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Die Lagune des Löwen

Charlotte Thomas

DIE LAGUNE
DES
LÖWEN

Historischer
Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

In liebendem Gedenken an meinen Vater –
für all die Bücher.

Das Geheimnis des Glücks ist Freiheit,
das Geheimnis der Freiheit ist Mut.

                (Venezianisches Sprichwort)

PERSONEN
Historische Personen sind mit einem * gekennzeichnet

LAURA MONTEVERDI

Antonio Bragadin

CARLO, Sklave

VALERIA, Kurtisane

MATTEO, Lauras Bruder

CRESTINA FERRO, alte Apothekerin

MANSUETTA, ihre Ziehtochter

VERONICA, Magd

ORATIO und Tomàso, Zwillinge

CECILIA, Antonios Schwester

GIACOMO CATTANEO, Patrizier

ARCANZOLA, Nonne

MARCELLO QUERINI, Patrizier

EUGENIA, seine Schwester

ZUANE, sein unehelicher Sohn

BARTOLOMEO, sein Adjutant

MOSÈ ZINZI, jüdischer Kaufmann

ISACCO, sein Sohn

ELSA, Mosès Frau

ANNA MONTEVERDI, Lauras Mutter

GUIDO MONTEVERDI, Annas Mann

ANGELICA, Annas Schwester

PIPPA FILACENOVA, Nachbarin der Monteverdis

SIMON, jüdischer Arzt

PRIULI, Barbier

LODOVICA, Amme

MONNA PAULINA, Aufseherin im Waisenhaus

TIZIANO VECELLIO, Maler* (besser bekannt als Tizian)

ZORZO DA CASTELFRANCO, Maler* (besser bekannt als Giorgione)

HEINRICH VON WESSEL, deutscher Kaufmann

RAFFAELE, alter Schauspieler

IPPOLITO, Antonios Gefolgsmann

PIERO FIORAVANTE, junger Hauslehrer

SILVANO, Apotheker in Padua

JOSEFA, Vermieterin in Padua

ORSO, Leibwächter in Padua

PATER ANSELMO, Priester in Padua

BERNABÒ VIVARINI, Patrizier und Lebemann

MORESINA, Magd in der Ca’ Querini

Ungarischer BARÓ und seine Gemahlin

ALBRECHT VON BRANDENBURG*, deutscher Adliger und Kleriker

HEINRICH VIII., König von England*

Teil 1

Löwenvignette  August 1502

Der schwarze Junge blutete aus Mund und Nase, während er über den Landungssteg auf den Kai stolperte. Sein rechtes Auge war fast vollständig zugeschwollen und seine Oberlippe so unförmig dick, dass schwer zu sagen war, ob es von den Schlägen kam, die er offensichtlich hatte einstecken müssen, oder ob es ein Merkmal der fremden Rasse war, der er angehörte.

Laura starrte ihn bestürzt an, als er näher kam. Trotz des teils eingetrockneten, teils noch fließenden Blutes war zu erkennen, dass sein Gesicht tränenüberströmt war. Sie hatte gewusst, dass hier an der Riva degli Schiavoni Sklaven verkauft wurden, doch nichts hatte sie auf diesen Anblick vorbereitet.

Sie tastete nach der Hand ihres Vaters, und er ergriff sie, als hätte er nur darauf gewartet.

»Wir müssen nicht hier stehen bleiben«, sagte er. »Das ist ganz und gar nichts für ein Mädchen von neun Jahren.«

»Doch. Ich will es sehen.« Ihre Antwort kam spontan, und dabei wusste sie nicht einmal, ob es stimmte. »Außerdem werde ich bald zehn.« In Wahrheit wollte sie weit weg sein und mit diesen Grausamkeiten nichts zu tun haben. Gleichzeitig war sie jedoch auf eine merkwürdige Art außerstande, ihren Blick von dem Jungen abzuwenden.

Es war beinahe so, als hätte sie nur allein dadurch, dass sie ihn anschaute, ein seltsames unsichtbares Band zwischen sich und dem fremdartigen Jungen geknüpft, das sie nun dazu zwang, an Ort und Stelle zu verharren und abzuwarten, wie es mit ihm weiterging.

Er mochte vielleicht elf oder zwölf Jahre alt sein, also nur wenig älter als sie selbst, und er war tatsächlich schwarz wie poliertes Ebenholz, nicht nur im Gesicht, sondern am ganzen Körper. Bis auf einen zerfledderten Lendenschurz war er nackt, und so war gut zu sehen, wie gleichmäßig dunkel seine Haut auch an jenen Stellen war, die bei den Menschen in Venedig normalerweise unter der Kleidung verborgen waren. Auch sein kurz geschorenes Haar war pechschwarz und seltsam strukturiert, weder glatt noch lockig, sondern eher wie wolliger Filz. In seinen runden Augen stach das Weiße hervor, und Furcht verwandelte sein Gesicht in eine starre Grimasse.

Hinter dem Jungen kam einer der Aufseher an Land, ein in schmierige Baumwolle gehüllter Händler, der mit gezielten Stockhieben die menschliche Ladung von dem hinter ihm vertäuten Traghetto an Land trieb.

Das Frachtboot war vom Zollhafen herübergekommen, wo die Galeere ankerte, mit der die Sklaven von Afrika in die venezianische Lagune gebracht worden waren. Die Aufseher waren ebenfalls Afrikaner, Sklavenjäger aus Alexandria, wie Laura von ihrem Vater erfahren hatte. Der Handelsstützpunkt Alexandria lag an der östlichen Nordküste Afrikas, während die schwarzen Sklaven im Inneren des großen, von der Sonne verbrannten Landes gefangen wurden.

Der Händler selbst war Portugiese, das hatte sie den Unterhaltungen der Gaffer entnehmen können. Auf den ersten Blick sah man ihm nicht an, dass er mit Sklaven handelte. Er trug schlichtes schwarzes Tuch wie ein unauffälliger Kaufmann, ohne Verzierungen an Brust oder Schultern, und dazu eine schmucklose flache Kappe. Seine gelbliche Gesichtsfarbe deutete darauf hin, dass es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten bestellt war.

Die anderen Sklaven waren bereits auf dem Kai versammelt, der Junge war der Letzte. Seine magere Brust bewegte sich unter heftigen Atemzügen, doch wenn man genauer hinschaute, war zu sehen, dass er von Schluchzern geschüttelt wurde. Man hatte ihm die Füße mit Stricken zusammengebunden, nicht zu eng, gerade nur so fest, dass er nicht davonlaufen konnte. Es sah ein wenig lächerlich aus, weil er sich mit merkwürdig hopsenden Trippelschritten bewegen musste, immer nur um Haaresbreite davon entfernt, lang hinzuschlagen. Von der Fesselung behindert, kam er dem Aufseher offenbar nicht schnell genug voran.

Der Mann gab einen gutturalen Befehl von sich und holte dann mit dem Stock aus. Er versetzte dem Jungen einen Hieb quer über den Rücken, und das Schluchzen ging in einen erstickten Aufschrei über. In seinem Bemühen, weiteren Schlägen seines Peinigers zu entkommen, hoppelte der Junge mit seinen aneinandergefesselten Beinen schneller vorwärts, ein knochiges, missgestaltet wirkendes Wesen aus einer fremden Welt.

Einige der Umstehenden lachten, was Lauras Abscheu vor dem rohen Schauspiel noch verstärkte. Dabei war es nicht nur der Widerwille gegen den Anblick, der ihr zusetzte. Sie spürte, wie sich Wut in ihr zusammenballte, bis ihr ganzes Inneres gegen das, was hier geschah, rebellieren wollte.

Die anderen Sklaven, Frauen und kleinere Kinder, waren ungefesselt, bis auf einen Mann, der mit gesenktem Kopf ein paar Schritte abseits der Gruppe stand, die einer der anderen Aufseher vor einem hölzernen Stand zusammengetrieben hatte.

Der Mann war so schwarz wie der Junge, aber von unglaublicher Körperlänge und dabei so dünn, wie Laura es in diesem Verhältnis von Größe und Schlankheit bisher an einem Mann noch nie gesehen hatte. Er hatte außergewöhnlich lange Arme und Beine, und sein Kopf war wie bei dem Jungen schmal geformt, sein Hals lang und sehnig. Seine Kleidung bestand aus einem zerrissenen Hemd von undefinierbarer Farbe und einem Lendentuch, von dem einzelne Fetzen bis zu seinen Knien herabhingen.

Auch die vier Frauen waren dünn und hochgewachsen, wenn auch nicht so groß wie der Mann, und alle trugen sie das Haar geschoren und hatten in den Ohren seltsamen, bunt bemalten Schmuck, der bis auf ihre Schultern baumelte. Ihre Körper waren in Tücher gewickelt, die ebenso schmutzig und fleckig waren wie das Hemd des Mannes. Die sechs Kinder, die sich mit weit aufgerissenen Augen um die Frauen drängten, trugen Lendentücher wie der Junge.

Ein bedeutsames Detail unterschied indessen den Mann von den anderen: Man hatte ihn in Eisen gelegt, wobei die Ketten, die um seine Handgelenke geschlungen waren, mit denen an seinen Fußknöcheln verbunden waren.

Als er vorhin an Land gegangen war, hatte er sich ähnlich unbeholfen bewegt wie der Junge, und auch er war mit dem Stock geschlagen worden. Allerdings hatte er dabei weder eine Miene verzogen noch einen Laut von sich gegeben, was Laura zu der Überlegung gebracht hatte, ob es womöglich stimmte, dass schwarze Menschen keine Schmerzen empfinden konnten. Monna Pippa hatte das erzählt, und obwohl die Nachbarin regelmäßig mehr Blödsinn daherplapperte, als ein Mensch allein sich ausdenken konnte, hatte Laura keinen Grund gesehen, ihr gerade in dem Punkt nicht zu glauben.

Bis sie vorhin den Jungen gesehen hatte. Er hatte Schmerzen, und er weinte deswegen, und seine Furcht war so stark, dass Laura fast meinte, sie mit Händen greifen zu können.

Der erwachsene Sklave blickte unter gesenkten Lidern hervor und betrachtete die Umstehenden. Als seine Blicke auf den Jungen fielen, versteifte er sich merklich. Danach blieb er ruhig stehen, doch die Hände, die vor seinem Körper gefesselt waren, zitterten so stark, dass seine Ketten klirrten.

Laura fühlte sich bei dem Geräusch von einer seltsamen Unruhe erfüllt, und als ihr Vater sie fortzog, wehrte sie sich nicht.

»Nun reicht es«, meinte er. »Das war mehr als genug.«

»Der Junge hat geweint«, antwortete sie, während sie sich von ihrem Vater zwischen Gruppen von Passanten und Schaulustigen hindurch in Richtung Ponte della Paglia ziehen ließ.

»Natürlich hat er geweint«, meinte ihr Vater nachsichtig. »Er wurde geschlagen.«

»Die anderen waren still, sie haben keinen Laut von sich gegeben, nicht einmal die Kinder, als der Portugiese sie geschubst hat. Nur der Junge hat geweint.«

»Du würdest auch weinen, wenn man dich so schlagen würde.«

»Aber Monna Pippa hat zu mir gesagt, dass Schwarze keine Schmerzen haben. Sie sagte sogar, dass Schwarze keine richtigen Menschen sind, sondern eine Art Affen.« Laura hatte das Bedürfnis, sich rechtfertigen zu müssen. Ihre Wut war unvermindert groß, und ihr war ein wenig übel von dem Erlebten. Außerdem schämte sie sich, weil sie eher mit Faszination als mit Widerwillen zugeschaut hatte, als der Aufseher den großen Sklaven mit harten Stockhieben an Land getrieben hatte. Sieh an, hatte sie gedacht, es stimmt tatsächlich, es tut ihm gar nicht weh!

Erst als gleich darauf der weinende Junge folgte, hatte sie begriffen, wie sehr sie sich geirrt hatte.

»Monna Pippa redet nichts als Unfug«, sagte ihr Vater. »Am besten lässt du es zum einen Ohr herein und zum anderen wieder hinaus.«

Auf der Brücke standen ebenfalls Menschen, um die bogenförmig erhöhte Konstruktion für eine bessere Aussicht zu nutzen. Sklaventransporte kamen nicht alle Tage an, weil die zuständigen Behörden des Rates dafür Sorge trugen, dass die meisten Versteigerungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit vonstattengingen. Lauras Vater hatte ihr erklärt, dass viele Nobili es schätzten, Sklaven zu kaufen, aber sie legten keinen Wert darauf, bei solchen Geschäften angegafft zu werden. Folglich war dies hier für die sensationslüsternen Venezianer eine der wenigen Gelegenheiten, aus nächster Nähe die Ankunft eines Transportes zu verfolgen.

Laura widerstand dem Verlangen, über die Schulter zurückzublicken, als sie den Scheitelpunkt der Brücke erreicht hatten. Stattdessen schaute sie über das steinerne Geländer hinab in das schwarze Wasser der Lagune, das in sachten Wellen unter dem Ponte della Paglia hindurchschwappte und sich mit der Strömung des Rio di Palazzo verband, dem Kanal, der zu ihrer Rechten am Ostflügel des Dogenpalastes vorbeiführte. Gleich darauf wurde ihr Blick unweigerlich auf die beiden hohen Granitsäulen am Rand der Piazzetta gelenkt, oder genauer: auf eine der beiden, diejenige mit dem geflügelten Markuslöwen.

Die andere Säule trug eine Statue von San Todaro, die Laura wenig beeindruckend fand. Es war allein der Löwe, der sie in seinen Bann zog. Die Augen mit der Hand gegen die Sonne beschattend, schaute sie zu der Skulptur auf, und wie immer stellte sie sich vor, wie es wäre, hinaufzuklettern und den Löwen zu erklimmen, einfach auf seinen Rücken zu steigen und ihn aufzufordern, mit ihr über die Lagune davonzufliegen, weit hinaus, in ferne Welten, die noch kein Menschenauge gesehen hatte.

Sie wusste genau, dass das törichte Kinderträume waren, verrückte Gedanken eines verrückten Mädchens, das zu viele Geschichten gehört hatte. Doch mochten die Geschichten, die Vater ihr erzählte, auch lauter Märchen sein – es hatte eine Zeit gegeben, da sie jedes Wort davon geglaubt hatte, und es gab immer noch Augenblicke, so wie diesen, in denen sie nur einen Atemzug davon entfernt war, ihre Träume für wahr zu halten. Den Löwen von San Marco durch einen Zauber zum Leben zu erwecken und auf seinem Rücken davonzufliegen war einer davon.

Ihr Vater war ihren Blicken gefolgt und fuhr ihr durchs Haar.

»Das war immer deine Lieblingsgeschichte«, sagte er. »Auf den Schwingen des Löwen ...«

Hinter ihnen wurden Rufe laut, und als Laura sich umdrehte, sah sie, dass die Zuschauer von der Gruppe der Sklaven zurückwichen, wobei nicht wenige der Menschen versuchten, sich hinter anderen zu verstecken, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich vom Schauplatz des Geschehens zu entfernen.

»Haltet ihn auf!«, schrie eine Frau mit schriller Stimme inmitten des Gerangels. »Er wird uns alle töten!«

Der große Sklave hatte einem Patrizier aus der Menge das Schwert entrissen und hielt es mit seinen gefesselten Händen umklammert. Der Junge war in etwa zehn Schritten Entfernung von der Gruppe gestolpert und hingefallen; vielleicht hatte ihn auch der Aufseher zu heftig geprügelt und damit seinen Sturz verursacht. Jedenfalls lag er der Länge nach im Staub der Uferstraße.

Der Portugiese brüllte etwas in seiner Sprache, worauf der Schwarze ihm mit kehliger Stimme ein paar ebenso unverständliche Wörter entgegenschrie. Gleichzeitig sprang er mit klirrenden Ketten vorwärts, mehr torkelnd als gehend, und unter den Aufschreien der Zuschauer blieb er stehen, senkte das Schwert und schnitt dem Knaben die Fußfesseln durch.

Einer der Aufseher brachte genug Mut auf, sich dem Schwarzen von hinten zu nähern. Er hatte den Stock erhoben, zu einem Schlag, der sicher tödlich gewesen wäre, hätte der Aufseher ihn ausführen können.

Doch das Entsetzen in den Gesichtern der Umstehenden musste den Sklaven gewarnt haben, denn im selben Moment, als der Knüppel niedersauste, fuhr er herum, das Schwert immer noch mit beiden Händen umklammernd. In einem blitzenden Bogen zuckte es aufwärts und traf den Aufseher an der Kehle. Der Mann stieß einen gurgelnden Schrei aus und prallte zurück. Er ließ den Stock fallen und griff sich mit beiden Händen an den Hals, als könnte er so das Blut stillen, das sprudelnd aus seiner Wunde drang. Während er zurückwich und dabei ins Schwanken geriet, ging ein Aufstöhnen durch die Menge, das vereinzelt in Schreie mündete, als der Aufseher in die Knie brach und mit glasigen Augen vor sich hin starrte.

Der Schwarze ließ das Schwert sinken, riss es aber gleich darauf in einer drohenden Gebärde wieder hoch, als einige der männlichen Zuschauer sich ihm näherten, unter ihnen der Patrizier, dem der Sklave das Schwert entrissen hatte, sowie der Portugiese, in dessen Gesicht ein mörderischer Ausdruck stand. Er hatte ebenfalls blankgezogen und rückte näher, das Schwert vorgestreckt.

»Komm weiter, mein Kind!« Ihr Vater versuchte, Laura von der Brücke hinunter auf die Mole vor dem Dogenpalast zu ziehen. »Es reicht jetzt.«

»Nein!« Sie riss sich von seiner Hand los und blieb stehen. »Ich möchte sehen, was er macht! Vielleicht kann er weglaufen!«

»Das ist Unsinn! Nun komm endlich fort von hier!«

Sie gab keine Antwort, sondern versuchte stattdessen, sich an ihm vorbeizudrücken, damit sie die Geschehnisse auf der Riva besser sehen konnte.

»Laura, das wird böse enden!«

Sie spürte seine hilflosen Blicke auf sich, und vage schoss es ihr durch den Kopf, dass es nicht recht von ihr war, immer wieder ihren Willen gegen ihn durchzusetzen. Der Priester von San Zaccaria betonte oft in seinen Predigten, dass es Sünde war, den Eltern nicht zu gehorchen, und sogar ihre Mutter rief sie hin und wieder deswegen zur Ordnung. Ganz zu schweigen von dem ganzen Sermon, den Monna Pippa bereits über die segensreiche Notwendigkeit kindlichen Gehorsams von sich gegeben hatte.

Sie merkte, wie in ihren Handflächen der Schweiß ausbrach, als sie mit klopfendem Herzen zusah, wie der Portugiese und der Patrizier auf den Schwarzen losgingen. Der Patrizier, ein blonder Mann in smaragdgrünem Samt, hatte sich mit einem Dolch bewaffnet, und die Art, wie er ihn von einer Hand in die andere wandern ließ, deutete darauf hin, dass er damit umzugehen verstand. In seinen Augen stand ein rachsüchtiger Ausdruck, und es sah ganz danach aus, als trachtete er nicht nur danach, sich sein Schwert zurückzuholen, sondern auch, den Sklaven zu töten.

Der wiederum starrte die näher rückenden Männer zornerfüllt an und schwang das Schwert ruckartig von einer Seite auf die andere, so schnell, dass Laura das Singen der blutbefleckten Schneide bis auf die Brücke hören konnte.

Ringsum hatte sich Schweigen ausgebreitet, alle Zuschauer schienen gebannt den bevorstehenden Kampf zu erwarten.

Laura fuhr erschrocken zusammen, als von der anderen Seite der Brücke mit einem Mal Männergeschrei laut wurde, und im nächsten Augenblick stürmten auch schon drei schwer bewaffnete Gardisten der Palastwache heran.

Sie fühlte, wie ihr Vater sie zur Seite riss und an seinen Körper drückte, während die Wachmänner mit dröhnenden Schritten an ihnen vorbeirannten.

Der Sklave fuhr herum, um sich der neuen Bedrohung zu stellen, doch alle Versuche, sich zu wehren, waren vergebens. Einer der Wachmänner holte noch im Lauf mit seiner Lanze aus und schleuderte sie gegen den Schwarzen.

Die dunkelhäutigen Frauen schrien wie aus einer Kehle, als die Speerspitze in die Brust des großen Sklaven eindrang und dieser, getrieben von der Wucht des Aufpralls, mehrere Schritte zurücktorkelte, bevor er wegen der Ketten an seinen Fußknöcheln endgültig das Gleichgewicht verlor und rücklings hinschlug. Die Lanze, länger als ein Mann, ragte zitternd in die Luft wie ein tödliches Mahnmal, während der Sklave mit ausgebreiteten Gliedern auf dem Rücken lag. Er bewegte sich noch, aber es war keine Kraft mehr in dem Bemühen, sich auf die Seite zu rollen, und dann lag er still, bis auf ein schwaches Zittern, das seine Arme und Beine durchlief, bevor auch dieses aufhörte. Seine Augen waren weit aufgerissen; er schien in den Himmel zu starren, aber Laura sah, dass seine Brust sich nicht mehr regte. Er war tot.

Die Gardisten hatten sich um ihn herum aufgebaut, doch ihre Haltung war entspannt. Einer von ihnen lachte über einen Witz, den jemand gemacht hatte, und gleich darauf löste sich auch die Spannung unter den Zuschauern. Beifall wurde laut, und hier und da war abermals Lachen zu hören. Einige Männer lösten sich aus der Menge und beugten sich neugierig über den Toten. Einer von ihnen stieß ihn mit der Fußspitze an, als wollte er sich vergewissern, dass tatsächlich kein Leben mehr in dem Sklaven war. Andere blieben neugierig stehen, als hofften sie, dass es weitere Kämpfe gab, während die übrige Menge sich bereits zu zerstreuen begann. Der Wachmann, der die Lanze geworfen hatte, zog die Waffe aus der Brust des Toten, wobei er zur Unterstützung seinen Fuß auf die Schulter der Leiche setzte, um sie rascher herausreißen zu können.

Ein Franziskanerpriester betrachtete zweifelnd den Leichnam des toten Aufsehers; er schien zu überlegen, ob Konfession und Nationalität des Toten es rechtfertigen mochten, ein letztes Gebet über ihm zu sprechen. Schließlich entschied er sich für ein schlichtes Bekreuzigen und ging dann achselzuckend davon.

Der Portugiese, dessen Gesichtsfarbe, soweit das überhaupt möglich war, noch gelber war als zuvor, sprach mit dem blonden Patrizier, während dieser sich mit gleichmütiger Miene bückte, um sein Schwert wieder an sich zu nehmen, das dem Sklaven bei seinem Sturz aus der Hand gefallen war. Beiläufig, als wäre dies eine ganz alltägliche Verrichtung, holte er mit dem Fuß aus und trat dem Toten heftig in die Seite, nur um sich gleich darauf weiter mit dem Portugiesen zu unterhalten, als wäre nichts geschehen.

Die schwarzen Kinder und die Sklavenfrauen stimmten eine Art Trauergesang an und wiegten sich dabei hin und her. Eine von ihnen hatte das jüngste Kind hochgenommen und drückte es an sich, das Gesicht in der Halsbeuge des jammernden Kleinen vergraben. Ganz offensichtlich kannte die Beherrschung der dunklen Menschen Grenzen, und mit dem Tod eines der ihren waren sie überschritten worden.

Laura presste sich immer noch an ihren Vater, und er hielt sie fest in seinen Armen, als könnte er das, was sie gesehen hatte, damit ungeschehen machen.

Sie hatte das Geheul der Frauen und Kinder in den Ohren, und die Übelkeit brandete in Wellen in ihr hoch, weil sie immer noch das Bild vor Augen hatte, wie der Schwarze versucht hatte, sich auf die Seite zu rollen, kurz bevor er starb. Diese letzte verzweifelte Anstrengung hatte sich ihr eingeprägt, der Anblick brannte förmlich in ihren Augen.

Mit einem Mal ertönte auf der Riva erneut Geschrei.

Diesmal deutete jedoch nichts auf einen bevorstehenden Kampf hin. Der Portugiese schrie einen der Aufseher an, und beide eilten kreuz und quer über die Riva und blickten sich dabei suchend um. Sie schubsten Leute zur Seite, liefen hinter die hölzernen Stände der Budenbesitzer und schauten in die Gondeln und Lastboote, die längs dem Kai vertäut lagen. Der Portugiese stieß sogar ein Fass um, was eine Ladung zappelnder Fische auf der steinernen Uferstraße landen ließ und ihm Schimpftiraden einer Budenbesitzerin eintrug.

Laura verstand nur wenige Satzfetzen, denn auch das Stimmengewirr ringsum hatte wieder an Lautstärke zugenommen.

»Wo ist der Hurensohn?«, hörte sie den Portugiesen in akzentgefärbtem Venezianisch brüllen, worauf der Aufseher gereizt in einer fremden Sprache antwortete.

Laura brauchte einige Augenblicke, bevor sie begriff, was los war.

Der schwarze Junge war verschwunden.

Antonio grinste in sich hinein, während er den aufgebrachten Männern bei der Suche zuschaute, und er fragte sich, ob er der Einzige war, der mitbekommen hatte, in welche Richtung der Junge sich verdrückt hatte. Er war von wilder Schadenfreude erfüllt, was ihn verwunderte, weil er nicht erwartet hatte, dass ihn das Schicksal dieses steckendürren Fremdlings auch nur ansatzweise interessieren könnte. Trotzdem war ihm das Gefühl auf unbestimmte Art willkommen, lenkte es ihn doch von seinen eigenen Sorgen ab.

