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Die Lachsfischerin/Der Sommer vor meinem Fenster

Über die Autorin

Eeva-Kaarina Aronen, geboren 1948, ist Journalistin bei Finnlands größter Tageszeitung HELSINGIN SANOMAT. Für ihr Debüt Die Lachsfischerin hat sie begeisterte Kritiken erhalten. Ihr zweiter Roman Der Sommer vor meinem Fenster wurde für den renommierten Runeberg-Literatur-Preis nominiert. Eeva-Kaarina Aronen lebt mit ihrer Familie in Helsinki.

Eeva-Kaarina Aronen

Die Lachsfischerin
&
Der Sommer
vor meinem
Fenster

Roman

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

BASTEI ENTERTAINMENT

Die Übersetzerin dankt den Mitgliedern des Internet-Fliegenfischerforums für ihre Hilfe bei der Gestaltung des korrekten Sprachgebrauchs in Sachen Fliegenfischen und Fliegenbinden (bei der Lachsfischerin).

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Am Anfang war der Fluss, war schon vor sehr langer Zeit da, lange bevor die Frau, von der diese Geschichte berichtet, mit der Angelrute in der Hand an seinem Ufer stand.

Der Fluss. Hören Sie: Seine Quellen verbergen sich fern im Osten, im östlichsten Winkel der Provinz Kainuu, und von dem blauen Juortana-Ödwaldgebiet reichen sie im Osten bis Weißmeer-Karelien, umarmen von dort aus die Mutter Russlands, die Wolga, und verlaufen als mächtiger Strom hinunter bis nach Mittel-Asien und zur Seidenstraße.

Im Westen wechselt er viele Male den Namen, während er sich quer über die Taille Finnlands und ins Meer ergießt, aber da er anfangs Juortananjoki heißt, ist er der Jordan, der heilige Fluss des erwählten Fischervolkes.

Bei der Stadt Kajaani heißt er natürlich Kajaaninjoki. An seinem Ufer beginnt und endet diese Geschichte.

Der Jordan wurde geliebt, über ihn hinweg wurde Krieg geführt, er wurde besungen, und man sehnte sich nach ihm. Dutzende von Propheten standen in seiner Gischt und verkündigten, dass nach ihnen ein noch größerer Fischer kommen werde.

Und so strömte der Fluss, und die Forelle stieg, und die geteerten Boote schossen den Strom hinab, und auf dem Rückweg zog man sie flussaufwärts, und die endlosen Wälder rauschten.

Die Frau kam und stellte sich ans Flussufer. Benetze einmal die Hände, die Fliegenrute, die Füße, und der Fluss merkt sich: Du bist getauft. Du bist Mitglied eines ewigen Bundes. Das wusste sie; ihr Name war Maria Renfors, und sie glaubte, die Gaben einer Prophetin und Seherin zu besitzen.

Februar 1892. Das ist ein guter Ausgangspunkt für den Beginn, obwohl der Monat und das Jahr sich dem Gedächtnis der Renfors’ gar nicht als bedeutungsschwangere Worte einprägten, Worte, die man später mit Nachdruck ausgesprochen hätte: »Der Februar 1892 …«

Eher sagten die Renfors’ so: »Damals, als Maria fortfuhr …«, und: »Damals, als Maria zurückgekehrt war …« Wortreich waren die Erinnerungen dennoch nicht. Diejenigen, die später versuchten, etwas zu fragen, mussten sich mit zerstreuten, zusammenhanglosen Sätzen begnügen, in denen viel Überflüssiges und Irreführendes aufschimmerte, »die schlimmen Jahre«, »als das Haus auf dem Zollfelsen fertig war«, »Agnes’ schreckliche Fehlgeburt so kurz vor der Hochzeit«.

Herman Renfors wusste es am besten, er, der sich selbst und seine Schwester Maria so gut kannte. Die Worte, mit denen Jahr und Monat angegeben werden, sind auf der Zunge schon zu Staub geworden, wenn die Erinnerungen, Reue und Sehnsucht noch als lebendige, geräuschvolle Gäste in die Zimmer eindringen. Wie oft muss man Vergangenes von neuem erleben? Wie oft die Trauer verabschieden?

Wenn man auch den Finger auf die Kalenderseite legen würde – Februar 1892, da begann es! –, hat in Wirklichkeit das, was geschehen ist, seinen Wendepunkt in etwas, von dem wir schon geglaubt hatten, wir hätten es vergessen, etwas, was wir noch nicht sehen, denn alle Zeit atmet mit uns – ich weiß nicht, ob das ein beruhigender oder ein beängstigender Gedanke ist, überlegte Herman im Spätsommer des folgenden Jahres.

Hermann lehnte gegen den Stamm einer Eberesche und sah in der dichter werdenden Dämmerung zu, wie Maria am Ufer der Ämmäkoski-Stromschnelle stand und mit ihrer ältesten Greenheart-Gerte die Black Doctor warf. Die Steigringe der Fische, die den glatten Spiegel des Flusses zerstört hatten, waren längst wieder verlaufen, aber in dem blassen Mondschein machte die Schwester Wurf auf Wurf, und jedes Mal sah Herman, dass ihr linkes Handgelenk seltsam abknickte und die Gerte sich zu langsam bewegte.

Die Rechnung für Paanajärvi muss also noch einmal bezahlt werden, und zum höchsten Preis, dachte Herman. Maria wird nie wieder so werfen können wie früher. Vorsichtig wanderte er über den Uferhang davon, der stattliche Mann, mit hängenden Schultern, eigentümlich gleitend, denn er hoffte, Maria habe ihn bei seiner Spähpatrouille nicht bemerkt.

Wenn Ohta doch sprechen könnte … Hermann wälzte den schon abgewetzten Gedanken im Kopf. Aber nachdem Ohta erschossen worden war, gab es keine Zeugen mehr, keine stummen und keine sprechenden.

Herman, der insgeheim an die Auferstehung und das Himmelreich auch für Tiere glaubte, stellte sich vor, wie er selbst (im weißen Leinengewand, mit einer Krone auf dem Kopf?) unter dem Himmelstor stand und sich mit dem mürrischen Karelischen Bärenhund beriet.

Der Hund würde die Schnauze öffnen, seine Respekt einflößenden Eckzähne entblößen und prusten: »Du, Herman Renfors, möchtest also wissen, was in jener Nacht vor Palmsonntag auf dem Eis des Paanajärvi geschah …«

Auch Anna beschäftigte die Sache, sie machte sich über himmlische Dinge kaum Gedanken, glaubte aber umso fester an Träume und behauptete, mehrmals im Traum nächtliches Eis und darin eine Spalte gesehen zu haben. »Unsinn«, sagte darauf Maria.

Denn über das Thema Paanajärvi wurde nicht gesprochen.

Natürlich bemerkte ich, dass Herman mich beobachtete und erkannte, dass mit meiner Hand etwas nicht in Ordnung war. Was hätte ich sagen sollen? Dass ich mit vierzig Jahren plötzlich ungeschickt geworden bin?

Wir hatten mehr als ein Vierteljahrhundert gemeinsam am Karjaanifluss mit der Fliege gefischt, und von klein auf habe ich diese Art des Fischens besser beherrscht als mein Bruder, ich warf genauer und geschickter. Herman hat nie gelernt, ordentlich Fliegen zu binden.

»She casts a lovely line«, sagte einer von Hermans englischen Gästen, als ich etwa zwanzig war.

Einige Jahre danach brachte Sir Conrad mich in Allcocks Fabrik in Redditch in einem Fliegenbindekurs unter. Damit begann alles – was lange nichts war, obwohl Perlhuhn und Goldfasan sich mir auf die Finger gesetzt hatten und schwarze Seide und gelbe Seide mir über die Nägel glitt, als ich schnell lernte und ebenso gut wurde wie die Landmädchen von Sambourne, die sich über ihre Arbeit beugten, kleine Gottesanbeterinnen. Mar Lodge. Jock Scott. Green Highlander. Silver Blue. Ich war geblendet.

Aber obwohl ich geblendet war und obwohl man mich an die klaren Kalkströme Südenglands mitnahm und ich, während ich dort fischte, aus ebenso lebenden Teilen gemacht war wie die Fliegen, die ich gebunden hatte, war ich dennoch ebenso leblos wie sie.

Hätte ich zu Herman sagen sollen, sieh mal, im Februar vor über einem Jahr … Wie intensiv muss man leben, damit man endlich spürt, dass man wirklich lebt?

Unser gleichförmiges Leben, das regelmäßige Stunden und Tage tickte und dröhnend schlug wie eine gut gepflegte Uhr – im Falle der Renfors’ eine von Jahr zu Jahr prächtigere Wanduhr –, war im Februar 1892 für einen Augenblick stehen geblieben, nicht weil es kaputtgegangen war, sondern weil es ganz neu justiert wurde. Mein Bruder Herman wollte heiraten! Im Alter von dreiundvierzig Jahren schickte er sich an, unser Haus in der Brahestraße zu verlassen und für seine junge Frau und seine künftige Familie auf dem Zollfelsen ein Haus in der Nachbarschaft der neuen Fabrik bauen zu lassen. Die Uhr schlug für Herman die volle Stunde, ein Fest, und dieser Klang war in ganz Kajaani zu hören.

»Ich bin nicht sicher, ob ich sie mag«, sagte Anna und schob ein neues Glasnegativ in einen grauen Briefumschlag. Wir standen im Lagerraum des Fotoateliers über den langen Tisch gebeugt und taten unsere Arbeit, die kein Denken erforderte – wenn man nur den richtigen Namen auf den Umschlag schrieb.

Es war die Veränderung, die Anna nicht gefiel, nicht Hermans Braut Agnes. Jahrzehntelang hatten wir uns im Kreis gedreht wie drei bemalte Uhrenpuppen und die Zeit gemessen. Herman hatte eine solche Uhr auf seiner Reise in Lübeck gesehen, und mir kam der Gedanke, dass sie so war wie unser Leben. Wenn die Uhr schlug, ruckte ihr Werk uns hervor: Zuerst kam Herman hervorgetickt, die Brauen gerunzelt, die große Nase vorgereckt, in seinem dunkelbraunen Anzug mit Weste, in einer Hand ein Marderfell, in der anderen eine Angelrolle aus Messing. Hinter ihm kam gleich Anna in kleidsamer rotblauer Seide (ich hülle sie hier in ein Kostüm, in dem meine große, grobknochige Schwester sehr vorteilhaft wirkt), die Stickarbeit an ihren Fingern festgeklebt.

Und in dem Augenblick, da die Puppen Herman und Anna sich auf ihrem drehenden Untersatz zurück ins Innere der Uhr begeben, gleite ich, Maria, hervor. Ich kleide mich in eine dunkelgrüne Sergejacke mit grünem Samtkragen und Manschetten und den Rock, in dem ich fische. In der Hand halte ich die gespließte Bambusrute von Hardy, die ich von Herman zum letzten Geburtstag bekommen habe. Bei der Bambusrute zögere ich ein wenig. – Sollte die Uhrpuppe jetzt etwas anderes in der Hand halten?

Herman stand mir näher, aber mit Anna verbrachte ich, der Umstände halber, mehr Zeit. An ihr war das Beste, dass ich Raum für meine eigenen Gedanken bekam. Obwohl Anna häufig anwesend war, hatte ich mein eigenes, unsichtbares Revier, in dem ich mich bewegte, ohne dass meine Schwester etwas bemerkte.

Die Eigenheit, die mich an ihr am meisten in Rage brachte: Sie modifizierte alles, was sie erlebt und gelesen hat so, dass es zu ihrer Denkweise passte. Nie verstand sie, wenn ihr etwas begegnete, was ihre Gedanken aus den gewohnten Bahnen werfen, das Fahrwasser aufwühlen konnte.

Nachdem ich aus Paanajärvi und Kuusamo zurückgekehrt war, sagte ich Anna, das größte Ereignis im Leben könne eine bloße Erkenntnis sein. Plötzlich sieht man die Dinge einfach in neuem Licht, und das verändert alles. Anna nickte zerstreut. Sie musste prüfen, was wir dem Landhandel von Sihveri Herman Ervasti in Kuusamo für die Ladung Pelze schuldeten.

Als ich gleich danach wieder krank wurde, zitierte ich von meinem Krankenlager für Anna Mark Aurel: »Ist der Schmerz unerträglich, so führt er den Tod herbei, dauert er fort, so lässt er sich ertragen.«

Anna glaubte, ich spreche von der Pelzbearbeitung. Zu dem Ortspolizeidirektor von Kuusamo, der gekommen war, um mich zu dem Verschwinden zu befragen, sagte sie, ich rede im Fieber irre und man könne mich nicht vernehmen.

Gut so.

So viel zu Zitaten! Es kam der Augenblick, der die Veränderung in Gang setzte, und ich nahm ein irrwitziges Tempo auf, so als führe ich im Schlitten einen vereisten Weg entlang. Sie kündigte sich nicht in den Klängen der Wanduhr im Wohnzimmer an, nein, das geschah im Inneren der Uhr, in ihrer dunklen Höhle, wo ich eine Glasplatte in Händen hielt, die ich gerade in eine große Balgkamera schieben wollte. Ich drückte auf den Auslöser, und unmittelbar danach hörte die Puppenmaschinerie auf, sich zu drehen.

Dann, ganz zum Schluss, begriff ich, dass das Leben gar keine Maschinerie ist, sondern ein großes Wesen, dessen verschiedene Teile die ganze Zeit wachsen und schrumpfen, in unterschiedlichem Tempo. Und über dessen Tun man sich bei niemandem beschweren kann.

Maria sagte sofort, dass sie nach Kuusamo wolle, und ich dachte schon damals, dass ich sie nicht fahren lassen sollte. Das sagte ich auch, aber da schrie sie mit ihrer tiefen Stimme so heftig, dass ich fast erschrak: »Sei still!«

Ich gab also nach, widerwillig, aber wenn ich gewusst hätte, dass es von Kuusamo noch weiter nach Osten gehen würde, hätte ich sie mit Gewalt angebunden, und sei es an den Kachelofen im Wohnzimmer.

Kuusamo stellte für mich immerhin noch eine gewisse Zivilisation dar, gab es dort doch auch richtige Kaufleute – wie naiv doch selbst ein erwachsener Mann sein kann! Denn erst hinter der Grenze öffnete sich der finstere Höllenschlund des Ostens, dessen Herrscher von seinem Thron in St. Petersburg aus mit seiner Zange auch uns Finnen von Jahr zu Jahr schmerzhafter würgte. Ja, schon allein deshalb …

Aber gerade Kuusamo werde ich jetzt bis ans Ende meiner Tage verfluchen, nicht Karelien, denn mit Kuusamo fing alles an, dort waren die Spielkarten schon gezinkt, und am Spieltisch saß ein unschlagbar durchtriebener Spieler.

Die Verhältnisse, von denen Maria sprach, waren von der Art, dass ihr Bruder Herman der geniale Erfinder der Familie war. Nicht nur, dass er Erfindungen machte und seine Fabrik leitete, er stand auch mal in der Stube eines Kätners in Paltamo und bestellte dreißig Paar Skier – und zwar gleich für Oktober, Kemppainen versteht doch? – mal in London oder anderswo und stellte seine Errungenschaften vor. Der »Kajana-Spinner« verbreitete sich später bis nach Amerika und Japan. Schweigsam, aber scharfsichtig und – ob man es wagt, das so zu sagen – für einen Junggesellen verdammt fleißig, vergrößerte er sein kleines Imperium zu ungeahnten Ausmaßen.

Anna kommandierte mit ihrem holprigen Finnisch die Wirtschafterin der Renfors’, Fräulein Komulainen, die aus Kuhmo stammte und kein Schwedisch konnte, sowie die Magd und die Putzfrau. Sie half Maria im Fotoatelier und Herman bei der Buchführung der Fabrik und des Geschäfts. Sie stickte, nähte, webte und klimperte beim Licht des Kandelabers auf dem Tafelklavier die Kompositionen von Erik, dem Sohn ihrer verstorbenen Schwester, aus dessen Gymnasiastenzeit.

»Erkki Melartin, merk dir den Namen!«, mahnte Anna plötzlich Maria mitten bei einem Menuett in einem Ton, der auch ihr selbst ganz fremd war. Vielleicht war sie letztlich manchmal genauso scharfsichtig wie Herman.

