielt den Kopf hoch und lächelte trocken, als der Richter den Hammer aufnahm und ihn dreimal auf den Richtertisch niederfahren ließ.

»Das Urteil im Fall Bridgit Rodgers gegen Rose Clancy wird heute Nachmittag um fünfzehn Uhr verkündet.«

Als Rose Clancy das hörte, sprach sie noch einmal kurz mit Michael Corcoran und verließ dann den Gerichtssaal. Das Kind Bridgit Rodgers ließ sie in der Obhut des Polizeibeamten. Der nahm nur zu gern die Hand, die die Kleine ihm entgegenstreckte, und ging mit ihr in ein Café in einer Nebenstraße, wo er für sie beide Tee und Gebäck bestellte.

Um Punkt fünfzehn Uhr saß nur eine Hand voll Leute im Gerichtssaal, als der Richter hereinkam, um das abschließende Urteil zu verkünden. »Im Fall der Klägerin Miss Rose Clancy gegen die Beklagte Bridgit Norah Rodgers befindet das Gericht Folgendes für rechtens: Bridgit Rodgers, die das vierzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat und die – soweit sich feststellen ließ – am 13. September 1927 geboren ist und zurzeit in Bluebell, Inchicore, in der Grafschaft Dublin wohnt, wurde am 21. Februar 1930 in der Chancery Street im gleichnamigen Verwaltungsbezirk beim Betteln angetroffen.

Der Rat besagter Grafschaft erhielt Gelegenheit, gehört zu werden, und ist von der Notwendigkeit überzeugt, besagtes Kind in staatliche Obhut zu nehmen, indem besagtes Kind in eine staatlich geprüfte Erziehungsanstalt einzuweisen sei.

Die Konfession besagten Kindes scheint römisch-katholisch zu sein.

Hiermit wird verfügt, dass besagtes Kind mit sofortiger Wirkung in die Erziehungsanstalt in Clifden in der Grafschaft Galway eingewiesen wird.

Bei besagter Anstalt handelt es sich um ein Institut, das in Übereinstimmung mit den Lehren der römisch-katholischen Kirche geleitet wird. Die Leiter der Anstalt erklären mit Datum von heute, dass sie gewillt seien, besagtes Kind mit Datum vom 5. März 1930 aufzunehmen. In der Anstalt hat besagtes Kind bis zum 12. September 1943 einschließlich zu verbleiben, aber keinen Tag darüber hinaus.

Ferner wird verfügt …«

»Herr im Himmel, Euer Ehren! Sie sind ja wohl nicht ganz dicht oder was …«, ertönte laut eine Stimme im Gerichtssaal, und Mary Harte, eine korpulente Frau mittleren Alters, schoss von ihrem Platz bei der Tür nach vorn und versuchte, das Kind zu packen, das neben dem Polizeibeamten Corcoran stand. »Der ihre Mutter dreht durch, wenn die erfährt, dass man ihr das Würmchen …«

»Ruhe im Saal! Ruhe!«, kam die laute Ermahnung von der Richterbank, als Richter Cussens auf den Holztisch einhämmerte. »Eine derartige Störung in meinem Gericht dulde ich nicht!«, fügte er hinzu, als es zu einem kleineren Handgemenge kam. Die Polizisten versuchten, Mary Harte davon abzuhalten, des Kindes habhaft zu werden, das inzwischen jämmerlich weinte und sich an Mr. Corcoran klammerte.

»Ach was, Ruhe, da scheiß ich doch drauf! Sie haben doch keinen blassen Schimmer, was Kinder angeht. Sie haben in Ihrem ganzen Leben doch noch nicht mal eine verdammte Muschi zu Gesicht gekriegt …«

»Ruhe im Saal! Ruhe! Entfernen Sie unverzüglich diese gewalttätige Person aus dem Gerichtssaal …«

Daraufhin trugen zwei oder drei kräftige Polizisten eine kreischende Mary Harte aus dem Saal, und einen Augenblick lang schien sich eine seltsame Stille über das gesamte Gericht zu senken, bis ein lauter, jammervoller Schrei von Bridgit Norah Rodgers zu vernehmen war. Sie klammerte sich an das Hosenbein des Polizeibeamten Michael Corcoran, während der aufgebrachte Richter den Hammer hob, ihn schwer niederfahren ließ und bestätigte: »Das Urteil ist rechtskräftig für die Beklagte.«

Die Würfel waren gefallen.

KAPITEL 2

Eine Zeit lang hatte das Straßenkind Mühe, sich an die neue Umgebung in der Erziehungsanstalt St. Joseph’s zu gewöhnen. Das Heim war eine festungsähnliche Einrichtung. Es lag auf einem kleinen Hügel mit Blick auf das malerische Städtchen Clifden an Irlands äußerster Westküste direkt am Atlantik.

An warmen Sommersonntagen wurde Bridgit Norah Rodgers – die von den Nonnen inzwischen liebevoll Bridie Rodgers genannt wurde – gelegentlich mit einer Gruppe Gleichaltriger auf kurze Spaziergänge auf die berühmte Sky Road in Clifden geführt. Diese seltenen Ausflüge sollten eine Besonderheit ihrer Sommertage in St. Joseph’s werden, wo sich der Himmel und die weite Fläche der See Meilen über Meilen zu erstrecken schienen. Aber so ganz reibungslos verlief nicht alles. Denn kaum hatte sich Bridie in St. Joseph’s mit anderen Kindern angefreundet, verschwanden sie plötzlich wieder, wenn sie zu Familien in Pflege gegeben wurden. Vor allem Jungen wurden schnell wieder fortgeschickt, damit sie auf den Farmen helfen konnten, während die Mädchen oft zu älteren Ehepaaren in Pflege gegeben wurden, wo sie die Lücken füllen sollten, wenn die Verwandten nach England oder Amerika ausgewandert waren. Wenn Bridies Freunde verschwanden, verzehrte sie sich Stunden über Stunden vor Kummer, bis die Mutter Oberin sie wieder einmal davon zu überzeugen versuchte, dass noch nicht alles verloren war.

»Aber Bridie, eines Tages wirst du auch eine neue Mama und einen neuen Papa haben.«

»Und habe ich dann auch Geschwister?«

»Vielleicht. Unter Umständen hast du sogar ganz viele Geschwister«, antwortete die Mutter Oberin, die allerdings sehr wohl wusste, dass Bridie St. Joseph’s aufgrund der gerichtlichen Verfügung nicht verlassen durfte. Und immer wieder fragte sie sich, was für eine Familie das wohl sein mochte, die dieses entzückende Kind mit dem kohlrabenschwarzen Haarschopf auf den Straßen von Dublin zum Betteln schicken konnte.

Wochen und Monate später fragte Bridie die Mutter Oberin wieder: »Aber wieso kann ich denn nicht jetzt eine Mama und einen Papa haben, worauf warten wir denn noch?«

»Bridie, mein Liebes, du musst Geduld haben und abwarten, bis die richtige Mama und der richtige Papa kommen. Und außerdem, bin ich denn nicht hier deine Mama? Was wäre denn, wenn du gehst und ich hier ganz allein bin und keiner mehr auf meinem Schoß sitzt, wenn ich unser schönes Weihnachtslied singe. Singst du es noch mal für mich?«

Scheu schüttelte Bridie den Kopf, sie wollte nicht.

»Ach komm schon, bitte!«

»Und wenn ich singe und die Mundharmonika spiele, besorgst du mir dann eine neue Mama und einen neuen Papa?«

»Ich tue mein Bestes, Ehrenwort.«

»Und kriege ich dann auch Geschwister und Vettern und Cousinen und Tanten und alles?«

»Das wird sehr schwer, aber ich will es versuchen.«

Und Bridie sang das Weihnachtslied vom Jesuskind in seiner Krippe, das vom Himmel herabschauen und bis zum Morgen an ihrem Bett wachen sollte.

Diesen Tauschhandel setzte Bridie Rodgers immer wieder während ihres langen Aufenthaltes in St. Joseph’s ein. Und wenn es auch, als sie älter und frecher wurde, zwischen ihr und den Schwestern so manchen Streit gab, schien doch die Zeit wie im Flug zu vergehen, bis sie eines Tages überraschend ins Büro der Mutter Oberin gerufen wurde.

Sie überlegte, was sie wohl diesmal angestellt haben mochte und ob sie wieder einmal für ein geringfügiges Vergehen wie verbranntes Brot oder zu viel Salz in der Butter bestraft würde. Doch diesmal war sie erleichtert und auch ein wenig überrascht, als die neue Mutter Oberin zu ihr sagte: »Ganz bestimmt wirst du dich freuen, Bridie, wenn ich dir jetzt sage, dass ich zu deinem sechzehnten Geburtstag eine Arbeitsstelle für dich gefunden habe. Du wirst Haushälterin bei einer wunderbaren Farmerfamilie, die in einem großen Gutshaus mit Namen Conly House wohnt. Das liegt im Dörfchen Cill Conly, etwa auf halber Strecke zwischen Tuam und Galway.«

Seit Wochen schon hatten die Nonnen bestimmte Andeutungen gemacht. An ihrem sechzehnten Geburtstag sollte sie die Erziehungsanstalt verlassen können. Zuerst hatte sie den Nonnen nicht geglaubt, und als sie sich ganz unverblümt erkundigt hatte, ob sie an ihrem Geburtstag St. Joseph’s für immer verlassen dürfe, hatten die Schwestern so getan, als wüssten sie von nichts.

Bridie war verblüfft, als die Mutter Oberin hinzufügte: »… Du wirst für eine sehr wohlhabende Familie arbeiten, die O’Malleys, Gerald und Beatrice O’Malley. Ein Ehepaar mittleren Alters, die beiden haben zwei Söhne, acht und zehn Jahre alt, und ein Mädchen von zwölf. Du sollst dich um die Kinder kümmern, kochen, waschen und nähen. Von Zeit zu Zeit wirst du vielleicht ein bisschen putzen müssen. Als Gegenleistung hast du Kost und Logis frei, bekommst Kleidung einschließlich Schuhe gestellt, und jeden Sonntag hast du frei. Es sind wirklich nette Leute, und ganz bestimmt werden sie dich so behandeln, als gehörtest du zur Familie. Morgen Vormittag um zehn Uhr verlässt du uns, wenn es dir recht ist.«

»Was ist denn Undlogis?«, fragte Bridie offensichtlich entzückt.

