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Die Legende des Feuerberges

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, war schon immer fasziniert von den Sehnsuchtsorten dieser Erde. Ihre fesselnden Neuseeland- und Karibikromane wurden allesamt Bestseller und finden auch international ein großes Lesepublikum. Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Unter dem Autorennamen Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser auch ins farbenprächtige Mittelalter.

SARAH LARK

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DIE LEGENDE
DES FEUERBERGES

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Taku manu, Ke turua atu nei,

He Karipiripi, ke kaeaea.

Turu taku manu,

hoka taku manu,

Ki tua te haha-wai.

Koia Atutahi, koia Rehua,

Whakahoro tau tara,

Ke te Kapua, Koia E!

Flieg fort von mir, mein Drachen,

tanze rastlos in der Höhe.

Flieg immer höher, herrlicher Vogel,

erhebe dich über die Wolken, das Land und die Wellen.

Flieg zu den Sternen, vorbei an Caropus, weiter zu Antares.

Stürze dich in die Wolken wie ein Kämpfer in die Schlacht.

Flieg!

Turu Manu – ein Lied, mit dem die Maori ihre Drachen zu den Göttern schicken (sehr frei ins Deutsche übersetzt)

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DIE SCHNUR
DES DRACHENS

Otaki, Wairarapa, Greytown (Nordinsel)

Christchurch, Canterbury Plains, Dunedin (Südinsel)

August 1880 – April 1881

KAPITEL 1

»Ich hab schon ein bisschen Angst …«, gestand Matiu.

Der hochgewachsene Maori trug einen neuen braunen Anzug, in den seine sehnige, schlanke Gestalt noch nicht richtig hineinpasste. Sein dunkles, lockiges Haar hatte er kurz schneiden lassen und streng zurückgekämmt. Linda Lange, seine Ziehmutter, nahm an, dass er Pomade benutzte, um es zu glätten. Vielleicht, weil Naturkrause bei reinblütigen Maori selten war – bei Matiu musste es das Erbe seines Vaters sein, eines Engländers.

»Unsinn, Matiu, du fährst doch zu deiner Familie!«, erklärte Aroha fast ein bisschen ungeduldig.

Lindas Tochter hörte Matius Bedenken wohl nicht zum ersten Mal. Der junge Mann stand Aroha sehr nahe – Linda vermutete, dass die beiden verliebt waren. Sicher hatte Matiu dem Mädchen seine Ängste gestanden, während er Linda und ihren Mann Franz nur an seiner Freude über den Kontakt mit seiner Herkunftsfamilie teilhaben ließ.

»Schon. Aber ich kenne sie doch gar nicht … ich kann nicht mal richtig Maori …«

Matiu trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, während er nach dem Zug ausspähte. Auch Linda wartete ungeduldig. Auf dem Bahnsteig der kleinen Stadt Otaki war es zugig und kalt. Sie wollte sich so bald wie möglich auf den Heimweg in das alte marae machen, in dem sie mit Franz und etwa hundert Maori-Kindern lebte. Die Langes leiteten das frühere Heim für Maori-Kriegswaisen seit vierzehn Jahren gemeinsam, inzwischen war es längst in eine Internatsschule umgewandelt worden. Die Schüler kamen freiwillig oder wurden von ihren Familien geschickt. Franz’ und Lindas erste Zöglinge waren erwachsen und entweder zu ihren Stämmen zurückgekehrt, oder sie hatten sich Arbeit auf Farmen in der Umgebung oder in Unternehmen rund um Wellington gesucht. Linda freute sich darauf, einige von ihnen später zu treffen. Sie hatte auf dem Weg noch Einkäufe zu machen, drei ihrer ehemaligen Schutzbefohlenen arbeiteten in Geschäften in Otaki. Doch erst einmal musste sie jetzt Matiu beruhigen.

»Matiu, du sprichst hervorragend Maori!«, versicherte sie ihm. »Mal ganz abgesehen davon, dass dein Stamm auch alle Geduld der Welt für dich aufbrächte, wenn dem nicht so wäre. Du hast doch die Briefe gelesen. Deine Leute freuen sich darüber, dass du Kontakt zu ihnen aufgenommen hast. Sie erinnern sich gut an deine Mutter. Du hast leibliche Verwandte im iwi – und wie du weißt, betrachtet sich der ohnehin als eine große Familie. Du wirst dich vor Müttern und Großmüttern, Vätern, Brüdern und Großvätern nicht retten können.« Linda lächelte ermutigend.

Tatsächlich gehörte Matiu zu den wenigen Pflegekindern der Langes, die ihre ersten Lebensjahre nicht in einem Maori-Dorf verbracht hatten. Er war als Dreijähriger aus Patea, einer Stadt im Süden der Region Taranaki, gekommen – ein Captain der Military Settlers, den Linda aus ihrer eigenen Zeit in Patea kannte, hatte das Kind gebracht und seine traurige Geschichte erzählt. »Einer unserer Siedler hat’s mit einer Maori-Frau aus einem der eroberten Dörfer gezeugt, mit der er auch eine Zeit lang zusammenlebte«, hatte er erklärt. »Sie ist freiwillig mit ihm gegangen oder geraubt worden, wir konnten das nicht herausfinden. Sie sprach kein Wort Englisch. Dann ist die Frau gestorben, vielleicht am Fieber, vielleicht an gebrochenem Herzen … Wer weiß das schon so genau? Der Mann behielt das Kind zunächst. Er fand schnell eine weiße Frau in Patea, die es versorgte. Aber als sie selbst schwanger wurde, sollte der Junge weg.« Captain Langdon hatte ein bisschen befangen gewirkt, fast als schämte er sich seines Mitleids für den Kleinen. »Da dachte ich«, hatte er geendet, »ich nehme ihn mit und bringe ihn bei Ihnen vorbei. Maori-Stämme gibt es in der Gegend nicht mehr. Zu seinen Leuten kann der Kleine also nicht zurück.«

Linda und Franz hatten das Kind natürlich aufgenommen, und Linda hatte die Gelegenheit genutzt, sich von Captain Langdon die Entwicklungen in der Siedlung schildern zu lassen, in der sie vor Arohas Geburt mit ihrem ersten Mann gelebt hatte. Das Gebiet war inzwischen befriedet. Die Siedler, die es im Gegenzug zu ihrem militärischen Einsatz während des Taranaki-Krieges erhalten hatten, bewirtschafteten es, es hatte keine weiteren Zwischenfälle gegeben.

Matiu wuchs trotzdem nicht als pakeha, wie die Maori die weißen Siedler nannten, auf. Im Waisenhaus lernten die Kinder zwar Englisch, aber man sprach ebenso Maori. Sowohl Matiu als auch Aroha beherrschten die Sprache der Einheimischen fließend. Omaka Te Pura, eine alte Maori-Frau, die ihre letzten Lebensjahre in Franz’ und Lindas Kinderheim verbracht hatte, war es gelungen, den Stamm auszumachen, zu dem der Kleine ursprünglich gehörte. Die gewebten Decken und Kleidungsstücke, in die Captain Langdon das Kind gewickelt hatte, und die wohl noch von Matius Mutter stammten, wiesen auf die Ngati Kahungunu hin.

In den Nachwehen des Krieges hatte man von dem Stamm nicht viel gehört, er war vertrieben worden wie viele andere auf der Nordinsel. Ein paar Wochen zuvor hatte Franz gehört, dass die Ngati Kahungunu wieder in ihrem Stammesgebiet in Wairarapa siedelten. Er hatte Matiu, der von jeher ein bisschen mit seiner Herkunft haderte – die »reinblütigen« Maori-Kinder hatten ihn oft genug gehänselt –, ermutigt, Kontakt mit dem Stamm aufzunehmen. Matiu schrieb also einen Brief an den Häuptling, wozu er Tage brauchte. Gemeinsam mit Aroha feilte er an jeder kleinsten Formulierung. Kurz darauf erhielt er eine unerwartet herzliche Antwort. Matiu erfuhr den Namen seiner Mutter, Mahuika, und wie schmerzlich die junge Frau von ihrer Familie vermisst worden war. Sie war tatsächlich von den Engländern entführt worden – gemeinsam mit anderen jungen Männern und Frauen des Stammes. Von den meisten hatten die Ngati Kahungunu nie wieder etwas gehört. Der Stamm sprach nun jedenfalls eine freundliche Einladung an Matiu aus, seine Familie zu besuchen, und heute sollte der Traum für den jungen Mann wahr werden. Kein Grund für irgendwelche Bedenken, fand die kühne Aroha.

»Verstehen werden sie dich auf jeden Fall!«, fügte sie jetzt den Worten ihrer Mutter hinzu. »Und es wird aufregend! Ein Abenteuer! Ich war noch nie in einem echten marae! Also natürlich auf Rata Station. Aber das zählt irgendwie nicht.«

Aroha hatte so lange auf ihre Mutter und ihren Stiefvater eingeredet, bis ihr die beiden erlaubten, ihren Freund auf der Reise zu seiner Maori-Familie zu begleiten. Besonders Franz tat das ungern. Das Mädchen war schließlich erst vierzehn Jahre alt – ein bisschen zu jung, um allein zu verreisen, zumal mit einem jungen Mann, in den es ganz offensichtlich verliebt war! In Maori-Dörfern herrschten schließlich lockere Sitten. Die jungen Leute der Stämme machten sehr frühzeitig erste sexuelle Erfahrungen, was Franz Lange, ursprünglich streng erzogener Altlutheraner und seit fast zwanzig Jahren Reverend der anglikanischen Kirche, regelrecht Angst machte. Linda fand das nicht so bedenklich. Sowohl Aroha als auch Matiu waren mit den Moralvorstellungen der pakeha aufgewachsen, und beide waren besonnene, kluge junge Leute. Sie würden ihre Wertvorstellungen nicht gleich über Bord werfen, wenn sie nun ein paar Nächte in einem Gemeinschaftsschlafhaus der Ngati Kahungunu verbrachten.

Schließlich hatte Arohas guter Highschool-Abschluss den Ausschlag gegeben. Das Mädchen hatte darauf gedrängt, zusammen mit Matiu nach Wellington zu fahren, um das Examen abzulegen. Eigentlich wäre es für sie erst in zwei Jahren so weit gewesen, doch Aroha war blitzgescheit – und sie träumte davon, gemeinsam mit Matiu aufs College zu gehen. Tatsächlich hatte sie die Prüfungen hervorragend gemeistert, und auch Matiu gehörte zu den zehn Besten seines Jahrgangs. Das, so fand Aroha, schrie nach einer Belohnung, und Linda konnte ihren Mann schließlich überreden, der gemeinsamen Reise der »Kinder« zuzustimmen.

»Was zählt denn bitte nicht an dem marae auf Rata Station?«, erkundigte sich Linda mit tadelnder Stimme.

Rata Station war eine Schaffarm auf der Südinsel, die Lindas Familie gehörte. Sie war dort gemeinsam mit ihren mehr oder weniger leiblichen Schwestern Carol und Mara aufgewachsen. Zu ihren Maori-Nachbarn vom Stamm der Ngai Tahu hatten sie meist ein gutes Verhältnis gehabt.

Bevor Aroha antworten konnte, ertönte ein markerschütternder Pfeifton, der das Einfahren des Zuges ankündigte. Linda nahm Matiu und ihre Tochter noch einmal in die Arme, bevor der Lärm noch größer wurde, als die Lokomotive an den Bahnsteig heranratterte.

»Bisher wart ihr meine Familie …«, sagte Matiu leise, als Linda ihn tröstend an sich drückte.

Linda lächelte ihm zu. »Und das bleiben wir!«, versicherte sie ihm. »Egal, ob es dir bei deinem Stamm gefällt oder nicht. Selbst wenn du dich entschließen solltest, dortzubleiben …«

»Was?« Aroha mischte sich kopfschüttelnd ein. »Das planst du doch nicht im Ernst, Matiu? Das ist ein Besuch, Mommy, sonst nichts, er … er will doch aufs College, er …«

Matiu ging nicht auf sie ein. Sein Blick hing an Linda. »Ihr denkt also nicht, ich … ich wäre undankbar? Ihr nehmt mir nicht übel, dass ich zu meinen Leuten will?«

Linda schüttelte in der gleichen Manier den Kopf wie ihre Tochter, nur, dass die Geste bei ihr weniger empört als freundlich ermutigend wirkte.

»Wir denken gar nichts, Matiu, und ganz sicher missgönnen wir dir nicht die Suche nach deinen Wurzeln! Du bist hier immer willkommen …« Sie lächelte. »Aber das nächste Mal, wenn du in unser marae kommst, will ich deine pepeha hören!«

Ihre letzten Worte bewirkten, dass sich endlich auch Matius volle Lippen zu einem Lächeln verzogen. Die pepeha war eine Rede, mit der ein jeder Maori von seiner Herkunft und seinen Ahnen berichtete, wenn er sich anderen vorstellte. Matiu hatte bisher nie eine vortragen können, schließlich hatte er seine Familiengeschichte nicht gekannt. Das sollte sich jetzt ändern.

Er winkte Linda tapfer und offensichtlich getröstet zu, nachdem er Aroha in ein Abteil gefolgt war. Das Mädchen konnte gar nicht abwarten, bis der Zug nach Greytown abfuhr. Aroha liebte es zu reisen. Bislang hatte sie nicht viel von der Nordinsel gesehen, auf der sie geboren war. Allerdings hatte sie schon zweimal gemeinsam mit Linda die Südinsel besucht und ihre Verwandten auf Rata Station kennengelernt.

»Jetzt mal ehrlich … Du denkst doch nicht wirklich daran, bei deinem Stamm zu bleiben?«, erkundigte Aroha sich bei Matiu, als der Zug den Bahnhof verlassen hatte.

Vorerst gab es durch die großen Fenster nicht viel zu sehen, die Lokomotive zog die zwei Wagen durch die Felder und Weiden rund um Otaki. Aroha und Matiu kannten hier jeden Stein.

Matiu griff nach der Hand seiner Freundin. Er konnte es immer noch kaum glauben, dass Reverend Lange ihm diese Reise mit seiner Stieftochter erlaubte. Für ihn war jedes Zusammensein mit Aroha – erst recht allein mit Aroha – ein Geschenk. Dabei waren ursprünglich alle Weichen dafür gestellt gewesen, sie eher wie eine Schwester als wie eine geliebte Freundin zu sehen. Linda hatte den verlassenen Dreijährigen nicht gleich in ein Schlafhaus zu den anderen Waisen geschickt, sondern in dem Blockhaus beherbergt, in dem sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter aus erster Ehe lebte. Aroha war damals erst ein Jahr alt gewesen. Zwei Jahre lang hatte sie mit Matiu ein Zimmer geteilt. Und auch wenn beide sich jetzt nicht mehr daran erinnerten – Linda hatte sie oft genug zusammen in ein Bettchen gelegt. Die gelassene, zufriedene Aroha hatte den anfänglich noch verängstigten kleinen Jungen auch später oft beruhigt, wenn er aus einem Albtraum aufgeschreckt war.

Als Matiu fünf Jahre alt geworden war, hatte allerdings die alte Omaka Anspruch auf ihn erhoben und erklärt, er müsse seine Sprache erlernen und die Geschichten seines Volkes hören! Die weise alte Frau hatte damals schon die ersten Anzeichen dafür gespürt, dass die Maori-Kinder Matiu ausgrenzten. Trotz Lindas Bedenken hatte sie den Jungen in ihrer Hütte untergebracht und seine bislang versäumte Maori-Erziehung nachgeholt. Als Omaka schließlich starb, war Matiu in eines der Schlafhäuser für Jungen gezogen. Aroha blieb in all diesen Jahren seine liebste Spielgefährtin und Freundin – aber jetzt, da die Zeit dafür gekommen war, sah Matiu auch die Frau in ihr.

»Ich würde dich nie verlassen!«, sagte er ernst. »Nicht für alle Stämme und Familien und Onkel und Tanten und Väter und Mütter der Welt …«

»Und … Schwestern?«, fragte sie spitzbübisch. »Bestimmt gibt’s bei den Ngati Kahungunu hübsche Mädchen. Und sie … sie sollen … äh … keine Hemmungen haben, sagt Revi Fransi.«

Revi Fransi war der Kosename der Maori-Kinder für Reverend Franz Lange. Aroha hatte ihn selbstverständlich übernommen, statt den zweiten Mann ihrer Mutter Daddy zu nennen.

Matiu sah gleichermaßen belustigt und entzückt, wie sie bei ihren offenen Worten errötete. Um dies zu erkennen, musste man genauer hinsehen als bei den meisten pakeha-Mädchen. Aroha hatte einen eher dunklen Teint. Wären ihre extrem hellen Augen und ihr blondes Haar nicht gewesen, hätte man sie fast für eine Maori halten können. Oft glaubten Besucher, sie wäre ein Mischlingskind wie Matiu. Als Aroha klein war, hatte sie ihre Mutter einmal danach gefragt, schließlich trug sie auch einen Maori-Namen. Linda hatte ihr allerdings versichert, ihre Haut- und Augenfarbe seien das Erbe ihres leiblichen Vaters, Joe Fitzpatrick. Auch bei ihm hatten die Augen in der Farbe des Wassers einer Eislagune in betörendem Kontrast zu seinem eher dunklen Teint gestanden. Nur das blonde Haar komme aus ihrer Familie, hatte Linda erklärt, und den Namen habe ihr Omaka gegeben. Aroha bedeutete »Liebe«.

»Aroha, ich gehöre zu dir! Kein Mädchen auf der Welt ist so schön wie du! Ich könnte nie ein anderes lieben!«, sagte Matiu jetzt sehr ernst.

Aroha war sehr zierlich, ihre weiblichen Formen würden sich noch entwickeln müssen. Ihr zartes Gesicht wirkte mitunter sogar fast kindlich. Aber für ihn war sie bereits zur vollkommenen Schönheit erblüht. Sie war für ihn Wärme, Zärtlichkeit und Trost. Liebe … Omaka hätte ihr keinen passenderen Namen geben können.

Aroha nickte beiläufig. Sie hatte ihre kleine Neckerei schon vergessen – schließlich machte sie sich nicht wirklich Sorgen darüber, dass sie Matiu verlieren könnte. Auch er war für sie ein unwandelbarer Bestandteil ihrer Welt, undenkbar, dass er sich von ihr abwandte. Im Augenblick jedenfalls beschäftigte sie die Aussicht durch die Zugfenster wesentlich mehr als Matius Liebeserklärung. Der Zug hatte die Umgebung von Otaki verlassen und hielt auf die Rimutaka Range zu, einen Gebirgszug zwischen Wellingtons Hutt Valley und der Ebene von Wairarapa.

»Meine Güte, schau dir diese Berge an!«, rief Aroha.

Sie durchquerten bislang noch lichte Wälder, bestehend aus Manuka- und Rimu-Bäumen, Nicau-Palmen und Baumfarnen. In der Ferne grüßte jedoch schon eine imponierende Gebirgslandschaft, und sehr bald führten die Schienen über Brücken, unter denen reißende Flüsse zu sehen waren. Noch etwas später folgte eine Tunneldurchquerung auf die andere. Der Rimutaka Incline Railway war ein Wunder des Eisenbahnbaus. Legionen fleißiger Arbeiter – auch Military Settlers – hatten hier die kühnen Träume wagemutiger Ingenieure in die Tat umgesetzt und der Landschaft aufgezwungen. Die Bahnstrecke führte an Abgründen entlang und durch Tunnel, deren Dunkelheit Aroha erschrocken nach Matius Hand greifen ließ. Noch aufregender erschienen ihr allerdings die Steigungen.

»Wie kommen wir da bloß rauf?«, erkundigte sie sich, als der Wald endgültig dem Gebirge wich.

Es gab hier kaum noch größere Bäume, sondern hauptsächlich niedere Farne, Rata-Dickicht und sturmgepeitschte Buchengewächse. Die Berge türmten sich wie eine unüberwindliche Barriere vor ihnen auf.

»Die Lokomotiven sind sehr stark. Und es gibt ein ganz neuartiges Schienensystem. Eine spezielle Mittelschiene ermöglicht verstärkten Antrieb und sicheres Bremsen«, dozierte Matiu.

Er interessierte sich sehr für den Gleisbau und träumte im Geheimen davon, irgendwann einmal beruflich damit zu tun zu haben. Allerdings verfolgte er ehrgeizigere Ziele als die, einfach nur Schienen zu verlegen. Er hatte sich um ein Stipendium für ein Ingenieurstudium in Wellington beworben.

