Logo weiterlesen.de
Die Lanze des Herrn

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. Erster Teil: Das Testament des Longinus
    1. Golgata
    2. Vatikan, Petersdom und Papstpalast, 2006 Heiligtum von Megiddo, 2006 Via Veneto, 2006
    3. Kairo, 2006 Wüste Sinai, 2006 Vatikan, 2006
  9. Zweiter Teil: ECCE HOMO
    1. Zug Kairo – Alexandria, 2006 Labor Axus Mundi, 2006 Wien, 2006 Vatikan, 2006
    2. Alexandria, Corniche und Bibliothek, 2006 Labor Axus Mundi, 2006 Wien, 2006
    3. Labor Axus Mundi, 2006 Hotel Cecil, 2006 Vatikan, 2006 Wüste Sinai, 2006
    4. Katharinenkloster, Berg Mose, 2006 Djebel Katharina, 2006 Labor Axus Mundi, 2006
  10. Dritter Teil: Und die Wüste erblüht aufs Neue
    1. Akko, 1291 Komturei Saint-Clair-sur-Epte, Frankreich, 1307
    2. Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo, 2006
    3. Kloster der Stillen Schwestern, Bethlehem, 2007 Atombunker, Vatikan, 27. 10. 2007 Insel Santorini, 27. 10. 2007
  11. Epilog
  12. Dank

Über dieses Buch

Als bei Ausgrabungsarbeiten in der Nähe des Vatikan ein Pergament gefunden wird, das besagt, dass die echte »heilige« Lanze im Sinai zu finden ist, entsendet der Vatikan eine Gruppe von Archäologen. Tatsächlich stoßen die Männer auf die Reliquie. Im nächsten Moment werden sie von einem Killerkommando kaltblütig umgebracht. Die Lanze verschwindet. Judith, Kunsthistorikerin im Vatikan, wird nach Kairo geschickt, wo sich der Archäologe aufhält, der als einziger den Anschlag überlebt hat. Vor seinem Tod kann er Judith nur noch zwei Worte zuflüstern: »Axus mundi« ... Ein spannender Thriller, der an die Grenze des Vorstellbaren geht!  

Über den Autor

Arnaud Delalande ist Drehbuchautor und Schriftsteller. Sein Erstlingswerk »Notre Dame sous la terre« (1998) wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Weitere Werke von Arnaud Delalande sind »L´Eglise de Satan« (2002) und »La Musique des Morts« (2003). Sein 2007 erschienener historischer Thriller Die Dante-Verschwörung wurde in viele Sprachen übersetzt und mit Arturo Pérez-Revertes Club Dumas verglichen.

Arnaud Delalande

Die Lanze
des Herrn

Roman

Aus dem Frazösischen von
Gaby Kirn

Prolog
Djebel Katharina, 2006

Der Soldat neben Judith half ihr, eine kugelsichere Weste anzulegen. Unter dem wattierten blauen Kleidungsstück verschwand das kleine silberne Kruzifix, das sie um den Hals trug. Ein anderer Soldat setzte ihr Kopfhörer auf und befestigte ein Mikrofon an ihrer Brust. Sie wäre beinahe erschrocken aufgefahren, als sie es rauschen hörte wie in einem kaputten Radio. Es war der Rückkoppelungseffekt, dann wurde der Ton langsam klarer. Jetzt hörte sie deutlich eine Stimme. »One, two, three. One, two, three. Hören Sie mich?«

Sie nickte, plötzlich sehr blass geworden. Was machte sie bloß hier in der Wüste, auf diesem Plateau am Rande eines Geröllfeldes, das so aussah, als würde es sich jeden Moment über sie ergießen und für immer und ewig begraben? Doch sie träumte nicht, alles war Wirklichkeit. Ein Soldat hielt ihr einen Helm hin. Sie nahm ihn, bemüht, das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu bringen. Ohne von ihrer Angst Notiz zu nehmen, half er ihr, den Helm aufzusetzen und den Riemen unter dem Kinn zu befestigen. Sie sagte sich, dass sie in diesem Aufzug ganz schön lächerlich aussehen musste. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

Man sage mir, dass ich träume, dass ich gleich die Augen aufmache und in meinem Bett liege, dachte sie.

Das geschäftige Treiben um sie herum kam ihr plötzlich völlig unwirklich vor. Schwankend drehte sie sich um ihre eigene Achse. Die Truppen überprüften ihre Ausrüstung. Einer der Elitesoldaten hatte gerade seine beiden Revolver in der Hand, Glock 26, neun Millimeter, Halbautomatik mit je zwölf Schuss. Dann ließ er sie in die Halfter auf beiden Hüften gleiten. Scharfschützen und Soldaten ägyptischer Sondereinheiten stiegen mit Faustwaffen und Sturmgewehren bestückt etwas weiter unten aus ihren Jeeps.

Eine warme Bö bestätigte Judith, dass sie sehr wohl hellwach war. Sie wollte protestieren, als sie fühlte, wie ihr jemand unsanft einen Gürtel um die Taille legte. Sie ließ ihren Blick über die Berge schweifen, die braunen und orangefarbenen zerklüfteten Gipfel vor dem blauen Himmel. Da tauchte plötzlich einer der Verantwortlichen der Operation, die passenderweise »Act of God« genannt worden war, vor ihr auf. Der Hauptmann, um die fünfzig, mit mattem Teint und rasiertem Schädel, sah sie durchdringend an. Er überzeugte sich, dass ihr Gürtel und ihre Weste richtig saßen, und hielt ihr anschließend einen Revolver hin.

Judith traten fast die Augen aus dem Kopf. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Er sagte in einfachem Englisch:

»For your own safety! Sie werden zwar das Gelände nicht betreten, solange es nicht in unserer Hand ist. Sie bleiben schön hier oben, wo Sie geschützt sind, und warten, bis wir Ihnen grünes Licht geben. Aber man kann nie wissen. Es wird ganz schön hoch hergehen, Schwester. Und mir ist der Gedanke lieber, dass Sie sich verteidigen können, selbst wenn Sie fünfhundert Meter vom Geschehen entfernt sind. Wie gesagt, wir geben Ihnen ein Zeichen, wenn der Weg frei ist!«

Judith hätte ihm gern erklärt, dass sie ebenso wenig Nonne war wie er Mönch. Doch es war eindeutig weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt. Der Hauptmann wusste, dass sie vom Vatikan entsandt worden war, und somit war sie für ihn automatisch eine Nonne. Er zeigte ihr, wie man die Waffe entsicherte, lud und abfeuerte. Sie begann zu zittern. Als er sah, dass sie nicht in der Lage war, die Pistole richtig in die Hand zu nehmen, schob er sie in den Halfter ihres Gürtels, ohne sie groß zu fragen. Dann sagte er:

»Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben Erfahrung mit solchen Operationen.«

Act of God, ging es ihr durch den Sinn.

