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Die Last der Lüge

Johanna Theden

Die Last der Lüge

1. KAPITEL

Robert und Eva konnten gar nicht voneinander lassen. Obwohl die Gitterstäbe sie trennten, küssten sie einander, als gäbe es die Welt um sie herum nicht mehr.

„Hey, lassen Sie das!“, rief da plötzlich ein Vollzugsbeamter, dem erst jetzt aufgefallen war, was sich in der Gefängnisküche abspielte. „Das ist gegen die Vorschriften!“ Grob packte er Robert am Arm und zog ihn von Eva weg. Aber Robert hatte nur Augen für sie.

„Dass du gekommen bist …“, flüsterte er. Glücklicher hätte sie ihn nicht machen können. Wie verzaubert lächelte sie ihn an, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu entgegnen. Denn der Vollzugsbeamte bugsierte Robert unsanft vom Fenster weg.

Zurück in der Zelle gestattete sich Robert einen Moment vollkommenen Glücks. Er holte die Zeichnung, die Eva ihm geschickt hatte, aus dem Papierkorb und hängte sie wieder an die Wand. Dann legte er sich auf die Pritsche und betrachtete die Figur auf dem Bild, die Eva darstellte. Solange er sie ansah, konnte ihm kein Gefängnis der Welt etwas anhaben. Sie war zu ihm gekommen. Sie hatte ihn geküsst.

Es war, als hätte sie geträumt. Eva fühlte sich, als würde sie auf Wolken schweben. Schlafwandlerisch machte sie sich auf den Rückweg zum Fürstenhof. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht – sie hatte Robert einfach sehen müssen. Ihn küssen müssen. Und das war nicht nur ein Kuss gewesen. Das war alles, was sie sich wünschte. Da holte sie blitzartig das schlechte Gewissen ein. Markus!

Lena war noch immer vollkommen überrumpelt. Gerade hatte André ihr den Vorschlag gemacht, den Fürstenhof gemeinsam zu verlassen.

„Wir sind doch ein tolles Team“, fuhr er jetzt fort. „Lass uns irgendwo etwas Eigenes eröffnen. Ich als Küchenchef, du leitest das Restaurant – was soll da schon schiefgehen?“

„Wie kommst du auf einmal darauf?“, staunte sie.

„Hier sind unsere Möglichkeiten begrenzt“, behauptete er. „Dabei steht uns die ganze Welt offen.“ Sie konnten nach Frankreich gehen, nach Italien, sogar nach Südafrika. Lena schwirrte der Kopf.

„Das ist eine schöne Idee …“, sagte sie verhalten. „Aber ich denke, wir sollten uns mit solchen Plänen noch etwas Zeit lassen.“ Entmutigt sah er sie an. „Zuerst muss ich zusehen, dass das Bistro gut läuft“, erklärte sie. „Ich habe Robert versprochen, mich darum zu kümmern, solange er im Gefängnis sitzt.“ Es war offensichtlich, wie frustriert und enttäuscht André war. Tröstend griff sie nach seiner Hand. „Das mit uns … Das ist so neu und frisch …“

„Du bist dir nicht sicher“, erwiderte er traurig.

„Wir haben es doch nicht eilig, oder?“, fragte sie liebevoll.

„Hast ja recht.“ Er seufzte. So leicht würde er nicht vor Barbaras Erpressungen fliehen können. „War auch nur so eine spontane Idee.“ Sie kuschelte sich an ihn.

„Ich finde es süß, dass du schon unsere Zukunft planst“, stellte sie fest. Und bemerkte nicht, wie angespannt und besorgt André auf einmal wirkte.

Jenny von und zu Liechtenberg hatte bei Charlotte Saalfeld vorgesprochen und das Geheimnis ihrer Tochter Sibylle gelüftet. Charlotte brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass eine waschechte Prinzessin am Fürstenhof als Etagenkellnerin arbeitete. Und natürlich konnte sie verstehen, dass Jenny diese Arbeit für unangemessen hielt. Wenn die Klatschpresse davon Wind bekäme … Jenny bat Charlotte, Sibylle einen anderen Job anzubieten, als Assistentin bei ihrer Afrika-Stiftung.

Sibylle reagierte zurückhaltend, als sie in der Saalfeld’schen Wohnung erschien. Sie konnte sich nicht erklären, warum Charlotte Saalfeld sie sprechen wollte.

„Sie sind noch nicht lange Etagenkellnerin bei uns“, sagte die. „Darf ich fragen, was Sie vorher gemacht haben?“

„Ist das wichtig?“, entgegnete Sibylle.

