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Die Kuppel des Himmels

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Teil I
    1. Auf der Suche nach Vollkommenheit
    2. Kapitel 1
    3. Kapitel 2
    4. Kapitel 3
    5. Kapitel 4
    6. Kapitel 5
    7. Kapitel 6
    8. Kapitel 7
    9. Kapitel 8
    10. Kapitel 9
    11. Kapitel 10
    12. Kapitel 11
    13. Kapitel 12
    14. Kapitel 13
    15. Kapitel 14
  9. Teil II
    1. Das Fest der Götter
    2. Kapitel 15
    3. Kapitel 16
    4. Kapitel 17
    5. Kapitel 18
    6. Kapitel 19
    7. Kapitel 20
    8. Kapitel 21
    9. Kapitel 22
    10. Kapitel 23
    11. Kapitel 24
    12. Kapitel 25
    13. Kapitel 26
    14. Kapitel 27
    15. Kapitel 28
    16. Kapitel 29
    17. Kapitel 30
    18. Kapitel 31
    19. Kapitel 32
    20. Kapitel 33
    21. Kapitel 34
    22. Kapitel 35
    23. Kapitel 36
    24. Kapitel 37
    25. Kapitel 38
    26. Kapitel 39
    27. Kapitel 40
    28. Kapitel 41
    29. Kapitel 42
    30. Kapitel 43
    31. Kapitel 44
    32. Kapitel 45
    33. Kapitel 46
  10. Teil III
    1. Der Sturz der Götter
    2. Kapitel 47
    3. Kapitel 48
    4. Kapitel 49
    5. Kapitel 50
    6. Kapitel 51
    7. Kapitel 52
    8. Kapitel 53
  11. Teil IV
    1. Die Feuer der Inquisition
    2. Kapitel 54
    3. Kapitel 55
    4. Kapitel 55
    5. Kapitel 56
    6. Kapitel 57
    7. Kapitel 58
    8. Kapitel 59
    9. Kapitel 60
  12. Epilog

Über den Autor

Sebastian Fleming studierte Germanistik und Geschichte. Er schrieb für das Theater, den Rundfunk, das Fernsehen und Bücher zu historischen Themen. Bei Bastei Lübbe ist von ihm mit großem Erfolg der Epochenroman DIE KUPPEL DES HIMMELS erschienen. Der farbenprächtige Renaissanceroman über die Erbauung des Petersdoms wurde in zahlreiche Sprachen, u. a. ins Italienische übersetzt.

Justus Richter

Die Kuppel
des Himmels

Historischer Roman

Non vi si pensa quanto sangue costa.

Dabei denkt niemand, wie viel Blut geflossen.

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie,

Das Paradies, XXIX. Gesang

Prolog

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Florenz, Anno Domini 1564

Der dampfende Atem des Pferdes kräuselte sich nur kurz in der Luft, bevor die Februarkälte ihn aufsog. Sein Reiter hatte keinen Blick für die Schönheit der Stadt Florenz, wie sie tief im Schnee versunken vor ihm lag. Ein krampfhafter Husten schüttelte ihn, während er, den Kopf gesenkt, mit aller Kraft gegen das Sterben anritt. Er spuckte aus. Der Tod war von allen Erfindungen Gottes vielleicht die schlechteste.

Auch gut anderthalb Jahrtausende nach der Geburt des Herrn, gelobt sei sein Name, war es kein unbeschwertes Vergnügen, sich allein über die Hauptstraße Italiens von Rom nach Florenz zu begeben. Es grenzte an ein Wunder, dass ihm unterwegs niemand aufgelauert hatte außer ein paar Straßenjungen, die sich aus Übermut als Wegelagerer versuchten. Es hatte ihn nur einen kräftigen Fluch gekostet, sie zu verscheuchen.

Wie eine Fliege auf einem weißen Bogen Papier zog der schwarz gekleidete Reiter auf dem Rappen seine Bahn durch die verschneite Landschaft vor der Stadt. Er hielt auf die mächtige Porta di San Pietro Gatolini zu, die ihm mit ihren hohen, wuchtigen Eichenholzflügeln vorkam wie ein riesiger Bär, der mit aufgerissenem Maul darauf wartete, alles zu verschlingen, was sich ihm näherte. Er zügelte das Pferd nur wenig und ritt gerade so langsam, wie es nötig war, um zwischen den Bauern und ihren Karren, die sich vor dem Stadttor drängten, hindurchzukommen. Die Torwachen, die sonst jeden Ankömmling zu schikanieren wussten, wagten nicht, ihn aufzuhalten. Sein grimmiger Blick ließ sie zurückschrecken und Gott weiß wohin schauen, nur nicht mehr zu ihm. Er nahm es kaum zur Kenntnis, sondern eilte weiter.

Auf der Brücke über den Arno erfüllten die Tritte des Pferdes die eisige Luft mit einem dumpfen Stakkato. Der Reiter schüttelte sich, als ihm der scharf-süßliche Gestank von Urin in die Nase drang. Das Miasma ging von den Gerbern aus, die auf der Brücke ihre Häuschen errichtet hatten und die anrüchige Flüssigkeit in rauen Mengen zum Gerben verwandten. Vor einem der kleinen Häuser lud ein Mann graue Rinderhäute von einem Ochsenkarren, stolperte und fiel dem Rappen vor die Füße. Der Reiter konnte das Pferd gerade noch zur Seite reißen, bevor die Hufe den Mann trafen. Zum Dank rief der Gerber ihm lallend einen Schwall Verwünschungen nach. Am liebsten hätte er kehrtgemacht und dem Trunkenbold Manieren beigebracht, aber er durfte sich durch nichts aufhalten lassen. Messèr Daniele da Volterra hatte ihn beschworen, sich zu eilen – jede Minute zähle. Schließlich ging es um den bedeutendsten Künstler aller Zeiten.

Vor dem Dom mit seiner gewaltigen Kuppel, die man auch das Wunder von Florenz nannte, hatten ein paar übermütige Bildhauerlehrlinge überlebensgroße Figuren aus Schnee geformt. Im trüben Licht des späten Winternachmittags stand da sogar eine Nachbildung von Michelangelos David. Der harmlose Anblick versetzte dem Reiter einen Stich ins Herz. War sein verehrter Meister noch am Leben?

Als Ascanio Romano endlich den Borgo Santa Croce erreichte, fand er ihn menschenleer. Bei der eisigen Kälte verließ niemand das Haus, der es nicht unbedingt musste. Er atmete erleichtert auf, als ihm ein dickes Bündel aus schwarzem Stoff entgegentänzelte, das sich beim Näherkommen als Priester entpuppte.

»Hochwürden, wisst Ihr, wo Messèr Giorgio Vasari wohnt?«

»Dort vorn, mein Sohn«, sagte der Geistliche und wies mit seinem fleischigen Mittelfinger auf ein schmales Haus.

Vom Pferd springen, das Tier an einen Eisenring binden und anklopfen waren eins. Ein Diener öffnete die Tür und starrte den Besucher mit offenem Mund an.

»Bring mich sofort zu Messèr Vasari!«, rief Ascanio, vor Ungeduld barscher als beabsichtigt.

Dazu machte der Diener allerdings keine Anstalten, sondern musterte den Besucher, der etwas heruntergekommen aussah, mit hochgezogenen Augenbrauen. Die beiden Tage im Sattel hatten ihre Spuren hinterlassen.

»Wen darf ich denn melden?«, fragte er.

Wut stieg in Ascanio hoch. Er hatte sich doch nicht die Seele aus dem Leib gehetzt, nur damit ein Diener jetzt sein Spielchen mit ihm trieb! Es gab ein hohles Geräusch, als er derb mit der Faust die Tür aufstieß und das massive Blatt gegen den Kopf des Dieners schlug.

Aus dem piano nobile drangen heiteres Lautenspiel und die vergnügten Stimmen von Menschen, die sich prächtig unterhielten. Ascanio stürmte die Treppe hinauf, bog in einen Flur und fand sich gleich darauf in einem Saal wieder, der ihm wie das Paradies vorkam. Im Kamin prasselte ein Feuer, dessen Wärme ihn nach den Tagen draußen magisch anzog. Er sah sich um und glaubte einen Augenblick lang zu träumen. An den Wänden schimmerten im Kerzenlicht herrliche Fresken, die in Allegorien die Geschichte der Kunst erzählten. Um einen schweren Tisch saßen einige Männer und eine Frau. Vermutlich war es die Hausherrin, denn für eine Kurtisane wirkte sie in ihrem hochgeschlossenen Kleid zu züchtig. Gedünstetes Gemüse und gebratenes Fleisch boten sich in duftender Vielfalt in silbernen Schüsseln der kleinen Gesellschaft dar. Ausgehungert, wie er war, sog der Bote die Essensdüfte tief ein. In goldenen Krügen stand Wein, in solchen aus Ton Wasser bereit.

Ein Mann, dessen rundlicher Bauch und rote Nase von seiner Vorliebe für Speis und Trank zeugten, gab gerade einen Scherz zum Besten. Das wollüstige Funkeln seiner Schweinsäuglein ließ auf eine Zote schließen. Als er den Ankömmling bemerkte, erstarrte er mit geblähten Nasenflügeln und gespitzten Lippen mitten im Satz, was ihn noch schweineähnlicher aussehen ließ.

Ascanios Blick wanderte zwischen der Tischrunde und einem Fresko hin und her: Auf der Darstellung erkannte er das Porträt eines Paares, des Hausherrn und seiner Gemahlin. Der Mann, dessen vorgerücktes Alter an seinem Gesicht, nicht aber an seiner dunklen Lockenpracht zu erkennen war, trug ein kostbares, pelzbesäumtes Gewand und saß am Ende des Tisches, die Frau zu seiner Rechten. Als der Hausherr die Hand hob, spielte der Schein der Kerzen im Gold der Ringe an seinen Fingern. Die beiden Lautenspieler hatten ihre Instrumente sinken lassen, und Stille erfüllte den Raum. Alle Blicke waren voller Neugier auf den unerwarteten Besucher gerichtet.

Ascanio trat von einem Fuß auf den anderen und konnte sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. Eine tiefe Müdigkeit hatte ihn überkommen. Zu gern hätte er sich niedergelegt und ausgiebig geschlafen, aber erst musste er seine Pflicht erfüllen.

»Messèr, seid Ihr der Maler und Baumeister Giorgio Vasari?«, brachte er, an den Mann im Pelzmantel gewandt, mit einem Keuchen hervor. Dieser nickte kurz.

»Mich schickt Messèr Daniele da Volterra, untertänigsten Gruß zuvor, Ihr mögt nicht zögern noch zaudern, sondern, so schnell es eben geht, nach Rom kommen, denn unser aller Meister Michelangelo Buonarroti liegt im Sterben.«

»Nein!«, schrie Vasari und sprang auf. »Nicht Michelangelo! Nimm mich, Herr, aber nicht ihn, nicht ihn!«

Ratlosigkeit, Trauer und Schrecken breiteten sich auf den Gesichtern der Anwesenden aus. Die gute Stimmung war augenblicklich verflogen.

»Ich breche sofort auf!«, entschied Vasari.

Seine Frau wollte ihm den Entschluss ausreden, verwies auf die einbrechende Nacht und riet, den neuen Tag für die Reise zu nutzen, doch er nahm die Argumente, und waren sie auch noch so vernünftig, überhaupt nicht zur Kenntnis. Mit einem Blick auf Ascanio verfügte er, dass dieser bewirtet werden, zu Kräften kommen und ihm anschließend folgen solle.

