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Die Legende von Gold und Jade

EINE EWIGE GESCHICHTE

Der Tee war bereits so weit abgekühlt, dass er ihn trinken konnte, ohne sich die Lippen zu verbrennen. Der kleine Tisch, dessen karge Holzplatte so nah über dem Boden schwebte, dass man die Beine darunter kreuzen musste, war mit köstlichen Leckereien gedeckt. Gebäckrollen aus Zimt, mehrere Schalen mit geschnittenem Obst und ein kleiner bronzefarbener Teller für jeden, der an diesem sonnigen Nachmittag dort erscheinen würde. Der Mann, der in diesem Zimmer lebte, füllte ein paar Nüsse in eine der leeren Schalen und bemühte sich, nicht zu zittern, sonst würde wie beim letzten Mal die Hälfte der Nüsse auf dem Fußboden landen.

Im Heim versuchte man, ihm jede Arbeit abzunehmen. Anscheinend dachten die Leute, nur weil er ein gewisses Alter erreicht hatte, wäre er auf einmal nicht mehr imstande, für sich selbst zu sorgen. Den Leuten ging es aber mitunter nur darum, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn für das schätzten, was er in den vielen Jahren für das Wohl all jener getan hatte, die in diesem Haus wohnten und dort heranwachsen durften. Er öffnete eines der Fenster und sah sich den allmählich welkenden Garten an, dessen Wiese bereits mit goldgelben und roten Blättern bedeckt war.

Normalerweise war es das Erste, was er morgens tat, nachdem er aufgewacht war. Immer mit der Absicht zu erfahren, wie sich die Welt draußen an diesem Tag verändert hatte. Ohne jeden Zweifel hatte er ein Alter erreicht, in dem es nicht selbstverständlich war, noch einen weiteren Tag zu erleben. Daher spielte es eine überdurchschnittliche Rolle, wie es der Welt außerhalb seiner eigenen ging. War es warm genug, um in den Garten zu gehen? Regnete es in Strömen oder war der Himmel so klar, dass man nachts die Sterne sehen konnte? Dürfte man bei geöffneten Fenstern einen Kaffee genießen oder galt es, die Läden schnell zu schließen, da der Wind sonst im ganzen Zimmer sein Unwesen trieb? Noch bevor er sich zu sehr in seinen Gedanken verlieren konnte, klopfte es an der Tür.

»Pünktlich wie immer«, sagte der Mann namens Pozhman zu sich und richtete einen kurzen Blick auf eine kleine Holzuhr, die seitlich an seinem Mantel hing. Als er die Tür öffnete, musste er seinen Blick senken, um in die vielen Augenpaare zu blicken.

»Heute wollen wohl mehr zuhören als beim letzten Mal. Kommt rein, Kinder. Hier, setzt euch da hin«, sagte er. Die Kinder machten sich sofort über die Leckereien her.

»Wir sind so weit«, sagte eines der Mädchen und griff nach ihrem zweiten Stück Zimtrolle. Das Haar hing ihr ins Gesicht, sodass sie es zunächst zu einem Zopf binden musste, um etwas essen zu können, ohne dass sich ihre Zotteln im Mund verirrten.

»Wo waren wir noch mal stehen geblieben?«, fragte der Mann und goss sich und den anderen Tee ein, dessen heißer Dampf den Raum mit wohlig duftender Minze durchströmte.

»Sie war im Wald!«, riefen drei von den Kindern fast gleichzeitig.

»Ja, da hattest du aufgehört. Du sagtest, die Geschichte würde jetzt etwas länger dauern. Fang an, wir wollen alles wissen«, sagte der Jüngste von ihnen, klar und selbstbewusst, obwohl er erst seit ein paar Wochen fehlerfrei sprechen konnte.

»Im Wald. Wo auch sonst«, sagte Pozhman und wärmte seine Stimme mit einem großen Schluck, bevor er anfing zu erzählen.

»Sie war dort, wo sie fühlen konnte, was Freiheit bedeutete. Natürlich fernab vom Königspalast, den sie nicht ohne Erlaubnis und Begleitung verlassen sollte. Aber junge Damen tendierten gerne dazu, sich dem zu widersetzen, was andere für richtig hielten.« Sein Blick traf den der kleinen Ayla, die ganz hinten saß. Ihr kleiner Körper versank förmlich in dem Kissen, das nicht erheblich größer war als sie selbst.

»Warum war sie noch mal dort?«, fragte Cedric, der beim letzten Mal gegen Ende der Geschichte eingenickt war.

»Sie hatte sich raus geschlichen. Sie hat den Weg durch den Tunnel genommen, und dann war sie im Wald«, sagte Ayla.

»Tunnel?«, fragte Cedric.

»Du passt wirklich nie auf!«, sagte Ayla und wiederholte, wo die Geschichte beim letzten Mal ihr Ende gefunden hatte.

»Sie ist ganz nach unten gegangen. Da, wo die Wäsche aufgehangen wird. Da ist diese Tür. Die ist normalerweise verschlossen, aber Noa kann das Schloss mit einer Haarnadel öffnen. Da beginnt der Tunnel, und sie muss sich ganz klein machen, um dadurch zu passen. Es ist stockdunkel, aber das macht nichts, denn sie sieht ja auch im Dunkeln. Und dann kam sie im Wald raus, der ganz allein ihr gehörte, denn da streicht niemand rum. Viel zu gefährlich. Aber das ist ihr egal. Und dann fing sie an zu laufen, und da haben wir aufgehört.« Ayla predigte die Worte so schnell, dass sie kaum nach Luft schnappen konnte.

»Welch gutes Gedächtnis du hast«, sagte Pozhman und legte ihr ein extra Schokoladenstück auf den Teller.

»Machen wir weiter.« Der Mann nahm seine Tasse in die Hand, wärmte seine Finger und schloss die Augen, um sich an die Fortsetzung seiner Geschichte zu erinnern.

»Wo ist das Buch?«, fragte ein Junge namens Eric. Er war an diesem Tag zum ersten Mal dabei. Ayla hatte ihm die Geschichte des Mannes jedes Mal beim Frühstück ausführlich erzählt, um ihm folgen zu können.

»Das Buch?«, fragte Pozhman.

»Sie erzählen uns doch diese große Geschichte. Da müssen Sie doch ein Buch haben, aus dem Sie vorlesen«, sagte Eric.

»Das brauche ich nicht. Es ist alles hier«, sagte Pozhman und deutete mit dem Finger auf seine Schläfe. Er schaute zu Ayla, die schon ganz aufgeregt zwischen den Kissen hin und her rutschte und ihn mit erwartungsvollen Augen ansah.

»Also erfinden Sie die Geschichte nur?«, fragte Eric.

Der Mann lächelte.

»Mein Sohn, nur weil die Geschichte nicht niedergeschrieben wurde, heißt das nicht, dass sie nicht wahr ist. Ihr werdet sehen, es gibt noch sehr viele Wahrheiten, die darauf warten, entdeckt zu werden.« Keines der Kinder fiel ihm mehr ins Wort, und so konnte er damit fortfahren, sich und seine Zuhörer in eine andere Welt mitzunehmen. An einen Ort, der weit weg von diesem Heim war, in dem einsame Kinder ein neues Leben fanden. Weit weg von der Realität, in der sie lebten.

»Also, sie war nun im Wald. Ihr müsst verstehen, nicht so einen, den wir hier haben. Es gab keine Nadelbäume oder riesengroße Tannen. Der Wald, in dem unsere Noa ein eigenes Zuhause fand, war von Bäumen besiedelt, die viel grüner, viel höher und viel mächtiger waren. Es gab Sträucher, deren Blätter so groß waren wie eure Köpfe und aus denen man trinken konnte, wenn man sie zu einem kleinen Schiff zusammenpresste. Es gab Pflanzen, die sich neben einen Baum setzten und dann an ihm hochwuchsen, indem sie sich bis an die Spitze schlängelten. Es sah dann so aus, als wollten sie ihn festhalten. Seltsam, nicht wahr? Als ob ein Baum einfach so umfallen würde. Die Erde war dunkelbraun, aber wenn Noa ihre Finger darin versteckte und nur ein wenig in die Tiefe grub, erschien die Erde goldgelb und glitzerte im Licht der Sonne. Die Baumkronen waren bedeckt von Nestern. Es gab in diesem Urwald wahrlich mehr Vögel, als ihr euch vorstellen könnt. Und sie hatten alle möglichen Farben und Formen. Die meisten waren geschmückt mit dunkelgrünem Gefieder, denn so konnte man sie in den Baumkronen niemals sehen, bloß ihren Gesang hören, den sie mit dem Aufgang der Sonne klingen ließen. Andere Vögel hatten ein leuchtend blaues Gefieder, das ihnen wie der Umhang eines Königs am Körper hing, welches sie ebenso stolz der Welt präsentierten.

Doch da gab es noch einen sehr seltenen kleinen Vogel, kaum größer als eure Hände. Sein Gefieder war strahlend orangefarben. Wenn er in einem Mandarinenbaum saß, konnte er sich zwischen den Früchten verstecken. Er war der einzige Vogel, der nicht sang. Ganz im Gegenteil. Sein Leben lang brachte er keinen Ton hervor, außer er fand den schönsten Ort, an dem er für immer bleiben wollte. Da öffnete er den kleinen Schnabel und trällerte ein kurzes Lied.«

»Hast du so einen schon mal gesehen?«, fragte Ayla.

»In einem Leben lange vor diesem, ja. Ja, das habe ich. Und seinen Gesang werde ich nie vergessen«, sagte Pozhman. Er hielt kurz inne, steuerte seine Gedanken zurück zu der Geschichte, die er den Kindern erzählen wollte.

»Aber neben den seltenen Tieren gab es etwas, das diesen Wald so unglaublich besonders machte. Wisst ihr, es gab keine Zeit, in der das dunkle Grün sich zu einem Gelb verwandelte und die Blätter nach und nach zu Boden fielen. Dieser Wald war seit Hunderten, nein Tausenden von Jahren immer gleich. Jeden Tag und jede Nacht.«

»Es hat also nie geschneit?«, fragte Cedric.