Außerdem hatte sich der ganze Tumult für ihn auch auf andere Weise gelohnt.

Er biss von dem Räucherfisch ab, den er just in dem Moment gestohlen hatte, als die Palastgardisten über die Brücke gestürmt kamen und damit alle Blicke auf sich gelenkt hatten. In der Innentasche seines Wamses fühlte er das beruhigende Gewicht der Lederbörse, die er vorhin während des Aufruhrs vom Gürtel eines beleibten jüdischen Kaufmanns geschnitten hatte. Der Mann war vollauf damit beschäftigt gewesen, sich mit einem zornigen jungen Burschen herumzustreiten, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelte; er hatte nicht mal Augen für den Sklavenaufruhr gehabt. Schließlich war der Junge wütend davongelaufen – für Antonio genau der richtige Moment, sein kleines scharfes Messer zum Einsatz zu bringen.

Die Börse war nicht allzu groß, und vermutlich waren nur lauter Kupfermünzen drin, denn der Kaufmann hatte trotz seiner Leibesfülle keinen sonderlich wohlhabenden Eindruck gemacht. Aber in diesen Tagen ein paar Soldi mehr im Beutel zu haben konnte keinesfalls schaden. Er musste essen, und seine Schwester ebenfalls.

Antonio fuhr zusammen, als sich von hinten eine Hand in sein Haar krallte.

»Versuch gar nicht erst, wegzulaufen«, sagte der Mann, der ihn gepackt hatte. »Es sei denn, du kannst deine Nasenspitze oder eine Hand entbehren.«

Es war der Kaufmann, den Antonio um seine Börse erleichtert hatte. Unerbittlich hielt er Antonio an den Haaren gepackt. Es tat so weh, dass diesem die Tränen in die Augen schossen.

Er verfluchte sich stumm, aber inbrünstig. Anstatt wie die anderen Gaffer hier stehen zu bleiben, hätte er gleich verschwinden sollen.

Der Griff war zu fest, um weglaufen zu können, aber Antonio hätte es dennoch versucht, wenn es nicht in dieser Situation zu gefährlich gewesen wäre. Vom Dogenpalast kamen gerade eben weitere Ordnungshüter über den Ponte della Paglia auf die Riva degli Schiavoni, unter ihnen ein höherer Beamter, dessen schwarzes Gewand ihn als Mitglied des Zehnerrats auswies. Mit scharfen Worten befahl er einigen Trägern, für Ordnung zu sorgen, und in ebenso rüdem Tonfall wies er den Portugiesen an, die Sklaven vom Kai wegzubringen. Dieser gehorchte mit gesenktem Kopf, vermutlich in der begründeten Furcht, der Beamte könnte ihm die Schuld für den blutigen Aufruhr anlasten und kurzerhand zur Strafe sein menschliches Handelsgut beschlagnahmen.

»Was wollt Ihr von mir?«, presste Antonio zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, darauf bedacht, möglichst unbeteiligt dreinzuschauen, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Für jemanden, der nicht allzu genau hinschaute, mochte er aussehen wie ein Laufbursche, dem sein Herr väterlich eine Hand auf den Kopf gelegt hatte. Hoffentlich.

»Du hast etwas in deinem Wams, das mir gehört«, sagte der Kaufmann.

»Ihr meint den Beutel, der Euch soeben vom Gürtel gerutscht und zwischen Eure Füße gefallen ist?«, fragte Antonio scheinheilig.

Der Kaufmann gab einen verblüfften Laut von sich. »Da soll mich doch einer ... Was für ein schlaues Früchtchen du bist!«

Antonio spekulierte darauf, dass der Mann sich bückte, um die Geldbörse aufzuheben, die Antonio unauffällig hatte fallen lassen, gleich nachdem der Kaufmann ihn gepackt hatte. Das würde ihm die Möglichkeit eröffnen, schnell wie der Blitz zu verschwinden.

Doch der Kaufmann hielt ihn fest. Unter anderen Umständen hätte Antonio dem Kerl sein Messer in die Hand gebohrt – vielleicht auch woandershin, wo es noch schmerzhafter war –, aber unter den Augen der Palastwache war das ein Unding, da hätte er sich genauso gut gleich selbst die Hand oder die Nasenspitze abschneiden können.

»Was soll das?«, zischte er. »Eure verdammte Börse habt Ihr doch wieder!«

»Eine kleine Gegenleistung könntest du noch erbringen, mein Junge«, sagte der Kaufmann. »Sozusagen als Zinsgebühr für die vorübergehende Leihgabe.«

»Was wollt Ihr?« Unerfreuliche Gedanken schossen Antonio durch den Kopf, und keiner davon hatte mit abgehackten Händen zu tun. Wäre es dem Kaufmann darum gegangen, ihn als Dieb verhaften zu lassen, hätte er nur die Wächter rufen müssen. Dass er das nicht tat, ließ eigentlich nur einen Schluss zu.

»Wir können zu mir gehen«, sagte Antonio daher in liebenswürdigem Tonfall. »Es ist nicht weit. Mit der Gondel quer durch Castello. Eine verschwiegene Kammer in einem abseits gelegenen Haus am Canale di San Pietro ...«

»Wo du mir die Gurgel durchschneiden und mich erneut bestehlen kannst?«, fragte der Kaufmann trocken. »Für wie dämlich hältst du mich, Bursche? Und sehe ich vielleicht aus wie ein verfluchter Sodomit?«

»Na ja, ich dachte ... Hm, wisst Ihr, man sieht es nicht allen an.« Antonio verstummte. Seine Kopfhaut wurde allmählich taub, und er registrierte beunruhigt, dass der schwarz gekleidete Zehnerrat im Begriff war, herüberzukommen.

»Wie heißt du?«, wollte der Jude wissen.

»Anzio«, log Antonio.

»Anzio, wenn du wegläufst, rufe ich die Büttel«, sagte der Kaufmann warnend. Gleichzeitig nahm er die Hand aus Antonios Haaren und packte ihn bei der Schulter. Sich an ihm festhaltend bückte er sich und hob seine Lederbörse auf. Antonio widerstand nur mühsam dem Drang, die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen, doch die Erinnerung an die tödliche Zielgenauigkeit, mit der vorhin der Gardist der Palastwache den Speer gegen den schwarzen Sklaven geschleudert hatte, half ihm dabei, wie angewachsen stehen zu bleiben. Was immer der Mann von ihm wollte – solange es nicht unzüchtig war und ihn nicht die Hand kostete, würde er damit zurechtkommen.

»Der Portugiese hat sich ein gutes Geschäft ruiniert«, sagte der Händler hinter ihm in beiläufigem Tonfall, ohne seinen Griff um Antonios Schulter zu lockern. »Ein dummer Fehler. Er hätte nicht so auffällig und dreist mit seiner Ware direkt beim Palazzo Ducale aufmarschieren sollen. Genau da, wo die Herrscher der Stadt mit eigenen Augen sehen können, welche Reichtümer er hier verdienen will.« Er stieß verächtlich den Atem aus, und Antonio konnte riechen, dass der Mann zu seiner letzten Mahlzeit reichlich Zwiebeln vertilgt haben musste.

Davon abgesehen hatte er Antonio nichts mitgeteilt, was dieser nicht ohnehin schon wusste. Ausländische Händler konnten sich – nach Entrichtung der vorgeschriebenen Zollgebühren – in der Serenissima eine goldene Nase verdienen, aber sie waren auch strengen Regeln unterworfen. Wer unangenehm auffiel, musste mit saftigen Geldstrafen rechnen oder wurde, was für einen erfolgreichen Kaufmann ungleich schlimmer war, aus der Lagunenstadt verbannt.

Und der Portugiese war unangenehm aufgefallen. Gerade die Portugiesen waren in Venedig nicht sonderlich beliebt, seit einer ihrer berühmten Entdecker, Vasco da Gama, vor nicht allzu langer Zeit den Seeweg nach Indien gefunden und damit seinem Land die Möglichkeit verschafft hatte, das venezianische Gewürzmonopol aufzubrechen. Unter den venezianischen Händlern herrschte Panik, seit sich die Nachricht verbreitet hatte. Die Serenissima drohte eine wichtige Quelle ihres Reichtums zu verlieren, und schuld daran waren die Portugiesen.

Der Sklavenhändler schien zu spüren, dass die Sensationslust der Zuschauer allmählich in Abneigung umschlug, denn er beeilte sich, gemeinsam mit seinen Aufsehern die immer noch laut klagenden Schwarzen über die Uferstraße davonzutreiben, vermutlich, um sie in einem der Lagerhäuser einzusperren, bis er sie in den nächsten Tagen auf einer Auktion verkaufen würde.

In Venedig fand zweimal jährlich ein großer Sklavenmarkt statt, aber davon unabhängig kamen auch zwischendurch immer wieder kleinere Transporte an, denn das Geschäft mit der menschlichen Handelsware war äußerst gewinnträchtig. Für die reichen Patrizier gehörte es zum guten Ton, Mohren zu kaufen, sie in den Wappenfarben ihrer Häuser herauszuputzen und sich von ihnen in der Gondel über den Canalezzo rudern zu lassen, um aller Welt – besonders aber den anderen Nobili – vorzuführen, welchen Luxus sie sich leisten konnten.

Die Menge der Zuschauer zerstreute sich nach und nach, und der eine oder andere unter ihnen bedachte Antonio und den hinter ihm stehenden Kaufmann mit befremdeten Blicken.

Am meisten Sorge bereitete ihm jedoch die rothaarige Göre, die ihm vorhin schon aufgefallen war. Sie stand immer noch auf dem Ponte della Paglia, nur dass sie jetzt nicht mehr die Sklaven anstarrte, sondern ihn. Ihr Mund stand vor Verblüffung offen, und ihre Augen waren so weit aufgerissen, dass es keinen Zweifel gab: Sie hatte etwas mitbekommen, und gleich würde sie es dem Mann mitteilen, der neben ihr stand und schützend den Arm um sie gelegt hatte – vermutlich ihr Vater, der wiederum nur die Wachen ansprechen musste, die wenige Schritte von ihm entfernt am Fuß der Brücke standen.

»Besser, Ihr lasst mich los«, sagte Antonio mit wachsender Unruhe. »Wir fallen schon auf!«

Die Gardisten standen immer noch palavernd auf der Riva degli Schiavoni, und sobald einer von ihnen herüberschaute, würde er augenblicklich Verdacht schöpfen.

Der Zehnerrat kam unterdessen näher und blieb vor ihnen stehen. »Seid gegrüßt, Messèr Mosè. So trifft man sich außerhalb des gewohnten Treffpunktes und vor der vereinbarten Zeit.«

Der jüdische Kaufmann verneigte sich leicht. »Euer Diener, Messèr Querini. Ich war gerade auf dem Weg zu Euch, als dieser scheußliche Vorfall dazwischenkam.«

Antonio schluckte. Dieser Fettsack Mosè würde doch nicht ... Er schielte aus den Augenwinkeln über seine Schulter. Der Kaufmann mochte dreimal so viel Umfang haben wie er selbst, aber er war kaum drei Fingerbreit größer, sodass Antonio sein Gesicht gut sehen konnte. Mosès Miene war indessen undeutbar; außer einem verbindlichen Lächeln war darin nichts zu erkennen, weder Rachsucht noch Boshaftigkeit.

Der Zehnerrat lächelte mit derselben Freundlichkeit, und bei ihm wirkte es auf den ersten Blick entwaffnend natürlich. Doch Antonio, der im Laufe der Jahre gelernt hatte, in den Mienen der Menschen die Nuancen zu erkennen, meinte, eine Spur von Reserviertheit und unterdrückte Abwehr wahrzunehmen.

»Ja, ich sah es ebenfalls, vom Fenster meines Amtszimmers aus. Als ich nach unten kam, war schon alles vorbei.« Querini warf einen kurzen Blick auf Antonio. »Ist das Euer Sohn?«

»Nein, das ist Anzio, mein Gehilfe.«

»Ist er verschwiegen?«

»Mehr als das. Er ist schwachsinnig. Und als Träger ist er unentbehrlich.« Mosè deutete auf die Kiste, die neben ihm stand, ein abgestoßenes Behältnis aus morschem Holz, das Antonio vorhin schon ins Auge gefallen war. Er hatte es als Proviantkiste eingestuft, es dann jedoch trotz seines nagenden Hungers nicht weiter beachtet, denn es stank erbärmlich nach Schimmel.

Antonio zog es vor, sich weiterhin möglichst unauffällig zu verhalten, daher gab er sich Mühe, nicht allzu aufgeweckt dreinzuschauen.

Unter den aufmerksamen Augen des Zehnerrats trat Mosè einen Schritt zur Seite und verpasste Antonio einen Tritt. »Worauf wartest du, Bursche? Nimm schon die Kiste! Und wehe, du lässt sie wieder fallen!«

Antonio rang sich ein dümmliches Grinsen ab und tat, wie ihm geheißen. Die Kiste war nicht gerade ein Leichtgewicht, aber so schwer, dass der Kaufmann sie nicht ohne Weiteres selbst hätte tragen können, war sie ganz sicher nicht.

»Gehen wir hinein«, sagte Querini, während er sich abwandte und mit wehendem schwarzem Ornat vorauseilte.

Antonio rechnete mit einem weiteren Tritt, doch es kam keiner, sondern nur eine brummige Aufforderung. »Worauf wartest du?«

Anscheinend war der Kaufmann schlau genug, Antonio vor sich hergehen zu lassen. Dass in der Kiste keineswegs verschimmelte Nahrung war, hätte inzwischen selbst der größte Schwachkopf bemerkt. Antonio setzte sie sich auf die Schulter, um es noch einmal hören zu können: Im Inneren klirrte es schwach, und Antonio glaubte förmlich, es unter dem Holz blitzen und schimmern zu sehen.

Eine diffuse Gefühlsmischung wallte in ihm auf, hauptsächlich blanke Gier, begleitet von dem Wunsch, sich die Kiste unter den Arm zu klemmen und zu verschwinden, zum Teil aber auch widerwillige Bewunderung für den Juden, der es wagte, ohne Begleitschutz seine Reichtümer in einer schäbigen Kiste in die Stadt zu bringen.

In den letzten Jahren war es für die Juden in Venedig nicht leicht gewesen, ihren Geschäften nachzugehen. Sie durften immer nur für kurze Zeit von der Terraferma herüberkommen und Handel treiben, nicht länger als zwei Wochen und unter strenger behördlicher Kontrolle.

Antonio erinnerte sich nur dunkel an ihre Vertreibung aus der Stadt vor fünf Jahren; außer dem Gerede der Leute über die Ausweisung war ihm nicht viel im Gedächtnis geblieben – bis auf einen Vorfall, der sich ihm unauslöschlich eingeprägt hatte. Damals war eine jüdische Familie in der Nachbarschaft von drei Militi aus ihrem Haus gezerrt worden, und die Mutter hatte gejammert und gebettelt, bleiben zu dürfen, da ihre Kinder an Fieber litten und ihr Mann erst zwei Tage zuvor gestorben sei. Doch die Büttel hatten mit unbewegten Gesichtern die ganze Familie auf ein Traghetto verfrachtet und sämtliche Habe in Säcken hinterhergeworfen. Einer der Säcke war ins Wasser gefallen und untergegangen, und das darauf einsetzende Klagen der Frau hatte das ganze Sestiere erfüllt.

In dem Sack, den Antonio in einem kurzen Tauchgang wenig später aus dem Wasser gefischt hatte, waren nur ein primitiv geschnitzter Kerzenhalter, ein paar schäbige Löffel und abgestoßene Holzteller gewesen, nichts von besonderem Wert.

Antonio trabte dem Zehnerrat hinterher und starrte betont gleichmütig an der rothaarigen Göre vorbei, die immer noch mit ihrem Vater auf der Brücke stand. Der Mann schirmte das Kind mit seinem Rücken ab und schaute sich kein einziges Mal um, doch das Mädchen lugte an seinem Arm vorbei, als wolle es sich nichts entgehen lassen.

Er fühlte förmlich ihre Blicke in seinem Rücken brennen, als er an ihr vorbeikam, und mit einem Mal war er absolut sicher, dass sie den ganzen Vorfall beobachtet hatte. Sie hatte ihrem Vater von dem Diebstahl erzählt, und der würde nicht zögern, die Wachen aufzuklären.

Antonio machte sich auf wütende Anklagen gefasst, doch als er aus den Augenwinkeln zurückschielte, sah er, dass das Mädchen ihm immer noch schweigend nachschaute. Ein seltsamer Ausdruck stand in ihren Augen, beinahe so, als ob sie sich fürchtete.

Dann versperrte ihm Mosè den Blick auf den Ponte della Paglia.

»Versuch es gar nicht erst«, sagte der Kaufmann leise.

»Was denn?«, gab Antonio verärgert zurück. »Ich hab nicht vor wegzulaufen, ehrlich nicht!«

»Ah ja? Falls das so ist, schau nach vorne und geh brav weiter. Dann darfst du für heute deine Hand behalten.«

Mosès Schläfenlocken wippten unter dem gelben Hut, den er wie alle Juden – mit Ausnahme der Ärzte – tragen musste, und sein Gesicht war von Schweißperlen übersät. Antonio schätzte ihn auf Anfang fünfzig, vielleicht sogar ein paar Jahre älter, denn sein Haar war trotz der sorgsam gedrehten Strähnen, die ihm seitlich von den Schläfen bis auf die Schulter baumelten, grau und schütter. Sein rundliches Gesicht dagegen schien seltsam alterslos, mit rosigen Wangen, leuchtenden dunklen Augen und einem Mund, der beständig zu einem Lächeln verzogen schien. Zwischen seinen beiden oberen Vorderzähnen klaffte eine beachtliche Lücke, was ihm ein ebenso lustiges wie argloses Aussehen verlieh, weitab von jeglicher Tücke oder Raffinesse, ganz so, als könne er kein Wässerchen trüben. Genau das verhalf ihm vermutlich zu erfolgreichen Handelsabschlüssen.

Antonio verdrängte die rothaarige Göre aus seinen Gedanken und überlegte, welche Geschäfte der Jude wohl mit dem Zehnerrat zu bereden hatte. Querini war ein hohes Tier, folglich musste es um mehr gehen als kleine Krämerbelange. Was Antonio prompt zu der Frage zurückbrachte, was in der Kiste war ... Er rüttelte sie noch einmal vorsichtig hin und her, um dem Geräusch nachhorchen zu können.

»Nur Musterstücke«, sagte der Kaufmann hinter ihm. Anscheinend hatte er Antonios Gedanken gelesen. »Nicht so viel wert, dass du deswegen leichtfertig werden solltest.«

Querini war vor ihnen am Südeingang des Dogenpalastes stehen geblieben und unterhielt sich mit einer Gruppe von Amtsträgern, und Mosè, der offenbar ganz und gar nicht von Antonios Kooperationsbereitschaft überzeugt war, legte seinem neuen Gehilfen abermals unnachgiebig die Hand auf die freie Schulter.

»Wir gehen jetzt zusammen mit dem Zehnerrat in sein Amtszimmer. Dort werde ich ihm den Inhalt meiner Kiste zeigen und Geschäfte mit ihm besprechen, und du wirst die ganze Zeit brav im Hintergrund warten. Ich brauche dich später noch. Versuchst du zu fliehen, hetze ich die Garde auf dich. Haben wir uns verstanden?«

»Warum braucht Ihr mich?«

»Weil du gerade verfügbar bist«, sagte der Kaufmann gelassen. »Vielleicht habe ich Feinde, und du siehst ganz so aus, als würdest du jeden Dolch und jeden Hinterhalt in diesem Sestiere sehr gut kennen.«

»Ist Eure Ware so wertvoll?«

»Sei nicht so naseweis.« Der Kaufmann schien sich zu besinnen und schüttelte müde den Kopf. »Es sind wirklich nur Musterstücke. Aber manch einer könnte sich etwas anderes einbilden, wenn er mich mit dem Zehnerrat zusammen sieht. Messèr Querini ist dafür bekannt, dass er große Geschäfte macht.«

»Geht es hier darum? Um große Geschäfte?«

»Es geht um viel mehr, als du dir vorstellen kannst. Um sehr viel mehr.«

»Das klingt, als ginge es um Euer Leben.«

»Bei Licht betrachtet könnte es darauf hinauslaufen.«

»Der Bursche, mit dem Ihr vorhin auf der Riva gestritten habt und der dann wütend weggerannt ist – war das Euer Sohn?«

»Sah er vielleicht aus wie ein Jude?«, fragte Mosè in ablehnendem Tonfall. »Trug er den gelben Hut?«

»Nein, aber ansonsten glich er Euch aufs Haar, er war nur kleiner, dünner und jünger. Er ist ein Marrane, nicht wahr? Einer von den Juden, die sich haben taufen lassen, damit die Serenissima sie nicht hinauswirft wie alle anderen.«

Ein Ausdruck von Resignation breitete sich auf den Zügen des Kaufmanns aus. »Du hast ein scharfes Auge, Anzio. Wenn du wirklich so heißt.«

»Was zahlt Ihr mir dafür, wenn ich nachher mitgehe und Euch beschütze?«

Mosè lachte. »Du und mich beschützen? Ein magerer kleiner Taschendieb, der höchstens zehn Jahre alt ist?«

»Zwölf«, trumpfte Antonio auf. »Und ich kenne jedes Messer und jeden Hinterhalt in der Stadt. Also: Wie viel?«

Mosè musterte ihn. »Drei Bagattini

Antonio prustete. »Ihr seid verrückt. Dafür lasse ich nicht mal einen Furz entweichen, und glaubt mir, darin bin ich gut! Einen Mocenigo

Der Kaufmann kniff die Augen zusammen. »Ein Marcello

Antonio reckte das Kinn vor. »Drei, und das ist mein letztes Wort.«

»Zwei, aber dann begleitest du mich bis zu meiner Abfahrt heute Abend. Ich habe noch Geschäfte am Rialto.«

Antonio tat so, als müsse er überlegen. »Gemacht«, sagte er schließlich herablassend. Mit einem Mal war der Fisch in seiner Tasche, den er Cecilia mitbringen wollte, vergessen. Er würde später – diesmal von ehrlich verdientem Geld – noch eine Orange dazukaufen, und über diesen seltenen Genuss würde sie sich freuen.

Im Augenblick gab es jedoch nur eines, was ihn mehr als alles andere interessierte. Er wollte wissen, was in dieser Kiste war.

Laura hielt die Hand ihres Vaters umklammert, obwohl ihrer beider Handflächen unangenehm feucht waren vor Schweiß. Sie war immer noch so durcheinander, dass sie nicht wusste, was sie denken sollte.

»Hast du das gesehen?«, fragte sie.

»Natürlich habe ich es gesehen. Der arme Mensch! Nun ist seine Seele bei Gott. Vorausgesetzt, er war getauft, was ich für ihn hoffe.« Er atmete schwer und war grau im Gesicht, so wie es öfter geschah, wenn er sich aufregte.

»Nein, ich meine nicht, wie der Sklave starb, sondern was der Junge getan hat.«

»Doch, natürlich sah ich es. Ich habe allerdings nicht mitverfolgt, in welche Richtung er verschwand. Aber er wird sowieso nicht weit kommen. Seine dunkle Haut ist zu auffällig, sie werden ihn bald wieder einfangen.«

Laura hätte mit dem Fuß aufstampfen mögen vor Ungeduld. Ihr Vater, den sie über alles liebte, war manchmal in seiner verträumten Art so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass sie es kaum fassen konnte.

Künstler waren eben so, sagte ihre Mutter mitunter, meist dann, wenn er Gegenstände verlegte und sie nicht wiederfand, auch wenn sie direkt vor seiner Nase waren.

»Ich meine nicht den schwarzen Jungen, sondern den anderen, den mit der Narbe im Gesicht. Er muss ein Taschendieb sein.« Sie konnte immer noch nicht glauben, wie dreist der Junge zu Werke gegangen war. Der Kaufmann hatte es bemerkt, aber er hatte ihn nicht verhaften lassen, sondern ihm stattdessen die Kiste aufgehalst. »Er hat zuerst einen Räucherfisch gestohlen und dann die Börse des Juden da drüben.«

»Welcher Jude?«

»Der Kaufmann mit dem gelben Hut. Sie kamen vorhin gemeinsam mit dem Zehnerrat an uns vorüber und stehen jetzt dort drüben beisammen ...« Laura wollte in Richtung Palazzo Ducale deuten, doch dann sah sie, dass der Junge und der Kaufmann zusammen mit dem Zehnerrat gerade im Inneren des Gebäudes verschwanden.

»Ich habe keinen Juden gesehen, und auch keinen Zehnerrat«, sagte ihr Vater. »Was sicher daran liegt, dass ich nicht halb so neugierig bin wie du.« Er rieb sich die Brust, als hätte er dort Schmerzen. »Nun komm weiter. Ich kaufe dir ein Stück Kuchen, einverstanden?«

Laura ließ sich von ihm über die Brücke auf die Piazzetta ziehen. Sie reckte den Kopf, um einen Blick auf die Porta della Paglia zu erhaschen, durch die das seltsame Trio verschwunden war, doch dort waren nur Wachleute und Amtsträger zu sehen.