Nicht weit von ihr wurden die Waffen für den Angriff von einem Militärlastwagen geladen. Judith lief ein Schauer über den Rücken. Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Der Hauptmann erteilte inzwischen den Soldaten Befehle. Kleine Trupps schwärmten aus, Feldstecher in der Hand, und nahmen ihre Positionen ein, auf dem Nachbarfelsen oberhalb des kleinen Palmenhains oder auf dem Hügelkamm, von wo aus ihr Einsatzort sichtbar war. Der Rest der Truppe ging noch einmal die verschiedenen Etappen der Erstürmung durch. Judith saß unverändert bleich und schwindelig da, als der Hauptmann erneut zu ihr trat und sie aufforderte, alles, was sie dabeihatte, in den schlichten Pappkarton zu legen, den er ihr hinhielt.

Sie nahm ihr Silberkreuz ab, legte ihre Brieftasche in die Schachtel und suchte mühsam unter ihrer Weste nach dem Mobiltelefon in ihrer Jackentasche. Dabei rutschte ihr der Helm leicht ins Gesicht. Plötzlich klingelte es. Judith spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. Nach einem Blick auf die Nummer gab sie dem Hauptmann ein Zeichen.

Sie drückte auf den Knopf und meldete sich mit tonloser Stimme: »Judith Guillemarche.« Im Herzen dachte sie: ›Ja, ich heiße Judith Guillemarche und, Herr im Himmel, hier habe ich wahrlich nichts verloren!‹ Dann hörte sie aus weiter, weiter Ferne die Stimme von Kardinal Lorenzo, dem Direktor der Vatikanischen Sammlungen.

»Wo sind Sie? Ist alles in Ordnung?«

Im Tal schien sich plötzlich eine Totenstille auszubreiten. Judith nahm nur noch den glühenden Wind auf ihrer Wange wahr. Ihre Lippen waren ausgetrocknet. Die Welt hielt den Atem an. Dann gab der Hauptmann das Signal zum Abmarsch. Die vierzig Soldaten setzten sich wie ein Mann in Bewegung und stiegen unter gegenseitigen Ermunterungen in ihre Fahrzeuge. Die Motoren dröhnten, Staubwolken wirbelten in die Höhe.

Zwei Soldaten packten Judith an den Armen und drängten sie, sich ebenfalls in Gang zu setzen. Die Landschaft tanzte vor ihren Augen, während sie ausrief:

»Nein, nichts ist in Ordnung! Hier ist gar nichts in Ordnung!«

Der Hauptmann entriss ihr das Telefon.

Oh mein Gott, mein Gott, das kann doch nicht wahr sein!, dachte sie.

Ihre Augen öffneten sich weit vor Entsetzen.

Es war zu spät. Es gab kein Zurück.

Erster Teil

Das Testament des Longinus

1. Kapitel

Golgatha

Ecce virgo in utero habebit et pariet filium et vocabunt nomen eius Emmanuel quod est interpretatum Nobiscum Deus.

Matthäus (1,23)

Es geschah an einem Freitag. Der Himmel leuchtete zuerst in grellen Farben, dann legte sich ein trüber Schleier darüber. Ab elf Uhr türmten sich die Wolken über Golgatha. Auf dem Hügel hatten sich tausend Menschen versammelt, um das Schauspiel mitzuerleben. Es hatte sich beinahe den ganzen Tag hingezogen. Nun näherten sich die furchtbaren Stunden ihrem Ende.

Ein sechs Meter hohes Kreuz stand auf dem Hügel. An diesem traurigen spitzen Pfeil, der wie ein Riss in der Dämmerung war, hing mit gesenktem Haupt und ausgebreiteten Armen, winzig unter dem düsteren Himmelsgewölbe, Er. Seine übereinanderliegenden Beine bildeten einen seltsamen Winkel.

Ecce homo. Der Schmerzensmann.

Longinus betrachtete den Gekreuzigten. Er schien auf ihn zu warten, der Schattenriss vor dem dunklen Saum des Äthers und den Bergen, die sich vor dem fahlen Licht abzeichneten. Der Legionär trug Helm, Schild und Rüstung unter der roten lederbesetzten Tunika, dazu Beinschoner und Sandalen. Sein großes Schwert und seinen Speer hatte er abgelegt, an seiner Linken hing ein Dolch. Seine Lanze, das Machtsymbol des Herodes Antipas, hielt der würdige Vertreter des Prokonsuls Pontius Pilatus und der Tempelgarde schräg vor der Brust.

Du, Lanze des Herodes Antipas! Pfeil des Tetrarchen und der Prokonsuln! Emblem der Allmacht Roms, jener anderen Göttin der Welt.

Schwer lag die Lanze im Arm des Legionärs. Sie war über einen Meter fünfzig lang und mit einer besonders scharfen Metallspitze ausgestattet. Auf ihrem schwarzen Schaft brach sich schimmernd das Licht, obwohl die Sonne nicht schien. Er bestand aus mehreren ineinandergesteckten Teilen. Zusammengeschoben hätte man die Waffe für einen Knüppel halten können. Longinus prüfte ihr Gewicht und ließ sie durch seine Handfläche gleiten. Die gefährliche Eisenspitze steckte in einem eisfarbenen Ring. Darunter waren zwei bewegliche Klingen mit feinen silbernen Spitzen angebracht, die sich öffneten, sobald die Waffe ihr Opfer durchbohrte. Auf der Mitte des Griffs wölbte sich die Figur eines Adlers, seine Flügel standen auf beiden Seiten hervor. Je drei goldene Ringe rahmten das Herrschaftssymbol oben und unten ein. Longinus hielt die Lanze jetzt himmelwärts gerichtet. Dann klemmte er sie sich unter die Achsel und ritt unter den dunklen Wolken weiter.

Er, der sonst stolz unter dem Befehl seines Hauptmanns vorwärtsstürmte, musste sich nun mit seinen Kameraden dem Unwetter stellen. Kaum hatten sie das Ephraimtor passiert, packte sie der Sturm. Hinter ihnen kamen die sechs Henker mit Leitern, Planen, Seilen und Stangen, mit denen die Beine der Hingerichteten gebrochen werden sollten. Als sich Longinus den drei Gekreuzigten näherte, ergriff ihn plötzlich eine innere Unruhe.

Beim Gedanken an das, was ihm bevorstand, verfinsterte sich sein Gesicht. Wegen seiner kantigen Gesichtszüge und seinem leichten Schielen machten sich der Centurio Abenadar und seine Hauptleute, aber auch die einfachen Soldaten häufig über ihn lustig. Longinus stammte aus Kappadozien und war oft versetzt worden, bis er schließlich in Jerusalem gelandet war. Zur Tempelgarde zu gehören, war sicher nicht der schlechteste Posten, denn der Tempel war ein sehr prächtiges Bauwerk. Nichts war schöner als der violette Morgendunst über den Bergen von Moab, der den Lauf der Sonne begleitete, bis sie zärtlich die Marmorzinnen des Heiligtums berührte. Jedenfalls bei schönem Wetter. Heute, an diesem finsteren Tag, war es eine ganz andere Sache. Longinus war gerade fünfundzwanzig, aber er hatte bereits viel Gewalt und Unglück erlebt. Er wusste auch, dass die politische Lage in Jerusalem besonders verwickelt war. In diesem unruhigen Landstrich, wo die Prophezeiungen nicht abrissen und wo man tagtäglich auf den Messias wartete, war es keine einfache Aufgabe, Gesetz und Ordnung den erforderlichen Respekt zu verschaffen.