Die Renfors-Frauen waren ein alltäglicher Anblick, wie sie untergehakt, die Mützen aus Eichhörnchenfell tief ins Gesicht gedrückt, durch die Straßen von Kajaani zwischen ihrem Haus in der Brahestraße, dem Geschäft für Anglerbedarf, der Fabrik und dem Fotoatelier hin und her gingen. Wenn die eine auf der vereisten Straße auszugleiten drohte, hielt sie der Arm der anderen aufrecht. Von dem schwarzen Kajaani-Fluss erhob sich eine eisige Bö und ließ ihre Röcke um die Stiefel aus Seehundsfell flattern – die waren plump und hässlich, aber die Frauen waren nicht sonderlich eitel. Oder wären es vielleicht doch gewesen, wenn sie dazu Gelegenheit gehabt hätten.

In der Maschinerie des Renfors’schen Hauswesens war es Marias Aufgabe, sich um das Fotoatelier zu kümmern. Sie band auch mit Anna Fliegen für das Geschäft, unterrichtete die Schulkinder vier Stunden pro Woche im Zeichnen, saß dreimal wöchentlich in der finnischsprachigen Volksbibliothek, machte Notizen für die Wetterbeobachtungsstation – und was noch? Sie war von ihnen beiden die Blindeste. Sie war es gewohnt, die Menschen durch die Kamera zu betrachten, sodass sie sie ansonsten überhaupt nicht wahrnahm. Dann, wenn sie ohne Kamera unter Menschen musste, war es schon zu spät.

Außerhalb der Maschinerie waren für Maria nur das Wasser, das strömende Wasser, dessen Bewohner, die Fische, und die Blumen und Pflanzen im Garten lebendig. Und die Tiere, auch, wenn sie tot waren.

Im Winter, wenn die Fische tief unten im Stillwasser schliefen und die Schneewehen höher und höher wuchsen, ging sie gern ins Pelzlager der Fabrik zu den Fellstapeln und fuhr mit den Fingern durch das glänzende Haar. Jedes Fell fühlte sich anders an, natürlich, aber eigentümlich war das Pulsieren, das durch das Vlies bis in die Hand hinein spürbar wurde. Das war das Lebendigste, was sie im winterlichen Kajaani hatten, die Menschen eingeschlossen.

Ab und zu gab es dort auch ein Bärenfell, das dafür bestimmt war, irgendwo vor dem Ofen eines Bibliothekszimmers oder Rauchsalons zu liegen. Maria packte den Bären bei den Ohren, schüttelte seinen Kopf und flüsterte ihm zu: »Hör mal, du, du …«

Von Bearbeitern von Schaf- und Rentierfellen waren die Renfors’ in wenigen Jahren zu richtigen Pelzhändlern aufgestiegen. Außer mit Bären pflegten sie also auch mit anderen Wildtieren Umgang: mit Wölfen, Vielfraßen, Füchsen, Bisams, Mardern und Eichhörnchen. Das hätten sie vielleicht nicht tun sollen.

»Ich hatte mir Hermans Braut anders vorgestellt«, nörgelte Anna. Sie hätte die Glasnegative vorsichtiger behandeln sollen, aber sie war wieder aufgebracht: Schon vor langer Zeit hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, dass Herman dereinst eine zierliche kleine Frau heiraten würde, eine mit flaumigen blonden Locken auf der Stirn und blauen, runden Augen. Eine Frau, die viel lachen und unsicher und nervös sein würde.

Als dann Agnes Matilda Castrén als verlobte Braut zum ersten Mal ins Haus der Renfors’ kam, machten sie beide große Augen, Anna und Maria. Vielleicht hatte auch Maria eine eigene Vorstellung von ihrer zukünftigen Schwägerin gehabt.

Agnes Castrén war als Lehrerin der privaten Mädchenschule von Fräulein Jenny Bergh von Kuopio nach Kajaani gezogen, Maria und Anna hatten wohl von ihr gehört, sie auch ein paar Mal flüchtig gesehen, doch die junge Frau, die langsam ins Wohnzimmer trat, war alles andere als ein kleines, kicherndes Mädelchen. Zwar war Agnes fast zwanzig Jahre jünger als Herman, aber sie war hochgewachsen und dunkel, ihre Nase groß und energisch, das Kinn stark. Ihrem Aussehen nach hätte sie eine Renfors-Schwester sein können.

Unter dunklen Brauen und einer glatten Stirn blickte sie ruhig und sicher auf die Welt – zumindest meistens, denn bald stellte es sich heraus, dass sie wahnsinnig in Herman verliebt war. Über Herman konnten die Schwestern nichts anderes sagen, als dass sie dieses lebhafte Aufblitzen der Augen, wenn er Agnes bisweilen von der Seite ansah, nie zuvor gesehen hatten, und auch nicht die in seine Wangen steigende helle Röte.

Die mit pflaumenfarbener Seide bezogenen Polstermöbel im Wohnzimmer erlebten schwere Zeiten: Hatten früher nur die gemessen abrollenden Hinterteile der feinen Herrschaften von Kajaani sie abgenutzt, wurde auf ihnen jetzt im Sitzen Masurka, Polonaise und Walzer getanzt, mit mühsam unterdrückter Leidenschaft. Auf welchem Stuhl Agnes auch immer saß, rasch stellte Herman seinen daneben, und wenn Agnes sich auf das Sofa setzte, beeilte er sich, neben ihr Platz zu nehmen, und zwar keineswegs sittsam am anderen Ende des Sofas. Ihre Arme und Hände berührten sich, Agnes senkte den Blick in die Falten ihres dunkelblauen Wollkleids (die Farbe passte nicht zu ihrer gelblichen Haut) und atmete tief, fast keuchend durch.

Eines Abends, als Maria von ihrer Arbeit in der Bibliothek kam und den Vorraum betrat, kam Agnes aus Hermans Arbeitszimmer gestürzt, mit halb gelöstem Haarknoten, der ganze obere Teil der Knopfreihe ihres Kleides offen stehend. Sie blickte Maria schnell mit ihren großen, klugen Augen wie um Hilfe flehend an, und ihre schwere weiße Brust wogte unter der weißen Spitze, als sie ohne ein Wort ins Gästezimmer am Ende des Gangs stürmte.

Über das Heim der Renfors’ hatte sich etwas Schweres und Träges gelegt, das Haus hatte sich tief in das grüne, klare Wasser gedrückt, in dem die Geschwister stumm, aber aufmerksam nebeneinander her oder aneinander vorbei schwammen. Maria begriff, dass es sich um Leidenschaft, um Begehren handelte, auch Liebe genannt. Zunächst wunderte sie sich, wo die leichte, feine und trockene Zimmerluft, das lebhafte Blinzeln des in der Wintersonne vor dem Fenster stiebenden Schnees, das im Kachelofen flackernde, sich um nichts kümmernde muntere Feuer geblieben waren.

Sie betrachtete alles gemächlich schwimmend, von ferne, durch große Wassermassen hindurch, und von irgendwo weit oben drang durch schwankendes Wassergras mattes Tageslicht bis an den Grund. Verwandele ich mich endlich in eine Forelle?, wunderte sie sich.

Zumindest sprachen die Renfors’ ebenso wenig miteinander wie Fische. Wir sind wie aus dem Märchen Das Schloss Soria Moria, das ich dem kleinen Erik vor Jahren vorgelesen habe, dachte Maria. Wir sind vier Kinder, versteckt unter Gardinen, hinter Türen, im Bettzeug. Eine Stelle, die Erik immer vor Grauen und Entzücken aufschreien ließ, war die, wo der fürchterliche Troll am Abend nach Hause kommt und schreit: »Hutu tutuu-uu, hier riecht es nach Christenblut!«

In den Zimmern roch es also nach Blut, und nach Fleisch. Als Agnes mit ihrer schweigsamen, aber höchst zufrieden wirkenden Mutter in das Heim ihrer Kindheit zurückgekehrt war, um sich auf ihre große Lebensaufgabe als Ehefrau von Herman Renfors vorzubereiten – Maria konnte sich nur vage vorstellen, mit welcher Mühe man dort Kilometer von Laken sowie Spitzen- und Leinenhandtücher im Akkord fertigte –, wurde das Haus nicht mehr wie früher. Wegen des Schweren und Klebrigen, mit dem Anna noch weniger Erfahrung hatte als Maria, sagte sie, während sie mit den Glasnegativen hantierte: »Ich bin nicht sicher, ob ich sie mag.«

Abgesehen davon, dass Herman ein liebenswürdiges Wesen besitzt, ist er vorurteilslos und aufgeschlossen gegenüber allem Neuen. Das Fotoatelier gründeten wir, Anna und ich, mit Geld, das Herman uns aus eigener Tasche schenkte. »Väterliches Erbe«, sagte er ein wenig ausweichend. Bei seinen Reisen durch die Welt ist an ihm etwas von der neuen Emanzipationsbewegung der Frauen hängen geblieben, von der auch in Finnland Reflexe spürbar sind. Herman hatte bei einem Besuch in Kuopio Minna Canth1 getroffen, von der er uns einige Einzelheiten, die er für geeignet hielt, erzählte: Sie war dick und hässlich, aber an ihrem Kopf sei nichts auszusetzen!

Herman ist das Oberhaupt unserer kleinen Familie, aber unter seinem duldsamen Schutz können wir so ungezwungen und frei leben, wie es nur möglich ist. Anna hält ihr angenehmes Leben als alte Jungfer für eine Selbstverständlichkeit; für sie ist der Fabrikant Herman ein großer Baum, in dessen Zweigen Anna wie ein geschäftiges Eichhörnchen herumspringt. »The elder one is not too bright«, hörte ich denselben Lachslord sagen, der mich später bei Allcock unterbrachte. Das stimmt aber nicht, unbedarft ist Anna nicht, aber wenn man sie mit einem englischen Eigenschaftswort kennzeichnen sollte, dann wäre es contented, mit ihrem Los zufrieden.

Ich glaube, Anna ist Herman nicht einmal sonderlich dankbar. Ich dagegen bin dankbar, aber keineswegs contented.

Das weiß am besten der kleine Erik. Ich bin mehr als zwanzig Jahre älter als er, er ist der kleine Sohn unserer früh verstorbenen Schwester Gustava, aber solange ich denken kann, hat uns ein starkes Band verbunden. Ich sehe seine ernsten, klaren und aufmerksamen Augen, wenn ich ihm, der fast noch ein Kind ist, Briefe schreibe, in denen …

Ob es wohl in allen Menschen eine unbekannte Grundströmung gibt, die die anderen nur dann erfühlen, wenn sie es wagen, weit genug ins Tiefe zu waten? Dieselbe, die man in einer Stromschnelle spürt, wenn man bis dahin vorgedrungen ist, wo eine ganz andere, viel stärkere und kältere Strömung die Beine umspült? Sie schiebt und zieht mit grauenhaft faszinierendem Sog, der von irgendwo tief aus dem Erdinnern kommt, von dort, wo im Innern schwarz glänzender Felsen Wasser und Flüsse entstehen.

Viele lernen in ihrem Leben nichts anderes kennen als das kleine Geplätscher, das auf den Ufersteinen die Stiefel umspült. So jemand ist Anna, aber wir beide, Erik und ich, wir sind aus anderem Holz, vom selben Schlag. Auch wenn das nicht so sein sollte, möchte ich doch so denken.

Das, was letztlich alles veränderte, war ein alltägliches und belangloses Vorkommnis.

»Mit dergleichen beginnen oft große Veränderungen«, hätte ich vielleicht hinterher zu Erik gesagt, wenn es sich um das Leben von jemand anders gehandelt hätte, bei dessen Beobachtung man als Außenstehender eine schimpflich-süße Pein von Grauen, Mitgefühl und Neugier empfinden kann. »Es klopft einfach nur an der Tür.«

»Jemand ist an der Tür«, sagte Anna im Lagerraum. »Der Riegel vom Vorzimmer ist wieder herabgefallen. Sag, dass wir heute niemanden fotografieren, er soll morgen wiederkommen.«

Die Negative sind sortiert und registriert, wir können genauso gut auch fotografieren, dachte ich, nahm meine große braune Schürze ab und öffnete die Tür. Auf der Außentreppe stand ein ziemlich kleiner Mann mit grauer Schaffellmütze, das Gesicht war nicht zu erkennen, denn die tief stehende Nachmittagssonne des Februars stand direkt hinter ihm.

Der Mann neigte nur knapp den Kopf und sagte auf Finnisch fast im Befehlston: »Ich möchte mich fotografieren lassen, hätten Sie jetzt sofort Zeit?«

Ich nickte und machte die Tür weiter auf. Kein Ortsansässiger, nicht mal aus Kainuu, überlegte ich.

Im Vorraum deutete ich, immer noch wortlos, auf die Garderobe, und der Mann nahm die Pelzmütze ab und warf mit einer einzigen Bewegung auch den grauen Mantel von den Schultern, dessen Aufschläge mit demselben Schafpelz verbrämt waren.

»Kuisma, Jaakko«, stieß er, ohne ein Lächeln, seinen Namen hervor und reichte mir dann die Hand, die für eine Männerhand klein und zierlich war.

»Maria Renfors«, sagte ich und sah den Mann direkt an. Blonde Haare, ein blonder, dem Kinn entlang getrimmter Bart, wohlgeformte, ein wenig spitze Nase, blaue Augen unter schweren Lidern. Der Blick war direkt, aber verhangen, irgendwie leblos.

Leicht zu fotografieren, dachte ich. Auf das Bild kommt genau dieser Blick, nichts sonst. »Bitte sehr, die Atelierräume sind hier«, sagte ich laut.

Jaakko Kuisma drehte sich in dem geräumigen Zimmer langsam um und betrachtete den auf einem Birkenstamm befestigten kleinen Tisch, die Plüschsessel, die bemalten Papierfonds. Er schritt leicht und sehr gerade, so wie kleine Männer oft. Sein Anzug war blaugrau, von feinster Wolle, und sein gelblich-weißes Leinenhemd hätte der Qualität nach gut aus Irland sein können. Um den Hals hing ihm eine lose gebundene blaue Seidenfliege. Ein Dandy – am kleinen Finger ein dicker Goldring, in der Mitte mit einem glänzend geschliffenen, kleinen, ovalen Stein.

Ich sah mir sofort den Kopf des Mannes an, denn ich hatte von klein auf den seltsamen Hang, die Ohren der Leute, ihre Größe, Form und die Lage am Schädel zu studieren. Dieser Mann hatte die vollkommensten Ohren, die ich je gesehen hatte, rund, von völlig regelmäßiger Form, schön oberhalb des Kieferknochens sitzend, am Kopf anliegend hinter Bart und Schläfenhaar. Sie waren so makellos, dass man nichts über sie sagen konnte.

»Ich kann mir nicht recht vorstellen, vor so einem Gartenhäuschen zu stehen«, sagte der Mann auflachend und deutete auf den Papierfond, der noch vom Vortag dort hing, von der Aufnahme der Salin’schen Zwillingsschwestern. Aina und Birgit, die drallen Mädchen, hatten sich davor gegen ein weißes Blumenpiedestal gelehnt und sich vor Aufregung das Gesicht rot gekichert.

Plötzlich fühlte ich mich müde. »Dann nehmen wir doch das hier«, stieß ich hervor und warf über den Tisch mit dem Birkenstamm ein schwarz-braunes Vielfraßfell, so groß, dass es ihn ganz bedeckte. Die Tatzen des Tieres berührten den Boden, als versuchte es, seiner Wege zu gehen. »Lehnen Sie sich dagegen. Was möchten Sie in der Hand halten?«

Der Mann zog eine krumme braune Pfeife aus der Tasche und sah das Fell lange an. »Woher wussten Sie … Ich bin doch gerade … Kann ich eine Pfeife rauchen?«

»Aber natürlich«, sagte ich, schnappte mir vom Ofensims die Streichhölzer und warf sie ihm zu. Er fing sie in der Luft auf und lächelte plötzlich. »Gefangen!«, sagte er lachend.

Sein ausdrucksloses Gesicht veränderte sich völlig. In den blonden Haaren sprühten Funken, die Augen bekamen einen neckischen Glanz, und die Lippen entblößten ein wenig schiefe Vorderzähne, die dem starren Gesicht etwas Schelmisches gaben. Die vom Bart bedeckte Oberlippe stand lustig vor.

Auf dem Foto war das Gesicht wieder ernst, und die verhangenen Augen taxierten Fotografin und Kamera. Das Seitenlicht umschmeichelte schön die Schläfe und das vom Bart bedeckte Kinn. Von dem übermütigen Augenblick vor dem Druck auf den Auslöser war nur der fragend gehobene Bogen einer Braue geblieben.

Ich habe niemals verheiratete Frauen um Heim, Kinder oder Mann beneidet, aber manchmal um ihre Gelassenheit. Ich habe verstanden, dass der Mann in ihrem Leben eine Boje darstellt, um die das Boot am Tau sich dreht. Die Boje ist das Versprechen von Sicherheit. Sie bedeutet ewige Rückkehr.

