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Die Lady und der Herzensbrecher

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1. KAPITEL

Oh Gott! Er hatte zwar gewusst, dass es nicht einfach werden würde, aber dass sie sich alle so vorhersehbar verhalten würden, hätte er nicht gedacht.

Lord Deben trat nach draußen auf die Terrasse, auf der sich sonst niemand aufhielt, da sie ganz feucht vom Nieselregen war. Er ging zum Geländer, lehnte sich schwerfällig dagegen und atmete ein paarmal tief ein. Zum Glück wurde die Luft hier weder durch Parfüm noch durch Schweiß oder Kerzenwachs getrübt.

Als Erstes war er Lady Twining, der Gastgeberin des heutigen Abends, begegnet. Ihr wären beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen, als sie gesehen hatte, an wessen Seite die Dowager Lady Dalrymple eingetroffen war. Er war bisher nur einmal auf einem Debütantinnenball gewesen – und zwar auf dem seiner Schwester. Jenes prachtvolle Fest hatte er vor ungefähr vier Jahren selbst ausgerichtet. Er hatte Lady Twining angesehen, wie sehr sie sich darüber gewundert hatte, dass er plötzlich mit einer Verfechterin der guten Sitten auf ihrer Feier erschienen war – und dass er sich überhaupt freiwillig in das Haus einer anständigen Familie begab, anstatt sich wie üblich ausschließlich in seinen verruchten Kreisen zu bewegen.

Während er mit seiner Begleitung langsam die Treppe hochgelaufen war, hatte er die Gastgeberin dabei beobachtet, wie sie das Dilemma, das seine Anwesenheit für sie aufwarf, zu lösen versuchte. Sie konnte ihm kaum den Zutritt verweigern, da sie seiner Patentante eine Einladung geschickt hatte und er offensichtlich als ihr Begleiter auftrat. Aber es stand ihr ins Gesicht geschrieben, wie gerne sie genau das getan hätte! Offensichtlich glaubte sie, dass sie genauso gut einem herumstreunenden Fuchs die Tür zu einem Hühnerstall offen halten könne, wenn sie ihm Zutritt zu einem Haus voller unschuldiger junger Mädchen gewährte.

Allerdings fehlte ihr der Mut, um das, was sie dachte, auszusprechen. Als er bereits an der Empfangsreihe angekommen war, bekam er nur die üblichen Floskeln wie ‚Was für eine Ehre, Sie in unserem Haus begrüßen zu dürfen, Mylord‘ und ‚Wir hatten nicht erwartet, heute Abend solch einen hochgestellten Gast wie Sie willkommen heißen zu dürfen‘ zu hören.

Nein. Den letzten Satz hatte sie gar nicht gesagt, doch ihre überschwängliche, aufgeregte Begrüßung hatte ihm genau das zu verstehen gegeben. Durch die Anwesenheit eines Earls war ihr gesellschaftliches Ansehen so sehr in die Höhe geschossen, dass es beinahe keine Rolle spielte, was für eine moralische Gefahr von ihm ausging.

Als er die anwesenden Gäste betrachtete, schürzte er verächtlich die Lippen. Es hatten sich zwei unterschiedliche Lager gebildet: Die einen dachten lediglich an seinen Ruf und liefen wie aufgescheuchte Hühner, die ihre kostbaren Jungen beschützen mussten, durcheinander; wohingegen die anderen – er verzog das Gesicht – ihre große Chance gekommen sahen.

Er hatte ihre Blicke im Rücken gespürt, als er ins Haus geschritten war. Hinter vorgehaltener Hand hatten sie gewiss eifrig spekuliert: Warum er wohl gekommen war? Und warum ausgerechnet mit Lady Dalrymple? War das ein Zeichen, dass er in dieser Saison endlich seine Pflicht gegenüber der Familie erfüllen und sich eine Frau nehmen würde?

Bei der wenn auch unwahrscheinlichen Aussicht, dass der berüchtigtste Frauenheld und gefährlichste Charmeur seiner Generation nach einer Frau suchte, fingen die Ehrgeizigsten unter den Begleitdamen unverzüglich damit an, die anderen mit den Ellbogen zurückzudrängen. Sie platzierten ihre einfältig lächelnden Schützlinge in vorderster Reihe und träumten wahrscheinlich schon davon, das jeweilige Mädchen als Countess an seiner Seite zu sehen.

Die Tatsache, dass sie mit ihrer Vermutung richtiglagen, machte ihre Annäherungsversuche nicht weniger abstoßend. In Zukunft müsste er viele solcher Veranstaltungen besuchen und geistlose Gespräche, die als Konversation angesehen wurden, sowie jenes unbeholfene, affektierte Benehmen über sich ergehen lassen. Manchmal müsste er sogar über unreine Gesichtshaut hinwegsehen. Denn wie konnte er sich sonst vollkommen sicher sein, dass zumindest das erste Kind von ihm abstammte, wenn er nicht ein Mädchen, das frisch aus der Schule kam, heiratete? Die Pflicht gegenüber seinen stolzen Vorfahren machte dies zu einer unumstößlichen Bedingung.

Aber glaubten die anwesenden Gäste tatsächlich, dass er dem ersten jungen Ding, das seinen Weg kreuzte, einen Antrag machen würde? Noch dazu bei der allerersten Veranstaltung, die er besuchte, seit er entschieden hatte, dass es an der Zeit beziehungsweise längst überfällig war, sich dem Schicksal, das ihm seine gesellschaftliche Stellung aufbürdete, zu beugen?

Er lehnte sich zurück und hielt das Gesicht nach oben in den Regen. Das Brennen auf seiner Haut ließ nach, doch gegen die tiefe Bitterkeit, die in ihm hochkochte, konnte der Regen nichts ausrichten. Nichts und niemand wäre dazu imstande.

Es sei denn … Er hielt inne, als ihm ein grandioser Gedanke durch den Kopf schoss. Er glaubte nicht, dass er noch viele weitere solcher Veranstaltungen ertragen könnte. Wie sollte er sich zwischen diesen bleichgesichtigen, eifrigen jungen Frauen jemals für eine entscheiden? Was zum Teufel hielt ihn eigentlich davon ab, einfach dem erstbesten kleinen Ding, das ihm in dem Saal über den Weg laufen würde, einen Antrag zu machen? Dann hätte er diese ganze unangenehme Angelegenheit wenigstens so schnell und schmerzlos wie möglich hinter sich gebracht.

Wie viel Zeit würde ihn das Ganze kosten? Ein Jahr? Um die Hand eines dieser Mädchen anhalten, die im Übrigen genauso vorgeführt wurden wie die Zuchtstuten bei Tattersalls. Das Aufgebot bestellen, die Farce einer Hochzeitszeremonie überstehen, mit seiner Angetrauten das Bett teilen und sich so oft mit ihr zu vereinen, bis er sicher sein konnte, dass sie in anderen Umständen war. Hoffen, dass das Kind ein Junge sei. Nachdem er seine Erbfolge sichergestellt hätte, würde er sich wieder ganz seinem sorgenfreien Leben widmen können und sie würde …

Bei der Vorstellung, was seine Ehefrau, so ganz sich selbst überlassen, alles anstellen könnte, sog er scharf die Luft ein und ließ den Kopf wieder sinken.

Ihr wären keine Grenzen gesetzt. Sie könnte alles tun, wonach ihr der Sinn stehen würde. Niemand wusste besser als er, wie weit junge, gelangweilte Ehefrauen gewillt waren zu gehen, um amouröse Abenteuer zu erleben.

Ungeduldig stöhnte er auf und zog seine Uhr aus der Westentasche. Er drehte sich zum Licht, das aus den Fenstern des Ballsaals fiel, um zu sehen, wie spät es war. Ungläubig zog er eine Braue hoch. Waren seit seiner Ankunft erst fünfunddreißig Minuten vergangen? Es könnte Stunden dauern, bis Lady Dalrymple bereit wäre zu gehen. Sie würde es sich nicht nehmen lassen, zu tanzen, mit ihren Spießgesellinnen zu tratschen und zu Abend zu essen.

Dann musste es eben so sein. Widerwillig verzog er den Mund. Da er die Zeit ohnehin irgendwie herumbekommen musste, konnte er genauso gut seiner Eingebung folgen und die Heiratsangelegenheit ein für alle Mal klären. Er würde jetzt zum Ballsaal zurückgehen und das erste Mädchen, das ihm über den Weg lief, zum Tanz auffordern. Wenn sie einwilligen und er sie nicht allzu abstoßend finden sollte, würde er ihren Vater aufsuchen und alles Weitere mit ihm besprechen.

Sieh an! So einfach ließe sich diese ganze verdammte Angelegenheit regeln. Er müsste noch nicht einmal in jene Höhle des Löwen namens Almack’s gehen, wo sofort der ganze ton über seine Absichten Bescheid wüsste.

Doch als er die Uhr wieder in die Tasche steckte, waren seine Füße wie festgewachsen. Er blickte starr geradeaus, ohne den mit Tau überzogenen Rasen unterhalb der Terrasse überhaupt wahrzunehmen. Alles, was er sah, war der dunkle Abgrund, in den er sich jetzt stürzen würde.

Es spielte keine Rolle, ob er sich für die unbekannte junge Frau, die da drinnen im Haus auf ihn wartete, auf Dauer erwärmen könnte oder nicht. Er musste sich lediglich vorstellen können, so lange das Bett mit ihr zu teilen, bis er einen rechtmäßigen Erben gezeugt hätte. Wenn er sie nicht ins Herz schließen würde, dann könnte sie ihn weder verletzen noch demütigen. Auf ihre Liebesaffären könnte er genauso unbeteiligt und amüsiert reagieren, wie er es im Laufe der Jahre bei den Ehemännern, mit deren Frauen er ein Verhältnis eingegangen war, gesehen hatte. Die gelangweilten, unzufriedenen Frauen hatten auf eigene Faust nach jüngeren, tatkräftigeren Männern gesucht, um ihrem Leben die gewisse Würze, die in ihrer pflichtbewusst geschlossenen Ehe so offenkundig fehlte, zu verleihen.

Im Rahmen solch einer auf Gleichgültigkeit basierenden Übereinkunft könnte er vielleicht sogar ihren Nachwuchs dulden. Vielleicht würde er die Kinder sogar liebenswürdig behandeln, anstatt ihnen ins Gesicht zu sagen, dass sie nicht von ihm seien. Sie wiederum würden sich als Geschwister betrachten, sich umeinander kümmern und einander unterstützen, anstatt …

Als die Terrassentür geöffnet wurde, riss ihn die laute Musik aus dem Ballsaal aus dem Sog an niederschmetternden Gedanken, die ihn stets heimzusuchen pflegten, sobald er an seine Kindheit zurückdachte.

Verärgert darüber, dass sein Moment des Alleinseins unterbrochen wurde, drehte er sich langsam um. Er hätte nicht erwartet, die Silhouette einer Frau in der Türöffnung zu sehen.

„Oh, Lord Deben!“

Das Mädchen rang nach Luft und legte sich in einer theatralischen Geste die Hand an den Hals. Er vermutete, dass sie es mit Absicht tat, um Überraschung vorzutäuschen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass sich irgendjemand hier draußen aufhalten würde“, sagte sie und ließ den Blick über die ansonsten menschenleere Terrasse schweifen, bevor sie ihn wieder ansah.

„Warum sollte sich bei diesem abscheulichen Wetter auch irgendwer nach draußen begeben?“

Unbeirrt von dem trockenen Ton in seiner Stimme ging sie kichernd ein, zwei Schritte auf ihn zu.

„Ich sollte mich nicht ganz allein hier draußen mit Ihnen aufhalten, nicht wahr? Meine Mutter sagt, Sie seien gefährlich.“

Als sie sich ihm näherte, konnte er sehen, dass sie ein recht hübsches junges Ding war. Ebene Gesichtszüge, reine Haut, edel und modisch gekleidet. Sie war an männliche Verehrer gewöhnt, wie er an der stolzen, gezierten Haltung, die sie unter seinem prüfenden, ja beinahe anmaßenden Blick einnahm, erkennen konnte.

„Ihre Mutter hat recht. Ich bin gefährlich.“

„Ich habe keine Angst vor Ihnen“, sagte sie und tänzelte auf ihn zu. Sie kam so dicht vor ihm zum Stehen, dass ihm das Parfüm, das ihr kleiner, warmer Körper verströmte, in die Nase stieg. Ihre Aufregung war spürbar.

„Mir ist noch nie zu Ohren gekommen, dass Sie einem tugendhaften jungen Mädchen etwas angetan hätten“, hauchte sie ihm zu. „Ihren Ruf haben Sie einzig und allein verheirateten oder verwitweten Frauen zu verdanken.“

„Ihre Mutter hätte Sie darüber in Kenntnis setzen sollen, dass man einen Mann nicht auf seine Liebschaften anspricht.“

Sie lächelte affektiert und wissend zugleich.

„Aber, Lord Deben“, flüsterte sie, während sie mit einer Hand an seinem Mantelaufschlag hochfuhr. „Sie wollen doch gewiss, dass ihre zukünftige Frau Verständnis für diese Dinge aufbringt …“

Er ergriff ihre Hand, um sie von seinem Mantel zu lösen. Vor lauter Abscheu bekam er eine Gänsehaut.

„Ganz im Gegenteil, Madam. Das ist das Letzte, was ich von der Frau, die ich heirate, erwarte.“

Es hatte keinen Zweck. Er ähnelte seinem Vater mehr, als er sich hatte eingestehen wollen. Selbst wenn er sorgfältig darauf bedacht wäre, sich nicht in seine Zukünftige zu verlieben, würde er es nicht ertragen, wenn sie in dieser Hinsicht Verständnis aufbringen oder gar von ihm erwarten würde, so weiterzuleben, als wäre er immer noch Junggeselle. Am Ende würde sie selbst amourösen Abenteuern nachgehen wollen.

Kurz und knapp, er wollte kein betrogener Ehemann sein.

„Sie sollten sich lieber wieder in den Ballsaal begeben. Wie Sie selbst gesagt haben, schickt es sich in keiner Weise, hier draußen mit einem Mann wie mir allein zu sein.“

Sie zog einen Schmollmund.

„Es ist lächerlich, dass Sie Anstand predigen, wo doch alle Welt weiß, dass Sie sich selbst niemals etwas aus Anstand und Moral gemacht haben, geschweige denn die Zeit dafür gehabt hätten.“

In einer raschen Bewegung, die ihn völlig unvorbereitet traf, warf sie ihm die Arme um den Hals.

„Verdammt. Was ist in Sie gefahren?“ Er griff nach ihren Handgelenken, um sich aus der Umarmung zu lösen. Als er eine Hand losreißen konnte, ließ sie ihren Fächer fallen, um sich mit der anderen Hand an ihm festzuhalten. Er war geistesgegenwärtig genug, einen Schritt zurückzutreten, damit sie sich ihm nicht erneut an den Hals werfen konnte. Allerdings klammerte sie sich daraufhin nur noch fester an ihn, sodass er sie hinter sich herzog.

„Lassen Sie mich los, Sie unverschämte Klette“, brummte er. „Ich weiß ja nicht, was Sie sich davon erhoffen, mir so um den Hals zu fallen, aber …“

Er hörte einen schrillen Schrei. Grelles Licht fiel auf die Terrasse, als die Türen des Hauses aufgerissen wurden. Das Mädchen, das sich ihm so hartnäckig in die Arme geworfen hatte, presste ihre Wange an seine Brust.

„Lord Deben!“ Eine kräftig gebaute ältere Dame ging großen Schrittes auf ihn zu. Ihr Unterkiefer zitterte vor Entrüstung. „Lassen Sie auf der Stelle meine Tochter los!“

Er hielt die junge Frau immer noch an den Handgelenken fest, da er die ganze Zeit über versucht hatte, sich aus ihrem Griff zu befreien. Als er versuchte, sie von sich zu schieben, gab sie einen kleinen Seufzer von sich und ließ sich theatralisch nach hinten sinken, so als ob sie in Ohnmacht fiele. Ohne nachzudenken, fing er sie auf. Einerseits hätte er sie nur zu gern wie ein Häufchen Elend auf den feuchten Steinplatten liegen sehen, andererseits wusste er, dass er sich damit nur selbst in ein schlechtes Licht gerückt hätte.

Es könnte jeden Moment eine andere Person nach draußen kommen, und was für ein Bild würde sich ihr dann bieten? Der niederträchtige Lord Deben, wie er sich über ein auf dem Boden liegendes Mädchen beugt, mit dem er weiß Gott was angestellt hatte? Oder der niederträchtige Lord Deben, wie er das in Ohnmacht gefallene Opfer seines jüngsten Verführungsversuchs in den Armen hält? Noch dazu die aufgebrachte Mutter, die von ihm verlangt, sein vermeintliches Opfer freizugeben?

Ganz egal, welches Bild sich jener Person auch bieten würde, das Ergebnis wäre dasselbe. Diese beiden Frauen würden von ihm erwarten, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen, indem er diese hinterhältige kleine Klette heiratete.

In seinem ganzen Leben war er noch nie so wütend gewesen. Er war in eine Falle getappt, die selbst der blutigste Anfänger aus der Ferne erkannt hätte. Und das bei seinem ersten Streifzug in die Welt der sogenannten Unschuldigen! Wie hatte er den Jagdinstinkt von Frauen so sehr unterschätzen können? Er hatte jene in Weiß gekleideten Mädchen, die nahezu nicht voneinander zu unterscheiden waren, als reine Marionetten ohne jeglichen Verstand abgetan. Aber dieses Mädchen besaß nicht nur Verstand, sondern auch jede Menge Ehrgeiz. Er war wahrscheinlich der vermögendste, jüngste und höchstgestellte Mann, den sie in ihrem beschränkten gesellschaftlichen Einflussbereich jemals kennenlernen würde. Rücksichtslos hatte sie ausgenutzt, dass er einen Moment unachtsam gewesen war, um ihn in diese kompromittierende Situation zu bringen. Sein Charakter war ihr völlig gleichgültig. Sie schien auch keinerlei Bedenken zu haben, einen Mann zu heiraten, von dem sie glaubte, dass er ihr niemals treu sein könne. Dass sie darüber hinwegsehen würde, hatte sie ja auch bereits gesagt.

Am schlimmsten war jedoch, dass dieses junge Ding nicht einmal wusste, dass er tatsächlich nach einer Frau suchte. Sie ging weiterhin davon aus, dass er ein unverbesserlicher Frauenheld sei.

Dennoch hatte sie sich dafür entschieden, ihn rücksichtslos in diese Falle zu locken.

Gerissen, ehrgeizig, rücksichtslos und unmoralisch. Wenn seine Mutter noch gelebt hätte, dann hätte sie eine Seelenverwandte in diesem Mädchen entdeckt.

„Es ist doch offensichtlich, was hier soeben passiert ist“, sagte die Mutter des Mädchens, während sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete. Wie erwartet, sagte sie schließlich: „Das müssen Sie wiedergutmachen.“

„Sie meinen, ich soll ihr einen Heiratsantrag machen?“ Jetzt reichte es. Es war ihm mittlerweile egal, ob die alte Hexe ihn für ungalant hielt. Er stieß die Tochter so vehement von sich, dass sie ein paar Schritte zurücktaumelte und sich an ihrer Mutter festhalten musste, um nicht zu stürzen.

Hatte er tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, der erstbesten, scheinbar geeigneten Frau, die ihm über den Weg laufen würde, einen Antrag zu machen? War er verrückt geworden? Wenn er eine Frau wie diese heiratete, würde sich die Geschichte wiederholen, nur dass er niemals mit Sicherheit wissen könnte, ob er wenigstens eines der Kinder, für die er sorgen müsste, gezeugt hatte.

Er lehnte sich wieder an das Geländer und verschränkte die Arme. Er wollte sie schon darüber informieren, dass nichts auf der Welt ihn dazu verleiten könne, diesem Mädchen einen Antrag zu machen, als er eine Stimme hörte: „Ich bitte Sie. Es ist nicht so, wie es aussieht!“

Die drei drehten sich zum anderen Ende der Terrasse, von woher die Stimme erklungen war.

Er konnte eine schlanke, weibliche Gestalt ausmachen, die zwischen zwei großen Pflanzenkübeln aus Tonware hervortrat. Offensichtlich hatte sie sich dahinter versteckt.

„Erstens“, sagte das Mädchen, das immer noch im Schatten stand und sich jetzt vorbeugte, um ihr Kleid von einem nicht erkennbaren Gegenstand zu befreien, „war ich die ganze Zeit hier draußen. Miss Waverley war zu keiner Zeit alleine mit Lord Deben.“

Nachdem sie ihre Röcke geordnet hatte, richtete sie sich auf und ging auf sie zu. Kurz vor dem Lichtkreis, in dem sie standen, machte sie halt, so als wolle sie nicht vollkommen aus dem Schatten heraustreten. Als ein Zipfel ihres weißen Kleides ins Licht flatterte, sah er, dass es mit Moos beschmiert war. Er glaubte auch trockene Blätter in den wirren Locken, die ihr über die Schultern fielen, zu erkennen.

„Das ist ja schön und gut“, erwiderte die Mutter der hinterhältigen Miss Waverley, deren Namen er soeben erfahren hatte, „aber wieso hat er sie umarmt?“

Miss Waverley klammerte sich immer noch auf theatralische Art und Weise an ihre Mutter, doch auf ihrem hübschen Gesicht waren die ersten Anzeichen von Beunruhigung zu sehen.

„Nun ja, sie …“ Das zerzauste Mädchen zögerte. Es warf einen Blick auf die bekümmerte Miss Waverley, bevor es die Schultern durchstreckte und der älteren Frau direkt in die Augen sah. „Sie hat ihren Fächer fallen gelassen. Dabei ist sie irgendwie … gegen Lord Deben gestolpert, der sie natürlich aufgefangen hat.“

Sie hatte die Ereignisse so dargestellt, dass sie nun in einem völlig anderen Licht erschienen, als sie tatsächlich gewesen waren. Zugleich hatte sie es vermieden, eine glatte Lüge zu erzählen.

Im Grunde hatte sie die Situation hervorragend gelöst.

Er stieß sich vom Geländer ab, ging zum Fächer und bückte sich, um ihn aufzuheben.

„Kein Ehrenmann“, sagte er und beschloss kurzerhand, die Geschichte des Mädchens, das ihn aus irgendeinem Grund an den Herbst in Person erinnerte, zu übernehmen, „nicht einmal einer mit solch einem befleckten Ruf wie ich – hätte es zugelassen, dass solch eine hübsche Erscheinung vor ihm zu Boden geht.“ Mit einer schwungvollen Bewegung hielt er Miss Waverley, deren Gesicht einen steinernen Ausdruck angenommen hatte, den Fächer hin. Er hatte keine Ahnung, warum der Geist des Herbstes sich dazu entschieden hatte, Miss Waverleys Plan zu vereiteln, aber er hatte nicht die Absicht, einem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen.

Miss Waverleys Mutter starrte nachdenklich auf die unebenen, nassen Steinplatten.

Die Tochter blickte abwechselnd zu ihm und dem Mädchen, das aus dem Schatten gekommen war. Er konnte beinahe die Räder in ihrem Kopf rattern hören. Nun stand nicht mehr einfach nur ihr Wort gegen seines. Es gab jetzt zwei Personen, die beteuern konnten, dass sich hier nichts Unziemliches ereignet hatte.

„Sir Humphrey sollte diese Steinplatten instand setzen lassen, finden Sie nicht?“ Er schenkte dem Mädchen, das ihn in eine Falle hatte locken wollen, ein kühles Lächeln. „Bevor noch jemand zu Schaden kommt. Aber wenigstens konnte ich sicherstellen, dass Sie bei unserem Zusammentreffen heute Abend keine ernsthaften Verletzungen davongetragen haben.“

Sie reckte das Kinn und sah ihn finster an.

Ihre Mutter begegnete der Niederlage mit mehr Anmut.

„Ach so, jetzt verstehe ich natürlich, wie die Dinge liegen. Ich danke Ihnen, Mylord, dass Sie meiner Tochter zu Hilfe geeilt sind. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, warum sie sich hier draußen mit Miss Gibson aufgehalten hat. Sie gehört überhaupt nicht den Kreisen an, in denen wir für gewöhnlich verkehren.“

Die ältere Dame warf der verschmutzten Nymphe einen vernichtenden Blick zu.

Täuschten ihn seine Augen oder schrumpfte diese unter dem prüfenden Blick tatsächlich zusammen, so als überlegte sie bereits, sich wieder hinter den Kübeln zu verstecken?

„Ich finde auch keine Erklärung dafür, warum sich meine liebe Isabella mit ihr angefreundet hat. Kind“, wandte sie sich an die Tochter, die einen Schmollmund zog, „was um alles in der Welt ist in dich gefahren, dass du mit solch einer Person nach draußen gegangen bist? Du hättest dir dein Kleid ruinieren oder dir eine Erkältung holen können. Wie um alles in der Welt“, sagte sie an die arme Miss Gibson gewandt, „haben Sie es zustande gebracht, meine Tochter dazu zu bewegen, mit Ihnen nach draußen zu gehen? Warum haben Sie sich auch noch dort hinten am anderen Ende der Terrasse versteckt und meine Tochter mit einem Herrn allein gelassen? Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, wie unschicklich und selbstsüchtig Ihr Verhalten war?“

Obwohl er nicht umhin konnte, sich zu fragen, was Miss Gibson auf diesen Schwall an Fragen antworten würde, hatte er selbst schon eine Liste an Fragen im Kopf. Seine waren viel sachdienlicher, denn immerhin wusste er, was tatsächlich geschehen war.

Zuallererst würde er von ihr wissen wollen, warum sie Miss Waverley nicht als das durchtriebene kleine Ding, das sie war, entlarvt hatte. Anscheinend hatte sie es doch darauf angelegt, dieser Person Steine in den Weg zu legen. Ihre Beschreibung der elenden kleinen Szene war so geschickt gewesen, dass Miss Waverleys Ruf auch nach diesem Zusammentreffen weiterhin unbefleckt wäre. Allerdings war es bestimmt nicht die Sorge um Miss Waverleys Ruf gewesen, die sie angetrieben hatte. Sie war aus ihrem Versteck herausgetreten, bevor er ihnen sagen konnte, dass er der Tochter niemals einen Antrag unterbreiten würde, ganz egal, welche Geschichten sie über ihn verbreiten würden. Sein Ruf war ohnehin unwiderruflich geschädigt. Er hatte also nichts zu verlieren. Doch die junge Waverley hätte zweifellos ihre gerechte Strafe bekommen, wenn diese beiden Intrigantinnen versucht hätten, sich mit einem Mann seines Ranges anzulegen.

Was Miss Gibson betraf, so hätte sie sich einfach hinter den Pflanzenkübeln versteckt halten können, bis sie alle weggegangen wären. Hatte sie aus freundschaftlichen Motiven gehandelt? Hatte sie eine Freundin davor bewahren wollen, sich in eine unglückliche Ehe zu stürzen?

Nein … Er glaubte nicht, dass es so war. Zu keiner Zeit hatte Miss Waverley so ausgesehen, als hegte sie … freundschaftliche Gefühle für dieses Mädchen, das ihre Pläne durchkreuzt hatte. Sie hatte sicherlich nicht damit gerechnet, dass sich hier draußen noch jemand aufhielt.

Vielleicht waren die beiden verfeindet. Aber nein … Laut der Mutter verkehrten sie fast nie in denselben gesellschaftlichen Kreisen. Sie hatten also kaum Gelegenheit dazu gehabt, zu Feindinnen oder Freundinnen zu werden.

Von welcher Seite er die Angelegenheit auch betrachtete, er kam immer wieder zu dem gleichen, verwirrenden Schluss. Ihr Verhalten hatte rein gar nichts mit Miss Waverley zu tun.

Sie hatte versucht, ihn zu retten.

Er lehnte sich noch einmal gegen die Brüstung, die Arme zu beiden Seiten von sich gestreckt, während er sie fasziniert betrachtete. Sie unternahm gar nicht erst den Versuch, sich zu verteidigen, während Miss Waverleys Mutter auf sie einredete. Scheinbar nahm sie weder die Schimpftirade noch die giftigen Blicke, mit denen Miss Waverley sie unaufhörlich traktierte, wahr.

Sie stand einfach nur da, die Schultern gesenkt, so als wäre es ihr schlichtweg gleichgültig, was die anderen von ihr dachten oder über sie sagten. Als würde sie gar nicht bemerken, dass sich der Zorn der alten Hexe über ihrem unschuldigen Haupt entlud.

Genau bis zu dem Moment, in dem Miss Waverleys Mutter sagte: „Aber was kann man auch von einer Person erwarten, die aus einer Familie wie der Ihren stammt?“

Bei diesen Worten ging eine bemerkenswerte Veränderung mit ihr vor. Sie hob den Kopf und trat nach vorne, sodass sie zum ersten Mal mitten im Lichtschein, der aus den Fenstern des Ballsaals fiel, stand. Alle Farben des Herbstes leuchteten in ihren wilden Locken. Satte kastanienbraune Töne, die hier und da von goldenem und rostrotem Laub durchzogen wurden. Außerdem nahm sie solch eine ungestüme Haltung ein, dass es ihn an einen jener Stürme erinnerte, die an einem tristen Novembermorgen urplötzlich aufzogen und alles durcheinanderwirbelten.

„Achtbares Verhalten darf man sehr wohl erwarten. Ich habe mich nur versteckt, damit niemand – insbesondere kein edler Herr – sieht, dass ich geweint habe.“

Das glaubte er ihr sofort. So verweint sah Miss Gibson nicht gerade reizend aus. Ihr lief die gerötete Nase, die etwas zu lang für ihr recht schmales Gesicht war. Ihre Wangen waren rot gefleckt und tränenüberströmt.

Das machte es umso bemerkenswerter, dass sie in Erscheinung getreten war, um sich in die Angelegenheit von zwei Leuten zu mischen, mit denen sie weder befreundet noch – wie in seinem Fall – irgendwie bekannt war.

„Das hätte ich mir denken können“, schimpfte die ältere Frau. „Sie sollten sich schämen, junge Dame. Sehen Sie nicht, was dabei herauskommt, wenn man seinen Gefühlen auf so ordinäre Art und Weise freien Lauf lässt? Sie sehen nicht nur völlig unmöglich aus, sondern Ihr selbstsüchtiges, arglistiges Verhalten hat meine Tochter in eine Lage gebracht, die man sehr missverständlich hätte auslegen können.“

Miss Gibson ballte die Hände zu Fäusten. Sie betrachtete die ach so unschuldige Miss Waverley und atmete tief durch. Scheinbar wollte sie schon mit der Wahrheit herausplatzen und für einen waschechten Skandal auf Miss Twinings fadem Debütantinnenball sorgen, als ein Anflug von Verdruss über ihr Gesicht huschte.

Ah. Sie musste erkannt haben, dass sie jetzt nicht mehr die ganze Wahrheit sagen konnte, ohne sich selbst zu belasten. So etwas passierte, wenn man begann, ein Netz aus Lügen zu spinnen. Sie musste nur einen falschen Schritt tun und schon würde sie sich hoffnungslos in den eigenen Netzen verstricken.

Wenigstens war sie so intelligent, es zu bemerken. Sie schloss den Mund, reckte das Kinn und sah die Mutter ernst und schweigend an.

Er fühlte, wie es um seine Mundwinkel zuckte, als ihm ein kurzes Lachen entfuhr. Das hier war so viel besser, als ins Theater zu gehen.

Es war wohl etwas unglückselig, dass Miss Gibson ihn ausgerechnet in dem Moment, als er begann, das Komische an der Situation zu erkennen, ansah. Als sie seinen belustigten Ausdruck bemerkte, bedachte sie ihn mit einem Blick, der die Hölle hätte zufrieren lassen können.

„Also“, sagte die ältere Dame, die den Blickwechsel nicht mitbekommen hatte, weil sie zu sehr damit beschäftigt gewesen war, ihrer hintertriebenen Tochter tröstend einen Arm um die Schulter zu legen. „Ich kann verstehen, dass du aus Herzensgüte gehandelt hast, meine Liebe, aber es wäre weitaus besser gewesen, wenn du Miss Gibsons Anstandsdame gesucht und ihr die Angelegenheit überlassen hättest.“

Der Moment, in dem ihn das Absurde an der Situation amüsiert hatte, war nun endgültig vorbei. Die Einstellung der älteren Dame war fast genauso beleidigend wie die der Tochter. Diese junge Frau war so bekümmert gewesen, dass sie nach draußen gehen musste, um sich ihren Gefühlen hinzugeben. Jetzt musste sie sich auch noch eine Standpauke anhören. Es war unrecht. Man hätte sie trösten sollen. Welche Frau weinte schon so hemmungslos, ohne einen guten Grund dafür zu haben? Das hätten die beiden doch wissen müssen.

Stirnrunzelnd betrachtete er Mutter und Tochter.

In die Befindlichkeiten von Frauen konnte er sich nicht gut hineinversetzen, aber offensichtlich war er die einzige anwesende Person, die auch nur ein Fünkchen Mitgefühl für die unglückselige Miss Gibson aufbrachte. Es wäre ihm allerdings im Traum nicht eingefallen, sich persönlich um sie zu kümmern. Es war ihm noch nie gelungen, weinende Frauen zu trösten. Wenn er früher einmal mitbekommen hatte, dass eine seiner Schwestern in Tränen aufgelöst war, hatte er ihr Trost spenden wollen, doch sein rationales Argumentieren hatte sie vielmehr an den Rand des Wahnsinns getrieben.

Sie brauchte eine Frau, die Verständnis für sie aufbrachte. Die Anstandsdame, von der die alte Waverley gesprochen hatte, würde wissen, was zu tun sei.

Er stieß sich von der Balustrade ab. „Gestatten Sie mir, diesen Fehler wiedergutzumachen, indem ich sie auf der Stelle suchen gehe. Wäre eine von Ihnen so freundlich, mir ihren Namen zu verraten?“

„Oh“, sagte die ältere Dame höhnisch lächelnd. „Sie heißt Mrs Ledbetter. Ich vermute, dass sie Ihnen unbekannt ist, Mylord. Ich frage mich ohnehin, wie sich eine Frau dieses Standes eine Einladung zu solch einer Veranstaltung sichern konnte.“

Er lächelte. „In der Tat. Einen privaten Ball besucht man schließlich in der Annahme, sich in die Gesellschaft von ehrbaren, anständigen Personen zu begeben. Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Name Mrs Waverley ist?“

„Lady Chigwell“, antwortete sie einfältig lächelnd.

„Lady Chigwell“, wiederholte er, während er sich verbeugte. Als er sich aufrichtete, bemerkte er, dass Miss Gibson ihn ansah, und zwinkerte ihr zu. Aber wenn er geglaubt hatte, dass ihr die subtile Zurechtweisung, die er der älteren Dame gerade erteilt hatte, gefallen würde, dann hatte er sich gründlich geirrt. Aus ihren Augen sprach die reine Missbilligung.

Vielleicht hatte sie die Gunst, die er ihr soeben erwiesen hatte, nicht verstanden.

„Miss Gibson.“ Er verringerte den Abstand zwischen ihnen, um ihre Hand zu nehmen. „Darf ich Mrs Ledbetter ausrichten, dass Sie hier draußen auf sie warten?“ Leise fügte er hinzu: „Wie sieht sie aus?“

Als Miss Gibson so aus der Nähe zu ihm aufsah, konnte er ungeweinte Tränen in ihren Augen schimmern sehen. Sanft drückte er ihr die Hand, womit er ihr danken und – was ihn nicht wenig überraschte – sie auch etwas beruhigen wollte. Mit Ausnahme seiner Verwandten gab es keine einzige Frau auf der Welt, die behaupten konnte, dass Lord Deben sich jemals um ihr Wohlergehen gesorgt hätte.

Aber in Anbetracht ihrer misslichen Lage wäre wohl kein Mann unbewegt geblieben – selbst er nicht, obwohl man ihm häufig vorwarf, für die Gefühle anderer Leute unempfänglich zu sein. Sie war nach draußen gegangen, um im Stillen ein paar Tränen zu vergießen. Doch ihr Zusammenbruch war nicht unbemerkt geblieben, und zur Krönung des Ganzen wurde nicht nur sie, sondern auch ihre Anstandsdame zu Unrecht an den Pranger gestellt.

„Sie trägt einen lilafarbenen Turban“, zischte sie leise, „mit einer weißen und einer lilafarbenen Straußenfeder. Sie können sie gar nicht übersehen.“ Schließlich entzog sie ihm die Hand und sagte: „Ich denke, es wäre das Beste, wenn ich hier draußen auf sie warte.“

„Unbedingt“, warf Miss Waverley mit zuckersüßer Stimme ein. „So können Sie sich im Ballsaal unmöglich sehen lassen. Sie müssen sich gründlich das Gesicht waschen, bevor Sie wieder hineingehen.“

Hastig fuhr sich Miss Gibson mit den Handrücken über die Wangen. Da ihre Handschuhe genauso verschmutzt waren wie ihr Kleid, war das Ergebnis desaströs.

„Gestatten Sie mir“, sagte er, als er ein weißes, mit seinen Initialen besticktes Seidentuch aus der Westentasche zog und es ihr entgegenhielt.

„Danke, Sir“, sagte sie schroff und nahm es ihm so widerwillig ab, dass er vermutete, sie hätte es gar nicht erst angenommen, wäre sie nicht so verzweifelt gewesen.

Aber warum? fragte er sich, während sie sich sehr undamenhaft und laut schnäuzte. Wenn sie ihn nicht mochte, was ihrem jetzigen Blick nach zu urteilen anscheinend der Fall war, warum hatte sie ihm dann überhaupt geholfen?

Oder vielleicht war es so, wie sie gesagt hatte, und es lag einfach daran, dass sie von niemandem in solch einem Zustand gesehen werden wollte.

Daran musste es liegen.

Er drehte sich um, zufrieden, dass er eine Erklärung für die ungerechtfertigte Feindseligkeit in ihrem Benehmen gefunden hatte, und überquerte die Terrasse in Richtung Ballsaal.

Jetzt musste er nur noch eine Frau im fortgeschrittenen Alter mit lilafarbenem und mit Straußenfedern besetztem Turban finden und ihr ausrichten, dass Miss Gibson draußen auf ihre Hilfe wartete. Dann könnte er die ganze Angelegenheit hinter sich lassen.

Allerdings konnte er sich nicht ganz von dem seltsamen Wunsch, Miss Gibsons Kummer irgendwie zu lindern, befreien. Als er sich vorhin vorgestellt hatte, sein Leben lang an ein Geschöpf von Miss Waverleys Format gefesselt zu sein, hatte er begriffen, dass er lieber sterben würde, als sich auf eine Ehe, wie sie sein Vater durchlebt hatte, einzulassen. Je länger er darüber nachdachte, desto überzeugter war er, dass Miss Gibson eingeschritten war, um ihn vor solch einem Schicksal zu bewahren.

Das musste es gewesen sein. Sie konnte es nicht ertragen, tatenlos dabei zuzusehen, wie jemand zu einer Ehe gezwungen wurde, die er nicht aus freien Stücken einging.

Vielleicht war sie deshalb nach draußen gegangen, um zu weinen. Laut Lady Chigwell stammte sie nicht aus einer sonderlich guten Familie. Vielleicht wurde sie zu einer Heirat gezwungen, um ihre gesellschaftliche Stellung zu verbessern. Vielleicht war sie heute Abend hier, um wie eine Sklavin auf einer Versteigerung vorgeführt zu werden. Er hatte sie soeben nicht von ihrer besten Seite gesehen, aber allein ihr zartes Alter und ihre Verletzlichkeit würden ausreichen, um mehrere ihm bekannte Männer, die in dieser Saison nach einer Frau suchten, anzulocken. So war der Lauf der Dinge. Ältere Männer mit Geld und Status hatten sozusagen freie Wahl unter den unberührten Mädchen, die jedes Jahr auf der Suche nach einem Ehemann in die Stadt strömten. Die Familien jener jungen Frauen verkauften sie praktisch an den Höchstbietenden, ohne Rücksicht auf die Gefühle der Mädchen zu nehmen.

Da man sie in dieser Hinsicht keine eigenen Entscheidungen treffen ließ, lehnten sie sich irgendwann auf und nahmen sich Liebhaber ihrer Wahl.

Über Entscheidungsfreiheit zu verfügen war der einzige Vorteil, den er als Mann hatte. Davon konnten viele Frauen nur träumen. Heute Abend hätte er ihn beinahe verspielt.

Hätte Miss Waverley ihn nicht aus seiner Gleichgültigkeit gerissen, dann hätte er einen verheerenden Fehler begangen. Er betrachtete die Ehe auf so zynische Art und Weise, dass er die Wahl seiner Zukünftigen beinahe dem Schicksal überlassen hätte. Wie ein Spieler, der eine Münze wirft, um selbst keine Entscheidung zu fällen. Er hatte geglaubt, dass es so leichter wäre …

Was für ein Irrglaube! Wenn man einmal in den Hafen der Ehe eingelaufen war, führte kein Weg mehr hinaus. Nur weil er keine Lust auf die Ehe hatte, konnte er mit der Wahl der Braut nicht so leichtfertig umgehen. Auch wenn er wohl niemals Gefallen an der Ehe finden würde, war er es doch seinen Kindern schuldig, den Charakter der Frau, die sie zur Welt bringen würde, gründlich zu studieren. Niemals würde er einen Menschen wie seine Mutter auf arme, unschuldige Kinder loslassen. Auch keine Frau wie Miss Waverley.

Vielleicht hatte sie ihn heute Abend von seiner schicksalsergebenen Einstellung kuriert, aber das lag nur daran, dass sie all das verkörperte, was er an Frauen am meisten verachtete.

Er fühlte sich ihr in keiner Weise zu Dank verpflichtet. Miss Gibson hingegen hatte scheinbar aus reiner Sorge um ihn gehandelt. Dieser Umstand gab ihm das Gefühl, ihr etwas schuldig zu sein.

Denn noch nie hatte jemand – egal, ob Mann oder Frau – versucht, ihn vor irgendetwas zu retten.

Großer Gott! Er blieb regungslos stehen und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als ihn der Gedanke durchfuhr: Er war soeben von einer Jungfrau in Not gerettet worden.

Nicht, dass irgendwer sich ihn als den Ritter in glänzender Rüstung vorstellen könnte. Er trug seine Gefechte im Oberhaus aus und benutzte dabei scharfe Worte statt Lanzen.

Ohne genau zu wissen, warum, drehte er sich noch einmal um und sah seine Retterin an. Grade warf Miss Waverley ihr einen Blick zu, aus dem tiefe Verachtung sprach.

Er hatte bereits festgestellt, dass diese Frau unmoralisch und rücksichtslos war. Obwohl Miss Gibson jede Menge Mut besaß, schien sie der hinterhältigen Isabella in gesellschaftlicher Hinsicht unterlegen zu sein. Das machte sie verwundbar. Er hegte keine Zweifel, dass dieses Mädchen sie bei der erstbesten Gelegenheit angreifen würde.

Er hatte sich gefragt, wie er seine Schuld bei Miss Gibson begleichen könnte. Immerhin hatte sie ihm dabei geholfen, seine Freiheit zu verteidigen. Jetzt wusste er es. Im Laufe der nächsten Wochen – oder vielleicht auch über einen längeren Zeitraum hinweg – würde er aus der Ferne eine schützende Hand über sie halten.

Denn wer wusste schon, ob die hinterhältige Miss Waverley nicht bereits einen Racheplan ausheckte …

2. KAPITEL

Henrietta saß im Salon des Hauses, das ihre Tante geerbt hatte, und betrachtete aus dem Fenster die Häuser auf der anderen Straßenseite.

Die Gebäude standen zu dicht aneinander. Auf der engen Straße drängten sich zu viele Leute aneinander vorbei. Es herrschte zu viel Lärm und es hing eine die Sinne betäubende Mischung aus Gerüchen in der Luft. Sie war erst seit gut einem Monat hier und sehnte sich bereits nach der Ruhe und dem Frieden von Much Wakering zurück: der weite Himmel, das Vogelgezwitscher, der Blütenduft …

„Wie fanden Sie die Aufführung, Miss Gibson?“

Henrietta schreckte auf und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Gäste ihrer Tante oder zumindest auf den einen von ihnen, der versucht hatte, sie in die Unterhaltung mit einzubeziehen. Sie hatte nur mit halbem Ohr zugehört.

„Die Aufführung? Oh, ich, ähm …“ Sie waren am Abend zuvor ins Theater gegangen. Wenn sie in einer besseren geistigen Verfassung gewesen wäre, hätte ihr das Stück mit Sicherheit gefallen. Doch seit Miss Twinings Ball spürte sie ein ständiges Engegefühl in der Brust.

Morgens kam sie nur aus dem Bett, weil sie wusste, dass ihre Tante sich Sorgen machen würde, wenn sie den ganzen Tag dort liegen bliebe. Mrs Ledbetter war von Henriettas Vater, ihrem Cousin, gebeten worden, für eine Saison in London als Anstandsdame zu fungieren. Doch sie hatte viel mehr für sie getan. Henrietta war immer noch überrascht, mit wie viel Begeisterung sich Mrs Ledbetter der Aufgabe widmete. Zuerst war sie fast ein bisschen beleidigt gewesen, denn ‚Tante‘ Ledbetter hatte den Kopf geschüttelt und mit der Zunge geschnalzt, als das Hausmädchen ihre Kleider ausgepackt hatte. Andererseits hatte sie seit dem Tod ihrer Mutter vor so vielen Jahren nie eine Verwandte gehabt, die sich für ihr Äußeres interessiert hätte. Das anfängliche Missbehagen klang deshalb schon bald ab. Es stellte sich heraus, dass Mrs Ledbetter nicht nur gerne einkaufte, sondern auch mit Feuereifer dafür sorgte, dass Henrietta von Kopf bis Fuß neu eingekleidet wurde. Nun besaß sie eine durch und durch elegante Garderobe, die genau zu ihr passte. Des Weiteren hatte Mrs Ledbetter einen Haarschneider und einen Tanzlehrer beauftragt, sich ihrer anzunehmen.

Jeden Tag dachte sich Mrs Ledbetter etwas Neues für sie aus. Sie organisierte Ausflüge ins Theater oder zu den neuesten Ausstellungen und nahm sie auf musikalische Soirees und Abendessen mit, wo sie ihr all ihre Freunde und Bekannten vorstellte. Es wurden keine Mühen gescheut. Da ihre Tochter Mildred selbst im heiratsfähigen Alter war, hätte sie Henrietta ebenso gut als eine Rivalin oder Bedrohung – oder schlichtweg als eine Last – betrachten können.

Weder die Mutter noch die Tochter hatten sich jedoch so verhalten. Sie hatten sie mit offenen Armen empfangen und sie in ihre Kreise eingeführt.

Um ihretwillen nahm Henrietta jetzt all ihre Willenskraft zusammen und brachte ein mattes Lächeln zustande.

„So etwas bekommt man bei uns in Much Wakering nicht zu sehen, Mrs Crimmer“, sagte sie mehr oder weniger wahrheitsgemäß. „So viele talentierte Darsteller an einem Abend. Es war sehr, ähm …“

„Überwältigend, nicht wahr, meine Liebe?“

Mrs Crimmer, die Frau eines Geschäftspartners von Mr Ledbetter, nickte verständnisvoll mit dem Kopf. Henrietta hatte sehr schnell herausgefunden, dass die Leute, die das ganze Jahr über in London wohnten, den Menschen aus der Provinz mit einer Mischung aus Mitleid und Geringschätzung begegneten.

Hätte Mrs Crimmer vor drei Tagen so herablassend mit ihr gesprochen, dann hätte sie etwas Schlagfertiges erwidert. Oder zumindest hätte sie sich Mildred zuliebe auf die Zunge beißen müssen. Schließlich hofften Mr und Mrs Ledbetter, dass Mildred dem Werben des jungen Mr Crimmer nicht abgeneigt gegenüberstand. Sie warf einen Blick zur anderen Seite des Salons, wo sich der rotgesichtige junge Mann etwas verlegen um Mildred bemühte, während diese zweifellos unbeeindruckt aussah.

Mildred erwartete mehr vom Leben als eine Ehe, die allein aus geschäftlichem Kalkül geschlossen wurde. Sie wollte sich verlieben.

Sie war auch hübsch genug, um diesen Anspruch umsetzen zu können. Sie hatte wunderschönes goldenes Haar und große grüne Augen. Mit ihrer kleinen Stupsnase sah sie fast wie ein Engel aus.

Vielleicht haben sie mich deshalb alle so bereitwillig bei sich aufgenommen, dachte sie seufzend. Mit ihrer schlaksigen Figur und ihrem gewöhnlichen Gesicht stellte sie keinerlei Gefahr für ihre Cousine dar. Wenn die beiden gemeinsam einen Raum betraten, zog Mildred die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Männer auf sich.

Das hatte Henrietta allerdings nichts ausgemacht. Sie wollte gar nicht die Aufmerksamkeit von Männern auf sich lenken. Oder zumindest hatte sie sich immer nur nach der Aufmerksamkeit eines bestimmten Mannes gesehnt.

Doch der war nun außer Reichweite gerückt. Vor drei Tagen hatte er ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es völlig albern von ihr gewesen war, ihm nach London zu folgen. Jetzt konnte sie sich noch nicht einmal mehr vormachen, dass er sie tief im Innern doch gern hatte.

Wenn sie an sein Verhalten dachte, musste sie sich eingestehen, dass sie ihm nie viel bedeutet haben konnte. Sie nahm einen Keks von dem Tablett, das auf dem Tisch zwischen ihr und Mrs Crimmer lag.

Bis Ende Juni würde sie in der Stadt festsitzen, denn sie würde es nicht übers Herz bringen, mit wehenden Fahnen nach Hause zurückzugehen. Besonders nicht in Anbetracht dessen, was er gesagt hatte.

„Du gehörst aufs Land. London ist viel zu viel für dich“, hatte er bei seinem ersten und letzten Besuch im Haus ihrer Tante gesagt.

Es ärgerte sie, dass er in gewisser Hinsicht recht hatte. Sie vermisste tatsächlich die Bäume, die Ruhe und den Umstand, dass jeder jeden kannte.

Aber deshalb war sie noch längst kein Landei.

Es war ein Schock für sie gewesen, dass Richard – ihr Richard, wie sie ihn damals noch im Stillen genannt hatte – so von oben herab zu ihr gesprochen hatte.

Auf ihn hatte sich das städtische Flair erst nach einigen Aufenthalten in der Stadt ausgewirkt. Zuerst hatte sich die Veränderung lediglich an seinem Erscheinungsbild geäußert.

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