Von diesem Jesus aus Nazareth hatte Longinus schon gehört, bevor er heute einen Teil seiner Qualen miterlebt hatte. Es gab Leute, die wirklich glaubten, er sei der Sohn eines Gottes. Es hieß, er lege keinerlei Wert auf Reichtum und Ehre. Sogar die Händler im Tempel und die Priester im Hohen Rat habe er zurechtgewiesen. In den Bergen hatte er große Volksmassen um sich geschart, die seinen Predigten lauschen wollten. Auch Wunder hatte er angeblich vollbracht, Wasser in Wein verwandelt, Brotlaibe vermehrt, Blinde sehend gemacht und Lahme zum Gehen gebracht. Ob das wohl alles stimmte? Longinus wusste es nicht. Vielleicht war dieser Mann nur ein Schwindler, ein gefährlicher Revolutionär oder einfach ein Scharlatan, wie seine Feinde behaupteten. Dem Legionär kam es allerdings so vor, als sei er anders als die anderen Menschen. Auf dem Weg zur Kreuzigung hatte er ihn kein einziges Mal klagen oder protestieren hören. Er hatte seine Strafe auf sich genommen, ohne Schwäche zu zeigen – das Kreuz, die Dornenkrone, den Purpurmantel, die Steine, die man nach ihm geworfen hatte, und die Hohnlieder. Vielleicht war es dieses rätselhafte Verhalten, das Longinus am meisten beeindruckt hatte.

Unleugbar hatte es ihn, den sonst so unerbittlichen Legionär, seltsam berührt, als er Zeuge wurde, wie der charismatische Mann aus Nazareth sich am Kreuz vor Qualen wand und zugleich einem Gott dankte, den er »mein Vater« nannte. Empfand er … Mitleid für ihn? Jedenfalls hatte Longinus in dem Glauben, mit dem der angebliche Messias aller Welt trotzte, ein Feuer gespürt, das ihn beflügelte. Aber nicht den Soldaten in ihm. Nein, er hatte vielmehr das Gefühl, eine Form von Größe erlebt zu haben, die er bisher nicht gekannt hatte. Mitten in der schreienden Menge hatte er Scham empfunden. Scham darüber, dass er an dieser ziemlich überstürzten Hinrichtung beteiligt war. Aber er empfand auch Scham darüber, dass er sich schämte. Denn er, Longinus, stand im Dienste Roms. Als der Gepeinigte unter der Last seines Kreuzes hinstürzte, wäre er ihm beinahe zu Hilfe geeilt. Er hätte ihm gern zu trinken gegeben, als er darum bat. Ganz gleich, was Rom oder der Tempel von diesem Menschen hielten, er hatte Achtung verdient. Longinus konnte sein tiefes Unbehagen nicht verleugnen, selbst wenn es im Widerspruch zu seinem sonstigen Verhalten stand.

Als sie den Hügel erreicht hatten, traten Jesu Begleiter zurück. Einige römische Soldaten lehnten an einem Erdwall, ihre Lanzen neben sich aufgepflanzt, und unterhielten sich mit ihren Kameraden, die weiter unten standen. Die heiligen Frauen baten Johannes, bei den Soldaten zu erwirken, dass die beiden Räuber zuerst an die Reihe kamen. Der Weg auf den Hügel war so schmal, dass man nur schwer zu Pferde hinaufkam. Longinus und die Soldaten stiegen ab. Die Henker nahmen die Leitern, um zu den Räubern hinaufzusteigen.

Als Longinus hörte, wie ihre Knochen brachen, überfiel ihn jäh Übelkeit. Er war zwar römischer Soldat, und Kreuzigungen waren in Jerusalem an der Tagesordnung. Doch Tag für Tag die Leichen von Verbrechern in Gruben zu werfen, in denen schon die verwesenden Leichname vom Vortag lagen, war eine äußerst widerliche Aufgabe. Immer wenn Longinus damit betraut war, rief er sein Pflichtgefühl und die Überzeugung zu Hilfe, dass die römischen Behörden gerecht waren. Nur so konnte er sich wappnen. Er zwang sich, nicht an die Leichen zu denken. Er hielt sogar den Atem an, vielleicht um seinen Abscheu im Zaum zu halten, vor allem aber, um nicht darüber nachzudenken, was er tat. Bald würden auch die beiden Räuber in das Tal zwischen Golgatha und der Stadtmauer geschleift werden, um dort zu den anderen Hingerichteten geworfen zu werden.

In diesem Augenblick brachen ihnen die Henker mit den Eisenstangen die Arme oberhalb und unterhalb der Ellbogen. Die Räuber heulten auf vor Schmerz. Dem Legionär gefror das Blut in den Adern. Dann brach man ihnen die Beine. Longinus hörte das Zersplittern der Schienbeine und Oberschenkel, die Schläge, mit denen man den Brustkorb zerschmetterte. Er hörte das kurze Keuchen seines Kameraden, der die Körper an verschiedenen Stellen mit der Lanze durchbohrte, um sicherzugehen, dass sie tot waren. Dann band man die Leichen los. Sie stürzten zu Boden.

Nun drehten sich alle zu ihm um.

»Los, Longinus, worauf wartest du noch? Knöpf’ dir den Dritten vor!«

Mit diesem Leichnam sollte anders verfahren werden. Ein Mann namens Joseph von Arimathia hatte von Pontius Pilatus erwirkt, dass ihm nicht die Glieder gebrochen wurden. Nun war es Longinus’ Aufgabe festzustellen, dass der Gekreuzigte auch wirklich tot war. Der Legionär ergriff seine Lanze und ließ sie durch die feuchte Hand gleiten. Es fiel ihm schwer, die Begeisterung seiner Kameraden aufzubringen. Lag das wirklich nur an dem Sand, den ihm der verdammte Sturm in den Mund blies, und an dem Wind, der ihm unaufhörlich in den Ohren heulte?

Seine Kehle war wie zugeschnürt, als er langsam den Hügel hinaufschritt.

Vor ihm hing der Gekreuzigte. Er stand in seinem Schatten.

Longinus machte noch einige Schritte auf ihn zu.

Er ist schon tot!, dachte er.

Oft gaben die Hingerichteten erst nach zwei oder drei Tagen den Geist auf. Aber die körperlichen und seelischen Qualen des Mannes aus Nazareth und seine große Angst vor dieser letzten Aufgabe hatten seinen Tod in weniger als fünfeinhalb Stunden herbeigeführt. Longinus war erleichtert. Er würde diesen Menschen nicht umbringen müssen, brauchte ihm nicht den Todesstoß zu geben. Dieser Gedanke war ihm, seltsamerweise, unerträglich gewesen.

»Er ist schon tot!«, sagte er zu den anderen gewandt und bemühte sich, seine Erleichterung zu verbergen.

»Bist du dir auch ganz sicher?«, fragte der Gardehauptmann.

»Los! Bringen wir’s zu Ende«, sagte ein anderer.

Longinus biss die Zähne zusammen. Er fluchte, dann lächelte er zum Schein.