»Vorerst reicht es aus, wenn mein treuer Giuseppe mich begleitet!«, sagte er, bevor er, nach dem Diener rufend, aus dem Raum stürzte. Vasaris Frau blickte ihrem Gemahl sorgenvoll nach, besann sich dann aber mit einem Seufzen ihrer Pflichten als Hausherrin. Sie bot Ascanio einen Platz am Tisch, Wein und Essen an. Er spürte, dass sie sich dazu überwinden musste, denn er war ein Bote des Todes, und den mochte niemand. Teufel noch eins, fragte sich Ascanio, wann würde das endlich aufhören?

Mit Panik statt Blut in den Adern preschte Giorgio Vasari mit seinem Diener Giuseppe durch die Nacht, durch den Tag und wieder durch die Nacht, getrieben von der Angst um das Leben des Mannes, den er über alles in der Welt verehrte. Zwar war Michelangelo über drei Jahrzehnte älter als er – Il Divino zählte inzwischen achtzig Jahre –, aber Vasari zweifelte nicht daran, dass der Göttliche noch Kunstwerke schaffen würde, wenn sein Körper längst im Vermodern begriffen war. Niemand rechnete mehr damit, dass Michelangelo tatsächlich sterben könnte. Er schien den Tod besiegt zu haben.

Der Architekt dachte nicht an die Gefahren der Dunkelheit, nicht an die Strauchdiebe und Wegelagerer, die in den Berggegenden ihrem blutigen Handwerk nachgingen, sondern nur an ihn, seinen Meister, dem er nach seiner Überzeugung alles zu verdanken hatte.

In einem Flecken, dessen Namen er gleich darauf vergaß, wechselten sie die Pferde, und schon ging es weiter. Zur Mittagszeit erreichten sie das Latium. Der Wind hatte aufgefrischt, was die beiden Männer auf ihrem eiligen Ritt jedoch kaum wahrnahmen. Sie näherten sich einem kleinen Wäldchen, und Vasari rief seinem Diener zu: »Wir halten kurz an, ich muss mein Wasser abschlagen!«

Als er wieder aus den Büschen trat und den Fuß in den Steigbügel setzte, hörte er Giuseppes Magen so laut knurren wie ein gefährliches, wütendes Tier. Doch er duldete keine längere Pause für einen Imbiss. Die Vorstellung, der göttliche Künstler würde sterben, weil er, Giorgio Vasari, sich unterwegs den Bauch hatte vollschlagen müssen und deshalb nicht rechtzeitig in Rom eingetroffen war, zur Stunde, in der ihn sein Meister brauchte, trieb ihn erbarmungslos voran. Merda!, und nicht einmal der schnellste Renner, den er für Geld und gute Worte bekommen konnte, hielt Schritt mit der Angst, die sein Herz versengte.

Rom, Anno Domini 1564, Anfang Februar

Am späten Nachmittag erreichten sie endlich die Ewige Stadt. Eilig begaben sie sich zu dem schäbigen Haus des Göttlichen in der wilden Gegend zwischen dem Trajansforum und dem Quirinal, die man Macello dei Corvi – Rabennest – nannte. Niemand verstand, weshalb Michelangelo seit Jahrzehnten in dieser häuslichen Enge und vor allem in der heruntergekommenen Gegend ausharrte. Eines stand fest, am Geld lag es nicht. Aber an der Lust, es auszugeben.

Vasari sprang vom Pferd und sank innerlich auf die Knie, während er zur Tür strebte und dabei inbrünstig betete: »Herr, guter Gott, lass mich nicht zu spät kommen. Wir alle sind doch nichts ohne ihn!«

Dann lachte er über seine dumme, kleinliche Angst. Gott konnte Michelangelo doch gar nicht abberufen – nicht, solange er nicht den Petersdom fertiggestellt und mit der Kuppel des Himmels bekrönt haben würde! Niemand außer ihm könnte das Haus des Herrn vollenden. Kein anderer! Nicht einmal ein Narr entließ einen erprobten Baumeister, wenn sein Haus erst halb fertig war. Und der Allmächtige war alles andere als einfältig.

Ungeduldig trommelte der Architekt an die morsche Tür, bis Michelangelos treuer Diener Francesco, der den Spitznamen »das Französlein« trug, ihm öffnete. »Endlich! Messèr Giorgio, es ist ein Segen, dass Ihr da seid.«

Vasari musste sich zusammennehmen, um den Diener nicht an beiden Schultern zu packen und durchzuschütteln. »Lebt der Meister noch?«

»Ja, aber ja. Der Patron ist im Petersdom.«

»Wie? Was? Im Petersdom? Bei dieser Kälte?«, brüllte Vasari, obwohl er wusste, dass den Diener keine Schuld traf. Niemand auf der Welt vermochte, Michelangelo von etwas abzubringen, das er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, nicht einmal der Papst. Alle fürchteten sie seine terrebilità. »Ich denke, er ist todkrank?«

»War er auch. Wir wollten schon den Priester rufen, da stand er wie von der Tarantel gestochen auf, fluchte auf Arnoldo di Maffeo, von dem er einen Brief erhalten hatte, und stürmte zum Petersdom. Messèr Daniele konnte ihn nicht aufhalten, und deshalb ist er dem Meister hinterhergerannt.«

Noch im Aufsitzen rief Vasari Francesco zu, dass er seinen Diener ordentlich verköstigen sollte. »Und spar auch nicht am Wein!«, fügte Giuseppe frech hinzu. Doch Vasari hatte keine Zeit für ein Geplänkel mit seinem Bediensteten und gab dem müden Pferd erneut heftig die Sporen, bis dem Tier das Blut aus der wunden Seite drang. Er hatte nicht einmal Augen für die Trajanssäule, der er für gewöhnlich bei seinem Eintreffen Verehrung erwies.

Der Anlass der Aufregung gefiel ihm ganz und gar nicht. Was hatte Arnoldo di Maffeo, dieser dreiste Dieb, in seinem Brief an Michelangelo nur geschrieben, dass der Göttliche als verantwortlicher Architekt von Sankt Peter darüber außer sich geraten und halb tot zum Dom gerannt war? Natürlich, Arnoldo beherrschte nichts besser als die Kunst der Intrige. Diese Schlange! Vasari hasste den durchtriebenen Maurer aus tiefster Seele. Als erfahrener Baumeister kannte er jene Sorte fauler Handwerker, die mit dem Mundwerk fleißiger waren als mit ihren Pranken und mit ihren langen Fingern geschickter als mit den Händen. Oh, die Faulen waren klug, immer schon!

Nach langen Kämpfen mit der Baukommission, in der Arnoldo Gönner besaß, hatte Michelangelo ihn vor Monaten endlich von der Baustelle gejagt, weil er unverfroren gutes Material gestohlen und schlechtes geliefert hatte. Sicher unterschied er sich darin nicht von den anderen römischen Bauunternehmern, aber Michelangelo hatte an ihm ein Exempel statuieren wollen, weil Arnoldo di Maffeo der Schlimmste von allen war. Michelangelos Plan war einfach: Besiegte er Arnoldo, würden die anderen sich aus Angst zuverlässiger und gefügiger zeigen.

Der Schlamm spritzte unter den Hufen des Pferdes auf, als Vasari über den von ärmlichen zweigeschossigen Häusern gesäumten Platz vor Michelangelos Haus ritt. Das fahle Grau der Dämmerung erschien ihm wie ein Ausdruck der ganzen Trostlosigkeit dieses Ortes. Von dem Platz aus stieß er direkt auf eine der großen Straßen Roms, über die traditionell der in der Capella Sistina gewählte und im Petersdom gekrönte Papst feierlich quer durch Rom zum Lateran zog, um seine Bischofskirche San Giovanni mit einer feierlichen Messe in Besitz zu nehmen.

Vasari schickte ein kurzes Dankgebet an jene, die diese Straße geplant und gebaut hatten – durch die kleinen Gassen von Regola und Parione hätte er doppelt so viel Zeit gebraucht, um den Petersdom zu erreichen. Schließlich passierte er die Piazza Agionale, die sich unmittelbar vor dem Tiber ausbreitete. Dann tauchten die Brücke und das mächtige Bollwerk der Engelsburg vor ihm auf, und er überquerte den Ponte Sant’Angelo. Frostiger Wind fegte in Böen über die Brücke und stach mit tausend Degenspitzen durch seine Kleidung. Es hatte zu regnen begonnen. Endlich langte er an der Vorderfront von Alt Sankt Peter an.

Der Blick des Architekten streifte das zweigeschossige Gebäude, das sich majestätisch über den drei Portalen erhob und solide, aber langweilig, wie Vasari fand, gen Himmel strebte. Auf der linken Seite leitete ein dreigeschossiger Säulenbau mit der Benediktionsloggia des Papstes zum Vatikanpalast über. Den großen Brunnen, dessen Fontäne die Römer nur im Frühling, Sommer und Herbst mit ihrem Wasserspiel erfreute und erfrischte, hatte er bereits rechts liegen lassen.

Er sprang vom Pferd, band es hastig an einem Eisenring in der Mauer fest und stürmte die vier Treppenpodeste mit ihren jeweils sieben Stufen hinauf. Dann durchquerte er im Laufschritt den leeren Vorplatz und eilte durch das mittlere Portal in den geräumigen Innenhof der alten Basilika, den ein großzügiger Kreuzgang umgab. Dieser Ort schlug ihn wie immer in seinen Bann, und einen Atemzug lang gestattete er sich innezuhalten. In der Mitte des Hofes leuchtete wie reines Gold der große Pinienapfel aus Bronze. Rechts erhob sich die steile Fassade des päpstlichen Palastes, während sich hinter der Mauer linker Hand die Wohnstätte der Priester befand. Über den sechs Portalen der Basilika prangten kunstvolle Fresken, vor allem aber Giottos prächtiges Mosaik von der Schifffahrt, die »Navicella«. Die Jünger saßen im Boot auf dem See Genezareth und ängstigten sich. Vasari hatte das verehrungswürdige Mosaik schon oft gesehen, doch heute schien es ihn mahnen zu wollen. Nach seinem zweitätigen Höllenritt von Florenz nach Rom war er wohl empfänglicher für Warnungen vor den Gefahren der Reise.

An der Porta Santa, die selbstverständlich verschlossen war, eilte er unter den Bögen des Kreuzganges durch die Porta Ravenniana, der nach Ravenna schauenden Pforte, in die Ruine der Basilika, die sich wie ein hinfälliger Greis an die mächtige Vierung des entstehenden Neubaus lehnte. Es zog erbärmlich, und die Böen schossen durchs Gemäuer, denn die Fenster waren zerbrochen, in den Mauern klafften Lücken, und es fehlte die eigentliche Kuppel, sodass es hereinregnete. Den Westchor verdeckend, kauerte geradezu ehrfürchtig zwischen den mächtigen Kuppelpfeilern das Gebäude mit dem Tympanon, in dem sich der Altar über dem Petrusgrab befand. Vor dem Tegurium, so nannte man die Schutzhütte über dem Grab des Apostels, entdeckte Vasari Michelangelo.

