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Die Lady in Weiß

PROLOG

Portsmouth, England

Mai 1787

Mit aufsteigender Panik blickte sich Caroline Harris im Spiegel an, als das Dienstmädchen ihrer Mutter die Schärpe um ihre Taille festzog. Gleich musste sie zu den Gentlemen in den Salon hinaus, und dann war es zu spät.

Warum, warum nur hatten sie niemals genügend Geld?

„Ich kann das nicht tun, Mama“, flüsterte sie heiser. „Ich weiß, du meinst, wir hätten keine andere Wahl, aber ich kann es nicht. Ich kann es nicht.“

„Du kannst es, und du wirst es auch tun“, entgegnete ihre Mutter in dem gereizten Ton, den Caroline in den vergangenen zwei Wochen nur allzu gut kennengelernt hatte. „Du bist das Einzige, was mir noch geblieben ist, Mädchen, und ich möchte nicht als Bettlerin enden.“

Caroline nickte stumm. Wenn sie jetzt weinte, bekäme sie eine Ohrfeige. Diese Lektion hatte sie schnell gelernt. Und kein Gentleman würde sie haben wollen mit geröteten und tränenverquollenen Augen.

Aber welcher Gentleman würde sie überhaupt haben wollen, angezogen und herausgeputzt, wie sie war? Ihr geblümtes Seidenkleid war aus einem alten Kleid ihrer Mutter angefertigt worden. Es war so tief ausgeschnitten, dass ihre kleinen Brüste beinahe zur Gänze sichtbar waren; das zarte Rosa ihrer Brustwarzen schimmerte schamlos durch das gazeartige Fichu hindurch. Ihr Korsett war so fest geschnürt, dass sie kaum atmen konnte, und ihre Füße waren schmerzvoll in enge hochhackige Schuhe gezwängt, die ihr einen verführerisch wiegenden Gang verleihen sollten.

Ihr Haar, normalerweise so glatt und weich wie Seide, war mit Zuckerwasser zu steifen, modischen Locken geformt worden, die sie nicht berühren durfte. Die Juwelen, die auf ihrer blassen Haut funkelten, waren so offensichtlich falsch wie ihre ganze übrige Erscheinung, und wenn sie ihr Gesicht betrachtete, das man mit hellem Puder und Rouge auf ihren Wangen in eine Maske verwandelt hatte, hätte sie am liebsten wieder geweint. Sie sah aus wie eine billige Puppe aus Wachs. Niemals würde irgendjemand so Gefallen an ihr finden.

Und nicht einmal ihre eigene Mutter hatte daran gedacht, dass heute ihr vierzehnter Geburtstag war …

Miriam Harris packte ihre Tochter besitzergreifend am Arm, als sie ebenfalls in den Spiegel blickte. Die Ähnlichkeit der beiden zeigte sich in den hohen Wangenknochen und den weit auseinanderstehenden Augen. Aber das war auch alles. Die Schwindsucht, die bald schon Miriams Leben fordern würde, hatte ihr Gesicht unter dem gefärbten schwarzen Haar schmal und hager werden lassen, ihren Körper gebeugt und verbraucht. Und das ausschweifende Leben, das sie führte, hatte schon vor langer Zeit den unschuldigen Zauber und den Charme zerstört, der vom Antlitz ihrer Tochter ausging.

„Du bist viel zu mager, Caroline“, erklärte sie keuchend und hustete in das spitzenbesetzte Taschentuch, das sie immer bei sich trug. Schnell stopfte sie es in ihre Handtasche, aber Caroline hatte dennoch das leuchtend rote Blut auf dem weißen Stoff erkennen können. „Schau dich nur an, du bist einen halben Kopf größer als ich! Wenn dies das Ergebnis deines Lebens auf dem Lande ist, hätte ich mir all die Jahre das Geld für deine Erziehung dort sparen können!“

Heimweh überkam Caroline wie ein stechender Schmerz. Sie dachte zurück an Hampshire, an das Haus mit dem Strohdach, in dem sie bis letzten Monat noch gewohnt hatte, an die rotbackige Mrs Thompson, die sie wie eines ihrer eigenen Kinder umsorgt hatte, an Sonnenlicht und frische Milch, Äpfel und weite Felder und an die Kätzchen in der Scheune, mit denen man spielen konnte. Und sie erinnerte sich auch an die wunderbaren Träume, in denen sie sich immer wieder ihre Eltern vorgestellt hatte: ihren Vater als gut aussehenden Offizier in einer prächtigen Uniform, der bei der Verteidigung des Vaterlandes tragischerweise getötet worden war, noch bevor er ihre Mutter hatte heiraten können – ihre Mutter, die vornehme und wunderschöne Dame in London, die jeden Monat Geld für ihren Unterhalt schickte und, sobald es ihr die Umstände erlaubten, selbst kommen würde, um ihre Tochter abzuholen.

Es war ein wunderbarer Traum gewesen, der Caroline jede Nacht in den Schlaf begleitet hatte, aber meilenweit von der Realität entfernt war. Zwar hatte Miriam ihre Tochter tatsächlich abgeholt, doch erwartete Caroline keineswegs das behagliche und vornehme Familienleben, das sie sich immer vorgestellt hatte. Nein, keine Spur davon. Stattdessen lebte sie mit ihrer Mutter in schäbigen Unterkünften, aus denen alles Wertvolle entfernt worden war, um es gegen Lebensmittel und Medizin einzutauschen. Und schon wieder fühlte Caroline die zurückgehaltenen Tränen in ihren Augen brennen.

„Nicht weinen, Tochter“, mahnte ihre Mutter und senkte die Stimme, sodass die anderen Frauen um sie herum, die meisten von ihnen ebenso offenherzig gekleidet, sie nicht hören konnten. „Wenn Sir Harry dich ansieht, dann um seine Sorgen zu vergessen, und nicht, um sich auch noch mit deinen zu belasten.“

In einem letzten, verzweifelten Aufbegehren schüttelte Caroline den Kopf. „Wir müssen nicht so leben, Mama. Ich könnte nähen oder bei einer Hutmacherin arbeiten. Es muss doch eine andere Möglichkeit geben als das hier!“

„Was, und das einzige Geschenk, das Gott uns beiden gab, sollen wir einfach so verschwenden?“ Das Lachen ihrer Mutter war kurz und bitter. „Dein Gesicht ist dein Kapital, Mädchen, und damit wirst du in einer Woche mehr verdienen als jede kleine schmutzige Näherin in zwanzig Jahren.“

„Aber, Mama …“

„Widersprich mir nicht, du dummes Ding!“, zischte ihre Mutter. Ihre dünnen Finger gruben sich in Carolines Arm, als sie sie hinausführte. „Du bist alles, was ich habe, und mehr interessiert mich nicht. Ich möchte, dass du es zu etwas bringst, solange ich mich noch dafür einsetzen kann. Falls du Sir Harry Wrightsman heute Nacht gefällst, wird er dich zuvorkommender behandeln, als du es dir überhaupt erträumen kannst, und vermutlich besser, als du es verdient hast.“

Am Durchgang zum Salon hielt Caroline erschrocken inne. Vor ihnen erstreckte sich ein unglaublich großer Raum mit Gold schimmernden Wänden, mit Spiegeln und Hunderten von Kerzen. Die schönen Frauen und die Männer, die in Grüppchen beieinanderstanden, verunsicherten sie. Ihre Gesten waren so ungezwungen und ihre Gespräche und ihr Lachen so laut, dass sie beinahe die Musik aus dem Alkoven übertönten. Ganz egal, was ihre Mutter sagte, Caroline wusste, dass sie nicht hierher gehörte.