Er wandte sich wieder dem Toten zu.

Dann holte er tief Luft, sorgte dafür, dass er festen Halt hatte, indem er leicht das Knie einknickte, um die Schräge des Hanges auszugleichen, und stieß zu, beide Hände fest um die Lanze gelegt. Kraftvoll. Präzise. Wie man es ihm beigebracht hatte.

Schon tausendmal hatte er diese Bewegung ausgeführt.

Er reckte die Arme, so weit er konnte. Als die Lanzenspitze die Haut zerriss und in die rechte Seite eindrang, verzog er das Gesicht. Die silbernen Widerhaken öffneten sich. Dann drang die Waffe tief ein, bis zum Herzen. Da er von unten stoßen musste, hatte der Legionär sie unter den Rippen entlang geführt, durch den Leib und die lebenswichtigen Organe, ohne auch nur einen Knochen zu verletzen. Durch den Stoß wurde der Gekreuzigte ein wenig angehoben.

Longinus dachte bei sich: Bist du nun tot, bist du auch wirklich tot?

Ja, Jesus war tot, aber der Lanzenstoß hatte zu einer jähen Erschütterung des Leichnams geführt. Der Kopf senkte sich zu dem Legionär hin. Der Mund stand offen und plötzlich …

Dieser Augenblick sollte Longinus für immer im Gedächtnis bleiben.

Christus öffnete die Augen.

Es dauerte nur einen Moment, einen ganz kurzen Moment. Die Lider hatten sich geöffnet und wieder geschlossen.

Ihre Blicke hatten sich gekreuzt, und eine Sekunde lang hatte Longinus geglaubt, dass er sehr wohl noch am Leben – oder aus dem Jenseits zurückgekehrt war.

Er brach in kalten Schweiß aus. Seine Bestürzung war grenzenlos. Und die quälende Scham war wieder da …

Er zitterte. Nur mit Mühe konnte er die Lanze zurückziehen, als leistete das Fleisch Widerstand. An der blutigen Spitze hingen Hautfetzen. Aber da war noch mehr …

Der Legionär zog die Brauen zusammen. Wasser? Mit Blut vermischtes Wasser lief an Jesu Seite herunter! Das war unmöglich! Er wagte nicht, die Stelle zu berühren. Wieder hob er die Augen zu dem Leichnam. Von hinten näherten sich seine Kameraden. Überrascht spürte er, wie sie ihm ermutigend auf die Schulter klopften. Er gab vor, sich zu freuen. Die Zufriedenheit der Pflichterfüllung …

Nicht weit von ihm, unter einem Felsvorsprung vom Wind geschützt, beobachteten ihn schweigend die trauernden Frauen.

Longinus zitterte immer stärker.

Träumte er? Jesus sah auf einmal so friedlich aus. Seine Züge waren seltsam entspannt.

Bei allen Göttern … und wenn … und wenn … es nun wirklich Er war?

Longinus trat ein paar Schritte zurück. Er spürte, wie er körperlich und seelisch ins Wanken geriet. Seine Beine trugen ihn nicht mehr, sein Verstand versagte.

»Was ist denn mit dir los?«, brummte sein Hauptmann, noch immer lachend. »Du siehst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!«

Er war nicht in der Lage, ihm eine Antwort zu geben.

Unter dem Felsvorsprung stand Jesu Mutter und blickte zu ihm herüber. Sie sahen sich an. Longinus fühlte, wie er in diesem leidvollen Blick versank, in dessen Pupillen ein Sternenhimmel zu leuchten schien. Er hatte sogar kurz das Gefühl, als gehöre er sich selbst nicht mehr, als sei sein ganzes Wesen plötzlich von diesem Blick aufgesogen worden. Er wandte den Blick ab. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

Bald stand nur noch ein einzelnes Kreuz da, von wenigen Soldaten bewacht, zu denen auch Longinus gehörte. Die Diener Josephs von Arimathia, die das Grab vorbereiten sollten, kamen auf den Hügel gestiegen, um Maria und ihren Freunden zu sagen, dass Pontius Pilatus ihrem Herrn den Körper des Gekreuzigten überlassen und ihm die Genehmigung erteilt habe, ihn in einem neuen Grab zu bestatten. Johannes und die heiligen Frauen begaben sich in die Stadt, damit sich Maria auf dem Berg Zion ausruhen konnte. Longinus erhielt den Befehl, vor Ort zu bleiben, bis der Leichnam abgeholt worden war. Er zog sich zurück und setzte sich auf einen Stein unter dem Felsvorsprung, wo sich noch kurz zuvor Maria aufgehalten hatte. Nervös spielte er mit einem Lederriemen, den er ständig zusammen-und wieder auseinanderrollte. Er löste den Riemen seines Helms, der gegen sein Kinn drückte, nahm den Helm ab, legte ihn auf einen Felsen und barg den Kopf in den Händen.

Mit leicht geöffnetem Mund blickte er ins Leere.

Hör mal, Soldat! Du wirst doch nicht auch noch anfangen, an diese Märchen zu glauben? Er schüttelte den Kopf, ohne zu verstehen. Widersprüchliche Gedanken gingen ihm durch den Sinn. Er sah sich selbst wie einen Dummkopf dort im Staub sitzen, in seinen Umhang gehüllt, und fürchtete plötzlich, sich selbst fremd zu werden. Dabei war es so, als wäre alles für diesen Augenblick vorbereitet gewesen. Er führte einen inneren Kampf, von Gefühlen heimgesucht, die er nicht in den Griff bekam, und versuchte vergebens das Zittern zu unterdrücken, das seinen ganzen Körper erfasst hatte. Der Kopf tat ihm weh. Haben wir wirklich … einen Messias getötet? War das der Messias?, fragte er sich. Bald wies er den Gedanken von sich und lachte unwillkürlich ungläubig auf, bald packte ihn das blanke Entsetzen bei dem Gedanken an das, was geschehen war. Hatte er die Götter beleidigt? Die Götter … den Gott?

Was geschah nur mit ihm?

Er rang um Fassung.

Bruchstücke von Geschichten, die man ihm erzählt hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Über die Erlösung der Menschheit … die Predigten. Ich bin das Alpha und das Omega … die Letzten werden die Ersten sein … von dem geheimnisvollen himmlischen Reich, das die Gerechten und Gepeinigten für alle Zeit aufnehmen würde … Longinus hatte Mühe zu schlucken. Diese Augen, als er mit der Lanze zustieß! Bei dem Gedanken an diesen Moment, der in einen bösen Traum zu gehören schien, überfiel ihn noch größere Angst. Wird es eines Tages heißen, dass ich derjenige war, der dem Messias den Gnadenstoß gab? Dass ich am Tag seiner größten Qualen als Letzter die Hand gegen ihn erhoben habe? Er sträubte sich mit aller Macht gegen den unerträglichen Gedanken.

