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Die Liebe ist ein Dieb und der Pirat der Träume

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Claire Garber

Die Liebe ist ein Dieb und der Pirat der Träume

Roman

Aus dem Englischen von

Gabriele Ramm

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VORWORT

Üblicherweise verkündet man öffentlich, dass man über seine letzte Beziehung hinweg ist, indem man sich auf eine neue einlässt. Es ist ungefähr so, als würde man ein großes Banner in die Luft halten, auf dem steht:

Schaut alle her! Ich habe jemand anderes gefunden. Mir geht es gut. Ich bin nicht mehr allein. Jemand anderes braucht mich. Jemand hat sich entschieden, mit mir zusammen zu sein. Meine letzte Beziehung war völlig irrelevant, genau genommen kaum wahrnehmbar, ungefähr so unbedeutend wie die Flusen in meinem Bauchnabel. Meine Exfreundin ist lediglich eine Fluse auf meinem Bauch gewesen.

Meiner Meinung nach ist das alles Quatsch. Ich glaube, du setzt erst dann ein öffentliches Zeichen, dass du über deine letzte Beziehung hinweg bist, wenn dich die Meldungen zum Beziehungsstatus nicht mehr interessieren, wenn du gar nicht auf die Idee kommst, dir deine Zeit mit dem Verfassen von Statusmeldungen und unwichtigen Nachrichten zu vertreiben, weil du dein Leben und das, was du tust, liebst.

Das vorausgeschickt, muss ich zugeben, dass ich noch immer Gefühle für Gabriel hege. Und die Tatsache, dass er, nur wenige Wochen nachdem wir uns getrennt hatten, eine neue Beziehung eingegangen ist, na ja, das hat mir emotionale Schmerzen bereitet, wie ich sie vorher noch nie erlebt hatte. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich daran glaube, dass seine lächerliche Beziehung mit einer abgemagerten Französin mit großen (unechten) Titten und begrenztem Verstand von Dauer sein wird oder nicht. Er hatte jemand anderes gefunden, sie waren zusammen im Urlaub und machten Fotos, viele Fotos, die sie dann auf Facebook in ein Album mit dem Namen „True Love“ packten, während ich nichts weiter als eine Fluse war.

Aber es war ja nicht nur, dass ich Gabriel verloren hatte, sondern vor allem die Tatsache, dass ich so verdammt traurig über unsere Trennung war, dass mir schon bei dem Gedanken, mit jemand anderem zusammen zu sein, schlecht wurde. Ich wollte niemand anderen küssen. Ich wollte mit niemand anderem Sex haben und mein Zuhause mit ihm teilen. Ich wollte ihn, Gabriel.

Und da ich nun mal nicht in der Lage war, ihn durch irgendjemanden zu ersetzen, und es auch nicht schaffte, den Heilungsprozess zu beschleunigen, musste ich irgendwie die Zeit überbrücken.

Denn genau genommen könnte es gut sein, dass ich tatsächlich die Frau bin. Sie wissen schon, welche ich meine. Die Frau, die aus unerfindlichen Gründen keinen Mann abbekommt, keine Kinder kriegt und der auch kein romantisches Happy End vergönnt ist. Also brauchte ich einen Plan. Ich musste zum Wesentlichen zurückkehren und mir ein paar sehr wichtige Fragen stellen:

Was tat ich gern?

Was habe ich nicht tun können, weil ich mit Gabriel zusammen war?

Was habe ich nicht tun können, weil ich mich verliebt hatte?

Und noch wichtiger: Was würde ich gern den Rest meines

Lebens tun, wenn ich mich nie wieder verlieben würde?

DAS WAR DER AUSGANGSPUNKT, DER MICH WIRKLICH INTERESSIERTE.

ANFANG

Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

1990 hat ein Mann namens Tim Berners-Lee das World Wide Web erfunden. Er ist auf der Suche nach einem Weg gewesen, wie Teilchenphysiker überall auf der Welt zeitgleich Zugang zu denselben Informationen bekommen konnten.

„Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

Wie bei so vielen Dingen im Leben kam letztlich etwas ganz anderes dabei heraus, als anfangs vorgesehen. Die Saat, die er gesät hatte, wuchs und gedieh, bis seine Erfindung so weitreichend war, dass es jeden Einzelnen von uns auf unbeschreibliche Art und Weise betraf.

„Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

Das Internet versorgt uns jetzt mit kostenlosen und frei zugänglichen Informationen. Es kann einem dabei helfen, eine Fremdsprache zu erlernen, einen Schuh zu besohlen, eine neue Küche einzubauen oder einen Satelliten zu konstruieren, der den Mond umkreist.

„Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

Man kann seine Firma darüber betreiben, die Liebe seines Lebens treffen, ein Rezept für ein Pilzrisotto finden, bevor man seinen eigenen Kessel flickt und sich anschließend über die Ursprünge des Wortes „kaputt“ informiert.

„Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

Ich kann im Internet auch so gut wie alle Bilder sehen, die man sich nur vorstellen kann. Ich habe mir das Innere eines Atoms angeschaut, die Farbe der Marsoberfläche, was meine Cousine zweiten Grades kürzlich in Sydney auf ihrer Geburtstagsparty getragen hat, und ich habe den Gesichtsausdruck von Nelson Mandela gesehen, an dem Tag, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Aber das Neueste, was das Internet mir offenbart hat, das größte Geschenk von allen, sind die Fotos meines Verlobten im Urlaub – ein Urlaub, den er, wie ich vermute, mit seiner neuen Freundin verbracht hat. Und auf diesen Fotos kann man, auch wenn man nicht Tim Berners-Lee ist, erkennen, dass er sein absolut funktionstüchtiges, internetfähiges Mobiltelefon dabeihat. Das gleiche Telefon, an das er zurzeit offenbar nicht rangehen kann.

„Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

„Wie es aussieht, kommt sie nicht wieder hoch“, sagte Federico zu meiner Grandma. Alle hatten vor ungefähr fünfundvierzig Minuten aufgehört, direkt mit mir zu sprechen. Sie hatten über mich geredet, über meinen Kopf hinweg, um mich herum, aber nie direkt mit mir. Grandma bückte sich und versuchte, mir das Handy aus der Hand zu nehmen, doch meine Finger umklammerten es wie eine menschliche Klaue oder wie ein seltsames Gerät, das unkonventionelle Männer vielleicht in Soho erwarben.

„Schätzchen, du musst mir das Telefon geben“, erklärte sie und versuchte erneut, es mir zu entwenden. Ich klammerte mich daran fest, als wäre es mein einziges Portal zurück nach Hause. Ein kleiner Kreis von Leuten hatte sich um uns geschart. Anscheinend kommt es nicht so häufig vor, dass eine dreißigjährige Frau mitten auf dem Flughafen Heathrow auf dem Boden sitzt, umgeben von ihrem Gepäck, und in Tränen ausbricht.

„Ein Versuch noch?“, flehte ich Grandma an, während Federico von einem Neugierigen zum anderen wanderte, um die Leute mit Geschichten über den Grund für meine Tränen aufzuklären.

„Na ja, ich hab’s ihr ja gesagt, jawohl, das habe ich“, versicherte er seinem Publikum. „Ich habe ihr gesagt, als sie dorthin zog: ‚Du kannst diesen Franzosen nicht trauen.‘ Wegen ihrer politischen Geschichte, von der ich übrigens ein großer Fan bin, vor allem von dieser bewundernswerten Marie Antoinette … Haben Sie den Film gesehen? Tolle Kostüme, einfach toll, obwohl es die weiblichen Formen ja enorm eingeengt hat. Nein, ich meine, wegen der Sprachbarrieren. Denn man kann doch echt nicht wissen, ob man den anderen wirklich richtig versteht, oder? Wer hat zum Beispiel festgelegt, dass ein pomme ein Apfel ist? Und was ist, wenn die eigentlich auf einen Baum gezeigt haben, als sie pomme gesagt haben, während wir zur gleichen Zeit auf einen Apfel geguckt haben, weil wir gerade hungrig waren, also nennen wir einen Baum einen Apfel, und jetzt sind die Franzosen total verwirrt, weil’s bei uns im Supermarkt so viele verschiedene essbare Bäume gibt? Na, das ist doch ein totales Chaos, jawohl!“

„Wie kann es angehen, dass er mit einer anderen zusammen ist?“, wollte ich von meinem Publikum wissen, das aus neunzehn Frauen unterschiedlichen Alters sowie einem Sicherheitsmenschen namens Albert bestand. Der andere Sicherheitsbeamte, Jim, war losgegangen, um mit den Leuten vom britischen Zoll zu sprechen, die Angst hatten, dass ich eine Selbstmordattentäterin war. „Wie kann das sein?“, fragte ich erneut. „Wenn ein Mensch für einen anderen bestimmt ist, dann muss er sich doch total unvollkommen und eingeengt fühlen, so wie ein Puzzleteil, das man an den falschen Platz legt. Er ist im falschen Puzzle!“, verkündete ich, wobei sich meine Stimme schon fast überschlug. Ich glaube nicht, dass irgendjemand in Terminal fünf auf dem Londoner Flughafen Heathrow glaubte, dass Gabriel am falschen Platz in einem Puzzle lag, es sei denn, ein Puzzle war eine schmutzige Metapher. „Also, was soll ich tun?“

„Vielleicht könnte sie versuchen, ihn noch ein letztes Mal anzurufen, ein allerletztes Mal?“, meinte eine Dame nervös zu meiner Grandma.

Ich schaute in die Gesichter des menschlichen Zaunes, der um mich herum errichtet worden war, und sah, dass alle zustimmend nickten. Grandma seufzte. Also schaltete ich mein Handy laut und drückte zum letzten Mal die Wahlwiederholung. Ich hielt das Telefon in die Luft, damit alle mithören konnten, und sah die anderen an. Die anderen sahen mich an. Dann sahen wir alle auf das Telefon.

„Hi, hier ist Gabriel, ich kann im Moment nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen, rufe ich zurück.“

Daraufhin schwiegen alle ein bisschen. Genau genommen glaube ich nicht, dass man ein bisschen schweigen kann. Es ist eine Sache von entweder oder. Wir schwiegen. Und niemand mochte mir in die Augen sehen.

Also schaltete ich mein französisches Handy endgültig aus und reichte es Grandma Josephine, die es umgehend in den nächstgelegenen Mülleimer warf.

Dann saß ich einfach nur da, auf dem gut polierten Fußboden im Terminal fünf des Flughafens Heathrow, saß einfach da, umgeben von sämtlichen meiner irdischen Besitztümer, und weinte und weinte und weinte noch ein bisschen mehr. Wenn jede Träne ein Stück meiner Seele war, dann würden sie mich nie wieder zusammenflicken können.