»Es ist jedenfalls unglaublich!«, erklärte Aroha und spähte schaudernd in einen Abgrund, an dem die Strecke eben entlangführte. Man hatte den Steilhang für den Bau der Schienen abgeholzt, die hier förmlich am Berg zu kleben schienen. »Wer das gebaut hat, kann jedenfalls keine Höhenangst gehabt haben. Mir wird ja schon schwindlig, wenn ich nur runtergucke!«

»Hier hat auch mehr als einer sein Leben gelassen«, bemerkte der Schaffner ernst, der eben ihr Abteil betrat und ihre letzten Worte gehört hatte. »Es hat immer wieder schwere Unfälle gegeben während der Bauzeit, und man muss auch heute noch ständig Obacht geben. Der Regen spült oft Steine und Schutt auf die Schienen oder überschwemmt die Tunnel. Ihr habt Glück mit dem Wetter. Im Winter müssen wir den Betrieb manchmal tagelang einstellen. Es ist ein ständiger Kampf mit den Elementen. Und es ist sehr teuer, diese Zuglinie zu warten. Ich hoffe, ihr wisst das zu würdigen und habt brav Fahrkarten gekauft.« Er lächelte und hob seine Lochzange, um diese zu entwerten.

Aroha und Matiu erwiderten das Lächeln angespannt. Sie hatten sich bisher nicht vorstellen können, die Fahrt mit der Bahn könnte gefährlich sein.

»Halt mich fest!«, bat Aroha, als sich der Zug kurz darauf in engen Kurven einen steilen Berg hinaufquälte.

Matiu legte den Arm um sie – etwas schüchtern, bislang hatte er das nie gewagt.

»Dir kann nichts passieren«, sagte er sanft. »Nicht solange ich bei dir bin.«

KAPITEL 2

Wenn Aroha und Matiu bislang überhaupt vom Taranaki-Krieg gehört hatten, so hatten ihnen die Maori-Krieger stets als tätowierte, halb nackte Kerle vor Augen gestanden, das Haar zum Kriegerknoten gewunden, die Augen rollend, Speer und Kriegskeule in der Hand. Tatsächlich hatten beide noch nie einen Maori in traditioneller Aufmachung gesehen. Omaka hatte sich zwar nicht europäisch gekleidet, die gewebten Röcke der alten Frau – der Reverend hatte nicht geduldet, dass sie im Heim mit nackten Brüsten herumlief wie früher bei ihrem Stamm – unterschieden sich allerdings nicht so sehr von den langen Röcken der pakeha-Frauen. Und Omakas knappe Oberteile waren meist unter einem Umhang verborgen gewesen, da sie leicht fror. Mit den Röcken der Krieger aus gehärtetem Flachs hatte das nichts zu tun gehabt, Omaka war auch nicht tätowiert gewesen. Ihr hoher Rang als Stammesälteste und Zauberin hatte das verboten. Im marae der Ngai Tahu auf der Südinsel waren alle Männer und Frauen wie pakeha gekleidet, und Tätowierungen trugen nur wenige. Vielleicht hatte Aroha deshalb das Gefühl, diese Maori-Siedlung zähle nicht richtig.

Von den Ngati Kahungunu machte sich Aroha nun jedenfalls ein anderes Bild. Die gehörten schließlich zu den Stämmen, die in den Maori-Kriegen gekämpft hatten. Sicher kleideten sie sich noch traditionell und hingen an den alten Riten und Lebensformen. Aroha und Matiu dachten mit einer Mischung aus Schauder und Neugier an wilde Kriegstänze und blutrünstige Gesänge. Hatten die Stämme ihren Gegnern damals nicht die Köpfe abgeschnitten und sie geräuchert? Matiu hatte gehört, es sei im Zuge der Hauhau-Bewegung sogar zu Menschenfresserei gekommen!

Insofern waren die beiden fast etwas enttäuscht, als der Zug in Greytown einfuhr und sie die Maori entdeckten, die sie am Bahnsteig erwarteten. Ein Mann und eine Frau, beide vielleicht um die dreißig Jahre alt, waren in unauffällige pakeha-Kleidung gewandet. Der Mann trug Denimhosen und ein verschlissenes Hemd. Die wenigen Tätowierungen in seinem Gesicht verbarg er unter einem breitkrempigen Hut. Die Frau wies eine kleine Tätowierung um den Mund herum auf, trug ihr Haar jedoch aufgesteckt wie eine pakeha und war in ein einfaches Kattunkleid gehüllt.

Aroha und Matiu fühlten sich sofort unwohl in ihrer vergleichsweise eleganten Kleidung, vor allem Matiu wünschte sich heraus aus seinem steifen Sonntagsanzug. Aroha, die ein tailliertes hellblaues Reisekostüm trug, musste ihm schon wieder Mut zusprechen, als sie das Abteil verließen.

»Komm schon, sie werden dich nicht fressen!«

Matiu grinste. Nach Menschenfressern sahen die beiden wirklich nicht aus. Im Gegenteil – als sie den jungen Maori erkannten, ging ein strahlendes Lächeln in ihren Gesichtern auf.

»Du musst sein Matiu!«, sagte die Frau in gebrochenem Englisch.

»Sei gegrüßt in deine Familie!«, fügte der Mann hinzu. »Ich Hakopa, Bruder von Mahuika. Das Reka, Schwester …«

Also Onkel und Tante von Matiu. Der junge Mann starrte sie ungläubig an und brachte kein Wort heraus.

Aroha schob sich vor. »Ich bin Aroha«, erklärte sie. »Wir können auch Maori sprechen.«

»Kia ora!«, stieß Matiu hervor. »Entschuldigt, ich …«

»Du kein Englisch?«, fragte Reka verwundert. »Ich denken, du mit pakeha leben. Ich üben extra für dich.« Sie lächelte. »Will-kom-men! Aber dann … haere mai!«

Ohne weitere Förmlichkeiten legte sie Matiu die Hände auf die Schultern und bot ihm das Gesicht zum hongi, dem traditionellen Gruß. Matiu spürte ihre Nase und ihre Stirn an seiner, nahm ihren Geruch wahr – und fühlte sich plötzlich sicherer.

»Ich kann natürlich Englisch«, erklärte er dann auf Maori. »In Otaki lernen wir beides. Ich war nur so überrascht …«

»Mit so viel Familie gleich am Bahnhof hat er nicht gerechnet!«, warf Aroha vorlaut ein. »Und wir dachten auch … also wir dachten, jetzt käme so eine Art powhiri und …«

Reka und Hakopa lachten, allerdings weniger fröhlich als bitter.

»Hier?«, fragte Reka. »Ihr habt gedacht, wir würden auf dem Bahnhof für euch singen und tanzen?«

Aroha errötete. »Nein, wir … wir dachten nur … wenn ihr doch jetzt hier wohnt …«

Hakopas Gesicht verhärtete sich. »Ja, Tochter, wir wohnen hier in Wairarapa. Aber das heißt nicht, dass es uns gehört. Die pakeha dulden uns hier, sie haben uns erlaubt, wieder ein marae auf unserem angestammten Land zu errichten. Wenn wir uns anpassen. Wir kleiden uns wie sie, wir arbeiten für sie, wir stellen keine zu großen Ansprüche, was Landbesitz angeht. Natürlich lassen sie uns ein paar Felder bestellen, doch es ist nicht das fruchtbarste Land. Unser Stamm war einmal reich. Jetzt müssen wir sehen, wie wir zurechtkommen. Ohne die Weißen zu provozieren.«

»Unser marae liegt natürlich auch nicht in der Stadt, sondern außerhalb, in den Wäldern«, fügte Reka hinzu. »Weder die pakeha noch wir selbst suchen die Nähe zueinander. Ihr hättet uns nie gefunden, wenn wir nicht gekommen wären, euch abzuholen.«

Aroha nickte und kam sich auf einmal dumm vor. Wie hatten sie glauben können, mit der Eisenbahn der pakeha auf dem direkten Weg in ein Dorf der Maori gefahren zu werden? Oder gar in eine Welt der Maori-Herrschaft über Wairarapa, wie es sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gab.

»Wenn wir dann erst mal da sind«, meinte Hakopa, der Arohas Ernüchterung wohl als Enttäuschung deutete, »werden wir euch natürlich in gebührender Weise willkommen heißen. Wir sind so glücklich, Matiu, dass du zu uns zurückgefunden hast. Und du kommst mit deiner … deiner wahine, Matiu?«

Matiu und Aroha erröteten. Dann lachten sie.

»Ja!«, sagte Matiu. »Die pakeha sagen natürlich, wir seien noch zu jung. Aber Aroha wird meine Frau sein!«

Hakopa lächelte. »Sie ist in unserem Stamm willkommen«, sagte er freundlich. »Doch nun kommt, die anderen werden uns schon ungeduldig erwarten. Seid ihr hungrig? Wir haben ein hangi vorbereitet.«

Matiu dachte nicht ans Essen, Aroha horchte jedoch auf. Sie hatte schon viel von dem in Erdöfen gegarten Essen der Maori-Stämme gehört, allerdings noch nie davon gekostet. Die Ngai Tahu bei Rata Station bauten keine hangi – es gab auf den Canterbury Plains keine Vulkanaktivität, die man zum Anfeuern nutzen konnte.

Vor dem kleinen Bahnhof von Greytown wartete ein Leiterwagen mit zwei eher mageren Pferden davor auf die Reisenden.

»Der gehört uns«, erklärte Reka, als wäre das eine gewaltige Errungenschaft.

Hakopa wuchtete Matius und Arohas Gepäck auf die Ladefläche, auch die jungen Leute nahmen dort Platz. Richtige Bänke zum Sitzen gab es nicht, was Aroha lustig fand. Matiu machte sich eher Sorgen um seinen neuen Anzug. Reka und Hakopa erkletterten den Bock, und Hakopa lenkte den Wagen durch die schmucke Hauptstraße der kleinen Stadt.

»Sie nennen es heute Greytown, nach dem Gouverneur, der es den Ngati Kahungunu für ein Spottgeld abgehandelt hat«, erläuterte Hakopa bitter. »Bei uns hieß der Ort Kuratawhiti. Und wir siedelten hier nicht, um die Geister des Waiohine River nicht zu erzürnen. Das war weise. Die pakeha kämpfen bis heute mit Überschwemmungen. Außerdem ließen die Geister die Erde beben, kaum dass die ersten ihrer Siedler hier eingetroffen waren.«

»Erstaunlicherweise schreckte sie das alles nicht ab!«, bemerkte Reka. »So langsam glaube ich, die pakeha schreckt überhaupt nichts ab. Das macht sie so stark, dadurch sind sie uns überlegen.«

Der Wagen rollte inzwischen aus der Stadt hinaus auf den Lake Wairarapa zu. Das marae lag nah am See, wenn auch nicht so nah, dass man das Gewässer von den Häusern aus sehen konnte.

»Die Ufer sind sumpfig«, erklärte Reka. »Gut zum Jagen und Fischen, aber nicht zum Siedeln.«

Rund um Greytown lag erst einmal fruchtbares Farmland, genutzt von den pakeha. Schließlich führte ein Weg am Fluss entlang in die Wälder, und nach einer weiteren, vielleicht halbstündigen Fahrt, kam der Zaun in Sicht, den die Ngati Kahungunu um ihr marae gezogen hatten. Aroha und Matiu erinnerte er an die Begrenzung rund um ihre Schule – Raupo-Stangen, mit Flachs zusammengefügt. Angreifer hielt das nicht ab. Doch die Ngati Kahungunu schienen nicht mit Feinden zu rechnen, oder sie gingen davon aus, dass bei ihnen ohnehin nichts zu stehlen war. Aroha und Matiu hatten Abbildungen von großen, bunt bemalten Götterstatuen gesehen, die den Eingang zu traditionellen Nordinsel-maraes bewachten. Hier allerdings gab es nur ein schmuckloses Tor, das jetzt offen stand. Ein paar Kinder spielten im Eingang und liefen beim Anblick des Wagens aufgeregt los, wohl um das Eintreffen der Besucher zu melden.

Hakopa lenkte die Pferde gleich auf den Versammlungsplatz, um den herum sich die verschiedenen Gemeinschafts-, Koch- und Schlafhäuser gruppierten. Aroha warf einen Blick auf die Gebäude und fand auch sie enttäuschend. Ihr Stiefvater hatte das marae, auf dessen Gelände die Schule lag, mit seinen ersten Zöglingen renoviert, und ein paar der Jugendlichen hatten sich dabei als geschickte Holzschnitzer entpuppt. Reverend Lange hatte ihnen schließlich erlaubt, die Häuser mit traditionellen Schnitzereien zu verzieren und sie zu bemalen. Eins war nun schöner als das andere. Hier dagegen gab es kaum Schnitzereien, die Häuser schienen in Eile und lieblos zusammengezimmert. Das marae wirkte wie ein Provisorium – als wären die Bewohner nicht sicher, ob sie für immer hier wohnen würden.

Was die Begrüßung anging, wurden Arohas und Matius Erwartungen jetzt jedoch erfüllt. Der Stamm hatte sich auf ein Zeremoniell vorbereitet – nicht ganz so förmlich, wie man völlig Fremden die Ehre erwies, doch aufwendig genug, um den Gästen ihre Wertschätzung zu zeigen und Matiu in seinem Stamm willkommen zu heißen. Die jungen Mädchen des Stammes tanzten einen haka, noch während Aroha und Matiu vom Wagen stiegen. Sie sangen vom Meer und vom See, von Fischfang und Jagd. Das Lied schilderte das Land und das Leben des Stammes.

Der Häuptling und die Stammesältesten hatten sich vor dem wharenui, dem Versammlungshaus, eingefunden, wobei sich der ariki, ein noch recht junger Mann mit nicht ganz tätowiertem Gesicht, mit seiner Familie etwas abseits hielt. Es war tapu, den Häuptling zu berühren, nicht einmal sein Schatten sollte auf einen seiner Untertanen fallen. Die Stammesältesten tauschten dagegen gern den hongi mit Matiu und ein paar Frauen auch mit Aroha. Eine der ältesten Frauen brach in Tränen aus, als sie ihr Gesicht an Matius legte.

»Die Mutter deiner Mutter«, erklärte Reka dem peinlich berührten jungen Mann.

Die Frau musste im Stamm einen hohen Rang bekleiden, denn sie stimmte jetzt ein Gebet an, in das alle anderen einfielen. Sie schien zu erwarten, dass auch Aroha und Matiu die Worte mitsprachen, doch so weit, mit seinen Schülern die Anrufungen der Geister zu studieren, war die Toleranz Reverend Langes nun doch nicht gegangen. Reka erkannte das Dilemma, in dem die beiden steckten, und bat Matiu, anschließend ebenfalls ein Gebet zu sprechen.

»Zum pakeha-Gott«, sagte sie. »Den dürfen wir nicht ausschließen. Wir … wir sind nämlich alle getauft.«

Aroha erschien das befremdlich. Sie sollte später erfahren, dass die pakeha ihre Zustimmung zur Ansiedlung des Stammes davon abhängig gemacht hatten, ob die Maori die Religion der Weißen annahmen. Der Häuptling schickte denn auch allsonntäglich eine Abordnung seines iwi in die Kirche, meist junge Leute und Kinder, die mit dem pakeha-Gott und seinen Anhängern noch keine schlechten Erfahrungen gemacht hatten. Überhaupt erwies sich Te Haunui als äußerst flexibel. Er hatte sein Amt erst seit wenigen Jahren inne, sein Vorgänger war in den Wirren der Taranaki-Kriege getötet worden. Oder danach? Aroha schwirrte schon nach kurzer Zeit der Kopf, und jetzt begann einer der Stammesältesten auch noch, die mihi vorzutragen, eine Rede, in der er von der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Ngati Kahungunu erzählte und die Lebenden und Toten vorstellte.

»Unsere Vorfahren kamen mit dem Kanu Takitimu nach Aotearoa, gesegelt von Tamatea Arikinui. Sein Sohn Rongokako nahm Muriwhenua zur Frau, und sie hatten einen Sohn, Tamatea Ure Haea. Dessen Sohn Kahungunu wurde in Kaitaia geboren, und er begründete unseren Stamm. Kahungunu reiste von Kaitaia nach Süden und zeugte viele Kinder. Sie errichteten Dörfer und pflanzten sich fort, sie waren Farmer und Schnitzer und Kanubauer. Es gibt drei wichtige Zweige der Ngati Kahungunu, wir gehörten zu den ki Heretaunga. Wir lebten am Meer …«

Der Sprecher erzählte von der Gründung von Festungen und Kämpfen mit anderen Stämmen, von fünf Häuptlingen der Ngati Kahungunu, die einst den Vertrag von Waitangi unterschrieben, um in Frieden mit den pakeha zu leben. Die Stämme hatten Getreide und Gemüse für die Weißen angebaut, die damals vor allem Walfangstationen an den Küsten des Stammesgebietes betrieben.

»Aber dann kamen die Schaffarmer und ließen ihre Tiere auf unserem Land grasen. Sie gaben uns erst ein paar Waren dafür und dann etwas Geld, und dann sagten sie, das Land gehöre jetzt ihnen!«

Die Stimme des Sprechers klang empört, auch aus den Reihen der Zuhörer erklangen wütende Zwischenrufe. Aroha liefen kalte Schauer über den Rücken. Es war immer wieder das Gleiche, von Kindheit an hatte sie solche Geschichten gehört – von Omaka und von den Kindern, die ins Waisenhaus kamen. Linda hatte ihr irgendwann erklärt, dass die Maori ein anderes Verhältnis zu Eigentum hatten als die pakeha. Sie nahmen das Geld und ließen die Farmer auf ihrem Land siedeln und ihre Schafe weiden, aber ihnen kam nicht in den Sinn, dass sie es damit für immer fortgaben. Als die Weißen dann ernstlich die Hand darauflegten, Städte und Dörfer bauten und immer mehr Land beanspruchten, wehrten sich die Maori. Es kam zu den ersten Kämpfen, wobei jeder fest davon überzeugt war, im Recht zu sein. Sowohl pakeha als auch Maori behaupteten, die jeweils anderen hätten die Verträge gebrochen.

Aroha erwartete nun, Berichte von Kämpfen mit englischen Truppen zu hören, tatsächlich waren die Stämme, die an der Hawke’s Bay siedelten, verhältnismäßig wenig von den Landkriegen betroffen gewesen. Ihr Verhängnis begann erst mit dem Siegeszug der Hauhau-Bewegung, deren Prophet Te Ua Haumene geschworen hatte, die pakeha aus Aotearoa zu vertreiben. Seine Rekrutenwerber erreichten auch die Stämme an der Ostküste. Viele, besonders junge Häuptlinge, verfielen ihrer Lehre, es kam zu Auseinandersetzungen und Morden. Für die Entführung von Matius Mutter und den anderen Leuten aus diesem iwi waren denn auch nicht die pakeha verantwortlich, sondern von ihnen abhängige Kupapa – Maori, die aufseiten der Briten kämpften. Wie bei den Stämmen üblich, hatten sie Kriegsgefangene als Sklaven genommen. Irgendwie musste Mahuika dann mit dem englischen Military Settler in Kontakt gekommen sein, der ihren Sohn gezeugt hatte. Was genau geschehen war, würde man wohl nie in Erfahrung bringen.

»Und als der Krieg schon längst zu Ende schien und wir unsere Toten betrauerten, kamen die pakeha …«

Der Sprecher berichtete, erneut in einem Tonfall zwischen Trauer und Empörung, dass der Gouverneur seinem iwi vorgeworfen hatte, die Hauhau während der Taranaki-Kriege unterstützt zu haben. Ein Argument, das den Weißen in den Sechzigerjahren vielfach als Vorwand dazu gedient hatte, Maori-Land zu konfiszieren. Der von jeher friedliche Stamm hatte zwar versucht, sich gegen die Vertreibung zu wehren, aber den Waffen der Engländer hatten die Maori nichts entgegenzusetzen. Immerhin hatte es für Matius Stamm Ausweichmöglichkeiten gegeben. Die Ngati Kahungunu ki Wairarapa, traditionell angesiedelt in den gleichnamigen Ebenen und im anliegenden Gebirge, hatten ihnen Obdach geboten. Der Stamm hatte in Papawai, einem Fort südöstlich von Greytown, eine große und wichtige Ansiedlung. Matius iwi hatte sich ihnen allerdings nicht anschließen wollen, sondern blieb für sich.

»Unsere Seelen sind nicht hier verankert«, verriet Matius Großmutter Ngaio später. »Unser maunga sind die Hügel und die Klippen um die Bucht, die ihr Hawke’s Bay nennt. Vielleicht werden wir ja irgendwann dorthin zurückkehren …«

Das erklärte die provisorisch errichtete Siedlung – glücklich war dieser iwi hier nicht. Aroha wusste allerdings von ihrer Mutter, dass es für die Menschen noch viel schlimmer hätte kommen können. Viele der von ihrem Land vertriebenen Maori waren in Regionen umgesiedelt worden, in denen traditionell verfeindete Stämme lebten. Dort war es dann zu weiteren Kämpfen und Morden untereinander gekommen.