»Nein!«, sagte der Mann sichtlich empört. »Ganz im Gegenteil, Cedric. Es war sehr warm dort. Man sagte sich sogar, dass das Land eigentlich von der Sonne regiert wurde, nicht vom König.«

»Gab es außer Vögeln wenigstens Bären oder Hirsche?«, fragte Eric.

»Nein, die gab es nicht, aber weitaus spannendere Tiere. Manche so furchteinflößend, dass sich die Menschen aus der Stadt nicht ohne ein Messer am Gürtel in den Wald trauten. Es gab viele Mythen, Legenden und Geschichten über das Leben in diesem Wald, doch niemand hatte den Mut, sich allein dort hineinzuwagen, um herauszufinden, welche Geschichten von Wahrheit entstanden. Lediglich die kleinen und zierlichen Tiere suchten sich ihren Weg in die Stadt. Was nicht hieß, dass sie nicht weniger gefährlich waren. Es gab kleinste Spinnen, die man mit dem bloßen Auge kaum erkennen konnte, doch ihr Biss war mehr als tödlich. Andere machten ihre Gefahr durch ein klapperndes Zittern des wurmartigen Körpers bemerkbar, das man schon aus weiter Entfernung hörte.«

»Und was machte diese Frau dann dort?«, fragte Eric. »Wenn es doch so gefährlich war.«

Wieder lächelte der Mann in sich hinein.

»Weißt du, selbst der gefährlichste Ort kann für jemanden, der ihn über alles liebt, der schönste auf Erden sein.«

Eric war mit dieser Antwort alles andere als zufrieden und zog seine kleine Stirn in winzige Falten.

»Aber niemand setzt doch sein Leben aufs Spiel, nur um ein paar bunten Vögeln zu lauschen«, widersprach er dem Mann.

»Eric, du wirst noch verstehen, dass es so einiges gibt, für das es sich lohnt, jegliche Gefahren auf sich zu nehmen. Dieser Wald war für Noa nicht nur irgendein Ort. Er war der Grund, warum ihr Herz jedes Mal, wenn sie ihn erblickte, wild in ihrer Brust sprang. Ihn zu verlassen oder mit anzusehen, wie er zerstört wurde, bedeutete, dass auch ein Teil von ihr starb. Wisst ihr …«, begann er und blickte in die erwartungsvollen Augen vor sich. »Wenn man etwas gefunden hat, das einen vergessen lässt, wie viel Zeit vergeht, wer man ist oder wer man war, dann tut man alles, um dort zu sein«, sagte er und fuhr mit seiner Geschichte fort.

DAS HERZ DES JAGUARS

Mit ihrer ganzen Kraft rannte Noa den kargen, steilen Abhang nach oben, während das Geröll bei jedem Schritt seinen Weg nach unten suchte. Ihr Blick richtete sich zur Spitze des Berges, die so aussah, als würde man den Wald von dort oben komplett unter sich lassen. Um nicht auszurutschen, hielt sie an all den kleinen Wurzeln fest, die sie im Affekt greifen konnte und riss dabei mehrere zu Boden. Noa hörte, wie die kleinen Äste hinter ihr zerbrachen und wusste sofort, dass das Tier sie eingeholt haben musste. Ohne nach hinten zu blicken, um ja kein Hindernis zu übersehen, lief sie auf die Spitze des Hügels zu und sprang in den Bach, der sich wie eine Schlange durch das Dickicht des Regenwaldes schlängelte.

Der Jaguar, der sie verfolgte, hatte keine Ambitionen, den Sprung zu vermeiden und folgte ihr auf der flachen Ebene weiter durch den Wald. Ihre Schritte konnte man kaum auseinanderhalten, und die kleinen Vögel konnten kaum schnell genug aus den Hecken fliehen und sich in den hohen Baumkronen verstecken. Noa lief weiter. So schnell sie konnte. Nach und nach wurde es hinter ihr stiller, daher erlaubte sie sich einen kurzen Blick über ihre Schulter. Kein Jaguar war zu sehen. Der kleine Vorsprung ergab die Möglichkeit, ihre Hände in den Bach zu tauchen, um einen Schluck Wasser zu schöpfen. Ihre Kehle fühlte sich an wie ein altes Stück Holz, und bei jedem Atemzug riefen die Lungen ihr zu, dass sie gleich unter ihrer Brust verbrennen würden. Sie wartete nicht, bis sie erneut ein Geräusch hörte und lief in derselben Sekunde weiter.

Der Wald, der die Hauptstadt von Kathalea umgab, war für gewöhnlich ruhig, besinnlich und friedvoll. Es war für die Tiere dort nicht zu verkennen, dass jemand panisch durch ihn hindurch lief. Noa wechselte auf einen kleinen erdigen Pfad neben dem Bach, auf dem ihre nackten Füße sicheren Halt fanden und nicht drohten, auf den glitschigen Steinen im Bachlauf auszurutschen. Links und rechts von ihr wich sie hervorstehenden Ästen aus, sprang über gefallene Bäume und beschleunigte ihr Tempo nochmals, als der Wald sich nach kurzer Zeit zu einer flachen Wiese wandelte. Sie sah aus der Entfernung, wie der kleine Pfad zu enden drohte und bloß noch ein großer Fels vor einer Schlucht hervorragte. Mit brennenden Beinen, wunden Füßen und einem wilden Herzschlag versuchte Noa ein letztes Mal, ihr Tempo zu beschleunigen. Sie erreichte die Kante, und ohne zu zögern legte sie all ihre Kraft in ihren Fuß und sprang ab.

Auf eine besondere Art und Weise genoss sie es für einen kurzen Moment, in der Luft zu schweben. Sie strampelte mit den Beinen, als ob sie ohne den Boden unter den Füßen weiterlaufen würde. Noa sah nach vorn, sah den kleinen Pfad zwischen den Bäumen und war bereit, genau dort aufzukommen. So gefesselt von dem Blick nach vorn sah sie nicht, wie der Jaguar seitlich hervorsprang und sie mit seinem Körper zu Boden schleuderte. Sie drehten sich ein paar Mal um ihre eigene Achse, als sie das Gras berührten, und Noa landete mit dem Rücken auf der Erde, während das Tier sich über sie beugte. Der Jaguar presste seine Pfoten auf ihre Schultern. Noa hätte sich mit keiner Kraft aus dieser Lage befreien können. Die Krallen, das Maul, die Zähne. Alles an dem Tier war so groß, viel größer als bei jedem anderen Jaguar, den das Land jemals gesehen hatte. Sie schauten sich an. Nicht so wie ein Mensch ein Tier ansah, das durchaus imstande war, sein Leben innerhalb einer Sekunde zu beenden. Sie sahen sich an wie zwei vertraute Leben, die mehr Dinge miteinander teilten als sie trennten. Wenn man sie genauer betrachtete, sahen sie sich sogar sehr ähnlich. Das Fell des Jaguars war dunkelrot mit braunen Flecken, die an manchen Stellen beinahe schwarz wirkten. Noas Haar war am Ansatz dunkel und hellte sich an den Spitzen zu dem gleichen braun-rötlichen Ton wie das Fell des Tieres auf. Ihre Lippen waren von Natur aus hellorangefarben, ebenso wie die Schnauze und die Tatzen des Jaguars. Doch ein besonderes Merkmal konnte nicht verleugnen, dass sie auf eine Art und Weise zusammengehörten, die man von Mensch und Tier nicht kannte. Man konnte nicht beschreiben, ob Noas Augen die gleichen waren wie die des Jaguars oder ob das Tier sich in Noas Augen wiederfand. Tatsache war, dass beide so außergewöhnlich leuchtend grüne Augen hatten, wie man sie weder bei Menschen noch bei einem Tier je gesehen hatte.

Ein Meister hatte Noa vor vielen Jahren erklärt, dass er erst einmal im Leben genau diese Farbe in der Natur gesehen hatte. Damals war er weit oben im Norden gewesen, und eines Nachts bildete sich ein leuchtend grüner Schleier am dunklen Himmel. Er erinnerte sich daran, weil er Noa eines Nachts dabei erwischte, wie sie wieder einmal aus dem Palast fliehen wollte. Er hatte sie nur deshalb erkannt, weil er in der Dunkelheit ihre Augen leuchten gesehen hatte.

»Nächstes Mal, Merji! Nächstes Mal bin ich schneller«, sagte Noa und musterte den Jaguar, als wollte sie in seinem Gesicht ablesen, was er gerade dachte. Zwar spiegelte sich noch die Anstrengung der Verfolgung in ihrem wider, doch schaffte sie es, ihre Lippen zu einem Lächeln zu formen. Das Tier löste sich von ihrer Brust und sah sie an. Streng und doch mit einer Gewissheit von Verständnis. Noa schaute hoch zum Baumstamm, vor dem die beiden lagen, und blickte auf die kleine Sanduhr, die an einer Schnur in den Ästen hing. Der Sand schien schon seit einer Weile abgelaufen zu sein, die Uhr baumelte langsam von einer Seite zur anderen. Als Noa abwechselnd erst zur Uhr und dann in den Himmel sah, in dem sie die Ausrichtung der Sonne erkannte, hörte man jemanden ein leises »Mist!« in den Wald rufen.

»Wir müssen los! Vater wird schnell ungeduldig, wenn es um seine Traditionen geht«, fügte sie hinzu. Bevor sie losgingen, setzte sich Noa auf einen breiten Stein am Fluss und befreite ihr Gesicht und ihre Beine von Erdresten, Moos und Schmutz. Unter der Schicht aus Erde auf ihrer Haut kamen nach ein paar Wassertropfen die vielen dunklen Striche und Flecken zum Vorschein, die ihre Beine von den Füßen bis zu den Knien zierten. Noa war stets sehr vorsichtig, wenn sie im Wald lief und verletzte sich fast nie, doch diese Narben hatte sie laut ihres Vaters schon bei der Geburt gehabt.

