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Die Liebe der anderen

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Inhaltsübersicht

I

II

III

Leseprobe

Als Jade die...

 

Für Jackye,

als Dank für den

wohlwollenden Blick

auf die Sippe.

I

Lange dachte ich, es wäre ein Traum. Jeden Moment würde ich mit trockener Kehle und pelziger Zunge aufwachen und hätte einen Riesendurst, um den Brand eines denkwürdigen Rausches mit Wasser zu löschen!

Aber nein. Ich muss mich auf meine Kindheit besinnen. Muss einen klaren Kopf behalten, am Beginn meines Lebens anknüpfen. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen. Sie glaubte an alles und jeden. Zunächst einmal an Gott. Dann an den Teufel, an Heilige, göttliche Boten, Zeichen des Himmels, an die Lästereien der Nachbarin und an das Geschwätz des Käsehändlers. Ich fürchte, ein Leben in einem solchen Dorf und bei einer derart vom Glauben durchdrungenen Großmutter ist nicht gerade hilfreich, wenn man gewisse Zusammenhänge durchschauen will.

Lassen wir also die Kindheit bei Großmutter – meine Mutter war stets auf Reisen, mein Vater vollkommen von der Bildfläche verschwunden – beiseite … Nach dem Abitur habe ich Geschichte studiert, promoviert, und dann, plötzlich, bekam ich Muffensausen bei der Aussicht, Lehrerin zu werden und mich in den Augen meiner Schüler altern zu sehen. Mein Verhältnis zur Zeit … schon damals! Gerade noch die Schulbank gedrückt, und plötzlich vorn hinterm Pult stehen, vor lauter Angst, meinen Platz im Leben nicht zu finden! Ich stürzte mich fast panisch in ein »normales« Angestelltendasein – die tägliche Huldigung der Kaffeemaschine, die Obsessionen der Vorgesetzten, die Speichelleckerei der Mitarbeiter und die lächerliche Sitzung zu Wochenbeginn. Die meiste Zeit verbrachte ich in PR-Abteilungen. Die waren groß im Kommen. Nachdem ich eine Reihe von Unternehmen kennengelernt hatte, die ebenso fortschrittlich wie nichtssagend waren, sehnte ich mich nach einer Arbeit, die mich ausfüllte und begeisterte. Ich war fünfundzwanzig.

Dann ging alles viel schneller als erwartet. Ein Bekannter vermittelte mir eine sehr attraktive Stelle in einer Produktionsfirma, die sich auf Lokalsender spezialisiert hatte. Und um diesen Neuanfang gebührend zu feiern, luden mich ein paar Freunde in ein marokkanisches Restaurant ein. Im Laufe des Abends entwickelte sich eine magische Atmosphäre, wie sie nur an ganz besonderen Tagen entsteht. Andere fröhliche Gäste schlossen sich unserer ausgelassenen Runde an, wir tanzten, eine Art orientalischen Rock – und ich begegnete Pablo. Seltsamerweise hatte ich ihn nicht gleich bemerkt, obwohl er fast neben mir am Nachbartisch saß. Als er aufstand, um zu tanzen, war er nicht mehr zu übersehen. Er reichte mir die Hand, und ich ergriff sie, entzückt über die Aufforderung dieses bildschönen, anmutigen Mannes. Kein Vergleich zu den meisten Europäern, die nichts mit ihrem Körper anzufangen wissen, sobald Musik ertönt.

Ich erfuhr, dass er das Kind einer russischen Mutter und eines argentinischen Vaters war. Von ihr musste er die hellen Augen und die hohen Wangenknochen haben, von ihm das schwarze Haar, die samtige Haut und den unverkennbaren südamerikanischen Einschlag. Die Summe beider Kulturen hatte einen außerordentlichen Charme. In seinem Blick und in seinem Lächeln glaubte ich die Verheißung eines geheimnisvollen Jenseits zu erkennen. Ich war offensichtlich nicht die einzige, die ihn mit Blicken verschlang; zu meinem Glück war ich jedoch die einzige, die an diesem Abend gefeiert wurde.

Normalerweise trinke ich wenig, was an Abenden, an denen ich mehr trinke, zu unabsehbaren Folgen führen kann. Sehr schnell fand ich mich in den Armen und in den Küssen Pablos wieder, der wie ein Argentinier tanzte und wie ein Russe soff, später dann in seiner Wohnung und schließlich auch in seinem Bett.

Ich erinnere mich an die Harmonie unserer Körper und an das Gefühl, jemanden kennenzulernen, der mir längst vertraut war. Ich erinnere mich, wie ich seinen Gedanken folgte, als wären es meine eigenen. Ich sehe unsere tiefen Blicke, unsere Finger, die sich in ein und derselben Geste ineinander verschränkten. Wir hatten dieselben Assoziationen und brachen über Kleinigkeiten in Gelächter aus. Eine Nacht voller Verlangen und Gier.

 

Beim Aufwachen blicke ich in Pablos strahlende grüne Augen, sie beobachten mich. Ich entdecke eine kleine graue Strähne an seiner Schläfe, die mir gestern Abend nicht aufgefallen ist. Ein Zeichen von Reife. Im Morgenlicht wirkt er etwas älter. Sein Zimmer gefällt mir. Es ist wie eine Reise: ein asiatischer Wandteppich, weiße Vorhänge, ein balinesisches Bett.

»Die Kinder sitzen beim Frühstück, der Kaffee ist fertig. Ich habe keine Zeit, sie zu bringen. Kannst du das übernehmen?« Nach einem kurzen Schweigen und mit einem Lächeln fügt er hinzu: »War das eine Nacht … Was für eine Leidenschaft, Liebling!«

Er drückt mir einen sanften Kuss auf den Mund und geht. Habe ich richtig gehört? Die Kinder? Welche Kinder? Wie viele Kinder? Seine? Ich habe keine. Ich bin sprachlos und verwirrt.

»Pablo«, sage ich, und es klingt wie ein geflüsterter Hilferuf.

»Tschüs, meine Liebste«, ruft er mir mit dem unwiderstehlichen Akzent zu, der mich schon gestern Abend verzaubert hat.