„Ich habe den Eindruck, dass Sie viel mehr können, als Minibars aufzufüllen.“ Erstaunt verzog Sibylle das Gesicht. „Organisieren, zum Beispiel. Veranstaltungen planen. Ich suche zurzeit jemanden, der mir bei meinen Charity-Projekten zur Seite steht und mich entlastet. Natürlich würden Sie angemessen bezahlt werden.“

„Das kommt sehr überraschend …“ Sibylles Miene war nun voller Argwohn. „Wie kommen Sie überhaupt auf mich?“

„Sie sind mir positiv aufgefallen“, behauptete Charlotte. „Und ich habe bisher nur Gutes über Sie gehört.“

„Von meiner Mutter zum Beispiel?“ Charlotte wollte widersprechen, ließ es dann aber sein. Die junge Frau hatte sie ohnehin durchschaut, da konnte sie die Verabredung mit Jenny von und zu Liechtenberg auch gleich zugeben. „Dann wissen Sie also, wer ich bin?“ Charlotte nickte. „Meine Mutter findet meine Arbeit nicht standesgemäß.“ Sibylle seufzte.

„Widerspricht es denn Ihren Prinzipien, sich beruflich zu verbessern?“, fragte Charlotte.

„Ich würde sehr gerne für Sie arbeiten“, erklärte Sibylle. „Wenn meine Mutter das nicht alles eingefädelt hätte.“

„Sie meint es doch nur gut“, wandte Frau Saalfeld ein.

„Mag sein. Vor allem aber möchte sie über mein Leben bestimmen.“ Und das musste endlich aufhören. Also schlug Sibylle Charlottes Angebot aus. Es ging nicht anders.

Eva war überrascht, als sie in der Lobby auf einen bestens gelaunten Werner Saalfeld traf.

„Ich habe gute Neuigkeiten!“, begrüßte er sie strahlend. „Ich habe bei meiner Angeltour einen besonderen Hecht für Sie an Land gezogen. Alfred, also Doktor Diehmel, Ihr Verleger, ist wieder mit an Bord.“ Verblüfft starrte sie ihn an. „Er hat sich von mir überzeugen lassen, und Ihre Lesereise wird nun doch stattfinden. Die erste Station ist schon morgen, hier im Fürstenhof.“ Die Details würden per Fax geschickt werden.

„Das ist … toll.“ Irritiert sah Werner Frau Krendlinger an. Er hatte mit deutlich mehr Begeisterung gerechnet. „Ich freue mich auch, sehr sogar“, sagte Eva. „Aber hat Ihnen denn niemand erzählt, was hier passiert ist? Robert … Er ist in Untersuchungshaft. Seit ein paar Tagen.“ Der Senior stand da wie vom Donner gerührt.

„Du hättest mir sofort Bescheid sagen müssen! Sofort!“ Werner war vollkommen außer sich, dass Charlotte ihn nicht von Roberts Verhaftung in Kenntnis gesetzt hatte. „Ich hätte nämlich nicht tatenlos zugesehen, wie mein Sohn in den Knast wandert!“

„Ich habe mehrfach versucht, dich zu erreichen“, verteidigte sich Charlotte. „Aber es hat nicht geklappt. Und da du ein paar Tage länger weggeblieben bist, ohne anzurufen …“

„Du wolltest doch, dass ich mich bei Alfred für Eva Krendlinger einsetze!“, rief er wütend.

„Ich habe getan, was ich konnte, um dich zu kontaktieren.“ Charlotte verlor langsam die Geduld. Es ging um Robert, nur um ihn. „Wenn du also eine Idee hast, wie wir ihm helfen können, lass es mich wissen.“

Lena saß mit ihrem Bruder in der Dachkammer bei einem Tee zusammen. Markus hatte ihr aufgebracht von den Briefen berichtet, die er bei Eva gefunden hatte. Briefe von Robert Saalfeld, aus dem Gefängnis.

„Die feine Art ist das aber nicht, die Briefe einfach zu lesen“, mahnte Lena.

„Ist es denn die feine Art, sich heimlich zu schreiben?“, schnaubte er.

„Also gut.“ Sie wollte ihn beschwichtigen. Was machte ihn denn so wütend daran, dass Robert Eva aus der Untersuchungshaft schrieb?

„Dass es Liebesbriefe sind!“, empörte er sich. „Die meine Verlobte von dem potenziellen Mörder unseres Vaters erhält!“

„Dass er noch Gefühle für sie hat, ist ja nichts Neues“, meinte Lena. „Außerdem – du weißt, dass ich Robert für unschuldig halte.“ Markus schüttelte gereizt den Kopf. „Die Polizei hat auch schon Eva verdächtigt“, argumentierte seine Schwester nun. „Und sie ist nur deshalb frei, weil Robert für sie gelogen hat und ins Gefängnis gegangen ist.“

„Wer weiß, was Eva ihm geantwortet hat …“, grollte Markus.