Matiu saugte jedes Wort der mihi in sich auf, erfuhr er damit doch endlich etwas über seine Geschichte. Aroha dagegen war froh, als der Sprecher endete und mit viel Beifall bedacht wurde. Es folgten Lieder und Tänze, Gebete und der Austausch von Geschenken. Matiu und Aroha hatten ein paar Schnitzereien aus Otaki mitgebracht, die sie Matius Verwandten nun überreichten. Ngaio schenkte Aroha ein Stück Jade.

Schließlich saßen die jungen Leute mit Matius Familie um ein Feuer und kosteten das im Erdofen gegarte Fleisch und Gemüse. Aroha fand es köstlich. Sie freute sich, dass von Matiu langsam die Spannung abfiel. Nachdem er dem Begrüßungszeremoniell noch steif und unsicher beigewohnt hatte, plauderte er jetzt mit ein paar jungen Kriegern. Auch Aroha entspannte sich – bis Reka sich an sie wandte.

»Was ist nun mit deiner Geschichte, Aroha?«, erkundigte sich Matius Tante. »Alle fragen danach. Der ganze Stamm will es wissen. Sie trauen sich nur nicht, dich anzusprechen. Matius wahine – eine pakeha, die einen Maori-Namen trägt und unsere Sprache spricht … Wir haben nie jemanden wie dich getroffen. Wo also ist dein maunga, Aroha? Mit welchem Kanu kamen deine Ahnen nach Aotearoa? Welchem Berg oder See fühlst du dich verbunden?«

Aotearoa war das Maori-Wort für Neuseeland, und jedes Mitglied der Stämme kannte den Namen des Kanus, mit dem seine Vorfahren die Inseln erreicht hatten.

Aroha errötete. Mit einer Frage nach ihrer pepeha hatte sie an diesem Abend nicht mehr gerechnet. Aber wahrscheinlich hatte sie sogar noch Glück. Die Maori hätten sie auch vor dem versammelten Stamm um ihre Lebensgeschichte bitten können. Das Mädchen schluckte den Happen Essen hinunter, den es noch im Mund hatte. Dann holte es tief Luft.

»Ich bin Aroha Fitzpatrick«, begann Aroha mit ihrem Namen und fing dann an zu improvisieren. »Und meine Ahnen sind mit der Brigg Sankt Pauli nach Aotearoa gekommen.«

Tatsächlich traf das nur auf einen einzigen Ahnherrn des Mädchens zu, einen Mann, auf den niemand in Arohas Familie stolz war. Ottfried Brandman hatte Lindas Mutter Cat vergewaltigt und fast zur gleichen Zeit mit seiner damaligen Frau Ida ihre Halbschwester Carol gezeugt. Cat selbst war in Australien geboren und irgendwie mit ihrer trunksüchtigen Mutter zu einer Walfangstation auf der Südinsel gelangt. An den Namen des Schiffes erinnerte sich niemand mehr. Und wie Arohas Vater Joe Fitzpatrick nach Neuseeland gelangt war, wusste das Mädchen auch nicht. Er stammte aus Irland, aber er behauptete, in England studiert zu haben. Wie weit das alles der Wahrheit entspreche, habe sie nie erfahren, hatte Linda gesagt. »Dein Vater war ein Schwindler, Aroha, ein Aufschneider, ein Geschichtenerzähler. Ein charmanter Lügner … Das Leben mit ihm war … abwechslungsreich, doch auch gefährlich. Man konnte ihm leider nicht trauen.«

Ihre Mutter sprach stets mit verhaltener Freundlichkeit über Joe Fitzpatrick, Revi Fransi tat das nicht. Joe sei vor allem ein Lügner gewesen, betonte er immer wieder und verzog dabei sein Gesicht. Arohas Stiefvater machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für den Mann.

Aroha wusste, dass Linda ihren Vater schließlich verlassen hatte. Irgendwie war eine andere Frau im Spiel gewesen, den letzten Ausschlag hatte ein Maori-Überfall während der Taranaki-Kriege gegeben, bei dem Fitz, wie ihn alle nannten, seine Frau und seine Tochter im Stich gelassen hatte. Einzelheiten hatte Linda nie erzählt, und Aroha hatte sich auch nicht übermäßig dafür interessiert. Franz Lange war ihr immer ein liebevoller Vater gewesen. Einen zweiten brauchte sie nicht. Insofern passte vielleicht sogar der Hinweis auf die Herkunft ihrer Ahnen in der pepeha: Franz war ebenfalls mit der Sankt Pauli nach Neuseeland gereist.

»Meine Familie siedelte zunächst auf der Südinsel«, erzählte Aroha weiter. »Erst als meine Mutter heiratete, ging sie mit ihrem Mann nach Patea. Er sollte dort Land erhalten …«

»Gestohlenes Land?«, fragte Reka streng.

Aroha biss sich auf die Lippen. Tatsächlich war Joe Fitzpatrick Mitglied eines Regiments der Taranaki Military Settlers gewesen. Man hatte ihm von den Maori requiriertes Land zugeteilt.

»Es hat sich dann nicht ergeben«, sagte Aroha vage.

Als ihr Vater wegen Feigheit vor dem Feind aus der Armee ausgeschlossen worden war, hatte man ihm natürlich auch sein Land entzogen.

»Und wo ist deine Seele verankert, Kind?«, fragte Matius Großmutter, die sich zu ihnen gesellt hatte, besorgt. »Es klingt, als hättest du keine Heimat.«

Aroha wusste nicht, ob sie zuerst nicken oder den Kopf schütteln sollte.

»Doch!«, erklärte sie dann entschieden. »Ich bin in Otaki aufgewachsen – auf Maori-Land. Meine Eltern sagen stets, wir nutzen es nur, es gehört uns nicht …« Tatsächlich hatte die anglikanische Kirche das alte Maori-Fort ohne viel zu fragen für ihr Waisenhaus requiriert, als der örtliche Maori-Stamm aus Otaki abgezogen war. Immerhin waren die Te Ati Awa freiwillig gegangen, um in Taranaki neu zu siedeln. »Aber mein maunga …«, sprach Aroha weiter, »… mein maunga ist nirgendwo auf Aotearoa.« Aroha lächelte. Ihre eigene Geschichte war etwas Besonderes, und bestimmt würde sie ihren Zuhörern gefallen. Matius Verwandte hingen jetzt schon an ihren Lippen. »Omaka, eine tohunga der Ngati Tamakopiri, die meiner Mutter bei der Geburt beigestanden hat, verankerte meine Seele im Reiche Rangis, des Himmelsgottes.« Ein Raunen war zu hören. Auf einmal schien ihr der ganze Stamm zu lauschen. »Sie sandte meine Seele mit dem Rauch des Feuers, in dem sie die Nachgeburt verbrannte, gen Himmel, und sie berief Rangi zu ihrem Beschützer.«

»Sie muss eine große Priesterin gewesen sein!«, bemerkte Reka bewundernd. »Eine Seele in den Himmel zu schicken wie einen Drachen am Neujahrsfest …«

Es war üblich, zu Matariki Drachen aufsteigen zu lassen, denen man Gebete und Wünsche an die Götter mitschickte.

»Auf jeden Fall stellte sie mächtige Geister an deine Seite!«, sagte Ngaio ehrfürchtig. »Omaka besaß sicher viel mana. Aber ob ein solches maunga ein Glück für dich ist, Kleine … Du wirst immer eine Reisende sein. Du wirst keinen Platz haben, an den du gehörst.«

Aroha schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, karani«, erklärte sie. »Ich gehe sehr gern auf Reisen, das ja. Ich würde am liebsten die ganze Welt sehen. Doch ich gehöre zu Matiu. Hier auf der Erde ist er mein maunga!« Sie schmiegte sich an den jungen Mann, der neben ihr saß.

Matiu lächelte glücklich. »Ich halte sie fest, karani!«, sagte er und zog Aroha an sich.

Die alte Frau erwiderte das Lächeln nicht, sie wirkte eher besorgt. »Sei vorsichtig, Enkelsohn«, sagte sie leise. »Es kann gefährlich sein, die Schnur des Drachens zu verkörpern, den die Götter begehren …«

KAPITEL 3

Aroha und Matiu erlebten ein paar wunderschöne Wochen in Wairarapa. Matiu schloss sich den jungen Jägern und Kriegern an. Der örtliche rangatira, dem die Ausbildung der Knaben im Umgang mit den traditionellen Waffen oblag, zog ihn selbstverständlich zu den Übungen hinzu. Aroha lachte, als sie Matiu zum ersten Mal in der traditionellen Kriegerkluft sah, und die anderen Jungen neckten ihn gutmütig, als er seinen eher schmächtigen, kaum muskulösen Brustkorb entblößte.

»Du musst mehr essen!«, erklärte Reka und verwöhnte ihren Neffen nach Kräften.

Der Lake Wairarapa erwies sich tatsächlich als ideal für Fischfang und Jagd. Aroha lernte von den anderen Mädchen des Stammes, wie man Reusen auslegte, und schwatzte dabei mit ihnen über Matiu und die anderen jungen Männer, für die ihre neuen Freundinnen sich interessierten. Am Anfang errötete sie dabei mitunter – Revi Fransi hatte recht gehabt, diese Mädchen waren unglaublich freizügig –, doch bald fand sie nichts mehr dabei, sich vor den anderen auszuziehen und ihre noch knospenden Brüste mit denen ihrer Freundinnen zu vergleichen.

»Die wachsen noch«, meinte die etwas ältere Rere tröstend, die selbst schon weit entwickelt war und von der die anderen munkelten, sie habe schon zweimal mit einem der jungen Krieger im Schilf am See Liebe gemacht.

Matiu wäre zu gern auch mal mit Aroha dort allein gewesen. Das Raupo-Dickicht und die Strände waren wohl der beliebteste Treffpunkt junger Paare. Aroha ließ sich dann tatsächlich überreden. Es war ein sonniger Vorfrühlingstag, und die beiden nahmen eine Decke mit an den Strand, auf der sie sich niederlassen konnten, um einander zu küssen und zu streicheln. Leider hatte es am Tag zuvor geregnet, und es war auch ziemlich kalt. Die beiden entschieden deshalb einträchtig, sich nicht vollständig zu entkleiden. Immerhin erlaubte Aroha ihrem Freund, unter ihrem Kleid nach ihren Brüsten zu tasten, was jedoch etwas enttäuschend war. Matiu fand eigentlich noch nichts Erwähnenswertes, das zu liebkosen sich lohnte. Die Beschreibungen seiner neuen Freunde hatten da vielversprechender geklungen. Nichtsdestotrotz versicherte er Aroha, sich keine schöneren Brüste vorstellen zu können.

Aroha ihrerseits ließ die Hände mit klopfendem Herzen unter den Bund seiner Hose wandern und erschrak, als sich sein Glied daraufhin versteifte. Immerhin hatten die Erzählungen der anderen Mädchen sie darauf vorbereitet, und schließlich war sie stolz, ihren Liebsten erregt zu haben. Aroha und Matiu gaben die Moralvorstellungen der pakeha, mit denen sie aufgewachsen waren, nicht vollständig auf, geschweige denn, dass sie ernstlich gegen sie verstießen. Aber sie lernten in diesen Tagen eine Menge über den männlichen und weiblichen Körper.

Matiu erfuhr in dieser Zeit noch vieles mehr über die Geschichte seines Stammes. Seine Großmutter war tohunga, die Kräuterfrau und Priesterin des Stammes. Sie konnte stundenlang erzählen, sprach von seinen Ahnen mütterlicherseits und berichtete von den Heldentaten der Krieger und der Schönheit der Frauen. Dazu schilderte sie das Leben des Stammes am Meer, sprach vom Fischfang und von wagemutigen Exkursionen der Männer mit ihren Kanus, von gefährlichen Klippen und weißen Stränden, von fruchtbaren grünen Hügeln, über die freundliche Geister wachten. Matiu hörte ihr aufmerksam zu, fand viele Schilderungen allerdings einfach nur befremdlich. Er hatte sich stets mehr für Technik als für Geschichten interessiert. Auch die Jagd und die Kriegskunst lagen ihm nicht. So empfand er es als angenehme Abwechslung, als der Häuptling ihm und Aroha am Sonntag nahelegte, die Kirchgänger des Stammes nach Greytown zu begleiten und dort mit ihnen den Gottesdienst zu besuchen. Die beiden tauschten die traditionelle Maori-Kleidung – auch Aroha hatte gern ausprobiert, wie sich die bunten Röcke und Oberteile aus verwebten Flachsfasern am Körper anfühlten – also wieder mit Reisekostüm und Anzug für den Kirchgang. Zumindest Matiu tat das ganz gern. Er hätte es zwar niemals zugegeben, aber er hatte in der Kluft der jungen Krieger die ganze Zeit hindurch erbärmlich gefroren. Nicht auszudenken, dass die anderen jungen Männer sich darin im Winter im Freien bewegten.

In der kleinen Kirche des Ortes erregten die Besucher des Stammes Aufsehen. Reka stellte sie, zweifellos im Auftrag des Häuptlings, dem Reverend vor, der natürlich schon von der Schule in Otaki gehört hatte.

»Reverend Lange leistet dort ganz hervorragende Arbeit!«, sagte der Priester begeistert. »Du hast einen Highschool-Abschluss, Junge? Davon können die Maori-Kinder hier nur träumen! Die Leute schicken sie natürlich auch nicht zur Schule. Dabei gibt es eine in Papawai. Sie hat bloß nicht den besten Ruf …«

Tatsächlich gab es eine von Missionaren betriebene Schule für Maori-Kinder in der wichtigsten Siedlung der örtlichen Stämme, aber sie schien nicht beliebt zu sein. Matius Stamm schickte jedenfalls keines seiner Kinder dorthin.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es Kaffee, Tee und Kuchen im Gemeinderaum, und der Reverend lud die Maori freundlich ein, sich seiner Gemeinde anzuschließen. Rekas Gesicht war abzulesen, dass sie das sonst nie taten, an diesem Tag wollte sie für ihre Besucher jedoch eine Ausnahme machen. Nachdem sie ein paar Worte mit den anderen Kirchgängern gewechselt hatten, trotteten alle brav mit, suchten sich Plätze an den langen Tischen und ließen sich von den neugierigen Gemeindefrauen bedienen. Schweigend stopften sie Gebäck in sich hinein, während Aroha lebhaft erzählte. Das Mädchen schilderte die Schule und Revi Fransis Missionsarbeit in leuchtenden Farben. Matiu verlor rasch das Interesse. Wie es der Zufall wollte, saß er mit einigen Männern am Tisch, die bei der Eisenbahn arbeiteten oder gearbeitet hatten. Nun lauschte er mit glühenden Wangen ihren Erzählungen und gab sie hinterher Aroha gegenüber wieder.

Das Mädchen hörte gelangweilt zu, fühlte sich aber insgeheim erleichtert. So gut es Aroha bei den Ngati Kahungunu gefiel – auf Dauer bleiben wollte sie nicht bei dem Stamm. Sie war froh, als sie hörte, dass es Matiu genauso ging. Der junge Mann konnte es kaum erwarten, sein Studium der Technik und des Maschinenbaus zu beginnen.

Am Montag erwartete Aroha dann eine Überraschung. Sie hatte sich nach dem Frühstück gerade wieder ihrer Gruppe zugesellt, als Reka und Hakopa sie suchten und im Auftrag des Häuptlings um Übersetzung baten.

»Der Reverend aus Greytown ist da«, erklärte Reka mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sich da weniger ein Gottesmann als der Leibhaftige in ihr marae verirrt. »Er will mit dem ariki sprechen, und ich sollte übersetzen … Aber so viel Englisch verstehe ich gar nicht. Willst du nicht helfen, Aroha?«

Aroha nickte und traf vor dem Haus des Häuptlings Matiu, an den wohl dieselbe Bitte gerichtet worden war. Wozu die nur zwei Übersetzer brauchen?, fragte sie sich, begrüßte dann allerdings erst mal den Reverend, der etwas unsicher im Nieselregen stand. Anscheinend erwartete er, hereingebeten zu werden. Das, so wusste Aroha, würde jedoch nicht geschehen.

»Der ariki wird Sie hier empfangen«, erklärte sie dem säuerlich dreinblickenden Priester. »Es … es ist nicht üblich, die Maori sagen tapu, mit einem Häuptling einen Raum zu teilen, dieselbe Luft mit ihm zu atmen … Sein … äh … sein Schatten könnte auf Sie fallen …«

Der Reverend schnaubte. »Ich weiß sehr wohl, was tapu ist, Miss Fitzpatrick«, bemerkte er. »Heidnischer Unsinn. Wobei ich ja durchaus bereit bin, dem ariki meinen Respekt zu zollen. Aber geht das wirklich nicht, ohne im Regen zu stehen?«

Aroha bat den Gottesmann schließlich in den dürftigen Schutz einer Nicau-Palme, wobei sie ihm absolut Verständnis entgegenbrachte. Auch ihr gefiel es bei diesem Wetter nicht unter freiem Himmel, deshalb hatte sie am Morgen Bluse und Rock mit einer warmen pakeha-Jacke kombiniert. Matiu hätten seine neuen Freunde sicher gehänselt, wenn er so verweichlicht dahergekommen wäre. Trotzdem trug er jetzt Denimhosen und eine Lederjacke. Er musste den Besuch des Reverends zum Vorwand genommen haben, sich wärmer anzuziehen.

Der Häuptling dagegen verzichtete darauf, sich den Vorstellungen der pakeha von korrekter Kleidung anzupassen. Er erschien in der Tracht der Krieger und schützte sich nur mit einem wertvollen Mantel, der durch eingewebte Vogelfedern Wärme spendete, vor dem Regen.

»Kia ora, Reverend!«, grüßte der ariki, ohne sich dem Priester zu nähern. »Ich freue mich, Sie einmal in unserem marae begrüßen zu dürfen. Mein Volk bringt Ihnen großen Respekt entgegen.«

Aroha übersetzte seine Worte. Der Reverend nickte und antwortete mit ein paar ähnlichen Höflichkeiten. Allerdings schlich sich ein leichter Tadel in seine weitere Rede. Er freue sich über den eifrigen Besuch des Gottesdienstes, wäre aber noch sehr viel glücklicher, könnte er auch den Häuptling und seine Stammesältesten öfter in der Kirche begrüßen.

Der Häuptling antwortete ausweichend. »Ich habe meine Verpflichtungen«, beschied er den Priester. »Und unsere Ältesten … sie sind nicht mehr allzu gut zu Fuß. Es ist ein weiter Weg nach Greytown. Sie werden sich schon damit zufriedengeben müssen, dass die jungen Leute kommen.«

»Und die Kinder gehen ja wirklich sehr gern in Ihre Sonntagsschule!«, fügte Aroha ihrerseits hinzu.

Eigentlich hatten sich die Jugendlichen nur dahingehend positiv zum Unterricht in Greytown geäußert, dass es dort immer Milch und Kuchen gab. Aber das sagte sie hier lieber nicht.

Das Gesicht des Geistlichen hellte sich auf. »Genau darüber wollte ich mit Ihnen sprechen, ariki. Die Schule. Mir sind einige Ihrer Kinder aufgefallen, die aufgeweckt und eifrig zu sein scheinen. Allerdings sprechen sie kaum genug Englisch, um meinem Unterricht zu folgen. Und natürlich können sie nicht lesen und schreiben, was ebenfalls …«

»Es ist weit bis zur Schule nach Papawai«, bemerkte der Häuptling. Er schien zu wissen, worauf der Reverend hinauswollte. »Die Kinder wären jeden Tag viele Stunden unterwegs.«

»Gibt es da kein Internat?«, platzte Aroha heraus.

Gleich spürte sie den sehr unwilligen Blick des Häuptlings auf sich. Der weite Schulweg war offenbar genauso eine Ausflucht wie die Sache mit den Stammesältesten. Tatsächlich war zumindest Matius Großmutter jeden Tag stundenlang in den Wäldern unterwegs, um Kräuter zu sammeln. Die Wanderung nach Greytown wäre ihr auf keinen Fall schwergefallen.