Gestern Abend, denke ich lächelnd. Doch bevor ich in aller Ruhe aufstehen und unter die kalte Dusche springen kann, schmeißen sich zwei kleine Menschen auf mich.

»Guten Morgen, Mama, kommst du mit uns frühstücken?«

Mama? Der Typ hat ja wirklich Nerven, mir einfach seinen Nachwuchs aufzudrücken, und was fällt ihnen überhaupt ein, mich Mama zu nennen?

»Ich hab meine Cornflakes schon auf«, schreit die Kleine. Sie könnte vier sein, keine Ahnung. Ihr Bruder ist ungefähr acht, glaube ich jedenfalls. Kinder kann ich schlecht einschätzen. Der Junge sieht mich tadelnd an.

»Trödel nicht so rum, Mama, sonst kommen wir zu spät zur Schule.«

Aber ja doch. Missmutig springe ich aus dem Bett und suche den Fußboden nach den Klamotten ab, die ich gestern anhatte. Keine Spur von ihnen. Stattdessen liegt auf einem Sessel ein Kleid, das ich nicht kenne. Ich öffne den Schrank, auf gut Glück.

»Nimmst du heute ein T-Shirt von Papa?«, fragt die kleine Blonde mit ihrem zarten Stimmchen.

»Vielleicht, ich weiß noch nicht«, sage ich und öffne die andere Tür, hinter der sich zu meiner großen Erleichterung Damenkleidung verbirgt. Ich ziehe eine Jeans und ein fremdes blassgrünes T-Shirt über und folge den Kindern in die Küche.

Bestimmt wache ich gleich auf, das kann alles nicht wahr sein. Ich bin schließlich nicht verrückt! Ich habe Pablo gestern kennengelernt, wir haben keine Kinder. Jetzt erst mal einen Kaffee, und gleich ist der Alptraum vorbei.

»Du tust Zucker in deinen Kaffee?«, wundert sich der Kleine.

»Ja, warum?«

»Weil du das sonst nie machst.«

Aus Verzweiflung darüber, wie man nur so etwas Dämliches träumen kann, stoße ich einen Seufzer aus. Ich betrachte die beiden. Hübsche Kinder.

Wir machen uns auf den Weg, die Kinder gehen voran. Sie führen mich geradewegs zum Kindergarten, wo wir die Kleine abliefern – und wo ich begrüßt werde wie eine alte Bekannte. Ich wache einfach nicht auf.

»Bleibt Lola heute zum Essen hier?«, fragt die Erzieherin. Freundlich lächelnd hat sie sich vor mir aufgebaut.

»Ja, Mama, bitte sag ja. Ich will mit meiner Freundin zusammen essen.«

Ich nicke zustimmend, soll mir nur recht sein. Anschließend machen wir uns auf den Weg zur Grundschule, und ich schlage dem Jungen, dessen Namen ich nicht einmal kenne, ein Spiel vor.

»Es geht so: Wir begegnen uns zum ersten Mal, und du sagst mir, wie du heißt, was deine Hobbys sind, eben alles, was dir gefällt, einverstanden?«

Er heißt Youri. Jeden Mittwoch besucht er eine Zirkusschule, und er ist in Laura verliebt, die in der 2a neben ihm sitzt. Aber am allermeisten liebt er mich. Bevor ich an die Reihe komme, sind wir schon vor dem Schultor angekommen.

»Aber morgen bist du dran, Mama!« Zum Abschied drückt er mir mit demselben zweideutigen Schalk in den Augen wie sein Vater einen Kuss auf den Mundwinkel, dann stehe ich wieder allein auf der Straße. Ich betrete das nächste Café, bestelle einen doppelten Espresso, den doppelten Whisky verkneife ich mir. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich keinen Wohnungsschlüssel dabeihabe, schluchzend breche ich über dem Tisch zusammen.

Der Wirt tritt zu mir. »Marie, meine Kleine, heute ist wohl nicht dein Tag, wie?« Was soll ich ihm antworten? »Na, dann geht der Kaffee wenigstens aufs Haus.«

Umso besser, Geld habe ich nämlich auch nicht. Niedergeschlagen mache ich mich auf den Weg und hoffe, dass es einen Hausmeister gibt, der einen Zweitschlüssel besitzt. Ich muss irgendwie in die Wohnung kommen, mir Geld beschaffen, Anhaltspunkte finden, die mir sagen, wie zum Teufel ich in diesem Film gelandet bin. Im Vorübergehen werfe ich einen Blick auf die Zeitung. Freitag, 12. Mai 2000. Ich stehe eine Zeitlang wie benommen vor dem Verkaufsständer des Kiosks.

»Nimm sie ruhig mit, Marie, du kannst später bezahlen«, ruft mir eine dicke Frau zu, die einen Stapel Zeitschriften aus einer Plastikhülle zerrt.

Gestern Abend war Donnerstag, der 12. Mai 1988. Ich weiß es genau. Doch hier steht Schwarz auf Weiß, dass seitdem zwölf Jahre vergangen sind. Was ist passiert? Ich kann mich an nichts erinnern … Nur an eine siebte Etage irgendwo am Montmartre. Ich sehe Pablo, wie er mich auf den Balkon hinausführt, um Sacré-Cœur zu bewundern. Pablo, das Gesicht in meiner Bluse vergraben, wie er zwischen den Blumentöpfen hinausschreit, dass er mich begehrt. Pablo, der in diesem Augenblick meine einzige Brücke zum Gestern ist.

Zwölf Jahre sind ins Land gezogen … Habe ich noch eine Mutter? Meine alten Freunde? Eine Arbeit? … Vielleicht werde ich dort erwartet. Aber wo? Auf dem Nachhauseweg frage ich mich, was wohl aus meiner alten Wohnung geworden ist.

Ich stolpere über den Zahlencode an der Tür. Jemand verlässt das Haus und grüßt mich.

»Guten Tag, Madame de Las Fuentes, wie geht’s?«

Aha, ich bin also verheiratet. Ich murmele ein »Sehr gut, danke« und schiebe mich durch die geöffnete Tür. Im Treppenhaus treffe ich die Concierge und frage sie mit klopfendem Herzen, ob sie einen Zweitschlüssel zu unserer Wohnung besitzt.