„Wahrscheinlich hat sie ihm klargemacht, dass sie mit dir zusammen ist und er das endlich akzeptieren soll.“ Sein Blick verriet, dass er das nicht glaubte. Warum hatte Eva ihm dann nichts von Roberts Briefen gesagt? „Sie dachte sicher, das gibt nur Ärger für nichts.“

„Oder sie empfindet noch etwas für ihn“, knurrte er.

„Wenn ein Mann für mich in den Knast ginge – ich würde ihm auch schreiben“, stellte Lena fest. „Allein aus Dankbarkeit.“ Und wenn wirklich noch etwas war zwischen Eva und Robert, dann würde Eva es Markus gegenüber zugeben. Sie war doch viel zu ehrlich, um ihn zu belügen.

Sibylle schob ihren Minibarwagen den Hotelflur entlang, als ihr ausgerechnet ihre Mutter über den Weg lief.

„Was für ein Glück, dass dich dein Verlobter nicht so sehen kann!“, sagte Jenny abfällig. „Wahrscheinlich würde er dich in diesem Aufzug gar nicht wiedererkennen.“ Sibylle nahm all ihren Mut zusammen.

„Dann wäre endlich Schluss mit dem Theater um diese Hochzeit!“, platzte sie heraus. Außerdem war ehrliche Arbeit keine Schande.

„Es gibt bessere Berufe, meine Liebe“, stellte Jenny von oben herab fest. „Und ich hoffe, du wirst deine Chance auch erkennen und nutzen, wenn sie sich bietet.“ Natürlich spielte sie auf Charlotte Saalfeld an. „Hat sie schon mit dir gesprochen? Du warst doch sicher klug genug, ihr Angebot anzunehmen?“

„Welches Angebot?“ Sibylle spürte, wie der Mut sie wieder verließ.

„Die Stelle als Organisatorin ihrer Charity-Veranstaltungen!“, rief Jenny aufgebracht.

„Davon hat sie nichts gesagt“, log Sibylle. Sie wusste sich einfach nicht anders zu helfen. Gegen ihre Mutter war sie machtlos. „Sie wollte mich nur kennenlernen.“

Charlotte wunderte sich, als Jenny von und zu Liechtenberg ihr erbost unterstellte, sich nicht an ihre Absprache gehalten zu haben. Aber sie spürte, dass Sibylle aus einem bestimmten Grund gelogen haben musste. Also deckte sie die junge Frau und erklärte, einen Assistenzjob in ihrer Stiftung nicht angemessen bezahlen zu können.

„Schade, dass man sich nicht auf Sie verlassen kann“, giftete Jenny und rauschte davon.

„Wie kommt Ihre Mutter darauf, zu glauben, ich hätte Ihnen keine Stelle angeboten?“, fragte Charlotte kurz darauf die verschüchterte Sibylle.

„Wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich Ihr Angebot abgelehnt habe …“ Bedrückt schüttelte die Prinzessin den Kopf.

„Lieber lügen Sie auf meine Kosten?“, entgegnete Charlotte streng.

„Ich wusste mir nicht anders zu helfen“, gestand Sibylle. Sie schaffte es einfach nicht, ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen. Sie fühlte sich nicht imstande dazu, gegen Jenny anzukommen.

„Aber bei unserem Gespräch vorhin hatte ich den Eindruck, dass Sie sehr wohl wissen, was Sie wollen“, meinte Charlotte nun. „Und es auch selbstbewusst vertreten können.“

„Sie sind auch nicht so wie meine Mutter“, murmelte Sibylle. Charlotte wurde weich.

„Was kann im schlimmsten Fall passieren?“, fragte sie. „Ihre Mutter wäre wütend auf Sie. Aber ein Nein würde Sie doch nicht Kopf und Kragen kosten.“

Am späten Nachmittag erschien Eva bei Markus im Büro. Er begegnete ihr angespannt, und auch sie fühlte sich ihm gegenüber unsicher.

„Ist alles okay?“, fragte sie.

„Sicher“, antwortete er. „Was gibt’s?“

„Die Lesungen finden nun doch statt“, berichtete sie. „Werner Saalfeld hat den Verleger überzeugen können.“ Er freute sich für sie, konnte dem aber nur verhalten Ausdruck verleihen.

„Das ist in der Tat mal eine gute Nachricht“, meinte er. Das Fax von Dr. Diehmel war auch schon angekommen, als er nachsah.

„Schwarz auf weiß …“ Schnell überflog Eva das Schreiben. „Morgen lese ich im Fürstenhof. Kindergärten und Büchereien sind informiert. Und die Presse kommt auch.“ Auf einmal wirkte sie glücklich und aufgeregt. „Was denkst du? Soll ich nur vorlesen oder die Kinder zwischendurch etwas fragen? Oder soll ich ihnen Emil-Kopien zum Ausmalen geben?“ Nun musste Markus doch lächeln.