Es war selten, dass Kinder mit einer makellosen Haut zur Welt kamen, jedoch gab es auch nicht oft so viele Flecken auf einmal. Wenn, dann erklärten sich die Menschen, dass es mit großer Sicherheit ein Makel aus einem früheren Leben wäre, der durch einen bloßen Zufall mit der Seele wiedergeboren worden war. Allerdings gab es auch sehr konservative Meister, die vehement behaupteten, dass man an den Flecken der Haut erkennen könne, wie man in seinem früheren Leben gestorben sei. Ein Junge, der damals in Noas Schulklasse war, hatte ein braunes Mal direkt über dem Herzen und jeder stellte ihn bloß, da er angeblich als gefallener Krieger von einem Pfeil getroffen wurde. Über die Frau aus der Käserei sagte man, sie wurde im Feuer verbrannt, da ihr ganzer Körper von Tausenden kleiner brauner Punkte gezeichnet war, die im Sonnenlicht und dessen Wärme noch dunkler wurden.

»Alles nur Geschwätz«, sagte Noas Vater immer zu ihr, der merkte, wenn sich die anderen Kinder über die Narben und Makel an Noas Beinen lustig machten. Schließlich fing sie an, viel zu lange Kleider zu tragen, bei denen der Saum wie eine Schleppe über den Boden fiel. Aus einem Leinenbeutel, in dem sie die Sanduhr verwahrte, zog sie ein Paar braune Stiefel, die so lang waren, dass sie problemlos die Zeichnungen auf der Haut verdeckten. An diesem Ort im Wald, an den sich nie eine einzige Seele aus der Stadt verirrte, genoss sie die Freiheit, auf der warmen Erde zu laufen. In Gesellschaft von anderen waren ihr die Zeichnungen jedoch unangenehm, daher versuchte sie, sie möglichst geheim zu halten. Zumal jeder sofort gewusst hätte, wer sie war, auch wenn sie ihren Kopf und ihr Gesicht bedeckte.

Während die beiden durch den Wald streiften, legte Noa ihren Kopf in den Nacken, um sich anzusehen, wie die Baumkronen in den Himmel ragten. Sie wurde langsamer und stoppte schließlich an einem Felsen, der mit seiner grauen Farbe aus dem saftig grünen Wald hervorstach. Das Bild des Waldes wurde in drei Farben gemalt: mit dem Grün der Pflanzen, dem Braun der Erde und Baumstämme und dem Grau der Felsen, die ab und an hervorragten. Noa berührte die glatte Oberfläche, die sich so wohltuend und kühlend anfühlte, dass Noa ihre rötlich gefärbten Wangen daran legte. Sie fragte sich, wie diese Felsen ihren Weg in den Wald gefunden hatten. Während Bäume aus der Erde in den Himmel wuchsen, waren die massiven Steine seit Tausenden von Jahren am gleichen Ort. Auf manchen fand Noa kleine Zeichnungen, die unmöglich aus ihrer Zeit stammen konnten, denn niemand aus der Stadt konnte entziffern, was sie bedeuteten. Manche Felsen standen so dicht beieinander, dass sich eine Schlucht zwischen ihnen bildete, die Noa nur durchqueren konnte, wenn sie seitlich hindurch ging und ihren Rücken gegen die Wände presste.

In anderen Teilen des Waldes fand Noa kleine Höhlen, deren Wände ebenso mit kleinen Ornamenten und fremden Schriften gezeichnet waren. Der Fels, vor dem sie an diesem Tag stand, sah aus wie die Faust eines Kriegers, dessen Arm sich tief in der Erde versteckte. An einer Seite bildeten sich kleine Löcher, die wie das Bild eines unvollendeten Puzzles wirkten.

»Warte kurz. Ich bin gleich wieder da«, sagte sie zu Merji, die dabei zusah, wie Noa abwechselnd ihre Finger und Zehen in die kleinen Kuhlen steckte, bis sie auf dem mit Moos bedeckten Plateau stand. Sie war nicht besonders gut im Klettern, ihre Stärke lag eindeutig in der Schnelligkeit ihrer Beine. Das konnte sie besser als jeder andere. Zumal die Höhe normalerweise etwas in ihr etwas auslöste, vor dem sie sich fürchtete. Seit vielen Jahren war sie jedoch geübt darin, diese eine Felswand hinaufzuklettern, ohne dass das Gefühl von weichen Knien sie davon abhielt, den Anblick zu genießen, der sie an der Spitze erwartete. Es war ein Bild, das sich klar in ihrem Kopf eingeprägt hatte. Trotzdem empfand sie jedes Mal eine neue Welle von Begeisterung, wenn sie sich auf den Felsen setzte.

Die Baumkronen unter ihr verschwanden, und sie sah aus der Ferne die Pracht ihrer wunderschönen Heimat. Sie sah die mächtigen Tempel, deren Spitzen über jedes Haus hinweg ragten, und sie konnte, wenn sie ganz genau hinsah, die endlosen Treppenstufen zählen, die zu den Spitzen führten. Sie sah, wie die flachen Dächer sich in ihren Farben abwechselten und die mit den schönsten Malereien verzierten Stadtmauern. Immer wieder aufs Neue war Noa begeistert davon, wie wunderschön ihre Stadt war. Die Stadt ihres Vaters, die Stadt ihrer Familie, die Stadt ihres Volkes, die Hauptstadt von Kathalea und die Stadt, die einmal durch ihre Hand geführt werden sollte. Es war wahrlich ein wunderschöner Ort, besonders, wenn man ihn von oben betrachtete und sah, dass es neben dem Zentrum des menschlichen Lebens einen Teil gab, den Noa als den schönsten Ort auf dieser Welt empfand. Die Weite des Waldes, der die Stadt umgab und schützte. Doch war es nicht nur der Anblick, den Noa so sehr liebte. Sie schloss ihre Augen und wartete darauf, den Klang der Stadt zu hören. Sie konnte das Echo jedes Geräusches wahrnehmen, das aus der Stadt kam. Die Arbeiter, das Gelächter der Kinder, die Unterhaltung der Menschen, die Musik, die tagsüber auf dem Hauptplatz gespielt wurde und das Meckern der Ziegen, die auf den Farmen am Stadtrand gemolken wurden. Alles schien sich an dem Felsen, auf dem Noa saß, zu vereinen. Nach einiger Zeit, in der sie verträumt dagesessen hatte, brannte sich die Hitze des Steins in Noas Hände und Beine. Also kletterte sie wieder nach unten und verschwand mit Merji zwischen dem ewigen Grün des Waldes, ganz ohne Angst, dass er ihr jemals etwas antun würde.

***

Noa war die Letzte, die den Raum betrat. Die Wachen an den Toren nickten ihr höflich zu und öffneten den Durchgang zum großen Saal. Merji legte sich direkt vor die Tore, was die Wachen jedes Mal dazu brachte, entweder starr geradeaus zu schauen oder in kurzen Abschnitten zu Boden zu gucken, um zu sehen, ob der Jaguar sich bewegte. Hätte man ihnen die goldene ringförmige Bedeckung von der Stirn genommen, würden die Schweißperlen sichtbar an ihren Schläfen heruntertropfen, obwohl die Präsenz des Jaguars im Palast seit vielen Jahren zur Normalität gehörte. Noa ging auf die Tafel zu, an der ihr Vater, dessen Frau Anya und ihr kleiner Bruder Lyath bereits saßen. Obwohl ein Platz neben dem König frei war, setze sich Noa zu ihrem Bruder und gab ihm einen schnellen Kuss auf den Kopf. Er war viel jünger als sie. Vielleicht hatte sie genau deshalb so eine starke Bindung zu ihm, denn er war vielmehr wie ein Sohn als ein Bruder. In diesem Jahr wurde er von den Lehrmeistern zum ersten Mal unterrichtet, während Noa bereits seit der letzten Monsunzeit nicht mehr in den Unterricht ging. Ihre Pflichten bestanden seither darin, jeden Tag an der Seite ihres Vaters zu lernen. Das waren die Aufgaben, die sie schon bald allein bewältigen müsste. Und während sie in der Bibliothek jahrelang alles über die Länder und ihre Regierungen gelesen hatte, konnte sie nun persönlich dabei sein, wenn Entscheidungen getroffen wurden.

Gegenüber von ihr saß Anya, Lyaths Mutter. Sie war seit sechs Jahren die neue Frau ihres Vaters. Zwar teilten Noa und sie nicht viele Gemeinsamkeiten, die Anya dazu berechtigt hätten, sich wie Noas Mutter zu verhalten, doch sie hegten einen grundlegenden Respekt füreinander. Noa hatte zu Anya ein ebenso neutrales Verhältnis wie zu jedem anderen, der außer ihrer Familie im Palast lebte. Zumal Anya sehr wohl bewusst war, dass ihr Platz im Palast in keinem Verhältnis zu Noas stand. Als angeheiratete Frau des Königs genoss Anya die Sorglosigkeit des Wohlstands, hatte aber keine nennenswerten Aufgaben zu erfüllen, während auf Noas Schultern das Erbe lastete, genau diese Sorglosigkeit und diesen Wohlstand für die Zukunft aufrechtzuerhalten. Manchmal fiel es Noa daher sehr schwer, sie selbst zu sein, wenn Anya in der Nähe war, da sie fürchtete, vor ihr einen Fehler zu machen. Doch dann gab es Momente, in denen Anya versuchte, ihr Bestes zu geben, um Noa die Möglichkeit zu lassen, sich gänzlich in ihrer neuen Rolle entfalten zu können. Denn auch wenn sie es niemals zugeben würde, war Anya sehr erleichtert über die Tatsache, dass ihr Sohn nicht die große Last auf den Schultern tragen musste, mit der Noa Tag für Tag lebte.

Das Gesetz schrieb vor, dass auf einen König eine Königin folgen musste. Somit war die Nachfolge für die nächsten hundert Jahre geregelt. Lyath hatte das Privileg, in der goldenen Familie zu leben, ohne etwas dafür zu tun. Noa vertrat den König. Sie würde einmal von ihrem Sohn und dieser wiederum von seiner Tochter im höchsten Amt des Landes vertreten werden.

»Auf 10.000 Sonnen!« König Shelor erhob seinen Becher, und die anderen taten es ihm gleich. Jeder Blick richtete sich schließlich auf Noa, gekoppelt mit der Erwartung einer kurzen Rede oder eines einfachen Wortes der Zustimmung.