»Das Wort heißt Logis, Kind – Logis bedeutet, dass du umsonst dort wohnen kannst. Ich dachte, dass du wenigstens das inzwischen gelernt hättest. Es bedeutet, du bekommst deine Mahlzeiten umsonst und hast ein Schlafzimmer für dich allein im Gegenzug für die Arbeit, die du leistest.«

»Und bekomme ich auch Geld dafür?«, fragte Bridie, die regelrecht entzückt über die ganze Entwicklung war. Sie erinnerte sich nur zu gut an das, was die Nonnen ihnen beigebracht hatten. Kaum etwas auf dieser Welt war so mächtig wie das Geld; die Menschen kauften und verkauften und tauschten Waren ganz nach Belieben. Und alles nur mit dem Geld, das man in der Tasche hatte und das man sich im Schweiße seines Angesichts verdiente, ob als Küchenmädchen, als Arbeiter auf einer Farm, als Besitzer eines Dorfladens oder als Bankdirektor in der Stadt.

»Ach Bridie, als Erstes musst du lernen, dass ein Mädchen wie du ohne richtige Berufsausbildung und ohne anständigen familiären Hintergrund nicht in der Position ist, etwas anderes als Kost und Logis zu verlangen. Irgendwann einmal hast du vielleicht Anrecht auf einen bescheidenen Lohn, aber im Moment sicher nicht. Im Augenblick beschränken sich deine Fähigkeiten auf die Grundbegriffe des Kochens und ein paar allgemeine Pflichten im Haushalt wie Waschen und Bügeln. Als Haushälterin eines Pfarrers wärst du wohl eher geeignet, aber etwas anderes können wir dir gerade nicht bieten. Also geh jetzt und such deine persönlichen Sachen zusammen und staple sie auf dem Bett. Ich will versuchen, einen hübschen Koffer für dich aufzutreiben, und dann schauen, ob du alles hast, was du brauchst. Natürlich werde ich ein Auge auf deine Fortschritte haben, und ich stehe zur Verfügung, wenn du mir schreibst und Rat und Hilfe brauchst«, sagte die Schwester, stand auf und begleitete Bridie den Korridor hinunter.

»Deine Arbeitgeber hast du mit Mr. und Mrs. anzusprechen, und du musst immer ›Danke, Sir‹ und ›Danke, Ma’am‹ sagen«, fuhr die Mutter Oberin fort. »Du sprichst nur, wenn du etwas gefragt wirst, und wenn du etwas haben möchtest, sagst du ›bitte‹ oder ›darf ich‹. Das hast du alles schon in der Schule gelernt, und jetzt ist es Zeit, es in die Praxis umzusetzen. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute, Bridie«, fügte die Mutter Oberin hinzu und bog am Ende des Korridors nach rechts ab, wo es direkt zum Kloster gegenüber des großen Eingangstores ging.

Erschrocken und ungläubig saß Bridie lange in ihrem Zimmer. »Denkt euch, ich darf aus St. Joseph’s weg«, sagte sie laut zu sich selbst. Dann rannte sie aufgeregt über das Schulgelände zur Bäckerei, denn sie wusste, dass ihre Freundin Alice dort die Öfen putzte.

»Ich darf weg! Ich darf weg!«, rief sie strahlend und hüpfte dabei auf und ab. Aber als sie Alice’ Reaktion sah, wünschte sie, die Freundin wäre alt genug, um mitzugehen. Doch Alice musste noch ein Jahr bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag warten, es sei denn natürlich, eine Bauernfamilie, die dringend Hilfe brauchte, käme zu ihrer Rettung.

Nach ein paar hastig ausgetauschten Worten ging Bridie sofort in ihren Schlafsaal zurück und fing an, ihre Siebensachen zusammenzupacken. Ich kann es gar nicht abwarten, es meinen anderen Freundinnen zu erzählen, seufzte sie und setzte sich wieder. Sie ahnte, dass sie so etwas Bedeutendes noch nie erlebt hatte. In wenigen Stunden sollte ihr neues Leben beginnen. Sie würde frei sein und könnte ganz allein lange Spaziergänge machen. Mit einer Familie an einem schönen großen Tisch essen, statt ab und zu ein Häppchen hier und da zu sich zu nehmen, während sie versuchte, eine große Gruppe kleiner Kinder zu beaufsichtigen. Sie würde auf einem großen eleganten Landgut leben und hätte ihr eigenes Schlafzimmer. Und nicht nur das, sie hätte einen richtigen Vater und eine richtige Mutter, dachte sie, na, jedenfalls beinahe. Aber am wichtigsten wäre, sie könnte einen Freund haben. Etwas, das man in St. Joseph’s deutlich missbilligte. Doch Bridie hatte allerlei nützliche Informationen von den erfahreneren jungen Mädchen aufgeschnappt, die aus der Stadt Galway kamen, wo jedes junge Mädchen mindestens einen Freund hatte, so schien es jedenfalls. Bridie war es egal, ob es der Sohn eines Farmers war, ein Schuhmacher, ein Kesselflicker oder ein Dachdecker, Hauptsache, sie hatte einen netten Jungen zum Freund. Vielleicht fände sie ja sogar einen Ehemann und hätte dann viele, viele Kinder. Sie hüpfte auf dem Bett auf und ab und sang vor lauter Freude: »Ich bin frei! Ich bin frei!«

Schwester Rita erschien an der Tür. »Was springst du denn da mit den schmutzigen Stiefeln auf dem Bett herum? Dein Benehmen ist abscheulich, Bridie, unanständig und dumm. Jetzt reiß dich aber mal zusammen.«

»Tut mir leid, Schwester, es ist ja nur … ich bin ja so glücklich. Vielen Dank dafür, dass Sie und die Mutter Oberin eine Stelle für mich gefunden haben. Ich will alles tun, was Sie und Schwester Bernadine mir gesagt haben, Ehrenwort.«

»Ja, ja. Dann fang mal gleich damit an«, sagte die Schwester mit strengem Blick.

»Ach, und eine Sache wäre da noch, die hätte ich beinahe vergessen«, fügte die Schwester in kaum hörbarem Flüsterton hinzu. »Du musst gut auf deine Keuschheit achten. Wir wollen dich hier nicht wiedersehen, bloß weil du dumm und unachtsam gewesen bist. Du musst dich unter allen Umständen vor unreinen Gedanken und Begierden hüten, denn leider ist die Welt voll böser Männer, die nichts weiter wollen, als deinen Körper zu besitzen, um ihrer eigenen liederlichen Lust zu frönen und so ihren Untergang herbeizuführen. Hüte dich immer davor, allein mit einem Mann zu bleiben, sei es in einem Haus, auf einem Feld oder einer Landstraße. Solltest du dich je in solch einer Lage befinden, flehe Gott um Unterstützung an und suche Zuflucht im nächstgelegenen Haus. Die Reinheit des Körpers ist Gottes größtes Geschenk an dich, also hüte sie wohl, so als hinge dein Leben davon ab. Also, wo sind denn deine sauberen Unterröcke, ich will dir beim Packen helfen«, fügte Schwester Rita nachdenklich hinzu.

»Das habe ich alles schon erledigt«, erwiderte Bridie fröhlich.

Und was um Gottes willen meinte sie nur mit »Haus, Feld oder Landstraße«? Gott, war die blöd. Ich werde ja wohl in einem Haus arbeiten, und was sollte ich auf einer Landstraße, dachte Bridie, als sie die Schwester den Korridor hinuntergehen sah. Dann ging sie zu den anderen Mädchen, die in der Küche das Abendessen für die Kleinen vorbereiteten.

Sie beschloss, den Rest des Abends mit ihrer Freundin Alice zu verbringen, wenn die von der Arbeit kam, und dieses neue Problem zu besprechen. Bestimmt könnte Alice etwas Licht auf diese Sache mit der »liederlichen Lust« und dem »Untergang« werfen. Ganz sicher.

Am nächsten Vormittag um 10.30 Uhr saß Bridie auf dem Rücksitz eines Fords und winkte ihren Freundinnen und den Schwestern zum Abschied zu, die auf dem Kiesweg vor dem Eingang zu St. Joseph’s standen, um sie zu verabschieden. Von ihrem sicheren Platz am Schlafzimmerfenster hatte sie diese Szene im Lauf der Jahre schon so viele Male beobachtet, dass sie fast schon die Hoffnung aufgegeben hatte, sie selber werde eines Tages ebenfalls wie eine Lady zu einem neuen Zuhause chauffiert. Dann mischte sich eine winzige Furcht in ihre Gefühle, als sie sich ein letztes Mal zu Alice umwandte, die mit einem weißen Taschentuch winkend dastand. Einen Moment lang erinnerte sich Bridie an ihre gemeinsamen Tage der Gänseblümchenketten auf dem großen Feld und an die berühmte verlorene Münze. Ach ja, und die verbrannten Kuchen und Schwester Bernadine, die ihr ständig Strafpredigten hielt, die alte Hexe! Vielleicht meinte sie es ja gut, dachte Bridie. Aber wie schade, dass Schwester Concepta, die alte Mutter Oberin, nicht dastand. Ich hätte sie zu gern umarmt. Sie hätte mehr Verständnis für mich gehabt, aber was spielt das jetzt noch für eine Rolle. Ich habe jetzt ein ganz neues Zuhause. Ich werde in Conly House leben.

KAPITEL 3

Die sengende Sommersonne schien hell, und eine kühle Brise wehte wohltuend durch Bridies Haar, als sich das glänzende Automobil durch die Connemara-Berge wand wie die Raubvögel, die in die Lüfte aufstiegen und durch die malerischen Täler glitten.

Der Fahrer sagte, sie wollten in Galway halten und nahe beim Strand eine schöne Tasse Tee trinken, dann wären sie in drei Stunden am Ziel. Bridie überlegte, was wohl in dem Brief stehen mochte, den sie den O’Malleys übergeben sollte, vielleicht war es ein Empfehlungsschreiben. Sie brauchten womöglich eine Art Zeugnis, was ihre Kochkünste betraf – ach du lieber Himmel, noch mehr verbrannte Kuchen und klebriges Natronbrot und Murks mit Handarbeiten. Na, sei nicht blöd, reiche Leute lassen sich doch nicht die Socken stopfen, dachte sie seufzend, außerdem kann ich mich sonntags immer erholen, vielleicht kann ich ja einmal an den Strand, das wäre schön. Dann könnte ich schwimmen lernen.

Es war fast halb zwei. Und vor Erleichterung tat Bridies Magen einen Hüpfer, als der Wagen plötzlich links abbog und über einen langen, gewundenen Kiesweg auf ein großes weißes Haus zufuhr, das von unzähligen wunderschönen Bäumen, Blumen und Sträuchern umgeben war. Zu beiden Seiten der Auffahrt erstreckten sich makellos gepflegte Rasenflächen mit großen Bronzestatuen und einem Wasser speienden Brunnen, ganz zu schweigen von den grünen Weiden, die sich meilenweit hinzogen.