»Aber ja, Madame, Ihr Mann hat ihn mir erst gestern zurückgegeben.« Geliebter Pablo! »Haben Sie Ihren Schlüssel oben vergessen? Sie waren heute Morgen wohl noch nicht ganz wach, wie?«

Wenn sie wüsste, wie tief ich immer noch schlafe!

Als ich wieder in meiner – in unserer? – Wohnung bin, fühle ich mich etwas besser. Erschöpft, aber geborgen. Ich kann es nicht fassen. 2000! Das mythische Jahr 2000 … An der Uni haben wir uns immer vorgestellt, was wir alles im Jahr 2000 machen würden. Wir phantasierten herum, als ginge es um einen Science-Fiction-Film. Ebenso gut hätten wir von einem Ausflug auf den Mond faseln können. Und wie es scheint, bin ich nun dort angekommen! Ich ergründe jedes einzelne Zimmer, aber wo finde ich Spuren dieser zwölf Jahre, die offenbar ohne mich stattgefunden haben? Schon bald fallen mir Fotoalben in die Hände. Wer hat sie zusammengestellt? Ich hatte nie Zeit für so lästige Aufgaben. Meine Fotos lagen immer wild durcheinander in einer großen Schachtel, auf die meine Freunde sich stürzten, um unseren letzten Urlaub Revue passieren zu lassen oder, noch besser, um sich über Szenen unserer Kindheit zu amüsieren. In unserer Clique bin ich die einzige, die so viele Bilder hat. Ich mache gerne Fotos, seit meiner Jugend entwickle ich sie auch selbst.

Ich habe ein bisschen Angst davor, das erste Album aufzuschlagen, und gehe ins Badezimmer – eine Idee, auf die ich noch gar nicht gekommen war: der Spiegel. Er gibt mir eine Antwort: Mein Gesicht ist schmaler geworden. Ich habe ein paar Fältchen an den Augen, aber immerhin erkenne ich die Frisur wieder. Ich kann nicht sagen, dass mir die Veränderungen in meinem Gesicht missfallen würden, aber ich komme einfach nicht darüber hinweg … Zwölf Jahre – einfach so verflogen?! Das Gefühl der geraubten Zeit ist mir unerträglich. Als mir wieder Tränen in die Augen schießen, steige ich unter die Dusche. Mir tut alles weh, wie nach einer wunderbaren Liebesnacht. Das ist die einzige Verbindung zu dem Abend gestern, die ich spüre. Ich ziehe einen Bademantel über, der weiblich genug aussieht, um meiner sein zu können, und inspiziere den Inhalt des – meines? – Kleiderschranks. Die Klamotten darin entsprechen nicht hundertprozentig meinem Geschmack, aber sie sind sehr stilvoll. Ich entscheide mich für das, was meines Erachtens am besten zu der jungen Frau passt, die ich gestern war: einen ziemlich kurzen Rock und ein enganliegendes geblümtes T-Shirt. Beim Anziehen wage ich es endlich, mich zu betrachten. Der Bauchnabel – gebogen wie ein Zirkumflex. Und plötzlich wird mir klar: Ich war schwanger. Ich habe neun Monate lang ein Kind in mir getragen. Ich habe es zur Welt gebracht. Ein Gefühl von Ohnmacht, fast von Scham durchdringt mich. Wie kann man so etwas vergessen? Wenn die Zeitung recht hat und wir tatsächlich das Jahr 2000 schreiben, bin ich durchgedreht und übergeschnappt, denn dann habe ich zwölf Jahre meines Lebens ausradiert. Vielleicht sollte ich einen Arzt um Rat fragen. Werden sie mich einsperren? Muss ich endlose Untersuchungen über mich ergehen lassen? Eine lähmende Angst schnürt mir die Kehle zu. Ich beschließe, zunächst auf eigene Faust weiterzuforschen, ohne die Ärzteschaft zu behelligen. Vermutlich kann sich eine so plötzliche Veränderung ebenso schnell wieder zurückentwickeln. Oder wandle ich immer noch in einem absurden Traum? Vielleicht wache ich gleich neben Pablo auf, ohne Kinder, und habe einen neuen Job? Oh je, mein neuer Job … Halt! Ganz ruhig bleiben. Unzählige Fragen rasen mir durch den Kopf und versetzen mich in wilde Panik, mir wird schlecht vor lauter Angst. Ich stütze mich auf einen Stuhl, an dem eine Handtasche baumelt, bestimmt meine. Das Telefon klingelt. Ich zögere, greife dann aber mit fester Hand nach dem Hörer.

»Hallo, Schatz? Wieder zu Hause? Ist mit den Kindern alles gut gelaufen? Lola ist so süß. Nach dem Aufwachen hat sie mir überschwängliche Liebeserklärungen gemacht. Die Kinder, die du mir geschenkt hast, sind das Schönste in meinem Leben. Geht es dir gut?« Ich sage zu allem ja. Etwas zaghafter fährt er fort. »Ich weiß, du machst dir Sorgen wegen der Arbeit.« Ich traue meinen Ohren kaum. »Du wirst bald etwas anderes finden. Bei der dicken Abfindung, die du bekommst, kannst du das ganz in Ruhe angehen. Ich bin ja auch noch da. Lass dir Zeit, ruh dich aus. Wir müssen uns Freiräume nur für uns beide schaffen. Du solltest die Gelegenheit nutzen und wieder schreiben. Ich finde, du hast Talent.«

Soso, ich habe also keine Arbeit mehr. Köstlich. Lange habe ich den Job ja nicht gemacht. Gestern habe ich meinen Einstand gefeiert, und heute stehe ich auf der Straße. Trotzdem bin ich erleichtert, dass ich nun alle Zeit der Welt habe, um Nachforschungen über mein Leben anzustellen.

»Du müsstest dir nur die richtige Geschichte ausdenken, ein schönes Thema, irgendetwas Originelles …« Pablo schwelgt weiter in literarischen Anregungen, und ich muss aufpassen, dass ich nicht lospruste. »Ich kann leider gleich nicht mit dir zu Mittag essen, aber du wirst mir fehlen. Bis heute Abend, mein Schatz … Liebst du mich? Bist du zu Hause, wenn ich komme?« Er wirkt irgendwie nervös.