»10.000«, sagte sie still und trank den Becher in einem Zug aus.

»Lasst uns den Göttern danken. Zehntausendmal ist die Sonne nun aufgegangen, seitdem du geboren wurdest. Nun wärst du bereit, mein Erbe anzutreten«, sagte Shelor und strahlte mit jeder Faser seines Körpers.

»Bis dahin sollte sie zumindest noch lernen, was Pünktlichkeit bedeutet. Vor allem, wenn man mit dem König speist«, merkte Anya spöttisch an. Noa sah das kleine Zwinkern von Anyas Auge, wodurch sie ihre Worte als kleinen Scherz und nicht als hämische Bemerkung deutete. Merji hingegen empfand Anyas Kommentar nicht sonderlich passend. Sie erhob sich vom Boden und ging so eng an Anyas Rücken vorbei, dass das Fell ihr Kleid streifte und der bedrohliche Geruch des Tieres in ihrer Nase brannte. In Noas Augen konnte jeder am Tisch eine Form der Genugtuung erkennen, denn wer auch immer gegen sie war, konnte Noa sich stets darauf verlassen, dass der Jaguar ihr den Rücken stärkte. Und auch ohne, dass nur einer ein Wort darüber fallenließ, hatte Anya mit dieser Geste die klare Botschaft verstanden, sich besser nicht mit ihrer zukünftigen Königin anzulegen. Schon gar nicht mit einem ausgewachsenen Jaguar. Für Noa war es vor vielen Jahren eine große Umstellung gewesen, den Platz im Palast für eine neue Frau frei zu machen, nachdem sie so lange mit ihrem Vater allein gewesen war. Noa spürte, dass ihr Vater nach vielen Jahren der Einsamkeit wieder die Liebe gefunden hatte, die er für immer verloren geglaubt hatte. Zwar war sie zu Beginn nie richtig sicher, ob die Hochzeit für Anya wirklich ein Resultat der Liebe oder doch nur eine Möglichkeit war, der Armut zu entfliehen, doch solange ihr Vater glücklich war, kümmerten Noa Anyas Absichten nicht. In einer einzigen Angelegenheit waren die beiden Frauen jedoch bereit, die gleichen Werte zu teilen: die unermüdliche Liebe zu Lyath.

Anya hatte bei der Hochzeit bereits ein Alter erreicht, in dem es eher selten vorkam, dass Frauen noch Kinder bekamen. Irgendwann sorgte die Natur dafür, dass ihre fruchtbaren Jahre endeten. Doch als Anya schwanger wurde und einen Sohn bekam, schwebte Noa auf den gleichen Wolken der Freude wie sie. Als Lyath geboren wurde, änderte sich ihr Verhältnis zueinander. Sie begannen, mehr Zeit miteinander zu verbringen und sich kennenzulernen, doch diese vorübergehende Freundschaft erschlaffte mit den Jahren und kehrte zu Noas Leidwesen nicht wieder zurück. Sie hätte gern eine Freundin gehabt, wenn sie schon keine Mutter mehr hatte.

»Schluss jetzt! Ich möchte dieses Mahl mit meiner Familie genießen, ohne dass gestritten wird.« Shelors Stimme wurde kraftvoller, wenn er ernst wurde. Alle stocherten auf ihren Tellern, und es herrschte kurzzeitig betrübtes Schweigen. Die Stimmung im Raum wurde unterbrochen, als die Tür aufging. Noch bevor jemand hereinkam, stand Merji schon auf allen vieren und positionierte sich vor Noa.

»Leg dich hin«, flüsterte sie. »Es ist nur …«

»Guten Abend, meine Lieben. Entschuldigt vielmals die Verspätung. Leider wurde ich noch am Tempelwerk gebraucht. Die Männer scheinen nicht helle genug zu sein, um ihre Probleme selbst zu lösen«, sagte die rauchige Stimme, deren Besitzer den Saal betreten hatte.

»Ilio!«, sagte Shelor. »Wie schön, dass du gekommen bist. Bitte setz dich.« Shelor ließ ein weiteres Kissen für seinen Bruder bringen und platzierte es direkt neben sich. Noa saß ihm nun gegenüber und musterte seine Kleidung. Er trug einen langen dünnen Mantel, und seine Stiefel glänzten wie gewohnt frisch poliert. Sein dunkles Haar lag wirr über seinen Schultern, wobei er den Kopf immer so stark nach vorn neigte, dass eine Strähne über sein Auge hing. Für viele schien seine Art der Kleidung sehr ungewöhnlich zu sein, besonders, wenn er mit seinem Mantel bei steigender Hitze durch die Straßen lief und sich hinter seiner Mähne versteckte. Aber in diesen Momenten dachte Noa an sich, die vor anderen selbst in der prallen Sonne ihre dicken Stiefel nicht auszog, um die Narben zu verbergen. Sie wusste nicht, welche Narben Ilio trug und ob er sich dafür schämte, aber es war ihr auch egal.

Shelor und Ilio waren Brüder, die bei ihrer Geburt identisch aussahen. Jedoch könnten sie jetzt, viele Jahre später, nicht unterschiedlicher sein. Das Haar des Königs war stets ordentlich und sauber zu einem kleinen Knoten gebunden, die Haut glänzte von der permanenten Pflege mit duftenden Ölen, und traditionsgemäß trug er Tag für Tag orangefarbene Gewänder aus Leder und Seide. Seine Arme waren mit goldenen Reifen geschmückt und die Hände zu jeder Zeit sauber und gepflegt, als hätten sie keine andere Aufgabe, als Briefe zu unterzeichnen. Ilio hingegen trug überwiegend dunkle Mäntel, pflegte weder sein Haar noch seine Haut, und statt nach Ölen roch er nach einer Mischung aus Branntwein und totem Tier. Er war nicht dreckig oder abstoßend, denn er selbst nannte sich einen »echten robusten Mann«. Der König und sein Bruder waren von Natur aus sehr groß und sehr breit gebaut, sodass es beide körperlich durchaus noch mit den jungen Männern aus der Stadt aufnehmen konnten. Shelor hielt nicht viel von Gewalt, aber in Ilios Augen sah man Freude und Wohlsinn, wenn es ums Blutvergießen ging. Er war einer von denen, die es sichtlich genossen, wenn sich zu später Stunde und nach übermäßigem Genuss von Alkohol zwei oder drei Männer stritten und anfingen zu kämpfen. Dann nahm er seinen Becher mit Wein, lehnte sich zurück und betrachtete fröhlich das Geschehen, bis der erste Knochen brach und das knackende Geräusch ihm ein seltenes Lächeln auf die Lippen zauberte.

»Ganz schön sauber für jemanden, der den ganzen Tag am neuen Tempel arbeitet. Findest du nicht?«, sagte Noa, die sich nur selten die Kommentare verkneifen konnte, die ihr durch den Kopf gingen. Ilio lachte.

»Vergiss nicht, mein Kind, ich bin der Kopf der Arbeit. Dafür brauche ich keine schmutzigen Hände. Steine schleppen war noch nie meine Art«, erwiderte er. »Und apropos: ganz schön dreckig für jemanden, der den ganzen Tag im Palast sein sollte, um Bücher zu lesen.« Ilio musterte Noas langes Haar und zog ein Blatt aus ihren Locken, das dem König verriet, dass seine Tochter wieder einmal jenseits der Stadtmauern gewesen war. Ebenso trug Noa im Gegensatz zu ihrem Vater ein dunkelgrünes Kleid statt der traditionellen orangefarbenen Robe der Königsfamilie. Shelor erkannte mit den Jahren, wann seine Tochter im Wald gewesen war, denn sie passte ihre Kleidung den dortigen Farben an, um zwischen den Bäumen nicht erkannt zu werden. Augenblicklich hörte man das Fauchen von Merji, die nun nicht mehr hinter Noa saß, sondern neben ihr. Sie starrte Ilio mit scharfen Blicken an, doch Ilio hatte in den vielen Jahren gelernt, den Missmut des Tieres ihm gegenüber zu ignorieren.

»Zumal wir doch heute etwas zu feiern haben! Wie unser großer Kalender sagt, haben dich 10.000 Sonnen seit deiner Geburt begleitet. Meinen Glückwunsch!« Er füllte seinen Becher bis zum Anschlag, während er sprach, und erhob ihn.

»Du könntest nun heiraten und mich zum Großonkel machen. Ich bin mir sicher, die tapferen Junggesellen des Landes würden so einiges tun, um deine Hand zu halten. Wenn der arme Kerl nicht erst mal an deiner Freundin vorbei müsste.« Ilio sah zu Merji, deren Augen kleiner wurden und nicht von Ilio abwichen.

»Was für eine Schande. Wenn es nach ihr ginge, dürfte sich jeder adrette Mann bloß als Abendessen zur Verfügung stellen. Hab ich recht?« Ilio lachte und schaute zu seinem Bruder, dem er mit dem Ellbogen einen leichten Schlag in die Taille verpasste. Anstelle von Zorn über unangebrachte Kommentare an seinem Tisch stieß er bei den Blicken des Königs auf Verständnis, denn auch Shelor war bewusst, dass sich Noas Beziehung zu einem ausgewachsenen Jaguar bei der Vermittlung von Ehemännern nicht als hilfreich erwies.

»Jetzt ist Zeit für Geschenke!«, rief Lyath, gerade rechtzeitig, bevor sein Onkel sich weiter über seine Schwester lustig machen konnte. Noas Gesicht strahlte Erleichterung aus, dass dieses ewige Thema unterbrochen wurde und nicht ein weiteres Mal das Hauptgespräch am Tisch war.

»Da sag ich nicht nein.« Noa lächelte in Richtung ihres Bruders, der selbstsicher und doch schüchtern auf seinem Kissen hin und her wippte. Egal, worüber sich Noa tagtäglich den Kopf zerbrach – wenn ihr kleiner Bruder in seiner kindlichen Herrlichkeit um sie herum war, ließ er sie vergessen, welche Last auf ihren Schultern ruhte. Lyaths Leichtigkeit, seine kindliche Fröhlichkeit und die Art und Weise, wie er die Welt sah, brachte Noa dazu, sich die Frage zu stellen, ob alles um sie herum wirklich so wichtig war, wie sie glaubte. Auf einer hellbraunen Steintafel zeigte Lyath auf die vielen eingemeißelten Figuren, die bunt bemalt vor einem Tempel standen.