Bridie stieg aus dem Wagen, und der Chauffeur nahm ihren kleinen braunen Koffer und begleitete sie zur Eingangstür, wo Mr. und Mrs. O’Malley mit ausgebreiteten Armen erschienen.

»Herzlich willkommen, Bridie. Ich bin Gerald, und das ist meine Frau Beatrice, und Tom, unseren Chauffeur, hast du natürlich schon kennengelernt. Wie geht es dir?«, fragte Mr. O’Malley.

»Gut«, antwortete Bridie, machte unwillkürlich einen kleinen Knicks und schüttelte zuerst Gerald, dann Beatrice die Hand, die sie kritisch zu mustern schien. Oder bildete sie sich das nur ein?

Mrs. O’Malley empfand ihre neue Haushälterin als etwas zart und schmächtig für eine derart anstrengende Arbeit. Wenn sie sich auch eingestehen musste, dass sie eine sehr attraktive junge Frau mit dichtem, lockigem schwarzem Haar vor sich hatte. In gewisser Weise war sie enttäuscht. Sie hatte eine neue Haushälterin erwartet, die reifer und weniger hübsch war.

»Vor sieben Uhr heute Abend brauche ich Sie nicht mehr, und danke«, sagte Mrs. O’Malley zu Tom.

»Komm, ich helfe dir mit dem Gepäck«, sagte Gerald und nahm Bridie höflich den Koffer ab, den sie gerade hochheben wollte, und zusammen betraten sie das Haus.

»Also, Bridie! Gerald wird sich um dein Gepäck kümmern, inzwischen zeige ich dir alles hier unten und später dann den Rest vom Haus. Mit der Arbeit fängst du erst morgen früh um sieben Uhr an. Nach der langen Fahrt und diesen schrecklich kurvenreichen Straßen bist du doch sicher ganz erschöpft«, sagte Beatrice.

»Nein, mir geht es gut«, sagte Bridie lächelnd. »Die Landschaft war herrlich, und Tom hat mir die ›Faulenzerwand‹ in Salthill gezeigt. Kaum zu fassen, all diese Leute, die da liegen und sich sonnen. Er meinte, deshalb nennt man es ja die ›Faulenzerwand‹.«

»So, das hat er also gemacht! Hm! Naja, typisch Tom.«

Angesichts der Größe des Hauses für gerade einmal fünf Leute war Bridie ganz verblüfft. Da waren der Wintergarten, das Lesezimmer, das Wohnzimmer, das Esszimmer, die Küche, der Hauswirtschaftsraum und das Spielzimmer, schließlich noch die Waschküche und zwei Toiletten. Oben gab es das Elternschlafzimmer und mehrere Kinderzimmer, denn Sinead, die Älteste, hatte ihr eigenes Zimmer. Bridie würde im Dienstbotenzimmer schlafen, und dann waren da noch vier weitere Räume und ein Badezimmer sowie eine Toilette.

Bald kamen die Kinder von draußen herein, wo sie geritten und mit den Ponys gesprungen waren. Sie wurden der neuen Haushälterin vorgestellt. Sofort fiel Bridie die Ähnlichkeit von Sinead mit Mrs. O’Malley auf. Sie meinte, eine zwölfjährige Beatrice vor sich zu haben. Sie hatte solch blassblaue funkelnde Augen und derart helles, feines Haar, dass man fast schon Röntgenaugen brauchte, um die wenigen Strähnen zu erkennen, die ihr ins Gesicht fielen. Die Jungen, Daniel und Darragh, konnte sie wegen ihres spitzbübischen Grinsens noch nicht so recht einschätzen.

Nach dem Tee und den Sandwiches wurde Bridie eingeladen, mit der Familie zu Abend zu essen, dann gab man ihr einen Arbeitsplan für den Rest der Woche.

Morgen, Dienstag, musste sie um sieben Uhr früh aufstehen und im Salon Feuer machen – denn Gerald las gern eine Stunde vor dem Frühstück und trank für gewöhnlich eine Tasse Tee dabei. Dann musste sie das Frühstück für die Farmarbeiter machen, und wenn die gegessen hatten, würde sie das Frühstück für die Familie vorbereiten, danach abwaschen und sich selber etwas zu essen machen müssen. Dann war die frisch gewaschene Wäsche vom Montag zu sortieren und die trockenen Sachen auf die verschiedenen Schränke zu verteilen. Sie würde alle Betten frisch beziehen, fegen und Staub wischen müssen, ehe sie das Abendessen für alle machte, die im Haus geblieben waren.

Die Nachmittage würde sie mit noch mehr Aufräumen und Putzen verbringen, danach musste das Essen für die Kinder fertig sein, wenn die aus der Schule kamen. Dann würde sie die Hausaufgaben beaufsichtigen, danach die Kinder begleiten, wenn die spielen gingen. Mittwoch und Donnerstag würden ganz ähnlich ablaufen, nur kamen noch Backen und Handarbeiten dazu. Freitag stand für alle Fisch auf dem Speiseplan, es würde keinerlei Fleisch geben, etwas, woran Bridie durchaus gewöhnt war. Bridie hatte den Eindruck, dass es freitags bei den O’Malleys in der einen oder anderen Form nur Fisch zu essen gab, zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendbrot. Der Samstag schien Bridie der schlimmste Tag der Woche zu sein. Treppen, Treppenabsätze und Flure mussten geputzt und auf Hochglanz gebracht werden, denn sonntags wurden Gäste erwartet. Mrs. O’Malley gab Bridie die strikte Anweisung, ihre Mahlzeiten zu gegebener Zeit in der Küche einzunehmen.

An jenem Abend speiste Bridie in prachtvoller, luxuriöser Umgebung, denn das Esszimmer war hell erleuchtet und der ovale Mahagonitisch war gedeckt mit dem berühmten kobaltblauen Steingutgeschirr von Mason’s Iron und dem Besteck von King’s, das Bridie erkannte.

Kerzen und Rotweinflaschen vervollständigten die Szenerie, als Mrs. O’Malley erst einen Shrimpcocktail, dann Roastbeef und zum Abschluss einen Sherry-Trifle servierte. Während des Essens befragten Beatrice und Gerald die junge Bridie ausführlich zum Leben in St. Joseph’s. Bridie war voll des Lobes für die Menschen, in deren Obhut sie gelebt hatte, denn sie spürte, dass die O’Malleys lediglich nach boshaftem Klatsch Ausschau hielten, der durchaus seinen Weg zurück zu Schwester Bernadine finden könnte. Und wenn sie auch von sich selber sehr wenig preisgaben, so wurde doch zumindest deutlich, dass Gerald ein vornehmer Gutsbesitzer mit einer Neigung zum Pferdezüchten war.

Bridie konnte es kaum abwarten, zu gern wollte sie es sich in ihrem eigenen Zimmer gemütlich machen, in dem neuen Federbett mit der handbestickten Bettdecke. Aber als es dann so weit war und sie die Lichter ausgemacht hatte, musste sie feststellen, dass sie nicht einschlafen konnte. Die Ereignisse des Tages gingen ihr wieder und wieder im Kopf herum, und dann plötzlich wurde sie von einer seltsamen Furcht gepackt. Zunächst war da die merkwürdige Ruhe und die Stille der Nacht, die so ganz anders war als in St. Joseph’s. Auch in St. Joseph’s war in der Nacht kein Laut zu hören gewesen, doch diese neue Stille war beängstigend und wurde nur noch schlimmer durch leise knackende Geräusche, bei denen sie sich am liebsten aufgesetzt und geschrien hätte. Sie konnte nicht heraushören, ob es ihre Zimmertür war, die langsam geöffnet wurde, oder ob jemand auf Zehenspitzen auf den Holzdielen am Fußende ihres Betts hin und her ging. Mehrfach hielt sie den Atem an; sogar vor dem Luftholen hatte sie Angst, weil sie nichts sehen konnte.

Doch es ging weiter und immer weiter, die entsetzliche Stille immer wieder durchbrochen von schwachen knackenden Geräuschen. Was, wenn nun jemand versuchte, sie umzubringen, oder sie in ihrem Bett überfiel, dachte sie. Spionierten die O’Malley-Kinder hinter ihr her? Oder schlimmer noch, hatte sich Mr. O’Malley in ihr Zimmer geschlichen? Die Schwester hatte sie gewarnt: »Die Welt ist voll böser Männer, die nichts weiter wollen, als deinen Körper zu besitzen, um ihrer eigenen liederlichen Lust zu frönen und so ihren Untergang herbeizuführen.« Doch was für eine Lust könnten sie empfinden, wenn sie mich umbringen und meinen Körper in Besitz nehmen? Was, so fragte sie sich, wenn sich Mr. O’Malley ins Zimmer schliche, um ihren Körper zu nehmen? Und was würde er dann damit tun? In dem Moment hörte sie wieder das knackende Geräusch, setzte sich kerzengerade im Bett auf und rief: »Wer ist da?«

Doch es antwortete niemand, als sie ins Dunkel starrte. Schon rechnete sie damit, Hände zu spüren, die ihren Körper umklammerten. Sie hatte das Gefühl, das Zimmer wirbele im Kreis herum, als sie ausmachen wollte, wo sich die Dinge befanden. Wo war die Tür, wo die Frisierkommode und der Waschtisch? Sie machte die Augen zu, legte sich wieder hin und zog sich die Decke über den Kopf. Keuchend rang sie nach Atem. Sie dachte: So ist das also, in diesem Haus spukt es. In St. Joseph’s hatte sie so viele Gespenstergeschichten gehört, dass sie jetzt ganz und gar davon überzeugt war, dies müsse eines der Spukhäuser sein, von denen sie gehört hatte. Wenn sie je wieder das Licht des Tages erblicken sollte, würde sie weglaufen und nach St. Joseph’s zurückgehen. Jetzt hörte sie Schritte, die sich ihrem Zimmer näherten, und sie fing zu zittern an. Sie warf die Bettdecke zurück und wollte schon schreien, als die Tür aufging, und da stand Mr. O’Malley im Schlafanzug und hielt eine Laterne hoch. »Ist alles in Ordnung, Bridie? Ich dachte, ich hätte jemanden rufen gehört.«

Sie war so erleichtert, als sie Gerald da mit dem Nachtlicht stehen sah, dass ihr die Worte fehlten. So fragte er wieder: »Ist alles in Ordnung mit dir, Kind?«

»Ja, ja, ich glaube, ich muss wohl geträumt haben«, krächzte Bridie.