SECHS MONATE SPÄTER …

E s ist das, was ich wirklich am meisten hasse – okay, abgesehen von den Geräuschen, die jemand beim Essen macht. Der erste Platz geht auf jeden Fall an die Geräusche, die die Leute machen, wenn sie essen, vor allem die Kau- und Schluckgeräusche hasse ich, aber auch alles, was vorher passiert – das Klirren von Messer und Gabel auf dem Teller, wenn es in einem Zimmer ganz ruhig ist, das Geräusch, wenn jemand seinen Mund voller Spucke öffnet, und am allerschlimmsten ist es, wenn jemand mit der Gabel gegen die Zähne stößt, während er sein Essen in sich hineinschaufelt. Zugegeben, man kann wohl sagen, dass ich ein klitzekleines Problem mit Essgeräuschen habe. Aber gleich danach, gleich hinter dieser Sache mit den Essgeräuschen, hasse ich am allermeisten Liebeskummer, und dabei muss ich mich täglich bei der Arbeit damit abplagen, denn nach dem „Vorfall“ auf dem Flughafen Heathrow, Terminal fünf, hat mein Freund Federico mich dazu überredet, mit ihm in der Redaktion der Zeitschrift „True Love“ zu arbeiten.

Ursprünglich war es Grandma Josephines Idee gewesen. Sie hatte gemeint, es sei wichtig, dass man sich beschäftige, wenn man sich innerlich leer und zerbrochen fühle. Dann hatte sie noch was davon gesagt, dass man seine eigene Miete zahlen müsse, bevor sie etwas über Inflation und steigende Milchpreise gemurmelt hatte. Also gehe ich jetzt jeden Tag zusammen mit Federico zur Arbeit, und dort werde ich mit einer Vielzahl von grässlichen Essgeräuschen und massenhaft Liebeskummer konfrontiert, obwohl unsere Leserinnen nie etwas von dem Liebeskummer erfuhren. Nein, bei „True Love“ sah alles nach eitel Sonnenschein und Liebesglück aus, und ich hasste das, ich hasste diesen eitel Sonnenschein und das angebliche Liebesglück.

„Na, das ist ein pussymäßiges Rätsel, genau das ist es“, sagte Chad, während er um den riesigen herzförmigen Tisch herumging, der in der Mitte des riesigen herzförmigen Konferenzzimmers stand. „Wann, zur Pussy, haben wir das letzte Mal so viel Post bekommen?“, wollte er bei seiner zweiten Runde durchs Zimmer wissen.

Loosie, seine aufdringliche vierundzwanzigjährige amerikanische Assistentin, schritt hinter ihm her und blätterte wie ein unangenehmer Linienrichter in ihrem Notizblock.

„2001, Chad“, sagte sie und blätterte zur richtigen Seite. „Gleich nach dem Anschlag am 11. September.“

„Was, zum Teufel, hab ich denn dann verpasst?“, wollte Chad wissen und schaute jeden im Raum an. „Warum stehen hier siebenundzwanzig Säcke voll mit Post? Worüber, zur Hölle, haben wir im letzten Monat geschrieben?“ Es war allgemein bekannt, dass Chad noch nie seine eigene Zeitschrift gelesen hatte. Er überprüfte nicht einmal den Inhalt, bevor er in den Druck ging. „Was hatten wir für Anzeigen drin?“, fragte er in die Runde. „Hat die verdammte Post mal wieder alles versaut und vergessen, uns die Briefe für die letzten pussymäßigen elf Jahre zuzustellen? Was, zur Pussy, war in den letzten Ausgaben so aufregend?“

Sämtliche Kollegen drehten sich langsam zu mir herum, um mich anzustarren. Sie sahen in etwa so aus wie die Pantomimen mit den weißen Gesichtern, nur sehr viel Angst einflößender. Ich sagte, sämtliche Kollegen drehten sich zu mir herum, doch das stimmte nicht ganz. Chad bildete die Ausnahme. Der hatte gerade seine dritte Runde durchs Zimmer angetreten, marschierte um seinen ganz besonderen Tisch, während er ziemlich geräuschvoll einen roten Apfel in sich hineinstopfte.

Besagter Konferenztisch war riesig, eine Maßanfertigung und das Geistesprodukt von oben erwähntem Chad. Er hatte einen herzförmigen Tisch mit einer rosa gefärbten Tischplatte haben wollen, auf dem die Worte „True Love“ per Sandstrahl verewigt worden waren; und er hatte einen Platz haben wollen, um die Füße draufzulegen. Er hatte einem italienischen Tischler viel Geld dafür gezahlt, um dieses Teil herzustellen, den Tisch und einen dazu passenden herzförmigen Stuhl, der mit knallrotem Samtstoff bezogen war und auf beängstigende Weise aussah wie eine Muppet-Figur von der Schattenseite der Sesamstraße. Seit ich bei „True Love“ arbeitete, hatten sich schon achtzehn Mitarbeiter an dem riesigen Tisch verletzt. Allein sieben hatten sich an der scharfen Kante der Glasplatte gestoßen; die Herzspitze hatte bei zwei Kollegen zu Blutverlust geführt; und Mark aus der Marketingabteilung hatte sich vor fünf Monaten sein Knie angeschlagen und humpelte immer noch. Der Tisch war extrem gefährlich, und das wusste Chad auch.

„Es ist ja nicht nur die Post, Chad“, sagte Loosie und warf mir einen bösen Blick zu, während sie eine weitere Seite in ihrem Notizblock aufschlug. Federico gab einen merkwürdigen Laut von sich. Wenn er gekonnt hätte, wäre er vermutlich in die Nespresso-Maschine geklettert und hätte sich dort ertränkt. Ich hatte mir ganz bewusst einen Platz in der Nähe der Tür gesucht, weil ich in dem Moment, als der Postbote aufgetaucht war, gewusst hatte, dass wir bis zu 27 Säcke tief in der Bredouille steckten, und ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich schämen, davonzulaufen. Nachdem man mich nur mithilfe von Psychotherapeuten vom Flughafen Heathrow wegbekommen hat, ist mir gar nichts mehr peinlich.

Loosie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und Federico kauerte sich zusammen, als würde er im nächsten Moment eine Explosion erwarten. Ich beugte mich vor und legte meine Stirn auf die kühle Glasplatte des Konferenztisches. Nie im Leben würden wir damit durchkommen.

Die Sache war nämlich die, mein Job bei „True Love“ sollte eigentlich total einfach sein, und damit meine ich, dass eigentlich keine Möglichkeit bestand, irgendetwas zu vermasseln. Das Einzige, was ich tun musste, war, die Briefe zu lesen, die unsere Leserinnen uns schickten, und sie dann umzuschreiben, damit sie interessanter klangen. Mehr nicht. Unsere Leserinnen schrieben uns (meistens zu Hunderten) und teilten ihre Liebesgeschichten mit uns. Sie schrieben uns, wie sie ihre wahre Liebe getroffen hatten oder was sie alles aufgegeben hatten, um ihre wahre Liebe zu retten, oder wie sie vielleicht ihre wahre Liebe wieder entfacht hatten. Daraus suchte ich mir die besten aus, rief die Frauen an, führte ein Interview mit ihnen und fasste ihren ganz besonderen Moment dann zu einem tausend Wörter umfassenden, herzzerreißenden genialen Text zusammen – für ein winziges Gehalt und ohne dafür jemals auch nur ansatzweise Anerkennung als Autorin zu bekommen. In der Welt der Autoren gehöre ich zum Bodensatz. Ich werde Ghostwriter genannt und bin tatsächlich ein Geist, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ach übrigens, bevor ich fortfahre, möchte ich noch kurz festhalten, dass ich eine hoffnungslose Romantikerin bin. Ich liebe die Liebe und warte wie Aschenputtel geduldig auf meinen Märchenprinzen, der auf einem Pferd, einem Esel oder meinetwegen auch in einer der typischen schwarzen Londoner Taxen daherkommt. Oder zumindest war es so. Mein Märchenprinz sollte mich entführen, mich an einen tollen Ort bringen und mir sagen, dass ich mir weder Sorgen um die unglaublich hohen Immobilienpreise zu machen bräuchte noch um die Finanzierung meiner Rente. Natürlich sollte mein Prinz gut aussehen, humorvoll sein, meine innersten Gedanken lesen können und einen mittelgroßen bis gigantischen Penis haben. Aber die Leserinnen von „True Love“ berichteten mir immer wieder, dass keine große Chance bestand, dass überhaupt ein Märchenprinz aufkreuze, und wenn, dann sei das erst der Anfang aller Sorgen, die man in Sachen Prinz haben könne. Denn es war durchaus möglich, dass der Prinz nicht die oben genannten, genau umrissenen Charaktereigenschaften aufwies; genau genommen hatten einige Leserinnen verlauten lassen, dass ihr Märchenprinz nicht eine einzige davon besaß. Und trotzdem verliebten sie sich alle, nur um dann festzustellen, dass Liebe Aufmerksamkeit erfordert; Liebe erfordert Kompromisse; Liebe erfordert Zugeständnisse. Liebe ist schwierig am Leben zu erhalten, es ist schwierig, weil man sich ständig kümmern muss, und sie ist nicht kontrollierbar. Im Laufe der Zeit ist fast allen unseren Leserinnen die verdammte Liebe wieder abhandengekommen, und sie wurden wieder zu wartenden Prinzessinnen. Natürlich erfuhr unsere treue Leserschaft nichts darüber. Wir zeigten ihnen immer nur das Endergebnis, wenn alle Teile wieder perfekt zusammengefügt waren. Aber ich sah die Leere dazwischen, erfuhr etwas über „die schreckliche Zeit, als ich ihn verloren habe“ oder „Warum war ich nicht gut genug für ihn?“ oder „Ich habe fünfzehn Jahre meines Lebens für ihn aufgegeben“. „Er wollte keine Kinder“; „Ich habe meinen Studienplatz für ihn aufgegeben“. „Ich habe seinetwegen etwas aufgeschoben; bin seinetwegen irgendwo nicht hingefahren; er isst kein scharfes Essen, also habe ich seit zwölf Jahren keine indischen Gerichte mehr gegessen; er mag mich lieber blond, dünn, dick, gebräunt, gewachst, haarig …“

Frauen schienen sich durchgängig den Wünschen der Männer unterzuordnen, selbst wenn die Männer das gar nicht ausdrücklich forderten. Das habe ich nie gehört, sondern immer nur, dass die Frauen es von sich aus zu tun schienen. Meine Grandma sagt immer: „Unterwirf dich niemals den Männern, Kate, unterwirf sie dir!“, und ich denke, damit meint sie, dass man sich darüber klar werden soll, was man mit seinem Leben anfangen will, und dass man dafür sorgen soll, dass der Mann in diese Pläne hineinpasst, statt sich darauf zu konzentrieren, was der Mann für Bedürfnisse hat, um sich dann daran anzupassen, um sich zu verbiegen, zu ändern oder auf faule Kompromisse einzugehen, um es ihm recht zu machen. Ich fand das immer ein wenig verwirrend, denn ich dachte, die Zeiten der Unterdrückung wären längst vorbei. Aber anscheinend war das Unterordnen eine universelle Macht, so wie eine riesige Art von Peitsche oder ein unsichtbares Kraftfeld, das Menschen bei anderen anwenden können. Meine Grandma kennt sich mit solchen Sachen aus, denn sie ist eine bekannte Feministin und obendrein noch eine sehr produktive. Sie hat Bücher und Artikel über alles geschrieben, was mit Frauen und Männern zu tun hat und mit Kraftfeldern der Unterdrückung. Während meiner Kindheit, die ich bei ihr verbracht habe, war ich ständig von Bergen von Manuskripten und Artikeln umgeben. Zusammen mit meinem besten Freund Peter bin ich um die Stapel herumgelaufen, und dabei haben wir so getan, als wären es Papierbäume in Papierwäldern; was eigentlich lustig ist, denn es waren ja Bäume gewesen, bevor sie von irgendwelchen Burgerketten abgeholzt wurden, damit sie dort auf dem frisch abgeholzten Land Kühe weiden lassen konnten, und dann zu Papier verarbeitet wurden, damit wir Papierbäume daraus bauen konnten.