»Hier, ich habe es selbst gemacht! Das bist du und das bin ich, und das ist Merji und das Vater. Und das, das ist Taron. Ich mag ihn, du magst ihn auch, er ist unser Freund. Siehst du hier? Und das ist unser Zuhause.«

»Danke, es ist wunderschön! Ich werde dafür einen schönen Platz finden«, sagte Noa, nahm die Tafel entgegen und streichelte ihren Bruder über die Wange.

»Das ist von mir«, sagte Anya, nachdem sie eine kleine Holzschachtel aus ihrer Tasche genommen und sie quer über den Tisch geschoben hatte. Auf dem Deckel war etwas eingraviert, das aussah wie ein Krug oder eine Schale. Doch als Noa die Schachtel zur Seite drehte, glaubte sie, darauf die Zahlen fünf und zwei zu erkennen, die sich im Spiegel die Hand gaben. Noa öffnete die Schachtel und fand darin ein Armband, das aus kleinen schwarzen Kugeln bestand. Ein paar davon waren grün, die mittlere Kugel in einem dunklen Lilaton gefärbt. Der Verschluss bestand aus einem silbernen Reif, der die gleichen geschwungenen Formen hatte, die auch auf den Deckel gedruckt waren. Shelor blickte über ihre Schulter und sah sich das Schmuckstück an.

»Ein tolles Geschenk. Nicht wahr, Noa?«, merkte er an und gab seiner Tochter damit einen Hinweis, dass der Moment gekommen war, sich bei Anya zu bedanken.

»Ja«, sagte sie. »Wirklich wunderschön. Ist es aus deiner Heimat?«

»Es gehörte einst meiner Schwester. Ich bin mir sicher, es wäre ihr eine Ehre, wenn die Königin es von nun an tragen würde.« Gepaart mit einem künstlichen Lächeln klangen ihre Worte so, als hätte Anya diesen Satz ein Dutzend Mal einstudiert, um ihn möglichst überzeugend vorzutragen, nur um vor ihrem Mann als die perfekte Frau dazustehen.

»Es ist wirklich schön, danke«, sagte Noa und legte sich das Armband ums Handgelenk. Ilio tupfte sich mit einem Tuch den Mund trocken und musterte Noa. Er kaute immer noch an seinem Essen, doch das hielt ihn nicht davon ab, zu sprechen.

»Ich fragte mich lange: Was schenkt man einer jungen Frau, die bald mehr Gold besitzt, als sie jemals ausgeben kann, einen Palast, der größer ist als manche Dörfer und das Privileg, die Entscheidungen für Tausende von Menschen zu treffen?«, sagte er. Anhand seiner spöttischen Art konnte jeder im Raum erkennen, dass er sich das in der Tat nie fragen würde. Alle am Tisch blickten Ilio an. Lyath war schon immer sichtlich eingeschüchtert von ihm gewesen, und Shelor schien Ilios Eifer, schlechte Stimmung zu verbreiten, nie zu unterbinden. Als würde er sich nicht trauen, trotz seiner höchsten Stellung etwas gegen seinen Bruder zu sagen oder ihn für sein Verhalten zu disziplinieren.

»Und da ist mir eingefallen: Es gibt nichts«, sagte Ilio. »Das Einzige, was dir jetzt noch fehlt, meine Liebe – jetzt, wo du alles hast, was du dir wünschen kannst …« Er nahm Noas Hand und drückte sie. Noa spürte, wie ihre Finger taub wurden, wahrte jedoch ihrem Vater zuliebe den Schein einer liebevollen Geste. »Ist der ewige Segen unserer Götter.«

In Shelors Gesicht sah man gleichzeitig Erleichterung und Zuspruch. Der König klopfte einmal mit den Handflächen auf den Tisch, und während Lyath seinen Blick auf Merji richtete, die immer noch mit angespanntem Körper neben Noa stand, sahen sich Noa und Ilio für mehrere Atemzüge tief in die Augen.

»Ja, das wäre in der Tat ein wahrlich schönes Geschenk«, sagte Noa so behutsam, dass jeder glaubte, dass sie die Wahrheit sprach. Doch in ihren Gedanken gab sie ganz andere Töne von sich. Das schönste Geschenk wäre gewesen zu erfahren, dass du endlich hier verschwindest und uns in Ruhe lässt mit deinen elendigen Versuchen, meinen Vater zu beeinflussen. Ilio ließ von Noas Hand ab, die sie vorsichtig unter dem Tisch versteckte, um niemanden sehen zu lassen, wie sie ihre Hand vor Schmerz abwechselnd öffnete und wieder schloss.

»Wunderbar. Ich habe sehr erfreuliche Neuigkeiten. Die Arbeiten am neuen Tempel, den wir zu Ehren unserer neuen Königin erbauen, werden noch in den nächsten Tagen fertiggestellt. Das bedeutet, die nächste Sonnenfinsternis kann dort gefeiert werden, in all ihrer Tradition. Du bist sicher schon ganz aufgeregt? Aber mein Kind, das Volk wird dich lieben!«, sagte Ilio mit Freude und Gespött im Gesicht. »Du hast es ihr doch schon gesagt, Shelor, oder? Neuer Tempel, neue Königin und neue Aufgaben, um unsere heilige Tradition gebührend zu feiern«, fügte er hinzu. Noa sah ihren Vater an, und auch Anya warf dem König einen entsetzten Blick zu, als ob sie genau wüsste, was Ilio damit meinte.

»Was gesagt, Vater?«, fragte Noa.

»Nun, wir dachten uns, da dein Fest der 10.000 Sonnen im gleichen Monat wie unsere Sonnenfinsternis stattfindet, sollten wir auch diesen besonderen Moment nutzen und die Tradition, die unsere Ahnen uns hinterlassen haben, fortsetzen«, sagte Shelor.

»Was sind unsere Traditionen?«, fragte Lyath, der anscheinend als Einziger am Tisch nicht wusste, wovon die Rede war.

»Anya, würdest du meinen Bruder bitte in sein Zimmer bringen? Ich komme später zu dir, Lyath, in Ordnung?«, sagte Noa. Anya erhob sich, ohne Widerworte zu geben, denn sie wollte ebenfalls nicht, dass Lyath bei dem weiteren Verlauf dieser Unterhaltung dabei war. Sie verließ den Saal mit ihm.

»Wie ich sehe, habt ihr einiges zu besprechen«, sagte Ilio und stand auf. In seinem Ausdruck fand Noa einen Wink von Genugtuung, dass er es wieder einmal geschafft hatte, nur mit seiner Präsenz einen Streit zu provozieren und Chaos im harmonischen Familienleben zu verursachen. Er verließ den Raum mit einem schäbigen Lächeln, das zeigte, wie sehr er es genoss, einen Keil zwischen seine Familie zu treiben.

»Komm mit mir, Liebes. Ich möchte dir etwas zeigen«, sagte Shelor. Trotz seines Starrsinns hörte es sich nicht an wie ein Befehl, sondern wie eine innige Bitte. Shelor und Noa gingen gemeinsam zu dem sichelförmigen Balkon, der nur durch wallende, orangefarbene Vorhänge vom großen Saal getrennt war. Sie sahen sich an, wie die Mauern der Stadt ihre Schatten auf die Straßen warfen, während sich die Höfe mit Menschen füllten, die gemeinsam speisen wollten. Sie sahen, wie die Kinder der Familien miteinander spielten, über die Brunnen sprangen, in denen die ersten Leute ihre Becher spülten und wo sich kleine Vögel über die restlichen Krümel stritten.

»In den vergangenen fünf Tagen kamen hier dreißig Kinder zur Welt, Noa. Unser Volk wächst jeden Tag. Bald sind es zweihunderttausend Menschen. Mit den tapferen Männern aus Chalos und den Einwohnern der Siedlungen südlich vom Fluss wirst du bald über ein Volk mit fast einer halben Millionen Menschen regieren. Ich hoffe, dir ist diese Ehre bewusst.« Shelor wandte seinen Blicken nicht von der Stadt ab, doch Noa versuchte, ihm in die Augen zu sehen, während er sprach.

»Das ist es, Vater. Das ist mir sehr wohl bewusst«, sagte Noa. Sie legte ihre Hände auf den warmen Sandstein der Brüstung. »Allerdings hatten wir doch eine Abmachung bezüglich unserer Tradition. Und ich habe das Gefühl, dass du deine Meinung geändert hast, ohne mich darüber in Kenntnis zu setzen. Anscheinend ist Ilio über alles im Bilde, was du mir verschweigst. Wir haben uns geeinigt, Vater. Als Lyath geboren wurde, in dem Jahr der letzten Sonnenfinsternis vor fünf Jahren, da hast du mir etwas versprochen!«

»Du kennst das Gesetz. Die Götter wollen das Gleichgewicht halten, und wir sollten uns nicht absichtlich gegen diese Tradition stellen, wenn wir sie einhalten können.« In seiner Stimme hörte Noa die Ernsthaftigkeit. Besonders wenn es um Traditionen ging, konnte ihr Vater sehr streng sein. »Ich meine, sie haben recht, wenn sie sagen, dass Frauen anders regieren anders als Männer. Sie folgen mehr ihrem Herzen, Männer ihrer eigenen Logik. Meine Mutter hat dieses Land vor vielen Jahren so bedingungslos und voller Liebe regiert, und ich habe es bis heute auf meine Weise versucht.«

Zwischen den beiden folgte eine endlose Stille, denn die Tradition der Thronfolge war nicht der Grund, warum Noa allein auf diesem Balkon mit ihrem Vater sprach.

»Vater, es geht nicht um Logik oder Herz, sondern darum, was in diesem neuen Tempel passieren soll. Ich dachte, er wurde für den Beginn einer neuen Herrschaft gebaut. Doch du sagtest, die Sonnenfinsternis solle in ihrer Tradition gefeiert werden. Unter meiner Leitung. Du weißt, dass ich das nicht machen werde«, sagte Noa.