»Aha. Dann ist ja alles gut. Wir sind am anderen Ende vom Flur, falls du etwas brauchst«, erwiderte er und schloss leise hinter sich die Tür, und wieder hörte Bridie seine Schritte, die sich über den Flur entfernten. Langsam schob sie ihren gequälten Körper unter die Bettdecke, machte die Augen zu und fing mit ihrem Nachtgebet noch einmal von vorn an.

Bridie kam es vor, als sei sie gerade eben erst eingenickt, als Mrs. O’Malley an ihrem Bett stand und sie schüttelte: »Was soll denn das, Bridie, es ist gleich acht Uhr, und die Arbeiter sind unten in der Küche und warten auf ihr Frühstück. Wenn das ein Vorgeschmack auf dein Betragen hier ist, nach dem, wie wir dich gestern Abend behandelt haben, möchte ich nicht darauf wetten, dass du lange in diesem Haus bleibst.«

»Oje, tut mir leid, Mrs. O’Malley, tut mir so schrecklich leid. Ich muss wohl verschlafen haben«, sagte Bridie, sprang aus dem Bett und fing an, sich hastig anzuziehen, als Mrs. O’Malley hinausging und schwungvoll die Tür hinter sich zuwarf.

Bridie war in der Küche und bereitete das verspätete Frühstück zu. Die drei Arbeiter saßen um den großen Küchentisch herum und hatten ihr Dilemma sehr wohl mitbekommen. Sie machten sich einen Spaß daraus, sie aufzuziehen. Der junge Arbeiter mit dem schon schütteren Haar sagte: »… und hast du schon gemerkt, dass du den ganzen Tag im Bett bleiben könntest, wenn es viel zu tun gibt. Aber wenn du dann deinen freien Tag hast, bist du mit dem ersten Hahnenschrei auf, weil du nicht schlafen kannst.«

»Ich weiß ja nicht, wie es mit dir ist«, sagte darauf sein dunkelhaariger Kollege. »Aber wenn ich ein hübsches Mädchen morgens neben mir im Bett hätte, würde ich den Teufel tun und aufstehen.«

»Wenn du ein hübsches Mädchen im Bett hättest und dich nicht jeden Morgen erheben würdest, würde es nicht lange dauern, und sie käme zu mir gelaufen, denn ich komme morgens leicht hoch! Und hoch! Und hoch!«, scherzte darauf der Kahlkopf vulgär, als Bridie ihnen gerade die hart gekochten Eier in die Eierbecher legte.

»Ach, du Schmutzfink, halt doch den Mund. Du denkst doch ewig bloß an Sex! Sex! Und nochmals Sex. Ich glaube, du hast schon was von den Tieren hier auf der Farm.«

»Hör nicht auf ihn, Mädchen. Das ist kein Hirn, das er da in seinem Schädel hat, das ist eine Jauchegrube«, meinte der Dunkelhaarige, zwinkerte Bridie zu und lächelte sie an, als sie gerade noch mehr Brot aufschnitt.

Auf das Herumalbern und Gefeixe der Männer ging Bridie gar nicht erst ein, denn sie war mit ihren Gedanken ganz woanders; sie ahnte, dass Mrs. O’Malley irgendwo im Hintergrund lauerte.

Ein paar Stunden später machte sich allmählich ein gewisser Druck bemerkbar, denn da waren wirklich viele Arbeiten, die sie zu erledigen hatte. Und es war auch nicht gerade eine große Hilfe, dass sie Mrs. O’Malley ständig fragen musste, wo sie dieses und jenes finden könne, denn weder wusste sie, wo alles lag, noch kannte sie die Gepflogenheiten im Haushalt, obwohl man sie am Abend zuvor im Haus herumgeführt hatte. Schon am Morgen hatte sie entschieden, lieber aufs Frühstück zu verzichten, doch nach dem Mittagessen hatte sie immer noch zu kämpfen, um ihr Pensum zu absolvieren. Spontan beschloss sie, einige Pflichten zu vernachlässigen und sich auf die dringlicheren Arbeiten zu konzentrieren, denn bald kämen die Kinder aus der Schule, und da wollte sie vorbereitet sein. Später machte sie ihnen dann das Essen und half ihnen bei den Hausaufgaben, ehe die Kinder sie auf der Farm herumführten. Sie waren nett und höflich zu ihr, zeigten ihr all die Pferde, Schafe und Rinder und erzählten ihr, dass ihr Dad gern die Sportzeitung las, denn manchmal erschien sein Name im Zusammenhang mit einem seiner Pferde, das einen Preis gewonnen hatte.

Als sie zurückkam, fragte Gerald sie, wie ihr Tag gewesen sei.

»Gut, danke.«

»Tut mir leid wegen heute Morgen; wenn einer verschläft, dann hält sie das schon für ein Verbrechen, aber natürlich machen wir alle hin und wieder einen Fehler. Also beachte sie gar nicht, Bridie. Hunde, die bellen, beißen nicht.«

Als habe sie nur auf eine Gelegenheit zum Eingreifen gewartet, tauchte plötzlich Mrs. O’Malley auf und sagte zu ihrem Mann: »Ach, da bist du ja!« Dann verschränkte sie die Arme über der Brust und fügte hinzu: »Ich hoffe, Gerald, du hast mit Bridie wegen heute Morgen gesprochen. Weißt du, Bridie, so geht das einfach nicht.«

»Ja, ja, das sind wir eben durchgegangen, und Bridie hat sich entschuldigt«, antwortete Gerald, dann drehte er sich unvermittelt um und ging hinaus, kaum dass seine Frau hereingekommen war. Sie folgte ihm, und Bridie machte mit ihrer Arbeit weiter.

Zu gern hätte Bridie Mrs. O’Malley mit einer Nadel gestochen, damit sie endlich den Mund hielt. Was hätte ich denn machen sollen?, dachte sie, als sie ihre letzten Arbeiten erledigte. Ich bin hundemüde und habe gestern Nacht kein Auge zugetan. Und was mache ich bloß heute Nacht, wenn es wieder so wird? Beim bloßen Gedanken an das Zimmer bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn ich wieder nicht schlafen kann? Wenn ich wieder verschlafe, bin ich morgen meine Stellung los. Ach ja, ich muss ja noch auf den Plan schauen und sehen, was ich für die Arbeiter und die Kinder kochen muss. Wenigstens sind die Arbeiter nett und höflich gewesen. Wie hießen sie doch noch gleich? Der Nette, der mir zugezwinkert hat, als ich den Tee einschenkte? Der sah gar nicht mal schlecht aus. Wie alt mag er wohl sein? Zwanzig? Zweiundzwanzig? Tja, das wäre das richtige Alter. Aber woher soll ich eigentlich wissen, was der richtige Altersunterschied zwischen einem Mann und einem Mädchen ist, die zusammenkommen wollen?

Durch die explosiven Entladungen der großen Standuhr im Flur wurden Bridies Gedanken in tausend Stücke geschlagen. Sie entschied, dass sie für heute genug getan hatte. Sie war noch in der Küche geblieben und hatte sich etwas Arbeit aufbewahrt für den Fall, dass Mrs. O’Malley wieder auftauchte. Jetzt würde sie noch ein paar Spüllappen auswaschen, die Geschirrtücher zum Trocknen aufhängen und ins Bett gehen. Hoffentlich würde sie diese Nacht schlafen können und von dem Dunklen träumen, dem Netten, so wollte sie ihn nennen, bis sie seinen richtigen Namen in Erfahrung gebracht hätte. Was hatte er doch noch gesagt? »Wenn ich ein hübsches Mädchen morgens neben mir im Bett hätte, würde ich den Teufel tun und aufstehen.« Hm. Wie das wohl wäre? Schön wär’s und gemütlich und sicher, wie in der Nacht damals mit dem Gewitter, als ich zu Alice ins Bett sprang. Und am nächsten Tag bekam ich eine Strafpredigt von Schwester Bernadine zu hören: »Also, Bridie, so etwas in deinem Alter zu machen war sehr falsch. Eine schlechte Angewohnheit, und aus der kann nur Sünde entstehen.«

Seltsam, dass weder Alice noch ich wussten, was sie damit meinte. Na, jetzt hat sie jedenfalls keine Macht mehr über mich. Ich kann tatsächlich tun, was ich will, gehen, wohin ich will. Vielleicht gehe ich ja am Sonntag irgendwohin? Nach Tuam oder Galway, da würde ich zu gerne einmal hin. Nur was ist, wenn ich hier gar nicht wegkomme oder mich keiner irgendwohin mitnimmt? Aber bestimmt können die mich doch nicht den ganzen Tag hier allein lassen, oder?

Es wurde allmählich spät, doch die O’Malleys waren noch nicht zu Bett gegangen. Immer noch hörte sie das stetige Gebrumm ihrer Stimmen von unten. Sie lag im Bett, durchlebte die Schrecken der vergangenen Nacht und rechnete fest damit, dass jeden Moment alles wieder von vorn losgehen könnte. Sie versuchte, an den Dunklen zu denken, aber die Vorstellung von Mrs. O’Malley, die sich über ihr Bett beugte, kam ständig dazwischen. Sie konnte sich auf nichts anderes konzentrieren. Sie horchte im Dunkeln auf die knackenden Geräusche, die sie in der vergangenen Nacht gehört hatte. Alles war ruhig. Eigentlich war es viel zu ruhig, abgesehen von den Stimmen, die gelegentlich von unten zu ihr heraufdrangen. Und als sie an die nächtliche Stille dachte, schlich sich der Schrecken wieder ein, der sie in der vorigen Nacht heimgesucht hatte. Vorige Nacht hatte sie das Ganze nur deshalb überlebt, so sagte sie sich, weil sie nicht müde gewesen war. Jetzt allerdings war sie völlig erschöpft nach all den Anstrengungen des Tages.

Wie sollte sie bloß endlich einschlafen? Sie könnte jetzt aufstehen, nach unten gehen und wegen der Geräusche Bescheid sagen. Dann hörte sie, dass unten Stühle bewegt wurden: »Gute Nacht, bis morgen.« Sie mussten Besuch gehabt haben. Die O’Malleys kamen herauf. Jetzt war es zu spät, jetzt konnte sie nichts mehr sagen, dachte Bridie. Ganz abgesehen davon, dass Mrs. O’Malley wütend werden und sie nach St. Joseph’s zurückschicken könnte. Würde sie nach Clifden zurückkehren, oder sollte sie weglaufen, nach Galway oder vielleicht sogar Dublin? Schwer zu entscheiden. Wenn sie nach St. Joseph’s zurückging, würde man sie womöglich für immer dabehalten, oder sie müsste Nonne werden und käme in ein Kloster, wo sie sich für den Rest ihres Lebens um Kinder kümmern müsste.

