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Die Kurärztin von Sylt

Über Gisa Pauly

Gisa Pauly, Jahrgang 1947, arbeitet seit 1993 als freie Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin. Sie lebt in Münster, Westfalen. Von ihr erschienen die Sylt-Krimis spielt: »Die Tote am Watt«, »Gestrandet« und »Tod im Dünengras«.

Ihr letzter Sylt-Krimi »Küstennebel« schaffte es unter die Toptitel der Bestsellerliste.

Als Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane »Die Hebamme von Sylt«, »Die Frau des Germanen«, »Reif für die Insel« und »Deine Spuren im Sand« lieferbar; bei Rütten & Loening »Sturm über Sylt«. Ihr neuer Roman »Die Kurärztin von Sylt« erscheint im Winter 2014.

Mehr zur Autorin unter www.gisa-pauly.de

Informationen zum Buch

Dunkle Geheimnisse

Sylt im Jahr 1927. Der Bau des Eisenbahndamms hält die Insel in Atem, als Tessa Meldorf dort ankommt. Sie soll die neue Kurärztin sein, doch sie stößt überall auf Vorbehalte. Als auf dem Damm ein Bauarbeiter stirbt, gibt man ihr die Schuld. Nur der Kurdirektor hält zu ihr – sie beginnt sich in ihn zu verlieben, begreift aber bald, dass ihn ein düsteres Geheimnis umgibt.

Eine Saga um Liebe, Vergebung und Schuld vor der prächtigen Kulisse der prosperierenden Insel. Von der Autorin der »Mamma-Carlotta«-Serie.

Im Jahr 1927 erhält Tessa Meldorf eine Anstellung als Kurärztin auf Sylt. Doch die Sylter sind skeptisch. Eine Frau als Kurarzt? Ohnehin ist die Atmosphäre angespannt. Der Bau des Eisenbahndammes sorgt für Unruhe. Als ein Arbeiter nach einem Unfall auf dem Damm stirbt, gibt man Tessa die Schuld. Angeblich hat sie zu spät und falsch reagiert. Sie wird fortan gemieden. Eine Frau jedoch sucht ihre Hilfe: Babette von Keller ist auf die Insel zurückgekehrt. Zum ersten Mal spricht sie über ihre Vergewaltigung. Den Mann, der ihr das angetan hat, kann sie nicht beschreiben, sie hat nur ein großes Muttermal an dessen Arm gesehen. Wenig später überschlagen sich die Ereignisse: Tessa muss einen Schiffbrüchigen aufnehmen, der sich in sie verliebt, und sie begegnet einem Mann mit einem großen Muttermal. Bald beginnt sie zu ahnen, dass Babette nicht einfach nur eine Patientin ist, sondern dass sie viel mehr mit ihr gemeinsam hat.

Gisa Pauly

Die Kurärztin von Sylt

Die Insel-Saga

Gewidmet meiner lieben Freundin
Dr. med. Ilse-Ruth Skoppek-Rutherford,
die uns im Juni 2014 für immer verlassen hat!

I.

»Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau …« Die Nachbarn zeigten, dass sie seit kurzem einen Plattenspieler besaßen und dazu alle Schallplatten von Zarah Leander. »Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau …«

Tessa starrte aus dem Fenster des zweiten Stockwerks, in diese Welt, die tatsächlich nicht untergegangen war, obwohl es vor einer halben Stunde ganz danach aussah. Sie blickte auf die feucht glänzenden Dächer Berlins, die grauen Fassaden, auf die Fenster des gegenüberliegenden Hauses und sah zu, wie hinter einigen die Lichter angingen. Über die Straße trottete ein müder Arbeiter, zwei Kinder liefen ihm entgegen, eine Frau, die einen schweren Einkaufskorb am Arm trug, nutzte die Gelegenheit, ihn abzustellen und den Mann anzusprechen. Sie standen an der Ecke, um die Kurt vor wenigen Minuten verschwunden war. Zornig! Gekränkt! Auf der Treppe hatten seine Schritte noch bei jedem Absatz gezögert, aber auf der Straße waren sie schnell und entschlossen geworden. Er hatte nicht hochgesehen, als er die Straße überquerte. Es war vorbei! Schluss! Aus! Sie hatte getan, was sie vor ein paar Tagen nicht für möglich gehalten hätte: Sie hatte sich entschieden. Ihr schmales Gesicht mit den großen grauen Augen wurde für Augenblicke scharf und unbeugsam. Wer sie jetzt betrachtete, hätte gemerkt, wie viel Energie und eiserner Wille in ihr steckte.

»Davon geht die Welt nicht unter …«

Doch, für Kurt war sie untergegangen, seine Welt. Was bisher für ihn Gültigkeit gehabt hatte, sollte nun nichts mehr wert sein? Was Jahrtausende überdauerte hatte, war mit einem Mal über Bord geworfen worden. Von der Frau, die er liebte.

Vielleicht hatte sie wirklich zu viel verlangt. Vielleicht musste man eine Mutter wie Marika Melford haben, um achselzuckend dabei zuzusehen, wie die Welt sich veränderte. Aber Kurts Mutter war das genaue Gegenteil von Marika, und dass die beiden sich bis jetzt nicht kennengelernt hatten, war kein Zufall. Kurts Gesicht war jedes Mal voller Besorgnis gewesen, wenn seine Eltern davon sprachen, dass man Tessas Mutter, die bedauernswerte Kriegerwitwe, die ihr schweres Los so tapfer trug, die es geschafft hatte, ihre Tochter allein großzuziehen, endlich zum Tee begrüßen wolle. Kurts Mutter hatte in den letzten Wochen immer öfter davon gesprochen, und ihre Hände hatten immer nervöser mit der Perlenkette gespielt. Wenn sie sagte: »Wie aufopferungsvoll, Ihre arme Frau Mutter!«, dann wusste Tessa, dass Kurts Mutter eine ganz andere Frau vor Augen hatte als die, die sie zu sehen bekommen würde.

Es war gut, dass es dazu nicht gekommen war. Wer weiß, wie Kurts Eltern reagiert hätten, die schon Mühe aufbringen mussten, um sich mit einer Schwiegertochter abzufinden, die studiert hatte und seit neuestem sogar einen Doktortitel trug. Dass eine Hochzeit erst infrage kam, wenn auch Kurt der Doktorhut aufgesetzt worden war, stand außer Frage. »Wie sähe denn so eine Hochzeitsanzeige aus? Die Braut mit einem Doktortitel und der Bräutigam …«

Diese skandalöse Tatsache wurde nie ganz ausgesprochen und stets mit gesenkter Stimme vorgebracht. Und der Ton war jedes Mal vorwurfsvoller geworden, wenn Kurts Vater bedauerte, dass sie mit der Hochzeit noch eine Weile würden warten müssen. »Oder wären Sie bereit, in der Hochzeitsanzeige auf den Doktortitel zu verzichten?«

Nein, dazu war Tessa nicht bereit. Dass sie damit ihre Eignung als Ehefrau infrage stellte, war ihr klar. Und dass Kurt sich in solchen Momenten für seine unbeugsame Braut schämte, wusste sie auch.

»Eine Ärztin im Haus hat auch was Gutes«, hatte Kurts Mutter dann jedes Mal getröstet, die eine freundliche Frau war. »Wenn die Kinder mal krank sind … wenn wir alt und gebrechlich werden … medizinische Kenntnisse sind für eine Ehefrau und Mutter durchaus schätzenswert.«

Und ausgerechnet heute, an diesem Tag, der für Tessa bis vor einer Stunde noch zu den glücklichsten zählte, hatte Kurt sich unterstanden zu sagen, womit auch sein Vater jedes Für und Wider abschloss: »Frauen gehören nicht auf die Universität. Sie heiraten ja doch, und dann war das ganze Studium vergebens. Was für eine Verschwendung!« Kurt hatte sogar hinzugefügt, womit seine Mutter in solchen Fällen zu begütigen versuchte: dass es angenehm für einen gebildeten Mann sei, eine ebenso gebildete Frau zu Hause zu haben, mit der er sich unterhalten konnte, als hätte er einen Mann vor sich. Aber dafür gleich ein Universitätsstudium?

Ihr nächtelanges Lernen, das Durchbeißen, das Nichtaufgeben, wenn die Professoren sie auch noch so verächtlich ansahen und sogar ungerecht beurteilten – das alles sollte bestenfalls dem Amusement ihres zukünftigen Ehemannes dienen? Tessas Reaktion hatte Kurt fassungslos gemacht. Und sie hatte darauf verzichtet, ihm zu erklären, warum sie so wütend war. Er hätte es ja doch nicht verstanden. Am Ende hatte sie nur gesagt: »Ich werde diese Chance ergreifen, ob du es willst oder nicht. Ob du mitkommst oder nicht. Und wenn du davon unsere gemeinsame Zukunft abhängig machen willst, dann gehe ich erst recht.«

Tessa ließ sich vornübersinken und legte die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Es tat weh, schrecklich weh! Aber sie hatte nicht den geringsten Zweifel, dass die Schmerzen, die ihre Seele jetzt zerrissen, irgendwann unerträglich geworden wären, wenn sie Kurt nachgegeben hätte. Sie wäre daran zerbrochen. Irgendwann …

»Geht’s mal drüber und mal drunter, wenn uns der Schädel auch raucht, davon geht die Welt nicht unter, die wird ja noch gebraucht …«

Tessa drehte sich vom Fenster weg und betrachtete ihr Zuhause, als könnte sie Trost finden in den schönen Möbeln und den Nippesfiguren, die ihre Mutter reichlich aufgestellt hatte, als könnte es ihr helfen, dass sie in einer wesentlich angenehmeren Umgebung lebte als die meisten Berliner.

Die Wände des Wohnzimmers trugen eine dunkelgrüne Tapete mit so winzigen goldenen Ranken, dass man sie nur aus der Nähe erkennen konnte. Aber ihrer Mutter gefiel das sanfte Flimmern, das entstand, wenn die Sonne durchs Fenster fiel. Auf der einen Seite des Zimmers stand ein wuchtiger Bücherschrank mit gläsernen Türen, so vollgestopft mit Büchern, dass sie auch quer auf den stehenden liegen mussten, damit möglichst viele hineinpassten, an der anderen Wand gab es ein Sofa mit einer geschwungenen Rückenlehne, der ganze Stolz ihrer Mutter. Es war mit dunkelrotem Samt bezogen, der hölzerne Rahmen war schwarz lackiert. Vor dem Sofa stand ein kleiner runder Tisch, auf dem eine weiße Häkeldecke lag, auf ihr hatte eine gläserne Bonbonniere Platz gefunden, in der ein paar Pralinés lagen, die mittlerweile ungenießbar sein durften. Sie dienten lediglich zur Dekoration, denn sie waren in grünes und rotes Stanniolpapier eingewickelt worden, grün wie die Tapete und rot wie das Sofa. An den Wänden hingen gerahmte Familienfotos, Tessas Vater in Uniform, das Hochzeitsbild ihrer Eltern, ein Bild von Tessa als Baby auf einem Eisbärfell und eine gerahmte Kinderzeichnung aus einer Zeit, da Tessas Mutter der Überzeugung gewesen war, dass in ihrer Tochter die Anlagen zu einer genialen Malerin schlummerten.

Tessa schob die Blumentöpfe auf der Fensterbank zurecht, schloss die Gardine und ging auf den Flur, wo ein großer Spiegel im goldenen Rahmen hing. Als Kind hatte sie ihn für sehr wertvoll gehalten und war der Meinung gewesen, sie müssten reich sein, weil sie einen Spiegel in einem goldenen Rahmen besaßen. Sie betrachtete sich, als könnte ihr Gesicht andere Gedanken verraten als die, mit denen sie sich gerade auseinandersetzte, als könnten ihre großen grauen Augen schuldbewusst dreinblicken, ihr Mund entschuldigend lächeln und ihre Miene verraten, dass sie Kurt unrecht getan hatte. Aber ihr Spiegelbild zeigte die Frau, die sie sein wollte, die sie noch immer war. Jetzt erst recht! Eine kluge Frau, eigenständig, selbstbewusst, mit der Sicherheit, das Richtige zu tun. Zum Glück!

Sie überlegte, ob sie sich umziehen und zurechtmachen sollte, bevor sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter machte, entschied sich dann aber dagegen. Der lange graue Rock, die dunkelgrüne Bluse, die praktischen Schuhe und der schlichte Haarknoten würden ihrer Mutter nicht gefallen, aber darauf kam es nicht an. Sie musste mit ihr reden! Unbedingt! Schon am Nachmittag hätte sie mit ihr reden sollen. Aber da war es ihr wichtig gewesen, zunächst Kurt die große Neuigkeit zu verraten. Der Mann, den sie liebte, an dessen Seite sie leben wollte, dieser Mann, von dem sie geglaubt hatte, dass er sie und ihre großen Wünsche akzeptierte, dass er sie sogar unterstützen würde … er sollte als Erster von ihren Plänen erfahren. Vor ein paar Stunden war er ja noch der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen. Aber nun wusste sie, dass er nicht anders war als sein Vater, als ihr Professor, als die meisten männlichen Kommilitonen und die Nachbarn, der Bäcker, der Gemüsehändler, der Postbote sowieso. Anerkennung fand sie nur dort, wo ihre Mutter war, in dem Kreis, in dem sie sich aufhielt. Dort würde man sich mit ihr freuen. Und Tessa brauchte jetzt jemanden, der sich freute, damit sie sich selbst auch wieder freuen konnte.