»Er hat ihm die Börse abgeschnitten«, sagte sie wie zu sich selbst. »Und der Jude hat ihn seine Kiste tragen lassen.«

»Ich habe nichts davon gesehen.«

»Weil du nicht hinschaust!«

»Es gab doch genug anderes Unheil zu sehen.«

Laura bereute ihre Worte, als sie den hilflosen Ton in seiner Stimme hörte. Mit schlechtem Gewissen beschloss sie, vor dem Schlafengehen zur Buße mindestens drei Avemaria zu beten. Sie hob den Kopf und schenkte ihrem Vater ein versöhnliches Lächeln, das er sofort erleichtert erwiderte.

»Du machst dir zu viele Gedanken über andere Leute«, sagte er.

»Meinst du, die Frauen und Kinder gehören zu einer Familie?«, fragte sie, als könne sie so die Rückkehr in die Normalität beschleunigen. »Ob sie zusammen verkauft werden? Oder reißt man sie auseinander und gibt jeden von ihnen zu einem anderen Herrn?«

»Sie werden bestimmt getrennt. Niemand kann es sich leisten, so viele Sklaven auf einmal zu kaufen. Wozu auch?« Ihr Vater deutete voraus auf die Piazza, wo zwischen den Verkaufsständen ein Stelzengänger herumspazierte.

»Sieh mal, wie groß er ist! Fast so hoch wie die Löwensäule!«

Sie tat ihrem Vater den Gefallen und rang sich ein erstauntes Lächeln ab, weil er es zu erwarten schien. In der letzten Zeit kam es ihr immer häufiger so vor, als sei für ihn die Zeit stehen geblieben, denn er behandelte sie, als sei sie noch ein Kind von fünf oder sechs Jahren, das man mit einem Hinweis auf einen Zuckerkringel oder einen Stelzengänger in Begeisterung versetzen konnte. Auch seine Geschichten blieben so, wie sie einem jüngeren Mädchen gefielen. Laura mochte sie immer noch gern, aber sie boten ihr nichts Neues.

Trotzdem fand sie Gefallen daran, wie der Stelzengänger auf dem Pflaster hin und her stolzierte und dabei lauthals die Kräutermedizin anpries, die eine Frau in Höhe seiner Füße an einem Stand feilbot.

»Für alle Männer, die im Bett wieder zu Hengsten werden wollen, gibt es hier bei der roten Mansuetta genau das richtige Mittel«, brüllte er auf die Passanten hinunter. »Nur einen Soldo, und Ihr seid wieder ganze Kerle!«

»Was meint er damit?«, wollte Laura von ihrem Vater wissen. »Wie können Männer im Bett zu Hengsten werden?«

»Das ist nur eine dumme Redensart«, meinte ihr Vater. Laura sah, wie seine eben noch bleichen Wangen sich röteten, und ihr wurde klar, dass sie wieder einmal die Grenze dessen überschritten hatte, was er für ein kleines Mädchen als angemessen empfand. Doch diesmal schien ihn dabei zugleich eine seltsame Verlegenheit zu erfüllen, was sie davon abhielt, weitere Fragen zu stellen, obwohl sie ihr zuhauf in den Sinn kamen. Stattdessen richtete sie ihr Augenmerk auf die rote Mansuetta, wie der Stelzenläufer die Frau an dem Stand genannt hatte. Sie war jung, sicher noch keine zwanzig, doch sie war auf eigentümliche Weise verwachsen. Ihre ganze Gestalt wirkte schief, angefangen von ihrem Gesicht, das auf einer Seite merkwürdig verzogen war, fast wie eingedrückt, sodass das rechte Auge deutlich tiefer und weiter innen saß als das linke. Auch die rechte Schulter hing mehr herab als die linke, was allerdings daran liegen mochte, dass das rechte Bein kürzer war als das andere, denn als sie ein paar Schritte tat, war zu sehen, dass sie stark hinkte. Laura betrachtete sie fasziniert und überlegte, warum die Frau trotz dieser Entstellungen nicht wirklich hässlich aussah. Ob es an dem Haar lag, das ähnlich rot war wie ihr eigenes? Es lugte in kupfrigen Wellen unter der Haube hervor, die es nur unzureichend bedeckte, und es lenkte den Blick auf ein weiteres anziehendes Körpermerkmal, die Augen – sie waren leicht schräg geschnitten und von einem klaren Braun.

Ihre eigenen Augen waren blau wie Lavendel im Regen, ein Vergleich, den ihr Vater oft bemühte, und ihr Haar war im Farbton ein wenig heller als Kupfer, durchmischt mit Strähnen von Bronze und rötlichem Gold – auch diese Beschreibung stammte von ihrem Vater, der sie häufig malte und stets jede Farbnuance, die er dabei verwendete, in poetische Worte kleidete.

Davon abgesehen war ihr Haar wesentlich ungebärdiger als das der Frau; es lockte sich in wilden Kringeln und widerstand allen Bemühungen, es zu frisieren und zu flechten. Es entwich regelmäßig den Zöpfen und bauschte sich wie von Zauberhand berührt auf, sobald die Haube verrutschte, was andauernd passierte, sogar dann, wenn sie unter dem Kinn mit Bändern befestigt wurde. An diesem Tag hatte Laura sich von vornherein geweigert, eine Haube zu tragen, weil die Hitze auch so schon unerträglich war. Ihre Mutter hatte nur halbherzig protestiert, wie immer, wenn Laura ihren eigenen Willen kundtat.

Sie gingen an dem Stelzenläufer und der verwachsenen Frau vorbei und schlenderten über die Piazza, bis sie einen Stand erreichten, an dem Zuckergebäck verkauft wurde. Lauras Vater erstand einen der süßen, in Fett ausgebackenen Krapfen und reichte ihn ihr. Sie bedankte sich und biss hinein. Für sich selbst kaufte er an einem der Ombretta-Stände einen kleinen Becher Wein und ließ es sich schmecken, während sie beide das rege Treiben um sich herum betrachteten.

Das Gedränge auf der Piazza vor dem Dogenpalast und der Basilika sowie rund um den Campanile war an Markttagen fast so stark wie am Rialto. In den Arkadengängen der Prokuratie standen in Gruppen die Kaufleute und Geldwechsler, und auf dem Platz davor reihten sich die Verkaufsstände der Händler aneinander. An der Mole vor der Piazzetta ragten die Masten der zahlreichen Boote auf, die dort vertäut lagen, und eine kräftige Brise blähte die Segel der übrigen, die in der Lagune kreuzten. Der Wind trieb den Geruch von Salz und Tang herüber, der sich auf der Piazza mit dem Duft von gebratenem Fisch und frischem Kuchen mischte. Im Hintergrund bildeten die Kuppeln und Türmchen der Basilika sowie die spitzbogige Dachbekrönung des Dogenpalastes einen Saum aus goldenem und alabasternem Zierrat vor der Bläue des Himmels. Die Sonne erhellte den prächtigsten Platz der Serenissima, sie bestrahlte die kunstvoll durchbrochenen Fassaden mit den marmornen Statuen ebenso wie die Gesichter der Menschen an den Buden, und sie ließ mit ihrem Licht alles luftig und frei und hoffnungsvoll aussehen.

Den Geschmack des Zuckers auf der Zunge, schloss Laura für einen Moment die Augen und träumte sich hoch hinauf zu dem Löwen, stellte sich vor, wie es wäre, den Platz von oben zu betrachten, alle Menschen zu ihren Füßen, in ihrem Rücken die Weite der Lagune und vor sich ausgebreitet die Stadt. Doch dann schob sich unvermittelt die Erinnerung an den Anblick des verängstigten Sklavenjungen vor die friedliche Kulisse, und als hätte er nur darauf gelauert, tauchte unversehens auch der Taschendieb wieder in ihren Gedanken auf. Er glitt zuerst neben, dann vor den Sklavenjungen und schien sie aus ihrer Erinnerung heraus anzublicken.

Ein Hauch von Kälte schlich sich in die sonnenerwärmte Luft, er zog von hinten in ihren Nacken und strich über ihren Rücken, und für einige Augenblicke wusste sie nicht, ob er der Wirklichkeit entstammte oder aus einer noch unbekannten Zukunft kam.

Laura konnte das Gebäckstück nicht aufessen und zerdrückte es in ihrer Hand zu einem matschigen Ball.

»Ich möchte nach Hause«, sagte sie. »Mutter wartet sicher schon.«

Ihr Vater musterte sie erstaunt, doch dann nickte er und schlug sofort den Weg zum Torre dell’Orologio ein, wo sie den Durchgang zur Merceria passierten und in Richtung des Kanals, wo ihre Gondel lag, weitergingen.

»Hast du etwas ... gesehen?«, fragte er in bemüht leichtem Ton.

Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er darüber sprach. Wenn überhaupt je in der Familie über ihre Ahnungen geredet wurde, geschah es stets in so beiläufigem Ton, als ginge es um die Frage, was es zum Mittagessen geben würde oder ob der Himmel nach Regen aussah.

»Nein«, sagte Laura, aber es war nicht die ganze Wahrheit. Sie hatte eine Gefahr gesehen, oder vielmehr wahrgenommen, denn Bilder waren es nicht, die sie dabei vor Augen gehabt hatte. Es waren eher Gedanken, unklare Eindrücke von kommenden Geschehnissen, und sie wagte es nicht, sie in Worte zu kleiden, weil sie fürchtete, damit Unheil herbeizureden, so wie es schon mehrfach geschehen war.

Im Zusammenhang mit ihrer Mutter hatte sie die Gefühle seit Wochen, und sie tat alles, um sie zu verdrängen, in der Hoffnung, dass sie es sich nur einbildete. Trotzdem lastete die Erwartung der bevorstehenden Niederkunft auf ihnen allen wie ein Felsklotz, der ihnen die Luft zum Atmen nahm. Ihre Eltern schienen es ebenso zu spüren wie sie, doch gesprochen wurde nicht darüber, denn das hätte bedeutet, sich mit der Bedrohung zu befassen. Deshalb bewahrten sie einfach Stillschweigen, das war das Beste, was sie tun konnten.

Doch das, was sie vorhin gefühlt hatte, bezog sich allein auf die beiden Jungen. Den Sklaven und den Taschendieb. Besonders den Taschendieb. Laura weigerte sich, daran zu denken, aber die Empfindungen waren stark gewesen, sehr stark. Irgendwann, das wusste sie, würde sie ihm wieder begegnen.

Antonio blickte sich überrascht um, als sie über den Gang, der den zum Meer hin gelegenen Teil des Gebäudes durchmaß, auf einen riesigen Innenhof gelangten. Er hatte nicht gewusst, dass es hier einen so großen umbauten Platz gab, und schon gar nicht, dass dieser derartig prachtvoll gestaltet war. Ein wenig eingeschüchtert schaute er zu einem gewaltigen Triumphbogen auf, der von marmornen Statuen gekrönt war. Gegenüber befand sich der von Arkaden verzierte Innenflügel des Gebäudes, zu dessen erstem Stock eine Freitreppe von enormen Ausmaßen hinaufführte. Die Kiste auf seiner Schulter schien auf einmal das Doppelte zu wiegen.

»Bist du das erste Mal im Palazzo Ducale?«, fragte Mosè, der zwei Schritte hinter ihm ging.

»Nein, ich war schon oft hier.« Antonio gab sich lässig, doch beim Anblick der edel gewandeten Amtsträger, die oben auf der Empore zu sehen waren, fragte er sich insgeheim, ob wohl jemand hier daran Anstoß nehmen würde, dass der Fisch in der Innentasche seines Wamses ziemlich durchdringend roch. Die Vornehmheit der Umgebung rief ihm zwangsläufig in Erinnerung, dass er hier auf der falschen Seite der Stadt war. Das sollte nicht heißen, dass nicht jede Menge Leute aus seinen eigenen Kreisen hierher kamen, im Gegenteil. Sie betraten das Gebäude in Scharen – allerdings meist auf dem Weg zu einem der Kerker, die sich im Untergeschoss des Dogenpalastes befanden, oder sogar zu dem berüchtigten Verhörzimmer, wo sie den Qualen des Strappado unterzogen wurden. Antonio kannte mehr als einen der Unglücklichen, deren Schulter- und Ellbogengelenke durch das Folterseil verkrüppelt worden waren. Einige Übeltäter waren nie zurückgekehrt, weil sie zwischen den roten Marmorsäulen ihr Leben verloren hatten. Andere waren zwar zurückgekehrt, aber ohne ihre rechte Hand oder mit dem Brandzeichen der Diebe und Hehler.

Die Narbe an seiner rechten Wange begann zu jucken, als würde sich seine Haut an den Schmerz erinnern, und dabei war das nur eine Katzenkralle gewesen. Er versuchte sich vorzustellen, um wie viel schlimmer es wäre, wenn Messer oder Hackbeil in den Körper drangen, so wie es hier in diesem Gebäude den ertappten Dieben jede Woche geschah.

Der in seinen Ausmaßen gigantische Bau diente nicht nur dem Dogen als Wohnstätte, sondern war außerdem Regierungssitz und Gefängnis in einem, ein Gegensatz, der Antonio schon deswegen komisch vorkam, weil man sich bei all der Pracht hier drin nicht vorstellen konnte, dass es eine Treppe tiefer lauter stinkende Verliese gab. Dass beides sehr gut unter einem Dach miteinander vereinbar war, hätte man für ein böswilliges Gerücht halten können – wenn Antonio es nicht besser gewusst hätte. Davon abgesehen wiesen einige der Zellen direkt auf die Mole hinaus, man konnte von draußen sogar mit den Insassen sprechen und sich von ihnen schildern lassen, wie sie unter der Folter gelitten hatten.

Antonio stemmte die Kiste in eine für seine Schulter bequemere Lage und verdrängte entschlossen alle Gedanken an den Kerker und blutige Körperstrafen. Er folgte dem Zehnerrat die große Treppe hinauf und machte sich im Stillen über Mosè lustig, der hinter ihm schnaufte wie ein durchlöcherter Blasebalg.

Antonio dachte nicht länger darüber nach, wie prachtvoll das Innere des Palastes ausgestaltet war, und er ignorierte auch die in Roben gewandeten Würdenträger, die seinen Weg kreuzten. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Kiste und den Kaufmann. Und den Zehnerrat, der hin und wieder flüchtig über die Schulter zurückschaute, als wolle er sich davon überzeugen, dass sie ihm noch folgten.

Querini war ein großer, schlanker Mann Ende der vierzig, mit ergrauendem Haar und bemerkenswerten Augen von stechender Bläue. Er sah auf asketische Weise gut aus, mit dem scharfen Nasenrücken und den tiefen Kerben zu beiden Seiten des Mundes.

Antonio und Mosè folgten ihm in ein schmales Amtszimmer. Die Einrichtung war nüchtern; sie bestand aus einem erhöht stehenden Schreibpult, einem Tisch mit ausgebreiteten Papierrollen und einem umlaufenden Wandbord, auf dem weitere Stapel von Papier lagen. Dieser Raum war nicht zum Repräsentieren, sondern zum Arbeiten gedacht. An der Stirnseite stand ein Fenster mit Blick auf die Riva degli Schiavoni offen, und Antonio konnte sehen, wie Männer den Leichnam des Sklaven vom Kai schleiften.

Querini räumte die Papierrollen vom Tisch. »Stell die Kiste hierher, Junge.«

Antonio gehorchte und trat anschließend einige Schritte zur Seite.

Seine Kehle brannte vor Durst; der Fisch, von dem er vorhin gegessen hatte, war völlig versalzen, doch Antonio wäre nicht im Traum auf den Gedanken gekommen, um Wasser oder Wein zu bitten, obwohl er gesehen hatte, dass der Kaufmann einen verstöpselten Krug am Gürtel trug.

Mosè öffnete die Kiste und schlug das Tuch auseinander, das den Inhalt verhüllte. Antonio machte einen langen Hals, doch statt der erwarteten glänzenden Preziosen sah er Kristalle, die meisten sehr groß und klar, andere leicht milchig, wie von einer Haut überzogen, bis hin zu kiesartigen Bröckchen. Zweifelnd schaute er das Zeug an. Konnten das Edelsteine sein? Vielleicht Diamanten? Er hatte bei einem Schmuckhändler schon welche gesehen, allerdings geschliffene, und der Händler hatte gesagt, im Rohzustand sähen Diamanten aus wie normale helle Steine.

Vielleicht wie diese?

Ohne es selbst zu bemerken, war er näher an den Tisch herangetreten. Er machte sich auf einen Rüffel oder einen Tritt des Kaufmanns gefasst, doch der tat nichts weiter, als den Zehnerrat erwartungsvoll anzublicken.

Querini nahm einen der Steine aus der Kiste und schnüffelte daran, dann leckte er kurz mit der Zunge darüber und nickte langsam. »Alaun.«

»Vollkommen makelloser Alaun«, bestätigte der Jude.

»Und er kommt aus Ungarn?«

»Jeder einzelne Brocken, den Ihr hier seht, stammt aus Munkács.«

»Er sieht genauso aus wie der aus Tolfa.«

»Warum sollte er anders aussehen? Päpstlicher Alaun, ungarischer Alaun – semper alumen est. Jedenfalls dann, wenn der Gewinnungsprozess beendet ist.«

Querini verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete die Kristalle. Seine Miene war undurchdringlich, doch Antonio sah es in seinen Augen blitzen. Diese Art von Glanz kannte er gut. Es war reine Gier. Das Zeug musste sein Gewicht in Gold wert sein! Er überlegte fieberhaft, wie er später einen der Brocken oder besser gleich die ganze Kiste an sich bringen könnte.

»Wie viel könnt Ihr davon beschaffen?«, wollte Querini wissen.

»So viel Ihr wollt. Ganze Schiffsladungen voll.«

Antonio entspannte sich. Wenn es in solchen Mengen zur Verfügung stand, konnte es unmöglich so wertvoll sein, wie er gedacht hatte.

Der Zehnerrat wirkte verblüfft. »Ihr meint – den ganzen Bedarf der Serenissima?«

»Und noch mehr. Die ungarischen Alaunschieferbrüche sind sehr ergiebig. Außerdem sind sie nicht die einzigen Vorkommen außerhalb Italiens. Die Zeiten des päpstlichen Monopols sind in ein paar Jahren sowieso vorbei.«

»Und die Medici sind eines ihrer einträglichsten Geschäfte los«, sagte Querini. Er schüttelte den Kopf. »Sie werden nicht damit einverstanden sein. Und Papst Alexander auch nicht. Die Einfuhr fremden Alauns ist mit dem Kirchenbann bedroht.«

»Nur die Einfuhr unchristlichen Alauns«, berichtigte Mosè in vergnügtem Tonfall. »Die Ungarn sind keine Türken.«

»Aber Ihr würdet es einführen. Ihr seid Jude, kein Christ.«  

»Ich habe einen deutschen Handelspartner, es würde regulär über den Fondaco dei Tedeschi hereinkommen.«

»Also ein Strohmann, der es hierher nach Venedig in die deutsche Handelsniederlassung bringt«, meinte Querini nachdenklich.

»Wenn Ihr so wollt.«

»Und Alexander? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Seine Heiligkeit den Verlust des Alaunmonopols hinnimmt. Er bekommt immerhin von den Medici jedes Jahr Hunderttausende dafür.«

»So viel kann er künftig nicht mehr erwarten. Aber es gibt eine Reihe gut zahlender Interessenten für große Pfründen, die wir vermitteln werden. Die Kurie wird nicht verhungern.«

»Messèr Mosè, Ihr seid ein alter Fuchs. Ihr habt Eure Finger überall.«

Die gutmütigen Züge des Kaufmanns zeigten mit einem Mal eine Spur von Härte. »Ich verfolge ein Ziel, und dafür sind alle Mittel recht.«

»Richtig, Ihr wollt wieder in die Stadt. Womit wir also beim eigentlichen Thema wären: eine neue Condótta

»Zum Wohle Venedigs.«

»Wohl eher zum Wohle der Juden.«

»Sagen wir doch – zum beiderseitigen Wohl. Die Stadt braucht Geld für den Krieg gegen die Türken, und sie braucht viel davon. Und wir Juden haben Geld.«

»Der Teufel soll Euch holen, aber das ist leider wahr. Im Kreditwesen reicht keiner euch Juden das Wasser.« Querini lehnte sich leicht gegen den Tisch, die Arme immer noch vor der Brust verschränkt. »Ihr habt Familie hier, nicht wahr?«, fragte er unvermittelt. »Euer Junge und Eure Frau – sie sind nach der letzten Ausweisung hiergeblieben und haben sich taufen lassen.«

Antonio sah, wie Mosès Miene sich verschloss. »Es geht hier um mehr als um eine Familie. Das Schicksal von vielen hundert Familien steht auf dem Spiel.«

»Ach, Ihr tut gerade so, als sei es in Mestre so übel.«

»Mestre ist nicht Venedig.«

Querini lachte, was ihn unerwartet sympathisch aussehen ließ. »Da muss ich Euch recht geben, Messèr Mosè. Die Serenissima ist einzigartig und unvergleichlich, und sie ist es wert, dass man darum kämpft, hier zu leben. Alles was recht ist – Ihr seid ein guter Unterhändler für Euer Volk.«

»Ich hoffe, Ihr seid im Großen Rat nicht weniger fähig, wenn es um das Aushandeln der Condótta geht.«

»Ich bin sicher nicht ohne Einfluss.« Querini hob die Schultern. »Allerdings muss Euch klar sein, dass Ihr für das Auftun einer neuen Alaunquelle keine zwanzigjährige Condótta erwarten könnt.« Querini warf Antonio einen bohrenden Blick zu. »Haltet Ihr es für angebracht, dass Euer Träger die ganze Unterhaltung mit anhört?«

»Oh, Anzio. Der ist schwachsinnig, das sagte ich Euch doch schon.«

»Er stinkt nach faulem Fisch, aber davon abgesehen wirkt er auf mich ganz normal.«

»Er hat seine aufgeweckten Momente, aber die sind selten. Als Kind fiel er in einen Zuber mit Gerberlauge und wäre fast ertrunken. Seitdem ist er wirr im Kopf.«

Antonio strengte sich an, möglichst einfältig dreinzuschauen, und atmete geräuschlos aus, als der Zehnerrat sich wieder dem Kaufmann zuwandte. »Zehn Jahre. Mehr kann ich nicht erreichen. Ich habe schon Gespräche mit allen wichtigen Leuten aus dem Consiglio geführt. Für Euch mag es ein Kompromiss sein, doch zaubern kann ich nicht.«

Mosè schien widersprechen zu wollen, doch dann nickte er. »Dann dürfen aber alle kommen«, sagte er. »Ohne Ausnahme.«

»Das wird sich regeln lassen.«

»Ohne örtliche Niederlassungsbeschränkung. Wir müssen uns Häuser aussuchen können.«

»Auch das sollte möglich sein.«

»Und es muss gestattet werden, den gelben Hut bei Gefahr abnehmen zu dürfen.«

»Ich weiß nicht, ob ...«

»Sonst vergessen wir das ganze Geschäft.«

»Ich werde mein Bestes versuchen«, sagte der Zehnerrat. »Aber macht Euch auf ein paar Monate Wartezeit gefasst.« Wieder lächelte er, und Antonio hatte den deutlichen Eindruck, als ob ihm das Schachern mit dem Juden Spaß machte.

Er selbst fühlte ebenfalls eine eigentümliche Aufregung, während er das Gespräch verfolgte, den vehementen Abtausch von Argumenten und Einwänden, ein ständiger Wechsel zwischen Vorstößen und Rückzügen.

Im Verlaufe der weiteren Verhandlung der beiden ging es um Zinssätze und Pfandarten, Kredite, Schuldscheine und Buchungen. Davon verstand Antonio kaum etwas, aber immerhin hatte er begriffen, dass die Stadt den Juden wieder erlauben sollte, in Venedig zu wohnen und Handel zu treiben. Und der jüdische Kaufmann und der Zehnerrat waren im Begriff, die näheren Bedingungen für die Condótta auszuhandeln, die zeitlich begrenzte Erlaubnis des Aufenthalts.

Der Jude Mosè hatte vorhin die Wahrheit gesagt. Für ihn ging es um mehr als um große Geschäfte. Er wollte zurück nach Hause.

Er blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit in dem Boot liegen, und seine Angst, entdeckt zu werden, ließ im Laufe der Stunden nicht einen Moment lang nach. Jeder Schritt und jede Stimme, die er über seinem Kopf auf den Steinen der Uferbefestigung oder auf den hölzernen, ins Wasser gebauten Stegen rechts und links neben sich hörte, brachten ihn dem Tod ein Stück näher. Zwischendurch sagte er sich, dass es ihm gleich wäre und dass sie ihn ruhig aufspüren sollten. Er würde kämpfend sterben, wie sein Vater, und bevor er sein Ende fand, würde er seinen Triumph über die Mörder in die Nacht hinausschreien. Er würde vor ihren Augen mit beiden Beinen hoch in die Luft springen und ihnen beweisen, dass er ein Mann sein konnte.

Er war noch kein Krieger; die Menschenräuber waren während der Vorbereitungen für das Große Ritual in das Dorf der Jungen eingefallen. Hätten sie ihn nicht gefangen, wäre er jetzt ein Mann und ein Führer. Die Gruppe hatte ihn bereits erwählt. Vielleicht hätte er schon einen Löwen getötet, dem Gott Ngai zu Ehren, und für den Stamm viele Rinder heimgebracht.