Ach du lieber Himmel, da ist dieses merkwürdige Geräusch wieder, und das schwache Nachtlicht, das unter der Tür durchschien, war ausgegangen. Herrje, es ist so unheimlich in diesem Haus, seufzte sie. Sie schlang die Arme um sich, dann zog sie sich die Bettdecke bis zum Hals hinauf, um sich sicher und beschützt zu fühlen, denn die Gänsehaut auf Armen und Schultern spürte sie immer noch. Sie drehte sich um und versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht habe ich ja einfach Angst vor fremden Häusern. Ach, Blödsinn. Hätte ich nur ein bisschen Licht, wäre ich viel ruhiger und könnte schlafen. Könnte das knackende Geräusch eine Maus sein, oder schlimmer noch: eine Ratte? Unwillkürlich ging ein nervöses Zucken durch ihren Körper, als sie sich vorstellte, wie eine Ratte aus einem der Löcher im Dielenboden hochkam, das hatte sie einmal in St. Joseph’s gesehen. So schlimm das auch gewesen war, so sehnte sie sich im Moment doch nach der friedvollen Ruhe von St. Joseph’s, wo all ihre Freundinnen um sie herum schliefen.

Hier in diesem Haus war sie am Ende der Welt, mutterseelenallein. Sie zwang sich, den Tatsachen in die Augen zu sehen. Die O’Malleys wohnten hier, also konnte es so schlimm nicht sein. Liebe Güte, vielleicht ist es ja das, dachte sie. Wie konnte denn dieser Ort, dieses Haus, ja sogar dieser Raum wie St. Joseph’s sein? Hier habe ich mein eigenes Zimmer, mein eigenes Bett, während es in St. Joseph’s immer diese schönen beruhigenden Geräusche gegeben hatte. Ständig hustete eine, schnarchte oder sprach im Schlaf. Manch eine schrie laut, weil sie in ihren Albträumen von einem betrunkenen Vater geschlagen wurde, aber immer wieder hörte man die sanfte Stimme der Nachtschwester, wenn sie die Mädchen wieder zudeckte: »Ist schon gut, Kleine, es war ja nur ein Traum. Und jetzt schlaf schön.« Und wenn ich von den Schreien aufwachte, hob ich den Kopf und sah nach, wer es war, dann drehte ich mich um und schlief wieder ein und hatte kein bisschen Angst.

Abgesehen davon gab es an den Wänden des Schlafsaals mehrere Nachtlichter, also konnte man jederzeit zur Toilette, wenn man wollte. Hier gibt es keine Nachtlichter und auch keine Freundinnen, und das Zimmer ist klein, verglichen mit dem in St. Joseph’s. Kein Mucks ist zu hören, außer wenn das Knacken wieder anfängt. Vielleicht sind das die Dielen im Nebenzimmer. Ach, Blödsinn, nebenan schläft doch gar keiner. Was immer es sein mochte, jetzt konnte sie es gerade nicht hören, und der Gedanke, dass sie mit ihrer Angst umzugehen lernte, gab ihr Selbstvertrauen. Es würde von jetzt an immer so sein, sie musste sich also daran gewöhnen. Mit diesen tröstlichen Gedanken drehte sie sich um und flüsterte: »Lieber Gott, ich danke dir, dass du mich errettest hast.« Und auf einer Welle von Glück trug der Schlaf sie davon. Es war Sonntag. Die O’Malleys bereiteten sich auf die Messe vor und boten an, sie mit dem Auto in die Kirche mitzunehmen. Sie setzte sich ins Wohnzimmer und wartete. Wenn sie zurückkäme, dürfte sie mit der Familie zu Mittag essen. Gerald hatte ihr schon von der hübschen Umgebung erzählt, für den Fall, dass sie spazieren gehen wolle. Die Kinder würden sie herumführen. Aber tief im Innern erwartete sie etwas anderes für ihren freien Tag. Wie schön es doch wäre, wenn sie einmal aus dem Haus wegkäme. Sie war erst sechs Tage hier, trotzdem würde sie unweigerlich weitere sechs Tage warten müssen, bis sie irgendwohin konnte. Hier hätte sie eigentlich frei sein sollen, aber es gab nichts, wohin sie gehen konnte. In Clifden war sie zweimal im Kino gewesen, und sie würde gerne wieder einmal einen Film sehen. Aber wie käme sie hin? Vielleicht gab es ja gar kein Kino in Tuam. Und wenn sie ins Kino ginge, wer sollte sie begleiten? Freunde hatte sie keine hier. Dann fiel ihr wieder ein, dass die Arbeiter etwas von einem Tanz heute Abend beim Kreuz erzählt hatten. Herrje, wenn ich doch nur wüsste, wer davon erzählt hat, dachte sie. Ach ja, das war Peter. Was hat er noch gleich gesagt? Die veranstalten einen irischen Abend mit Tanz und Gesang beim Kreuz. Was für ein Kreuz? Und wer waren »die«? Und was habe ich überhaupt mit den fünf Shilling gemacht, die mir die Mutter Oberin gegeben hat? Ich laufe mal eben schnell nach oben und nehme das Geld mit zur Messe, nur für den Fall, dass wir hinterher noch irgendwohin gehen.

Sie besuchten die Zehn-Uhr-Messe in der kleinen Dorfkirche von Cill Conly. Die Kinder wären gern nach Tuam in die Kathedrale gegangen, aber Gerald hatte Nein gesagt. Bridie war maßlos enttäuscht, weil die Kinder sie in dem Glauben gelassen hatten, dass die Familie regelmäßig die Messe in der Kathedrale besuchte. Stattdessen musste sie lächeln und so tun, als sei sie glücklich und zufrieden, als sie den diversen Tanten und Onkeln des O’Malley-Clans vorgestellt wurde, und alle schienen zu gaffen und miteinander zu tuscheln, als sie im Kreis herumging.

»Ein niedliches kleines Personellen«, meinten die Männer.

»Hm. Aber kann sie auch ein Ei kochen?«, fragte Tante Biddy und reckte die Nase in die Luft.

Nach dem Mittagessen führten die Kinder Bridie zu der alten Burgruine auf dem Gelände eines umfriedeten Obstgartens, wo die Kinder der Gegend im Herbst die Äpfel stibitzten. Die O’Malleys hatten ihren Kindern strikt untersagt, den Obstgarten zu betreten, denn manche Turmspitze der Burg ragte gefährlich weit vor.

»Na, und überhaupt, die Äpfel sind gar nicht schön. Das sind riesige grüne Dinger, die man nur zum Backen gebrauchen kann, nicht wie die schönen in Omas Garten. Hast du auch Äpfel in deinem Garten, Bridie?«, wollte Sinead wissen, als sie von einem niedrigen Steinwall aus auf die Burgruine schauten.

»Ja natürlich, ganz viele.«

»Und hast du Burgen bei dir in der Nähe?«, fragte Daniel.

»Nicht so nah wie hier, aber ziemlich nah.«

»Können wir da mal hin?«, fragte Daniel, und seine Augen tanzten hin und her, als die drei Bridie umringten.

»Aber wo wohnst du denn überhaupt?«, fragte Darragh und kam näher.

»Oh. Das ist ganz, ganz weit weg von hier«, erklärte Bridie. »In Clifden. Habt ihr schon mal von Clifden gehört, das ist in Connemara.«

»Ist das in Dublin?«, fragte Darragh hoffnungsvoll.

»Ach, halt du bloß den Mund, ich habe zuerst mit ihr gesprochen«, fuhr Daniel seinen Bruder wütend an.

»Nein. Das liegt am Meer. Es ist ein hübsches Küstenstädtchen«, sagte Bridie schnell und hoffte, den Kindern wäre klar, dass nicht alle am Meer wohnen können.

»Ehrlich, du wohnst am Meer?«, erkundigte sich Sinead aufgeregt.

»Ja«, antwortete Bridie triumphierend, denn bis vor Kurzem hatte sie noch gefürchtet, sie würde gar nichts Interessantes von sich erzählen können.

»Oh, da will ich auch hin. Bis jetzt war ich nur in Salthill. Können wir dich mal besuchen?«

»Also … ich glaube, das wird nicht gehen«, meinte Bridie nach einer qualvoll langen Pause.

»Wieso denn nicht?«, wollte Darragh wissen. »Mögen deine Mutter und dein Vater uns nicht?«

»Halt die Klappe, Dummkopf. Ihre Mutter und ihr Vater kennen uns doch gar nicht«, unterbrach ihn Daniel und schubste seinen kleinen Bruder aus dem Weg.

»Mach ich nicht, mach ich nicht«, rief der Kleine trotzig, als sein älterer Bruder lachte und die beiden auf dem Boden anfingen zu raufen, dann jagten sie einander über das Feld.

Sinead war entzückt. Jetzt hatte sie Bridie ganz für sich. Sie betete, dass die Jungen weiter allein spielten, denn sie mochte die neue Haushälterin, die so viel jünger war als die vorige. Sinead war ganz entsetzt, als sie begriff, dass sie selber nur vier Jahre jünger war als Bridie. Hier draußen war Bridie so nett, dachte sie, während sie zu Hause so schrecklich ruhig wirkte.

»Hast du viele Geschwister?«, erkundigte sich Sinead, als sie zum Fluss gingen, der sich durchs Farmgelände schlängelte.

Das kam unerwartet für Bridie, sie hatte keine Zeit nachzudenken und antwortete hastig: »Nein, ich habe gar keine Geschwister.«

»Iiih! Das würde mir aber gar nicht gefallen! Heißt das, du hast nie einen Bruder und nie eine Schwester gehabt? Wer hat dann auf dich aufgepasst? Mit wem hast du gespielt?«

Da begriff Bridie, dass sie sich mit der Wahrheit ziemlich blamiert hatte. Und was noch schlimmer war, es schmerzte sie, dass Sinead »iiih« gesagt hatte, bloß weil sie allein war. Vielleicht hätte sie lügen sollen. Aber was würde Sinead erst sagen, wenn sie erfuhr, dass sie ebenso wenig Vater und Mutter kannte. Sie müsste schnell etwas erfinden, sonst mochte Sinead sie womöglich nicht mehr und war nicht mehr ihre Freundin.

»Ich hatte mal einen kleinen Bruder, aber der ist mit drei Jahren gestorben«, sagte Bridie.