Ich lege die Stirn gegen die Fensterscheibe – wie kann ein so dünnes Glas Frost und Wärme voneinander scheiden? Gibt es zwischen Glück und Unglück eine noch brüchigere und dünnere Trennwand? Das muss ich Erik schreiben, wenn … Erik ist sehr krank. Wir sind außer uns vor Sorge. Es heißt, er habe die ganzen Weihnachtsferien über pausenlos gespielt und dabei habe das Herz ihm wieder Schwierigkeiten gemacht.

Der Januar war wie ein Todesurteil. Den Besuch des Gymnasiums in Savonlinna musste er unterbrechen, die Rede war von einem schweren Herzfehler, man berechnete schon die verbleibende Lebenszeit, für einen Schüler, einen kaum Siebzehnjährigen.

Jetzt unterzieht er sich einer Mastkur, und er ist auf dem Wege der Besserung. Abiturprüfungen und Musikstudium sind ihm wurscht!

Der arme Erik, wahrscheinlich habe ich seinem schmalen, mageren Nacken, wo die dunklen Locken bis zum Kragen wachsen, zu viel aufgebürdet. Im Herbst, als der Gedanke an die Musik als Lebensaufgabe sich in dem Jungen endgültig gefestigt und mein gutherziger Schwager Oskar dem zugestimmt hatte, schrieb Erik: »Es ist seltsam festzustellen, wie oft wir etwas sehen müssen, bevor wir es wirklich sehen

Jetzt im Februar kann ich ihm keine Antwort schreiben, ihm sagen, wie treffend seine Worte sind.

Jaakko Kuisma hatte, bevor er ins Fotoatelier kam, unser Geschäft besucht und erklärt, er benötige Fliegen zum Fischen von Äschen in den kleinen nordöstlichen Flüssen, an denen die Pelzjäger unterwegs sind. Er kaufte Black Gnats, viele, bestimmt genug für den Rest seines Lebens. Von unseren Forellenfliegen hatte er gehört, und als er eine Jock Scott in der Vitrine sah, wollte er eine haben, obwohl wir überhaupt keine auf Lager hatten.

Ich erklärte mich bereit, ihm eine zu binden – warum hätte ich das nicht tun sollen? Ich mache das seit fast zwanzig Jahren. Wie oft habe ich schon den Schenkel des Hakens mit feinem, rundem Silberfaden umwickelt, und mit gelber Seide den hinteren Abschluss? Den Goldfasan und den Rotkehlkotinga des Schwanzes befestige ich mit schwarzem Strauß, den hinteren Teil des Gebindes umwickle ich mit feinem, rundem Silber, den vorderen Teil mit ovalem Silber.

Dann beginnt der schöne Teil: der Fliegenkörper halb gelbe Seide und halb schwarze – ich liebe die Berührung der Seidenfäden an meinen Fingern und denke an die im fernen China lebenden Seidenraupen, die diesen Faden eigens für mich und eigens für diese Fliege gesponnen haben. An die Ober- und Unterseite des gelben Teils kommen Schleier vom Tukan. Ich habe gesehen, wie der Tukan aussieht, er lebt in Mexiko. Mexiko … Ich lasse die K’s am Gaumen knacken, dann wickle ich Strauß und schwarzen Hahn an den schwarzen Teil des Körpers. Danach achte ich darauf, dass das Material für Kehlhechel und Unterschwingen säuberlich aufgereiht auf dem Tisch liegt: graues Perlhuhn, Truthahn mit weißer Spitze, Schwertfeder des Pfauhahns, von dem ich langsam, langsam Strahlen reiße.

Haare lösen sich aus dem Nacken und fallen mir auf die Wangen, aber ich stecke sie nicht zurück. Ich möchte so sitzen, mit aufgelöstem Haar, im weiten, dunkelblauen Baumwollkittel, der von einem gestickten Gürtel zusammengehalten wird. Dieser Augenblick gehört mir allein, ich schulde ihn niemandem. Das Licht der Kerzen bewegt sich im Silberbeschlag einer Ikone, und die Flammen lassen ihn funkeln wie das Wasser einer Stromschnelle. Herman hatte die Gottesmutter von Konevitsa als junger Mann in Petersburg gekauft, als er in den Putilow-Werken in die Lehre ging. Auch den Religionen gegenüber verhält er sich immer großzügig – manchmal denke ich, dass nur durch eine Laune des Zufalls auf dem Wandregal eine Ikone und nicht ein kleiner Buddha oder ein Tankha der Tibeter steht. Die Ikone gab mir Herman in die Hand, als ich mich auf die Reise nach Allcock machte, und murmelte verlegen etwas von Beschützen.

Ich weiß nicht, wie sie mich beschützt hat, aber wenn ich meine alten Tagebücher aus zehn, fünfzehn Jahren lese, habe ich anscheinend jahraus, jahrein vor dem Heiligenbild um Freiheit gebetet. Freiheit wovon? Von meinen Gedanken – erst ist ein Hals da, auf den ich die Lippen drücken, in den ich die Zähne schlagen möchte, und dann entsetze ich mich schon vor meinen quälenden Betrachtungen und flehe um Befreiung.

Manchmal überlege ich, nicht schicksalsergeben, nur etwas amüsiert, wie ich wohl dereinst meine Tage beschließen werde. »Es gibt Frauen, für die ist die Liebe fast gleichbedeutend mit einer lebenslangen Rente«, sagte Herman letzten Sommer, als die Buttenhoffs zu einem langen, die Freundschaft auf die Probe stellenden Besuch in Kajaani geweilt hatten. Ich fand, das war etwas zu viel für Eriks Ohren, aber ich dachte, es wäre schön, die Rente auszuprobieren, zumindest eine Zeitlang.

Meine ersten Jock Scotts waren wie Priester einer geheimnisvollen Forellen-Religion, die vom Stolz auf ihre eigene Pracht gebläht waren. Die Schwinge ist ja das Schwierigste, da steckt so viel Material drin. Gelbe Gans, brauner Truthahn, rote und blaue Gans und Schwanz des Goldfasans werden da miteinander vermählt. An die Seiten kommt Krickente und obendrauf braune Stockente, vom Kajaani-Fluss, von zu Hause.

Vor zwei Jahren besuchte uns der Forschungsreisende Nordenskjöld, der mehrmals im fernen Nordosten gewesen war, in den unermesslichen Nadelwäldern und in der Tundra. Er erzählte, die Nomaden glaubten, Pelze und Federn hätten die Fähigkeit zu sehen, was in der Ferne geschieht. Deshalb verwenden ihre Zauberer so viele Tier- und Vogelkleider – sie bekommen hundertfache Augen, um das Verborgene besser zu sehen.

Sollte auch ich diese Fähigkeit besitzen? Habe ich das Verborgene gesehen und verstanden? Emsig, emsig wickle ich den Faden. Die Seidendarmschlaufe ist vollkommen, genau so muss sie sich ein wenig aufwärtsbiegen. Von Jugend an sind Felle und Federn durch meine Hände gegangen. Jetzt kommt die Krönung der Jock Scott: Ich binde die Seiten, dann die Rückenschwinge aus Goldfasan und zuletzt die Wangen aus Eisvogel.

»In den Forellenfluss werde ich dich werfen, in die Tiefe, wo mit silberner Flanke ein großer Schatten aufsteigt …«, murmle ich meinen alten Zauberspruch. Einen Augenblick lang bin ich die Jock Scott, fliege durch die Luft, gekleidet in Seide, brennendes Gelb, loderndes Blau, in Gold, rotes Feuer und Perlhuhnschleier.

Aber der Kopf der Fliege ist schwarz, glänzend und hart, wie das Ende von allem.

Der große schwarze Rolf und der alte, grau gewordene Othello warteten mit gespitzten Ohren auf der eisigen Hintertreppe darauf, in den warmen Ofenwinkel der Küche zu kommen, aber jenseits der Fenster huschte nur dann und wann ein eiliger Schatten vorbei. Anna deckte zusammen mit der Magd Hanna den Tisch für das Abendessen. Die Kerzen in der Deckenkrone des Esszimmers waren angezündet, und die gelben Quadrate der sechsscheibigen Fenster fielen auf den hohen Frostschnee des Gartens. Nach dem kalten Sommer und dem Herbst hatte es einen harten Winter gegeben, in den Kirchspielen um Kajaani hatte der Frost bisweilen Werte von mehr als vierzig Minusgraden erreicht, und in der Stadt hatte man Nothilfekomitees gründen müssen, um den Allerärmsten zu helfen.

Das Haus der Renfors’ in der Brahestraße 1 war ein ebenerdiges, breites, gelblich-weiß gestrichenes, massives Gebäude, dessen nördliche Fenster auf den Kajaani-Fluss und deren südliche auf die Brahestraße gingen. Wenn man aus den Fenstern des Wohnzimmers oder des Esszimmers nach Nordwesten blickte, konnte man gerade noch die Gischt der Ämmäkoski-Stromschnelle und das Sägewerk sehen; rechts im Nordosten blieb die brausende Koivukoski-Stromschnelle hinter der kleinen Anhöhe einer Landzunge verborgen.

Das Haus war im West- und Nordteil des geschlossenen Hofs von einem großen, üppigen Garten umgeben. Im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts erlebte der Fabrikant, Erfinder und Kaufmann Herman Renfors auch selbst die Blüte seines aktiven Lebens. Aber Kaufmann war er nur notgedrungen, denn Kaufen und Verkaufen war langweilig. »Wenn ich doch ausschließlich erfinden und planen und basteln und fischen könnte«, seufzte er mehrmals im Laufe der Jahre. Seine Schwestern Anna und Maria nickten: Am glücklichsten war Herman in seinem Arbeitszimmer, in seinen Werkstätten, wenn er mit den Arbeitern seine Erfindungen ausprobierte, und beim Fischen.

Am anderen Ende des Hauses wurden schon seit etwa zwanzig Jahren die von Herman entwickelten Fischereigeräte hergestellt und verkauft. Sie waren in der ganzen Welt bekannt. Er war ein Mann, der mehr als ein halbes Hundert Patente hielt und dessen Unternehmungslust in vielerlei Richtungen ging. Es gab auch eine Knopffabrik: Anfang der 1870er Jahre hatte Herman in den Räumen der ehemaligen Brauerei auf dem Zollfelsen, am Ufer des Ämmäkoski-Unterlaufs, eine Steinschleiferei gegründet. Außer den aus dem Dolomit von Melalahti in Paltamo geschliffenen Knöpfen wurden in der Fabrik Schmuckgegenstände, Steinschalen, Steinplatten und Papiermesser hergestellt.

Aber die Knöpfe allein reichten ja nicht aus – zu Beginn des folgenden Jahrzehnts wurde die Fabrik um eine Lederwerkstatt erweitert, in der innerhalb von wenigen Jahren mit der Herstellung von Edelpelzen begonnen wurde. Der begabte und geschickte Herman hatte fast alle Maschinen seiner Werkstätten selbst erfunden und entwickelt und sogar die Linsen der im Fotoatelier verwendeten Kameras geschliffen.

Jetzt rückte er am Ende des Esstischs in Hemdsärmeln seine ovalen Augengläser zurecht und schuf vorsichtig zwischen Tellern und Gläsern Platz für Zeichnungen. Sie zeigten eine neue Fabrik und eine neue Wohnung – die alte Brauerei auf dem Zollfelsen war zwei Jahre zuvor abgebrannt, und die Arbeiten am Neubau standen kurz vor dem Abschluss.

»Hier möchte Agnes also eine große Glasveranda haben«, murmelte Herman vor sich hin, fuhr mit dem Zeigefinger über den unteren Rand der Fassade, und ein Gefühl des Wohlbehagens wanderte als ein rasches, heißes Pochen durch die Brust hinab in den Leib. Agnes …

Das Kerzenlicht spiegelte sich in Hermans hoher, kahl gewordener Stirn, die verbliebenen, schon leicht ergrauten Haare waren an den Seiten und hinten ganz kurz geschnitten. Seine große Renfors-Nase war lang und wohlgeformt, und ein kurzer Spitzbart umrahmte den vollen, sensiblen Mund. Der Blick seiner graublauen Augen war nachdenklich und klug. Mit seinen zweiundvierzig Jahren war Herman ein ansehnlicher Mann, darin waren sich seine Braut Agnes und seine Schwestern Anna und Maria, die Magd Hanna, die Haushälterin Fräulein Komulainen und auch alle anderen Leute aus Kajaani einig, die den zwischen Zollfelsen und Brahestraße hin und her gehenden Fabrikanten grüßten.

»Ingenieur Wegelius und Gattin sind im Vorzimmer, und Fräulein Anna auch«, sagte Hanna und knallte den Brotkorb so auf den Tisch, dass ihr großes Hinterteil unter den Röcken erbebte. »Wünscht der Herr Fabrikant, dass später im Arbeitszimmer Kaffee und Kognak serviert werden?« Hanna war übellaunig und wagte es, das ihrem gutmütigen Herrn zu zeigen. Sie hatte von ihrem Bräutigam Werner Nikander, der in Amerika war, seit Monaten nichts gehört.

»Schon gut, Hanna, bitten Sie zu Tisch, und hat jemand daran gedacht, die Hunde vom Hof in die Küche zu lassen?«, sagte Herman zerstreut, nahm sein Jackett von der Stuhllehne und zog es über die Weste. »Wenn im Humidor in der Speisekammer noch Kubaner sind, könnten Sie die in die Kiste im Arbeitszimmer legen …« Er rollte die Papiere zusammen und reichte sie Hanna.

Dann seufzte er, sah die in der Tür stehende Maria mit einem halb schelmischen, halb verzweifelten Funkeln in den Augen an und hob die Hände, als flehte er um Hilfe. Maria zuckte die Achseln. Die Geschwister blieben beim Tisch stehen und warteten aufmerksam und höflich wie gute Gastgeber.

Herein trat mit ausgestreckter Hand, den Kopf ein wenig schräg gelegt, Ingenieur Wegelius, der Bauaufseher, ein ziemlich dröger, magerer Mann, dessen dünne, rötliche Haare mit Wasser über die runde Glatze geklebt waren. Ein gerader Scheitel verlief oberhalb des einen Ohres, und die immer gerötete, scharfe Nasenspitze war ständig drauf und dran, einen Tropfen fallen zu lassen. Seine Frau Vega im braunen Wollkleid war klein, rundlich und melancholisch – unter ihrem dunklen Schnurrbartflaum bebte ein trockener, verkniffener Mund, aus dem kaum je etwas anderes zu hören war als Seufzen und Gewinsel. Es hieß, die Kinderlosigkeit sei Vegas großer Kummer, den sie keinen Moment vergessen könne.

Henrik Wegelius war ein penibler, verständiger Mann, und Herman schätzte ihn außerordentlich. Manchmal allerdings klagte er, die Gesellschaft des Ingenieurs könnte doch ein klein wenig unterhaltsamer sein, denn wegen der Bauarbeiten hatte er viel mit ihm zu tun. »In der Endphase müssen noch ein paar kleine Änderungen in den Zeichnungen vorgenommen werden«, antwortete Herman auf Wegelius’ spontane Frage und stopfte sich die leinene Serviette in den Kragen. Wegelius verschwendete niemals Zeit für unnützes geselliges Rankenwerk.

Hanna trug die Suppenschüssel auf, ein Stück aus dem Fasan-Service des Arabia-Werks in Helsinki, das Herman von seinem letzten Besuch in der Hauptstadt per Bahn, Schiff und Pferd mitgebracht und dabei keine Mühe gescheut hatte. Das kann in der Brahestraße bleiben, dachte er und sah seine Schwestern an, die zu beiden Seiten von Wegelius saßen. Sie würden hier zu zweit wohnen bleiben.

Anna hatte schon den Brotkorb herumgereicht und bestrich mit gerunzelter Stirn eine dicke Scheibe Roggenbrot reichlich mit Butter. Ihr Gesicht mit den schweren Zügen war ganz auf ihre Beschäftigung konzentriert. Anna isst zu viel, sie wird noch ordentlich aufgehen, dachte Herman, leicht amüsiert. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob er seine Schwester mochte oder nicht, denn ihr Zusammensein war von klein auf unkompliziert und einfach gewesen. Für Anna war einfach alles selbstverständlich. »Wir sind wie zwei Hunde, wie Rolf und Othello, die auf demselben Hof nebeneinander her leben und einander ertragen«, hatte Herman einmal zu Anna gesagt, aber der hatte der Vergleich nicht gefallen. »Wie Hunde«, zischte sie und krauste die große Nase, die ihr fast auf die Unterlippe fiel.