»Reverend, in Papawai sitzen die Ngati Kahungunu ki Wairarapa«, versuchte der Häuptling nun zu erklären. »Wir sind Ngati Kahungunu ki Heretaunga. Natürlich sind wir keine Feinde. Im Gegenteil, wir sind Brüder. Trotzdem haben wir verschiedene Wurzeln, und in meinem Stamm hoffen viele darauf, einmal zur Hawke’s Bay zurückkehren zu können. Wir wurden unrechtmäßig enteignet. Es muss da Möglichkeiten geben …«

»Umso wichtiger wäre Bildung für Ihr Volk!«, trumpfte der Reverend auf. »Wenn Sie Juristen, Landvermesser, Politiker aus Ihren Reihen hätten, wäre alles einfacher. Sie müssen die Kinder zur Schule schicken!«

Der ariki schüttelte den Kopf. »Sie wären allein unter Fremden«, beharrte er.

Der Reverend biss sich auf die Lippen. Sein Ausdruck wurde eifrig, er schien jetzt seine Trumpfkarte ausspielen zu wollen.

»Nun, es muss ja nicht die Schule in Papawai sein«, sagte er vorsichtig. »Schauen Sie, als Ihre jungen Besucher gestern in meinen Gottesdienst kamen, schickte mir Gott diese Erleuchtung. Reverend Lange betreibt in Otaki eine Schule für Maori-Kinder verschiedener Stämme. Und wie Sie an unserem jungen Freund Matiu sehen …«, er lächelte Arohas Freund zu, »… ist Reverend Lange wohl nicht daran gelegen, die Kinder von ihren Stämmen zu entfremden. Warum schicken Sie nicht ein paar Ihrer Jugendlichen dorthin? Sie wären nicht allein – sie hätten in dem jungen Matiu einen Mentor und ebenso eine Mentorin in Miss Fitzpatrick …«

Aroha wusste nicht recht, wie sie das Wort Mentor übersetzen sollte, aber insgesamt erschien ihr der Vorschlag des Gottesmannes sinnvoll. Auch sie und Matiu hatten schon bedauert, dass die Kinder des Stammes keine Schule besuchten, zumal sie sich durchaus dafür interessierten, etwas zu lernen. Die Jugendlichen radebrechten in Englisch, und viele hatten Aroha und Matiu bestürmt, mit ihnen die Sprache der pakeha zu üben. Einige würden auch gern lesen und schreiben lernen.

Aroha beschloss, sich ihrerseits für den Plan des Reverends einzusetzen. »Revi Fransi und meine Mutter, die Kinder nennen sie koka Linda, sind wie Eltern für die Schüler«, erklärte sie. »Und es stimmt, die Kinder kommen aus verschiedenen Stämmen, zum Teil aus verfeindeten. Am Anfang, als die Schule noch ein Waisenhaus war, gab das große Probleme. Revi Fransi erfand schließlich ein Spiel: Er fuhr die Kinder mit einem Boot, das er Linda nannte, über den Fluss in die Schule. So konnten sie sagen, sie seien mit demselben Kanu in ihren gemeinsamen Teil von Aotearoa gekommen. Alle waren damit zufrieden. Revi Fransi legt großen Wert darauf, dass sich die Kinder vertragen!«

Der Häuptling kaute auf seiner Unterlippe. Sicher befürchtete er keine Streitigkeiten unter den Schülern. Tatsächlich würden sich die Kinder der Ngati Kahungunu nicht untereinander ausgrenzen, egal, zu welchem iwi sie gehörten. Auch dies war nur ein Vorwand, die Schule in Papawai abzulehnen. In Wirklichkeit hatte er Angst davor, dass der Reverend es mit der christlichen Erziehung der Kinder übertrieb. Es gab kaum einen Maori-Häuptling, der Bildungsmöglichkeiten für seine Stammesangehörigen ausschlug. Sie sollten nur in den Traditionen ihres Volkes verwurzelt bleiben.

»Und es ist ja auch gar nicht so weit«, meldete sich plötzlich überraschend Matiu zu Wort. »Nur ein paar Stunden mit dem Zug. Die Kinder müssten nicht jahrelang fortbleiben, sie könnten in den Ferien zurückkommen.«

Der Häuptling spielte mit den Federn seines Mantels. »Dieser Reverend Lange …«, meinte er, »… hätte nichts dagegen?«

Es war ein offenes Geheimnis, dass christliche Missionare ihre Zöglinge ungern wieder aus ihren Fängen ließen. Viele Maori-Stämme hatten schlechte Erfahrungen gemacht. Die Kinder, die sie freiwillig und treuherzig in die Schulen der frommen Brüder geschickt hatten, waren erst Jahre später, völlig verändert zurückgekehrt. Einen Highschool-Abschluss oder gar eine Hochschulbildung hatten sie nicht erhalten, dafür waren sie zu demütigen Knechten und Haushaltshilfen ausgebildet worden, die dann baldmöglichst in pakeha-Familien in Stellung gegeben werden sollten. Letztendlich waren diese Menschen in keiner der beiden Welten mehr zu Hause – weder Maori noch pakeha.

Matiu und Aroha schüttelten gleichermaßen den Kopf.

»Revi Fransi ist nicht so«, beruhigte Matiu den ariki. »In Otaki sind die Kinder glücklich.«

KAPITEL 4

»Und sie kommt sicher zurück? Du versprichst mir das?«

Aputa, die Mutter der kleinen Haki, wandte sich jetzt schon das fünfte Mal mit dem immer gleichen Anliegen an Aroha.

Aroha bejahte erneut. »Wir passen alle auf Haki auf!«, erklärte sie. »Nicht wahr, Kinder?«

Haki war das jüngste der vier Kinder, die der Stamm der Ngati Kahungunu mit Aroha und Matiu nach Otaki schickte. Eigentlich hatten sie geplant, erst Kinder ab zehn Jahren mitzunehmen, aber Haki hatte darauf beharrt, in die Schule zu gehen und zu lernen. Sie war außerordentlich klug, sehr lebhaft und selbstständig. Schließlich hatte sie ihren Eltern die Zustimmung abgetrotzt.

Aroha nutzte die Schutzbedürftigkeit der Jüngsten, um die kleine Gruppe gleich aufeinander einzuschwören. Sie hatte diese Methode oft bei ihren Eltern beobachtet. Wenn die Kinder einen gemeinsamen Auftrag bekamen, besonders, wenn man an ihr Verantwortungsbewusstsein appellierte, beugte das Rivalitäten vor. Nun waren Anaru, Purahi, Koria und Haki ohnehin weit davon entfernt, sich zu streiten. Dafür waren sie viel zu stolz darauf, ausgewählt zu sein und ihren Stamm in Otaki zu vertreten.

»Ich werde Rechtsanwalt!«, erklärte der zwölfjährige Anaru selbstbewusst. »Und dann bringe ich unsere Sache vor die pakeha-Gerichte, und wir kriegen unser Land zurück!«

Anaru sprach von allen Kindern schon am besten Englisch, aber Koria stand ihm dabei in nichts nach. Purahi war eher technisch orientiert. Dass er mit nach Otaki kommen durfte, verdankte er vor allem Matiu, dem sein Erfindungsreichtum und seine Wissbegier schnell aufgefallen waren. Auch Purahi brannte darauf, mehr über den Bau und den Betrieb der Eisenbahn zu erfahren. Aufgeregt spähte er jetzt nach dem Zug aus, der gleich einfahren musste. Matiu und Aroha, die künftigen Schulkinder und ihre Eltern warteten am Bahnsteig. Die Mutter von Purahi und auch die von Haki waren in Tränen aufgelöst, Korias Mutter glättete immer wieder den Rock des neuen pakeha-Kleides ihrer Tochter. Die Kirchengemeinde von Greytown hatte die Maori-Kinder großzügig mittels Spenden neu ausgestattet. Alle hatten Kleidung erhalten – natürlich solche, aus denen die Kinder der Gemeindemitglieder herausgewachsen waren. Ihre Bündel enthielten auch Schulsachen wie Fibeln, Hefte, Bleistifte und Bücher.

Aroha wusste nicht, ob Revi Fransi das wirklich alles brauchte, doch die Kinder fühlten sich außerordentlich wichtig.

»Du liest mir dieses Buch während der Fahrt vor«, bestimmte Koria und hielt Aroha ein Exemplar von Little Princess hin, »und wenn wir dann ankommen, kann ich schon Englisch.«

»Ganz so schnell wird’s nicht gehen«, dämpfte Aroha ihre Erwartungen, um dann auch Anarus Vater noch einmal zu versichern, dass es den Kindern in der Schule ihrer Eltern gut gehen würde.

»Und dieses Ungeheuer?« Purahis Mutter musste gegen das Pfeifen des einfahrenden Zuges anschreien. »Wird es die Kinder nicht verschlingen?«

Sie wies auf die Lokomotive, die auf jemanden, der nie zuvor eine Eisenbahn gesehen hatte, zugegebenermaßen bedrohlich wirken musste.

»Das ist doch kein Ungeheuer, das ist eine Dampflokomotive!« Purahi lachte. »Die zieht die Wagen, mit denen wir fahren. Wie ein Pferd, nur viel, viel stärker …«

»Sie erscheint mir wie ein Drache«, murmelte seine Mutter. »Gelingt es denn den pakeha, sogar Drachen zu zähmen?«

»Manchmal schieben die Loks die Züge auch, sagt Matiu!«, erklärte Purahi begeistert. »Und sie bremsen sie an Steigungen. Wir fahren nämlich durch’s Gebirge. Und durch Tunnel …«

»Wir müssen einsteigen, koka«, wandte sich Matiu sanft an Purahis Mutter. Er nannte sie Tante, denn auch sie gehörte zu seinem großen Verwandtenkreis. »Ihr müsst den Kindern jetzt Lebewohl sagen!«

Matiu und Aroha selbst tauschten den hongi mit Reka, die sich verstohlen Tränen aus den Augen wischte.

»Du musst im nächsten Jahr wiederkommen!«, forderte sie ihren Neffen auf. »Bestimmt. Egal … egal, was deine karani sagt!«

Der Abschied zwischen Matiu und seiner Großmutter hatte sich bewegend gestaltet. Die alte Ngaio hatte einen Segen gesprochen, den Matiu nicht verstand. Wie alle karakia – Gebete, Segenswünsche und Flüche – wurde er blitzschnell aufgesagt. Die Worte waren kaum auseinanderzuhalten. Reka hatte er jedoch in Angst und Schrecken versetzt. Sie hatte es Matiu und Aroha nicht näher erklärt, aber die alte Frau ging offenbar davon aus, ihren Enkel nie wiederzusehen.

Matiu lächelte seiner Tante ermutigend zu. »Ich komme und bringe euch die Kinder zurück«, versprach er. »Gleich im nächsten Sommer. Da sind Semesterferien an der Universität. Dann wird es hier auch schöner sein. Nicht so fürchterlich kalt wie heute.«

Besonders kalt war es eigentlich nie in Greytown, allerdings windig, und der Wind war an diesem Tag eisig. Dazu erreichte er eine Geschwindigkeit, die Aroha den Atem nahm. Das Mädchen war froh, als es endlich im Abteil saß. Aroha wies den aufgeregten Kindern Plätze zu und kontrollierte noch einmal, ob auch wirklich alle Fahrkarten bereitlagen, während Matiu das Gepäck in den Netzen über den Sitzen verstaute. Schließlich setzten sich die schweren Eisenräder der Dampflokomotive in Bewegung. Die Kinder winkten ihren Eltern fröhlich zu. Sie empfanden ganz offensichtlich keinen Abschiedsschmerz, während Purahis Mutter auf dem Bahnsteig beinahe zusammengebrochen wäre. Ihr Mann musste sie halten. Hakis Mutter lief noch ein Stück neben dem Wagen her, in dem sie saßen. Sie schien es kaum auszuhalten, die Kleine fahren zu lassen. Die anderen Eltern wirkten gefasster. Korias Mutter schaffte sogar ein Lächeln, als sie den Kindern nachwinkte.

»So, und jetzt das Buch!«, bestimmte Koria, kaum dass die Lokomotive sich pfeifend in Gang gesetzt hatte. »Was für eine Geschichte ist das? Eine Prinzessin ist … eine Häuptlingstochter, stimmt’s?«

»Der erste Tunnel ist der Prices Creek, richtig?«, wandte sich Purahi an Matiu. »Oder ist es der Siberia? Welcher ist noch mal länger?« Er versuchte, sämtliche Bauwunder der Rimutaka Incline auswendig zu lernen.

Matiu und Aroha begannen zu erklären, viel Zeit, aus dem Fenster zu sehen, würde zumindest Aroha diesmal nicht bleiben. Während sie las und übersetzte – den Maori-Mädchen fehlte allgemeines Wissen über die Sitten der pakeha, sie waren auch sprachlich überfordert –, erklärte Matiu Purahi den Antrieb der Fell-Lokomotiven und die Funktion der Bremswagen, so weit er diese Dinge selbst bereits verstanden hatte. Die Jungen hingen an seinen Lippen und waren nicht zu halten, als der Zug schließlich bei Cross Creek am Verschiebebahnhof hielt. Hier wurde die Lokomotive abgehängt und durch eine stärkere ersetzt, die in der Mitte des Zuges arbeiten sollte. Die Mitarbeiter der Bahnlinie hatten nichts dagegen, dass die Kinder in gebührendem Abstand dabei zusahen, wie die schwere Maschine hinter die beiden Passagierwagen und den Güterwaggon gekoppelt wurde, die bislang von der leichteren Lok gezogen worden waren.

»Die schiebt uns gleich die Berge hinauf!«, schrie Matiu gegen den Sturm an, vor dem Aroha und die Mädchen schon in einer provisorischen Hütte Schutz gesucht hatten.

Der wenig komfortable Unterstand war die einzige Konzession der Betreiber der Rimutaka Incline an die Bequemlichkeit ihrer Passagiere. Man rechnete hier nicht mit viel Publikumsverkehr, hauptsächlich beförderte die Bahn Güter. An diesem klaren Septembermorgen waren allerdings recht viele Reisende unterwegs. Aroha sah Familien mit Kindern und wichtig wirkende Männer, die nach Wellington wollten, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Viele von ihnen starrten die Maori-Kinder an und tuschelten miteinander. Maori reisten nur selten mit der Bahn.

Nachdem der Lokomotive zwei weitere Güterwaggons und ein bemannter Bremswagen angehängt worden waren, forderte ein schriller Pfiff zum Wiedereinsteigen auf. Aroha folgte dem Ruf gern. Sosehr sie es begrüßt hatte, ein bisschen frische Luft schnappen zu können, war sie nun doch froh, wieder ins Warme zu kommen. Die Waggons waren zwar nicht geheizt, boten jedoch Schutz vor dem eiskalten Wind. Die meisten Reisenden hatten deshalb gleich darauf verzichtet, ihre Abteile zu verlassen.

»Jetzt geht’s nach Sib… Sib… Wie heißt das noch mal, Matiu?«

Purahi hatte das Wort, mit dem die Ingenieure scherzhaft ein kurvenreiches, sehr steiles Teilstück der Bahnlinie benannt hatten, schon wieder vergessen.

»Siberia, Purahi, und richtig, da geht es jetzt hin. Da ist dieser sehr lange, dunkle Tunnel, der ebenso heißt. So kalt und unwirtlich wie es dort ist, stellten sich die Ingenieure das russische Sibirien vor. Da soll es ganz viel schneien …«

»Aber nicht wieder kitzeln im Tunnel!« Haki kicherte.

Purahi ging ganz in der Betrachtung der technischen Wunder auf, Anaru dagegen hatte es sich nicht nehmen lassen, die Mädchen bei den ersten Tunneldurchquerungen zwischen Greytown und Cross Creek ein bisschen zu ärgern.

»Sag mal, kommt es mir nur so vor, oder schwankt der Zug?«

Aroha blickte von ihrem Buch auf, als die Wagen sich nun über Serpentinen und durch enge Kurven weiter hinauf in die Berge schraubte. Sie hüllte sich enger in ihren Umhang. Der Wind draußen tobte infernalisch. Man spürte ihn selbst im Waggon, er blies durch die kleinsten Spalten in den Holzwänden.

»Ach was!«, erklärte Matiu, an den Aroha sich mit ihrer bangen Frage gewandt hatte. »Der Zug liegt ganz sicher auf seinen Schienen, dazu wurde doch extra die Mittelschiene erfunden. Vielleicht kommt’s dir so vor, weil jetzt keine Lok mehr vor uns ist …«

»Ich finde auch, es fühlt sich etwas wacklig an«, meinte Koria, klang aber unbesorgt. »Das ist der Wind. Eigentlich müsste man so einen Zug auch mit Segeln antreiben können, wie Kanus, oder?«

Aroha und Matiu lachten.

»Dazu ist der Zug viel zu schwer!«, beschied Matiu die Kleine. »Und deshalb kann er auch nicht schwanken oder weggeweht werden. Er …« Matiu verstummte, als es sich schlagartig anfühlte, als legte sich der Zug tatsächlich in eine Kurve. »Siberia Curve«, sagte er dann gespielt fröhlich.

Auf einmal war auch ihm mulmig zumute. Aroha blickte ängstlich den Steilhang hinunter, an dem sie entlangfuhren, und plötzlich verspürten sie einen Ruck. Der Wind erfasste ihren Waggon, er neigte sich auf den Abgrund zu.

»Runter! Ducken! Deckung!«

Irgendjemand schrie, Aroha wusste später nicht mehr, ob es Matiu war oder ein anderer. Instinktiv ließ sie sich auf den Boden des Abteils fallen, krallte sich am Sockel der Sitzbank fest – und sah aus dem Augenwinkel, wie Koria durch den Mittelgang geschleudert wurde, während Haki durch die offene Abteiltür krabbelte.

»Raus! Ich will hier raus!«, schrie das Mädchen.

Seine Stimme vermischte sich mit den Entsetzensschreien der anderen Passagiere. Der Waggon neigte sich immer stärker, er stand längst nicht mehr sicher auf allen drei Schienen. Die Holzwände knarrten, die Kupplungen zwischen den Waggons quietschen.

»Er fällt, o Gott, wir stürzen in den Abgrund, wir …«

»Raus!«

Erneut rief Haki. Das kleine Mädchen rutschte über den Boden des inzwischen schräg liegenden Waggons auf die Außentür zu.

»Nicht, Haki! Du kannst jetzt nicht raus!«

Matiu stolperte ihr nach. Aroha hielt sich krampfhaft fest, sah, wie es hell wurde, als die Außentür sich wie von Geisterhand öffnete, und wurde dann durch das Abteil geschleudert. Sie klammerte sich an der Abteilwand fest, um nicht nach draußen katapultiert zu werden. In diesem Moment verlor der Waggon endgültig den Halt auf den Schienen. Er entgleiste und riss auch den zweiten Passagierwagen mit.

Die Menschen schrien vor Entsetzen. Sie riefen nach ihren Angehörigen und ihrem Gott. Aroha war vor Schreck wie erstarrt. Sie hatte eben noch schaudernd in den Abgrund geblickt. Wenn der Waggon sich von der Lok, die sie schob, löste und dort hinunterstürzte, würde er am Fuße des Berges zerschellen. Niemand konnte das überleben.

Aber dann ging noch einmal ein infernalischer Ruck durch den Waggon, und er wurde scharf abgebremst. Aroha hörte Schmerzensschreie von Passagieren, die hart auf den Boden oder gegen die Fenster und Holzwände geprallt waren. Jetzt konnte sie ihrem Schicksal nicht mehr entgehen. Der Waggon hing schräg an irgendetwas fest, sie rutschte hilflos auf die offene Außentür zu, versuchte noch das Trittbrett zu fassen und sah voller Entsetzen, dass über ihr die beiden Passagierwaggons und einer der Güterwagen in der Luft hingen. Das Bild war gespenstisch. Es sah so aus, als hätte ein unartiger kleiner Junge seine Spielzeugeisenbahn zum Entgleisen gebracht. Die Kupplungen schienen jedoch zu halten – und die schwere Lokomotive trotzte dem Sturm. Sie hielt den Zug zusammen.

Aroha selbst trotzte dem Wind und der Schwerkraft jetzt allerdings nicht mehr. Das Eisen des Trittbretts war zu schlüpfrig und zu kalt, um ihr Halt zu geben. Der nächste heftige Windstoß ließ den schweren Bahnwaggon schaukeln. Aroha befürchtete, er würde abstürzen und sie unter sich begraben, doch noch bevor sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, schlug sie auf einer Böschung auf, rollte weiter und weiter hinunter. Sie schrie vor Schmerzen, versuchte, sich irgendwo festzuhalten, aber ihr rechter Arm gehorchte ihr nicht. Hilflos rutschte sie bergab, bis ein Felsblock ihren Fall aufhielt. Sie prallte sehr unsanft mit dem Kopf dagegen.