Und das war es, worüber ich in „True Love“ schreiben wollte, nicht über die Kühe und die Bäume und die globale Abholzung der Wälder, das gehört wohl eher ins „Time Magazine“ als in „True Love“, nein, ich wollte, dass in „True Love“ über die Dinge geschrieben wurde, die die Liebe stahl. Ich wollte Frauen helfen, loszuziehen und sich diese Dinge zurückzuholen. Ich wollte ihnen helfen, sich all die Dinge zurückzuerobern, die ihnen die Liebe gestohlen hatte. Und ich wollte von ihnen hören, was ich tun sollte, eine dreißigjährige Frau, die sich beziehungstechnisch gesehen auf dem Ground Zero befand und ihr Loveboat, also ihr Traumschiff, verpasst hatte. Besser gesagt war ich von meinem Co-Kapitän in einer herzlosen Meuterei von meinem Traumschiff über Bord geworfen worden, aber das ist reine Semantik, und ich will hier ja niemanden langweilen (aber es ist wahr). Also habe ich das Chad vorgeschlagen. Ich sagte: „Chad, ich möchte losziehen und all das zurückerobern, was die Liebe gestohlen hat. Das soll ungefähr so werden wie bei „Challenge Anneka“1, aber mit Liebe und einem gelegentlichen Abklatschen, bitte, lass mich das machen, Chad, bitte. Gib mir etwas, woran ich glauben kann, nachdem aus meinem Doppelbett ein Einzelbett geworden ist.“

Und ich hatte vor, das weiterzuführen, jeden Tag wollte ich den Frauen helfen, ihre von der Liebe gestohlenen Träume zurückzuerobern, bis der Schmerz in meinem Herzen verschwunden wäre und das Wort „Gabriel“ oder „Gabe“ – hin und wieder reichte sogar schon ein „Ga“ – mir nichts mehr ausmachte oder mich in Tränen ausbrechen ließe. Denn was Märchenprinzen anging, hatte sich meiner als erbärmlicher Schrott entpuppt, und ich vermutete, dass ich nicht die erste Frau war, die feststellen musste, dass der ihr zugedachte Märchenprinz ein bisschen scheiße war. Doch Chad hatte nur gesagt: „Nein.“

Woraufhin ich prompt in Tränen ausgebrochen war, denn seit der Trennung war ich zu einer echten Heulsuse geworden. Vorher hatte ich immer geglaubt, wir Briten wären stoisch und wasserfest, doch jetzt schossen mir die Tränen schnell, reichlich und ohne groß provoziert worden zu sein aus den Augen.

Und bisher war das Kontroverseste, was die Zeitschrift je veröffentlicht hatte, ein vierhundert Wörter umfassender Artikel über die körperlichen Beschwerden bei Liebeskummer gewesen, die tatsächlich vergleichbar waren mit den körperlichen Beschwerden bei Drogenentzug (was zum Trost für all diejenigen, denen es gerade nach einer Trennung richtig schlecht geht, übrigens wirklich wahr ist). Nein, „True Love“ hatte stets munter die Vorzüge der Liebe gelobt und den Leserinnen beigebracht, wie sie möglichst viel davon bekommen konnten, was häufig genug durch den Kauf der vielen Produkte, für die Chad in der Zeitschrift werben ließ, ermöglicht werden sollte, damit sie, wenn sie die Liebe schließlich gefunden hatten, an uns schreiben und die Freude mit uns teilen konnten. Das zumindest war der Standpunkt, den die Redaktion bis zum vergangenen Freitag vertreten hat …

Ach ja, übrigens, bevor Loosie wieder anfängt loszureden, sollte ich vielleicht erwähnen, dass sie es auf mich abgesehen hat, seit ich mich über ihren amerikanischen Akzent lustig gemacht habe – darüber und über die Tatsache, dass sie so schnell und so laut wie eine Schlagbohrmaschine redet, sowie über die alberne Schreibweise ihres Namens …

„Wie ich schon sagte, Chad, es ist nicht nur die Post.“ Wütend funkelte sie mich an. „Wir haben eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, dreihundert auf der Hauptleitung, einhundertzwanzig auf dem Nebenanschluss, und dann ist da noch dieses Ding, das sich Fax nennt, das ständig irgendwelche Papierseiten ausspuckt, auf denen offenbar handgeschriebene Mitteilungen stehen. Ich habe in der IT-Abteilung angerufen und denen gesagt, sie sollen das Ding abholen. Außerdem haben wir eine Reihe von Präsentkörben von irgendwelchen Motivationsrednern bekommen, sind von den Verlegern fast sämtlicher Autoren von Selbsthilfebüchern aus Westeuropa kontaktiert worden, und die BBC hat inzwischen schon dreimal angerufen, und Kate, na ja, Kate hat heute anscheinend auch massenhaft Nachrichten bekommen.“ Sehen Sie, ich hab’s doch gesagt, oder nicht? Sie hasst mich. „Ja, massenhaft Leute haben angerufen und gesagt, sie wollen mit Seeräuber Kate sprechen.“ Oh nein. „Und die meisten Briefe sind anscheinend auch an Seeräuber Kate adressiert.“ Ich sah quer durchs Zimmer zu Federico, aber der summte leise vor sich hin und blickte in eine andere Richtung. „Und alle, die Kontakt mit uns aufgenommen haben, wollen mit uns über ihre von der Liebe gestohlenen Träume reden.“

„Ihre was?“

„Ihre von der Liebe gestohlenen Träume, Chad“, wiederholte Loosie, obwohl wir alle wussten, dass Chad sie auch beim ersten Mal genau verstanden hatte.

In dem Moment kam glücklicherweise Mark aus der Marketingabteilung ins Zimmer gestürmt. Besser gesagt, er humpelte herein, weil sein Knie ja wegen des riesigen Konferenztisches verletzt war, aber das klingt weniger dramatisch, also stellen Sie sich vor, er kam hereingestürmt.

„Die Server sind zusammengebrochen!“, brüllte er nach dem Hereinstürmen.

„Was heißt hier, der Server ist zusammengebrochen?“, hakte Chad nach und wirkte dabei extrem genervt … und das alles meinetwegen.

„Es ist alles zusammengebrochen, Chad, alles, die Homepage, die Mikroseiten, die Kundenseite, alles, zu viele Leute haben zur gleichen Zeit versucht, auf die Seite zu gelangen.“ Marks Stimme klang so, als hätte er ein Stück Apfel in seinen Nasenlöchern stecken, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Chad blickte erst zu mir, dann zu Federico und Mark.

„Punkt neun Uhr seid ihr alle morgen früh wieder hier“, schrie er, bevor er aus dem Konferenzzimmer marschierte, gefolgt von Mark, der – der Dramaturgie dieser Szene zuliebe – hinter ihm herstürmte.

Die Pianistin

Beatrice Van de Broeck – 90 Jahre alt

Was ich wegen der Liebe versäumt habe? Na ja, ich habe kein Klavierstudium begonnen. Mir war 1939 ein Platz an der Juilliard School in New York angeboten worden. Wahrscheinlich hast du noch nie davon gehört, aber die Juilliard School war schon damals eine der besten Musikschulen der Welt. Einige der erfolgreichsten Pianisten unserer Zeit haben an dieser Schule studiert.

Mein Vater, ein sehr konservativer Belgier, hatte tatsächlich in Erwägung gezogen, mich gehen zu lassen, aber die Schule konnte mir nicht garantieren, dass ich nach meinem Abschluss auch Arbeit finden würde. Na ja, dass seine Tochter nach Amerika ziehen wollte, war eine Sache, aber dass sie womöglich im Anschluss an ihr Studium eine arbeitslose Musikerin sein würde, war etwas ganz anderes. Schließlich hat er mir selbst die Wahl überlassen. Entweder das zu tun, was man von mir erwartete, nämlich einen wunderbaren Mann zu heiraten, den ich wirklich sehr gernhatte, oder nach Amerika zu gehen. Natürlich habe ich zugestimmt, zu heiraten. Das war auch das Richtige, es gehörte sich so. Und mein Ehemann hat mir als Hochzeitsgeschenk einen wunderbaren Steinway-Flügel geschenkt. Darauf habe ich bis zum Tod meines Mannes jeden Tag gespielt. Möge seine Seele in Frieden ruhen.

Aber nachdem ich meinen Platz an der Juilliard School aufgegeben hatte, habe ich nie wieder Klavierunterricht genommen. Ich blieb auf dem Stand, auf dem ich war: gut, aber nicht großartig; eine Klavierspielerin, aber keine Musikerin, keine Künstlerin. Wenn es also keinen Ehemann gegeben hätte, wenn die Verpflichtung, zu heiraten und sich häuslich niederzulassen, nicht so groß gewesen wäre, wenn ich frei wie ein Vogel gewesen wäre, so wie du jetzt frei bist, du junges hübsches Ding, dann wäre das das Erste gewesen, was ich gemacht hätte. Das ist also der Traum, der mir von der Liebe gestohlen worden ist. Und wenn ich dort in New York wäre, würde ich die Daumen und alles Mögliche andere drücken und hoffen, dass ich niemals die Liebe finden würde, damit ich für immer dortbleiben könnte.

