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Die Lehmann Trilogie

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Herr Lehmann
  5. 1. DER HUND
  6. 2. MUTTER
  7. 3. FRÜHSTÜCK
  8. 4. MITTAGESSEN
  9. 5. KAFFEE UND KUCHEN
  10. 6. ABENDBROT
  11. 7. SPÄTER IMBISS
  12. 8. STAR WARS
  13. 9. ZIGARETTE
  14. 10. KUDAMM
  15. 11. HOTELFOYER
  16. 12. GASTMAHL
  17. 13. KUNST
  18. 14. WIEDERVEREINIGUNG
  19. 15. HAUPTSTADT
  20. 16. KLARE WORTE
  21. 17. ÜBERRASCHUNG
  22. 18. ZIVILDIENST
  23. 19. URBAN
  24. 20. PARTY
  1. Neue Vahr Süd
  2. 1. BUCH: GRUNDAUSBILDUNG
  3. 1. HARRY
  4. 2. SERBISCHES REISFLEISCH
  5. 3. BRÜCKEN BAUEN
  6. 4. BÖSES ERWACHEN
  7. 5. MANNSCHAFTSHEIM
  8. 6. WEGTRETEN
  9. 7. DER FERNSEHER
  10. 8. DER DURCHBRUCH
  11. 9. STORYVILLE
  12. 10. UMZUG
  13. 11. DER SOG
  14. 12. SEELISCHE NÖTE
  15. 13. DER ERSTE STOCK
  16. 14. TAPETENTISCH
  17. 15. LEICHENZUG
  18. 16. DIALEKTIK
  19. 17. DER TEXT
  20. 18. HAPPY HOUR
  21. 19. DAS AQUARIUM
  22. 20. WHY NOT
  23. 21. COLABOMBE
  24. 22. NIEDRIGSTE GANGART
  25. 23. DIE SAMMLUNG
  26. 24. HALBES HÄHNCHEN
  27. 25. NATO-ALARM
  28. 26. HEINER UND HORST
  29. 27. G-KARTE
  30. 28. FDP-MANN
  31. 29. KUNST AM BAU
  32. 30. VERSETZUNG
  1. 2. BUCH: FEIERLICHES GELÖBNIS
  2. 31. SEELACHSSCHNITZEL
  3. 32. DIE AXT
  4. 33. AUF DER COUCH
  5. 34. BÜCKLING
  6. 35. BREITES BÜNDNIS
  7. 36. DER MAJOR
  8. 37. VOLLVERSAMMLUNG
  9. 38. BUDDENBROOKS
  10. 39. HANNI UND MANNI
  11. 40. MÄNNER MIT NERVEN
  12. 41. GRILLPLATTE BALKAN
  13. 42. VIEL SPASS NOCH
  14. 43. LUNGENENTZÜNDUNG
  15. 44. FACKELTRÄGER
  16. 45. MÄNNER UND HELME
  17. 46. NOTAUSGANG
  18. 47. ABSCHIED
  1. Der kleine Bruder
  2. 1. PATTY HEARST
  3. 2. TUBASPIELEN
  4. 3. ZIVILBULLEN UNTER SICH
  5. 4. PLENUM
  6. 5. OUZO UMSONST (ARSCHART)
  7. 6. SCHOCK
  8. 7. ABRECHNUNG
  9. 8. JUNGE, KOMM BALD WIEDER
  10. 9. PUNKBEHÖRDE
  11. 10. LEHRLINGSVERARSCHUNG
  12. 11. PARTY
  13. 12. KUNG FU
  14. 13. ALMUT
  15. 14. JEDE MENGE SCHROTT
  16. 15. EXIT WOLLI
  17. 16. HAUT DER STADT
  18. 17. SCHWARZE VIBES
  19. 18. HAPPY HOUR
  20. 19. DER ARME FREDDIE
  21. 20. MOSAIK

Sven Regener

DIE LEHMANN
TRILOGIE

Herr Lehmann
Neue Vahr Süd
Der kleine Bruder

3 Romane in einem E-Book

Sven Regener

HERR
LEHMANN

Roman

1. DER HUND

Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, dass er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging. Er war müde und abgestumpft, er kam von der Arbeit im Einfall, einer Kneipe in der Wiener Straße, und es war spät geworden. Das war kein guter Abend, dachte Herr Lehmann, als er von der westlichen Seite her den Lausitzer Platz betrat, mit Erwin zu arbeiten macht keinen Spaß, dachte er, Erwin ist ein Idiot, alle Kneipenbesitzer sind Idioten, dachte Herr Lehmann, als er an der großen, den ganzen Platz beherrschenden Kirche vorbeikam. Ich hätte die Schnäpse nicht trinken sollen, dachte Herr Lehmann, Erwin hin, Erwin her, ich hätte sie nicht trinken sollen, dachte er, als sich sein Blick zerstreut in den Maschen der hohen Umzäunung des Bolzplatzes verfing. Er ging nicht schnell, die Beine waren ihm schwer von der Arbeit und vom Alkohol. Das mit dem Schnaps war Quatsch, dachte Herr Lehmann, Tequila und Fernet, morgen früh wird es mir schlecht gehen, dachte er, Arbeiten und Schnapstrinken verträgt sich nicht, alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch, dachte er, und gerade ein Typ wie Erwin sollte seine Angestellten nicht noch zum Schnapstrinken überreden, dachte Herr Lehmann. Er kommt sich noch großzügig dabei vor, wenn er die Leute zum Schnapstrinken überredet, dachte Herr Lehmann, dabei tut er das bloß, um selbst einen Vorwand zum Saufen zu haben, aber andererseits, dachte er, ist es auch nicht richtig, die Verantwortung auf Erwin abzuwälzen, am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt.

Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen, dachte Herr Lehmann, als er sich der anderen Seite des Lausitzer Platzes näherte, jeder muss selber wissen, was er tut und was nicht, und nur weil Erwin ein Depp ist und einen zum Schnapstrinken überredet, heißt das noch lange nicht, dass Erwin schuld ist, dachte er, aber er dachte auch mit Genugtuung an die Flasche Whisky, die er heimlich hatte mitgehen lassen und die in der großen Innentasche seines langen, für einen Septembertag im Grunde viel zu warmen Mantels steckte. Er selbst hatte zwar keine Verwendung für Whisky, denn er trank ja im Prinzip schon lange keinen Schnaps mehr, aber Erwin musste immer mal wieder bestraft werden, und Herr Lehmann konnte die Flasche zur Not seinem besten Freund Karl schenken.

Dann sah er den Hund. Herr Lehmann, wie sie ihn neuerdings nannten, obwohl die, die das taten, auch nicht viel jünger waren, obwohl tatsächlich einige von ihnen, sein bester Freund Karl und auch Erwin zum Beispiel, sogar älter waren als er, kannte sich mit Hunderassen nicht aus, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass man so ein Tier mit Absicht züchtete. Der Hund hatte einen großen Kopf mit einer mächtigen, sabbernden Schnauze und zwei großen, lappigen Ohren, die links und rechts davon herunterhingen wie zwei welke Salatblätter. Sein Rumpf war fett, und sein Rücken so breit, dass man darauf eine Flasche Whisky hätte abstellen können, seine Beine waren dagegen unverhältnismäßig dünn, sie ragten aus dem Körper heraus wie abgebrochene Bleistifte. Herr Lehmann, der es nicht übermäßig witzig fand, dass man ihn jetzt so nannte, hatte noch nie ein so hässliches Tier gesehen. Er erschrak und blieb stehen. Er traute Hunden nicht. Und der Hund knurrte ihn an.

Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Herr Lehmann, der andererseits aber auch keinen Sinn darin sah, sich wegen einer albernen Anrede groß aufzuregen, immer fest in die Augen schauen, das schüchtert sie ein, dachte er und konzentrierte seinen Blick auf die beiden schwarzen, blanken Löcher im Schädel seines Gegenübers. Der Hund zog im Rhythmus seines Knurrens die Lefzen hoch und runter und starrte zurück. Sie hatten etwa drei Schritte Abstand voneinander, der Hund bewegte sich nicht, und Herr Lehmann bewegte sich auch nicht. Nicht wegsehen, dachte Herr Lehmann, nichts anmerken lassen, einfach vorbeigehen, dachte er und machte einen Schritt zur Seite. Der Hund knurrte noch lauter, es war ein bösartiges, nervtötendes Geräusch. Bloß nichts anmerken lassen, das Tier spürt die Angst und nutzt sie aus, dachte Herr Lehmann, noch ein kleiner Schritt zur Seite, dachte er, nicht aus den Augen lassen, noch ein kleiner Schritt, und dann noch einer, so, und dann gleich geradeaus, dachte Herr Lehmann. Aber dann ging der Hund einfach auch ein Stück zur Seite, und sie standen sich wieder gegenüber.

Er will mich nicht vorbeilassen, dachte Herr Lehmann, der seinen bald stattfindenden dreißigsten Geburtstag nicht gerade als rauschendes Fest zu feiern gedachte, gerade weil er davon überzeugt war, dass das bloß ein Geburtstag war wie jeder andere auch, und er hatte seine Geburtstage noch nie gerne gefeiert. Das ist doch lächerlich, so etwas darf es gar nicht geben, dachte er, ich habe ihm doch gar nichts getan. Er sah die großen, gelben Zähne, und es schauderte ihn bei der Vorstellung, wie sie von den riesigen Kiefern des Hundes in eines seiner Beine, in einen Arm, in seinen Hals geschlagen wurden, ja sogar um seine Hoden wurde ihm angst und bange. Wer weiß, was das für einer ist, dachte er, vielleicht ist der auf irgendwas abgerichtet, ein Killerhund, ein Hodenbeißer, einer, dachte er, der die Schlagader im Arm trifft, und dann verblutet man hier mitten auf dem Lausitzer Platz, es ist ja niemand da, der Platz ist menschenleer, dachte er, wer soll sich so früh am Sonntagmorgen schon hier herumtreiben, die Kneipen sind ja alle schon geschlossen, es ist ja immer das Einfall, das am allerspätesten zumacht, vom Abfall einmal abgesehen, aber das zählt nicht, dachte er, um diese Zeit treiben sich ja bloß noch Verrückte herum, geisteskranke Berliner mit abgerichteten Killerhunden, Perverse, die sich im Gebüsch einen runterholen, während sie sich ansehen, dachte Herr Lehmann, wie ihre beißwütigen Hunde ihr tödliches Spiel mit mir treiben.

»Wem gehört dieser Hund hier?«, rief er über den leeren Platz, »WEM GEHÖRT DIESER VERDAMMTE SCHEISSHUND?«, aber niemand meldete sich. Nur der Hund knurrte noch lauter und verdrehte seinen Kopf so, dass die Augen rot glühend schimmerten.

Es ist bloß die Netzhaut, beruhigte sich Herr Lehmann, es ist bloß die blöde Netzhaut, er hat den Kopf verdreht, und jetzt fällt das Licht so in seine Augen, dass es von der Netzhaut in meine Richtung reflektiert wird, dachte er, es ist die Netzhaut, die ist rot, Karotin, Vitamin A und so Zeug, das ist ja bekannt, dass das gut für die Augen ist, dachte er, er hatte daran eine dunkle Erinnerung aus seiner Schulzeit, er war immer gut in Biologie gewesen, aber das war nun auch schon lange her, Biologie, dachte Herr Lehmann, Biologie hilft jetzt auch nicht mehr weiter, ich muss hier weg, und es erfüllte ihn ein nie zuvor gekanntes Verlangen nach seinem Zuhause, einer Eineinhalbzimmerwohnung in der Eisenbahnstraße, wo seine Bücher und sein leeres Bett auf ihn warteten, keine hundert Meter entfernt von der Stelle, an der jetzt ein völlig fremder Hund sein Leben bedrohte.

Wenn er mich nicht vorbeilässt, dachte Herr Lehmann, den sie früher alle ganz normal Frank genannt hatten, bis eben dieser kindische Witz, ihn mit Herr Lehmann anzureden, um sich gegriffen hatte, dann muss ich eben zurückgehen. Und er sah im Geiste schon die Stationen des Umwegs, den er nehmen musste, um die tollwütige Bestie des Lausitzer Platzes weiträumig zu umgehen, Waldemarstraße, Pücklerstraße, Wrangelstraße und dann von der anderen Seite kommend in die Eisenbahnstraße hinein, das ist ein Kinderspiel, dachte er, manchmal ist ein Rückzug besser als ein Angriff, dachte Herr Lehmann, ein taktisch kluger Rückzug kann strategisch zum Sieg führen. Umzudrehen traute er sich dabei nicht, bloß nicht umdrehen, dachte er, immer dem Tier in die Augen sehen, und er machte vorsichtig kleine Schritte rückwärts, und der Hund machte knurrend kleine Schritte vorwärts. Bloß nichts überstürzen, dachte Herr Lehmann, der sich schon sehr auf das Fußbad gefreut hatte, das er sich seit einiger Zeit immer nach der Arbeit gönnte, obwohl er sich in seinem jetzigen Zustand nicht sicher war, ob er das noch hinkriegen würde, bloß nichts überstürzen, dachte er und widerstand der Versuchung, sich einfach umzudrehen und davonzulaufen, das wäre fatal, dachte er, der Hund ist schneller als ich, der springt mich von hinten an, dachte er, und dann kann man sich überhaupt nicht mehr schützen, das ist nicht gut. Nach ein paar weiteren Schritten brach der Hund, der sein Knurren jetzt schon mit einem gelegentlichen Bellen anreicherte, seitlich aus und schlich geduckten Hauptes um ihn herum, sodass Herr Lehmann, um die Bestie nicht aus den Augen zu lassen, sich auf dem Absatz drehen musste, bis sie sich schließlich genau andersherum gegenüberstanden. Dann eben in die andere Richtung, dachte Herr Lehmann, da wollte ich sowieso hin. Er machte wieder einige Schritte zurück, und das ganze Spiel lief umgekehrt noch einmal ab, der Hund lief um ihn herum, Herr Lehmann drehte sich mit, und am Ende standen sie wieder in der Ausgangsposition. Ich muss mit ihm reden, dachte Herr Lehmann.

»Hör mal«, begann er leise mit tiefer und, wie er hoffte, beruhigender Stimme. Der Hund setzte sich. Das ist schon mal gut, dachte Herr Lehmann. »Ich verstehe dich ja«, sagte er, »du hast es auch nicht leicht.« Er griff in die Taschen seines Mantels auf der Suche nach irgendetwas, das er dem Hund schenken konnte, manchmal, dachte er, hilft nur Bestechung, es muss ja nicht gleich etwas zu essen sein, dachte er, vielleicht will er ja bloß spielen, die Besitzer solcher Hunde sagen ja immer, dass sie bloß spielen wollen, vielleicht habe ich für ihn was zum Spielen dabei, aber er fand nichts als seinen Schlüsselbund und die Flasche Whisky, denn er gehörte, wie er jetzt zum ersten Mal bedauerte, nicht zu denen, die sich die Manteltaschen mit allerlei Kram vollstopften und diesen Kram dann vergaßen und jahrelang mit sich herumschleppten. Der Hund wurde etwas nervös, und Herr Lehmann hörte auf zu fummeln. »Du kannst ruhig sitzen bleiben«, sagte er zum Hund, »ich wollte nur gucken, ob ich was für dich habe, du kriegst doch sicher manchmal auch was von deinem Herrchen, vielleicht ist es sogar ein Frauchen, mein Gott, was für Ausdrücke das sind, Herrchen, Frauchen, wer denkt sich so was bloß aus?«

Dem Hund schien es egal zu sein; er ließ die dürren Vorderbeine einknicken, und sein fetter Leib klatschte auf den Asphalt.

»So ist es richtig, leg dich erst mal hin«, sage Herr Lehmann, dem das Hinlegen in den letzten Jahren selbst zu einer Lieblingsbeschäftigung geworden war, und bewegte sich, während er pausenlos weiterredete, mit ganz kleinen Fußbewegungen wieder zur Seite. »Da bin ich doch der Letzte, der schlafende Hunde weckt«, kalauerte er drauflos, »schlafe, mein Hundchen, schlaf ein und so, ich weiß, wie es ist, wenn man müde ist, ich kenne das, ich hab’s nämlich auch nicht leicht, ich bin auch müde, aber du, du armer kleiner Scheißer, bist noch viel müder …« – Stück für Stück bewegte er sich zur Seite, »… das macht einen Hund müde, wenn er herumläuft und die Leute bedroht, weiß der Himmel, wie man als Hund auf so einen Scheiß kommt, so, jetzt bin ich schon fast einen ganzen Meter weiter links als du, und jetzt mach ich mal einen ganz klitzekleinen Schritt nach vorne, und du schläfst jetzt mal schön, nur ein ganz kleiner Schritt nach vorne, und dann noch einer …« Der Hund schaute sich das eine Zeit lang an, dann sprang er mit einer Kraft und einer Geschwindigkeit auf, die Herr Lehmann bei diesen mageren, ganz kraftlos wirkenden Beinen nicht für möglich gehalten hätte, und knurrte und bellte so aggressiv auf Herrn Lehmann ein, dass dieser vor Schreck richtig wütend wurde.

»SCHEISSE!«, schrie er aus vollem Halse über den leeren Platz. »NIMM DOCH EINER DEN SCHEISS-HUND HIER WEG! NIMM DOCH EINER DEN VERDAMMTEN SCHEISSHUND HIER WEG, HIMMEL, ARSCH UND ZWIRN NOCH MAL! UND HALT’S MAUL!«, brüllte er den Hund an, der daraufhin tatsächlich verstummte.

Herr Lehmann beruhigte sich wieder. Ich muss mich zusammenreißen, dachte er, ich darf jetzt nicht die Nerven verlieren. »Da wird man ja aggressiv«, sagte er entschuldigend.

Der Hund setzte sich wieder. Herr Lehmann, dessen Füße von der Arbeit schmerzten, dem die Beine wie Blei und die Knochen am ganzen Körper wie zerschlagen waren, ging selbst kurz in die Hocke, um wenigstens die Beine zu entlasten. Das brachte aber nicht viel, es war auf Dauer eher noch unbequemer. Jetzt ist es auch egal, dachte er, jetzt kann ich mich auch gleich ganz hinsetzen. Er ließ sich nach hinten fallen und kam in einer Art Schneidersitz zur Ruhe. Wenn mich einer sieht, ging es ihm kurz durch den Kopf, dann muss der mich ja für den letzten Penner halten. Der Asphalt unter seinem Hintern war kalt, und er fror. Es ist die kälteste Zeit des Tages, dachte er und richtete es so ein, dass er auf dem unteren Ende seines Mantels saß. Um diese Zeit ist es arschkalt, obwohl es tagsüber noch so heiß wird, dachte er, und wie hell es schon geworden ist, das muss ja schon verdammt spät sein, dachte Herr Lehmann. Und ihm fiel auch jetzt erst auf, wie viele Vögel überall waren, sie hockten auf den Bäumen, in den Büschen, auf der hohen Umzäunung des Bolzplatzes, auf den Sitzbänken, die nicht weit von ihm zu einem Halbkreis gruppiert herumstanden und auf denen tagsüber immer einige Penner oder alte Leute oder beides saßen, sie fliegen ja gar nicht herum, wunderte sich Herr Lehmann, sie sitzen bloß da und machen Lärm, und wie sie Lärm machen, dachte er. Es gibt doch eine Menge Tiere in der Stadt, dachte Herr Lehmann, als er auch noch zwei dunkle Schatten, Kaninchen wahrscheinlich, über die Wiese bei der Kirche huschen sah.

»Warum jagst du eigentlich keine Kaninchen?«, fragte er den Hund, der sich ganz auf dem Asphalt ausgestreckt und den Kopf zwischen die Vorderpfoten gelegt hatte. Herr Lehmann entsann sich der auf nicht ganz astreine Art erworbenen Flasche Whisky, zog sie aus dem Mantel, schraubte sie auf und nahm einen kräftigen Schluck gegen die Kälte.

»Jetzt ist das auch egal«, erklärte er dem Hund. »Du bist wahrscheinlich zu blöd oder zu langsam für Kaninchen, mit deinen komischen Beinen.«

Der Whisky schmeckte furchtbar, wie Schnaps überhaupt, für Herrn Lehmann machten da die Feinheiten keine Unterschiede, aber er brachte etwas innere Wärme und verscheuchte noch einmal die Kopfschmerzen, die bei ihm, als Vorgeschmack auf den Kater des nächsten Tages, bereits eingesetzt hatten.

»Du siehst ja vielleicht aus«, sagte Herr Lehmann, der sich in letzter Zeit immer öfter dabei ertappte, dass er mit einer gewissen Wehmut und ohne die früher übliche innere Abwehr an seine Kindheit zurückdachte, zum Hund, »wie diese Tiere, die man als Kind aus Kastanien gemacht hat, wo man so Streichhölzer in die Kastanien steckt, als Beine und so. Wenn ich einfach weglaufen würde, wer weiß, ob du mich überhaupt kriegen würdest, mit den Beinen.«

Herr Lehmann nahm noch einen Schluck, der Hund tat gar nichts. »Bin selber nicht sehr schnell«, sagte er, bloß um irgendetwas zu sagen. »Wie heißt du eigentlich?«

Er stellte die Flasche neben sich, zog die Beine an den Körper und legte die Arme darum. Der Hund blinzelte ihn friedlich an.

»Vielleicht sollten wir mal feststellen, wie du heißt«, sagte Herr Lehmann, der das für eine gute Idee hielt. Ich muss bloß wissen, wie er heißt, dachte er, dann hört er mit dem Scheiß auf, dann wird er friedlich, mit seinem Namen ist er vertraut, er hat ja ein Halsband, also hat er ein Herrchen, also hat er einen Namen, ich brauche bloß seinen Namen zu sagen, dann fühlt er sich heimisch, dann ist Autorität da, dachte Herr Lehmann. »Bello«, schlug er vor. Der Hund rührte sich nicht. »Hasso?« Nichts.

Dann hörte Herr Lehmann Schritte. Sie kamen von hinten. Er blickte sich um und sah eine Frau näher kommen, eine dicke Frau mit weiten Kleidern und einem Kopftuch. Eine Frau, dachte Herr Lehmann, vielleicht kann sie mich ablösen. Aber obwohl er sich jetzt, wo ihn jemand sah, etwas komisch dabei vorkam, wie er auf dem Asphalt saß, mit einer Flasche Whisky neben sich, stand er nicht auf, er war viel zu müde und wollte den Hund nicht reizen. Er verrenkte sich den Hals und sah der Frau entgegen, die, wohl weil sie ihn und den Hund erblickt hatte, ihren Schritt beschleunigte und ganz auf die andere Seite des Weges wechselte.

»Entschuldigen Sie«, begann Herr Lehmann, als sie auf seiner Höhe war, aber die Frau sah nicht zu ihm hin, sie blickte starr nach vorne und legte noch einen Zahn zu, als er das Wort an sie richtete. Der Hund sah zur anderen Seite und ließ sich nichts anmerken. »Warten Sie doch mal«, rief Herr Lehmann verzweifelt, »ich habe hier nämlich ein Problem, das ist nämlich …« – die Frau, so dick sie auch war, fing an zu rennen und war verschwunden, bevor er den Satz zu Ende bringen konnte. Der Hund knurrte zufrieden.

»Scheißblöde Kuh«, sagte Herr Lehmann und wandte sich dann wieder an den Hund. »Harro?« Auch dieser Name bewirkte nichts. »Bello, Rüdiger, Fiffi – nein, wie ein Fiffi siehst du eigentlich nicht aus – Kuddel, Saftsack – wie gehen denn jetzt diese Hundenamen noch mal – Otsche?« Otsche, so hatte der Hund einer lange verstorbenen Großtante von ihm geheißen, es war ein kleiner Langhaardackel gewesen, den am Ende ein Lieferwagen überfahren hatte, Herr Lehmann hatte ihn damals, als er noch ein Kind war, aus tiefstem Herzen gehasst. »Wastl, Hansi, Lassie, Wauwau, Watschel, Spinnebein …« Der Hund zeigte kein Interesse. »Watzmann, Bootsmann, Boxi, Boskop …«

Herr Lehmann verlor die Lust an diesem Spiel. Das ist ja alles Unsinn, dachte er, ich bin ja betrunken. Er nahm noch einen Schluck von dem Whisky und schüttelte sich.

»Du musst wissen«, sagte er dann, »dass ich Hunde schon immer gehasst habe. Schon als kleines Kind. Und das ist lange her. Hunde gehören nicht in die Stadt, ich hab immer Angst gehabt vor Hunden. Hallo! Hallo, Polizei!«, rief er schwach, als er einen Polizeiwagen den Platz entlangfahren sah. Er hob eine Hand und winkte, aber der Wagen fuhr vorbei, ohne dass man ihn bemerkte.

»Da kannst du aber froh sein«, belehrte er den Hund, »die hätten dich erschossen, aber ruckzuck. Noch denkst du, dass du im Vorteil bist, aber das kannst du vergessen. Strategisch bist du im Nachteil. Der Mensch ist dem Tier überlegen. Wenn du ein Wolf wärst und ich irgendein Bauerndepp, der durch den Wald latscht, dann hättest du vielleicht eine Chance. Aber wir sind hier in der Stadt. Es werden Leute kommen und mir helfen. Und dich wird man einsperren. Außerdem ist der Mensch im Gegensatz zum Tier in der Lage, Werkzeuge zu benutzen, Werkzeuge, du Scheißtyp, denk mal drüber nach. Das ist der entscheidende Unterschied, Werkzeuge, damit fing alles an. Zum Beispiel diese Flasche hier!« Er hob die Flasche, und der Hund knurrte. »Ich könnte dir diese Flasche auf den Kopf hauen, da sähst du aber alt aus. Das ist zwölf Jahre alter Whisky. Irischer Whisky. Kostet im Einkauf über 40 Mark oder so, was weiß ich denn, 2 cl kosten bei Erwin sechs Mark, das musst du dir mal reintun, obwohl, so genau messen wir das auch nicht ab.« Wenn man Schnaps trinkt, dachte Herr Lehmann, dann redet man immer zu viel. Und zu viel Unsinn. Und mit Hunden, dachte er, das ist das Schlimmste von allem.

Er goss, nur um einmal etwas anderes zu tun, die Verschlusskappe voll und hatte sie schon an den Mund gesetzt, als er den interessierten Blick des Tieres bemerkte. Zum Test hielt er die gefüllte Kappe erst nach links, dann nach rechts, und der Hund folgte ihr mit den Augen, sein Maul stand offen, die Zunge hing heraus, und er hechelte aufgeregt.

»Aha!«, sagte Herr Lehmann. »Verstehe«, sagte er, »dann pass mal auf!«

Er beugte sich vor und warf die gefüllte Kappe so nach vorn, dass sie zwischen den Vorderpfoten des Hundes landete und der Schnaps sich in einer kleinen Lache dazwischen ausbreitete. Der Hund roch daran, rückte seinen unförmigen Leib zurecht und begann, die Flüssigkeit aufzulecken.

»Kannst noch mehr haben«, sagte Herr Lehmann, und er überschwemmte den Gehweg, der aufgrund einer glücklichen Fügung zum Hund hin etwas abfiel, mit Schnaps. »Scheinst ja dran gewöhnt zu sein«, sagte er, als er sah, wie gierig der Hund das kleine Rinnsal aufschlabberte, das ihm entgegenfloss. »Gehörst wahrscheinlich irgendeinem Penner«, sagte Herr Lehmann und nahm auch gleich selbst noch einen schönen Schluck. Gleiche Chancen für alle, dachte er, sonst ist das unfair. Der Hund schaute ihn kurz mit glasigen Augen an und leckte dann weiter.

»Du bist gleich so was von k.o., das schwör ich dir aber. Buh!« Herr Lehrmann stieß die Flasche zum Hund hin durch die Luft, aber der reagierte gar nicht. Er leckte weiter, bis nichts mehr da war, und versuchte dann, auf die Beine zu kommen.