»Es ist unser Glaube«, sagte Shelor.

»Es ist dein Glaube. Und der von ein paar anderen, die an sonst nichts glauben«, wetterte Noa und erhob zum ersten Mal an diesem Tag ihre Stimme.

»Wir ehren unseren Göttern, indem …«, setzte Shelor an.

»Indem wir Menschen abschlachten?«, unterbrach Noa ihren Vater und konnte ihre Wut nicht mehr zurückhalten. »Ja, Vater, du brauchst mir die Tradition nicht zu erklären. Ich habe sie so oft schon miterlebt, als ich noch viel zu klein war, um zu verstehen, was sie bedeutete. Jedes Mal, wenn der Mond sich alle fünf Jahre vor die Sonne stellt, werden Menschen über einen Stein gelegt. Ihnen wird das Messer ins Herz gerammt, damit die Götter nicht vergessen, dass wir ihnen unterstehen. Und damit nicht nur das Volk versteht, wird außerdem noch das Blut des Tieres vergossen, das unser Land schützen soll. Und wie du vielleicht in den letzten fünfundzwanzig Jahren unschwer mitbekommen hast, bin ich genau diesem Tier mehr verbunden, als ich es diesem Volk jemals war.«

»Noa, wir schlachten niemanden ab. Sie melden sich freiwillig. Tapfere Herzen, die sich für das Wohl ihrer Familie und das Wohl des Volkes opfern«, sagte Shelor.

»Freiwillig?«, fragte Noa spöttisch. »Nachdem sie gestorben sind, werden ihre Familien mit Gold beschenkt, um den Verlust auszugleichen. Als ob das Leben gleichzustellen wäre mit Reichtum oder der Aussicht auf Wohlstand. Ihre Kinder haben ein sorgenfreies Leben, und sie glauben, mit ihrer Tat im neuen Leben belohnt zu werden. Glaubst du ernsthaft, das machen die aus purer Tapferkeit? Sie sind verzweifelt, Vater! Und Freiwillige? Es sind Väter, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Familie ernähren sollen. Alte, die spüren, dass sie ohnehin nicht mehr viel Zeit haben und die sich aus purem Eigennutz noch den sicheren Platz eines sorgenfreien nächsten Lebens sichern wollen. Und du glaubst wirklich, sie machen das freiwillig und aus purer Liebe zu diesem Volk? Zu diesem Land? Oder aus Liebe zu dieser Familie? Keiner von ihnen macht das, und jeder, der das glaubt, ist ein Narr.«

Noa atmete schwer durch die Wut, die sich aus ihrer Brust befreite. Sie realisierte in dem Moment, als sie die Worte aussprach, dass sie zu weit gegangen war. Ihren Vater indirekt einen Narren zu nennen, konnte selbst sie sich nicht erlauben. Am liebsten wollte sie ihre Worte zurücknehmen, obwohl diese frei aus ihrem Herzen kamen und jede Silbe genauso gemeint war, wie sie gesprochen wurde. Sie war darauf vorbereitet, eine Ohrfeige zu erhalten oder in einer anderen Form von ihrem Vater für das, was sie gesagt hatte, diszipliniert zu werden. Doch zu ihrer Überraschung reagierte Shelor nicht. Der tobende Streit, den sie erwartete, blieb aus. Stattdessen starrte Shelor weiter in die Ferne und fixierte den Horizont hinter der Stadt.

»Jetzt sag schon etwas«, sagte Noa. Es verging so viel Zeit des Schweigens, dass Noa beobachten konnte, wie die Sonne immer weiter in der Erde verschwand. Dann brach Shelor sein Schweigen.

»Du erinnerst mich so an sie«, sagte er fast unhörbar zart. »Deine Wut. Deine Ehrfurcht vor dem Leben ist das, was dich besser macht als jene, die nur Ehrfurcht vor dem Tod haben. Dein unerbittlicher Drang, das Richtige zu tun. Und dabei selbst nicht zu erkennen, dass es genau das ist, was dich so besonders macht. Jetzt. Hier. Gerade in diesem Moment wäre deine Mutter so stolz auf dich.«

Diese Worte gaben Noa einen Funken Hoffnung, dass sie ihren Vater umstimmen konnte, wenn sie ihm nur etwas Zeit und Geduld entgegenbrachte. Sie überlegte, welche Worte sie wählen konnte, die ihren Vater doch noch einmal davon überzeugten, an ihrer Vereinbarung festzuhalten und die grausamen Opferrituale mit der Einführung von Noa als Königin ein für alle Mal zu beenden.

»Aber so sehr ich deine Worte und deine Meinung respektiere, ich bleibe dabei. Du wirst von mir bei der nächsten Feier zur Sonnenfinsternis offiziell dem Volk als meine Nachfolgerin vorgestellt. Und du wirst in diesen drei Tagen die Feierlichkeiten begleiten, denn sie werden stattfinden«, sagte Shelor und holte Noa damit aus ihrer Trance ab.

»Die Feste begleiten«, wiederholte Noa leise für sich, um das Szenario auch vollkommen zu verstehen. Der Mond schob sich in einem fünfjährigen Zyklus über dem Himmel von Kathalea vor die Sonne, was mit einem dreitägigen Fest vom Volk gefeiert wurde. Der dritte Tag galt als der wichtigste und war für die Bewohner, die sich zahlreich im Kern der Stadt versammelten, der Höhepunkt. Selbstverständlich war es die Aufgabe des Königs, das Volk durch diese Feste zu begleiten. Dies bedeutete, dass er die Reden bei der Opferung des Tieres halten, das Volk an den Glauben erinnern und die Vollziehung der traditionellen Rituale anführen würde, worunter auch die Auszählung der Freiwilligen zur Opferung fiel.

Fünfmal musste Noa in ihrem jungen Leben dieses Fest als stille Zuschauerin neben ihrem Vater miterleben. Als Noa das Alter einer Erwachsenen erreicht hatte und ihr kleiner Bruder geboren wurde, hatte sie mit ihrem Vater eine lang diskutierte Abmachung getroffen, die Tradition der Opferungen abzuschaffen. Shelor, der beflügelt von der Geburt seines Sohnes in einer dichten Wolke aus Liebe schwebte, stimmte Noas Vorhaben zu und versprach ihr, bei seinem Rücktritt und ihrer Einführung als neue Königin eine neue Ordnung im Land zu schaffen, in der keine Seele sterben musste, wenn es keinen Grund dazu gab.

»Ich soll das alles machen?«, fragte Noa erneut. Ihr gingen alle möglichen Bilder durch den Kopf. Wie sie sich vor Tausenden von Menschen erheben würde, die von da an unter ihrem Schutz standen. All das wäre nicht so tragisch, denn sie könnte die gleichen Reden schwingen, die ihr Vater in den vielen Jahren genutzt hatte. Sie würde sie aufschreiben, sie ablesen und dabei versuchen, so zu tun, als ob sie all das ernst meinte und an jedes Wort glaubte, das sie sprach. Ja, all das wäre nicht so tragisch, wenn sie nicht am Ende einen Bürger auswählen müsste, dem das Leben genommen würde.

Der Tradition nach wurden zwei Opfer verlangt, ein Opfer des Volkes und eines des Waldes. Ein Tier, was für die Bürger nicht zu den spektakulärsten Momenten gehörte, da sie jeden Tag Tiere schlachteten, um sie zu Essen zu verarbeiten. Bei den Feierlichkeiten wurden sie nur zusätzlich bemalt, geschmückt und vor allen Augen auf dem großen Platz hingerichtet. Was machte das für einen Unterschied? Für Noa machte es einen. Tieren das Leben zu nehmen, um sich von ihnen zu ernähren, gehörte zum Kreislauf der Natur. Aber sie zu töten, um einen Gott zu verehren, dessen Existenz niemand beweisen konnte und sie dann in den Fluss zu werfen – das war nicht der Sinn, den Noa für diese Welt, in der sie lebte, sehen wollte.

»Ilio wird alles arrangieren. Morgen rede ich mit ihm. Der Tempel ist bis dahin fertig, und du wirst tun, was das Volk von dir verlangt, Noa. Auch wenn du nicht denselben Glauben an unsere Götter mit mir teilst. So hoffe ich, dass unser Glaube an dieses Land der gleiche ist«, sagte Shelor. Noa hielt einen Moment inne und suchte nach den richtigen Worten, die sie nie finden konnte. Es war, als würde die Last, die ohnehin auf ihren Schultern weilte, immer schwerer. Sie sah zu Merji, deren Augen ihr ohne jeden Zweifel zu verstehen gaben, dass es Zeit war, sich dem zu stellen, vor dem sie nicht weglaufen konnte.

»Das hoffe ich auch«, sagte sie fast unhörbar. Shelor trat hinter seine in Gedanken und ihre eigenen Gefühle versunkene Tochter und legte seine Hände auf ihre Schultern. Als er sich zurückzog, blieb Noa noch einen Moment lang so stehen. Tränen schossen ihr in die Augen. Die Wut breitete sich so weit in ihr aus, dass ihre Hände zitterten. Merji drückte ihren Kopf fest gegen Noas Arm. Noa ergab sich dieser tröstenden Geste, indem sie ihre Hand auf Merjis Stirn legte. Sie stand noch so lange auf dem Balkon, bis sie das tiefe Bedürfnis loszuschreien unter Kontrolle bringen konnte. Als die Sonne ihren allerletzten Strahl über das Land fallen ließ, schloss Noa die Augen und wünschte sich nichts sehnlicher, als das alles, was ihr von nun an bevorstand, schon vorbei wäre.

DIE TRÄUME DER HOFFNUNG

Lyath saß mit einem dicken Buch auf dem Schoß in seinem Bett, als Noa vorsichtig die Tür öffnete und das Zimmer betrat.

»Ich habe auch nicht erwartet, dass du schon schläfst«, sagte sie sanft und zog ihn dabei aus seiner Geschichte.