Hier in der goldenen fremden Stadt, die auf wundersame Art aus Stein und Wasser zusammengefügt war, hatte er bei der Landung ebenfalls einen Löwen gesehen, ein täuschend echtes Ungetüm aus Metall. Er thronte auf einer hohen Säule, mit ausgebreiteten Schwingen, als wollte er davonfliegen. Ob in diesem Land Löwen lebten, die fliegen konnten wie Vögel? Hier schien alles möglich zu sein, geschaffen durch die Macht des Bösen.

Trauer und Entsetzen über den Tod seines Vaters hielten ihn mit solcher Macht gefangen, dass er sich fühlte wie das Opfer eines echten Löwen. Klauen rissen ihm das Herz heraus, scharfe Zähne wühlten in seinem Inneren. Der Schmerz über das ihm zugefügte Leid schien ihn von oben bis unten zu spalten. Es war, als wolle sein Geist sich von seinem Körper lösen, um der Pein zu entfliehen, ähnlich wie in der Nacht, als der Sklavenjäger ihn das erste Mal gewaltsam für seine Lust benutzt hatte.

Er merkte, dass er angefangen hatte zu wimmern und sich hin und her zu wiegen, als wäre er noch klein und im Arm seiner Mutter. Mit äußerster Willensanstrengung riss er sich zusammen. Er ignorierte den körperlichen Schmerz und die Wunden in seinem Inneren, und er lag wieder still, so wie die ganze Zeit vorher.

Seine Mutter war tot, ebenso zwei seiner Brüder, und nun auch sein Vater, den die Sklavenjäger auf dem Rückweg gefangen hatten, zusammen mit den Frauen und Kindern, die noch übrig waren und nun verkauft werden würden. Aber sie hatten gewollt, dass er floh, vor allem sein Vater, sonst hätte er ihm nicht die Fesseln durchgeschnitten und dafür mit seinem Leben bezahlt.

Er hatte seinen Vater nicht sterben sehen, aber er hatte die Klageschreie der Frauen und Kinder gehört, in deren Mitte er sich geflüchtet hatte. Gleich darauf hatte er sich hinter ein Fass gehockt und dann hinter eine Rolle Taue, und anschließend war er mit wenigen Schritten hinter der gaffenden Menge und beim Wasser gewesen, hatte sich in ein Boot gleiten lassen und fischig stinkende Netze über sich gezogen.

Zwei Menschen hatten ihn ganz sicher dabei beobachtet, ein kleines Kind, das auf den Schultern seines Vaters saß und vergnügt vor sich hinbrabbelte, und ein schwarzhaariger Junge mit einer vernarbten Wange, der seine Flucht mit einem Grinsen verfolgt hatte.

Doch niemand hatte ihn aus dem Boot gezerrt. Das Kind hatte noch nicht sprechen können und der Junge hatte es offenbar nicht gewollt.

Also war er unentdeckt geblieben, obwohl der Sklavenhändler auf dem Kai noch eine Weile herumgebrüllt hatte. Dann war er weggegangen, der Himmel mochte wissen, wohin.

Die Dunkelheit und die Kühle der Nacht umgaben ihn von allen Seiten. Er hatte das Netz ein wenig zur Seite geschoben, um in den Himmel zu schauen. Sogar die Sterne waren hier fremd, und dort, wo in seiner Heimat weites, festes Land gewesen war, über das man viele Tage lang wandern konnte, gab es hier nur schwankende Ungewissheit.

Das Meer wogte unter ihm mit stetigem Rauschen und bewegte das Boot träge hin und her. Hin und wieder stieß der Kahn gegen die Kaimauer, und dabei gab es jedes Mal einen Ruck, der ihn daran hinderte, einzuschlafen. Ihm war klar, dass der Besitzer des Bootes irgendwann wiederkehren würde, um zum Fischen hinauszufahren, vermutlich bereits bei Tagesanbruch.

Seine Hand umklammerte das Messer, das er unter den zerrissenen Netzen gefunden hatte. Es war alt und schartig, sicher taugte es nicht einmal zum Fischeausnehmen, doch es war besser als nichts. Es würde ihm dabei helfen, diese Nacht zu überleben.

Lauras Vater nannte das alte Haus, in dem sie lebten, gern Palazzo, doch im Grunde war es nicht mehr als der schmale Anbau eines vornehmen Stadthauses, in dem ein reicher Tuchkaufmann namens Filacenova mit seiner Frau und seinen Söhnen wohnte. Messèr Filacenova war nahezu das ganze Jahr über auf Reisen, und seine Frau, Monna Pippa, führte in seiner Abwesenheit das uneingeschränkte Regiment. Zu Lauras Leidwesen schien sie dieses mit schöner Regelmäßigkeit auch auf den Anbau an ihrem Haus ausdehnen zu wollen.

Laura wusste über die Besitzverhältnisse an dem Anbau nicht genau Bescheid, aber aus diversen Streitereien, die Monna Pippa mit Lauras Vater geführt hatte, war hervorgegangen, dass die Nachbarn der Meinung waren, das Recht an dem Anbau gebühre eigentlich ihnen selbst.

Lauras Vater hatte bei einer der Unterhaltungen ein Besitzdokument herausgekramt, mit dem er belegen konnte, dass der im vorigen Jahr verstorbene Vater von Messèr Filacenova ihm das Wohnrecht an dem Gebäudeteil übertragen hatte.

Monna Pippa war nichts Besseres eingefallen, als zu keifen, dass Lauras Vater diese Urkunde vermutlicht selbst gemalt habe.

Dann wieder gab es Tage, an denen Monna Pippa um ihn herumscharwenzelte wie um den Stadtheiligen persönlich.

»Messèr Monteverdi, meint Ihr nicht, Ihr könntet unsere Fassade auch so schön bemalen wie die von Eurem Haus? Eine Marmorverkleidung stünde auch zur Debatte, aber eine Bemalung ist eher das, wonach mir der Sinn steht. Ich hätte gerne den heiligen Franziskus mit seinen Tieren. Natürlich gegen gutes Geld!«

»Ach, ist es auf einmal doch mein Haus?«

»Nun ja, damit müssen wir uns wohl abfinden, obwohl wir mit unseren vielen Kindern und all den Dienstboten weiß Gott zusätzlichen Platz bitter nötig hätten!«

Guido Monteverdi, stets die Sanftmut und Großzügigkeit in Person, hatte nicht gezögert, den Wunsch seiner Nachbarin nach einem Al-fresco-Wandgemälde zu erfüllen, sogar mehr noch: Er hatte neben den vereinbarten zehn verschiedenen Tierarten zusätzlich drei weitere hinzugemalt, die alle anderen in den Schatten stellten. Es waren Fabelwesen, ein schimmernd weißes Pferd mit einem gedrechselten Horn an der Stirn, ferner ein graues Ungetüm auf gewaltigen Tonnenbeinen und herausragenden, nach oben gebogenen Zähnen und schließlich einen Feuer speienden Drachen mit durchsichtigen, peitschenden Flügeln.

Laura hatte fest damit gerechnet, dass Monna Pippa einen Wutanfall bekommen würde, sobald sie diese Tiere sah, doch als die Tücher, die ihr Vater zum Schutz gegen Sonne und Regen vor das Gerüst gespannt hatte, weggezogen wurden, hatte die Kaufmannsgattin mit weit offenem Mund die Fassade angestarrt, und es hatte schier endlose Augenblicke gedauert, bis sie unsicher hervorgestoßen hatte: »Ihr seid wahrlich ein Künstler, Messèr Monteverdi.«

Sogar ihre vier Söhne, lauter mondgesichtige und dickliche Quälgeister im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren, hatten sprachlos auf der Fondamenta gestanden und das Wandbild bestaunt.

Die Außenwände des Anbaus hatte Guido Monteverdi mit ähnlichem Aufwand al fresco bemalt, doch auf dem Putz waren keine Tiere oder Fabelwesen zu sehen. Nicht einmal Menschen zierten die Wände, so wie es bei den anderen Fresken an den Häusern entlang des Kanals eigentlich üblich war.

Der Anbau war mit Landschaften bemalt, die das Auge des Betrachters auf verblüffende Weise täuschten. Kam man im Boot um die Kanalbiegung, schien der Wasserlauf sich dort, wo in Wahrheit das Haus war, geradewegs fortzusetzen, doch nicht einfach, indem er sich zwischen Gebäudefronten hindurchwand wie ein normaler Kanal, sondern er schien unter einem verzauberten Gewölbe aus Rosenranken weiterzufließen. Die Rosen wirkten so prachtvoll und lebensecht, dass man ihren Duft förmlich zu riechen meinte, und die Biegungen und Verstrebungen der dornenbewehrten Äste waren so täuschend natürlich, dass jeder, der darauf zuruderte, davon überzeugt war, gleich mit seinem Boot in diesem Märchengarten zu verschwinden. Dieser Eindruck wurde noch durch die aufgemalten Stuckelemente und die leuchtenden Fenster verstärkt, die den Hintergrund des Rosenfreskos bildeten und eine kostbare Marmorfassade vorgaukelten.

Dass dort nur bunter Putz war, bemerkte man erst, wenn man schon fast daran vorbeigefahren war.

Laura hatte ihre Freude daran, auf der Fondamenta zu stehen und den Leuten ins Gesicht zu schauen, wenn sie in ihren Gondeln oder auf ihren Lastbooten näher kamen und das Haus anstarrten. Sogar die Gondolieri, die schon dutzendfach hier vorbeigerudert waren, bedachten das Kunstwerk Guido Monteverdis immer wieder mit bewundernden und ungläubigen Blicken.

Im Inneren des Anbaus waren die Wände ebenfalls bemalt, jeder Raum anders. Es gab vier Räume, zwei auf Höhe der Wasserlinie und zwei weitere im Obergeschoss. Die Zimmer waren klein und vor allem sehr schmal; man konnte sie mit drei großen Schritten der Breite nach durchqueren, doch wenn man eines davon betrat, schien man zu glauben, den Prunksaal eines Königsschlosses vor sich zu haben. Die Illusion von weit entfernten Wänden oder Laubengängen hinter Blumenstöcken und großflächiger blauer Himmel über einer Sommerwiese erzeugte den Eindruck unendlicher Weite.

In Lauras Zimmer hatte ihr Vater an die Decke ebenfalls einen Himmel gemalt, der von so strahlender Bläue war, dass sie früher manchmal die Augen geschlossen hatte, weil sie davon überzeugt war, das Gemälde würde sich in einen echten Himmel verwandeln, wenn sie es sich in ihrer Fantasie nur intensiv genug vorstellte. Eine der Wände in ihrem Zimmer war mit einem überlebensgroßen goldenen Löwen verziert, der mit majestätisch ausgebreiteten Schwingen direkt zum Sprung in den Himmel anzusetzen schien. Dabei schaute er den Betrachter aus seinen dunklen Augen an, als wolle er dazu einladen, auf seinem Rücken mitzufliegen.

Im Untergeschoss des Hauses befand sich an der Kanalseite die Küche und im hinteren Raum das Atelier ihres Vaters. Von dem winzigen Hof dahinter führte eine schmale, steile Treppe hinauf zur Schlafkammer ihrer Eltern, von der aus man in Lauras Zimmer gelangte. Laura liebte den Himmel und den Löwen in ihrem Zimmer, doch noch mehr liebte sie den Ausblick auf den Kanal. Sie konnte stundenlang aus dem offenen Fenster die vorbeiziehenden Boote und das Gewimmel auf der Fondamenta betrachten, oder sie schaute zu, wie sich auf dem Kirchplatz an der gegenüberliegenden Seite die Menschen zu Prozessionen versammelten.

Auch an diesem Tag hatte sich bereits am frühen Morgen wieder ein Zug gebildet, doch der Anlass war ersichtlich ein trauriger. Die gedeckte Kleidung und die bedrückte Haltung der Menschen zeigten, dass jemand aus der Contrada gestorben war. Der Verstorbene musste ein angesehener Bürger gewesen sein, denn unter den Trauernden gab es etliche Würdenträger.

Laura wandte ihre Blicke von den Menschen ab. Ihr war nicht danach, den Leichenzug zu betrachten, denn dadurch verdüsterten sich ihre Gedanken noch mehr. In den letzten Tagen schien eine dunkle Wolke über dem Kanal und dem Haus zu liegen, und obwohl die Sonne im Verlauf ihres Tagesbogens die ganze Welt mit ihrem strahlenden Licht erfüllte, wurde die Stimmung nicht besser. Der Gesang ihrer Mutter, der sonst immer für gute Laune sorgte, war schon seit Wochen nicht mehr zu hören.

Tags zuvor war die Hebamme hier gewesen, hatte ihre Mutter untersucht und sich mit den Worten Es kann stündlich kommen wieder verabschiedet. Trotz der üblichen lärmenden Geschäftigkeit am und auf dem Kanal und des allgegenwärtigen Rauschens des Wassers schien es Laura manchmal, als seien alle Geräusche verstummt, weil die Welt den Atem anhielt. Doch die Tage verstrichen wie immer, und Laura begann zu glauben, dass sie an Gedankenverwirrung litt. Sie hätte am liebsten schreien und den Kopf gegen die Wand schlagen mögen, weil sie die Anspannung kaum noch aushielt.

In der Nacht hatte es geregnet, und die Sonnenstrahlen brachen sich in den Tropfen, die von den Holzstäben an den Dachtraufen perlten und die Brüstungen der Loggien benetzten. Myriaden von funkelnden Tupfen schienen dort zu tanzen, begleitet von den aufblitzenden Lichtreflexen auf der Wasseroberfläche.

Obwohl Laura sonst stundenlang dieses Zusammenspiel von Sonne und Wasser betrachten konnte, schloss sie das Fenster. Sie lauschte nach nebenan, wo ihre Eltern sich mit gedämpften Stimmen unterhielten. Die beiden blieben oft bis weit in den Vormittag im Bett und tuschelten oder lachten miteinander, manchmal übermütig und fröhlich wie zwei Kinder, manchmal so leise und heimlichtuerisch, dass Laura unwillkürlich das Bedürfnis überkam, hinüberzulaufen und sich zwischen sie zu werfen, weil sie sicher war, dass ihre Eltern sich in diesen Momenten umarmten und einander liebkosten.

Die Liebe zwischen Guido und Anna Monteverdi war fast mit Händen zu greifen, so stark war sie. Laura fühlte sich zuweilen wie ein Eindringling angesichts dieser vollkommenen Zweisamkeit.

Guido und Anna Monteverdi schienen in ihrer eigenen Welt zu leben, in der es neben ihrer Kunst nur wenig Raum für den Alltag gab. Lauras Mutter schrieb Sonette, spielte auf der Leier und sang dazu, hingebungsvoll und mit entrückter Miene, während der Vater in seiner Werkstatt Kartons für die Fresken entwarf, mit denen er die Häuser der wohlhabenden Venezianer verzierte.

Während die Mutter nur zum Zeitvertreib dichtete und sang, verdiente der Vater mit seiner Malerei genug Geld, um ihnen ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Sie besaßen eine gepflegte Wohnung und eine eigene Gondel, und sie konnten sich immer ordentliche Kleidung und gutes Essen leisten. Zweimal die Woche kam sogar eine Magd, um das Haus zu säubern, die Wäsche zu waschen und heiße Mahlzeiten zuzubereiten. An den übrigen Tagen aßen sie kalt, denn Lauras Mutter konnte nicht kochen und hatte außerdem Sorge, sich an dem Ungetüm von Herd zu verbrennen.

Laura wusste, dass sie nicht reich waren, denn die wirklich begüterten Leute lebten in luxuriösen Palazzi und kleideten sich in Samt und Seide, und ihre Gondeln waren genauso herausgeputzt wie die Diener, von denen sie sich durch die Stadt rudern ließen.

Doch ihre Familie war auch weit davon entfernt, arm zu sein. Laura hatte viele Male aus nächster Nähe mitbekommen, wie die mittellosen Menschen in Venedig aussahen. Zerlumpt, verlaust und abgemagert lungerten sie in den Straßen herum und ernährten sich von den Abfällen der Reichen. Sie hausten entweder in stinkenden Löchern von Mietskasernen oder schliefen in Bretterverschlägen am Stadtrand oder gar unter freiem Himmel. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie als Tagelöhner oder Bettler. Oder sie stahlen ganz einfach, was sie brauchten.

Unwillkürlich musste Laura an den Taschendieb denken, der sich in der Woche zuvor so dreist benommen hatte. Es war ihm zwar nicht gelungen, sich mit der Börse des jüdischen Kaufmanns davonzumachen, doch bestimmt hatte er bereits beim nächsten Mal wieder mehr Glück gehabt. Er hatte es sehr geschickt angestellt, und hätte nicht zufällig sein winziges Messer in der Sonne geblitzt, wäre ihr sein Treiben überhaupt nicht aufgefallen, obwohl sich der ganze Diebstahl direkt vor ihren Augen abgespielt hatte.

Sie wusste nicht, warum sie überhaupt zu ihm hinübergeschaut hatte. Etwas an ihm hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, ohne dass sie hätte sagen können, was es war. Bei dem Sklavenjungen hatte es dagegen genug Gründe zum Hinstarren gegeben, schließlich hatten ihn alle Leute auf der Riva angeglotzt, als er in Fesseln an Land gekommen war.

Laura stand vom Fensterbrett auf und lief unruhig im Zimmer hin und her, ohne zu wissen, was sie tun sollte. Um nach unten zu gelangen, hätte sie durch die Kammer ihrer Eltern gehen müssen, und das wollte sie lieber vermeiden. Sie fürchtete sich vor den verstohlenen, unsicheren Blicken, mit denen vor allem ihr Vater sie seit der vergangenen Woche bedachte, und die Nervosität, die ihre Mutter an den Tag legte, war ihr ebenso wenig geheuer.

Ihre Eltern gaben sich erkennbar Mühe, leise zu sprechen, doch wenn Laura genau hinhörte, konnte sie trotzdem einzelne Fetzen der Unterhaltung auffangen.

Sie wusste, dass Lauschen eine Sünde war, doch ihre Neugier war auch diesmal stärker als alle Skrupel. Ein Ohr an die Tür gepresst, horchte sie angestrengt nach nebenan, um ihre Eltern besser verstehen zu können. In den letzten Wochen hatten sie nicht mehr gelacht oder gescherzt im Bett, im Gegenteil. Ihre Mutter schaute verzagt drein, solange sie sich unbeobachtet glaubte, und nur, wenn sie bemerkte, dass Laura sie ansah, rang sie sich ein Lächeln ab.

»... hat erzählt, dass sie ihn wieder am Rialto gesehen hat«, hörte sie ihre Mutter sagen.

»Wer konnte damit rechnen?«, kam die leise Antwort des Vaters. »Nach all den Jahren! Neapel ist so weit weg!«

»Nicht weit genug«, erwiderte die Mutter. »Es war uns beiden klar, dass er irgendwann hier auftaucht.«

»Was sollen wir tun?« Die Stimme des Vaters klang gepresst.

»Wichtig ist, dass du dich nicht zu sehr aufregst. Du musst an dein Herz denken, das weißt du. Der Medicus hat dich gewarnt.«

»Aber wir müssen etwas tun«, gab der Vater zurück. »Das sollte dir genauso klar sein wie mir! Wie sollen wir uns sicher fühlen, wenn er in der Stadt ist?«

»Und was schlägst du vor?«, kam es von der Mutter.

»Wir könnten verschwinden, bevor er uns findet. Noch bleibt uns Zeit.«

»Das ist unmöglich! Du hast gehört, was die Hebamme gesagt hat! Das Kind kann jede Stunde auf die Welt kommen! Außerdem ist doch gar nicht gesagt, dass er uns findet. Warum sollte er ausgerechnet hier und jetzt nach uns suchen – nach all den Jahren!«

Laura hörte ihre Mutter kurz und bitter auflachen. Die nachfolgende Antwort konnte sie nicht verstehen, sie war zu leise.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen, und ihr Vater starrte sie an.

»Du hast gelauscht.«

Laura erwiderte seinen Blick, überrascht und eingeschüchtert von den starken Regungen, die über sein Gesicht huschten und die sie zunächst nicht richtig deuten konnte. Dann schaute sie ihn genauer an und sah, wie verzweifelt er war.

»Es tut mir leid«, stammelte sie. »Ich werde es beichten, das verspreche ich! Ich will mich gut benehmen und nicht mehr ungehorsam sein!«

Einen Augenblick lang wirkte seine Miene noch gequält, doch gleich darauf stahl sich ein Lächeln auf seine Züge.

»Du willst nicht mehr ungehorsam sein, wie?«

Sie nickte zaghaft.

Jetzt lächelte Guido breiter. »Sie will gehorchen. Meine widerborstige, dickköpfige Kleine.« Er wandte sich zu Anna um. »Hast du das gehört?«

Vom Bett her erklang ein Räuspern, dann ein leises Kichern. »Ich habe es wohl gehört, aber ich glaube es nicht.«

Laura stieß erleichtert den Atem aus. Ihre Eltern waren nicht böse auf sie! Nicht, dass sie es schon oft gewesen wären, aber hin und wieder war es eben doch vorgekommen, meist im Zusammenhang mit unverzeihlichen Unbotmäßigkeiten, die sie sogar selbst sofort als solche erkannt hatte. Es war ja nicht so, als hätte sie nicht brav sein wollen. Sie gab sich ständig Mühe, folgsam zu sein. Doch aus irgendwelchen ihr unerklärlichen Gründen wollte es ihr nie recht gelingen, ihre guten Vorsätze auch zu verwirklichen. Sie konnte es einfach nicht durchhalten. Es lag, wie Monna Pippa ihr schon mehrfach klargemacht hatte, an ihren roten Haaren. Rotes Haar, so hatte Monna Pippa ihr ernst versichert, sei mit dem Teufel im Bunde. Guido hatte das als Unfug abgetan, doch Laura war seither unsicher, ob diese Beurteilung der Nachbarin nicht vielleicht doch einen wahren Kern hatte, zumal einige andere Leute aus der Nachbarschaft, die ihr aufbrausendes Wesen kannten, sich ähnlich geäußert hatten.

Ihr Vater lächelte immer noch, auch wenn er dabei leicht erschöpft wirkte.

»Ich weiß, dass du voll von gutem Willen bist, aber manchmal ist dein Temperament eben stärker als die Vernunft.«

»Ist das sehr schlimm?«, fragte Laura, in dem kläglichen Bewusstsein, wie beschämend unzulänglich ihr Charakter war.

»Wir lieben dich so, wie du bist.« Ihr Vater streckte die Arme aus und zog sie an sich, und Laura schmiegte sich bereitwillig an ihn. Sie presste ihr Gesicht an seine Brust und fühlte dort sein Herz schlagen, kräftig und beruhigend. Er würde sie beschützen, sie und Mutter, und es würde alles gut werden.

Als hätte der Vater gespürt, wie zerrissen sie sich innerlich fühlte, legte er ihr den Arm um die Schultern und führte sie zum Bett, und dann durfte sie sich zwischen ihre Eltern kuscheln, so wie früher, als sie noch klein gewesen war und sich bei Dunkelheit gefürchtet hatte.

Ihre Mutter war im Dämmerlicht unter dem Betthimmel wie immer von hoheitsvoller, beinahe unnahbarer Schönheit, wie die Königin einer fremden Welt. Die Leute sagten, dass Laura ihr ähnlich sehe. Anna Monteverdis Haar war eher rostbraun als rot, doch der starke kupfrige Schimmer, den das Sonnenlicht hineinzauberte, deutete auf die Familienähnlichkeit hin.

Der Vater war kaum größer als die Mutter, schmal und sehnig, und seine Augen waren grau wie der Himmel bei Regenwetter.

Laura lag zwischen ihren Eltern im Bett, und sie redeten leise, so wie eine ganz normale Familie. Sie sprachen darüber, ob der Besitzer des neuen Palazzo in Cannaregio Guido Monteverdi wohl den Auftrag für die Fassadenmalerei erteilen würde. Ob Monna Pippa während der Reise nach Lissabon, zu der ihr Mann sie letzte Woche mitgenommen hatte, wie von ihr befürchtet, seekrank werden würde. Und schließlich sprachen sie darüber, ob sie es wohl an diesem Vormittag noch schaffen würden, endlich aufzustehen und in der Küche nachzuschauen, ob vom Vortag noch genug zum Essen da war.

Laura war solchen Gefühlen wie Glück und Zufriedenheit so nahe wie seit langem nicht. Unter dem Betthimmel roch es nach verschwitzten Leibern, und es wurde bald unerträglich warm. Doch um nichts in der Welt hätte sie woanders sein wollen. Alle bösen Ahnungen würden sich in Wohlgefallen auflösen, es würde nichts geschehen. Die Mutter würde bald einen kleinen Bruder zur Welt bringen – vielleicht auch eine kleine Schwester, ganz wie es Gott gefiel –, und dann würde das Leben ruhig und friedlich weitergehen wie immer.

Schließlich stand die Mutter lachend auf. Mit schwerfälligen Bewegungen stemmte sie sich von der Bettkante hoch. »Ich halte es nicht mehr aus mit euch! Ihr zwei verbreitet eine schlimmere Hitze als der Herd! Ich gehe nach unten. Wer kommt mit?«

Im Gegenlicht des rückwärtigen Fensters war ihr Bauch eine große Kugel, die sich unter dem Nachtgewand abzeichnete. Sie wandte sich um und lächelte Laura zu, die im Bett liegen geblieben war und den Blick ihrer Mutter mit einem schmerzhaften Ziehen im Herzen erwiderte.

Geh nicht nach unten, wollte Laura sagen. Bleib hier!

Doch sie brachte es nicht fertig, denn wie hätte sie eine so absurde Äußerung von sich geben können?