Grandmas Villa | Pepperpots Lebenstraum

„Nur weil ein Mensch weibliche Geschlechtsorgane besitzt, ist dieser Mensch nicht weniger wert als einer mit männlichen Geschlechtsorganen.“ Das war so ziemlich das Erste, was Grandma zu mir sagte, als Federico und ich sie im Pepperpots Lebenstraum, dem exklusivsten Altersheim in ganz Westeuropa, besuchten. Eigentlich ist es eher ein Luxus-Senioren-Themenpark auf einem mehr als zwanzigtausend Quadratmeter großen Grundstück, der über ein eigenes Spa, ein schwimmendes Restaurant und ein Tanzstudio verfügt. Wir waren dorthin gefahren, um Grandma und ihre beste Freundin, Beatrice Van de Broeck, um ihren altersweisen Rat bezüglich eines möglichen Problems bei der Arbeit zu bitten, aber bisher hatten wir nichts als eine weitschweifige Lektion über das aufrührerischste Thema überhaupt geboten bekommen.

„Ich habe nämlich lange darüber nachgedacht, Kate“, fuhr Grandma fort, während sie in ihrer großen Küche auf und ab ging. „Und ich nehme an, dass du geglaubt hast, deine Ambitionen und deine persönlichen Ziele aufgeben zu müssen, damit deine Beziehung zu Gabriel funktioniert.“ Federico nickte hektisch mit dem Kopf, um seine Zustimmung zu signalisieren. „Also hast du deine Vagina verleugnet.“

„Autsch“, murmelte Federico und legte schützend die Hände über seinen Schoß.

„Du bist zu einer verkümmerten Version deiner selbst geworden, zu einer halben Person, einer Sieson“ – Grandma Josephine ist eine produktive Neologistin2 – „und was ist eine halbe Frau, Kate? Dabei musst du natürlich an die englischen Wörter für Mann und Frau denken.“

„Eine halbe wo-man ist nichts weiter als ein man, also ein Mann“, erkannte ich und stöhnte.

„In Zukunft solltest du dir immer treu bleiben, Kate, zur Hölle mit Gabriels zerbrechlichem Ego und seiner frauenfeindlichen Gesinnung. Ich wette, seine neue Freundin hat weder ihre Ambitionen noch ihre persönlichen Ziele aufgegeben.“

Dies scheint mir ein guter Moment zu sein, um anzumerken, dass sich Grandma Josephine während der ganzen Zeit, in der ich mit Gabriel zusammen war, nie wirklich für ihn erwärmen konnte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sie es nicht schafft, mir irgendetwas Verständnisvolles oder Tröstendes zu sagen oder zum Beispiel darauf zu verzichten, die Existenz von Gabriels neuer Freundin zu erwähnen, die offenbar eine ganze wo-man, also Frau, ist.

„Und jetzt verlierst du auch noch deinen Job!“, rief Grandma an Federico gewandt aus. „Das erste bisschen Stabilität, an das sie sich seit dieser verheerenden Beziehung mit diesem Gabriel klammern konnte. Und jetzt entwurzelt sie sich schon wieder, entzieht sich den Boden unter den Füßen, bringt ihr ganzes Inneres ins Ungleichgewicht, etwas, das sie sich wohl in Frankreich angewöhnt hat.“

Ich sag doch – aufrührerisch …

„Na ja, ich habe ihr noch gesagt, sie soll klein anfangen“, begann Federico, sich einzuschleimen. „Stimmt’s, Kat-kins? Jawohl, das habe ich. Ich sagte: ‚Bring Chad dazu, zu glauben, dass es seine Idee war‘, aber sie hat es natürlich trotzdem gemacht, jawohl, das hat sie, so wie ein ungestümer junger Ochse, bei dem zum ersten Mal die Hormone in Wallung geraten.“ Er setzte sich auf eines der großen, weich gepolsterten Sofas, während der vietnamesische Poolboy (dessen Rolle in Grandmas Haushalt ein wenig ungeklärt war) ihm einen Margarita servierte. Grandma und Beatrice waren schon bei ihrer dritten und trugen noch immer ihre schwarzen Lycra-Parkour3-Outfits. Darin sahen sie aus wie Bond-Girls für die über Achtzigjährigen. Und, nur um das mal festzuhalten, Federico hatte nichts dergleichen getan. Er hatte zu mir gesagt: „Du musst gleich in die Vollen gehen, Kat-kins!“, hatte mich abgeklatscht, mich mit einem Appletini abgefüllt und dann meine sorgfältig formulierte Ghostwriter-Geschichte durch eine zweiseitige Anzeige ersetzt, in der die Leserinnen von „True Love“ aufgefordert wurden, uns zu erzählen, welche Träume ihnen die Liebe gestohlen hatte. Aber wie immer glaubte Grandma Federico und verwöhnte ihn jetzt mit köstlich aussehenden Sushi-Wraps. Mir dagegen hatte man nichts angeboten.

„Was ich wissen möchte“, fuhr Grandma fort, „ist, warum Chad überhaupt annimmt, dass Kate dafür verantwortlich ist.“ Sehen Sie? Sie redete so, als wäre es bereits Fakt, dass ich die Schuldige war. „Kannst du Chad nicht einfach erzählen, dass jemand anderes dafür verantwortlich ist, Federico? Auf dich wird er doch hören, oder?“

„Ich verstehe, was du meinst, Josephine, jawohl, das tue ich, jawohl. Aber Chad weiß, dass es Kat-kins war, denn sie hat ihm diese Idee schon vor ein paar Monaten präsentiert, jawohl, das hat sie. Und da wir gerade dabei sind, die Wahrheit auszuplaudern – und ich glaube, das tun wir –, dann muss ich wohl zugeben, dass Chad nicht immer auf mich hört, wenn wir uns bei der Arbeit befinden, nein, das tut er leider nicht. Manchmal hört dieser gut aussehende Berg von einem Mann überhaupt nicht auf mich.“ Federico wurde still und begann, die Sesamsamen von seiner Sushirolle zu picken. „Aber das ist ein ganz anderes, mich persönlich betreffendes Drama“, murmelte er. „Und ich weiß, dass es heute nicht um mich geht, heute geht es um Kat-kins. Halten wir einfach nur mal fest, wenn wir gerade beim Thema sind, und mir scheint, dass wir das sind, dass ich definitiv klarere Grenzen setzen muss, sei es auf emotionaler, beruflicher oder … körperlicher Ebene.“ Das letzte Wort flüsterte er nur noch. „Ich weiß das. Mein Therapeut weiß das. Und Chad weiß das ebenso.“ Er hielt einen Moment lang inne, um an seinem Margarita zu nippen. Ich saß immer noch auf dem Trockenen. „Denn, meine Damen, ich sag euch was, und zwar ganz umsonst, jawohl, das tue ich, wenn jemand dich bei der Arbeit für selbstverständlich nimmt, dann ist es unwahrscheinlich, dass er dich oder deine Grenzen außerhalb der Firma respektiert, jawohl, genauso ist es, aber darüber kann ich gerade nicht reden, ich kann es wirklich nicht.“ Doch er konnte es. Und wollte es dringend.

„Also hat Kate Chad bereits gefragt“, merkte Beatrice rügend an. „Und er hat Nein gesagt“, bestätigte sie. „Also weiß er genau, dass sie es gewesen ist.“ Das war ein eindeutiger Tadel.

„Wenn es euch hilft, ich habe meine Präsentation extra mitgebracht“, warf ich schnell ein und wühlte in meiner Tasche. „Ich dachte, die wär vielleicht ganz hilfreich, wenn wir überlegen, wie wir meinen Job retten können.“ Vorsichtig, so, als wäre es eine Schatzkarte, rollte ich das große Papier auf und legte es auf den Couchtisch, damit alle es sehen konnten. Dann trat ich einen Schritt zurück, um es mir noch einmal genau anzuschauen. Die anderen schnappten nach Luft. Allerdings nicht so, wie ich erwartet hatte. Grandma hielt die Hand vor Augen. Beatrice fiel fast hintenüber, und Federico biss sich in die Faust.

„Was ist das?“, kreischte Federico und drehte das Papier auf dem Tisch hin und her, um herauszufinden, wo oben und unten war. „Das ist nicht dein Ernst, Kat-kins, oder? Was ist das denn für ein Scheiß! Das sieht aus, als wärst du in der örtlichen Vorschule gewesen! Hast du das verzapft, Kat-kins? Hast du?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Hast du ein paar geistig minderbemittelte Kleinkinder gebeten, diese wichtige Geschäftsidee für dich aufzusetzen?“ Jetzt fing er schon an, laut zu werden. „Hast du gesagt: ‚Ihr Kinderlein, ihr kleinen Kinderlein, die ihr Schwierigkeiten mit dem Lernen habt, kommt alle her, ihr englischen Kinderlein. Hier habt ihr eine Packung Buntstifte und einen DIN-A3-Block. Nehmt vorher noch einen ordentlichen Schluck von diesem süßen Energydrink, ihr englischen Kinderlein, und dann malt ihr mir was total Bescheuertes und VERSAUT MIR MEINE KARRIERE!!‘“ Inzwischen war er krebsrot angelaufen.