»Was ist denn mit ihm passiert?«

»Ich weiß nicht. Er ist eben einfach gestorben … Ich glaube, es waren Masern oder so was. Ist das der Fluss?«, fragte Bridie, um das Thema zu wechseln, denn sie begriff, dass sie sich mit ihren Lügen auf gefährliches Terrain begab.

»Ach, wie furchtbar. Darragh, Daniel«, rief Sinead, als die beiden Jungen wie Wildpferde über die Anhöhe galoppiert kamen. »Bridie hat einen Bruder gehabt, der an den Masern gestorben ist, und ihr habt bis jetzt weder Masern noch Mumps gehabt.«

Abrupt kamen die galoppierenden Pferde zum Stillstand und verwandelten sich wieder in neugierige Jungen.

»Was sind Masern?«, fragte Darragh.

»Was ist Mumps?«, fragte sein Bruder.

»Masern. Da hast du überall rote Flecken, an den Augen, den Ohren, der Nase, dem Mund, dem Kinn, ganz bis runter zum du weißt schon was. Außerdem, das hat Mama dir doch schon erzählt«, lachte Sinead. »Und wer dich anfasst oder in deine Nähe kommt, kriegt das sofort auch. Und Mumps … das sind große dicke Dinger; Beulen überall auf deinem Gesicht«, fügte Sinead triumphierend hinzu.

»Wieso sterben denn nur die Jungs?«, fragte Darragh besorgt.

»So viele Jungs sterben gar nicht«, ging Bridie schnell dazwischen. Es sollte ihr keiner vorwerfen, sie würde den Kindern Angst machen. »Nur ganz wenige, die sehr krank sind, zu schwach, oder die ihre Medizin nicht nehmen können«, fügte sie hinzu.

»Herrje. Masern und Mumps habe ich wohl auch noch nicht gehabt«, sagte Sinead. Sie dachte, sie könne jetzt in Gefahr sein und am Ende würde noch die ganze Familie ausgelöscht. Aber Bridie hatte es nicht umgebracht, also bliebe vielleicht auch sie verschont, wenn die Jungs das bekamen.

»Aber wieso haben denn deine Eltern nicht noch einen Jungen bekommen, als dein kleiner Bruder starb«, fragte sie.

»Ich weiß nicht«, meinte Bridie. »Vielleicht hatten sie Angst, der würde auch sterben.«

»Ach, das wäre ja furchtbar gewesen. Na jedenfalls, ich hätte lieber eine Schwester. Mit Schwestern ist es lustiger«, sagte Sinead und nahm Bridie plötzlich bei der Hand, denn sie wusste, das würde ihre Brüder ärgern, die keine Mädchen mochten.

»Hä! Und ich hätte lieber einen Bruder«, meinte Daniel und grinste seiner Schwester höhnisch ins Gesicht. »Denn Mädchen sind ja bloß Heulsusen.«

»Los, komm. Wir machen ein Wettrennen bis zum Fluss, dann werden wir ja sehen, wer hier die Heulsuse ist«, sagte Sinead, die sehr wohl wusste, dass sie jederzeit schneller als Daniel war. Aber einmal genügte nicht. Sie musste es dreimal schaffen, um Daniel davon zu überzeugen, dass sie ihn offen und ehrlich besiegen konnte, auch wenn sie ihn am Ärmel festhielt, als es so schien, er könne sie zum ersten Mal schlagen.

Als sie alle wieder zu Hause waren, dachte Bridie, es könne der richtige Zeitpunkt sein, an Alice und Schwester Bernadine in St. Joseph’s zu schreiben, und ging still in ihr Zimmer hinauf.

Unterdessen wurden die Kinder gefragt, ob sie Spaß gehabt hätten am Nachmittag, und so erzählten sie ihrer Mutter, Bridie lebe in einem Haus am Meer und habe sie eingeladen, sie im nächsten Sommer dort zu besuchen. Dass es da auch viele Apfelbäume und in der Nähe eine Burg gebe und dass Bridie einen Bruder gehabt habe, der die Masern bekommen habe und gestorben sei, und dass ihr Vater und ihre Mutter beschlossen hätten, keine Kinder mehr zu bekommen, für den Fall, dass auch die sterben könnten.

»Mama, heißt das, wir müssen sterben, wenn wir Mumps oder Masern kriegen?«

»Natürlich nicht, Liebes, sei nicht albern«, sagte Mrs. O’Malley. »Hat Bridie sonst noch was gesagt?«

»Sie hat sich nach dem Tanzabend beim Kreuz erkundigt und wollte wissen, ob du und Daddy, ob ihr je ausgeht und wie alt Thomas und Peter sind und wo sie wohnen und ob sie eine Freundin haben. Sie hat gesagt, dass sie gern ins Kino geht, das hat sie in Clifden oft gemacht«, erzählte Sinead.

»Sie hat gesagt, ein Film ist wie ein riesengroßes Foto, das sich auf einer weißen Wand bewegt, und dass es einem erst ein bisschen Angst macht. Aber das ist nicht die Wirklichkeit, sondern sehr, sehr komisch«, fügte Daniel aufgeregt hinzu. »Können wir mal ins Kino gehen, Mummy?«

»Ich weiß nicht. Da müssen wir deinen Vater fragen, und wir wissen alle, dass er sich am liebsten Pferde ansieht. Na, meint ihr nicht, es ist Zeit, dass ihr euch fürs Bett fertig macht? Morgen müsst ihr in die Schule«, sagte sie, als Gerald hereinkam und nach einem angenehmen Tag auf der Jagd mit seinen Freunden sein Gewehr in einen gesicherten Schrank wegschloss. »Ach, da bist du ja. Ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen. Später.«

Ihre Worte gingen fast unter in der Aufregung der Kinder, die von den Ereignissen des Tages erzählten. Etwa eine Stunde später, als alles ruhig war im Haus, wandte sie sich an Gerald, der gerade Zeitung las, und meinte: »Ich glaube inzwischen kaum, dass Bridie der geeignete Umgang für unsere Kinder ist.«

Gerald legte den Racing Chronicle weg und sah seine Frau über den Rand seiner goldgerahmten Brille verblüfft an. »Wie kommst du denn nur darauf?«

»Du bist doch sicher genauso erstaunt über die Lügen, die sie heute Nachmittag den Kindern erzählt hat. ›Ein großes Haus‹, dass ich nicht lache! Und sie hat sie eingeladen, sie nächsten Sommer dort zu besuchen! Das hältst du doch sicher nicht für ein annehmbares Betragen, oder?«

»Vielleicht wollte sie einfach nur freundlich sein. Sie ist ja schließlich erst sechzehn.«

»Sechzehn, allerdings, ein ganz schön gefährliches Alter. Haben die Kinder dir erzählt, dass sie sich nach den Arbeitern erkundigt hat? Was sie an ihren freien Tagen machen und wann die nächste Tanzveranstaltung beim Kreuz stattfindet. Ganz davon abgesehen ist sie nicht gerade eine Leuchte im Haushalt. Sie kann nicht ordentlich backen, und andauernd muss ich ihr sagen, dass sie nach dem Kochen sauber machen soll, und du kannst dir sicher denken, wie anstrengend das ist, immer nur auf sie aufzupassen.«

Gerald nahm die Zeitung und fing wieder an zu lesen. Er wollte demonstrieren, wie sehr ihn die Kleinlichkeit seiner Frau anwiderte.

»Du hörst mir ja überhaupt nicht zu. Nie hörst du mir zu. Ich wusste ja gleich, ich hätte selber nach St. Joseph’s fahren und die Mädchen persönlich in Augenschein nehmen sollen, anstatt denen zu erlauben, uns ein mangelhaft ausgebildetes Mädchen höchst zweifelhafter Herkunft hierherzuschicken.«

Allein die letzte Bemerkung reichte aus, um Gerald zu reizen. Er warf die Zeitung zur Seite und nahm die Brille ab, denn er wusste, sie würde ihm keine Ruhe lassen.

»Ich dachte, wir hätten uns geeinigt. Wir wollten doch einem netten Mädchen ohne Familie, ohne Zuhause eine Stellung geben, nachdem wir in der Zeitung von deren Misere gelesen hatten. Haben wir uns nun darauf geeinigt oder nicht?«

»Ja, doch. Aber sie ist völlig unfähig. Du hast doch gesehen, wie sie sich an dem ersten Morgen benommen hat. Beinahe hätte ich meine Verabredung mit den Teedamen absagen müssen, und jetzt diese Lügen. So etwas ist einfach nicht tragbar, Gerald. Ich dulde es nicht, dass die Zukunftsaussichten meiner Kinder von einer befleckt werden, deren einzige Fähigkeit darin besteht, falsche Hoffnungen bei ihnen zu wecken und sie zu belügen. Ganz abgesehen von der Todesangst vor irgendwelchen schrecklichen Krankheiten. Ich meine, wir sollten akzeptieren, dass es ein fürchterlicher Fehler war, und uns eine reifere Frau in den Dreißigern suchen.«

»So etwas akzeptiere ich aber nicht«, erwiderte Gerald verärgert. »In den vergangenen fünf Jahren hatten wir drei verschiedene Haushälterinnen. Sie konnten kochen, nähen und ausgezeichnet mit den Kindern umgehen. Aber sie sind alle gegangen, nicht? Bridie ist wenigstens jung. Sie könnte Teil der Familie werden. Ich habe den Eindruck, sie bemüht sich sehr. Und außerdem, die Kinder mögen sie, vor allem Sinead. Sie scheinen sich sehr gut zu verstehen.«

»Genau das meine ich ja, Gerald. Sie hätte einen schlechten Einfluss. Dieses Gerede vom Tanzen und von Filmen und Farmarbeitern ist nichts für die Ohren meiner Tochter. Was wir brauchen, ist ein nettes, kultiviertes Mädchen, ein ausgebildetes Kindermädchen, jemand von anständiger Herkunft. Das sind doch deine Worte: Wenn du eine Stute kaufst, muss es ein Vollblutpferd sein.«

»Ach, Beatrice, red doch nicht solch einen Unfug. Hier geht es um Menschen, und was mich betrifft, ist Bridie in Ordnung. Sie ist hübsch, hat ein angenehmes Wesen, und die Kinder mögen sie. Das ließ sich von Peggy nicht behaupten. Die gab den Kindern doch keinerlei Möglichkeit, sich irgendwie auszudrücken. Zugegeben, sie war eine gute Köchin, aber sie ist weg«, sagte Gerald, stand auf und machte Anstalten zu gehen. »Soweit es mich betrifft, gibt es an Bridie nichts auszusetzen, was ein kleiner Plausch nicht regeln könnte. Red mit ihr, wenn es denn sein muss. Aber dann lass es um Himmels willen auch gut sein.«

Am nächsten Morgen, als die Kinder auf dem Schulweg waren und die Arbeiter die Küche verlassen hatten, setzte sich Mrs. O’Malley mit Bridie an den Küchentisch.