Seit er zur Tempelwache gehörte, hatte er dem Imperium treu gedient. Er hatte auf Männer und Frauen eingedroschen, sie geschlagen und geohrfeigt, damit die Ordnung und die Pax Romana respektiert wurden. Longinus war nicht besonders stark, aber groß gewachsen und geschickt im Umgang mit dem Speer, obwohl er keine guten Augen hatte. Es war für ihn aber immer Ehrensache gewesen, nicht hinter den anderen zurückzustehen. Manchmal hatte er seiner Aggressivität freien Lauf gelassen, was ihm den Ruf eines brutalen Kerls eingebracht hatte, doch getötet hatte er noch nie. Außer wenn er Hingerichteten den Gnadenstoß gab, so wie heute. Dann verkürzte er ihr Leiden. Beinahe eine edle Aufgabe. Und außerdem! Soldat war schließlich Soldat! Es war sein Beruf, seine Aufgabe, Krieg zu führen. Seit wann musste man über Dinge, die so klar waren, diskutieren? Hatte Longinus nicht erlebt, wie der goldene Adler des Imperiums vor dem Kolosseum in der Sonne strahlte? Hatte er nicht mit eigenen Augen den Imperator vorbeiziehen sehen, an einer Volksmenge, die tausendmal so groß wie die der Anhänger Jesu war, dieses Pack, das sich auf dem Berg versammelte, um seinem Propheten zu lauschen? Selbst wenn er eigenhändig tausend Menschen getötet hätte, so hätte er nur seine Pflicht getan.

Ja, aber hier und heute … von welchem Krieg faselst du eigentlich? Kannst du mir das sagen, Longinus?, fragte er sich.

Er richtete sich auf, die Fäuste geballt, das Gesicht verzerrt.

»Er war tot!«, schrie er. Einen Augenblick lang überfiel ihn Furcht, dass die anderen noch in der Nähe waren, ihn vielleicht gehört hatten, aber niemand sah ihn an, niemand rührte sich.

Hörst du mich?, sagte er wieder, wie um sich zu überzeugen. Er war schon tot! Du hast es doch gesehen, du hast es selbst gesagt! Seine Augen waren jetzt blutunterlaufen, seine Züge wie ausgelaugt von dem Sandsturm. Seine Hautfarbe schien verändert. Er sah plötzlich aus wie ein Eremit, ein Mann der Wüste. Er konnte sich nicht beruhigen. An Fragen war er nicht gewöhnt. Entscheidungen hatte er immer seinen Vorgesetzten überlassen. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er sich fragte: Und jetzt? Was soll ich tun? Wie entscheide ich mich richtig?

In diesem Moment sah er, dass sie sich näherten.

Maria bildete die Spitze. Feierlich schritt die Prozession voran, niemand sprach ein Wort. Der Anblick brachte den Legionär endgültig aus der Fassung. Langsam erhob er sich, seine Augen reibend. Als er seinem Vorgesetzten, dem Centurio Abenadar, entgegenging, der sich ebenfalls näherte, erschienen ihm seine Glieder unendlich schwer.

Inzwischen waren Joseph und Nikodemus auf Leitern gestiegen. Sie hielten ein großes Tuch, an dem drei kräftige Riemen befestigt waren. Dieses schoben sie Jesu unter die Achseln und um Knie und Arme, um seinen Leib zusammenzuschnüren. Mit dem Leintuch hielten sie die sterbliche Hülle an den Balken fest. Zuerst zogen sie die Nägel aus den Handgelenken, dann entfernten sie den Nagel, mit dem man die Füße durchbohrt hatte. Währenddessen erstattete Longinus seinem Vorgesetzten zerstreut und mit monotoner Stimme Bericht. Es fiel ihm schwer, die Augen von der Kreuzabnahme abzuwenden, sein Kopf drehte sich unwillkürlich ständig dorthin. Plötzlich hielt er mitten im Satz inne, und Abenadar sah zu seinem Erstaunen, dass Longinus ihn stehen ließ und sich entschlossenen Schrittes dem Kreuz näherte.

Mit klopfendem Herzen sammelte er einen nach dem anderen die Nägel auf, ohne zu begreifen, was er tat, und legte sie Maria zu Füßen.

Die Mutter des Heilands sah ihn traurig und dankbar an.

Stück für Stück ließen die Freunde Jesu seinen Leichnam liebevoll und behutsam, als fürchteten sie ihm wehzutun, mit Hilfe des Tuchs herab, bis er auf der Erde lag. Dort umhüllte man ihn von der Taille bis zu den Knien. Die Männer rieben ihm die Stirn mit einem Lappen ab. Dann legten sie ihn seiner Mutter in die Arme. Zitternd trat Longinus zurück. Den Verweis Abenadars hörte er nicht.

Er hatte nur Augen für Maria, und das Herz wurde ihm schwer.

Erinnerungen stiegen in ihm auf, und er meinte, teilweise zu begreifen, was in ihm vorging. Hatte er nicht vor seiner Abreise aus der Heimat den Tod seiner geliebten Frau und kleinen Tochter miterleben müssen? Die damalige Traurigkeit hatte ihn jetzt wieder überfallen, und wirre Bilder suchten ihn heim. Eine ausgestreckte Hand, ein verletztes Gesicht – Bilder, die er für immer hatte vergessen wollen. Und nun verschmolzen sie mit der Szene vor seinen Augen, dem Echo seiner eigenen Geschichte. Er stellte sich vor, wie alles Leid der Welt über sie hereinbrach, und seine plötzliche Vision war ein Aufruf zu Vergebung und Erlösung, dem er sich nicht entziehen konnte.

Er sah Maria an und versuchte, ihr Geheimnis zu ergründen, denn auch über diese Frau waren Legenden im Umlauf. Es hieß, ein Engel habe sie besucht, als sie noch keine fünfzehn Jahre alt war. Besucht von einem Engel und geschwängert von … niemandem! So hatte sie inmitten der Wüste die Last der Welt getragen. Ecce virgo in utero habebit et pariet filium et vocabunt nomen eius Emmanuel quod est interpretatum Nobiscum Deus. – Seht die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. Ein Kind ohne Vater … war so etwas überhaupt möglich?

Sie saß auf einer Decke, die man über Felsen und Sand ausgebreitet hatte. Hinter ihr lagen Mäntel. Die Männer legten Jesu Leichnam auf das große Leintuch, das ihren Schoß bedeckte. Der Kopf des Gekreuzigten ruhte auf ihren Knien, von einem Kissen gestützt. Mit tränenverschleierten Augen streichelte sie ihn, bedeckte ihn weinend und lächelnd mit Küssen. Dann flüsterte sie ihm Dinge ins Ohr, die nur ihm etwas sagten. Erinnerungen an Bethlehem, Nazareth und Galiläa. Während sie ihren Sohn ans Herz drückte, dachte sie ohne Zweifel an alles, was bei seiner Geburt geschehen war, an das Kind, das sie einst in einer märchenhaften Nacht im Arm gehalten hatte, unter dem Blick der Könige. War sie die Auserwählte, die Himmelspforte, der Morgenstern? Sie hatte die Frucht getragen und nun lag ihr Sohn hier, furchtbar gemartert, mit offenen Wunden. Sie zitterte am ganzen Leib.