„Du bist doch die Expertin, was Kinder betrifft“, sagte er.

„Ja, aber als Autorin – das ist doch etwas ganz anderes …“ Eva hatte keine Ahnung, wie lange sie lesen sollte. Wie sie den Kindern die Bilder von Emil überhaupt zeigen könnte.

„Wir könnten eine Powerpoint-Präsentation vorbereiten“, schlug Markus vor. „Und einen Testdurchlauf machen. Ich setze mich hin, stelle mir vor, ich sei vier Jahre alt, und du liest deine Geschichte vor.“ Er würde ihr erster Zuhörer sein. Und ihr größter Fan. Dankbar und gerührt nahm Eva sein Angebot an.

Gemeinsam sahen sie sich im Blauen Salon um und entschieden, für die Kinder Sitzkissen hinzulegen. Die Erwachsenen würden auf Stühlen Platz nehmen können.

„Danke für deine Hilfe“, sagte Eva leise. „Habe ich gar nicht …“

„Verdient?“, ergänzte er. „Sehe ich ähnlich. So, wie du mich beim letzten Mal vergessen hast …“ Eva schwieg betreten. Markus ahnte ja nicht, was seitdem passiert war. „Hauptsache, du erinnerst dich in Zukunft an mich und meine Heldentaten“, scherzte er weiter. Sie nickte nur und beugte sich über die Kiste mit den Büchern, die gerade angeliefert worden war. Robert und sie hatten so viel Zeit, Mühe und Liebe in dieses Projekt gesteckt. Wenn Markus wüsste, wie es in ihr aussah … Wie sollte das alles nur weitergehen? Ein Krachen riss sie aus ihren Gedanken. Markus hatte einen Stuhl fallen lassen und stützte sich nun taumelnd an der Wand ab.

„Was ist mit dir?“, fragte sie erschrocken. Er atmete tief durch und winkte dann ab.

„Geht schon wieder“, behauptete er. Dabei verspürte er noch immer ein heftiges Schwindelgefühl.

Barbara platzte in die Saalfeld’sche Wohnung, als Werner gerade düster über einem Glas Cognac brütete.

„Ach, Werner …“, spottete sie. „Alkohol war doch noch nie eine Lösung.“

„Was willst du?“, knurrte er.

„Ich habe gehört, dass du zurück bist“, säuselte sie. „Da wollte ich dich herzlich begrüßen.“ Er schnaubte. „Und ich wollte dir etwas vorbeibringen.“ Sie zog aus ihrer Aktentasche die gerahmte Urkunde, die den Fürstenhof als bestes Landhotel Bayerns auszeichnete. Werner hatte in den Rahmen eine Minikamera und ein Mikrofon einbauen lassen, um Barbara zu überwachen. Der Plan war gründlich schiefgegangen. „Ich möchte dir dieses edle Teil zurückgeben“, gurrte sie. „Es ist immerhin etwas ganz Besonderes, nicht wahr? Und deshalb wäre es doch schön, wenn dieses kostbare Kleinod eine angemessene Verwendung fände.“ Sie genoss ihren Auftritt sichtlich. „Wie wäre es, wenn Robert es in seiner Zelle aufhängt? Dann kannst du deinen Sohn Tag und Nacht sehen. Wäre das nicht wunderbar?“

„Dir wird das Lachen schon noch vergehen!“ Werner hatte Mühe, Barbara nicht den Hals umzudrehen. „Irgendwann bist du dran, das schwöre ich dir.“

Tanja und Nils bereuten es mittlerweile sehr, dass sie Xaver ihre gesamten Ersparnisse gegeben hatten. Zweitausend Euro – damit er sich die Programme kaufen konnte, die nötig waren, um die CD mit den verschlüsselten Daten der Steuersünder zu knacken. Und sie später am Gewinn, den er beim Verkauf der Daten erzielte, beteiligte. Aber alle Versuche von Xaver blieben erfolglos. Er kam kein Stückchen voran, und langsam verlor er den Mut. Zumal er sah, wie dringend Tanja und Nils das Geld brauchten. Fabiens Geburtstag stand bevor, und der Kleine wünschte sich unbedingt ein Fahrrad. Aber Tanja und Nils wussten im Augenblick nicht, wovon sie das bezahlen sollten.

2. KAPITEL

Eva träumte in dieser Nacht, dass sie auf einer Showbühne dazu gezwungen wurde, sich öffentlich für einen der beiden Männer zu entscheiden, die sie liebte: Markus oder Robert. Doch bevor sie im Traum eine Entscheidung treffen konnte, wachte sie auf.