Maria dagegen … Herman pflegte seine jüngste Schwester aufmerksam anzusehen. Sie musste man zu lesen versuchen. In Marias Augen lag oft ein schwer zu deutender Blick, sie ließ nicht erkennen, was hinter ihrer Stirn vorging. Maria war immer für eine Überraschung gut, Maria hätte er mehr gegönnt – aber was wäre das gewesen? Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, starrte sie mit unruhigen Augen vor sich hin, mit strengem Gesichtsausdruck, so als brütete sie über einem großen, endgültigen Entschluss.

Über den Tisch legte sich gleich zu Anfang eine Stimmung, für die Herman die treffende Bezeichnung The Wegelius Gloom erdacht hatte: Vom Kronleuchter floss statt Licht etwas Betäubendes und Schläfriges, das Gespräch brach dann und wann ab, und die Gastgeber, die fürchteten, die Stille könnte qualvoll lange anhalten, unternahmen nahezu wütende Anstrengungen, die steife Stille mit heiterem Stimmengewirr auszufüllen. So auch Maria:

»Nach seiner Rückkehr aus Helsinki erzählte Herman, dass sich jetzt anscheinend alle für Karelien interessieren. Es ist eine richtige Völkerwanderung, die sich da nach Weißmeer-Karelien in Bewegung setzt«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme zu Vega Wegelius, die nervös schniefte und lächelte. »Die Architekten machen sich in Scharen auf. Ob der Touristenverband Kajaani den Reisenden irgendwie behilflich sein könnte? Gallén will mit seiner jungen Frau und seiner kleinen Tochter und der Komponist Sibelius auf Hochzeitsreise dorthin, und Galléns Freund, der schwedische Graf Sparre, macht die Reise schon zum zweiten Mal.«

Die Messer und Gabeln klapperten auf den blauweißen Tellern, die einen neuen Stil vertraten und über und über mit Vögeln, Blumen und Blättern verziert waren. Hanna hatte nach der Gerstenmus-Suppe einen mit Schweinefleischscheiben bedeckten Lammbraten mit Pilzsoße aufgetragen, und Herman schenkte deutschen Rotwein in die Gläser. »Es ist wohl das Kalevala, was sie begeistert«, sagte er. »Erik hat so inbrünstig über die Kullervo-Sinfonie geschrieben, an der Sibelius arbeitet, etwas davon war schon zu hören. Und Gallén, der zeichnet und malt in einem fort das Volk. Ich habe immer gedacht, dass Lönnrots Arbeit irgendwie fortgesetzt wird … Er wird nicht der Letzte sein, der durch diese Gegenden gewandert ist.«

»Fräulein Komulainen hat als kleines Mädchen Lönnrot im Pfarrhaus von Kuhmoniemi gesehen«, mischte sich Anna in das Gespräch. »Er soll ein lebhafter, gesprächiger Mann gewesen sein, der gern Karten spielte und Schnaps trank.«

Henrik Wegelius lächelte und leerte sein Wasserglas. Er war Abstinenzler und ließ sich manchmal – und das war schlimmer als seine abgehackte Wortkargheit – zu einem langen, heftigen und die Tischgesellschaft ermüdenden Monolog über die Schrecken des Schnapstrinkens hinreißen, unter denen Kajaani seit Beginn des Jahrhunderts zu leiden gehabt hatte. Herman hatte einmal gesagt, die Laestadianer hätten in dem Ingenieur einen großen Prediger verloren.

Diesmal begnügte Wegelius sich damit, Herman gegenüber knapp hervorzustoßen: »In das neue Lagerhaus passen viel mehr Felle als früher. Werden noch Fellfuhren eintreffen, bevor die Wege unpassierbar werden?«

»Eine große Partie wartet in Kuusamo. Kaufmann Ervasti hat mitgeteilt, sie müsse geholt werden, bevor die Wege sich in Morast verwandeln«, seufzte Herman. »Das Problem besteht nur darin, dass bei uns zurzeit kein Fuhrmann frei ist, der Ervasti Ware bringen könnte, und die Felle müssten natürlich auch vorher geprüft werden. Bei uns in der Fabrik hat sich Antti Karjalainen, der nach Kuusamo hätte fahren und die Felle mitbringen sollen, letzte Woche das Bein gebrochen. Männer sind jetzt knapp wegen des Neubaus, alle sind Tag und Nacht beschäftigt.«

»Die Skiwettkämpfe hättest du nicht auch noch zu veranstalten brauchen. Musst du denn auch darin der Erste in Finnland sein?«, sagte Anna und sah ihren Bruder vorgeblich tadelnd an.

Die Tischgesellschaft verstummte: Der eine dachte über das von Karjalainens Beinbruch verursachte Problem nach, der andere überlegte, was es für einen Sinn hatte, auf Skiern einen öffentlichen Wettlauf zu veranstalten, eine dritte prägte sich ein, wie großartig Pilzsoße zu Lammbraten passte.

Ein im Ofen brennendes Birkenscheit knallte in der Stille wie ein Schuss. Irgendwo im Haus wurde eine Außentür geöffnet, und der Luftzug legte die Flammen der Tischkerzen in die Waagerechte. Maria hob ihr Weinglas und betrachtete dadurch die hohe Palme in der Ecke, an deren Zweig sie vor Weihnachten aus Spaß einen großen Weihnachtsschmuck, einen vergoldeten Zapfen, befestigt hatte. Auch der Zapfen schaukelte wie bei heftigem Wind.

»Könnte ich nicht nach Kuusamo fahren?«, fragte sie. »Wenn Mikko Karppinen als Fuhrmann mitkäme, dann könnten wir unterwegs abwechselnd lenken.«

Ich wollte ihr etwas geben. So hatte ich es mir gedacht. Ein ums andere Mal hatte ich sie beim Fischen am Ufer der Ämmäkoski-Stromschnelle beobachtet, oder in Vaala, oder wo wir auch unterwegs waren, und ich sah ihre Kraft und ihre Akkuratesse, den vollkommenen Rhythmus, mit dem sie die Rute warf, und ich brauchte ihr nicht zu sagen, dass sie die Beste von allen war, denn das wusste sie auch selbst.

Darüber sprachen wir niemals, und auch die englischen Gäste, die bisweilen mit dabei waren, begnügten sich damit, das nach jener britischen Art zu kommentieren, die mangels jeglicher Schmeichelei eindrucksvoller ist als jede wortreiche Lobpreisung.

Aber beim Zusehen entstand in mir das beklemmende Gefühl, dass sie dennoch von etwas ausgeschlossen war. Wovon? Das weiß ich nicht. Von der großen Welt, von einem eigenen Zuhause, von der Wildnis? Ich wurde mir niemals so recht klar über meine eigenen Gedanken. Ich wollte ihr einfach etwas geben.

Oft betrachtete ich sie verstohlen, wenn sie saß und Fliegen band. Auch darin war sie unglaublich geschickt, und sie war stolz auf ihr Können und nahm es sehr genau damit. Das Wissen, das sie in England erworben hatte, gab sie nur an mich, an Anna und an Carl Munsterhjelm weiter.

Beim Binden saß sie völlig konzentriert mit gebeugtem Kopf da, der Bogen ihres Nackens war anmutig und schön, und man hätte nie geglaubt, dass diese starken, kurzen Finger so übergenau sein konnten.

Von Anfang an erfasste sie die Form der Fliegen und die Relationen zwischen deren Bestandteilen. Dieses Verständnis geht so mancher, sonst sehr geschickten Person ab. Ihr Blick für Farben war untrüglich. »Nein, das Braun der Hechel ist zu hell«, schüttelte sie mitunter energisch den Kopf, sodass die Haare ihr auf Stirn und Schläfen fielen, und dann feixte sie, um Verzeihung bittend, sodass ihre Augenwinkel und Wangen sich in lustige Fältchen legten. Schön war sie nicht, aber bezaubernd.

In einem anderen Jahr hätte ich es sicherlich fertiggebracht, es ihr zu versagen, so eigensinnig, wie sie manchmal war. Frauen, die viel lesen, meinen, dadurch das Leben im Griff zu haben. Sie glauben, dass die in den Büchern konzentrierte Weisheit ihnen allüberall eine Richtschnur biete, selbst wenn sie bis zu den Knien im Dreck des Schweinestalls stünden. Und nachdem Maria angefangen hatte zu fotografieren, meinte sie, sogar eine Menschenkennerin zu sein.

In jenem Jahr aber ging es mir nicht recht gut, um den Lieblingsausdruck des werten Fräulein Komulainen zu zitieren. Es geschah so viel, dass es sogar mir so vorkam, als wäre es zeitweise schwierig, den Überblick zu behalten. Agnes hatte eingewilligt, meine Frau zu werden, ich war deswegen mehr als glücklich, denn ich war mir schmerzhaft sicher gewesen, sie würde mich zu alt finden. Die stolze Agnes, die klug und witzig war, in deren Gesellschaft ich mich nie langweilte und deren langes Haar ich mit zitternden Fingern zu lösen begann … Tja, und die zwei Jahre zuvor abgebrannte Fabrik war wieder aufgebaut worden, und jetzt musste auch unsere Wohnung darin Platz finden.

Die Geschäfte liefen bestens, das, was ich vor einem Vierteljahrhundert gesät hatte, trug jetzt prachtvolle Frucht. Dann war da noch die Stadtverordnetenversammlung, der Handarbeits- und der Fabrikverein, der Touristenverein, der Altertumsverein, das Nothilfekomitee …

Ich ritt in vollem Galopp auf einem großen, starken Pferd, das dorthin ging, wo ich hin wollte, aber es zu beherrschen kostete alle meine Kräfte. Und sein Tempo machte mich über die Maßen freigiebig. Allzu freigiebig. Das werfe ich mir selbst vor. Aber ich wollte ihr etwas geben.

Wir kauften niemals Felle, die nicht jemand von uns zunächst geprüft hatte. Die Russen betrogen einen, was das Zeug hielt, und auch unter den Finnen gab es Blender, wie die Leute aus Kainuu sagen, und die Vermittler waren keine Sachverständigen, auch wenn sie ehrliche Leute waren. Ich hatte schon vor langer Zeit kalkuliert, dass es sich in dieser Sache lohnte, selbst das Prüfen zu übernehmen und dann für die fertige Ware einen höheren Preis zu verlangen.

Maria hatte ihr Leben lang mit Fellen zu tun gehabt. Ich ließ sie fahren, damit sie die Fellladung aus Kuusamo prüfte und abholte, denn sie bat selten um etwas. Ich sagte, sie könne den halb müßigen Mikko Karppinen als Fuhrmann nehmen, der sein Leben lang nichts anderes gelernt hatte, als gut mit Pferden umzugehen.

Das Geschirr vom Abendessen ist abgetragen, die Kerzen sind gelöscht, die Ofenschieber über der Glut geschlossen. Leise fällt der Schnee, von Norden, von Puolanka her, es wird mehr werden, ein gewaltiges Schneetreiben, und Rolf und Othello in der Küche auf ihren fast blankgewetzten Schaffellen wittern es in ihrem tiefen Schlaf und rücken noch enger zusammen.

In unserem Haus in der Brahestraße sind die Vorhänge auch im Winter dünn und leicht. Nur bei härtestem Frost wird schwerer Samt vor die Fenster gezogen, um die Kälte abzuwehren, denn es muss alles vorhandene Licht genutzt werden. So wird die Helligkeit der Schneewehen schwach in die Zimmer reflektiert, die kaum jemals stockdunkel sind.

Ich bin allein am Esstisch sitzen geblieben. Herman und Anna glauben, ich sei schlafen gegangen, gute Nacht, Maria, sagten sie fast im Chor, aber ich wusste, dass ich nicht würde schlafen können, blieb sitzen und beobachtete den Schneefall. Die Gesellschaft der Menschen ist mir selten zuwider, aber es ist einfach so, dass ich am glücklichsten bin, wenn ich für mich alleine bin.

Ich schenke den Rest Wein aus der Flasche in ein Glas und trinke, obwohl mir bewusst ist, dass ich im Laufe des Abends mehr als genug getrunken habe. Ich spüre, dass ich etwas gewonnen habe, und möchte dieses Gefühl genießen, meinen Sieg feiern.

Im Durchgangsraum zur Küche brennt ein kleines Nachtlicht mit niedrigem Docht. Durch die Tür kann ich ins Wohnzimmer sehen, wo der Mond stechend durch einen Spalt in den dunklen Schneewolken hereinschaut. Ich versuche, meinen Blick im Halbdunkel zu schärfen: Sitzt da jemand am Klavier im Wohnzimmer? Ein schmaler Rücken, die weiße Hand greift in die Tasten, ein paar Klänge ertönen. Eine junge, dunkle Frau wendet mir ihr anmutiges Profil zu, hebt den Finger an die Lippen und flüstert: »Das hat Jean am Abend unserer Verlobung gespielt …«

Vielleicht war ich einen Augenblick eingenickt. Ich umklammere den dünnen Stiel des Weinglases – der jedenfalls ist real –, dessen geschliffene Kante sich schmerzhaft in meinen Zeigefinger drückt. Um munter zu werden, schüttele ich den Kopf, meine Haare lösen sich aus dem Knoten, ich stütze die Ellbogen auf den Tisch und lege den Kopf in die Hände, um genauer zu sehen – nein, die Frau sitzt immer noch am Klavier und sieht mich mit ihren klugen Augen an. Sie lächelt so glücklich.

Sind die Wegelius’ gerade erst gegangen, oder ist das schon sehr lange her? Schläft Herman noch in seinem Schlafzimmer, oder liegt er vielleicht schon seit Jahren neben Agnes auf dem Zollfelsen? Oder ist schon viel mehr Zeit vergangen? Ist Anna noch …

Ich sehe unser Puppenhaus aus der Ferne und von hoch oben, das Dach lässt sich abheben, dort ist mein leeres, schmales Bett, und unterhalb davon, im Dunkeln und im Licht, strömt unaufhaltsam der Kajaanifluss.

Auch Anna hört in ihrem Zimmer im Schlaf die Klänge des Klaviers, wild wirft sie den Kopf auf dem Kissen hin und her und ruft etwas. Anderswo im Haus liegt Herman, wie bewusstlos, fast tot, in seinem großen Bett, an dessen Rand Agnes Castrén schon ein paar Mal weilte. Hermans Finger zwirbeln im Schlaf die Spitze des Decklakens, er dreht sie wie ein schwarzes, gelocktes, öliges Schamhaar.

Herman weiß nicht, dass diese Nacht hier im Hause ein Gedränge herrscht. Durch die Zimmer wandern Schatten, lautlose Gäste, und ich stehe auf und gehe ins Wohnzimmer, erstaunlicherweise habe ich kaum Angst. Dort ist jetzt auch ein schlanker Mann mit imposanter, rötlicher Haarkrone, er geht am Klavier vorbei und streichelt im Vorübergehen der jungen Frau über die Wange.

Ich folge ihm, er setzt sich ungeniert auf das Sofa in Hermans Arbeitszimmer und schenkt sich ein Glas Kognak ein. »Auch Zigarren, Marke Partagas«, seufzt der Rothaarige erfreut. Er trällert, gestikuliert mit der rechten Hand in der Luft, so als dirigierte er ein Orchester, und prostet mir dann zu. Sein Blick ist klar und durchdringend, und die Melodie, die er summt, bricht mir fast das Herz.

Ich flüchte zurück ins Speisezimmer, aber auch dort befindet sich jetzt ein Gast. Am Tisch sitzt ein magerer, drahtiger Mann mit bebender Hakennase und zeichnet. Er zwinkert mir vertraulich zu, und der Adelsring schimmert matt an seinem Mittelfinger, als er rasch etwas in seinem Zeichenblock skizziert. »Ja, ja, so war das«, flüstert er auf Schwedisch, während er den Bleistift über das Papier huschen lässt. »Soll ich auch von dem Messer eine Zeichnung machen?«

Er zeichnet ein Messer auf das Bild.

Ich bleibe auf meinem Stuhl, denn ich will beobachten, wie das Bild fertig wird, aber das bekomme ich niemals zu sehen. Durch die Tür des Vorzimmers tritt nämlich ein dunkler Mann mit lockigem Haar ein, und ich stehe, zusammenfahrend, wieder auf, denn ich weiß sofort, dass er von besonderer Bedeutung ist.

Ohne mich auch nur anzusehen, geht der Mann zur Wand und nimmt aus der Vitrine die Messing-Perfect von Hardy, die im vergangenen Jahr auf den Markt gekommen ist. Unter seiner wohlgeformten, schief geschlagenen Nase verzieht sich der Mund zu einem erfreuten Grienen: »Hospodi! Ist das eine schöne Rolle …«

Das Eichhörnchen in seinen grauen Winterhosen erstarrte in der Fichte an seinem Platz und wandte Pinselohren und Knopfaugen dem See zu. Es stieß ein schrilles Gekicher aus, und der nervöse Schwanz begann hin und her zu schlagen, dass die Pelzhosen bebten: Der dunkle Punkt in der Ferne auf dem Eis blieb nicht auf der Stelle, nein, er näherte sich langsam und unaufhaltsam der Landzunge.