Auch der Vater erhob sich und blieb auf dem Weg zur Treppe kurz im Türrahmen stehen. »Möchtest du nachher mit mir zu San Spirito kommen? In einer Seitenkapelle sind noch Fresken fertigzustellen, und ich könnte einen Gehilfen brauchen.«

Er blickte sie aufmunternd an, und seine himmelgrauen Augen leuchteten im einfallenden Sonnenlicht.

Laura nickte stumm und schaute dann zu, wie er zur Treppe ging. Die Außentür ließ er offen stehen, und von dem kleinen Garten im Hinterhof drang der Duft von Blüten herauf. Unten neben der Mauer, die den Hof zum dahinterliegenden Campiello hin abgrenzte, standen mehrere Oleanderbüsche in voller Blüte, deren betäubend süßer Geruch an heißen Sommertagen wie diesem das ganze Haus zu umhüllen schien.

Laura sog den Duft ein, dann drehte sie den Kopf zur Seite und vergrub ihr Gesicht in den Kissen, um den Geruch ihrer Eltern einzuatmen. Gleich darauf erstarrte sie, mehrere Herzschläge lang, bevor die seit langem schwelende Bedrohung sich in schreckliche Wirklichkeit verwandelte.

Von unten ertönte der schrille Schrei ihrer Mutter.

»Spring noch einmal so hoch wie vorhin, Carlo«, befahl Valeria dem Schwarzen. Sie hatte es sich zwischen den zerborstenen Resten eines Fischerbootes bequem gemacht, den Kopf gegen den verrotteten Bug gelehnt und die langen Beine im Sand ausgestreckt. Ihr helles Haar lag malerisch ausgebreitet über den morschen Planken, und ihre Augen waren halb geschlossen.

Antonio kam es so vor, als würde sie keinen Moment darin nachlassen, verführerisch zu wirken. In der letzten Zeit dachte er häufiger darüber nach, ob sie es absichtlich tat oder ob es ihrer natürlichen Art entsprach, sich so zu geben, ganz egal, ob sie nun ging, stand oder saß. Manchmal, wenn sie ihn unter ihren gesenkten Lidern hervor anschaute, so wie jetzt Carlo, wurde ihm warm, und dann ärgerte er sich, weil meist er derjenige war, der zuerst wegschaute. Sie war dreizehn und somit ein Jahr älter als er, vielleicht lag es daran. In der letzten Zeit kam es oft vor, dass er sich aus unerfindlichen Gründen verlegen und unbehaglich fühlte, wenn sie ihn anschaute, und zu seinem Verdruss ärgerte er sich auch darüber, dass sie mit Carlo herumtändelte, den sie damit in ähnliche Unruhe zu versetzen schien wie ihn.

Der Schwarze blickte Valeria auf ihre Aufforderung hin stoisch an und reagierte nicht, auch nicht, als sie ihm mit einer Geste verdeutlichte, was sie meinte.

Natürlich wusste er genau, worauf sie hinauswollte, das sah Antonio ihm an. Carlo hatte in einer Woche enorm viel dazugelernt, inzwischen kannte er die wichtigsten Begriffe für Kleidung, Essen, Waffen und andere Dinge aus ihrer Umgebung, und es wurden derer täglich mehr. Er schien auch bestimmte Regeln zu verstehen, wenn man sie ihm langsam erklärte. Etwa, warum man sich vor den Pfaffen in Acht nehmen musste, die gelegentlich in den wenigen öden und sumpfigen Strandabschnitten nach elternlosen Kindern fahndeten, um sie in Waisenheime zu verfrachten. Oder warum man bei bestimmten Fischsorten aufpassen musste, wenn man beim Essen nicht an den Gräten ersticken wollte.

Er trug nicht mehr den Lendenschurz wie bei seiner Flucht, sondern hatte sich von irgendwoher Kleidung beschafft, die ihm sogar halbwegs passte, ein offenes Wams, ein Hemd von undefinierbarer Farbe und löchrige Beinlinge. Und er war bewaffnet mit einem schartigen, aber blinkend scharf geschliffenen Messer.

»Nun spring doch endlich!«, sagte Valeria.

Der Schwarze nahm zwei Steine auf und hieb sie gegeneinander, immer wieder, bis einzelne Splitter wegflogen. Er schaute Valeria nicht an.

»Idiot!«, fauchte Valeria.

»Lass ihn in Ruhe«, befahl Antonio ihr gereizt. »Warum sollte er nur zu deinem Vergnügen springen?«

»Weil ich es möchte«, versetzte sie schnippisch.

Sie schaute ihn herausfordernd an und schien darauf zu warten, dass er sie in die Schranken wies, so wie er es mit allen tat, die ihm widersprachen, doch er fühlte sich nicht in der Verfassung, sich mit ihr herumzustreiten. Ihm war heiß, und er hatte Kopfschmerzen. Der Schlachter, bei dem er am Morgen ein Stück Fleisch gestohlen hatte, war schneller gewesen als er und hatte ihm eins mit einem Knochen übergezogen. Der Schlag hatte ihn nur gestreift und ihm ein Stück Haut über dem Ohr weggerissen, aber die Stelle schmerzte immer noch höllisch, und der ganze Schädel brummte ihm, als wäre er gegen eine Wand gerannt. Wenn er die Augen schloss, wurde ihm schwindlig.

Immerhin hatte er das Fleisch nicht fallen lassen; sie hatten es vorhin über dem Feuer gegart und bereits verspeist, bis auf die Portion, die er für Cecilia aufgehoben hatte.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Schwarze die Steine zur Seite warf und zuerst Valeria und dann ihn anschaute, als könnte er sich nicht recht entscheiden, wer mehr zu sagen hatte. Bis vor ein paar Monaten hätte Antonio diese Frage ganz klar dahingehend beantwortet, dass Valeria bestimmte, was die übrigen Kinder zu tun hatten, doch dann war zweierlei geschehen: Er war binnen kürzester Zeit mehrere Handbreit gewachsen. Und er hatte den dringenden Wunsch verspürt, sie in ihre Schranken zu weisen. Schon deshalb, weil er es nicht ausstehen konnte, wie sie seine Schwester behandelte.

Als hätte sie gespürt, dass er an sie dachte, fing Cecilia an zu husten. Sie lag auf der anderen Seite des Bootes im Schatten. Anders als Valeria hatte sie noch kein Interesse daran, ihr Haar von der Sonne bleichen zu lassen. Außerdem war ihr auch so schon heiß genug, denn sie hatte wieder hohes Fieber. Dies war mindestens die dritte schwere Erkältung seit Beginn des Jahres, und manchmal kam es Antonio so vor, als würde sie auch zwischendurch kaum je richtig gesund, denn Husten hatte sie immer. Sie war so dünn, dass man ihre Arme und Beine mit zwei Fingern hätte umschließen können, und überall stachen ihre Knochen hervor.

Antonio ging um das Boot herum und widerstand dabei dem Verlangen, Valeria einen Tritt zu verpassen. Nicht so hart, dass es sie hätte verletzen können, eher um zu beweisen, dass er es konnte und dass sie sich ihm zu fügen hatte, wenn er es wollte. Vielleicht würde sie dann aufhören, ihm zu widersprechen. Oder ihn auf diese merkwürdige neue Art herauszufordern, die ihn abends vor dem Einschlafen noch lange wach liegen ließ.

Cecilia hatte die Beine an den Leib gezogen und sie mit beiden Händen umklammert. Trotz der Hitze schien sie zu frieren, denn sie zitterte zwischen den einzelnen Hustenstößen, die ihren ganzen Körper erschütterten.

Antonio holte ein Stück Fleisch und hielt es ihr hin. Es roch appetitlich und triefte vor Fett.

»Magst du essen?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und hustete erneut, und zu seiner Bestürzung sah er, dass dabei Blut auf ihre Lippen trat. Sie hatte schon oft nach dem Husten Schleim ausgespuckt, der mit Blutfäden durchsetzt war, doch das hier war reines Blut.

»Du solltest etwas essen«, sagte Antonio. »Bestimmt geht es dir besser, wenn du was im Bauch hast.«

»Ich habe keinen Hunger.« Cecilia hustete abermals, und auch diesmal spie sie Blut.

Mechanisch legte Antonio das Fleisch zur Seite und wischte ihr mit einem Zipfel ihres Gewandes den Mund ab. Dabei blieb eine Schmutzspur zurück, die sich bis zu ihrem Kinn zog. Wie sie alle besaß auch Cecilia keine Kleidung zum Wechseln und trug jahrein, jahraus dieselbe verfilzte Gamurra und darunter ein verschlissenes Unterkleid. Im Winter kamen ein dickes wollenes Wams und Beinlinge dazu, doch auch damit konnte sich ein so dürres Geschöpf wie sie kaum warm halten. Den letzten Winter hatten sie ein Zimmer zum Übernachten ergattert; einen Kamin gab es dort nicht, aber immerhin hatten sie feste steinerne Wände um sich gehabt und eine Kohlepfanne gegen die schlimmste Kälte. Den Winter davor hatten sie in einem zugigen Stall schlafen müssen, und seither hustete Cecilia.

Antonio betrachtete zweifelnd das Fleisch. Für ihn war unvorstellbar, dass jemand, der den ganzen Tag kaum mehr zu sich genommen hatte als ein winziges Stück Brot, keinen Hunger darauf haben konnte. Ihm selbst knurrte schon wieder der Magen, obwohl er erst vor zwei Stunden reichlich gegessen hatte.

Die Wellen klatschten hinter ihm an das mit Schilf bewachsene Ufer. Der sandige Lehm war unter seinen bloßen Füßen so heiß, dass er kaum an einer Stelle hocken bleiben konnte. Als er jedoch Cecilias Wange berührte, schien diese noch mehr zu glühen als der Boden.

Mücken umsummten ihn und taten sich an seiner Wunde gütlich, doch Antonio störte sich nicht daran. Manchmal stachen die Biester mehr, manchmal weniger, aber leben mussten sie alle damit.

Eine Fliege kam herangebrummt und setzte sich auf das Fleisch. Antonio scheuchte sie geistesabwesend fort und biss in das Bratenstück. Es gab keinen Grund, gutes Essen verkommen zu lassen. Wenn er es nicht aß, würden die Zwillinge es tun, oder der Schwarze, der ebenso wie er selbst immer Hunger zu haben schien. Valeria war weniger gierig nach Essen; sie ließ sich von ihren Freiern oft mit Nahrung bezahlen und war daher die meiste Zeit satt.

Antonio überlegte, ob er für Cecilia eine Orange besorgen sollte; diese Früchte liebte sie über alles. Er hatte noch ein wenig von dem Geld übrig, das er in der vergangenen Woche von dem Juden bekommen hatte. Das meiste hatte er – ebenso wie alles, was er vorher zusammengestohlen hatte – für die Miete bis zum Jahreswechsel gebraucht.

Er rieb sich die schmerzende Stelle über dem Ohr und fluchte, als er das verkrustete Blut unter seinen Fingerspitzen spürte.

Carlo war aufgestanden und näherte sich ihm.

»Cecilia?«, fragte er in dem ihm eigenen gutturalen Tonfall. Er machte eine Bewegung, als wollte er springen, und dabei deutete er auf das Kind.

»Du meinst, ob du für sie springen sollst?« Antonio zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, ob sie’s überhaupt mitkriegt.«

»Wieso willst du für sie springen, aber nicht für mich?« Valeria warf eine Handvoll Lehm nach dem Schwarzen. »Ich habe dich schließlich getauft, mit echtem Wasser aus der Lagune, ein halbes Fass voll für deinen rabenschwarzen Kopf und deine Seele, die sicher noch viel schwärzer ist! Also bin ich so was wie deine Patin, und du musst mir gehorchen!«

Der Schwarze schüttelte den Lehm aus seinen Haaren und würdigte Valeria keines Blickes. Stattdessen schaute er Antonio mit seinen rätselhaften, tiefdunklen Augen an, genau wie an jenem Tag, als er hier bei ihnen aufgetaucht war. Er hatte Antonio auf diese seltsame Weise angeblickt, als würde er ihn kennen, und dann hatte er einen gellenden Schrei ausgestoßen und war hochgesprungen, mit beiden Beinen und aus dem Stand. Er hatte sich hochkatapultiert wie ein Geschoss, mit solcher Wucht und so weit hinauf in die Luft, dass Antonio fassungslos den Atem angehalten hatte, während der Schwarze wieder auf den Füßen landete und ihn triumphierend und voller Angriffslust anfunkelte.

Anscheinend war Antonio in diesem Moment dasselbe in den Sinn gekommen wie Valeria, die hinter ihm gestanden hatte und halb ehrfürchtig, halb sarkastisch bemerkte: »Sieh nur, wie hoch er springen kann! Und mit welcher Kraft! Er wäre ein guter Katzentöter.«

»Du hast recht«, hatte Antonio erwidert, während er in seine Gürteltasche langte und dem Schwarzen mit gezieltem Wurf ein Stück Räucherwurst vor die nackten, verhornten Füße schleuderte. Mit dem Katzenspiel ließ sich tatsächlich eine Menge Geld verdienen, vorausgesetzt, man war derjenige, der die Wettgelder einsammelte, und Antonio hatte sich geschworen, genau das eines Tages zu tun. Diejenigen, die sich die Hände auf dem Rücken fesseln ließen und mit verbundenen Augen versuchten, die am Strick hängende Katze mit Kopfstößen zu erledigen, bekamen höchstens ein Taschengeld. Und Narben, die wochenlang wie Feuer brannten. Er selbst hatte vor einem Jahr damit aufgehört und sich lieber aufs Stehlen verlegt, nachdem eines dieser wilden, räudigen Biester ihm die Wange aufgeschlitzt und einem anderen Jungen durch die Binde hindurch ein Auge ausgekratzt hatte. Am meisten hatte es Antonio geärgert, dass der Wettleiter an ihnen beiden verdient hatte, denn der Kerl hatte dafür gesorgt, dass alle auf die Katze setzten, die sich beim Kampf gebärdet hatte wie die Höllenbestie persönlich.

Seit seinem Auftauchen war Carlo Mitglied der Gruppe und schlief inzwischen auch bei ihnen im Haus. Antonio hatte Carlo ermuntert, mit ihnen durch die Stadt zu streifen, und nach anfänglichem Zögern war der Schwarze ihnen gefolgt. Er sprach nie aus eigenem Antrieb zu ihnen, aber wenn man mit ihm redete, hörte er stets aufmerksam zu, fast so, als wolle er jedes einzelne Wort in sich einsaugen.

Er fing im seichten Wasser der Lagune Fische, die er mit ihnen teilte, wenn sie ihm im Austausch dafür Fleisch, Brot oder Obst gaben. Seine Art zu fischen war merkwürdig, aber meist erfolgreich: Er stand reglos bis über die Knie im Wasser, in der Hand einen angespitzten Stock, manchmal länger als eine Stunde, und dann, so ruckartig, dass einem der Schreck in die Glieder fuhr, wenn man zuschaute, zischte der Stock ins Wasser und kam gleich darauf mit einem aufgespießten, wild zappelnden Fisch wieder zum Vorschein.

Cecilia hatte Zutrauen zu dem langgliedrigen, dünnen Jungen gefasst, und oft hörte Antonio belustigt zu, wie sie ihm einzelne Worte für einfache Dinge beibrachte, die er dann mit seiner eigenartig kehlig klingenden Stimme wiederholte.

Auch Oratio und Tomàso machten sich hin und wieder einen Spaß daraus, dem Schwarzen neue Wörter beizubringen, je schlüpfriger und schmutziger, desto besser. Wenn sie nicht gerade irgendwo in dem menschenleeren Brachgelände am Nordrand der Stadt umhertollten, vertrieben sie sich die Zeit mit unflätigem Geschwätz, an dem sie den Schwarzen unbekümmert teilhaben ließen.

Die Zwillinge geboten zudem über ein Vokabular an Flüchen, die jeden Pfaffen und jede Nonne vor Entsetzen ohnmächtig hätten umsinken lassen. Auf gotteslästerliches Fluchen stand der Tod, und wären die beiden nicht erst acht Jahre alt, hätte ihr Gerede sie schon längst den Kopf gekostet.

Sie balgten in Rufweite zwischen den Büschen herum, die das unbewohnte Gelände zum nächstgelegenen bebauten Teil des Sestiere hin abgrenzten. Ein wenig südlich von den brackigen Wasserläufen, die am äußeren Rand von Cannaregio in die Lagune mündeten, erstreckte sich das Areal eines Frauenklosters, dessen Gemüse- und Kräutergärten von mannshohen Mauern umfriedet waren. Manchmal klangen Gekicher und Satzfetzen von Unterhaltungen der Nonnen herüber, aber ansonsten machten sich die Bewohner des Klosters kaum bemerkbar. Die Kinder hatten ihre nachmittägliche Spielidylle meist ganz für sich allein. Hin und wieder glitten Boote auf dem sumpfigen Wasser der Lagune vorbei, doch an der kleinen Brache hinter dem Kloster gab es keine Anlegestelle, sodass niemand ihnen diesen Platz zwischen Büschen und Schilf streitig machte.

Oratio verpasste Tomàso einen Hieb in den Magen, dann drehte er sich um und rannte davon. Lachend und schimpfend zugleich folgte Tomàso seinem Bruder, und als er ihn eingeholt hatte, stürzten sie sich in eine Keilerei, bei der ein unvoreingenommener Betrachter geschworen hätte, dass sie eher bösartig als brüderlich war. Doch Antonio, der die beiden gut genug kannte, verschwendete keinen zweiten Blick auf das Gerangel. Stattdessen schob er sich den letzten Bissen des gegrillten Fleischs in den Mund und stand auf. Mit vollen Backen kauend blickte er auf Cecilia nieder und sagte laut: »Ich besorge Obst und Medizin.«

»Keine gute Tageszeit zum Klauen«, sagte Valeria auf der anderen Seite des Bootsrumpfes in dem ihr eigenen trägen Tonfall.

»Ich will nicht klauen, sondern kaufen.«

»Ach? Ich dachte, du wolltest das bisschen Geld für Notfälle aufheben. Eines lass dir sagen, Antonio Bragadin: Von mir kriegst du nur meinen Anteil für die Miete, aber sonst keinen Soldo.«

»Es ist ein Notfall. Meine Schwester hustet Blut. Und habe ich dich vielleicht um Geld gefragt?«

»Du hast es damals getan, und du wirst es wieder tun, nur vielleicht aus anderen Gründen. Wenn du schon die Idee hast, Carlo für das Katzenspiel zu benutzen, wirst du mich bald an Männer verkaufen. Du bildest dir etwas darauf ein, dass du jetzt größer und stärker bist als ich.« Sie reckte sich und warf das lange Haar zurück. »Aber ich lasse mich nicht verkaufen, nur dass du es weißt. Ich verkaufe mich selbst, und das, was ich damit verdiene, gehört mir allein!« Sie legte den Kopf schräg und machte einen Schmollmund. »Aber vielleicht, wenn du gut zu mir bist, ändere ich meine Meinung noch ...«

Er ignorierte ihr Geschwätz und stapfte voller Wut davon.

Die Mutter schrie erneut, und Laura rannte zur Treppe. Als sie nach unten gestürzt kam, rechnete sie mit einem Bild des Grauens, so wie auf den Gemälden in der Kirche, auf denen die hingemetzelten Ungläubigen zu sehen waren, die es gewagt hatten, das Heilige Land zu entweihen und sich den Heerscharen der Gerechten entgegenzustellen.

Doch unten in der Küche gab es weder Blut noch Tote, sondern nur ihre Eltern, denen allerdings Furcht und Aufregung ins Gesicht geschrieben standen.

Anna Monteverdi hatte sich vor den Herd gehockt und hielt sich mit beiden Händen an der steinernen Ummauerung der Kamineinfassung fest. Unter ihren Füßen war es nass, und sie stöhnte tief in der Kehle, ein fremdartiger Laut, der Laura verstörte.

»Mutter!«, rief sie aus. »Was ist geschehen?«

Guido Monteverdi trat von einem Fuß auf den anderen. In seinen Augen stand ein gehetzter Ausdruck. »Deine Mutter hat ihr Fruchtwasser verloren, die Wehen haben eingesetzt. Herr im Himmel, ich dachte nicht, dass es so schnell geht!«

»Heißt das, heute wird das Kind geboren?«

Die Mutter schrie gepeinigt auf, und Laura fuhr zusammen.

Mit wachsendem Schrecken sah sie, wie der Vater zur Tür lief. »Ich gehe die Hebamme holen. Steh du einstweilen deiner Mutter bei!«

Im nächsten Moment war er auch schon verschwunden, und die Tür fiel mit einem Knall hinter ihm ins Schloss.

Die Mutter hatte aufgehört zu stöhnen. Mühsam zog sie sich hoch und drückte sich die Hand ins Kreuz. »Liebe Güte, das waren eben Schmerzen! Man sollte ja meinen, dass ich es noch von früher kenne, aber das Schlimme an einer Geburt vergisst man wohl nur zu gern.«

»Hat es aufgehört?«, fragte Laura hoffnungsvoll.

»Für den Moment.« Anna lächelte und streckte die Hand aus. »Komm her, meine Kleine.«

Laura ließ sich das kein zweites Mal sagen. Sie eilte an die Seite ihrer Mutter und umarmte sie, und es war ihr völlig gleichgültig, dass Annas Hemd von Flüssigkeit durchtränkt war.

»Soll ich dir die Gamurra holen?«, fragte sie eifrig. »Und ein frisches Hemd?«

Anna fuhr ihr sacht über das Haar. »Das wäre eine Verschwendung von guter Kleidung.«

»Warum?«

»Das Kinderkriegen ist nicht nur eine schmerzhafte, sondern auch eine ziemlich unsaubere Angelegenheit.«

Sie beließ es bei dieser dubiosen Andeutung, hatte aber nichts dagegen, dass Laura sie zum Tisch führte, wo sie sich auf einem der Stühle niederließ.

»Möchtest du Wasser?« Laura deutete zur Kochstelle. »Oder eine Schale mit Brei? Es ist noch welcher von gestern da! Ich könnte eine Prise Zimt darübergeben. Das isst du doch so gern!«

Anna schüttelte den Kopf. Sie war bleich, und unter ihren Augen lagen Schatten.

»Hast du Angst?«, platzte Laura heraus. »Davor, das Kind zu bekommen? Oder vor ... anderen Dingen?« Gleich darauf hätte sie sich am liebsten die Hand vor den Mund geschlagen. Wie konnte sie die Mutter etwas so Schreckliches fragen?

Anna Monteverdi starrte ihre Tochter an. »Du hattest böse Ahnungen, nicht wahr? Wer muss gehen? Das Kind? Oder ich? Oder wir beide? Hast du mich in meinem Blut gesehen, so wie damals Monna Matilda?«

Laura wollte den Kopf schütteln, doch sie brachte es nicht fertig. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wünschte sich weit weg. Am liebsten hätte sie die Mutter gebeten, mit ihr fortzugehen, doch sie wusste, dass das unmöglich war.

Als hätten ihre Gedanken es heraufbeschworen, krümmte die Mutter sich abermals unter einer Wehe, und das lang gezogene Stöhnen ließ Laura vor Furcht erstarren. Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie Monna Pippa herbei. Warum hatte die Nachbarin ihren Mann ausgerechnet auf dieser Reise begleiten müssen?

»Vater kommt bestimmt gleich mit der Hebamme zurück«, sagte Laura hastig, als könnte sie durch diese Bemerkung ein Stück Normalität zurückbringen.

»Der arme Guido«, presste Anna zwischen zwei Schmerzlauten heraus. »Nun muss er Angst um mich haben, und das ist meine Schuld!«

»Du kannst doch nichts dafür, dass du ein Kind bekommst! Und Vater hat bestimmt keine Angst!« Laura flüchtete sich in eine verzweifelte Lüge, und sie stieß sie mit solcher Inbrunst heraus, dass sie beinahe selbst daran glaubte: »Es wird alles gut ausgehen, das weiß ich genau!«

Anna schüttelte den Kopf. Sie schöpfte Atem und stöhnte erneut, bis die Wehe abflachte. »Das Leben mit ihm war ein einziges Lachen und Träumen. Deshalb musste ich ihm folgen, ich konnte nicht anders. Er war mein Retter und mein Held, der mir Sagen von geflügelten Drachen malen konnte. Er hat meine Lieder gehört, weißt du.«

Laura nickte hilflos, ohne zu wissen, was ihre Mutter meinte.

»Ich hätte dich dort lassen sollen«, sagte Anna. »Zum Zeichen der Sühne. Dann wäre vielleicht alles gut geworden. Aber ich konnte es nicht. Der Himmel möge mir vergeben – ich konnte es nicht!«

Anna stöhnte unter der nächsten Wehe auf. Sie umklammerte die Tischkante, den Kopf vorgebeugt, sodass einzelne Strähnen ihres aufgelösten Haars bis auf die Bodendielen hingen, rötliche Streifen vor dem Weiß des Nachthemdes.

Als sich die Tür öffnete, drehte Laura sich erleichtert um. Doch nicht ihr Vater betrat das Haus, sondern ein maskierter Mann.

Der Kopf der Mutter fuhr hoch, und als sie den Fremden erblickte, stieß sie einen unterdrückten Schrei aus, diesmal jedoch nicht vor Schmerz. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck nackten Grauens.