Am nächsten Morgen erzählte sie Tanja davon. Genauso wie von dem Kuss mit Robert.

„Gleich darauf wurde er abgeführt“, fügte sie bedrückt hinzu.

„Schlimm, wenn man nur zusehen und nichts machen kann“, sagte Tanja voller Mitgefühl. „Vor allem, wenn man jemanden liebt …“

„Markus und ich – wir planen eine Familie, wir denken über unsere gemeinsame Zukunft nach …“ Eva seufzte schwer.

„Früher hätte ich gesagt: Zwei Männer, die dich lieben – etwas Besseres kann dir gar nicht passieren.“ Aber heute dachte Tanja anders darüber. Als sie damals zwischen Nils und Michael gestanden hatte – es war die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Eva nickte. Auch sie fühlte sich schrecklich. Und sie fragte sich immer noch, für wen sie sich wohl in ihrem Traum entschieden hätte. „Tief in dir weißt du das doch“, sagte Tanja voller Überzeugung. „Wer sich für einen Kuss in den Knast schmuggelt, der fühlt auch, für wen sein Herz schlägt.“

„Du redest ganz schön kitschig, weißt du das?“, gab Eva überfordert zurück.

„Das sagst du doch nur zu mir, weil ich recht habe!“, lachte ihre Freundin.

Mit ihrem Wagen kam Sibylle in die Fürstensuite.

„Du wirst doch hier nicht die Minibar auffüllen!“, protestierte ihre Mutter entsetzt.

„Das ist mein Job“, erwiderte Sibylle knapp.

„Weil du keinen anderen willst.“ Unsicher blieb Sibylle stehen. Und Jenny begriff sofort: Frau Saalfeld hatte ihrer Tochter doch einen Job angeboten!

„Es ist nett von dir, dass du dich bei Frau Saalfeld für mich eingesetzt hast“, sagte Sibylle leise. „Und mir eine andere Arbeit beschaffen wolltest. Aber …“ Hilflos brach sie ab. Ihre Mutter fixierte sie zornig.

„Leander ruft ständig an und fragt nach dir“, sagte sie jetzt kühl. „Wie lange soll ich ihn noch mit Ausreden hinhalten?“ Sibylle holte tief Luft und nahm all ihren Mut zusammen.

„Danke für deine Hilfe, Mutter. Aber ich möchte gern selbst entscheiden, was ich arbeite und wen ich heirate. Schließlich geht es um mein Leben.“ Jenny zog die Augenbrauen nach oben. Das waren ja ganz neue Töne von ihrer Tochter! Sie begriff, dass sie ihre Taktik ändern musste.

„Verzeih, wenn ich mich zu sehr eingemischt habe“, säuselte sie also plötzlich. „Aber ich dachte wirklich, du könntest den Baron lieben.“ Sibylle schüttelte stumm den Kopf. „Dann muss ich das akzeptieren“, fuhr ihre Mutter fort. „Wir verlieren zwar das Schloss und damit unsere Heimat …“ Sie tat, als kämpfe sie mit den Tränen. „Wir waren so glücklich dort. Dein Vater und ich, dann kamst du, die kleine Prinzessin. Aber lieber verliere ich unser Zuhause und lebe in Armut, bevor du etwas gegen deinen Willen tun musst.“ Jenny schluchzte theatralisch auf. Und Sibylle konnte vor lauter Schuldgefühl kaum noch sprechen. Sie hatte ja gar nichts gegen den Baron, sie fand ihn sogar ganz nett.

„Aber eben eher wie einen Onkel.“

„Er ist attraktiv, charmant, humorvoll“, stellte Jenny fest. „Eure Liebe wird mit der Zeit wachsen, glaube mir.“ Sie legte einen Arm um ihre Tochter. „Wir könnten in dem Schloss bleiben, ein glückliches Leben führen mit Gesellschaften, Reisen, Kunst und Kultur … Du kennst Leander doch kaum. Weil du immer davonläufst. Vielleicht ist er der Richtige für dich, und du ahnst es noch nicht einmal.“ Sibylles Widerstand bröckelte, das war offensichtlich. Und Jenny war äußerst zufrieden mit der Wirkung ihres Auftritts.

Sibylle wandte sich in ihrer Not an Jacob.

„Ich verstehe ja, dass meine Mutter unseren Besitz retten will“, meinte sie.

„Aber doch nicht auf deine Kosten“, entgegnete er kopfschüttelnd.