Ich antworte ja mit dem ganzen Impetus meiner Verzweiflung, doch er hat wohl ein Zaudern in meiner Stimme gespürt.

»Bist du sicher?« Er darf nichts davon erfahren.

»Pablo, du bist der wunderbarste Mann, den ich kenne. Willst du mich heiraten?«

Er lacht. »Meine Liebste, ich werde dich mit dem allergrößten Vergnügen immer wieder heiraten. Hab einen schönen Tag, meine Zukünftige.«

Ich lege auf. Es stimmt also, wir sind verheiratet! Madame … Wie haben sie mich heute Morgen genannt? Ein schrecklicher Name. Ich muss mich dringend mit den Fotoalben beschäftigen. Und wo ist eigentlich mein Ehering?

 

Nichts. Diese Anhäufung von lächelnden Mündern, von Urlauben, Geburtstagen und Gesichtern sagt mir rein gar nichts. Mit jeder neuen Seite warte ich vergeblich auf einen Schock, einen Schatten, einen Faden, an dem ich den ganzen Rest hervorzerren kann, aber es ist das Fotoalbum einer Fremden, und ich blättere ungeduldig weiter. Ein Double von mir lächelt, schmollt, stützt sich auf unbekannte Schultern, wiegt Babys im Arm, posiert neben irgendwelchen Freunden von früher (an manchen hat der Zahn der Zeit ganz schön genagt), winkt an der Seite von … Na, so was, wer ist denn der Mann, der da den Arm um meine Mutter gelegt hat? Der Fotoroman meines Lebens bietet mir die eine oder andere Überraschung. Ich habe das Gefühl, ich hätte eine Doppelgängerin. Am meisten verwirren mich die Bilder, auf denen ich schwanger bin. Beim ersten Baby habe ich am ganzen Körper zugelegt, beim zweiten nur am Bauch. Doch ich habe ein üppiges Dekolleté, bestimmt Körbchengröße D. Und nach Pablos lüsternem Blick auf einem der Bilder zu urteilen, scheint mein slawischer Latino durchaus Gefallen an diesen Rundungen zu finden. Fotos aus dem Leben einer Verrückten. Und diese Verrückte bin ich. In diesem bunten Allerlei taucht kein einziges Hochzeitsfoto auf. Auch in der Wohnung hängt keins. Ich stelle voller Genugtuung fest, dass mir offenbar immer noch vor Ess- und Wohnzimmern graut, in denen von der Wand ein Paar aus dem unbefleckten Weiß seiner Eintracht herauslächelt. Das eingerahmte Spießertum! Das Telefon klingelt erneut.

»Ich bin wieder da. Hallo, meine Liebe, wie geht es dir? Und wie ist Youris Theaterstück gelaufen? Hoffentlich hast du Fotos gemacht … Marie, bist du noch dran?«

»Ja, ich höre dir zu.« Die Stimme meiner Mutter. Für einen Augenblick bin ich erleichtert. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass ich keine Ahnung von Youris Theaterstück habe, dass ich mich freue, dass sie noch lebt, und dass ich alles vergessen habe, was in den letzten zwölf Jahren passiert ist. Sie hat mich auf die Welt gebracht. Sie müsste doch wissen, was hier nicht in Ordnung ist. Wo sitzt der Defekt in meinem Gehirn? Ich möchte, dass sie mich in den Armen wiegt, dass sie mir sagt: »Alles wird gut, mein Baby, ich singe dir etwas vor, wie damals, als du zwei oder drei warst.« Ich hatte noch nicht aufgehört, Tochter zu sein, und nun bin ich selbst Mutter von zwei Kindern. Meine Nerven machen das nicht mit. Als ich ihre Stimme höre, möchte ich am liebsten losheulen, ihr von diesem Alptraum erzählen, den ich gerade durchlebe. Etwas hält mich davon ab, eine starke innere Stimme, der es nicht an Argumenten fehlt. Was? Welcher Alptraum? Du scheinst es doch gut getroffen zu haben: Du hast einen außergewöhnlichen Ehemann, wunderbare Kinder, du bist arbeitslos, aber nicht bedürftig, und du kannst dir in Ruhe eine neue Stelle suchen. Du wirst dich doch wohl nicht an der Schulter deiner Mutter ausheulen! Du bist nicht mehr fünfundzwanzig, sondern siebenunddreißig! Mein Gott, siebenunddreißig! Ich lasse mich auf den Parkettboden gleiten …

»Schätzchen, alles in Ordnung? Du bist doch nicht krank? Ich wollte nur mal hören, ob es bei unserem Mittagessen bleibt? Du erinnerst dich doch, dass wir zusammen essen wollten, wenn ich wieder da bin?«

»Keine Angst, alles in Ordnung. Natürlich erinnere ich mich,« sagt der Automat.

»Wollen wir uns hier bei mir um die Ecke treffen? Komm mich doch um eins abholen.«

»Lass uns lieber gleich im Restaurant treffen, wenn es geht.«

»Na schön. Dann sagen wir um Viertel nach eins im Lipp … Bis später.«

Ich segne meine Mutter und ihre festen Gewohnheiten. Das Lipp kenne ich von früher. Dann wohnt sie also, wie gehabt, im sechsten Arrondissement. Vielleicht noch in der alten Wohnung. Ich darf nicht vergessen, sie danach zu fragen, das notiere ich mir am besten sofort. Nicht, dass ich in einer Stunde schon wieder vergessen habe, dass wir uns zum Essen treffen wollten. Wie funktioniert ein Gedächtnis, das in der Lage ist, zwölf Jahre zu überspringen? Ich lache nervös, vor allem darf ich nicht den Humor verlieren. Mir graust vor dem Gedanken, in irgendein Fettnäpfchen zu treten.