Auf der Fondamenta lag eine Ratte, die noch nicht lange tot sein konnte, denn das Blut, das an ihrer Schnauze klebte, war kaum geronnen. Antonio holte aus und kickte den Kadaver in den Kanal. Er konnte damit niemanden verletzen, doch der Tritt half ihm, sich abzureagieren.

Der Kopf tat ihm immer noch weh, und auch innerlich war ihm elend zumute, nicht nur, weil es seiner Schwester schlecht ging, sondern weil Valeria so offen ausgesprochen hatte, was schon seit einer Weile an ihm nagte. Als er vor zwei Jahren mit Cecilia zu der Gruppe gestoßen war, hatte er die Methoden, mit denen Valeria sich über Wasser hielt, auch nicht gutgeheißen, im Gegenteil. Es hatte ihn abgestoßen, so wie die Ratten, mit denen sie das zugige Loch hatten teilen müssen, in dem sie damals übernachtet hatten, und wie die meisten anderen ungewohnten Umstände auch, mit denen er sich nach dem Tode der Mutter hatte abfinden müssen. Mit der Zeit war es ihm jedoch gleichgültig geworden, dass er und seine Schwester bei einer Kinderhure Unterschlupf gefunden hatten. Mehr noch: Es war ihm normal vorgekommen, dass Valeria fremden Männern zu Willen war. Sie hatte immer Geld und konnte jederzeit essen, und von ihnen allen trug sie die am besten erhaltene Kleidung. In den ersten schlimmen Wochen hatte sie sogar ihm und Cecilia etwas von ihrem Geld abgegeben – wenn auch mit der Einschränkung, dass es nur geliehen war und dass sie ein Zehntel als Zinsen verlangte. Er hatte ihr alles bis auf den letzten Bagattino zurückgezahlt, und falls er ihr gegenüber jemals Dankbarkeit empfunden hatte, so war davon schon lange nichts mehr übrig.

Sie hätte ihm herzlich egal sein können, doch zu seinem Unbehagen störte er sich seit einer Weile daran, dass sie sich verkaufte, und in ihm wuchs von Woche zu Woche der Drang, sich mit ihren Freiern zu prügeln oder ihnen sein Messer in den Leib zu rammen. Er hatte keine Ahnung, warum er diese merkwürdigen Gefühle entwickelte, und genau das ärgerte ihn beinahe noch mehr als der Grund seiner Verstimmung.

Er schob sich durch das Menschengewimmel in den engen Gassen, überquerte die winzigen Brücken, die sich über die Kanäle spannten. Hier am Rialto, dem Herzen von San Polo, war wie immer an Markttagen Hochbetrieb. Die Leute sammelten sich an Verkaufsständen und vor Ladeneingängen, und das laute Feilschen der Händler und Marktweiber erfüllte die Luft. Auf der breiten Wasserfläche des Canalezzo herrschte ein unübersichtliches Gedränge von Booten aller Art. Bunt gestrichene, mit Wimpeln geschmückte Gondeln zogen an den schwerfälligeren Lastkähnen vorbei, und vereinzelt waren auch kleinere, aber seetüchtige und mit Kanonen bestückte Galeeren zu sehen, die Soldaten in voller Bewaffnung beförderten. Der Krieg mit den Türken ging schon ins dritte Jahr, und obwohl die feindlichen Schiffe es bisher nicht geschafft hatten, in die Lagune vorzustoßen, war die Beklemmung in der Stadt allenthalben zu spüren. Ständig wechselnde Gefechte im gesamten adriatischen Raum ließen die Bedrohung allgegenwärtig bleiben, und die Schauergeschichten, die sich die Leute über die osmanischen Gräueltaten erzählten, sorgten zusätzlich für die Verbreitung von Furcht und Hass.

Schließlich erreichte Antonio die Rialtobrücke, die San Marco mit San Polo verband. Die kunstvolle Holzkonstruktion wies an den Pfeilern und Verstrebungen hier und da bereits morsche Stellen auf, und wenn schwere Karren über die Planken gezogen wurden, die den oberen Teil der Brücke bildeten, war manchmal ein bedenkliches Knirschen zu hören.

Antonio hatte schon mehrfach beobachtet, wie die Brücke in diesem Bereich geöffnet wurde, um Schiffen mit hohen Masten die Durchfahrt zu ermöglichen, und er stellte sich jedes Mal vor, die Brücke würde genau dann zusammenbrechen, wenn ein Schiff den Canalezzo an dieser Stelle passierte. Die allgemeine Aufregung wäre mit Sicherheit enorm, und er würde stehlen können, bis ihm die Taschen platzten. Leider hatte er bisher nur mäßig aufregende Ereignisse für Beutezüge nützen können, etwa den Sklavenaufstand von neulich, oder eine der seltenen öffentlichen Hinrichtungen auf der Piazzetta. Der Karneval war in dieser Hinsicht etwas ergiebiger, aber während der wilden Feiertage hatten die Leute kaum Geld in den Taschen. Alle Betrunkenen, die er bislang wehrlos auf dem Pflaster schnarchend vorgefunden hatte, waren entweder zu arm oder zu schlau gewesen, um mehr als ein paar armselige Münzen mit sich zu führen. An Karneval war die Ausbeute meist karg, wenn auch das Risiko kleiner war.

»Eine milde Gabe, guter Herr!« Ein einbeiniger Bettler, der am gegenüberliegenden Ufer hockte, streckte die knotige Hand aus, als Antonio über die Brücke kam. »Nur eine kleine Kupfermünze, und ein Platz im Himmel ist Euch sicher!«

Dann schien der Bettler trotz seiner triefenden Augen zu erkennen, dass hier wenig zu holen war. Er spuckte verächtlich aus und drückte sich gegen die Wand, an der er hockte, die Hand um einen Knüppel gekrampft, offenbar entschlossen, seine Tageseinnahmen bis aufs Blut zu verteidigen.

Antonio achtete nicht auf den Bettler, er war zu tief in Gedanken versunken. Ein paar Schritte weiter wich er mechanisch einem Händler aus, der fluchend und schwitzend mit seinen Gehilfen Fässer von einem Lastboot lud.

Einem Hund, der ihn aus einem Hauseingang heraus zuerst anknurrte und sich dann mit gefletschten Zähnen auf ihn stürzte, verpasste er einen beinahe beiläufigen Tritt mit dem Holzschuh. Das Tier, ein ausgemergelter Gassenköter undefinierbarer Rasse, kniff aufheulend den Schwanz ein und schoss davon.

Antonios Weg führte an einer Reihe kostbar bemalter, mit Stuck und Marmorloggien verzierten Palazzi vorbei, deren Läden gegen die grelle Sonne geschlossen waren.

Über einen Campo gelangte er in eine Salizada und bog schließlich in eine winzige, nach Holzrauch und Leder riechende Gasse ein, die von eng stehenden Häusern gesäumt war. Kaum zwei Armlängen über seinem Kopf stießen die Auskragungen der einander gegenüberliegenden Fassaden fast zusammen, sodass nur wenig Tageslicht durch den Spalt in die Gasse fiel. Mehrere Läden reihten sich im Dämmerlicht des schmalen Durchgangs aneinander: eine Schusterwerkstatt, ein kleiner Laden, in dem Krämerware feilgeboten wurde, und schließlich, fast am Ende der Gasse, die Apotheke.

Antonio war seit Mariä Lichtmess schon drei Mal hier gewesen, um Medizin für Cecilia zu kaufen, und bisher hatte ihr der Sud, den er aus dem vertrockneten Grünzeug gekocht hatte, immer recht gut geholfen.

Die Alte, die den Laden führte, war ihm ein wenig unheimlich, fast so sehr wie ihre rothaarige, verwachsene Gehilfin, und er wusste, dass manche Leute im Sestiere die beiden für Hexen hielten. Doch das war ihm egal; soweit es ihn betraf, konnten die zwei so viel hexen, wie sie nur wollten. Hauptsache, das Zeug, das sie ihm verkauften, machte Cecilia wieder gesund.

Er stieß die Tür zum Laden auf, und scharfer Kräutergeruch umfing ihn. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, sich auf die veränderten Lichtverhältnisse einzustellen. Hatte draußen in der Gasse schon Zwielicht geherrscht, schien es hier drin nahezu dunkel zu sein. Durch das mit einer Schweinsblase vernagelte Fenster an der Seitenwand fiel kaum genug Helligkeit, um mehr sichtbar zu machen als die Umrisse von hohen Regalen und Säcken, die davor aufgestapelt lagen. Erst nach mehrmaligem Blinzeln sah Antonio die Frau, die hinter der Theke stand und dort hantierte. Es war die Ältere. Ihr graues Haar war straff zurückgekämmt und größtenteils unter einer ebenfalls grauen Haube verborgen, und auch die Schürze, unter der ihr dürrer Körper beinahe verschwand, war grau. Ihre ganze Erscheinung hätte wie eine trübselige Ansammlung von Farblosigkeit wirken müssen, und doch war das Gegenteil der Fall. Auch diesmal schien etwas Bezwingendes von ihr auszugehen, als sie aufblickte und Antonio taxierte.

»Ah, der junge Bragadin«, sagte sie mit ihrer im Verhältnis zu der mageren Gestalt überraschend kräftigen und melodiösen Stimme, während sie ein Bündel Kräuter zur Seite schob. »Geht es deiner Schwester denn noch nicht besser?«

Er wunderte sich, dass sie seinen Namen noch wusste. Schon beim letzten Mal war es ihm merkwürdig vorgekommen, dass sie ihn nach nur einem Einkauf wiedererkannte und seinen Namen wissen wollte. Er hatte ihn ihr gesagt – den richtigen, ganz gegen seine sonstigen Gepflogenheiten – und hatte dabei ein eigentümlich tröstliches Gefühl empfunden, als ob ihm jemand Anteilnahme entgegenbrachte. Natürlich war das nur eine Illusion gewesen, basierend auf dem geschickten Geschäftsgebaren der Alten, die sich ihre Kunden gewogen machte, indem sie sich ihre Namen merkte und so tat, als sei sie am Zustand der Kranken interessiert.

»Sie hat Blut gehustet«, sagte er widerstrebend.

»Wie sah es aus?«

»Hell und rot, wie von einer Verletzung.«

»Seit wann geht das so?«

»Das Blut kam heute zum ersten Mal. Vorher war in dem Schleim ebenfalls Blut, aber heute war es richtig hell. Sie braucht eine bessere Medizin als das letzte Mal.«

Mittlerweile hatten seine Augen sich an das dürftige Licht im Laden gewöhnt, und er sah sich genauer um. In den Regalen waren dicht an dicht zahlreiche irdene Tiegel und gläserne Gefäße aufgereiht, teils verstöpselt, teils offen. An den meisten hingen beschriftete Stücke von Pergament, ebenso wie an den Leinensäcken, die es in allen Größen in den Regalen und auf dem Fußboden davor zu sehen gab. Auf der Theke standen neben weiteren Säcken, Tiegeln und einem Stapel von Pergamentrollen eine Waage, ein Tintenfass mit darin steckender Feder und ein merkwürdig tickendes Ding, das Antonio erst beim zweiten Hinsehen als Uhr erkannte. Er warf einen begehrlichen Blick darauf und fragte sich, was sie wohl wert sein mochte. Er hatte davon gehört, dass es Uhren gab, die so klein waren, dass man sie auf einen Tisch stellen konnte, doch gesehen hatte er bisher noch keine.

Der Geruch nach Kräutern, Weingeist, Talg und Kampfer mischte sich in der trockenen Luft auf so betäubende Art, dass Antonio heftig die Nase juckte. Er nieste mehrmals und fühlte sich mit einem Mal lächerlich fehl am Platze. »Habt Ihr eine gute Medizin für Cecilia?« Seine Hand fuhr in die Tasche. »Gebt mir die beste! Ich kann sie bezahlen!«

Die Frau musterte ihn, und er meinte, in ihren blassen Augen Kummer wahrzunehmen.

»Ich kann dir etwas mitgeben, das ihre Beschwerden lindert.«

»Geht davon der Bluthusten weg?«

»Das liegt allein in Gottes Hand«, sagte die Frau. Die Antwort kam leise, aber ohne Zögern. Mit glasklarer Schärfe tropften die Worte zwischen ihnen in den Raum und schienen ihn mit all dem Schrecken zu erfüllen, vor dem er bisher hatte fliehen können.

Er dachte an seine Mutter, und mit einem Mal erinnerte er sich auch wieder daran, wie ähnlich es bei ihr verlaufen war. Der zähe, unaufhörliche Husten, das blasse, fast durchsichtige Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen, der magere Brustkorb. Und schließlich das Blut in den Tüchern, die sie sich vor den Mund presste, als könnte sie auf diese Weise das Leben in ihrem Körper halten, obwohl es doch am Ende so drängend hinausgestrebt hatte. Es hatte sich bei ihr länger hingezogen als bei Cecilia, jedenfalls kam es ihm im Rückblick so vor. Er erinnerte sich nicht mehr an Zeiträume, nur an die schleppenden Ewigkeiten, in denen sie schwach und krank auf der Bettstatt lag und der Hunger sie alle drei plagte, bis Nonnen aus dem nahe gelegenen Kloster ihnen zu essen brachten. Himmel, wie furchtbar der Hunger gewesen war! Er hatte geweint vor Dankbarkeit und Erleichterung, als die Nonnen kamen. Sie hatten auch dafür gesorgt, dass die Mutter ein würdiges Begräbnis bekam. Wie sehr er sich hinterher geschämt hatte, dass er während ihres Todeskampfes nur ans Essen hatte denken können!

»Meine Schwester ... Sie wird sterben«, sagte Antonio benommen.

»Irgendwann müssen wir alle sterben.«

»Aber sie ist noch so klein!« Seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren dünn und kindlich, und er hasste sich für seine Schwäche, hasste die graue alte Frau, hasste Gott, der dies zuerst seiner Mutter angetan hatte und jetzt seiner Schwester. Verflucht sollte er sein!

Er erschrak, kaum, dass er das gedacht hatte, denn Gott zu verfluchen war Häresie, die mit ewiger Verdammnis im Höllenfeuer bestraft wurde, auch wenn man es nur in Gedanken tat. Peinlich berührt widerstand er dem Drang, auf der Stelle niederzuknien und den Allmächtigen um Vergebung anzuflehen; es gelang ihm halbwegs auch im Stehen, für seine sündigen Gedanken Abbitte zu leisten. Wer sollte denn seine Gebete um Cecilias Seelenheil erhören und sie in Gnade bei sich aufnehmen, wenn nicht der Vater im Himmel?

Antonio schluckte Angst und Wut hinunter und trat einen Schritt vor. »Sie kann sich doch wieder erholen, oder?«

»Sicher. Auch der hartnäckigste Husten kann vorübergehen.« Die Miene der Alten drückte Mitgefühl aus, und diesmal war Antonio beinahe sicher, dass es nicht nur aufgesetzt war, um ihm Geld zu entlocken, sondern dass es einer echten Regung entsprang.

»Könnte ein Medicus ihr helfen?«, platzte Antonio heraus, von der wilden Hoffnung erfüllt, dass dieser Gedankenblitz dazu taugte, alle Probleme zu lösen.

»Ein Medicus würde sie nur zur Ader lassen und dafür mehr Geld verlangen, als du hast. Spar dir das lieber, dann hast du etwas übrig, um es ihr leichter zu machen. Halte sie warm und bereite ihr reichlich von dem Sud zu, für den ich dir auch das letzte Mal schon Kräuter mitgegeben habe. Mach es so, wie ich es dir erklärt hatte. Wie es geht, weißt du doch noch, oder?«

Er nickte stumm.

»Habt ihr für den Winter schon ein heizbares Quartier?«

Er nickte abermals.

Die Alte bückte sich und raschelte hinter der Theke herum. Sie kam mit einem sauberen Leinensäckchen wieder zum Vorschein, das sie mit einer Kordel verknotete und ihm überreichte. »Bereite ihr davon täglich einen Aufguss zu. Sie sollte ihn heiß trinken, notfalls kannst du ihn wieder aufwärmen, wenn sie nicht alles auf einmal schafft.«

Er kratzte sich unter dem Arm und betrachtete den Beutel, der starken Kräuterduft ausdünstete. »Was bin ich Euch schuldig?«

Die Alte wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch dann zögerte sie und seufzte. »Behalte dein Geld«, sagte sie schließlich. »Kauf dafür Honig und gib ihn in den Sud, dann schmeckt es besser und wirkt auch stärker.« Sie drehte sich um und pochte an die Tür, die hinter der Theke in einen weiteren Raum führte.

»Mansuetta!«, rief sie.

Die Tür öffnete sich knarrend in ein Hinterzimmer, in dem es um einiges heller war als im Ladenraum. Im rückwärtigen Teil des Hauses musste ein Fenster oder eine Tür offen stehen, denn der Raum war von Sonne durchflutet. Die hinkende, verwachsene Gehilfin der Alten erschien in der Tür, ebenso grau gekleidet wie die Inhaberin, doch die Haarsträhnen, die unter ihrer Haube hervorlugten, leuchteten im Gegenlicht wie rotes Feuer. Sie musterte Antonio von der Seite, die Gesichtshälfte, die nach unten weggerutscht schien, halb von ihm abgewandt.

»Gib ihm ein Flohsäckchen«, sagte die Alte.

Ohne Antonio eines weiteren Blickes zu würdigen, verschwand Mansuetta wieder im Hinterzimmer und kam kurz darauf mit einem Beutel zurück, der kleiner war als der mit der Hustenmedizin, aber ebenfalls einen durchdringenden Geruch verströmte.

»Was soll ich damit?« Antonio wog das daumengroße Säckchen in der Hand.

»Du hast Flöhe.« In der Stimme der Rothaarigen schwang leiser Spott mit.

Er verzog das Gesicht. Gab es jemanden, der keine hatte? »Soll ich mir daraus ebenfalls einen Sud brauen?«

Die Rothaarige lachte, und zu Antonios Überraschung sah sie dadurch völlig verändert aus, und wenn er nicht vorher gesehen hätte, wie hässlich und schiefgesichtig sie war, hätte er fast glauben wollen, sie sei hübsch. Ihre Zähne waren weiß und gerade gewachsen, und ihre Augen funkelten schalkhaft. »Häng es dir um den Hals.«

»Und was passiert dann? Hat es eine Art Zauber?«

»Der Geruch vertreibt mit der Zeit die Flöhe von deinem Körper.«

Dagegen war nichts einzuwenden. Flöhe waren lästig, und auch wenn ihn die Stiche nicht so sehr störten wie Cecilia, wollte er die Plagegeister gern loswerden.

»Das macht drei Kupferstücke«, sagte Mansuetta.

»Eure Herrin hat gesagt, ich soll mein Geld behalten.«

»Das gilt für die Hustenmedizin, nicht für das Flohkraut.«

Antonio schaute die Alte an, doch die zuckte nur ungerührt die Achseln. »Für das Flohkraut ist Mansuetta zuständig.«

Antonio wollte ihr den Beutel vor die Füße werfen, doch dann legte er den Kopf zur Seite. »Woher soll ich wissen, ob das Zeug auch hilft, das Ihr in den Beutel gesteckt habt? Am Ende stinke ich wie ein Hund und habe trotzdem Flöhe. Also höchstens einen.«

»Zwei«, erwiderte die Rothaarige. »Das Kraut hilft, auch wenn es eine Weile dauert. Willst du dich ständig kratzen wie ein Tier oder mit reiner Haut durchs Leben gehen? Leute mit Flöhen sind öfter krank als diejenigen, die keine haben.«

Er dachte kurz nach und kam zu dem Schluss, dass der Handel wegen der kostenlosen Hustenmedizin günstig war. Er würde Cecilia das Flohkraut umhängen, bei ihr juckten die Bisse schlimmer als bei ihm. Aber ohne Feilschen konnte er das Zeug unmöglich kaufen.

»Ein Kupferstück, denn eigentlich brauche ich das Zeug gar nicht. Ich bin gesund wie ein Stier.«

»Aus flohverseuchten Stieren werden beizeiten Ochsen, und die taugen nur noch zum Karrenziehen oder zum Schlachten. Zwei Bagattini.«

»Gemacht«, sagte er, während er geschickt zwei kleine Münzen auf seiner Handfläche erscheinen ließ. »Wenn ich noch eines von diesen Zuckerstückchen da drüben bekomme.« Rasch setzte er hinzu: »Für meine kranke Schwester.«

Die Alte betrachtete ihn. »Hast du Interesse daran, nebenher ein wenig Geld zu verdienen?«

Er erwiderte ihren Blick kurz, und wie immer bei solchen Fragen lotete er argwöhnisch das sexuelle Interesse seines Gegenübers aus. Bei der Alten kam er augenblicklich zu dem Ergebnis, dass sie keines hatte, oder jedenfalls nicht an ihm.

»Kommt darauf an, was ich machen soll.«

»Mir scheint, du hast Talent zum Handeln. Also hör zu. Wir verkaufen an den Markttagen eine spezielle Medizin auf der Piazza, und die Geschäfte gehen so gut, dass wir überlegen, diesen Handel auszuweiten ...«

Der Mann trug trotz der Hitze einen dunklen Umhang über ebenso dunklen Calze, und sein Gesicht war bis zu den Lippen von der Maske verborgen. Die Ränder seines Baretts waren nach unten gezogen und verbargen alles bis auf das Kinn und den unteren Teil des Mundes.

»Geh hinaus«, sagte Anna Monteverdi zu Laura. Sie hatte sich auf dem Stuhl aufgerichtet und beide Hände in den Rücken gepresst, sodass ihr Bauch sich weit vorwölbte. Ihr Gesicht war noch verzerrt vom Schmerz der letzten Wehe, vielleicht auch vor Schreck über das unerwartete Auftauchen des Fremden.

Zum ersten Mal, seit sie denken konnte, wollte Laura ihrer Mutter unverzüglich gehorchen, doch diese Anwandlung verschwand ebenso rasch, wie sie gekommen war. Sie blieb an der Stelle stehen, wo sie sich befand.

Die Angst ließ ihre Zähne aufeinanderschlagen, aber sie würde eher sterben wollen, als die Mutter im Stich zu lassen.

Die Augen des Fremden starrten Laura durch die Maskenschlitze an.

»Laura, geh!«, schrie die Mutter. »Mach, dass du fortkommst!«

Eine weitere Wehe brachte sie dazu, laut aufzustöhnen und auf dem Höhepunkt des Schmerzes zu schreien, als würde sie gefoltert. Sie warf sich auf dem Stuhl hin und her und schlug mit beiden Händen auf den Tisch, als die Qualen übermächtig wurden.

»Anna!«, rief der Fremde, den Schrei der Mutter übertönend. Er packte Anna bei der Schulter und zog sie zu sich herum.

Laura kam es so vor, als drückte seine Stimme zugleich Wut und Panik aus.

»Lasst sie los!«, schrie sie. »Lasst meine Mutter in Ruhe!«

Der Fremde fuhr zu Laura herum und starrte sie eindringlich an.

Sie sah die lange Degenscheide, die gegen sein Bein schwang. Seine Hand lag am Schaft der Waffe, als er einen Schritt auf sie zukam, und nur mit äußerster Willensanstrengung widerstand sie dem Drang, sich umzudrehen und nach oben zu rennen, wie die Mutter es befohlen hatte. Oder besser gleich hinaus ins Freie, wo sie Menschen um Hilfe bitten konnte.

»Lauf«, sagte ihre Mutter. »Lauf weg, Laura!«

Doch dafür war es zu spät. Der Mann hatte die Mutter losgelassen und war mit zwei großen Schritten bei Laura. Er packte sie und bog ihr den Kopf zurück.

Im nächsten Moment ging die Tür auf, und Laura schrie erleichtert auf, als ihr Vater das Haus betrat, hinter ihm die rundliche Gestalt der Hebamme. Er blieb wie angewurzelt stehen, als er den Fremden sah, dann sprang er zur Kochstelle und griff sich ein Fleischmesser.

»Guido«, rief Anna. »Bitte nicht!«

Doch der Vater stürzte bereits mit wutverzerrtem Gesicht auf den Eindringling los.

Das Schaben von Metall auf Metall war zu hören, ein durchdringendes Geräusch, das Lauras Blick zurück auf den Mann lenkte, zu seiner Hand, auf deren Rücken ein gezacktes rotes Mal zu sehen war, eines von der Art, deren Herkunft dem Teufel zugeschrieben wurde.

Der Degen blitzte im einfallenden Sonnenlicht, und der Widerschein war so hell, dass er Laura blendete. Doch bevor der Mann die Waffe gegen ihren Vater erheben konnte, taumelte Guido Monteverdi einen Schritt zurück und ließ das Messer fallen, um sich gleich darauf beide Hände gegen die Brust zu pressen. Er schnappte nach Luft wie ein gestrandeter Fisch, und seine Augen waren so stark geweitet, dass das Weiße darin unnatürlich hell leuchtete. Er brach mit einem lang gezogenen Stöhnen in die Knie, hilflos zu dem Fremden hochstarrend. Dieser schob den Degen einfach zurück in die Scheide, mit demselben hellen Sirren, das er beim Ziehen verursacht hatte.

Laura schien es für einen absurden Augenblick, als hätte allein der Anblick der Waffe den Vater in die Knie gezwungen. Es konnte nur so sein, denn der Degen hatte ihn nicht berührt.

Laura hörte es in ihren Ohren rauschen und summen, und wie aus weiter Ferne erklang ein dünnes Heulen. Erst als der Fremde mit wenigen Sätzen zur Tür rannte, merkte sie, dass die Hebamme und ihre Mutter ununterbrochen und gellend schrien.