„Es wäre die einfachste Lösung, wenn ich Leander heirate“, fuhr sie nachdenklich fort. Mit seinem Vermögen wären das Schloss und die Ländereien gerettet. „Du müsstest das Schloss mal sehen …“ Sibylles Blick schweifte wehmütig in die Ferne. „Es liegt auf einem Hügel, man hat einen wunderschönen Blick auf die Wälder und den See …“ Am meisten liebte sie es, ihr Pferd Rodrigo zu satteln und einfach mit ihm durch die Gegend zu streifen. „Ich will nicht, dass wir das alles verlieren.“

„Möchtest du lieber einen Mann heiraten, den du nicht liebst?“, hielt Jacob dagegen.

„Was soll ich tun, wenn das die einzige Lösung ist, die meine Mutter zulässt?“, klagte sie.

„Sie bürdet dir die ganze Verantwortung auf.“ Jacob fand das überhaupt nicht in Ordnung.

„Für meine Mutter ist unser Besitz das Einzige, was ihr geblieben ist. Ihr einziges Glück.“ Aber was war mit ihrem eigenen Glück? Diese Frage konnte Sibylle im Augenblick nicht beantworten.

Hätte sie geahnt, dass Jenny von und zu Liechtenberg in Wahrheit gar nicht so mittellos war, wie sie vorgab, hätte die Sache sicher anders ausgesehen. Jenny hatte nämlich zwei Millionen Euro auf einem Schwarzgeldkonto in der Schweiz deponiert. Und telefonierte gerade mit ihrem Vermögensverwalter Grosswihler – ein alter Bekannter am Fürstenhof.

„Ich erwarte von Ihnen, dass Sie schnellstmöglich herkommen“, erklärte Jenny. Sie war nämlich außerordentlich besorgt. Es war durchgesickert, dass eine CD mit den Daten von Steuerflüchtlingen verschwunden war. Und dass ihr Name auf dieser CD sein könnte …

Werner hatte Herrn Pachmeyer wegen Robert ordentlich Druck gemacht. Der Senior erwartete vom Bürgermeister, dass der alle Hebel in Bewegung setzte, um seinen Sohn so schnell wie möglich wieder freizubekommen. Pachmeyer hatte ohnehin schon alles getan, was in seiner Macht stand. Bei Mordverdacht ließ man Untersuchungshäftlinge nicht ohne Weiteres frei. Und die Indizien sprachen nun einmal alle gegen Robert Saalfeld.

Nun hielt auch noch Eva Krendlinger den Anwalt auf. Sie wollte, dass er Robert einen Brief von ihr mitnahm.

„Ich bin kein Postillon d’Amour“, knurrte Pachmeyer gereizt. „Das habe ich meinem Mandanten auch schon gesagt.“ Evas Miene wurde verlegen. „Es sind also doch Liebesbriefe“, stöhnte Pachmeyer. „Warum heißt es dann immer, das mit euch beiden sei schon lange vorbei?“

„Ich will Robert nur Mut machen.“ Der Anwalt griff nach dem Brief und machte Anstalten, ihn zu öffnen. „Das ist privat!“, protestierte sie.

„Es geht um alles oder nichts für den jungen Saalfeld“, schnaubte Pachmeyer. „Da ist nichts mehr privat. Wenn ich als sein Anwalt nicht alles weiß, kann ich ihm nicht helfen. Also, raus mit der Sprache: Was ist jetzt mit euch zweien?“

„Es war nur ein kleiner Kuss“, flüsterte sie.

„Seid’s narrisch?!“ Der Bürgermeister ging beinahe in die Luft. „Wollen Sie auch ins Gefängnis? Dann machen Sie nur weiter so. Wenn Sie und der junge Saalfeld wieder etwas miteinander haben, wird man Ihnen das nämlich als Komplizenschaft andichten. Dann sind Sie hochverdächtig und kriegen im Nullkommanichts auch eine Zelle – aber im Frauenknast!“

„Euch beiden ist nicht mehr zu helfen!“, empörte sich Pachmeyer weiter, als er Robert im Besucherraum des Gefängnisses gegenübersaß. „Der eine sitzt im Knast und will auf Kaution raus. Und die andere schleicht sich heimlich bis ans Gitter, und dann fallt ihr übereinander her …“

„Als Eva vor mir stand …“ Robert klang verträumt. Aber sein Anwalt legte keinen Wert auf Details.

„Hauptsache, ihr habt euch nicht erwischen lassen.“ Roberts Gesicht nahm einen zerknirschten Ausdruck an. „Wer hat euch gesehen?“, stöhnte Pachmeyer.

„Nur ein Gefängnisbeamter“, antwortete Robert.

„Ihr zwei macht euch alles kaputt mit eurem Leichtsinn“, erwiderte der Anwalt. „Wenn die Ermittler denken, ihr habt etwas miteinander, dann vermuten die auch, dass Sie Ihre Geliebte nur schützen wollten und deshalb die ganze Schuld auf sich genommen haben.“ Und dann war Eva Krendlinger wieder verdächtig.