Reimert Cruse war das, was man einen stattlichen Mann nannte. Groß und breitschultrig war er, hielt sich sehr gerade, wodurch er noch größer und muskulöser erschien. Sein kantiges Gesicht wurde von hellgrauen Augen dominiert, die stets kühl wirkten, was jedoch durch das Grübchen im Kinn wieder wettgemacht wurde, das mit der Ernsthaftigkeit seiner Augen spielte und den Betrachter das Energische, das in seinem Blick lag, vergessen ließ. Eine attraktive Erscheinung trotz seiner beinahe fünfzig Jahre! Dass er jünger wirkte, lag nicht nur an seinem vollen blonden Haar, sondern auch an seiner gepflegten Erscheinung, wenn er auch nichts auf Mode hielt.

Als er Kurdirektor des Seebades Westerland wurde, war ein Seufzen durch die weiblichen Badegäste gegangen. So ein gutaussehender, charmanter Kurdirektor! Dass er nicht verheiratet war, führte zwar zu verwegenen Vermutungen, die größtenteils nicht schmeichelhaft für Reimert Cruse waren, aber die Damenwelt kam bald zu der Auffassung, dass es nur gut sein konnte, wenn der Kurdirektor von Westerland noch zu haben war. Wahrscheinlich lagen ihm so viele Frauen zu Füßen, dass er sich nicht für eine hatte entscheiden können, wurde gemunkelt, oder er war unter den einfachen Frauen der Insel nicht fündig geworden und wartete auf einen weiblichen Kurgast, der ihm das Wasser reichen konnte. Diese Version aller Möglichkeiten war die beliebteste. Seit Reimert in sein Büro im Rathaus eingezogen war, erschienen dort gelegentlich brillantengeschmückte Mütter mit ihren unscheinbaren Töchtern und außergewöhnlichen Bitten, die nur der Kurdirektor persönlich erfüllen konnte. Er tat es jedes Mal, und immer sehr höflich und charmant, aber keine dieser unverheirateten Töchter hatte jemals sein Interesse erregt. Dass der Verdacht, er könnte schwul sein, sich dennoch nicht erhärtete, lag wohl daran, dass er die Avancen der schönen homosexuellen Männer, die in den zwanziger Jahren auf Sylt ihr Auskommen als Gigolos suchten, genauso strikt zurückwies. Einige große Hotels boten den Damen, die von ihren Männern oder Vätern zur Erholung auf Sylt abgeliefert worden waren, mittlerweile diese Tanztees, die es in Berlin angeblich an jeder Ecke gab und sogar als angemessene Zerstreuung für Damen galten, die mit der Zeit und der Mode gingen. Der Kurdirektor persönlich hatte dafür gesorgt, dass diese Art von Belustigung nun auch in Westerland eingeführt wurde. Er war ein aufgeschlossener Mann und hatte eingesehen, dass ein modernes Seebad den Gästen etwas bieten musste, die vom Leben in der Großstadt verwöhnt waren, wo die Frauen neuerdings einen Bubikopf trugen, in der Öffentlichkeit rauchten und abends ohne männliche Begleitung tanzen gingen. Viele beklagten die Folgen, die der Zusammenbruch des wilhelminischen Reiches hatte, aber Tatsache war nun einmal, dass in den Metropolen die Frauen unverzüglich nach ihren Chancen gegriffen hatten, als sie sich boten. Sie hatten den Ballast abgeworfen, der bis dahin ihr Leben eingeengt hatte, nicht nur Haarnadeln, Korsetts und lange Röcke, sondern noch viel mehr.

Kurz nach Reimert Cruses Wahl zum Kurdirektor waren also die ersten Eintänzer auf Sylt erschienen, die für den Erfolg der Tanztees unerlässlich waren. Das Gezeter der Matronen und die Forderungen nach Sitte und Anstand, die unter den Syltern laut geworden waren, hatte er mit dem ihm eigenen feinen Lächeln überhört und sie damit irgendwann zum Schweigen gebracht. Dass die Sylterinnen sich nun auf geradezu erbärmliche Weise von denen unterschieden, denen sie dienen mussten und die ihnen zum Wohlstand verhalfen, tat er mit einem Achselzucken ab. »So ist das Leben! Es muss uns nicht gefallen, aber wenn wir Westerland zur Blüte führen wollen, müssen wir damit umgehen können.«

Schon bald hatte man ihm recht gegeben. Reimert Cruse war ein guter Kurdirektor, das war allen schnell klar geworden. Nun allerdings war dieser Ruf ins Wanken geraten. Die Entscheidung, die er durchgesetzt hatte, wurde von vielen kritisiert. Auch von denen, die sich längst mit knielangen Röcken und Zigarettenspitzen abgefunden hatten.

»Moin, Herr Kurdirektor!«

Er grüßte nach links und rechts, tippte jedes Mal mit dem rechten Zeigefinger an seinen runden Hut und knöpfte die Jacke zu, während er Richtung Meer ging. Ein frischer Wind fuhr ihm entgegen, kalt noch, doch trug er schon den Duft des Frühlings auf die Insel. Ein Aprilwind, dem alles zuzutrauen war, keck, frühreif, unbesonnen. Die Dienstmädchen, die Reimert entgegenkamen, kurz anhielten, um zu knicksen, schienen in ihren leichten Blusen nicht zu frieren, die Damen jedoch, die neuerdings schon zu Ostern die gute Seeluft auf Sylt genossen, hüllten sich in leichte Pelze, versicherten sich gegenseitig, wie vorausschauend es gewesen war, sie mit ins Gepäck zu nehmen, und ließen sich in geschlossenen Kutschen befördern.

Reimert blieb, als er die Kurpromenade erreicht hatte, stehen, blickte aufs Meer und sah der Dämmerung zu, wie sie sich gemächlich über die Insel senkte. Am Horizont war der Himmel noch hell, dort schienen unsichtbare Hände die dünne Decke der Dämmerung aufzuschlagen und dann auf die Insel hinabwehen zu lassen. Bald würde auch der Wind einschlafen und nur noch die müde Brandung die Stille durchbrechen. Reimert lauschte auf die Klänge des Kurorchesters, die von der Kurpromenade herüberwehten. »Davon geht die Welt nicht unter …«

So würden all jene demnächst auch denken, wenn sie sich erst daran gewöhnt hatten, dass eine Kurärztin auf Sylt ihren Dienst tat. Davon ging die Welt nicht unter! Womöglich würden sie es irgendwann sogar begrüßen, von einer Frau behandelt zu werden. Jedenfalls dann, wenn es sich um eine gute Ärztin handelte. Und eine Frau, die sich dieses Ziel erkämpft hatte, die gegen allen Widerstand ihr Medizinstudium beendet und sogar promoviert hatte, musste einfach gut sein! Reimert selbst konnte sich kaum vorstellen, welche Willenskraft dazu nötig war. Wer sie aufbrachte, schaffte das nur in der festen Überzeugung, das Richtige zu tun. Und welcher Mann, der Arzt werden wollte, konnte schon behaupten, felsenfest davon überzeugt zu sein, für diesen Beruf befähigter zu sein als alle anderen? Nur die wenigsten, da war Reimert Cruse sicher. Die meisten studierten Medizin, weil ihre Väter ihnen eine Arztpraxis hinterlassen würden und weil man schließlich irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen und seine Familie ernähren musste. Aber wenn eine Frau sich der Medizin verschrieb, dann musste sie von dem Wunsch besessen sein, zu helfen und zu heilen. Und eine solche Frau musste gut sein für Westerland!

Trotzdem war er in der Sitzung, in der über den neuen Kurarzt abgestimmt werden sollte, niedergeschrien worden. »Eine Frau? Niemals! Wir werden Feriengäste verlieren, wenn sich das herumspricht! Kein Mann wird sich einer Frau anvertrauen, wenn er Hilfe braucht! Das ist das Ende unseres Seebades!«

Aber Reimert Cruse hatte sich nicht beirren lassen. Er war sogar so weit gegangen, das soziale Engagement der künftigen Kurärztin zu verschweigen, von dem nur er allein wusste. Sie hatte, da niemand ihr die Chance geben wollte, in einem Krankenhaus oder einer eigenen Praxis als Ärztin zu arbeiten, in den Armenvierteln Berlins bedürftige Frauen kostenlos behandelt. Da war es offiziell um Schwangerschaftsfürsorge gegangen, über die man vielleicht hätte reden können, aber Reimert hatte in Erfahrung gebracht, dass die junge Ärztin sich ebenfalls um Geburtenkontrolle und Familienplanung gekümmert hatte. Er wusste, dass sie den Frauen Pessare angepasst und den Männern Verhütungstipps gegeben hatte. Diese Arbeit, die ihm selber mächtig imponierte, wäre für ihre Gegner ein gefundenes Fressen gewesen. Reimert hoffte, dass niemand davon erfuhr, bevor die Kurärztin ihren Platz auf der Insel gefunden hatte.

Er lächelte, als jemand in seiner Nähe mitsummte: »Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau …«

Ja, das Leben gab einem manchmal eine Chance, färbte sich bunter und sogar himmelblau. Man musste die Chance nur ergreifen. Und Reimert Cruse, Kurdirektor von Westerland, würde einer jungen Ärztin dabei helfen.

Er lauschte noch eine Weile auf die Klänge des Kurorchesters, dann machte er sich auf den Heimweg. Sein Haus lag in der Bismarckstraße, die von der Friedrichstraße abging, auf einem großen Grundstück, das von einem Friesenwall umgeben war. Es war sein Elternhaus, das an ihn übergegangen war, als nach dem Vater auch die Mutter gestorben war und seine beiden Geschwister längst die Insel verlassen hatten. Natürlich war es eigentlich zu groß für ihn, es hätte für eine ganze Familie Platz geboten, aber Reimert fühlte sich wohl dort und genoss es, mehr Raum zu haben als die meisten anderen, die in seiner Umgebung wohnten. Längst nannte man ihn einen eingefleischten Junggesellen, das wusste er. Und sie alle hatten recht. Eine Frau, mehrere Kinder … das konnte er sich nicht vorstellen. So schön der Traum von einer eigenen Familie auch war, er hatte erfahren, dass so ein Traum zum Alptraum werden konnte.

Seine Haushälterin war mit dem Abendessen beschäftigt, als er heimkam, und er musste lächeln, als er hörte, dass sie leise vor sich hin sang. »Davon geht die Welt nicht unter …« Früher hatte Aafke Witt die Arbeit mit alten Seemannsliedern begleitet, aber nun war auch sie von der Musik angesteckt worden, die die Kurgäste auf die Insel gebracht hatten.

»Moin, Aafke!«

Die Haushälterin hörte sofort auf zu singen. Sie hatte eine strenge Auffassung von Pflichtbewusstsein, und dazu gehörte, dass Gesang dem Zeitvertreib diente und nicht in eine Küche gehörte, in der gearbeitet wurde. Schuldbewusst senkte sie den Kopf und beeilte sich, auf den Tisch zu stellen, was sie für den Hausherrn vorbereitet hatte: Speckpfannkuchen!

Aafke war nur zwei Jahre älter als Reimert, hätte aber als seine Mutter durchgehen können, so sehr hatte das Leben sie verbraucht. Sie war die Tochter eines Fischers, der auf See geblieben war, noch bevor seine drei Kinder herangewachsen waren. Aafke, ihre Mutter und ihre Geschwister hatten sich ihr Brot mit Putzen und Waschen verdient. Nach ihrer Heirat hatte sie eine kurze Zeit des Glücks genießen können, aber dann war ihr Mann während der Arbeit in einer Schreinerei verunglückt, hatte drei Finger der rechten Hand eingebüßt und war damit unfähig geworden, das Geld für seine Familie zu verdienen. Klaglos sorgte Aafke seitdem für den Lebensunterhalt ihres Mannes und ihrer Kinder, auch dafür, dass der Schnaps, von dem ihr Mann immer mehr trank, bezahlt wurde. Die beiden Töchter hatten nach Morsum geheiratet, ihr Sohn aber war, als er eine eigene Familie gründete, im Elternhaus geblieben. Mit ihrer Arbeit bei Reimert sorgte Aafke dafür, dass es allen gutging, besser, als sie es selbst hatte. Ihr Sohn hatte zurzeit Arbeit, aber wie er seine Frau und die vier Kinder ernähren würde, wenn der Bahndamm, der demnächst die Insel mit dem Festland verbinden sollte, fertiggestellt war, wusste niemand. Viele Sylter hatten dort Arbeit gefunden, sie alle würden bei den Bauern, den Fischern, den Händlern und Hotelbesitzern vorstellig werden, wenn der Damm fertig war und die Arbeiter nicht mehr gebraucht wurden. Dann würde es schwer sein, eine Stelle zu finden, erst recht eine gut bezahlte. Alle, die Arbeit zu vergeben hatten, wussten dann, dass es mehr Arbeitswillige als Arbeitsstellen gab. Jeder würde sich mit wenig Lohn zufriedengeben müssen, weil wenig immer noch besser war als nichts. So war Aafke dankbar, dass sie die Stelle bei Reimert Cruse hatte, und ständig in Sorge, dass er einmal heiraten und seine Frau beschließen würde, dass man das Geld für die Haushälterin sparen könne.