Aroha wurde schwarz vor Augen. Bevor sie das Bewusstsein verlor, registrierte sie noch, dass sie zumindest nicht weiter fallen konnte. Als sie wieder zu sich kam, befand sie, dass es nur Augenblicke gewesen sein konnten, die sie in barmherziger Dunkelheit verbracht hatte – um sich dann in einem Inferno wiederzufinden.

Ihr erster Blick fiel auf die entgleisten Waggons, die wie eine irrwitzige Bedrohung über ihr schwebten. Dann erst überschaute sie die Böschung und sah voller Entsetzen die blutenden und leblosen Körper. Sie hörte Schreien, Jammern und Wehklagen, grausige Töne, die der Wind mit sich riss. Aroha meinte sich in einem Albtraum gefangen. Ihr Kopf schmerzte, doch sie begann auch wieder zu denken.

Matiu! Wo waren Matiu und die Kinder? Noch im Waggon? Nein, das Letzte, was sie von Haki und Matiu gesehen hatte, war, dass sie sich auf die Tür zubewegten – die Tür, die sich dann geöffnet hatte und durch die sie selbst und wohl auch all die anderen Menschen hinausgefallen waren. Um dadurch gerettet zu werden? Oder gar schwer verletzt und getötet?

»Matiu! Koria! Anaru!«

Aroha begann, nach den anderen zu rufen. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie bemühte sich aufzustehen, kam auf die Knie – und entdeckte Matiu. Der junge Mann lag auf einer Felsnase, die hier die Böschung durchbrach.

Aroha kroch auf ihn zu. Es war nicht weit, aber es schien Stunden zu dauern, bis sie ihn erreichte. Ihr rechter Arm versagte ihr immer noch den Dienst. Schließlich lag sie keuchend neben ihm und blickte in sein bleiches Gesicht. Es war leblos. Aroha schüttelte ihn.

»Matiu, ich bin hier, Aroha! Matiu, sag etwas!«

Sie versuchte, seinen Kopf zu heben, sah jetzt erst das Blut. Eine Wunde am Hinterkopf … Und seine Arme und Beine wirkten seltsam verrenkt. Eine furchtbare Sekunde lang dachte Aroha, Matiu atme vielleicht nicht mehr, sein Brustkorb bewegte sich kaum. Sie stützte sich mit der linken Hand auf, schob ihr Gesicht näher an seines, versuchte zu spüren, ob er Luft holte. Tatsächlich nahm sie wahr, dass er atmete – und auch er schien sich ihrer Nähe bewusst zu werden.

»A… Aroha …« Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. »Du … du lebst.«

Aroha versuchte zu lächeln. »Sicher!«, sagte sie. »Du warst schließlich bei mir. Weißt du noch, auf der Hinfahrt? Du hast gesagt, mit dir zusammen kann mir nichts passieren.«

Sie hätte ihn gern gestreichelt, fürchtete aber, den Halt zu verlieren und auf ihn zu fallen. Also legte sie nur ihre Wange an seine. Matius Gesicht war kalt.

»Ich … ich kann mich nicht bewegen …«, flüsterte Matiu.

Aroha richtete sich wieder etwas auf. »Du bist ganz schön zerschlagen«, meinte sie. »Ich glaube, mein Arm ist auch gebrochen. Aber das wird wieder, Matiu …«

Matiu verzog das Gesicht. Es wurde immer blasser. Nein, es wurde … grau.

»Aroha, könntest du … mich küssen?« Aroha erahnte seine Worte mehr, als sie zu hören.

»Ich versuch’s«, sagte sie leise und legte ihre Lippen sanft auf die seinen. Sie meinte, den leichten Hauch seines Atems zu spüren, als sie ihn küsste. »Schön?«, fragte sie.

Matiu antwortete nicht. Aroha sah, dass er die Augen geschlossen hatte. Sein Gesicht schien einzufallen. Sie spürte noch einmal seinem Atem nach, Panik stieg in ihr auf. Schließlich schaffte sie es irgendwie, das Ohr an seine Brust zu legen, um auf seinen Herzschlag zu hören. Sie fand ihn nicht, aber sie versuchte, sich einzureden, dass es nur das Schreien und das Pfeifen des Windes um sie herum war, das ihn übertönte.

Mühsam setzte Aroha sich auf und zog Matius Kopf mit ihrem gesunden Arm auf ihren Schoß. Er musste doch wieder atmen! Gleich würde er wieder atmen! Sie beugte sich über Matiu, flüsterte ihm aufmunternde, zärtliche Worte zu. Voller Entsetzen sah sie, dass ihr Rock blutdurchtränkt war.

Dann begann sie zu schreien.

KAPITEL 5

Aroha wusste später nicht mehr, wie sie wieder zurück in jene zugige kleine Hütte in Cross Creek gekommen war. Sie konnte sich nur noch vage daran erinnern, dass sie mit ihrer gesunden Hand nach einem Mann geschlagen hatte, der ihr Matiu aus den Armen reißen wollte. Dann hatte sie wohl erneut das Bewusstsein verloren oder sich zumindest so weit vor der Wirklichkeit zurückgezogen, dass sie nicht mehr nachvollziehen konnte, was mit ihr geschehen war.

Erst als sie Korias Stimme hörte und jemand versuchte, ihr heißen Tee einzuflößen, kam sie wieder zu sich und begriff, was passiert war. Wenn sie überhaupt jemals würde begreifen können, dass es Matiu nicht mehr gab, dass er einfach aufgehört hatte zu atmen, während sie ihn geküsst und in den Armen gehalten hatte.

Sie spürte Korias kleine Hand in der ihren. Die Kinder … sie musste sich um die Kinder kümmern. Haki … O Gott, wo war Haki? Wenn Matiu aus dem Wagen geschleudert worden war, dann musste auch die Kleine …

»Haki ist tot«, sagte Koria mit ruhiger Stimme. »Und Purahi ist tot. Ich hab sie beide gefunden. Ich hab gesucht, weißt du. Ich hab euch alle gefunden …« Das kleine Mädchen zitterte. Es war halb erfroren, doch offenbar unverletzt.

»Du bist nicht aus dem Zug gefallen?«, fragte Aroha mühsam.

Sie spürte jetzt wieder die Kälte, trotz der heißen Teetasse, die ihr eine Helferin in die linke Hand gedrückt hatte. Ihr rechter Arm steckte in einer Schlinge, und die Schulter schmerzte höllisch.

Koria schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin in eine Abteilecke gerutscht und hing da fest. Hab mir nur ein bisschen das Knie gestoßen. Und als der Zug sich dann nicht mehr bewegte, bin ich rausgesprungen. Also erst ein bisschen gerutscht, aber ich konnte mich festhalten. Dann hab ich losgelassen, bin den Hang runtergekugelt … und dann … dann hab ich alle gefunden.« Sie begann, den Oberkörper langsam vor- und zurückzubewegen. »Hab sie alle gefunden … Hab alle gefunden …«

»Und Anaru?«, fragte Aroha leise.

»Der zweite Maori-Junge ist verletzt«, berichtete die Helferin, die ihren Tee unter den anderen Überlebenden verteilt hatte und nun zurück zu Aroha kam. »Sie bringen ihn gerade mit dem Zug nach Greytown.«

»Mit dem Zug?« In Arohas Stimme lag blankes Entsetzen.

Die Frau nickte. »Was sollen sie sonst machen? Es gibt keine ordentliche Straße, jedenfalls keine, über die man Verletzte transportieren könnte, und das würde auch Stunden dauern. Ich versteh natürlich, dass von euch so schnell keiner mehr in einen Zug steigen will, aber anders geht es nicht. Der Sturm lässt inzwischen auch nach. Vorhin hat es noch heftig geweht. Die Lok, die zu Hilfe geschickt wurde, musste in einem Tunnel halten, damit so etwas nicht noch mal passiert.«

Aroha hatte eigentlich kein Interesse, Details dieses fürchterlichen Unglücks zu hören, doch die Frau schilderte ihr minutiös den Unfallhergang. Als der Zug die Siberia-Kurve durchfahren hatte, war er von einem Windstoß mit einer geschätzten Geschwindigkeit von hundertzwanzig Meilen erfasst worden. Dabei waren die ersten beiden Personenwagen entgleist, dann auch der Güterwagen. Erstaunlicherweise – die Frau wurde nicht müde, Gott dafür zu danken – hatten sämtliche Kupplungen gehalten. Die Lokomotive war durch ihr Gewicht auf den Gleisen geblieben und hatte die Waggons am Sturz gehindert.

»Zuerst sah es wohl ganz schrecklich aus«, meinte die Helferin. »Die Leute, die hinausgeschleudert wurden, sagten, die Wagen hätten über ihnen gehangen, und sie schwankten, als ob sie gleich fallen wollten. Sie sind dann weggekrochen, wenn sie konnten. Die meisten waren ja verletzt. Andere, denen eigentlich gar nichts passiert war, sind in Panik aus den Waggons gesprungen und haben sich die Knochen gebrochen. Du hast da Glück gehabt, kleines Mädchen.«

Sie wandte sich an Koria, die von ihrer Rede kein Wort verstand und wahrscheinlich auch dann nicht zugehört hätte, wenn sie Maori gesprochen hätte. Das Mädchen schaukelte sich in einen gespenstischen Rhythmus hinein.

»Hab sie gefunden, hab sie alle gefunden …«

Die Helferin betrachtete sie misstrauisch. »Hat sie was?«, fragte sie. »Ist sie irgendwie wirr im Kopf?«

Aroha antwortete nicht darauf. »Sind … sind viele tot?«, fragte sie schließlich mit müder Stimme.

»Drei«, gab die Frau Auskunft. »Eigentlich alles noch Kinder, alles Maori … Und bei einem kleinen weißen Jungen sieht es ganz schlecht aus. Den bringen sie auch nach Greytown. Alle Schwerverletzten mit dem ersten Zug. Danach holen sie euch. Leider haben sie nicht mehr als einen Waggon und eine kleine Lok zur Verfügung. Alles andere ist an der Unfallstelle.«

Wie Aroha später erfuhr, hatte der Fahrer des Bremsfahrzeugs sehr geistesgegenwärtig auf den Unfall reagiert. Er hatte sein Fahrzeug blitzschnell abgekoppelt und war nach Cross Creek zurückgefahren. Dort wurde sofort ein Rettungszug in Gang gesetzt, und die Bergungsarbeiten konnten beginnen. Für Matiu, Haki und Purahi war jedoch jede Hilfe zu spät gekommen.

»Mir ist kalt«, flüsterte Aroha.

Die Frau legte ihr eine Decke um. »Es gibt gleich noch mehr Tee«, sagte sie tröstend.

Aroha hatte das Gefühl, als könnte ihr nie wieder warm werden.

Aroha, Koria und die anderen leicht oder gar nicht verletzten Unfallopfer mussten noch mehrere Stunden in der ungeheizten Hütte ausharren, bis der Zug endlich zurückkam. Aroha nahm die Rettung dann kaum noch wahr. Sie befand sich in einem Meer von Kälte und Trauer, durch ihre ausgekugelte Schulter raste der Schmerz. Ihr Kopf pochte. Wie aus weiter Ferne vernahm sie Korias enervierenden Singsang.

»Alle gefunden, hab alle gefunden …«

Es war bereits Nacht, als Aroha endlich ins Gemeindehaus von Greytown gebracht wurde. Man hatte dort ein provisorisches Lazarett errichtet, ein übermüdeter Arzt machte Anstalten, ihre Schulter wieder einzurenken.

»Das wird jetzt wehtun, kleine Lady …«, sagte er bedauernd, und tatsächlich tat es entsetzlich weh.

Aroha fühlte sich zu schwach, um zu schreien. Sie wimmerte nur noch, als der Arm wieder ins Gelenk sprang. Langsam ließ der Schmerz nach, doch sie war zu erschöpft, um sich darüber zu freuen.

Schließlich spürte sie erneut eine Tasse an ihren Lippen, öffnete mechanisch den Mund und musste husten. Erst den zweiten Schluck Whiskey behielt sie bei sich. Der dritte ließ sie in tiefen Schlaf sinken.

Als Aroha am nächsten Tag erwachte, schmerzte ihre Schulter kaum noch. Der Arzt hatte ihren Arm mit Bandagen fest an ihrer Brust fixiert. Sehr viel schlimmer waren das Dröhnen in ihrem Kopf und das Brennen in ihrem Herzen, nachdem ihr erneut bewusst wurde, was geschehen war. Matiu, Haki, Purahi … Aroha rieb sich die Schläfe. Sie hätte gern angenommen, dass alles nur ein böser Traum war, doch dann wäre sie natürlich nicht in einem Gemeindesaal voller Feldbetten wach geworden, in denen Unfallopfer lagen, um die sich Helfer kümmerten. So viele Menschen, die redeten, weinten, stöhnten … Arohas Kopfschmerzen wurden schlimmer. Am liebsten wäre sie vor all dem wieder in den Schlaf geflohen, aber dann fielen ihr Koria und Anaru wieder ein. Wo waren die Kinder?

Aroha empfand Schuldgefühle. Sie hätte sich am Tag zuvor um Anaru kümmern müssen! Tatsächlich hatte sie nicht mal gefragt, wie es ihm ging.

Aroha beschloss, dies jetzt nachzuholen. Mühsam setzte sie sich auf und kämpfte das sich daraufhin verstärkende Pochen in ihrem Kopf nieder. Sie schwankte ein wenig, als sie aufstand, schien dann allerdings etwas freier atmen zu können. Aroha sah unsicher an sich hinunter – und hätte beinahe erneut aufgeschrien. Ihr Rock war blutbesudelt. Anscheinend war das den überforderten Helfern nicht aufgefallen, man hätte sie sonst sicher umgezogen …

Aroha suchte Halt an der Lehne eines Stuhls, der an ihrem Bett stand, und erregte damit die Aufmerksamkeit einer der Pflegerinnen.

»Mädchen, warte, ich helfe Ihnen!« Die kleine, rundliche Frau kam rasch auf sie zu. »Miss Fitzpatrick, nicht wahr? Sollten Sie denn überhaupt schon aufstehen? Setzen Sie sich erst mal wieder, ich kann Ihnen einen Tee bringen. Mein Name ist Mrs. Clever.«

»Die Kinder …?«, fragte Aroha mühsam. Sie war heiser, ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor. »Koria, Anaru … Wie … wie geht es ihnen?«

»Sie meinen die Maori-Kinder?«, fragte Mrs. Clever und drückte Aroha energisch zurück auf das Feldbett. »Die wurden heute Morgen schon abgeholt. Ganz früh, es war fast noch Nacht, und den Jungen wollte der Doktor noch gar nicht so gern gehen lassen. Die Eltern haben allerdings darauf bestanden … Na ja, das gebrochene Bein wird auch im Maori-Dorf heilen.«

Ihrem Tonfall nach schien Mrs. Clever daran zu zweifeln. Aroha empfand jedoch Erleichterung. Anaru zumindest würde nicht sterben.

»Und Ihren Eltern hat der Reverend auch schon telegrafiert«, sprach Mrs. Clever weiter. »Die werden erleichtert sein, Miss Fitzpatrick, dass Ihnen nichts weiter passiert ist.« Sie hielt eine andere Helferin an, die gerade mit einer Teekanne und Tassen vorbeikam, und versorgte Aroha mit einem heißen Getränk. »Im Grunde könnten Sie heute schon nach Hause gehen, sagt der Arzt. Aber Sie … Sie haben ja bei den Maori gewohnt, und ich … äh … wir … Man weiß nicht, ob Sie da noch so willkommen sind.« Mrs. Clever sah zu Boden, während Aroha verwundert aufblickte. »Nach dem, was da passiert ist … Ach, um Himmels willen, Herzchen, was ist denn mit Ihrem Rock geschehen?« Mrs. Clever wechselte abrupt das Thema, als ihr Blick auf Arohas Kleidung fiel. »Da müssen wir Ihnen aber schnell etwas Neues besorgen. Und Wasser zum Waschen muss ich Ihnen bringen …«

Geschäftig machte sie sich auf den Weg. Aroha lehnte sich erschöpft zurück. Mrs. Clever hatte recht gehabt, sie sollte besser noch nicht aufstehen. Doch dann ließ eine hasserfüllte Stimme sie auffahren.

»Ist richtig, dass pakeha-Mädchen sein voll mit Blut!« Die Stimme erhob sich über das Gemurmel, Weinen und Stöhnen in dem provisorischen Krankensaal. Sie gehörte zu einer großen Maori-Frau, die sich zwischen den Bettenreihen aufgebaut hatte. Ihr Eintreten war in der allgemeinen Geschäftigkeit nicht aufgefallen, zumal sie pakeha-Kleidung trug. Nun starrten alle sie an. Aroha krümmte sich zusammen. Sie erkannte Hakis Mutter, die nun auf sie zukam, sichtlich bereit, ihr ihre Trauer und Wut entgegenzuschleudern. »Blut bringen Tod!«, schrie sie Aroha an. »Das bringen Unglück. Du, Mädchen, bringen Unglück! Du mir versprochen, bringen Haki zurück. ›Wird sein glücklich, Haki. Wird lernen, Haki …‹« Höhnisch wiederholte sie die Worte, mit denen Aroha ihre Ängste am Tag zuvor beschwichtigt hatte. »Und jetzt? Jetzt tot meine Haki!« Sie schluchzte auf, fing sich aber gleich wieder. »Und Purahi auch tot. Wie sein Mommy gesagt, gefressen von pakeha-Drachen. Und Koria reden verrücktes Zeug, muss man austreiben böse Geister … Du schuld, pakeha-Mädchen! Du schuld!«

Die Frau kam bedrohlich näher. Mrs. Clever schob sich entschlossen zwischen sie und Aroha. Nun griff jedoch noch jemand anderes ein.

»Beruhige dich, Aputa, niemand ist schuld!«

Reka hatte den Gemeindesaal betreten, unzweifelhaft auf der Suche nach Hakis Mutter. Nun sprach sie die Frau auf Maori an und wollte ihr tröstend den Arm um die Schulter legen. Aputa schüttelte sie jedoch rüde ab.

»Sie ist schuld! Ich verfluche sie! Ich verfluche dich, pakeha-Mädchen! Die Geister der Toten sollen dich verfolgen! Nie wieder sollst du Ruhe finden!« Diese Worte sprach sie in ihrer Sprache, wild und laut.

Inzwischen waren der Arzt und der Reverend, alarmiert von dem Lärm, herbeigeeilt. Die Männer traten von hinten auf die rasende Frau zu, die einen Stock bedrohlich in Arohas Richtung schwenkte.

Aroha erkannte darin einen tiki wananga, einen mit Götterfiguren verzierten Stab, der zu den Kultgegenständen der Maori-Priester und -Priesterinnen gehörte. Der Anblick ließ sie erschauern. Auch Omaka hatte einen tiki wananga besessen, und Linda hatte ihr einmal erzählt, wie sie seine Kraft genutzt hatte, um eine junge Frau zu verfluchen. Aputa schien Aroha damit schlagen zu wollen. Die Männer hielten sie energisch davon ab, indem sie ihre beiden Arme fassten. Reka entwand ihr den Stab.

»Wir verstehen Ihren Schmerz, aber Sie müssen jetzt gehen …«

Der Reverend sprach freundlich auf Aputa ein, die jetzt, da sie von Aroha weggeführt wurde, in Tränen ausbrach. Reka wandte sich Aroha zu, den tiki wananga hielt sie so vorsichtig, als könnte der Stab sie verbrennen.

»Sie kann dich nicht verfluchen«, erklärte sie der zitternden Aroha. »Dafür hat sie gar nicht genug mana. Sie ist keine tohunga, sie hat keine Macht. Und die Geister würden auch nicht auf jemanden hören, der nur rasend ist vor Schmerz. Du musst ihr verzeihen, Aroha. Und ich hoffe, die Geister verzeihen ihr auch. Sie hätte den Götterstab nicht nehmen dürfen. Sie muss ihn Ngaio entwendet haben. Eigentlich dürfte sie ihn nicht mal anfassen.«

»Vielleicht hat Ngaio ihn ihr geliehen«, sagte Aroha tonlos. »Um Rache zu nehmen für Matiu.«

Reka schüttelte den Kopf. »Matius Großmutter trauert, sie gibt dir jedoch keine Schuld. Es war ein Unfall. Sie hat so etwas vorausgesehen, sie wusste, sie würde Matiu nicht wiedersehen. Aber auch sie konnte nicht wissen, wann das Unglück geschehen würde.«

»Sie sagte, es könne gefährlich sein, dass er mich liebt«, schluchzte Aroha. Erst jetzt ergaben die Worte der tohunga einen Sinn für sie. »Die Götter könnten die Schnur zerreißen, die den von ihnen erwählten Drachen an die Erde bindet. So was Ähnliches hat sie doch gesagt!«

»Selbst dann wärest du nicht schuld«, meinte Reka sanft, »sondern höchstens ein eifersüchtiger Gott. Ich glaube das aber nicht, und du darfst es sowieso nicht glauben. Du betest doch zum Gott der pakeha, und der soll immer nur gut sein und freundlich und weise.«

Es klang nicht so, als ob Reka Letzteres so ganz glaubte. Offenbar ging es ihr nur darum, Aroha zu beruhigen.