Hildegard war zurück. Alfons hatte seine Hüft-OP gut überstanden und würde jetzt noch eine Weile in der Reha verbringen. Aber es war alles bestens verlaufen, und nun freute sich Frau Sonnbichler auch wieder auf die Arbeit in der Küche.

André erzählte ihr, was in ihrer Abwesenheit passiert war. Sie konnte es nicht glauben, dass Robert im Gefängnis saß. Es war doch vollkommen klar, dass der Junge unschuldig war. Sie lobte André für seine Idee, Lena Zastrow mit dem Bistro zu helfen und dort eine Suppenbar einzurichten. Und er bat sie, ob sie in Zukunft nicht das Suppekochen übernehmen könne. Sie verstand nicht recht, warum. Aber sie spürte, dass seine Bitte dringend war, beinahe verzweifelt. Und Hildegard konnte solche Bitten natürlich niemals abschlagen. Allerdings wollte sie wissen, ob es zwischen André und Lena Zastrow tatsächlich etwas Ernstes sei.

„Ich meine … Immerhin könnte sie Ihre Tochter sein.“ Der Chefkoch verzog das Gesicht.

„Danke, dass Sie mich daran erinnern“, bemerkte er sarkastisch. „Ich hätte es fast vergessen.“

„Es war nicht böse gemeint“, beteuerte Hildegard schnell. „Ich dachte nur …“

„Für mich ist es in jedem Fall etwas Ernstes“, erklärte er. „Und wie es aussieht, für Lena auch. Trotz des Altersunterschieds.“ Die beiden tauschten ein Lächeln.

„Ich drücke Ihnen die Daumen, dass es hält.“ Das meinte Hildegard von ganzem Herzen.

Nur kurze Zeit später wurde André von Barbara zum Gespräch gebeten.

„Im Bistro herrscht Hochbetrieb!“, warf sie ihm ärgerlich vor. „Muss ich dich daran erinnern, was du zu tun hast?!“

„Das Bistro sabotieren und Lena fertigmachen, damit sie vom Fürstenhof verschwindet“, leierte er gereizt herunter.

„Und warum merke ich davon dann nichts?“, fauchte sie. „Es ist Zeit, einen Gang höher zu schalten. Und wenn ich sehe, dass du dich nicht an unsere Absprache hältst – dann erfährt deine kleine Freundin stante pede, dass sie sich mit einem Heiratsschwindler eingelassen hat, dem es nur um ihr Geld geht. Sie wird dich verachten.“

Die ersten Kinder waren bereits da, und Eva wartete aufgeregt auf den Beginn der Lesung.

„Sie werden die Kinder bezaubern“, meinte Charlotte lächelnd. „Da bin ich mir ganz sicher.“ Da klingelte Evas Handy.

„Robert!“, rief sie freudig. „Wie geht es dir?“

„Ich muss dir etwas sagen …“ Er klang ernst und angespannt, aber Eva freute sich zu sehr über seinen Anruf, um das zu bemerken.

„Es ist so schön, dich zu hören! Ich muss ständig an dich denken.“ Sie senkte ihre Stimme. „Es ist alles so anders seit dem Kuss …“

„Der Kuss hat nichts zu bedeuten“, hörte sie ihn da sagen. „Das war ohne jegliches Gefühl. Und ich will dich nicht mehr sehen.“ Damit legte Robert auf. Völlig vor den Kopf gestoßen stand Eva da. Das konnte er doch nicht ernst meinen?!

„Schlechte Nachrichten?“ Charlotte hatte bemerkt, dass Eva wie in Trance ihr Handy einsteckte.

„Nein“, erwiderte sie schnell und behauptete, Robert habe ihr nur viel Glück für ihre Lesung wünschen wollen. Aber das konnte Charlotte nicht glauben.

„Eva wird mich dafür hassen.“ Robert war am Boden zerstört, nachdem er den Anruf getätigt hatte.

„Wäre es Ihnen lieber, sie würde auch eingesperrt?“, gab Pachmeyer zurück. „Jetzt tragen Sie’s mit Fassung!“

„Ich habe gerade der Frau, die ich liebe, gesagt, dass ich sie nie wiedersehen will!“, ereiferte sich Robert. Nun hatte er Eva endgültig verloren. Und dabei hatte er niemandem etwas Böses getan. Er war schlicht das Opfer einer schrecklichen Intrige.

„Vielleicht liegt über der Familie Saalfeld so etwas wie ein Fluch. So wie bei den Kennedys.“ Robert sah verzweifelt zu Boden.