„Na ja, Federico“, flüsterte ich, „ich bin mir nicht sicher, ob du englische Kinder oder nicht doch lieber britische Kinder sagen solltest. Das ist irgendwie eine Grauzone.“ Ist es wirklich. „Und ich glaube, dass meine Präsentation … fesselnd ist.“

„Kat-kins Winters, du hast mir erzählt, du hättest eine Power-Point-Präsentation ausgearbeitet! Und fang jetzt nicht wieder an zu heulen, Kat-kins“, sagte er und hob drohend den Finger. „Ich sehe schon, wie sich in deinen Augen wieder kleine Seen bilden. Da sag ich ihr einmal“, meinte er an Grandma gewandt, „ein einziges Mal, dass ich finde, sie sieht nett aus, wenn sie weint, aber jetzt kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich sie das letzte Mal nicht hab weinen sehen.“ Er seufzte schwer. „Und was sollen die Leute von dir halten, wenn sie dich jeden Tag heulen sehen, hm? Ich sag dir, was sie machen werden, Kat-kins. Sie rufen WaterAid an, jawohl, das werden sie tun. Sie rufen bei dieser fantastischen Organisation an, die sich auf H2O spezialisiert hat, und werden sagen: ‚Hey, Leute, ihr Problemlöser, ich habe eine Lösung für den Wassermangel auf dieser Welt gefunden. Da ist diese britische Heulsuse, die nicht aufhören kann, Tränen zu vergießen.‘“ Sehen Sie, es hieß doch „britisch“. „Und ehe du dich versiehst, hat man dir ein komplexes Wasserversorgungswerk an deine Tränendrüsen installiert, das deine Tränen in ein großes Reservoir leitet. Wir alle werden aus dir trinken, Kat-kins. Deinen Job zu retten wird noch die geringste deiner Sorgen sein, denn die Leute werden dich nur noch den menschlichen Springbrunnen nennen. Sie werden versuchen, dich zu bewässern. Kleine afrikanische Kinder werden dir überallhin folgen, dich verehren und dich wie einen Miniaturbuddha streicheln, und das Spritzverbot wird endlich aufgehoben werden.“

„Ich dachte, ich hätte dich besser erzogen, Kate“, tadelte mich Grandma, während sie versuchte, meine mit Bunt- und Filzstiften hingekritzelten Worte zu entziffern. Ich persönlich fand es schwierig, zu sagen, ob sie mich tatsächlich besser erzogen hatte als eine bunte A3-Präsentation. Auf jeden Fall hat sie mich besser erzogen als meine Eltern, aber die sind auch wirklich merkwürdig und fast immer weg. Sie nennen sich „Friedliche Extrem Gewaltfreie Gefährliche Umweltaktivisten“ (FEGGUs), aber ich weiß genau, dass sie nicht gewaltfrei sind, und letzte Woche habe ich Bilder von ihnen in den Channel-4-Nachrichten gesehen. Sie befanden sich an Deck eines erst kürzlich beschlagnahmten Rettungsschiffes, das in einen Hafen im Gazastreifen eingelaufen war. Mein Dad hatte eine rambomäßige Kriegsbemalung aufgelegt, und über das, was meine Mutter getan hat, sollten wir besser den Mantel des Schweigens hüllen. Sagen wir einfach nur, dass sie hin und wieder das Gefühl hat, dass es dem Frieden am meisten dient, wenn sie ihre Brüste entblößt. Meine Kinderstube, die ich bei Grandma genossen hatte, war also besser, als mit meinen Eltern herumzuhängen, aber besser als eine DIN-A3-Präsentation? Da war ich mir nicht hundertprozentig sicher.

„Also, Kate, Schätzchen, wenn du deinen Job behalten willst, dann solltest du mit etwas aufwarten können, wozu Chad nicht Nein sagen kann, ein Star-Interview oder ein Exposé. Das würde ich an deiner Stelle tun.“

„Du könntest etwas über mich schreiben“, schlug Beatrice vor. „Wenn ich die Chance hätte, mir das zurückzuholen, was die Liebe mir gestohlen hat, dann würde ich an die Juilliard School of Music gehen. Meinst du, das wäre möglich?“, fragte sie und sah Federico an. „Wir könnten dorthin fliegen, und Kate könnte einen Artikel darüber schreiben.“

„Alles ist möglich für solch eine fantastische Dame, wie du es bist, vor allem für eine, die mit solch geschickten Fingern der Klaviatur des Lebens so wunderbare Töne entlocken kann.“

„Denn zu meiner Zeit hat man sich nicht so auf sich selbst konzentriert, wie ihr es heute tun könnt. Selbst wenn wir Hobbys hatten oder es Sachen gab, die wir richtig gut konnten – Bereiche, in denen wir Einzigartiges geleistet haben, so wie ich am Klavier –, dann hatten die zurückzustehen, wenn wir geheiratet haben. Niemand hat das je laut gesagt. Niemand hat verkündet: bis dass der Tod euch scheidet, und jetzt gibst du dich und all deine Hobbys auf. Von Frauen wurde einfach erwartet, dass sie sich zuerst um andere Menschen zu kümmern hatten. Ich glaube, ihr Mädels von heute wisst gar nicht, wie glücklich ihr euch schätzen könnt.“

„Stimmt genau“, bekräftigte Grandma. „Nur sehr wenige Frauen verfolgten ihre eigenen, unabhängigen Ziele, als Beatrice und ich noch jung waren. Und, Beatrice, das ist zwar sehr nett von dir, meine Liebe, aber du bist nun nicht gerade Brad und Angelina. Nein, Kate muss über eine Frau schreiben, die bereits mit den Konventionen gebrochen hat, die die Grenzen ausgereizt hat, die sozialen Gedankengebäude infrage gestellt hat, all die Dinge, von denen ihr jungen Frauen heutzutage profitiert. Da fallen einem spontan natürlich sofort ein paar Namen ein: Coco Chanel oder sogar Edith Piaf oder … Delaware!“ Grandma reckte die Faust in die Luft. „Kate muss mit Delaware O’Hunt reden.“

„Oh ja!“ Beatrice nickte enthusiastisch. „Kate muss mit Delaware sprechen.“

„Delaware?“ Federico hatte Beatrices Schultern gepackt. „Delaware O’Hunt? Die Filmschauspielerin? Wie, um alles in der Welt, soll Kate es denn schaffen, an eine Filmlegende wie Delaware O’Hunt ranzukommen?“ Er versuchte, ruhig zu bleiben, zitterte jedoch vor lauter Aufregung. „Wie, will ich wissen? Wie?

„Na, sie wohnt doch nebenan“, erwiderte Grandma Josephine und ging hinaus auf ihre Terrasse, um ins Fenster ihrer Nachbarin zu lugen. „Und normalerweise kommt sie um diese Zeit auf einen Wein vorbei, nachdem sie ihren Jazzrock-Tanzkurs beendet hat.“

Beatrice nickte zustimmend, als ob wir alle Tür an Tür mit einem Hollywoodstar leben würden. Federico gab auf einmal merkwürdige Laute von sich und wedelte sich Luft zu, während sein Gesicht die Farbe einer Tomate annahm.

„Wieso wissen wir nichts davon, Kat-kins?“, flüsterte er theatralisch laut. „Das ist schlampige Arbeit, Kat-kins! Schlampige Arbeit!“, wiederholte er und wippte vor und zurück. „Ich liebe sie“, stöhnte er. „Ich liebe, liebe, liebe sie.“

Es ist nämlich so, dass die eben erwähnte Delaware O’Hunt nicht nur eine berühmte Schauspielerin gewesen ist. Sie war das Filmidol der 1950er-Jahre. Delaware hatte mehr Filme als jede andere Schauspielerin gemacht, hatte Filme mit allen erdenklichen Filmgrößen zusammen gedreht, hatte in Theaterstücken, Musicals, Filmen mitgespielt, einen Oscar gewonnen, hatte geheiratet und sich scheiden lassen. Sie hatte ein stürmisches Liebesleben geführt und trug noch immer die unglaublichsten Klamotten. Tatsache ist, dass es nichts an Delaware O’Hunts Garderobe gab, wofür ich nicht über glühende Kohlen laufen würde, um es selbst tragen zu können, und dabei war sie schon Rentnerin. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, inwiefern die Liebe Delaware negativ beeinflusst haben könnte. Liebe war bei ihr allgegenwärtig; Liebe verfolgte sie die Straße hinunter; Liebe produzierte Poster von ihr, Dokumentarfilme und Lieder über sie. Sie war eine weltberühmte Schauspielerin, eine der Größten unter den Großen. Es sah nicht so aus, als wäre ihr auch nur irgendetwas entgangen. Wie konnte ich meinen Job retten, wenn ich Delaware interviewte? Sie war die Antithese all derjenigen, denen die Liebe die Träume gestohlen hatte.

„Schätzchen, sie scheint noch nicht zurück zu sein, und ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich bin zum Dinner verabredet. Warum kommt ihr beide nicht am Wochenende wieder vorbei, und ich arrangiere ein Treffen, damit ihr mit ihr plaudern könnt? Federico, wenn du rechtzeitig kommst, können wir den 60plus-Parkour zusammen machen.“

„Danke, Josephine, danke.“ Jetzt redete er wie ein Schauspieler der 1940er-Jahre. „Ich bin am Wochenende auf jeden Fall wieder da, auf jeden Fall.“ Auch er reckte die Faust in die Luft, inspiriert von Delaware, doch Grandma hörte gar nicht mehr zu. Sie starrte in ihre Chanel-Puderdose und zog ihre superdünnen Lippen nach – das war ihre kosmetische Art, Leuten klarzumachen, dass das Thema für sie bis auf Weiteres beendet war.

„Danke, Grandma, das Wochenende passt mir gut, und entschuldige, dass ich dich von deinem Essen mit Beatrice abgehalten habe.“ Ich erhob mich schwerfällig aus dem superbequemen Sofa, wobei ich vermutlich eher nach einer Rentnerin aussah als sonst irgendjemand im Zimmer.

„Oh, ich bin nicht mit Josephine zum Essen verabredet“, wandte Beatrice ein und stand derart geschmeidig von ihrem Sessel auf, als hätte sie mechanische Schenkel. „Nein, ich hatte schon einen köstlichen Fischauflauf zum Abendessen. Fischauflauf und Erbsen und anschließend einen leckeren Nachtisch.“ Rentner erzählen einem nur zu gern, was sie gegessen und wie oft sie gepinkelt haben.

„Nein, es ist dieser gut aussehende Peter, der sie wieder besucht, oder?“, mutmaßte Beatrice.

„Welcher Peter?“, fragte ich die beiden. Rentner haben selten das Bedürfnis, Dinge in einen Zusammenhang zu bringen.

„Peter Parker heißt er, glaube ich jedenfalls. Stimmt das, Josephine? Ich bin mir sicher, dass es Peter Parker war, denn diese Alliteration hat mir so gut gefallen.“

„Peter Parker?“ Ich drehte mich zu Grandma herum. „Grandma? Du bist mit Peter Parker verabredet? Mit meinem Peter Parker? Wieso? Seit wann? Weshalb?“

Normalerweise stellte ich nicht so viele Fragen auf einmal, aber ich stand völlig unter Schock.

„Es ist eine Verabredung zum Abendessen, Schätzchen. Darf ich nichts essen? Jeder muss etwas essen, Schatz.“

„Grandma!“

„Wer ist Peter Parker?“, wollte Federico wissen und sah zwischen mir und Grandma hin und her.

„Er ist seit Kurzem zurück, Schätzchen, was ich sehr nett finde, wenn ich ehrlich bin. Ist es denn nicht erlaubt, dass mich die Leute besuchen? Und er hat mich übrigens, seit ich hier nach Pepperpots gezogen bin, sehr unterstützt. Es war eine schwierige Entscheidung für mich, das Heim unserer Familie aufzugeben, und obendrein so ein Stress. Und ich hoffe, dass auch ich Peter ein wenig bei seiner Scheidung unterstützen konnte. Es ist so schwierig, in diesem gegenwärtigen sozioökonomischen Klima eine langfristige Beziehung aufrechtzuerhalten. Ich habe zu ihm gesagt: ‚Peter, wenn du in dieser post-postmodernen modernistischen Zeit auf der Suche nach Stabilität bist, wirst du es schwer haben.‘„

„Peter Parker hat geheiratet? Mein Peter Parker hat geheiratet? Ich meine, hat sich scheiden lassen, ich meine, Peter Parker ist Single?“ Eigentlich wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich meinte.