Ich inspiziere meine Handtasche und stelle fest, dass ich bis zu meiner Kündigung einen vollen Terminkalender hatte, einen sehr vollen sogar. Einige Freunde von ganz früher sind mir geblieben, jedenfalls stehen sie nach wie vor in meinem Adressbuch … Was den Lippenstift angeht, habe ich meinen Geschmack allerdings geändert. Er ist viel dunkler als sonst, schreckliche Farbe. Des Weiteren stoße ich auf den Schlüsselbund, aha, ein Autoschlüssel. Was für ein Auto ist das wohl? Keine Ahnung. Ich besitze auch Metro-Tickets, aber die sind nicht mehr gelb, sondern grün. Im Portemonnaie entdecke ich einen Fünfhundert-Francs-Schein. Auch das ist bei mir nicht die Regel. Ich gehöre zur Scheckkarten-Generation, über die sich manch älterer Ladenbesitzer aufregt. Kleingeld für einen Kaffee oder zwei, und der Rest mit Karte. Wie auch immer, es ist ein beruhigendes Gefühl, Geld zu besitzen, ohne jemanden darum bitten zu müssen. Außerdem, wer weiß, vielleicht ist ja der Kaffeepreis in den letzten zwölf Jahren explodiert! In den Fächern des abgewetzten Portemonnaies stoße ich auf ein paar Fotos: ein Säugling, wahrscheinlich mein Sohn oder meine Tochter, und ein Bild von Pablo und mir in Kostümen aus dem 18. Jahrhundert, in einer Stadt, vermutlich Venedig, keine Ahnung, ich habe noch nie einen Fuß in diese Stadt gesetzt. Wir sehen glücklich aus in unserer Gondel, sehr glücklich. Ich finde mich gar nicht so übel als Prinzessin im Stil der Zeit, und er trägt sein unwiderstehliches Lächeln auf den Lippen, das mich gestern Abend so prompt seine Hand ergreifen ließ. Das heißt … an jenem Tag, als wir uns kennenlernten. Vielleicht sollte ich langsam anfangen, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Es ist nun elf Uhr vormittags, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder aufwache, und es ist zwölf Jahre früher, ist äußerst gering.

Ich stöbere in den Schubladen des Sekretärs, der im Eingangsbereich der Wohnung steht, und stoße auf einen schmalen Aktenordner mit Gehaltsabrechnungen und Kontoauszügen. Alles auf meinen Namen. Die Lohnabrechnungen gehen ein Jahr zurück, die Bankunterlagen sechs Monate, das ist immerhin ein Anfang. Ich sehe mir den Namen meines Arbeitgebers an und stelle überrascht fest, dass es sich um TV Locale et Compagnie handelt, genau die Firma, bei der ich gestern angefangen habe. Oh, verdammt! Ich muss aufhören, »gestern« zu denken … Anscheinend bin ich zwölf Jahre lang in dem Unternehmen geblieben, dann muss meine Arbeit doch interessant gewesen sein. Als ich wieder aufschaue, fällt mein Blick auf den Computer. Ob ich ein paar Dokumente gespeichert habe?

Die Zeit eilt dahin. Ich muss los zu meiner Mutter, und bin immer noch unschlüssig, ob ich reden oder schweigen soll. Bevor ich mich von weiteren Entdeckungen ablenken lasse, packe ich schnell meine Handtasche und meine Wohnungsschlüssel. Draußen vor der Tür stolpere ich über die Post: ein Brief an meinen Mädchennamen und eine Postkarte an »Marie de Las Fuentes und ihre Sippe«. Philippe! Ein alter Freund, der Grafiker ist und mir früher dutzendweise Liebeserklärungen in Form von Zeichnungen geschickt hat. Innerlich mache ich einen Freudensprung bei dem Gedanken, dass ich noch Kontakt zu ihm habe.

Ach ja, die guten alten Freunde! In schweren Zeiten gibt es nichts Besseres. Sein Ausdruck und sein Strich haben sich nicht im Geringsten verändert. Er sendet mir die besten Wünsche zu Ostern. Die übrige Post ist an Pablo adressiert. Für Youri ist eine Tierzeitschrift gekommen, und dann gibt es noch eine Karte an uns alle. Die Schrift erkenne ich sofort: Meine Mutter lässt aus Martinique grüßen. Da kommt sie also gerade her. Am Rand entdecke ich eine andere, fremde Unterschrift: »Ich grüße Euch ganz herzlich, Jean.« Ich denke an das Foto im Album, auf dem sie sich an einen Herrn fortgeschrittenen Alters schmiegt. Ist meine Mutter wieder verheiratet?

 

»Nicht verheiratet, mein Schatz, verbändelt … wie dein Großvater es ausgedrückt hätte. Wenn ich je noch einmal heiraten sollte, woran ich sehr stark zweifle, denn in meinem Alter braucht man kein Alibi mehr, um seinen Spaß zu haben, dann wärst du bestimmt die Erste, die es erfährt … Warum fragst du? Meinst du, ich hätte Jean in den Tropen heimlich geehelicht?«

»Nein, nein … Nur so zum Spaß.«

Glück gehabt. Ebenso hätte sie mir antworten können, dass das längst passiert sei und dass ich an der Feier teilgenommen habe. Ich krame eine Zigarettenschachtel hervor, die ich unterwegs gekauft habe. Sie sieht mich überrascht an, und ich verstecke mich reumütig hinter dem ersten Zug.

»Du rauchst wieder?« Sie wirkt bestürzt.

»Ja, ich meine, nein … Ich wollte nur mal sehen, wie es ist.«

Schon am Vormittag hatte ich mich darüber gewundert, dass nirgends in der Wohnung Zigaretten herumlagen und dass ich eigentlich auch ganz gut ohne ausgekommen bin.

»Ich hätte es schade gefunden, wenn du nach acht Jahren wieder angefangen hättest,« bemerkt meine Mutter mit emporgezogener Augenbraue. Ich rechne nach: Ich muss während meiner ersten Schwangerschaft aufgehört haben. Zerknirscht vergrabe ich die Schachtel wieder in meiner Handtasche.

»Schmeckt mir gar nicht, total eklig. Das war ein guter Test.« Ich lache, doch ich höre selbst, wie falsch meine Stimme klingt.

Meine Mutter ist verstummt, sie gibt die Bestellung auf, dann sieht sie mich wieder schweigend an.