Reimert zog die Jacke aus und holte den Stiefelknecht aus der Ecke, um sich von den hohen Lederstiefeln zu befreien, die von einem Onkel stammten, der sie aus dem Krieg mitgebracht hatte. Dieser Onkel war vor dem Krieg zur See gefahren, hatte von jeder seiner Fahrten Kostbarkeiten mitgebracht, sie zu Geld gemacht und war als vermögender Mann gestorben. Da seine beiden Söhne im Krieg geblieben waren, hatte Reimert als nächster Verwandter den Onkel beerbt und konnte seitdem ein sorgloses Leben führen. Er brauchte nur noch darauf zu achten, dass niemand merkte, wie gut es ihm ging. Reichtum war auf Sylt eine heikle Sache, Wohlstand gehörte zu den Feriengästen, die sich Verrücktheiten leisteten, über die ein alteingesessener Sylter nur den Kopf schüttelte. Auch Reimerts Onkel hatte nie über das gesprochen, was in seinen Truhen steckte, und niemand, Reimert am allerwenigsten, hatte geahnt, dass er einen Tresor besaß, der nun in Reimerts Haus stand. So gut versteckt, dass selbst Aafke, die jeden Winkel des Hauses sauberhielt, ihn noch nicht entdeckt hatte.

»Ist alles für die neue Kurärztin fertig?«, fragte er, während er die Petroleumlampe entzündete, die die sparsame Aafke sich erst gönnte, wenn sie die Bohnen nicht mehr von den Erbsen unterscheiden konnte.

Aafke nickte eifrig. »Das Häuschen ist geputzt und gelüftet, das Bett frisch bezogen, alles liegt bereit. Einen kleinen Lebensmittelvorrat lege ich an, wenn ich weiß, wann die Dame ankommt. Sie wird hoffentlich nicht so ’ne Piepeltrientje sein, die an allem was auszusetzen hat.« Man sah ihr an, dass sie Reimert gerne beim Stiefelausziehen geholfen hätte, aber da sie wusste, dass er solche persönlichen Handreichungen nicht schätzte, hielt sie sich zurück. »Eigentlich ist das Haus viel zu groß für eine einzige Person«, meinte sie und atmete auf, als Reimert seine Stiefel und auch den Stiefelknecht zur Seite stellte, ohne ihre Hilfe benötigt zu haben.

Er sah sie schuldbewusst an. Reimert wusste, unter welch beengten Verhältnissen Aafke wohnte und wie sehr sie es genoss, in seinem Haus zu schalten und zu walten, das ihr, wie sie immer wieder behauptete, wie ein kleiner Palast vorkam. Aafke schlief mit ihrem Mann zusammen in einem Alkoven, damit ihr Sohn und seine Frau ein Schlafzimmer hatten, in dem sie mit den beiden jüngsten Kindern die Nacht verbrachten. Die beiden älteren schliefen auf der Ofenbank in der Küche. Die Kurärztin würde in ein Haus ziehen, in dem es eine Küche, einen Wohnraum und zwei Schlafzimmer gab. Und sie würde dort allein leben.

»Du weißt doch, Aafke«, erklärte Reimert geduldig, »dass ich das Häuschen sowieso irgendwann herrichten wollte. Nun passt es ganz gut, dass die neue Kurärztin dort einzieht.«

Das Haus war noch vor einem Jahr eine bescheidene Behausung auf einem winzigen Grundstück gewesen, das sich Reimerts Garten anschloss. Er hatte es der Witwe des letzten Besitzers abgekauft, als diese beschloss, zu ihrem Sohn nach List zu ziehen. Die Frau war bettelarm gewesen, und kein anderer hatte Interesse daran gehabt, ihr die Kate abzukaufen. Mit dem Geld, das Reimert ihr dafür gegeben hatte, war sie glücklich gewesen. Als er den Friesenwall abriss und mit der Renovierung und Erweiterung begann, hatte er an Feriengäste gedacht, die dort wohnen könnten, und schon mit Aafke abgesprochen, dass sie demnächst auch diese Gäste versorgen sollte und damit ihren Lohn aufbessern konnte.

Nun aber war es mit dieser Aussicht erst mal vorbei. »Die wird sowieso nicht lange bleiben«, brummte Aafke. »Wenn die hört, was das hier für ein Gekabbel war, ehe sie eingestellt werden konnte …«

Aber Reimert wusste, dass sie die neue Kurärztin dennoch freundlich empfangen würde. Und er nahm sich vor, Aafke der Kurärztin zu empfehlen. Sie würde ihren Haushalt selber versorgen müssen, da brauchte sie jemanden, der ihr zur Hand ging. Zufrieden ließ er sich am Tisch nieder und griff nach dem Messer, um sich einen Kanten Brot abzuschneiden. Er fühlte sich so glücklich und zufrieden wie lange nicht mehr.

Babette von Keller ließ sich seufzend nieder und griff sich an die Schläfen. Diese Schmerzen! Diese immer wiederkehrenden heftigen Schmerzen! Würde das denn nie ein Ende haben? Ihre runden Wangen, die ihr normalerweise ein jugendliches Aussehen gaben, zeigten nun ein paar Falten, die ihr wahres Alter verrieten. Wenn sie lachte, sprangen Grübchen in ihre Wangen, der Blick aus ihren großen Augen hatte sich etwas Kindliches bewahrt, was die vollen Lippen noch unterstrichen.

Sie schloss die Augen, um sich vor den Blicken ihrer Kinder und ihres Mannes zu verstecken. Trotzdem spürte sie, dass sie von ihrer Familie aufmerksam betrachtet wurde, und sie wusste, was in den Köpfen vorging. Wird sie durchhalten?, das fragte sich ihr Mann. Muss das immer sein, kaum dass sie einen Schritt aus ihrem Alltag herausmacht?, das war ihre Tochter Norma, die sich neuerdings für Psychologie interessierte und alles, was nicht offensichtlich war, damit zu erklären versuchte. Frauen und ihre Kopfschmerzen!, so stöhnte unhörbar ihr Sohn Herbert, das mittlere ihrer drei Kinder. Und Katharina, das Nesthäkchen, würde sich fragen, ob sie mit ihren Asthmaanfällen nicht viel schlimmer dran war als ihre Mutter.

Babette öffnete die Augen wieder, sah aber erst auf, als sie sicher sein konnte, dass die Blicke ihrer Lieben weggehuscht waren, aus dem Abteilfenster heraus, auf den Gang, zum Schaffner. Sie hasste sich dafür, dass sie ihrer Familie zur Last wurde, wenn es mal wieder so weit war, wenn jedes Geräusch sie quälte und ihr jede Bewegung schwerfiel.

»Reiß dich zusammen, Liebes«, sagte ihr Mann, der die Hilflosigkeit nicht ertragen konnte, zu der er verdammt war, wenn Babette wieder einen ihrer Migräneanfalle bekam.

Sie versuchte zu lächeln. »Kümmert euch nicht um mich! Genießt die Fahrt!«

Diese Bitte war ihrer Familie bekannt, so oder in ähnlicher Form. Unverzüglich steckten die Mädchen die Köpfe zusammen, Alwin von Keller sah aus dem Abteilfenster und kommentierte die Landschaft, die dort vorbeizog, und Herbert begann leise ein Lied zu trällern. »Davon geht die Welt nicht unter …«

»Hör auf«, rief Norma, die sich nur auf ein Gespräch mit ihrer wesentlich jüngeren Schwester eingelassen hatte, um der Mutter den Gefallen zu tun, nicht auf ihre Migräneattacke zu achten. Jetzt warf sie sich mit Begeisterung in einen Streit mit ihrem Bruder. »Das ist primitiv! Ein Schlager! Brrr!«

Aber Herbert ließ sich nicht beirren. »Wenn mal mein Herz unglücklich liebt, ist es vor Kummer unsagbar betrübt …« Er warf einen Blick zurück, um sicherzugehen, dass sie nach wie vor allein im Abteil saßen, und fuhr dann noch leiser fort: »Dann denk ich immer: Ach, alles ist aus, ich bin so allein …«

Er ließ sich erst durch eine verärgerte Handbewegung seines Vaters unterbrechen. »Schluss, Herbert!«

Alwin von Keller war immer ein ernsthafter Mann gewesen, auch in seiner Jugend, zielstrebig, was seine berufliche Entwicklung anging, eifrig in dem Bemühen, die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen. Dass er Apotheker wurde, fand er genauso selbstverständlich wie sein Vater, der eine gutgehende Apotheke führte, und dass er die Tochter eines befreundeten Apothekers heiraten sollte, gefiel ihm genauso gut wie seinen Eltern. Dass er sich vor fast fünfundzwanzig Jahren in Babette verliebte, war ein großes Glück gewesen. Geheiratet hätte er sie jedoch auch ohne dieses Gefühl, das ihn damals geradezu überrascht und unsagbar glücklich gemacht hatte, weil er niemals damit gerechnet hatte, aus Liebe zu heiraten. Wenn er seine Frau betrachtete, verlor sein Blick gelegentlich das Strenge, seine Kinder wussten sowieso, dass ihr Vater hinter der Maske des disziplinierten, erfolgreichen Geschäftsmannes ein warmherziger Mensch war, dem seine Familie über alles ging.

Babette hielt die Augen geschlossen, lauschte auf das Rattern des Zuges, das Schnaufen der Lokomotive und ihr gelegentliches Pfeifen. Es hatte keinen vernünftigen Grund gegeben, die Reise nach Sylt zu verweigern. Eigentlich erstaunte es Babette, dass es ihr bisher gelungen war, ihrem Mann einen Besuch in Westerland auszureden. Dabei gehörte sie weiß Gott nicht zu den Frauen, die es gewöhnt waren, ihre Wünsche durchzusetzen. Sie hatte von klein auf gelernt, sich zu fügen. Und sie hatte nie gefragt, ob es richtig war, was man von ihr forderte, ob sie selbst andere Wünsche für ihr Leben hatte.

»Du bist auf Sylt von deinem Asthma geheilt worden«, hatte ihr Mann ihr immer wieder vorgehalten. Und kein Hustenanfall hatte ihn davon überzeugen können, dass das Jahr, das sie als Sechzehnjährige auf Sylt hatte verbringen müssen, nicht gut für sie gewesen war. »Ich weiß, gelegentlich quält dich dein Husten noch, aber deine Eltern haben mir gesagt, dass er vor deinem Syltaufenthalt viel stärker war.«

Was sollte sie tun? Katharinas Asthmaanfälle waren in den letzten Monaten immer quälender geworden. Sollte sie, ihre Mutter, sich gegen eine Reise nach Sylt wehren, die ihrer Jüngsten guttun konnte? Es hatte keine stichhaltigen Argumente gegeben. Wenn Alwin vorher davon geredet hatte, dass er gerne einen Besuch auf der Insel machen würde, hatte er sich zum Glück davon abhalten lassen. Babettes schlechte Erinnerungen an Sylt, das Heimweh, unter dem sie damals gelitten hatte, die unfreundliche Gastfamilie, bei der sie wohnen musste, das schlechte Wetter, der verheerende Herbststurm, den sie miterlebt hatte … Aber seit Katharina mehr und mehr unter ihrem Asthma litt, hatte Alwin immer öfter von ihr gefordert, ihren Unwillen endlich zu überwinden. Egoistisch hatte er sie am Ende sogar genannt, weil sie nichts davon hören wollte, nach Sylt zu reisen, wo die Nordseeluft besonders gut war und für Atemwegserkrankungen nirgendwo so heilsam wie dort.

Sie wurde egoistisch genannt? Sie, die nur für ihre Familie lebte und jedes eigene Bedürfnis beiseiteschob, wenn es darum ging, ihren Mann und ihre Kinder glücklich zu machen? Nein, egoistisch wollte sie sich nicht nennen lassen. Aber die Wahrheit konnte sie Alwin auch nicht gestehen. Nicht nach so vielen Jahren! Also hatte sie schließlich eingewilligt, als auch der Arzt, der Katharina behandelte, dazu riet, mit dem Mädchen nach Sylt zu reisen. Sie musste es auf sich nehmen, so schwer es ihr fiel! Eine weitere Bürde, die man ihr auferlegte. Aber nachdem die Last, die ihr auf Sylt aufgebuckelt worden war, sie nicht erdrückt hatte, würde wohl auch die Erinnerung an das, was damals geschehen war, zu tragen sein. Katharina zuliebe! Ihrem Mann zuliebe! Alwin konnte nicht ahnen, was es für sie bedeutete, nach Sylt zurückzukehren.