»Bridie, meine Liebe, ich halte es für meine Pflicht, dir mitzuteilen, dass Gerald und ich von deinen Bemerkungen gestern den Kindern gegenüber einigermaßen schockiert waren. Hast du etwas dazu zu sagen?«

Dieser Einstieg ins Gespräch verblüffte Bridie. Sie hatte keine Ahnung, worüber Mrs. O’Malley sprach. Aber in ihrem Kopf ratterten die Gedanken so schnell wie ein Uhrwerk. Die Burgruine fiel ihr ein, der Obstgarten, die Masern … es konnte doch wohl nicht um diese schreckliche Unterhaltung über Mumps und Masern gehen. Schnell entschied sie, es sei wohl besser, sich völlig unwissend zu stellen.

»Was meinen Sie damit?«, fragte Bridie.

»Du, mein liebes Fräulein, hast meine Kinder in dem Glauben gelassen, du seiest jemand von vornehmer Abkunft, hättest Eltern mit Grundbesitz am Meer. Du hast behauptet, du hättest einen kleinen Bruder gehabt, der tragischerweise an den Masern gestorben sei. Wo wir doch alle wissen, dass du als Kind ohne festes Zuhause von Dublin weggeholt worden bist. Außerdem hast du Sinead gegenüber – die weiß Gott leicht zu beeindrucken ist – zu verstehen gegeben, du hättest dich in einen der Farmarbeiter verguckt. Das, mein liebes Fräulein, finden Gerald und ich höchst verwerflich.«

»Entschuldigung«, sagte Bridie mit funkelnden Augen, »so etwas habe ich nie gesagt. Ich bin erst eine Woche hier, und ich kenne hier keine Menschenseele. Tag für Tag habe ich geschuftet, und dann habe ich mich rein freundschaftlich mit den Kindern unterhalten, weiter ist nichts passiert. Ich habe Sinead nach den Arbeitern gefragt und danach, was die in ihrer Freizeit machen. Da kann man ja wohl kaum behaupten, ich hätte mich in einen verguckt.«

»Und was ist mit diesen Lügengeschichten?«, kam es von Mrs. O’Malley. »Mit deinen sogenannten Eltern, die es nicht einmal gibt, mit den Brüdern, die es nicht gibt, und einem großen Haus am Meer? Das ist doch offensichtlich eine Ausgeburt deiner bescheidenen Fantasie, und dabei gehören dir nicht mal die Lumpen, die du am Leib trägst.«

Bridie konnte kaum glauben, dass sie sich so dumm den Kindern gegenüber verhalten hatte, aber wie Mrs. O’Malley ihre Familie darstellte, war so, als stoße ihr jemand ein Messer mitten ins Herz. Sie stand vom Tisch auf und schrie: »Ja. Das sind die Lumpen, die Sie mir gegeben haben. Ich werde Schwester Bernadine erzählen, was für eine Art Mensch Sie sind«, und damit lief sie weinend aus der Küche und hinauf in ihr Zimmer.

Mrs. O’Malley konnte ihre Wut kaum im Zaum halten. Dass die unverschämte Göre so mit ihr umging! Sie wollte Bridie eine ordentliche Lehre erteilen, aber ihr, die die ganze Woche kaum den Mund aufbekommen hatte, war es gelungen, dass sie sich nun klein fühlte. »So springt keiner mit mir um, keiner«, sagte Mrs. O’Malley laut vor sich hin. Wenn dieses Fräulein glaubt, sie könne mir die kalte Schulter zeigen, nachdem ich ihr aus reiner Herzensgüte ein Bett zum Schlafen und eine Stellung gegeben habe, auf die sie stolz sein kann, dann soll sie sich auf etwas gefasst machen.

Bridie saß auf ihrem Bett und weinte. Was ist denn nur los mit mir? Dauernd stecke ich in Schwierigkeiten, seufzte sie. Nichts kann ich richtig machen. Wenn es nicht das Backen ist, dann habe ich nicht ordentlich hinter mir aufgeräumt. Entweder es ist das, was ich tue, oder das, was ich sage. Wieso begreift sie denn nicht, dass ich nichts Falsches gemacht habe? Es ist doch sicher keine Sünde, wenn ich so tue, als hätte ich Vater und Mutter oder einen Bruder, der gestorben ist, schluchzte sie. Außerdem, ich habe ein Zuhause, wenn ich will, du alte Hexe. Ganz bestimmt hat Gerald nie im Leben so etwas über mich gesagt, er ist doch immer so nett zu mir, wenn sie nicht dabei ist. Aber kaum betritt sie das Zimmer, geht er raus. Ganz bestimmt erträgt er ihren Anblick nicht. Ich schreibe der Mutter Oberin und erzähle ihr alles. Aber ich habe ja schon einen Brief geschrieben und die O’Malleys gelobt. Wie kann ich da wieder schreiben und sagen, dass ich sie nicht mag?

Was fange ich denn jetzt nur an?, weinte sie und versuchte, sich zusammenzureißen und die ganze Sache vernünftig zu durchdenken. Ich gehe einfach nicht wieder runter. Aber dann wirft sie mich raus, und ich weiß nicht, wohin. Dann habe ich nichts zu essen. Kein Geld, nur die fünf Shilling. Vielleicht sollte ich jetzt weg und nach Tuam, wo es ein Kloster gibt. Da bekäme ich Lohn für meine Arbeit. Ich nehme an, es war falsch, den Kindern zu erzählen, ich hätte einen Bruder, aber das wollte ich eigentlich gar nicht. Und ich habe auch nie gesagt, ich hätte mich in einen von den Farmarbeitern verguckt. Wenn ich sage: »Der Dunkle war nett«, heißt das dann, dass ich ihn mag?

Tief im Innern wusste Bridie, dass es genau das hieß. Aber schließlich mochte sie auch Gerald und die Kinder – und Alice. Sprache und Worte und Andeutungen sind so dumm, dachte sie. Unheimlich dumm. Alles, was ich sage oder tue, wird verdreht. Sogar Schwester Bernadine hat mir nicht geglaubt, als ich auf dem Feld der Nonnen die zwei Shilling gefunden habe, und sie hat mich verdächtigt, ich hätte sie gestohlen. Und jetzt will diese Hexe, Mrs. O’Malley, mir unterstellen, ich hätte die Kinder im Glauben gelassen, ich sei jemand von vornehmer Herkunft. Ich bin ja auch jemand von vornehmer Herkunft. Ich bin bei den Nonnen erzogen worden, in einer ordentlichen Schule. Ich habe meine Erstkommunion gehabt. Ich habe kochen gelernt und nähen und Mundharmonika spielen, also erlaube ich keinem, mich so zu demütigen, dachte Bridie. Ich bleibe einfach hier, bis dieses Biest sich entschuldigt.

Mit verschränkten Armen stand Mrs. O’Malley da und schaute angestrengt aus dem Küchenfenster. Sie sah die Arbeiter weit draußen auf den Feldern mit Geralds besten Pferden im Geschirr bei der Weizenernte. Aber Pferde waren im Moment Mrs. O’Malleys geringste Sorge. Bridie, was sollte sie mit der jetzt anfangen?, fragte sie sich. Wenn die Arbeiter nicht um ihr Mittagessen gebracht werden sollten, musste es einer zubereiten, und zwar schnell. Sie als Dame des Hauses würde das ganz bestimmt nicht machen, während »die« da oben saß. Aber wie sollte sie Bridie zum Herunterkommen bewegen, ohne das Gesicht zu verlieren? So wie sie es sah, hatte sie zwei Möglichkeiten. Bridie auf der Stelle entlassen und selber kochen, was ihr am liebsten wäre, oder sich unverzüglich entschuldigen und Bridie schnell wieder in die Küche herunterholen. Letzteres war eine grauenvolle Vorstellung für sie. Es hieß, sie würde sich erniedrigen müssen, um Bridie wieder ans Arbeiten zu bringen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und beschloss, das Kochen selber zu übernehmen. Bald hatte sie einen Eimer gewaschener Kartoffeln auf dem Tisch und wollte mit dem Schälen anfangen, als ihr plötzlich aufging, dass sie das morgen wieder machen müsste, wenn sie Bridie entließ. Schlimmer noch, sie müsste die ganze Woche waschen und schälen, schrubben und nähen und backen. Und wenn ihre Freunde und Nachbarn je erfuhren, dass ihr Haushalt auf Selbstversorgung umgestellt hatte, einfach weil sie keine Haushälterin hatte, würde ihr Ansehen in der Gemeinde rapide sinken. Das durfte einfach nicht passieren. Stirnrunzelnd wusch sie sich die schmutzigen Hände. Gerald wäre natürlich sehr wütend, wenn ich dieses Fräulein ohne seine Zustimmung entlassen würde, und das wäre ja auch undenkbar, nach dem, was mit dem letzten Mädchen passiert ist. Ich weiß schon, dachte Mrs. O’Malley, ich tue einfach so, als sei alles meine Schuld und lasse es vorläufig gut sein. Und wenn ich dann so weit bin und »die da« am wenigsten damit rechnet, genieße ich meine Rache.

Sie klopfte an Bridies Tür. »Darf ich reinkommen?«

Bridie machte die Tür auf und sah sich Mrs. O’Malley gegenüber.

»Ich habe nachgedacht, Bridie. Vielleicht habe ich mich ja ungeschickt ausgedrückt. Aber was ich eigentlich sagen will, ist … Ich habe etwas übereilt reagiert. Du bist erst eine Woche hier und warst wirklich tüchtig und so weiter, und wir alle mögen dich. Also lass uns einfach vergessen, was ich gesagt habe, und wieder hinuntergehen.«

Bridie schwieg. Sie stand da und starrte Mrs. O’Malley ungläubig an. Dieser plötzliche Stimmungsumschwung musste einen Grund haben, dachte sie, als ihr Blick Mrs. O’Malleys edelsteinverzierte Brosche streifte, den eleganten Ohrschmuck, den Ehering und die diversen Ringe mit Münzenfassung.

Diese Hexe, dachte Bridie, es fehlte nur noch der Sack. Du bist doch sowieso viel zu vornehm, Lady, du wäschst doch keine Kartoffeln, schnipselst Kohl oder schrubbst den Küchenfußboden. Ich habe ja wohl keine andere Wahl, oder? Nein. Aber so wahr Gott mein Zeuge ist, Mrs. O’Malley, ich harre aus, warte auf meine Gelegenheit, aber dann bin ich auf und davon. Dann ging sie schweigend um Mrs. O’Malley herum und lief die Treppe hinunter.