Pachmeyer lachte abfällig. „Nur dass von eurer Familie keiner fürs Präsidentenamt kandidiert.“

„Vor allem hatten die mehr Geld und konnten sich bessere Anwälte leisten“, giftete Robert.

„Jetzt warten Sie mal den morgigen Haftprüfungstermin ab“, erwiderte Pachmeyer beleidigt. „Ich werde alles in meiner Macht Stehende versuchen, um Sie hier rauszuholen. Auch wenn das verdammt schwer wird.“

Obwohl Eva vollkommen durcheinander war, wurde die Lesung ein voller Erfolg. Die Kinder hingen an ihren Lippen – Emils Geschichte zog sie alle in ihren Bann. Eva kam im Anschluss kaum hinterher mit dem Signieren der Bücher.

Charlotte und Werner Saalfeld gratulierten ihr von Herzen. Wie gern wäre Robert heute dabei gewesen, da waren sich seine Eltern ganz sicher. Werner, der seinen Sohn gleich besuchen wollte, steckte auch ein Buch ein. Sicher würde sich Robert darüber freuen. Eva nickte nur stumm. Dann kam Markus und zog sie beiseite.

„Du warst großartig!“, lobte er sie überschwänglich. „Die Kids sind alle völlig aus dem Häuschen.“

„Ich habe mich doch wirklich total oft verhaspelt“, entgegnete sie unglücklich.

„Echt? Das hat aber niemand gemerkt.“ Er gab ihr einen liebevollen Kuss. „Das war ein Riesenerfolg“, stellte er dann fest. „Und den müssen wir feiern. Heute Abend? Im Restaurant?“ Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab.

Irgendjemandem musste sie sich anvertrauen. Natürlich bot sich ihr Bruder an. Jacob staunte nicht schlecht, als sie ihm erzählte, dass sie sich ins Gefängnis geschmuggelt hatte, um Robert zu sehen. Und dass die beiden sich durch die Gitterstäbe hindurch geküsst hatten.

„Der Kuss war unglaublich und jetzt …“ Eva brach ab.

„… sind alle Gefühle für deinen Ex wieder da?“, ergänzte er skeptisch. Sie nickte.

„Das Merkwürdige ist nur – er hat mich vorhin angerufen und behauptet, es hätte ihm nichts bedeutet. Er möchte mich nicht mehr sehen.“ Genervt atmete Jacob durch.

„Zum ungefähr hundertzwanzigsten Mal: Lass die Finger von ihm! Der Kerl tut dir nicht gut!“ Sie wollte protestieren, aber Jacob redete sich nun immer mehr in Rage. „Ich glaube nach wie vor an seine Unschuld. Und ich rechne es ihm hoch an, dass er sich wegen dieser Gewürzdose für dich geopfert hat, aber …“

„Das zeigt doch, dass er mich liebt, oder?“, fiel Eva ihm ins Wort.

„Und wieso stößt er dich dann zurück?“, fragte er. „Wenn du mich fragst, sind das Machtspielchen.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Eva, zieh endlich einen Schlussstrich unter die Sache!“, mahnte er. „Und werde glücklich mit dem Mann, der dich wirklich aufrichtig liebt – ohne Hin und Her und Wenn und Aber: Markus!“ Wenn sie nämlich so weitermachte, würde sie Markus verlieren und am Ende ganz allein dastehen. „Und soll ich dir etwas sagen? Es würde dir recht geschehen.“ Jacobs Worte verletzten sie. Ohne ein weiteres Wort ging sie davon.

Mit todunglücklicher Miene stand Sibylle vor ihrer Mutter. Sie hatte sich gerade einverstanden erklärt, Baron von Karrenburg zu heiraten.

„Kann ich mich darauf verlassen?“, fragte Jenny.

„Habe ich je mein Wort gebrochen?“, erwiderte Sibylle.

„Du hast dich sehr verändert in der letzten Zeit“, fand Jenny. „Ich kenne dich kaum wieder.“

„Hier konnte ich endlich ich selbst sein“, meinte Sibylle mit schmerzlichem Lächeln.

„Haben dir das deine neuen Freunde eingeredet?“, fragte ihre Mutter geringschätzig.

„Das war nicht nötig. Der Umgang mit normalen Menschen hat mir gezeigt, wie dekadent es in unseren Kreisen zugeht.“ Jenny verzog das Gesicht.

„Unsere Kreise haben dir ein sorgloses Leben ermöglicht“, stellte sie überheblich fest. „Eine erstklassige Ausbildung, Reisen, Pferde …“

„Ja, ja …“ Sibylle konnte das alles nicht mehr hören.

„Aufmüpfig und undankbar. Und das nach allem, was ich für dich getan habe.“ Jenny drückte nun auf die Tränendrüse. „Ich weiß, wie es ist, in Armut zu leben.

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