Dasselbe bemerkte auch ein Stück weiter entfernt der lautlose schwarze Vielfraß, der weich seine Tatze, die an den Fuß eines Kleinkindes erinnerte, gegen den Ast drückte. Jetzt war nicht der richtige Augenblick, das Eis zu überqueren.

So dachte indes nicht der Fuchs, der ohne nervös zu werden als lodernder Fleck durch die weiße Wüste trabte. Seine ovale Schnauze wies einen Augenblick auf den sich nähernden Schlitten, und die abwärts kullernde Wintersonne spiegelte sich rot in seinen schrägen Augen, die unverwandt blickten. Sie hatten dergleichen schon gesehen.

Wenn man als Leiche reisen müsste, lang ausgestreckt und auf der Stelle liegend, aber lebendig und warm, durch alle Schönheit und Trauer des Lebens, könnte ein Korbschlitten das geeignete Gefährt sein, hatte Herman Renfors einmal seiner Schwester anvertraut.

Jetzt erinnerte sich Maria an Hermans Worte, während sie in dem langen Schlitten unterwegs war, halb liegend, auf Heu, Rentierfellen und Decken, über sich weitere Decken und zwei Lagen Schaffelle. Der Frost war erträglich, etwas unter fünfzehn Grad. Virkku, der gedrungene Hengst der Renfors’, ließ die Hufe über den gefrorenen Untergrund klappern, und der Schnee knirschte unter den Schlittenstreben. Als lebender Leichnam, durch Schönheit und Trauer des Lebens …

Vorn auf dem Kutschbock schwankte Mikko Karppinens breiter Rücken in einem Rentierpelz. Sein großer, ungepflegter Schnurrbart war sogar von hinten, beiderseits der bis zu den Augen hinuntergezogenen Schaffellmütze zu sehen. »Es dauert nicht mehr lange, bald sind wir in Karhulanvaara«, brummte er, gar nicht so sehr zu der hinter ihm bequem daliegenden Reisenden als zu dem vor ihm auf und ab tanzenden Hinterteil des braunen Pferdes. Er war ständig um das Wohlergehen von Virkku besorgt.

Am Tag zuvor hatten sie mehr als fünf Meilen2 zurückgelegt, von Kajaani nach Ristijärvi, wo sie auf der Poststation über Nacht geblieben waren. Am heutigen Tag würden sie fast sieben Meilen fahren, bevor sie im Pfarrhof von Suomussalmi, ihrem nächsten Nachtquartier, anlangten.

»Bis Kuusamo? Das sind doch fast dreißig Meilen? Virkku schafft nicht mehr als sechs Meilen am Tag«, hatte Mikko Karppinen in der Brahestraße in Kajaani geknurrt. Und mehr verlangte auch niemand.

Außer Heu, Decken und Fellen beförderte der Schlitten die Proviantkiste der Reisenden, den Hafer für das Pferd und fünf Zweihand-Ruten aus Bambus von dreizehn bis achtzehn Fuß Länge, zum Fischen von Forellen. Die sechste, sowohl Hermans als auch Marias Favoritin, war eine Cholmondeley-Pennell-Universalrute der Hardy Brothers, die man durch Kombination mit Zubehör länger oder kürzer, biegsam oder steif, also für verschiedene Zwecke passend machen konnte. »Die verkaufen wir nicht, bring sie schnell zurück. Hardy wird jetzt auch als Rutenhersteller interessant«, hatte Herman gelächelt, während er den Korbschlitten belud. Landhändler Ervasti hatte geschrieben, dass die gespließten Bambusruten jetzt auch in Kuusamo Aufsehen erregten. Es gab Bestellungen, einige betuchte Männer warteten ungeduldig auf deren Eintreffen.

Neben den in Holzrohren verpackten Bambusruten lagen kleinere viereckige Kisten: Moscrop-Rollen aus Messing von Allcock, geölte Seidenschnüre, Vorfächer aus Seidendarm, die leicht brüchig wurden und deshalb in Beuteln aus Sämischleder und anschließend in Blechbüchsen verschlossen wurden, Haken vom Typ »Pennell-sneck« und »Pennell Limerick« sowie kistenweise Lachs-, Forellen-, Äschen- und Renkenfliegen. Für das Fischen an Stromschnellen gab es noch andere Köder mit Flügeln, heftig rotierende Devons, Seidenfische und Spinner. Für Ervastis Frauen waren Mitbringsel dabei, zwei hübsche Pelzmützen.

Direkt neben Maria lag noch ein Bündel, und das hob und senkte sich wie ein zweiter Menschenbauch. Maria schob ihre Hand mit dem Fäustling auf den dicken, glatten Nacken. Das Bündel drängte noch näher herzu, so als wollte es sich für alle Zeiten an Marias Hüftbogen festsaugen.

»Wenigstens den rette ich«, hatte sie in der Poststation Ristijärvi gedacht. Eine Missernte hatte das Haus ins Elend gestürzt, das auch vorher nicht als Raststätte mit reichlichem Angebot bekannt gewesen war. Die stille, magere junge Hausfrau starrte die gerade angekommenen Schlafgäste vom hinteren Teil der Stube aus an, nickte kaum zum Gruß, und der ebenso schweigsame, gebeugte Hausherr wies der Reisenden die einzige Kammer und deren schmales Bett an. Mikko Karppinen blieb nicht auf der Stubenbank, sondern ging zu Virkku in den Stall – anscheinend fürchtete er, dass der an dem Haus zehrende Mangel, der sich als ein den Magen umdrehender Geruch in allen Ecken und Winkeln festgesetzt hatte, in einer einzigen Nacht auch das Pferd erfassen könnte.

Der Hausfrau hing an den Rockschößen eine halbnackte Kinderschar, dreijährige Zwillingsbrüder, zwei etwas jüngere Mädchen und ein neugeborener, gelblicher Säugling, und die sahen stumm den Gast an, eine stattliche Frau, die unter dem Wolfspelz ein Kostüm aus dicker Wolle und mit Pelzstulpen verzierte Stiefel trug. Unter dem Stubentisch saß mit gespreizten Vorderbeinen und krummem Rücken ein Bärenhundwelpe, der noch magerer war als die Hausbewohner und den Gast ebenso unverwandt anstarrte.

»Ein schöner Welpe, im kommenden Herbst geht er sicher schon auf die Bärenjagd«, presste Maria hervor. Schreckliches Mitleid setzte ihrem Körper vom Scheitel bis in die Magengrube zu: Was gäbe es hier sonst Gutes zu entdecken?

»Die Mutter stammte vom Ohta-See in Karelien, sie starb bei der Geburt. Sie ist verblutet, irgendwas ist in ihr gerissen«, antwortete der Hausherr stockend. »Der Welpe ist am Leben geblieben, aber es hat keinen Sinn, ihn zu füttern, weil auch der Lappenhund schon fast an seiner eigenen Pfote nagt …«

Maria lag die Nacht auf dem Strohsack, ohne sich auszuziehen, zugedeckt mit ihrem Pelz, steif und gerade. Wolljacke und Handschuhe hatte sie zu einem Kopfpolster zusammengerollt. Für eine Weile schlief sie ein und träumte sogleich, ihr sei ein Teil der Zähne ausgefallen. Sie betrachtete ihre Handfläche, auf die sie die großen, fremd wirkenden Zähne ausgespuckt hatte, aus den Mundwinkeln rann ihr Blut, sie versuchte, es mit dem Ärmel abzuwischen und steckte angstvoll die großen Zähne zurück an ihren Platz. Voller Entsetzen eilte sie vor den Spiegel – nein, sie passten überhaupt nicht, sie waren zu groß und fielen heraus, Blut floss ihr aufs Kinn, und im Zahnfleisch klafften braunrote Löcher.

Kaum begann die Nacht in den Morgen überzugehen, da setzte Maria sich auf den Bettrand, knöpfte sich die Bluse zu und über der Bluse die Jacke, flocht sich die Haare zu einem festen Knoten im Nacken und trat in die Stube.

»Ich kaufe den Welpen«, sagte sie unumwunden und legte Geld auf den Tisch, viel mehr, als die Übernachtung gekostet hätte, ganz zu schweigen von dem halbverhungerten Hund. Während sie sich zur Tür wandte, legte sie neben das Geld, halb hinter ihrem Rücken, klammheimlich und verlegen, ein Bündel mit Roggenbrot, einem Klumpen Butter und einem Stück Schweinefleisch.

Dann nahm Maria den Welpen unter den Arm – er sah ihr ebenso finster und unverwandt in die Augen wie am Abend zuvor –, warf sich den Pelz über die Schultern und floh zum Stall, um zusammen mit Mikko Karppinen Virkku anzuspannen.

»Der hier heißt Ohta, und er kommt mit uns mit«, sagte sie.

Aus den zwei Reisenden waren also drei geworden, und sie teilten im Schlitten auf dem Waldweg ihren Proviant, das Brot, den hausgemachten Käse und die Schinkenscheiben. Virkku versuchte, die Beine nachdrücklich anhebend, auf dem mit kleinen Signalfichten markierten Weg die höchsten Eis- und Schneeklumpen vorsichtig zu umgehen.

»Wie hätte man es übers Herz bringen können, dort zu essen, wo die Leute selbst nichts hatten«, murmelte Mikko Karppinen dem schlagenden Schwanz des Pferdes zu.

Die Sonne hatte den Waldrand schon aus ihrem Griff entlassen, und der Westen war ein einziges glühendes Rot. Die Nacht breitete am Himmel ihren tiefblauen Mantel aus und warf sorglos eine Handvoll klirrende Sterne darauf. Die Schnee-Ebene war einen Augenblick lang zart rosa, dann grünlich, und zuletzt warf eine gewaltige Hand einen dichter werdenden blaugrauen Märzschleier darüber. Das Starren des zunehmenden Mondes wurde immer stechender. Dunkel war es nicht, die ganze Nacht würde es nicht dunkel werden, aber das Licht hatte sich verändert, es kam jetzt aus einer anderen Welt, die uns nichts angeht, dachte Maria.

Die Landschaft war entrückt und bekannt, sie war fremd, und doch vertraut. Dieselbe Landschaft war seit der Kindheit in ihr gewesen, als gewichtige, wortlose Rede, die von Anfang bis Ende des Menschen einziges Zuhause ist. Und dennoch: Wie oft hatte sie in ihren Briefen an Erik die langen, ermüdend einsamen Winter in Kajaani beklagt, wo zwei brausende Stromschnellen eisige Nebelschleier auf die elenden Straßen hauchten. Die Feder eilte über das Papier und ergoss darauf Träume vom Sommer, von zurückkehrenden Schwalben und Rosensträuchern aus Käkisalmi, die zu ihren besten Zeiten mit Dutzenden und Aberdutzenden von duftenden Blüten in der Abenddämmerung des Gartens in der Brahestraße blühten.

Gleich würde das Bellen eines Lappenhundes, der die Reisenden aus der Ferne witterte, die Stille zerreißen, aber noch blickte Maria in die lautlose, schneebedeckte Waldödnis und die in der Zeitlosigkeit des Sees erstarrte Winternacht. Wieder dachte sie an die Menschen in der Bibel, die in den Schriften dann und wann ihr Gewand zerrissen, mal schwer erschüttert, mal vor Erstaunen oder aus Wut. Sie hatte dasselbe Empfinden: dass sie ihre Kleider zerreißen und vor dieser Landschaft Brust und Herz entblößen sollte, um noch tiefer darin zu versinken.

Im Vergleich dazu – so dachte sie einen Augenblick fast beschämt – wirken die Rosen aus Käkisalmi und die schwer in den Büschen hängenden Trauben der roten und schwarzen Johannisbeeren wie gleichgültige, unbedeutende Traumfetzen.

Ich habe viel über diesen Pelzjäger nachgedacht und werde das wohl bis an mein Lebensende tun, wenn man bedenkt, was später geschah. Ich kann mich nicht erinnern, je einem kurzweiligeren Gesprächspartner als Jaakko Kuisma begegnet zu sein, sooft ich auch mit den verschiedensten Männern auf Abendgesellschaften zusammengesessen habe.

Diese Schnelligkeit und Gewitztheit, die trifft man bei Finnen so selten an – na ja, bei Leuten aus Karelien schon. Schläue darf man nicht mit Klugheit verwechseln. Sind doch viele bedächtige und schweigsame Menschen sogar sehr intelligent, aber andererseits kann eine pfiffige Person nicht dumm sein, so wie Schwätzer es oft sind.

Kuisma war witty, ein englisches Wort, für das es im Finnischen wohl keine Entsprechung gibt. Er setzte rasch den Satz eines anderen fort, prägnant und treffend, seine Bonmots waren frisch und, wie ich fand, manchmal nachgerade genial. Er entstammte einer Großfamilie aus Kuusamo, sein Vater war einer jener Einödbauern, die in Gemeinschaften von mehreren Familien im selben Haushalt zusammenleben wie ein schottischer Clan. Aufgabe der Familie Kuisma in diesem Clan war die Pelztierjagd gewesen, aber der Mann hatte erstaunlich viel gelesen, er war auf seine Weise sehr gebildet. Seine Erzählungen, oft über die Geschichte Kuusamos, waren außerordentlich interessant, und er verstand es, lebendig und anschaulich zu formulieren, mit feinen, knappen Wendungen.

Die Prägnanz und das Mitreißende seiner Wortwahl, diese schwierige Kombination, habe ich immer bewundert, sicherlich deshalb, weil sie mir abgehen. Ich bin wohl eher ein bedächtig sprechender Handwerker …

»Herr Renfors hat solotyje ruki, goldene Hände«, sagten die Direktoren der Gewehrfabrik Putilow-Werke in Sankt Petersburg.

Bei den Leuten aus der Provinz Kainuu trifft man durchaus auf scharfsinnige Wortgewandtheit, doch kaum bei denen aus Savo. Manchmal war ich nahe daran, in der Fabrik in Gesellschaft von Iisakki Pietiläinen verrückt zu werden, wenn er in seinem langatmigen Stil eine seiner Ansicht nach sehr komische Geschichte erzählte, die in einem zusammengefallenen Pfannkuchen gipfelt. Ihn selbst amüsierte seine Geschichte immer sehr, und Leute dieser Art aus Savo habe ich oftmals getroffen. Da muss man dann höflich lächeln, nicken und seinen Überdruss herunterschlucken. Zum Glück war Kuisma das vollkommene Gegenteil von einem Savolaxen.

Kuisma wollte mich treffen, denn er plante, selbst eine Maklertätigkeit aufzunehmen. Er hatte sich sein Lebtag in den großen Jagdgebieten von Kuusamo und Weißmeer-Karelien betätigt und wollte jetzt eine Anzahl von Lieferanten verpflichten, die unter Vertrag für ihn jagten. Er würde die Beute einsammeln und dann garantierte Qualitätsware an die Händler liefern können, den Männern jedoch auch eine Entschädigung für solche Jahre zahlen, in denen es wenig Wild gab.

»Die Felle brauchen dann beispielsweise nicht mehr über Ervastis Landhandel zu gehen, auch Ervasti hält das für eine gute Idee, denn er hat schon genug mit allem anderen zu tun«, sagte Kuisma. »Ich würde mir meine Dienste nur sehr maßvoll vergüten lassen, denn es wäre gut, mit jemandem ins Geschäft zu kommen, der Kontakte von Kajaani bis Oulu und Helsinki hat, vielleicht irgendwann auch bis nach Stockholm und Sankt Petersburg«, fuhr er etwas schmeichlerisch fort.

Das nahm ich ihm nicht übel. An Stockholm und Sankt Petersburg hatte ich auch schon selbst gedacht …

Der Mann besaß Pläne und Ehrgeiz; er wollte eindeutig seine Stellung als gewöhnlicher Jäger verbessern. Er war gut gekleidet, höflich, von tadellosem Benehmen. Wir saßen in meinem Arbeitszimmer in der Fabrik, ich bewirtete ihn mit Rumgrog und einer Zigarre. In Rauchwaren kannte Kuisma sich selbstverständlich gut aus, aber er war sehr interessiert an allem, was wir herstellten, und offenbar nicht nur aus Höflichkeit. Er konnte geistreiche Bemerkungen auch zu solchen Dingen machen, von denen er nichts wusste, und mich amüsierte und unterhielt das, denn ihm brauchte man nichts sonderlich eingehend zu erklären, so schnell war seine Auffassungsgabe.