Bald wurde Bridie klar, dass sie sich die Qual, unter Mrs. O’Malley schuften zu müssen, so arg nicht vorgestellt hatte. Trotzdem beschloss sie, auf deren ewiges Antreiben gar nicht einzugehen. Nach intensivem Nachdenken kam sie zu dem Schluss, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als sich vorläufig bedeckt zu halten und kein Wort zu sagen. In Gegenwart der Kinder, vor allem von Sinead, mit der sie sich liebend gern unterhielt, war diese Einschränkung, die sie sich auferlegt hatte, besonders schmerzlich. Bridie ahnte, sie könne ihr Herz nicht mehr auf der Zunge tragen, denn es ließ sich nicht vorhersagen, wie sich Mrs. O’Malley ihre Worte zurechtlegen würde, sollten sich die Kinder auf denkbar harmlose Weise verplappern.

Stattdessen wandte sich Bridie jetzt in Gedanken hauptsächlich den Arbeitern zu. Von Peter, Thomas und Seamus war Letzterer ihr inzwischen der Liebste. Und wenn er auch bei Weitem der Älteste der drei war, hatte er doch einen gewissen Charme, der ihr seine Gegenwart angenehm machte. Für gewöhnlich unterhielten Seamus und Peter sie beim Frühstück mit sensationslüsternen Geschichten über die Gemeinde. Seamus zufolge wimmelte es im Dorf von Snobs, und die Leute aus der Arbeiterschicht missgönnten einem noch den Dampf ihrer Pisse. Bridie amüsierte sich über die Mimik der beiden und die witzigen Bemerkungen, mit denen sie ihre Geschichten würzten.

Am besten gefiel ihr, als Seamus ihr erklärte: »Es ist noch nie was Gutes aus Cill Conly gekommen, denn hier ist es doch so: Wenn die Nachbarn was gegen einen haben, warten sie einfach in aller Ruhe ab. Und dann kriegst du eines Morgens, wenn du am wenigsten damit rechnest, die volle Ladung aus ihren dampfenden Pisspötten mitten in die Fresse. Und wenn du dann Glück hast, kommen sie unter Umständen angelaufen und tun ganz unschuldig, behaupten, es wäre reiner Zufall gewesen. Dabei sind sie tief im Innern ganz hin und weg vor lauter Freude, weil sie einen Treffer gelandet haben. Noch tagelang freuen die sich dann zu Hause über diese eklige Sache. Also, Mädchen, sag bloß nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.«

Auch Gerald warnte sie davor, dass das Dorf nicht der rechte Ort sei, um sich Sonntagabend am Kreuz beim Tanzen sehen zu lassen. Jeder dort wüsste, dass sie eine Fremde war. Und sie sollte ruhig wissen, dass es dort von lüsternen Männern nur so wimmelte, die ihre besten Tage hinter sich hatten. Wenn sie also je tanzen gehen wollte, dann lieber in der angrenzenden Grafschaft Mayo.

Doch Bridie kam nie irgendwohin, außer wenn die Kinder in die Kathedrale von Tuam gefahren wurden, was höchst selten vorkam. Ihre einzige Möglichkeit, sich in Gesellschaft zu begeben, bestand darin, einmal in der Woche Tee für die Gäste des Hauses zu machen und sich die täglichen Anekdoten der Farmarbeiter anzuhören, wenn sie sich geräuschvoll einen Stuhl heranzogen und sich über das Frühstück hermachten.

Es war Donnerstag, und Bridie schrubbte auf den Knien die Treppe und träumte von einem romantischen Zwischenspiel mit Seamus, der gesagt hatte, er wolle am Sonntagabend zum Tanz gehen. Es war nur vier Meilen von hier. Vielleicht sollte sie einfach auch hingehen, überlegte sie. Höchste Zeit, dass ich ein bisschen was von der Welt zu sehen bekomme. Ach, was soll’s, ich gehe einfach hin, so oder so.

Plötzlich nahm sie eine Bewegung hinter sich wahr, aber dem Griff des Handfegers, mit dem Mrs. O’Malley ihr den Rücken traktierte, konnte sie nicht mehr ausweichen.

»Was hat das zu bedeuten?« (Klatsch!), fing sie an. »Mit dem verdammten Bügeleisen hast du mir meine beste Bluse ruiniert. (Klatsch!) Weißt du denn nicht, dass man eine Seidenbluse nicht zu heiß bügeln darf?«, rief sie.

Schutz suchend rannte Bridie nach oben. »Das wusste ich nicht! Ehrlich, Mrs. O’Malley, das wusste ich nicht!«, flehte sie, doch Mrs. O’Malley hieb immer weiter auf die zurückweichende Bridie ein.

»Du taugst doch zu rein gar nichts, bist von einem Schwung Nonnen aus der Erziehungsanstalt rausgeworfen worden. Ich hätte es besser wissen müssen. So was wie dich hätte ich nie und nimmer einstellen dürfen.«

Bridie drehte sich um, ihre Augen funkelten. Sie zeigte mit dem Finger auf Mrs. O’Malley. »Wenn Sie mich noch einmal schlagen …«

Klatsch! »Wie kannst du es wagen, mit dem Finger auf mich zu zeigen«, zischte Mrs. O’Malley, als sie Bridie einen kurzen, heftigen Schlag auf die Hand gab. »Geh in dein Zimmer, sofort!«, befahl sie.

In ihr Zimmer zu gehen hielt Bridie für gefährlich, sie wusste, dass sie dort eine heftige Tracht Prügel bekommen konnte. So schoss sie rein instinktiv nach vorn, stürzte an Mrs. O’Malley vorbei und warf ihre Arbeitgeberin dabei fast die Treppe hinunter.

Einen kurzen Moment lang blieb Bridie in der relativen Sicherheit des Flurs stehen, schaute hoch und rief: »Das mache ich nicht. Auf gar keinen Fall. Sie können sich eine andere suchen, die dann die ganze Schmutzarbeit für Sie macht.«

Mrs. O’Malley gewann allmählich ihre Fassung zurück, lief die Treppe hinunter und schrie dabei Bridie an: »Wirst du wohl sofort hierher zurückkommen! Komm zurück!«

Doch Bridie war zur Hintertür hinausgeschossen und lief die lange Auffahrt hinunter, als ginge es um ihr Leben. Sie lief und lief, bis sie außer Sichtweite des Hauses war, dann kletterte sie über eine Mauer und rannte auf ein Feld, für den Fall, dass jemand sie sah. Sie rang nach Atem, setzte sich auf ein Stück Felsen und fing an zu weinen. Es folgten krampfartige Zuckungen und die Angst vor dem Unbekannten. Die Angst, ihre Hand könne gebrochen sein, denn sie war schon leicht geschwollen. Außerdem tat ihr der Rücken weh, und wenn sie sich bewegte, spürte sie Stiche.

Da blieb sie und saß eine ganze Weile auf dem großen Stein, bis sie vor Kälte fröstelte. Sie musste irgendwo Schutz suchen. Sie war nur leicht bekleidet, und sie hatte weder Kleidung noch Lebensmittel oder Geld bei sich. Sie beschloss, nie wieder in dieses Haus zurückzukehren. Aber irgendwie musste sie an ihre Kleider und ihr Geld kommen. Allmählich fiel ein leichter Regen; jetzt musste sie schnell etwas unternehmen. Von ihren Spaziergängen mit den Kindern kannte sie die Gegend ungefähr, und so beschloss sie, auf Umwegen zurück zur Farm zu gehen. Da wollte sie sich verstecken und Schutz suchen, bis sie ins Haus gelangen und ihre Sachen holen konnte. Noch besser wäre, sie könnte Peter oder Seamus darum bitten. Sonst müsste sie sich bis morgen früh verstecken, denn abends wären die Kinder im Haus, und Mrs. O’Malley würde nicht vor morgen ihre Besuche machen.

Aus Angst vor den Tieren des Feldes hastete sie am Graben lang, kletterte über einen Stacheldrahtzaun, überquerte einen kleinen Bach und näherte sich so dem Kornspeicher, wo sie sich vorerst im Heu verstecken wollte. Schritt für Schritt ging sie langsam am nächstgelegenen Zaun entlang, dann rannte sie über den Hof und in die große Scheune, die den Kornspeicher beherbergte. Jetzt hatte sie sogar noch mehr Angst, da sie so nah beim Haus und möglicherweise so nah an der Entdeckung durch die O’Malleys war. Sie wusste, wenn das passierte, waren ihre Chancen auf Freiheit äußerst dürftig. Die O’Malleys waren in gewisser Weise für ihr Wohlergehen verantwortlich, und sie würden sie womöglich nicht gehen lassen.

Lange Zeit, so kam es Bridie jedenfalls vor, versteckte sie sich hinter der halb offenen Tür und beobachtete den Hof für den Fall, dass jemand kam. Nach einer Weile meinte sie, jemanden kommen zu hören, und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hoch und versteckte sich im hinteren Bereich des Gebäudes. Sie stand in der hintersten Ecke, als sie einen der Arbeiter hörte, der lässig pfeifend hereinkam. Wenn sie auf Zehenspitzen bis ganz nach oben schlich und hinunterschaute, sah sie womöglich, was da unten vor sich ging. Aber am Pfeifen meinte sie, Peter zu erkennen und nicht Seamus, der ihr lieber gewesen wäre. Bald hörte das Pfeifen auf, und sie glaubte, der Mann, wer immer es auch war, habe das Gebäude verlassen. Sie wollte sich schon vorwagen, als sie plötzlich spürte, dass sie niesen musste. Schnell hob sie die Hände, um das Niesen zu unterdrücken, konnte das Geräusch aber nur etwas dämpfen. Sofort folgte ein weiteres Niesen und gleich noch eines. Da war ihr klar, dass der Mann sie gehört hatte und nachsehen würde, denn jetzt hörte sie jemanden leise die Treppe heraufkommen, und schon fiel nicht mehr so viel Licht in den Kornspeicher.

»Ist da jemand?«, hörte Bridie eine Stimme und erkannte sofort Peter. Sie seufzte vor Erleichterung, denn sie war sicher, er würde sie nicht verraten. Vorsichtig näherte sich die Stimme Bridies Versteck, und wieder hörte sie: »Ist da jemand?«

Bridie meinte, sie sollte lieber antworten, sonst hörte womöglich noch ein anderer seine Stimme. Laut flüsterte sie: »Ich bin es! Bridie!«

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