Wie ein Fels stand er da, imposant, aber verloren in dem riesigen und wüsten Raum des entstehenden Domes, mitten im kalten Regen, ohne Hut. Über der Hose und dem weißen Hemd trug er nur einen langen zerschlissenen Mantel. Wie ein gerupfter Moses, dachte Vasari. Neben ihm stand Daniele da Volterra und redete voller Eifer auf ihn ein. Vasari konnte Daniele zwar nicht verstehen, aber es war mehr als deutlich, dass er Michelangelo überzeugen wollte, nach Hause zurückzukehren. Dieser hörte ihm aber überhaupt nicht zu, er wirkte aufs Höchste erregt und schien vollkommen außer sich zu sein. Als Vasari sich den beiden näherte, konnte er die Worte verstehen.

»Wo sind sie?«, schrie Michelangelo mit zornbebender Stimme. »Wo ist das Gesindel, das der hoch zu verehrende Herr Papst in seiner übermenschlichen Güte bezahlt? Kein Mensch ist auf der Baustelle. Oh, diese verfluchten Bauunternehmer! Tagediebe und Spitzbuben allesamt! Dreckshunde! Wollte dieser elende Arnoldo di Maffeo mich nicht sehen? Hat er mich nicht herbestellt? Wo ist der Teufel?«

Vasari wollte Michelangelo schon begrüßen, da drangen drei Gestalten mit gezogenen Rapieren aus dem Allerheiligsten, in dem sie sich offensichtlich verborgen hatten. Bravi, gedungene Mörder, dachte Daniele entsetzt und wich vor Schreck ein paar Schritte zurück. Nicht so Michelangelo. Einmal in Fahrt gekommen, ging er mit fuchtelnden Armen auf die Meuchelmörder zu.

»Andate al diavolo, packt euch zum Teufel!«, fuhr er sie an. »Was habt ihr auf meiner Baustelle zu suchen? Dies ist das Haus des Herrn, nicht des Satans! Vertreiben will ich euch, wie einst Jesus die Wechsler aus dem Tempel gejagt hat. Wartet, ich werde euch schon Demut lehren!«

Vasari riss sein Rapier heraus, um den alten Meister zu schützen, hielt aber inne, als ein Priester aus dem Tegurium trat. Mit seinem ebenmäßigen Gesicht, der hohen, schönen Stirn, dem lockigen schwarzen Haar und dem gepflegten Vollbart flößte er auf den ersten Blick Vertrauen ein. Der Mann wirkte weder asketisch noch gierig, eher erinnerte er an einen Wissenschaftler, der sich mit der Naturphilosophie auseinandersetzte, mit Mathematik oder Physik, neugierig, arbeitsam, im besten Sinne normal. Es sah nicht aus, als widme er sich metaphysischen Spekulationen.

»Es ist Gottes Baustelle, nicht die deine, Michelangelo!«, sagte der Geistliche leise, aber bestimmt. Sein Akzent verriet den Neapolitaner.

»Ah, die heilige Inquisition! Wollt Ihr etwa ein Feuer anzünden, dass wir uns daran erwärmen können bei dem Mistwetter?«, rief Michelangelo.

»Wir können es nicht länger dulden, dass du Gottes alte und ehrwürdige Kirche zu einem Ketzertempel erniedrigst«, erwiderte der Inquisitor.

»Dann ist der hoch zu verehrende Herr Pius auch ein Häretiker, und nur du weißt die Wahrheit. Geh zum Papst, Santori. Sag ihm ins Gesicht, dass er ein Ketzer ist und statt auf den Stuhl Petri auf den Scheiterhaufen gehört. Sag’s ihm!«

Vasari zitterte am ganzen Körper, denn Michelangelo hatte in seinem Jähzorn jegliche Vorsicht fahren lassen. Mit Giulio Antonio Santori durfte man nicht spaßen. Noch viel weniger ratsam war es, ihn sich zum Feind zu machen. Sein Ruf als fleißigster Mitarbeiter der Suprema, der Inquisition, eilte dem Aktenmenschen, der über alles und jeden Buch führte, weit voraus. Außerdem übertraf die Rachsucht des Glaubenswächters sogar seine Liebe zu Gott. Dieser Mann vergaß und vergab nichts, auch wenn er seinen Hass selten zeigte.

»Ja, es ist eine Schande. Nicht einmal der Papst wagt es, Euch anzurühren. Warum nur?«, sagte Santori.

»Weil Seine Heiligkeit Pius IV. etwas von Kunst versteht, von der Architektur, von der Sprache Gottes, du Schwachkopf«, fauchte Michelangelo.

»Schon für diese Lästerung verdient Ihr zu brennen«, erklärte Santori so ruhig, als doziere er in einem Seminar. Mit einem leisen Triumph in der Stimme fuhr er fort: »Aber auch wenn der Papst die Hand über Euch hält, so hält er sie doch nicht vor Euch.«

Während er die Drohung so selbstverständlich aussprach, als habe er eine Beweisführung abgeschlossen, machte er den bravi ein Zeichen. Daniele war immer noch zur Salzsäule erstarrt, unfähig, auch nur das Geringste zu unternehmen. Vasari wollte dem Göttlichen zu Hilfe eilen, doch zwei der Schergen traten ihm in den Weg und hielten ihn mit ihren Klingen in Schach, während der dritte, der dem unbewaffneten Michelangelo am nächsten stand, zustach. Kalt, ohne Ehrerbietung, eine böse Marionette der Macht, wie es so viele gab.

Michelagniolo di Ludovico di Leonardo di BuonarrotiSimoni brach zusammen, und für Vasari stürzte in diesem Augenblick der Himmel ein. Santori wandte sich mit unbewegter Miene ab und verließ, gefolgt von seinen Schergen, den Dom.

Obwohl er vor Entsetzen und Kummer kaum bei Sinnen war, hatte Vasari beobachtet, dass Santori nicht das Kreuz geschlagen und damit Michelangelo den Segen verweigert hatte, den ein Priester nicht einmal dem größten Verbrecher im Angesicht des Todes vorenthält. Mit Entsetzen erkannte er das ganze Ausmaß des heimlichen Hasses, der Santoris Herz versengte.

Daniele, der sich endlich aus seiner Schreckensstarre gelöst hatte, kniete neben dem Verwundeten. Michelangelo rührte sich und bewegte seine Hand langsam zur Wunde. Erstaunen und Erschöpfung mischten sich in seinem Blick, als er flüsternd hervorbrachte: »Blut! Sie haben es wirklich gewagt. Die Inquisition hat es wirklich gewagt. Nun ist niemand mehr sicher vor ihnen … auch nicht der Papst.«

Rasch zog Daniele sein Hemd aus, das er unter dem Wams trug, riss es in Streifen und verband Michelangelos Wunde notdürftig. Dann wickelten sie ihn in Vasaris warmen Mantel. Michelangelos Lippen bewegten sich leicht, es war wenig mehr als ein Zittern. Giorgio brachte sein Ohr nah an den Mund des Meisters und glaubte, einen Namen zu verstehen: Bramante. Aber er hätte es nicht beschwören wollen. Aus welchem Grund, so fragte er sich, sollte Michelangelo ausgerechnet jetzt an Bramante denken, mit dem ihn eine lange Feindschaft verband? Er konnte ihn nicht fragen, weil der Verwundete vor Anstrengung eingenickt war. Sie sorgten sich, dass er zu viel Blut verlieren würde, wenn sie ihn auf das Pferd legten. Deshalb packte ihn Daniele unter den Armen, während Vasari dem Meister den Rücken zukehrte und dessen Oberschenkel umfasste. So trugen sie Michelangelo unter Bittgebeten nach Hause.

»Wenn der Herr nicht das Haus baut,

würden sich die, die es bauen, vergeblich mühen.

[…] Sie werden nicht zuschanden werden,

wenn sie mit ihren Feinden reden

im Tor.«

Als sie Michelangelo gemeinsam mit dem fassungslosen Francesco auf sein Lager gebettet hatten, sahen sich Giorgio Vasari und Daniele da Volterra mit Tränen in den Augen an. Für die beiden Männer war es, als drohe der Weltuntergang. Inständig hofften sie, dass Michelangelos Leben zu retten sei – noch atmete er, noch war ihre Welt nicht versunken.

Teil I

Auf der Suche

nach Vollkommenheit

So schreibe alles, was du gesehen hast,

in ein Buch und bewahre es am verborgenen Ort;

und lehre es die Weisen deines Volkes,

von denen du sicher bist,

dass ihre Herzen diese Geheimnisse

fassen und bewahren können.

IV. Buch Esra, Fünftes Gesicht, Vers 37

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Ravenna, Anno Domini 1492

Den Tag über ritt er wie der Teufel, abends aber rastete er so bequem, wie es irgend ging. Er schlemmte, trank und ließ sich von Dirnen oder Strichjungen, wie es sich gerade traf, den unerträglichen Druck aus den Samensträngen nehmen, als sei er Dionysos leibhaftig, bocksbeinig, mit roten Wangen, violetter Nasenspitze und einem enormen Schwanz. Der Baumeister Donato d’Angelo, genannt Il Bramante – der Begehrende oder auch der Vielfraß –, hätte selbst den Himmel entjungfert, wenn der nicht so weit oben gewesen wäre. Einige hielten ihn für begnadet, andere für ein Tier, was sich nicht unbedingt zu widersprechen brauchte.

Der Reisespiegel aus Murano zeigte ihm einen Mann von Mitte vierzig, untersetzt, in der animalischen Kraft, die er ausstrahlte, an einen Bullen erinnernd, mit einem großen und nur von grau melierten Fransen umkränzten Kopf auf dem kräftigen, aber kurzen Hals.

Von Mailand kommend, hatte Bramante das hügelige Gelände der Lombardei und den Norden der Emilia Romagna mit ihrer lieblichen Landschaft aus Feldern und Weinbergen passiert, immer den Duft von blühendem Lavendel und Rosmarin in der Nase. Eine gute Woche war er bereits unterwegs gewesen, als er am späten Nachmittag die alte Hafenstadt Ravenna erreichte.

Als Malergeselle war Bramante vor über fünfzehn Jahren mit ehrgeizigen Plänen und einer noch größeren Achtung vor seinen Talenten nach Mailand gekommen. Dort hatte er unter dem Schutz des Herzogs seine Leidenschaft für die Baukunst entdeckt. Pinsel, Farbe und Wände genügten seinem Schaffensdrang bald nicht mehr. Was er in die Welt zu setzen gedachte, waren gewaltige Gebäude, Paläste und Kathedralen. Und das Glück war ihm gewogen. Der Baumeister Giovanni Antonio Amadeo nahm ihn unter seine Fittiche, unterwies ihn in seiner Kunst, und der Herzog förderte ihn. An eine Heirat brauchte Bramante allerdings keinen Gedanken zu verschwenden, denn die Häuser der Mailänder Bürger blieben ihm verschlossen. Umso bereitwilliger öffneten die Tavernen und Bordelle dem genusssüchtigen Mann ihre Pforten. An Vergnügungen mangelte es ihm also nicht. Ebenso wenig an anspruchsvollen Freundschaften, denn seit ein paar Jahren lebte auch der Florentiner Leonardo da Vinci in der Stadt, mit dem er einen höchst eigentümlichen Umgang pflegte. Die Mailänder Hofgesellschaft bildete eine viel besprochene Insel im ansonsten recht eintönigen Bürgerleben der Stadt.