»Ich wollte noch wissen, wie es weitergeht«, sagte er und rutschte zur einen Hälfte des Bettes, um seiner Schwester Platz zu machen. Sie kroch zu ihm, schlug die Decke über ihre und Lyaths Beine und nahm das Buch in die Hand. Lyath hatte sichtlich Mühe dabei, das Gewicht der achthundert Seiten festzuhalten, die wie ein schwerer Stein auf seinen Beinen lagen.

»Oh, die Abenteuer des keinen Löwen Yashar. Daraus hat Vater mir früher auch vorgelesen. Wo bist du stehen geblieben? Ist er schon in den Tümpel gefallen?«, fragte sie, als sie den Buchumschlag betrachtete, der in feinen Stoff eingehüllt war.

»Ja, und jetzt erschreckt Yashar seine Freunde, weil sie denken, er wäre ein Schlammmonster«, sagte Lyath und deutete auf die Zeile, die er zuletzt gelesen hatte. Noa begann von dort an, die Geschichte weiterzulesen und erzählte ihrem Bruder neben Schlammmonstern von Versteckspielen in den Felsen, von der großen Jagd und von den Freunden, die der kleine Löwe machte, als er sich in den Tiefen des Dschungels verlaufen hatte und sie ihm dabei halfen, zurück nach Hause zu finden. Nicht nur der kleine Junge, sondern auch Noa selbst konnte all ihre Aufmerksamkeit der Geschichte widmen und vergaß für ein paar Momente, was passiert war, kurz bevor sie in das Zimmer ihres Bruders kam. Noa las die Zeilen wie ein Theaterstück vor, passte ihre Stimme den Figuren an und ahmte die Geräusche nach, die in der Geschichte Klang fanden. Lyath kicherte, bat Noa viele Male, das Kapitel zu wiederholen, um das Schauspiel noch einmal zu erleben, woraufhin Noa mit noch mehr Witz und Theater las. Es dauerte allerdings nicht lange, bis Lyath sich an Noas Schulter lehnte und zu ihren Worten in den Schlaf fand. Nachdem Noa das Buch zugeklappt hatte, fand auch Yashar seine Ruhe.

»Träum schön, kleiner Löwe«, flüsterte Noa und gab Lyath einen Kuss auf die Stirn. Sie verstaute das Buch unter dem Bett und blieb noch eine kurze Zeit neben ihrem Bruder liegen. Sie genoss jeden Moment mit ihm, solange er noch so jung war. Es kam ihr vor, als wäre es noch nicht lange her, dass sie auf den langen Korridoren des Palastes mit ihm geübt hatte, wie man einen Schritt vor den anderen setzte. Und nachdem er das gelernt hatte, waren sie auf dem Hof um die Wette gelaufen. Auf eine spezielle Weise war Noa froh, dass sie es war, die das Erbe ihres Vaters antreten sollte. Dieses mächtige Gefühl der Ohnmacht, das sie am Abend auf dem Balkon verspürt hatte, wollte sie ohne jeden Zweifel von Lyath fernhalten. Sie war erleichtert, dass nicht er es war, der die Last des Landes tragen musste, und vor allem, dass nicht er es war, der bald entscheiden musste, wer sein Leben für dieses Land geben sollte. Lyath so sanft schlafend an ihrer Schulter zu sehen, gab Noa zum ersten Mal das Gefühl, dass es richtig war, Königin zu werden. Sie wusste, dass ihr Bruder dadurch eine friedliche Zukunft vor sich hatte. Das war auch der einzige Grund, warum sie an diesem Abend in sein Zimmer kam – um bei ihm zu sein statt in den Tiefen der Wälder, auf der Flucht vor dem, was ihr Vater ihre Zukunft nannte.

Die Nacht war bereits hereingebrochen. Die Straßen der Stadt verloren an der Fülle von Leben, die tagsüber ununterbrochen herrschte. Noa stand vor einem Spiegel in ihrem Zimmer und probierte zwölf verschiedene Tücher aus, die sie sich locker um ihre Schultern warf, um die nackte Haut zu bedecken. Sie entschied sich letzten Endes für einen dunkelblauen Schal, dessen Farbe man bei der nächtlichen Dunkelheit nicht einmal erkennen würde, und zog ihn über ihre Schultern und das gewellte offene Haar. Die braunen Stiefel befreite sie von den letzten Rückständen aus dem Wald und schnürte diese bis über die Knie. Neben ihrer Garderobe standen verschiedene Fläschchen mit duftenden Ölen, die sie einzeln auf ihren Nacken und ihre Arme tupfte. Merji lag auf ihrem Bett und beobachtete, wie sich Noa Gedanken über ihren Auftritt machte.

Als Noa so weit war, setzte sie sich in die tiefe Fensterlade und schaute an den Mauern herab nach unten. Zwei Wachen. Einer stand direkt unter ihr, der andere ein Stück weiter vor Lyaths Zimmer. Für gewöhnlich patrouillierten rund um den Königstempel mehrere Soldaten, doch über die Jahre hatte Noa herausgefunden, wann es einen Moment gab, indem sie sich, ohne bemerkt zu werden, herausschleichen konnte. Jeden Abend kam die Frau eines Wächters ans Haupttor und versorgte die Männer mit frischem Tee. Diese nahmen sich einen Becher und gingen wieder auf ihre Posten, wobei die Zeit, in der sich jeder höflich und rücksichtsvoll bei der Frau bedankte, Noa mehrere wichtige Sekunden bescherte, in denen sie über den Rand des Dachs laufen konnte, ohne gesehen zu werden. Mehr Zeit benötigte sie ohnehin nicht. Merji stand schon auf, doch Noa legte ihren Kopf zur Seite und sah den Jaguar an.

»Bleib hier. Ich will nicht, dass dich jemand sieht.«

Dann kletterte sie auf die äußere Bank der Fensternische und blickte nach unten. Oberhalb der Mauern war ein Seil befestigt, das sie schon als junges Mädchen dort an einem herausstehenden Balken des Daches angebracht hatte und das im Laufe der Zeit fast täglich benutzt wurde. Sie kletterte auf das obere Plateau der Palastmauern, so leise und grazil, dass selbst die Tauben sich in ihren Nestern ungestört fühlten. Obwohl der Balken, auf dem sie lief, nur so breit wie ein Fuß war, balancierte sie wie auf einer breiten Straße darüber, ohne nach unten zu blicken und ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Sie passierte mehrere Zimmer, in denen noch das Licht des Kaminfeuers brannte, doch ihr Körper bewegte sich so schnell, dass sie niemand, der dort wohnte, hätte wahrnehmen können. Kurz bevor der Balken neben den Palastmauern endete, kam sie an einem Fenster vorbei, aus dem sie deutlich die Stimme ihres Vaters und die von Ilio erkannte. Ein Teil von ihr war neugierig zu lauschen, jedoch wusste sie, worüber die Männer sprachen. Diese Unterhaltung sollte ihr nicht auch noch den Abend ruinieren.

Als sie die Tempelmauern herabkletterte, sprang sie die letzten Meter nach unten und lief in den Straßen der Hauptstadt durch mehrere Gassen. Von den belebten Märkten des Tages war zu dieser Zeit nicht mehr viel zu sehen. Am Abend verwandelte sich die Innenstadt manchmal in eine menschenleere Ruine, die nur von wilden Hunden besucht wurde, die ihre Schnauzen in jedes Loch steckten, von dem sie hofften, Essensreste zu finden. Zu später Stunde fanden sich die Menschen ein, die am Hauptplatz ihren Treffpunkt hatten, um mit unerlaubten Waren zu handeln. Eine Tradition, die aus einem Noa unbekannten Grund nicht unterbunden wurde. Noa verließ den Hauptweg und landete in einer Seitenstraße, als er plötzlich vor ihr stand. Noch bevor sie ihn erkannte, hatte er bereits seine Arme um ihre Hüften gelegt, in einem so festen Griff, dass sie nicht mehr nach hinten ausweichen konnte.

Er nahm seine Kapuze ab, und Noas Angst verwandelte sich in Erleichterung, als sie den jungen Mann ansah. Sie lächelte.

»Meine Güte, Taron! Du bist es. Ich dachte, wir treffen uns beim Brunnen?«

»Den haben sich für heute schon andere zum Nachtplatz gemacht«, sagte er.

»Dann lass uns zu den Türmen gehen, da ist nur selten jemand um diese Zeit.« Noa drehte sich schon um, da spürte sie den Zug seiner Hände, die sich um ihre Wangen schlossen.

»Warte«, sagte er und zog das Tuch ein Stück nach hinten, um ihr ganzes Gesicht sehen zu können. Taron war ein Mann, den Noas Vater durchaus mit dem Wort stattlich beschreiben würde. Anya würde sagen, er sei jemand, der mit beiden Beinen im Leben stehe, einen vernünftigen Beruf habe und nur so viele Träume, dass es gerade so nötig war, sich mehr vom Leben zu wünschen, aber am Ende nichts daran zu ändern. Sein immerzu gepflegtes Haar hielt Taron stets kurz, und die meiste Zeit kleidete er sich in dünnen Leinenstoff. Seine Arbeit als Bildhauer forderte von ihm, jeden Tag bei steigender Hitze draußen zu arbeiten. Nach vielen Jahren hatte er erkannt, dass seine Haut zwar eine gesunde Farbe bekam, aber auch sehr schnell faltig und unansehnlich wurde, wenn er weiterhin der Sonne ausgesetzt war.

Die Türme des Ahnentempels lagen am Rand des Stadtkerns und waren über die vergangenen Jahrhunderte zu Ruinen geworden. Zwar konnte man die Stufen noch problemlos nach oben gehen, jedoch nicht ohne das begleitende Gefühl, dass gleich alles unter sich einzustürzen drohte. Noa betrat den Raum als Erste und sah, dass er herrlicher geschmückt war als sonst. Auf dem Boden standen eine Vase mit frischen Blumen sowie Becher mit Wein, Nüssen und Feigen. In der Mitte lagen Kissen und mehrere kleine Decken so verteilt, dass man aus ihnen eine gemütliche Landschaft zum Schlafen bauen konnte.