»Ich hab den Stamm überredet, die Kinder zur Schule zu schicken«, fuhr Aroha fort mit der Aufzählung ihrer vermeintlichen Sünden. »Hakis Mutter hat recht, ich hab ihr versprochen, auf ihr Kind aufzupassen, ich …«

»Verzeihung, Sie sollten jetzt auch gehen …« Mrs. Clever mischte sich sanft, doch bestimmt in die auf Maori geführte Unterhaltung zwischen Reka und Aroha ein. »Sie meinen es sicher gut mit dem Mädchen, aber Sie regen es auf. Miss Fitzpatrick muss jetzt ruhen, sie ist verletzt.«

»Sie verletzt in Seele«, hielt Reka entgegen. »Sie verstehen muss, dass nicht sein schuld an Tod von Kinder.«

Mrs. Clever nickte, bestand jedoch weiterhin darauf, den Besuch zu beenden. »Wenn es ihr besser geht, wird sie es einsehen«, erklärte sie. »Das ist schließlich Unsinn, das Mädchen kann doch nichts für das Zugunglück. Ich werde es dem Reverend vortragen, und er wird mit Miss Fitzpatrick reden. Nachdem sie noch etwas geschlafen hat. Kommen Sie, Kindchen, trinken Sie das …« Sie hielt Aroha einen Becher hin, der mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war. »Das wird Ihnen schöne Träume schicken, sagt der Doktor.«

Aroha nahm gehorsam das Laudanum und empfand kurz darauf tatsächlich eine wohltuende Müdigkeit. Schöne Träume fand sie dennoch nicht. Arohas Träume waren erfüllt von Matiu, Haki, Purahi und deren Stamm. Sie alle sprachen sie schuldig, und sie alle wurden nicht müde, Aputas Fluch zu wiederholen.

KAPITEL 6

Franz Lange kam mit dem ersten Zug, der die Rimutaka Incline nach dem Unfall wieder befuhr. Nach Erhalt einer Depesche aus Greytown hatte zunächst Linda fahren wollen – am liebsten hätte sie die Bahn gar nicht abgewartet, sondern sich sofort mit ihrem Pferd auf den Weg nach Wairarapa gemacht. Franz konnte ihr das jedoch ausreden. Zunächst war der Weg durch die Berge gefährlich und lang. Zu Pferd würde sie mindestens zwei Tage unterwegs sein und letztlich später ankommen als der Zug. Außerdem bat der Reverend aus Greytown ausdrücklich um den Besuch seines Amtsbruders. Vielleicht würde ja Reverend Lange beschwichtigend auf die Maori einwirken können, die im Augenblick die pakeha für den Verlust ihrer Kinder verantwortlich machten, allen voran Aroha und den Reverend.

Natürlich wollen sie die Kinder jetzt nicht mehr in Ihre Schule schicken und in meine Kirche auch nicht, hatte der Priester telegrafiert. Da wird wieder eine Generation ohne Glauben und Bildung aufwachsen.

»Fragt sich, ob er sich mehr um den Glauben sorgt oder um die Bildung«, murmelte Linda. »Also ich verstehe die Maori sehr gut«, sagte sie dann. »Natürlich klammern sie sich jetzt an ihre Kinder. Wenn überhaupt, dann würde ich vielleicht im nächsten Jahr noch einmal einen Versuch machen, sie anzusprechen. Wenn die Trauer ein bisschen abgeebbt ist und alle wieder klar denken können …«

Franz sah das ähnlich, wollte den Reverend jedoch nicht enttäuschen. Letztendlich, so meinte er, sei es doch egal, wer von ihnen beiden Aroha abhole.

»Sie ist nicht in Lebensgefahr, das hat der Reverend ausdrücklich betont«, beruhigte er seine Frau. »Natürlich ist sie traurig und verstört nach solch einem Erlebnis – zudem hat Matiu ihr ja viel bedeutet, wie er uns allen viel bedeutet hat. Vielleicht hilft es seiner Familie, wenn ich ihnen das noch einmal bestätige und eine Andacht für ihn halte. Das könnte die Maori auch wieder in die Kirche bringen.«

Linda hielt das für unwahrscheinlich, widersprach ihrem Mann jedoch nicht. Franz hing manchmal noch an unrealistischen Vorstellungen. Als er vor Jahren aus Australien nach Rata Station gekommen war, bevor er dann den Missionsdienst in Neuseeland angetreten hatte, hatte er vollkommen in seiner eigenen Welt gelebt. Die frömmlerische Gemeinde, in der er aufgewachsen war, hatte ihn geformt, und am Anfang war er allen Bewohnern der Farm nur auf die Nerven gegangen. Später hatte Franz sich geändert. Die Arbeit mit den Maori-Kindern und das Zusammenleben mit Linda hatten den harten Fanatiker zu einem freundlichen, gemäßigten Christen gemacht, der für fast alle menschlichen Fehler und Verwirrungen Verständnis aufbrachte. In der Praxis handelte er eigentlich immer richtig – egal, wie weltfremd die Träume waren, die er vorher noch gehegt hatte.

»Dann bring Aroha nur möglichst schnell nach Haus …«, sagte Linda schließlich. »So egal ist es nicht, wer sie abholt. Sie braucht jetzt ihre Mutter.«

Franz fand seine Ziehtochter im Hause des Reverends von Greytown. Blass und traurig saß sie auf einem Stuhl im Gästezimmer des Geistlichen und starrte durch das Fenster hinauf zu den Bergen. Das Haus lag auf einem Hügel, und die Aussicht war wunderschön. Es hatte in der Nacht geschneit – Franz hätte es nicht zugegeben, aber er hatte all seine Stärke im Glauben gebraucht, um bei diesem Wetter die Zugfahrt anzutreten –, und die bewaldete Bergkette wirkte wie mit Zucker überzogen. Aroha schien jedoch nichts davon wahrzunehmen. Ihr Blick wirkte umflort, ihre Bewegungen schienen verlangsamt, als sie sich nun zu Franz umwandte. Ihr Arm ruhte in einer Schlinge und war mit Bandagen am Brustkorb fixiert.

»Matiu ist tot«, sagte sie leise, als ob Franz davon noch nichts wüsste. »Und die Kinder. Und es ist alles meine Schuld, ich …«

»Unsinn, Aroha, was redest du denn da?«, rief ihr Ziehvater verwundert.

Der Reverend hatte ihm geschrieben, dass die Maori Aroha die Schuld an dem Unglück gaben, Aroha selbst konnte diese Vorwürfe jedoch nicht ernst nehmen.

»Immerhin redet sie überhaupt«, bemerkte die Frau des Reverends, die Franz zu Aroha geführt hatte. »Seit sie hier ist, hat sie überhaupt nichts gesagt. Sie isst auch fast nichts, schaut immer nur zum Fenster hinaus. Das arme Ding ist wie erstarrt.«

Franz hörte ihr zu, hatte jedoch nur Augen für seine Stieftochter. Er ging auf sie zu. »Der Reverend und ich planen eine Andacht für Matiu«, sagte er. »Und für die anderen Kinder. Heute Nachmittag. Wir werden für ihre Seelen beten, den Allmächtigen um Beistand anflehen …«

»Was für einen Beistand?«, fragte Aroha mit dumpfer Stimme. »Jetzt ist es doch zu spät, jetzt sind sie tot. Da hätte Gott schon früher was machen müssen, bevor Rangi die Schnüre durchschneiden konnte … Aber Gott will ja auch nicht, dass die Menschen sich lieben … Vielleicht wollten die Götter uns alle strafen, vielleicht waren sie alle zusammen gegen uns.«

Franz runzelte die Stirn. Ihm lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, doch dann folgte er seinen von Linda so mühsam erweckten menschlichen Instinkten. Er schloss Aroha sanft in seine Arme.

»Kind, was hast du nur für wirre Gedanken«, tadelte er, allerdings in freundlichem Ton. »Natürlich hat Gott nichts dagegen, dass die Menschen einander lieben. Im Gegenteil, Jesus wünscht, dass wir sogar unsere Feinde …«

»Unsere Feinde vielleicht, aber nicht Matiu!« Aroha schluchzte auf. »Ihr habt immer alle gesagt, wir sind zu jung. Wir müssten warten mit der Liebe und all dem. Und jetzt haben wir gewartet und waren keusch und …«

Sie biss sich auf die Lippen. So keusch waren Matiu und sie nun auch wieder nicht gewesen. Konnte Gott ihnen das übel genommen haben? Aroha konnte nicht anders, ihre Gedanken drehten sich seit dem Unglück nur noch um Schuld.

»Kind, das hat doch alles nichts mit diesem Zugunglück zu tun.« Franz Lange dämmerte langsam, was Linda gemeint hatte. Es wäre wohl wesentlich besser gewesen, wenn Linda dieses Häufchen Unglück, das aus seiner fröhlichen Ziehtochter geworden war, abgeholt hätte. »Aroha, wir gehen jetzt erst mal einkaufen«, erklärte er schließlich, schon um das Gespräch wieder auf diesseitige Dinge zu bringen. »So kannst du nicht zum Gottesdienst kommen.«

Aroha trug ein Kleid, das ihr ganz offensichtlich viel zu groß war. Ihr Reisekostüm war verdorben, und das Gepäck aus dem Unglückswaggon hatte man nicht retten können. Ein großer Teil der Koffer war aus dem Wagen geschleudert und vom Wind in die Schlucht hinuntergeweht worden. Darunter auch Arohas Gepäck.

»Ich brauche nichts«, murmelte Aroha. »Und ich will auch nicht zum Gottesdienst, ich …«

Franz zog sie entschlossen hoch. »Natürlich gehst du dorthin«, sagte er streng. »Und morgen fährst du mit mir nach Hause. Du musst all das hier so schnell wie möglich vergessen.«

Aroha trug schließlich ein schwarzes Kleid und darüber einen warmen schwarzen Mantel, als die beiden Reverends die Gemeinde in der Kirche willkommen hießen. Die Frau des Reverends hatte ihr beim Ankleiden geholfen und saß jetzt neben ihr. Den anderen Platz neben Aroha nahm Reka ein, die einzige Vertreterin der Maori, die gekommen war.

»Ngaio wollte ebenfalls kommen, leider fühlt sie sich nicht wohl. Sie windet Zauber für Koria, weißt du. Korias Geist ist immer noch dort in den Bergen, wo der Zug entgleist ist. Ngaio und die anderen tohunga werden ihr helfen, den Weg zurück zu uns zu finden. Es ist jedoch anstrengend, Ngaio ist erschöpft. Zudem mussten Reinigungszeremonien stattfinden für den tiki wananga, den Aputa entweiht hat. Auch für Aputa selbst sprechen wir karakia. Und für dich, Tochter. Du hältst Matius Geist gefangen. Du musst ihn loslassen …«

Aroha verzog die Lippen. »Ja, erst hielt er mich, jetzt halte ich ihn«, gab sie ungehalten zurück. »Mal sehen, ob die Geister diese Schnur auch so leicht durchtrennen können!«

Ihre Augen blitzten auf, das erste Mal seit dem Unglück. Reka verstand die Botschaft. Aroha war bereit, die Götter herauszufordern.

»Kein Gott und kein Geist kann dieses Band durchtrennen«, sagte sie sanft. »Das musst du schon selbst tun.«

Sie senkte die Augen, nachdem sie der unwillige Blick des Reverends getroffen hatte. Die ersten Gebete wurden gesprochen, und die Kirchenbesucher sollten schweigen.

Franz Lange hielt natürlich sein Versprechen, noch einmal bei den Ngati Kahungunu vorzusprechen, bevor er mit Aroha zurück nach Otaki fuhr. Er schloss sich Reka an, die Aroha noch einmal nachdrücklich aufforderte mitzukommen. Natürlich sei der Stamm in Trauer, aber abgesehen von Aputa und Purahis Mutter, die der Schmerz nicht zum klaren Denken kommen lasse, mache ihr niemand Vorwürfe. Aroha lehnte allerdings so vehement ab, dass Reka aufhörte, sie zu bedrängen.

Franz sprach dann mit dem Häuptling und den Stammesältesten, konnte den Rat der Ngati Kahungunu jedoch nicht umstimmen. Der Stamm würde seine Kinder nicht zur Schule schicken. Gern nahmen die Maori jedoch den Vorschlag eines gemeinsamen Gedenkens an Matiu und die Kinder an. Franz hielt eine ergreifende Rede, die weniger von Gott als von Matius glücklicher Kindheit in Otaki handelte. Am Ende schienen damit zumindest Matius Angehörige etwas getröstet. Die alte Ngaio schenkte ihm einen Jadeanhänger in Gestalt eines kleinen Gottes für Aroha.

»Ich weiß, du nicht wollen, sie tragen hei-tiki. Pakeha immer nur wollen Kreuz. Aber das gut für Seele …«

»Das sein gute Erinnerung an Matiu!«, unterbrach Reka geschickt. Sie wusste, dass die alte tohunga die Götter besänftigen wollte, die über Aroha wachten, so erklärte man das dem christlichen Reverend allerdings besser nicht. »Und Geschenk von Stamm, von Großmutter. Dann sie wissen, dass wir nicht zornig.«

Franz sprang über seinen Schatten und gab den heidnischen Fetisch tatsächlich an seine Ziehtochter weiter. Aroha betrachtete ihn lange.

»Der Himmel und die Erde …«, murmelte sie dann.

Als Franz genauer hinsah, erkannte er tatsächlich, dass sich da zwei winzige Gestalten eng umschlungen hielten. Papa und Rangi, in der Mythologie der Maori die Erdgöttin und der Himmelsgott, die man hatte trennen müssen, um die Menschenwelt zu erschaffen.

Franz murmelte etwas über heidnischen Aberglauben, während Aroha sich den hei-tiki nur wortlos umhängte. Franz kommentierte das nicht weiter, im Moment hatte er ohnehin andere Sorgen. Er hatte eigentlich vorgehabt, gleich am nächsten Morgen die Heimreise anzutreten, doch Aroha weigerte sich kategorisch, noch einmal mit der Eisenbahn zu fahren.

»Ich kann das nicht!«, flüsterte sie. »Das musst du doch verstehen, Revi Fransi, ich kann das nicht! Ich werde nie wieder in einen Zug steigen.«

»Dann musst du bis zum Frühjahr hierbleiben«, erklärte Franz entschieden. »Ja, ich weiß, wir könnten reiten, aber bei diesem Wetter wäre das Wahnsinn. Wir könnten von Schneefällen überrascht werden, uns verirren …« Hinzu kam, dass Franz ein eher schlechter Reiter war. Er fuhr zwar schwere Gespanne, sich stundenlang auf einem Reitpferd zu halten war allerdings eine Tortur für ihn. Ein vielleicht unsicheres Pferd über schwieriges Gelände zu lenken hätte er sich erst recht nicht zugetraut. Franz wollte Aroha jedoch auch nicht beim Reverend lassen, sie wäre sowieso nicht geblieben. Er sah, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete, als sie die Alternativen überdachte. »Vielleicht gibt dir der Doktor ja noch mal einen Schlaftrunk vor der Reise«, schlug er halbherzig vor.

Eigentlich billigte Franz es nicht, dass die Frau des Reverends seiner Tochter jeden Abend einen Teelöffel Laudanum verabreichte, damit das Mädchen schlafen konnte. Um Aroha nach Hause zu holen, war ihm jedoch jedes Mittel recht.

Aroha beugte sich schließlich den Notwendigkeiten, lehnte es allerdings ab, während der Bahnfahrt zu schlafen. Totenbleich, aber gefasst bestieg sie gemeinsam mit ihrem Ziehvater den Zug. Diesmal an einem windstillen, dafür regnerischen Tag. Als sie einen letzten Blick auf Greytown warf, sah sie eine wolkenverhangene, verschlafene kleine Stadt. Auch sonst erinnerte wenig an die letzte Reise mit Matiu, zum Beispiel gab es keinen Aufenthalt in Cross Creek. Aufgeschreckt durch den Unfall setzte die Eisenbahngesellschaft jetzt nicht nur in den Bergen schwerste Zugmaschinen ein.

Franz legte seine Hand tröstend auf Arohas, als sie den Bahnhof passierten. Ihre Finger verkrampften sich um seine. Vor der Siberia Curve schloss sie die Hand dann um den hei-tiki. Franz mochte es ihr nicht verbieten, stimmte allerdings ein Gebet für die Verunglückten an und nötigte sie, mit ihm das Vaterunser zu sprechen, als sie die Unglücksstelle schließlich erreichten. Der Zugführer betätigte das Signalhorn der Lok, um die Toten zu ehren, und Aroha fuhr bei dem schrillen Tuten zusammen. Sie blickte nicht aus dem Fenster – allerdings hatte Franz sich schon auf der Hinfahrt vergewissert, dass dort ohnehin nichts mehr zu sehen war. Die Waggons hatte man zurück auf die Schienen spediert, die Verletzten und Toten geborgen – und das Blut hatten Schnee und Regen weggespült. Die Siberia Curve war nur noch eine Haarnadelkurve wie viele andere auf dieser Strecke. Ohne das Signal des Zugführers hätte Franz sie gar nicht bemerkt.

Aroha entspannte sich, als der Zug die Unglücksstelle hinter sich ließ und in den Siberia Tunnel einfuhr. Franz beobachtete, wie sie den hei-tiki langsam von ihrem Hals nahm, ihn vorsichtig in ein Ledersäckchen steckte und ihn in ihrem Beutel verstaute.

Er sah sie den kleinen Anhänger nie wieder tragen.

KAPITEL 7

»Und wenn wir sie einfach eine Zeit lang wegschicken?«

Wie so oft in den letzten Wochen beobachtete Linda besorgt ihre Tochter. Während die anderen Zöglinge der Schule im Gemeinschaftsraum herumalberten, spielten und Hausaufgaben machten, saß Aroha nur am Fenster und starrte teilnahmslos auf den Versammlungsplatz, der staubig in der Herbstsonne lag. Ein paar Kinder spielten dort Rugby, aber die Partie schien Aroha nicht zu fesseln. Sie blickte ins Leere, versunken in dunklen Träumen.

Es war nun ein gutes halbes Jahr her, seit das Mädchen aus Wairarapa zurück war. Arohas Verletzungen waren längst verheilt, aber der seelische Schmerz saß tief. Was auch immer Linda versuchte, um ihre Tochter aufzuheitern oder wenigstens von ihrem Kummer abzulenken, nützte nichts. Aroha verrichtete mechanisch die Arbeiten, die Linda ihr auftrug – wobei sie lieber in der Küche oder der Wäscherei half, als sich direkt mit den Kindern zu beschäftigen. Sie antwortete auf Fragen, blieb jedoch einsilbig, und wann immer man sie in Ruhe ließ, brütete sie dumpf vor sich hin.

»Wegschicken?«, fragte Franz. Er schraubte an einer Gaslampe. Kleine und größere Reparaturarbeiten gehörten von jeher zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. »Wohin? Sie steigt in keinen Zug mehr, das weißt du doch.«

Ein Besuch bei Karl und Ida Jensch in Russell, mit dem Linda im Sommer versucht hatte, Aroha auf andere Gedanken zu bringen, war daran gescheitert. Dabei war Aroha früher gern nach Russell gefahren, sie liebte das Meer.

»Ich dachte an Rata Station«, meinte Linda. »Dazu braucht man keinen Zug. Bis Wellington bringst du uns mit dem Fuhrwerk, und dann nehmen wir ein Schiff direkt nach Lyttelton Harbour.«

Franz lächelte seiner Frau zu. »Du würdest also gern deine Schwester besuchen – und deine Mutter.« Es fiel Franz immer noch etwas schwer, an Catherine Rata als Lindas Mutter zu denken. Er hatte sehr lange geglaubt, sie wäre die Tochter seiner Schwester Ida – und damit seine Nichte. Seine Beziehung zu Linda wäre daran beinahe gescheitert, denn natürlich hätte er niemals eine so nahe Verwandte gefreit. »Das kannst du doch jederzeit, ob mit oder ohne Aroha.«

Linda verdrehte die Augen. »Um mich geht es da gar nicht«, erklärte sie, »obwohl ich Aroha durchaus gern begleite. Du kommst hier sicher gut einige Zeit ohne mich aus. Aroha muss auf andere Gedanken kommen. Auf Rata Station könnte sie sich nützlich machen. Bei den Schafen helfen, reiten … Sie wird gleichaltrige Gesellschaft haben …«

Franz runzelte die Stirn und ließ den Blick über die Kinder im Gemeinschaftsraum schweifen.