»Sie haben dir so großes Leid angetan, mein Sohn, so großes Leid …«

Sie streichelte ihn noch immer, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Ihre zitternden Hände bedeckten seine Lider, strichen ihm über die Stirn, spielten mit seinen Haaren. Dann hob sie den Kopf und wieder traf ihr Blick den des Longinus.

Erstaunt sah sie den Soldaten an, der bleich und steif vor ihr stand.

Dann schien ein neues Licht in Marias Augen aufzuleuchten.

Als sie ihre langen Wimpern senkte, wusste Longinus, was er zu tun hatte.

Er sah auf seine Lanze, die er immer bei sich trug. Die Lanze, befleckt von dem Blut, das Joseph von Arimathia gerade in einem roten Gefäß mit blauem Rand auffing. Longinus wickelte die Spitze der Waffe in ein Tuch, das mit Salben getränkt war, wie man sie zum Einbalsamieren verwendete.

Lange nachdem Jesu Freunde den Leichnam weggebracht hatten, kauerte sich Longinus hin und blieb mehrere Stunden regungslos sitzen. Maria war mit wehendem Gewand aufgestanden und hatte sich entfernt. Er sollte sie nie wiedersehen.

Der Legionär lauschte auf die Stille und den großen Tumult in seiner Seele.

Das Kreuz war entfernt worden, Christus war in ein Leichentuch gewickelt und bestattet worden, aber Longinus schaute noch immer auf den Hügel von Golgatha. Die wenigen Menschen, die vorübergingen, fragten sich, was dieser römische Soldat da wohl machte, zwischen der Verbrechergrube und dem Hügel, den Gräbern und den Ölbäumen. Er schien nicht in dieser Welt zu weilen.

Lag es an der heftigen Erregung, oder konnte er tatsächlich plötzlich scharf sehen? Er hatte das Gefühl, so klar zu sehen wie noch nie in seinem Leben.

Der Geist Gottes war vorbeigegangen.

Da stand Longinus endlich auf.

Einige Zeit später desertierte er aus der römischen Armee. Seine Lanze nahm er mit. Als er hörte, Christus sei aus dem Grab auferstanden, bestärkte ihn das nur in seiner Überzeugung. Er hatte sich nicht geirrt. Die Lanze war jetzt heilig. Sie durfte nicht in falsche Hände geraten. Sie musste Gott dargebracht werden. Er fasste den Plan, sie in einer geweihten Kapelle in der Nähe der Heimatstadt Jesu zu verbergen.

Es war die erste feierliche Handlung, der Beginn der Rituale, die erste Kommunion. Er wickelte die Lanze mit größter Sorgfalt ein. Am Eingang einer kühlen Höhle, unter einem stummen Steingewölbe, fiel der Krieger schwerfällig auf die Knie. Dann sprach er mit hängenden Armen und erstauntem Gesicht ungeschickt ein Gebet. Mit einem leichten Zittern schwankte sein Körper vor und zurück. Er, der römische Legionär, betete vor seiner Opfergabe, betete für das Heil der Welt.

Das Geheimnis musste für immer gewahrt bleiben. Nur wenige Menschen durften eingeweiht werden. Sie mussten schwören, sich die Reliquie nie anzueignen oder das Geheimnis der Kapelle, in der sie verborgen war, zu lüften.

Bevor er nach Italien zurückkehrte, wo er einige Jahre später starb, hielt der Legionär jede Einzelheit seiner Bekehrung und auch sonst alles fest, was ihm an jenem Abend auf Golgatha widerfahren war. Da ihn seine Tat noch immer quälte, drängte es ihn, von seiner inneren Umkehr, von den Augenblicken, die ihn für immer in ihren Bann gezogen hatten, Zeugnis abzulegen. Vielleicht sah er darin eine Art Exorzismus. Mit glühendem Blick diktierte er seine Geschichte einem Schreiber, der sie in griechischer Sprache auf Pergamentrollen festhielt.

Fünf Tage und sechs Nächte brauchte er dafür. Longinus hatte noch nie etwas aufgeschrieben und gab sich seiner Beichte mit so großem Eifer und einer solchen Ekstase hin, dass er seinen Kopf in Flammen wähnte. Immer wieder ließ er sie sich vorlesen. Berauscht, müde, erschöpft, schrie er bis zur Sinnestäuschung, bis er das Feuer des Himmels zu berühren wähnte. Dann fiel er zu Boden. Als er wieder zu sich kam, erfüllte ihn ein lebendiger Frieden, der dem absoluten Glück verwandt war.

Frieden.

Die Pergamentrollen gab er jüdischen Freunden Jesu und vertraute ihnen auch die Weissagungen an, die ihm bei seinem Aufenthalt in der Wüste zuteil geworden waren.

Auf den Pergamenten war der Ort vermerkt, an dem er die Lanze versteckt hatte. Die Rollen wurden im Allerheiligsten aufbewahrt, im Herzen des Tempels von Jerusalem, zu dessen Füßen er so lange Jahre gedient hatte.

Die Lanze blieb in ihrem Versteck, in Leinen gewickelt und von Schilf geschützt. Als Zeichen der Reue und der Unterwerfung … aber nicht nur.

Longinus hatte sie Christus überlassen.

Für den Fall, dass er wiederkommen und sie holen wollte.

Damit sie ihren einzig wahren und würdigen Träger finden würde. Am Jüngsten Tag.

2. Kapitel

Vatikan, Petersdom und Papstpalast, 2006 Heiligtum von Megiddo, 2006 Via Veneto, 2006

»Wurde das Grab des heiligen Petrus tatsächlich gefunden? … Die Antwort lautet ja.«

(Radioansprache Papst Pius’ XII. vom 23. Dezember 1950)

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zeichneten sich als Streifen auf dem gemusterten Marmorfußboden des Petersdoms ab.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade … Judith kniete mit gefalteten Händen im Hauptschiff des Domes. Sie trug ihre »Dienstkleidung«, wie sie es nannte, eine weiße Bluse, einen schwarzen Rock, der das Knie bedeckte, eine gedeckte Strumpfhose, Ballerinas und um den Hals ein silbernes Kruzifix. Verführerisch war das nicht gerade, aber wenn sie sich nicht auf dem Gelände des Vatikans aufhielt, zog sie sich an, wie es ihr gefiel. Auch das Makeup, das sie sich hier erlaubte, war sehr diskret. Der Herr ist mit dir … Judith betrachtete lächelnd das Kuppelgewölbe. Zu dieser frühen Stunde war die Kirche noch nicht für Besucher geöffnet. Sich zu dieser Zeit hier aufhalten zu dürfen, gehörte zu den vielen Privilegien, die ihre Tätigkeit beim Heiligen Stuhl, die sie seit sechs Jahren ausübte, mit sich brachte. Sie liebte es, hier allein zu sein, am frühen Morgen, in der Stille des großartigen Bauwerks. Angeblich fasste es sechzigtausend Menschen. Und es stimmte, eigentlich eignete sich das Gebäude eher für den prächtigen Pomp religiöser Zeremonien als für das stille Gebet … Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Allein in dem Säulenwald genoss Judith die majestätische Ausstrahlung des Doms. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder …

In der benachbarten Seitenkapelle schien die Pietà des Michelangelo leise zu erbeben. Das Haupt leicht geneigt und mit einem Schleier bedeckt, hält die Gottesmutter ihren von seinen Qualen erlösten Sohn. Seit ein psychisch Gestörter die Skulptur hatte zerstören wollen, war Marias Nase beschädigt, und nun war das Kunstwerk hinter Panzerglas geschützt. Jetzt und in der Stunde unseres Todes … Über dem Hochaltar schwebte der riesige Baldachin, dessen gedrechselte Säulen auch in den abgelegensten Kirchen der katholischen Christenheit nachgeahmt worden waren. In der Apsis leuchtete der Stuhl des heiligen Petrus unter der Sonne des Heiligen Geistes.