»Wo ist ein Mensch, der mich versteht«, begann Herbert schon wieder, »so hab ich manchmal voll Sehnsucht gefleht …«

»Herbert!« Alwin von Kellers Stimme war so schneidend, dass sein Sohn aufhörte, noch ehe seine Schwestern aufbegehren konnten. Nun griff Alwin nach Babettes Hand und drückte sie. »Geht’s dir besser, Liebes?«

Babette stellte fest, dass sie eingenickt war und dass es ihr nun tatsächlich etwas besser ging. Sie nickte lächelnd, ihre Wangen waren wieder rund und kindlich. »Ja, ein wenig.«

Mit fahrigen Händen strich sie ihren dunklen, langen Rock glatt, setzte sich aufrecht hin und hob den Kopf, der auf ihren hohen weißen Kragen gesackt war, während sie sich kurz aus der Gegenwart gestohlen hatte. Mit einer energischen Geste drückte sie den winzigen Hut auf ihre Haare und korrigierte den Sitz der Nadel, die ihn fest mit den Locken verband. Für Alwins erleichtertes Aufatmen lohnte es sich, die Schmerzen wegzulächeln und sich die Kraft nicht anmerken zu lassen, die dafür nötig war. Sie sah auf den Schatten, den der Zug auf die Felder warf, und folgte den Rauchfahnen, die die Lokomotive ausspie, so lange, bis sie sich aufgelöst hatten. Die Spitzen der Bäume spielten schon mit der Dämmerung, die sich von ihnen aufspießen und dann wieder vertreiben ließ, bis die Sonne untergegangen war und ihr Spiel erleichterte.

Es war gut, dass Alwin den Beschluss gefasst hatte, in Hoyer zu übernachten, bevor sie nach Sylt übersetzten. Sie sollte es bequem haben, sollte so wenig wie möglich angestrengt werden. Zwar hatte sie versucht, ihn von diesem Plan abzubringen, weil sie nicht wollte, dass ihretwegen Umstände gemacht wurden und Kosten entstanden, die zu vermeiden waren. Aber ihr Mann hatte nicht mit sich reden lassen. Und nun war sie geneigt, ihm recht zu geben. Wenn sie in der Nacht Ruhe fand und gut schlafen konnte, würden die Kopfschmerzen am nächsten Tag weg oder zumindest erträglich sein.

Sie griff nach der Hand ihres Mannes, der sie erschrocken ansah, weil sie sich solche Vertraulichkeiten in der Öffentlichkeit sonst nicht gestattete. Aber als er sah, dass sie lächelte, drückte er ihre Hand, ehe er sie feierlich in ihren Schoß zurücklegte. »Morgen wirst du schon die gute Seeluft spüren«, flüsterte er ihr zu.

Und Babette nickte tapfer, als glaubte sie auch daran, dass sich damit alles zum Guten wenden würde.

Eigentlich war sie stark. Stark genug, um sich der Vergangenheit zu stellen. Nach diesem schrecklichen Erlebnis auf Sylt hatte das Leben es gut mit ihr gemeint, sie versöhnt und wieder aufgerichtet, so konnte sie trotz allem stark werden. Ihre Ehe war harmonisch, die Kinder waren wohlgeraten, sie durfte sich nicht beklagen. Und diese Gewissheit würde ihr die Kraft geben, die folgenden Wochen durchzustehen.

Sie merkte, dass ihr die Sicherheit, die sie sich einredete, tatsächlich etwas von den Schmerzen nahm, von denen sie am Anfang der Reise noch geglaubt hatte, sie nicht aushalten zu können. Aber sie würde auch diesen Migräneanfall überstehen. So wie viele vorher. Und sie würde die Erinnerungen ertragen, wenn sie auf Sylt angekommen war. Irgendwie …

Tessa sprach mit ihrer Mutter nicht gerne darüber, aber sie wusste trotzdem, wo Marika Melford den Abend verbrachte, wenn sie sich von ihrer Tochter verabschiedete. So war es nicht schwer, sie zu finden. Zuerst hatte Tessa es im »Nationalhof« versucht. Er war um die Jahrhundertwende berühmt geworden, als man sich dort versammelte, um für die Rechte der weiblichen Dienstboten zu kämpfen. Das hatte ihrer Mutter gefallen, die sich zwar keine Dienstboten leistete, aber trotzdem ein Herz für sie hatte. »Außerdem kann es ja sein«, ergänzte sie oft lachend, »dass mein Fräulein Tochter demnächst eine Zugehfrau einstellen kann. Jeder männliche Arzt kann das ja auch.«

Im »Nationalhof« trafen sich nun die Mitglieder des Clubs »Violetta«, dem Marika Melford zwar nicht angehörte, den sie aber dennoch gelegentlich besuchte. Wenn dort keine Bälle organisiert wurden, kümmerte man sich um die Rechte von homosexuellen Männern und Frauen. Der Damenclub, der aber auch Männern offenstand, gehörte mittlerweile zum »Bund für Menschenrechte«, der die Abschaffung des Paragraphen 175 forderte, unter dem Schwule zu leiden hatten, denn dieser Paragraph stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Für Frauen gab es ein solches Verbot zum Glück nicht.

Das betonte Marika gern, wenn Tessa sie fragte, warum sie irgendeine Freundin in den Club »Violetta« begleitete. »Ich tu nichts, wofür man mich einsperren könnte!« Und dann setzte sie oft hinzu: »Ich möchte nur erreichen, dass unter solch unsinnigen Verboten demnächst nicht auch die Frauen zu leiden haben. Es gibt tatsächlich Versuche, den Paragraphen auf Frauenliebe auszudehnen!«

Tessa glaubte ihr kein Wort. Dass ihre Mutter ausschließlich das Wohl der armen Homosexuellen im Auge hatte, war eine glatte Lüge, aber eine, die sie auf keinen Fall entlarven wollte. Sie war froh, dass niemals deutlichere Worte fielen und dass sie die Augen vor dem verschließen konnte, was offensichtlich war.

Zum Glück musste sie das Gebäude nicht betreten, denn der Portier, der den Eingang bewachte, wusste, dass ihre Mutter an diesem Abend noch nicht dort gesehen worden war. Hans arbeitete hauptberuflich als Portier in einem Hotel, an dem Tessa täglich vorbeikam, wenn sie zur Universität ging, er kannte nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter. Und aus demselben Grunde machte er ihr gegenüber keinen Hehl aus seiner Homosexualität, die er der Hotelleitung tunlichst verschwieg. »Aber sie ist hier vorbeigegangen«, erklärte er Tessa und wies mit dem Kinn die Schweriner Straße entlang, zu einem Haus, in dem der »Top-Keller« untergebracht war. »Da ist sie rein. Zusammen mit ihrer Freundin.«

Tessa bedankte sich und ging zögernd weiter. Ihre Freundin! Was hatte Hans damit gemeint? Das, was sie seit langem vermutete? Oder hatte er nur von einer Frau gesprochen, mit der ihre Mutter sich gelegentlich nachmittags zum Kaffee traf und an diesem Abend zufällig im »Top-Keller«? Sie überlegte, ob sie nicht einfach zurückkehren sollte. Aber es war noch früh, viel zu früh, um schon schlafen zu gehen. Und wie sollte sie diesen Abend verbringen? Allein, mit einem Buch auf dem Sofa? Unmöglich! Nicht, nachdem sie sich von Kurt getrennt hatte. Und nicht, nachdem sie den Brief erhalten hatte, mit dem sie Kurt hatte überraschen wollen. Sie lächelte bitter. Die Überraschung war in der Tat gelungen. Kurt hatte vollkommen anders als erwartet reagiert.

»Na, Fräuleinchen! Wollen Sie etwa in den ›Top-Keller‹?«

»Was geht Sie das an?«

»Sind Sie etwa auch so eine? Da hätte ich was Besseres zu bieten.«

Tessa fuhr zu dem vierschrötigen Kerl herum, der sie angesprochen hatte. »Scheren Sie sich zum Teufel!«

Der Mann gab seinem Freund einen Wink, der ein paar Schritte zurückgeblieben war. »Weiter, Hermann! Oder bist du scharf auf eine Lesbe?«

Das war Hermann zum Glück nicht. Er folgte seinem Freund unverzüglich, der verächtliche Blick, den er Tessa zuwarf, kümmerte sie nicht. Aber sie würde ihrer Mutter berichten, dass die Tarnung des »Top-Kellers« nicht so gut funktionierte, wie diese oft behauptete. Zwar gab es keine Lokalverbote mehr, aber die Polizei machte häufig Razzien und scheuchte die Damenclubs auf, in denen es nach Meinung des »Dezernats für sexuelle Verirrungen« unzüchtig zuging. Tessa wusste von ihrer Mutter, dass die Furcht vor den Razzien im »Top-Keller« besonders groß war, denn ihn traf es am häufigsten, wenn in Berlin mal wieder für Ordnung, Sitte und Anstand gesorgt werden sollte. Seitdem tarnten sich viele Clubs als Spar- oder Kegelvereine, aber wie man sah, nicht besonders erfolgreich. Wenn zwei Kerle wie Hermann und sein Freund genau wussten, was im »Top-Keller« geschah, dann wussten es andere auch.

Tessa strich sich mit einer sinnlosen Geste die Bluse glatt. Sinnlos deshalb, weil sie so oder so auffallen würde, da kam es auf den Zustand ihrer Bluse nicht an. Aber das musste ihr jetzt einfach egal sein. Sie wollte zu ihrer Mutter, wollte ihr erzählen, welche Wendung ihr Leben genommen hatte, wollte von ihr in den Arm genommen werden und hören, dass sie sich mit ihrer Tochter freute. Und das würde sie tun, darauf konnte sie sich fest verlassen! Ganz egal, in welcher Situation Tessa sie jetzt antreffen würde.

Sie war erleichtert, als sie ohne weiteres eingelassen wurde, denn ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass die Türen zu einer bestimmten Zeit verschlossen wurden, damit kein Sittenwächter mehr Zugang erhielt. Zwar schenkte ihr der Portier einen erstaunten Blick und betrachtete sie von oben bis unten, ehe er die Tür öffnete, aber er ließ sie eintreten. Er? Tessa merkte erst im letzten Augenblick, dass sie eine Frau vor sich hatte, die sich einen Schnurrbart angeklebt hatte und eine Pagenuniform trug. Sie hatte eindeutig eine Frau vor sich, die trotz der männlichen Uniform und des angeklebten Bartes weiblich geschminkt war.

Tessa wurde gebeten, ihren Namen auf eine Liste zu setzen, was im »Top-Keller« üblich war. »Ich heiße Brigitte. Suchst du jemanden? Oder … willst du nur mal gucken?«

Tessa fasste sich ein Herz. »Ich suche meine Mutter. Marika Melford. Ist sie hier?«

Brigitte sah sie misstrauisch an, hatte mit einem Blick Tessas brave Kleidung und ihre schlichte Frisur taxiert. »Willst du etwa Ärger machen? Die Zeiten sind vorbei, Kindchen. Heute kann jede Frau tun und lassen, was sie will.«

»Ich mache keinen Ärger«, versicherte Tessa hastig. »Ich will nur … zu ihr.«

Brigitte lachte gutmütig. »Na, dann kommst du genau richtig. Der Busenwettbewerb beginnt in einer halben Stunde. Ich hoffe, du kannst bis elf bleiben. Dann werden die Türen verschlossen, und die Schwarze Messe beginnt.«

Weder unter dem Busenwettbewerb noch unter der Schwarzen Messe konnte Tessa sich etwas vorstellen, wollte es aber auch nicht genau wissen. Sie zerteilte den schweren Vorhang, der den Eingangsbereich abtrennte, und blieb erstaunt stehen. Hier verbrachte ihre Mutter den Abend? Den »Top-Keller« hatte sie sich ganz anders vorgestellt, nicht so sparsam ausgestattet, nicht so lieblos gestaltet. Einfache Holztische standen im Raum, parallel dazu genauso einfache Bänke, das war alles. Die Wände waren violett gestrichen, die Lampen, die von den Decken hingen, mit roten Stoffschirmen versehen, an denen lange Bänder hingen, die das Licht dämpften und gleichzeitig bewegten.

»Ein Neuzugang!«, stellte jemand hinter ihr fest. »Du bist zum ersten Mal hier, stimmt’s?«

Zu ihrem Erstaunen war sie von einem Mann angesprochen worden. Dabei war sie sicher gewesen, dass es sich beim »Top-Keller« um einen Damenclub handelte.

Der Mann schien ihre Gedanken lesen zu können. »Hier kann jeder herkommen, Mann oder Frau, homosexuell oder nicht.« Er warf nur einen kurzen Blick auf ihre Bluse, ihren Rock, die praktischen Strümpfe und die Schuhe. »Lesbisch bist du nicht.«

»Ich suche meine Mutter.«

Damit verlor er das Interesse an ihr. »Viel Spaß dabei!«

Tessa sah sich um, konnte Marika aber nirgendwo entdecken. Verwundert betrachtete sie die Frauen, die sich hier aufhielten. Sie unterschieden sich kaum von den wenigen Männern, die an den Tischen hockten. Die meisten trugen Männerkleidung, auf den ersten Blick konnte man meinen, in einem Herrenclub gelandet zu sein. Viele Frauen hatten sich mit einem Monokel geschmückt, trugen Smokings mit glänzenden Kragenaufschlägen, die Haare glatt zurückgekämmt und mit Pomade befestigt, auf einem weißen Hemd eine dunkle Fliege oder Krawatte. Einige steckten auch in einer Pagenuniform und verbargen ihre sorgsam in Wellen gelegten Haare unter einer Kappe, auf der ein Hotelname stand. Viele rauchten, und ihre Zigaretten steckten in mehr oder weniger langen Spitzen. Niemand saß allein am Tisch, jede Frau hatte eine andere an ihrer Seite, den Arm um sie gelegt oder sich an sie geschmiegt, jeder Mann hatte einen anderen auf dem Schoß oder neben sich sitzen, der zu ihm gehörte. Sie küssten sich, griffen sich in den Ausschnitt oder an den Hosenschlitz und gaben sich derart unbekümmert, dass Tessa tief durchatmen musste, ehe sie sich entschließen konnte, nicht die Flucht zu ergreifen, sondern an ihrem Plan festzuhalten.