Er hatte sich bei Maria und Anna fotografieren lassen, und ich war zum wiederholten Male überrascht, wie seine Gedankengänge an meine eigenen erinnerten. Er hatte mit fast denselben Worten an die Zukunft der Fotografie gedacht: dass eines Tages die Kameras klein und leicht tragbar sein würden und jedermann eine besitzen und alle überall fotografieren würden.

Einen angenehmeren und unterhaltsameren Zeitgenossen habe ich noch nicht erlebt, sagte ich. Warum dann fand ich keinen Gefallen an ihm, mochte ich ihn letztlich nicht?

Zum ersten Mal merkte ich auf, als wir über das Fischen sprachen. Er hatte natürlich die großen und kleinen Flüsse um Kuusamo abgeklappert und war auch ein geschickter Fischer. Er erkundigte sich nach den langen Stromschnellen, die beim Ämmäkoski und in Vaala ihren Anfang nahmen, und nach den Stromschnellen Niskakoski und Pyhäkoski. Ich erzählte ihm, dass ich meinen bisherigen Rekord, einen Lachs von zweiundfünfzig Pfund, mit einem selbstgemachten Löffelblinker gefangen hatte und dass ich elf oder vierzehn Fuß lange Fliegenruten verwendete.

Ich plauderte über das Rekordjahr 1885, wo ich zwischen dem neunten und dem dreizehnten September an fünf Tagen sechshundertvierundsiebzig Pfund Forellen und Äschen und ein andermal in drei Wochen eintausendsechshundert Pfund bekommen hatte.

Da ging eine seltsame Veränderung in ihm vor: Es war, als wäre die Lampe, die sein Gesicht erhellt hatte, erloschen. Ich verstand sofort, worum es sich handelte, hatte ich dieses Phänomen doch auch früher schon unter Fischern beobachtet. Er konnte sich einfach nicht über meine lange zurückliegende Fischbeute freuen. Dennoch war ich bestürzt, denn ich hatte ihm im Stillen auch alle anderen guten Eigenschaften zugesprochen neben denen, die ich bei ihm eindeutig festgestellt hatte. Ich versuchte, seinen Neid zu lindern, indem ich die Sache mit einer Handbewegung abtat: »In jenen Jahren haben hier alle so viel Fisch bekommen wie Sankt Peter.«

Wie wir da noch so saßen, begriff ich, dass sich hinter den klugen, humorvollen Reden in dem Mann eine Sperre befand. Und diese Sperre bestand nicht nur aus jenem Stolz und jener Härte, die für Kuusamo typisch waren und die die Neusiedler, ohne in ihren Methoden zimperlich zu sein, seinerzeit hatten entwickeln müssen, um die Lappen zu vertreiben und für die eigenen Leute Jagd- und Ackerland zu erobern. Und es war auch nicht derselbe Stolz, dieselbe Verschlossenheit, wie meine Schwester Maria sie hatte.

Die Sperre war irgendwie viel schwerer und sorgfältiger bewacht. Mitten in lustigen Geschichten und Gelächter konnte er für einen Moment verstummen, und in seine Augen trat quasi aus dem Nichts ein kalter, entrückter Blick, so als hätte er sich an das erinnert, was er sorgfältig verbergen wollte. Das hatte etwas Schreckliches.

Septimia Cecilia Calamnius strickte wie besessen und genoss das ebenso leidenschaftlich wie das Ringen um Worte, wenn sie ein Gedicht formulierte. Beim Schreiben und beim Stricken hatte sie das Gefühl, die flinke Bewegung der Finger und der Stricknadeln sei ihr Ureigenstes. »Ich bin die Frau des Pfarrherrn und habe ein Kind nach dem andern geboren«, schimpfte sie manchmal mit sich selbst, aber nicht sehr streng. Sie wusste, dass man sie im Kirchspiel Poesiepröpstin nannte.

Und sie schrieb und strickte ja dann, wenn es nichts anderes zu tun gab, so wie jetzt, da August Benjamin der Reisenden Gesellschaft leistete, die ins Haus gekommen war; sie selbst war Gastgeberin am Kaffeetisch. Die Bäuerinnen von Suomussalmi, deren Handarbeiten sie gar nicht genug bewundern konnte, hatten doch viel weniger Zeit.

Cecilia konnte stricken, ohne groß auf ihre Hände zu schauen, die Nadeln klapperten die Arbeit flink voran wie eine kleine, wundersame Maschine. »Mutter kann gleichzeitig stricken, Kaffee trinken, lesen und plaudern«, hatte ihr Sohn Rurik einmal gelacht. »Wenn sie Pfeife rauchen und Grog trinken würde, dann würde sie das ganz nebenbei auch noch hinkriegen.«

Jetzt betrachtete Cecilia den Gast, der im Schlitten auf den hohen Berg und zu dem Einödpfarrhof Karhulanvaara gekommen war, als die Hausbewohner sich gerade an den Abendbrottisch setzten. Die dunkle Frau stand mit dem Rücken zu dem nachtschwarzen Fenster und streckte die Hände zum Feuer hin, das in dem weiß verputzten Stubenofen loderte, lächelte leise und machte den Eindruck, als könnte sie gar nicht genug bekommen von der Wärme des Feuers. Eine stattliche Person mit großer Nase, weit davon entfernt, eine Schönheit zu sein. Eine, die als junges Mädchen in den Spiegel schaut und ständig wiederholt: »Hässlich, hässlich, hässlich.« Doch ein solches Gesicht würden die anderen hin und wieder von neuem ansehen müssen, weil man es niemals satt bekommt.

Cecilia hatte seinerzeit gehört, dass Maria und Anna Renfors in Kajaani ein Fotoatelier eröffneten. Der Gedanke hatte sie ungeheuer fasziniert. Zwei Frauen! Herman Renfors wiederum war ein paar Mal im Pfarrhof gewesen, und das war nun ein Mann, den man bis an sein Lebensende unverwandt hätte anschauen mögen.

Cecilia presste die Lippen zusammen, so als hätte sie etwas herrlich Süßes im Mund, sammelte sich dann und sah streng auf ihr Strickzeug. Auf eine Doppelferse muss man sich nun doch ein wenig konzentrieren. Das jüngste Kind, die zwölfjährige Vilma, servierte anmutig noch einmal Kaffee, so wie es besprochen war.

Die Pröpstin blickte erneut auf ihren Mann und den Besuch: Offenbar schenkte A. B. Calamnius Kognak in Gläser. Die fanatischen Erweckten von Suomussalmi regten sich schon zur Genüge über die Vorliebe des Pfarrherrn für Grog auf …

Bildung bedeutet nicht nur eine Idee oder lange Schuljahre oder das zähe Bemühen, sich zu entwickeln, dachte Maria im Wohnzimmer der Familie Calamnius. Bildung bedeutet auch: dass es zwischen den Menschen ein undefiniertes Verständnis und Wärme gibt, den wohlmeinenden Wunsch, das Eigene zu teilen, dem Ankommenden die Tür zu öffnen, ohne zu fragen.

Maria Renfors hatte sich in Gedanken verloren und fast vergessen, dass sie den Pfarrherrn gerade nach der geplanten Volksschule von Suomussalmi gefragt hatte – das war ein kühnes Vorhaben, genau genommen galt es als völlig verrückt in einer Gemeinde, wo die meisten Einwohner nicht genug zu essen hatten.

»In der Sackgasse, völlig in der Sackgasse«, antwortete Pfarrherr Calamnius, ohne die Zerstreutheit seines Gastes zu bemerken. »In einem Hungerwinter hält man es für ein besonders sinnloses Luxusunterfangen. Die Gegner warnen, der Nachtfrost könne sehr wohl auch in diesem Jahr die Saat zerstören. Die Gemeinde widersetzt sich der Volksschule geradezu wütend, da die Straßen voller Bettler sind.«

»Die reichen Bauern halten die Macht in Händen«, seufzte die Pröpstin und hielt einen Moment mit dem Stricken inne. »Sie verstehen nicht, dass hier die Grundlage für die Zukunft gelegt wird. Allerdings werden wir, die Befürworter, von namhaften Persönlichkeiten unterstützt, von Frau Oberst Aurora Karamzin und von Professor Sakari Topelius. Als unsere Tochter Aina vor zwei Jahren einige Monate lang eine Art Schulunterricht abhielt, sah sie, wie groß der Wissensdurst war. Auch aus den ärmsten Hütten versuchte immer jemand zu kommen.«

»Das Notfallkomitee hat in Helsinki Mittel für die Gründung einer Schule beantragt, und von dort wurden uns tausend Mark zugesagt. Das ist eine gute Unterstützung, aber eine Schule für Suomussalmi bekommt man damit nicht gebaut«, sagte der Pfarrherr und strich sich nachdenklich den weißen Bart. Er ging auf die sechzig zu, aber sein Blick war frisch, der Rücken gerade und sein Schritt elastisch. Auch er wunderte sich über den unerwartet eingetroffenen Übernachtungsgast, verbarg aber gut seine Neugier.

»Nach Kuusamo also, in nordöstlicher Richtung, über einen Weg, den nur wenige Reisende benutzen …«, murmelte er und lächelte dann: »Ihre Reise ist bis hierher der Marschroute des Bezirksarztes Elias Lönnrot gefolgt. Hier im Pfarrhof Karhulanvaara hat er oft einige Nächte verbracht, der arme Mann, und versucht, meinen schwermütigen Amtsbruder Carl Saxa aufzuheitern. Zum Glück habe ich mir einen gesunden Verstand bewahrt, trotz acht Kindern! In Kianta wandte Lönnrot sich dann nach Kuhmo und plante, über Sotkamo zurück nach Kajaani zu gehen. Aber die Leute in den abgelegenen Gegenden haben es Lönnrot oft gar nicht abgenommen, dass er ein richtiger Arzt war«, fuhr Calamnius fort. »Im Sommer ging er ja barfuß, im Leinenhemd und mit einem Ränzel auf dem Rücken. Das Misstrauen nahm noch zu, wenn der Mann, der sich als Arzt ausgab, geheime Zaubersprüche und die Kräuterzauber kannte, und zwar noch genauer als die Heilkundigen in den Dörfern.«

Calamnius schwieg einen Augenblick, hob dann sein Kognakglas wie zur Begrüßung und rezitierte: »Horcht nur, horcht auf dieses Schallen, auf des Waldesspielmanns Worte, auf des Zapfennagers Zwitschern! Jetzt streift Meister Petz durchs Dickicht, wacht im Wald die Honigtatze, wandert weithin durch die Wildnis … Auf Lönnrot!«

Maria hob lachend ihr Glas und sagte: »Auf Lönnrot! Aber meine Muttersprache ist nun mal Schwedisch, und ich kann wohl nicht gut genug Finnisch, um jedes Wort im Kalevala zu verstehen. Ich begreife, dass eine gewaltige Kraft in Rhythmus und Worten liegt – wenn man doch einmal hätte hören können, wie in Karelien gesungen wurde!«

»Ilmari kann viel mehr von diesen Versen als ich. Er hat unzählige Lieder auswendig gelernt und deklamiert sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, natürlich deshalb, weil ein Teil davon nicht für Frauenohren bestimmt ist«, lächelte der Pfarrherr.

»Ihr Sohn Ilmari?« Maria stand auf, um das Feuer zu schüren, sie fragte nur, um etwas zu sagen. Ilmari Calamnius war auch in Kajaani nicht ganz unbekannt.

»Unser Sohn Ilmari, achtzehn Jahre alt.« Cecilia Calamnius hob die Hand von ihrem Strickzeug an die Wange, scheinbar verzweifelt. »Diesen Winter ist er noch am Finnischen Staatlichen Lyzeum in Oulu. Ilmari ist von unseren Söhnen der schüchternste, sensibelste und wildeste, aber vielleicht auch der begabteste. An seinem Konfirmationstag stand er am Ufer des Kianta-Sees, schüttelte drohend die Faust in Wind und Regen und schrie, er werde seinen Namen eines Tages noch in Kianto ändern!«

Der Pfarrherr schüttelte sich vor Lachen: »Angeblich hat eine Zigeunerfrau Ilmari aus den Karten Berühmtheit und ein langes, abwechslungsreiches und chaotisches Leben vorausgesagt. Aber das hätte nun jeder auch ohne Karten gekonnt.«

Es ist so dunkel und still. Im März gibt es in Kainuu noch nicht das Geräusch strömenden Wassers. Ich liebe das Wasser und den Himmel darüber so sehr, dass der Schmerz manchmal unerträglich ist.

Immer, wenn ich es schwer hatte, habe ich ein Gewässer aufgesucht. Wasser ist ein Weg, eine Tür irgendwohin. Ob es so ist, dass die Seele des Menschen wie Wasserdampf ist? Wenn sie schwer wird, wandelt sie sich zu Wasser, und es verlangt sie nach anderen Wassern. Bin ich deshalb Fliegenfischerin geworden?

Herman denkt nicht so seltsame Sachen, aber es ist auch nicht leicht, die eigenen Gedankengänge jemandem zu erklären, der nicht selbst fischt. Herman sagt, im Fischen geht man völlig auf, weil es so wunderbar ist, und wunderbare Sachen gibt es im Leben sehr wenige. Dann muss man ihnen einfach nachgehen, ob das nun vernünftig ist oder nicht.

»Ihr Bruder Herman ist ein bezaubernder Gesellschafter, und als Fliegenfischer noch erstaunlicher«, zwitscherte im vergangenen Sommer in Kajaani die englische Reiseschriftstellerin Mrs. Alec Tweedie, die mit ihrer jüngeren Schwester eine große Rundreise durch Finnland machte. Herman hatte sie in ein Boot gesetzt, das ein paar Kilometer die Stromschnellen aufwärts bis zu den Schleusen fuhr, damit sie ein Gefühl für den Fluss bekamen. Dort erwartete er sie dann bei der ersten Schleuse in einem geteerten Boot, das er selbst steuerte – er bleibt ja manchmal tagelang am Fluss und fährt die Wasserfälle hinunter wie der beste Lotse. Mein Bruder mit seinen Nerven wie Drahtseile.

»Ich werde mich mein Leben lang an seine geschickten Würfe und raffinierten Manöver erinnern, die ich sah, als ich ihn beim Fischen in Ihren berühmten Stromschnellen beobachtete«, sagte Mrs. Alec in jenem Tonfall verzückter Begeisterung, wie ihn nur eine formelle Engländerin haben kann. Die Lachsgerte war auch ihr nicht fremd.

Es ist ja wahr: Herman ist ein großer Fliegenfischer. Aber wenn ich an Forellen und Lachse, Stromschnellen und Fliegenfischer denke, sehe ich in Gedanken oft nur einen ganz bestimmten Fischer. So als hätte ich erst an jenem Abend begriffen, was Fliegenfischen ist.

Das ist einige Jahre her. Mitte Juni war die Sonne so weit untergegangen, dass die Stromschnelle die Farbe von bläulichem Blei hatte. Das Licht des Himmels spiegelte sich im Wasser, das hoch stand, aber nicht zu hoch, und der Mann watete in der Stromschnelle und machte lange Würfe stromab mit einer 12er Coachman.

Manche sind der Ansicht, das Fischen auf steigende Forelle sei etwas Feineres als das Abfischen einer bestimmten Stelle, aber so ist es ja nicht. Im Gegenteil: Es ist anspruchsvoller, denn dabei wird die Fliege nicht aufs Geratewohl irgendwohin ins Wasser geworfen. Man muss genau wissen, wo man fischen soll, denn der Fisch sagt es einem nicht.

Jeder Anfänger ist in der Lage, eine hungrige Forelle zu fangen, die ihren Aufenthaltsort verrät. Aber dann, wenn der schlaue, träge Fisch sich versteckt – und dieses Versteck muss man einfach erfassen und dort die Fliege platzieren –, dann sind Wissen, Geschick und Ausdauer gefragt. Die Gewohnheiten der Forellen wechseln von Fluss zu Fluss, von Tag zu Tag, sie hängen vom Wasserstand, von der Richtung und Stärke des Windes, von der Jahres- und der Tageszeit ab.

Forelle und Wahrheit! Irgendwann werde ich darüber ein Buch schreiben, dann, wenn ich so alt bin, dass ich nicht mehr in die Stromschnelle waten kann. Wir Sterblichen können von der Natur niemals verlangen, dass sie uns einen Erfolg gönnt, aber der Fliegenfischer, der seinen Köder richtig anzubieten weiß, hat ihn sich verdient.

So dachte ich, während ich ihm zusah. Ich selbst hatte aufgehört zu fischen und stand mit der Rute unterm Arm am Ufer. Rasch strömte die Stromschnelle vor, hinter und neben ihm, und er ging stromabwärts und warf die Coachman.