»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? Hast du Streit mit Pablo? Machst du dir Sorgen wegen deiner Entlassung?«

Ich protestiere halbherzig: »Aber nein, alles okay. Ich bin ein bisschen müde, mehr nicht.«

»Soll ich nächste Woche die Kinder nehmen? Sie haben doch jetzt Ferien, wenn ich mich nicht täusche. Ich dachte, die Kleine wäre bei deiner Schwiegermama.«

»Nein, Mama, es ist wirklich alles in Ordnung.«

Vermutlich sollte ich die Gelegenheit ausnutzen, aber wie kann ich denn meine Familie kennenlernen, wenn meine Mutter mir die Kinder gleich wieder wegnimmt? Schließlich habe ich sie erst seit heute Morgen. Meine Entscheidung ist übrigens gefallen: Ich werde ihr nicht von meiner Amnesie erzählen – na, so was, zum ersten Mal nenne ich mein Abenteuer beim Namen –, und um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, lasse ich mir von ihrem Urlaub berichten. Eigentlich hat sie sich kaum verändert. Sie ist ein bisschen fülliger geworden, ein bisschen rundlicher, aber genauso geschwätzig und gnadenlos in ihrem Urteil wie je. Vor dem Abschied lasse ich mir noch einmal ihre Adresse und den Türcode geben, angeblich weil ich ihr ein wunderbares Buch schicken möchte, das ich bei mir gefunden habe. Als sie sich über meine Frage wundert, erkläre ich ihr, dass ich mir die Hausnummer nie merken kann. Was allerdings kein Grund ist, nach ihrem Code zu fragen. Ich gerate ganz schön in Bedrängnis, aber am Ende schreibt sie mir ihre Adresse auf. Sie wohnt immer noch in derselben Wohnung! Es gibt also einen Ort, an dem ich mich notfalls von all den Ereignissen erholen kann.

Ich beschließe, mit dem Bus nach Hause zu fahren. Abgesehen von den neuen Werbeplakaten und dem futuristischen Design der Züge konnte ich auf dem Hinweg mit der Metro keine phänomenalen Veränderungen feststellen. Aber eine Sache hat mich doch erstaunt: Die Welt da draußen wirkt viel brutaler als früher. Alles ist grau und schwarz, das fängt schon bei der Mode an. Ich frage mich, ob dieses Phänomen nur Paris betrifft oder ob der Rest des Landes auch so trostlos geworden ist. Man könnte meinen, die Leute befänden sich mitten in einem Krieg. Aber in der Zeitung konnte ich kein Wort davon entdecken. Ich drücke mir eine ganze Weile die Nase am Fenster platt. Die Autos sehen anders aus als früher, manche Straßen haben ein neues Gesicht. Doch am meisten fesseln mich die Leute, die Atmosphäre. Ich wundere mich, dass ich vorher nie wahrgenommen habe, welchen Gesamteindruck eine bestimmte Gruppe von Menschen ausstrahlt, oder eine Flucht von Schaufenstern. Mein Blick hat sich gewandelt. Ich entdecke meine Stadt völlig neu, mit den Augen einer Fremden. Und ich bin sicher, dass nicht nur mein Zustand als Außerirdische – oder besser: Außerzeitliche – dafür verantwortlich ist. Was ich hier sehe, ist die Jahrhundertwende. Und die kann ich nur mit solcher Klarheit erfassen, weil ich nach zwölf Jahren Abwesenheit umso präsenter und aufmerksamer bin. Werde ich mit diesem Blick auch mein eigenes Leben betrachten? Es macht mir Angst, mich in ein Leben einklinken zu müssen, das in vollem Gange ist. Als ich die Wohnung aufschließe, kommt ein Nachbar die Treppe herunter und grüßt, und ich zucke vor Schreck zusammen, wie ein ungebetener Gast, der sich Zugang zu einer fremden Wohnung verschafft. Ich trete ein und bin überrascht, dass sich nicht das geringste Gefühl von Vertrautheit einstellt. Ich fühle mich nicht unwohl, weil ich weiß, dass ich hier wohne und dass der Schlüssel zum Verschwinden meines Lebens sich wahrscheinlich in diesen Mauern befindet. Es ist der einzige Ort, an dem ich ein paar Anhaltspunkte für meine Vergangenheit auftreiben könnte. Trotzdem hält es mich hier nicht lange. Ich mache mich auf den Weg ins sechste Arrondissement, zu meiner früheren Wohnung in der Rue de l’Université. Als ich auf die Klingel drücke, höre ich Kindergeschrei. Eine Frau mit einem Baby auf dem Arm und einem anderen Kind am Rockzipfel öffnet mir. Ich erfinde eine herzzerreißende Liebesgeschichte und unerträgliche Sehnsucht nach diesem Ort der Erinnerung, und sie bittet mich herein. Seltsamerweise ist mir die Wohnung, die bis gestern die meine war, ebenso fremd wie jene, in der ich heute Morgen aufgewacht bin. Ohne meine Möbel und meine Sachen hat sie nicht die Bedeutung, die ich hier gesucht habe. Ich bedanke mich bei der Mutter, und auf dem Weg zur Tür erzählt sie mir, dass seit 1988 vor ihr bereits zwei andere Mieter hier gewohnt haben. Ich sollte nicht länger nach Spuren meines früheren Lebens suchen, sondern mich lieber auf die zwölf verlorenen Jahre konzentrieren.

Als ich vor der Schule des Viertels einige Mütter sehe, fällt mir wieder ein, dass ich seit heute Morgen auch Kinder habe: Kinder, die inzwischen festgestellt haben werden, dass ihre Mutter sie vergessen hat. In Panik halte ich ein Taxi an und flehe, es möge den Weg zwischen Boulevard Saint-Germain und Montmartre in Überschallgeschwindigkeit zurücklegen. Obwohl der Fahrer sich durchaus bemüht, sind die Tore des Kindergartens bei meiner Ankunft bereits verschlossen. Na toll. Was sie wohl mit vergessenen Kindern anstellen? Eine Rabenmutter bin ich! Ich habe seit gerade mal zehn Stunden Kinder und schon lasse ich sie im Stich. Die Leiterin kommt an die Pforte und führt mich schließlich mit gerunzelter Stirn zum Nachmittagsimbiss der Kinder, die bis sechs Uhr abends in der Kita bleiben. Die Kleinen mustern mich neugierig, meine Tochter kann ich unter ihnen allerdings nicht entdecken.

»Lola wurde schon von Ihrer Kinderfrau abgeholt«, sagt eine der Erzieherinnen verwundert.