Judith bekreuzigte sich.

Amen.

Als sie sich aufrichtete, stiegen tausend Erinnerungen in ihr hoch.

Vor sieben Jahren hatte sie vor dieser Basilika an der Papstweihe des früheren Kardinals Spinelli di Rosace teilgenommen. Lächelnd gab sie sich ihren Erinnerungen hin.

Vor ihrem geistigen Auge erstanden wieder die vielen hunderttausend Menschen, die von den halbrunden Säulengängen bis zum Ende der Via della Conciliazione auf den weißen Rauch über der Kuppel warteten, der die Entscheidung der hundertzwanzig Kardinäle verkündete, die sich zum Konklave versammelt hatten. Eine Zweidrittelmehrheit sowie eine weitere Stimme. Sie sah wieder die wehenden Fahnen, die in die Höhe gehaltenen Heiligenbilder, die Bibeln und Lorbeerzweige und den Jungen, der einen Laternenpfahl hinaufgeklettert war und als Erster die fumata entdeckt und mit dem Finger zum Himmel gewiesen hatte. Eine Welle der Ergriffenheit war durch die Menschenmenge gegangen. Und wenig später war Leonardo Spinelli di Rosace, der neue Papst, auf dem Balkon erschienen, mit dem Fischerring an der Hand und die dreifach gekrönte Tiara auf dem Haupt.

Er hatte den Namen Clemens XVI. gewählt.

Judith holte tief Luft und dachte an ihren eigenen Werdegang. Das Abenteuer, das sie in die Tiefen der Krypta von Notre-Dame-Sous-Terre auf dem Mont-Saint-Michel geführt hatte, wo sie die antike Menora gefunden hatte, lag eine ganze Weile zurück. Inzwischen hatte sie die dreißig überschritten und arbeitete als »Bevollmächtigte« oder »Sonderberaterin« unter Kardinal Lorenzo, dem Direktor der Vatikanischen Sammlungen. Er hatte die engagierte Kunsthistorikerin unter seine Fittiche genommen und betraute sie nun mit allen interessanten Reliquienfragen und biblischen Rätseln.

Lange war es her, dass sie darüber nachgedacht hatte, ob sie sich dem strengen Klosterleben widmen oder auf eine Professur an der Sorbonne zusteuern sollte, zu der sie sich nicht berufen fühlte. Inzwischen war Judith reifer geworden. Auch ihr Körper hatte sich verändert. Ihr blondes Haar trug sie kürzer und ihre Züge hatten sich verfeinert. Hier und da war eine kleine Falte entstanden, die den Ausdruck des Staunens auf ihrer Stirn, die Grübchen ihres Lächelns oder ihre hohen Wangenknochen betonte. Lächelnd blies sie eine blonde Strähne fort, die ihr in die Stirn gefallen war. Obwohl sie nicht in einen Orden eingetreten war, hatte der frühere Kardinal Spinelli ihr im Vatikan eine besondere Stellung verschafft. Judith hatte dabei mitgewirkt, seinen direkten Rivalen, Kardinal Angelico, auszuschalten, der sich mit der Investa-Affäre kompromittiert hatte, einem der schlimmsten politischen Finanzskandale des Vatikans. Sie hatte dazu beigetragen, dass Kardinal Spinelli die Papstwürde erlangte, und ihn vor großen Unannehmlichkeiten bewahrt. In schwachen Momenten, wenn sie sich von ihrer Eitelkeit hinreißen ließ, über die sie sich jedoch in der Regel eher amüsierte, sagte sie sich, dass es einen Zeitpunkt gegeben hatte, da das Schicksal der katholischen Kirche in ihrer Hand lag. Bei diesem Gedanken vertiefte sich ihr Lächeln.

Heute bewegte sie sich auf den Fluren des Vatikans, als sei sie dort zu Hause. Ihr Status war deshalb so ungewöhnlich, weil es am Heiligen Stuhl nur wenige Frauen gab. Für Aufgaben wie das Kochen, die Haushaltsführung, das Nähen und die Telefonzentrale waren geistliche Schwestern zuständig, aber das waren eher graue Mäuse, die nicht auffielen, wenn sie durch die Flure huschten. Es gab auch Frauen, die zur Gesellschaft Christus Rex oder den Virgines consecratae gehörten und Keuschheit und Armut gelobt hatten. Sie waren aber streng genommen keine Nonnen, sondern hatten eine Ausnahmestellung inne.

Bei dem Gedanken, wie weit sie es gebracht hatte, freute sich Judith. Der einzige Wermutstropfen war ihr brachliegendes Gefühlsleben. Von Zeit zu Zeit sagte sie zu sich: Judith, Mädchen, manchmal kommst du mir wie eine Außerirdische vor … Sie hatte sich zwei- oder dreimal in einen gut aussehenden Italiener verguckt, aber nie war etwas daraus geworden. Erst war sie immer bis über beide Ohren verliebt, dann lief die Sache schief, und sie war wieder auf sich gestellt. Das hatte sicher auch mit ihrer Arbeit zu tun, sagte sie sich. In gewisser Weise machte sie anderen Menschen Angst. Ob das wirklich nur an ihrem ungewöhnlichen Beruf lag, an ihrer Nähe zu kirchlichen Kreisen, oder spielte dabei auch ihre grundsätzliche Unentschlossenheit, ihre schmerzliche Zerrissenheit eine Rolle, die sie einerseits zu Gott, andererseits zu den Menschen zog? Judith war sich nicht sicher, aber das Ergebnis war greifbar: Sie wohnte allein in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Via Veneto und trotz ihres anregenden, bewegten Berufslebens wurde ihr häufig die Zeit lang.

Drei- oder viermal im Jahr besuchte sie ihre Familie in Frankreich, manchmal Verwandte im Limousin, manchmal ihre pensionierten Eltern in der Normandie. Auch sie waren erstaunt über die unglaubliche Karriere ihrer Tochter. Beraterin des Papstes, in der Tat, das war nicht gerade etwas Alltägliches. Ja, sagte sich Judith und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wir leben nun in zwei Welten, zwei ganz verschiedenen Welten. Das erfüllte sie mit aufrichtigem Bedauern. Sie hatte es allerdings schon immer schwierig gefunden, mit ihren Eltern zu reden. Früher konnten sie nicht begreifen, warum sie sich zu ihrem Weg entschlossen hatte. Sie waren von einfacher Herkunft und nicht sonderlich religiös. Mittlerweile hatten die Spannungen zwischen ihnen nachgelassen. Sie waren tief beeindruckt, dass ihre Tochter jetzt zur famiglia pontifica gehörte, zur engeren Umgebung des Papstes, und empfingen sie wie den verlorenen Sohn, wenn sie nach Hause kam.