Das gewaltige Bauwerk, dem sein ganzer Ehrgeiz galt, hatte Bramante aber noch nicht errichtet. Sein solider Erfolg stand seinem – im Vergleich zu Leonardos Ansehen geradezu zwergenhaften – Ruhm unvorteilhaft gegenüber. Dabei hatte er inzwischen ein Alter erreicht, in dem andere bereits auf ein erfülltes Leben und Werk zurückblickten. Es war also eine gewisse Eile, die ihn in geheimer Mission nach Ravenna trieb, die alte Hafenstadt an der Adria, die einmal die letzte Hauptstadt des Römischen Reiches gewesen war. Hier wollte er endlich den ersehnten großen Ruhm erlangen.

Die Stadt faszinierte ihn auch, weil sie von einem Nebel uralter mythischer Geschichten umgeben war. Zwischen Mailand und Ravenna bestand schon seit frühchristlicher Zeit ein scharfer Gegensatz. Mailand galt als Hauptstadt des Westens, Ravenna als Brückenkopf des Ostens, über den die arianische Ketzerei von Byzanz nach Italien gedrungen war. Noch heute, so erfuhr Bramante hinter vorgehaltener Hand, konnte man in Ravenna eine arianische Kapelle aufsuchen, mit einem nackten Christus, an dem sogar der Penis zu bewundern war. Er hoffte, dass es ihm gelänge, das alte Baptisterium und Christi Schwanz persönlich in Augenschein zu nehmen. Obwohl er keinerlei Sympathie für die Häresie hegte – wie übrigens auch nicht für die Orthodoxie –, erregte die Darstellung dieses Genitals die Neugier des Kenners.

Als Bramante nun durch die engen Gassen von Ravenna ritt, blickte er sich aus Sorge, verfolgt zu werden, mehrmals um. An der Kleidung der Menschen erkannte er aber, dass er weit und breit der einzige Fremde war. In der ockerfarbenen Sonne des späten Nachmittags wirkte alles vollkommen friedlich und harmonisch. Er dachte kurz daran, sich auf einer Bank am Marktplatz niederzulassen und auszuruhen. Doch sein knurrender Magen und der Gedanke an ein üppiges Mahl trieben ihn weiter, und so fragte er sich zur Herberge »Zum tatkräftigen Hiram« durch. Endlich erreichte er das einstöckige Gebäude von Girolamos Gasthof. Es verfügte über einen Pferdestall, wo Bramante den Braunen einem alten Pferdeknecht übergab. Dann betrat er den Gasthof, der einfach, aber reinlich wirkte. Über dem Eingang des Hauses befand sich eine Rosette. Das Licht, das durch sie in den Raum fiel, malte ein vielfarbiges Muster auf den Boden. Rosetten, dachte Bramante, gibt es doch nur in Kirchen. Verwundert sah er sich um. Die Rosette war nicht groß, dennoch erstaunlich. Der Wirt, ein kleiner, lebendiger Mann, der ihn schon eine Weile beobachtet hatte, räusperte sich.

»Schön«, brummte Bramante anerkennend und riss sich vom Anblick der Rosette los.

»Wie kann ich Euch helfen, Messèr?«, fragte der Wirt und musterte den Fremden misstrauisch.

»Ich bin Donato Bramante. Man hat mich angekündigt.«

Die Miene des Wirtes zeigte keine Regung. »Und was hat Euch nach Ravenna verschlagen?«

Bramante wusste, dass er eine bestimmte Antwort geben musste. »Die Suche nach dem Stein, den die Baumeister verworfen haben«, sagte er und versuchte, ein Lächeln zu verbergen.

»Wodurch könnte der nach so langer Zeit gefunden werden?«, fragte der Wirt.

»Nur durch Liebe«, entgegnete Bramante und bemühte sich sehr, seinem Gesicht ein ernstes Aussehen zu verleihen, damit sein Gegenüber nicht all die körperlichen Vorstellungen bemerkte, die ihm bei dem Wort »Liebe« durch den Kopf huschten. Es gelang ihm leidlich.

Augenblicklich taute der Wirt auf. Er senkte den Kopf und sagte ehrfürchtig: »Girolamo di Leone. Verfügt über mich, Maestro.«

Ein Marrano, ein getaufter Jude also, stellte Bramante fest. Der Konvertit nahm ihm das Gepäck ab, rief seinen Hausdiener herbei und hieß ihn, das Gepäck des Architekten auf das Zimmer im ersten Stock zu bringen, das bereits für ihn hergerichtet war. Derweil führte er den Gast an einen Tisch in der Wirtsstube und erkundigte sich nach den Beschwernissen der Reise. An den anderen Tischen saßen ein paar Männer bei der Mahlzeit. Bramante stöhnte, als der appetitliche Duft aus den Tellern und Schüsseln in seine Nase drang. Girolamo gab ihm zu verstehen, dass von den Männer keine Gefahr ausging, und ließ seinem sichtlich erschöpften und hungrigen Gast zügig ein üppiges Mahl vorsetzen: Pasta mit Tintenfischen, als Hauptgang bollito misto, heiß, dampfend und fett und schließlich geräucherten Aal. Dazu servierte eine üppige junge Frau, deren schwarze Locken unter einem gepunkteten Kopftuch hervorquollen, Bramante einen kräftigen Bianco aus der Region, dem er eifrig zusprach. Noch während der Mahlzeit neigte sich der Wirt verschwörerisch zu ihm hinüber und flüsterte. »Ihr werdet um Mitternacht in der Kirche San Vitale erwartet, Messèr Bramante.«

Bramante stopfte sich gleich drei Leberstücke aus dem dampfenden bollito auf einmal in den Mund und schmatzte vergnügt, obwohl sie noch so heiß waren, dass sie ihm eigentlich hätten Zunge und Gaumen verbrennen müssen. Aber er hatte in seiner Jugend gelernt, dass für denjenigen, der wartete, bis das Essen abgekühlt war, kein Bissen mehr übrig blieb. Da er die Gesellschaft von unten nach oben durchmessen hatte, kannte er die Menschen und verachtete sie. Niemand war besser, weil er besser lebte als die vielen anderen, und niemand war schlechter als sie, weil er schlechter lebte. Aber auch das Gegenteil, das ein gewisser Savonarola in Florenz verkündete, traf nicht zu. Armut war keine Tugend und Reichtum kein Laster. Der arme Mann war nicht besser oder Gott wohlgefälliger, weil er arm war. Und mochte es dem reichen Mann auch so vorkommen, wenn er sich den Pansen vollschlug, dass er im Himmel logierte, er befand sich immer noch im irdischen Jammertal. Deshalb war und blieb Demut für Bramante ein Fremdwort. Er glaubte nicht daran, dass er etwas bekam, weil er auf etwas verzichtete, solche Gedanken gehörten nicht zu seinem Naturell. Man besaß nur, was man sich nahm. Spätestens auf dem Abtritt würde ihm das wieder zu Bewusstsein kommen, dachte Bramante. Genau genommen ging es doch gar nicht um Reichtum oder Armut, schon gar nicht um Gerechtigkeit. Aber das alles grenzte schon an Philosophie, mit der er sich nicht beschäftigen wollte, weil sie ihm den Bauch nicht füllte und keine Frau in sein Bett brachte. Er empfand sich als treuer Ritter der Fortuna und fürchtete das Unglück wie der Teufel das Weihwasser. Und die Beschäftigung mit der Philosophie machte den Menschen nun einmal unglücklich. Das hatte er oft beobachtet.

»Ist diese Kirche weit von hier?«, fragte er den Wirt mit vollem Mund. Das flüssige Fett des Eintopfs troff ihm aus den Mundwinkeln, brachte Bartstoppeln und Kinn zum Glänzen und hinterließ dunkle Flecken auf seinem weißen Hemd.

Girolamo schüttelte den Kopf. »Keine zwei Gassen von hier, nicht zu verfehlen.«

Bramante rülpste herzhaft und blinzelte dem Wirt verschwörerisch zu. »Könnt Ihr ein Mädchen besorgen? So eine Dralle, Ihr wisst schon.« Er warf einen suchenden Blick durch den Gastraum, hob seine großen Hände und fügte lächelnd hinzu: »Sie sollen ordentlich zu tun bekommen.«

»Ruht Euch lieber aus. Es wird anstrengend genug!«, sagte Girolamo, ohne eine Miene zu verziehen.

Ihre Blicke maßen sich kurz, dann brummte Bramante versöhnlich: »Ihr mögt recht haben. Ein paar Stunden Schlaf tun mir sicher gut, obwohl ich noch genügend ausruhen kann, wenn ich erst tot bin und die verdammten Würmer ein Festmahl an mir halten.«

Melancholisch betrachtete er den Suppentopf und dachte, dass er im Grunde den Fleischtopf nur für die Würmer vorverdaute. Diese waren die eigentlichen Herren der Welt, nicht die Menschen. Dann schaute er noch einmal mit letzter Hoffnung auf, die er aber sogleich fahren ließ, als er auf den unnachgiebigen Blick Girolamos traf. Was für ein Pech! Dies war der erste Wirt, dem er begegnete, der sich als Tugendbold entpuppte, dachte Bramante resigniert. Dann stöhnte er kurz auf und bat den vermeintlichen Asketen, ihn kurz vor Mitternacht zu wecken.

Als er schnaufend und prustend die Stufen zu seiner Unterkunft erklomm, wunderte er sich über sich selbst und das krude Abenteuer, auf das er sich da eingelassen hatte. Mochte es endlich für ihn die Tür zum ewigen Ruhm aufstoßen!

Er wusste immer noch nicht, ob hinter dem Ganzen nur ein Schabernack oder eine ernsthafte Angelegenheit steckte. Vor ein paar Tagen hatte Leonardo ihn bei einer Hofgesellschaft beiseitegenommen und ihm zugeflüstert: »Wenn Ihr zu Gottes Baumeistern zählen und in die letzten Geheimnisse der Kunst eingeweiht werden wollt, findet Euch in zwei Tagen im Gasthof ›Zum tatkräftigen Hiram‹ in Ravenna ein. Alles Weitere erfahrt Ihr vom Wirt Girolamo. Ihr könnt ihm vertrauen, er gehört zu uns.«

Leonardo war es auch, der ihn kurz unterwiesen hatte, was er auf die Frage nach seinem Begehr antworten musste. Bramante war in den berühmten Kollegen gedrungen, um Näheres zu erfahren, aber der hatte ihm nur zugeraunt: »Enthülle es nicht, wenn dir die Freiheit lieb ist, denn mein Angesicht ist der Kerker der Liebe.«

Über die geheimnisvollen Worte Leonardos grübelte Bramante indes nicht weiter nach. Er hatte es bereits zu Anfang ihrer Bekanntschaft aufgegeben, Leonardos ständige Rätselsprüche lösen zu wollen. Dieser Notarsohn aus dem bergigen Vinci war schon ein komischer Kauz, immer außergewöhnlich elegant gekleidet und von einem Rudel junger Männer umgeben, einer schöner als der andere. Leonardo trieb einen Aufwand um sein Äußeres wie eine Frau. Ungewaschen oder auch nur mit schmutzigen Fingernägeln hatte ihn noch niemand gesehen, während sich Bramante nicht daran erinnern konnte, wann er sich das letzte Mal die Nägel gesäubert hatte. Gründlich gewaschen hatte er sich wohl einmal in den vergangenen Wochen, und er hielt sich deshalb für einen außerordentlich reinlichen Menschen. Ganz abgesehen von den gesundheitlichen Risiken, die man einging, wenn man seinen Körper zu oft mit Wasser in Berührung brachte.