Ihre Blicke gingen zu den Frauen, die in Abendkleidern gekommen waren. Ihr Mutter hatte ein weißes Kleid getragen, als sie sich von Tessa verabschiedete, eins im griechischen Stil, das auf einer Schulter mit einer Spange geschlossen wurde, während die andere Schulter nackt geblieben war. Der weit fallende Stoff war in der Taille mit einem breiten Gürtel zusammengehalten worden. So eine Frau musste doch auffallen unter all den Anzügen, Smokings und Fräcken!

Aber es dauerte noch einige peinigende Minuten, bis Tessa sie entdeckte. Marika löste sich gerade von einer blonden Frau, die ebenfalls ein Abendkleid trug. Eine üppige Frau in einem blauen Kleid mit einem ausladenden Rock, in deren Umarmung ihre Mutter, klein und zierlich, praktisch verschwunden gewesen war. Jetzt schob sie die blonde Frau von sich, die sie jedoch festhielt und sie nicht freigeben wollte. Marikas Mund bewegte sich, aber Tessa konnte in dem Stimmengewirr nicht verstehen, was sie sagte, obwohl sie mittlerweile näher herangekommen war. Die blonde Frau griff erneut zu, Marika wehrte sie nun heftiger ab, in ihrer Miene stand Ungeduld.

Aber die löste sich in einem strahlenden Lächeln auf, als sie Tessa entdeckte. »Mein Kind! Hast du mich gesucht?«

Nun schüttelte sie die blonde Frau mit einer so ungestümen Bewegung ab, dass diese endlich aufgab. Mit gekränkter Miene wandte sie sich Tessa zu, betrachtete sie mit verlegenem Blick und legte dann die Hände überkreuzt auf den Tisch, als wollte sie darauf warten, dass Marika wieder nur für sie da war.

»Ich muss mit dir reden«, rief Tessa gegen den Lärm an.

»Komm her!« Marika streckte die Arme nach ihrer Tochter aus und zog sie neben sich auf die Bank. Dann rief sie in die neugierigen Gesichter der Umsitzenden: »Das ist meine Tochter! Doktor Tessa Melford!«

Jubel brach los. Tessa begriff, dass ihr Name in diesem Kreis wohlbekannt war, dass ihre Mutter ihren Stolz auf die erfolgreiche Tochter mit allen geteilt hatte. Die Kälte, die Kurt in ihrem Herzen zurückgelassen hatte, wurde nun von der Wärme vertrieben, die ihre Mutter ihr stets gegeben hatte. Bei ihr war es immer behaglich gewesen, bei ihr hatte sie sich geborgen fühlen können. Auch dann, als Marika sich ins Nachtleben warf, die Liebe in all ihren Formen ausprobierte, kurze Röcke trug, Charleston lernte, ins Kabarett ging, literarische Salons besuchte, sich mit erotischer Lyrik befasste und nicht um ihr Alter scherte. So weit sich Marika auch von dem Leben, das sie als Ehefrau geführt hatte, entfernte, ihrer Tochter war sie eine treusorgende Mutter geblieben, eine Löwenmutter, die für ihr Kind kämpfte.

»Frau Doktor!«, schrie eine Frau mit kippender Stimme. »Das hast du großartig gemacht, Mädchen!«

»Frauen sind genauso gut wie Männer!«, fiel eine andere ein und schüttelte die Faust. »Tessa hat es bewiesen!«

Tessa schwieg dazu, lächelte zuvorkommend, bedankte sich für das Glas, das man ihr hinstellte, und trank brav, als alle mit ihr auf den Doktortitel anstoßen wollten.

Marika Melford strahlte vor Stolz und lachte sogar noch, als sie berichtete: »Nur leider will kein Krankenhaus sie einstellen! Und kein Arzt will sie in seiner Praxis beschäftigen. Ich werde wohl noch lange sparen müssen, bis ich meinem Kind eine eigene Praxis einrichten kann.«

Dafür ließ man sie ausgiebig hochleben. Nur die blonde Frau blieb ernst. Schließlich sagte sie in einen Moment der Stille hinein: »Ihr seht euch gar nicht ähnlich.«

»Stimmt!« Marika betrachtete Tessa lächelnd, griff in ihre Haare und dann in ihre eigenen. Tessas Haare waren glatt und aschblond, Marikas sehr dunkel und kraus. Auch Marikas Augen waren von einem tiefen Braun, während Tessas hellgrau leuchteten. »Tessa kommt auf ihren Vater.«

»Schwarzer Teufel« hatte er seine Frau liebevoll genannt, daran erinnerte sich Tessa in diesem Augenblick. Auch bei seinem Abschied, als er zum letzten Mal zurück an die Front musste und alle schon hofften, dass der Krieg bald vorbei sein würde, hatte er sie so genannt. »Leb wohl, mein schwarzer Teufel.« Sein Flüstern hatte sie noch im Ohr. »Bald bin ich wieder bei dir.«

Sie hatte ihren Vater nie wiedergesehen, nur wenige Wochen vor Kriegsende war er gefallen. Und ihre Mutter tat von da an alles, um nicht mehr an den Krieg, den Hunger, an sämtliche Entbehrungen und an die Angst zu denken. Tessa kam es oft so vor, als wollte ihre Mutter das Schicksal bestrafen, das ihr den Mann genommen hatte, indem sie von nun an so lebte, wie sie niemals gelebt hätte, wenn ihr Mann ihr geblieben wäre.

Marika rutschte dicht an Tessa heran. »Warum bist du hier? Ist was passiert?« Das Lachen war nun aus ihren Augen verschwunden, Sorge erschien stattdessen darin. Ihr Teint wirkte mit einem Mal fleckig, die Schatten unter den Augen waren von der Schminke entblößt worden, Tessa sah Falten in ihren Augenwinkeln, die ihr vorher nie aufgefallen waren.

Die blonde Frau rückte nach, als wollte sie nicht allein bleiben. »Du hast mich deiner Tochter noch nicht vorgestellt.«

Das Lachen erschien wieder in Marikas Blick, die dunklen Schatten waren verschwunden, die Falten auch. »Das ist Edith.«

»Die Frau, die Ihre Mutter liebt«, ergänzte Edith und sah Tessa derart intensiv an, als fürchtete sie, dass sie ihr nicht glauben könnte.

Damit hatte sie vollkommen recht. Tessa nickte zwar höflich, aber dass diese lesbische Beziehung aus etwas anderem entstanden war als aus Neugier und Leichtsinn, glaubte sie nicht. Wenn Marika genug Freude daran gehabt hatte, etwas zu tun, was dem braven Bürgertum die Haare zu Berge stehen ließ, dann würde sie sich wieder für Männer interessieren.

Marika schien es recht zu sein, dass eine Frau die kleine improvisierte Bühne betrat und sich ausgiebig beklatschen ließ. Dann kündigte sie den Busenwettbewerb an, woraufhin der Applaus noch zunahm.

»Besser, wir gehen raus«, sagte Marika und wandte sich an Edith, ehe diese sich anschließen konnte. »Bin gleich zurück.«

Auf der Bühne versammelten sich die Frauen, die sich dem Wettbewerb stellen wollten, nestelten bereits an den Knöpfen ihrer Jacken herum oder dehnten die Ausschnitte ihrer Abendkleider. Marika griff nach Tessas Arm und führte sie ins Foyer, wo nur die schnurrbärtige Brigitte sich aufhielt.

Marika zog Tessa aus ihrer Hörweite, dann fragte sie: »Schieß los! Ist was mit Kurt?«

»Ich habe mich von ihm getrennt«, stieß Tessa hervor.

»Oh, Schätzchen!« Marika zog ihre Tochter an ihre Brust und strich ihr übers Haar. »Das tut mir leid.«

Aber Tessa schüttelte den Kopf und löste sich von ihrer Mutter, die kleiner war als sie, zu der sie sich unbequem hinabbeugen musste. »Ich habe erkannt, dass ich mit ihm nicht glücklich geworden wäre.«

Marika nickte düster. »Der feine Herr ertrug es nicht, eine Akademikerin an seiner Seite zu haben. Noch dazu eine, die sich eher mit dem Doktortitel schmücken kann als er selbst. Ich habe von Anfang an die Sorge gehabt, dass er dir ein Kind machen und dann von dir verlangen würde, zu Hause zu bleiben und nur noch Ärztin zu spielen, wenn das Baby Schnupfen hat und sein Papa eine Influenza.«

Tessa dachte an Kurts Mutter und fing plötzlich an zu lachen. So laut und so ungeniert, dass Marika nicht mitlachte, sondern ihre Tochter nur mit gerunzelter Stirn betrachtete. »Da ist also noch was«, sagte sie, als Tessa sich beruhigt hatte.

»Stimmt! Kurt war nicht bereit, mich nach Sylt ziehen zu lassen. Und ebenso wenig war er bereit, mitzukommen.«

Marika starrte ihre Tochter an. »Wieso … Sylt?«

»Ich habe mich als Kurärztin auf Sylt beworben. Schon vor Monaten! Die Bewerbung habe ich mit den vielen anderen in den Postkasten gesteckt. Und nun habe ich die Zusage.«

»Sylt«, flüsterte Marika. »Ausgerechnet Sylt?«

»Was meinst du damit?« Ängstlich sah Tessa ihre Mutter an. »Ich werde Kurärztin«, wiederholte sie eindringlich und so laut und betont, als hielte sie ihre Mutter für schwerhörig. »Der Kurdirektor hat mir geschrieben. Er hat sich für mich starkgemacht. Und er hat es geschafft. Sylt hat sich für mich entschieden.«

Nun endlich zeigte sich auf Marikas Gesicht das Lächeln, auf das ihre Tochter gewartet hatte. »Das ist ja wunderbar, Schätzchen«, flüsterte sie. Und dann rief sie laut heraus: »Sylt! Warum nicht Sylt?«

Friedrich Gottorf durchquerte die Halle, in der viele riesige Kessel in schnurgerader senkrechter und waagerechter Ausrichtung standen, mit großen, schnellen Schritten. Die Hitze und der Lärm machten ihm zu schaffen, er hielt sich nicht mehr gerne dort auf, wo die Kakaobohnen gemahlen und ihre Kerne geröstet, gerüttelt, gemischt und zerkleinert wurden. Und erst recht nicht in dieser Halle, wo die Basismasse der Schokolade erwärmt und gleichzeitig gerührt wurde. Dieses Conchieren geschah in den großen Kesseln, die die Hitze ausströmten, die Friedrich Gottorf nicht mehr behagte. Seit er die sechzig überschritten hatte, war das so. Oder war er seit seinem sechzigsten Geburtstag endlich bereit, es sich einzugestehen? Als junger Mann, als begeisterter Geschäftsmann, als Visionär mit einer großen Idee hätte er sich nicht erlaubt, vor einer Stufe des Herstellungsprozesses zu fliehen. Heute sagte er sich, dass ihm dieses Privileg zustand. Er durfte sich gelegentlich ausruhen, und das bedeutete auch, dass er sich nur noch um die Vermarktung seiner Schokolade kümmerte und alles andere seinem Nachfolger überließ. Aber was einmal zur Gewohnheit geworden war, musste beibehalten werden, sonst hätte am Ende jemand seine Schwäche bemerkt. Dazu gehörte, dass er sich am Abend in jeder Ecke seiner Fabrik blicken ließ. Zwar wünschte er niemandem eine gute Nacht, aber er wusste, dass seine Arbeiter seinen letzten Rundgang so verstanden. Ein letzter Gruß vor Feierabend.

Er steuerte auf die Tür zu, die ins Freie führte, da stutzte er. Hatte er in dem schweren Dröhnen, das die Halle durchdrang und vom Dach bis zum Boden ausfüllte, eine helle Stimme gehört? Ein Mädchenlachen? Er spürte wieder den Unmut in sich aufsteigen, der mit ungläubigem Staunen und sogar einer heimlichen Portion Stolz angereichert war. Eine gallige Mischung! Eine, die ihm gar nicht gefiel.

Obwohl er gern die Halle verlassen hätte, drehte er bei und ging auf die Tür zu, hinter der es einen winzigen Raum für seinen Werksleiter gab, in dem Berechnungen angestellt und Kontrollen durchgeführt wurden. Zornig, weil er wusste, was er dahinter finden würde, stieß Friedrich Gottorf die Tür auf. Und richtig! Über einem riesigen Plan von Schalttafeln fand er eine junge Frau vor, die sich gemeinsam mit Ernst Siering darüberbeugte und jetzt erschrocken in die Höhe fuhr. In ihren Augen erschien schlagartig Schuldbewusstsein, während in denen des Werksleiters pures Entsetzen stand.