»Du wusstest, dass wir hierherkommen«, sagte Noa. Taron, der sichtlich zufrieden im Türrahmen stand, schenkte ihrer Reaktion ein Lächeln.

»Es war schon immer dein Lieblingsort. So langsam kenne ich dich«, sagte er. Noa setzte sich auf die Kissen, probierte von den Feigen und legte den Kopf in den Nacken, während sie den süßen Genuss auf der Zunge spürte. Taron hatte recht. Er kannte sie mittlerweile besser als jeder andere. Er setzte sich zu ihr, trank einen Schluck Wein und nahm einen Beutel aus seiner Brusttasche.

»Herzlichen Glückwunsch. Heute ist dein großer Tag. Soll ich dich nun mit Majestät ansprechen?«, fragte er.

»Nicht in hundert Leben, bitte«, antwortete Noa und verzog das Gesicht zu einem unsicheren Blick. Taron gab ihr den kleinen Beutel, aus dem Noa einen Gegenstand nahm, der nicht viel größer war als eine Walnussschale. Als sie die kleine Kugel auf ihre Handfläche legte, war es tatsächlich das, wofür sie es gehalten hatte.

»Eine Nuss? Ernsthaft, Taron, die wollte ich schon immer mal haben«, sagte Noa und zwinkerte Taron zu.

»Mach es auf«, sagte Taron. Bevor sie die Schalen ganz geöffnet hatte, blitzte das Silber schon heraus. Noa hielt einen Ring zwischen den Fingern und drehte ihn ein paar Mal hin und her. Der blaue Stein war mit einer kleinen Feder geschmückt und kaum größer als ein Reiskorn. Am oberen Kranz trafen sich drei Kugeln, zwei helle und eine dunkle in der Mitte.

»Der ist wunderschön, Taron. Danke! Woher kommt das Silber? Im Land gibt es keinen einzigen Silbergraben mehr«, sagte Noa und steckte sich den Ring an den mittleren Finger ihrer rechten Hand.

»Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Ich fand ihn in einem Nest. Irgendein Vogel muss ihn dort versteckt haben. Ich weiß, ich könnte mir so etwas nie leisten, aber als ich ihn sah, wusste ich, er würde dir gefallen«, erklärte Taron, sichtlich schüchtern bei seinem Geständnis, wie er an das Schmuckstück gekommen war. Noa wusste diese Geste zu schätzen. Silber war in Kathalea so selten, dass der Verkauf dieses Rings Taron und seinem Vater Essen für mindestens ein Jahr beschert hätte. Trotzdem schenkte er ihn ihr, obwohl sie bereits die reichste Frau im Land war.

»Ich danke dir.« Noa lächelte ihn an und verschloss ihre Hände in seinen.

»Und das hast du von deinem anderen Verehrer?«, fragte Taron und musterte das Armband an Noas Hand.

»Ob du es glaubst oder nicht, aber das habe ich von Anya. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob es nicht doch verflucht ist oder so. Es ist zu schön und zu besonders. Vielleicht bekomme ich graue Haare und faltige Haut, wenn ich es trage. Wer weiß.« Sie lachten.

»Wie war die Feier?«, fragte Taron. Noa erzählte von dem Abend mit ihrer Familie, insbesondere von dem Gespräch mit ihrem Vater. Sie wollte an diesem Tag eigentlich nicht mehr darüber sprechen, aber Taron war einer von den Männern, die zu jedem Problem eine passende Lösung hatten, also fiel es ihr nicht schwer, sich vor ihm zu öffnen.

»Glaubst du, ich kann das, worum mein Vater mich da bittet? Ich sage dir, das wird meine erste Amtshandlung. Diese Feste endgültig beenden. Endgültig!«, sagte Noa. Taron trug bereits die passende Antwort auf den Lippen.

»Ich meine, dieses Fest ist schrecklich, versteh mich nicht falsch. Aber was glaubst du, was für Aufstände es geben würde, wenn man den Leuten ihr heiliges Opfer wegnähme? Es wird so oder so stattfinden, selbst wenn es nicht offiziell vom Königshaus abgesegnet wird. Der Glaube der Menschen verschwindet nicht einfach, nur weil ein neues Gesetz das vielleicht ändern soll. Lass dir von deinem Vater einen langweiligen Text geben, den du runterbetest. Am Ende meldet sich irgendeiner, dem du all deinen Segen wünscht, bla bla bla. Und den Rest erledigen dann ohnehin andere«, sagte Taron. »Aber ja, ich glaube sogar sehr daran, dass du das kannst. Du wirst wahrscheinlich noch besser.«

»Ich würde als Nächstes das Gesetz abschaffen, das auf einen König eine Königin folgen muss«, sagte Noa. Sie lachten beide, aber in ihren Worten steckte viel Wahrheit. Sie erkannte die Ehre, die ihr zuteilwurde, bald über ein großes Königreich zu regieren, hatte sich aber noch nie mit dem Gedanken vollends anfreunden können, für immer auf ihre Freiheit zu verzichten.

»Ich will mir noch so vieles ansehen, Taron. Noch nie habe ich dieses Land verlassen. Mit Merji laufe ich immer nur bis zu den Sya Felsen. Ich würde so gerne nach Wairoa, in den Süden. Mit dir. Wir würden dort jeden Tag Wein trinken und uns die Kunst ansehen, die sie dort in den Straßen zeigen. Es soll sogar ein Theater geben. Und Musik, wir würden ein Konzert besuchen.«

»Na ja, so schlecht trifft es dich nicht. Immerhin hat es viele Vorteile, Königin zu sein«, sagte Taron spöttisch.

»Ich weiß. Ich will auch keineswegs undankbar klingen, denn mir ist sehr wohl bewusst, dass die Mehrheit der Menschen viel schlechter lebt als ich. Aber wünscht man sich nicht immer genau das, was man nicht haben kann?«, fragte Noa.

»Immer«, sagte Taron zustimmend.

»Da fällt mir ein, bald kann ich endlich meinen Onkel aus dem Palast werfen. Oder ihm eine total wichtige Aufgabe irgendwo im Niemandsland geben, wodurch ich ihn nie wiedersehen muss«, sagte Noa.

»Wieso hasst dein Onkel euch so? Er sollte doch froh sein, im königlichen Reichtum zu leben und trotzdem alle Freiheiten zu haben? Der kleine Bruder des Königs zu sein, ist nicht die schlechteste Position, glaub mir«, sagte Taron.

»Na ja, so ist es nicht. Er wollte diese Freiheit nie, er wollte den Thron. Und wenn die heilige Tradition ihren Lauf genommen hätte, wäre es auch so«, sagte Noa.

»Wie meinst du das?«, fragte Taron.

»Mein Onkel, also Ilio, ist eigentlich der ältere Bruder. Er und mein Vater wurden am selben Tag geboren, aber Ilio kam zuerst und hatte somit in der Erbfolge das Recht, meine Großmutter eines Tages zu vertreten. Mein Vater wuchs mit dem Wissen auf, dass er immer der kleinere Bruder des Königs sein würde. Und glaub mir, er hätte dieses Leben auch viel lieber gelebt.«

Noa dachte einen Moment lang selbst darüber nach. Dass ihr Vater so schnell wie möglich dafür sorgen wollte, dass Noa bereit für den Thron war, hatte vielleicht genau damit zu tun, dass er selbst nicht mehr dort sitzen wollte. Dass er vielleicht noch nie dort sitzen wollte. Dann fuhr sie fort.

»Als sie erwachsen waren, fand Ilio eine Frau und sie bekamen einen Sohn, sein Name war Benjamin. Seiner Thronfolge stand nichts mehr im Wege, doch dann hatten Gilda, Ilios Frau, und sein Sohn einen Unfall. Zumindest sagten das alle, und so ging es auch schnell durch die Ohren der Stadt. Sie wurden auf dem Grund einer Klippe gefunden, und man ging davon aus, dass sie gestürzt waren. Nun ja, es gab auch diejenigen, die davon überzeugt waren, dass Gilda freiwillig gesprungen war, denn sie war, sagen wir mal, emotional nicht sehr stabil. Nur Ilio war davon überzeugt, dass sie jemand absichtlich in die Tiefe gestoßen hatte. Ihre Körper trugen neben den Wunden des Sturzes auch welche, die nicht von den Klippen stammen konnten. Blut unter den Nägeln des kleinen Benjamin, der sich, bevor er fiel, gegen etwas oder jemanden gewehrt haben musste. Niemand fand heraus, was wirklich passiert war, und das machte Ilio so wütend, dass er sich irgendwann selbst verlor. Es hatte ihn innerlich kaputtgemacht. Er war nicht mehr er selbst, hatte Wahnvorstellungen, wurde gewalttätig, die Menschen hatten schlichtweg Angst vor ihm. Da hat meine Großmutter beschlossen, dass er in diesem Zustand unmöglich ein Land regieren konnte und hat die Krone an meinen Vater weitergegeben.«

»Und Ilio?«, fragte Taron.

»Er wollte das Land verlassen. Die Wahrheit finden, sagte er. Sich für das rächen, was ihm angetan worden war und noch vieles mehr. Er war acht Jahre weg, wo genau, weiß niemand. Manche behaupteten, er wurde bei den Frauen in Onzar gesehen, hätte dort auf einem Hof gearbeitet. Aber das ist der Tratsch, der unter den Angestellten im Königstempel durch die Hallen geht. Offiziell hat mir das niemand erzählt. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist der Tag, als er wiederkam. Ich war sieben Jahre alt, es müsste also kurz bevor wir beide uns kennengelernt haben gewesen sein. Mein Vater bat mich in den großen Saal. Ich solle meinen Onkel kennenlernen, er würde sich freuen, mich zu sehen. Aber er hasste mich.«

Taron sah Noa fragend an.

»Das war doch nur der Neid auf deinen Titel. Du hattest alles, was er wollte. Ist doch logisch, dass er dich nicht mit unendlicher Liebe beschenkt hat«, sagte Taron.

»Nein, es war anders. Mein Vater sprach tagelang von nichts anderem. Ilio hatte ihm geschrieben, er würde zurückkommen. Er wolle ihn unterstützen und nichts sehnlicher, als seine Familie kennenlernen.

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