Der Mann verschwand, und Guido Monteverdi rutschte vollends zu Boden, wo er auf der Seite liegen blieb. Er war auf das Messer gefallen und hatte sich die Wange aufgeschnitten. Das Blut floss in einem dünnen Strom unter ihm heraus und bildete eine kleine Pfütze um sein Gesicht.

Seine Lippen bewegten sich, er schien etwas sagen zu wollen, doch er brachte keine Worte mehr heraus, nur noch dieses unheimliche, stimmlose Stöhnen. Sein Gesicht war grau, so wie die Wände, auf denen er seine Farben auftrug. Laura starrte ihn an. Wie aus weiter Ferne drangen die Schreie der Frauen zu ihr, während sie zusah, wie ihr Vater weiter die Lippen bewegte, bis es aufhörte und er mit gebrochenen Augen still dalag.

Von draußen kamen Leute hereingestürzt und scharten sich um die schreienden Frauen. Willenlos ließ Laura sich von einem der Nachbarn zur Treppe und dann nach oben in ihr Zimmer führen. Dort blieb sie am offenen Fenster stehen und schaute betäubt hinunter auf den Kanal.

Auch die Mutter war nach oben gebracht worden. Sie lag nebenan, schrie und weinte und wälzte sich unter Schmerzen hin und her, wie Laura am Knarren der Bettstatt hören konnte.

Die Hebamme war in beruhigendes Gemurmel verfallen, das in regelmäßigen Abständen von den immer wiederkehrenden Schreien der Mutter unterbrochen wurde.

Ein Boot mit Militi der Signoria traf ein. Sie vertäuten die Gondel am Steg und kamen ins Haus. Laura hörte sie unten mit den Nachbarn palavern. Die Hebamme wurde hinuntergerufen und kam wenig später schimpfend wieder nach oben. Sie streckte den Kopf in Lauras Kammer. »Du sollst runterkommen, die Büttel wollen mit dir sprechen.«

Sie musste es zweimal wiederholen, bis Laura begriffen hatte, was sie meinte.

Laura folgte ihr zur Stiege. Ihre Füße waren so schwer, dass sie unter ihr nachzuschleifen schienen, fast so, als gehörten sie nicht zu ihr, sondern zu einem fremden Wesen. Sie schaute im Vorbeigehen kurz zum Bett ihrer Eltern hinüber, doch die Hebamme hatte den Vorhang zugezogen, sodass die Mutter vor ihr verborgen blieb.

Übelkeit schnürte ihr die Kehle zu, während sie hinter der Hebamme her nach unten stolperte.

»Hier ist das Mädchen. Aber glaubt mir, es kann Euch auch nichts sagen. Seht doch nur, es ist wie versteinert, das arme kleine Ding!«

Ja, dachte Laura teilnahmslos. Die Hebamme hatte recht. Sie hatte sich in Stein verwandelt. Wie ein Löwe mit marmornen Füßen und abgebrochenen Flügeln, der sich nun niemals wieder in die Lüfte erheben konnte.

Ein Mann sprach zu ihr. Er befragte sie eindringlich, aber mit leiser und teilnahmsvoller Stimme. Sie konzentrierte sich und gab sich Mühe, alles zu beantworten, während sie auf ihre Füße schaute, diese steinernen, schweren Anhängsel.

Nein, sie hatte den Fremden noch nie vorher gesehen.

Nein, er hatte nicht mit ihr gesprochen. Er hatte sie gepackt und zur Tür gezogen.

Dort, wo der Vater niedergesunken war, waren Blutflecken zu sehen. Man hatte ihn fortgebracht, und jemand hatte den Boden aufgewischt; hier und da waren noch Wasserspritzer. Das Blut war aber wohl zu schnell in die Holzbohlen eingedrungen, sodass die Flecken für immer bleiben würden. Gezackt und rötlich, wie das Mal an der Hand des maskierten Mannes.

Die Übelkeit wurde unerträglich. »Mir ist schlecht«, stieß sie heraus und drückte die Hand vor den Mund.

Jemand geleitete sie vor die Tür, wo sie auf der Fondamenta stehen blieb und sich in den Kanal übergab, bis sie nur noch würgen konnte und ihr ganzes Innere schmerzte wie eine einzige Wunde.

Die Hebamme führte sie wieder nach oben in ihr Zimmer und drängte sie, sich ins Bett zu legen. Mit einem feuchten Tuch wischte sie ihr die Stirn ab. »Du armes, armes Ding! Aber so ist es oft im Leben. Glaub mir, das sehe ich ständig. Fast jeden Tag. Der Herr gibt, der Herr nimmt. Einer geht, einer kommt.«

Laura wusste nicht, was die Frau meinte. Sie vergrub den Kopf in den Kissen, um das Stöhnen und Weinen der Mutter nicht mehr hören zu müssen, doch die grauenvollen Bilder konnte sie damit nicht auslöschen. Laut aufschluchzend ergab sie sich ihrem Kummer. Doch viel schlimmer als die Trauer um ihren Vater war ihre Angst vor dem Unglück, das noch kommen würde, denn sie wusste, dass es noch nicht vorbei war.

Als Maler hatte Guido Monteverdi der Scuola dei Depentori angehört. Wie immer beim Tod eines Mitglieds kümmerte die Zunft sich um die Hinterbliebenen, wenn diese selbst nicht dazu imstande waren. Noch am Nachmittag wurde eine Totenwache für die kommende Nacht organisiert und Guidos Leichnam in der Kirche der Contrada aufgebahrt, während seine Witwe Stunde um Stunde in den Wehen lag.

Frauen von Zunftmitgliedern brachten der Familie Essen und Wein, sie schwirrten emsig durch die Räume des kleinen Hauses und taten alles, was nötig war, um die äußere Ordnung aufrechtzuerhalten. Sogar eine Amme war herbeigeholt und vom Zunftmeister aus Mitteln der Scuola im Voraus entlohnt worden, damit die Witwe in gebührender Ruhe trauern konnte. Laura hörte eine Frau mit der Hebamme darüber sprechen.

»... dumm wie Stroh, aber eine gute Amme ...«

»... hat Milch für drei Kinder, wenn es sein muss ...«

Dann sagte jemand, die Amme solle sich in die Kammer der Tochter setzen, dort sei sie nicht im Weg. Laura zog sich hastig die Decke über den Kopf, lugte aber durch einen Spalt hinaus, die Hände auf die Ohren gepresst, weil sie die Schreie der Mutter nicht ertragen konnte.

Die Amme betrat das Zimmer. Sie war stämmig, rundgesichtig und ganz offensichtlich schwachsinnig. Nachdem sie sich ein paar Mal suchend um die eigene Achse gedreht hatte, setzte sie sich auf einen Schemel vor dem Fenster und vertrieb sich die Zeit damit, dümmliche kleine Liedchen zu trällern, an ihrer gerüschten Haube zu zupfen und dabei selig vor sich hin zu grinsen. Laura, die vergeblich darauf gehofft hatte, dass die ungebetene Besucherin sich rasch entschloss, lieber unten zu warten, streifte die Decke ab, setzte sich auf und starrte die Frau an.

»Seid still«, herrschte sie die Amme an, doch diese gehorchte dem Befehl nur für wenige Augenblicke, gerade so lange, wie sie brauchte, um zu merken, dass außer ihr noch jemand im Raum war.

Mit törichtem Erstaunen blickte sie Laura an. »Wo kommst du her?«, fragte sie lispelnd.

»Ich war schon vor dir hier«, sagte Laura erschöpft.

»Wie heißt du?«

»Laura«, antwortete Laura widerwillig.

»Ich heiße Lodovica. Ich bin eine Amme.« Es klang stolz und war von einem so breiten Lächeln begleitet, dass Laura alle Zähne der Frau sehen konnte. Sie hatte nicht so viele, wie man bei ihrem jugendlichen Alter hätte erwarten können, und das war auch der Grund für das Lispeln. Von den oberen Vorderzähnen fehlten mindestens drei, die sie entweder bei einem Sturz oder durch einen harten Schlag verloren haben musste.

Nebenan schrie Anna Monteverdi abermals auf, und dieser Schrei dauerte länger als die vorangegangenen. Er schien kein Ende mehr nehmen zu wollen, und gleichzeitig war das Fluchen und Schimpfen der Hebamme zu hören.

»Das Kind kommt«, sagte Lodovica. Die Amme grinste und summte und wiegte sich dabei auf dem Schemel, als hielte sie bereits einen Säugling im Arm.

Dann, eine weitere unendliche Zeitspanne später, ertönte das dünne Schreien eines Neugeborenen.

»Das Kind ist da«, stellte Lodovica zufrieden fest.

Die Tür wurde aufgestoßen, und die Hebamme erschien. Sie hatte sich bis auf das Unterkleid und die Schürze ausgezogen. Ihre Arme waren bis zu den Ellbogen blutverschmiert, und ihr Gesicht war schweißüberströmt und vor Anstrengung rot angelaufen.

»Mädchen, komm rasch herüber. Sie will mit dir sprechen.«

Laura war bereits beim ersten Knarren der Tür aufgestanden. Sie spürte die eisige Kälte bis in die Fingerspitzen. Sosehr sie die ganze Zeit versucht hatte, sich einzureden, dass ihre Ahnungen sie getrogen hatten, so deutlich erkannte sie nun ihren Irrtum.

Anna Monteverdi war bis zum Hals mit einem frischen Laken zugedeckt. Ihr Gesicht war blutleer, und sogar ihre Lippen waren so weiß wie die Bettdecke. Die Augen waren tief umschattet und eingesunken; sie wirkten im matten Licht des schwindenden Tages beinahe schwarz, genau wie das Haar, aus dem jeder Hauch von Rot verschwunden schien.

Ein mattes Lächeln zuckte um ihren Mund, als Laura an ihr Bett trat.

»Meine Tochter«, flüsterte sie. Ihre Hand tastete über das Laken, das über ihren Leib gebreitet war, und Laura ergriff sie hastig.

»Du hast einen kleinen Bruder«, sagte die Mutter. »Er soll Matteo heißen. Das ist der Name, den dein Vater und ich für einen Sohn ausgewählt haben.« Die Worte klangen schwach wie ein Luftzug. Lauras Blicke huschten zu der Wiege, die auf der gegenüberliegenden Bettseite am Kopfende stand. Darin war es still.

»Er schläft, aber er ist gesund«, murmelte die Mutter. Ihre Stimme wurde schwächer und war kaum noch zu verstehen. Sie rang mühsam nach Luft. »Mein liebes Kind, meine süße Tochter. Es ist so schwer, dich zu verlassen. Vielleicht ist es ein Trost, meinem lieben Guido nachfolgen zu können, aber dich und den kleinen Matteo zurücklassen zu müssen tut so schrecklich weh!«

»Was redest du da«, stammelte Laura. »Wie kannst du das sagen? Du erholst dich wieder! Ich werde für dich kochen, und die Amme kann für das Kind sorgen! Du wirst sehen, nächste Woche singst du wieder deine Lieder!«

»Ach, Laura, mein Liebes. Komm, gib deiner dummen Mutter noch einen Kuss. Umarme mich ein letztes Mal.«

Laura kniete sich weinend neben die Mutter auf das hohe Bett und nahm sie in die Arme. Dabei verschob sich das Laken, und Laura erkannte, was die Mutter und die Hebamme vor ihr zu verbergen versucht hatten – die ganze Matratze war mit Blut durchtränkt, die Mutter schwamm förmlich darin, und es kam ständig neues hinzu. Das Laken, mit dem sie zugedeckt war, sog sich damit voll, und binnen Augenblicken war auch Lauras Nachthemd davon durchnässt. Anna Monteverdi war im Begriff, zu verbluten.

Laura hielt entsetzt die Luft an. »Mutter!«

»Laura, mein Kleines. Ich hab dich so lieb, und diese Liebe nehme ich in meinem Herzen mit und behalte sie für immer. Leb wohl. Bete für mich und Guido.« Annas Stimme war nur noch ein kaum hörbarer Hauch. Ihre Augen trübten sich und fielen zu.

Die Hebamme zog Laura vom Bett. »Das ist genug, Kind. Lass deine Mutter ihren Frieden mit dem Herrn machen.«

»Mutter!«, rief Laura beschwörend. »Mutter, nicht!«

Die Hebamme stieß sie zur Seite und winkte zur Tür. »Kommt näher, Pater. Beeilt Euch.«

Starr vor Schrecken erkannte Laura den Gemeindepriester, ihr Beichtvater und auch der ihrer Eltern. Er trat rasch an das Bett und erteilte Anna Monteverdi die Letzte Ölung.

Das Kind in der Wiege fing an zu schreien, ein kräftiger, durchdringender Laut, und Laura wollte Luft holen und es ihm gleichtun. Sie wollte brüllen und toben, so zornig und unaufhaltsam wie ein aufkommender Sturm, der in einem versteckten Winkel beginnt und sich dann anschickt, über das ganze Land zu fegen.

»... et ne nos inducas in tentationem; sed libera nos a malo. Quia tuum est regnum et potestas et gloria in aeterna. Amen«, schloss der Priester das Sterbesakrament mit den letzten Sätzen des Vaterunsers ab.

Er stand vor dem Bett und versperrte Anna die Sicht, doch sie wusste auch so, dass es vorbei war. Ihre Mutter war tot.

Antonio brühte für Cecilia die Kräuter auf, so wie die alte Frau es ihm gesagt hatte. Sie trank ein paar Schlucke, dann fiel ihr Kopf kraftlos zur Seite.

»Mama?«, fragte sie kaum hörbar.

Antonio versuchte, den schmerzhaften Stich in seinem Inneren zu ignorieren.

»Komm, trink noch ein bisschen. Es tut dir gut!«

»Antonio.« Sie erkannte ihn. »Ich möchte zu Mama.«

»Schsch, Mama ist doch im Himmel!« Er flößte ihr einen weiteren Schluck von dem Sud ein, doch die Flüssigkeit lief ihr aus den Mundwinkeln wieder heraus. Sie konnte nicht mehr richtig schlucken. Bald darauf fiel sie wieder in einen unruhigen Schlaf.

Er hatte sie bereits von ihrem Schlupfwinkel am Wasser zurück ins Haus tragen müssen, sie hatte nur wenige Schritte geschafft, bevor sie zusammenbrach. Das Fieber war wieder gestiegen. Wenn er sie berührte, konnte er spüren, dass sie vor Hitze glühte. Das Leben schien mit der Wärme ihres Körpers aus ihr herauszuströmen, und als sie gegen Abend nicht mehr auf seine Zurufe reagierte, geriet er in echte Panik.

Er richtete sich von ihrem Lager auf. »Ich hole einen Arzt.«

Die anderen quittierten diese Ankündigung mit Schweigen. Oratio und Tomàso hatten zu viel von dem Branntwein getrunken, den sie auf dem Heimweg einem Bettler im Vorüberlaufen gestohlen hatten; mit glasigen Augen hingen sie aneinandergelehnt auf dem Strohsack, den sie sich teilten.

Carlo hockte mit überkreuzten Beinen und stoischer Miene auf der Matte, die ihm als Schlafstelle diente. Er schnitzte an einem langen Stock herum, ritzte seltsame Symbole und primitive Figuren in das Holz und blickte nur kurz auf, als Antonio sein Vorhaben kundtat.

Valeria saß auf einem Schemel vor der schartigen Bronzeplatte, die sie als Spiegel benutzte, und kämmte sich das Haar. Es hing in seidigen Bahnen fast bis zum Boden, wenn sie saß, und sie fuhr gedankenverloren mit dem Kamm hindurch, wie sie es jeden Abend tat, bevor sie schlafen ging oder einen neuen Freier empfing. Es war noch zu früh zum Schlafen, folglich konnte das Kämmen nur einen Zweck verfolgen. Sie wollte sich für einen Mann schön machen.

Übelkeit stieg in Antonio auf, während er die spanische Wand anstarrte, die eine Ecke vom Rest des armseligen Raums abteilte. Dahinter befand sich Valerias Lagerstatt, eine Matratze, die mit Werg und Lumpen statt mit Stroh gestopft war und auf einem aus Holz gezimmerten Bettkasten lag. Dort gab sie sich den Männern hin, die sie besuchten.

»Warum kämmst du dich?«, wollte er wissen.

»Ich habe jemand Neuen kennengelernt«, sagte sie. »Einen Steinmetz aus Dorsoduro.«

»Dein Freier kann heute Abend nicht herkommen. Cecilia ist krank.«

»Sie ist immer krank. Wenn ich anfange, darauf Rücksicht zu nehmen, bin ich eher tot als sie. Ich mag es nicht, mein Essen stehlen zu müssen.« Sie zögerte, dann setzte sie hinzu: »Ihr müsst nicht rausgehen. Es macht ihn heiß, wenn jemand dabei ist. Und wenn es Kinder sind, dann erst recht.«

Antonio spuckte aus, als könnte er so den schlechten Geschmack loswerden, der ihm bei ihren Worten auf der Zunge zurückblieb.

Valeria sprach freimütig über derartige Vorlieben ihrer Freier, sie hatte vor den anderen keine Geheimnisse. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte auch die spanische Wand nicht unbedingt dort stehen müssen, doch Antonio hatte darauf bestanden, um Cecilias willen – als würde diese dünne, auf Latten genagelte Schilfmatte dazu taugen, um sie von all dem Schmutzigen und Schäbigen dahinter abzuschirmen, von dem sie längst ahnte, was es damit auf sich hatte. So wie auch er selbst ein sehr genaues Bild davon hatte. Schließlich hatte er mehr als einmal heimlich einen Blick durch die Ritzen geworfen. Valeria wusste davon und machte sich deswegen über ihn lustig, und er hatte schon mehrere Male kurz davor gestanden, sie deshalb zu schlagen. Bisher hatte er noch nicht Hand an sie gelegt, aber sie würde ihn noch dazu treiben, wenn sie so weitermachte.

Die meisten Männer, die zu ihr kamen, fanden Gefallen daran, dass noch andere Kinder in der Nähe waren und zuhörten, wenn sie es mit Valeria trieben. Bei denen, die daran Anstoß nahmen, mussten sie den Raum verlassen. Meist nicht für lange, denn es dauerte kaum je länger als eine Viertelstunde. In diesen Fällen musste Valeria den anderen einen kleinen Teil ihres Dirnenlohns abgeben, so lautete die Abmachung. Für Valeria war das kein Problem; die Männer mussten mehr bezahlen, wenn sie Intimität und Abgeschiedenheit wollten, so einfach war das.

Antonio verließ das Haus und blickte nicht zurück. Solange er nach vorn schaute, fiel es ihm leichter, sich vorzustellen, aus dem Haus zu kommen, in dem er früher gelebt hatte, und nicht aus dieser stinkenden, von Menschen berstenden Elendsunterkunft, wo in jedem Zimmer eine Familie hauste und wo ein solcher Radau herrschte, dass sogar tief in der Nacht niemals Ruhe einkehrte. Die immerwährende Geräuschkulisse aus Kindergeschrei und Hundegebell, dem Krakeelen betrunkener Männer und dem schrillen Schimpfen der Frauen störte ihn nicht mehr sonderlich. Nur in den Momenten, in denen er das Haus verließ und seiner Enge entfloh, erlaubte er es sich, an früher zu denken. Das Leben, das er und Cecilia mit der Mutter und davor mit beiden Eltern geführt hatten, lag schon so lange zurück, dass es ihm manchmal schwerfiel, sich an die Ruhe, die Freude und das Lachen zu erinnern, aber es war noch da, irgendwo, und wenn er die Augen schloss und sich konzentrierte, konnte er es zurückholen. Wenn er im Freien war, gelang es ihm leichter als in der Enge des schmutzigen Zimmers, das er mit zwei Mädchen und zwei – jetzt drei – Knaben teilen musste.

Manchmal ging er an dem Haus vorbei, in dem er früher mit seiner Schwester und seiner Mutter gelebt hatte. Es lag an der Fondamenta dei Mori und war ebenfalls ein Mietshaus, aber es war kleiner und ruhiger, und sie hatten dort eine ganze Etage für sich allein gehabt, mit drei Kammern, einem Kochkamin, einer eigenen Außentreppe und einem Abtritt in einem Erker, der stets sauber gehalten wurde. Jetzt lebte eine andere Familie in ihren Räumen, Eltern mit zwei Kindern, ebenfalls einem Jungen und einem Mädchen. Der Mann war Glashändler und konnte es sich sogar leisten, seinen Sohn Mathematik und Latein lernen zu lassen, bei demselben Lehrer, der einst Antonio unterrichtet hatte.

Der Arzt, den Antonio holen wollte, hieß Priuli und wohnte im Obergeschoss eines schmalen Ziegelbaus unweit der Kirche Madonna dell’Orto. Auf Antonios Klopfen öffnete ihm die Ehefrau. Priuli erschien erst, nachdem seine Frau mehrmals an die Tür seiner Kammer geklopft und nach ihm gerufen hatte. Er war im Hemd, und seine Wangen waren vom Weingenuss gerötet. Sein Gesicht legte sich in mürrische Falten, als Antonio um ärztlichen Beistand bat, und erst, als er die Silbermünzen sah, die Antonio ihm hinhielt, fand er sich bereit, eine Tunika über seinen dicklichen Körper zu zerren und mitzugehen.

Antonio wusste, dass Priuli kein richtiger Arzt war, sondern nur ein Barbiero, der an keiner Universität studiert hatte und seine Erfahrungen hauptsächlich durch praktische Übung am kranken Menschen gewonnen hatte. Viele Barbieri waren indessen nicht schlechter und nicht besser als die gelehrten Medici, die in Padua Anatomie studiert hatten, obwohl es unter den regulären Ärzten einige gab, deren überragende Heilkünste unbestritten waren. Zumeist waren es Juden, die unter all den gemeldeten Ärzten die besten waren und im Gegensatz zu ihren Glaubensgenossen das Privileg besaßen, in der Stadt leben zu dürfen und nicht einmal den gelben Hut tragen zu müssen. Einen solchen Arzt hätte Antonio gern für seine Schwester geholt, doch er wusste, dass er in seinem ganzen Leben noch nicht so viel Geld besessen hatte, wie er dafür brauchen würde.

Priuli bestand darauf, dass Antonio ihm den Lohn im Voraus aushändigte, als er das Haus sah, in dem die Patientin wohnte. Er verzog angewidert das Gesicht, als er hinter Antonio die verdreckte Treppe in den vierten Stock hochstieg, und als sie das schmale, nur spärlich von einer Kerze erhellte Zimmer betraten, presste er sich einen Zipfel seines Gewandes vor Mund und Nase. Antonio, der sich an den dumpfen Gestank längst gewöhnt hatte, sah ihm dabei zu und fühlte Wut in sich aufsteigen. Am liebsten hätte er Priuli die Treppe hinabgestoßen oder ihm in sein feistes Gesicht geschlagen.

Tatsächlich roch es jedoch in der Kammer schlimmer als sonst, nach Exkrementen, Alkohol – und nach durchdringender, männlicher Erregung, eine ziegenartige Ausdünstung aus Schweiß, scharfem Moschus und einer säuerlichen Note von Urin.

Antonio hätte um ein Haar zornig losgebrüllt. Valerias Freier war tatsächlich hergekommen! Hinter der dürren Schilfmatte bewegten sich Schatten vor der Wand, und ein abgehacktes Grunzen war zu hören, unterbrochen von einzelnen Wortfetzen, die der Mann von sich gab, die jedoch ebenso unverständlich waren wie die von Kichern untermalten Erwiderungen Valerias.

»Wer ist da hinter der spanischen Wand?«, wollte Priuli mit hochroten Wangen wissen.

»Meine Eltern«, behauptete Antonio, um Beherrschung ringend. »Sie trinken von morgens bis abends und treiben es dann die ganze Nacht wie die Tiere. Es wäre sinnlos, jetzt mit ihnen sprechen zu wollen. Sie sind bis zum Kragen voll mit Schnaps.«

Hinter der Schilfmatte gab der Freier ein unterdrücktes Fluchen von sich und wurde dann mucksmäuschenstill. Valeria hingegen ließ ein weiteres Kichern hören, worauf beide in eine leise, nicht zu verstehende Unterhaltung verfielen.

Oratio und Tomàso lagen in enger Umarmung auf ihrer Matratze und schliefen. Ihre Münder standen röchelnd und im selben Atemrhythmus offen.

Carlo hockte auf seiner Matte und starrte in den flackernden Schein, den das Talglicht auf Valerias Schemel verbreitete.

Er warf Antonio einen raschen Blick zu und schaute dann zur Seite, die Lider gesenkt und den Kopf halb abgewandt.

Der Barbier musterte ihn mit Interesse. »Das ist ja ein junger Mohr! Wem gehört er?« Er warf einen angeekelten Blick auf die schiefe Schilfmatte. »Doch wohl kaum deinen versoffenen Eltern.«

»Niemandem, nur sich selbst. Er ist ein freigelassener Sklave.«

»Von wem freigelassen?«

»Von seinem früheren Herrn, dem Nobile Gradenigo, der vor fünf Jahren starb und keine Erben hinterließ.«

»Gibt es eine Urkunde?«

»Natürlich. Eine Ausfertigung ist hier und eine als Abschrift in den Archiven der Avogadori

Antonio brachte die Lüge mit derselben Gelassenheit heraus wie immer, wenn er die Unwahrheit sagte. In den letzten beiden Jahren hatte er nur anfangs Probleme mit dem Lügen gehabt, denn er hatte nicht nur von der Mutter, sondern auch in der Kirche gelernt, dass es Sünde war. Das war allerdings gewesen, bevor er begriffen hatte, dass man nicht überleben konnte, ohne zu lügen.