Zuerst dachte ich, die Stromschnelle sei ebenso groß und unberechenbar wie das Leben, sie strömt unaufhaltsam an dem auf sein Tun konzentrierten Fliegenfischer vorbei, und wir Fischer können nur erstarrt dastehen oder gehen, manchmal schwankend und strauchelnd, und in einer gnadenlosen, endlosen Bewegung die Fliege werfen, und wir haben keinen Platz auf Erden.

Viele Fischer, die auch tatsächlich Fische fangen, bewegen sich an der Stromschnelle wie in einem Traum. Sie sind umgeben von stehender Luft, von totem Atem, egal, wie genau sie auch zu zielen und zu werfen scheinen. Aber so war es bei ihm nicht: Als ich eine Weile den kraftvollen Gang des Mannes beobachtet hatte, der zugleich nachdenklich und aufmerksam war, und seine Würfe, die auch dem Herzen einen Höhenflug bescherten, da verstand ich, dass alle Kreaturen denselben Lebensgeist teilen. Ein Fliegenfischer kann wahrhaftig der Stromschnelle und dem Lachs ebenbürtig sein, wenn er von derselben Kraft und Geschicklichkeit erfüllt ist, die man an einem Löwen wahrnimmt. Und wenn der Löwe auch nur in der Nachmittagsglut auf der Savanne ruht.

Ich hatte schon den Kescher in der Hand, denn er hatte einen Augenblick lang einen Fisch an der Fliege, doch der kam wieder frei. Aber das machte nichts. Ich wusste, dass jetzt, wo ich dies gesehen hatte, mich nichts mehr entmutigen konnte.

Letzte Nacht dachte ich wieder an ihn, ich brauchte diese Erinnerung. Die Nacht ist schwer; die schöne, im Webstuhl gewebte, rotschwarze warme Wolldecke auf mir ist leichter als diese Nacht. Ich lasse die Kerze auf dem Tisch brennen, während ich schlaflos daliege; das können die Calamnius’ sich leisten. Mein Körper ist entspannt und erfüllt von ihrer Gastfreundschaft, ihrem guten Essen, der Schönheit ihres Heims, ihrer Bildung und Liberalität – ganz zu schweigen von Calamnius’ Kognak –, und deshalb erscheint mir jetzt auch die Unruhe erträglich.

Ich habe vor Zeiten Sätze aus einem von Hermans Büchern, das ich in unserer eigenen Bibliothek gefunden hatte, auswendig gelernt. Darin sprach ein Weiser aus dem Osten: »Alles, was du suchst, sucht auch dich. Wenn du still liegst und still sitzt, dann findet es dich. Es hat lange auf dich gewartet, und wenn es gekommen ist, rühre dich nicht von der Stelle. Ruhe. Warte ab, was als Nächstes geschieht.«

Darauf möchte ich vertrauen, aber habe ich nun nicht doch zu vieles arrangiert? Ich habe niemals recht begriffen, wann man sich aus dem Geschehen heraushalten und wann man eingreifen sollte, und das hatte einiges Tohuwabohu zur Folge.

Jetzt nahm ich also an, ich läge ruhig da und wartete ab, was als Nächstes geschehen würde – und machte mich dann auf die Reise. Ich fuhr vertrauensvoll bis hierher zum Pfarrhof, war zufrieden mit meinem Entschluss zu reisen, fühlte mich ruhig und wichtig und klug. Dennoch kann das Gefühl trügerisch sein: Bin ich von Kajaani abgereist, obwohl ich das nicht hätte tun sollen?

Dieser Gedanke durchfuhr mich, als Calamnius, der ebenso scharfsichtig ist, wie er wirkt, und bei unserem Geplauder einen Augenblick schwieg, dann auf mein Kostüm deutete und sagte: »Sie haben einen prachtvollen Gürtel, Fräulein Renfors … Sicherlich wissen Sie, was es bedeutet, ihn zu tragen?«

Ich hatte mir den Gürtel am Abreisemorgen ohne Erlaubnis in aller Eile um die Taille gelegt, weil ich in der Hast den alten, schönen Ledergürtel meiner Mutter nicht fand, den ich um mein wollenes Reisekostüm zu legen pflegte. Nach diesem Gürtel hier hatte es mich jedoch im Grunde all die Jahre verlangt, ich hatte ihn stets an der Wand von Hermans Arbeitszimmer bewundert. Der Forschungsreisende Nordenskjöld hatte ihn von den Nenzen, den Tundra-Nomaden, mitgebracht, so wie auch einige andere bemerkenswerte Gegenstände in unserem Hause. Wie hatte ich es wagen können, ihn zu nehmen? Habe ich ihn mir allzu leichtsinnig geschnappt … Ich finde ihn schön, wenn auch sehr eigenartig.

Nordenskjöld zeigte uns, dass an dem fünf Zentimeter breiten Gürtel Metallstückchen hingen, die Geister von Vögeln und anderen Tieren bedeuteten, Krallen und Zähne von Vögeln und Bären sowie Glöckchen und kleine Messer. Es ist der Gürtel eines jungen Schamanen, den er benutzt, bevor er seine Trommel bekommt, und die am Gürtel befestigten Gegenstände schützen ihn auf seiner schwierigen und gefährlichen Reise ins Jenseits. Er hilft dem Schamanen, in andere Welten zu gelangen.

Calamnius, der Pfarrer, hat das erkannt. Und es gibt wirklich keinen Zweifel an seiner umfassenden Bildung, die bis in die heidnischen Welten reicht. Ich antwortete ihm nicht direkt, aber ich warf trotzig den Kopf zurück und sagte: »Offenbar wissen Sie es! Dann kann ich Ihnen als Gegengabe für das Bärenlied ein Schamanenlied schenken!«

Kamen die Worte aus dem Gürtel geströmt, die ich glaubte vergessen zu haben, nachdem der Forschungsreisende sie in der Brahestraße, inspiriert von Hermans Gläsern voll Rumgrog, gesungen hatte? Ich blickte dem alten Mann fest in die Augen und deklamierte: »Ich habe gegen den Drachen gekämpft, er wehrte sich heftig in meinen Händen! Wütend, ach, schlug er mich, zerriss mir die Kleider! Am Kopfschmuck die Federn, sie schenkt’ mir der Himmelsgott, bunt ist mein Stoffgewand, gebracht auf dem Rücken des roten Hengstes …«

Ich hätte noch weitergesprochen, aber A. B. Calamnius hob die Hände und flüsterte fast, als beruhigte er ein Kind: »Still, still, lassen Sie es gut sein! Nicht diese Worte. Es ist Zeit, schlafen zu gehen.«

Jetzt bin ich also schlafen gegangen, das Herz schlägt schon langsam. Wird der Gürtel mich auf der Reise beschützen? Wie weit wage ich mich überhaupt?

Und so kam es dann: Ich hatte Jaakko Kuisma zum Abendessen eingeladen, hatte wohl gedacht, der Mann würde an dem öden Winterabend auch Anna und Maria ein wenig Kurzweil bringen. Bevor wir mit der Mahlzeit begannen, schenkte Maria ihm die selbstgebundene Jock Scott, um die Kuisma gebeten hatte, und er bedankte sich schön, lobte sie, wie es sich gehört, und dann setzten wir uns zu Tisch.

Es war ein fröhlicher Abend – ich kann mich nicht erinnern, wann in unserem Speisezimmer so viel und so herzlich gelacht worden wäre. Fräulein Komulainen hatte Plinsen aus Buchweizenmehl gebacken, eine der Lieblingsspeisen der Russen, und wir aßen sie mit Zwiebeln, Schmand, Quappenrogen, gebeiztem Lachs und Pilzsalat. Unbekümmert schlug ich vor, auch die Frauen sollten doch wenigstens einen Wodka nehmen, und dann musste ich zu meinem Entsetzen sehen, wie sich Annas Mund bald weit zu heiterem Gewieher öffnete, bald der Kiefer ihr vor Verblüffung bis auf den Spitzenkragen herunterklappte. Maria sprühte nur so, und mein Blick kehrte immer wieder zu ihr und zu Kuisma zurück, weil sie am Tisch nebeneinander saßen.

Auch ich lachte natürlich und hörte aufmerksam zu, aber noch aufmerksamer war mein Blick. Sie sahen einander kaum an, aber ich nahm wahr, dass sich zwischen ihnen etwas regte.

Ich weiß sehr wohl, wie Maria und Anna hinterher gutmütig über mich lachen, wenn sie bemerken, was Agnes für eine Anziehungskraft auf mich ausübt, immer, wenn sie da ist. Wenn ich auf dem Sofa sitze, kann ich mich nicht nahe genug an ihren langen, vollen Schenkel drücken, der von einem dicken Rock verhüllt ist. Nur die Sittsamkeit …

Aber hier gab es keinen Blick, keine Bewegung. Der Ofen war zu stark geheizt, Kuisma hatte seine Jacke ausgezogen, und ich schwöre, dass ich dieses sah: Durch den Ärmel seines Hemdes strahlte die Hautwärme auf Marias von Seide bedeckten Arm. Die Augen meiner Schwester verrieten es. Der Mann war so leicht, so zierlich, und dennoch lockte die Glut seiner Schulter, verlangte nach Berührung. Aber sie rührten sich nicht.

Zuletzt hatten die Wodkas meinen Blick so geschärft, dass ich am Ende des Abends, als im Vorraum die Abschiedsworte gewechselt wurden, schon ein Falke war. Kuisma reichte zuerst Maria die Hand, drückte sie fest und schaute Maria mit seinen verhangenen Augen an – bewegte sich darin doch etwas?

»Sie sollten Kuusamo sehen«, sagte er. »Falls Sie je dorthin kommen, weiß der Landhändler Ervasti, wo ich zu finden bin.«

Und nach Kuusamo komme ich – zunächst im Traum. Der Zauber des Traums ist schärfer, lieblicher und schrecklicher als der der Wirklichkeit, denn in der Nacht und im Traum ist der Mensch nackt und bloß, ohne Schutzhaut, ohne den Pelz, in dem er die Tage vom Morgen bis zum Abend umhergeht. Für Tiere wie für Menschen ist die Haut ein Mittel, auf der Hut zu sein, sie ist die Fähigkeit, genau zu wittern und zu sehen.

Aber ich weiß, dass ich jetzt schutzlos bin, sowohl nachts als auch am Tage – ich habe meine Haut in Kajaani gelassen, meine Schutzhülle, und mir stolz und sorglos einen Schamanengürtel um die Taille gebunden; kein Wunder, dass der alte Pfarrherr besorgt war.

Während ich einschlafe, gleitet in meine Träume im Pfarrhof Karhulanvaara Kuusamo, wie um den Ankömmling zu grüßen, aber nicht das nordöstliche Land, zu dem ich mit Mikko Karppinen und Virkku unterwegs bin, sondern die frühere Zeit, die Geschichten, mit denen Jaakko Kuisma die Renfors-Familie am Abendbrottisch bei Plinsen entzückt und verblüfft hat.

Es kommt eine kleine, dunkle und hitzige Gestalt, von der ich sofort weiß, dass es Niila Antinpoika Aikasarria ist, der Lappe aus dem Dorf Maanselkä, Schöffe, Schatzmeister der Kirchengemeinde und Ortspolizeidirektor, von dem Jaakko Kuisma in bewunderndem Ton gesprochen hat.

Niila Antinpoika verteidigte mehr als zwanzig Jahre lang furchtlos die Rechte seines Stammes und seines Dorfes, mal gegenüber dem Pfarrer, mal gegenüber den Fischern aus Ii, mal gegenüber den Schwendbauern aus Paltamo und Sotkamo. Die Angst, das tägliche Brot könnte ihnen ausgehen, hat die Lappen seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts begleitet, so hatte es Jaakko Kuisma, ein Nachfahre der Eroberer, erzählt.

Auf Niila Antinpoika richtet seinen Blick der Pfarrer mit der fleischigen Nase und der geröteten Haut, der neben mir steht und dessen weiße Perücke arg verrutscht ist. Gabriel Tuderus, denke ich, Niila Antinpoikas schlimmster Feind, der berühmte Bekehrer der Lappen. Der erste Pfarrherr aus Kemi-Lappland wollte den alten Glauben und dessen Anhänger samt ihren Trommeln und Zaubergerätschaften ausrotten.

»Du bist ein gefährlicher Fanatiker«, sagt Niila Antinpoika im Traum in erstaunlich schönem und modernem Schwedisch zu Tuderus, der sich mir zuwendet. »Der schlimmste Trommler ist dieser Aikasarria«, flüstert Tuderus laut hinter vorgehaltener Hand.

»Den alten Zauberer Aikia Aikianpoika vom Kitka-Fluss habt ihr Bestien zum Tode verurteilt, aber Niila Antinpoika kann man nicht so leicht Angst einjagen«, antwortet der Lappe und geht weg. Wie auf einer Serie von Fotos sehe ich ihn ein stürmisches und viel beschäftigtes Leben führen und wundere mich sogar im Traum, wie jemand gleichzeitig ein vom Teufel besessener Götzendiener und ein Verteidiger des Heidentums – wie Tuderus glaubte – und zugleich ein vom Pfarrer getaufter Gemeindeschatzmeister und Schöffe und schließlich auch noch Ortspolizeidirektor sein kann.

Niila Antinpoika verteidigte nur die von den Vätern ererbten Sitten, die Kultur, die er schätzte und achtete, hatte Jaakko Kuisma gesagt. Bis ins hohe Alter fuhr er zu Gerichtsverhandlungen und versuchte fieberhaft zu retten, was noch zu retten war, obgleich er wohl verstand, dass dessen Zeit vorbei war.

Ich versuche, den Mann genau zu sehen, sein Gesicht zu erkennen, ich möchte irgendein ermutigendes Zeichen bekommen, und sei es nur eine Handbewegung oder ein Kopfnicken, aber Niila Antinpoika verschwindet im dichter werdenden Dunst.

Schon geht der Traum in einen anderen über: Vor einem großen Blockhaus am Seeufer – es ist natürlich der Kianta-See – steht ein Mann mit großen Ohren, Spitzbart und runder Brille, er hüpft lebhaft auf und ab und deklamiert ein Gedicht. Beim Sprechen wechselt er die Kopfbedeckungen: Erst hat er eine schwarzsamtene Schirmmütze wie ein Lyzeumsschüler, dann eine Studentenmütze, dann eine Mütze der vier Winde, wie die Lappen sie tragen, bald einen Fez, anschließend einen breitkrempigen grauen Filzhut, der von einer Biberlamm-Mütze abgelöst wird, dann eine andere Ledermütze mit Ohrenklappen und zuletzt eine Baskenmütze. Die Mützen wirbeln durch die Luft, und während er sie wirft, singt der junge Mann mit fröhlicher Stimme: »Wo geteerte Segelboote gleiten freudlos übern See, klagt der Sternentaucher traurig, seine Brust so weiß wie Schnee!«

Das fröhliche Geträller passt überhaupt nicht zur Melancholie des Textes, und als er geendet hat, ruft der Mann, jetzt mit Baskenmütze auf dem Kopf und einer Zigarre im Mund: »Na, und dann, hundert Jahre später, die Zollkammer Kantoniemi in Kuusamo! Ein belebter Ort, wo das Hinterteil der Zollinspektorswitwe Anna Uhlenius geteert wurde! Wollen Sie, Fräulein Renfors, nicht doch meine Sekretärin und Mutter meiner Kinder werden? Sie können doch sogar fischen! Denn was denkt Maria Renfors über die Crème von Kuusamo?«

Der mit der Baskenmütze springt von einem Fuß auf den anderen und zählt im Singsang auf: »Da ist Kommissar Henrik Planting, da sind der Grenzreiter Petter Planting und der ehemalige Ortspolizeidirektor Sihveri Tornberg, da sind der Gemeindeschatzmeister Saapunki und der Sohn des Pfarrherrn Kranck, da sind der Knecht Antti Jämsä und die Soldaten Mård und Fisk sowie die Magd Vappu Juhontytär! Und schließlich die böse Anna Uhlenius mit geteertem Hinterteil! Fluchende, saufende, prügelnde Kerls, Hurenböcke und Lügner!«

»Sie wollen also nach Kuusamo, Fräulein Renfors? Möchten Sie nicht wenigstens eine Zigarre und einen Kognak, um diese Bande zu ertragen?«

Landhändler Sihveri Herman Ervasti war ein ziemlich kleiner, gedrungener Mann, dessen kalte, helle Augen zu beiden Seiten der geraden Nase aufmerksam die Welt betrachteten. Die hohen Wangenknochen und der imposante dunkle Walross-Schnauzbart steigerten noch die hochmütige Autorität des Gesichts, aber arrogant war Ervasti eigentlich nicht, auch wenn seine Gesichtszüge immer recht ausdruckslos waren. Auf den Mienen der Einwohner von Kuusamo fand jedoch auch sonst nicht gerade ein Wettkampf der Sinnesregungen statt.