„Ich würde mal sagen, genau betrachtet treffen alle drei Dinge zu“, sagte da plötzlich Peter Parker hinter mir. Es war das erste Mal seit mehr als fünfzehn langen Jahren, dass ich seine Stimme hörte.

EINE ANZEIGE AUS DER ZEITSCHRIFT „TRUE LOVE“

Was haben Sie alles versäumt,

weil Sie sich verliebt haben?

Liebe „True Love“-Leserinnen,

in diesem Jahr, als meine biologische Uhr dreißig schlug, war ich auf einmal ohne Job, ohne Heim und saß stattdessen, verlassen von meinem französischen Verlobten, in Frankreich fest. Ich war beziehungs- und lebenstechnisch gesehen am Ground Zero angekommen. Ich hatte in meinem Kampf um die Liebe alles aufgegeben und schließlich alles verloren, war sozusagen in der siebten Runde k. o. geschlagen worden und zu Boden gegangen.

Mir war absolut nichts geblieben, ich hatte kein Heim mehr, kein Geld, keinen Job. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes mein Traumschiff verpasst. Wäre ich jünger gewesen, hätte ich versucht, mein gebrochenes Herz mit den bewährten Methoden zu kitten, sprich: mit einem neuen Freund und / oder übermäßigem Alkoholkonsum. Aber dieses Mal funktionierte das nicht – der Schmerz war zu groß, der Verlust der Liebe zu gewaltig. Viele dunkle Monate lang konnte ich, während ich mir die Augen ausheulte, an nichts anderes denken als an diese Frage:

Was, um alles in der Welt, soll ich nur tun?

Denn meine einzig wahre Liebe war bereits Geschichte; unsere Pläne für eine gemeinsame Zukunft existierten nicht mehr, unsere Träume, unsere noch nicht verwirklichte Hochzeit, unsere noch nicht geborenen Kinder – alles aus und vorbei. Dieser Teil meines Lebens war vorüber, noch ehe er begonnen hatte. Da ich also keine Hoffnung und keine Garantie dafür hatte, dass die Liebe sich je wieder bei mir blicken lassen würde, musste ich herausfinden, was mich auch ohne Liebe glücklich machen könnte. Was sollte ich mit meiner Zeit anfangen, bis die Liebe noch einmal auftauchte, wenn sie es dann überhaupt tat? Und genau an diesem Punkt kommen Sie, liebe Leserinnen, ins Spiel.

Sehen Sie, ich habe angefangen, eine Liste zu erstellen, eine Liste, auf der all die Dinge stehen, die ich nicht gemacht habe, weil ich mich verliebt hatte; eine Liste mit all den Hobbys, all den Ambitionen und geheimen Träumen, die auf Eis gelegt wurden, weil ich mich verliebt hatte. Und ich habe vor, all diese Sachen jetzt nachzuholen und in Angriff zu nehmen. Ich werde aufbrechen wie eine Piratin ins unendliche Meer, das Leben heißt, und ich werde mir zurückerobern, was die Liebe mir gestohlen hat. Und hier in der Redaktion von „True Love“ möchten wir gern wissen, was Sie für die Liebe alles aufgegeben haben. Gibt es etwas, das Sie schon immer einmal tun wollten, es aber nicht getan haben, weil Sie sich verliebt haben? Ein Hobby oder einen lang gehegten Traum? Welche negativen Folgen hatte es für Sie, als Sie sich verliebt haben? Welchen Liebesrat können Sie mir geben? Vielleicht sind einige von Ihnen ja auch daran interessiert, auf die eigene Suche zu gehen, um sich das zurückzuerobern, was die Liebe Ihnen gestohlen hat.

Es ist unerheblich, ob Sie gerade verliebt sind oder nicht, ob Sie auf der Suche nach der Liebe sind oder sie meiden, ob Sie verheiratet, geschieden, homo- oder heterosexuell sind. Wir hier in der Redaktion von „True Love“ möchten von Ihnen hören.

Ihnen fällt nichts ein? Dann lassen Sie uns die Sache doch einfach von der anderen Seite aus betrachten. Stellen Sie sich einmal die folgenden Fragen: „Wenn Sie wüssten, dass Sie den Rest Ihres Lebens allein verbringen müssten, wenn Sie sich nie wieder verlieben würden, sich niemals häuslich niederlassen und Kinder haben könnten, was würden Sie dann gern tun? Was würde Sie glücklich machen? Womit würden Sie bis zum Ende Ihrer Tage gern Ihre Zeit füllen, Ihr Herz, Ihre Seele?“ Die Antworten auf diese Fragen sind die Träume, die wir uns zurückholen müssen.

Ich habe mein eigenes Traumschiff verpasst. Mir sind die Liebe und die Träume, die mein Leben ausfüllen könnten, abhandengekommen. Ich werde mich also auf eine Mission begeben, eine Suche nach den Träumen, die die Liebe mir gestohlen hat, um mir das zurückzuholen, was die Liebe mir genommen hat. Begleiten Sie mich? Wollen Sie zusammen mit mir auf meinem Schiff reisen? Dann kommen Sie an Bord.

Herzlichst Ihre

Seeräuberin Kate

Bitte senden Sie Ihre Schreiben an:

Seeräuberin Kate, Postfach „Was die Liebe mir gestohlen hat“, c/o „True Love“, Redaktion London

Lesen Sie nächste Woche in „True Love“:

MR SCHNURRR-FEKT – wie ein Kater den Schmerz des

Alleinseins lindern kann.

BOTOX oder NOTOX – sollten Sie sich für Ihren ganz

besonderen Tag aufpolstern lassen?

UND

WIE SIE IHREN PERFEKTEN HOCHZEITSTAG

FÜR WENIGER ALS £ 99,98 GESTALTEN!

Papiertürme von Papierseelen

Die Große Rote | „True Love“-Redaktion | East London

Jenny Sullivan muss nicht in einer nachttopfähnlichen Räumlichkeit arbeiten. Allein daran konnte ich schon erkennen, als ich bei „True Love“ anfing, dass sie wichtig war; das und die Tatsache, dass ich sie bereits auf Millionen von unterschiedlichen Werbeplakaten, in Tausenden von unterschiedlichen Fernsehwerbungen und Hunderten von unterschiedlichen Talkshows gesehen hatte. Aber was meinen Arbeitsalltag anging, da merkte ich, dass sie wichtig war, weil sie ein komfortables Büro ihr Eigen nennen durfte.

Es ist nämlich so, dass die Räumlichkeiten von „True Love“, die das gesamte oberste Stockwerk eines umgebauten Lagerhauses in East London einnehmen, völlig offen gehalten sind. Es gibt einen großen gläsernen Raum in der Mitte der Etage, das Konferenzzimmer, das den tödlichen herzförmigen Tisch beherbergt, außerdem ein Eckbüro für Chad und eines für Jenny. Die restliche Fläche des Großraumbüros ist mit großen bunten „Arbeitsschüsseln“ übersät. Jede Schüssel ist ungefähr zwei Meter fünfzig hoch, bietet Platz für einen Schreibtisch, und hinein gelangt man durch einen kleinen Bogen. Die Schüsseln sehen aus wie riesige Dinosauriereier und lassen das gläserne Büro wie eine Inkubationskammer in einem ethisch fragwürdigen wissenschaftlichen Labor wirken; eines, das menschliche Klone produziert, die nur auf die Liebe fixiert sind, über mittelmäßige Schreibfertigkeiten verfügen und in der Lage sind, ganzseitige Werbeflächen zu verkaufen. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass das Arbeiten in Rieseneiern die Produktivität erhöht, aber Chad hat sich irgendwann einmal die Mühe gemacht, ein historisches Dokument zu präsentieren, worin stand, dass die Inkas angeblich in solchen Eiern gewirkt hätten. Sein historisches Dokument sah verdächtig nach einem normalen, mit Tee bekleckerten DIN-A4-Blatt aus. Und besagte „Tatsachen“ waren im Internet nirgends zu finden. Trotzdem wird das Personal bei „True Love“ dazu verdonnert, in diesen die Produktivität steigernden, eiförmigen Schüsseln zu arbeiten. Alle, mit Ausnahme von Jenny. Und ich hatte mich in meiner winzigen Schüssel, die ich liebevoll die „Große Rote“ nannte, seit Viertel nach acht versteckt, während ich zuhörte, wie die anderen sich alle in dem gläsernen herzförmigen Konferenzraum stritten.

„Ich meine ja nur, Chad“, sagte Jenny und drehte wie wild an ihrem riesigen Ehering, „dass diese Idee sich nicht wirklich nach ‚uns‘ anhört, oder, Chad?“ Chad lief auf und ab und verzog das Gesicht. Federico stand wie eine Statue in der Ecke. „Denn die Leute hier beschäftigen sich mit der Liebe, Chad!“ Mit dem Zeigefinger zeichnete sie ein Herz in die Luft. „Diese Zeitschrift beschäftigt sich mit Liebe, Chad!“ Sie wiederholte diese Geste. Dabei hätte sie einfach nur auf den Tisch zu zeigen brauchen. „Deshalb heißen wir ‚True Love‘, Chad.“

Ich weiß nicht, ob Sie es schon bemerkt haben, aber Jenny Sullivan hatte die Marotte, die Vornamen von anderen Leuten überzustrapazieren. Es ist eine Technik, über die sie in einem Buch namens „Own it – take life by the bollocks“ gelesen hat, was ungefähr wohl so viel bedeuten sollte wie „Steh dazu! Pack das Leben bei den Hörnern!“ Nachdem sie meinen Namen einmal bis zum Exzess benutzt hatte, war er mir völlig fremd geworden. Ich bin überzeugt davon, dass sie diese Strategie absichtlich einsetzt.