Ich stottere eine Erklärung: »Das muss ein Missverständnis sein. Eigentlich sollte ich sie heute abholen, aber ich war spät dran.«

Ich haste nach Hause. Bestimmt hat sie auch Youri abgeholt. Freudengeschrei schlägt mir bei meiner Rückkehr entgegen. Ich bin überrumpelt, verlegen, überwältigt.

»Mama, Mama, kommst du mit uns spielen?«

Noch nie wurde ich nach einer kurzen Trennung so überschwänglich von irgendwem empfangen. Die Kinderfrau, eine sanftmütige Afrikanerin, weist mich darauf hin, dass die Bügelarbeit erledigt ist, und fragt, ob sie gehen kann. Wenigstens das habe ich erreicht. Bügeln habe ich schon immer gehasst, und 1988 hatte ich noch niemanden, der das für mich übernahm. Ich schob es so lange vor mir her, bis ich keine Wahl mehr hatte, weil der Wäschekorb überquoll und ich nichts mehr anzuziehen hatte. Erfüllt von einer plötzlichen Unbeschwertheit beschließe ich, meine Nachforschungen zu unterbrechen, und folge den Kindern in ihr Zimmer. Obwohl ich hier wohne, habe ich Angst, sie könnten Verdacht schöpfen, wenn ich in den Schränken und Schubladen herumwühle.

Mit der Nachmittagspost erreicht mich die Nachricht, dass mein Arbeitslosengeld bewilligt wurde. Die Behörde teilt mir den Tagessatz mit, den ich allerdings, wegen meiner üppigen Abfindung, erst in zwei Monaten erhalten werde. Finanziell scheine ich mir keine Sorgen machen zu müssen. Aber im Moment ist es ohnehin viel wichtiger, dass ich lerne, wie man zwei Personen auf dem Rücken transportiert, die eine Burg angreifen wollen. Nach einigen Stunden im Weltraum sind wir zum Mond geflogen, haben vier Teddygeschichten gelesen, uns Tee mit Keksen gegönnt, eine Pyramide gebaut, das Motorrad repariert und alle Puppen im Schlafanzug zu Bett gebracht. Dann dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Dem geliebten Papa werden dieselben Ovationen zuteil wie mir. Als er im Türrahmen des Kinderzimmers erscheint, sieht er mich überrascht an.

»Waren die Kinder noch nicht in der Wanne, oder hast du sie wieder angezogen?«

»Nein!«, rufen sie wie aus einem Munde. »Wir waren noch nicht baden. Wir haben die ganze Zeit gespielt und tolle Sachen gemacht … Und jetzt haben wir einen Bärenhunger!«

»Was gibt es denn Feines zum Abendessen?«

Schlagartig wird mir klar, was Familienleben bedeutet. Natürlich habe ich gesehen, wie die Mütter unter meinen Freundinnen rotieren: das Baden überwachen, das Essen für die Kleinen zubereiten, und auch der Gatte will verköstigt werden. Nichts von alldem ist heute Abend im Hause de Las Fuentes geschehen. Es ist fast halb neun, die Kinder sind hungrig und verdreckt. Ich bitte Pablo, die kleinen Rabauken kurz abzuduschen, derweil improvisiere ich einen Imbiss. Irgendwie werde ich das Abendessen schon retten, ich komme schließlich nicht umsonst aus einer Feinschmeckerregion. Und solange er mit den beiden zugange ist, habe ich Zeit, über eine Frage nachzudenken, die mich schon seit heute Morgen quält: Soll ich Pablo offen sagen, was mit mir los ist? Oder soll ich ihm verschweigen, dass ich durchgeknallt bin, und sehen, wie ich allein damit fertig werde?

Während Pablo mit Duschen an der Reihe ist, bekommen die Kinder ihr Abendessen, und wir amüsieren uns so lautstark, dass er, nur mit einem Handtuch um die Hüften, in der Küche auftaucht, um herauszufinden, was uns so heiter stimmt. Nichts, fast nichts. Bloß etwas Käse in den Nudeln, klebriger Käse, der sich endlos in die Länge zieht. Kurze Zeit später bringen wir die Kinder ins Bett und beginnen mit dem Einschlaf-Ritual. Als ich das Zimmer verlassen will, ruft Youri in der Dunkelheit nach mir.

»Mama, noch einen Kuss. Bitte. Du bist die coolste Mama der Welt.«

Lola wartet, bis ich wieder in der Küche bin, um sich noch etwas zu trinken und einen extra Gute-Nacht-Kuss zu holen und zu fragen, ob ich sie an ihrem »Teburtstag« mit richtigem, echtem »Stippenlift« schminke. Als ich Anstalten mache, ihr die Windel anzuziehen, die ich auf einem Regal bereitgelegt habe, kichert sie und sagt:

»Ich bin doch kein Baby mehr. Wann kommt Zoé wieder, Mama?«

Ich habe keine Ahnung, wer diese Zoé sein soll. Vielleicht ein Hundewelpe oder der Babysitter?

»Das weiß ich nicht, mein Schatz, wenn du morgen von deiner langen Reise ins Traumland zurückgekehrt bist, sehen wir weiter.«

Es ist schwierig, wenn man nicht weiß, welche Wörter man verwenden soll. Sind es dieselben, die ich früher gebrauchte, oder andere, die ich ebenfalls vergessen habe? Die Kinder sind zu schlau, als dass mein Geist Ruhe fände. Den ganzen Abend über haben sie mich neugierig gemustert. Sicher spüren sie, dass ich nicht dieselbe bin, dass ich im Körper einer anderen lebe. Obwohl ich sie kaum kenne, bin ich ihre Mutter, das muss ich mir immer wieder sagen, um mich selbst davon zu überzeugen. Vor lauter Anspannung spüre ich wieder einen Kloß im Hals. Ich kämpfe dagegen an. Ich müsste mich freuen, mein Leben ist beneidenswert: Diese Kinder sind außergewöhnlich, sie sind Engel, von innerer Schönheit, sensibel, entzückend, bezaubernd. Ich habe herrliche Stunden mit ihnen verbracht. Auch ich habe sie beobachtet, ihre Spontaneität, ihren Trotz, ihre kleinen Wutanfälle, ihre Beziehung untereinander.