Das Zimmer war die erste saubere Unterkunft in einem Gasthof, die er seit seinem Aufbruch aus Mailand vorfand. Auch das Bett wirkte frisch. Bramante begann schon zu hoffen, dass er diesmal von Wanzenstichen verschont bliebe. Mit einiger Mühe brachte er die Stiefel von seinen feisten Waden herunter und ließ sich dann erschöpft angekleidet auf die Schlafstätte fallen. Sogleich sank er in tiefen Schlaf, selig schnarchend wie ein gesättigtes Walross. Er hatte nicht einmal mehr das gequälte Knarren vernommen, das der strohbedeckte Bettkasten beim Aufprall seines wuchtigen Körpers von sich gegeben hatte.

Rom, Anno Domini 1492

Zur gleichen Zeit durfte sich Giacomo Kardinal Catalano in seinem Zimmer im Erzpriesterhaus gleich neben der Peterskirche endlich die bleichende Schminke aus dem Gesicht waschen, mit der er seinen braunen Teint aufhellte. Zuvor hatte er die Stiefel ausgezogen und Wams und Hose abgelegt. In dieser weltlichen Reisekleidung, die jetzt noch dazu von einer so dicken Kruste aus Schmutz und Staub überzogen war, dass die ursprünglichen Farben kaum noch zu erkennen waren, hatte er sich wie immer fremd gefühlt. Vor dem Spiegel in seiner Kammer rasierte er sich den Bart und nahm dann ein erfrischendes Bad. Als er die saubere Mönchskutte über seinen nackten, makellosen Körper streifte, stieß er einen tiefen Seufzer aus: Wieder zu Hause, endlich!

Es tat so gut, das grobe Habit auf der Haut zu spüren! Den festen Wollstoff würde er gegen keinen Damast, keinen Brokat und keine Seide eintauschen. Die Weite der Kutte, die den Leib nicht wie eine Hose einschnürte, verlieh ihm schon rein körperlich ein Gefühl der Freiheit. Leider zwang ihn der Dienst des Herrn immer wieder in die Gesellschaft und in die verhasste Alltagskleidung, bei der durch die Hodenkapsel seine männlichen Reize hervorgehoben wurden. Er selbst empfand das als qualvolle Prüfung, denn solche Eitelkeiten galt es zu unterdrücken. Je wohlgefälliger die Augen der Frauen auf ihm ruhten, desto stärker forderte Gott seine Tugend heraus. Und er hatte keine Möglichkeit, dem Jahrmarkt der Eitelkeit zu entfliehen, ganz im Gegenteil! Oft musste er seine Wirkung auf das weibliche Geschlecht sogar bewusst dazu benutzen, um seine Arbeit im Dienste des Herrn zum Erfolg zu führen. Obwohl er sich gegen die Verführung wehrte, stellten die Frauen eine ernsthafte Gefahr für ihn dar – ihr Blick, der ihn wie ein plötzlicher Rapierstoß direkt ins Herz traf, die leicht geöffneten Lippen, das sanft gerundete Dekolleté, das umso mehr enthüllte, zumindest der Fantasie, umso mehr es verbarg, und schließlich der Schwung der Hüften, der ihm die Sinne schwinden ließ, weil sie eine paradiesische Frucht verhießen.

Er träumte davon, weit entfernt vom allzu irdischen Dasein mit seinen Begierden, Geilheiten, Betrügereien, Gemeinheiten, Drangsalen und Morden in Kontemplation und Andacht zu leben. Aber dazu hatte er nun einmal den falschen Orden gewählt, vielmehr hatte es die Vorsehung so entschieden. Dass er, statt die ersehnte zurückgezogene Existenz zu führen, immer wieder in heiklen Missionen in die profane Welt hinausgetrieben wurde, schrieb er seinen Sünden zu. Er verstand es als Buße. Je größer die Gefahr für Leib und Seele, desto umfassender, so hoffte er, wäre auch die Vergebung, die er eines Tages erlangen würde. Angesichts der Schwere seiner Schuld konnte die Absolution allerdings nicht groß genug ausfallen.

Es war ein besonderer Tag. Bisher hatte Francesco Todeschini Piccolomini ihm immer nur die Aufträge für seine geheimen Missionen erteilt. Nun jedoch hatte ihn der Kardinal, nach Ablegung des Schweigegelübdes, zum ersten Mal zu der geheimen Zusammenkunft in der Krypta der alten Basilika gebeten. Seit drei Jahren schon stand er in den Diensten der Erzbruderschaft, und an diesem Abend sollte er aufgenommen werden.

In einer Mischung aus Aufregung und feierlicher Ergriffenheit machte er sich auf den Weg. Er konnte es fast mit Händen greifen, dass sich in dieser Nacht sein Leben verändern würde. Während er einen goldenen Ring mit einem schwarzen Stein am Ringfinger seiner linken Hand hin und her drehte, spürte er, wie seine Hände feucht wurden.

Der junge Predigerbruder Jaume el Català oder, wie er sich inzwischen auf Italienisch nannte, Giacomo il Catalano verließ die Canonica und betrat durch einen Nebeneingang das Atrium der heiligen Basilika. Sein Blick streifte den mannshohen Pinienapfel aus Bronze, der in der Mitte des Vorhofes stand. Während die dem Mond zugewandte Seite warm und hell wie Gottes Licht erstrahlte, hüllte sich die abgewandte Seite in Schatten und verwandelte sich so zu einem kaum merklich vibrierenden Schemen. Helligkeit und Dunkelheit gehörten zusammen, dachte er. Und Gottes Streiter hatten nicht immer die Wahl, ob sie auf der Tag- oder Nachtseite kämpfen wollten. Der Allmächtige konnte doch nicht einfach seine Heerscharen aus der Finsternis zurückziehen, auch dorthin musste er sein Licht senden, auch dort durften seine Streiter nicht fehlen. Selbst in die Hölle hatte er seine geheimen Kämpfer zu schicken. Giacomo war dazu bereit. Das Inferno schreckte ihn nicht, es war ihm allgegenwärtig. Entschlossen lenkte er seine Schritte an der Mauer entlang zu den fünf Eingängen der alten Basilika.

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Ravenna, Anno Domini 1492

»Messèr, es ist so weit!«

Nur widerstrebend nahm Bramante wahr, dass ihn jemand heftig an der Schulter rüttelte. Es kam ihm vor, als habe er sich eben erst zum Schlafen niedergelegt. Doch als er blinzelnd die Augen öffnete, sah er, dass es draußen dunkel geworden war.

An seinem Bett stand der Hausdiener mit einer Öllampe. Bramante brauchte eine Weile, bis er den Schlaf abgestreift hatte. Dann erinnerte er sich an seine nächtliche Verabredung und sprang auf, was er sogleich bereute. Alles drehte sich, und er musste sich an der Wand abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Nachdem er ächzend und stöhnend die Stiefel angezogen hatte, brachte ihn der Diener wortlos zum Hintereingang des Gasthofes und ließ ihn hinaus. Von einem widerlichen Geschmack im Mund gepeinigt, der wohl von dem geräucherten Aal herrührte, spuckte Bramante aus und fluchte. Warum hatte er sich nicht mit einem Schluck Wasser oder Wein den Rachen gespült?

Wolken hatten sich vor die Sterne geschoben und den Mond verdeckt. Es hatte leicht zu nieseln begonnen, oder es war die Feuchtigkeit, die der Wind von der Adria hertrug. Bramante lenkte seine Schritte in die Richtung, die der Wirt ihm gewiesen hatte, und stand schon nach wenigen Minuten vor dem antiken Kuppelbau, der sich düster und drohend vor ihm erhob. Er wusste nicht viel über San Vitale, außer, dass die Kirche vor über tausend Jahren erbaut worden war und Stilelemente der westlichen und östlichen Architektur vereinte. Die Ausmaße der alles überragenden Kuppel konnte er in der Dunkelheit nur erahnen.

Bramante gehörte zu jener Sorte Mensch, die im unbegrenzten Vertrauen auf ihre eigene Kraft so rasch nichts erschütterte. Doch in diesem Moment spürte er ein leises Gefühl der Verunsicherung, wie er es wohl zuletzt als Knabe empfunden hatte. Er rief sich zur Ordnung, straffte die Schulter und betrat gemäß der Anweisung die Kirche durch eine kleine Tür des Quergebäudes an der Westseite. Im Mauerwerk nächst der Tür ahnte er mehr, als dass er es sah, ein kleines steinernes Emblem. Er tastete es mit seinen Fingerkuppen ab und wunderte sich, denn es erinnerte ihn entfernt an eine Rose. Aber vielleicht irrte er sich auch, der Stein war verwittert und abgegriffen.

Die hohe Kirche lag weitgehend im Dunkeln, nur auf dem Altar im Chor brannten drei dicke runde weiße Kerzen, die zwei Ellen an Höhe maßen. Tapfer warfen sie ihr flackerndes Licht in die Dunkelheit des riesigen Raumes. Trotz der spärlichen Beleuchtung war Bramante vollkommen überwältigt. Die Wucht dieser Bauweise, ihre nach oben gerichtete Gleichmäßigkeit, nahm ihm den Atem. Sofort fiel ihm auf, dass die Richtung nicht wie in den gotischen Kathedralen himmelwärts strebte, sondern dass hier das Oben und das Unten zusammengehörten. Hier galt kein Streben, hier war nur Sein, vollkommenes, in sich ruhendes Sein – die in Architektur übersetzte Harmonie des Kosmos. Oder eines sehr dicken, unersättlichen Mannes, wie sich Bramante aus naheliegenden Gründen den Weltenraum zuweilen vorstellte.

Der Architekt stand in einem Zentralbau. Das war etwas Besonderes. Wie er wusste, hatten die meisten Kirchen des Abendlandes die Gestalt einer Basilika, eines Langhauses, weil sich diese Gebäudeform für den lateinischen Ritus besonders gut eignete. Ausnahmen bildeten nur San Vitale und die Kirche Karls des Großen in Aachen und natürlich die kleinen Baptisterien und Grabkapellen.

Viele Kardinäle, Bischöfe und Priester sahen im Rundbau ein Werk des Teufels. Für den Baumeister Bramante war der Zentralbau zwar durch und durch antik, aber ein Symbol für die Ordnung der Welt, ob nun christlich oder heidnisch. Deshalb war er von diesem Bautyp begeistert und hatte gemeinsam mit seinem Rivalen Giovanni Antonio Amadeo darauf hingewirkt, dass auch der neue Dom von Pavia als Zentralbau geplant würde. Genau genommen, dachte er, ist es gar kein Bautyp, sondern eine Seinsweise, eine Art, zu leben und zu glauben. Wieder einmal nahm er sich vor, so bald wie möglich nach Rom zu reisen, um das Pantheon anzusehen, das von der größten freitragenden Kuppel gekrönt war.