»Herr Gottorf«, begann er zu stottern. »Es ist … ich wollte eigentlich nicht …«

»Ernst ist nicht schuld daran«, unterbrach Lilli Schuster ihn und sah ihren Vater heldenmütig an. »Ich habe ihn überredet, mir zu zeigen, wie die Maschine funktioniert.«

»Welche Maschine?«, fragte Friedrich Gottorf, obwohl er die Antwort auf diese Frage gar nicht hören wollte. Ihn interessierte einzig und allein die Frage, was seine Tochter an diesem Ort zu suchen hatte, an dem sich nie eine Frau aufhielt. Und auch hier ging es nicht um eine Antwort, sondern nur um diese Frage, die die Antwort bereits in sich barg.

Ohne ein weiteres Wort wies er mit ausgestrecktem Arm zur Tür, noch ehe Lilli Schuster anfangen konnte, ihm von der Maschine zu erzählen, von der sie viel zu viel wusste, und von den Vorgängen im Getriebe dieser Halle, von der sie ebenfalls zu viel wusste.

Lilli, die gerade noch um die richtige Antwort auf die Frage des Vaters rang, verstand sofort und wusste, dass sie auf eine Erklärung verzichten musste. Schweigend folgte sie der Richtung, die ihr Vater vorgab, drängte sich an ihm vorbei und lief durch die Halle auf die Ausgangstür zu.

Noch ehe sie sich öffnete, sagte Friedrich Gottorf zu seinem Werksleiter: »Wir sprechen uns noch.«

Auf die Entschuldigungen Ernst Sierings hörte er nicht, und auf dessen rot angelaufenes Gesicht, auf dem sich Angst breitmachte, achtete er nicht. Er folgte seiner Tochter und gab sich große Mühe, nicht zu laufen, um sie möglichst schnell zu erreichen, nach ihrer Schulter zu greifen, sie zum Stehenbleiben zu zwingen und ihr wieder einmal einzubläuen, was er ihr schon hundertmal auseinandergesetzt hatte. Aber ein Friedrich Gottorf ließ sich seine Gefühle nicht anmerken. Er bewahrte Contenance. Wenn Lilli sich nun noch unterstehen sollte, vor ihm ins Kontor oder ins Privathaus zu laufen und ihn zwang, ihr nachzuhetzen oder sie gar zu suchen …

Doch diesbezüglich war seine Sorge umsonst. Lilli erwartete ihn im Hof der Schokoladenfabrik, in dem es schon beinahe dunkel war, da sich die Dämmerung in den Höfen Berlins viel schneller in Finsternis verwandelte als außerhalb der Stadt. Sie stand weit genug von der Tür der Halle entfernt, durch die der Lärm zwar gedämpft, aber immer noch gewaltig drang, und nicht zu nah an irgendeiner anderen Tür, durch die ihr die Flucht vor ihrem Vater gelungen wäre. In Friedrich gab es einen kleinen Stich der Anerkennung, der in seine aufgeblasene Wut drang, aus der prompt das heftigste Gefühl entwich, so dass aus seinem Zorn bald eine schlaffe Gemütsbewegung werden würde. Er wusste das, und Lilli wusste es auch. Klüger wäre es sicherlich gewesen, wenn sie vor ihm geflohen wäre, weil sie natürlich längst die Erfahrung gemacht hatte, dass die erste Wut ihres Vaters vernichtend sein konnte, die zweite nur noch einer Ohrfeige gleichkam und nach einer Stunde verraucht war, was ihn im ersten Augenblick lichterloh hatte brennen lassen. Trotzdem war sie stehen geblieben und brachte nun allen Trotz auf, zu dem sie angesichts des väterlichen Zorns fähig war.

»Es interessiert mich eben«, sagte sie, ehe er zu seinen Vorhaltungen ansetzen konnte. »Und ich sehe nicht ein, dass es mich nicht interessieren darf, nur weil ich eine Frau bin.«

Ihr kleines energisches Kinn schob sich vor, sie warf den Kopf in den Nacken, als wollte sie ihre langen Haare schütteln, die aber selbstverständlich am Kopf festgesteckt waren und mit einem kleinen Hut daran gehindert wurden, sich irgendeine Freiheit zu erlauben. Äußerlich hatte Lilli sich korrekt an die Vorgaben ihres Vaters gehalten. Ihre Bluse war bis zum Kinn geschlossen, ihre schmale Taille verriet das Korsett, das in diesen Tagen von vielen Frauen abgelegt wurde, ihr Rock war so weit und lang, wie Friedrich Gottorf es wünschte.

»Ein dummes Gör bist du«, fuhr Friedrich sie an. »Wärst du eine vernünftige Frau, wüsstest du, dass ich recht habe, wenn ich dir den Zugang zur Fabrikation verwehre.«

»Ich werde bald dreißig«, begehrte Lilli auf. Ihre Augen blitzten, die Grübchen auf ihren Wangen tanzten. »Und ich war vor neun Jahren schon alt genug zum Heiraten. Ich bin sogar alt genug zur Kriegerwitwe. Aber wenn es um die Fabrik geht, bin ich nur ein dummes Gör?« Sie ahnte nicht, dass sie in diesem Augenblick so entzückend jung wie ein Schulmädchen aussah und die Freude am Ungehorsam sie nicht reifer, sondern jünger erscheinen ließ.

Friedrich wäre vermutlich aus der Fassung geraten, er hätte seine Tochter vielleicht sogar angeschrien, wenn nicht in diesem Augenblick zwei Arbeiter mit geschulterten Gerätschaften vorbeigekommen wären, die ihn auf keinen Fall bei einer aufbrausenden Reaktion beobachten sollten. Nur deshalb gelang es ihm, einigermaßen ruhig zu antworten: »Ich habe bereits einen Nachfolger. Henry wird die Fabrik übernehmen, und du wirst wieder heiraten. Und zwar so bald wie möglich. Noch bist du jung genug, um Kinder zu bekommen.«

»Vermutlich hast du sogar schon jemanden für mich ins Auge gefasst?«, kam es bockig zurück. »Bei meiner ersten Hochzeit hat es dich ja auch nicht interessiert, ob ich Anton liebe.«

»Wenn Anton nicht im Krieg geblieben wäre, hättest du mit dieser Hochzeit die richtige Entscheidung getroffen. Du wärst die Gattin eines erfolgreichen Rechtsanwaltes oder des Justitiars unserer Firma.«

»Ich habe mich entschieden?« Lilli lachte bitter. »Du hast die Entscheidung getroffen, und ich musste mich fügen. Du weißt ganz genau, wie meine eigene Entscheidung ausgesehen hätte. Ein Studium hätte ich begonnen. Apothekerin wäre ich geworden.« Sie trat jetzt sogar dichter an ihren Vater heran, als ahnte sie, dass nun auch ein vages Schuldgefühl auf seine Wut einstach und sie in den nächsten Minuten vollends verpuffen würde. »Noch einmal heirate ich nicht einen Mann, den du mir ausgesucht hast. Wenn überhaupt, dann heirate ich aus Liebe. Und ob ich Kinder haben will, weiß ich nicht einmal genau.«

»Das ist …«, fuhr Friedrich auf, kam aber nicht weit. Seine Tochter hatte ihn bereits in der Hand.

»… die Bestimmung jeder Frau, ich weiß.« Lilli wusste, dass sie nun gewonnen hatte. »Diese Zeiten sind längst vorbei, Kaiser Wilhelm hat abgedankt.« Nun erlaubte sie sich sogar ein spitzbübisches Lächeln. »Oder solltest du das nicht mitbekommen haben?«

Friedrich Gottorf war kein Mensch, der auf einen Scherz einging. Erst recht nicht, wenn er auf seine Kosten gemacht wurde. Mit dieser Unverschämtheit hatte Lilli es zu weit getrieben. »Dann willst du wohl demnächst auch in der Öffentlichkeit rauchen? Allein ausgehen? Herrenkleidung tragen oder in den Boxring steigen?« Er kniff die Augen zusammen und zeigte seiner Tochter, wie ernst es ihm war. »Aber das sage ich dir … solltest du hier mit einem Bubikopf oder einem kurzen Rock auftauchen, kannst du sehen, wie du woanders mit deiner Kriegerwitwenrente zurechtkommst. Dann wirst du dich in meinem Hause nicht mehr sattessen.«

Mit diesen Worten ließ er seine Tochter stehen und blickte sich nicht nach ihr um, als er sein Kontor betrat. Sonst hätte er gesehen, dass Lilli nicht etwa mit dem Fuß aufstampfte, wie er es erwartet hätte, sondern sich die Tränen aus den Augen wischte, ehe sie auf die Tür zuging, die ins Privathaus der Gottorfs führte.

Traute Berber schreckte auf, als Friedrich Gottorf eintrat. Sie saß vor ihrer Schreibmaschine und kontrollierte die Zeilen, die sie geschrieben hatte. Als Friedrich eintraf, begann sie sofort wieder, die Tasten zu bedienen. »Der Brief ist gleich fertig. Sie können in wenigen Minuten unterschreiben.«

Friedrich blieb stehen und sah ihr zu, obwohl er merkte, wie nervös sie dadurch wurde und dass sie sich prompt vertippte. Trotzdem beobachtete er, wie sie nach einem Radiergummi griff, ein Stück Papier hinter das Kohlepapier legte, mit bebenden Händen den falschen Buchstaben wegradierte, dann den Papierfetzen wegnahm und das gleiche mit dem Durchschlag machte. Anschließend schrieb sie den Brief zu Ende, ohne dass eine weitere Korrektur nötig war, und drehte ihn erleichtert aus der Maschine. Dass ein paar Arbeiter singend durch den Hof zogen, war ihr nicht aufgefallen. »Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau …«

Friedrich runzelte die Stirn. »Was ist das für ein merkwürdiges Lied, das man jetzt überall hört?«

Traute Berber errötete, als schämte sie sich dafür, dass sie das Lied kannte. »Das ist von Zarah Leander, Herr Gottorf.« Und sie errötete noch tiefer, während sie ergänzte: »Mein Onkel hat ein Grammophon, er besitzt auch Schallplatten von Zarah Leander. Daher kenne ich es.«

»So, so«, brummte Friedrich Gottorf, der nicht zugeben wollte, dass der Name Zarah Leander auch ihm bekannt war. Er nahm den Brief entgegen und unterzeichnete ihn neben ihrer Schreibmaschine, ohne ihn zu lesen. »Der muss morgen früh gleich raus«, sagte er, als er ihn zurückgab.

Traute Berber sicherte es ihm zu, glücklich über das Vertrauen, das ihr Chef ihr entgegengebracht hatte, indem er etwas unterschrieb, ohne es zu kontrollieren.

»Haben Sie etwas von meinem Sohn gehört?«, fragte er, während er in sein Büro ging. Er ließ die Tür offen, um das Gespräch mit Traute Berber weiterführen zu können. »Die ›Jacob Le Maire‹ müsste bald in Antwerpen anlegen.«

Aber seine Sekretärin konnte ihm nichts Neues sagen. »Ich habe nur erfahren können, dass das Schiff planmäßig in Abidjan abgelegt hat.«

»Sie können Feierabend machen«, war Friedrich Gottorfs Entgegnung. Dann schob er selbst alles zusammen, was sich auf seinem Schreibtisch im Laufe des Tages angesammelt hatte, und ordnete es als säuberlichen Stapel auf der linken Ecke seiner Arbeitsfläche. Wie jeden Abend! Und wie jeden Abend machte er auch einen Abstecher in das Büro seines Sohnes, obwohl es leer war, kein Licht dort brannte und die Luft abgestanden war, weil dieser Raum zurzeit nicht gelüftet wurde. Es war ein gutes Gefühl, zu wissen, dass hier demnächst wieder sein Nachfolger sitzen würde, dem er das Wohl seiner Firma anvertrauen konnte, wenn es einmal so weit war. Hoffentlich würde Henry mit einer guten Lieferung, neuen Kontakten und günstigen Geschäftsverbindungen zurückkehren!

Als er ins Vorzimmer zurückging, war Traute Berber bereits verschwunden. Friedrich löschte das Licht, verließ das Kontor und überquerte den Hof. Wieder hörte er Arbeiter singen, die sich auf den Heimweg machten. »Wenn uns der Schädel auch raucht! Davon geht die Welt nicht unter, die wird ja noch gebraucht …«

Er warf einen Blick in den Spiegel, als er die Diele seines Wohnhauses betrat. Was er dort sah, gefiel ihm nicht. Er hatte einmal als gutaussehender Mann gegolten, war groß und stattlich gewesen, hatte volles Haar besessen. Sein Gesicht war faltenfrei gewesen, seine Wangen rosig, seine Augen blitzend vor geschäftlichem Eifer. Jetzt schien er kleiner geworden zu sein, sein Bauchansatz war zu einem stattlichen Wanst geworden, von seinen Haaren war nicht mehr viel übrig geblieben, seine Wangen hingen schlaff herab, und seine Augen blickten müde. Nur sein Mund konnte noch etwas von der alten Tatkraft erzählen. Er hatte volle Lippen, die kräftige weiße Zähne freilegten und mit dem Speichel nicht so umgingen wie andere alte Männer, die ihre Worte nicht mehr kräftig herausbrachten, sondern sie in die Welt sabberten und spuckten.

Er zögerte, als er auf die Wohnzimmertür zuging, als hätte er Angst vor dem, was er dort zu sehen bekommen würde. Zwar drang ein Lichtschein unter der Tür hindurch, was darauf schließen ließ, dass jemand zu Hause war, aber ob er seine Frau dort vorfinden würde, war ungewiss. Vermutlich hatte Lilli sich dorthin verzogen, um über einem Buch die harschen Worte ihres Vaters zu vergessen.