»Wollen wir essen?« Ich folge Pablo in die Küche. Er trägt einen leichten, hellen Anzug, der wunderbar zu seinem dunklen Teint passt. Ich schiebe meinen Arm unter den seinen. Ein bisschen mulmig ist mir schon. Immerhin ist es das erste Abendessen mit meinem Mann nach zwölf Jahren, die wir offenbar gemeinsam verbracht haben.

Er hat eine Kerze angezündet und lächelt, als er an seinem Teller schnuppert. »Was ist das?«

»Was Improvisiertes, ein Resteessen. Ich habe getan, was ich konnte.«

Er schmunzelt. »Du hattest mehr Lust, dich mit den Kindern zu amüsieren, was?«

Anscheinend kommt es nicht häufig vor, dass ich das Baden, das Abendessen und die Uhrzeit vergesse, sonst wäre es ihm kaum aufgefallen. Was für eine Frau bin ich bloß geworden? Ruhig Blut, nicht gleich wütend auf mich werden. Immerhin bin ich zwölf Jahre älter und eine andere, auch wenn ich mich der zwölf Jahre Jüngeren definitiv verbundener fühle. Jedenfalls ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um unsolidarisch mit mir zu werden. Ich muss ganz sein, damit ich mich vollständig wiederfinden kann. Betrachten wir also die positiven Seiten: Ein Abend allein mit diesem umwerfend gutaussehenden Mann ist doch genau das, was ich mir gestern so gewünscht habe … Ich hatte es mir ein klein wenig anders vorgestellt, zugegebenermaßen.

Pablo sitzt mir gegenüber und wirkt sehr zufrieden. »Gute Idee, auf der Terrasse zu essen, das ist mal was anderes.«

An so einem lauen Abend fand ich das die selbstverständlichste Sache der Welt. Mein nächster Gedanke ist: genauso ein lauer Abend wie an jenem berühmten Donnerstag, dem 12. Mai, an dem wir uns kennenlernten. Aber heute ist Freitag, und wir schreiben das Jahr 2000.

»Ich mag dieses Kleid, du trägst es nicht oft. Das war mal ein Geschenk von mir, erinnerst du dich?«

Autsch, das fängt ja nicht gerade gut an. Bitte keine Erinnerungen! Um die Peinlichkeit zu überspielen, setze ich auf Übertreibung.

»Aber Pablo, wie könnte ich jenen unauslöschlichen Tag vergessen, an dem du mir dieses wunderbare Geschenk machtest?« Ja, wie konnte ich den bloß vergessen, diese Frage stelle ich mir in der Tat. Er scheint sich über meine Antwort zu wundern, doch als er mich lächeln sieht, lacht er mit und nimmt mit einem vielsagenden tiefen Blick meine Hand.

»Du bist so schön. Noch viel schöner als an dem Tag, an dem ich dich zum ersten Mal sah.«

Ich mache ein skeptisches Gesicht. Das ist im Augenblick zu nah, als dass ich mich einfach so verleugnen könnte.

»Ich war jünger.«

»Nein, überhaupt nicht, heute bist du jünger, viel einfallsreicher, fröhlicher, phantasievoller. Je länger ich dich ansehe, umso mehr staune ich.« Ich fürchte, das wird noch zunehmen. Ich könnte ihm sogar versprechen, dass er sich noch mehr wundern wird. Eine Sache quält mich: Ich habe nicht die geringste Idee, was Pablo beruflich machen könnte. Vielleicht sind Männer wie Kinder. Ich beschließe spontan, ihm dasselbe Spiel vorzuschlagen wie Youri.

»Pablo, nehmen wir an, wir begegnen uns zum ersten Mal. Das hier ist unser erstes Abendessen. Gestern haben wir nur miteinander geschlafen. Ich weiß nichts über dich.«

Er lacht. »Was du da von mir verlangst, ist zu schwierig. Das kriegen wir niemals hin.«

»Bitte, lass es uns versuchen, ja? Tu mir den Gefallen.«

»Na gut, meinetwegen. Vorausgesetzt, ich darf dich ganz plump anbaggern.«

»Alles, was du willst, Hauptsache, du beantwortest meine Fragen.«

»Okay, aber ich fange an: Warum haben Sie meine Einladung zum Abendessen so schnell angenommen?«

»Wegen Ihres Lächelns … Nein, wegen Ihrer Augen. Keine Ahnung, alles zusammen … Wenn ich Sie wiedersehen wollte, wo würde ich Ihnen am ehesten zufällig über den Weg laufen?«

»Auf meinem Kopfkissen. Da bin ich so ziemlich jede Nacht. Das ist ein vorzüglicher Ort, um mich zufällig zu treffen. Ich habe Zeit, ich bin abkömmlich, aufmerksam und geduldig.«

Ich lache und kann mich nicht mehr darauf konzentrieren, ihm das zu entlocken, was mich so brennend interessiert.

»Sie müssen wissen, dass ich keine reiche Erbin bin. Ich bin arbeitslos.«

»Das macht nichts, ich bin Beamter: Schlaf-Vorführer auf Lebenszeit in einem Kaufhaus. Ich lege mich hin und schlafe so überzeugend und so wohlig ein, dass alle die Matratzen kaufen.«

»Sie sind ein lausiger Lügner.«

Nach zehn Minuten zieht mich Pablo in seine Arme und gesteht, dass ihn dieses Spiel total langweilt, obwohl er mich sehr talentiert und sehr verführerisch fand.

»Du kannst dich gut in andere hineindenken. Diese Seite kannte ich noch gar nicht an dir. Du hast schauspielerisches Talent.«

Ich protestiere.

»Doch, wirklich. Ich habe dich beobachtet, du hast dich in deiner Rolle sehr wohl gefühlt, während ich mir ganz schön albern vorkam. Deshalb hatte ich keine Lust mehr. Du hast gewonnen.«

Ich will keinen Gewinner und flüchte mich mit den Tellern in die Küche, um das Obst zu holen. Als ich wieder auf die Terrasse trete, erwartet mich eine neue Herausforderung.

»Du denkst doch daran, dass meine Mutter Zoé morgen Vormittag bringt?«

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