Noch gestern hatte sie mit ihrer Mutter telefoniert. Judith hatte ihr erklären wollen, was genau sie gerade machte, und wie derzeit ihr beruflicher Alltag aussah. Ihre Mutter hatte gesagt: »Ach ja, ach wirklich?«, und so getan, als würde sie ihre Tochter verstehen, aber offensichtlich war das alles zu kompliziert für sie. Und so bekam Judith meistens von ihrer Familie zu hören, sie sei die »Katholikin vom Dienst«. Von ihren Zweifeln und Ängsten hatten ihre Eltern nicht die geringste Ahnung.

Judiths Gesicht verdüsterte sich, als sie daran dachte, warum sie heute Morgen in den Vatikan gekommen war.

Gerade als sie am gestrigen Abend den Palast verlassen wollte, hatte sie von Kardinal Lorenzo, der mit seinem Kämmerer konferierte, eine in großer Eile geschriebene Nachricht erhalten.

Der Briefbogen trug das Wappen des Vatikans.

Liebe Judith,

wir müssen uns dringend morgen früh um acht Uhr in meinem Büro sehen. Es geht um die Ausgrabungen in Megiddo. Die Presse ist noch nicht informiert – jedenfalls bisher noch nicht. Außer uns sind nur der israelische Geheimdienst und die palästinensische Regierung auf dem Laufenden. Die Lage ist gespannt. Ich habe sofort den Heiligen Vater persönlich unterrichtet. Angesichts der Tatsache, dass Sie einige der Pergamente von Akko übersetzt haben, wünscht er, dass ich Sie damit beauftrage, der Sache nachzugehen. Ich weiß, welches Vertrauen er in Sie setzt, und Sie wissen, dass ich es teile. Aber ich zögere, da diese Mission nicht ohne Risiko ist. Es geht dabei um zentrale Interessen der Kirche. Morgen mehr dazu.

D.L.

Judith runzelte die Stirn.

Es geht um die Ausgrabungen in Megiddo …

Vor einiger Zeit hatte der Vatikan Archäologen damit beauftragt, den heiligen Bezirk von Megiddo in Israel zu erforschen. Geleitet wurde das Team vom Direktor der archäologischen Studien und Forschungen, Enrico Josi. Megiddo war nach wie vor ein sensibles Gebiet des Heiligen Landes. Hundert im Gefängnis der Stadt einsitzende palästinensische Gefangene waren vor einiger Zeit in Hungerstreik getreten, und seit der ersten Intifada protestierten schwarz gekleidete Frauen, die sogenannten »Women in Black«, gegen die Besatzungspolitik Israels. Durch ein muslimisches Selbstmordattentat waren achtzehn Israelis getötet worden, und die Nachbarstadt Djenin war von Panzern und Hubschraubern aus beschossen worden. Der strategische Knotenpunkt Megiddo lag ganz in der Nähe einer israelischen Militärbasis.

Es hatte Judith und den Vatikan gewaltige Anstrengungen gekostet, die Genehmigung für die Grabungen zu erhalten. Erst nachdem sie argumentiert hatten, dass es sich um ein wissenschaftliches Projekt unter Aufsicht handele, gaben die israelischen Behörden endlich grünes Licht, und auch die palästinensische Verwaltung wurde informiert. Den Ausschlag hatte die bei biblischen Rätseln stets große Neugier gegeben sowie die Bereitschaft des Vatikans, zwei israelische Gelehrte in das Forschungsteam aufzunehmen. Seit sich die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat Israel normalisiert hatten, stand eine Zusammenarbeit in dieser Form unter einem günstigeren Stern als in der Vergangenheit.

Als Judith die Nachricht des Kardinals noch einmal durchlas, erfasste sie eine tiefe Unruhe. Was konnte in Megiddo passiert sein?

Ihre Tasche lag ganz in der Nähe auf einer Bank. Sie setzte sich hin und versuchte sich zu beruhigen, während sie die Schriftstücke hervorholte, mit denen alles begonnen hatte. Allein unter dem hohen Deckengewölbe in der vollkommenen Stille des Doms warf sie einen letzten Blick hinauf zu den Fresken. Dann vertiefte sie sich mit höchster Konzentration in ihre Akten.

Begonnen hatte es nicht in Israel, sondern genau hier, im Herzen des Petersdoms, als Professor Ludwig Kaas tief unter dieser einzigartigen Basilika von 1933 bis 1950 seine Grabungen durchführte. Lieber Professor Kaas. Ohne Sie hätten wir das Testament des Longinus niemals gefunden, dachte Judith.

Nur wenige Menschen wussten, was sich unter den Marmorfliesen verbarg, in der Tiefe der antiken Totenstadt, auf der die Fundamente der prächtigen Basilika St. Peter ruhten …

Hier im Vatikan hatte Judith begonnen, nach der Schicksalslanze zu suchen.

Ein 1933 aufgenommenes und mittlerweile leicht vergilbtes Foto des Archäologen Ludwig Kaas klebte auf dem ersten Blatt ihrer Akte. Judith betrachtete es und versuchte, hinter das Geheimnis dieser erstaunlichen Persönlichkeit zu kommen, mit der sie sich auf unerklärliche Weise verbunden fühlte. Professor Kaas stammte aus Trier und hatte sich lange mit der Bibelexegese beschäftigt. Er konnte nicht davon ablassen, die Bibel den Verschüttungen und Ablagerungen der Zeit zu entreißen. Ein fürwahr edler Kampf für einen Deutschen in der damaligen Zeit, als Hitler Reichskanzler wurde und sich der Himmel über Europa durch die ersten Wolken einer neuen Götterdämmerung verdüsterte … Ludwigs wissenschaftlicher Ruf war bis zu Papst Pius XI. gedrungen, sodass er ihn persönlich beauftragte, die untersten Gewölbe und die Fundamente des Petersdoms zu erforschen. Es ging auch um die Frage, ob dort tatsächlich die Reliquien St. Peters lagen oder nicht. Kaas begann also mit seinen Ausgrabungen unter der Schirmherrschaft der jahrhundertealten Erben des Apostels. »Ich sage dir, du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.« Der berühmte Satz, den Jesus an den kleinen Fischer aus Kapernaum am See Genezareth richtete, klang Judith in den Ohren. Nachdem Petrus das Oberhaupt der ersten christlichen Gemeinde Jerusalems und Judäas geworden war, hatte er seine Missionsreisen bis nach Kleinasien ausgeweitet und war schließlich in Rom den Märtyrertod gestorben. Seine sterblichen Überreste waren hier bestattet worden, sie lagen unter dem Hochaltar der Basilika.

Das Grab des heiligen Petrus. Die erste Kirche des Vatikans. Bei Professor Kaas’ Ausgrabungen gelang es, die antike Nekropole freizulegen. Judith konnte gut nachempfinden, was der Archäologe bei seiner Arbeit empfunden hatte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Lanze des Herrn" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen