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Die Lady und der Butler – Das verborgene Cottage

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. Neunundzwanzigstes Kapitel
  37. Dreissigstes Kapitel
  38. Einunddreissigstes Kapitel
  39. Epilog
  40. Nachwort
  41. Dank an …

Weitere Titel der Autorin

Die Lady und der Butler – Das Rätsel der rubinroten Kammer

Die Lady und der Butler – Das Geheimnis des Rosenzimmers

Die Lady und der Butler – Mord im Zedernhaus

Über dieses Buch

Irland, Herbst 1908: Victoria und Jeremy freuen sich auf eine romantische Hochzeitsreise nach Irland. Doch kaum auf der Grünen Insel angekommen, verirrt sich Victoria im Moor. Ein junger Mann namens Joseph rettet sie. Am nächsten Tag wird genau in diesem Moor eine Frau tot aufgefunden – und Joseph steht unter Mordverdacht! Victoria aber glaubt an die Unschuld ihres Retters und hilft ihm. Schließlich kommt sie einem Menschenhändlerring auf die Spur, der junge Mädchen aus den Dubliner Armenhäusern verkauft und sie einem schrecklichen Schicksal ausliefert. Wieder einmal riskiert Victoria alles und schleicht sich inkognito in eines der Armenhäuser ein. Doch ihre Gegner sind überaus skrupellos …

Über die Autorin

Pauline Peters, geboren 1966, ist Journalistin. Ihre Leidenschaft gilt der britischen Lebensart. Sie liebt Landhäuser und Parks sowie den Afternoon Tea. In ihren mitreißenden Romanen entführt sie die Leser in eine Welt voll englischen Flairs. Das verborgene Cottage spielt außerdem zu großen Teilen in Irland.

PAULINE
PETERS

Serienschriftzug

Das verborgene Cottage

PROLOG

Schritte erklangen auf dem Korridor. Die junge Frau hielt den Atem an. War ihr das Schicksal gnädig, und der Schließer würde vorbeigehen, würde nicht sie holen? Ihre Lippen formten ein stummes Gebet.

Heilige Jungfrau, Gnadenmutter, lass ihn an der Kammer vorbeigehen … Bitte, bitte, beschütze mich …

Doch ihr Flehen war vergebens. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und die Tür aufgestoßen. Ein massiger Mann betrat den engen Raum.

»Steh auf, und lass dich ansehen!«, herrschte er sie an.

»Ja, Herr …« Sie erhob sich von ihrem Bett und versuchte, nicht zu zittern.

Der Schließer, so hieß er bei den Mädchen und jungen Frauen, wegen des Schlüsselbunds, der stets an seinem Gürtel hing, befahl ihr, sich zu drehen. Er begutachtete das rote Seidenkleid und ihre Fingernägel, zog dann ihre Lippen auseinander und prüfte, ob ihre Zähne sauber waren.

»Ein teureres Kleid wäre besser. Aber das muss genügen. Es würde zu lange dauern, bis du dich umgekleidet hast.« Er zog eine Goldkette und dazu passende Ohrringe aus einer Tasche seiner Jacke und reichte sie ihr. »Leg die an!«

Nun begann sie doch zu zittern. Die Kette und die Ohrringe bedeuteten, dass man sie zu ihm bringen würde. Auch bei den beiden Malen zuvor hatte sie den Schmuck tragen müssen. Er wollte nur beste Ware. Ein Ohrring glitt ihr aus der Hand und fiel auf den Bretterboden.

»Kannst du nicht aufpassen?« Der Schlag des Schließers traf ihren Hinterkopf, als sie ihn aufhob. Sie wimmerte. »Reiß dich zusammen.« Mit groben Handgriffen legte er ihr den Schmuck an. Dann reichte er ihr eine kleine Metallflasche. »Trink das. Vielleicht beruhigt es dich ja.« Wusste er, was sie gleich erwartete? Wahrscheinlich ja. Ihn anzuflehen, sie nicht zu ihm zu bringen, hätte nur weitere Schläge nach sich gezogen. Gehorsam trank sie einige Schluck von dem billigen Brandy.

Nachdem ihr der Schließer einen Mantel umgehängt hatte, zog er sie hinter sich her aus der Kammer. Benommen folgte sie ihm durch den langen Korridor und dann die Treppe hinunter. Vor dem Haus wartete eine Kutsche. Kalter Nebel schlug ihr entgegen. Er war so dicht, dass der Schein der Gaslaternen auf der anderen Straßenseite nur schemenhaft zu erkennen war. Schon öffnete der Schließer den Wagenschlag und schob sie hinein. Dann ließ er sich mit einem Grunzen neben ihr auf die ledergepolsterte Bank fallen, und die Kutsche setzte sich in Bewegung.

Ihr war übel von dem Brandy, die Furcht hatte der Alkohol nicht gedämpft. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon gefangen gehalten wurde. Mit Schlägen und Essensentzug hatte man sie gefügig gemacht. Nachdem sie den ersten Freiern zu Diensten gewesen war, hatte sie geglaubt, nichts mehr empfinden zu können. Gleichgültig, als wäre ihr Körper der einer Puppe, hatte sie alles über sich ergehen lassen.

Doch mit ihm, dem Mann, zu dem der Schließer sie jetzt brachte, war es anders. Das, was er und seine Kumpane mit ihr taten, das, wozu sie sie zwangen, hatte den Kokon, in den sie sich eingeschlossen hatte, zerrissen. Schon der bloße Gedanke daran, was sie in dem palastartigen Gebäude erwartete, erfüllte sie mit blankem Entsetzen. Wieder wurde sie von einem krampfhaften Zittern erfasst. Unter dem weiten Mantel schlang sie die Arme um sich, versuchte, es den Schließer nicht merken zu lassen.

Sie wünschte sich, tot zu sein. Aber sich selbst das Leben zu nehmen war eine grauenhafte Sünde und würde sie in die Hölle bringen. Also war ihr dieser Ausweg versperrt.

Heilige Jungfrau …

Sie sah eine Kirche in einem Dorf am Meer vor sich, umgeben von weiten Feldern, und ein aus grauen Feldsteinen erbautes Haus mit einem Strohdach. Dort war sie glücklich gewesen. Oder hatte sie davon nur geträumt?

Die Kutsche hielt an. Schlagartig kehrte sie in die Gegenwart zurück. Hatten sie etwa schon ihr Ziel erreicht? Sie griff sich an die Brust, wo sie früher das schlichte Holzkreuz getragen hatte, suchte nach Trost und nach Halt. Aber das Kreuz hatten sie ihr, wie all ihre anderen Habseligkeiten, weggenommen und verbrannt. Eine Woge aus Angst schlug über ihr zusammen.

Nichts denken, nichts fühlen …

Sie erwartete, dass der Schließer ihren Arm packen und sie aus der Kutsche ziehen würde. Doch er öffnete das Fenster. »Was ist denn los? Warum geht’s nicht weiter?«, rief er ungeduldig.

»Die Straße ist blockiert. Weiter vorne scheint es einen Unfall gegeben zu haben, soweit ich das bei dem Nebel erkennen kann«, antwortete der Kutscher gleichmütig.

»Dann drehen Sie um!«, befahl der Schließer barsch.

»Wird gemacht.« Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und ließ die Peitsche knallen.

Lauf!, hörte sie plötzlich eine Stimme in ihrem Inneren. Spring aus der Kutsche, und lauf weg.

Mit einem Ruck fuhr die Kutsche an. Sie verharrte wie gelähmt.

Der Schließer zog eine Taschenuhr aus seiner Weste, sah auf das Ziffernblatt mit den matt schimmernden Zahlen und brummte gereizt: »Es wird dem Herrn gar nicht gefallen, wenn ich dich so spät abliefere.«

Würde er noch Grausameres mit ihr anstellen? Ein einziges Mal nur hatte sie sein Gesicht gesehen, bar jeglichen menschlichen Gefühls. Sie würde es nie vergessen.

Lauf!

Sie tastete nach dem Türgriff, bekam ihn zu fassen. Der Wagenschlag schwang auf. Im nächsten Moment sprang sie.

»He, verdammtes Ding, was fällt dir ein?« Der Schließer setzte ihr nach und bekam ihren Arm zu fassen. »Du wirst mich kennenlernen.«

Seine Augen waren schmal vor Wut. Er holte aus, wollte sie schlagen. Doch auf dem feuchten Pflaster verloren seine Füße den Halt, er strauchelte und stürzte zu Boden. Aufschluchzend riss sie sich los und rannte wie blind durch die in dichten Nebel gehüllte Gasse davon.

ERSTES KAPITEL

England in den Cotswolds, 1908

Die Zeiger der Standuhr standen auf zwanzig Minuten vor vier. Victoria Bredon-Ryder war nun doch aufgeregt. Nur noch kurze Zeit, dann würde das Fest beginnen. Sie und Jeremy hatten im Sommer in Indien geheiratet. Nach einigen aufwühlenden und verstörenden Erlebnissen, die Jeremy fast das Leben gekostet hätten, hatten sie die Hochzeit nicht bis zu ihrer Rückkehr nach England aufschieben wollen. Doch es war ihnen wichtig, ihren Bund mit den Menschen zu feiern, die sie liebten. Deshalb hatten sie ihre Verwandten und Freunde in den alten Gasthof in den Cotswolds eingeladen.

Glücklicherweise war das Wetter auf ihrer Seite. Für Mitte Oktober war es sehr warm. Der Himmel präsentierte sich in strahlendem Blau, sodass die Tische im Garten hatten aufgestellt werden können. Nur das bunt verfärbte Laub an den Bäumen deutete auf den Herbst hin. Victoria wandte sich vom Fenster ab, als sich die Tür öffnete und ihre Freundin Lady Constance Hogarth in das Zimmer mit den dunklen Eichenbalken an der Decke schlüpfte. Auch wenn es keine richtige Hochzeitsfeier war, würde Victoria Jeremy erst unten in der Halle treffen.

»Ich bin so aufgeregt. Dabei sind Jeremy und ich ja schon seit ein paar Wochen verheiratet.« Victoria seufzte, nur um die Freundin gleich darauf strahlend anzulächeln. »Aber irgendwie kommt es mir plötzlich so vor, als ob Jeremy und ich erst nach dieser Feier wirklich ein Paar würden.«

»Das kann ich verstehen. Jedenfalls siehst du sehr hübsch aus.«

Constance drückte ihre Hand. Sie war etwas älter als Victoria und sehr apart. Wegen ihrer amerikanischen Herkunft sprach sie mit einem starken Akzent.

Victoria betrachtete sich prüfend in dem frei stehenden Spiegel. Das Oberteil ihres zartgrünen Kleides war mit einer Vielzahl an kleinen Glasperlen bestickt. Die Ärmel reichten bis über die Ellbogen, unterhalb der Brust war es in Falten gelegt. Die Farbe des Seidenstoffes hob das Grün ihrer Augen hervor und brachte ihr rotes Haar zum Leuchten. Victoria hatte sich bewusst für ein Kleid ohne Spitze und aufwendige Stickereien entschieden. Denn wie auch an ihrem eigentlichen Hochzeitstag schmückte das dreireihige Perlencollier mit dem Saphir ihren Hals, das Jeremy ihr geschenkt hatte. So kam es am besten zur Geltung. Sie fand es wunderschön. Immer noch nervös ließ sie sich neben der Freundin auf dem Samtsofa nieder.

»Sieht man mir eigentlich an, dass ich schon ziemlich lange schwanger bin?«

»Nein«, Constance schüttelte den Kopf, »du bist noch sehr schlank, und der siebte Monat beginnt ja auch gerade erst. Weshalb fragst du?«

»Ach, Großtante Hermione hat es sich ja leider nicht nehmen lassen zu kommen …«

»Ich habe Lady Glenmorag bereits in der Halle getroffen. Sie hat sich sehr indigniert umgesehen. Man könnte auch sagen, sie hat ihre aristokratische Nase gerümpft.« Constance lachte.

»Sie wollte doch unbedingt, dass Jeremy und ich einen Empfang im Ritz oder im Savoy geben. ›Erstklassige Häuser wie diese, meine Liebe‹«, Victoria ahmte die Stimme ihrer Großtante nach, »›sind nun einmal die einer Enkelin des achten Duke of St. Aldwyn angemessenen Orte für Feierlichkeiten.‹«

Sie verdrehte die Augen. Ihr verstorbener Vater, Lord Bernard Bredon, war ein berühmter Gerichtsmediziner und das schwarze Schaf der hochadligen Familie gewesen. Sie hatte ihn sehr geliebt, aber seine Verwandten waren ein steter Stachel in Victorias Leben.

»Nun ja, spätestens bei der Geburt des Kindes dürfte klar werden, dass die Dauer der Schwangerschaft sehr kurz war.« Auf Constance’ Wangen bildeten sich Grübchen, als sie lächelte.

»Großtante Hermione wird dann von einer ›bedauerlichen Frühgeburt‹ sprechen. Aber ich möchte mir heute keine spitzen Bemerkungen von ihr anhören. Ich will mich einfach nur freuen und glücklich sein.«

Victoria strich über ihren Leib, und ihr Gesicht hellte sich auf. Es erschien ihr immer noch wie ein Wunder, dass Jeremys und ihr Kind in ihr wuchs und dass es all die Strapazen und Gefahren in Indien überstanden hatte.

»Man sieht es dir wirklich nicht an, wie weit die Schwangerschaft schon fortgeschritten ist.« Constance drückte wieder ihre Hand. »Weshalb ist deine Großtante eigentlich zu der Feier gekommen, wo sie doch strikt gegen den Gasthof war?«

»Wahrscheinlich, weil sie demonstrieren will, dass in der Familie des Duke of St. Aldwyn alles zum Besten steht. Und außerdem hat sie dann etwas, worüber sie mit ihren adligen Freundinnen tratschen kann. Meine Liebe, stellen Sie sich vor, die Tische waren tatsächlich im Garten gedeckt. Und wen meine Großnichte und ihr Gatte alles zu ihren Gästen zählten … Journalisten und Suffragetten …« Victoria schüttelte lachend den Kopf. »Gott sei Dank ist Jeremys Familie ganz anders als die meines Vaters. Alle sind so nett und herzlich.«

»Das finde ich auch. Vorhin habe ich seine Eltern kennengelernt.«

Jeremys Eltern hatten Victoria mit offenen Armen in der Familie aufgenommen. Bei ihren Besuchen in dem behaglichen Heim nahe der walisischen Grenze, in dem zwei große Mischlingshunde und eine Katze herumstromerten und überall Bücher und Zeitungen lagen, hatte sie sich ganz wie zu Hause gefühlt.

Die Standuhr schlug vier Mal.

»Zeit, nach unten zu gehen«, sagte Constance.

Victoria überprüfte noch kurz, ob der schmale Silberreif in ihrem Haar richtig saß, dann verließ sie mit der Freundin das Zimmer. Ihr Herz klopfte heftig. Langsam schritt sie neben Constance die breite Holztreppe hinunter. In der Halle hatten sich die Gäste versammelt. Applaus brandete auf.

Victoria sah Hopkins an – der einstige Butler ihres Vaters und seitdem ihr treu ergebener Diener, stand ihr nahe wie ein Verwandter. Entgegen seiner eigentlichen, durch nichts zu erschütternden Art hatte er Tränen der Rührung in den Augen. Mrs. Dodgson, ihre Zugehfrau, auch sie stand seit Jahren in Diensten der Familie, strahlte sie an. Großtante Hermione lächelte verkniffen. Musterte sie sie etwa prüfend? Neben ihr entdeckte sie ihre Großmutter mütterlicherseits, die Fürstin Leontine von Marssendorff. Sie wirkte größer, als sie eigentlich war, so gerade hielt sie sich. Victoria nahm Kollegen von Jeremy aus der Redaktion des Spectator wahr, befreundete Frauenrechtlerinnen, die ihr zuwinkten, und Constance’ Mann, den zehnten Earl of Hogarth mit seinem schmalen, sehr englisch anmutenden Gesicht.

Aber all dies trat in den Hintergrund, als sie nun Jeremy neben seinen Eltern am Fuß der Treppe erblickte. Dem Anlass entsprechend hatte er versucht, sein braunes Haar mit Wasser zu glätten und sorgfältig zu scheiteln. Eine Strähne hatte sich indes gelöst, und wie immer wirkte es ein bisschen so, als wäre gerade der Wind hindurchgefahren. Den für ihn untypischen dreiteiligen dunklen Anzug trug er mit einer lässigen Eleganz. Sein Gesicht wirkte ernst – vermutlich war er aufgeregt wie sie selbst –, aber es schien von innen heraus zu leuchten.

Eine Woge aus Glück durchflutete Victoria, als Jeremy ihr den Arm reichte und sie neben ihm an der Spitze der Festgesellschaft durch einen großen Saal hinaus auf die Terrasse hinter dem Gasthof schritt. Hier war ein Büfett mit Kuchen, Sandwiches und Scones aufgebaut. In der Mitte thronte eine dreistöckige, mit üppigen rosafarbenen Rosen aus Buttercreme verzierte Torte, eine Kreation von Hopkins. Kellner standen mit Tabletts voller Champagnergläsern bereit und reichten sie dem Hochzeitspaar und den Gästen.

Victoria drückte Jeremys Arm fester. Sie hätte sich keinen schöneren Ort für die nachgeholte Hochzeitsfeier vorstellen können. Jenseits der Wiese, auf der die festlich gedeckten Tische standen, verlief das Flüsschen Coln. Einige Schwäne schwammen, unbeeindruckt von der Hochzeitsgesellschaft, auf dem Wasser. Eine Amsel flog zwitschernd vom strohgedeckten Dach des Gasthofs auf und ließ sich in den Zweigen einer alten Buche nieder. Das L-förmige Gebäude stammte aus dem 17. Jahrhundert. Mit seinen weiß getünchten, ein wenig schiefen und von Rosen berankten Mauern schien es ganz mit der sanften Hügellandschaft der Cotswolds verwachsen zu sein.

Jeremys Vater trat vor und schlug leicht mit einem Löffel gegen das Champagnerglas in seiner Hand. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Sohn war unverkennbar. Er hatte den gleichen offenen und sympathischen Gesichtsausdruck wie Jeremy, und wie bei diesem kündeten Lachfältchen an den Mundwinkeln von seinem Humor. Nur waren seine Augen grau und nicht braun wie die des Sohnes. Seine Wangen waren ein bisschen gerötet und erinnerten Victoria daran, dass er am Morgen über eine Erkältung geklagt hatte.

»Liebe Festgäste …« Mr. Ryders Stimme war tief und wohltönend und drang wahrscheinlich bis in die hintersten Winkel des Gartens. Als Anwalt war er daran gewöhnt, sich in großen Gerichtssälen Gehör zu verschaffen. »Ich bin mir im Klaren darüber, dass eine Rede zu Beginn einer Feier eher ungewöhnlich ist, aber ich finde, wir sollten den förmlichen Teil möglichst schnell hinter uns bringen. Einige Worte liegen mir dennoch auf dem Herzen, und ich möchte sie auf keinen Fall ungesagt lassen.« Er wandte sich Victoria und Jeremy zu und legte der grauhaarigen, immer noch attraktiven Frau an seiner Seite die Hand auf den Arm. »Jeremy, deine Mutter und ich sind nun bald dreißig Jahre miteinander verheiratet. Davon möchte ich keinen einzigen Tag missen. Diejenigen unter Ihnen, die uns näher kennen, wissen, dass unsere Ehe nicht immer einträchtig und friedlich verlief. Dazu sind wir beide viel zu dickköpfig und zu eigensinnig.«

»Hört, hört …« Jeremys Mutter lachte und bedachte ihren Mann mit einem liebevollen Blick.

Mr. Ryder lächelte sie einen Moment lang an, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder auf Victoria und seinen Sohn richtete. »Aber auch wenn wir unsere Auseinandersetzungen hatten – und haben werden, das Alter hat unser Temperament nicht gedämpft –, wissen wir, dass wir zusammengehören, ja, dass wir beide die große Liebe gefunden haben. Jeremy und Victoria, ihr werdet euch hin und wieder sicher genauso leidenschaftlich streiten wie wir, denn ihr steht uns in puncto Eigensinn und Dickköpfigkeit ganz gewiss in nichts nach. Ich bin kein Freund von hochtrabenden Worten, aber ich glaube, dass ihr füreinander bestimmt seid. Ich hoffe, dass ihr dies niemals vergesst, ja, dass ihr so glücklich werdet, wie wir beide es sind. Und nun schlage ich vor, dass sich das Ehepaar küsst.«

Gelächter brandete auf, und Victoria bemerkte, wie Großtante Hermione entsetzt zusammenzuckte.

Lächelnd umarmte sie Jeremy. Ich liebe dich, formten ihre Lippen, ehe sie beide in einem langen und zärtlichen Kuss versanken.

»Ich bin bald wieder hier.« Victoria beugte sich zu Jeremy hinüber, der sich angeregt mit Constance und deren Mann Louis unterhielt.

»Du willst selbst auch fotografieren?« Er lächelte sie an.

»Ja.«

Jeremy kannte sie wirklich gut. Sie fotografierte regelmäßig unter ihrem Namen für den Londoner Morning Star – was ein Grund dafür war, dass sie sich für den Doppelnamen Bredon-Ryder entschieden hatte. Neben der Tatsache, dass sie ihren Vater Lord Bernard Bredon sehr geliebt hatte und stolz auf seine Arbeit als Gerichtsmediziner war. Außerdem konnte sie der Tradition, dass Frauen selbstverständlich den Namen ihres Gatten annahmen, nichts abgewinnen. Dafür war sie viel zu sehr Kämpferin für die Rechte der Frauen.

Victoria hatte einen von Jeremys Kollegen vom Spectator gebeten, Aufnahmen mit einer großen Stativkamera zu machen. Einen solchen Apparat aufzubauen war umständlich und zeitaufwendig. Deshalb wollte sie mit ihrer kleinen Kodak schnell einige Eindrücke einfangen. Nachdem sie die Kamera aus ihrem Zimmer geholt hatte, schlenderte sie zum Rand der Wiese. Hier bot sich ihr ein guter Überblick.

Sie hielt fest, wie Großtante Hermione auf dem Weg zum mittlerweile schon ziemlich geplünderten Kuchenbüfett einen großen Bogen um den Tisch machte, an dem ihre Freundinnen, die in der Suffragetten-Bewegung engagiert waren, saßen. Dann bannte Victoria die kümmerlichen Reste der Hochzeitstorte auf den Film. Von dem Prachtstück mit seinen drei Etagen war kaum etwas übrig geblieben. Der in Cassis getränkte Biskuitboden und die mit Johannisbeergelee angereicherte Buttercreme hatten aber auch zu köstlich geschmeckt.

Im Saal des Gasthofs überwachte Hopkins wie ein Feldherr die Aufstellung eines Heeres das Eindecken der langen Tafel zum Dinner. Da es am Abend wahrscheinlich kühl werden würde, hatten sie sich dazu entschlossen, drinnen zu speisen. Hopkins hatte Leinentischwäsche, Porzellan, Silberbesteck und Kristallgläser eigens aus London mitgebracht. Nun rückte er eine Serviette zurecht. Schmunzelnd betätigte Victoria den Auslöser und hoffte, dass das Bild nicht zu dunkel werden würde.

Ihr Blick wanderte zurück zur Wiese. Wie schade, dass der Schwarz-Weiß-Film die Farbenpracht der Gladiolen und Dahlien auf den Tischen nicht festhalten konnte. Trotzdem wollte sie eine Erinnerung an den Tischschmuck haben.

Mrs. Dodgson, die schon als Zugehfrau für Victorias Vater tätig gewesen und aus der Londoner Wohnung nicht mehr wegzudenken war, unterhielt sich angeregt mit Mr. Ryder senior. Sie hatte ihren recht voluminösen Körper in ein graues Seidenkleid gezwängt und strahlte wie immer ein unverwüstliches Selbstbewusstsein aus. Victoria fotografierte auch diese Szene. Jeremy hatte, wie die meisten Männer, das Jackett ausgezogen und den Hemdkragen gelockert. Genau in dem Moment, als Victoria den Sucher der Kamera auf ihn richtete, sah er zu ihr. Seine Miene wurde ganz weich und innig. Ob die Fotografie dies bewahren würde? Wieder durchströmte Victoria ein tiefes Glücksgefühl, und sie atmete unwillkürlich rascher. Sie jedenfalls würde diesen Augenblick nie vergessen.

»Lass uns ein bisschen miteinander plaudern.« Victoria hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Großmutter zu ihr getreten war. »Viel Zeit zu einem Gespräch unter vier Augen werden wir heute wahrscheinlich nicht mehr haben.« Die Fürstin wies auf eine Bank unter der Buche.

»Gern …«

Leontine von Marssendorff hakte sich bei ihr ein und stützte sich mit der anderen Hand auf ihren Gehstock. Langsam überquerten sie die Wiese. Victoria war ein bisschen nervös. Es hatte sie sehr überrascht und gefreut, dass die Großmutter zu der Feier gekommen war. Ihr Verhältnis zu ihr war lange sehr schwierig gewesen. Amelie, ihre Tochter und Victorias Mutter, war eine sehr begabte Malerin gewesen und jung gestorben. Die Fürstin hatte es ihr nicht verzeihen können, dass sie mit Lord Bredon durchgebrannt war, und hatte die Ehe der beiden als eine Mesalliance betrachtet. Victoria ihrerseits hatte die strenge alte Dame aus tiefstem Herzen verabscheut. Erst als sie im Sommer des vergangenen Jahres nach Deutschland gereist war, um einer Freundin zu helfen, und in eine politische Intrige geraten war, waren sie und ihre Großmutter sich nähergekommen.

Vorsichtig ließ sich die Fürstin auf der Bank nieder. Victoria vermutete, dass ihr die Hüfte wieder zu schaffen machte. Aber ihre Großmutter war niemand, der gern über sein Gebrechen sprach. Deshalb fragte sie nicht danach.

»Es ist eine sehr schöne Feier.«

»Finden Sie das wirklich?«

»Ja, auch wenn es sich wahrscheinlich nicht vermeiden ließ, mich bei Lady Glenmorag am Tisch zu platzieren. Beim Dinner wird das vermutlich auch so sein.«

Um den Mund der Fürstin zuckte es. Die beiden alten Damen konnten sich nicht ausstehen. Auch wenn sie sich früher oft gegen Victoria verbündet hatten.

»Meine Großtante würde es als einen Affront auffassen, wenn sie nicht bei dem einzigen kontinentalen Gast aus dem Hochadel sitzen könnte.«

Der Blick der Fürstin wanderte zu Jeremy, der sich zu seinen Kollegen gesetzt hatte. »Dein Gatte ist, neben seiner Arbeit als Journalist, immer noch für die Geheimabteilung von Scotland Yard tätig?«

Da auch Jeremy in jene politische Intrige im vergangenen Jahr involviert gewesen war, hatte sich dies vor der Fürstin nicht verbergen lassen. Sie war einer der wenigen Menschen, die von der Geheimabteilung wussten.

»Ja, das ist er. Ich bin nicht sehr glücklich darüber. Aber Jeremy liebt diese Arbeit und die damit verbundene Gefahr, und er glaubt fest, dadurch Schaden von Menschen abzuwehren. Deshalb habe ich es akzeptiert.«

»So wie er dein Engagement bei den Frauenrechtlerinnen anerkennt?« Die Fürstin lächelte, und Victoria erwiderte das Lächeln. »In gewisser Weise.« Jeremy befürwortete das Frauenwahlrecht, er war lediglich gegen die radikalen Methoden der Suffragetten.

»Wie geht es dir denn mit deiner Schwangerschaft?«

Lady Glenmorag hätte sie niemals so direkt auf ihren »delikaten Zustand« angesprochen. Victoria hatte der Großmutter jedoch ein paar Wochen zuvor in einem Brief berichtet, dass sie und Jeremy ein Kind erwarteten. Natürlich hatte sie verschwiegen, wie weit die Schwangerschaft schon fortgeschritten war, denn die Fürstin war sehr katholisch und legte viel Wert auf Sitte und Moral.

»Anders als zu Beginn der Schwangerschaft, auf der …« Victoria hatte sagen wollen, … auf der Reise nach Indien …, aber sie bremste sich gerade noch rechtzeitig. Damals waren Jeremy und sie ja noch nicht verheiratet gewesen. Sie räusperte sich. »Anders als zu Beginn der Schwangerschaft geht es mir mittlerweile wirklich gut. Mir ist überhaupt nicht mehr übel.«

»Wie schön.« Die Fürstin veränderte ihre Sitzposition und blickte zu dem flachen Fluss, wo einige Enten zwischen den Steinen nach Futter gründelten. »Deine Freundin, die adlige Dame von amerikanischer Herkunft, ich komme gerade nicht auf ihren Namen, hat mir erzählt, dass du gleich morgen mit Jeremy nach Irland reisen wirst.«

»Sie meinen Lady Constance Hogarth. Und ja, es ist gewissermaßen unsere Hochzeitsreise. Lady Hogarth hat dort einen Landsitz geerbt. Sie ist so freundlich, ihn uns zur Verfügung zu stellen. Er liegt im County Galway am Meer. Ich freue mich schon sehr auf die Reise. Indien und die vergangenen Wochen in England waren ziemlich anstrengend. Und in unserer Wohnung sind noch eine Weile Handwerker beschäftigt. Jeremy und ich lassen dort einiges umgestalten.«

»Das Kind wird im Januar zur Welt kommen?«

»Wahrscheinlich …« Victoria brach ab und starrte ihre Großmutter an. Die alte Dame musterte sie mit unergründlicher Miene. »Woher wissen Sie denn …?« Sah man es ihr etwa doch an, wie weit die Schwangerschaft schon fortgeschritten war?

»Nun ja, es hätte mich gewundert, wenn ihr zwei bis zu eurer Eheschließung damit gewartet hättet …« Die Stimme der Fürstin klang spröde. Gleichwohl wurde ihre Miene auf einmal ganz sanft. »Du bist deiner Mutter so ähnlich, genauso leidenschaftlich …« Sie strich Victoria über die Wange. »Ach, Kind, ich wünsche dir und deinem Gatten alles Glück der Welt. Ich bin davon überzeugt, dass du mit ihm eine gute Wahl getroffen hast.«

»Auch wenn er kein Adliger ist?«

Victoria musste dies einfach fragen. Schließlich hätte ihre Großmutter, ebenso wie Lady Glenmorag, früher alles dafür gegeben, dass Victoria einen Aristokraten heiratete.

»Letztlich zählen doch nur das Herz und der Charakter. Und nun geh endlich zu Jeremy. Er blickt schon die ganze Zeit zu dir.« Die feuchten Augen der Fürstin straften ihren barschen Ton Lügen.

Victoria umarmte ihre Großmutter – was früher für sie undenkbar gewesen wäre –, dann lief sie strahlend zu Jeremy.

ZWEITES KAPITEL

Die tief stehende Sonne tauchte das Büro im obersten Stockwerk von Scotland Yard in ein goldgelbes Licht. Durch die offen stehenden Fenster konnte Sir Arthur Stanhope die Dächer von Whitehall sehen – die Herzkammer des britischen Empire. Gedämpft drang der Straßenlärm zu ihm herauf. In das Rollen von Kutschenrädern und Gesprächsfetzen mischte sich gelegentlich das Knattern eines Automobils.

Wie fast immer am Ende eines Arbeitstages widmete sich der Commissioner den bedeutendsten Zeitschriften und Gesellschaftsmagazinen des Landes. Neben seiner offiziellen Funktion als Chef von Scotland Yard leitete er auch eine spezielle Geheimabteilung, von der innerhalb der Polizeibehörde niemand Kenntnis hatte. Deren Aufgabe war es, das Empire vor Feinden im Inneren und von außerhalb des Landes zu schützen.

Die politische Lage in Europa war nur scheinbar ruhig. Alle Großmächte betrieben Spionage, um für den Fall eines Krieges gerüstet zu sein. Deshalb wollte Sir Arthur darüber informiert sein, welcher ausländische Adlige oder hohe staatliche Würdenträger in einem Londoner Stadtpalais oder auf einem der vornehmen Landsitze Englands zu Gast war.

Sir Arthur überflog die Gesellschaftsspalten der Times und machte sich einige Notizen. Dann griff er zum Tatler, in seinen Augen ein reines Klatschmagazin über Mode und die High Society, aber gerade deswegen nützlich für seine Zwecke. Etliche Artikel verbreiteten sich darüber, was König Edward VII. bei diesem und jenem Anlass getragen hatte. Wie schon während seiner Zeit als Prince of Wales galt der König als Stilikone. Gelangweilt blätterte der Commissioner weiter.

Er hielt inne, als ihm die Worte Mr. Jeremy Ryder und seine Gemahlin Victoria, die Enkelin des achten Duke of St. Aldwyn und Tochter Lord Bernard Bredons ins Auge sprangen. Der kurze Artikel berichtete darüber, dass der bekannte Journalist Mr. Ryder und seine bildhübsche rothaarige Gattin ihren schon in Indien geschlossenen Ehebund in England feierlich besiegelt hatten. Zu den Gästen in einem Gasthof in den Cotswolds hatten – wie aus sicherer Quelle zu erfahren sei – Lady Hermione Glenmorag sowie Louis, der zehnte Earl of Hogarth, und dessen Gemahlin Lady Constance gezählt.

Sir Arthur erinnerte sich daran, dass ihm Jeremy Ryder von dem Fest erzählt hatte. Ein Gasthof in den Cotswolds … Wie er Lady Glenmorag kannte, war sie darüber sicher alles andere als begeistert gewesen! Auch er selbst fand diesen Ort für eine Feier reichlich exzentrisch, aber er passte zu Victoria Bredon-Ryder. Schon allein der Doppelname war typisch für sie. Er hatte die junge Frau früher für eine Plage gehalten, und einmal hatte er sie sogar wegen ihres Engagements bei den Suffragetten festnehmen lassen. Es wäre übertrieben gewesen zu behaupten, dass er sie mittlerweile wirklich mochte. Es hatte ihm jedoch tiefen Respekt abgenötigt, dass sie im Frühjahr auf die Nachricht hin, dass Jeremy Ryder in Indien verschollen war, beschlossen hatte, dort persönlich nach ihm zu suchen.

Und was Jeremy Ryder betraf … Sir Arthur hielt ihn für einen der besten Mitarbeiter der Geheimabteilung. Allerdings war er unkonventionell wie seine junge Gattin und neigte dazu, seine eigenen Wege zu gehen. Autoritäten beeindruckten ihn nicht. Was das Missfallen einiger mächtiger Männer in Whitehall erregt hatte.

Sir Arthur dachte an den mit einem Siegel versehenen Brief aus schwerem Papier, der in dem Safe hinter dem Gemälde des Kavallerieangriffs aus dem Krimkrieg lag. In wenigen Tagen würde in einem Landsitz in der Nähe von London ein Treffen stattfinden, bei dem gewisse Neuausrichtungen der Geheimabteilung diskutiert werden sollten. Er war überzeugt, dass dabei auch Jeremy Ryders Mitarbeit zur Debatte stehen würde. Sir Arthur war fest entschlossen, alles zu tun, um ihn in der Abteilung zu halten.

Victoria blickte zum Fenster des Gästezimmers hinaus. Die Nacht war sternenklar. Über dem Flüsschen Coln lag ein leichter Nebel. Er reflektierte das Licht aus dem großen Saal, wo Bedienstete nun aufräumten. Es war mittlerweile zwei Uhr morgens. Eben hatten Jeremy und sie die letzten Gäste verabschiedet. Seine Eltern hatten für einige Tage ein kleines Cottage im Dorf gemietet. Constance und Louis waren zu ihrem nur wenige Meilen entfernten Landsitz gefahren. Einige Freunde hatten sich Zimmer in dem Gasthof genommen, andere in Privathäusern. Ein paar Junggesellenfreunde aus Jeremys Studientagen zelteten auf einer Wiese am anderen Ufer des Coln. Und die Fürstin und Großtante Hermione waren schon recht früh in das nahe gelegene Städtchen Cirencester aufgebrochen, wo sie in – unterschiedlichen – Hotels logierten.

Der Abend war ebenso schön wie der Nachmittag gewesen. Nach dem festlichen Dinner, zum Dessert hatte es eine von Hopkins angefertigte, riesige Eistorte gegeben, hatte eine Kapelle aufgespielt. Victoria schloss die Augen. Sie glaubte wieder, die Musik zu hören und zu fühlen, wie sie und Jeremy sich, aneinandergeschmiegt, im Takt bewegten. Kaum einen Tanz hatten sie ausgelassen. Und am Ende des Festes hatten Freunde von Jeremy ein großes Feuerwerk entzündet. Unter den bewundernden Ausrufen der Gäste waren die Raketen rot, golden und grün im Nachthimmel verglüht. Ja, das Fest war wunderschön gewesen. Und doch …

»Ist etwas nicht in Ordnung?« Jeremy trat hinter sie und legte seine Hände auf ihre Schultern. »Du wirkst auf einmal so in dich gekehrt, ja fast traurig.«

Victoria drehte sich zu ihm um. »Hattest du nicht auch den Eindruck, dass es deinem Vater nicht gut ging?«, wich sie ihm aus. »Auf mich hat er irgendwie fiebrig gewirkt.«

»Ach, er hat eine sehr robuste Konstitution. Um ihn musst du dir keine Gedanken machen.« Jeremy schüttelte den Kopf. »Aber das ist es doch nicht, was dich beschäftigt, oder?«

Manchmal wünschte sich Victoria, Jeremy würde sie weniger schnell durchschauen. »Ich bin sehr glücklich. Nur …«, sie suchte nach Worten für ihre widersprüchlichen Gefühle, »… es gibt so viele Menschen, die unter elenden Bedingungen leben müssen. Unser Glück erscheint mir plötzlich ungerecht. Und wir wissen doch beide, wie das Leben ist. Wie schnell sich alles von einem auf den anderen Augenblick ändern kann. Du wärst in Indien beinahe umgekommen. Meine Mutter ist jung gestorben. Was, wenn uns beiden etwas zustößt? Was wird dann aus unserem Kind? Ich habe Angst, dass wir es nicht beschützen können, bis es selbstständig durchs Leben gehen kann.«

Als hätte das Ungeborene ihre Sorge gespürt, bewegte es sich. Unwillkürlich legte Victoria die Hände auf ihren Bauch.

»Komm mit.« Jeremy führte sie zu der gepolsterten Bank vor dem Kaminfeuer und zog sie neben sich. »Ich hoffe sehr, dass wir dieses Kind und seine künftigen Geschwister werden aufwachsen sehen. Aber falls uns etwas zustoßen sollte, werden sich meine Eltern um sie kümmern. Dann gibt es auch noch Constance und Louis, und bei Hopkins und Mrs. Dodgson wären unsere Kinder auch ganz sicher in guten Händen.«

»Du machst dich über mich lustig«, rief Victoria ärgerlich.

Als sie den so vertrauten, zärtlichen Spott in Jeremys Augen wahrnahm, musste sie jedoch lächeln.

»Nein, das tue ich nicht. Du hast ja recht. Es gibt im Leben keine Garantien. Aber gerade deshalb, finde ich, sollten wir die schönen Momente genießen und sie uns nicht mit Sorgen um die Zukunft verderben.« Jeremy beugte sich zu Victoria hinüber und küsste sie. »Und genau diesen Moment finde ich sehr, sehr schön«, murmelte er in ihr Ohr.

»Nein …« Lachend schob sie ihn von sich weg.

»Bitte …« Seine Miene war ernst geworden. »Der Tag war so schön. Lass nicht zu, dass ein Schatten auf ihn fällt.«

Wieder küsste er sie. Schon Jeremys erste Berührung hatte Flammen durch ihren Körper gejagt, und sie hatte ihm nur mit Mühe widerstehen können. Nun waren ihre Sehnsucht und ihr Verlangen stärker als ihre Ängste. Sich küssend, mit längst vertrauten, spielerischen Bewegungen zogen sie sich aus, während das Kaminfeuer ihre Schatten an die Wände warf.

Jeremys Hände verharrten auf ihrem nackten, gerundeten Bauch. Erneut bewegte sich das Ungeborene, und Jeremys Miene wurde ganz innig.

»Wir werden unser Kind beschützen«, flüsterte er. »Wir werden es aufwachsen sehen.«

»Küss mich …«

Victoria schmiegte sich an ihn. Und dann zählte nur noch die Gegenwart.

Ein Klopfen drang in Victorias Schlummer, und sie hörte Jeremy »Herein« rufen. Verschlafen öffnete sie die Augen. Sie lag, in seine Arme gekuschelt, im Bett und war, wie sie nun registrierte, nackt. Morgenlicht sickerte durch die Ritzen in den Fensterläden. Hastig zog sie die Bettdecke bis zum Kinn hoch.

Hopkins betrat den Raum, sein Blick war diskret auf einen imaginären Punkt in einer der Zimmerecken gerichtet. Sicher, sie und Jeremy waren nun verheiratet. Trotzdem machte es sie immer noch ein bisschen verlegen, wenn ihr Butler sie zusammen im Bett vorfand.

»Was ist denn, Hopkins?« Fragend richtete sich Jeremy auf.

»Miss Victoria, Mr. Ryder, bitte verzeihen Sie die Störung.« Hopkins neigte den Kopf. »Aber ein Dienstmädchen Ihrer Eltern, Mr. Ryder, traf soeben im Gasthof ein. Leider überbrachte es eine sehr besorgniserregende Nachricht. Ihr Vater ist während der Nacht an einer schweren Lungenentzündung erkrankt.«

Hopkins’ Tonfall war gemessen wie immer. Victoria kannte ihn allerdings gut genug, um zu wissen, dass auch er erschrocken war.

»Mein Gott … Ich komme sofort.« Jeremy war schon aus dem Bett gesprungen und begann, sich anzuziehen.

»Ich begleite dich.« Auch wenn Jeremys Vater am Vorabend schon angeschlagen gewirkt hatte, empfand Victoria Hopkins’ Worte seltsam unwirklich. Irgendwie konnte das doch nicht real sein.

»Mrs. Ryder hat ausdrücklich betont, dass Sie nicht mit zum Cottage kommen sollen, Miss Victoria.« Hopkins schüttelte den Kopf. »Sie möchte auf keinen Fall, dass Sie sich anstecken.«

»Aber …«, protestierte sie.

»Meine Mutter hat recht. Bitte, bleib hier. Sobald ich Genaueres weiß, berichte ich dir.« Jeremy küsste sie, dann eilte er aus dem Zimmer. Seine Schritte verklangen auf der Treppe.

»Miss Victoria, wenn Sie nach unten kommen möchten – das Frühstück ist angerichtet.« Hopkins betrachtete Tee und eine nahrhafte Mahlzeit als Heilmittel in allen schwierigen Lebenslagen. »Wir müssen das Beste für Mr. Ryders Vater hoffen.« Für einen Moment schwand der unerschütterliche Ausdruck des würdevollen Butlers von seinem Gesicht, und es zeigte tiefe Sorge und Anteilnahme.

»Ja, ich komme nach unten. Und, nein, es ist nicht nötig, dass Sie mir ein Dienstmädchen schicken, das mir ein Bad einlässt, Hopkins. Ich mache das selbst«, kam sie einer weiteren Frage zuvor.

»Wie Sie wünschen, Miss Victoria.« Mit einem gemessenen Kopfnicken zog sich Hopkins zurück und schloss die Tür leise hinter sich.

Beklommen stand Victoria auf. Sie konnte kaum glauben, dass seit der unbeschwerten Feier noch nicht einmal ein Tag vergangen war.

»Wie schön, dass ihr zu unserer Feier gekommen seid! Wir sehen uns bald in London wieder.«

Victoria winkte den letzten Gästen hinterher, die schwatzend und lachend in Kutschen zum Bahnhof von Cirencester fuhren. Beim Frühstück im großen Saal hatte sie sich bemüht, sich ihre Sorge nicht anmerken zu lassen. Sie hatte nur gesagt, dass Mr. Ryder erkrankt und Jeremy bei seinem Vater sei. Über die lebensbedrohliche Lungenentzündung hatte sie kein Wort verloren, um den Gästen die heitere Stimmung nicht zu verderben.

Nervös biss sich Victoria auf die Lippen. Mittlerweile war es fast elf, die letzte Kutsche abgefahren, und Jeremy war immer noch nicht zum Gasthof zurückgekehrt. Sie verbot sich, an das Schlimmste zu denken. Als sie schon wieder hineingehen wollte, hörte sie Jeremy ihren Namen rufen. Hastig drehte sie sich um. Ihr Mann kam die schmale Dorfstraße zwischen den aus goldgelbem Stein erbauten Cottages entlang. Sein Gesicht war bleich, er wirkte erschöpft.

»Jeremy …« Erschrocken rannte Victoria ihm entgegen. »Wie geht es deinem Vater?«

Jeremy schüttelte abwehrend den Kopf. »Lass uns im Garten miteinander sprechen.« Als er das Entsetzen auf Victorias Gesicht wahrnahm, legte er ihr den Arm um die Schultern und bemühte sich um ein Lächeln. »Nein, nein, mein Vater ist am Leben.«

Ein »Aber« schwang in seiner Stimme mit, das Victorias Angst nicht wirklich verringerte. Schweigend durchquerten sie die Halle und den großen Saal. Im Garten ließen sie sich auf einer Bank nieder. Erst jetzt nahm Victoria den ihr vertrauten Geruch nach Karbol wahr. Offensichtlich hatte Jeremy beim Verlassen des Cottages seine Hände desinfiziert, wie ihr Vater es nach der Arbeit stets getan hatte. Der Arzt, der Mr. Ryder behandelte, hatte wohl darauf geachtet. Er schien wirklich fähig zu sein.

»Also, was möchtest du mir sagen?« Victoria fasste nach Jeremys Hand.

»Mein Vater hat nach wie vor hohes Fieber, und zeitweise deliriert er.«

»O Gott …«

»Trotzdem ist der Arzt – ein Dr. Barring aus Cirencester – vorsichtig optimistisch. Er meint, mein Vater habe eine sehr starke Konstitution. Wenn es in den nächsten ein, zwei Tagen gelänge, das Fieber zu senken, könne er wieder genesen.«

»Wie sieht denn die Behandlung aus?« Victorias Vater war zwar Gerichtsmediziner gewesen, aber er hatte sich auch für die neuesten Entwicklungen in der Heilkunde interessiert und Victoria davon erzählt. Ihr Verhältnis war sehr vertraut gewesen. Fast drei Jahre waren seit seinem Tod vergangen, und gelegentlich vermisste sie ihn immer noch schmerzlich. Sie konnte gut verstehen, was Jeremy durchmachte.

»Kalte Wickel um Arme und Beine gegen das Fieber. Tee, um den Schleim in der Lunge zu lösen. Und Dr. Barring hat meiner Mutter gezeigt, wie sie die Brust meines Vaters abklopfen soll, damit er abhusten kann und sich seine Atmung stabilisiert.«

»Das hört sich nach einem guten Rat an.« Victoria nickte. »Mein Vater hätte dies sicher auch empfohlen.«

»Dr. Barring hat es in die Wege geleitet, dass eine Krankenschwester meine Mutter unterstützt. Aber ich möchte ihr natürlich auch zur Seite stehen.«

»Selbstverständlich bleiben wir hier, bis dein Vater wieder gesund ist.« Erstaunt sah Victoria Jeremy an. »Das steht doch außer Frage.«

Jeremy schüttelte den Kopf. »Ich möchte, dass du, wie wir es geplant hatten, nach Irland reist. Hopkins wird dich sicher begleiten.«

»Ich lasse dich und deine Mutter auf gar keinen Fall allein!« Victoria war fassungslos. »Wie kannst du nur auf so einen Gedanken kommen.«

»Ich habe das mit meiner Mutter besprochen. Sie möchte auch, dass du die Reise antrittst.«

»Nein …«

»Bitte, lass mich weiterreden.« Jeremy unterbrach sie. »Ich weiß, wie gern du meinen Vater hast und dass du uns beistehen willst. Aber du bist nun einmal schwanger und kannst uns deshalb nicht helfen. Im Gegenteil, solange mein Vater krank ist, werde ich jedes Mal, wenn wir uns sehen, Angst haben, dass ich dich anstecke.«

»Willst du damit sagen, dass ich dich nur belaste?«

»Wenn du hierbleibst, in gewisser Weise, ja.« Jeremy versuchte seine Worte mit einem Lächeln abzumildern. »Es ist doch Unsinn, dass du im Gasthof ausharrst, wenn wir uns doch nicht treffen können.«

»Das verstehe ich.« Victoria schluckte. Auch wenn es ihr schwerfiel, dies zuzugeben, Jeremy hatte ja recht. Sie durften das Ungeborene nicht gefährden. »Dann reise ich eben nach London. Von dort aus bin ich wenigstens schnell hier, wenn du mich brauchst.«

»Hast du schon vergessen, dass die Wohnung renoviert wird? Wir haben die Handwerker doch extra für die Zeit unserer Hochzeitsreise bestellt.«

»Dann gehe ich eben in ein Hotel.«

»Victoria, bitte, ich möchte wirklich, dass du die Reise antrittst.«

»Aber warum? Ich will nicht Hunderte von Meilen entfernt sein, während dein Vater mit einer lebensbedrohlichen Krankheit ringt.« Sie wurde allmählich ärgerlich. »Wir haben geschworen, uns in guten und in schlechten Zeiten beizustehen. Hast du das schon vergessen?«

»Nein, ich habe das nicht vergessen. Und wenn du nicht unser Kind erwarten würdest, wäre ich sehr froh über deine Unterstützung.« Jeremys Miene war so unglücklich, dass sie sich wieder besänftigen ließ. »Ich werde dich sehr vermissen. Aber wenn du die Reise antrittst, ich weiß, das ist völlig irrational …«, Jeremy seufzte, »… gibt mir das die Hoffnung, dass mein Vater wieder gesund wird.«

»Oh, Jeremy …« Victoria wusste, dass er seine Worte ehrlich meinte und nicht zu einer Lüge gegriffen hatte, um sie doch zu der Reise zu bewegen.

»Ich habe mich wirklich immer für einen vernünftigen Menschen gehalten.« Er zuckte hilflos mit den Schultern und lächelte sein schiefes Lächeln, das, trotz all der Sorge um seinen Vater, wie so oft einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in Victorias Bauch aufflattern ließ.

»Ich verstehe dich ja. Als mein Vater an Krebs erkrankt war, habe ich mich auch an jeden Strohhalm geklammert.« Sie streichelte seine Hand. »Aber ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, dass Hopkins mich begleitet. Er soll doch die Handwerker beaufsichtigen.«

»Warum fragen wir ihn nicht selbst?« Jeremy blickte zu der Tür, die aus dem großen Saal in den Garten führte. Hopkins war eben nach draußen gekommen. Er besaß tatsächlich eine Art sechsten Sinn, der ihn spüren ließ, wann er gebraucht wurde.

»Mr. Ryder, ich hoffe, der Zustand Ihres Vaters hat sich gebessert«, wandte er sich an Jeremy.

»Leider nicht. Hopkins, es wäre mir lieb, wenn Sie Miss Victoria nach Irland begleiten könnten, während ich erst einmal bei meiner Mutter bleibe.«

»Sehr gern, Sir. In Anbetracht der Umstände halte ich dies – wenn Sie mir die Bemerkung gestatten – für eine sehr kluge Idee.«

»Und was ist mit den Handwerkern?«, warf Victoria ein.

»Nun, ich bin überzeugt, dass die Überwachung der Renovierungsarbeiten bei Mrs. Dodgson in den besten Händen ist.«

Womit Hopkins unbestreitbar recht hatte. Kein Handwerker würde es wagen, der resoluten Zugehfrau dumm zu kommen.

»Gut, Hopkins, dann brechen wir beide morgen früh nach Irland auf«, gab sich Victoria endgültig geschlagen.

»Nun, Miss Victoria, Ihr großes Reisegepäck ist ja schon gepackt. Wenn uns Lord und Lady Hogarth ihren Daimler zur Verfügung stellen würden, könnten wir heute am späten Abend noch das letzte Fährschiff von Liverpool nach Dublin erreichen. Soll ich einen Dienstboten nach Ivy Manor schicken und diesbezüglich anfragen lassen?« Hopkins blickte von Jeremy zu Victoria.

»Ja, tun Sie das bitte, Hopkins.« Jeremy nickte.

»Sehr wohl, Sir.« Mit einer höflichen Verbeugung verschwand der Butler.

»Es ist doch am besten, wenn du möglichst bald abreist.«

Jeremy umarmte Victoria, und sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust. Ach, sie wollte sich einfach nicht so bald schon von ihm trennen …

DRITTES KAPITEL

Regen prasselte auf das Dach der Kutsche und strömte an den Fenstern hinunter. Victoria kuschelte sich in eine Ecke. Ein Messingbehälter mit glühenden Kohlen verbreitete ein bisschen Wärme. Hopkins, der ihr gegenübersaß, war in eine Zeitung vertieft. Am Vorabend hatten sie tatsächlich das Fährschiff erreicht. Dank Constance’ und Louis’ Chauffeur, der den Daimler schnell und sicher über die kurvenreichen Straßen der Cotswolds gesteuert und dann durch das hügelige Mittelengland gefahren hatte, vorbei an den großen Industriestädten mit ihren rauchenden Schloten.

Über der Irischen See hatte dichter Nebel gehangen, der dann an der Küste der sogenannten Grünen Insel in Regen übergegangen war. Tatsächlich hatte sich Irland bis jetzt nur grau und verhangen präsentiert. Auf der Fahrt vom Dubliner Hafen quer durch die Stadt zum Bahnhof Kingsbridge Terminus war von den schönen georgianischen Straßenzügen kaum etwas zu sehen gewesen. Von Dublin aus, das an der Ostküste lag, hatten sie den Zug nach Galway genommen – einmal quer durchs Land zur Westküste. Während Victoria im Restaurant des Bahnhofs etwas gegessen hatte, war Hopkins zum Postamt gegangen, denn Jeremy hatte versprochen, ein Telegramm dorthin zu schicken. Gott sei Dank war das Fieber seines Vaters nicht weiter gestiegen, und er delirierte nicht mehr. Victoria schöpfte neue Hoffnung.

Die Kleinstadt Clifden war schließlich die letzte Bahnstation ihrer Reise gewesen. Dort hatte sie die Kutsche von Kincraighie House erwartet, um sie zu dem etwa sechs Meilen entfernten Landsitz der Hogarths zu bringen. Hatte der Regen etwas nachgelassen? Victoria beugte sich vor und spähte aus dem Fenster. Ja, tatsächlich. In all dem Grau konnte sie jetzt eine lang gezogene Bergkette ausmachen, deren Gipfel vom Nebel verhangen waren. Sie hatte gewusst, dass die Landschaft im Westen Irlands schroff und wild war. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie so abweisend sein würde, und sie wünschte sich, sie wäre in London geblieben, in Jeremys Nähe.

Durch das lange Sitzen war sie ganz steif und somit froh, dass ihr Ziel wenigstens nicht mehr weit entfernt war. Auch das Kind in ihrem Leib schien die Reise allmählich sattzuhaben, denn es machte sich mit kleinen Tritten gegen ihre Bauchdecke bemerkbar.

Ist ja schon gut. Nicht mehr lange, dann werden wir beide uns hoffentlich ausruhen können.

Beruhigend strich Victoria über die sanfte Wölbung. Sie hatte es sich angewöhnt, in Gedanken mit dem Ungeborenen zu sprechen. Wie es wohl sein würde, mit ihm zu leben? Sie freute sich unbändig darauf. Nur vor der Geburt graute es ihr ein bisschen. Glücklicherweise gab es mittlerweile Chloroform gegen die schlimmsten Schmerzen. Queen Victoria war ja in vielem sehr konservativ und alles andere als eine Kämpferin für die Rechte der Frauen gewesen. Aber sie hatte Prinz Leopold und Prinzessin Beatrice, die letzten beiden ihrer neun Kinder, mithilfe von Chloroform zur Welt gebracht und damit den Widerstand der anglikanischen Kirche gegen das Anästhetikum gebrochen. Die Kleriker waren allen Ernstes der Auffassung gewesen, es sei gottgewollt, dass Frauen unter Schmerzen Kinder gebaren.

Victoria blinzelte. Etwas Goldenes huschte über den Boden der Kutsche. Ein Sonnenstrahl. Ihr verschlug es den Atem. Innerhalb weniger Minuten war die dichte Wolkendecke aufgerissen. Wo eben alles noch grau und düster gewesen war, breitete sich jetzt ein blauer Himmel über der Landschaft aus. Die Berggipfel – sie erinnerte sich, dass der Name des kargen Gebirgszugs Twelve Bens war – waren immer noch von Nebel verhangen. Aber dies wirkte jetzt geheimnisvoll, ja fast mystisch, und nicht mehr bedrohlich. Neben der Straße floss ein Bach zwischen Felsen dahin. Wo sich die Sonne in den Wellen brach, ja, auch überall auf den Wiesen, glitzerte es in allen Regenbogenfarben, als lägen dort Diamanten verstreut. Hopkins hatte die Zeitung sinken lassen und beugte sich ebenfalls zum Fenster hinüber.

»Mein Gott, ist das nicht wunderschön?« Victoria lächelte. »Und wie schnell das Wetter umgeschlagen ist.«

»In der Tat, eine beeindruckende Szenerie.« Hopkins nickte würdevoll.

Die Kutsche fuhr nun um eine Kurve. Dahinter breitete sich ein flaches, weitläufiges Tal aus, eigentlich eher eine Mulde zwischen den Hügeln. Schafe grasten zwischen Felsen und windzerzausten Nadelbäumen. Hinter einer hohen Backsteinmauer am Ende des Tales waren die oberen Stockwerke eines Gebäudes zu sehen. Der Mittelteil wirkte – zumindest aus dieser Perspektive – kompakt und fast quadratisch. Die beiden Seitenflügel waren schmaler und etwas niedriger. Die gewölbten Dächer und die hohen Sprossenfenster gaben dem Landsitz eine barocke Anmutung. Im Sonnenlicht leuchtete die regennasse Fassade von Kincraighie House tiefrot, ja, schien wie mit Feuerzungen überzogen.

Nun hatte die Kutsche die Backsteinmauer erreicht und passierte ein großes Tor. Eine sorgfältig gepflegte, von Blumenrabatten gesäumte Rasenfläche erstreckte sich bis zum Herrenhaus. Victoria erhaschte einen Blick auf hohe Bäume hinter dem Gebäude – vermutlich ein Park. Das Anwesen war anscheinend ausgedehnter, als sie erwartet hatte. Die Kutsche folgte der kreisförmigen Auffahrt und kam vor einer breiten, zweiflügeligen Treppe zum Halten.

Der Kutscher, ein älterer Mann mit wettergegerbtem Gesicht, öffnete ihnen mit einer Verbeugung den Wagenschlag.

Hopkins half ihr hinaus. Gefolgt von ihm stieg sie die Treppe hinauf. Sie hatten das Portal fast erreicht, als sich einer der Türflügel öffnete und eine füllige, grauhaarige Frau herauseilte. Sie trug ein dunkelblaues Baumwollkleid mit einem dezenten Spitzenbesatz am Kragen. Victoria schätzte sie auf Ende fünfzig. Sie hatte ein rundes, freundliches Gesicht und warme braune Augen.

»Mrs. Bredon-Ryder«, rief sie sichtlich erfreut und wandte sich dann dem Butler zu. »Mr. Hopkins, willkommen auf Kincraighie House. Ich hoffe, Ihre Reise war bei dem fürchterlichen Wetter nicht zu beschwerlich. Nein? Wie schön. Jedenfalls haben Sie offensichtlich die Sonne mitgebracht. Wenn das nicht ein gutes Omen für Ihren Aufenthalt ist. Ich bin die Haushälterin, Mrs. Evans.« Ihr Englisch hatte den für die Iren typischen, leicht singenden Einschlag, und ihr Benehmen entbehrte die für englisches Personal übliche Zurückhaltung. »Es werden gleich zwei Diener kommen, die Ihr Gepäck auf Ihre Zimmer bringen.«

Mrs. Evans geleitete sie in die Halle, die sich in der Höhe über zwei Etagen erstreckte. Ein riesiger Kamin nahm fast eine ganze Wand ein, darüber hingen altertümliche Waffen. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet.

»Ich freue mich sehr, dass ich hier sein kann«, sagte Victoria freundlich. »Und ich hoffe, dass mein Mann bald nachkommen wird.«

»O ja, natürlich. Lady Hogarth hat mich in einem Telegramm von der Krankheit seines Vaters unterrichtet. Ich habe während der Messe für seine Genesung gebetet und eine Kerze für ihn angezündet.«

Auch dies hätte ein englischer Dienstbote kaum gesagt. Victoria vermutete, dass Mrs. Evans katholisch war, und auch wenn ihr diese Religion eher fremd war, war sie berührt von der Geste.

»Möchten Sie gern das Haus sehen, Mrs. Bredon-Ryder? Oder wäre es Ihnen lieber, sich erst einmal auszuruhen?«

»Ich würde mich sehr gern ausruhen. Die Reise hat mich doch angestrengt.«

»Dann begleite ich Sie auf Ihr Zimmer, Madam. Ihren Tee lasse ich heute dort für Sie servieren? Ja?«

»Sehr gern.«

Mrs. Evans wandte sich Hopkins zu. »Mr. Hopkins, für Sie habe ich Mr. Jenkins’ Zimmer herrichten lassen. Wie Sie ja wahrscheinlich wissen, ist er der Butler von Lord und Lady Hogarth. Ich hoffe, es ist Ihnen recht, dort untergebracht zu sein.«

»Ich kenne Mr. Jenkins, und ich schätze ihn sehr«, antwortete Hopkins in seinem üblichen gemessenen Tonfall. »Ich bin überzeugt, dass ich mich in seinem Zimmer sehr wohlfühlen werde.«

»George, einer unserer Diener, wird Sie hinführen. Wir haben hier momentan nicht viel Personal. Mit der Köchin und meiner Wenigkeit sind wir nur zwölf Bedienstete. Lord und Lady Hogarth bringen immer viele Dienstboten aus London mit, so auch Mr. Jenkins.«

»Ich werde selbstverständlich sehr gern dessen Pflichten übernehmen.«

Victoria glaubte wahrzunehmen, dass sich Hopkins’ Mundwinkel ein ganz klein wenig hoben, und unterdrückte ein Lächeln. Er war durchaus bereit, die gute Arbeit eines Kollegen anzuerkennen, aber er freute sich bestimmt, wieder einmal in einem großen Haushalt schalten und walten zu können, ohne auf einen anderen Butler Rücksicht nehmen zu müssen. Sie vermutete ohnehin, dass er sich bei ihr zu Hause nicht ausgelastet fühlte.

»Oh, das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Hopkins.«

Mrs. Evans strahlte. Victoria war gespannt, wie die beiden miteinander auskommen würden. Der Butler und die Haushälterin standen an der Spitze der Dienstbotenhierarchie. Wobei Hopkins ja auch mit Mrs. Dodgson, die ihre Cockney-Herkunft nie verbarg, gut harmonierte.

Zwei junge Männer in der dunklen Livree der Diener trugen nun das Gepäck in die Halle.

»George«, Mrs. Evans winkte einen von ihnen herbei, »bring Mr. Hopkins’ Koffer in Mr. Jenkins’ Zimmer, bitte. Du wirst ihm für die Dauer seines Aufenthalts zur Hand gehen.«

Hopkins’ Blick ruhte auf einem kleinen Fleck auf Georges Jackenärmel. Victoria tat der junge Mann jetzt schon leid. Es war sehr schwer, den hohen Ansprüchen ihres Butlers an das Personal zu genügen. Der junge Diener würde durch eine harte Schule gehen.

Hopkins und George verschwanden in einem Korridor, während Mrs. Evans Victoria die Treppe hinaufgeleitete und der andere Diener noch einmal zur Kutsche ging. »Die Küche und die Wirtschaftsräume befinden sich im Erdgeschoss«, erläuterte die Haushälterin. »Alle Wohnräume hingegen liegen auf der ersten Etage und die Schlafzimmer auf der zweiten. Die Erbauer von Kincraighie House wollten, dass man über den Park und die Mauer hinweg das Meer sehen kann. Die späteren Besitzer haben die Raumaufteilung beibehalten.«

»Und die Schlafräume der Dienstboten?«

»Die befinden sich unter dem Dach und sind von der Hintertreppe neben der Küche aus erreichbar.«

Sie hatten inzwischen das zweite Stockwerk erreicht. Am Anfang eines Korridors öffnete Mrs. Evans nun eine Tür. »Ihr Zimmer, Madam. Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit.« Victoria fand es manchmal immer noch seltsam, jetzt, da sie verheiratet war, mit Madam angesprochen zu werden, und sie benötigte einen Moment, bis sie begriff, dass sie gemeint war.

Im Kamin flackerte ein Feuer. Auf dem Bett lag ein gequilteter Überwurf in Grün und Rot. Die Farben setzten sich im geblümten Stoff des Baldachins, in den Vorhängen sowie der Tapete fort. Neben einem mit Samt bezogenen tiefen Lehnstuhl stand ein Tischchen mit einer Teekanne unter einem gehäkelten Kannenwärmer, einer Porzellantasse, Zucker, Milch sowie einem Teller mit Keksen. Ein hübsches Arrangement, wie Victoria fand.

»Der Tee in der Kanne ist frisch zubereitet. Ich wusste ja ungefähr, wann Sie hier eintreffen würden. Daisy, eines der Zimmermädchen, wird Ihnen später noch den Nachmittagstee servieren«, sagte die Haushälterin rasch, als könnte Victoria annehmen, Kincraighie House hätte keinen üppigeren Afternoon Tea zu bieten. »Ich dachte nur, ein Tässchen heißer Tee würde Ihnen nach der langen Reise bestimmt guttun.«

»Das ist sehr nett von Ihnen«, erwiderte Victoria herzlich. »Ich bin überzeugt, ich werde mich hier sehr wohlfühlen. Das Zimmer ist so gemütlich.«

Mrs. Evans errötete vor Freude. »Dort geht es ins Bad.« Sie wies auf eine schmale Tür. »Lord und Lady Hogarth haben in allen Schlafzimmern Bäder mit fließendem heißen und kalten Wasser einbauen lassen, und eine Zentralheizung und elektrischen Strom gibt es auch. Kincraighie House hat die modernste Technik weit und breit. Das Anwesen verfügt sogar über einen eigenen Generator.« Stolz schwang in ihrer Stimme mit. »Wann soll ich Ihnen denn Daisy mit dem Afternoon Tea schicken, Madam? Passt es Ihnen in einer Stunde?«

»Ja, das passt mir sehr gut.« Victoria nickte.

Nachdem sich die Haushälterin zurückgezogen hatte, ging Victoria in das Bad, um sich Gesicht und Hände zu waschen. Wie angenehm, nicht mit einem Krug heißen Wassers und einer Porzellanschüssel hantieren zu müssen, wie es noch auf vielen Landsitzen üblich war. Constance hatte dies ihr gegenüber gar nicht erwähnt. Vielleicht hatte die Freundin es für selbstverständlich gehalten. Als gebürtige Amerikanerin schätzte sie eine gewisse Behaglichkeit, für die oft nur spartanisch geheizten Häuser der englischen Aristokratie hatte sie kein Verständnis.

Wieder im Zimmer, schenkte sich Victoria eine Tasse Tee ein. Sie wollte sich damit in dem bequemen Lehnstuhl niederlassen. Doch ein Blick auf die großen Fenster ließ sie innehalten. Erst jetzt nahm sie die Aussicht wahr. Unter ihr breitete sich der Park aus. In der Sonne glühte das Laub von Büschen und Bäumen in allen Schattierungen von Rot und Orange und Gelb. Die Anordnung der Pflanzen war meisterlich, wie von einem Maler entworfen. Ein See spiegelte die Farbenpracht. Ihm entsprang ein Wasserlauf, der sich durch den ganzen hinteren Teil des Parks schlängelte. An den Ufern standen hier und dort Statuen zwischen noch spät im Jahr blühenden Blumen.

Hinter der hohen Backsteinmauer erstreckte sich ein breiter Streifen Nadelwald – er sollte den Park wohl, ebenso wie die Mauer, vor den kalten Atlantikwinden schützen. Jenseits der Kiefern breitete sich das Meer aus. Sein Blau war so intensiv, dass es fast schmerzte. Eine ganze Weile stand Victoria nur da und schaute. Erst eine Bewegung des Kindes brachte sie wieder zu sich.

»Ja, du hast ja recht, ich sollte mich endlich ausruhen«, flüsterte sie.

Sie schlug den Überwurf und die Bettdecke zurück und legte sich hin. Ach, ich muss den Park und die Landschaft unbedingt malen! Mit diesem Gedanken, die Hand auf ihrem gerundeten Leib, schlief sie gleich darauf ein.

Victoria betrachtete sich noch einmal prüfend im Spiegel. Sie hatte sich zum Dinner umgekleidet, Daisy, ein patentes junges Mädchen, das aus einem Dorf in der Nachbarschaft stammte, hatte ihr geholfen, sich zu frisieren.

Große grüne Augen beherrschten ihr herzförmiges Gesicht. Ihr leuchtend rotes, lockiges Haar hatte sie mit Haarnadeln gebändigt und zu einem Knoten im Nacken zusammengesteckt. Ihre Haut war sehr hell, Sommersprossen sprenkelten ihre Nase. Der Puder verdeckte sie nicht ganz – jedenfalls nicht vor ihrem selbstkritischen Blick. Erst im Laufe des Winters würden sie allmählich verblassen.

Jeremy liebte ihre Sommersprossen. Sie hingegen könnte gut darauf verzichten. Victoria wusste, dass viele Menschen sie für sehr hübsch hielten, und sie mochte ihr Aussehen durchaus. Aber manchmal wünschte sie sich, ihr Gesicht wäre weniger niedlich. Frühere Mitschülerinnen hatten es mit dem einer kostbaren Porzellanpuppe verglichen und das als Kompliment gemeint.

Eigentlich ist es ja Unsinn, sich für das Dinner umzuziehen, überlegte Victoria, während sie die breite Treppe hinunterging. Schließlich kamen keine Gäste. Aber die Bediensteten von Kincraighie House erwarteten dies ganz bestimmt von ihr, von Hopkins ganz zu schweigen. Sich nicht an diese Sitte zu halten bedeutete, ihre Mühen zu missachten. Das Dinner bildete immer noch den unbestreitbaren Höhepunkt im Tagesablauf eines jeden Haushalts der Oberschicht und der Aristokratie.

Jedenfalls hatte sie sich bewusst für ein einfaches Abendkleid aus dunkelbrauner Seide mit einem Übergewand aus Spitze im selben Farbton und für eine schlichte Goldkette sowie kleine Ohrringe entschieden. Trotz des wahrhaft köstlichen Afternoon Tea hatte sie schon wieder Hunger und das Gefühl, dass auch ihr Kind auf die nächste Mahlzeit wartete, denn es bewegte sich lebhaft.

Hoffentlich werde ich nicht am Ende der Schwangerschaft rund wie eine Kugel sein, dachte sie mit einem Lächeln.

Im Speisezimmer erwartete Hopkins sie bereits. Er stand neben der Anrichte und reichte ihr ein kleines Silbertablett, auf dem ein Umschlag lag. »Gerade eben ist ein Telegramm für Sie angekommen, Miss Victoria«, erklärte er gemessen.

»Was? O Gott …«

Bedeutete dies etwa, dass sich der Gesundheitszustand von Jeremys Vater wieder verschlechtert hatte? Hastig öffnete sie das Kuvert, nahm das Telegramm heraus und überflog es. Dann legte sie die Hand auf ihre Brust.

»Miss Victoria?« Besorgt sah Hopkins sie an.

»Jeremy … ich meine, Mr. Ryder … hat telegraphiert, dass das Fieber seines Vaters weiter zurückgegangen ist. Der Arzt ist zuversichtlich, dass damit das Schlimmste überstanden ist.« Tränen der Erleichterung traten ihr in die Augen.

»Eine wirklich überaus erfreuliche Nachricht.« Hopkins gestattete sich ein Lächeln. »Nun, dann ist zu hoffen, dass Mr. Ryder in nicht allzu ferner Zukunft in Kincraighie House eintreffen wird.«

»Das hoffe ich auch. Er will natürlich noch warten, bis der Zustand seines Vaters wirklich stabil ist.«

»Selbstverständlich.« Victoria nahm am Tisch Platz.

Hopkins schöpfte Fleischbrühe aus einer Porzellanterrine in einen tiefen Teller und platzierte ihn vor sie. In Gedanken immer noch bei Jeremy und seinem Vater, aß sie einige Löffel, ehe sie registrierte, dass ihr Butler mit kerzengeradem Rücken neben der Anrichte stand und es kein Gedeck für ihn gab.

»Hopkins, um Himmels willen, Sie wollen mich doch nicht ernsthaft allein speisen lassen?«

»Nun, ich bin als Ihr Butler hier und nicht als Gast.« Hopkins hüstelte. »Es könnte das Personal verwirren, wenn ich mit Ihnen dinieren würde.«

»Ich finde es aber wirklich sehr ungemütlich zu essen, während Sie mir dabei zusehen. Außerdem sind Sie ja nicht der hiesige Butler.« Hopkins zögerte. »Bitte, Hopkins …«, bat sie inständig.

»Nun gut, wenn Sie dies ausdrücklich wünschen, werde ich ein Gedeck für mich holen.« Hopkins verschwand aus dem Speisezimmer.

Victoria lächelte. Ihr Verhältnis zu dem älteren Herrn war sehr besonders. Hopkins war schon in Diensten ihres Großvaters gewesen, und ihr Vater hatte ihn von daher gekannt und geschätzt. Der Butler hatte dann im Laufe der Jahre andere Stellungen angenommen. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Vater Hopkins gefragt, ob er nicht sein Butler werden wolle. Victoria war damals vier Jahre alt gewesen, und Hopkins war schnell zu einer zentralen Person in ihrem Leben geworden. Er hatte sie getröstet, wenn sie traurig war, und er hatte sie gegenüber ihren Gouvernanten gedeckt, wenn sie etwas ausgeheckt hatte.

Hopkins, der Witwer war und seinen einzigen Sohn Richard im Sudan während des Mahdi-Aufstandes verloren hatte, hatte sie und ihren Vater gewissermaßen als seine Familie adoptiert. Zu seinen zahlreichen Interessen gehörte die Kriminalistik. So war er auch der Sekretär von Lord Bredon geworden, hatte Tatorte untersucht und Zeugen befragt. Ihr Vater hatte ihm mehrmals angeboten, ihn »Mr. Hopkins« zu nennen. Was er jedes Mal höflich, aber entschieden abgelehnt hatte. Eine solche Anrede seitens seines Dienstherrn war mit seiner Würde als Butler unvereinbar.

Nun kehrte Hopkins mit einem Tablett in das Speisezimmer zurück, und Victoria sah ihm dabei zu, wie er die diversen Porzellanteller, das Silberbesteck, die Kristallgläser und eine gestärkte, kunstvoll gefaltete Leinenserviette rasch und exakt auf dem Tisch platzierte und sich auch selbst von der Bouillon nahm.

»Wie finden Sie denn das Personal von Kincraighie House?«, fragte sie dann.

»Mrs. Evans ist recht gesprächig, aber sie scheint das Herz auf dem rechten Fleck zu haben. Was die übrigen Bediensteten betrifft …« Hopkins nahm einen Löffel Fleischbrühe, dann fuhr er fort: »Mein Eindruck ist, dass sie gutwillig sind, es ihnen allerdings noch am letzten Schliff mangelt. Was auch nicht verwunderlich ist. Schließlich fehlt es hier an der steten Aufsicht durch einen Butler. Und die Köchin … Die Bouillon schmeckt, ich kann es leider nicht anders sagen, doch etwas fad. Außerdem hatte ich Gelegenheit zu beobachten, wie sie das Dinner vorbereitet hat. Ich würde doch sagen, ihre Kochkünste könnten noch verbessert werden.«

Das Kochen war, neben der Kriminalistik, Hopkins’ große Leidenschaft. Unter dem Pseudonym »Mrs. Ellingham« hatte er im Vorjahr einen Haushaltsratgeber veröffentlicht, der sich zum Bestseller entwickelt hatte. »Ich nehme an, Sie werden der Köchin in Zukunft unter die Arme greifen«, neckte Victoria ihn.

»Selbstverständlich!«

»Von meinem Zimmer aus habe ich den Park und das Meer gesehen und war ganz gebannt«, wechselte Victoria das Thema. »Wenn das Wetter schön bleibt, werde ich morgen mit meinen Malutensilien die Gegend erkunden.«

»Ja, die Landschaft ist in der Tat beeindruckend. Sie sollten sich jedoch nicht zu viel zumuten, Miss Victoria.«

Ihr war klar, dass Hopkins auf ihre Schwangerschaft anspielte. »Mir geht es wirklich gut«, beteuerte sie.

In den hohen Fenstern spiegelte sich das erleuchtete Speisezimmer, und in dem Dunkel dahinter war das Meer nur zu erahnen. Doch in der Ferne war das dumpfe Grollen der Brandung zu hören. Ja, sie konnte es kaum erwarten loszugehen. Und bald würde Jeremy sie hoffentlich bei ihren Wanderungen begleiten.

VIERTES KAPITEL

Auf ihren Spazierstock gestützt blieb Victoria stehen. Der Hügel war ihr eigentlich nicht sehr steil vorgekommen. Trotzdem war sie ziemlich außer Atem. Die Aussicht entschädigte sie jedoch völlig für ihre Mühen. Unter ihr brach sich das tiefblaue Meer an einem Sandstrand. Sanft geschwungene Buchten verschwammen in der Ferne mit dem Himmel. Die braune Hügelkette der Twelve Bens kontrastierte mit dem Grün der Wiesen und dem leuchtenden Violett der Erikabüschel zwischen dem Gestein zu ihren Füßen.

Sie setzte sich auf einen Felsblock, holte ihre Malutensilien aus ihrem Lederrucksack und wusste zuerst gar nicht, womit sie beginnen sollte, so überwältigt war sie von der Umgebung. Die Küstenlinie mit raschen Bleistiftstrichen festzuhalten half ihr, ins Zeichnen hineinzufinden. Die schroffen Formen der Berge verlangten nach einem Kohlestift. Victoria zeichnete selbstvergessen, griff bald nach ihrem Aquarellkasten und mischte Farben. Kobalt- und Azurblau, Ultramarin und Preußischblau für das Meer, Grüntöne von Smaragd über Chromoxid und Phthalo für die Wiesen und Büsche, gemischt mit ein wenig Ocker und Umbra. Das Heidekraut forderte Mauve und Violett und ein bisschen Weiß.

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