Er öffnete die Tür leise, als sollte niemand gestört werden, und trat vorsichtig ein, als wollte er aus seiner Sorge noch keine Wahrheit machen. Er seufzte auf, als er Lilli unter einer Lampe sitzen sah, ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien. »Ist deine Mutter nicht da?«

Lilli antwortete fröhlicher, als ihr zumute sein konnte: »Sie kommt sicherlich gleich zurück.«

Sie wusste, dass ihre Mutter oft erst sehr spät zurückkehrte und dass ihre Begründungen, warum sie so lange ausblieb, immer fadenscheiniger wurden. Oft war es schon Mitternacht oder sogar später, bis endlich ein Wagen vorfuhr, dem Edith Gottorf entstieg. Friedrich hörte gar nicht mehr hin, wenn sie ihm erklärte, mit wem sie zusammen gewesen war. Wozu auch? Er wusste es ja sowieso. Und natürlich wusste er genauso gut, dass Edith ihn belog. Und was er noch sicherer wusste als alles andere: Damit würde es ein Ende haben. Nicht umsonst hatte er die richtigen Kontakte geknüpft, nicht umsonst hatte er seinen Einfluss geltend gemacht und sich nicht einmal gescheut, mit Lieferungen von erlesenen Schokoladen seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Edith wartete auf seine Wut, das wusste er, darauf, dass er sie zur Rede stellte, sie zwang und auf ihren Gehorsam pochte, aber er wusste, dass er damit das Ziel nur gestreift, dass sein Sieg ihn nicht befriedigt hätte. Er hatte andere Pläne.

Lilli beobachtete ihn genau, und sie schien froh zu sein, dass er nicht auf das Thema zurückkam, über das sie kurz vorher gestritten hatten. »Du glaubst doch nicht etwa, dass Mama was mit einem anderen Mann hat?«, fragte sie und lachte so exaltiert, als hätte sie einen Scherz gemacht.

Sie nickte beruhigt, als ihr Vater mit großer Sicherheit antwortete: »O nein, sie hat nichts mit einem anderen Mann.«

»Lass sie einfach gewähren«, sagte Lilli. »Das gibt sich wieder. Viele Frauen gehen heutzutage mit ihrer Freundin statt mit dem Ehemann ins Theater oder ins Kabarett. Das ist sozusagen en vogue.«

Friedrich Gottorf ging ins Esszimmer, um nachzusehen, ob die Haushälterin dort ein Abendessen für ihn bereitgestellt hatte. Er täuschte sich nicht. Immerhin hatte Edith noch so viel Pflichtbewusstsein, darauf zu achten, dass er versorgt wurde, und diese lästige Pflicht nicht auf ihre Tochter abgewälzt.

»Ich habe Frau Lewitz gesagt, sie soll dir was zu essen hinstellen«, rief Lilli in diesem Augenblick.

Erschrocken kam sie ins Esszimmer geeilt, als ein Porzellanteller zu Bruch ging und die metallene Glocke rasselnd über den Boden rollte, die den Teller abgedeckt hatte.

Friedrich drehte sich um, ging ohne ein weiteres Wort hinaus und stieg die Treppe zum Schlafzimmer hoch, ohne sich um die Fragen seiner Tochter zu kümmern, die sie ihm nachrief.

II.

Tessa blickte gespannt ihrem Ziel entgegen. Der Hafen von Munkmarsch! Die Insel, die ein neuer Anfang werden sollte! Ein Leben ohne Kurt, aber ein Leben mit ihrer Berufung. Ärztin würde sie sein, den Menschen helfen, die zu ihr kamen, allen Vorurteilen trotzen und denen, die einer Frau nichts zutrauten, zeigen, dass sie sich irrten. Die Vorfreude stieg so heiß in ihr auf, dass sie sich bewegen musste, um sie aus der Nähe des Herzens zu vertreiben und auf ihren ganzen Körper zu verteilen, damit sie sich nicht an ihr verbrannte.

Unwillkürlich lächelte sie, als sie an den Abschied in Berlin dachte. Heimlich, ganz heimlich hatte sie Ausschau nach Kurt gehalten, ein bisschen gehofft und ein bisschen gefürchtet, dass er kam, um ihr zu sagen, dass er ihr doch nach Sylt folgen werde, oder um sich von ihr zu verabschieden, damit sie wenigstens als Freunde auseinandergehen konnten. Aber Kurt war nicht gekommen, und kaum hatte sie die Enttäuschung heruntergeschluckt, konnte sie sich schon sagen, wie gut es war, dass sie ihn nicht noch einmal sehen musste. Sie hatte den letzten Beweis erhalten, dass sie richtig entschieden hatte.

Die Freundinnen ihrer Mutter jedoch waren alle zum Bahnhof gekommen, einige, die sie kannte, andere, die sie noch nie gesehen hatte. Jede von ihnen hatte eine Bemerkung zu Tessas schlichtem Reisekostüm gemacht, aber jede war von Marika zurechtgewiesen worden. »Das kann meine Tochter machen, wie sie will. Wir machen ja auch, was wir wollen.« Sie selbst hatte ihrem Alter von Mitte fünfzig getrotzt, indem sie zeigte, dass sie noch immer schöne Beine hatte, nach wie vor schlank war und ein Dekolleté besaß, das sich sehen lassen konnte.

Eine Journalistin war gekommen, die ihren Mann verlassen hatte, weil er ihr nicht die Erlaubnis geben wollte, berufstätig zu sein, eine Psychoanalytikerin, von der ihre Mutter behauptete, dass sie nachts das lockere Leben in Bars und Clubs genoss und tagsüber mit Berlins geistiger Elite verkehrte, eine Boxerin, die regelmäßig im Berliner Sportpalast in den Ring stieg, eine Kabarettsängerin, die so anstößige Texte sang, dass sie schon mehrmals verhaftet worden war, und eine Tänzerin, die in ihrem Bühnenkostüm zum Bahnhof kam, weil ihr keine Zeit zum Umziehen geblieben war.

»Das ist Valeska Gert«, tuschelte die Mutter ihr zu.

Die bekannte Tänzerin trug eine orangefarbene Seidenhose, hatte die Augen gelb geschminkt und trug grelle Bänder um den Hals und an den nackten Füßen. Sie, die es in Berlin zu einiger Berühmtheit gebracht hatte, war so freudig erregt wie Marika und ihre Freundinnen. Alle riefen sie Tessa Mut zu und Gratulationen hinterher, und sie dürfe sich nichts gefallen lassen, wenn sich ein männliches Wesen erdreisten sollte, ihre Kompetenz infrage zu stellen, nur weil sie eine Frau war.

Edith, deren Nachnamen Tessa nicht kannte, erschien als Letzte. Mit einem kleinen Lächeln stellte sie sich neben Marika, griff nach deren Arm und lehnte sich an sie, während sie Tessa mit leiser Stimme Glück wünschte. Dass Marika sich von ihrer Hand befreite, tat Tessa weh, als sie sah, dass Edith Tränen in die Augen schossen.

Kurz bevor der Zug abfuhr und der Schaffner alle Fahrgäste aufforderte, ihre Abteile aufzusuchen, nahm Tessa ihre Mutter fest in die Arme. »Spiel nicht mit Ediths Gefühlen«, flüsterte sie ihr zu. »Ich glaube, sie liebt dich wirklich.«

Marika weinte und lachte gleichzeitig, überschüttete ihre Tochter mit zärtlichen Worten und brachte es fertig, daneben noch zu antworten: »Ja, ich werde wohl mit ihr reden müssen. Meine Gefühle für sie sind nicht stark genug. Und überhaupt …« Sie nahm Tessas Gesicht in beide Hände und bedeckte es mit Küssen. »Ich glaube, ich bin gar nicht lesbisch.«

Tessa lächelte in Gedanken an diese Abschiedsszene und machte ein paar Schritte hin und her. Nun hatte sie ihre Gelassenheit wiedergefunden und konnte ihrer Ankunft ruhig entgegensehen. An der Mole standen mehrere Menschen, unter ihnen musste auch der Kurdirektor sein. Sie hatte nicht den geringsten Zweifel, dass er sein Versprechen wahrmachen und sie abholen würde. Sein Brief war so freundlich gewesen, seine Worte hatten so liebenswürdig geklungen und ihr so viel Zuversicht gegeben, dass sie voller Vertrauen war. Der Abschied von ihrer Mutter hatte zwar noch einmal Ängste in ihr geschürt, Fragen aufgeworfen, Zweifel geweckt, aber Marika hatte ihr zugeredet und ihr die Sicherheit gegeben, die sie brauchte.

»Du schaffst das! Dass du jetzt Angst hast, ist ganz normal. Kein Mensch geht sorglos auf etwas Neues los! Es sei denn, er ist dumm.«

Das Glück ihrer Mutter, ihr Stolz auf die Tochter, ihr Vertrauen in sie, das alles hatte ihr die größte Angst genommen. Marika hatte auch die Frage beantwortet, ob es nicht doch besser war, eine Versöhnung mit Kurt herbeizuführen, noch ehe Tessa sie gestellt hatte. »Denk nicht mehr an ihn. Er kann nicht der Richtige sein, wenn er so wenig Verständnis für dich hat. Sollst du umsonst studiert haben? Das nächtelange Lernen, der Kampf gegen ungerechte Professoren … das soll alles vergeblich gewesen sein?«

Tessa hatte sie fest umarmt und ergänzt: »Und die Opfer, die du gebracht hast, damit ich studieren konnte.«

Aber davon hatte Marika nichts hören wollen. »Das habe ich für mich getan«, hatte sie behauptet. »Ich will damit angeben, dass ich eine Tochter mit einem Doktortitel habe.«

»Ach, Mama!«

Marika war in den Tagen vor Tessas Abreise so rührend besorgt gewesen, dass sie sich sogar auf ein Gespräch über ihre eigene Zukunft eingelassen hatte. »Ich komme schon klar, mach dir keine Sorgen. Es ist noch Geld aus dem Erbe deines Vaters da. Und dann habe ich ja noch meine Witwenrente.« Sie hatte gelacht, denn natürlich wusste Tessa genauso wie sie, wie erbärmlich diese Rente war. Davon konnte man zwar existieren, aber nicht, wenn man an ein Leben wie Marika Melford gewöhnt war. »Wenn es nicht reicht, heirate ich eben einen Mann mit Vermögen«, hatte sie lachend erklärt.

Wie viel von dem Erbe ihres Vaters noch vorhanden war, was die Inflation verschlungen hatte, wie viel Marika für die Ausbildung ihrer Tochter hergegeben hatte, darüber wollte sie nicht sprechen. Nie hatte sie darüber ein Wort verlieren wollen! »Ich sage Bescheid, wenn das Geld weg ist. Aber ich habe gut gewirtschaftet, es wird noch eine Weile reichen.«

Ja, sie hatte das Geld so angelegt, wie es ihr der Mann, mit dem sie nach dem Krieg ein Verhältnis begann, vorgeschlagen hatte. Er war Finanzexperte gewesen und hatte sie richtig beraten. Marika besaß kurz darauf mehrere Häuser, die ihren Wert behielten, als durch die verheerende Inflation das Geld jeden Wert verlor. Während das Land in einer tiefen Krise steckte und für ein Pfund Butter Billionen gezahlt werden mussten, rettete Marika alles, was sie besaß, über diese Zeit hinweg.

Wieland Melford, Tessas Vater, stammte von einem großen Bauernhof in der Nähe von Baden-Baden. Wieland war Zweitgeborener; dass sein älterer Bruder später den Hof übernehmen sollte, war ihm sehr recht gewesen. Wieland hatte kein Interesse an der Landwirtschaft gehabt und wollte aus dem engen Leben seines Dorfes heraus. Er ging nach Berlin, wo er ein eigenes Theater eröffnen wollte. Das Geld dafür besaß er, denn der Vater hatte ihm einen Teil seines Erbes vorzeitig ausgezahlt, weil er sich Sorgen um seinen zweiten Sohn machte und den Gedanken nicht ertragen konnte, dass Wieland sich in Berlin mühsam durchschlug, während der Rest der Familie auf dem Hof satt zu essen hatte.

Tatsächlich gelang es Wieland, ein kleines Theater zu eröffnen, wo er klassische Stücke im neuen Gewand aufführte. Besonders erfolgreich war er damit nicht gewesen, aber da er schon vom Film zu träumen begonnen hatte, waren ihm die Besucherzahlen bald nicht mehr wichtig gewesen. Um sein Erbe nicht frühzeitig aufzubrauchen, hatte er es mit Kabarett-Veranstaltungen versucht, die ihm tatsächlich so viele Zuschauer brachten, dass er von dem Erlös seines Theaters hatte leben können.

Zu dieser Zeit hatte er Marika kennengelernt, die bei ihm vorsprach, weil sie Schauspielerin werden wollte. Wieland erkannte ihr mangelndes Talent sofort, machte ihr aber Hoffnungen, damit sie nicht weglief und es woanders versuchte. Er hatte sich in sie verliebt und wollte sie an seiner Seite behalten. Schon nach wenigen Monaten dachte Marika nicht mehr an eine Schauspielkarriere, nachdem Wieland ihr eröffnet hatte, dass sie in der Rolle der Ehefrau auf jeden Fall mehr Erfolg haben würde als in der Rolle der Martha Krause, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Marika glaubte ihm. Das Hauptmann-Stück »Vor Sonnenaufgang« wurde ohne sie aufgeführt, die Heirat fand schon kurz nach der Premiere statt.