Bramante wandte seinen Blick zur Apsis des Ostchores, von wo ein bartloser, von Engeln umgebener Christus auf ihn niedersah. Unter dem Kyrios befand sich linker Hand der byzantinische Kaiser Justinian, mit einem Heiligenschein versehen, inmitten seiner Berater. Rechter Hand stand seine Frau, vor der Hochzeit angeblich eine Prostituierte wie Maria Magdalena. Dennoch war sie wie ihr Gemahl mit einem Nimbus versehen worden. Kühn, dachte Bramante. Während er überlegte, welcher von Mailands Huren er einen Heiligenschein verleihen würde, flog ein sinnliches Lächeln über sein Gesicht, das aber bald dem Ausdruck bedauernden Verzichtes wich. Kurz verspürte er einen starken Druck in den Lenden, doch dann nahm die Schönheit der Kirche ihn wieder gefangen.

Bramantes Augen schwelgten noch im Grün, Gold und Blau des von Kerzen beleuchteten hohen Chores, als er aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass sich mehrere Schatten auf ihn zubewegten. Noch bevor er die Gestalten erkennen konnte, stürzten sie sich schon auf ihn. Wie viele Männer ihn angriffen, konnte er nicht ausmachen. Genügend jedenfalls, um seine kraftvolle Gestalt rasch und mühelos auf den mit kunstvollen Mosaiken bedeckten Kirchboden hinunterzudrücken. Bramante war weder langsam noch schwach, doch er konnte nichts dagegen tun, dass man ihm die Arme mit einem ins Fleisch schneidenden Lederriemen hinter dem Rücken fesselte und die Augen verband. Zwei kräftige Burschen packten ihn an den Oberarmen, stellten ihn wieder auf die Beine und schoben ihn wenig gefühlvoll vorwärts. Er leistete keinen Widerstand, weil er sich resigniert eingestehen musste, dass es sinnlos gewesen wäre. Stattdessen schärfte er seine Sinne, um für den entscheidenden Augenblick gerüstet zu sein.

War er doch in eine Falle geraten? War der Auftraggeber dieser Männer vielleicht ein neidischer Konkurrent? Würde Amadeo sich dazu hinreißen lassen, einen Mord in Auftrag zu geben? Bramante wusste es nicht, möglich war alles. Menschen verzichteten nicht auf Vorteile, ganz gleich, was sie kosteten. Und bei Lichte besehen bildete auch er selbst darin keine Ausnahme. Nur befand er sich leider in diesem Fall in der unvorteilhaften Lage, das Opfer abzugeben.

Während er vorwärtsstolperte, zermarterte sich Bramante das Hirn. Wenn er wirklich aus dem Weg geschafft werden sollte, so war der Plan ebenso einfach wie genial: Ihn in Mailand abzustechen hätte viel zu viel Aufsehen erregt, ihn dagegen wegzulocken und in der Fremde zu ermorden, konnte im wahrsten Sinne des Wortes als todsicher gelten. Dennoch wurde er das Gefühl nicht los, dass an der ganzen Sache etwas nicht stimmte. Weshalb sollte jemand eine solche Mühe für sein plötzliches Ableben aufwenden? Man hätte ihn auch ohne große Umstände unterwegs ermorden und die Tat den Räubern und Wegelagerern in die Schuhe schieben können. Warum geschah dieser Überfall erst in Ravenna?

Bramantes Gedanken überschlugen sich, und seine Furcht wuchs. War es vielleicht noch schlimmer? Sollte er womöglich von ein paar Fanatikern in einem schaurigen Ritus geopfert werden? Was wollte man auch schon von einer Religion erwarten, in deren heiligstem Moment es hieß: »Dies ist mein Leib«, und: »Dies ist mein Blut«! Und in der es darum ging, dass die Gemeinde vom Leib eines Gekreuzigten aß und von dessen Blut trank?

Wenn er mit heiler Haut davonkommen sollte, schwor sich Bramante, würde er erstens ein paar handgreifliche Worte mit Messèr Leonardo wechseln und zweitens seinen Vorsatz, die Bau- und Kunstwerke der Alten zu suchen, zu studieren, zu vermessen und zu beschreiben, in die Tat umsetzen. Zuvor aber musste er erst einmal aus dieser Glaubensgruft entkommen.

Während die Häscher ihn vorwärtsdrängten und -schoben, versuchte Bramante mit aller Anstrengung, seine Hände aus den Fesseln zu lösen. Doch vergebens, der Lederriemen schnitt ihm nur bei jedem Rütteln tiefer und schmerzhafter ins Fleisch.

Rom, Anno Domini 1492

Das Dach der Vorhalle der alten Peterskirche ruhte auf zwölf Arkaden wie auf den zwölf Aposteln. Die schlanken Säulen des Vorbaus waren von einer erhabenen Schlichtheit. Im Dunkeln konnte Giacomo die Fresken über dem Eingang zur Basilika natürlich nicht erkennen, aber das war auch nicht notwendig. Er trug die Bilder in sich – Jesus Christus, die Gottesmutter, Papst Gregor der Große, schließlich darunter die Evangelisten und die vierundzwanzig apokalyptischen Greise, daneben symbolisch die Städte Jerusalem und Bethlehem. Die seit einiger Zeit geführten Diskussionen über den künstlerischen Wert der Darstellungen erregten den Zorn des jungen Mannes. Nach seiner Überzeugung stand es den Menschen nicht zu, über Darstellungen des Glaubens zu urteilen und sie ästhetisch zu bekritteln. Er fand sie wahrhaftig, und das genügte vollkommen. Die Fresken waren ein Gegenstand der Wahrheit und nicht der künstlerischen Eitelkeit. Überhaupt Künstler! In ihrer Vermessenheit schwangen sie sich immer mehr zu den Herren des Zeitalters auf und waren doch nichts anderes als im besten Falle eitle, aufgeblasene Strolche, im schlimmsten sogar Ketzer!

In Giacomos Augen hatten die Menschen ihre Demut verloren. Doch wenn der Mensch sich überhob, wurde er unglücklich, neidzerfressen und böse. Überall erhob die Ketzerei ihr verdammungswürdiges Haupt. In Frankreich – er war gerade aus Narbonne zurückgekehrt –, waren es die Waldenser, in Böhmen die Hussiten. Offenbar hatte es nicht viel genutzt, den Ketzer Jan Hus vor gut siebzig Jahren in Konstanz zu verbrennen. Seine Anhänger ließen einfach nicht ab von ihrer häretischen Verstocktheit.

Innig küsste er die Indulgenzbulle von Bonifaz VIII., die neben dem Portal als Bronzetafel eingelassen war. Der Papst hatte diese im Heiligen Jahr 1300 kurz vor seinem Tod erlassen und forderte darin die uneingeschränkte geistliche und weltliche Macht für den Stellvertreter Gottes, der sich jeder Herrscher unterzuordnen hatte. Genau darum ging es, dachte Giacomo, um die Errichtung von Gottes Regiment auf Erden. Aus keinem anderen Grund hetzte er seit drei Jahren im Auftrag der Frommen in der Kurie atemlos durch ganz Europa. Aus keinem anderen Grund drückte er jetzt zu dieser mitternächtlichen Stunde gegen die schwere Eichentür der Porta Ravenniana, die sich mit leisem Knarren öffnete.

Das Kircheninnere lag im Halbdunkel, nur erleuchtet durch ein paar Kerzen und Andachtslämpchen. Streifen von hellem Mondlicht, das durch die kleinen Fenster im Obergaden drang, lagen auf dem mit kostbaren Einlegearbeiten aus verschiedenfarbigem Marmor geschmückten Boden des Mittelschiffs. Die vier Seitenschiffe waren in Dunkelheit getaucht. Giacomo ging um einen Steinquader herum, der mitten auf dem Kirchenboden lag, weil er sich vor ein paar Wochen aus dem Mauerverbund gelöst hatte. Es ließ sich nicht leugnen – Gottes Haus wurde immer baufälliger. Reparaturen taten dringend not, wenn die Gläubigen nicht bei Andacht und Buße von herabstürzenden Ziegeln und Steinen erschlagen werden sollten. Wenn man es recht bedachte, war das ein Skandal bei einer Wallfahrtskirche, die doch dem Seelenheil der Pilger und nicht ihrem raschen Ableben dienen sollte!

Als er einen schwachen Weihrauchduft wahrnahm, rümpfte er die Nase. Er hegte eine empfindliche Abneigung gegen alle Gerüche, die ihre Existenz dem Feuer verdankten. Zwar wollte er im Kampf für den Glauben kein Mittel von vornherein ausschließen, aber er gehörte nicht zu jenen, die leichtfertig ein Autodafé forderten. Dazu kannte er den unerträglich süßlichen Geruch verbrannten Menschenfleisches zu gut. So gut, dass er ihn niemals mehr aus seiner Nase bekommen würde, seit er als neunjähriger Knabe in einem nicht enden wollenden Albtraum durch die Straßen und Gassen seiner Heimat, der kleinen katalanischen Bischofsstadt Tortosa, geirrt war. Überall loderten damals die reinigenden Feuer der Rechtgläubigkeit zum Himmel, und die Schmerzensschreie der Marranos, der zwangsgetauften Juden, hallten immer noch in seinen Ohren wider. Die sich steigernden Oktaven des Schmerzes würde er niemals vergessen.

Das alles war nun gut zehn Jahre her. Damals war er von einem Augenblick auf den anderen mutterseelenallein gewesen, für immer getrennt vom Vater, von der Mutter, von seinen Geschwistern. Tagelang war er durch die Stadt geirrt, hatte sich von Abfällen ernährt und sich zum Schlafen gelegt, wo es sich gerade ergab. Schließlich hatte er sich, ohne Plan, nur seinem Instinkt folgend, als blinder Passagier an Bord des nächsten Schiffes geschlichen. Der Knabe hatte nicht die geringste Vorstellung, wohin es ging, aber es trieb ihn mit aller Gewalt weg aus der Stadt des Todes. Wie im Taumel floh er von dem Ort seiner Schuld. Sollte der Heilige Geist entscheiden, wie sein Leben weiterverlaufen würde, er selbst vermochte es nicht.

Die gute Vorsehung hatte ihn auf ein Schiff nach Ostia geführt. Ein mitreisender Predigerbruder erbarmte sich seiner und nahm ihn mit nach Rom in seinen Konvent. Dort nannten sie ihn Il Catalano, den Katalanen, und bildeten den begabten Jungen in allen dafür notwendigen Künsten zu einem Glaubenskämpfer, zu einer scharfen Waffe des Herrn aus. Er liebte den Namen Il Catalano, weil darin, für die anderen nicht sichtbar, sein ganzes bisheriges Leben, Vergangenheit und Gegenwart, verborgen lag.

Giacomo fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um die quälenden Visionen zu verscheuchen. Zuweilen wachte er, von seinen eigenen Schreien geweckt, mitten in der Nacht auf. Um ihn zu martern, bediente sich die Erinnerung furchtbarer Traumbilder, Fleisch, das von den Knochen schmolz, Menschenfett, das in die Feuerzungen tropfte und zischte. Wenn das geschah, suchte Giacomo die nächste Kapelle auf, warf sich vor dem Altar auf den kalten Boden, um seinen fiebrigen Leib zu kühlen, breitete die Arme aus, sodass er selbst zum Kreuz wurde, das er anbetete, und flehte den Allerhöchsten an: »Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa … Vergib mir, oh Herr, meine Sünden und erlöse mich von dem Bösen …«

Niemand hätte diesem ebenso liebenswürdigen wie schönen jungen Mann solche inneren Qualen zugetraut. Den meisten erschien er wie der wiedergeborene Adonis, schlank und wohlproportioniert. Sein Gesicht zeichnete sich durch einen äußerst feinen Schnitt aus, den das Leben noch nicht verdorben hatte, obwohl es an Gründen dafür nicht mangelte. Die großen blauen Augen unter der hohen Stirn, die noch nichts trübte, flößten Vertrauen ein und ließen in ihm einen guten Kameraden vermuten, der das Herz auf dem rechten Fleck trug. Er war ein Kleriker, wie ihn sich junge Mädchen und reife Frauen als Beichtvater nur allzu sehr wünschten, die einen aus romantischen Gefühlen, die anderen aus Erfahrung.