»Gar nicht mehr so einfach, was?« Herr Lehmann nahm einen letzten Schluck, spritzte aus purem Übermut noch etwas von dem Whisky über den Hund und stand dann selber mit wackligen Beinen auf. Der Hund machte einen kleinen Gehversuch und zog unsicher die Lefzen hoch, als Herr Lehmann ihn ganz sacht mit dem Fuß unterm Kinn berührte. Er gurgelte etwas, das wohl ein Knurren sein sollte.

»Aus dem Weg, Schurke!«, rief Lehmann großartig und schob ihn mit dem Fuß, so gut es ging, beiseite. Der Hund versuchte, den Fuß zu erschnappen, aber das klappte nicht mehr. Er war zu langsam. Lehmann trat ihn um.

»Komm doch her! Komm doch, wenn du was willst, du fette Wurst!« Der Hund rappelte sich hoch, stellte sich quer und lehnte sich an Herrn Lehmanns Beine.

»Weg da, Scheißkerl«, sagte Herr Lehmann, aber jetzt, wo sich das hässliche Tier so vertrauensvoll und haltsuchend an ihn schmiegte, tat es ihm ein bisschen leid. Er trat ein wenig zurück, und der Hund kippte langsam nach, bis sein schwerer Körper auf Herrn Lehmanns Füßen lag. Herr Lehmann kam aus dem Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und fiel über den Körper des Hundes hinweg auf den Boden, wobei er nur mühsam verhindern konnte, dass die Flasche zerbrach.

»Was machen Sie denn da?«

Herr Lehmann schaute hoch und sah über sich zwei Polizisten. Er hatte sie gar nicht kommen hören.

»Musste mir den Hund vom Leibe halten«, sagte er. »Wenn man einen braucht, ist ja keiner da. Von euch, meine ich. Nicht den Hund. Hab schon alles erledigt. Alles im Griff, Leute, ehrlich.«

»Der ist total besoffen«, sagte der eine Polizist, der etwa Herrn Lehmanns Alter hatte.

»Nun stehen Sie mal auf«, sagte der andere, der um einiges älter war.

»Ist nicht so einfach«, sagte Herr Lehmann, »der Scheißhund, Sie sehen ja selbst, das sehen Sie doch.« Er stützte sich auf Arme und Beine, aber der Hund, der sich unter ihm wälzte, und die Flasche, die er noch immer in der Hand hielt, machten es ihm schwer. Der jüngere Polizist nahm ihm die Flasche aus der Hand und zog ihn, unangemessen grob, wie Herr Lehmann fand, in die Höhe.

»Ist das Ihr Hund?«, fragte der andere streng.

»Nein, Scheißhund!« Leicht schwankend stand Herr Lehmann vor ihnen und versuchte, die Flasche zu erhaschen, aber die Polizisten ließen es nicht zu. »Hat mich bedroht, der Scheißund. Konnte nicht nach Hause.«

Die Polizisten sahen beide zum Hund, der gar nicht mehr gefährlich aussah und bloß hechelnd und mit heraushängender Zunge ins Nichts starrte. Der jüngere von ihnen ging in die Hocke und streichelte das Tier über den Kopf. Der Hund versuchte aufzustehen, aber das gelang ihm nicht mehr.

»Der ist ja besoffen«, sagte der hockende Polizist.

»Das ist Tierquälerei, das gibt eine Anzeige, das ist strafbar«, sagte der andere.

»Wegen Tierquälerei.«

Sie wiederholen sich, dachte Herr Lehmann, das tun so Leute immer, sie sagen immer und immer wieder dieselben Worte.

»Das arme Tier, Sie haben dem ja Alkohol eingeflößt, das ist Tierquälerei. Sie sollten sich was schämen. So ein wehrloses Tier!«

»Wehrlos? Ha!«, empörte sich Herr Lehmann. »Das war Notwehr, ich hatte keine Wahl und so.« Er war viel zu müde, um das genauer zu erklären. »Das war Notwehr. Ging nicht anders. Punkt«, sagte er. »Ganz klare Sache. Kein Thema.«

Die Polizisten glaubten ihm nicht. Sie wollten seinen Ausweis sehen und nahmen seine Personalien auf.

»So, Herr Lehmann!«, sagte der ältere von beiden, als er ihm seinen Ausweis zurückgab. »Sie hören von uns. Und jetzt machen Sie, dass Sie nach Hause kommen. Den Hund nehmen wir mit, den sehen Sie nie wieder. Tierquälerei ist das, ich habe selbst einen Hund, eine Schande ist das.«

»Hoffentlich«, sagte Herr Lehmann.

»Hoffentlich was?«

»Seh ich den nie wieder.«

»Hauen Sie ab, aber ganz schnell, bevor ich mich vergesse!«

Herr Lehmann ging müden Schritts davon. Am Eingang der Eisenbahnstraße schaute er sich noch einmal um und sah, wie die beiden Polizisten das fette Tier zu ihrem Wagen schleppten.

»Armer Kerl«, hörte er den einen sagen. Dann erwachte der Hund aus seiner Lethargie und biss zu. Herr Lehmann ging schnell weiter und lachte erst, als er um die Ecke war.

2. MUTTER

»Frank, bist du das? Du klingst so komisch. Es hat so lange geklingelt, bis du rangegangen bist, da hab ich schon gedacht, du bist gar nicht da. Ich wollte schon wieder auflegen.«

Herr Lehmann liebte seine Eltern. Er war ihnen für vieles dankbar, und sie lebten weit weg von Westberlin, in Bremen, das ergab einen Abstand von zwei Staatsgrenzen und einigen Hundert Kilometern. Was er auch sehr an ihnen schätzte, war die Tatsache, dass sie niemals im Leben auf die Idee kämen, ihn mit Herr Lehmann anzusprechen. Das einzige Problem mit ihnen war: Sie standen gerne früh auf und riefen gerne früh an.

»Mutter!«, sagte Herr Lehmann.

»Ich wollte schon wieder auflegen.«

Warum, dachte Herr Lehmann, hast du es nicht getan? Ich, dachte Herr Lehmann, der sich auf seine Rücksichtnahme, die Bedürfnisse anderer Menschen betreffend, durchaus etwas zugutehielt, hätte es getan. Genauer gesagt, dachte Herr Lehmann, hätte ich es vor allem nicht dreißigmal klingeln lassen, damit geht’s doch schon mal los, dachte er. Fünfmal, das ist okay, zumal die meisten Leute Anrufbeantworter haben, die nicht ohne Grund schon nach vier- oder fünfmaligem Klingeln anspringen, dachte Herr Lehmann und bedauerte, dass er sich noch immer nicht ein solches Gerät angeschafft hatte, aber der Gedanke, zu Karstadt am Hermannplatz, also im Grunde nach Neukölln zu gehen, um so etwas zu kaufen, war ihm zutiefst zuwider.

»Frank, bist du noch da?«

Herr Lehmann seufzte.

»Mutter«, sagte er, »Mutter. Es ist …«, Herr Lehmann, der schon lange keine funktionierende Uhr mehr brauchte, weil er ein ausgezeichnetes Zeitgefühl entwickelt hatte und im Notfall immer noch auf öffentliche Uhren oder die telefonische Zeitansage zurückgreifen konnte, dachte kurz nach, »… höchstens zehn Uhr! Wenn du doch weißt, dass ich nachts …«

»Schon Viertel nach zehn, da schläft man doch nicht mehr, da wundere ich mich schon, dass du noch schläfst, ich bin schon seit sieben auf den Beinen«, sagte seine Mutter auf eine so auftrumpfende Weise, dass sich Herr Lehmann, der sich eigentlich für einen durchweg ausgeglichenen Menschen hielt, dessen Temperament sich mit den Jahren abgelagert hatte wie der Griselkram in altem, teurem Rotwein, zu einer scharfen Gegenreaktion provoziert sah.

»Warum?«, fragte er.

»Ich wollte schon wieder auflegen, aber dann habe ich gedacht, das kann ja nicht sein, dass du schon aus dem Haus bist, du arbeitest doch immer so spät.«

»Eben, Mutter, eben«, sagte Herr Lehmann, fest entschlossen, diesen seiner Erfahrung nach typisch mütterlichen Versuch, einer Frage auszuweichen, nicht durchgehen zu lassen. »Aber das war nicht die Frage, Mutter!«

»Welche Frage denn?«, kam es ärgerlich zurück.

»Warum, Mutter? Ich fragte: Warum? Warum bist du seit sieben Uhr auf den Beinen?«

»So ein Quatsch, das mache ich doch immer.«

»Ja, aber warum?«, konterte Herr Lehmann.

»Was meinst du jetzt damit, warum?«

»Mutter!« Herr Lehmann hatte Oberwasser. Sie hört mir zu, dachte er befriedigt, sie reagiert, statt zu agieren, dachte er, sie ist jetzt in der Defensive, da heißt es nicht lockerlassen, nachfassen, den Sack zumachen, die Sache zu einem befriedigenden Abschluss bringen, sie ein für alle Mal aus der Welt schaffen, klare Verhältnisse auch und so weiter … Leider hatte er darüber ein bisschen den Faden verloren.

»Wie jetzt, womit?«, fragte er, ärgerlich über sich selbst, »warum … ist doch klar, ich meine …, kann man ja wohl mal fragen warum, das ist eine Frage …«

»Junge, du faselst«, kam es streng zurück. »Und sprich mal etwas deutlicher, man kann dich ja kaum verstehen.«

»Nix da«, brauste Herr Lehmann auf, der jetzt ausgesprochen schlecht gelaunt war und sich des ganzen Elends dieser Situation bewusst wurde. Es ist erniedrigend, dachte er, fast dreißig Jahre alt zu sein und nach nur dreieinhalb Stunden Schlaf, dem ein Treffen mit einem Killerhund und zwei bescheuerten Polizisten voranging, mit schmerzendem Kopf und ausgetrocknetem Mund von der eigenen Familie beleidigt zu werden, von der eigenen Mutter, dachte Herr Lehmann, ausgerechnet von der Mutter, wo es doch immer heißt, dass die Mutter von allen Menschen dieser Welt derjenige ist, oder muss es diejenige heißen?, dachte er zwischendurch, der oder die, ist ja egal, dachte er, der oder die jedenfalls unbedingtes Verständnis haben sollte für alles, was das eigene Kind so macht und tut. Berühmte Beispiele schossen ihm durch den Kopf, Mütter von Serienmördern, die beteuerten, dass sie ihr Kind dennoch über alles liebten und sich selbst die Schuld für alles gaben, die jeden Morgen ganz früh aufstanden und zum Gefängnis gingen, um ihrer verdorbenen Brut selbst gekochtes Essen und/oder Heroin zu bringen, worüber ihm dann auch wieder einfiel, worum es eigentlich ging.

»Jetzt hör mal zu, Mutter«, startete er erneut seinen Gegenangriff, »hier ist die Frage: Warum …«

»Ich kann dich ganz schlecht verstehen. Hast du irgendwas im Mund?«

»EINE ZUNGE«, rief Herr Lehmann giftig, du willst deutliche Sprache, Mutter, dachte er grimmig, kannst du haben. »IST ES BESSER SO?«

»Du brauchst nicht so zu schreien, ich bin nicht taub. Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du etwas deutlicher sprichst oder jedenfalls nicht isst, während wir reden, das gehört sich nun wirklich nicht.«

»Mutter, lenk jetzt nicht ab«, sprach Herr Lehmann übertrieben deutlich, was eingedenk seines dehydrierten Zustandes nicht leicht war. Die Dehydrierung, dachte er, aber auch der Mangel an Elektrolyten sind der wichtigste Grund für den Kater. »Warum stehst du schon um sieben Uhr auf?, das war die Frage. Du bist Hausfrau, außerdem ist heute Sonntag, Mutter, du hast den ganzen Tag nichts zu tun, jedenfalls nichts, was man nicht auch später als um sieben Uhr machen könnte, warum also, wenn ich das mal so fragen dürfte, warum also stehst du in Drei Teufels Namen morgens um sieben auf, nur um mich dann um zehn Uhr mit einem Anruf zu terrorisieren, dessen wesentlicher Inhalt darin besteht, mir zu sagen, dass du schon seit drei Stunden wach bist. Warum, Mutter, warum?«

»Also …«, kam es leicht entrüstet und ganz und gar nicht geschlagen aus der Leitung, »… – warum nicht?«

Das, dachte Herr Lehmann, ist bemerkenswert. Sie ist zäh, dachte er, so viel muss man ihr lassen, sicher eine der Eigenschaften, die ich explizit ihr verdanke, dachte Herr Lehmann, der immer schon der Meinung gewesen war, dass Zähigkeit eine seiner herausragenden Eigenschaften war, geschult durch lange und erlebnisreiche Jahre ohne festes Einkommen.

»Warum nicht? Warum nicht? Weil es sich nicht gehört«, griff Herr Lehmann zum Äußersten. »Wenn du« – Herr Lehmann bemerkte mit Erleichterung, dass mithilfe von Adrenalin und Disziplin seine gewohnte Eloquenz zurückkehrte – »selber sagst, dass es sich etwa nicht gehört, Mutter, dass man mit vollem Mund spricht, selbst dann nicht, wenn man um ein Gespräch nicht gebeten hat, sondern nur mithilfe zigfachen Klingelns aus dem Schlaf gerissen wurde, einem durch Arbeit im Schweiße seines Angesichts wohlverdienten Schlaf, wie ich noch anmerken möchte, wenn du also sagst, dass sich ebendies nicht gehört, wie kannst du dann in Gottes Namen davon ausgehen, dass es in Ordnung sei, jemanden, der nachts sein Geld verdient, der die ganze Nacht, die ganze gottverdammte Nacht arbeitet, um sein Brot sauer zu verdienen, wenn ich das mal so sagen darf, so jemanden also aus dem Schlaf zu reißen, stumpf hundertmal das Telefon klingeln zu lassen, obwohl einem dann klar sein muss, dass derjenige entweder nicht da ist oder schläft, wie also kannst du davon ausgehen, dass sich so etwas gehört? Ganz zu schweigen davon, dass, wenn du die Frage, warum du um sieben Uhr aufstehst, mehr als schlicht mit den Worten ›warum nicht‹ beantwortest, sich natürlich auch umgekehrt die Frage stellt, warum du dich darüber wunderst, dass ich um zehn Uhr noch schlafe, wo doch die Frage, warum ich das tue, ebenso leicht mit der Antwort ›warum nicht‹ beantwortet werden könnte, wenn das überhaupt eine Antwort ist und nicht etwa eine völlig unzulässige Gegenfrage!«

So, dachte Herr Lehmann, das musste einmal gesagt werden. Wobei es ihm andererseits jetzt, wo er ein bisschen aufgewacht war und er seinem Ärger in einer längeren Rede hatte Luft machen können, auch ein bisschen leidtat, seiner Mutter so eine Standpauke gehalten zu haben. Er war sich nicht sicher, ob das wirklich hatte sein müssen, es gehört sich eigentlich nicht, so mit seiner Mutter zu reden, dachte er, schließlich liebt man seine Mutter, sie hat einem das Leben geschenkt, dachte Herr Lehmann, so viel ist sicher, und dass sie nicht die Hellste ist, ist gewiss nicht ihre Schuld, dachte Herr Lehmann, sie ist eben nur eine einfache Frau, dachte er, obwohl ihm der Begriff »einfache Frau« dabei unangenehm aufstieß, das ist kein guter Begriff, »einfache Frau«, dachte er, das ist bourgeoiser Bildungsbürgerscheiß, dachte Herr Lehmann.

»Ernst, willst du nicht mal mit ihm sprechen? Er redet so komisch!«

»Mutter, was soll das denn jetzt?«

Aus der Tiefe der fernen Wohnung seiner Eltern war ein abwehrendes Gemurmel zu hören.

»Immer soll ich ihn anrufen«, hörte Herr Lehmann seine Mutter sagen. »Dabei war es doch deine Idee …«

»Was jetzt, Mutter, was ist los? Willst du lieber erst mal in Ruhe mit deinem Mann sprechen? Und dann später noch mal anrufen? Denk an die Kosten«, spielte Herr Lehmann einen weiteren Trumpf aus.

Aber seine Mutter hörte nicht zu. Herr Lehmann, der nur mit einer Unterhose bekleidet war, und er ging immer mit Unterhose ins Bett, seit ihm einmal eine frühere Freundin erklärt hatte, dass es unhygienisch sei, nackt zu schlafen, und dass die dauernde Kochwäscherei verschmutzter Laken, um die Herr Lehmann sie im Übrigen nie gebeten hatte, eine Umweltsauerei ersten Ranges sei, versuchte die Zeit, in der seine Mutter damit beschäftigt war, einen wahrscheinlich auch schon ins dreißigste Jahr gehenden Konflikt nicht erkalten zu lassen, dadurch zu nutzen, dass er in die Küche hinüberging, um dort unter äußerster Anspannung beider Telefonschnüre, sowohl der glatten, aber dennoch stets verwickelten wie auch der von Natur aus spiralförmigen, einige Gläser Leitungswasser zu trinken und einen Kessel Kaffeewasser aufzusetzen.

»Hallo, hallo«, rief er in den Hörer, während er mühsam den Gasherd entzündete, und: »Ich bin auch noch da!«, während er zwei Löffel Kaffee in einen Becher tat, aber in Wirklichkeit genoss er diese Atempause, trotz der schwierigen Kopfhaltung, die er einzunehmen gezwungen war, um am Ball zu bleiben.

»Du sagst doch immer, dass wir ihn anrufen sollen, und ich soll das dann immer tun.«

»Hab … nicht …«

»Das ist ja nun die Höhe. Wer hat denn gerade …«

»Was kann ich dafür, dass …«

»… seit Jahren schon, und immer heißt es hinterher, das hätte ich aber …«

»Ich habe nicht gesagt, dass …, ich habe nur gesagt, dass ihm einer Bescheid …«

»Und was soll das nun wieder heißen, dass ihm einer Bescheid sagen muss, wer soll das denn sein, wenn nicht ich?«

»Was Bescheid sagen?«, warf Herr Lehmann in den Äther, während er, der er Kaffeemaschinen nicht leiden konnte und sowieso der Meinung war, dass der Filter in der Geschichte des Kaffees einen der größten Irrtümer überhaupt darstellte, weil der direkt aufgegossene Kaffee viel gesünder war, schon deshalb, weil auf diese Weise all jene Schwebstoffe, die der Filter sonst zurückhielt, dazu beitrugen, die Wirkung des Koffeins über eine längere Zeit zu verteilen und damit einen negativen Effekt auf den Kreislauf in jeder Form zu verhindern, sich etwas aufgoss, was er, seit seine alte Kaffeemaschine nicht mehr funktionierte, euphemistisch als Cowboykaffee bezeichnete.

»WAS BESCHEID SAGEN?«, schrie er in den Hörer, nicht so sehr aus Erregung, sondern in dem schlichten Bedürfnis, dem Wahnsinn ein Ende zu machen. »HALLO, HALLO, MUTTER, HALLO MUTTER, HALLO, MUTTER, MUTTER …«

In diesem Moment, und das war Herrn Lehmann, der eigentlich schon lange nichts mehr darauf gab, was die Nachbarn von ihm dachten, weil er sie allesamt für asoziale Vollidioten hielt, vor allem dann, wenn sie ihrer Vorliebe für Kurzgebratenes frönten und das Treppenhaus und manchmal sogar seine Wohnung mit billigem Fett ausräucherten, dann doch unangenehm, klopfte es laut durch die Wand. Das ist die blöde Schnappe mit den Rastalocken, dachte er, und ihm wurde bewusst, was für Missverständnisse entstehen konnten, wenn ausgerechnet diese Frau mit anhörte, wie er laut und ohne Unterlass nach seiner Mutter schrie.

»Was willst du denn, Frank?«, meldete sich ebendiese Mutter zurück.

»Mutter, du hast mich angerufen, hast du das vergessen? Ich stehe hier rum und höre euch bei euren Streitereien zu …«

»Das ist doch kein Streit, wie kommst du jetzt darauf, dass wir uns streiten, Streit ist ja nun wirklich was ganz …«

»Denk an die Kosten«, ermahnte Herr Lehmann seine Mutter aufs Neue. »Und sag mir endlich, was du eigentlich willst, bitte«, erniedrigte er sich hinzuzufügen, »bitte Mutter, was willst du eigentlich?«

»Also, man kann seinen eigenen Sohn ja wohl auch mal ohne Grund …«

»Ja, Mutter«, unterbrach Herr Lehmann beschwichtigend, »ja, natürlich.«

»… da braucht man ja wohl wirklich keine Rechenschaft abzulegen, wenn man den eigenen Sohn …«

»Ja, Mutter! Ist schon gut«, bemühte sich Herr Lehmann eine Situation zu entspannen, von der er wusste, dass sie unendlich weit eskalieren konnte, hier war alles möglich, bis hin zu Tränen.

»Wir kommen nach Berlin!«

Darauf war Herr Lehmann nicht vorbereitet, das war ein harter Schlag. So hart, dass Herr Lehmann schwieg. Sie kommen nach Berlin, sie kommen nach Berlin, dachte er und konnte es sich einfach nicht vorstellen.

»Frank, bist du noch da?«

»Ja, Mutter. Wieso kommt ihr nach Berlin?«

»Aber Junge, das wollten wir doch immer schon mal.«

»Davon«, sagte Herr Lehmann gereizt, »habe ich noch nichts gemerkt. In den ganzen Jahren, in denen ich jetzt hier wohne, habe ich davon noch nichts gemerkt, Mutter, dass ihr nach Berlin kommen wollt.«

»Aber sicher doch, da war doch oft die Rede von.«

»Nein, Mutter«, sagte Herr Lehmann, »davon war nie die Rede. Es war immer die Rede davon gewesen, dass ihr nicht nach Berlin kommen wollt, weil euch das mit der DDR nicht geheuer ist und mit durch den Ostblock fahren und so, und dass ihr euch nicht von den Vopos demütigen lassen wollt und der ganze Quatsch.«

»Aber Frank, wirklich, das ist doch heute alles gar nicht mehr so schlimm, nun stell dich mal nicht so an.«

»Ich? Wieso ich? Was heißt denn jetzt, ich soll mich nicht so anstellen?«

»Das sind doch ganz olle Kamellen, das ist doch schon lange nicht mehr so schlimm heute, da gibt es doch Verträge und so.«

»Das habe ich immer gesagt, ihr habt aber gesagt …«

»Jetzt stell dich doch nicht so an wegen ein paar Polizisten, wir haben ja nun wirklich nichts verbrochen, da brauchen wir gar nichts zu befürchten.«

»Ich stelle mich nicht an.«

»Das klang mir aber eben noch ganz anders.«

Das bringt jetzt nichts, dachte Herr Lehmann resigniert. Man kommt nicht dagegen an.

»Wann kommt ihr denn?«, wechselte er das Thema.

»Das ist eine ganz tolle Sache«, sagte seine Mutter. »Das ist alles inklusive, Busfahrt, Hotel und ein Theaterbesuch.«

»Ja, aber wann kommt ihr denn?«

»Das ist ein Theater am Kurfürstendamm, da soll der Ilja Richter mitspielen, das heißt, das heißt … Ernst, wie heißt das noch mal, was die da spielen? … Na, in dem Theater! … Natürlich, mit dem Ilja Richter … Was? … Nein, der doch nicht … Bist du sicher?«

»MUTTER!«

»Harald Juhnke, das ist mit Harald Juhnke, sagt dein Vater«, sagte Herrn Lehmanns Mutter.

»Mutter, wann? Wann kommt ihr denn nun, verdammt noch mal?!«

»Ach so, das ist noch ein bisschen hin, das ist Ende Oktober erst, wann ist das noch mal, Ernst?«

»Ende Oktober«, entfuhr es Herrn Lehmann heftiger als er wollte. »Ende Oktober, verdammte Scheiße, das ist ja noch sechs Wochen hin oder länger oder was …« Er war sich über das heutige Datum nicht ganz sicher, es war nur irgendwie Anfang September, so viel war klar. »Ihr kommt Ende Oktober, und da rufst du mich heute schon deswegen an?« Aber eigentlich ist es falsch, hier zu protestieren, dachte er gleichzeitig, das ist ungerecht, es ist nur fair, wenn man lange vorher gewarnt wird, so etwas will vorbereitet sein.

»Aber freust du dich denn gar nicht? Und was soll das heißen, mit solchen Wörtern zu kommen, wenn die …«, ab diesem Moment wurde die Stimme von Herrn Lehmanns Mutter brüchig, und er wusste, dass jetzt alle Dämme brechen würden, »… eigenen Eltern zu Besuch kommen, und das nach all den Jahren, wo du schon da wohnst, und ich hatte mich schon so gefreut, endlich mal zu sehen …«, jetzt war der Tränenfluss in vollem Gange, Herr Lehmann konnte das an ihrer Stimme hören, die dennoch nicht in diesen Tränen erstickte. Sie kann das gleichzeitig, dachte Herr Lehmann, volle Pulle weinen und normal weiterreden, dachte er, sich selbst in eine tiefe Erbitterung hineinsteigernd, immer und immer weiterreden, »… wie du eigentlich lebst«, fuhr seine Mutter fort, »und dann das Restaurant, wo du arbeitest, und was du für Freunde hast, und überhaupt muss man doch …«

»Wollt ihr mich jetzt besuchen oder wollt ihr mich überwachen?«, entfuhr es Herrn Lehmann, der eigentlich lieber nachgeben und ihr versichern wollte, was sie sowieso wissen müsste, dass er nämlich nichts gesagt hatte, was darauf hindeutete, dass er sich nicht auch freute, dass man im Gegenteil ja sogar froh sein konnte, wenn der eigene Sohn es bedauerte, dass es noch so lange hin war, bis sie kamen, aber das wollte er nicht, das wäre die vollendete Niederlage gewesen, und mit den vollendeten Niederlagen bei seiner Mutter musste jetzt mal Schluss sein. So darf das nicht ausgehen, dachte er, dann ist der ganze Tag versaut. Ihm fiel ein, wie er neulich bei seinem besten Freund Karl im Fernsehen eine Sendung über Depressive gesehen hatte, und die eine Frau hatte gesagt: »Morgens ist es am schlimmsten, da fängt der Tag an«, und genauso ging es ihm jetzt, deshalb musste er irgendetwas tun, er musste eine letzte Attacke wagen.

»Überwachen? Überwachen? Was denkst du denn von uns?«, kam es derweil schrill aus Bremen herüber, das Weinen war schon wieder vorüber, es kommt und geht wie ein tropischer Regen, dachte Herr Lehmann.

»Warum kommt ihr nicht noch ein bisschen später?« Herr Lehmann hatte diese plötzliche Eingebung und wusste, dass er zurück im Spiel war.

»Wieso? Was ist denn da?«, fragte seine Mutter misstrauisch.

»Na denk mal nach …«

»Aber Frank, was soll denn das jetzt!«

»Hast du meinen Geburtstag vergessen, oder was?« Herr Lehmann hasste diesen Quatsch, aber was, dachte er, soll man machen, im Krieg ist jedes Mittel recht.

»Wieso soll ich deinen Geburtstag vergessen haben?«, kam es aus dem Hörer. »Der ist doch erst im November.«

»Ja nun, aber wenn schon, denn schon«, sagte Herr Lehmann triumphierend.

»Das ist doch noch lange hin, wieso fängst du denn jetzt damit an?«

»Das ist nicht viel länger hin als die Sache, wegen der du angerufen hast.«

»Welche Sache?«

»Na, die mit eurem Ding, dass ihr nach Berlin kommt.«

»Ach so, das ist doch was ganz anderes, das ist Ende Oktober.«

»Ende Oktober, Anfang November, wo ist da der große Unterschied? Du hast meinen Geburtstag vergessen«, sagte Herr Lehmann fröhlich. »Du hast eine Reise nach Berlin gebucht und vergessen, dass ich kurz danach dreißig Jahre alt werde.«

»Ach Unsinn, wie sollte ich das vergessen?«

»Das frage ich mich auch«, sagte Herr Lehmann erheitert. Ich habe gewonnen, dachte er.