Dann starb Wielands Vater, die Mutter folgte ihm kurz darauf. Nun wurde Wieland der Rest seines Erbes ausgezahlt, was die Idee, einen Film zu produzieren, in greifbare Nähe rückte. Der Krieg machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung. Er vertraute sein Vermögen seiner jungen Frau an, von der er wusste, dass sie geschäftstüchtiger war als er selbst, und nahm seine Träume vom Film mit in den Krieg. Trotz aller Grausamkeiten, die er erlebte, verlor er sie nie, diese Träume. Der Glaube an die Menschlichkeit kam ihm zwar abhanden, die Hoffnung auf ein gutes und vor allem schnelles Ende hatte er schon begraben, als er zum ersten Mal Heimaturlaub hatte, der Traum vom Film jedoch war ihm geblieben. Tessa hatte gehört, wie er während seines letzten Urlaubs zu ihrer Mutter sagte: »Bald ist der Krieg vorbei. Und dann werde ich meinen ersten Film drehen. Den Stoff habe ich schon im Kopf …«

Wielands Familie hatte verlangt, dass Marika mit ihrem Kind auf den Bauernhof zog, bis der Krieg vorbei war, aber sie wollte Berlin nicht verlassen. So verlebte Tessa die Kriegszeit in der Stadt und fragte sich später oft, warum ihre Mutter so entschieden hatte. Auf dem Hof ihres Onkels wäre es ihnen besser gegangen, sie hätten genug zu essen gehabt und wären sicherer gewesen. Aber Marika hatte sich geweigert, was die Familie ihres Mannes derart erzürnte, dass man später nie wieder etwas von ihr hörte. Eine einzige Mitteilung war noch gekommen, in der stand, dass Wielands Bruder gefallen sei. Sie kam zwei Tage vor der Nachricht, dass auch Tessas Vater den Heldentod gestorben war. Und mit ihm sein Traum vom Film.

Tessa konnte nun einzelne Gesichter unter den Wartenden auf der Mole unterscheiden, konnte erkennen, dass einige Mienen neugierig, andere verschlossen waren und dass sie allesamt schwiegen, die dort auf das Schiff warteten, weil sie aufs Festland übersetzen oder jemanden abholen wollten. Eine lähmende Stille lag über der Mole, die Tessa Angst machte. Zum Glück wurde sie abgelenkt durch den Pfiff einer Lokomotive, die helle Rauchwolken ausstieß. Die Inselbahn wartete auf Insassen, sie war mitteilsamer als die Bevölkerung von Sylt.

Während das Schiff anlegte, löste sich ein Mann aus der Gruppe der Wartenden und machte ein paar Schritte zur Seite. Tessa wurde auf ihn aufmerksam, was wohl an seiner aufrechten, ruhigen Haltung lag. Er hatte die Hände in die Taschen seiner Jacke gesteckt, so dass die Ellenbogen nach außen wiesen, als wollte er sich Platz verschaffen, die Hosenbeine hatte er in derbe Lederstiefel geschoben. Breitbeinig, breitbrüstig, breitarmig stand er da. Auch er schien ein Mensch zu sein, dem die Schwerfälligkeit der Inselbewohner eigen war, aber selbst aus dieser Entfernung war zu erkennen, dass sein Blick nicht stumpf und phlegmatisch war, sondern hellwach und aufmerksam. Er hob das Kinn, als wollte er eher sehen, was auf ihn zukam, als alle anderen. Sie war sicher, dass dieser Mann der Kurdirektor war. Genauso hatte sie sich den Schreiber des Briefes vorgestellt, der von Sylt gekommen war. Erdverbunden und ungeschliffen, aber auch offen und zugänglich.

Und richtig! Kaum hatte sie das Schiff verlassen, trat er auf sie zu. »Frau Doktor?« Er hob seinen Hut kurz, dann reichte er ihr die Hand. »Ich freue mich, dass Sie da sind.«

»Ich mich auch.« Nun freute sie sich tatsächlich. Nichts als Freude war in ihr, Vorfreude, Überschwang und Erleichterung! In dem wunderbaren Gefühl, für ein großes Wagnis belohnt worden zu sein, folgte sie Reimert Cruse zu einem Waggon der Inselbahn, den er für sie ausgesucht hatte. Der Blick, den er ihr schenkte, als er ihr beim Einsteigen half, erzeugte einen herrlichen Wirbel in ihrem Kopf. Als sich die Bahn in Bewegung setzte, sagte sie sich zwar, dass dieser Mann zu alt für sie war, aber sie sah keinen Grund, sich darüber Gedanken zu machen. Vermutlich war er sogar verheiratet, auch das würde sie nicht verdrießen. Was allein zählte, war, dass die Tür zu ihrem neuen Leben von einem Mann aufgestoßen worden war, der ihr suggerierte, dass dieses neue Leben genau richtig für sie war.

Der Himmel hob sich innerhalb weniger Minuten. Die Wolken, die noch am Vormittag auf Sylt gelastet hatten, stiegen mit einem Mal empor und lösten sich immer weiter auf, je mehr sie sich dem darunter verborgenen Blau näherten. Schließlich stand ein strahlender Himmel über Sylt, auf dem noch ein paar Wolkenfahnen vorüberzogen, die dem Blau aber nichts mehr anhaben konnten. Ein herrlicher Frühlingstag! Sogar der Wind hatte ein Einsehen mit den kunstvollen Frisuren der Damen, riss nicht an ihnen, zupfte nur hier und da eine Locke unter einem Hütchen hervor oder warf einen Rocksaum spielerisch in die Höhe.

Babette überlegte, ob es sinnvoll gewesen wäre, einen Sonnenschirm mitzunehmen. Aber ihre Tochter schüttelte energisch den Kopf. »Das bisschen Sonne wird uns schon nicht den Teint ruinieren.«

Ihre Mutter war anderer Ansicht, aber sie schwieg, weil sie Katharinas Freude nicht mit Sorge verwässern wollte. Lächelnd beobachtete sie ihre Tochter, die mit federnden Schritten neben ihr herging, neugierig, lebenslustig, tollkühn und doch so unschuldig. Katharinas rundes Gesicht strahlte, die großen Augen leuchteten alles an, was sie sah, ihr Mund konnte lächeln wie kein anderer. Katharina von Keller war ein Mensch, der in seinem Gegenüber etwas Positives anrührte, das in fast jedem wie eine Knospe aufsprang und dieses Lächeln erzeugte, das Babette auch jetzt auf vielen Gesichtern sah. In ihrem Herzen rührte sich jedoch gleich die Sorge. Katharina war so vertrauensselig, so leichtgläubig, wenn ihr jemand etwas vormachen wollte. Hoffentlich wurde ihre Arglosigkeit nicht einmal enttäuscht. Hoffentlich ging es ihr nicht irgendwann so wie ihrer Mutter, die sich in einem Augenblick sicher gefühlt hatte und im nächsten für ihre Sorglosigkeit zahlen musste. Sie selbst war so alt wie Katharina gewesen, als es geschah. Und danach war es mit der Leichtigkeit des Lebens vorbei gewesen. Nie wieder hatte sie so vertrauensvoll in die Zukunft schauen können wie ihre Tochter heute.

Am Abend vorher hatte sie sich zum ersten Mal gewünscht, Alwin ihr Herz auszuschütten, ihn an ihrem schrecklichen Erlebnis teilhaben zu lassen. Er glaubte ja immer noch, dass er nur an die richtigen Erinnerungen rühren musste, damit sie sich auf Sylt wohlfühlte. »Ein ganzes Jahr allein auf dieser Insel, auf der du niemanden kanntest, das muss schlimm für dich gewesen sein. Du warst ja noch so jung.«

Sie war gerührt über die Mühe, die er sich gab, über das Verständnis, das er unbedingt für sie aufbringen wollte. »Ich würde Katharina niemals so lange allein lassen.«

Alwin bestärkte sie in dieser Ansicht. »Dennoch solltest du mehr an das Positive denken. Dein Asthma war vor dem Syltaufenthalt wesentlich schlimmer. Das hast du selbst gesagt.«

»Aber meine Migräne habe ich erst seitdem.«

Doch Alwin wollte nichts hören, was noch im Nachhinein gegen die Syltreise sprach. »Zeig mir das Haus, in dem du gewohnt hast. Wir können auch einen Besuch bei der Familie machen, die dich damals aufgenommen hat.«

»Bitte nicht! Das waren schreckliche Leute!«

»Jeder Mensch denkt gern an die Zeit zurück, in der er sechzehn war.« Alwin hatte wirklich keine Ahnung, wenn er darauf beharrte, dass dieses Alter unbeschwert sein musste! Er hatte sich mit sechzehn am Anfang seines Lebens gefühlt, zu allem bereit, zu allem fähig, stark genug, um das Leben zu meistern. Sie dagegen hatte mit sechzehn geglaubt, dass das Leben vorbei war, dass nach ihrem Syltaufenthalt nichts mehr kommen konnte, was sie glücklich machen würde. Aber woher sollte Alwin das wissen? Im Übrigen hatte sich der Fatalismus, mit dem sie damals in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, auch nicht so lange gehalten, wie sie geglaubt hatte. Trotz aller Befürchtungen war sie doch wieder glücklich geworden, hatte lieben und lachen und manchmal sogar vergessen können. Wäre ihr nicht die Migräne geblieben, hätte sie das düstere Kapitel ihres Lebens vielleicht sogar bewältigt. Und wäre Alwin nicht auf die Idee gekommen, nach Sylt zu reisen …

Sie zwang sich zu einem Lächeln, das Katharina erleichtert erwiderte, die die Wolke über der Stimmung ihrer Mutter bemerkt hatte. »Wieder die Kopfschmerzen?«, fragte sie leise.

Aber Babette zwang sich, den Kopf zu schütteln. »Lass uns nicht darüber reden. Wir gehen jetzt zu Doktor Mommsen. Den Weg dahin werden wir genießen.«

Mutter und Tochter hatten sich beide herausgeputzt. Sie trugen lange Röcke, die nur wenige Zentimeter über dem Boden endeten, und gestärkte Blusen mit hohen Kragen, die bis zur Kinnspitze reichten. Katharina hatte sich am Morgen für ein blaues Jäckchen entschieden, das so eng war, dass das Korsett darunter besonders gnadenlos geschnürt werden musste. Babettes Jacke war dunkelgrau, genau wie das Wolltuch, das sie darübergelegt hatte. Davon hatte Katharina nichts hören wollen, die angeblich nicht fror. Aber Babette war sicher, dass es ihr nur darum ging, das Blau ihres Jäckchens zu zeigen, das mit ihren Augen um die Wette leuchtete.

Sie gingen Richtung Meer. Noch in Lübeck hatte Alwin sie bei Doktor Mommsen angemeldet, der seine Praxis in der Strandstraße hatte. Alwin hatte herausgefunden, dass dieser sich mit Atemwegserkrankungen auskannte und genau der Richtige zu sein schien, um das Asthma seiner Jüngsten zu heilen.

Da sie zu früh waren, schlug Babette ihrer Tochter vor, bis zum Warmbadehaus zu gehen, das direkt am Strand lag und durch seinen hohen Schornstein leicht auszumachen war. »Wir können uns dort nach einer Badekur erkundigen.«

Katharina war einverstanden. »Herbert sagt, Westerland hätte einen neuen Kurarzt bekommen«, meinte sie. »Einer der Kofferträger hat es erzählt.« Sie lachte verschmitzt. »Wenn er jung und attraktiv ist, wäre vielleicht er der bessere Arzt.«

»Katharina!« Babette war so empört, wie es sich für eine pflichtbewusste Mutter gehörte. »Was sind das für lockere Reden?«

Aber Katharina lachte nur. Sie stieß ihre Mutter an und deutete mit der Kinnspitze zu einem Herrn in den Fünfzigern, der peinlich berührt zur Seite blickte, als er merkte, dass er Katharinas Aufmerksamkeit erregt hatte. »Dem gefällst du! Ich habe genau gesehen, wie er dich angeblickt hat.«

»Katharina! Ich glaube, die Seeluft bekommt dir nicht.« Aber verhehlen, dass ihr die Bemerkung ihrer Tochter gefiel, konnte sie doch nicht. Sie war schon Mitte vierzig, hatte die Blüte ihres Lebens längst hinter sich und war alles andere als eine Frau, die Spaß an einer Liebelei signalisierte. Trotzdem hatte ein Mann ihr einen zweiten Blick gegönnt? Darüber konnte sie die Migräne, die sie nach wie vor quälte, für einen Augenblick vergessen.

Katharina hakte sich bei ihr ein. »Womöglich ist das Reizklima für deine Migräne gar nicht gut?«

»Kann sein.« Nein, das Klima war es nicht, das wusste Babette. Es waren die Bilder, die noch einmal ganz nah herangerückt waren, seit sie auf der Insel war, der ohnmächtige Schmerz, den sie damals empfunden hatte, die Entwürdigung, die Scham, die kaum zu ertragen gewesen waren. Sylt konnte kein Ort sein, an dem es ihr gutging.

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