Hochmut trübt den scharfen Blick und beeinträchtigt das genaue Hören, hatte Ervasti manchmal gedacht, wenn er seinen Geschäften nachging. So entging normalerweise nichts seiner Aufmerksamkeit, und dieser junge Mann hier vor ihm gab mit einigen Blicken und Gesten alles von sich preis. Das dunkle, wirre Haar, das ihm in die Stirn fiel, der schmale Oberlippenbart in demselben dunklen Braunton, die ernsten braunen Augen, die unruhigen Hände. Er mochte knapp dreißig Jahre alt sein sein.

»Also, bei all dem geht es darum, dass die Gesellschaft für Finnische Literatur Fotos braucht, die das Kalevala illustrieren. Die Gesellschaft hat mir deshalb Unterstützung zugesagt, und dasselbe hat K. E. Ståhlberg, der Besitzer des Fotoateliers, erklärt, der die Fotos dann weiterverkaufen will«, erläuterte der junge Mann nervös, fast stotternd.

Er war ein paar Tage zuvor zusammen mit einem Rentierzug auf der Poststation von Kuusamo aufgetaucht und hatte sich als Into Konrad Inha, Redakteur der Auslandsabteilung der Helsinkier Tageszeitung Uusi Suometar, vorgestellt. »Und außerdem schreibe ich natürlich auch Reiseberichte sowie Musik- und Kunstkritiken«, hatte er hastig hinzugefügt.

Jetzt aber wollte er Weißmeer-Karelien fotografieren und hatte sich auf den Weg gemacht, um die Örtlichkeiten für seine künftige große Reise zu erkunden. Im Jahr zuvor war er halb aus Versehen in Weißmeer-Karelien gewesen und hatte sich davon überzeugt, dass ein längerer Aufenthalt notwendig wäre.

Von der Poststation hatte man den jungen Mann zu Sihveri Herman Ervasti geschickt – hielten die ihn für den Besitzer eines Reisebüros oder für einen Mäzen? Ervasti sah den jungen Mann schweigend an, das Gesicht wie aus Wetzstein geschnitten. Und eine fotografische Lehre in Deutschland also, und auch in Österreich, in Wien?

»Ich werde darüber nachdenken«, knurrte er schließlich nach so langem Schweigen, dass Inha inzwischen viele Dutzend Mal von einem Bein auf das andere getreten war.

»Ich möchte Ihnen noch erzählen, dass mein großer Inspirator Arvid Genetz, mein Lehrer im Lyzeum von Hämeenlinna, vor fast dreißig Jahren eine Reise durch Weißmeer-Karelien gemacht hat, um die Echtheit der Aufzeichnungen von Lönnrot zu beweisen – die Aufzeichnungen waren damals verschwunden. Das Interesse für Fotografie und Wandern habe ich dagegen von meinem Vater geerbt«, erklärte Inha, und seine Hände zuckten.

Ob der wohl ganz bei Trost ist?, überlegte Ervasti. Inspirator! Lyzeum! Laut wiederholte er: »Ich werde darüber nachdenken … Vielleicht fällt mir etwas ein. Bei diesen Schneeverhältnissen geht ja noch ein Warentransport nach Paanajärvi.«

»Vielen Dank, herzlichen Dank«, nuschelte Inha und zog sich unter Bücklingen zur Tür des Landhändlers zurück. Ervasti hatte schon Zeitungsredakteure mit schlechterem Benehmen gesehen.

Als Inha sich schließlich von der Tür zum Hof wandte, kam mit demselben Öffnen der Tür Kalle, der älteste Sohn des Landhändlers Ervasti, hereingeschlüpft.

»Ist Anton Afanassjew schon da?«, fragte Ervasti fast seufzend seinen Sohn. Er hatte noch mit dem Kaufmann aus Uhtua zu verhandeln, und das bedeutete eine lange und anstrengende Sitzung.

»Mutter lässt grüßen und ausrichten, dass sie Afanassjew zum Abendessen eingeladen hat, es wäre lustiger am Tisch, wo auch das Fräulein aus Kajaani hier ist«, sagte Kalle. Sihveri Herman nickte nachdenklich und deutete dann mit einer raschen Gebärde auf die Tür: »Lauf doch dem dunklen jungen Mann hinterher, der gerade gegangen ist, er will zum Ortspolizeidirektor. Sag ihm, er soll auch zu uns zum Abendessen kommen und die Birkhuhnsuppe kosten.«

Kalle sauste los, und Ervasti starrte gedankenverloren auf den Hof, den ein dichter werdendes Schneetreiben verdunkelte. Wenn man doch alles und alle zusammengedreht bekäme, wie einen haltbaren Strick, der gerade die richtige Stärke hat …

Im Jahre 1892 gab es im Kirchdorf Kuusamo fünf Geschäfte. Ervastis vor zehn Jahren gegründeter Landhandel befand sich jetzt auf dem Hof Kolvanki, etwas abseits vom eigentlichen Zentrum, aber das war für einen Laden keine so üble Lage, denn daneben befand sich das Kontor des Ortspolizeidirektors.

Ervasti hatte seinerzeit Brita Maria Vaarala geheiratet – die Tochter des Hofs Kela, des reichsten Anwesens im Kirchdorf – und war in stetigem Tempo zu Wohlstand gelangt. Die Waldarbeiten, die in Kuusamo begonnen hatten, brachten dem Ort jetzt schon ein wenig Geld ein, aber es wanderte nicht in gleichem Umfang durch seine Hände wie die anderen Zahlungsmittel: Der Landhandel von Kuusamo war vor allem ein Kredithandel. Wenn Ervasti von den Einheimischen Butter, Fisch, Rentierfleisch, Vögel und anderes Wild kaufte, bezahlte er vor allem mit Salz und Mehl, die in der Wildnis eine gute Valuta darstellten. Unter diesen Umständen waren die Jahre der Missernte für den Landhändler fatal, und Stabilität brachte in seine Geschäftstätigkeit nur der umfangreiche Zwischenhandel mit ländlichen Bedarfsgütern und Wild, den Ervasti ebenfalls betrieb.

Kuusamo war zweihundert Jahre lang ein wichtiger Handelsknotenpunkt gewesen. Die Karelier hatten über Kuusamo schon Ende des 17. Jahrhunderts Handel getrieben, aber die Leute aus Kuusamo selbst transportierten lange Zeit im Winter nur Rauchwaren von den Russen nach Tornio und auch alles andere, was die Bürger der Stadt aus Weißmeer-Karelien haben wollten: Hanf, Leinen, Seile, groben Wollstoff.

Später wurde die bescheidene Ausdauer belohnt. Allmählich verdrängten die Leute aus Kuusamo die Karelier aus dem wichtigen Handel mit getrocknetem Hecht. Den brachten sie im Sommer zum Verkauf nach Hamina im Kirchspiel Ii, und im Winter fuhren sie nach Oulu, um gefrorene Renken und Rentierfleisch zu verkaufen. Aus Oulu brachten die zu Wohlstand gelangten Kaufmannsbauern, die zugleich vermögende Rentierzüchter waren, Mehl, Graupen, Salz, Zucker und Tabak mit, die sie im Verlauf des Winters an ihre Nachbarn verkauften. In einem Rentierzug fanden drei- bis viertausend Kilo Waren Platz, und die konnte man an eine Vielzahl von Menschen verkaufen, die Bedarf hatten.

Als Finnland 1809 Teil der russischen Großmacht wurde, liefen die Handelsbeziehungen mit dem östlichen Nachbarn schon wie geschmiert. Die Grenze hielt kaum etwas oder jemanden auf, und in dieser Zeit begann das goldene Zeitalter der karelischen fliegenden Händler, das bis Mitte des Jahrhunderts andauerte, bis die Gründung von Landhandelsläden erlaubt wurde.

Der von den Leuten aus Kuusamo betriebene Handel unterschied sich kaum von dem der Karelier. Viele verkauften die gleichen Waren nach Oulu und die gleichen Waren aus Oulu nach Karelien. Vasseli und Jelissei aus Oulanka, Jivini aus Katoslampi, Rotonen aus Suvanto, Dmitrei Tiilikäinen oder Jakowlew aus Uhtua oder Oksentei brachten mit dem Pferd fast genau solche Waren zum Verkauf nach Oulu wie Erland Hänninen, Elias Rajala, Juho Heikki Raistakka oder Sihveri Herman Ervasti. Freilich gab es lokale Unterschiede: Die Händler aus Weißmeer-Karelien hatten Hanf und Wurzelseile, die aus Kuusamo als Spezialprodukte Butter, Talg und Handwerkserzeugnisse wie Wetzsteine.

In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts tat sich tatsächlich auch ein neuer Markt auf, die nördliche Finnmark an der norwegischen Küste des Eismeers. Und wenn es im Frühjahr an den Stellen, wo man erfolgreich mit der Fliege fischen konnte, von Fischern nur so wimmelte, waren dort gleichzeitig auch ausgezeichnete Handelsplätze. Dort in Pummanki, Vadsø und Vardø war Sihveri Herman Ervasti fischen gegangen, bevor er Kaufmann wurde, und er hatte bemerkt, wie einige Männer landwirtschaftliche Produkte dorthin mitnahmen. So begann der Mann, der keinen Penni besaß, sich ein Vermögen zu schaffen, indem er Butter und andere Lebensmittel im Rentierzug zum Eismeer brachte.

Zu guter Letzt bekam Sihveri Herman Ervasti einen schmeichelhaften Spitznamen. Man fing an, ihn »König von Kuusamo« zu nennen.

Was für eine merkwürdige Gesellschaft – wir sitzen hier seit weit über einer Stunde, und ich habe die Gastgeber noch kein einziges Mal lächeln sehen, dachte Maria. Herman hat Recht, wenn er sagt, dass die Leute aus Kuusamo immer noch etwas von dem Stolz und der Härte ihrer Vorväter, der Landnehmer, haben. Ich habe versucht zu plaudern, von den kleinen Widrigkeiten der Reise zu erzählen, aber ich höre mich an wie ein leichtsinniges, dummes Ding, wie die auf Abenteuer versessene, schrullige, altjüngferliche Schwester des Fabrikanten Renfors.

Die Leute in Kuusamo haben gleich hinter ihrem Rücken die harte Wildmark, überlegte sie und drehte und wendete den Löffel in der Hand. Auf ihre Art sind sie sogar sehr freundlich, überhaupt nicht unhöflich, aber diese ernste Steifheit, so als hätten sie einen Stock verschluckt … Und im Augenwinkel glänzt etwas Undurchschaubares, auch bei der Frau. Wenn sie ihren unbeweglichen Blick auf mich richtet und statt einer Antwort nur knapp nickt, spüre ich, wie sich mir die Härchen auf den Armen sträuben.

Der Handel à la Kuusamo bestand fast nur aus Warentausch, aber Ervastis diszipliniertes, wohlhabendes und sauberes Haus roch so, als würde dort die ganze Zeit Geld gezählt, Pennis, Mark, Kopeken, Rubel, Öre, Kronen. Aber die ganze Wahrheit war das nicht – Ervasti erwähnte oft, dass er alle seine Kinder ausbilden lassen wolle, so viele er auch bekomme, so weit ihr Köpfchen und ihr Wille reichten. Keine gewöhnliche Krämerseele.

Am Tisch saß noch ein weiterer Kaufmann, aus Uhtua, den Maria bei sich sofort als weitaus gewöhnlicheren Handelsmann einschätzte. Er hatte Hanf in zwei Meter langen Bündeln aus Weißmeer-Karelien nach Kuusamo gebracht, und Leinen sowie Netzseile aus Kiefernwurzeln. Maria wollte ihn nicht zu oft anstarren, aber ihr Blick wanderte verstohlen, wie von selbst zu ihm: Wenn man einen Mann schön nennen konnte …

Dann richtete Maria sich auf, sie schüttelte fast den Kopf. Man sah dem Mann aus Uhtua an, dass er sein Lebtag als fliegender Händler durchs Land gezogen war, wenn auch nicht als russischer Hausierer zu Fuß mit Tasche, sondern mit Schlitten und Pferd. Vom selben Schlag wie Dmitrei Tiilikow, Janne Rotonen und Vasili Rohkimainen, die in den Häusern, wie es hieß, zum Schlafen bis in die Kammer geleitet wurden.

Der Schöne aus Uhtua schöpfte sich begierig noch Pilzsuppe auf den Teller. Es war die Zeit des großen Fastens der Rechtgläubigen, daran hatte Brita Maria Ervasti schon gedacht und fleischlose Pilzsuppe auf den Tisch gestellt. Aber auf die Schnäpse schien sich das Fasten bei diesem Rechtgläubigen nicht zu erstrecken.

Mehrmals sah er Maria lange an, er versuchte nicht, verstohlen zu spähen, sondern musterte sie unverblümt, so als hätte er nachdenklich erwogen, aus welchem Holz sie wohl geschnitzt war, wozu sie taugte. Maria zahlte mit gleicher Münze zurück, das hatte sie vor Zeiten gelernt: ausdruckslos, wie ein Mann den anderen ansieht, oder ein Soldat den Feind.

Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich mich sofort in Anton Semjonowitsch Afanassjew verlieben und mich vielleicht in der Nacht unter seinem Fenster auf die Erde legen, überlegte sie. Inha hatte erzählt, dass er es so gemacht hatte, als er letzten Sommer im Sommerhaus seiner großen Liebe weilte.

Afanassjew ist ein Frauenheld, nur erreicht er nicht mein Herz, obwohl er einer von der rührenderen Sorte ist. Genau so sollte die schwarze Locke auf die Stirn fallen und in den leicht schrägen Augen der aufmerksame, schelmische Blick aufleuchten, wenn die Frau spricht!

Die Augen des Mannes waren dunkelblau, von diesem Veilchenblau, das für die Augen eines Mannes fast anstößig wirkt. Inmitten des dichten Kinnbarts befand sich ein weicher Mund, der wie zum Küssen geschaffen war, und oberhalb des Mundes die edelst geschnittene Nase, die jemals nördlich von Sankt Petersburg gesehen ward – zum Glück war sie ein wenig schief, so als hätte sie einst einen harten Schlag abbekommen. Sonst wäre es unerträglich gewesen, das Gesicht zu betrachten. Und die Ohren sind die eines Schwindlers, kleine, zierliche Muscheln, bemerkte Maria.

Des Scherzens und Redens war kein Ende, denn Anton Semjonowitsch sprach für die Ervastis mit. Ja, trotz der Gastgeber war diese Tischgesellschaft nicht sonderlich still. Inha redete, sobald Afanassjew ihn zu Wort kommen ließ – ihn zog es nach Weißmeer-Karelien, ihn hatte dasselbe Fieber gepackt wie schon so viele andere Reisende. Er erzählte, dass er sich im Lyzeum Hämeenlinna mit Jean Sibelius angefreundet habe, als Sibelius in der sechsten Klasse sitzen blieb und sie Klassenkameraden wurden.

»Weißmeer-Karelien schläft noch immer den Jahrhundertschlaf, seine alte Größe hat Flechten und Moos angesetzt. Aber wir können uns gut vorstellen, wie hinter einer Landzunge plötzlich Väinämöinens Kriegsschiff auftaucht, der eine Bord voller bewaffneter Männer, der andere voller geschmückter Mädchen«, erklärte er Brita Maria Ervasti vernehmlich mit seiner etwas schrillen Stimme und heftig gestikulierend. Da konnte man nur froh sein über die Fähigkeit der Einheimischen, keine Miene zu verziehen.

Inha hatte von K. E. Ståhlberg aus Helsinki den Auftrag bekommen, Nordfinnland zu fotografieren. Er erzählte, dass Ståhlberg alljährlich eine Fotoausstellung organisiere, auf der Bilder von Landschaften und Sehenswürdigkeiten aus allen Gegenden des Landes gezeigt wurden. Und jetzt wollte Inha nach Paanajärvi …

Aber Inha hieß er erst seit ein paar Jahren. Er hatte den Namen seiner jung verstorbenen Schwester Inha Lusina angenommen. Maria wusste, dass er Into Konrad Nyström war, dessen erstes Buch Der Missionar vor ein paar Jahren erschienen war. Herman hatte es gelesen und gebrüllt vor Lachen. Zwischen seinen Lachanfällen hatte er erklärt, das Buch erzähle von der tugendhaften Liebe und dem edlen Tod eines englischen, in die Südsee gereisten Missionars und eines tahitianischen Mädchens.

Maria sah den Fotografen mitfühlend an. Der arme Inha, dachte sie. Mir scheint er großes Vertrauen entgegenzubringen, weil ich selbst Fotografin bin.

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