Inzwischen hatte Giacomo das eindrucksvolle Hochaltarziborium erreicht. Rechts und links führten Treppen zum Chor hinauf, von dort aus weiter zur Apsis, in deren Scheitel die Cathedra Petri, der Thron des Papstes, stand. Er kniete vor dem Heiligtum nieder, bekreuzigte sich, betete ein Vaterunser, anschließend das Glaubensbekenntnis und bekreuzigte sich erneut. Dann folgte er mit den Augen den vier Säulen, die vom Altartisch nach oben strebten und ein Gebälk hielten, das von einem Tympanon und einer Kuppel gekrönt wurde. Er wandte seinen Blick hoch zu dem Fries des Gebälks, zu der Darstellung des mit dem Kopf nach unten an das grobe Holz genagelten Petrus. Giacomo verstand ihn nur zu gut. Aus Respekt vor dem Herrn, aus dem Wissen über seine Sünden und dem Verrat hatte der Apostel nicht in der gleichen Weise wie der Gottessohn ans Kreuz geschlagen werden wollen, sondern darauf bestanden, dass man seine Qual vermehrte. So wies das Haupt des Petrus auf das Kruzifix auf dem Altartisch hin, aber weiter noch auf die Confessio, auf ein Gitter unter der Altarplatte, das in einen Rundbogen eingelassen war. Es verschloss einen Schacht, der in die Tiefe führte.

Da unten lag er begraben, Petrus selbst, der Fels, über dem sich im wahrsten Sinne des Wortes die Kirche erhob, so wie Jesus es vorausgesagt hatte. Das Grab des ersten Stellvertreters Christi auf Erden war der einzige Grund, weshalb sich die wichtigste Kirche der Christenheit genau an dieser Stelle befand.

Giacomo erhob sich, ging um die Treppe rechts herum und fand auf der schmalen Seite die Tür offen, hinter der sich enge Stufen in die Tiefe wanden. Wie ihm befohlen worden war, stieg er in die Finsternis hinab. Langsam tastete er sich vorwärts. Es ging in eine andere Zeit, in die dunklen Jahrhunderte, in denen man die Christen noch verfolgte und ihnen einen qualvollen Tod bereitete.

Nach und nach drangen aus der Tiefe das Gemurmel von Stimmen und Spuren von Licht zu ihm, auch gewöhnten sich seine Augen immer mehr an das Dunkel. Das warme Gelb von Kerzen wurde mit jedem Schritt in die Tiefe durchdringender. Es kam ihm geradezu entgegen, um ihn abzuholen. Allmählich konnte er die Stufen erkennen. Dann betrat er die niedrige Krypta. Sein Herz klopfte wild, als seine Füße den Boden berührten, auf dem auch die ersten Christen gestanden hatten und auf dem Kaiser Konstantin vor über tausend Jahren den Bau der Basilika befohlen hatte. Voller Ehrfurcht hob Giacomo den Blick.

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Ravenna, Anno Domini 1492

Die Schergen hatten Bramante in die Knie gezwungen. Einer knöpfte sein Wams auf, dann riss ein Zweiter den Stoff brutal nach hinten herunter, bis das Kleidungsstück wie eine zusätzliche Fessel in Armbeugen und Rücken schnitt. Jemand zerrte auch das Hemd herunter, sodass er mit nackter Brust auf dem Boden kauerte. War das nicht die Art und Weise, fuhr es Bramante durch den Kopf, wie man zum Tode Verurteilte auf ihre Enthauptung vorbereitete?

Plötzlich vernahm er Schritte. Er lauschte angestrengt, es klang, als ob sich Menschen um ihn herum versammelten. Vier oder fünf, schätzte er, es konnten aber auch mehr sein. Der Widerhall der Sohlen deutete darauf hin, dass er es mit vornehmen Personen zu tun hatte, die Stiefel, auf jeden Fall aber Absatzschuhe trugen. Dann hörte er die Stimme eines Mannes, der zunächst seine »Brüder« begrüßte, bevor er sich an ihn wandte.

»Ich frage dich, Donato, was bist du von Beruf?«

Bramante hatte diese Stimme noch nie gehört. Sie klang weich und geschmeidig, die Stimme eines gebildeten Mannes, der es gewohnt war zu sprechen, nicht unbedingt zu befehlen, aber immerhin, Reden vor einem großen Zuhörerkreis zu halten.

»Wer will das wissen?«, gab Bramante barsch zurück. Er fühlte sich gedemütigt, und trotz seiner Furcht begehrte sein Stolz dagegen auf.

»Du hast nur Antworten zu geben, nicht aber Fragen zu stellen«, erwiderte der Unbekannte ruhig.

»Und wenn ich mich weigere?« Bramante war entschlossen, aufs Ganze zu gehen.

»Dann bist du des Todes«, stellte der andere nüchtern fest. Dann schwieg er und ließ den Satz auf den Baumeister wirken.

Bramante wusste nicht, was er davon zu halten hatte und wie ernst es den Männern war, in deren Gewalt er sich befand. Quälend lange zog sich das Schweigen hin, bevor der Unbekannte wieder das Wort ergriff. Er klang eine Spur versöhnlicher.

»Das war ein schlechter Anfang. Beginnen wir also noch einmal: Was bist du von Beruf?«

»Maler und Baumeister.«

»Bist du bereit, Liebe in die Welt zu bringen?«

Bramante verstand die Frage nicht, oder besser, es war ihm unerfindlich, weshalb das eine Frage sein konnte. Gegen das lustvolle Spiel des Tieres mit den vier Armen, vier Beinen und zwei Rücken hatte er noch nie etwas einzuwenden gehabt. Doch bevor er antworten konnte, sprach der Fremde eine Warnung aus.

»Denk gut über die Frage nach. Es geht nicht um die geschlechtliche Vereinigung, es geht um das Einswerden der Seele mit Gott.«

Ach, daher pfiff der Wind, dachte Bramante, und bejahte die Frage dennoch. Es konnte ja nicht schaden, wenn die Seele Gott liebte, solange das nicht die andere Liebe ausschloss. Allmählich schöpfte er wieder Hoffnung. All das erinnerte weniger an ein Opferritual als an eine Aufnahmezeremonie. Doch er würde wachsam bleiben müssen. Er wartete gespannt darauf, was als Nächstes geschah.

»Bist du bereit, von den Alten zu lernen, um die Welt durch deine Kunst zu verbessern?«

Das klang schon besser und vor allem konkreter.

»Ja, das bin ich.«

»Bist du bereit, Hiram zu ehren?«

»Ja, das bin ich!«

»Und auch Pythagoras?«

»Ja.«

»Und auch Platon?«

»Ja.«

»Und auch Vitruv?«

»Ja.«

»Bist du bereit, der gotischen Manier und der scholastischen Philosophie abzuschwören?«

»Der ersten mit Freuden, der zweiten, wenn ich wüsste, was das ist«, sagte Bramante und brachte ein entschuldigendes Lächeln zustande.

»So höre denn! Nicht Päpste, Kardinäle und Fürsten bessern die Welt und läutern die Seelen, nur wir Philosophen, Künstler und Baumeister, die wir einer alten Bruderschaft angehören. Dem Seher Johannes sind wir verpflichtet, denn es heißt bei ihm: ›Und er maß ihre Mauer: hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, das der Engel gebrauchte. Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas.‹

Gottvater, der höchste Baumeister, hat die Stadt, die die Welt ist, nach den Gesetzen der Liebe und der verborgenen Weisheit geschaffen. Den Menschen hat er in die Mitte der Welt gesetzt, damit er sich von dort aus bequemer umsehen kann, was es auf Erden gibt. Gott sprach zum Menschen: ›Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer, dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.‹

Deshalb frage ich dich, Donato, willst du das Maß der Engel erlernen, um die Stadt aus Gold zu bauen, um den Tempel des Allerhöchsten zu errichten, nach seinem Maß, dem Maß Gottes? Willst du Mitglied unserer Bruderschaft werden, der Fedeli d’Amore, ein Getreuer der Liebe, ein Bruder Johannes des Sehers, ein treuer Gefährte und unermüdlich Schaffender?«

Bramante staunte zwar, aber sein Misstrauen war noch nicht vollständig überwunden. Besonders die letzten Worte klangen so lästerlich, dass man ihretwegen auch auf dem Scheiterhaufen enden konnte. Er dachte nach, erinnerte sich an Leonardo, der ihn gefragt hatte, ob er dem Bund der Baumeister beizutreten und in die Mysterien des Bauens eingewiesen zu werden wünschte. Wenn er jetzt aus Feigheit verneinen würde, wäre diese Tür für immer zugeschlagen. Gab es etwas Verlockenderes, als in Gottes gute Baukunst initiiert zu werden? Er beschloss, es zu wagen.

»Ja, ich will«, sagte er mit fester Stimme und spürte gleich darauf zu seinem Entsetzen die Spitze eines Rapiers oder eines Messers, das langsam in seine Brust drang. Hatte er sich geirrt? Verbarg sich hinter dem Ritual doch eine Falle? Sein Herz, das die Spitze gleich treffen würde, schlug zum Zerbersten. Doch plötzlich ließ der Druck nach, und es tat noch einmal empfindlich weh, als die Spitze aus der kleinen Wunde gezogen wurde. Man hatte ihn mehr oder weniger nur mit der Klinge geritzt. Bramante überkam das seltsame Gefühl, als lächelten die Menschen um ihn herum, als wiche die Spannung einer freundlichen Gelöstheit.

Seine Hände waren durch die Lederfessel taub geworden, sodass er zunächst gar nicht merkte, dass jemand den Riemen gelöst hatte. Man streifte ihm Hemd und Wams wieder über, und mehrere Arme halfen ihm auf die Beine. Deutlich spürte Bramante, dass jemand ganz nah vor ihm stand. Der Atem des Mannes strich über sein Gesicht. Ungewöhnlich, dachte Bramante, er riecht nicht aus dem Mund. Die Augenbinde wurde gelöst, und er erblickte einen jungen Mann mit schulterlangem, rotblondem Haar, das über der Stirn gescheitelt war und in Locken bis auf die Schultern fiel. Die Schönheit seines Gesichts mit den blauen mandelförmigen Augen und dem außergewöhnlich sinnlichen Mund mit strahlend weißen und ebenmäßig geformten Zähnen wurde durch eine schmale, spitze Nase nur wenig gemindert. Der Fremde überragte Bramante um eine halbe Haupteslänge. Bekleidet war er mit einem weiten weißen Hemd, das sich über einer schwarzen Hose bauschte.

»Dann, Bruder, bist du aufgenommen, und das Blut deines Herzens wird unseren Liebesbund besiegeln«, sagte der Mann und umarmte Bramante.