»Und hier vereinsamt sie?«, fragte er verständnislos. »Und hat nichts zu tun? Linda, noch vor ein paar Monaten war sie den ganzen Tag sinnvoll beschäftigt. Erst seit der Sache mit Matiu starrt sie nur noch Löcher in die Luft. Vielleicht müssten wir sie einfach mehr einbeziehen, auch strenger mit ihr sein …«

Letzteres klang halbherzig. Schließlich war es nicht so, dass Aroha sich in irgendeiner Weise auflehnte. Es gab keinen Grund, sie zu bestrafen, und eigentlich zerriss ihre anhaltende Trauer Franz ebenso das Herz wie seiner Frau.

Linda schüttelte den Kopf. »Franz, natürlich sind hier ausreichend Kinder um sie herum. Aber es sind alles Maori. Und sie empfindet sie durchweg als zu jung, um wirklich etwas mit ihnen anzufangen. Schließlich war sie immer in einer Klasse mit Matius Altersgenossen. Und die sind jetzt alle auf dem College.«

Die Langes hatten natürlich versucht, auch Aroha zum Besuch der Universität in Wellington zu bewegen. Sie war zwar noch sehr jung, doch es hätte die Möglichkeit bestanden, zusammen mit einer älteren Freundin ein Zimmer im Studentenwohnheim zu beziehen. Aroha hatte dies abgelehnt. Ohne Matiu hatte Wellington keinen Reiz mehr für sie. Und Pai, mit der sie das Zimmer teilen sollte … Womöglich brachte sie der dann auch noch Unglück!

»Früher hat sie sich immer gern um die Jüngeren gekümmert«, bemerkte Franz.

Linda seufzte. »Und dazu musste sie Verantwortung übernehmen«, hielt sie ihrem Mann vor. »Was sie sich jetzt nicht mehr traut. Du hast das doch gestern gesehen: Sie wollte nicht mal mit den kleinen Mädchen schwimmen gehen. Die Kinder könnten ertrinken! Das hat sie mir ganz ernsthaft vorgehalten. Dabei schwimmen diese Kinder wie die Fische im Wasser – mal ganz abgesehen davon, dass der Teich im Wäldchen höchstens einen guten Meter tief ist. Aroha steigert sich da in etwas hinein. Wenn sie irgendetwas mit den Kindern unternehmen soll, stirbt sie vor Angst.«

»Und bei Pferden und Schafen wäre das nicht so?«, fragte Franz kopfschüttelnd. »Das Ganze ist der pure Unsinn, Lindie! Sie hat keine Schuld am Tod dieser Kinder aus Wairarapa, und erst recht nicht an dem von Matiu. Das sind Hirngespinste …«

»Die sie hier offensichtlich nicht loswird!«, beharrte Linda. »Solange sie nur Maori-Kinder um sich hat, deren Eltern sie uns anvertraut haben, durchlebt sie immer wieder diese Szenen vor der Abfahrt des Unglückszuges: Wie sie Hakis und Purahis Eltern versichert hat, den Kindern könne nichts passieren. Und dann die Vorwürfe von Hakis Mutter … Ich darf gar nicht daran denken, wie schlimm es erst nach den Ferien werden wird, wenn die neuen Kinder zur Schule kommen.«

Viele Maori-Eltern brachten ihre Kinder selbst zur Schule nach Otaki und stellten ähnliche bange Fragen wie Aputa. Linda und Franz brachten jedes Jahr Stunden damit zu, sie zu beschwichtigen. Für Aroha würde das eine Tortur werden.

»Wahrscheinlich käme sie schon mit pakeha-Kindern besser zurecht«, überlegte Linda. »Und bei Schafen und Pferden sehe ich gar keine Probleme. Zumal ihr der Umgang mit den Tieren und der Aufenthalt auf der Farm immer Spaß gemacht haben. Dazu kommt die Bewegung an der frischen Luft. Sie käme weniger zum Grübeln, und am Abend wäre sie müde. Sie nimmt immer noch Laudanum, Franz! Und trotzdem hat sie böse Träume und weint jede Nacht. So geht es nicht weiter! Wir versuchen es jetzt einfach mal mit Rata Station. Wenn sie da weiter so vor sich hin brütet, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Jedenfalls ist alles besser, als nichts zu tun.«

Aroha nahm den Entschluss ihrer Eltern ohne Einwände hin. Früher hätte sie sich auf die Reise gefreut. Sie hatte die Ferien schon zweimal auf Rata Station verbracht und den Aufenthalt immer genossen. Jetzt empfand sie zwar nichts bei der Aussicht auf den Ortswechsel, er machte ihr jedoch auch keine Angst. Im Gegenteil, auf Rata Station würde wenigstens niemand von ihr verlangen, auf irgendwelche Kinder aufzupassen – jedenfalls nicht auf Maori-Kinder. Pakeha-Kinder gab es natürlich auf Rata Station, Lindas Halbschwester Carol und ihr Mann Bill hatten zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter von zwei bis zehn Jahren. March, die Tochter von ihrer Nenntante Mara, und Robin, Arohas Onkel – Lindas Mutter Catherine hatte noch mit über vierzig Jahren mit ihrem Mann Chris ein Kind bekommen – waren nur ungefähr ein halbes Jahr jünger als sie selbst.

Während Aroha sich wie in einem beständigen Albtraum durch die letzten Tage vor der Abfahrt schleppte, wurde Linda die Zeit lang. Sie erhoffte sich viel von einem Aufenthalt auf Rata Station, zumal Carol ihre Meinung vollkommen teilte. Ein Ortswechsel würde Aroha guttun.

Wir haben eine sehr schicke Stute hier, fertig zum Anreiten, schrieb Carol. Sehr sanft. Mit ein bisschen Hilfe sollte Aroha das schaffen. Und es gibt doch nichts, was einen besser auf andere Gedanken bringt, als ein junges Pferd!

Linda selbst sah das ähnlich. Sie war mit Carol zusammen auf der Farm aufgewachsen, die beiden Frauen hatten den Betrieb sogar eine Zeit lang geleitet. Den Umgang mit den Tieren hatte sie immer als sehr befriedigend empfunden, und noch heute hielt sie sich ein Reitpferd – auch wenn Franz ihr mitunter vorwarf, dies sei ein reiner Luxus.

Schließlich half Linda ihrer Tochter beim Packen ihrer Koffer – auch wieder etwas, das früher nicht notwendig gewesen wäre. Vor der Reise nach Wairarapa hatte Aroha sich tagelang in Überlegungen darüber ergangen, was sie alles mitnehmen wollte und welche Mitbringsel für Matius Verwandte infrage kämen. Jetzt schaute sie nur teilnahmslos zu, wie Linda eine Auswahl traf.

»Auf der Farm wirst du ja hauptsächlich Reitkleider brauchen, aber ein oder zwei hübsche Sachen musst du trotzdem mitnehmen!«, erklärte sie ihrer Tochter und legte ein blaues, mit Spitzen besetztes Nachmittagskleid in den Koffer. Aroha hatte es seit dem Unfall nicht mehr angerührt.

»Mir reicht das, was ich anhabe«, wandte Aroha ein.

Linda biss sich auf die Lippen. Nach ihrer Rückkehr hatte Aroha ausschließlich die schwarzen Sachen getragen, die Franz ihr in Greytown gekauft hatte. Als Linda deshalb schließlich ein Machtwort gesprochen hatte, war sie widerspruchslos zu grauen Röcken und weißen Blusen übergegangen. Die Kleiderfrage schien ihr nicht wichtig genug, um darüber zu streiten. In der langweiligen Kombination, die sie an diesem Tag trug, sah Aroha aus wie eine Lehrerin mittleren Alters. Linda hasste es, ihre Tochter so gekleidet zu sehen, mochte sie jedoch nicht schelten.

»Die Sachen sind nicht warm genug. Bald wird es kalt!«, beharrte sie. »Der Winter kommt schneller, als du denkst. Außerdem siehst du darin aus wie deine eigene Großmutter – ohne Cat beleidigen zu wollen! Die würde sich nie so altbacken kleiden!«

Catherine Rata, von allen Cat genannt, war zwar nicht gerade modebewusst, sah jedoch längst noch keine Notwendigkeit, sich anzuziehen wie eine alte Frau. Sie trug gewöhnlich Reitkleider, besaß als wohlhabende Schafbaronin natürlich auch elegante Kleider für Besuche in der Stadt oder für Auftritte bei gesellschaftlichen Anlässen.

Aroha machte erneut keine Einwände. Als die Reise zur Südinsel schließlich anstand, zog sie brav das dunkelrote Reisekostüm an, das Linda ihr herausgelegt hatte.

Franz beauftragte einen seiner älteren Schüler, einen aufgeweckten Maori-Jungen, mit dem Lenken des Pferdegespanns, das die Frauen in die Stadt bringen sollte. Sehr bequem war der Wagen nicht – eigentlich war es nicht mehr als ein ungefederter Leiterwagen, auf den man Bänke geschraubt hatte. Man konnte sowohl zehn bis zwanzig Kinder darauf mitfahren lassen als auch Lasten damit transportieren. Linda und Aroha wurden gut durchgeschüttelt. Dafür dauerte die Fahrt nicht lange. Im Zuge der Taranaki-Kriege waren die Straßen zwischen Otaki und Wellington gut ausgebaut worden. Hier waren ganze Heere von Soldaten und Military Settlers durchgezogen. Die Wege eigneten sich selbst für schwere Fahrzeuge, wie sie zum Transport von Nachschub benutzt worden waren.

Linda vertrieb sich die Zeit damit, ihrer teilnahmslosen Tochter und ihrem umso aufmerksamer lauschenden kleinen Chauffeur davon zu erzählen, wie es hier früher ausgesehen hatte. Die Wälder, durch die sich die Wege zogen, waren dicht und dunkel gewesen, als das Land noch den verschiedenen Nordinsel-Maori-Stämmen gehört hatte. Damals hatten sich die Eingeborenen monatelang vor den pakeha verstecken können, ohne dass ihre Festungen oder Dörfer entdeckt wurden. Heute war der Baumbestand der Region Wellington ausgedünnt. Für die mannigfaltigen Ansiedlungen von pakeha an der wichtigen Straße hatte man Holz gebraucht. Die Maori waren umgesiedelt worden. So nahe der Hauptstadt gab es keine nennenswerten marae mehr.

Schließlich führte die Straße auch an der Küste entlang, und Linda freute sich an den Ausblicken über Klippen und Strände. Aroha sah all das nicht. Sie lebte in ihrer eigenen düsteren Welt.

Linda hatte eine Übernachtung in einem guten Hotel gebucht und regte am Morgen an, vor der Schiffsabfahrt noch kurz in Wellington durch die Geschäfte zu bummeln. Arohas bereitwilliger Wechsel zu normaler Garderobe hatte ihr Mut gemacht – vielleicht würde das Mädchen ja einwilligen, ein paar neue Kleider zu kaufen. Ihre Tochter schüttelte jedoch nur den Kopf, worüber Linda einen Anflug ohnmächtiger Wut verspürte. Sie dachte kurz darüber nach, Aroha zu zwingen, doch dann verzichtete sie einfach auf einen Kommentar und ließ sie beide gleich zum Hafen chauffieren. Auf der Fahrt von Lyttelton nach Rata Station würden sie durch Christchurch kommen. Vielleicht zeigte Aroha sich dort ja aufgeschlossener. Zudem war Linda daran gelegen, die Seereise so rasch wie möglich hinter sich zu bringen. Tatsächlich verband sie mit Schiffsreisen ähnlich schreckliche Erinnerungen wie Aroha mit Zügen.

Vor Jahren hatten Linda und ihre Halbschwester Carol den Untergang des Seglers General Lee miterlebt – sie waren gemeinsam mit Cat und Chris zu einer Hochzeit in den Fjordlands unterwegs gewesen und von einem Sturm überrascht worden, der das Schiff weit von der vorgesehenen Route abtrieb. Als es dann auf ein Riff lief und sank, waren Linda und Carol nach mehrtägiger Irrfahrt in einem kleinen Boot gerettet worden. Cat und Chris dagegen waren auf einer der Auckland Islands gestrandet. Sie hatten dort gut zweieinhalb Jahre lang überlebt, während Carol und Linda sie für tot gehalten und um den Erhalt von Rata Station gekämpft hatten.

Linda wagte sich seitdem kaum noch auf ein Schiff – es war ein großes Opfer für sie, nicht einfach nur die Fähre nach Blenheim zu nehmen und dann mit dem Zug nach Christchurch zu fahren, sondern um Arohas willen die viel weitere Seereise nach Lyttelton auf sich zu nehmen.

Als sie nun mit ihrer Tochter das Schiff bestieg, musste sie sich sehr zusammennehmen, wenigstens lange genug an Deck zu bleiben, um ihrem jungen Chauffeur zuwinken zu können. Dann verzog sie sich sehr schnell in ihre Kabine.

Aroha sah ohne jede Emotion zur Nordinsel zurück. Für sie gab es hier letztlich nichts mehr, von dem Abschied zu nehmen sich lohnte. Doch dann, als das Land außer Sicht war und das Schiff über die Wellen der Cook-Straße tanzte, begann Aroha, sich leichter zu fühlen. Dabei hatte sie sich eigentlich schon zurückziehen wollen, als Wind aufkam und an den Bändern ihres Kapotthutes zupfte. Seit dem Zugunglück hasste sie Wind und suchte eine Zuflucht, sobald sie sein Rauschen in den Bäumen hörte. Jetzt stellte sie fest, dass hier eine leichte Brise wehte, kein bösartiger Sturm wie in Siberia. Aroha ertappte sich dabei, die Liebkosung des Windes auf ihrer Haut zu genießen, ebenso wie das Prickeln der Gischt, die bis zu ihr hinaufspritzte, wenn der Bug des Schiffes gegen die Wellen schlug. Schließlich nahm sie den Hut ab und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Und dann sah sie etwas Silbernes vor sich aufblitzen. Delfine! Aufgeregt schaute das Mädchen nach den lebhaften Tieren aus, die mit wilden Sprüngen das Schiff begleiteten. Aroha konnte sich daran nicht sattsehen – und zum ersten Mal seit vielen Monaten dachte sie für kurze Zeit nicht an Matiu.

Gleich darauf fühlte sie sich wieder schuldig und machte sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Wie erwartet fand sie Linda ziemlich elend in ihrer Kabine. Der heftige Wellengang in der Cook-Straße hatte sie seekrank werden lassen, nicht einmal Arohas Bericht von den Delfinen konnte sie aufheitern. Aroha war gezwungen, sich um sie zu kümmern, und kam auch dabei nicht zum Grübeln.

In der Abenddämmerung, als ihre Mutter endlich schlief, ging sie noch einmal an Deck. Zweifellos schickte sich das nicht für ein Mädchen allein, aber Aroha brauchte frische Luft. Während sie nach den Delfinen Ausschau hielt, dachte sie über Lindas und Carols Erlebnisse beim Untergang der General Lee nach. Ob die Schwestern sich ebenfalls schuldig gefühlt hatten? Nein … Was konnten die beiden damals achtzehnjährigen Mädchen schon für einen Schiffsuntergang? Genauso wenig wie Aroha für das Eisenbahnunglück.

Die Überlegung schoss Aroha durch den Kopf, bevor sie den Gedanken abblocken konnte, wie sie es sonst zu tun pflegte. Ihre Eltern versuchten seit Monaten, ihr klarzumachen, dass sie nichts hätte tun können, um Haki, Purahi und Matiu zu retten. Es war Schicksal gewesen. Sogar die offizielle Untersuchung des Unglücks durch die Behörden hatte ergeben, dass niemand einen Fehler gemacht hatte.

Aroha rieb sich die Schläfe. Obwohl sie das Gefühl hatte, sich dagegen wehren zu müssen, ging es ihr besser. Der Gedanke an das Unglück war immer noch schlimm, aber der Druck in ihrem Herzen schien nachzulassen.

Zum ersten Mal fand sie in dieser Nacht wieder Schlaf, ohne sich betäuben zu müssen. Linda hatte das Laudanum nötiger gehabt.

KAPITEL 8

Am nächsten Tag war die See ruhiger, und auch Linda ging es besser, obwohl sie sich lieber weiter in ihrer Koje verkroch.

»Es kann doch gar nichts passieren, Mommy«, hielt Aroha ihr vor. Sie verspürte Hunger – auch das war eine neue Erfahrung – und wäre gern in den Speisesaal frühstücken gegangen. Linda hatte die Überfahrt erster Klasse gebucht, obwohl Franz das als Verschwendung missbilligte. Seine Frau bezog jedoch Einkünfte aus Rata Station, die ihr manchen kleinen Luxus erlaubten. Und eine eigene Kabine als Rückzugsort auf Schiffsreisen empfand Linda nicht als Luxus, sondern als absolute Notwendigkeit. »Wir fahren an der Küste entlang, man kann das Land sehen!«, erklärte Aroha.

»Das konnte man damals von der General Lee aus auch, und dann wurden wir meilenweit abgetrieben …« Linda holte tief Luft. »Tut mir leid, Liebes, für die Seefahrt wirst du mich in diesem Leben nicht mehr begeistern, und auch wenn du mir jetzt vorhältst, das Meer sei ganz ruhig, mir wird schon wieder schwindlig. Trotzdem schön, dass du Appetit hast. Ich lasse dir ein Frühstück in die Kabine kommen.«

Aroha vertilgte Eier und Toast mit Marmelade und zog dann mit dem Segen ihrer Mutter an Deck, wo die Zeit für sie wie im Flug verging. Das Schiff hatte die Cook-Straße während der Nacht durchquert und fuhr nun entlang der Küste nach Süden. Die Küstenlinie der Südinsel war schön, raue Klippen wechselten sich ab mit weißen und dunklen Stränden. Man sah verlassene alte Walfangstationen und schmucke kleine Ansiedlungen. Reine pakeha-Ansiedlungen, wie Aroha hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und schlechtem Gewissen erkannte. Sie sollte sich über die Verdrängung von Matius Volk nicht freuen! Immerhin waren hier keine Maori aus ihren Dörfern vertrieben worden. Die Südinsel war weit weniger von Eingeborenen besiedelt gewesen als die Nordinsel. Die nur zweitausend Maori, die hier bei der Ankunft der Engländer lebten, hatten sich recht gut mit den pakeha arrangiert. Es hatte viel weniger kriegerische Auseinandersetzungen gegeben als in Arohas Heimat, was sicher auch daran lag, dass es nicht so viele verschiedene Maori-Stämme gab. Praktisch die gesamte Südinsel gehörte dem Stamm der Ngai Tahu. Die verschiedenen iwi bekämpften sich untereinander nicht und hielten auch gegen die Weißen zusammen.

Am Nachmittag erreichte das Schiff dann den idyllischen Naturhafen von Lyttelton. Der Ort war erheblich kleiner, als man es von einer so wichtigen Hafenstadt erwartet hätte – schließlich legten hier praktisch alle Einwandererschiffe an, die nicht über Dunedin kamen. Die meisten Immigranten blieben allerdings höchstens eine Nacht und zogen dann weiter in das erheblich größere Christchurch. Sie hatten dazu einen ursprünglich sehr unwirtlichen Pass zu überwinden, doch inzwischen gab es auch hier gut ausgebaute Straßen. Auf Linda und Aroha wartete gleich am Hafen ein Gespann aus Rata Station. Catherine Rata saß auf dem Bock und sah den Ankömmlingen lächelnd entgegen.

Aroha winkte ihr zu und ertappte sich dabei, das Lächeln zu erwidern. Zum ersten Mal nach langer Zeit verspürte sie wieder Freude. Es war schön, ihre Großmutter und die beiden kräftigen schwarzbraunen Stuten wiederzusehen. Auch Letztere gehörten zur Familie. Linda hatte ihr erstes eigenes Pferd, die Cob-Stute Kiward Brianna, schweren Herzens zurück nach Rata Station geschickt, als sie älter wurde, und Cat hatte noch mehrmals mit ihr gezüchtet. Linda hatte das erste Fohlen erhalten und ritt es bis jetzt. Die anderen Nachwuchspferde bevölkerten die Ställe der Farm. Brianna lebte auch immer noch, Aroha hatte bei ihren früheren Ferienaufenthalten auf ihr reiten gelernt.