»Kommt hier herüber, zu meiner Schwester.«

Widerwillig löste Priuli seine Blicke von dem Schwarzen und folgte Antonio die wenigen Schritte hinüber zu Cecilias Lager. Er ging neben der Kleinen in die Hocke und legte die Hand auf ihre Stirn.

»Sie ist völlig abgemagert und halb verhungert«, stellte er fest.

Darauf war Antonio auch bereits von allein gekommen, doch er verkniff sich eine patzige Erwiderung und wartete geduldig, bis Priuli mit der Behandlung begann.

»Ihr werdet sie doch wohl nicht zur Ader lassen?«, fragte er vorsorglich. Ihm war wieder eingefallen, dass die Kräuterhändlerin ihn davor gewarnt hatte.

»Normalerweise würde ich es tun, es hilft so gut wie immer. Aber sie ist zu dünn. Nur Haut und Knochen.« Priuli zog der Kleinen das Hemd hoch und legte ein Ohr gegen ihren Brustkorb. »Es ist nichts zu hören.«

»Sie schläft ja auch gerade«, sagte Antonio gereizt. »Wenn sie wach ist, hustet sie. Den ganzen Tag. Heute kam sogar Blut.«

Priuli richtete sich rasch auf. Er machte sich nicht die Mühe, Cecilias Hemd wieder herabzustreifen, sondern deutete nur achtlos mit dem Kinn hinunter auf den Strohsack. »Ich kann nichts mehr für sie tun. Sie ist tot.«

Hinter der Schilfwand ertönte ein erschreckter Ausruf, und einen Atemzug später tauchte Valeria auf, das aufgelöste Haar bis zu den Hüften hängend. Sie raffte das fleckige Hemd vor der Brust zusammen und näherte sich zögernd Cecilias Lager. In ihren weit aufgerissenen Augen stand ein bestürzter Ausdruck.

»Was?«, fragte Antonio verwirrt. »Was sagt Ihr da? Sie war doch eben noch ... Ich meine, ich bin vorhin losgegangen, da hat sie noch ... Sie war noch ...« Sein Gestammel brach ab, und er starrte auf den schmalen Körper nieder. Langsam kniete er sich neben seine Schwester und legte seine Hand gegen ihre Wange. Sie war nicht länger heiß, so wie vorhin, als er fortgegangen war, sondern nur noch warm, so wie sein eigener Körper. In wenigen Stunden, das wusste er, würde sie sich kühl anfühlen, wie ein Stein. Der Arzt hatte recht. Ihr Brustkorb hob sich nicht mehr, kein Hauch kam über ihre Lippen. Irgendwann in der Zeit, die er gebraucht hatte, um den Arzt zu holen, war sie gestorben.

Die Kammer schien sich um ihn herum zu drehen, und in seinem Kopf dröhnte und hämmerte es, während er versuchte, das Ungeheuerliche zu begreifen.

Priuli betrachtete Valeria voller Abscheu. »Seine Mutter, aha. Diese Familie sollte wohl dringend einmal von den Bütteln der Signoria in Augenschein genommen werden. Einschließlich des Mohren da.«

Er ging zur Tür.

»Wo wollt Ihr hin?«, stieß Antonio hervor. Er stemmte sich zitternd vom Fußboden hoch und stützte sich an der Wand ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Schwindel, der ihn erfasst hatte, wurde immer stärker.

»Nach Hause«, antwortete Priuli lakonisch. »Sobald ich die Büttel benachrichtigt habe.«

Er stieß die Tür auf und ging weiter zur Treppe.

Aus den Augenwinkeln sah Antonio, wie Valerias Freier mit entsetzter Miene hinter der spanischen Wand hervorgestolpert kam, mit beiden Händen die Verschnürung seiner Beinkleider zusammenzerrend. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich für den Akt mit Valeria auszuziehen. Sein Hemd hing ihm über die Hüften, und auch die Schnabelschuhe saßen noch an den Füßen.

Er war ein recht junger Mann von angenehmem Äußeren. Das musste man Valeria lassen – sie suchte sich immer die Ansehnlichsten aus.

»Die alten Säcke sind oft krank«, hatte sie einmal dazu geäußert. »Sie stinken schlimmer als ein Fass fauler Fische und brauchen stundenlang, bis sie fertig sind.«

Das alles schoss Antonio durch den Kopf, zusammenhanglos und ohne jede Bedeutung angesichts der Tatsache, dass seine Schwester tot und dieser verfluchte Barbier im Begriff war, mit seinem letzten Geld zu verschwinden, ohne dafür einen Handschlag getan zu haben.

»Wartet«, stieß Antonio heraus. Er überwand das lähmende Schwindelgefühl und rannte Priuli hinterher. »Wartet gefälligst!«

Er holte den Mann noch vor dem ersten Treppenabsatz ein und riss ihn an der Schulter herum. »Gebt mir sofort das Geld zurück!«

Priuli musterte ihn teils abfällig, teils amüsiert. »Mach dich nicht lächerlich. Ärzte bekommen ihr Geld nicht dafür, dass der Patient überlebt, sondern für ihre Mühe.«

Er warf dem Freier, der hastig die Treppe herunterkam und sich an ihm vorbeidrückte, einen irritierten Blick zu.

»Für welche Mühe?«, schrie Antonio. Die letzten Reste seiner Beherrschung verflüchtigten sich schneller, als er die Worte hervorstoßen konnte. Rasender Zorn hatte ihn gepackt. »Sie war schon tot! Ihr habt nichts getan! Nichts

»Ich bin hergekommen, oder nicht?«, gab Priuli giftig zurück. »In einen Sündenpfuhl obendrein!« Er deutete auf Valeria, die mit offenem Hemd oben an der Treppe stand. Eine der anderen Wohnungstüren ging auf, und neugierige Gesichter erschienen in der Öffnung.

Antonio stellte sich dem Barbier in den Weg. »Gebt das Geld heraus!«, brüllte er wie von Sinnen. Mit beiden Fäusten drosch er auf Priuli ein, der unter den Hieben zurückwich und stolperte.

»Du bist verrückt geworden!«

»Ich zeige dir, wer hier verrückt ist!« Antonio stieß den Barbier zurück an die Wand und hieb ihm das Knie zwischen die Beine. Der Mann gab ein schmerzvolles Keuchen von sich, doch das reichte Antonio nicht. Plötzlich hatte er sein Messer in der Hand, die Klinge kurz und schmal, aber tödlich scharf. Ein Stich und ein Ruck, und er könnte dem Barbier die Gurgel aufschlitzen, bevor der Kerl überhaupt ahnte, wie ihm geschah.

»Gebt Ihr es jetzt heraus?«, zischte er Priuli ins Gesicht.

»Ruft die Büttel!«, krächzte der Barbier über seine Schulter ins Treppenhaus. »Zu Hilfe! Hilft mir denn niemand?«

Inzwischen hatten sich auch im tiefer gelegenen Stockwerk schaulustige Hausbewohner versammelt, ein Pulk aus abgerissenen, schlecht genährten Menschen mit Ungeziefer in Haaren und Kleidung, lückenhaften Gebissen und ungewaschenen Körpern. Sie starrten den Barbier mit kaum verhohlener Feindseligkeit an.

Oben am Treppenabsatz fing Valeria lautstark an zu weinen. »Er hat mir Gewalt angetan! Er sagte, er gibt mir Geld dafür, doch hinterher hat er es mir wieder fortgenommen! Ja, holt die Büttel, ich will ihnen zeigen, dass sein Samen noch auf meinen Schenkeln klebt! Alle Welt soll wissen, wie schändlich dieser falsche Barbier mit einem unschuldigen Mädchen umgeht! Und das arme Geschöpf, dem er eigentlich helfen sollte, hat er sterben lassen! Sie liegt tot und kalt oben auf ihrer Matratze, die kleine unschuldige Cecilia, ein Kind von kaum fünf Jahren!« Ihre Stimme klang schrill und war von echter Trauer erfüllt, und hätte Antonio nicht gewusst, dass alles nur Theater war, hätte er geschworen, dass sie die reine Wahrheit sprach, denn irgendwie brachte sie dabei das Kunststück fertig, Tränen über ihre Wangen strömen zu lassen.

Zwei oder drei der Männer aus dem Haus rückten in drohender Haltung näher. Murren breitete sich unter den Bewohnern aus. Anscheinend hatte Valeria sie ebenfalls überzeugt, obwohl es kaum jemanden hier unter diesem Dach geben konnte, der nicht bestens über ihre Lebensweise informiert war. Dieses Wissen schien allerdings nicht halb so viel zu zählen wie die Wut über einen bessergestellten Eindringling, der ein junges Mädchen zum Weinen brachte und obendrein auf ungeklärte Art dazu beigetragen hatte, dass Cecilia tot war. Die Kleine war bei allen Leuten im Haus beliebt gewesen, ein lächelnder Sonnenschein, stets zu jedermann freundlich.

»Hier hast du dein Geld!« Priuli griff in seinen Beutel und schleuderte Antonio die Münzen vor die Füße. Der beeilte sich, die wenigen Silberstücke einzusammeln, bevor die übrigen Hausbewohner auf die Idee kamen, ihm dabei zu helfen.

»Denk daran, was ich den Bütteln sagen werde, du mieses Schwein!«, rief Valeria laut schluchzend dem Barbier hinterher, während dieser fluchend die Treppe hinunterstolperte und sich in Sicherheit brachte. Sie weinte immer noch, als Antonio mit seltsam tauben Gliedern in die Kammer zu seiner toten Schwester zurückkehrte. Als er abermals neben der Kleinen niederkniete und von der Seite wahrnahm, dass Carlo ihn beobachtete, durchzuckte ihn das Verlangen, über den Schwarzen herzufallen, mit dem Messer, den Fäusten – allen Waffen, die ihm zu Gebote standen. Carlo hatte vorhin bereits gewusst, dass Cecilia tot war, doch er hatte es ihm nicht gesagt. Der Arzt hatte die Kleine zuerst untersuchen und es feststellen müssen! Das war so überflüssig gewesen!

Noch stärker war jedoch Antonios Wunsch, Valeria zu schlagen. Er wollte sie so sehr verprügeln, dass ihm die Hände zuckten vor lauter Verlangen, sie bluten zu sehen. Sie hatte gekichert und nur ein paar Schritte weit entfernt Unzucht getrieben, während seine Schwester starb!

Valeria kauerte neben ihm und schluchzte haltlos, und Antonio rückte zur Seite, weil er ihre Nähe nicht ertrug.

Valeria streichelte Cecilias Haar und beugte sich über die Kleine, als wollte sie ihr etwas sagen, für das ihr bisher immer die Worte gefehlt hatten.

Antonio war zu verstört, um Erstaunen zu empfinden, doch auf einer entfernten Ebene war ihm klar, dass Valeria auf eine Weise reagierte, wie er es nicht von ihr erwartet hatte. Der Drang, sie zu schlagen, verflog.

»Ich muss einen Priester holen«, murmelte er. »Sie muss die Sakramente bekommen.«

Ihm war schlecht, als er die Treppe hinuntertaumelte, durch ein Spalier trauriger und mitleidiger Gesichter. Der Tod war kein seltener Besucher in diesem Haus, aber er ließ die Menschen niemals unbeeindruckt zurück.

Antonio konnte die Anteilnahme spüren, doch sie vermittelte ihm keinen Trost. Die Wut, die er vorhin gegen den Barbier gerichtet hatte, war immer noch da, sie siedete in ihm wie zu stark erhitztes Pech, das über den Rand des Kessels brodeln wollte.

Er rannte ins Freie und dort über die Fondamenta weiter bis zur nächsten Brücke, durch enge Gassen und schmale, pfeilerbewehrte Unterführungen, über ungepflasterte Campi, vorbei an Kirchen und Häusern und immer wieder an den Kanälen entlang, den Adern der Stadt, die im Rhythmus von Ebbe und Flut schwollen und sanken, bewegt vom Herzschlag des Meeres jenseits der Lagune.

Antonio merkte kaum, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen, und es war ihm auch gleichgültig. Er hatte den Priester holen wollen, aber jetzt wollte er nur hinaus aus der Stadt und weg von den üblen Gerüchen nach Fisch, faulenden Algen, Schmutz und Rauch, die sich zwischen den Häuserfronten und über den Gewässern ausbreiteten und jetzt, im matten Licht der sinkenden Sonne, beinahe sichtbar wurden: Hier waren es Schwaden von Fliegen, die sich auf verwesenden Schlachtabfällen sammelten, dort der Rauch aus dem Schlot einer Gerberei, und dazwischen die erstickenden Laugendünste, die aus einem stillgelegten Wasserlauf aufstiegen.

Er ließ das stinkende Gewirr aus Gassen und Kanälen hinter sich und erreichte freies Gelände, das von Schilf gesäumte Strandstück hinter dem Kloster, wo sie sich tagsüber immer aufhielten.

Er kletterte auf einen Felsen und schaute über das brackige Wasser in Richtung der Glasbläserinsel Murano. Benommen hielt er sich die Seiten und atmete keuchend durch. Er bekam kaum Luft nach der Anstrengung des Rennens, aber er konnte nur daran denken, wie entsetzlich falsch alles war. Warum hatte Gott seine Schwester genommen, ein kleines Mädchen, das niemals etwas Böses getan hatte? Warum hatte die Mutter sterben müssen, obwohl auch sie stets freundlich und liebevoll gewesen war und mindestens dreimal täglich gebetet hatte?

Ihm kam ein schrecklicher Gedanke. Hatte Gott etwa all das Leid über ihn kommen lassen, um ihn für seine Sünden zu strafen?

Dunkle Verzweiflung bemächtigte sich seiner, weil er mit einem Mal zutiefst davon überzeugt war, dass es nur daran liegen konnte. Wann war er das letzte Mal in der Sonntagsmesse gewesen? Wann hatte er zuletzt vor einer Statue der Heiligen Jungfrau gekniet, um ein Avemaria zu beten?

Dann keimte Trotz in ihm auf. Nach dem Tod der Mutter hatte er wochenlang darum gebetet, dass Gott ihm und Cecilia helfen möge, und es war nichts geschehen, außer dass sie fast verhungert wären. Und jetzt war Cecilia tot. Es gab niemanden mehr, den er liebte, Gott konnte ihm nichts mehr nehmen, außer seinem eigenen Leben. Sollte er es doch tun, es war ihm völlig gleichgültig! Er musste auf niemanden mehr Rücksicht nehmen.

Er ballte die Hände zu Fäusten, bis er die Nägel schmerzhaft im Fleisch spürte. Nimm mich doch, dachte er in wütender Ohnmacht zum Himmel hinauf. Tu es jetzt!

Doch es fuhr kein Blitzschlag nieder, der ihn der Länge nach spaltete, und auch die Erde tat sich nicht unter seinen Füßen auf.

Antonio holte Luft und ließ schließlich die Hände sinken. Ermattet glitt er von dem Felsen und ging in die Hocke. Die Arme um die Knie geschlungen, starrte er auf die zersplitterten Reste des alten Kahns, in dessen Schatten seine Schwester noch am Nachmittag gelegen hatte.

In seinem Inneren zog sich etwas zusammen, ein Klumpen aus Qual und Schuldgefühlen, doch darunter lag noch etwas anderes, das stärker war, ein winziger, aber unzerstörbarer Kern aus Wut und Willenskraft.

Er stand auf und ging zu dem Bootswrack, das er mit wenigen krachenden Tritten in Einzelteile zerlegte.

Jemand hatte einmal gesagt, dass das Leben dazu da war, um es zu meistern. Antonio konnte sich nicht mehr erinnern, wer diese Worte gesprochen hatte, vielleicht der Priester in der Kirche. Doch es spielte keine Rolle, von wem sie stammten, denn sie waren wahrhaftig, und das war alles, was in diesem Moment von Bedeutung war.

Er besaß nichts außer seinem Leben, und das würde er meistern – oder bei dem Versuch sterben. Es gab nichts darunter, und es gab nichts dazwischen, und diese Erkenntnis rief eine eigentümliche Regung von Hoffnung in ihm hervor, gepaart mit Erleichterung und sogar einem Anflug von Stolz.

Es wischte sich mit dem Unterarm die Tränen und den Rotz vom Gesicht und ging zurück in die Stadt.

Im Obergeschoss fing das Kind an zu greinen und war gleich darauf still. Lodovica nahm ihre Aufgabe ernst; sie ließ den Jungen niemals schreien, obwohl Laura wusste, dass die Hebamme es empfohlen hatte, da es, wie sie sagte, die Lungen kräftigte.

Laura war es lieber so, wie Lodovica es handhabte, denn das Geschrei verursachte ihr Unbehagen und Widerwillen.

Die Frauen, die gelegentlich vorbeikamen, um nach dem Rechten zu sehen, hatten sie mehrfach ermuntert, sich von Anfang an mit um ihren kleinen Bruder zu kümmern, doch bisher hatte sie sich nicht dazu aufraffen können. Es schien eine unsichtbare Schranke zu geben, die sie daran hinderte, an die Wiege zu treten und hineinzusehen. Noch weniger mochte sie das Kind berühren oder es gar auf den Arm nehmen. Bis jetzt hatte sie sich weder zu dem einen noch dem anderen überwinden können.

Schon das Geschrei setzte ihr zu, wenn es länger dauerte als wenige Augenblicke, und sie ertappte sich bei der Überlegung, ob sie sich besser fühlen würde, wenn die Mutter das Kind mit ins Himmelreich genommen hätte.

Sie wusste, dass solche Gedanken sündig waren und dass sie dafür die Strafe Gottes verdiente, aber sie konnte ihnen nicht ausweichen. Allerdings hatte sie rasch für sich den Schluss gezogen, dass es nichts geändert hätte.

Ihre Trauer wäre ebenso lähmend und schmerzvoll gewesen, und auch ohne einen Bruder hätte sie von früh bis spät am Fenster in ihrer Kammer gesessen und zum Kanal hinuntergestarrt. Sie sah die Gondeln vorübergleiten oder betrachtete die Kirche am Campo auf der gegenüberliegenden Seite, sah die Menschen ihren Geschäften nachgehen und ihr Leben gestalten, als wäre alles wie früher. Die ganze Welt bestand rein äußerlich unverändert fort, und doch war nichts mehr so wie vorher. Dort, wo Laura einst ihren lebendigen Herzschlag gespürt hatte, schien nur noch ein harter Stein in ihrer Brust zu liegen, der ihr das Atmen erschwerte und sie daran hinderte, richtig zu essen.

Zu den Mahlzeiten brachte sie kaum etwas herunter, obwohl die Frauen der Scuola fast täglich frisches Essen vorbeibrachten. Lodovica war weniger zurückhaltend; ohne besondere Anstrengung vertilgte die Amme alles, was Laura übrig ließ.

Laura hatte kein Gespür dafür, wie viel Zeit seit der Beisetzung ihrer Eltern verstrichen war, als eine der Frauen zu ihr sagte, man warte darauf, dass die Nachbarn zurückkehrten. Vielleicht war eine Woche vergangen, vielleicht auch zwei, es war ihr egal. Doch im Laufe der folgenden Tage spürte sie wachsendes Unbehagen wegen dieser Bemerkung über die Nachbarn.

Als an einem der folgenden Vormittage das Boot der Filacenovas unten am Steg anlegte und die Schar der mondgesichtigen Knaben an Land hüpfte, wusste Laura mit einem Mal, dass einschneidende Änderungen bevorstanden.

Messèr Filacenova stieg vom Boot und half seiner Frau heraus, und Monna Pippa blieb auf der Fondamenta stehen. Der Ausdruck, mit dem sie zu dem Anbau ihres Hauses hinaufschaute, ließ Laura nichts Gutes ahnen.

Monna Pippas Miene war abwägend und gleichzeitig auf berechnende Weise fröhlich. Es gab keinen Zweifel, dass sie über das Vorgefallene bereits im Bilde war. Dramatische Geschichten wie die der Familie Monteverdi sprachen sich rasch im Sestiere herum.

Als ihr Blick auf Laura fiel, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, und die Verschlagenheit machte aufgesetzter Betroffenheit Platz.

Sie hob die Hand und winkte nach oben. »Laura, du armes Waisenkind! Warte, ich komme gleich!«

Monna Pippa trieb ihre Söhne ins Haus und überwachte die Entladung des Gepäcks. Ihr Mann half beim Tragen der Seekisten und verschwand schließlich mit den Knaben im Palazzo, während Monna Pippa zum landseitigen Eingang des Anbaus eilte. Laura hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst oder wenigstens versteckt, doch Monna Pippa hätte ohnehin die erstbeste Gelegenheit genutzt, das Haus von oben bis unten zu inspizieren.

Laura hörte sie unten rumoren und herumkramen. Sie verließ widerwillig ihren Platz am Fenster, doch als sie zur Treppe kam, war Monna Pippa bereits auf dem Weg nach oben. Sie kam in die Schlafkammer der Eltern geplatzt und blickte sich um, als wollte sie Maß nehmen. Ihre Gewänder waren noch fleckig und verschwitzt von der Reise, und ihre Frisur war verzottelt und in Auflösung begriffen, doch das schien sie nicht im Mindesten zu stören.

Ohne Laura eines Blickes zu würdigen, trat sie zu der Amme, die im Lehnstuhl der Mutter saß und das Kind stillte.

»Sieh da«, sagte sie. »Ein gesunder Knabe, sagte man mir. Nun, er sieht wirklich gesund aus. Hm, Haare hat er keine, was nach Lage der Dinge wohl ein Segen ist. Zu viele rothaarige Kinder in einer Familie können nur Unglück bringen. Und ihr habt ja wahrhaftig genug Unglück erlebt.«

Lodovica verlagerte das Kind an ihrer Brust und blickte zutraulich lächelnd zu Monna Pippa auf, doch diese wandte sich bereits ab und ging hinüber in Lauras Kammer, wobei sie Laura, die im Türrahmen stand, ungeduldig beiseiteschob.

»Lass sehen. Nun, hm. Ja, es geht. Irgendwie hatte ich es größer in Erinnerung, aber mit der Zeit ändern sich die Dinge, auch wenn es nur im Gedächtnis ist. Aber die Aussicht ist wundervoll, weit besser als drüben.«

Laura war dieses Gerede nicht geheuer. Dennoch stellte sie keine Fragen, in der Hoffnung, dass Monna Pippa bald wieder ging.

Zu ihrem Verdruss blieb die Nachbarin noch eine Weile, unter dem Vorwand, nachsehen zu wollen, ob es den armen Waisenkindern auch gut ging und ob sie alles hatten, was sie zum Leben brauchten. Sie streifte durch die Räume, schaute in Kisten und Truhen, hob Decken und Matten hoch und ging schließlich in die Werkstatt, wo sie die Entwürfe betrachtete, nach denen Guido Monteverdi seine Fresken gemalt hatte.

»Er war ein großer Künstler«, sagte sie, und zum ersten Mal kam es Laura so vor, als sei das Bedauern der Nachbarin echt. »Die Scuola wird es sich zum Anliegen machen, euch zu versorgen, da bin ich ganz sicher.«

Mit dieser Äußerung verschwand sie schließlich nach nebenan in ihr eigenes Haus.

Am Nachmittag desselben Tages erschien eine amtlich wirkende Abordnung zweier Mitglieder der Scuola. Sie waren in Begleitung ihrer Ehefrauen, die beide schon mehrfach hier gewesen und sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert hatten.

Eine der beiden rief Laura nach unten, wo in der größeren Kammer der reinste Auftrieb herrschte, weil alle Besucher sich hier versammelt hatten, einschließlich Monna Pippa, die von nebenan herübergekommen war und sich mit wichtiger Miene neben den Zunftherren aufgebaut hatte, als hätte sie in einer wichtigen Angelegenheit mitzureden.

Die Frau strich Laura über das Haar. »Mein Kind, nun ist es so weit. Endlich ist alles geklärt. Es hat eine Weile gedauert, aber nun können wir die erfreuliche Nachricht überbringen, dass alles geregelt ist.«

»Geregelt?«, fragte Laura verständnislos.

Der Zunftmeister, ein Mann mit Backenbart und ordentlich gefältelter Tunika, ergriff das Wort. »Dank der Familie Filacenova konnten wir die Sache zu einem besseren Abschluss bringen, als wir erwartet hatten. Weißt du, deine Eltern haben dir ein wenig Geld hinterlassen. Viel ist es nicht, leider. Doch zu unserer großen Freude haben sich eure Nachbarn bereitgefunden, ein wenig beizusteuern, da sie, wie Monna Pippa uns berichtet hat, deinen Eltern und auch dir immer herzlich zugeneigt waren.«

Das ist gelogen!, wollte Laura schreien, doch der Zunftmeister redete bereits weiter.

»Es ist insgesamt keine große Summe, aber zusammen mit den Mitteln aus dem Hinterbliebenenfonds der Zunft reicht es für eine Unterbringung in einem Waisenhaus. Es ist eine Einrichtung des Ospizio di Santa Maria della Pietà, ein ordentliches Haus, das von Nonnen geführt wird. Ich habe mir sagen lassen, dass die meisten Kinder aus den Heimen dieses Ordens gesund und kräftig ins Leben entlassen werden, wenn sie das zwölfte Jahr erreicht haben. Das heißt, du kannst danach entweder eine Anstellung in einem Haushalt finden, oder du kommst in ein anderes Heim, in eine Unterbringung nur für Mädchen.

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