»Eine Mutter vergisst so etwas nicht. Dreißig, mein Gott, schon dreißig Jahre. Das weiß ich doch. So alt schon! Und mir ist es immer noch, als wäre es gestern gewesen, dass ich dich in meinem Arm hielt …«

»Ja, ja …«, versuchte Herr Lehmann nun doch wieder abzuwiegeln.

»… so ein kleines und schmächtiges Ding, was du warst. Und wir hatten so viele Sorgen wegen dir! Immer warst du krank.«

»Ja, ja, okay!«

»Und geschrien hast du auch so viel, ganz anders als dein Bruder. Deinen Geburtstag vergessen, so ein Quatsch. Eine Mutter würde niemals den Geburtstag ihres Kindes vergessen.« Und dann hörte Herr Lehmann, wie seine Mutter in ihre Wohnung hineinrief: »Ernst, können wir auch noch eine Woche später fahren?«

»Schon gut, Mutter«, rief Herr Lehmann, der nichts weniger wollte als das, aber der Faden war schon wieder gerissen, und er lauschte noch einmal einige Zeit einem aufgeregten Gemuffel auf der anderen Seite der Leitung, von dem er diesmal leider gar nichts verstehen konnte, weil seine Mutter daran gedacht hatte, ihre Sprechmuschel mit der Hand zu bedecken. Er saß mittlerweile an dem kleinen Tisch in seiner kleinen Küche, in einer etwas schrägen, ungesunden Körperhaltung, damit die Leitung reichte, und probierte jetzt erst einmal seinen Kaffee. Der einzige Nachteil bei Cowboykaffee, dachte er, besteht darin, dass es unmöglich ist, dafür zu sorgen, dass sich wirklich alle Kaffeekrümel setzen, denn das tun sie im Grunde genommen, dachte er, Kaffee muss sich setzen, Tee darf ziehen, kam ihm ein alter Spruch seiner ostpreußischen Großmutter in den Sinn, und darum, dachte Herr Lehmann, ist der Kaffeefilter als solcher natürlich völlig sinnlos, aber trotzdem gibt es immer ein paar Krümel, die an der Oberfläche bleiben, das ist komisch, dachte Herr Lehmann und fragte sich, was mit diesen Krümeln los war, dass sie sich so ganz anders als ihre Kollegen verhielten.

»Nein«, meldete sich seine Mutter wieder, »das geht leider nicht. Das ist wirklich schade.«

»Warum nicht?«, fragte Herr Lehmann grausam und fügte, um noch einen draufzusatteln, hinzu: »Schließlich wird man nur einmal dreißig!«

»Ich weiß, ich weiß«, Herr Lehmann konnte förmlich hören, wie seine Mutter sich am anderen Ende der Leitung vor Bedauern krümmte, »aber da haben die Meierlings ihre Silberhochzeit, die rechnen ja fest mit uns, das können wir nicht mehr absagen. Du bist doch trotzdem Ende Oktober in Berlin, oder nicht? Du kommst da ja sowieso nie raus!«

»Hm, das hängt davon ab …«, sagte Herr Lehmann genüsslich.

»Aber wir kommen doch extra wegen dir.«

»Fällt mir schwer zu glauben, Mutter.«

»Frank!« Das kam jetzt beinahe flehentlich. »Wenn wir nach all den Jahren mal nach Berlin kommen … Es tut mir ja leid wegen deinem Geburtstag, wenn ich gewusst hätte, dass dir das so wichtig ist …«

»Na ja, so wichtig ist das auch wieder …«

»Es tut mir wirklich leid, dass es später nicht geht.«

»Genau.«

»Wir konnten ja nicht wissen, dass dir das so viel bedeutet.«

»Na ja, so schlimm ist das auch wieder nicht.«

»Und ich hatte im Februar Geburtstag, da warst du auch nicht hier. Und dein Bruder auch nicht. Da solltest du vielleicht nicht so drauf rumreiten, auf deinem Geburtstag.«

»Hm …«

»Und wenn wir schon mal nach Berlin kommen, da kannst du ja wohl mal für uns da sein.«

»Sicher, klar.«

»Das ist ein Wochenende, am 28. und 29. Oktober ist das.«

»Ich werd’s mir aufschreiben, Mutter, damit ich das nicht vergesse, ich mach mir gleich einen Zettel.«

»Wenn wir schon mal nach Berlin kommen, da müssen wir uns doch sehen.«

»Ja klar, Mutter.«

»Also wirklich!«

Herr Lehmann seufzte. Na gut, dachte er. Na gut, Mutter: Einigen wir uns auf Unentschieden.

3. FRÜHSTÜCK

Dass es eine blöde Idee gewesen war, an einem Sonntag und um diese Zeit die Markthallenkneipe aufzusuchen, hätte Herrn Lehmann, das dachte er sofort, als er nicht lange nach dem Anruf seiner Mutter die Markthallenkneipe betrat, eigentlich vorher klar sein müssen. Warum bin ich bloß hierhergekommen, dachte er, welcher Teufel hat mich geritten, hier reinzugehen, fragte er sich, als er noch in der Nähe der Tür, aber immerhin schon in der Markthallenkneipe stand und mit einem Blick die ganze traurige Wahrheit erfasste: dass es nämlich überhaupt keinen Sinn ergab, an einem Sonntag die Markthallenkneipe aufzusuchen, was auch ein Grund dafür war, dass er den Sonntag an sich so sehr hasste, weil ihm nämlich an den Sonntagen der nahe liegende Weg aus seiner Wohnung heraus und in die Markthallenkneipe hinein immer durch eine geradezu unmenschliche Ansammlung von Frühstückern, die sich hier immer sonntags wie auf ein Kommando einfanden, verleidet wurde.

Es ist unmöglich, dachte Herr Lehmann, während er völlig sinnlos in der Nähe der Tür stand und den Raum links von ihm und die darin befindlichen Menschen beobachtete, sich hier auch nur zehn Sekunden lang aufzuhalten, dieser Frühstückskram macht alles kaputt, wie er jeden Sonntag alles kaputt macht, dachte er und blickte der Vollständigkeit halber noch einmal in die andere Richtung, nach rechts, wo es zu den Toiletten ging und wo nur wenige Tische standen, die aber, wie zu erwarten, ebenso besetzt waren von Frühstückern, wie überhaupt nach Herrn Lehmanns Beobachtung alle Kneipen der Stadt an den Sonntagen besetzt waren von Frühstückern. Der Frühstücker, dachte er zerstreut, während er einem mageren Mädchen, das er komischerweise gar nicht kannte und das sich mit einem riesigen Tablett an ihm vorbeiquälte, auswich, ist ja der Feind an sich, und es ist sonntags immer Frühstückszeit, dachte er, jedenfalls bis 17 Uhr, auch in der Markthallenkneipe, obwohl sie behauptet, auch Restaurant zu sein, was es in diesem Fall nicht besser macht, dachte Herr Lehmann.

Eine Kneipe, die auch Frühstück serviert, sollte sich nicht Restaurant nennen dürfen, dachte Herr Lehmann, während er noch immer nichtsnutzig in der Nähe des Eingangs stand und sich nicht wenig blöd dabei vorkam, es ist unwürdig, wenn Köche, so denn diese sogenannten Restaurants überhaupt richtige Köche beschäftigen, sich mit dem Aufstapeln von Käse- und Wurstscheiben auf Tellern beschäftigen. Und schlimm ist es auch für die Leute hinter dem Tresen, dachte er, die durch die Frühstücker so dermaßen beansprucht werden, dass sie nicht einmal ihre Freunde und Kollegen bemerken, wenn diese in der Nähe des Eingangs stehen und sich nicht zu helfen wissen, dachte Herr Lehmann. Es sollte Pflicht und moralischer Anspruch der Besitzer bzw. Betreiber von Restaurants sein, auch wenn sie Erwin heißen und meinen, jede blöde Mark mitnehmen zu müssen, dachte er, diese Restaurants, auch wenn sie vielleicht nebenher noch Kneipen sind, wogegen an sich nichts zu sagen ist, denn getrunken wird immer, das ergibt ja noch irgendwie einen Sinn, dachte er, von den Frühstückern als solchen freizuhalten, denn das sind die allerunerträglichsten Menschen überhaupt, dachte Herr Lehmann, während er noch immer wie bestellt und nicht abgeholt in der Nähe der Eingangstür stand und nicht weichen wollte, weil er den Frühstückern, die dort alles okkupierten, den Triumph nicht gönnte, ausgerechnet ihn aus der Markthallenkneipe zu vertreiben. Es ist kein Wunder, dachte er, dass einen die eigenen Kumpels nicht wahrnehmen und einem dabei helfen, einen freien Tisch und ein bisschen Ruhe zu finden, wenn sie sich gleichzeitig mit solch einem Frühstückergesocks herumschlagen müssen, wie es hier frei herumläuft.

Warum ist zum Beispiel ein Begriff wie Orangensaft geschützt, sodass nur aus hundert Prozent Orangen hergestellter Orangensaft Orangensaft heißen darf, dachte Herr Lehmann, dem langsam, während er noch immer ratlos in der Nähe des Eingangs stand, die Beine schwer wurden, während der andere Kram je nach Fruchtgehalt aber Orangennektar oder Fruchtsaftgetränk mit Orangengeschmack heißen muss, nicht aber der Begriff Restaurant, obwohl der Begriff Restaurant bei Weitem schützenswerter ist als etwa der Begriff Orangensaft, dachte er, vor allem vor den Frühstückern ist der Begriff Restaurant zu schützen, nicht aber der Begriff Orangensaft, das ergäbe keinen Sinn, ging es ihm immer sinnfreier durch den vom Schnapsgebrauch ungewöhnlich verkaterten Kopf, während er noch immer in den großen, wenigstens nicht mit Musik beschallten Raum hineinstarrte, in dem niemand, aber auch niemand Anstalten machte, einen kompletten Tisch zu räumen, was der einzige Ausweg für Herrn Lehmann gewesen wäre, außer der sofortigen Flucht natürlich, die ihm jetzt als das Beste erschien, wäre sie nicht mit Kapitulation und anschließender Ratlosigkeit verbunden gewesen.

Er war in seiner Verzweiflung fast bereit, sich irgendwo dazuzusetzen, das tat er auch an den anderen Tagen der Woche manchmal, aber natürlich nicht an einen Tisch, an dem jemand frühstückte, was nach Herrn Lehmanns Erfahrung nicht nur eine ganz und gar absurde, sondern auch eine unangenehm raumgreifende Tätigkeit war, die aber, das fiel ihm auch jetzt, während er noch immer trotzig in der Nähe des Eingangs stand, wieder auf, für die Frühstücker der ganze Lebensinhalt zu sein schien, sie lebten darin auf, wie sie da andächtig Tellerchen hin und her schoben, Wurstscheiben auseinanderfieselten, Eier köpften, Salatgarnituren, die gar nicht zum Essen gedacht waren, zusammengefaltet in ihre Münder schoben, Käserinden abschnitten und im Zeitlupentempo Brötchen öffneten, sie aßen nicht nur Unsinn, was an sich schon schlimm genug war, sondern frönten vor allem einem gemeinschaftlichen Ritual, dessen ganzer Sinn darin bestand, davon war Herr Lehmann jetzt überzeugt, ihm den Besuch der Markthallenkneipe unmöglich zu machen.

Das sind ja Wahnsinnige, dachte Herr Lehmann maßlos, während er, wie auf ein Wunder wartend, in der Nähe der Tür inmitten eines unerträglichen Hin und Hers verharrte, belästigt von Leuten, die sich im Vorbeigehen wie sexuell unterzuckert an ihm rieben, obwohl er doch rücksichtsvoll darauf achtete, dass so viel Raum zwischen ihm und dem nächsten Hindernis blieb, dass auch der letzte motorische Idiot Platz zum reibungsfreien Vorbeikommen finden konnte. Frühstück, schon das Wort ist hassenswert, wenn man so darüber nachdenkt, dachte er, was soll das überhaupt heißen, Frühstück, Frühstück, das frühe Stück, wahrscheinlich haben das mal irgendwelche Bauern erfunden, dachte er, während er immer wieder seine Position verändern musste, um den Frühstückern auszuweichen, die dauernd irgendwo aufstanden und auf dem Weg von irgendwo nach irgendwo, zum Klo und zurück oder wie auch immer, niemals aber das Lokal verlassend, was das einzig Akzeptable gewesen wäre, ihn bedrängten, irgendwelche Bauern, dachte er, die sich schon vor Sonnenaufgang irgendwelche Stücke von irgendwas auf ein Messer gespießt in den Mund schieben, bevor sie rausgehen und ihre Knechte verprügeln, dachte er. Aber noch biederer und noch hässlicher als das Wort Frühstück sind die Frühstücker, wollte er sich innerlich nicht beruhigen, während er dort noch immer stand und darauf wartete, dass man ihn bemerkte, was ihm langsam peinlich wurde. Auch Frühstücker sind Menschen, gab er innerlich zu, aber warum müssen sie ihr furchtbares Hobby ohne Scham in die Öffentlichkeit tragen, dachte er, ohne in seiner Rage noch Halt zu finden, sie sind wie Nudisten oder Swinger oder so, dachte er, sie heben fettige Finger, und dann sagen sie Dinge wie »Kann ich noch ein Ei haben?« oder »Ich hatte noch einen Milchkaffee bestellt«, dachte Herr Lehmann, und dabei merken sie gar nicht, wie furchtbar das ist.

Ich sollte jetzt wirklich gehen, das bringt hier nichts, dachte Herr Lehmann, während er noch immer in der Nähe des Eingangs stand und nun wirklich absolut keine Lust mehr hatte, sich das noch weiter anzuschauen. Es ist auf nichts und niemanden mehr Verlass, nicht einmal auf Kollegen und alte Freunde, dachte er, und er hatte sich schon zur Tür umgedreht und mit dem endgültigen Verlassen der Markthallenkneipe nur noch ein wenig warten müssen, weil andere Leute, die ebenfalls gerade gingen, dabei aber keinen ganzen Tisch frei gemacht hatten, wie er bedauernd feststellte, sich vorgedrängelt hatten, als er seinen Namen rufen hörte.

»Frank!«

Natürlich wusste er, dass er gemeint war, und er wusste natürlich auch, wer ihn da rief, er hatte schließlich lange genug auf diesen Ruf gewartet, aber dennoch war er versucht, ihn zu ignorieren und trotzdem zu gehen. Das würde Karl ganz recht geschehen, dachte er, obwohl, dachte er gleich wieder, das ist ungerecht, Karl kann ja nichts dafür, die Frühstücker sind schuld, dachte Herr Lehmann, obwohl er Karl natürlich sofort gesehen und sich schon darüber gewundert hatte, dass sein bester Freund Karl heute Morgen überhaupt hier arbeitete, im Gegensatz zu Heidi, bei der er sich nicht gewundert hatte, weil sie fast immer morgens arbeitete, denn sie machte gerne Frühstücksschichten und war auch sonst etwas seltsam. Bei seinem Freund Karl war das etwas anderes, sein bester Freund Karl arbeitete zwar in der Markthallenkneipe, aber natürlich machte er immer nur die Spätschichten, so wie Herr Lehmann im Einfall auch, darin waren sie sich seit je einig gewesen, dass Frühstücksschichten das Dämlichste waren, was es gab. »Wir sind keine Kellner und keine Milchkaffee-Aufschäumer«, hatte sein bester Freund Karl immer gesagt, wenn sie auf das Thema Frühstücksschichten zu sprechen kamen, und das war selten genug, denn das Thema Frühstücksschichten war für sie beide überhaupt kein Thema, sie machten so etwas nicht, kein Wunder also, dass Herr Lehmann seinen besten Freund Karl sofort entdeckt hatte, denn als einer, der mit diesem ganzen Frühstückskram nie etwas zu tun gehabt hatte, fiel er hier besonders auf, er passte hier nicht rein, nicht um diese Zeit. Außerdem war Karl, als der Riesenschrank von einem Mann, der er war, groß, breit und stark, nirgendwo zu übersehen, schon gar nicht, wenn er hinter einem Tresen stand.

Herr Lehmann drehte sich also, als sein bester Freund Karl ihn endlich bemerkt hatte und seinen Namen rief, um. Karl hatte beide Hände im Spülwasser und grinste zu ihm herüber. Dann zog er die Hände aus dem Becken und winkte mit zwei großen Biergläsern, dass es nur so spritzte. Ohne lange darüber nachzudenken, warum es um diese Tageszeit, die ja leider vor allem Frühstückszeit war, überhaupt so große Biergläser abzuwaschen gab, weil gerade für Herrn Lehmann in seinem jetzigen Zustand völlig auf der Hand lag, dass hier an einem Sonntagmorgen auch viel Apfelsaftschorle durch die Kehlen ging, ging Herr Lehmann zu ihm hin.

»Was machst du denn schon hier?«, rief ihm sein bester Freund Karl entgegen. »Das ist doch gar nicht deine Zeit.«

»Das wollte ich eigentlich dich fragen. Und was essen«, sagte Herr Lehmann.

»Dann setz dich doch irgendwo hin«, sagte sein bester Freund Karl, »ich bring dir gleich die Karte.«

»Ich weiß nicht, das ist doch Scheiße hier!«

Sein bester Freund Karl lachte. Karl ist immer gut gelaunt, dachte Herr Lehmann, das ist seltsam bei ihm, dass er immer so gut gelaunt ist. »Das nervt doch hier«, platzte es aus ihm heraus, »das nervt doch, mein Gott, guck dir die Scheiße doch mal an«, und irgendwie bedauerte er es, dass er das so sagte, dass es so hart herauskam, das klingt so negativ, das kann man jetzt bei Karl nicht bringen, dachte er, man müsste positiver sein, irgendwie besser gelaunt, dachte Herr Lehmann.

»Quatsch, da ist doch noch Platz genug«, widersprach ihm sein bester Freund Karl, »setz dich doch einfach irgendwo dazu!«

»Das ist doch Scheiße, dazusetzen.«

Sein bester Freund Karl seufzte. »Da hinten, der große Tisch, da sitzt nur ein einziger Typ dran.«

»Hab ich jetzt keinen Bock drauf«, sagte Herr Lehmann, dem seine Aufsässigkeit sehr unangenehm war. Aber der Gedanke, mit einem Fremden, selbst wenn der nicht frühstückte, am selben Tisch zu sitzen und am Ende sogar noch angesprochen zu werden, und sei es nur auf die ganz blöde Tour wie »Kannst du mal den Aschenbecher rüberschieben« oder so, war ihm noch viel unangenehmer. Der Tag hatte durch den Anruf seiner Mutter schlimm begonnen, und wenn er es recht bedachte, hatte der Tag davor auch schlimm geendet, und er wollte ja nicht viel, nur seine Ruhe und eine kleine Ecke für sich allein.

Sein bester Freund Karl seufzte. »Dann nimm halt den kleinen Zweier dort«, er wies auf einen ganz kleinen Tisch mit zwei Stühlen in der Nähe der Schwingtür zur Küche, »der ist ja nun wirklich frei.«

»Nein, nein, das geht nicht«, sagte Herr Lehmann, »der ist fürs Personal, das kann ich wirklich nicht machen …«

»Frank!«, sagte sein bester Freund Karl resolut. »Halt jetzt die Klappe und setz dich da hin.«

»Kann ich nicht bringen«, sagte Herr Lehmann, der sich auf seine Prinzipien allerhand zugutehielt. »Was sagen denn dann die anderen, mit so was soll man gar nicht erst anfangen.«

»Heidi«, rief sein bester Freund Karl zu der Frau hinüber, die in diesem Moment mit einem Messer in der Orangensaftpresse herumstocherte. »Hast du was dagegen, wenn Herr Lehmann sich an den kleinen Tisch setzt?«

»Nerv mich jetzt nicht«, rief sie zurück, ohne aufzusehen.

»Interessiert kein Schwein«, sagte sein bester Freund Karl.

»Sag mal«, lenkte Herr Lehmann, dem jede Sonderbehandlung zuwider war, obwohl er in diesem Fall, das musste er sich eingestehen, ein bisschen auf den kleinen Personaltisch spekuliert hatte, schnell ab, »was machst du eigentlich hier?« Und wieso bist du so gut gelaunt, hatte er anhängen wollen, tat es aber lieber nicht, weil er dann hätte zugeben müssen, selbst eher schlecht gelaunt zu sein, und das würde ihn noch weiter ins Unrecht setzen, als es schon dadurch der Fall war, dass er einen Tisch okkupierte, der dem Personal vorbehalten war.

»Bin eingesprungen«, sagte sein bester Freund Karl fröhlich, »direkt aus dem Orbit hierher, war gar nicht mehr im Bett. Erwin hat mich um neun am Telefon erwischt, da kam ich gerade nach Hause. Ich weiß auch nicht, wie der das immer macht.«

Herr Lehmann musterte neugierig das Gesicht seines besten Freundes, was nicht so einfach war, weil dieser jetzt wieder mit Feuereifer Gläser spülte. Herr Lehmann konnte keinerlei Müdigkeit darin erkennen, was schon deshalb seltsam war, weil sein bester Freund Karl auch schon so alt war wie er selbst. Ich sollte ein härterer Knochen sein, dachte Herr Lehmann, so wie Karl, der würde sich niemals durch einen Hund und einen Anruf seiner Mutter aus der Bahn werfen lassen, darum nennt ihn auch niemand Herr Schmidt, dachte Herr Lehmann und fühlte sich dadurch nur noch elender.

»Ich setz mich dann mal hin«, sagte er. Karl nickte nur, und mit müden Knochen schleppte Herr Lehmann sich an den kleinen Tisch, der eigentlich dem Personal vorbehalten war.

»Der ist nicht frei, der ist nur fürs Personal«, sagte das magere Mädchen, das ihm vorhin schon aufgefallen war, und das er nicht kannte.

»Sag ich doch«, murmelte Herr Lehmann und stand, rot geworden, wieder auf.

»Das ist okay«, sagte Heidi, die in diesem Moment vorbeikam. »Herr Lehmann darf das.«

»Herr Lehmann?!«, sagte das dürre Mädchen mit einem, wie Herr Lehmann fand, unangemessen ironischen Unterton. »Herr Lehmann, aha! Arbeitest du auch hier?«

»Ich arbeite auch für Erwin, aber ich will wirklich nicht …«, sagte Herr Lehmann, dem das jetzt unangenehm war, zumal er allgemeine Aufmerksamkeit erregte, an den Tischen ringsum wurden die Köpfe gehoben, man starrte ihn geradezu an, und Herr Lehmann hatte nicht übel Lust, das Wort an diese Leute zu richten und etwas zu sagen, was ihm, wie er wusste, später leidtun würde, weshalb er es auch nicht tat. Heute ist nicht der Tag, ausfallend zu werden, dachte er, ich hätte niemals aufstehen und ans Telefon gehen dürfen, das und das Schnapstrinken, das waren die Fehler, dachte Herr Lehmann.

»Jetzt setz dich einfach mal hin«, sagte Heidi, fasste ihn an den Schultern und drückte ihn zurück auf den Stuhl. »Darum kümmer ich mich selber«, fügte sie, an das dürre Mädchen gewandt, hinzu. Herr Lehmann, den das alles irgendwie an die Notaufnahme des Urbankrankenhauses erinnerte, in der er mal wegen einer akuten Nebenhodenentzündung vorgesprochen hatte, war Heidi sehr dankbar.

»Wie geht’s denn so, Herr Lehmann? Willst du was trinken?«

»Weiß nicht. Erst mal ein großes Glas Leitungswasser.«

»Du siehst ganz schön mitgenommen aus, Herr Lehmann.«

»Schön, dass du das sagst, Heidi. Aber die Kombination aus Herr Lehmann sagen und duzen ist das Übelste, was es gibt. Es gibt nichts Schlimmeres, außer vielleicht Nebenhodenentzündung.«

»Hast du eine Nebenhodenentzündung?«

»Nein, Heidi, nein. Ich habe keine Nebenhodenentzündung. Ich habe Durst.«

»Du hast einen Kater, Herr Lehmann. Immer wenn du einen Kater hast, bist du nicht zum Aushalten. Ich schick dir mal Karl.«

»Denk an das Wasser.«

Kurz darauf kam sein bester Freund Karl mit einem Weizenbierglas voll Leitungswasser.

»Das sieht ja ekelhaft aus«, sagte Herr Lehmann. »War das Glas auch richtig sauber?«

»Okay«, sagte sein bester Freund Karl, »was willst du lieber trinken?«

»Weiß nicht. Pfirsichsaft?«

»Haben wir nicht, Frank, das ist der einzige Saft, den wir aus irgendeinem Grund nicht haben. Und du weißt das.«

»Ja nun, dann weiß ich auch nicht …«

»Frank, komm schon, hier ist die Karte, willst du einen Kaffee?«

»Nee, hab ich schon zu Hause so viel von getrunken, lieber irgendwas Erfrischendes. Irgendwie … Kirschsaft vielleicht?«

»Bist du sicher, dass du Kirschsaft willst?«

»Na ja, was weiß ich, also …«

»Ich bring dir mal ein Bier.«

»Aber nicht vom Fass, bloß nicht vom Fass.«

»Schon klar …«

Sein bester Freund Karl brachte ihm ein Beck’s, setzte sich ihm gegenüber und seufzte. Herr Lehmann nahm einen vorsichtigen ersten Schluck und sah seinem besten Freund Karl dabei zu, wie er sich die Augen rieb. Plötzlich sieht er doch müde aus, dachte er, auf Dauer kann so etwas nicht gut gehen, dauernd durchmachen und so, auf Dauer fordert das Alter seinen Tribut, dachte er und nahm einen zweiten Schluck, worauf er merkte, dass er Hunger hatte.

»Ich brauch keine Karte«, sagte er entspannt.

»Was willst du denn?«

»Schweinebraten«, sagte Herr Lehmann, der nie etwas anderes aß, wenn er in der Markthallenkneipe war.

»Frank!«

»Was denn?«

»Frank, es ist elf Uhr. Kannst du nicht irgendein Frühstück bestellen, wie alle anderen auch?«

»Frühstück«, sagte Herr Lehmann, der sich schon viel besser fühlte. »Frühstück, das ist doch Quatsch ist das.«

»Ich weiß. Nimm doch das amerikanische«, sagte sein bester Freund Karl, und es lag eine Erschöpfung in seiner Stimme, die es Herrn Lehmann dann doch leidtun ließ, dass er solche Umstände machte. »Das sind Spiegeleier mit Speck und Bratkartoffeln, das ist doch okay.«

»Nee, danke.«

»Manchmal könnte ich dich an die Wand klatschen, Frank, vor allem, wenn du einen Kater hast. Die Hütte ist gestopft voll, wir haben eine neue Frau an den Tischen, die nichts rafft, und außerdem noch eine neue Frau in der Küche, was meinst du, was die mir um die Ohren haut, wenn ich der jetzt mit Schweinebraten komme.«

»Du hast Angst vor einer Frau in der Küche?«

»Du kennst die nicht. Die hat sogar Koch gelernt. Richtig gelernt.«

»Na und?«

»Die kann man nicht einfach so rumschubsen …«

»Wieso rumschubsen? Was hat Schweinebraten mit rumschubsen zu tun?«

»Frank, stell dich nicht blöd.« Sein bester Freund Karl stand auf und grinste erschöpft. »Na ja, mir soll’s egal sein. Ich schick sie dir raus, du kannst ja mal selber mit ihr sprechen.«

Besorgt sah Herr Lehmann, der sich nun wünschte, er hätte die Eier genommen, obwohl es Frühstückskram war und man in seinem Alter, wie er fand, mit Cholesterin nicht vorsichtig genug sein konnte, seinem besten Freund Karl hinterher, wie er in die Küche wankte. Ich muss ein bisschen mehr auf ihn aufpassen, dachte Herr Lehmann, manchmal übernimmt er sich. Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden und ihm sagen, dass er sich lieber öfter hinlegen sollte, dachte er, aber das würde er sicher als Anmaßung betrachten.

»Die kommt gleich raus, rede du mal schön selbst mit ihr«, sagte sein bester Freund Karl, als er zurückkam, und klopfte ihm auf die Schulter. »Willst du noch ein Bier? Obwohl, wenn ich mir dich so ansehe, dann denke ich, du solltest dich lieber noch ein bisschen hinlegen, Alter. Du siehst irgendwie angegangen aus, würde ich mal sagen.«

Herr Lehmann wollte etwas erwidern, aber sein bester Freund Karl war schon wieder hinter dem Tresen und wusch Gläser.

Herr Lehmann gab sich für einen Moment der Müdigkeit hin. Sein bester Freund Karl hätte das nicht sagen sollen, dass er angegangen aussah. Und Heidi schon gar nicht. So was sagt man nicht, dachte er, wenn einem einer so was sagt, dann geht es einem gleich schlecht, egal ob zu Recht oder nicht, dachte er. Und jetzt, da der Zorn auf seine Mutter und die Frühstücker und die Hunde und überhaupt das ganze Elend dieser Welt verraucht war, war er wieder furchtbar müde, zumal das erste Bier auch die Kopfschmerzen, die ihn vor allem aus dem Haus getrieben hatten, ein bisschen verscheucht hatte. Das dürre Mädchen, das ihn zuvor von seinem Platz hatte verscheuchen wollen, stellte ihm wortlos ein neues Bier hin.

Als er diese zweite Flasche anbrach, war sie plötzlich da. Sie ließ sich ihm gegenüber auf den anderen Stuhl fallen und musterte ihn kritisch. Sie war groß, kräftig und schön. Er hatte noch den Flaschenhals im Mund, als sie ihn ansprach:

»Ist es da nicht ein bisschen früh für?«

Herr Lehmann setzte die Flasche ab.

»Wofür?«

»Beides. Bier und Schweinebraten.«

»Find ich nicht.« Herr Lehmann wusste, dass dies ein harter Kampf werden würde, der seine ganze Konzentration erforderte. Darum nahm er seinen Blick von ihrem großen Busen und begann schon einmal, seine Argumente zu sortieren.

»Das merke ich«, sagte sie trocken.

»Was wofür früh ist und was wofür spät ist«, begann Herr Lehmann eine Stegreiftheorie zu entwickeln, »ist allein Gegenstand der gesellschaftlichen Verabredung. Oder sagen wir mal so …«, wechselte er die Richtung, um gar nicht erst auf die schiefe soziologische Bahn zu geraten, »wenn es okay ist, dass hier so Volldeppen bis siebzehn Uhr frühstücken, dann wird es ja wohl auch okay sein, um elf Uhr einen Schweinebraten zu bestellen.«

»Ich würde es lieber andersherum ausdrücken«, kam es unbeeindruckt aus dem Mund der schönen Frau, die, wie Herr Lehmann jetzt bemerkte, eine richtige Arbeitskleidung trug, eine, wie man sie sonst nur von Fernsehköchen kannte, eine weiche Hose mit kleinen weißen und blauen Karos und ein weißes, langes Kittelhemd, das seltsam geknöpft und blütenrein weiß war, im Gegensatz zu dem schmutzigen Lappen, der an einer dünnen Kette um ihre vollen Hüften baumelte, was man aber jetzt, da sie saß, nur sehen konnte, wenn man genauer hinsah, was Herr Lehmann kurz einmal tat, »wenn die Welt schon mit Arschlöchern vollgestopft ist, die bis 17 Uhr frühstücken, wieso brauchen wir dann auch noch Knallchargen, die um elf Uhr schon Schweinebraten bestellen?«

Herr Lehmann war begeistert. So hatte er noch nie eine Frau reden hören. Eigentlich wollte er überhaupt keinen Schweinebraten mehr, aber wenn sie so mit ihm sprach, hatte er natürlich keine Lust, die Sache fallen zu lassen.

»Was ist schon dabei, einen Schweinebraten zu machen?«, fragte er. »Der ist doch sowieso von gestern Abend, da schneidet ihr doch nur was ab, ein bisschen kalte Soße drüber und ab in die Mikrowelle, das kenne ich doch, da erzählt mir keiner was.«

»Soso, da erzählt dir keiner was!«, sagte sie unbeeindruckt und steckte sich eine Zigarette in den Mund. »Kannst du mal den Aschenbecher rüberschieben?«

Herr Lehmann schob ihr den Aschenbecher rüber.

»Nein, da erzählt mir keiner was.«

»Und wenn ich dir sage, dass kein Schweinebraten von gestern Abend da ist? Was ist dann?«

Herr Lehmann hätte jetzt doch gern die Unterhaltung in andere Bahnen gelenkt. Warum, dachte er, kann ich nicht mit ihr darüber reden, wie alt sie ist, wie sie heißt und was sie macht, wenn sie heute fertig ist?

»Dann sage ich, dass es jetzt vielleicht erst Viertel nach elf ist, aber ab halb eins geht hier der normale Mittagessenscheiß los, und dann braucht ihr sowieso Schweinebraten.«

»Und wenn ich dir sage, dass ich auch nicht von gestern bin, und dass der Schweinebraten schon im Ofen ist, und dass der noch eine Stunde braucht, und dass du bis dahin höchstens so ein Scheißfrühstück haben kannst wie die anderen Penner hier auch« – sie wedelte mit der Zigarette in der Luft herum, als wollte sie den ganzen Raum segnen, und alles, was darin war, und außerdem erhob sie die Stimme, damit, wie es Herrn Lehmann schien, alle etwas davon hatten, »diese ganzen Brötchenkauer hier mit ihrer Scheißwurst und ihrem Scheißkäse und dem ganzen Mist, der hier so über den Tisch geht, wenn ich dir also sage, dass du höchstens irgend so einen Quatsch haben kannst und dass, wenn du gerne Schweinebraten essen willst, du vielleicht um halb eins, wo ja, wie du zu wissen scheinst, das Mittagessen hier losgeht, du gerne noch einmal anklopfen kannst, aber ganz nett, und dass du dann vielleicht einen richtig guten Schweinebraten, wenn nicht gar den Schweinebraten deines Lebens haben kannst, bis dahin aber vielleicht sowieso zu besoffen bist, um das noch zu merken, wenn ich dir das sage, was sagst du dann, du …« – sie beugte sich vor und pustete Zigarettenrauch aus – »… Klugscheißer?«

Es verstrichen einige Sekunden, in denen Herr Lehmann sich entscheiden musste, wie er weiter vorgehen sollte. Sollte er einlenken? Sollte er zugeben, dass sie recht hatte? Sollte er ein amerikanisches Frühstück bestellen? Sollte er einfach das Thema wechseln? Sie etwa fragen, ob sie über ihren schwarzen Haaren, die sie hinten zusammengebunden hatte, in der Küche auch eine Kochmütze trug? Andererseits: Sollte er sich wirklich widerstandslos als Klugscheißer bezeichnen lassen?

»Zum Beispiel«, sagte er, »würde ich sagen, wenn ich denn gefragt werde, dass es hier sonntags um zehn Uhr losgeht, und dass die Küchenleute, zu denen du ja wohl gehörst, bestimmt schon um halb zehn hier sind, und dass, wenn du um halb zehn einen Schweinebraten vorbereitest, dieser Schweinebraten ja wohl um elf Uhr so weit fertig sein müsste, dass man ein Stück davon abschneiden kann, und scheiß auf die Kruste, ich nehm ihn auch ohne Kruste, und von Knödeln wollen wir gar nicht reden, Bratkartoffeln sind auch okay, und Bratkartoffeln habt ihr sowieso, die sind ja auch bei diesem amerikanischen Frühstück dabei, dass also der Schweinebraten schon so weit sein müsste, dass man ein Stückchen, es müsste ja nur das äußerste sein, für mich abschneiden könnte, egal, ob die Kruste noch nicht kross ist, da scheiß ich drauf, ich finde sowieso, dass die Kruste überschätzt wird, dass man ein paar Bratkartoffeln dazutun könnte, Soße findet sich immer, und fertig ist das Gartenhäuschen, das würde ich sagen …«, auch Herr Lehmann beugte sich nun vor, »… Klugscheißer, der ich nun mal bin!«

Es folgte eine kleine Pause, in der sie ruhig und unbeeindruckt rauchte und ihn beobachtete. Herr Lehmann wünschte sich plötzlich, er würde auch rauchen. Vor allem aber wünschte er sich, er würde nicht einen solchen Unsinn daherreden. Das ist doch alles Quatsch, sie muss mich ja hassen, dachte er, ich würde mich jedenfalls hassen, wenn ich Koch wäre und mir jemand mit so einem Scheiß kommen würde, dachte Herr Lehmann.

»Soso, auf die Kruste kommt es also nicht an«, sagte sie schließlich.

»Nein, auf die Kruste kommt es nicht an.«

»Dir nicht oder allgemein nicht?«

»Allgemein ist mir egal.«

»Gibt’s hier noch mehr von deiner Sorte?«

»Nein.«

»Na«, sagte sie, drückte ihre Zigarette aus und stand auf, »dann ist ja gut.«

»Okay«, sagte Herr Lehmann, der nicht wollte, dass sie schon ging, »dann warte ich noch ein bisschen. Ist ja sowieso bald halb eins.«

»Ich kann natürlich auch einen halb fertigen Schweinebraten aus dem Ofen ziehen und verstümmeln. Weil wir so gute Freunde sind.«

»Nein, nein, das muss nicht sein, ist nicht so wichtig.«

»Was bist du eigentlich? So ’ne Art Bundeskanzler, oder was?«

»Schon gut, schon gut.«

»Also mir ist das eigentlich scheißegal. Kann ich ja in Zukunft immer machen. Demnächst gibt’s dann auch noch halb gekochte Kartoffeln für alle.«

»Nein, wirklich, keine Umstände! Ich nehm erst mal noch ein Bier. Vielleicht lese ich auch eine Zeitung. Oder einen Kaffee.«

Sie blieb noch kurz stehen. Ihre Blicke trafen sich und Herr Lehmann glaubte zu sehen, dass sie ihn nicht wirklich hasste, was ihn sehr erleichterte. Dann lächelte sie.

»Trink nicht so viel«, sagte sie und tippte, als sie an ihm vorbeikam, ganz kurz mit dem Finger auf seine Schulter. »Der Tag ist noch lang.«

»Ja«, sagte er und wollte noch etwas hinzufügen, aber er wusste nicht was, und sie war schon wieder in der Küche verschwunden.

Herr Lehmann seufzte und trank sein Bier aus. Dann bestellte er sich einen Kaffee. Der Tag war noch lang. Er hatte sich verliebt.

4. MITTAGESSEN

Herr Lehmann bekam seinen Schweinebraten kurz vor zwölf Uhr von seinem besten Freund Karl mit den Worten »Mit bestem Gruß von der schönen Köchin« serviert, und kurz danach setzte sich die schöne Köchin selbst wieder an seinen Tisch und sah ihm beim Essen zu. »Ist es okay, wenn ich rauche?«, fragte sie.

»Ja sicher.«

»Sollte man eigentlich nicht machen.«

»Seh ich nicht so eng.«

»Und, wie ist er, der Schweinebraten?«

»Ja, ist sehr gut, super, wirklich.«

»Dann ist ja gut.«

»Ja, ist super. Der beste, den ich hier je gegessen habe.«

»Du brauchst hier nicht gleich rumzuschleimen.«

»Ich schleim nicht rum. Mach ich nie.«

»Dann ist ja gut.«

»Ja. Seit wann arbeitest du eigentlich hier?«

»Das ist jetzt meine zweite Schicht.«

»Hat Erwin dich eingestellt?«

»Der Typ, dem das hier gehört? So einer mit langen, dünnen Haaren?«

»Ja. Schon etwas schütter, möchte ich sagen.« Es ist immer gut, über Erwin zu sprechen, dachte Herr Lehmann, da kann man nicht viel falsch machen.

»Ja, der hat mich eingestellt. Komischer Typ.«

»Wieso?«

»Weiß nicht … irgendwie komisch.«

»Soso.«

»Weiß auch nicht.«

»Na ja, er hat schon was Spezielles«, räumte Herr Lehmann ein. »Erwin ist Schwabe, die halten hier alles am Laufen.«

»Kennst du Karl eigentlich schon lange?«

»Wir sind irgendwie alte Freunde. Wir haben mal zusammen gewohnt. Am Anfang, als ich nach Berlin kam. Du kommst aber auch nicht von hier, oder?«

»Wieso?«

»Na ja, du klingst eher so, als ob du aus meiner Gegend kommst.«

»Was meinst du mit klingen?«

»Na ja, so halt.«

»Was ist denn deine Gegend?«

»Bremen und so.«

»Ich komm aus Achim. Wenn du das kennst.«

»Achim, das ist doch Richtung Verden, ist da nicht auch der Grundbergsee?«

»Nicht eigentlich.«

»Da waren wir mal auf dem Campingplatz. Ich meine, meine Eltern und mein Bruder und so. Als ich klein war.«

»Auf dem Campingplatz? Am Grundbergsee?«

»Ja.«

»Klingt nach einer tollen Jugend, das muss ich schon sagen. Camping am Grundbergsee, sehr glamourös. Das hat Klasse.«

»Sehr witzig, hm? Tolle Sache, da kann man als Landei so richtig drüber ablachen, oder was?«

»Vorsicht, Vorsicht.«

»Für uns war das Spielen mit Kuhfladen wenigstens eine Abwechslung, nicht wie bei euch in Achim.«

»Was weißt du schon von Achim. Du weißt ja nicht mal, wo das liegt.«

»Immerhin habe ich am Grundbergsee schwimmen gelernt.«

»Das ist natürlich viel wert.«

»Unbedingt.«

»Am Grundbergsee schwimmen gelernt, Wahnsinn.«

»Irgendwo muss man’s ja lernen.«

»Sicher, klar, ganz toll.«

»Und es ist schwieriger, im Süßwasser schwimmen zu lernen als im Salzwasser, da hat man nicht so viel Auftrieb.«

»Logisch. Sehr gut beobachtet.«

»Und arschkalt war’s auch.«

»Das macht die Sache dann noch schwieriger.«

»Ja.«

»Dann ist ja gut.«

»Und wie wird man Koch, wenn man in Achim wohnt?«

»Köchin!«

»Okay, okay, wie wird man Köchin, wenn man in Achim wohnt?«

»Hab’s in Bremen gelernt. Im Ibis-Hotel.«

»Im Ibis-Hotel?«

»Ja, verdammt noch mal, im Ibis-Hotel. Sprech ich irgendwie undeutlich, oder was?«

»Nein. Aber das ist auch nicht gerade superglamourös, im Ibis-Hotel kochen lernen.«

»Du bist ja wohl die Art Typ, die von allem was versteht, was? Vom Schweinebraten, vom Grundbergsee, von Achim, vom Schwimmenlernen, von Süßwasser und Salzwasser, von Hotels, vom Kochlernen … – da bist du überall Experte, oder was? Da kannst du locker mitreden.«

»Ich hab mit dem Quatsch nicht angefangen, glamourös. Und wer über den Grundbergsee lästert, sollte dies bedenken: Das Ibis-Hotel an sich ist praktisch der Grundbergsee unter den Hotels.«

»Soll ich jetzt das Scheiß-Ibis-Hotel hier verteidigen, oder wie? Außerdem habe ich über den Grundbergsee nicht gelästert. Über den Grundbergsee kann man gar nicht lästern, der ist einfach bloß da. Ich kenn den Grundbergsee überhaupt nicht, wenn du es genau wissen willst.«

»Aha!«

»Was machst du denn überhaupt, wenn du mal nicht gerade am Rumnerven bist?«

»Ich arbeite auch für Erwin. Aber nicht hier. Im Einfall auf der Wiener Straße, kennst du vielleicht.«

»Nein. Kenn ich nicht.«

»Wie lange bist du schon in Berlin?«

»Was geht ’s dich an?«

»Nur so …«

»Wenn du ’s genau wissen willst: seit einem Monat.«

»Seit einem Monat?«

»Na und? Irgendwas dabei?«

»Nein, nein, schon gut. War nicht so gemeint. Ich bin seit 1980 in Berlin, das sind jetzt schon neun Jahre.«

»Na und? Und da soll ich jetzt Beifall klatschen, oder was?«

»So war das nicht gemeint.«

»Da ist man wohl ein ganz toller Hecht, wenn man hier schon neun Jahre wohnt, oder was? Ist mir schon aufgefallen, dass da einige ganz stolz drauf sind, wie lange sie schon in Berlin wohnen. Ist ja auch eine ganz tolle Leistung, hier zu wohnen. Tun ja bloß zwei Millionen Leute, hier wohnen. Ganz große Sache. Supertoll.«

»Das mein ich doch gar nicht.«

»Ach nein, er meint das nicht so, ganz klasse. Ich wohn seit 1980 hier«, äffte sie ihn nach. »Gibt’s dafür auch irgendwie Schulterklappen oder so? Ihr Typen seid doch sowieso nur alle wegen der Bundeswehr hier.«

»Hallo, hallo, ich habe gesagt, ich hab das nicht so gemeint.« Warum, dachte Herr Lehmann, sind die Frauen, in die ich mich verliebe, immer so empfindlich?

»Wie denn sonst?«

»Na ja, irgendwie … nur so eben, ich meine, ich wollte … jedenfalls wohne ich schon lange nicht mehr in Bremen, hätte ja sonst sein können …«

»Was?«

»Nix.«

»Dann ist ja gut.«

»Ja.«

»Genau.«

»Außerdem bin ich nicht wegen der Bundeswehr nach Berlin gekommen.«

»Soso, toll.«

»So schlau war ich nicht.«

»Hätt ich auch nicht vermutet.«

»Dann ist ja gut.«

»Genau.«

»Ja.«

»Und was machst du da, in der Kneipe, wie heißt die noch mal?«

»Einfall.«

»Soso. Einfall, toller Name.«

»Ich hab’s nicht erfunden.«

»Und was machst du da?«

»Na hinterm Tresen stehen natürlich.«

»Und das findest du gut, oder was?«

»Wie, gut finden?«

»Na, ob du das gut findest eben. Hinterm Tresen stehen und die Leute abfüllen. Das ist doch kein Lebensinhalt!«

»Moment mal«, sagte Herr Lehmann. »Was soll das heißen, Lebensinhalt? Lebensinhalt ist doch ein total schwachsinniger Begriff. Was willst du damit sagen, Lebensinhalt? Was ist der Inhalt eines Lebens? Ist das Leben ein Glas oder eine Flasche oder ein Eimer, irgendein Behälter, in den man was hineinfüllt, etwas hineinfüllen muss sogar, denn irgendwie scheint sich ja die ganze Welt einig zu sein, dass man so etwas wie einen Lebensinhalt unbedingt braucht. Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Fass vielleicht? Oder eine Kotztüte?«

Sie starrte ihn verblüfft an.

»Oder was? Ist das so?«, setzte Herr Lehmann nach.

»Was weiß ich, das sagt man halt so.«

Das reicht jetzt, dachte Herr Lehmann, ich sollte damit aufhören. Ich überfahre sie, dachte er, das geht nicht gut. »Lebensinhalt ist doch eine Scheißmetapher, das steht ja wohl mal fest«, fuhr er dennoch fort, »aber selbst wenn man sie verwendet, was soll das denn dann sein? Gibt es irgendeinen, der mir das mal sagen kann? Kann ich jetzt zu einem von den Leuten hier an den Tisch gehen und ihn fragen: Entschuldigung, kannst du mir mal ein, zwei Lebensinhalte nennen? Nix! Nix! Aber alle glauben, es gibt so was. Und keiner denkt darüber nach. Wenn man von Lebensinhalt spricht, dann sieht man das Leben nur als Gefäß, als Mittel zum Zweck, in das es etwas hineinzufüllen gilt, statt dass man sich vielleicht mal darüber klar wird, dass das Leben einen Wert an sich hat und dass man, wenn man sich dauernd damit beschäftigt, es mit Inhalt zu füllen, das vielleicht überhaupt nicht kapiert. Aber bleiben wir ruhig beim Bild des Lebens als Gefäß«, konnte er sich nicht bremsen. »Ein Gefäß, in das man etwas hineinfüllen muss, kann es so lange nicht sein, wie mir keiner sagen kann, was genau dieses Hineinzufüllende eigentlich sein soll. Dann kann man es nur noch andersherum sehen, wenn man an der Metapher festhalten will: Dann ist das Leben ein Gefäß, das man gefüllt hingestellt bekommt, und zwar gefüllt mit Zeit. Und in diesem Gefäß ist ein Loch drin und die Zeit fließt unten raus, so ist das nämlich, wenn man überhaupt von einem Gefäß sprechen will. Und Zeit, das ist das Blöde daran, kann man nicht nachfüllen.«

»Ich habe doch gar nicht von einem Gefäß gesprochen.«

»Das ist doch jetzt mal eben egal«, sagte Herr Lehmann. Romantisch ist das nicht, dachte er, romantisch ist was anderes. »Du hast mit Lebensinhalt angefangen. Und wenn man von Lebensinhalt spricht, dann muss man das auch zu Ende denken. So ein Wort will durchdacht sein. Was also hat die Tatsache, dass man in einer Kneipe arbeitet, mit Lebensinhalt zu tun? Das ist doch der letzte Scheiß, Lebensinhalt. Man lebt und erfreut sich dran, das reicht doch völlig.« Gleich steht sie auf und geht, dachte er, und dann habe ich ’s verkackt auf lange Zeit.

Die schöne Köchin wirkte aber nicht verärgert, eher erstaunt. »Mein Gott, wie kann man sich über ein einzelnes Wort so aufregen. Ist doch egal, ob ich Lebensinhalt sage oder was anderes, du weißt doch, was gemeint ist.«

»Nein, weiß ich nicht. Ich weigere mich zu wissen, was gemeint ist, wenn man mir Dinge, die mein Leben betreffen, madig machen will, ohne dass man darüber nachdenkt, was man eigentlich sagt.«

»Jedenfalls ist das kein vernünftiger Beruf. Man kann doch nicht nur in einer Kneipe arbeiten.«

»Aha!« Herr Lehmann reckte einen Zeigefinger in die Höhe und nahm ihn gleich wieder runter. Jetzt auch noch der Zeigefinger, dachte er, das wird ja immer schlimmer. »Da kommen wir der Sache schon näher. Man kann also nicht nur in einer Kneipe arbeiten. Was ist denn so schlimm daran? Wieso kann man nicht nur in einer Kneipe arbeiten?«

»Weil das doch viel zu öde ist.«

»Finde ich nicht.«

»Machst du denn nicht noch was anderes?«

»Wieso fragt einen dauernd einer, ob man noch was anderes macht?« Ich rede gar nicht mit ihr, dachte Herr Lehmann bedauernd, eigentlich rede ich mit dem Rest der Welt, und sie bekommt es ab. »Und die meisten, die ich kenne, sagen dann: Ja, ich arbeite in einer Kneipe, aber eigentlich mache ich Kunst, eigentlich mache ich Musik in einer Band, eigentlich studiere ich, eigentlich, eigentlich, und alle meinen damit, dass sie das nicht auf Dauer machen werden, dass irgendwann das richtige Ding losgeht, so wie Karl mit seinen Skulpturen und so, ich meine, nichts gegen Karl und seinen Kram da, aber was ist das für ein trauriger Umgang mit dem, was man tut, wenn man es immer nur als Zwischenlösung ansieht, als nichts Richtiges?«

»Was für Skulpturen?«

»Das ist doch jetzt mal egal. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Warum ist das eine etwas wert, das andere aber nicht? Wenn ich jetzt sagen würde, eigentlich bin ich Künstler, dann würde doch jeder sagen: Ach so, na dann, alles klar. Aber was ist so schlimm daran, einfach nur hinterm Tresen zu stehen, und das auch noch gerne zu tun? Die ganze Stadt ist voller Kneipen, warum denn? Es gibt mehr Kneipen als Kirchen oder Galerien oder Konzerthäuser oder Clubs oder Discos oder was weiß ich was. Die Leute mögen das, sie gehen gerne in Kneipen. Es ist gut und nützlich, in einer Kneipe zu arbeiten. Es macht den Leuten genauso viel Spaß, in eine Kneipe zu gehen wie in ein Museum oder in ein Konzert. Warum wollen dann immer alle Künstler sein oder sonst was, aber keiner will jemand sein, der nur in einer Kneipe arbeitet. Würdest du einen Künstler fragen, warum er nicht mal was anderes macht? Zum Beispiel in einer Kneipe arbeiten? Na ja«, lenkte Herr Lehmann lächelnd ein, froh, eine kleine Abschwächung gefunden zu haben, »tatsächlich gibt es sogar viele Künstler, die irgendwann eine Kneipe aufmachen. So gesehen habe ich doppelt recht, weil ich mir den Umweg über die Kunst gleich spare.«

»An Kunst habe ich überhaupt nicht gedacht. Was hat denn jetzt die Kunst damit zu tun? Ich habe bloß gesagt …«

»Die Leute gehen in eine Kneipe und besaufen sich«, unterbrach Herr Lehmann sie. Das ist nicht gut, dachte Herr Lehmann, es ist nicht gut, wenn ich sie unterbreche. »Manche mehr, manche weniger. Und das macht ihnen Spaß. Wie würde das Leben der Leute in dieser Stadt aussehen, wenn es keine Kneipen oder Cafés, oder wie auch immer die Dinger sich nennen, gäbe. Was ist gegen eine Arbeit zu sagen, die darin besteht, den Leuten etwas zu bieten, was sie gern haben? Lebensinhalt! Vielleicht sind die Leute hinterm Tresen die Einzigen, die so was wie Lebensinhalt geben. Vielleicht füllen wir ja den Lebensinhalt in die Leute rein, Mund auf, Lebensinhalt rein, fertig.«

»Moment mal, das ist jetzt ganz schön primitiv. Entweder gibt es jetzt einen Lebensinhalt, den man oben reinfüllen kann, und das soll dann auch noch was zu saufen sein, oder nur den, der unten rausläuft, wie du vorhin noch lang und breit erklärt hast.«

»Die Zeit, ja sicher. Aber sieh’s mal so: Wenn man was getrunken hat, läuft die Zeit langsamer.«

Sie dachte kurz nach. »Nein, sie läuft schneller. Man selber wird langsamer, und deshalb kriegt man nicht mehr alles mit, was passiert. Also läuft die Zeit schneller.«

»Nix da, langsamer. Wenn man was getrunken hat, und um einen herum läuft alles schneller ab, dann liegt das daran, dass für einen selber die Zeit langsamer abläuft. Man selber hat mehr Zeit. Oder nimmt sich mehr Zeit. Wenn einer viel getrunken hat und er geht aufs Klo, dann braucht er vielleicht doppelt so lange, wie wenn er nüchtern ist. Das heißt, er nimmt sich mehr Zeit. Und das kann er nur, weil er mehr Zeit hat.«

»Totaler Quatsch. Genau umgekehrt ist es richtig. Wenn man betrunken ist, dann erlebt man in derselben Zeit viel weniger. Man schafft also zum Beispiel in einer bestimmten Zeit auf dem Weg zum Klo nur drei Schritte statt wie sonst sechs. Das heißt aber doch, dass die Zeit schneller gelaufen ist. Nehmen wir mal an, man braucht normalerweise für sechs Schritte drei Sekunden, und betrunken braucht man für sechs Schritte sechs Sekunden, dann ist bei derselben Sache die Zeit doppelt so schnell gelaufen, also ist für den Betrunkenen die Zeit doppelt so schnell.«

Sie ist gut, dachte Herr Lehmann voller Respekt, sie ist gut. Und sie hat wahrscheinlich auch noch recht, dachte er.

»Moment, Moment«, sagte er. »Das gilt aber nur, wenn man die Zeit als etwas Absolutes nimmt. So geht das aber nicht. Meiner Meinung nach ist das wie mit einer Sanduhr. Der nüchterne Sand rinnt schneller raus als der betrunkene Sand, und deshalb ist mit betrunkenem Sand die Zeit langsamer.«

»Betrunkener Sand?«

»Na ja, jetzt mal metaphorisch gesprochen.«

»Also das ist jetzt aber wirklich eine blöde Metapher. Ich meine, wie kann man sich über ein Wort wie Lebensinhalt aufregen und dann mit betrunkenem Sand kommen, das ist doch Schwachsinn.«

»Ist es nicht.«

»Ist es wohl. Außerdem ist es, wenn wir darüber reden, wie für wen die Zeit verläuft, in welchem Tempo und so weiter, völlig daneben, gleichzeitig den Begriff ›sich Zeit nehmen‹ ins Spiel zu bringen, das ist nämlich was ganz anderes. Wenn der eine für sechs Schritte drei Sekunden braucht, der andere aber sechs Sekunden, dann verläuft für den Letzteren die Zeit schneller, weil schon sechs Sekunden um sind, bis er etwas hingekriegt hat, was der andere in drei Sekunden schafft.«

»Falsch, falsch, falsch. Das ist totaler Quatsch. Die Sekunden sind ja nicht absolut, sondern richten sich nach äußeren Gegebenheiten. Sechs Schritte sind so oder so drei Sekunden. Drei nüchterne Sekunden für den Nüchternen und drei betrunkene Sekunden für den Betrunkenen, so sieht das aus. Deshalb ist das mit dem betrunkenen Sand nicht falsch, im Gegenteil. Während der Betrunkene sechs Schritte geht, vergehen für ihn drei betrunkene Sekunden, während gleichzeitig für den Nüchternen, der vielleicht am Zigarettenautomaten steht, während der Betrunkene seine Schritte macht, sechs Sekunden vergehen. Darum läuft für den Betrunkenen die Zeit langsamer als für den Nüchternen. Er hat eine andere Zeit als der Nüchterne. Wenn man diese beiden Zeiten, die nüchterne und die betrunkene, miteinander vergleicht, dann geht die Zeit für den Betrunkenen eindeutig langsamer.«

Sie lächelte. Die Sache schien ihr zu gefallen. Sie hat Feuer gefangen, sie steht auf so was, dachte Herr Lehmann, das ist gut. Er war sehr verliebt.

»Das ist unlogisch«, sagte sie. »Je schneller jemand ist, desto langsamer vergeht die Zeit. Das ist wie mit einer Eintagsfliege. Für die ist ein Tag das ganze Leben. Deshalb erwischt man die auch so schwer. Sie sieht deine Hand, die dir beim Zuschlagen schnell vorkommt, ganz langsam auf sich zukommen und kann deshalb ganz locker wegfliegen. Weil ihre Wahrnehmung schneller ist.«

»Du meinst, weil die Eintagsfliege eine schnellere Wahrnehmung hat, vergeht die Zeit für sie langsamer.«

»Ja, natürlich. Und nüchterne Leute sind schneller in der Wahrnehmung als betrunkene, also kriegen sie mehr mit, also haben sie mehr von der Zeit, also vergeht die Zeit für die nüchternen Leute langsamer.«

Vielleicht hat sie recht, dachte Herr Lehmann fasziniert, vielleicht aber auch nicht. Er beschloss, den Notausgang zu nehmen. »Und warum lebt die Eintagsfliege dann nur einen Tag?«, fragte er.

»Haha. Willst du jetzt etwa sagen, dass Betrunkene länger leben?«

»Das wäre eine Möglichkeit.«

»Ich glaube, du bist völlig bescheuert.«

»Kann schon sein.«

»Macht ja nichts.«

»Nein, irgendwie nicht.«

»Dann ist ja gut.«

»Ja.«

»Hört mal, ihr beiden Turteltäubchen«, sagte Karl, der, von beiden unbemerkt, an ihren Tisch gekommen war, »wie ich sehe, habt ihr euch prima miteinander angefreundet, aber ich glaube, du musst mal wieder in die Küche zurück. Ich meine, ich sage das ungern, aber …«

»Okay, okay.«

»Was meinst du, Karl? Vergeht die Zeit schneller oder langsamer, wenn man betrunken ist?«

»Über so was redet ihr miteinander? Na, da haben sich ja zwei gefunden.«

»Nicht ausweichen. Das ist wichtig.«

Karl dachte kurz nach. »Ich glaube, sie läuft schneller. Aber am nächsten Morgen gleicht sich das wieder aus.«

»Na bitte«, sagte die schöne Köchin zufrieden lächelnd.

»Aber über so was reden nur Suffköppe«, sagte Karl. »Und nur abends am Tresen.«

»Stimmt nicht. Langsamer läuft die Zeit, wenn man trinkt, und am nächsten Morgen wieder schneller.«

»Frank, echt mal, Katrin muss wieder in die Küche.«

»Ich sag nichts mehr. Ist ja auch egal. Jedenfalls …«

»Lass mal. Ich muss jetzt in die Küche. Vielleicht später. Ich gehe nachher schwimmen. Ins Prinzenbad. Du kannst ja auch hinkommen.«

»Herr Lehmann und schwimmen, das möchte ich gerne mal sehen«, sagte Karl.

»Ich kann schwimmen.«

»Genau. Er hat’s gelernt. Am Grundbergsee.«

»Ich glaube, hier läuft irgendwas, was ich nicht verstehe.«

»Der Grundbergsee hat übrigens mit Achim nichts zu tun«, sagte Katrin und stand auf. »Der Grundbergsee ist an der Autobahn nach Hamburg, bei Oyten oder so, und Achim ist an der Autobahn nach Hannover.«

»Wann gehst du denn schwimmen?«

»Wenn ich hier fertig bin. Aber vorher gehe ich erst noch mal nach Hause. So gegen sechs bin ich dann da.«

»Ich war schon lange nicht mehr im Prinzenbad. Ist das überhaupt noch offen?«

»Das ist bis Mitte September geöffnet«, sagte Karl. Und zu Katrin: »Das möchte ich noch einmal im Leben sehen, dass Herr Lehmann ins Prinzenbad geht!«

»Kannst du dir ja überlegen«, sagte sie und ging in die Küche.

Herr Lehmann verrenkte sich den Hals, um ihr hinterherzugucken.

»Hm«, sagte sein bester Freund Karl. »Oyten, Achim, Grundbergsee, Autobahn, das klingt ja mächtig romantisch. Macht ihr beide einen Heimatkundezirkel?«

Herr Lehmann sagte nichts. Er versuchte nachzudenken.

»Heh, Frank, was geht da ab?«, ließ sein bester Freund Karl nicht locker und knuffte ihn in die Schulter. »Worüber denkst du nach? Wie das noch mal war mit dem Brustschwimmen?«

»Über nichts«, sagte Herr Lehmann, der sich gerade ein gemeinsames Leben mit Katrin, der schönen Köchin, die jetzt auch einen Namen hatte, vorzustellen versuchte.

»Willst du noch ein Bier?«

»Nein«, sagte Herr Lehmann abwesend. »Ich glaube, ich leg mich erst mal wieder hin.«

»Das ist immer gut«, sagte sein bester Freund Karl.

5. KAFFEE UND KUCHEN

Scheiße, dachte Herr Lehmann, ich muss aufwachen. Und das tat er dann auch. Wenn er nachmittags schlief, hatte er immer wilde Träume, und meistens gefiel ihm das ganz gut, es ist besser als Fernsehen, dachte er oft, zumal er keinen Fernseher mehr hatte, seit sein kleines Schwarz-Weiß-Gerät nicht mehr funktionierte und er Fernsehen am Nachmittag sowieso immer deprimierend gefunden hatte. Aber das hier war zu hart gewesen. Als er aufwachte, war er am ganzen Körper schweißnass, was nicht nur von der drückenden Hitze kam, die über der ganzen Stadt lag, in der es, wie er schätzte, etwa gegen fünf Uhr am Nachmittag war. In seinem Traum war es Nacht gewesen, eine Nacht der finsteren Sorte, und er war durch die Manteuffelstraße gelaufen, bis er in einem Hochhaus angekommen war, das gedroht hatte einzustürzen, sofern nicht bald die Hunde kämen, er hatte auf dem Balkon auf sie gewartet, weil er nicht hatte hinuntergehen können, denn auf der Treppe waren die Männer von der Bierlieferung gewesen und hatten alles blockiert. Es ist sicher der Alkohol, dachte er und verrieb beim Aufstehen den Schweiß auf seiner nackten Brust und wollte sich schon in die Duschkabine in der Küche stellen, als ihm einfiel, dass das gar nicht nötig war, weil er ohnehin ins Prinzenbad gehen musste, um Katrin, die schöne Köchin, wie sein bester Freund Karl sie genannt hatte, zu treffen.

Noch vor dem Hinlegen hatte er die dafür nötigen Dinge zusammengesammelt: eine Badehose, nach der er lange hatte suchen müssen, ein Handtuch, das leidlich sauber oder jedenfalls von dunkler Farbe war, und ein Vorhängeschloss, das er bei seinem letzten (und ersten und einzigen) Besuch im Prinzenbad, der schon Jahre zurücklag, gegen ein Pfand von 20 Mark und eine Leihgebühr von 50 Pfennig am Einlass erworben hatte. Das alles stopfte er, immer noch ganz benebelt von Schlaf und Traum, in eine Plastiktüte, zog sich ein T-Shirt über und ging hinunter auf die Straße. Auf dem Weg zur U-Bahn hielt er sich im Schatten und kam an allen Schnorrern vorbei, ohne ein einziges Mal angesprochen zu werden, was ihm einiges darüber verriet, welchen Eindruck er in seinem jetzigen Zustand auf seine Umwelt machte. Als er oben auf dem Bahnsteig auf die U-Bahn wartete, wurde ihm sogar leicht übel, und er spielte mit dem Gedanken umzukehren, aber dann kam die U-Bahn und nahm ihm die Entscheidung ab.

Das ist genau so ein Tag, an dem man auf keinen Fall ins Prinzenbad fahren sollte, dachte Herr Lehmann missmutig, während die Linie 1 so langsam und öde, wie er es von ihr gewohnt war, in Richtung Prinzenstraße zuckelte, da sind jetzt riesige Schlangen vor der Kasse und dann steht man in der prallen Sonne, dachte er, und die Schweine von Dauerkartenbesitzern drängeln sich vor, was jetzt aber ungerecht gedacht ist, denn die Dauerkartenbesitzer drängeln sich nicht vor, sie müssen bloß nicht an der Kasse stehen, was nur logisch und gerecht ist, dachte Herr Lehmann, der denselben Gedanken schon damals, bei seinem ersten (und letzten und einzigen) Besuch im Prinzenbad, gedacht hatte, wie ihm jetzt einfiel, ein Besuch, der nicht seine eigene Idee gewesen war, sondern auf eine damalige Freundin zurückging, die der Meinung gewesen war, er bräuchte ein bisschen Bewegung, und Schwimmen sei überhaupt sehr gesund. Schwimmen ist das Gesündeste, was es gibt, hatte sie gesagt, sie war so eine Dauerkartenbesitzerin gewesen, genau wie sein bester Freund Karl, und sie hatte schon tausend Meter abgeschwommen, bevor Herr Lehmann überhaupt durch die Kasse gekommen war. Ihr Name war Birgit gewesen, und sie war ungefähr zwei Wochen lang mit ihm gegangen, oder wie immer man das nennen sollte, dachte Herr Lehmann, jedenfalls hatte er das geglaubt, wohingegen sie nach diesen zwei Wochen behauptet hatte, sie wären überhaupt nie richtig zusammen gewesen, vielmehr sei sie die ganze Zeit eigentlich immer noch mit ihrem vorherigen Freund zusammen gewesen, so hatte sie das genannt, zusammen sein, dachte Herr Lehmann, sie hatte immer zusammen sein gesagt, auch eine zweifelhafte Wortwahl, wenn man mal so darüber nachdenkt, dachte Herr Lehmann, mit genau jenem vorherigen Freund, von dem sie noch eine Woche vorher ungefragt geschworen hatte, da sei gar nichts mehr, sie sei jetzt mit Herrn Lehmann zusammen, worauf Herr Lehmann im Grunde gar keinen großen Wert gelegt hatte, denn, erinnerte er sich, als er an diese Birgit denkend am U-Bahnhof Prinzenstraße aus der U-Bahn trat, er hatte, da muss man ehrlich sein, dachte er, nur ihren Körper gewollt.

Sie hat aber auch einen besonders schönen Körper gehabt, dachte er, als er aus dem U-Bahnhof heraus in das gleißende Sonnenlicht trat, die Skalitzer Straße überquerte und sich die letzten 50 Meter zum Prinzenbad schleppte, und vielleicht, dachte er, als er zur Kasse des Prinzenbads ging und »einmal« sagte und »keinesfalls« auf die Frage, ob er Student sei, und dafür eine Karte bekam, die ihm sofort wieder abgenommen wurde von einem Mann in weißen Shorts, Badelatschen und sonst nichts, vielleicht ist Schwimmen ja wirklich gesund, obwohl andererseits, dachte er, wieso soll gerade Schwimmen gesund sein, wenn man die Menschen hier so sieht, dachte er, als er das Schwimmbad betrat, dann machen die nicht gerade einen sehr gesunden Eindruck, dachte Herr Lehmann, und dann fiel ihm erst auf, dass es an der Kasse überhaupt keine Schlange gegeben hatte, aber er wusste in diesem Moment natürlich auch schon, warum das so war: Es konnte überhaupt niemand mehr draußen anstehen, weil alle schon drin waren.

Und wenn er »alle« dachte, dann meinte er in Gedanken auch alle. Es war ein unglaubliches Gewusel und ein fantastischer Lärm um ihn herum, und Herr Lehmann blieb einige Zeit verwirrt in der Nähe des Eingangs stehen, um sich überhaupt erst einmal zu orientieren. Er mochte es nicht, sich irgendwo bewegen zu müssen, wo er sich nicht auskannte, und das allgemeine Gewimmel verwirrte ihn sehr, ihm wurde sofort bewusst, dass er nicht richtig dazugehörte. Überall liefen Leute herum, halb nackte Menschen jeden Alters und Geschlechts stapften durch Fußwaschbecken oder duschten sich darin stehend und prustend kalt ab, Rentner schritten schlurfend vorbei, junge Türken hauten sich gegenseitig unter Geschrei und Gejohle mit nassen Handtüchern auf die Oberkörper, kleine Kinder trugen leere Flaschen in den Armen oder wickelten stolpernd Eis am Stiel aus dem Papier, und aus den Umkleidebereichen rechts und links von Herrn Lehmann quollen auch unaufhörlich Leute heraus und drängelten Leute hinein, weiter hinten war eine Art Kneipen- oder Imbiss- oder Kioskbereich oder, wie Herr Lehmann es für sich zusammenfasste, die Gastro zu sehen, und da standen Unmengen von Menschen in mehreren Schlangen nach irgendetwas an oder saßen an Tischen und verzehrten bereits irgendetwas, Leute riefen einander etwas zu, Leute winkten, rannten, schlenderten, und vom Schwimmbeckenbereich, der etwas hinter Büschen und Hecken verschwand, drangen Plansch- und Schreigeräusche und eine für ihn unverständliche Lautsprecherdurchsage zu ihm durch, und dahinter, in der Ferne, das wusste Herr Lehmann, gab es noch unendliche Liegewiesen, und überall waren Leute, und über allem lag ein leichter Chlorgeruch mit einem Hauch von Pommes.

Um erst einmal nichts falsch zu machen, ging Herr Lehmann zum Umkleidebereich rechts von ihm, den kannte er schon, da hatte er sich schon damals umgezogen, als er das letzte (und erste und einzige) Mal hier gewesen war. Der Männerbereich war dort mit einem großen Piktogramm und der Signalfarbe Blau ausgewiesen, und das war auch gut so, denn Herr Lehmann hatte vor allem davor Angst, aus Versehen in den Frauen-Umkleidebereich zu gehen und dort des Spanner- und Lustmolchtums bezichtigt zu werden, gerade jetzt zog dieses Bild in einer Art Wachalbtraum durch sein Bewusstsein und ließ ihn erschaudern. Deshalb ging er vorsichtig und näherte sich anderen Männern, die das Gleiche taten. Anschließend im Männerumkleidebereich hatte er das gute Gefühl, die schwierigste Hürde bereits genommen zu haben. Dann benutzte Herr Lehmann, der schon in den Siebzigerjahren der Meinung gewesen war, dass die befreiende Wirkung der Zurschaustellung des eigenen nackten Körpers maßlos überschätzt wurde, eine der Umkleidekabinen, um in seine Badehose zu steigen. Es handelte sich dabei um Badeshorts, so hatten sie es bei Karstadt am Hermannplatz genannt, als er sie gekauft hatte, damals, um Birgit einen Gefallen zu tun, es war ein scheußliches Ding mit einem grellbunten, schwindelig machenden Muster, das er nur deshalb genommen hatte, weil die anderen Modelle, die sie damals bei Karstadt am Hermannplatz gehabt hatten, noch schlimmer gewesen waren, so war damals die Mode in Neukölln gewesen, dachte Herr Lehmann und stieg in das grauenhafte Textil hinein, das jetzt, wo Herr Lehmann auf seinen dreißigsten Geburtstag zuging, am Hintern etwas spannte. Dann warf er sich das Handtuch über die Schulter, nahm das Vorhängeschloss in die rechte und seine Kleidung und die Schuhe in einem Bündel in die linke Hand, verließ die Umkleidekabine, fand mit einiger Mühe einen leeren Spind, warf alles außer dem Handtuch hinein, versperrte ihn mit dem Vorhängeschloss und trat hinaus ins Freie.

Und Herr Lehmann fühlte sich wirklich irgendwie frei, als er so durch das Gedränge tappste und dabei den warmen Stein unter seinen nackten Fußsohlen verspürte. Irgendwie fand er es jetzt doch gut, dass es hier so voll war, er mochte den Trubel irgendwie und fühlte sich darin unbeobachtet. Unter all den Leuten war es egal, was er tat, es war egal, dass seine Badehose spannte und dass seine Haut, von den Unterarmen und dem Gesicht einmal abgesehen, weiß wie ein Fischbauch war. Das interessiert hier kein Schwein, dachte Herr Lehmann, hier fällt überhaupt nichts und niemand mit irgendetwas auf, dachte er, und machte sich bloß Sorgen, was Katrin, die schöne Köchin aus der Markthallenkneipe, wohl denken würde, wenn sie ihn so sah. Und die Frage war auch, wie er sie überhaupt finden sollte. Er suchte nach einer öffentlichen Uhr, und als er eine sah, zeigte sie ihm an, dass es erst halb sechs war, sodass er davon ausgehen konnte, dass sie noch nicht hier war. Das ist gut, auf diese Weise kann ich mich ein bisschen einschwimmen, das wird mich abkühlen, das ist gesund, dachte er etwas willenlos und ging durch die Fußbecken hindurch zum Sportbecken. Sportbecken, dachte Herr Lehmann, Sportbecken, während er am Rand desselben stand und es etwas ratlos überschaute. Komisches Wort, Sportbecken, dachte er, er kannte die einzelnen Schwimmbeckenbezeichnungen genau, er hatte sie sich gemerkt, damals, Birgit hatte ihm das alles erklärt, sie hatte überhaupt dauernd vom Sportbecken geredet und davon, dass sie nur im Sportbecken schwimmen würde. Sportlich geht es hier allerdings zu, dachte Herr Lehmann jetzt und betrachtete versonnen die Leute in dem milchigen Wasser, während eine Lautsprecheransage darauf hinwies, dass Stefan, drei Jahre alt, seine Mutti suchte und dass das Rauchen im gesamten Beckenbereich nicht erlaubt war. Hinter ihm und überhaupt um das gesamte Sportbecken herum lagen und saßen Unmengen von Menschen auf Handtüchern, in seinem Rücken sogar auf mehreren Ebenen auf einer Art Steintribüne, aber noch mehr waren im Wasser, und alle versuchten, so gut es eben ging, ihrem Treiben einen Sinn zu geben. Einige waren richtige Sportler, ernsthafte Athleten, oder sie sahen zumindest so aus, sie durchpflügten mit Schwimmbrille und Schwimmhaube dermaßen autistisch das Wasser, dass sie, wie Herrn Lehmann sogleich auffiel, niemandem ausweichen mussten, ihnen vielmehr alle anderen Schwimmer freie Bahn gaben, von denen es einige wenigstens noch schafften, einen geschickten Zickzackkurs durchzuhalten, während die große Mehrheit sich irgendwie durchquälte, Brustschwimmer zumeist, die ständig erschreckten, auswichen, anhielten, sich zur Seite warfen, wegtauchten, auf der Stelle hundepaddelten und überhaupt alles taten, um nirgendwo anzuecken. Erschwert wurde die Lage noch durch die Chaoten, Kinder und türkischen Jugendlichen, die an den Kopfenden des Beckens unermüdlich ins Wasser sprangen, wieder herauskamen und wieder hineinsprangen, dabei kreischten, sich schubsten und überhaupt alles durcheinanderbrachten. Sie waren die eigentlichen Herren der Lage, alle anderen Beckeninsassen mussten irgendwann durch ihren Wirkungsbereich hindurch, und alle, da war Herr Lehmann sich sicher, hatten Angst, von einem arschbombenden Chaoten versenkt zu werden. Herr Lehmann freute sich darüber, dass ihm dieses Wort in den Sinn kam, Arschbombe, er hatte es lange nicht mehr gehört oder gedacht, es erinnerte ihn an seine frühe Jugend, wie ihn überhaupt alles hier an seine frühe Jugend erinnerte, und er beschloss, sein eigenes Schwimmen mit einem solchen Sprung ins Wasser zu beginnen.

Als er aber zum Kopfende des Beckens ging, um arschbombend zur Tat zu schreiten, überlegte er es sich plötzlich wieder anders. Das ist unwürdig, dachte er, während aus den Lautsprechern die Ansage kam, dass ein kleiner Nackedei seine Mutti suchte und dass Kinder mit Schwimmhilfen nichts im Sportbecken zu suchen hatten, ich werde bald dreißig, dachte er, nicht dass es richtig wäre, deshalb kokett zu sein oder sich Herr Lehmann nennen zu lassen, dachte Herr Lehmann, aber eine Arschbombe kann nicht die Antwort darauf sein, dachte er, und wie schnell fällt man hier auf einen drauf, und dann ist der querschnittgelähmt, und so etwas ist nie wiedergutzumachen, dachte Herr Lehmann. Außerdem hatte ihn eine Probe mit der Fußspitze davon überzeugt, dass das Wasser trotz des heißen Wetters sportlich kalt war, und er gehörte zu denen, die in ihrer Jugend noch die Grundregeln des Schwimmengehens gelernt hatten, die darin bestanden, dass man sich bei heißem Wetter langsam abkühlen sollte, erst Arme und Beine benetzen, bevor man ins Wasser ging, außerdem war da noch von schwerem Essen und Alkohol die Rede gewesen, aber darüber wollte er lieber gar nicht erst nachdenken. So oder so entschied er sich für den vernünftigsten Weg und ging über eine der Leitern ins Wasser, die sonst nur die Rentner benutzten. Das Wasser war, wenn man sich langsam hineingleiten ließ, nicht so kalt, wie er gedacht hatte, und er stockte nur einmal kurz, als es sein Genital erreichte. Dann war er drin und schwamm schnell ein paar Meter von den springenden Kindern weg. Ich sollte einige Bahnen schwimmen, das ist sicher gut, dachte Herr Lehmann, am besten Kraulen, das bringt’s, dachte er, es soll besser für den Rücken sein als etwa Brustschwimmen, dachte er, am besten aber ist das Rückenschwimmen für den Rücken, das ergibt ja auch einen Sinn, schon durch das Wort, dachte er kraulend vor sich hin, aber dann schluckte er Wasser, stieß mit zwei, drei anderen Schwimmern zusammen, bekam einen Fußtritt und entschied, dass das alles Mist war. Er schwamm zurück zur Leiter und stieg wieder aus dem Wasser. Man muss seine Grenzen kennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, dachte er, während er sich abtrocknete. Er sah auf einer großen Uhr, dass es schon zwanzig vor sechs war, strich sich die nassen Haare zurück und machte sich auf die Suche nach der schönen Köchin.

Zunächst ging er dorthin zurück, wo er hergekommen war, zum Eingangsbereich mit den Umkleidekabinen. Dort stand er einige Zeit in der Hoffnung herum, sie ankommen zu sehen, und als ein Platz auf einer Bank frei wurde, von der aus man den Eingang gut beobachten konnte, setzte er sich erst einmal hin, bis ihm das nach einigen Minuten zu blöd wurde. Zum einen kamen dauernd Leute, setzten sich neben ihn, drängelten ihn gar zur Seite, bloß um sich die Füße abzutrocknen und sich dann ihre Socken und Schuhe anzuziehen, und zum anderen wurde ihm mit der Zeit klar, wie blöd das aussehen würde, wenn Katrin, ein Name, den er, nur um ihn auszuprobieren, leise vor sich hinmurmelte, ihn hier beim Hereinkommen sehen würde, wie einen kleinen Frank, der seine Mutti sucht, dachte er, auf einer blöden Schuhe-Anzieh-Bank sitzend. Dann, dachte Herr Lehmann grimmig, kann ich mir ja auch gleich ein Schild umhängen mit der Aufschrift: Bin nur wegen dir hier, warte wie ein Trottel. Also stand er auf, um ein bisschen durch die Gegend zu schlendern, was seiner Begegnung mit der schönen Köchin etwas Zufälliges, Beiläufiges geben würde, »Hallo, schön, dass du auch da bist« usw., so sollte es sein, dachte er, eine souveräne Begegnung von zwei freien Benutzern ein und derselben öffentlichen Einrichtung, deren Bekanntschaft noch frisch und deren gegenseitige Erwartungen ergebnisoffen waren, dachte er.

Außerdem, dachte Herr Lehmann, als er wieder durch das Fußbecken in den Schwimmbereich stapfte, wo der Lautsprecher gerade durchsagte, dass der kleine Marco, etwa zwei Jahre alt, seine Mutti suchte und das Springen von der Seite des Beckens zu unterlassen war, ist es durchaus möglich, dass sie hier schon irgendwo ist, dachte er, während er am Sportbecken entlangschlendernd die vielen dort lagernden Leute absuchte und sich gleichzeitig fragte, was sie wohl anhaben würde, Bikini oder Badeanzug, wobei er insgeheim auf Badeanzug tippte, weil er das erheblich attraktiver fand und davon ausging, dass ihr das bei ihrer eher kräftigen Figur weitaus besser stehen würde als ein Bikini, den er immer schon für einen Modeirrtum gehalten hatte. Es kann ja gut sein, dass sie sich nach der Arbeit beeilt hat hierherzukommen, dachte er, es ist ja ungewöhnlich heiß und schwül für einen Septembertag, da legt man schon mal einen Zahn zu, sie könnte hereingekommen sein, als ich gerade im Becken war, dachte Herr Lehmann, während er so unauffällig wie möglich die flache Tribüne mit den darauf lagernden Leuten betrachtete. Dort gab es eine Menge sich sonnender Frauen mit bloßem Busen, und das hemmte ihn ein wenig, alles genau und gründlich abzusuchen, er wusste, wie schnell man sich den Ruf eines Spanners einhandelte, wenn man nach jemandem Ausschau hielt und einem dabei lauter Frauen mit nacktem Busen ins Blickfeld rückten, und außerdem erkannte er mit der Zeit immer mehr Kunden aus dem Einfall, im Grunde war seine Kund- und Trinkbekanntschaft vollständig anwesend, die Ersten begannen schon, ihn zu erkennen, hoben die Hand zum Gruß, winkten sogar, was Herrn Lehmann mehr als peinlich war, er wollte eigentlich nicht, dass sie ihn in dieser unwürdigen Aufmachung sahen.

Also ging er weiter, verließ hintenherum, am gesperrten Dreimeterbrett vorbei, das Sportbecken und drang in den Bereich des Nichtschwimmerbeckens und des Mehrzweckbeckens vor, obwohl er davon ausging, dass Katrin, die schöne Köchin, nicht der Typ war, der sich im Nichtschwimmer- oder im Mehrzweckbecken verlustierte, wenngleich er sich wegen des Mehrzweckbeckens nicht ganz sicher war, sodass er weiterging, um einen Blick darauf zu werfen. Es ist immerhin möglich, dachte Herr Lehmann, dass sie das Mehrzweckbecken vorzieht, obwohl er vom Mehrzweckbecken nicht viel wusste, außer dass es existierte und einen bürokratisch anmutenden Namen hatte. Dieses Mehrzweckbecken lag links an der Seite und etwas höher, sodass es kaum einzusehen war, wenn man nicht direkt hinging, was Herr Lehmann, der dabei zwischen auf dem Steinfußboden lagernden Großfamilien hindurchbalancieren musste, jetzt tat. Das Mehrzweckbecken selbst bot an seinen Rändern kaum Platz für lagernde Menschen, weil es von einer niedrigen Mauer eingefasst war, und wer sitzt schon gerne auf Waschbetonplatten, dachte Herr Lehmann. Hier gab es nur noch Chaoten und Rentner, und beide machten sich das Leben schwer. Am anderen Ende war, durch ein Seil abgetrennt, ein Nichtschwimmerbereich, den konnte er sich wohl sparen, und dahinter begann der große Bereich der Liegewiesen, aber da würde sie wohl kaum sein, das passt nicht zu ihr, dachte Herr Lehmann.

Sie ist keine von denen, dachte Herr Lehmann, während er am unsymmetrischen, großen Nichtschwimmerbecken vorbei in Richtung Gastro ging und dabei noch einmal die Schwimmer im rechts von ihm gelegenen Sportbecken überprüfte, die nach ein paar Schwimmzügen schlappmachten und sich auf die Liegewiese hauten, dachte er, durchstapfte ein Fußwaschbecken und stand plötzlich vor der Gastro, wo die Schlangen schon kürzer geworden waren, woraufhin er nach rechts abbog, um einerseits die Lage am Eingang noch einmal zu überprüfen und um andererseits ein bisschen Geld aus seiner Hose im Spind zu holen, denn die Gastro schien ihm hier der einzige Ort zu sein, wo er sich nicht fremd fühlen würde.

Überhaupt ist das die Lösung, dachte Herr Lehmann, als er den Umkleidebereich betrat, ich ziehe mich an und setze mich mit einem Kaffee draußen hin, dachte er, da kann ich den Eingangsbereich im Auge behalten, sehe nicht wie ein Neuköllner Badehosenfuzzi aus und kann, falls ich sie sehe, dachte er, einfach sagen, dass ich schon geschwommen habe und nur noch einen Kaffee nehme, das ist genial und nicht einmal gelogen. Und so tat er es, er zog sich an, sah noch einmal zum Eingang hinüber, wo sie aber auch jetzt nicht zu sehen war, und stellte sich dann bei der Gastro in eine Schlange.

Die Frage ist bloß, dachte er, während er zwischen hippeligen Kindern stand, die sich dauernd vordrängelten und hin und her hüpfend ihren Kram bestellten, Süßigkeiten zumeist, wobei es ihnen schwerfiel, sich zu entscheiden, sie zeigten mal auf dieses und mal auf jenes, kramten in dem Kleingeld, das sie fest in feuchten Fäusten hielten, und rechneten unaufhörlich nach, es sind viele, dachte Herr Lehmann, und es werden immer mehr, das sind alles gute Freunde, und sie lassen sich gegenseitig vor, die Frage ist bloß, nahm er den anderen Gedanken wieder auf, wie ich sie treffen kann. Wenn sie zum Beispiel jetzt gerade hereinkommt und zum Sportbecken geht, dachte er, dann ist alles verloren, dann schwimmt sie da und geht wieder nach Hause, deshalb ist es dringend erforderlich, dachte er, dass ich so schnell wie möglich draußen einen Sitzplatz kriege, von dem aus ich den Eingang sehen kann.

Glücklicherweise ist die Gastro an einem etwas erhöhten Punkt, beruhigte sich Herr Lehmann, während es in der Schlange nur schneckenhaft voranging, was ihn sehr nervös machte. Andererseits, dachte er, kann man ja nun nicht die Kinder hier anpfeifen, das ist irgendwie asozial, das kommt schlecht an, dachte Herr Lehmann und bewunderte dabei die Frau am Tresen, die mit einer Engelsgeduld und unbeschadet der geringen Umsätze, die mit Weingummi-Schlangen, Weingummi-Teufelchen, Weingummi-Krokodilen und Ähnlichem zu machen waren, geradezu vorbildlich auf die Wünsche und vor allem die vielen Sinneswandel ihrer zwergenhaften Kundschaft einging. Die hat die kleinen Scheißer richtig lieb, dachte Herr Lehmann und liebte dafür wiederum die Frau, wir sollten alle so sein, dachte er, darum geht es, wenn man hinter dem Tresen steht, dachte er, jeder, der kommt, ist gleich und hat die gleichen Rechte, nichts mit Beck’s, Budweiser oder Engelhardt fragen und dann gar nicht erst die Antwort abwarten, nein, von der Frau kann man sich wirklich eine Scheibe abschneiden, dachte Herr Lehmann, aber trotzdem war er nervös und wünschte sich, dass er endlich einen Kaffee bekam und sich damit auf seinen Beobachtungsposten begeben konnte.

»Hallo! Hallo! Sie sind dran.«

»Der ist doch auch noch da«, sagte Herr Lehmann und zeigte auf einen kleinen Jungen.

»Der muss sich erst noch entscheiden«, sagte die Frau und lächelte. »Was soll’s denn sein?«

»Einen Kaffee bitte.«

»Haben Sie einen leeren Becher?«

»Muss ich?«

»Nein«, sagte die Frau, »aber das macht dann zwei Mark Pfand obendrauf, nicht dass Sie sich über den Preis wundern.«

»Ja klar«, sagte Herr Lehmann und merkte, dass er Hunger hatte.

Die Frau brachte den Kaffee. »Alles?«

»Nein, äh, ich nehme noch, ich nehme noch …« Herr Lehmann überflog hektisch die Vitrine rechts von ihm, aber da war nicht mehr viel drin, nur noch einige Plastikschälchen mit etwas, das wie Milchreis aussah, und einige panierte Stücke Fleisch, die wohl erst noch in die Fritteuse mussten, und das dauerte ihm zu lange. »… ich nehme, äh, ja, ne«

»Da drüben haben wir noch Kranzkuchen, sonst ist nichts mehr da, die Brötchen sind alle«, sagte die Frau geduldig und Herr Lehmann schämte sich ein bisschen, weil er jetzt selber alles aufhielt.

»Ja gut, nehm ich«, machte er der Sache ein Ende.

»Hallo Herr Lehmann!«

Er drehte sich um. Hinter ihm stand plötzlich Jürgen, ein alter Bekannter.

»Kannst du mir vier Bier mitbringen?«

»Und vier Bier«, sagte Herr Lehmann automatisch zu der Frau.

»Schultheiß oder Kindl?«

Gute Frage, dachte Herr Lehmann. »Schultheiß oder Kindl?«, fragte er Jürgen.

»Scheißegal«, sagte Jürgen.

»Schultheiß«, sagte Herr Lehmann und spürte, wie die Leute in der Schlange hinter ihm unruhig wurden.

»Und Streichhölzer«, rief Jürgen.

»Streichhölzer auch noch«, sagte die Frau und legte welche dazu. »War’s das dann?«

»Jaja«, sagte Herr Lehmann verlegen und bezahlte.

»Ist doch alles derselbe Dreck«, sagte Jürgen, als er neben ihm auftauchte, um ihm beim Tragen zu helfen. »Was machst du denn hier? Wir haben dich vorhin schon gesehen«, fügte er hinzu.

»Wer ist wir?«, fragte Herr Lehmann.

»Die anderen und ich«, sagte Jürgen sinnlos.

»Ah ja«, sagte Herr Lehmann ironisch.

Jürgen fiel das gar nicht auf. Sie gingen zusammen hinaus, und draußen rief er: »Leute, guckt mal, wer hier ist, Herr Lehmann!«

»Oho! Herr Lehmann, vorhin schon bewundert.«

»Wo ist denn die schicke Badehose hin, die hätte ich gerne noch mal in Ruhe betrachtet.«

Die anderen waren Marko, Klaus und Michael, sie saßen schon an einem Tisch und warteten auf ihr Bier. Herr Lehmann kannte sie alle ziemlich gut, mit Marko und Jürgen hatte er früher einmal im Hasen gearbeitet, einer mittlerweile aufgegebenen Kneipe von Erwin, die beiden waren damals rausgeflogen, weil Erwin der Meinung gewesen war, sie hätten eine allzu große Affinität zum Freibier; so hatte er es tatsächlich ausgedrückt, denn Erwin hatte früher einmal Germanistik studiert und redete manchmal so. Jetzt arbeiteten Marko und Klaus in Jürgens Kneipe, dem Abfall, das war die Kneipe direkt neben dem Einfall, in dem Herr Lehmann arbeitete. Jürgen hatte das Abfall so genannt, um Erwin zu ärgern, denn eigentliche Konkurrenz machten sie sich nicht, im Abfall ging es immer erst richtig los, wenn das Einfall gerade zumachte, weshalb das Abfall auch immer bis mindestens neun Uhr morgens geöffnet blieb. Außerdem war da noch Michael, den alle immer nur Micha nannten, und der immer mit dabei war, wenn Jürgen, Marko und Klaus irgendwo auftauchten, und von dem niemand genau wusste, womit er eigentlich sein Geld verdiente, er machte irgendwas mit Journalismus. Herr Lehmann setzte sich zu ihnen an den Tisch.

»Schau mal an, der Herr Lehmann, mit Kaffee und Kuchen!«

»Das sieht gut aus, das ist nahrhaft.«

Sie nahmen ihr Bier und prosteten Herrn Lehmann zu. Herr Lehmann nahm ihnen ihr Geschwätz nicht krumm. Sie meinten es nicht böse, und er mochte sie gern. Normalerweise hätte er sich gefreut, sie hier zu treffen, obwohl es, wenn man ehrlich war, kaum einen Tag gab, an dem er sie nicht irgendwo traf.

»Ich sage ja immer, kein Nachmittag sollte ohne Kaffee und Kuchen sein.«

»Vor allem sonntags nicht.«

Das Problem war nur, dass Herr Lehmann von dort, wo sie saßen, den Einlassbereich des Prinzenbades schwer überschauen konnte. Aber er hatte natürlich keine Wahl, als sich zu ihnen zu setzen, es war undenkbar, sich allein an einen anderen, günstigeren Tisch zu setzen, wie hätte er das erklären sollen?

»Guck dir den Herrn Lehmann an, immer sportlich, immer auf dem Posten.«

»Ihr seid doch alle Idioten«, sagte Herr Lehmann nachsichtig und nippte an seinem Kaffee. Darüber freuten sich die anderen und lachten zufrieden.

»Was ist das für ein toller Kuchen?«, fragte Marko und beugte sich ganz dicht davor. »Der sieht ja aus wie das kantsche Ding an sich.«

»Was ist das kantsche Ding an sich?«

»Hab ich vergessen. Hat irgendwas mit Erkenntnis zu tun.«

»Kranzkuchen. Die Frau hat gesagt, es sei Kranzkuchen.«

»Damit wär ich vorsichtig, echt vorsichtig.«

»Was macht ihr denn überhaupt hier? Ist das so eine Art Stammtisch oder was?«

»Wir sind hier immer«, sagte Jürgen, »jeden Sonntag. Marko hat sogar eine Dauerkarte.«

»Zum Saufen oder was?«

Da lachten sie. »Nix«, sagte Klaus und hob zwei schmächtige Arme. »Schwimmen, eisern, eisern. Wir haben dich vorhin beobachtet, das war ja auch gigantisch, was du da so gebracht hast. Sag mal, warum lehnst du dich eigentlich immer so zurück? Läuft da hinten irgendwas, was wir nicht wissen?«

»Dachte, ich hätte jemand gesehen«, sagte Herr Lehmann harmlos.

»Herr Lehmann sieht immer irgendwas, was wir nicht sehen. Deshalb war er auch so schnell wieder aus dem Becken raus, da hat er irgendwas gesehen.«

»Das war wirklich Hardcore-Training, Herr Lehmann.«

»Jetzt hört mal schön mit dieser Herr-Lehmann-Scheiße auf. Das ist schon lange nicht mehr lustig. Außerdem hat das da genervt, in dem Becken.«

»Ja, das ist sonntags immer hart. An den Sonntagen trennt sich die Spreu vom Weizen.«

»Selber schuld, wenn ihr immer nur sonntags kommt«, sagte Marko und fummelte an der Schwimmbrille, die er auf dem Kopf trug.

»Du bist ja auch ein ganz großer Sportsfreund«, sagte Klaus. »Ich hol noch mal Bier. Will noch einer? Du, Frank?«

»Nee, muss nachher noch arbeiten.«

»Das müssen wir alle.«

»Na gut.«

»Kann ich deine Tasse haben?«, fragte ein kleiner, dicker Junge Herrn Lehmann.

»Da ist doch noch was drin«, sagte Herr Lehmann.

»Ich denke, du kriegst jetzt ein Bier«, sagte der Junge.

»Sag mal, belauschst du hier die Leute oder was? Außerdem sind da zwei Mark Pfand drauf.«

»Ja klar«, sagte der Junge. »Darum ja.«

»Guck mal, da ist Karl«, sagte Jürgen.

Herr Lehmann schaute in die Richtung, die Jürgen ihm wies, und tatsächlich, da war sein bester Freund Karl mit Katrin, der schönen Köchin. Sie trug einen schwarzen Badeanzug und sah umwerfend aus.

»Wer ist denn die dicke Frau da bei ihm?«, fragte Marko.

»Kann ich jetzt die Tasse haben?«, ließ der kleine Junge nicht locker.

»Hau ab«, sagte Herr Lehmann. Karl ging mit der schönen Köchin am Gastrobereich vorbei in Richtung Liegewiesen. Er sah sie nicht, und auch das Mädchen schaute nicht her. Sie trug ein weißes Handtuch über dem Arm und schritt kerzengerade und voller Anmut den Weg entlang. Herr Lehmann wunderte sich, wie jemand barfuß mit solcher Grazie laufen konnte. Alle anderen Menschen, Karl eingeschlossen, watschelten nur, sie aber schwebte geradezu einher.

»Hallo!«, rief Herr Lehmann. »Hallo Karl«, in der Hoffnung, dass auch sie dann herschauen würde.

»Arschloch«, sagte der Junge.

»Welcher Karl?«, fragte Michael, der seine Brille nicht aufhatte.

Klaus kam mit dem Bier wieder. »Der Karl?«, fragte er.

»Ja, der Karl«, sagte Jürgen.

»Ach so, der Karl«, sagte Michael.

»He, Karl, komm mal rüber«, brüllte Klaus. Das wirkte. Beide schauten jetzt her. Herr Lehmann winkte ihnen zu. Katrin, die schöne Köchin, winkte zurück. Die beiden redeten irgendwas miteinander, und dann kamen sie endlich herüber.

»Hallo«, sagte Katrin, »du bist ja doch hier.« Sie stand jetzt neben ihm und schaute auf ihn herunter. Bloß gut, dachte Herr Lehmann, dass ich die Neuköllner Badehose nicht mehr anhabe.

»Da sind ja wieder die Richtigen zusammen«, begrüßte sein bester Freund Karl die ganze Runde und haute dann Herrn Lehmann auf die Schulter. »Na, ordentlich was weggeschwommen?«

»Er ist quasi der Mark Spitz von Kreuzberg«, sagte Marko trocken. »Wir haben ihn gesehen, war Wahnsinn.«

»Und ihr sitzt hier rum und trinkt Bier«, sagte Katrin scheinbar zu allen, aber Herrn Lehmann war es, als richte sie das Wort nur an ihn.

»Nix, ich trink nur Kaffee«, sagte er und zeigte auf seine Tasse, neben der das noch nicht angebrochene Bier stand.

»Wie nun?«, sagte Klaus. »Ich dachte, du wolltest eins.«

»Nein, ich muss noch arbeiten. Setz dich doch«, sagte er zu Katrin. Sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich dazu, ebenso sein bester Freund Karl.

»Was ist das denn?«, fragte Karl und zeigte auf Herrn Lehmanns Kranzkuchen. »Kranzkuchen, nicht schlecht.«

»Iss ruhig«, sagte Herr Lehmann und schaute weiter Katrin an, die seinen Blick auf seltsame Weise erwiderte. »Ich muss nachher noch arbeiten.«

»Wann denn?«

»Um acht.«

»Ach so. Weiß jemand«, fragte sie in die Runde, »wann die hier zumachen?«

»Ich glaube, schwimmen ist bis halb acht«, sagte Marko, »und um acht müssen alle draußen sein.«

»Na ja, dann sollte man aber schnell noch schwimmen«, sagte Karl.

»Und du musst heute Abend arbeiten? Wo ist das denn?«, fragte Katrin.

Herr Lehmann erklärte es ihr.

»Na ja, vielleicht guck ich da mal rein. Ist das denn gut da?«

»Schwer zu sagen. Kann ich nicht beurteilen«, sagte Herr Lehmann.

»Na gut«, sagte sie und stand auf. »Ich geh dann mal schwimmen. Bis denn dann«, sagte sie zu allen und ging weg.

»Wer ist das denn?«, fragte Marko Karl. »Wo hast du die denn aufgegabelt?«

»Die kocht bei uns. Jungs, ich geh jetzt auch mal schwimmen«, sagte Karl und stand auf. »Soll ja gesund sein.«

»So wie du aussiehst«, sagte Marko und musterte Karls massigen Körper, »bist du ja wohl eher der Diesel unter den Schwimmern.«

»Es kommt nicht darauf an, wer der Schnellste ist«, sagte Karl mit erhobenem Zeigefinger, »es kommt darauf an, wer am meisten Wasser verdrängt.«

Sie sahen ihm nach, als er der schönen Köchin hinterherlief, und Herr Lehmann fragte sich noch einmal, wie Karl bloß so munter sein konnte, obwohl er die letzte Nacht nicht geschlafen hatte. Vielleicht ist es das Schwimmen, dachte Herr Lehmann, wahrscheinlich ist er sportlicher, als ich immer dachte, und er hat eine Dauerkarte.

»Was will er denn mit der?«, fragte Marko Herrn Lehmann.

»Wieso? Die arbeitet jetzt in der Markthalle.«

»Was ist denn jetzt mit dem Bier hier?«, fragte Klaus.

»Gib mal her«, sagte Herr Lehmann.

»Kann ich jetzt die Tasse haben?«, fragte der kleine Junge von vorhin, der plötzlich wieder da war.

»Ja, jetzt nimm sie schon.«

»Da ist aber noch was drin«, sagte der kleine Junge.

»Ich denke, du willst das Bier nicht«, sagte Klaus. »Ich denke, du musst noch arbeiten.«

»Trink’s doch selber«, sagte Herr Lehmann zu dem kleinen Jungen. Und zu Klaus: »Gib schon her, ist doch egal.«

»Arschloch«, sagte der kleine Junge und ging mit der Tasse davon.

»Ist doch egal«, wiederholte Herr Lehmann, »ist nicht mein Tag. Hab vorhin noch geschlafen, hat mich ganz duselig gemacht. Na ja«, fügte er nachdenklich hinzu, »vielleicht hätte ich einfach liegen bleiben sollen.«

»Schlafen am Nachmittag ist komisch«, sagte Michael. »Da hat man immer so komische Träume.«

»Ja«, sagte Herr Lehmann, »komische Träume.«

6. ABENDBROT

Nach all den Aufregungen des Tages war Herr Lehmann am Abend froh, dass er endlich wieder arbeiten konnte. Er war überhaupt immer froh, wenn er arbeiten konnte. Es hatte etwas Beruhigendes, erfrischend Gewohntes, das kühle, schattige Halbdunkel des Einfall zu betreten und den vertrauten Geruch von Zigaretten, Bier und Putzmitteln zu atmen. Den Nachmittag hatten zwei Schwule bestritten, Sylvio, der erst vor zwei Jahren wie auch immer aus dem Osten herübergekommen war, und Stefan, sein Exfreund, und die beiden waren ganz aufgekratzt, als Herr Lehmann von ihnen die Kasse übernahm.

»Ganz bezaubernde Leute heute, Herr Lehmann, ganz reizend.«

»Ich heiße Frank, du Ostbrot«, sagte Herr Lehmann gut gelaunt.

»Stefan, hast du das gehört, Herr Lehmann hat mich Ostbrot genannt.«

»Nun lass mal den Herrn Lehmann, der hat’s schwer genug. Er darf heute mal wieder mit Erwin arbeiten.«

»Wieso denn schon wieder mit Erwin?«

»Verena kommt heute nicht. Es geht ihr nicht gut, dem armen Ding.«

»Gibt’s denn überhaupt keine Springer mehr?«

»Sieht so aus, als hätte Erwin ein Personalproblem«, sagte Sylvio. »Erst hat er keine Schichten für mich, und jetzt sitzt er in der Scheiße. Er kommt um neun, lässt er dir ausrichten. Und ich bin jetzt ganz schnell weg.«

»Ich auch«, sagte Stefan.

»Viel Spaß mit Erwin.« Sie lachten fröhlich und ließen Herrn Lehmann hinter dem Tresen allein.

Es war nicht viel los. In der Kneipe selbst saß nur ein Mann am Tresen und trank Weizenbier. Herr Lehmann kannte ihn mittlerweile, er saß oft dort, er hieß Volker oder so, und er trank immer nur Weizenbier. Draußen hockten einige Leute an den Tischen und rührten sich kaum. Auf der Straße war es auch ruhig, die Luft war so drückend und schwül, dass die wenigen Passanten sich vorbeischleppten wie die Unterwasserschnecken. Das wird noch ein übler Abend, dachte Herr Lehmann.

Und so verplätscherte die nächste Stunde. Herr Lehmann trank eine Tasse Tee nach der anderen und aß die vom Tage übrig gebliebenen Sandwiches. Er mochte sie am liebsten, wenn sie schon etwas durchgeweicht waren, und das waren sie nach einem langen Tag im Einfall. Sie wurden von Verena gemacht, sie verdiente sich ein kleines Zubrot damit, dass sie für fast alle von Erwins Kneipen die Sandwiches herstellte, und ihm, Herrn Lehmann, zuliebe tat sie für das Einfall immer besonders viel Mayonnaise drauf. Ab und zu kam jemand von draußen herein und holte sich ein Getränk, der Mann am Tresen, der wahrscheinlich Volker hieß, wollte ein neues Kristallweizen ohne Zitrone und ein kleiner Junge Silbergeld für Zigaretten. Herr Lehmann genoss diese Zeit, sie gab ihm Gelegenheit zum Nachdenken. Er träumte ein bisschen von Katrin, der Köchin aus der Markthallenkneipe, und versuchte noch einmal, sich ein gemeinsames Leben mit ihr vorzustellen, aber er kam dabei nicht weit. Es war schwer, sich das Leben mit einer Frau vorzustellen, die sonntags ins Prinzenbad ging und ihn dabei nicht besonders beachtete. Wahrscheinlich findet sie mich blöd, und wer weiß, dachte er, während er die Straße beobachtete, was sie sonst noch für Macken hat, man will es ja gar nicht wissen, dachte er und nahm einen Lappen, um hinter dem Tresen ein bisschen sauber zu machen.

Um neun Uhr kam Erwin, sein Chef, und mit ihm die Hektik.

»Kerle, Kerle, Kerle«, sagte er und machte sich einen Pfefferminztee mit Milch, eine Angewohnheit, die Herrn Lehmann mehr störte als alles andere, und da war noch eine Menge an Erwin, was einen stören konnte. »Kerle, Kerle, Kerle«, wiederholte er und seufzte. Erwin war Schwabe durch und durch und gleichzeitig überzeugter Kreuzberger. Er war schon seit ewig hier und hatte sich über die Jahre ein kleines Kneipenimperium aufgebaut, das von den Yorckbrücken bis ans Schlesische Tor reichte. Neuerdings experimentierte er sogar mit Kneipen in Schöneberg, aber »da läuft das anders«, hatte er Herrn Lehmann einmal gesagt, »da ist das nicht so einfach, da muss man irgendwas bieten«, und das sagte für Herrn Lehmann eigentlich alles über Erwin. Es hieß, er habe vor fünfzehn Jahren als Student mithilfe einer kleinen Erbschaft seine erste Kneipe übernommen, es sei das Einfall gewesen, die Kneipe, in der Herr Lehmann jetzt arbeitete, und dann habe er nach und nach mithilfe einer geschickt zusammengesuchten Mannschaft von studentischen Hilfskräften die örtliche Gastronomie aufgerollt. Manche munkelten, er sei Millionär, aber sein Lebensstil war der eines Sozialhilfeempfängers. Jetzt sah er sehr mitgenommen aus, unrasiert und mit fettigen Haaren stand er da, schlürfte seinen Pfefferminztee mit Milch, rieb sich die Tränensäcke und sagte: »Kerle, Kerle, Kerle«.

»Erwin«, fragte Herr Lehmann aufmunternd, »was ist los?«

»Frag nicht«, sagte Erwin.

»Was machst du überhaupt hier? Ist Verena krank oder was?«

»Die spinnen alle. Hat Migräne. Verträgt das Wetter nicht. Als ob ich mit ihr Sex haben wollte.«

»Hm«, sagte Herr Lehmann, der mit Verena mal Sex gehabt hatte, vorsichtig. »Kann doch sein. Haben viele bei dem Wetter.«

»Und ich? Wer fragt mich, ob ich Migräne habe?« Erwin hielt kurz inne, drehte die Musik lauter und senkte zugleich die Stimme. »Die Leute nehmen zu viele Drogen, das sag ich dir«, sagte er verschwörerisch.

»Verena doch nicht.«

»Hast du eine Ahnung«, sagte Erwin. »Du würdest doch nicht merken, dass einer kokst, wenn’s ihm aus der Nase staubt. Weißt du, was du bist, Herr Lehmann?«

»Also die Kombination aus Duzen und Herr Lehmann sagen ist wirklich das Übelste, was es gibt«, sagte Herr Lehmann, »das gibt’s sonst nur bei Drospa an der Kasse.«

»Du bist ein Fossil. Du gehst auf eine Party und denkst, huch, was sind die alle gut drauf. Du hast ja keine Ahnung, was abgeht. Das ist ja schon niedlich, wie du drauf bist.«

»Komm, Erwin, das ist jetzt aber auch Quatsch.«

»Was ist das überhaupt für Musik, die da läuft? Hast du die eingelegt?«

»Keine Ahnung«, sagte Herr Lehmann, der bis jetzt überhaupt nicht darauf geachtet hatte. Es lief eine Bumm-Bumm-Musik ohne Gesang, im Gegensatz zu der sonst hier üblichen Rockmusik. Herrn Lehmann war das egal, Musik sagte ihm nichts, nach seiner Meinung war sie in Kneipen nur dazu gut, dass die Leute sich in Ruhe anschreien konnten. »Ich versteh davon nichts. Das ist noch von Sylvio und Stefan.«

»Ich sag dir, die Schwulen, die sind immer ganz vorne. Das ist Acid House, Herr Lehmann.«

»Frank.«

»Das ist das neue Ding. Und da geht was mit Drogen, alter Schwede. Ein Kumpel von mir war letztens auf so ’ner Party in Schöneberg, das geht zwei, drei Tage in einem durch, da liegen die in ihrer Scheiße und ficken.«

»Also echt mal, Erwin, das ist nun wirklich Blödsinn«, sagte Herr Lehmann. »Worauf willst du eigentlich hinaus?«

»Frank!« Erwin hob einen Zeigefinger.

»Moment«, sagte Herr Lehmann, der es eigentlich gar nicht wissen wollte. Draußen wurde es langsam voller, die Leute fanden schon nicht mehr alle Platz an den Tischen, manche kamen herein, andere standen mit ihrem Bier in der Faust auf der Straße herum oder setzten sich in die Bushaltestelle. Herr Lehmann musste erst einige Leute bedienen, die geduldig am Tresen warteten. Es waren gut erzogene Kunden, die ins Einfall kamen. Erwin nickte düster und tat gar nichts.

»Die sollen da mal aus der Bushaltestelle gehen«, rief er plötzlich und sprang von dem Barhocker auf, auf dem er gesessen hatte. »Da krieg ich nur wieder Ärger mit dem KOB.«

»Vielleicht wollen sie ja Bus fahren«, schlug Herr Lehmann vor, während er Flaschen entkorkte und Geld kassierte.

»Sag das mal der BVG«, rief Erwin, »die haben sich schon beschwert, sagt der KOB. Was meinst du, wie schnell die einem den Laden zumachen.«

»Mein Gott, Erwin, jetzt bleib mal locker«, sagte Herr Lehmann. »Du regst dich viel zu sehr auf. Wahrscheinlich arbeitest du zu viel«, baute er ihm eine goldene Brücke zu einem anderen Thema. Aber ohne Erwin.

»Die machen wieder Razzien, in Schöneberg haben sie das Loch zugemacht, wegen Drogen.«

»Schöneberg«, sagte Herr Lehmann abwiegelnd. »In Kreuzberg wird doch höchstens gekifft.«

»Und das ganze Speed«, schrie Erwin gegen die Bumm-bumm-Musik, die Herr Lehmann nach und nach immer lauter machte, an, »was meinst du, was die in Kreuzberg für Speed nehmen, von Koks mal ganz zu schweigen, was meinst du, was die hier bei den Leuten alles finden, wenn da mal ’ne Razzia ist.«

Der Laden füllte sich immer mehr mit Leuten, die nach Getränken verlangten, und sogar Erwin hatte das jetzt gemerkt und arbeitete mit. Was ihn aber, zu Herrn Lehmanns Bedauern, nicht daran hinderte, weiter seinen Kram zu reden, wenn auch in fragmentarischer Form.

»Und dann die ganzen Junkies … Und dieses neue Zeug, Ecstasy … Und diese ganzen Designerdrogen …«

Herr Lehmann hörte nicht mehr hin. Seiner Meinung nach war Erwins einziges Problem, dass er jeden Montag den Spiegel las und das, was er da las, viel zu ernst nahm. Draußen deutete alles auf ein Gewitter hin. Die Leute sind komisch drauf, irgendwie hektisch, dachte Herr Lehmann. Von der nahe gelegenen Feuerwache kamen Sirenengeheul und Blaulichtreflexe herüber, und es kam ein Wind auf, der Staub und Müll durch die Straße wirbelte und an der Markise rüttelte.

»Erwin«, unterbrach er seinen Chef, der immer noch von Drogen faselte und davon, dass man ihm bald alle Kneipen dichtmachen würde. »Erwin, ich hol mal eben die Markise rein.«

»Ja, ja«, rief Erwin, der sich gerade seinen ersten Spezialbrandy, wie er es nannte, eingeschenkt hatte, »gute Idee. Du bist eine Perle, Herr Lehmann!« Er hob das Glas und prostete Herrn Lehmann zu.

Herr Lehmann holte die lange Kurbel aus der Küche und ging nach draußen. Während er an der Markise kurbelte, fielen die ersten Regentropfen, und die Leute, denen er gerade in diesem Moment das Dach über dem Kopf nahm, protestierten fröhlich. Dann kam es wie aus Eimern herunter und alles stürmte in die Kneipe hinein, außer Herrn Lehmann, der weiter die Markise einkurbelte, und den Leuten, die sich in der Bushaltestelle drängelten und ihn johlend anfeuerten. Als Herr Lehmann endlich fertig war und in die Kneipe zurückkam, war er klatschnass, und Erwin war sehr besorgt.

»Mensch, Kerle, so kannst du nicht weiterarbeiten. Du bist ja ganz durchgeweicht. Ich hol dir mal ein T-Shirt von oben.« Praktischerweise wohnte Erwin seit seiner Scheidung von Frau und Kind direkt über dem Einfall, weshalb dies auch der einzige Laden war, in dem er noch selber arbeitete. Der Spezialbrandy hatte ihm gutgetan, er sah jetzt viel entspannter aus. »Nimm erst mal einen von dem hier.« Er schwenkte die Spezialbrandyflasche, auf der sein Name vermerkt war.

Herr Lehmann lehnte den Schnaps dankend ab, wollte aber das T-Shirt haben, denn sich wegen Erwins Markise zu erkälten ging in seinen Augen zu weit. Die Kneipe war jetzt knüppelvoll, die Leute drängelten sich aneinander vorbei und umeinander herum, und es roch nach Schweiß und nassen Kleidern. Die Stimmung war gut, das allen gemeinsame Erlebnis, vor dem Regen geflüchtet zu sein, bekam ihr blendend, und es wurde gesoffen, was das Zeug hielt. Herr Lehmann hatte nichts dagegen. Er stand gerne hinter dem Tresen, wenn der Laden voll war. Er mochte die Hektik und das schnelle Arbeiten, es ist besser, als herumzuhängen, dachte er einmal mehr, während die Leute sich auf der anderen Seite des Tresens drängelten, manche rufend, andere bloß flehentlich guckend, manche sich vordrängelnd, andere aus der zweiten Reihe mit Geldscheinen wedelnd, sie wollten alle seine Aufmerksamkeit erregen, und er war gut darin zu erkennen, wer als Nächster dran war und wer sich nur vordrängelte. Er war überhaupt gut, bei ihm saß jeder Handgriff, und mit einer Geschwindigkeit, die in der ganzen Kneipenszene ihresgleichen suchte, machte er Bierflaschen auf, mischte Weinschorlen zusammen, goss Schnäpse je nach Bekanntheitsgrad und Sympathie mehr oder weniger großzügig in die Gläser, rechnete zusammen, kassierte, begrüßte Freunde und Bekannte, gab dem einen oder anderen was aus und fühlte sich wohl.

Nach einer Weile kam Erwin wieder, und der fühlte sich jetzt auch wohl. Sein Gesicht glänzte rosig, er grinste und drückte Herrn Lehmann ein zusammengeknülltes T-Shirt in die Hand.

»Zieh dich erst mal um, geh in die Küche, ich mach das hier schon«, sagte er großartig.

Herr Lehmann war nicht ganz so überzeugt davon, aber im Grunde konnte es ihm egal sein. Es war ja Erwins Laden. In der Küche lag neben dem großen Eimer für das Altglas ein Zwanzigmarkschein. Das war Erwins allgemein bekannte und immer wieder belachte Methode, die Ehrlichkeit seiner Mitarbeiter zu erproben. Herr Lehmann steckte den Schein ein und zog sich das nasse T-Shirt aus. Das neue, von Erwin gestiftete trug die Aufschrift: »VfB Stuttgart: Deutscher Meister 1983/84«. Erwin kann einen immer wieder überraschen, dachte Herr Lehmann.

Als er hinter den Tresen zurückkehrte, goss Erwin sich gerade wieder einen ein, während auf der anderen Seite große Not herrschte. »Steht dir super«, rief er und hielt einen Daumen hoch, eine Geste, die Herrn Lehmann peinlich war.

»Hör mal, Erwin«, sagte er, »kann es sein, dass die zwanzig Mark, die ich gerade in der Küche gefunden habe, mir gehören? Mir ist so, als hätte ich da letztens zwanzig Mark verloren.«

»Zwanzig Mark?«, fragte Erwin scheinheilig und holte sein Portemonnaie raus. Er kramte darin herum und sagte: »Warte mal, nein, die hab ich da vorhin wahrscheinlich liegen lassen. Sind nicht mehr da.«

»Neben dem Eimer?«

»Ja, nee, die müssen runtergefallen sein.«

»Was hast du denn mit einem Zwanzigmarkschein in der Küche gemacht, Erwin? Gekokst?«

»Nix da, du Vogel. Das ist mein Geld, ehrlich.«

»Meinst du wirklich, Erwin? Am Ende gehören die Sylvio und Stefan. Die haben doch vorhin hier gearbeitet.«

»Nein, nein«, Erwin wurde jetzt richtig aufgeregt, »da bin ich ganz sicher, die gehören mir.«

»Vielleicht sollten wir die so lange hier deponieren, bis ich die beiden gefragt habe.«

»Ich kümmere mich drum«, sagte Erwin und schnappte nach dem Schein, »ich mach das schon.«

Herr Lehmann verlor das Interesse an dieser Blödelei und widmete sich den Gästen. Draußen entlud sich ein heftiges Gewitter mit Blitz und Donner und allem, was dazugehört. Die Leute waren ganz aufgekratzt und schauten fasziniert aus den Fenstern, und die Bumm-Bumm-Musik, die Herr Lehmann auf Autoreverse gestellt hatte, hämmerte dazu gleichförmig aus den Boxen. Niemand kam und niemand ging, und das Gefühl, dass man jetzt gar nichts anderes machen konnte, als zu bleiben, wo man ist, und zu saufen, was das Zeug hält, hatte eine enthemmende Wirkung auf alle. Es ist ein bisschen wie hitzefrei, nur umgekehrt, dachte Herr Lehmann, während er in den Keller ging, um mehr Kisten mit Bier nach oben zu bringen.

Als er wieder auftauchte, stand Erwin etwas abseits vom Tresen und betrieb mit ein paar Bekannten Kümmerling-Trinken mit Nummern und ohne Hände, und Herr Lehmann freundete sich mit der Aussicht an, den Rest des Abends alleine zu arbeiten. Draußen regnete es in den folgenden zwei Stunden, als wollte der liebe Gott Kreuzberg für immer reinwaschen, sonst passierte nicht viel, außer dass die Kneipeninsassen, Erwin allen voran, sich zielstrebig betrunken machten. Einmal johlte alles, als eine Kolonne Feuerwehrwagen mit einem Höllenlärm vorbeiraste, und der Weizenbiertrinker, der immer am Tresen saß und wahrscheinlich Volker hieß, versuchte, Herrn Lehmann in ein Gespräch über den Regen zu verwickeln. »Wenn er Blasen schlägt, so in den Pfützen Blasen schlägt«, sagte er, »dann hört’s bald auf mit dem Regen, dann hört’s bald auf.«

Herr Lehmann ging darauf nicht ein, er nickte nur und schenkte ihm ein Kristallweizen ohne Zitrone für diesen schönen Gedanken. Ansonsten schaute er, wenn es die Arbeit erlaubte, ein bisschen hinaus in den Regen. Es sah so aus, als ob der Sommer vorbei war. Ihm sollte es recht sein. Er mochte den Sommer zwar gerne, es war die schönste Jahreszeit in Berlin und er hatte nie verstanden, warum die Leute ausgerechnet im Sommer in den Urlaub fuhren, aber andererseits hatte der Sommer auch immer so etwas Forderndes, im Sommer wurde Herr Lehmann immer von dem Gefühl bedrängt, er müsste aus dem schönen Wetter etwas machen, etwas mit Freunden unternehmen oder so, Grillen, Ausflüge machen, an Badeseen fahren … – alles Aktivitäten, auf die Herr Lehmann keinen großen Wert legte, die auch bei seinen Freunden nicht in hohem Kurs standen, deren theoretische Möglichkeit ihm aber das Gefühl gab, etwas zu verpassen, die Zeit des schönen Wetters nicht richtig auszunutzen, geradezu zu verplempern. Den Rest des Jahres war es einfacher. Wenn draußen alles nass und grau war, oder besser noch kalt und schmutzig weiß, dann konnte er ohne Problem den Tag mit einem Buch im Bett vertrödeln und darauf warten, dass es wieder dunkel und Zeit zum Arbeiten wurde. Eigentlich ist es Unsinn, so zu denken, dachte er jetzt, während er in den Regen hinaussah. Es ist derselbe Quatsch wie mit dem Lebensinhalt, dachte Herr Lehmann, man denkt, man müsste etwas aus dem Sommer machen, dann hat man schon verloren, man sollte sich einfach nur an ihm erfreuen und kein schlechtes Gewissen dabei bekommen, dachte er. Na ja, jetzt ist es erst einmal vorbei, dachte er etwas traurig, während draußen an der Haltestelle ein schwankender, hell scheinender Doppeldeckerbus einfuhr. Es stieg nur eine Person aus, aber Herr Lehmann erkannte sie gleich an ihrer Statur und ihrem Gang. Sie hatte keine Regenkleidung an, sondern nur Jeans und ein T-Shirt, und sie stellte sich erst einmal in der Bushaltestelle unter.

Er ging an die offene Kneipentür und rief: »Katrin!« Sie reagierte nicht, obwohl er übertrieben winkte. Vielleicht war sie es doch nicht. »Hallo! Hallo!«, rief Herr Lehmann noch einmal, so laut er konnte.

Dann kam sie angelaufen. Sie war es wirklich. Sie stellte sich zu ihm in den Eingang der Kneipe.

»Scheiße«, sagte sie, »jetzt hab ich nasse Füße.«

»Willst du was trinken? Ich arbeite hier«, sagte Herr Lehmann. »Ich muss auch wieder rein«, fügte er hinzu, denn so nah bei ihr zu stehen, dass er ihre nassen Haare riechen konnte, machte ihn nervös.

»Ich wollte eigentlich nach Hause«, sagte sie. »Außerdem habe ich nasse Haare. Und nasse Füße.«

»Ja«, sagte Herr Lehmann. »Dagegen sollte man etwas tun. Unbedingt.«

Sie lächelte und berührte kurz seinen Arm. »Du bist ein komischer Kauz«, sagte sie rätselhaft. »Und hier arbeitest du?« Sie standen immer noch im Eingang, und während sie das sagte, schaute sie in das Einfall hinein.

»Ja, das ist das Einfall.«

»Das wusste ich nicht. Bin ich schon oft dran vorbeigekommen, ich wohne hier um die Ecke. Steht gar nicht dran.«

»Ach so«, sagte Herr Lehmann, der das noch gar nicht bemerkt hatte, obwohl er seit Jahren hier arbeitete. »Das sollte man Erwin mal sagen.«

»Ja«, sagte sie zögernd, »ich glaube, ich geh dann erst mal nach Hause. Ich wohne hier nämlich um die Ecke«, wiederholte sie.

»Ah ja, ach so«, sagte Herr Lehmann.

»Ich zieh mich lieber erst mal um.«

»Ja, genau«, sagte Herr Lehmann.

»Vielleicht komm ich dann noch mal rein. Wie spät ist es denn jetzt überhaupt?«

»Weiß nicht«, sagte Herr Lehmann, »elf, halb zwölf, keine Ahnung.«

»So spät schon?«

»Ja, ja, sicher«, sagte Herr Lehmann. Wir haben aber mindestens bis zwei offen, meistens bis drei oder vier.«

»Ja, aber das wird dann, also das wäre mir dann auch zu spät.«

»Ja klar, logisch«, sagte Herr Lehmann. Sie standen immer noch im Eingang, manchmal drängelte sich jemand zwischen ihnen durch, und sie versuchten dabei, den Blickkontakt nicht abreißen zu lassen. »Aber es ist ja erst elf, halb zwölf …«

»Ja, ich muss mich erst mal umziehen. Außerdem habe ich nasse Haare.«

»Also«, nahm Herr Lehmann all seinen Mut zusammen, während sie sein T-Shirt betrachtete, »also ich fände das nett, wenn du noch mal vorbeikommst.«

»Echt?«, fragte sie kokett und lächelte ihn an.

»Ja klar«, sagte Herr Lehmann, »dann geb ich dir einen aus. Das T-Shirt ist nicht von mir«, stellte er klar, weil sie immer noch draufguckte, »das hab ich von Erwin bekommen. Bin vorhin auch nass geworden.«

»Ja, das kam plötzlich«, sagte sie, und Herr Lehmann hoffte, dass sie deshalb so sinnlos daherredete, weil sie sich nicht trennen mochte, »ich hab gerade eine Freundin besucht, in Charlottenburg.«

»Charlottenburg, das ist weit«, sagte Herr Lehmann.

»Ja, das war jetzt ganz schön weit.«

»Also«, sagte Herr Lehmann, »hier können wir nicht bleiben. Ich muss auch mal wieder ein bisschen arbeiten, glaube ich.«

»Ach, da ist ja Erwin«, sagte sie und winkte Erwin zu, der jetzt hinter dem Tresen stand und sich daran festhielt. Erwin glotzte zu ihnen beiden herüber und reagierte nicht.

»Was ist denn mit dem los?«, fragte sie.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Herr Lehmann. »Komm doch noch mit rein.«

»Nein, ich geh jetzt«, sagte sie, »vielleicht bis später.«

»Ja«, sagte Herr Lehmann, »vielleicht bis später.« Und dann war sie weg. Herr Lehmann ging wieder hinein.

In der nächsten Stunde passierte nichts Besonderes. Der Regen hörte irgendwann auf und die Kneipe leerte sich rapide. Erwin ging mal kurz hoch, sich frisch machen, wie er sagte, und danach war er wieder in Form. Er versuchte, Herrn Lehmann zum Schnapstrinken zu überreden, aber Herr Lehmann blieb eisern beim Tee, oder Schwarztee, wie Erwin immer sagte, eine schwäbische Angewohnheit von ihm, die Herrn Lehmann rasend machte. Die letzte Nacht war ihm eine Warnung gewesen, das Schnapstrinken war nicht gut für ihn. Er war sich schon gar nicht mehr sicher, ob der Hund wirklich existierte, aber wenn, dann war er noch irgendwo da draußen. Oder im Tierheim. Auf jeden Fall war es immer besser, nüchtern zu bleiben. Als es etwa ein Uhr war, gab er die Hoffnung auf, dass sie noch käme, und gönnte sich ein Bier. Es war ziemlich leer geworden, und bald würde wohl Feierabend sein.

Dann war plötzlich Alarm. Es lief immer noch die Bumm-Bumm-Musik, oder Acid House, wie Erwin es genannt hatte, und leiser war sie nicht geworden, darum kriegte Herr Lehmann hinter dem Tresen erst etwas davon mit, als die Sache schon ziemlich eskaliert war. Es war Erwin, der sich mit einem Gast stritt, der ganz hinten in der Ecke stand. Herr Lehmann ging vorsichtshalber hin, denn bei Erwin wusste man nie. Er war klein und nicht gerade stark, aber wenn er betrunken war, konnte er neuerdings eine Menge Scheiß bauen.

»Mach den Joint aus, Kerl, oder raus hier.«

»Was denn, das ist eine ganz normale Zigarette.«

»Willst du mich verarschen, du Vogel? Keine Tüten hier drin. Mit dem Ding musst du rausgehen.«

»Alter, ich hab hier ein Bier von euch gekauft, und ich lass mich doch von dir nicht rausschmeißen.«

»Meinst du, ich will, dass die mir den Laden dichtmachen, oder was?«

Das war lächerlich, aber offensichtlich unterhaltsam. Die letzten fünf, sechs Gäste schauten begeistert zu, wie die beiden Blödmänner sich beharkten. Herr Lehmann beschloss zu vermitteln.

»Hör mal, Erwin, lass ihn doch eben austrinken und dann geht er.«

»Was willst du denn, du Penner?«, sagte der Fremde. »Ihr seid mir ja zwei ganz gefährliche Wichser!«

Herr Lehmann hatte kein gutes Gefühl bei dem Kerl. Eigentlich kamen nur friedliche Leute ins Einfall, aber ab und zu gab es solche wie den hier. Herr Lehmann hatte ihn noch nie zuvor gesehen, aber er spürte, dass er ein Schizo war. Er war nicht besonders groß und nicht besonders schwer, aber er war irgendwie aufgeladen, was ihn unberechenbar machte, ein Schizo eben. Und keiner von der harmlosen Sorte. Was ihn besonders beunruhigte, war, dass der Typ die ganze Zeit sinnlos, aber rasend schnell mit dem Fuß wippte. Er war aggressiv, er wollte Ärger, und ein Stoffel wie Erwin kam ihm gerade recht. Herr Lehmann hasste diese Scheiße.

»Lass gut sein, Erwin«, versuchte er zu seinem Chef durchzudringen. »Das bringt doch jetzt nichts. Ist doch sowieso bald Feierabend.«

»Das ist mein Laden hier, und ich will, dass das Kasperle sich verpisst!«

»Vielleicht solltest du lieber gehen«, sagte Herr Lehmann zu dem Kiffer. »Du hörst ja, was er sagt.«

»Ich lass mich doch von dem Zwerg nicht anpissen«, presste der Typ hervor. Herr Lehmann machte sich große Sorgen. Der Mann stand unter Strom.

Erwin war da unbekümmerter. Er fasste den anderen am Kragen und versuchte, ihn zum Ausgang zu zerren. »Du gehst jetzt raus«, konnte er noch sagen, dann war es schon passiert. Der Kiffer schlug ihn voll ins Gesicht. Erwin taumelte zurück und hielt sich die Nase. Herr Lehmann, dem das Herz schon länger bis zum Halse klopfte, der also mittlerweile nicht weniger unter Spannung stand als der Schizo, musste etwas tun, und zwar schnell. Er griff zu, erwischte den anderen am Ohr, hielt es fest und drehte daran, so weit es ging. Der andere schrie auf und beugte sich vor, aber Herr Lehmann ließ nicht locker, bis der Mann auf den Knien war. Dann ging er mit ihm zum Ausgang. Das ging nicht sehr schnell, weil der schreiende Mann in der Hocke gehen musste. Herr Lehmann dachte währenddessen wütend darüber nach, wie er aus diesem Mist heil wieder herauskommen konnte.

Denn draußen fing das Problem ja erst an. Herr Lehmann blieb auf halbem Wege zwischen Eingang und Bushaltestelle mit ihm stehen, drehte noch fester am Ohr und beugte sich dann zu ihm hinunter.

»Hör zu«, keuchte er, »hör jetzt mal gut zu.«

Der Mann wimmerte.

»Hör mir zu«, schrie Herr Lehmann, »hörst du mir zu?«

»Jaja! Lass mich los, du Arschloch.«

»Jetzt pass mal auf«, sagte Herr Lehmann. »Wir können hier noch lange so stehen. Ich kann dir auch das Ohr abreißen. Oder du gibst mir dein Wort, dass du dich sofort verpisst, wenn ich dich loslasse.«

Das ist lächerlich, von einem Schizo zu verlangen, dass er sein Wort gibt, sich zu verpissen, dachte Herr Lehmann, na großartig. Aber was sollte er sonst machen? Wenn ich ein Rausschmeißer wäre, dachte Herr Lehmann, dann würde ich ihn jetzt zusammenschlagen oder zusammentreten oder so, aber ich bin ja kein Rausschmeißer, dachte er, ich kann so was nicht.

»Jaja«, rief der Schizo.

»Pass auf«, versuchte Herr Lehmann seinen Worten Gewicht zu verleihen, »wenn ich dich gleich loslasse, und du machst überhaupt nur noch eine Bewegung außer Weglaufen, dann hau ich dich so zu Klump, dann hau ich dir so was auf die Fresse, dass …« – er dachte fieberhaft darüber nach, wie er diesen Satz überzeugend zu Ende bringen konnte – »… dann mach ich dich so alle«, ging er inhaltlich ein Stück zurück, »dann hau ich dir so eine rein, dass, dass …« – ich lese die falschen Bücher, dachte Herr Lehmann, ich bin nicht vorbereitet – »… dass du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist.« Na ja, dachte er, wenn das mal wirkt. »HAST DU DAS KAPIERT, DU ARSCHLOCH?«

»Jaja! Lass los, bitte.«

Und Herr Lehmann ließ los. Wider besseres Wissen, aber irgendwann musste er es ja mal tun. Der andere sprang auf und ging gleich auf Herrn Lehmann los. Herr Lehmann stieß ihn weg.

»Ich hau dir den Kopf ab, du Wichser.«

»Verpiss dich. Hau ab, Mann, hau endlich ab.«

Der andere ging wieder auf ihn los. Mein Gott, muss das blöd aussehen, dachte Herr Lehmann noch, da hatte er auch schon einen Schlag ins Gesicht bekommen, und plötzlich lag er auf dem Rücken in einer großen Pfütze, und der andere war auf ihm drauf und haute auf ihn ein. Herr Lehmann, dem das nicht sehr wehtat, wehrte sich, so gut er es in dieser Lage vermochte. Vor allem versuchte er, wieder ein Ohr zu fassen zu bekommen, etwas Besseres fiel ihm auf die Schnelle nicht ein. Dazu kam es aber nicht mehr. Plötzlich war die Sache vorbei. Irgendetwas hob seinen Gegner von ihm herunter. Er kam mit dem Oberkörper hoch und sah seinen besten Freund Karl, groß und massig, wie er seinen Exgegner mit der einen Hand hielt und ihm mit der anderen Hand mächtige Ohrfeigen verpasste.

»Nie, nie, nie wieder willst du das tun«, sagte er, und zu jedem Wort bekam der andere eine gewischt. Dann schleuderte Karl den Mann gegen die Bushaltestelle, ging hinterher und trat ihn in den Hintern, dass er aufs Gesicht fiel. »Du hast Herrn Lehmann geschlagen«, rief er, »das gibt die Höchststrafe. Zweimal Höchststrafe«, ergänzte er, hob ihn wieder hoch und warf ihn noch einmal gegen die Bushaltestelle. Herr Lehmann, dem das alles viel zu schnell und auch etwas zu weit ging, wollte einschreiten und seinen Freund stoppen, aber er fühlte sich nicht so gut und blieb erst einmal sitzen. »Du entschuldigst dich jetzt.« Sein bester Freund Karl schleifte den Schizo hinter sich her zu Herrn Lehmann. »Sag Entschuldigung!« Herr Lehmann rappelte sich auf. Seine Kleidung war nass von der Pfütze, in der er gelegen hatte, und das T-Shirt war zerrissen. »Hörst du schlecht?« Karl schüttelte den Mann wie eine nasse Jacke und gab ihm eine Kopfnuss. »Schon gut«, sagte Herr Lehmann, »der soll bloß abhauen, der Arsch.« – »Jetzt pass mal auf, du kleiner Scheißer«, sagte Karl zu dem anderen und hielt dabei dessen Gesicht ganz nah vor sein eigenes. »Du kannst froh sein, dass ich dazwischengegangen bin. Wenn Herr Lehmann erst mal Ernst gemacht hätte, dann wärst du jetzt nur noch Knochenmehl. Und jetzt hau ab, du Arschmade.« Er schubste ihn von sich. Der Mann stolperte ein paar Schritte von ihnen weg und drehte sich dann noch einmal um. Er stieß einen Finger in ihre Richtung und sagte mit überschnappender Stimme: »Ich kriege euch noch.« Dann lief er weg.

»Mein Gott«, sagte Karl, »was für Filme hat der denn gesehen? Wie sieht’s denn aus bei dir?« Er drehte Herrn Lehmann ins Licht der nahen Laterne und klopfte ihn ein bisschen ab. »Habt ihr jetzt die etwas andere Kundschaft im Einfall, oder was?«

»Ach Scheiße«, sagte Herr Lehmann, »lass gut sein. Hör auf, an mir rumzufummeln.«

»Einer muss es doch tun«, sagte sein bester Freund Karl und zupfte ihm ein nasses Blatt aus dem Haar. »Lass uns reingehen, das bringt doch nichts, hier draußen rumzudödeln.«

Sie gingen in die Kneipe. Erwin stand hinter dem Tresen, hatte den Kopf im Nacken und hielt sich Eis auf die Nasenwurzel. Die Gäste waren alle verschwunden, bis auf den Weizenbiertrinker am Tresen, der wahrscheinlich Volker hieß und gleichmütig in sein Glas starrte.

»Hier ist ja ganz schön tote Hose«, sagte Karl, ging hinter den Tresen und nahm sich ein Bier. »Willst du auch eins, Frank?«

»Ja.«

»Was war hier überhaupt los?«

»Ach Scheiße«, sagte Herr Lehmann niedergeschlagen, »irgend so ein Schizo. Das ist nicht mein Tag, ich sag’s dir.«

»Du musst aus den Klamotten raus«, sagte sein bester Freund Karl. »Das sieht hier eh nach Feierabend aus. Du solltest schnell nach Hause gehen, sonst holst du dir noch den guten alten Tod. Mensch Erwin, sag doch auch mal was.«

»Ich kann jetzt nicht«, näselte Erwin. »War meine Schuld. Dieses verdammte Schwein.«

»Lass mal anschauen«, sagte Karl und nahm Erwins Hand von seinem Gesicht. »Nicht so schlimm. Aber Herr Lehmann hier, der hat sich für dich im Dreck gewälzt und gegen das Böse gekämpft. Mit den Fäusten und dergleichen Kram, Erwin. Der hat eigentlich einen Spezialbrandy von dir verdient.«

»Ich will nicht nach Hause«, sagte Herr Lehmann, dem der Gedanke, jetzt alleine nach Hause ins Bett zu gehen und einzuschlafen, unmöglich erschien. »Was machst du überhaupt hier?«, fragte er seinen besten Freund Karl. »Musst du eigentlich nie schlafen?«

»Irgendwo da draußen ist immer ein Job für Super-Karl. Außerdem gibt es was zu feiern, deshalb kam ich euch aufsuchen, ihr Spaßvögel. Aber ihr seid ja wohl schon mittendrin in der Party. Erwin, hast du nicht wenigstens mal ein neues T-Shirt für Herrn Lehmann?«

»Das ist schon von mir.«

»Würde ich nicht stolz drauf sein wollen«, sagte sein bester Freund Karl. »Wir wollten doch eh noch was besprechen, Erwin, lass uns mal hochgehen. Pass auf, Frank: Ich geh mal eben mit Erwin nach oben und komm dann gleich mit einem neuen T-Shirt runter. Du machst so lange hier den Laden fertig, und wenn ich wieder da bin, gehen wir nach nebenan ins Abfall und trinken noch einen auf den Schreck. Und feiern müssen wir auch noch, okay?«

Herrn Lehmann war alles recht. Er wollte bloß noch nicht nach Hause.

»Fang ruhig schon mal an«, sagte sein bester Freund Karl, »ich bin gleich wieder da. Und schließ die Tür ab.«

Herr Lehmann schloss die Tür von innen ab, sammelte alle Flaschen und Gläser von den Tischen, spülte sie ab und stellte die Stühle hoch. Dann begann er, den Tresen sauber zu machen. Der Weizenbiertrinker, der wahrscheinlich Volker hieß, schaute ihm dabei zu.

»Das war gut mit dem Ohr«, sagte er plötzlich.

»Na ja«, sagte Herr Lehmann, einerseits geschmeichelt, andererseits peinlich berührt.

»Aber hast du ’s gesehen?«, fragte der andere.

»Was?«

»Das mit dem Regen.«

»Was?«

»Wie der Blasen geschlagen hat. Und dann: Zack! Vorbei!«

Herr Lehmann wusste nicht wieso, aber er musste lachen. Er konnte gar nicht mehr aufhören, er lachte und lachte, bis es wehtat. Der Mann, der wahrscheinlich Volker hieß, lachte irgendwann mit und wurde dabei genauso hysterisch wie Herr Lehmann. Irgendwann ebbte das Lachen etwas ab, und Herr Lehmann wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ja«, sagte er, »und dann: Zack! Vorbei!« Und lachte wieder los. »Wie heißt du eigentlich?«, stieß er zwischen zwei Anfällen hervor.

»Rainer«, sagte der Weizenbiertrinker und lachte weiter mit.

7. SPÄTER IMBISS

Als sie ins Abfall kamen, gab es ein großes Hallo. Jürgen und Marko, für die der Abend gerade erst anfing, lauschten hingerissen Karls ausschweifenden Erzählungen von Herrn Lehmanns heldenhafter Verteidigung seines Arbeitgebers, wobei er Erwin, der auf den ganzen Schreck einigermaßen nüchtern geworden war und zu aller Erstaunen eine Runde ausgab, dazu überreden konnte, an ihm selbst zu demonstrieren, wie Herr Lehmann mit dem Ohr seines Gegners verfahren war. Beeindruckt sahen Jürgen und Marko zu, wie Erwin einen um Gnade winselnden Karl im Entengang am Tresen vorbeiführte.

»Das ist groß, Herr Lehmann, ganz groß.«

»Das muss ich mir merken. Wir sollten es als Kreuzberger Schraube patentieren lassen.«

Herrn Lehmann war nicht wohl dabei. Zum einen war es nur seinem besten Freund Karl zu danken, dass er einigermaßen unbeschadet aus der Sache herausgekommen war, und zum anderen hasste er es, sich zu prügeln, er schaute auch nicht gerne anderen dabei zu, es sah hässlich aus, es war peinlich, und vor allem gab es dabei nichts zu gewinnen. Dass man ihn dazu gezwungen hatte, denn so sah er die Sache, warf einen dunklen Schatten auf seine Existenz. So einen üblen Mist wie diesen kannte er bisher nur aus den Erzählungen anderer, die in härteren Kneipen als dem Einfall arbeiteten. Im Einfall waren die Schizos immer einfach zu vertreiben gewesen, sie kamen meist nur tagsüber, vor allem gegen Ende des Winters, wenn sowieso alle auf der Wiener Straße mit den Nerven am Ende waren. Dass es dabei körperlich wurde, kam nur selten vor, und wenn, dann war es nicht schlimm, man schubste sie hinaus und das war’s dann. Aber so, wenn sie jetzt schon anfingen, sich zu prügeln … Vielleicht hatte Katrin, die schöne Köchin, am Ende doch recht gehabt, vielleicht war es doch nicht das Wahre, für immer hinter einem Kneipentresen zu stehen. Das würde dann aber bedeuten, dass er sein Leben ändern musste. Und das wollte er nicht, ihm gefiel sein Leben, er stand gerne hinter dem Tresen, es gab nichts, was er lieber tat. Er versuchte sich kurz einmal vorzustellen, wie es wäre, wieder in seinem gelernten Beruf zu arbeiten, als Speditionskaufmann. Das war so absurd, dass er lachen musste.

»Schau an, er lacht wieder«, sagte sein bester Freund Karl zu Erwin und klopfte Herrn Lehmann auf die Schulter. Sie saßen mittlerweile zu dritt an einem Tisch ganz hinten im Dunkeln. »Herr Lehmann ist der rustikalste Mensch auf der ganzen Welt. Egal, was los ist, gib ihm ein Bier, und er ist wieder obenauf.«

»Oben auf, unten auf«, sagte Erwin launig, »ist doch egal. Ich hol ihm noch ein Bier.«

»Nichts da!«, rief Karl bedeutend und stand auf. Er schwankte leicht, hielt sich aber noch ganz gut für einen, der seit 36 Stunden nicht geschlafen hatte. »Ich bin dran. Es gibt was zu feiern.«

Er ging zum Tresen. Erwin schob sein Gesicht an Herrn Lehmanns Ohr. Zwar lief im Abfall nicht die Bumm-Bumm-Musik, die Erwin Acid House nannte, sondern irgendein Rockmusikkram, aber auch der war laut.

»Wer ist eigentlich dieser Kerl mit dem Weizenbier?«, schrie Erwin. »Schau nicht hin, der am Tresen, der seit ein paar Wochen bei uns rumhängt.«

»Heißt Rainer«, sagte Herr Lehmann.

»Woher weißt du das?«

»Hat er mir vorhin gesagt. Und hör auf, mir ins Ohr zu schreien, das nervt.«

»Der Typ ist komisch.«

»Klar ist der komisch, die Welt ist voll von komischen Leuten.« Gerade kam sein bester Freund Karl mit Bier, Brandy und einer Tüte Kartoffelchips wieder. »Karl«, fragte Herr Lehmann, »weißt du noch …«

»Hier«, unterbrach ihn sein bester Freund Karl und ließ die Kartoffelchips auf den Tisch fallen. »Schön aufessen. Denkt an die Elektrolyte. Der Elektrolytmangel ist der größte Feind des Trinkers. Von der Dehydrierung einmal abgesehen.« Er nahm einen großen Schluck Bier. »Morgen früh werdet ihr mir dankbar sein.«

»Karl«, nahm Herr Lehmann seine Frage wieder auf, »weißt du noch, der Typ, der damals jeden Abend im Treibsand saß und Weizenbier trank, eins nach dem anderen, wie hieß der noch mal?«

»Du meinst Schneider-Jürgen. Was soll mit dem sein?«

»Schneider-Jürgen«, gab Herr Lehmann an Erwin weiter. »Der war auch so einer. Was ist aus dem eigentlich geworden?«, wandte er sich an Karl.

»Ist gestorben«, sagte Erwin, ohne den Blick von dem Mann am Tresen zu nehmen.

»Wieso das denn?«

»Weiß auch nichts Genaues«, fügte Erwin hinzu. »Ist ja auch egal. Jedenfalls stimmt mit dem was nicht.«

»Wie jetzt«, rief Karl von der anderen Seite, »was ist mit Schneider-Jürgen? Was stimmt mit dem nicht?«

»Der ist tot«, sagte Herr Lehmann.

»Ihr müsst Kartoffelchips essen«, rief Karl, der schon nicht mehr zuhörte, und steckte sich eine Faust voll davon in den Mund.

»Was soll denn mit dem schon sein?«, sagte Herr Lehmann zu Erwin. »Da ist doch nichts Ungewöhnliches dran, wenn einer rumsitzt und säuft. Davon lebst du schließlich.«

»Mit dem stimmt was nicht«, sagte Erwin. »Auf den müssen wir aufpassen.«

»Erwin«, sagte Herr Lehmann, »wenn du wirklich so eine gute Menschenkenntnis hast, warum hast du dann vorhin eins auf die Omme gekriegt?«

»Das ist ein Zivilbulle, ich schwör’s dir. Der checkt uns den Laden aus.«

»Sag mal, Frank«, sagte jetzt sein bester Freund Karl, »läuft da eigentlich schon was mit dir und dieser Katrin?«

»Wieso das denn jetzt?«, rief Herr Lehmann etwas zu empört und damit, wie er selber fand, irgendwie verdächtig. Er spürte, wie er rot wurde. »Du bist doch heute mit ihr ins Prinzenbad gegangen, oder etwa nicht?«, fügte er hinzu, was, wie er sogleich dachte, alles nur noch schlimmer machte. Vor lauter Ärger begann er, Kartoffelchips zu essen.

»Ich erkenne einen komischen Vogel, wenn ich einen sehe«, sagte Erwin. »Bei dem müssen wir aufpassen. Sollte mich nicht wundern, wenn das ein Zivilbulle ist. Der checkt hier die ganzen Läden auf Drogen aus.«

»Herr Lehmann, entspann dich«, sagte sein bester Freund Karl von der anderen Seite fröhlich und klopfte ihm auf die Schulter. »Ist doch nichts Schlimmes dabei. Aber, du und im Prinzenbad …« Er machte eine Handbewegung, als würde er eine Glühbirne einschrauben, »… sehr verdächtig, Herr Lehmann.«

»Ganz klar«, meldete sich Erwin von der anderen Seite. »Da stimmt was nicht. Der ist nicht so wie Schneider-Jürgen.«

»Er lebt ja auch noch«, sagte Herr Lehmann gallig.

»Sehr verdächtig. Gerade du und schwimmen, das glaubt dir doch kein Schwein, dass du freiwillig schwimmen gehst.«

»Das meine ich nicht«, sagte Erwin. »Mit so was macht man keine Scherze.«

»Man kennt doch deine Meinung zum Sport. Die ist ja stadtbekannt«, sagte Karl.

»Wieso stadtbekannt? Was ist denn daran stadtbekannt?«

»Das ist kein Typ wie Schneider-Jürgen, das ist überhaupt nicht vergleichbar. Bei Schneider-Jürgen wäre nie einer auf die Idee gekommen, dass der ein Zivilbulle ist.«

»Erwin!«, sagte Herr Lehmann entschieden. »Erwin, du bist der Einzige, der auf die Idee gekommen ist, dass das ein Zivilbulle ist. Diese ganze Drogenscheiße ist doch Blödelei. Keine Sau auf dieser Welt interessiert sich dafür, wenn einer bei dir im Laden kifft.«

»Hast du eine Ahnung …«

»Mit stadtbekannt meine ich: In der ganzen Stadt bekannt.« Karl klopfte Herrn Lehmann auf die Schulter.

»Und selbst wenn, selbst wenn sie dir das Einfall dichtmachen würden«, wandte sich Herr Lehmann unterdessen an Erwin, »du hast doch acht oder zehn Kneipen oder so, dann ist halt das Einfall mal eine Weile dicht, du bist doch sowieso stinkreich, was interessiert dich denn so eine Kleinscheiße.«

»Dass einer wie du schwimmen geht, Mannomann, wie lange kennen wir uns jetzt, Herr Lehmann?«

»Hast du eine Ahnung, du Vogel«, rief Erwin. »Du hast ja keine Ahnung. Das ist doch alles nichts wert. Wenn die nicht laufen, dann ist das alles nichts wert.«

»Das sind jetzt auch schon bald sechs, sieben Jahre, nein, mehr, acht, neun Jahre müssen das jetzt sein. Wann bist du hergekommen? 1980?«

»Und wenn sie dir einmal die Konzession entziehen, dann aber für alles, Kerl. Das Geld steckt in den Kneipen, das habe ich überhaupt nicht. Das steckt alles da drin.«

»Neun Jahre. Ich kenne dich, Alter. Wenn du schwimmen gehst, dann kann das doch nur wegen der Frau sein, das ist ja auch nichts Schlimmes. Die ist doch genau dein Typ. Obwohl, was ist überhaupt dein Typ? Ich kenn dich jetzt schon neun Jahre, und ich habe nicht die geringste Ahnung, was dein Typ ist. Außer dass die immer etwas voller um die Hüften sind.«

»Wenn die nicht laufen, wenn die zu sind, dann kann man die nicht mal mehr verkaufen. Dafür bezahlt mir doch keiner mehr was, wenn die erst mal zu sind. Ich hab’s überhaupt satt«, modulierte Erwin ins Weinerliche, »ich hätte nicht übel Lust, alles hinzuschmeißen.«

»Die steht auf dich, ehrlich. Da solltet ihr nicht lange fackeln. Die steht auf dich. Wollte alles Mögliche über dich wissen. Was du sonst so machst und so. Das hat schon genervt, wie die mich ausgefragt hat.«

»Und was hast du erzählt?«

»Nur Gutes.« Sein bester Freund Karl nahm die Finger zum Abzählen. »Dass du ein ganz gebildeter Typ bist, auch kulturell und so, Kino, Museum, die ganze Palette, da steht die drauf, bin ich sicher, und dass du was Richtiges gelernt hast, dass du zu Großem berufen bist …«

»Ach, hör doch auf.«

»Nix«, schrie Erwin. »Das ist mein Ernst. Dann verkauf ich den ganzen Scheiß. Was hab ich denn davon? Nix!«

»Was hat er denn?«, wollte Karl wissen.

»Er will alles verkaufen«, sagte Herr Lehmann.

»Wer?«, fragte Jürgen, der sich in diesem Moment dazusetzte.

»Erwin, sagt Herr Lehmann«, sagte Karl.

»Echt?«, sagte Jürgen zu Erwin. »Also, das Einfall würde ich nehmen.«

»Das kann ich mir vorstellen, du Vogel«, grinste Erwin bitter. »Da würd ich den Laden lieber abbrennen, als dass du den kriegst, du Saukerl.«

»Oho«, lachte Jürgen und schüttelte beide Hände, als hätte er sich verbrüht. »Harte Worte, Erwin, harte Worte. Was läuft denn sonst so?«, fragte er in die Runde.

»Erwin meint, der Typ da am Tresen wäre ein Zivilbulle«, sagte Herr Lehmann boshaft. »Erwin meint, die spionieren seine Läden aus und wollen Drogenrazzien machen und so.«

»Der da? Der sitzt doch immer nur rum und trinkt Kristallweizen«, sagte Karl. »In der Markthalle ist der auch manchmal.«

»Genau, das meine ich ja!«, rief Erwin.

»Also ich weiß nicht«, sagte Jürgen und drehte sich nach dem Mann um. »Bei uns ist der auch oft. Erinnert mich irgendwie an Schneider-Jürgen. Außer dass er Kristall trinkt statt Hefe. Wo ist der eigentlich abgeblieben?«

»Wer?«, fragte Karl.

»Schneider-Jürgen.«

»Der ist tot«, sagte Erwin.

»Echt? Wieso das denn?«

»Keine Ahnung.«

»Hm … – also – Zivilbulle … Dann muss der aber ein fettes Spesenkonto haben. Und der will nie eine Quittung.«

»Dürfen die überhaupt im Dienst saufen?«, fragte Karl.

»Als Zivilbulle? Klar.«

»Komischer Typ. Verstehe ich nicht. Wieso wird so einer Zivilbulle?«

»Also Moment mal«, warf Herr Lehmann ein, »woher wollt ihr denn jetzt alle wissen, dass das ein Zivilbulle ist?«

»Ich weiß nicht«, sagte Karl, »irgendwie ist das ein komischer Typ. Kristallweizen ohne Zitrone trinkt der immer.«

»Aber wegen Drogen …«, sagte Jürgen zweifelnd.

»Die haben schon zwei Läden in Schöneberg zugemacht. Da geht irgendwas ab«, raunte Erwin in eine Musikpause hinein.

»Ich dachte, nur das Loch«, widersprach Herr Lehmann.

»Wie, nur das Loch?«

»Erwin, vor ein paar Stunden hast du noch gesagt, die hätten das Loch zugemacht. Jetzt sind es schon zwei Läden, die in Schöneberg zugemacht wurden.«

»Ist doch egal. Guck da nicht so rüber, Herr Lehmann.«

»Erwin, die Kombination aus Duzen und Herr Lehmann sagen in ein und demselben Satz ist wirklich das Übelste, was es gibt.«

»Achtung«, rief sein bester Freund Karl, »er guckt jetzt in unsere Richtung.« Er wandte sich ab und nahm einen tiefen Schluck. Sehr unauffällig, dachte Herr Lehmann.

»Der kann uns doch gar nicht mehr sehen. Der ist doch total besoffen«, sagte Herr Lehmann und hatte irgendwie Mitleid mit dem Kerl, weil er immer so alleine herumtrank und sich dann auch noch verdächtig machte. »Außerdem sitzen wir hier im Dunkeln.«

»Das ist es ja gerade«, orakelte Erwin.

»Versteh ich jetzt nicht«, sagte Herr Lehmann gelangweilt. Er hätte lieber mit seinem besten Freund Karl weiter über die schöne Köchin, und was sie genau gefragt hatte, geredet, aber das war wohl schon wieder abgehakt.

»Wenn er Drogen nehmen würde, dann wäre er nicht so schnell besoffen«, sagte Jürgen und holte neues Bier.

»Das verstehe ich nun überhaupt gar nicht mehr«, sagte Herr Lehmann, der sich noch gut daran erinnern konnte, wie er vor Jahren einmal nach zehn Flaschen Beck’s an einem Joint gezogen hatte und welche Schwierigkeiten er danach gehabt hatte, in den Nachtbus einzusteigen.

»Davon musst du auch nichts verstehen«, sagte sein bester Freund Karl und klopfte ihm auf die Schulter. »Das ist ja das Schöne an dir, dass du von Drogen überhaupt nichts verstehst und dass du trotzdem alles verstehst, das ist nämlich die Wahrheit.«

»Vielleicht sollte man mal mit ihm reden«, sagte Erwin nachdenklich. »Unauffällig. Vielleicht kriegt man was raus.«

»Das ist heikel«, sagte Karl.

»Ja, klar«, sagte Erwin.

»Herr Lehmann sollte das machen. Das ist der absolut Unauffälligste«, sagte sein bester Freund Karl. »Jedenfalls bei Männern. Bei den Frauen fällt er dagegen ganz schön auf«, fügte er augenzwinkernd hinzu und haute Herrn Lehmann, dem das mittlerweile gehörig auf den Wecker ging, schon wieder auf die Schulter.

»Aber nicht heute«, sagte Erwin verschwörerisch.

»Doch, doch«, sagte Karl, »gerade heute. Gerade heute fällt Herr Lehmann mal wieder ordentlich auf.«

»Herr Lehmann macht das klar«, sagte Erwin zu Jürgen, der mit dem Bier kam.

»Ihr spinnt wohl.«

»Ich will überhaupt kein Bier«, sagte Erwin. »Ich will einen von eurem Scheißbrandy, aber nicht den Aldikram, den ihr hier immer ausschenkt.«

»Hol ich gleich«, sagte Jürgen. »Erst mal muss Herr Lehmann das klarmachen.«

»Gar nichts mach ich klar. Ihr spinnt wohl.«

»Herr Lehmann ist ein Held«, sagte Jürgen.

»Wir brauchen noch Kartoffelchips. Herr Lehmann hat Hunger. Wegen den Elektrolyten«, sagte sein bester Freund Karl und hob die Flasche. »Auf Herrn Lehmann, den Helden des Tages.«

»Ein einsamer Reiter, ein kühner Streiter, Eldorado«, sagte Jürgen, der sich gerne als Cineast sah.

»Wegen der Elektrolyte«, sagte Erwin.

»Was ist mit den Elektrolyten?«

»Es heißt nicht ›wegen den Elektrolyten‹, es heißt: ›wegen der Elektrolyte‹.«

»Prima, Erwin. Und es heißt: Auf Herrn Lehmann, den Held aller Helden.«

»Auf Herrn Lehmann.«

Sie stießen an. Herr Lehmann protestierte nicht, aber er war skeptisch. Wenn das ein Heldentag war, wie sah dann ein Verlierertag aus?

»Jedenfalls muss man da vorsichtig sein«, sagte Erwin.

»Wobei jetzt?«

»Wenn man den aushorcht. Das ist ein Profi. Den kann man eigentlich überhaupt nicht aushorchen, der stellt sich blöd.«

»Vielleicht ist er ja blöd«, schlug Karl vor.

»Wir können ihn ja Kristall-Rainer nennen«, sagte Jürgen, »im Gedenken an Schneider-Jürgen.«

»Was macht der eigentlich?«, fragte Karl.

»Der ist tot.«

»Wieso das denn?«

»Keine Ahnung.«

»Vielleicht wegen Aids«, schlug Karl vor.

»Ich glaube nicht, dass der schwul war«, sagte Jürgen, »der war eigentlich überhaupt nichts, glaube ich. Kannst du dir vorstellen, wie Schneider-Jürgen mit irgendjemandem Sex hat?«

»Ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wie irgendjemand mit irgendjemandem Sex hat«, sagte Erwin.

»Da musst du genau den richtigen Zeitpunkt erwischen«, sagte Jürgen zu Herrn Lehmann.

Herr Lehmann fühlte sich jetzt, an seinem Feierabend, in der geborgenen Atmosphäre des Abfall und nach ein paar Bier, schon wieder besser. Er aß noch ein paar Kartoffelchips und wurde übermütig.

»Also wenn, dann jetzt«, sagte er in die Runde.

»Nein, das ist zu auffällig«, sagte Erwin.

»Worum geht’s?«, fragte Karl.

»Ich geh da jetzt mal hin«, sagte Herr Lehmann, der den überraschend gewonnenen Schwung ausnutzen wollte. »Ihr seid ja alle paranoid.«

»Also ich finde, du solltest mit ihr ins Kino gehen«, sagte Karl.

»Ins Kino?«

»Natürlich ins Kino. Man geht immer ins Kino, wenn man verliebt ist.«

»Wer hat dir gesagt, dass ich …«

»Kino. Das ist das einzig Wahre. Kino. Kultur, dunkel, alles klar.«

»Was ist mit Kino?«, wachte Jürgen auf.

»Ins Kino gehen. Herr Lehmann soll romantischerweise ins Kino gehen.«

»Im Notausgang gibt es die Lubitsch-Retrospektive«, sagte Jürgen. »Ninotschka, Sein oder nicht sein, das waren noch richtige Filme, so Kram.«

»Das kann man jetzt nicht bringen, das ist zu auffällig«, schrie Erwin. Herr Lehmann ignorierte das.

»Ich kenn die doch gar nicht«, wandte er ein. »Ich kann die doch nicht einfach fragen, ob sie ins Kino will.«

»Ich hab’s nur gesagt«, wehrte sein bester Freund Karl ab. »Das Glück ist eine warme Pistole.«

»Ich geh da jetzt hin«, bekräftigte Herr Lehmann seine ursprüngliche Absicht.

»Ich kümmere mich drum«, sagte sein bester Freund Karl.

»Sei aber vorsichtig«, schärfte Erwin ihm ein. »Irgendwie unauffällig.«

»Würde ich nicht bringen«, sagte Jürgen.

»Ich mach das klar mit dem Kino«, sagte sein bester Freund Karl.

»Ich hol einfach mal Bier für uns alle«, strickte Herr Lehmann bereits an seiner Agentenlegende und stand auf. Er ging langsam und unauffällig zum Tresen hinüber und hatte schon jetzt das Gefühl, dass alle ihn anstarrten, wobei er sich unangenehm bewusst wurde, wie eng das neue T-Shirt von Erwin saß. Dann setzte er sich auf den Barhocker neben Kristall-Rainer, der eigentlich Kristall-aber-ohne-Zitrone-Rainer hätte heißen müssen, wie er etwas albern dachte, und richtete das Wort an Marko: »Ich brauch noch einmal drei Bier, einen Schnaps für Erwin und Kartoffelchips.«

Marko sagte irgendetwas über Erwin und seine Vorlieben, aber Herr Lehmann achtete nicht darauf. Er versuchte, mit Kristall-Rainer Blickkontakt aufzunehmen, aber Kristall-Rainer schaute versonnen auf die Flaschen hinter der Theke.

»Wieso hört der Regen auf, wenn es Blasen schlägt«, versuchte Herr Lehmann das Gespräch zu beginnen. Kristall-Rainer reagierte nicht. Herr Lehmann zog ihn vorsichtig am Ärmel. »Sag doch mal, ehrlich jetzt, wieso hört der Regen auf, wenn es Blasen schlägt?«

Kristall-Rainer schaute ihn an. Marko stellte derweil die Getränke auf den Tresen. »Geht auf Erwin«, sagte Herr Lehmann, ohne hinzuschauen. Marko sagte irgendetwas über Erwin und seinen Deckel, aber Herr Lehmann kümmerte sich nicht darum. Er schaute Kristall-Rainer in die Augen und war sich nicht sicher, ob der ihn überhaupt wahrnahm. ...

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