„Chad, ich denke nur an dich, Chad.“ Sehen Sie. „Denn wir können doch nicht anfangen, darüber zu schreiben, wie scheiße die Liebe ist, um dann zu Liebespiraten zu werden, Traumschiffe zu kapern und auf verdammte Liebesmissionen zu gehen. Was, zum Teufel, sollen denn unsere armen dummen Leser denken?“ Sie sah zwischen Chad und Federico hin und her. „Denn, Chad, ich kann auch noch andere Sachen machen, wenn diese Zeitschrift wegen des idiotischen Richtungswechsels, den du hier gerade vorschlägst, eingeht. Ich arbeite einfach weiter an meiner Modelkarriere“, erklärte sie und strich nicht vorhandene Falten in ihrer Kleidung glatt. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht gebeten werde, irgendein Beautyprodukt oder irgendeine Modemarke zu unterstützen, das wird wirklich langsam langweilig“, sagte sie an Federico gewandt, so als würde er verstehen, was für eine Bürde das war, obwohl das Einzige, das Federico jemals hatte unterstützen sollen, ein Mundwasser in der Paddington Station gewesen war. Und dabei hatte es sich auch eher um eine Kundenbefragung als um traditionelle Werbung durch einen Prominenten gehandelt. „Und meine Karriere als Autorin habe ich dabei noch gar nicht in Betracht gezogen. Mein Verleger hängt ständig am Telefon und bedrängt mich, einen neuen Bestseller zu schreiben. Oder ich könnte mir einfach mal eine Auszeit nehmen, mehr Zeit damit verbringen, eine gute Hausfrau zu sein, und mich um meinen wunderbaren Ehemann kümmern und …“

„Oh, zur Pussy noch mal, Jenny“, brauste Chad auf und blieb abrupt stehen. „Bitte, kannst du verdammt noch mal den Mund halten? Es wär weit weniger pussymäßig nervend, wenn du einfach all deine Auszeichnungen, deine Referenzen und deine kostbaren Fotos von dir und deinem vollkommenen Barbie-Ken-Mann nimmst und sie dir direkt auf deine pussymäßigen Klamotten drucken lässt. Lass den Stoff für dich sprechen, dann hätten meine Ohren nicht immer das Gefühl, sie hätten Dünnpfiff, wann immer du anfängst zu reden.“ Federico schlug sich die Hand vor den Mund, während er mit großen Augen von einem zum anderen blickte. „Ich hab’s begriffen, Jenny. Du bist pussymäßig großartig.“ Jenny sah einen Moment lang aus, als würde sie anfangen zu heulen. Ich sah, wie Federico sich die Augen zuhielt – wahrscheinlich weil er der Meinung ist, dass, wenn er einen unglaublich gut aussehenden Menschen weinen sieht, es so ist, als würde man einen riesigen Dreckfleck auf einem frisch gewaschenen weißen Laken entdecken. Es sollte einfach nicht erlaubt werden.

„Guck dir die pussymäßigen Briefe an!“

Jemand klopfte an meine Schüssel. Es war Chads Assistentin Loosie, die alberne Amerikanerin mit dem so albern geschriebenen Namen. Sie kam hereinstolziert, Notizblock in der Hand, und nahm mir die Sicht zum Konferenzzimmer. Ehe sie zu sprechen begann, stieß sie einen missbilligenden Laut aus, nur um mich wissen zu lassen, wie nervig sie mich und alles, was mit mir zu tun hatte, fand.

„Kate Winters“, begann sie, „vorausgesetzt, du bist verantwortlich für die Anzeige, die ohne Genehmigung in der letzten Ausgabe von ‚True Love‘ erschienen ist – und angesichts der Art und Weise, wie du deinem Exfreund hinterhergeheult hast, können wir wohl davon ausgehen, dass sie von dir ist, das und die Tatsache, dass niemand sonst so bescheuert sein würde, um a) bei ‚True Love‘ zu arbeiten und gleichzeitig in Betracht zu ziehen, dass die Liebe etwas anderes als super sein könnte, b) Chad den Vorschlag zu machen, der abgelehnt wird, und ihn dann trotzdem weiterzuverfolgen und c) einen Text zu veröffentlichen, der im Grunde eine Anzeige ist, die unsere Leserinnen tatsächlich ermutigt, Gott behüte, sich mit uns in Verbindung zu setzen –, sind weitere neunundzwanzig Postsäcke voll mit Briefen, adressiert an Seeräuberin Kate, für dich eingetroffen. Sie standen an deinem Schreibtisch, doch Chad, und damit meine ich mich, hat sie ins Konferenzzimmer geschleppt. Du hast außerdem einen Präsentkorb von einem Motivationstrainer namens Bob bekommen, der sich mit dir treffen will, besser gesagt mit ‚Seeräuberin Kate‘“, sie holte tatsächlich einmal Luft und malte Anführungszeichen in die Luft. „Und da waren ein paar Anrufe für dich. Einer von deiner Großmutter, die es heute Morgen schon dreimal versucht hat, um mit dir über jemanden namens Mary und über jemanden namens Delaware zu reden. Es hörte sich so an, als wüsstest du, wer diese beiden Leute sind. Außerdem wollte sie wissen, warum du nicht um neun Uhr mit der Arbeit begonnen hast. Das würde mich übrigens auch brennend interessieren.“ Sie blätterte durch ihre Notizen. „Deine Freundin hat zweimal angerufen, um mit dir über ihre von der Liebe gestohlenen Träume zu reden, eine Frau namens Beatrice hat sich wegen einer Reise nach New York gemeldet, und dann hat noch ein Mann namens Peter Parker angerufen.“ Beim Klang seines Namens stieß ich meinen Kaffee um, der sich über den gesamten Schreibtisch ergoss. Loosie starrte mich derart entsetzt an, als wäre ich ein Dreckfleck auf einem Laken, während ich versuchte, alles wieder aufzuwischen. „Peter Parker“, sie machte eine Pause, um zu sehen, ob sie mich noch einmal dazu bringen konnte, etwas zu verschütten, „hat mir seinen Namen zweimal buchstabiert, sehr langsam. Bitte sag Peter Parker, dass ich nicht behindert bin. Und wenn du jetzt regelmäßig so viele Anrufe erhältst, musst du mit Chad darüber reden, dass du einen Anrufbeantworter bekommst. Ich habe nicht an der Universität von Kalifornien studiert, um ständig Anrufe für dich entgegenzunehmen, auch wenn das eines der Module in meinem Sekretärinnenkurs war, den zu belegen meine Mutter, möge sie in Frieden ruhen, mich gezwungen hat, als ich fünfzehn war, damit ich immer – und hier zitiere ich wörtlich – ‚die Möglichkeit habe, für mich selbst zu sorgen, unabhängig davon, ob ich neben unserem Herrn einen Mann habe oder nicht‘. Offenbar ist blind tippen zu können eine heilige Angelegenheit.“

Sie blätterte weiter, seufzte und fuhr fort: „Federico will dich sehen, sobald du da bist; Jenny Sullivan befindet sich auf dem Kriegspfad gegen dich, und Chad hat zu mir gesagt, und ich zitiere noch einmal: ‚Sie soll nicht einmal daran denken, ihren Tag damit zu beginnen, sich auf ihren kleinen mageren Arsch zu setzen, geschweige denn, an ihrem Morgenkaffee zu riechen, ehe sie bei mir gewesen ist‘, und mit ‚bei mir‘ meine ich Chad, denn das war ja ein Zitat. Ach, und übrigens, du hast einen Fleck auf deinem Top, der nach Tomatensaft aussieht, könnte aber auch Ketchup sein, wie auch immer, wir beide wissen ja, er stammt bestimmt nicht von einem Vitamindrink. Kate? Kate, wo willst du hin?“

„Mir frischen Kaffee holen“, antwortete ich und quetschte mich aus der Großen Roten.

„Hast du mir nicht zugehört, Kate? Du sollst ins Konferenzzimmer kommen. Sofort. Chad hat ein frühmorgendliches Fokusmeeting anberaumt.“

Konferenzzimmer | „True Love“-Redaktion

Im Jahr 2009 hatte das „Time Magazine“ einen Artikel veröffentlicht, in dem ein Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und der Liebe dargestellt wurde. Es wurde behauptet, dass Frauen, wenige Jahre nachdem sie geheiratet hatten, zweimal so häufig fettleibig wurden wie Frauen, die nicht in einer festen Beziehung lebten, sondern sich nur verabredeten (ich vermute, all die Singles blieben so dünn wie neugeborene Fohlen). An der Untersuchung waren siebentausend Frauen beteiligt, und man fand auch heraus, dass unverheiratete Frauen, die mit ihren Partnern bis zu fünf Jahre zusammenlebten, ebenfalls ein um dreiundsechzig Prozent erhöhtes Risiko hatten, an Fettleibigkeit zu erkranken. Einer der Mitarbeiter der Studie kommentierte das so: „Je länger eine Frau mit einem Partner in einer romantischen Beziehung zusammenlebte, desto größer war die Gefahr, dass sie an Gewicht zunahm.“ Dies war längst nicht die erste Studie, die diesen Zusammenhang offengelegt hat oder die im Allgemeinen eher negativen Auswirkungen, die Beziehungen auf Frauen haben konnten, aber ich vermutete, dass es die einzige Studie war, die Chad in die Finger bekommen konnte, ehe er unsere ironischerweise ‚frühmorgendliches Fokusmeeting‘ genannte Besprechung anberaumt hatte – eine Besprechung, die nie einen Fokus hatte, die bis zum heutigen Tag auch noch nie am frühen Morgen stattgefunden hatte und bei der es durchaus vorkommen konnte, dass Mitarbeiter zu heulen anfingen. „Nachmittägliches Plauderstündchen mit Mutti“ wäre eine treffendere Bezeichnung gewesen oder „Lasst uns alle einem von Chads nie enden wollenden Monologen lauschen und versuchen, zu raten, wie viele Flüche er dabei verwendet“.

Als ich nervös ins Konferenzzimmer schlich, funkelte mich die makellos gekleidete Jenny Sullivan böse an. Sie saß kerzengerade und mit finsterer Miene an der lebensgefährlichen Spitze des Konferenztisches. Es sah so aus, als würde das Glasherz buchstäblich aus ihren perfekten Brüsten wachsen, was irgendwie ironisch schien, allerdings auf eine Art und Weise, die ich nicht so ganz verstand. Chad dagegen war nur eine unscharfe Silhouette, da er sich auf seinem herzförmigen Spezialstuhl wie wild im Kreis drehte. Aggressiv und ziemlich geräuschvoll biss er in einen extra großen roten Apfel4. Federico stand direkt hinter ihm an der Nespresso-Maschine und winkte wild, als ich zur Tür hereinkam. Der Rest der Belegschaft überflog hastig den „Time Magazine“-Artikel, den Loosie austeilte.