„Oh, Mama“, flüsterte sie, und ihr Gesicht wurde ganz bleich unter dem Rouge. „Ich flehe dich an, bitte, können wir nicht gehen, bitte, bitte?“

„Pst, blamier mich nicht!“, entgegnete ihre Mutter scharf und zog Caroline weiter. Sie hatte bereits das besondere Lächeln aufgesetzt, das nur für die Öffentlichkeit bestimmt war, und sah an ihrer Tochter vorbei, um die Menschenmenge zu begutachten. „Es ist zu spät. Die Würfel sind gefallen. Du musst dich jetzt auf deine Schönheit und deine Jugend verlassen, Caroline, und hoffen, dass sich Sir Harry damit zufriedengibt.“

Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, spürte Caroline die neugierigen und aufdringlichen Blicke der anderen auf sich ruhen. Hätte ihre Mutter sie nicht so erbarmungslos am Arm festgehalten, sie hätte sich umgedreht und wäre davongelaufen. Aber nun gab es kein Entkommen mehr. Sie war jung, jedoch nicht einfältig. In dem Augenblick, in dem sie diesen Salon betreten hatte, waren ihre Unschuld und ihr guter Name unwiederbringlich verloren. Wie ihre Mutter bereits gesagt hatte, waren die Würfel schon gefallen. Ihr stand die schlimmste Nacht ihres Lebens bevor.

An ihrer Seite begrüßte Miriam fröhlich und voller Zuneigung ihre Bekannten. Ihre Stimme war weitaus freundlicher als jemals zuvor, wenn sie zu ihrer Tochter gesprochen hatte.

Oh, Mama, wenn du diese Herzlichkeit nur einmal mir gezeigt hättest …

„Das ist also dein kleines Mädchen?“, hörte sie einen Mann voll gespannter Ungeduld sagen. Carolines Herz blieb beinahe stehen. „Alle Achtung, Miriam, sie ist ein hübsches Ding, viel bezaubernder, als du behauptet hast! Komm schon, Kleine, sei nicht so schüchtern. Lass dich mal richtig ansehen.“

Er fasste Caroline grob am Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Er war alt, viel älter, als sie erwartet hatte. Seine Augen verschwanden fast unter den Fettpolstern in seinem fleischigen Gesicht, und wenn er lächelte, schimmerten die wenigen Zähne, die er noch hatte, gelblich vom Tabak. Sein Atem ließ Caroline fast ohnmächtig werden. Aus seiner altmodischen Perücke rieselte Puder auf seine gebeugten Schultern, und obwohl seine Garderobe sichtlich teuer war, konnte sie nicht die Körperfülle verbergen, über die sich seine Weste spannte. Dies war der Mann, an den man sie verkauft hatte. Dies war der Mann, mit dem sie das Bett teilen sollte, der Mann, dem sie sich hingeben musste.

Sie konnte es nicht tun, nicht mit ihm. Sie konnte es nicht tun. Leise seufzend riss sie sich los und trat einen Schritt zurück.

Sir Harry wirkte verärgert, genau wie ihre Mutter. „Die Scheu und die Furcht eines unerfahrenen Mädchens, mein Herr, das ist alles“, sagte Miriam schnell und legte die Hände auf die Schultern ihrer Tochter. Eine Demonstration mütterlicher Sorge, die darüber hinaus Caroline davon abhielt, sich noch weiter zu entfernen. „Ich sagte Ihnen ja, dass sie erst seit zwei Wochen in der Stadt ist.“

„Seit zwei Wochen erst?“ Sein gieriger, lüsterner Blick verursachte Caroline Übelkeit. „Dann schwörst du also, dass sie noch Jungfrau ist?“

„Kein Mann hat sie je berührt, mein Herr“, antwortete ihre Mutter und unterdrückte ein Husten. „Nicht einmal geküsst.“

„Dann komm mit mir, kleines Mädchen“, sagte er zufrieden, „und ich werde dir alles beibringen, was du wissen musst.“ Er legte Caroline den Arm um die Taille und zog sie näher zu sich heran. Sie wand sich krampfhaft in seiner Umklammerung und konnte noch einen letzten Blick auf ihre Mutter werfen, die allein zurückblieb, das blutgetränkte Taschentuch auf den Mund gepresst. Der hohe Federschmuck wippte sanft über ihrem gefassten, ausdruckslosen Gesicht.

Oh, Mama …

Die Musik und die Gespräche um sie herum gingen ungestört weiter, während Sir Harry Caroline mit sich zog und mit ihr in Richtung der Türen ging, die zum Garten hinausführten. Gütiger Gott, zum Garten: Schon jetzt wollte er mit ihr allein sein. Er würde nicht einmal warten, bis sie in seinem Haus waren. Sie wehrte sich, wobei sich ihr Absatz im Saum ihres Kleides verfing und sie mit einem leisen Aufschrei nach vorn stürzte.

Fluchend riss er sie auf die Füße zurück. „Komm schon, du kleines Miststück. Eine Frau mit Esprit ist eine Sache, aber trotziger Eigensinn ist etwas völlig anderes. Oder möchtest du vielleicht mit mir spielen? Du spielst das unartige Mädchen, und ich werde dir Manieren beibringen?“

Caroline schüttelte den Kopf und starrte ihn verwirrt und verzweifelt zugleich an. „Nein, Sir, vergeben Sie mir! Ich hatte nicht vor, mit Ihnen zu spielen!“

Seine kleinen Augen funkelten, als er sie plötzlich so grob am Handgelenk packte, dass sie vor Schmerzen aufschrie. „Wir werden schon noch miteinander spielen, nicht wahr, mein kleine Katze? Du mit mir, und ich mit dir!“

„Lassen Sie die Lady los, Wrightsman“, sagte eine sanfte Stimme hinter ihnen. Mit wild klopfendem Herzen drehte Caroline sich um, damit sie sehen konnte, wer sie verteidigte. Er sah nicht gerade wie ein Held aus – dürr und mager wie ein Storch, in einem einfachen braunen Mantel, sein grau meliertes Haar kurzgeschoren wie bei einem Mönch –, aber Caroline erschien er im Augenblick wie ein Ritter auf einem weißen Pferd. „Ich glaube nicht, dass sie länger in Ihrer Gesellschaft bleiben möchte.“

„Es ist völlig belanglos, was sie möchte, Byfield“, entgegnete Sir Harry unfreundlich. „Sie ist Miriams Tochter, und ich habe mir ihre Dienste von Miriam persönlich erkauft.“

Ein Schauder überkam den grauhaarigen Mann. „Ihre eigene Mutter hat sie an Sie verkauft?“

„Jawohl, und sie hat dabei mehr verdient als ein Wucherer“, antwortete Sir Harry säuerlich. „Sie sollten wissen, dass mich die Jungfräulichkeit dieser kleinen Hure ein Vermögen gekostet hat.“

„Wenn sie noch jungfräulich ist, kann sie schwerlich eine Hure sein“, erklärte Byfield. „Sie erscheint mir außerdem zu jung für derartige Tätigkeiten. Seit wann bevorzugen Sie Kinder, Wrightsman?“

Sir Harry schnaubte ungeduldig. „Seit Weihnachten mit dieser unmöglichen Schauspielerin in Bath. Sie hat mir die Syphilis angehängt, Gott verfluche sie! Selbst ein alter Puritaner wie Sie sollte wissen, dass es nur eine sichere Heilmethode gibt, nämlich eine Jungfrau, und das bedeutet, dass das Mädchen eben einfach sehr jung sein muss. Wie sonst kann ein Mann sicher sein, dass die Kleine wirklich das ist, was sie zu sein vorgibt?“

Byfield sah den anderen Mann ungläubig an. „Sie würden das Leben dieses armen Mädchens hier absichtlich zerstören? Sie wollen sie anstecken in der sinnlosen Hoffnung, selbst dabei geheilt zu werden?“

„Seien Sie versichert, dass sie sehr gut für ihre Unannehmlichkeiten bezahlt wird.“

„Es ist mir egal, was Sie der Mutter gezahlt haben, Wrightsman. Ich werde keinesfalls danebenstehen und Ihnen bei Ihrem schändlichen Treiben tatenlos zusehen. Kommen Sie morgen zu meiner Bank, und Sie werden das Doppelte von dem erhalten, was Sie bezahlen mussten.“

„Scheren Sie sich zum Teufel, Byfield! Das Mädchen will ich, nicht das Geld!“

„Ich verdreifache die Summe, und Sie können mit dem Geld einen guten Arzt aufsuchen. Das ist es mir wert, wenn ich damit die Seele dieses unschuldigen Kindes retten kann.“ Mit einem traurigen Lächeln streckte der sechste Earl of Byfield seine Hand nach Caroline aus. „Hier, mein Kind. Du kommst mit mir nach Hause, und ich schwöre dir, dass dich nie wieder jemand gegen deinen Willen berühren wird.“

Und jetzt endlich weinte Caroline.

1. KAPITEL

April 1803

Er würde keine Angst haben.

Jeremiah atmete tief ein, legte seine Hand auf die Öffnung der kugelförmigen Laterne und schloss somit die Kerzen darin luftdicht ab. Nachdem der Sauerstoff verbraucht war, begann die Flamme langsam zu flackern und zu schwinden, und die Schatten in dem Schlafgemach wurden größer, länger und dunkler und rückten immer näher auf Jeremiah zu. Er fühlte sein Herz in der Brust schlagen, sein Blut pulsierte heftig, und jeder Muskel in seinem Körper spannte sich an, um ihm die Flucht vor der blinden Panik zu ermöglichen, die ihn überkam und sich seiner bemächtigte wie die Dunkelheit, die sich um ihn herum ausbreitete. Die kleine Flamme flackerte ein letztes Mal und verlosch. Zurück blieben nur der rauchende Funke am Docht und die endlose, stille, ewige Finsternis.

Seine Kehle war wie zugeschnürt, als Jeremiah die Hand hob und verzweifelt den winzigen glühenden Punkt fixierte. Er zwang sich, ruhig zu atmen, und konzentrierte sich mühsam auf dieses letzte Fünkchen Licht. Es war die einzige Möglichkeit, gegen den blindwütigen Schrecken anzukämpfen, der ihn zu ersticken drohte.

Komm zurück. Verflucht, komm zurück! Lass mich nicht allein in der Dunkelheit!

Gütiger Gott, warum hatte er es so weit kommen lassen?

Als ob er ihn gehört hätte, begann der Funke ganz langsam heller zu glühen, kräftiger, bis er wieder zu einer Flamme wurde, die zusammen mit ihrem Spiegelbild im kugelförmigen Glas der Laterne auf und ab tanzte. Jeremiah starrte das Licht noch immer an, unfähig, den Blick abzuwenden. Die Schatten waren jetzt verschwunden, die Dämonen vertrieben. Aber wie lange würden sie ihn verschonen, wie lange würde es dauern, bis er endlich Frieden fand? Mit einem verzweifelten Stöhnen ließ er sich auf das Bett zurücksinken.

Was, zum Teufel, war mit ihm geschehen? Es war nicht immer so gewesen. Er war ein Yankee, geboren auf Rhode Island, er war kein Narr, sondern ein Hochseekapitän. Als er das erste Mal um sein Leben gekämpft hatte, an der Seite seines Vaters im Unabhängigkeitskrieg, war er gerade elf Jahre alt gewesen. In zwei weiteren Kriegen hatte er seinen Mut bewiesen, ob im Kampf mit Säbeln, Pistolen oder den bloßen Fäusten.

Er kämpfte gegen Stürme auf See oder gegen Diebe und Schurken an Land. Gegen wen oder was, interessierte ihn nicht, solange er der Sieger blieb. Sein Zorn war berüchtigt, und sein Mut wurde von keiner Menschenseele angezweifelt. Er war über eins achtzig groß, breitschultrig, und ein Leben voller Anstrengungen hatte seinen Körper gezeichnet, aber auch athletisch und muskulös gemacht.

Niemand, der ihn kannte, wäre jemals auf die Idee gekommen, ihn einen Feigling zu nennen. Niemand hätte es gewagt. Aber er selbst kannte die Wahrheit.

Er, Captain Jeremiah Sparhawk, hatte Angst vor der Dunkelheit.

Er blickte zu dem faltenreichen Damastbaldachin empor und versuchte, den Schrecken niederzukämpfen. Hier war er in Sicherheit, hier, im prächtigen Haus seiner Schwester Désirée außerhalb von Portsmouth. Sie war jetzt eine vornehme Dame, seine Schwester, und verheiratet mit einem englischen Aristokraten, Konteradmiral Lord Jack Herendon. Wenn Jeremiah angestrengt lauschte, konnte er ihre Gäste im Musiksalon unten hören, das Lachen und den Frohsinn, an dem er nicht teilnehmen wollte, weder heute Abend noch an einem der vielen anderen Abende, die vergangen waren, seit er vor vier Monaten hierher gebracht worden war. Aber Désirée hatte ihn herzlich willkommen geheißen, hatte an seinem Bett gesessen, als er unter Schmerzen und Fieber litt, und nicht ein einziges Mal hatte sie nachgefragt, warum er sie immerzu bat, ein Licht über Nacht brennen zu lassen.

In jener Nacht damals hatte der Mond nicht geschienen, und die Sterne hatten nicht geleuchtet. Es war finster gewesen, und man hatte nicht erkennen können, wo der Nachthimmel das Meer berührte. Der heiße Wind, der die „Chanticleer“ ostwärts durch das Mittelmeer getragen hatte, war in der Abenddämmerung plötzlich abgeflaut. Das Schiff lag ruhig im Wasser, und die Männer auf Wache waren schläfrig geworden, wie betäubt durch die warme Luft und den sanften Wellenschlag gegen den Schiffsrumpf.

Aber er war ihr Kapitän. Wenn sie einen Fehler machten, dann war er allein dafür verantwortlich. Er hätte die Gefahr spüren müssen, bevor es zu spät gewesen, bevor der Teufel über ihn gekommen war und ihm die kalte gebogene Klinge erbarmungslos an die Kehle gepresst hatte …

Er schrie auf und schreckte schweißgebadet hoch. Instinktiv griff er sofort nach der Pistole, die unter seinem Kopfkissen lag, zog sie mit beiden Händen hervor und rollte sich auf den Rücken, um sich dem Dämon zu stellen, der es gewagt hatte, ihm hierher ins Licht zu folgen.

„Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie erschreckt habe, Captain Sparhawk“, sagte die Frau, die neben seinem Bett stand, „aber Sie können die Pistole ruhig weglegen.“

Jeremiah starrte sie an und hielt die Waffe noch immer fest umklammert. Er war sich nicht sicher, ob er noch träumte.

„Bitte“, sagte sie sanft. „Ich schwöre, dass ich ungefährlich bin.“

Er erkannte, dass sie nicht so aussah, als entstammte sie einem Albtraum. Ganz im Gegenteil. Sie war so wunderschön, dass es ihn beinahe schmerzte, sie einfach nur anzusehen. Sie war ganz in Weiß gekleidet, von den Silberreiherfedern in ihrem blonden Haar bis zu den zierlichen Schuhen aus weißem Satin. Kein Teufel also. Vielleicht ein Engel?

Aber himmlische Engel waren weder männlich noch weiblich, und die Art und Weise, wie sich die weiße Seide ihres Kleides um die üppigen Kurven ihres Körpers schmiegte, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie ganz eindeutig weiblich war und ganz entschieden von dieser Welt. Sie hatte volle, leuchtend rote Lippen und tiefblaue, weit auseinanderstehende Augen. Sie sah ihn ruhig an und schien sich überhaupt nicht daran zu stören, dass er lediglich eine Hose trug und nichts sonst. Sie wartete ohne ein Anzeichen von Furcht.

Furcht. Gütiger Gott, wie lange war sie bereits hier? Hatte sie ihn etwa in der Dunkelheit schreien hören wie ein verängstigtes Kind?

Er ließ die Pistole langsam sinken, alarmiert durch ihre sanfte Stimme. Er wollte weder Sympathie noch Mitleid, schon gar nicht von einer Frau, die er überhaupt nicht kannte. „Wie sind Sie hier hereingekommen?“

„Auf die übliche Art.“ Jetzt, da er die Waffe nicht mehr auf sie gerichtet hatte, trat sie näher. Die Diamanten an ihren Armbändern funkelten im Licht der Kerze. „Durch die Tür.“

Er hatte vergessen, sie abzuschließen, und ärgerte sich nun über sich selbst. War er schon so alt, dass er unvorsichtig wurde? „Dann können Sie ja auf die gleiche Art wieder verschwinden. Gehen Sie, und lassen Sie mich in Ruhe!“

Sie schüttelte bedächtig den Kopf, wobei der Federschmuck in ihrem Haar sanft an den Bettvorhängen entlangstrich. Sie war nun nahe genug, dass er ihren Duft riechen konnte, Jasmin und Moschus, und obwohl er in Ruhe und allein gelassen werden wollte, fühlte er seinen Blick unwiderstehlich von den weichen, runden Formen ihrer Brüste angezogen. Es ergab keinen Sinn. Warum war sie hier, zum Greifen nahe? Seit er nach England zurückgebracht worden war, hatte er keine Frau mehr gehabt. Jetzt erinnerte ihn sein Körper nur allzu deutlich daran, dass er sich lange genug geschont und enthaltsam gelebt hatte.

„Madam.“ Er zwang sich dazu, ihr wieder in die Augen zu sehen. Ob sie nun attraktiv war oder nicht, er konnte keine amourösen Abenteuer gebrauchen, nicht jetzt, da sein Leben in solcher Unordnung war. „Hören Sie! Dort, von wo ich herkomme, Madam, betritt eine Dame nicht einfach so das Schlafzimmer eines Mannes ohne ausdrückliche Aufforderung. Tut sie es dennoch, dann kann man sie in der Regel kaum als eine Dame bezeichnen. Werden Sie nun endlich gehen, oder soll ich Sie persönlich hinausbefördern, sodass die ganze Welt es erfährt?“

Sie hob plötzlich gebieterisch das Kinn, und er erkannte, dass sie älter war, als er zunächst angenommen hatte. Ganz offensichtlich war sie kein junges Mädchen, das sich in der Kunst der Verführung versuchte. „Sie sollten nicht so plumpvertraulich mit mir reden. Ich bin die Countess of Byfield.“

„Zum Teufel“, entgegnete er finster. „Ich bin Captain Sparhawk aus Providence, und meiner Meinung nach ist das viel beeindruckender. Immerhin habe ich mir meinen Titel selbst verdient.“

„Das habe ich auch.“ Sie lächelte ihn unerwartet offenherzig an. „Verzeihen Sie mir. Ich vergaß, dass Sie Amerikaner sind und nicht viel übrig haben für Adelstitel. Vielleicht ist es am besten, wenn Sie Caro zu mir sagen.“

„Ich werde überhaupt nichts zu Ihnen sagen“, gab er unfreundlich zurück. „Ich bin müde und möchte schlafen. Ich sage Ihnen höchstens ‚Gute Nacht‘, und dann gehen Sie wieder hinunter zu meiner Schwester und Ihren anderen Freunden.“

„Die meisten sind nicht meine Freunde.“ Kurz entschlossen setzte sie sich auf den Rand seines Bettes und neigte sich ihm zu. Mit ihren blauen Augen musterte sie sein Gesicht. „Ich gehe nur selten aus, wissen Sie, und Ihre Schwester kenne ich nicht sehr gut. Ich bin Ihretwegen gekommen, Captain Sparhawk, nur Ihretwegen, und jetzt, da ich Sie gefunden habe, werde ich Sie nicht so einfach wieder verlassen.“

„Sie sind meinetwegen gekommen?“, wiederholte er leise und blickte auf ihre geöffneten Lippen. Der Stoff ihres Handschuhs streifte unmerklich seine Hand und ließ die Haut seines Arms vor Erregung kribbeln. „Wegen eines raubeinigen Yankee-Kapitäns mit grauen Strähnen im Haar?“

Sie lächelte wieder. „Sie sind noch nicht so alt, Captain, und ich bin nicht mehr so jung. Ich denke, wir zwei könnten irgendwo dazwischen zusammenfinden.“

Ihr Duft wirkte wie ein Rauschmittel auf seine Sinne, reizte sie so sehr, dass er bereits glaubte, sie schmecken zu können. Er wusste, dass sie auf einen Kuss wartete. In seiner Jugend hatte er das immer wieder erlebt. Ob Barmädchen oder Gräfinnen, Frauen drückten ihre Gefühle und Wünsche immer auf die gleiche Weise aus. Es würde so einfach sein, sie in seine Arme und auf das Bett zu ziehen, sich ganz dem zarten und lustvollen Vergnügen hinzugeben, das sie ihm bieten könnte.

So einfach, und auch so verkehrt. Nur weil sie durch seine Unachtsamkeit den unverschlossenen Raum hatte betreten können, verdiente sie noch lange keinen Platz in seinem Leben, nicht einmal einen Platz in seinem Bett.

Er rückte von ihr ab und widmete seine Aufmerksamkeit der Pistole, die er wieder unter das Kopfkissen schob. „Es ist schon spät, Madam. Gute Nacht.“

Er hörte sie seufzen und spürte an der Bewegung der Matratze, dass sie sich vom Bett erhob. „Jack hat mich vor Ihnen gewarnt“, sagte sie resigniert. „Aber ich hatte gehofft, dass Sie dennoch bereit dazu wären …“

„Bereit wären zu was?“, fragte Jeremiah. Die demütigende Antwort fiel ihm sofort selbst ein. Sein Schwager war so hoffnungslos abhängig von Désirée und ihrer Liebe, dass er glaubte, Liebe allein würde jeden anderen Menschen ebenfalls glücklich machen. Wie oft schon hatte Jack ihn dazu gedrängt, sich selbst eine Herzdame zu suchen? „So wahr mir Gott helfe, wenn Herendon Sie dazu angestiftet hat …“

„Wovon reden Sie da?“, fuhr sie ihn scharf an.

„Sie wissen verdammt genau, wovon ich rede! Was hat Ihnen Jack vom armen, alten, kränklichen Jeremiah erzählt? Hat er Ihnen gesagt, dass ich einsam bin und mich über die Gesellschaft jeder Frau freuen würde, die auch nur einen Anflug von Interesse an mir zeigt?“

Im Schein der Kerze funkelten ihre Augen genauso hell wie ihre Diamanten. „Er erzählte mir, dass Sie stolz seien und leicht erregbar, aber, meine Güte, ich hätte niemals daran gedacht, dass er das so gemeint hat!“

„Sie sind aber trotzdem gekommen, nicht wahr?“ Jeremiah stemmte sich vom Bett hoch und bemerkte, wie sich ihre Augen weiteten, als er kurz darauf in voller Größe vor ihr stand und sie überragte, und wie sie seine frische Narbe anstarrte, die in einem gezackten Muster über seinen Oberkörper verlief. „Bin ich denn als Fremder, als Amerikaner, eine solche Kuriosität, dass man mich gleich verführen will?“

„Verführung!“ Sie warf den Kopf zurück und begann zu lachen. „Sie glauben, ich sei gekommen, um Sie zu verführen?“

Er war nicht zu Scherzen aufgelegt und hatte es darüber hinaus noch nie leiden können, ausgelacht zu werden, schon gar nicht von einer so hübschen Frau. „Natürlich, welchen Grund könnten Sie sonst haben, hier so dreist einzudringen, während ich schlafe?“

„Sie ließen mir keine andere Wahl.“ Mit hoch erhobenem Kopf blickte sie ihn aufmerksam an. „Sie verlassen niemals dieses Haus. Wie hätte ich Sie also sonst treffen können?“

„Nun haben Sie mich ja getroffen, direkt in meinem Bett, nicht wahr?“

„Sie glauben wirklich, ich wollte Sie verführen“, stellte sie ungläubig fest und sah ihm in die Augen. „Meine Güte, ich wüsste nicht einmal, wie ich so etwas anfangen sollte.“

„Ungefähr so.“ Er streckte den Arm nach ihr aus und zog sie an sich, ehe sie protestieren konnte. Ihren leisen Aufschrei erstickte er mit einem Kuss. Er würde ihr zeigen, dass er nicht irgendein lächerlicher, wilder Amerikaner war. Er würde ihr beweisen, dass er ihr Mitgefühl nicht brauchte. Sie schmeckte genauso verlockend, wie er es sich erhofft hatte, und mit einem tiefen Seufzer ließ er seine Hand über ihren warmen, zarten Körper abwärtsgleiten bis zu ihrer Hüfte.

Aber für eine Frau, die so unverfroren gewesen war, ihn bis ins Schlafzimmer zu verfolgen, schien sie nun reichlich zurückhaltend zu sein. Sie lag steif in seinen Armen, ihre Hände ruhten fast abwehrend auf seiner Brust, und obwohl sie die Lippen leicht geöffnet hatte, wartete sie auf seine Initiative. Waren die englischen Männer so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihre Frauen zu sehr vernachlässigten? Denn ganz offensichtlich war diese Frau reichlich unerfahren.

Zärtlicher und intensiver liebkoste er nun ihre Lippen und erforschte sanft die empfindlichsten Stellen ihres Mundes, bis sie seine Leidenschaft erwiderte, zögernd erst, dann mit zunehmender Begierde. Sie legte ihm die Hände in den Nacken und zog seinen Kopf näher zu sich heran. Ihre Reaktion ließ ihn seine Wut augenblicklich vergessen, und ein neues Gefühl breitete sich in ihm aus. Nach der langen Zeit der Enthaltsamkeit traf ihn sein großes Verlangen wie ein Blitz. Countess hin oder her, womöglich wäre es doch keine so schlechte Idee, sich das zu nehmen, was sie zu bieten hatte. Er presste sie an sich, und als er ihr zufriedenes Seufzen hörte, wusste er, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie.

Aber plötzlich riss sie sich von ihm los und schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht.

Er sah sie fassungslos an. „Was, zum Teufel, soll denn das?“

„Sie … wir hätten uns nicht küssen sollen“, stieß sie atemlos hervor. Ihr Gesicht war gerötet, und ihre Lippen schimmerten noch feucht von dem Kuss. Ihre Frisur war in Unordnung geraten und ihr Federschmuck verrutscht. „Es war ein Fehler.“

„Mir schien es absolut kein Fehler zu sein.“ Seltsam, aber er war ihr nicht wirklich böse. Enttäuscht, das schon, aber nicht böse.

„Nein, Sie verstehen mich nicht.“ Sie senkte den Blick und rieb sich nervös die Hände. „Sie verstehen überhaupt nichts.“

„Das haben Sie richtig erkannt.“ Er setzte sich schwerfällig auf die Bettkante und rieb sich das Gesicht. Eines ihrer Armbänder hatte ihn am Kinn getroffen, und er wusste schon jetzt, dass er am nächsten Morgen einen blauen Fleck haben würde. „Was Sie sagen, ergibt wenig Sinn, meine Liebe.“

„Das ist immer so, wenn ich verwirrt bin.“ Sie spielte am Verschluss ihres Armbandes herum, während sie sich bemühte, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. „Frederick sagt, das sei eine meiner Schwächen, und er hat sich schon reichlich angestrengt, mich davon zu befreien.“

Sie erklärte nicht, wer Frederick war, obwohl Jeremiah darauf wartete. Höchstwahrscheinlich war er ihr Ehemann. Wenn sie eine Countess war, dann musste es ja auch irgendwo einen Count, nein, einen Earl geben. Aber wer Frederick auch immer sein mochte, Jeremiah würde sich eher die Zunge abbeißen, als nach ihm zu fragen.

„Sagen Sie nichts“, entgegnete er stattdessen. „Die Liste all Ihrer Schwächen ist bestimmt so lang wie mein ausgestreckter Arm.“

„Nein, Captain, das ist sie nicht, auch wenn Sie noch so sehr davon überzeugt sind.“ Sie schloss kurz die Augen und seufzte. „Gute Nacht also, und verzeihen Sie die Störung.“

„Das ist alles?“

„Das ist alles, ja.“ Sie zuckte die Schultern. „Ich habe uns beiden heute Nacht schon genug Ärger gemacht, finden Sie nicht?“

Er ergriff ihren Arm, als sie sich zur Tür wandte, und spürte, wie seine Berührung ihr Herz schneller schlagen ließ. „Sie können jetzt nicht gehen.“

Sie sah seine Hand strafend an, bevor sie ihm in die Augen blickte. „Warum denn nicht? Seit ich hier bin, haben Sie mich pausenlos aufgefordert zu verschwinden.“

„Hören Sie doch, Madam, unten ist alles ruhig. Es muss bereits nach Mitternacht sein.“

„Ich finde schon allein den Weg hinaus. Ich bin nicht ganz so hilflos, wie Sie vielleicht denken. Meine Kutsche wartet am Fuße des Hügels.“

„Nun, Sie werden auf keinen Fall allein gehen.“ Er ließ ihren Arm los, griff nach seinem Hemd und zog es rasch an.

„Glauben Sie mir, diese plötzliche Ritterlichkeit ist wirklich nicht nötig“, sagte sie abwehrend. „Ich komme ganz gut allein zurecht.“

„Oh, sicher, das glaube ich sofort.“ Er zog seinen Mantel an, ohne sich mit Weste oder Hut aufzuhalten, und strich sich mit der Hand das Haar nach hinten. „Und missverstehen Sie das nicht als Ritterlichkeit. Wenn man Sie morgen früh mit durchschnittener Kehle und ausgeraubt im Unterholz findet, dann möchte ich nicht der Letzte gewesen sein, der Sie lebend gesehen hat.“

Sie hüstelte verlegen, und er lächelte. Wenn sie nicht versuchte, die große Dame zu spielen, war sie ihm schon viel sympathischer. Falls es sich ergab, würde er sie vielleicht noch einmal im Mondschein bei ihrer Kutsche küssen.

Nein, ritterlich war er eigentlich überhaupt nicht.

Er nahm die Laterne von dem Tisch neben seinem Bett, zögerte kurz, dann zog er mit raschem Griff die Pistole unter dem Kissen hervor und schob sie in seine Manteltasche. „Also los, gehen wir, Madam.“

„Wenn Sie es nicht über sich bringen, mich Caro zu nennen, dann müssen Sie mich mit ‚Lady Byfield‘ anreden“, sagte sie gereizt, während sie ihm folgte. „‚Madam‘ gefällt mir nicht.“

„Ob es Ihnen nun gefällt oder nicht, so redet man die Damen in meiner Heimat an“, entgegnete er trocken. „Wegen solcher und ähnlicher Dinge haben wir einen Krieg gegen Ihr Land geführt.“

Sie antwortete nicht, aber es machte ihm nichts aus, solange sie sich nur ruhig verhielt und nicht die übrigen Bewohner des Hauses aufweckte. Er hatte keine Lust, mitten in der Nacht seiner Schwester oder gar seinem Schwager die Situation erklären zu müssen. Am nächsten Morgen würde er sicherlich ein paar ernste Worte mit Jack wechseln, aber nicht jetzt, da sie noch anwesend war.

Der lange Korridor, der zur Haupttreppe führte, war dunkel, und die Kerze warf nur ein schwaches Licht. Jeremiah hielt die Laterne etwas höher und zwang sich dazu, seine Unsicherheit zu bekämpfen, die sich so leicht in Furcht verwandelte. Er war schon hundertmal, nein, tausendmal bei Tageslicht durch diesen Korridor gelaufen, ohne sich bedroht zu fühlen. Warum also sollte es in der Dunkelheit der Nacht anders sein?

Er spürte, dass die Frau an seiner Seite zögernd nach seinem Arm griff, und er strich selbstsicher über ihre Hand, um sie zu beruhigen. Es war schon viel Zeit vergangen, seit er das letzte Mal bei einer Frau gewesen war, aber noch viel länger war es her, seit eine Frau bei ihm Schutz und Trost gesucht hatte. Er lächelte verdrießlich. Was würde sie wohl tun, wenn sie die Wahrheit über ihren traurigen Helden wüsste?

Nachdem sie das Haus verlassen hatten, eilte sie die Steinstufen hinab, ohne auf ihn zu warten. Ihr weißes Kleid schimmerte im Mondlicht. Er folgte ihr langsam, denn seine Wunde schmerzte ihn immer noch, wenn er sich hastig bewegte, und er hatte nicht die Absicht, in ihrer Gegenwart zu keuchen und zu stöhnen wie ein alter Mann.

Es war Vollmond, und der weite Rasen um das Haus herum war so deutlich zu erkennen wie bei Tage. Jeremiah entspannte sich. Hier gab es keine Dämonen, hier gab es nur ihn und diese elfenhafte Countess. Der Kies unter ihren Füßen knirschte, und mit einer abfälligen Bemerkung auf den Lippen trat sie auf den Rasen.

„Sie werden Ihre Schuhe ruinieren“, warnte Jeremiah sie, als er sich ihr näherte. „Das Gras ist schon feucht vom Tau.“

„Das ist mir egal.“ Sie blieb stehen und wartete auf ihn. „Ich sehe es überhaupt nicht ein, nur deshalb keine Wiese zu betreten, weil Damenschuhe so unpraktisch sind. Natürlich stört es Frederick, aber ich habe als Kind auf dem Land gelebt, und wenn es nach mir ginge, würde ich ganz ohne Schuhe, Strümpfe und Strumpfbänder gehen.“

„Dann ziehen Sie sie doch aus! Was hindert Sie daran?“ Für eine Nacht im April war es ungewöhnlich warm. Darüber hinaus gefiel Jeremiah die Vorstellung, dass sie etwas tat, worüber sich dieser Frederick aufregen könnte.

Sie lächelte ihn an. „Eigentlich könnte ich es tun, oder?“

„Natürlich können Sie“, entgegnete er leichthin. „Ich werde es auch nicht weitererzählen.“

„Dann werde ich es tun.“ Wie es sich gehörte, wandte sie sich von ihm ab, bevor sie ihren Rock hob. Als sie sich aber vorbeugte, um die Strumpfhalter zu lösen, bauschte sich das weiße Seidenkleid auf eine Art und Weise über ihren Hüften, die so reizend und einladend wirkte, dass Jeremiah diesen Anblick sehr viel herausfordernder fand, als der ihrer nackten Knöchel es jemals hätten sein können. In seiner Jugendzeit hatten sich die Frauen hinter Bergen von Unterröcken und Stoffschichten versteckt, die offenherzige Mode von heute allerdings schien überhaupt keine Scham mehr zu kennen. Und diese Frau vor ihm hätte einen Heiligen in Versuchung geführt.

Rasch wandte er den Blick von ihr ab und sah hinauf zu den Sternen. „Ich bin auch auf dem Land aufgewachsen, und wir trugen von Mai bis September niemals Schuhe, außer wenn uns Großmama sonntags für die Kirche anzog.“

„Auf einer Farm?“, fragte sie interessiert. Sie hatte sich wieder aufgerichtet, und während sie beide gemeinsam den Hügel zum Tor und zur Straße weiter abwärtsgingen, konnte er sie wieder in Ruhe betrachten. Im Licht der hin und her schwingenden Laterne bemerkte er, dass ihre nackten Zehen unterhalb des Rocksaums etwas hervorragten. In der einen Hand hielt sie ihre Schuhe, in der anderen ihre feinen Seidenstrümpfe. „Ich habe Farmen immer schon geliebt.“

„Es war genau genommen eine Plantage.“

„Eine Plantage? Die muss ja reichlich groß gewesen sein.“

„Für Rhode Island war sie das auch“, stimmte er zu und erinnerte sich an das letzte richtige Zuhause, das er gehabt hatte, bevor er zur See fuhr. „Mein Großvater hat mit Kaperfahrten ein Vermögen verdient, und die Hälfte davon muss er allein schon für das Haus ausgegeben haben. Aber ich denke, der Landsitz einer Countess wird noch wesentlich prachtvoller sein.“

„Ja“, sagte sie leise, „für eine richtige Countess wird das wohl zutreffen.“

„Sie werden das besser beurteilen können als ich.“ Die Sehnsucht in ihrer Stimme war nicht zu überhören, aber er wusste nicht, was sie zu bedeuten hatte. Er fuhr mit den Fingern sanft über ihren Arm, und sie blickte ihn an. „Warum wollten Sie mich eigentlich sehen, Caro? Sie sind doch nicht ohne Grund gekommen.“

Sie runzelte die Stirn, als sie bemerkte, dass er schließlich doch noch ihren Vornamen benutzte, und strich gedankenverloren über die Stelle ihres Armes, die er berührt hatte.

„Es spielt keine Rolle mehr“, antwortete sie dann rasch. „Ich dachte, wir könnten uns gegenseitig helfen, aber das war wohl eine törichte Idee. Nun werde ich Sie ja nie mehr wiedersehen, daher ist das jetzt alles völlig unwichtig. Sehen Sie, da vorn steht meine Kutsche, gleich hinter dem Tor. Sie müssen mich nicht weiter begleiten.“

„Nicht doch.“ Er streckte die Hand nach ihr aus, doch sie entzog sich ihm. „Verdammt, ich sagte, ich bringe Sie bis zu Ihrer Kutsche!“

„Und ich sagte, dass das nicht notwendig sei. Gute Nacht, Captain Sparhawk, und leben Sie wohl!“

Sie drehte sich um und ging mit nackten Füßen eilig davon. Er rief ihren Namen, aber sie blickte nicht mehr zurück, und so ließ er sie gehen. Sie hatte recht: Höchstwahrscheinlich würden sie sich nie wiedersehen. Sie war eine englische Countess, und er war ein amerikanischer Schiffskapitän, und in acht Tagen, spätestens in zwei Wochen, würde er nach Rhode Island zurückkehren, um wieder Ordnung in sein Leben zu bringen.

Er sah sie durch die Tür neben dem großen Eingangstor verschwinden und musste unwillkürlich lächeln, als er an ihre nackten rosafarbenen Zehen dachte. Er hoffte, Frederick würde ihr nicht die Hölle heiß machen, wenn sie nach Hause kam. Dieser Mann sollte gefälligst besser auf seine Frau aufpassen.

Aber dennoch wünschte sich Jeremiah, dass sie noch etwas länger bei ihm geblieben wäre.

2. KAPITEL

Caro rutschte über das feuchte Gras und wollte schon einen Fluch ausstoßen, doch im letzten Augenblick zügelte sie ihr Temperament und unterließ es. Seit Jahren bemühte sie sich, nicht mehr zu fluchen. Es war eine ihrer schlechten Angewohnheiten gewesen, die sie Frederick zuliebe hatte aufgeben müssen. Damen fluchten nicht, und sie war eine Dame, eine Countess, die Frau eines Peers des englischen Königreichs.

Aber gewöhnlich ließen sich Damen auch nicht von fremden Männern küssen. Jetzt erst wurde ihr bewusst, was sie da getan hatte: Sie hatte sich in das Schlafzimmer eines Mannes geschlichen, den sie nicht kannte, und dann nicht einmal den Mut besessen, ihr Anliegen vorzutragen. Stattdessen hatte sie sich amüsiert und gelacht und wie ein Mädchen von der Straße benommen.

Es spielte überhaupt keine Rolle, dass sie mit den besten Absichten hierhergekommen war. Sie schuldete Frederick einfach mehr Loyalität. Er hatte sie umsorgt und geliebt, er hatte sie erzogen und ihr eine Welt eröffnet, die jenseits ihrer eigentlichen Herkunft lag, und schließlich hatte er sie zu seinesgleichen gemacht, indem er ihr seinen Namen und seinen Titel schenkte. Sie konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als die Frau eines solch großherzigen und vornehmen Mannes zu sein. Sie liebte ihn so sehr wie noch keinen anderen Menschen zuvor. Bis zum heutigen Tag hatte sie geglaubt, dass ihre Liebe groß genug und ausreichend wäre.

Aber, gütiger Himmel, sie war es nicht. Heute war sie auf die Probe gestellt worden, und es hatte sich gezeigt, dass sich ihre Liebe nicht mit der seinen messen konnte.

Vor ihr, im Schatten, wartete die Kutsche, das aufgemalte Wappen der Byfields war kaum zu erkennen. Die Pferde waren ausgeschirrt und grasten, aber von ihrem Kutscher oder ihrem Diener konnte sie keine Spur entdecken.

„Ralston?“, rief sie beunruhigt. Sie berührte eines ihrer Armbänder und erinnerte sich an das, was Captain Sparhawk gesagt hatte. Sie glaubte zwar nicht, dass das Grundstück eines Admirals Straßenräuber und Halsabschneider anlocken würde, aber hier auf der Portsmouth Road fühlte sie sich nicht mehr so sicher. „Ralston, wo stecken Sie?“

„Und wo hast du gesteckt, meine liebe Tante?“, fragte der junge Mann, der plötzlich hinter der Kutsche hervortrat. „Ich muss dir wohl nicht sagen, wie lange ich hier schon auf dich warte!“

„Wie schade, dass du völlig umsonst so lange warten musstest, George“, erwiderte Caro scharfzüngig und drückte sich an ihm vorbei zur Kutschentür. „Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Wenn du dich aber weiterhin so unverschämt und aufdringlich benimmst, dann muss ich mich wohl an Lord Byfields Rechtsanwalt wenden.“

„Ein Rechtsanwalt, Tantchen?“, sagte der junge Mann, als er sich gegen die Kutsche flegelte und sein Bein quer vor die Tür stellte, um ihr den Zutritt zu verwehren. Er trug einen Hut mit breiter Krempe, den er tief ins Gesicht gezogen hatte, sodass Caro seine Augen nicht sehen konnte. Aber sein freches Grinsen sagte bereits alles. „Das wäre aber äußerst bedauerlich, selbst für dich.“

„Vielleicht sollte ich Mr Perkins tatsächlich verständigen und Anklage gegen dich erheben lassen“, erwiderte sie mit wachsendem Zorn. „Es gibt doch sicher Gesetze gegen diese Art von Belästigungen.“

„Wie unschön, Tantchen, wie grausam!“, entgegnete er spöttisch. „Und was ist mit den Gesetzen gegen Ehebruch? Gesetze, die Ehemänner davor schützen, von ihren Frauen Hörner aufgesetzt zu bekommen?“

Sie schnappte nach Luft. „Wie kannst du es wagen, Frederick und mich so zu diffamieren!“

„Wie ich es wagen kann? Die Frage müsste wohl eher lauten, wie du es wagen kannst!“ Er grinste breit, als er die Arme vor der Brust verschränkte, und das Mondlicht sich in der Doppelreihe seiner polierten Mantelknöpfe spiegelte. „Oh, ich gebe zu, dass du äußerst diskret gewesen bist. In den vergangenen Monaten gab es nicht das kleinste Anzeichen für einen Skandal. Bis zu dieser Nacht, natürlich. Deine Schuhe in der Hand, deine Beine nackt, dein Kopfschmuck verrutscht – was für einen Klatsch ich morgen bei Lady Carstair verbreiten kann! Ich hätte nicht gedacht, dass du es fertigbringst, den ehrenwerten Admiral Lord Jack zu verführen, aber andererseits ist seine Frau ja schon wieder guter Hoffnung. Du selbst hast ja, sehr zu meiner Freude, niemals irgendwelche Absichten in dieser Art gehabt.“

Caro unterdrückte einen Schrei, ließ ihre Schuhe achtlos fallen und warf sich nach vorn. Sie wollte ihn so sehr verletzen, wie er sie verletzt hatte. Schlimm genug, dass er sie für Jack Herendons Geliebte hielt, aber die höhnische Bemerkung über ihre Kinderlosigkeit hatte sie tief ins Herz getroffen.

Georges Reflexe jedoch waren nicht durch Zorn beeinträchtigt, und so fing er ihre Hände geschickt ab, bevor sie mit den Fingern seine Augen erreichen konnte. Im nächsten Moment wirbelte er sie herum und presste sie mit dem Gewicht seines Körpers gegen die Kutsche.

„Das Erbteil einer Witwe ist doch gar nicht so schlecht, Caro“, sagte er und holte keuchend Luft, als sie sich gegen ihn wehrte. „Und wenn du erst einmal verwitwet bist, wird kein Mensch etwas dagegen haben, dass du dir Liebhaber nimmst. Ein Wort von dir genügt, und die Sache ist erledigt. Es ist doch so einfach für dich, deine Freiheit zu erlangen und den alten Bastard los zu sein.“

„Du bist der Bastard, George, nicht Frederick!“ Wütend stemmte sie sich gegen ihn. „Ralston!“

„Spar dir deinen Atem, Caro. Ich habe beide mit einer Flasche Rum weggeschickt, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.“

Sie funkelte ihn an. „Dazu hattest du kein Recht! Sie sind meine Diener, nicht deine!“

„Aber wie lange noch?“ Er drückte sich näher an sie heran, nahe genug, dass sie auch in seinem Atem Rum riechen konnte. „Verwitwet oder nicht, Tantchen, du bist noch nicht zu alt, um vielleicht auch mir zu Diensten zu sein. Es wird Zeit, dass du in den Genuss eines jungen Mannes kommst, der weiß, wonach sich Frauen sehnen.“

Caro starrte ihn sprachlos an, wie betäubt von dem, was er da gerade gesagt hatte.

Er lächelte, weil er ihr Schweigen für Zustimmung hielt, und beugte sich vor, seinen Mund gefährlich nahe an ihren Lippen. „Nur ein Wort von dir, meine Liebe, und wir beide werden zufrieden sein. Du wirst sehen, dass ich sowohl mit meinem Gold als auch mit meiner Gesellschaft sehr großzügig sein kann.“

„Du bist widerlich.“ Sie spuckte ihm die Worte förmlich ins Gesicht. „Lass mich sofort los!“

„Noch nicht, Caro, nicht bevor …“

„Sie haben die Lady gehört“, sagte Jeremiah, dessen Stimme Caro gleich erkannte. „Lassen Sie sie gehen! Auf der Stelle!“

George drehte sich um und suchte in der Dunkelheit nach dem Mann, der gerade gesprochen hatte. „Was, zum Teufel …“

Jeremiah trat vor. Im Mondlicht wirkte er auf Caro wie ein Riese. Seine Körpergröße wurde durch die Schatten um ihn herum noch betont, und sein dichtes schwarzes Haar hing um sein scharf gezeichnetes Gesicht bis auf die Schultern hinunter. Er stand breitbeinig und mit angespanntem Körper kampfbereit vor ihnen, sodass die Pistole in seiner Hand beinahe überflüssig erschien. In ihrer kleinen, behüteten Welt hatte sie niemals einen Mann wie diesen kennengelernt, und die Erinnerung an ihren Kuss ließ sie erröten. Wenn George jemals erfuhr, was sie getan hatte – wie schamlos und niederträchtig würde er dieses Wissen gegen sie verwenden!

„Hören Sie“, stieß George ungeduldig und erzürnt hervor, „dies ist eine Privatangelegenheit zwischen Caro und mir, und wer auch immer Sie sein mögen, es geht Sie überhaupt nichts an!“

„Ich sagte, Sie sollen die Lady gehen lassen“, erwiderte Jeremiah mit tiefer Stimme. „Ich bin nicht sehr geduldig.“

„Hör auf ihn, George“, flüsterte Caro laut genug, dass Jeremiah es verstehen konnte. „Er hat eine Pistole, und ich habe keine Lust, nur wegen deines Dickschädels von irgendeinem Straßenräuber erschossen zu werden. Wahrscheinlich sind wir sogar schon von seinen Kumpanen umzingelt.“

Ein Straßenräuber? dachte Jeremiah verwundert. Kumpane? Was, zum Teufel, heckte sie jetzt aus?

„Ein Straßenräuber!“ Georges Stimme wurde schrill. Er ließ Caro los, ohne den Blick von Jeremiah und dessen Pistole abzuwenden.

Caro streifte ihre Armbänder ab und wandte sich mutig an Jeremiah. „Hier, Sir, sie gehören Ihnen, und meine Ohrringe auch, wenn Sie sie wollen. Ich weiß, Sie könnten sie sich mit Gewalt nehmen, aber ich hoffe, Sie verschonen mich und meinen – meinen Begleiter, wenn ich Ihnen alles freiwillig gebe.“

Jeremiahs Verblüffung wuchs. Er hatte geglaubt, sie vor den Zudringlichkeiten irgendeines Rüpels zu retten, und doch schützte sie diesen Mann nun vor ihm. Jeremiahs Einschätzung nach hatte er das keineswegs verdient: ein stutzerhaft gekleideter, jämmerlicher Engländer, der so feige war, dass er sich von einer Frau verteidigen ließ. Aber was sollte dieser ganze Unsinn mit Straßenräubern und ihren Armbändern?

„Entschuldigen Sie, Madam“, begann er, „aber ich …“

„Oh, bitte, Sir, bitte!“, flehte sie mitleiderregend. „Urteilen Sie nicht vorschnell!“

Jeremiah schüttelte verwirrt den Kopf. Er kam sich vor wie auf einer Theaterbühne in London, nicht wie auf der Straße nach Portsmouth. Er hörte ein Geräusch in den Büschen und erblickte zwei Männer in Livree, die im Schatten kauerten. Er winkte ihnen rasch zu, sich zu den beiden anderen zu stellen. Ganz egal, was die Frau nun tatsächlich vorhatte, sie hatte ihm keine andere Wahl gelassen, als zunächst auf ihr Spiel einzugehen.

George bedachte die beiden Diener mit einem spöttischen Blick. „So also zeigt ihr eure Loyalität zu Lady Byfield? Ihr lasst sie einfach im Stich?“

„Aber, Sir“, protestierte Ralston, „genau das wollten Sie doch von uns!“

„Ruhe jetzt, ihr Dummköpfe“, befahl Caro, und ihr zorniger Blick schweifte von George zu Ralston und wieder zurück, „oder ich lasse euch alle hier bei ihm zurück.“

„Du solltest nicht mit Schurken wie diesem verhandeln, Caro“, meinte George abfällig. „Das gehört sich nicht.“

„Ich tue, was ich tun muss.“ Mit ihrem Schmuck in den Händen, ging sie langsam auf Jeremiah zu.

„Hier, bitte“, sagte sie sanft, und ihre Augen flehten Jeremiah an, die Komödie vor den anderen weiterzuspielen. „Ich hoffe, das ist genug, um für unsere Sicherheit zu garantieren.“

Er nahm den Schmuck aus ihrer Hand und stopfte ihn gespielt lässig in seine Tasche. Er hatte in seinem Leben schon viele Dinge getan und eine ganze Menge vorgetäuscht, aber heute war er zum ersten Mal ein Dieb, und er war nicht ganz sicher, wie er sich dabei verhalten musste. „Der Gentleman hat doch sicher einen Geldbeutel, nicht wahr?“, fragte er schroff. „Und den Ring mit dem geschliffenen Stein da, am kleinen Finger.“

George öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Caro blickte ihn streng an und streckte ihm ihre offene Hand entgegen. „Gib ihn her, George. Und denke daran: Wenn du mir nicht hierhergefolgt wärst und dich eingemischt hättest, wäre all das nicht passiert.“

Mürrisch übergab er Caro seine Geldbörse und seinen Ring, die beides an Jeremiah weiterreichte. „Ich fürchte, das ist alles, Sir“, sagte sie niedergeschlagen. „Oh, bitte, bitte, sagen Sie, dass es ausreicht, um uns gehen zu lassen!“

Obwohl ihre Worte herzzerreißend gewesen waren und selbst den härtesten Stein erweicht hätten, erkannte Jeremiah ein boshaftes, spöttisches Glitzern in ihren Augen, das nur für ihn bestimmt war. Zwar hatte sie diesen George beschützt, aber sie hatte es dennoch sehr genossen, ihm die Geldbörse abzunehmen. Jeremiah war froh darüber, denn dieser Mann war nicht nur ein Narr, sondern auch ein Halunke.

„Oder gibt es noch etwas anderes, das Sie haben wollen“, fuhr sie fort, als er nicht antwortete, „irgendetwas, das Sie gern möchten, damit Sie uns wieder gehen lassen?“

Jeremiah blickte auf sie nieder und bemühte sich, so zu wirken, als ob er lediglich über ihre Bitte nachdächte. Tatsächlich aber fragte er sich, ob sie die Doppeldeutigkeit ihrer Worte beabsichtigt hatte. Ob es noch etwas anderes gab, das er gerne wollte? Er wollte die drei Männer wegschicken und sie hier bei sich behalten. Und sie wieder küssen. Oh ja, das wollte er, obwohl nach dieser albernen Maskerade noch mehr Gründe dagegen sprachen als zuvor. Sie war ein außergewöhnliches, bezauberndes Geschöpf, ohne Frage, und ihm wurde bewusst, dass er durch sie, zum ersten Mal, seit er nach England gebracht worden war, sein eigenes Unglück vergessen hatte.

Ihre Diamanten lagen schwer in seiner Tasche. Zumindest hatte er nun einen Grund, sie wiederzusehen, wenn auch nur, um ihr den Schmuck zurückzugeben. Das machte es ihm leichter, sie jetzt gehen zu lassen.

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