Als Cat Aroha erkannte, stieg sie vom Bock, offenbar unschlüssig, ob sie die Pferde einfach stehen lassen konnte, um ihrer Enkelin entgegenzugehen. Zumindest aus der Entfernung sah man Catherine Rata Fenroy ihr Alter nicht an. Sie hielt sich aufrecht und bewegte sich anmutig. Die ersten weißen Strähnen in ihrem blonden Haar fielen nicht auf – Cat hatte es für den Ausflug in die Zivilisation, wie sie zu scherzen pflegte, aufgesteckt. Das tat sie sonst selten. Meist ließ sie das hüftlange, volle Haar einfach über ihren Rücken fallen, nur achtlos mit einem Lederband zum Pferdeschwanz zusammengefasst oder durch ein breites Stirnband nach Maori-Art zurückgehalten.

Wie Linda beim Packen angemerkt hatte, kleidete Cat sich alles andere als großmütterlich. An diesem Tag trug sie ein elegantes burgunderfarbenes Reitkleid, in dem sie sich auch zum Tee in der Stadt sehen lassen konnte. Ein zumindest kurzer Aufenthalt in Christchurch war zweifellos geplant. Rata Station lag am Waimakariri River, ein ganzes Stück von der Stadt entfernt. Vielleicht wollte Cat sogar die Nacht in Christchurch verbringen. Aroha wunderte sich darüber, dass ihr das recht reizvoll erschien. Die Nordinsel und alles, was dort geschehen war, rückte langsam in den Hintergrund. Sie spürte den Schmerz um Matiu und die Kinder natürlich noch, doch er schien nicht mehr alles zu überlagern.

Linda verließ ihren Rückzugsort im Bauch des Schiffes, sobald der Segler anlegte. Sie wies einen Steward an, das Gepäck hinauszubringen, lief dem Mann und ihrer Tochter dann voraus und stürzte in die Arme ihrer Mutter.

»Mamaca! Es ist so lange her!«

»Viel zu lange!«

Cat lachte und zog Linda an sich. Tatsächlich hatte sie ihre Tochter erst im letzten Jahr besucht. Für Schafbarone waren Chris und Cat Fenroy recht reiselustig, aber natürlich wussten sie Rata Station bei Carol und Bill in den besten Händen. Cat war jedoch klar, wie sehr Linda die Farm und ihre Familie vermisste. Linda und Carol waren als Zwillinge aufgewachsen, obwohl sie nur denselben Vater, nicht aber dieselbe Mutter hatten, und standen sich entsprechend nahe. Während ihrer ganzen Jugend hatten sie gehofft, später gemeinsam auf Rata Station oder zumindest auf zwei benachbarten Farmen leben zu können. Das Schicksal hatte es dann anders gewollt, und beide Frauen waren sehr glücklich mit ihrem Leben. Doch sosehr Linda die Nordinsel, die Schule und ihre Arbeit mit den Maori-Kindern liebte – sie wünschte sich einfach etwas näher an Rata Station.

»Alles in Ordnung auf der Farm? Wie geht es Brianna?« Die letzte Frage klang etwas bang, schließlich war die Stute inzwischen fast dreißig Jahre alt.

»Genießt die Zeit als Großmutter.« Cat lachte. »Inzwischen hat sie schon etliche Urenkel. Und für dich hat Carol deren letzte Tochter eingeplant, Aroha. Cressida.«

»Cressida?«, fragte Linda verwundert.

Die Vorfahren ihrer Stute waren Welsh Cobs aus der berühmten Zucht von Kiward Station in den Canterbury Plains gewesen. Traditionell erhielten die Fohlen eher keltische Namen.

Cat zuckte die Schultern. »Robin«, sagte sie. »Du weißt ja, wer das Fohlen als Erster sieht, darf seinen Namen bestimmen. Und Robin liebt nun einmal Shakespeare. Ein kleiner Hengst hätte wahrscheinlich Troilus geheißen.«

»Dann hat Cressida ja noch mal Glück gehabt!«

Linda war froh und erleichtert, ihre Mutter so lebhaft und gesund wiederzusehen, aber fast noch glücklicher machte es sie, dass Aroha wieder fröhlich war. Sie wirkte wie ausgewechselt. Natürlich war sie noch nicht wieder das alte, selbstbewusste und völlig unbeschwerte Mädchen, das sie einst gewesen war, doch interessiert und weniger in sich gekehrt und traurig.

»So, kommt, wir fahren gleich los!«, erklärte Cat jetzt. »Es sei denn, ihr seid völlig ausgehungert, dann müssten wir hier noch in einen Pub. Lieber würde ich jetzt so rasch wie möglich über den Bridle Path fahren und dann in Christchurch etwas essen. Chris hat Zimmer im Excelsior bestellt – das ist das neueste und edelste Hotel am Platz, ich bin schon ganz gespannt darauf. Wir treffen uns dort mit ihm zum Dinner. Er schlägt sich wegen irgendetwas mit der Schafzüchtervereinigung herum …«

»Jane?«, fragte Linda.

Wie immer, wenn es Schwierigkeiten gab, vermutete sie als Erstes, dass ihre Nachbarin Jane dafür verantwortlich war. Jane Te Rohi to te Ingarihi, geborene Beit, war mit Chris als dessen erste Frau nach Rata Station gekommen. Dann hatte sie sich jedoch in Te Haitara, den Häuptling des örtlichen Maori-Stammes verliebt, während Chris sein Herz an Cat verlor. Die beiden waren längst gütlich getrennt gewesen, und Te Haitara hatte sich mit Jane verheiratet gewähnt, als die geschäftstüchtige Jane, nachdem Chris und Cat nach dem Schiffsunglück vermisst worden waren, die Hand auf Rata Station gelegt hatte. Sie hatte Linda und Carol von der Farm vertrieben und damit eine Kette zum Teil schrecklicher Ereignisse ausgelöst.

Das war inzwischen lange her. Jane führte seit Jahren die Geschäfte von Maori Station, der von Te Haitaras Stamm betriebenen Schaffarm. Für eine einigermaßen gute Nachbarschaft mit Rata Station sorgte schon die Verbindung zwischen Janes Sohn Eru und Carols Halbschwester Mara. Linda konnte Jane allerdings bis heute nicht verzeihen.

»Nein, nicht Jane«, antwortete Cat. »Es geht mehr um die seltsamen Ideen verschiedener Mitglieder zur Kaninchenbekämpfung.« Die Nager waren einige Jahre zuvor von irgendwem in Neuseeland eingeschleppt worden und drohten inzwischen, zur Plage zu werden. Sie hatten auf den Inseln keine natürlichen Feinde. »Ein paar Schafbarone wollen Füchse einführen und anderes Raubzeug, um die Kaninchen zu bekämpfen – natürlich mit dem Hintergedanken, dann auch Jagdgesellschaften gründen zu können. Chris ist da eher skeptisch. Mit Jane haben wir keine Probleme. Sie hält in der letzten Zeit Ruhe und wird fast etwas häuslich … oder mütterlich …«

»Mütterlich?«, fragte Linda skeptisch, während sie dem Steward ein Trinkgeld gab, der ihre Koffer eben auf Cats Wagen hievte.

»Fast, wie gesagt«, antwortete Cat. »Jedenfalls kümmert sie sich um Maras Tochter. March und Jane sind unzertrennlich, anscheinend hat sie in dem Mädchen endlich mal jemanden gefunden, der ihre Interessen teilt.«

Jane Te Rohi to te Ingarihi – ihr liebender Mann hatte den Maori-Namen, der Englische Rose bedeutete, gemeinsam mit dem feixenden Chris ausgesucht – war mit Leib und Seele Geschäftsfrau. Die Wirtschaftstheorien eines Adam Smith waren ihre Bibel, sie führte mit Leidenschaft Kosten-Nutzen-Rechnungen, tätigte Investitionen und war mit der Leitung der relativ kleinen Schaffarm der Maori eigentlich unterfordert. Ursprünglich hatte sie davon geträumt, das Geschäft auf Dauer unter der Leitung ihres Sohnes Eru auszuweiten. Niemand wusste Genaueres, aber alle nahmen an, dass Jane über die Schaffarm hinaus auch Investitionen im Gleis- und Eisenbahnbau getätigt hatte. Theoretisch hätten sie und ihre Nachkommen über ein kleines Imperium herrschen können. Eru hatte sich jedoch nie für Geschäfte interessiert. Er war ganz und gar Maori und hatte sich den Entschluss, sich von den pakeha abzuwenden, als junger Mann buchstäblich ins Gesicht schneiden lassen. Eru trug die Tätowierungen seines Volkes, ein moko-Meister hatte sein Gesicht zu einem Kunstwerk gestaltet. Zumindest in den Augen der Maori. Auf die meisten pakeha wirkte es nur furchterregend. Ausgeschlossen, dass ein so gezeichneter Mann irgendeine leitende Stellung in der Wirtschaft einnehmen konnte.

»Die kleine March jedenfalls scheint gern zu rechnen«, sprach Cat jetzt weiter. »Und Geschäfte macht sie auch schon von Kindheit an. Zumindest hat sie Robin vor Jahren schon gründlich übervorteilt, als es darum ging, ihm irgendwelche Murmeln abzuhandeln. Man könnte meinen, sie wäre Janes leibliche Enkelin.«

Tatsächlich war das nicht der Fall. Eru zog March zwar als seine Tochter auf, aber sie entstammte der Vergewaltigung seiner Frau durch einen Maori-Krieger. Te Ori hatte Mara im Zuge der Taranaki-Kriege entführt und mehrere Monate als Sklavin gehalten. Eru, der Mara von Jugend an liebte, hatte sie schließlich befreit.

»Wie sieht es denn mit dem Jungen aus?«, erkundigte sich Linda. Mara und Eru hatten neben March noch einen Sohn, Arapeta.

»Ach, Peta kommt mehr nach Eru«, meinte Cat gelassen. »Abgesehen davon, dass er es nicht so mit der Tradition hält. Er ist mehr pakeha als Maori. Sonst ist er praktisch veranlagt, hilft gern bei den Schafen – ein sehr netter Junge. Und er scheint nicht zur Auflehnung zu neigen, er lässt Janes Erziehungsversuche brav über sich ergehen. Sie will jetzt einen Privatlehrer für March und ihn engagieren, der soll ihnen die Grundlagen der Betriebswirtschaft beibringen. Als ob sie ihnen nicht selbst zeigen könnte, wie man die Bücher von Maori Station führt. March kann das im Übrigen jetzt schon, sie hat Chris zuckersüß angeboten, für ihn die Buchführung auf Rata Station zu übernehmen …«

Linda lächelte. »Um dann ihrer Großmutter auf die dritte Ziffer hinter dem Komma genau sämtliche Einnahmen und Ausgaben zu übermitteln.«

Cat nickte mit grimmigem Gesicht. »Wobei wir ja nichts zu verbergen haben«, meinte sie. »Es ist nur wieder diese Hinterlist, die mich ärgert. Mara sollte da unbedingt ein Auge drauf halten. Jane erzieht das Mädchen viel zu sehr in ihrem Sinne.«

»Und Mara kümmert sich nicht darum?«, wunderte sich Linda.

Früher war Mara ein äußerst lebhaftes Mädchen gewesen, dem weder auf Rata noch auf Maori Station irgendetwas entgangen war.

Cat schüttelte den Kopf. »Mara spielt die Flöte. Die Maori betrachten sie inzwischen landesweit als tohunga, es kommen immer mal wieder junge Leute von sonst woher, um bei ihr zu lernen. Sie unterrichtet gern, auch die Kinder im Stamm – und Robin. Er flötet ebenfalls sehr engagiert, wenn auch ohne jedes Talent. Chris macht das wahnsinnig!« Cat lächelte nachlässig, um dann auf das Thema Mara zurückzukommen. »Doch sonst tut Mara nicht viel. Sie lebt zurückgezogen, es scheint so, als ob sie und Eru einander selbst genug wären. Eru geht ja auch ungern aus. Früher hat Jane ihn manchmal auf Schafzüchterversammlungen geprügelt, und er versteht wirklich viel von den Tieren. Allerdings hasst er das Spießrutenlaufen. Die Leute starren ihn ja an, wie … wie …«

Cat seufzte. Auf der Südinsel war es zwar kaum zu Ausschreitungen gekommen, doch natürlich wussten die Leute in Christchurch von den Massakern, die auf das Konto tätowierter Maori-Krieger gingen. Die Vertreter der Hauhau-Bewegung hatten auf der Nordinsel ziemlich gewütet. Insofern misstrauten die pakeha jedem, der die traditionellen moko trug – gerade auf der Südinsel, wo sich nur noch wenige Maori tätowieren ließen. Eru hatte darunter zu leiden, und da er die moko längst nicht mehr stolz trug wie am Anfang, sondern sich für vieles schämte, was er in seiner Jugend getan hatte, entzog er sich lieber der Begegnung mit den Weißen.

»Und Mara ist seit der Sache mit Te Ori auch ziemlich menschenscheu«, sprach Cat weiter. »Es ist nicht so, dass sie ihre Kinder nicht liebt. Als sie klein waren, ging sie sehr zärtlich mit ihnen um. Was letztlich aus ihnen wird, scheint ihr allerdings egal zu sein. Sie ist ein bisschen … hm … weltentrückt.«

Letzteres konnte Linda sich zwar kaum von ihrer Ziehschwester vorstellen, aber andererseits hatte die Entführung durch Te Ori dem Mädchen damals sehr zugesetzt. Und wie traumatische Erfahrungen einen Menschen ändern konnten, sah sie jetzt ja selbst an Aroha.

Aroha kletterte auf den Bock.

»Willst du kutschieren?«, fragte Cat.

Sie wusste, dass Aroha das konnte, das Mädchen fuhr auch Franz’ Kaltblutgespann. Die lebhaften Stuten waren allerdings erheblich interessanter. Lindas Herz machte vor Glück einen Satz, als sie ihre Tochter nicken sah.

Aroha lenkte das Gespann geschickt über den Pass, und Linda empfand ein warmes Gefühl der Heimkehr, als sie vom höchsten Punkt aus auf Christchurch und die Weite der Canterbury Plains hinunterblickte. Unterbrochen von Fluss- und Bachläufen sowie einigen Wäldchen und Felsformationen zog sich das Weideland von hier bis zu den Südalpen. Linda dachte an die vielen tausend Schafe, die auf der Südinsel weideten. Sie freute sich wie ein Kind auf den Aufenthalt auf Rata Station.

Zunächst stand allerdings Cats Ausflug in die Zivilisation an, die Nacht in dem noblen neuen Hotel Excelsior. Cat war unter einfachsten Bedingungen groß geworden – erst auf einer Walfangstation und dann in einem marae der Maori. Sie konnte auch unter primitivsten Umständen überleben, doch tief in ihrem Herzen liebte sie den Luxus. So zog sie sich bei der Ankunft in Christchurch auch sofort zum Umziehen in ihr Zimmer zurück und riet Linda und Aroha ebenfalls zu einem Schaumbad vor dem Dinner.

»Lasst euch ruhig ein bisschen verwöhnen. Auf der Farm frönen wir dann wieder dem einfachen Leben!«, erklärte sie lachend.

Linda ließ sich das nicht zweimal sagen. Ihr Blockhaus in der Schule bot wenige Annehmlichkeiten – die Gemeinschaftsküche hatte inzwischen zwar fließendes Wasser, aber für ihre eigenen Belange musste Linda es immer noch schleppen oder ein paar ältere Jungen darum bitten, dies für sie zu tun. Ein Bad nahm sie deshalb selten – im Sommer wusch sie sich, genau wie die Maori-Kinder, im Weiher im nahe gelegenen Wald. Franz machte sich stets größte Sorgen darüber, irgendwelche Honoratioren von Otaki könnten seine Frau dort dabei ertappen, wie sie nackt in das klare Wasser tauchte.

Jetzt ließ sie sich also ein Schaumbad ein, während Aroha in einer seltsamen Stimmung zwischen Müdigkeit und Rastlosigkeit in ihrem Koffer wühlte. Dies war ein so elegantes Hotel … Der Gedanke, nichts Passendes anzuziehen zu haben, verursachte ihr zwar ein schlechtes Gefühl, ließ sich jedoch nicht abschütteln. Schließlich zog sie das blaue Nachmittagskleid an und versuchte, nicht daran zu denken, wie sehr Matiu sie darin bewundert hatte, als sie es bei der Schulabschlussfeier getragen hatte.

Als sie später gemeinsam mit ihrer Mutter – Linda als Gattin eines Reverends kleidete sich gezwungenermaßen schlicht – zum Essen hinunterging, sprach Chris Fenroy ebenfalls bewundernde Worte.

»Aroha, was bist du hübsch geworden!«, begrüßte sie ihr Stiefgroßvater. »Eine richtige junge Frau ist aus dem Wildfang geworden. Kannst du denn überhaupt noch reiten, oder magst du dich jetzt nur noch mit dem Boot zu den Butlers fahren lassen und Tee trinken?«

Linda lachte über die Neckerei. Die Butlers, die eine Farm den Waimakariri weiter aufwärts bewirtschafteten, hielten sehr auf noble Traditionen. Deborah Butlers Teepartys waren berühmt und berüchtigt.

Aroha schaute Chris spitzbübisch an – Linda meinte, ihre Augen erstmalig seit Matius Tod wieder aufblitzen zu sehen.

»Ich mag lieber Kaffee«, gab sie zurück. »Und ich freue mich auf Cressida, auch wenn’s mir schwerfällt, mir den Namen zu merken.«

Chris verzog das Gesicht. Seine Lachfältchen ließen es etwas zerknittert wirken – die vielen Jahre Farmarbeit in der Sonne und im Regen hatten seine Haut gebräunt und ihn deutlich mehr altern lassen als Cat. Dennoch sah Chris Fenroy gut aus. Sein üppiges Haar, das er nach wie vor länger trug, als die Mode es vorsah, fiel ihm ins Gesicht, seine braungrünen Augen blitzten mutwillig wie eh und je, und die Freude, seine Stieftochter Linda und seine »Enkelin« wiederzusehen, ließ ihn von innen heraus strahlen.

»Verrat es Robin nicht, aber wir nennen sie Sissi«, vertraute er Aroha an. »Dorothy hat damit angefangen, weil sie Cressida nicht aussprechen konnte, und Carol fand, der Name passe.«

Dorothy war vier Jahre alt und Carols und Bills ältere Tochter. Lindas Schwester hatte erst zwei Jungen, dann zwei Mädchen das Leben geschenkt.

Linda wollte nach den Kindern fragen, aber jetzt erschien auch Cat auf der Treppe. Sie trug ein elegantes weites Kleid und zog damit den Blick aller Hotelgäste, die im Foyer beschäftigt waren, auf sich. Cat achtete nicht darauf. Sie war es gewohnt, auch wenn das Interesse jetzt nicht allein ihrer ungewöhnlichen Schönheit galt, sondern auch dem Schnitt ihres Kleides. Cat verabscheute Korsetts und trug neuerdings Reformkleider. Zum Dinner führte sie an diesem Abend eine goldfarbene Robe mit langen, weit fallenden Ärmeln aus, die mit roten Blüten bestickt war.

»Rata-Blüten …« Chris lächelte. »Das Kleid stammt von einer Schneiderin in Dunedin, es ist außerordentlich schön … Und, unter uns gesagt, es war unglaublich teuer. Aber darüber denken wir heute mal nicht nach!«

Er reichte Cat galant den Arm, hielt Linda den zweiten hin und führte die Frauen in den mit Goldlüstern und Samtvorhängen ausgestatteten weitläufigen Speisesaal. Es dauerte ein bisschen, bis sie dort ankamen. Die Fenroys wurden beim Durchqueren des Foyers mehrmals angesprochen. Als Schafbarone waren sie in der besseren Gesellschaft von Christchurch gut bekannt, und einige der anderen Hotel- und Restaurantgäste erinnerten sich auch noch an Linda. Sie stellten höfliche Fragen zu ihrem Leben auf der Nordinsel und beglückwünschten sie zu ihrer hübschen Tochter. Linda sah, dass Aroha peinlich berührt war. Überhaupt wirkte sie etwas verloren in all dem Luxus.

Die Fenroys wurden schließlich zu einem edel gedeckten Tisch geführt, und alle studierten die auf Büttenpapier handgeschriebenen Speisekarten. Linda tat Aroha ein bisschen leid. Sie war das einzige junge Mädchen unter lauter sehr distinguiert wirkenden Erwachsenen.

»Wollte Robin nicht mitkommen?«, erkundigte sie sich bei Cat und Chris. »Dann hätte Aroha ein bisschen Gesellschaft gehabt.«

Cat schüttelte den Kopf. »Nein.

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