„Ich habe beschlossen, ‚True Love‘ eine etwas andere Richtung zu geben“, sagte Chad im Drehen, wobei ihm die Worte aus dem Mund flogen wie aus einem Kettenkarussell; die Anfänge und Enden seiner Sätze schwirrten in unterschiedliche Richtungen davon. „Ich weiß ja, dass ich das mit euch allen nicht richtig abgesprochen habe, aber warum, zum Teufel, sollte ich das auch. Also, aufgepasst. Ich werde eine neue Rubrik in die Zeitschrift einbauen und sie ‚Was die Liebe mir gestohlen hat‘ nennen.“ Bei jeder Runde auf seinem Stuhl nahm er für den Bruchteil einer Sekunde Augenkontakt zu mir auf. „Interne Abkürzung ‚Traumräuber‘.“ Er griff nach der Kante des Glasherzens und hielt abrupt an. „Ich will, dass ‚True Love‘ einen ausgewogeneren Blick auf die Liebe wirft, und habe beschlossen, dass wir mit den pussymäßig fetten Leuten anfangen.“ Er stand auf, um im Konferenzzimmer auf und ab zu gehen, doch seine Beine gaben unter ihm nach wie bei einer Marionette ohne Puppenspieler – wahrscheinlich hatte er zu viele Umdrehungen auf seinem Stuhl genossen. Chad setzte seine Fokusmeetingrede also vom Fußboden aus fort. „Bevor hier jetzt irgendjemand aufschreit und protestiert – ich will mir über die Dicken kein Urteil erlauben, okay, daher lasst uns das als Erstes klären, damit das für all die Liberalen von euch, die ihr pro Fettleibigkeit und so seid, klar ist. Meine Mum hat ihr Leben lang mit den Pfunden gekämpft, ich weiß also aus erster Hand, wie sich eine dickere Frau fühlt. Aber unsere Leserinnen haben Farbe bekannt. Sie haben sich offenbart. Sie haben uns geschrieben, und zwar pussymäßig viele Säcke voll mit Briefen, in denen sie den Männern die Schuld daran geben, dass sie fett geworden sind. Was natürlich Schwachsinn ist. Ich habe ungefähr so viel Einfluss auf das Gewicht einer Frau wie eine Plastikapfelsine, aber wir werden trotzdem darüber schreiben, denn offenbar ist es ihnen egal, also werden sie gutes Geld dafür zahlen, um das Problem zu lösen. Hey, ihr vom Marketing, ihr könnt die Anzeigenpreise um fünfzehn Prozent erhöhen, und sucht all die Firmen raus, die Diätpillen vertreiben. Besser, sucht alle raus, die irgendwas mit Gewichtsverlust zu tun haben; Crosstrainer, Personal-Trainer, diese Pussy Paul McKenna und sein verdammtes ‚Ich mach dich schlank‘-Buch. Wir wollen alles. Mehr Anzeigen bedeuten weniger Arbeit für uns. Rosa Schüssel, ich will, dass du was über Stars schreibst, deren Gewicht von ihren Beziehungen beeinflusst wurde. Gelbe Schüssel, ich will eine Reihe von kurzen Artikeln über Leute, die dünn wurden, weil sie sich verliebt haben, vielleicht etwas darüber, wie viele Kalorien beim Sex verbraucht werden, wie sie dann aber fett wurden, sonst verlieren wir unsere dicken Leserinnen. Blaue, schwarze und silberne Schüsseln, ich hätte gern ein paar kurze Artikel über Leserinnen, die wegen der Liebe materielle Besitztümer verloren haben; Häuser, iPads, Autos und so weiter. Und ich will irgendetwas darüber, wie die Liebe jemanden umgebracht hat, am besten durch Verhungern oder meinetwegen auch wegen eines gebrochenen Herzens. Wir wollen, dass die Leserinnen das Gefühl haben, sich auf einer verdammten Achterbahnfahrt der Gefühle zu befinden. Jenny, durchwühl die Geschichtsbücher und such eine Königin oder Prinzessin, die etwas wegen der Liebe aufgegeben hat, ihren Anspruch auf den Thron oder so.“ Jenny verdrehte die Augen und stieß so heftig die Luft aus, dass sie sich selbst mitsamt Stuhl durchs Zimmer hätte pusten können. „Und, Kate …“ Mir wurde ganz schlecht, als er meinen Namen sagte. „Lasst uns die kleine Kate Winters nicht vergessen.“ Ich spürte, wie alle im Zimmer sich hämisch bei der Aussicht freuten, dass ich gleich öffentlich gefeuert werden würde. „Kate, du hast illegalerweise etwas in meiner Zeitschrift veröffentlicht.“ Ich spürte, dass sämtliche Augen auf mich gerichtet waren, während ich einen Punkt auf dem Boden fixierte. „Du bist verantwortlich für diese pussymäßig vielen Briefe.“ Er deutete in eine Ecke des Raumes, und ich drehte mich in die Richtung. „Das war der ultimative Vertrauensbruch, Kate Winters, dass du nicht nur einen Weg gefunden hast, dir Zugang zu meiner Zeitung zu verschaffen und damit auch zu Millionen unserer Leserinnen, sondern dass du diesen Weg dann auch noch dazu benutzt hast, um deine eigenen Ziele zu verfolgen. Nenn mir einen guten Grund, warum, zur Pussy, ich dich nicht einfach feuern sollte, um dann die Polizei anzurufen und dich verhaften zu lassen.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Einzige, was ich sah, waren die Briefe, Abertausende, die am Ende des Zimmers auf Tischen lagen. Die Berge dieser Briefe waren höher als all die Papierwälder, um die Peter und ich als Kinder herumgelaufen waren. Und hinter jedem dieser Briefe steckte eine Frau, eine lebende, atmende Frau, die uns etwas mitteilen wollte, die sich aussprechen wollte, die die Hand ausstreckte; jeder Brief eine andere Stimme, ein anderer Mensch. Die Frauen wollten sich wirklich ihre von der Liebe gestohlenen Träume zurückerobern. Es waren Papierberge der Hoffnung. Mir traten Tränen in die Augen, als ich an all die Möglichkeiten dachte. Damit wäre ich mein Leben lang beschäftigt.

„Hey! Seeräuberin Kate! Ich sagte, nenn mir einen pussymäßig guten Grund, warum ich dich nicht feuern sollte!“

Alle Kollegen erwarteten, dass ich klein beigeben würde, dass ich vielleicht betteln oder einfach meine Sachen packen und verschwinden würde. Aber nicht jetzt, nicht nachdem all diese von der Liebe gestohlenen Träume vor mir auf dem Tisch lagen. Chad würde mich schon an den Knöcheln aus dem Gebäude schleifen müssen, wenn er glaubte, dass ich so schnell aufgeben würde.

„Ich kann dir zwei nennen“, sagte ich und fuhr theatralisch herum, was die anderen veranlasste, nach Luft zu schnappen. „Das heißt, eigentlich kann ich dir nur einen nennen, aber der besteht aus zwei Worten.“

„Wir wollen hier nicht Scharade spielen, zur Pussy noch mal, Kate.“

„Wie wäre es mit einem Interview mit der medienscheuen Delaware O’Hunt?“ Erneut schnappten alle nach Luft.

„Das waren eigentlich weit mehr als zwei Worte …“, murmelte Federico. „Allein Delaware O’Hunt sind genau genommen ja schon drei Worte, und dann war da ja auch noch der Rest des Satzes, was uns näher an zehn heranbringt, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob das O mit dem Apostroph mit dem Hunt zusammengerechnet wird. Weiß das einer von euch?“ Fragend schaute er sich im Zimmer um.

„Irgendjemand?“

„Zur Pussy noch mal, ich liebe Delaware O’Hunt, und das weißt du verdammt noch mal auch“, stieß Chad wütend hervor und ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen, während er darüber nachdachte. „Kate Winters, ich schwöre, wenn du dieses Interview nicht zustande bringst oder es versaust, dann hast du es dir mit mir versaut und wirst rausgeschmissen.“ Dabei deutete er auf das Fenster. „Du kriegst jetzt noch mal offiziell Bewährung. Aber wenn du noch einmal irgendetwas Unerlaubtes veröffentlichst, fliegst du. Wenn du zu spät in die Redaktion kommst, fliegst du. Wenn du ein Paar Schuhe anhast, das mir missfällt, fliegst du.“ Ich blickte auf meine Schuhe und stellte fest, dass sie mir auch nicht sonderlich gut gefielen. „Du weißt, dass du nur noch hier bist, weil du mir Delaware versprochen hast und weil ein gewisser Jemand glaubt, dass du Talent hast.“ Federico deutete auf sich. „Ich bin mir da nicht so sicher, also werden wir jetzt erst einmal abwarten, wie sich deine Traumräuber-Idee entwickelt. Aber du wirst nichts mehr unter deinem eigenen Namen schreiben“ – tat ich sowieso nicht –, „du wirst dich von der nächsten Ausgabe fernhalten, und als besonderen Dank darfst du jeden einzelnen der Briefe lesen, die hier eingetrudelt sind und die wir nur dir zu verdanken haben. Ich werde dich so hart rannehmen, dass du überhaupt nicht mehr weißt, was, zur Pussy, dir geschehen ist. Jede einzelne Minute jedes einzelnen Tages wird dieser Job dich jetzt fordern. Also, tauch in die Briefe ein, such dir die besten aus und überarbeite sie für die Zeitschrift, in der ersten Person geschrieben, natürlich. Und wenn das Delaware-Interview fertig ist, schick es per Mail an Jenny. Es ist ja wohl klar, dass es unter ihrem Namen erscheinen wird, wir können ja unseren Leitartikel nicht von einem Niemand schreiben lassen, wofür bräuchte ich dann schließlich noch Jenny?“

Jenny wurde blass und blickte Chad in die Augen, nur eine Sekunde lang, ehe beide sich kriecherisch anlächelten. „Also!“, posaunte Chad und klatschte in die Hände. „Ich werde die kommende Ausgabe genau überprüfen, und ich lese langsam, das heißt, die Deadline für euch alle ist zwei Tage früher als sonst.“ Kollektiv stöhnte die gesamte Redaktion auf. „Sammelt euch, Leute, und lasst uns einen Moment innehalten. Schließt die Augen, holt tief Luft und lasst uns gemeinsam sprechen: ‚Wir danken der Pussy für die pussymäßig Dicken.‘“ Er warf seinen angebissenen Apfel über die Schulter, bevor er aus dem Konferenzzimmer marschierte. Alle warfen mir böse Blicke zu, alle mit Ausnahme von Federico. Der saß in der Ecke und spendete mir still Beifall, ehe er von etwas Unsichtbarem auf seinem Ärmel abgelenkt wurde.

„Na, schau mal einer an“, sagte er, nachdem alle anderen das Konferenzzimmer verlassen hatten. „‚True Love Magazine‘ jagt den von der Liebe gestohlenen Träumen nach; eine neue Richtung, eine neue Ära, was für den Rest der Belegschaft zusätzliche Arbeit bedeutet. Gut gemacht, Mädchen!“ Triumphierend rief er „Ja!“

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