Starr vor Erstaunen blickte dieser um sich: Vor ihm standen vier Männer, die ihm bekannt waren, und lachten ihn an. Es waren Leonardo da Vinci, Francesco di Giorgio, ein Baumeister aus Siena, sein Konkurrent Amadeo, Giuliano da Sangallo aus Florenz. Der fremde junge Mann schließlich stellte sich als Giovanni Pico della Mirandola vor und richtete Grüße von den Bundesbrüdern aus, die nicht anwesend sein konnten. Der Dichter Christoforo Landino und der Philosoph Marsilio Ficino waren zu alt für die weite Reise und Kardinal Giovanni de Medici zu jung – man hätte seinen Vater darüber in Kenntnis setzen müssen. Doch Lorenzo de Medici durfte keinesfalls erfahren, dass sein zweitältester Sohn den Fedeli angehörte.

Einen Moment lang leisteten Bramante Leonardo und Amadeo im Stillen Abbitte. Feierlich überreichte ihm Pico ein Buch, das an den Ecken Goldbeschläge trug. Bramante hielt Dantes »Göttliche Komödie« mit Landinos Kommentar in den Händen.

»Bruder Dante hat das gesamte Wissen über den Bau der Welt, über das unsere Bruderschaft verfügt, in dieser Dichtung versteckt. Und Bruder Landino hat es vorzüglich kommentiert. Nimm es hin, bewahre es, und lies es, und suche nach den Geheimnissen, nach den Worten hinter den Worten, den Bedeutungen hinter den Bedeutungen. Doch nimm dir auch die Warnung des Göttlichen zu Herzen: ›Da sah ich einen Punkt, der Licht verstrahlte; wenn es das Auge trifft, muss es sich schließen, so stark erschüttert es des Glanzes Macht.‹«

»Ich habe einen barbarischen Hunger!«, fiel Leonardo da Vinci seinem Bundesbruder ins Wort. »Habt ein Einsehen, Messèr Giovanni, und lasst uns bei Wein und Wildbret weiter über die Geheimnisse der Welt philosophieren.«

»Ach, Leonardo, Ihr bleibt mir ein Rätsel, mal entrückt und dann wieder ganz in der Wirklichkeit!«

»Mein Verstand steigt auf zu den höchsten Sphären, doch hat man leider vergessen, das meinem Magen mitzuteilen«, meinte Leonardo.

Pico schmunzelte, während die anderen in Gelächter ausbrachen.

»Was bedeutete das?«, fragte Bramante und wies auf die Buchstaben, die auf der Rückseite in den Ledereinband des Buches geprägt waren.

»›F.S.K.I.P.F.T‹?«, fragte Pico. Bramante nickte. »Für alle, die unserer Bruderschaft nicht angehören, bezeichnet es die Tugenden: fides, spes, caritas, justitia, prudentia, fortitudo, temperantia – Glaube, Hoffnung, Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit, Tapferkeit, Mäßigung.«

»Und für uns?«, fragte Bramante.

»Für uns hat es noch eine tiefere Bedeutung, denn die Worte sind, was sie sind, aber sie sind noch etwas anderes, mehr noch, sie verbergen eine weit tiefere Bedeutung: Fidei Sanctae Kadosh Imperialis Principatus Frater Templarius

»Verzeiht bitte, aber ich verstehe kein Latein.«

»Es bezeichnet Dantes geheimen Ehrenrang im Orden der Templer.«

»Dante war Templer?« Bramante war die Verblüffung anzusehen.

»Schlagt das Buch auf, das in Eurer Hand liegt: Purgatorio, Gesang siebenundzwanzig, Vers sechzehn bis neunzehn.«

Bramante tat wie ihm geheißen und las: »›Ich beugte mit gerungenen Händen mich nach vorn und starrt’ ins Feuer, und im Geist erblickt ich menschliche Leiber, die ich brennen sah.‹« Vom Dichter befeuert, gaukelte seine Fantasie ihm einen Scheiterhaufen vor, auf dem sich Menschen vor Schmerzen wanden. Wie von fern drang Picos Stimme an sein Ohr.

»Was meint Ihr, an wen Dante hier denkt? An den letzten Großmeister der Tempelritter, an Jacques de Molay, der 1314 in Paris verbrannt wurde: ›… und im Geist erblickt ich menschliche Leiber, die ich brennen sah.‹«

»Als der Orden verboten wurde und Papst und König den Großmeister auf den Scheiterhaufen schickten, war Dante etwas über fünfzig Jahre alt«, erläuterte Leonardo.

»Nicht umsonst lautet der letzte Vers dieses Gesanges: ›So krön’ ich dich zu deinem eignen Papst und Kaiser‹«, zitierte Pico aus dem Kopf. »Der verräterische Papst und der hinterhältige König hatten versagt, von ihnen durfte Dante nichts mehr erwarten außer Arglist und Verrat. Wie viele Templer, aber auch wie viele Fedeli wurden in dieser Zeit getötet! Denkt an den großen Dichter Guido Cavalcanti, Dantes Freund, an den deutschen Meister Eckhart oder an Marguerite Porète, die noch vor Jacques de Molay in Paris den Scheiterhaufen bestieg.«

»Das alles findet sich nur verschlüsselt in seinem Werk wieder, denn er musste seine Beziehung zum Orden nicht nur geheim halten, sondern sie auch vergessen machen«, fügte Sangallo hinzu, der bis jetzt geschwiegen hatte.

»Nun aber rasch auf zum tatkräftigen Girolamo, mein Magen duldet keinen Aufschub mehr!«, drängte Leonardo.

Doch Bramante, überwältigt von dem, was er eben erfahren hatte, rührte sich nicht von der Stelle und bat: »Ich möchte mehr darüber wissen, schweigt nicht, bitte sprecht weiter!«

»Später, Freund«, versprach Pico. »Einstweilen wollen wir es dabei bewenden lassen. Und verschließe das Gehörte in den Tiefen deines Herzens, lass es von dort nie entweichen, denn jedes Wort, das du zu einem Fremden sprichst, bedeutet deinen sicheren Tod. Erinnere dich: Mein Angesicht ist der Kerker der Liebe!«

Alles Bitten und Sträuben half nicht, die Männer nahmen ihren neuen Bruder Donato einfach in ihre Mitte und machten sich auf den Weg zu Girolamos Gasthof.

Unterwegs erfuhr Bramante, dass das Aufnahmeritual der Bruderschaft stets in dieser Kirche stattfand, weil sie ein Zentralbau war, den Dante geliebt hatte und in dem sich auch seine Grabstätte befand. Dass es eine Kirche der Bruderschaft war, erkannte man an der steinernen Rose am Eingang, die die Fedeli freilich unter geschickt angebrachten Zerstörungen verborgen hatten.

Während die Männer durch die Straßen Ravennas schritten, sprachen sie über die Grundlage ihrer neuen Baukunst: Diese bestand im Maß der Engel, das der Architekt Hiram in Jerusalem benutzt hatte, um im Auftrag König Salomos den Tempel zu errichten. Dieses Maß würde sich in den antiken Bau- und Kunstwerken finden lassen, es lag – und davon waren sie alle fest überzeugt – in deren Proportionen verborgen. Denn die Welt bestand für sie aus Proportion und Perspektive, aus Maß und Sichtweise. Das galt für die Gebäude, aber mehr noch für den Bau des Staates. Die Männer beschlossen, Geld zu sammeln. Bramante sollte den Auftrag bekommen, alle antiken Gebäude und Ruinen von Rom bis Neapel zu vermessen. Zuvor aber sollte er unter Leonardos Anleitung Dantes Weltenbau-Gedicht gründlich studieren sowie Architekturtheoretiker wie Vitruv und Alberti, den er teils schon kannte. Solchermaßen gerüstet, durfte er dann ans Werk gehen.

Im Wirtshaus »Zum tatkräftigen Hiram« angelangt, widmeten sich die Fedeli nur noch der köstlichen Mahlzeit, die ihnen Girolamo vorsetzte. Mit keinem Wort wurde mehr erwähnt, was sie in San Vitale besprochen hatten. Bramante nahm sich vor, Leonardo nach all den vielen neuen Namen zu fragen. Wenn er diese überhaupt schon einmal gehört hatte, so verband er mit ihren Trägern meist nur eine sehr unzureichende Vorstellung. Die Männer wirkten wie ausgewechselt, hatten alle höheren Gedanken abgelegt und frönten nur noch ihren Gelüsten. Musiker spielten auf, und die Mädchen, die Bramante bestellt hatte, näherten sich der Gesellschaft mit ebenso reizendem Lächeln wie zwei schöne Jünglinge, die Leonardo allerdings auch aus Mailand mitgebracht haben konnte.

»Wo zum Henker ist der Graf?«, rief Bramante plötzlich und sah sich suchend im Zimmer um.

»Wisse, mein Freund, Messèr Giovanni Pico della Mirandola muss nur ein paar Stunden in einer fremden Stadt weilen – bei seinem Aufbruch hinterlässt er mit Sicherheit eine Liebschaft, die auf ihn wartet und die er besucht, wenn er wieder an den Ort zurückkehrt. Ein Sonntagskind, unser Graf. Weiß der Teufel, warum, aber die Frauen lieben ihn!«, erklärte Leonardo.

»Verdammt noch mal, wenn der Satansbraten nur halb so gut mit seinem Schwanz umzugehen weiß wie mit seinen Worten, dann versteh ich es sogar!«, fluchte Bramante und zog eine üppige Schöne auf seinen Schoß. Sie hielt eine Schale mit Kirschen in der Hand, aus der sie sich eben eine Handvoll Früchte nahm und in den Mund schob. Sie kaute, schmatzte und spuckte die Kerne aus, während ihr der Obstsaft rechts und links an den Mundwinkeln herunterlief und auf die vom geöffneten Mieder freigegebenen Brüste tropfte. Rot wie Blut.

»Lass mir was von den Früchtchen übrig«, rief Bramante ausgelassen, packte ihr Kinn, zog ihren Mund zu sich und küsste sie ungestüm. Weich fühlten sich ihre Lippen an, und unvergleichlich süß schmeckten die Früchte.

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Rom, Anno Domini 1492

Giacomo zählte elf Männer im Mönchshabit, die sich um einen kleinen Altar versammelt hatten, auf dem drei dicke weiße Kerzen brannten, rein und klar wie die Feuer in ihren Herzen. Nicht nur Dominikaner, auch Franziskaner in ihren braunen Kutten waren darunter und Augustiner, erkennbar an ihren vorn geknöpften Umhängen, Benediktiner mit ihren großen Gürteln und dem Kreuz vor der Brust und schließlich Kamaldulenser, unverwechselbar durch das grobe weiße Obergewand.

Die Verlängerung des Schachts, der senkrecht in die Tiefe zum Grab Petri führte, bildete eine Mauer mit roten Schriftzeichen. Sah man daran herab, fiel der Blick auf eine grob behauene Steinkiste, die zehn Ellen tiefer stand. In ihr ruhten die sterblichen Überreste des ersten Apostels. Dieser ärmliche Sarg rechtfertigte den Machtanspruch der Päpste seit nunmehr dreißig Generationen. Jeder dieser elf Männer kannte die Einsetzungsworte des Herrn auswendig: »Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.« Bevor sie diese Worte verrieten, würde jeder von ihnen das Martyrium in Kauf nehmen. Das hatten sie geschworen. Es gab keinen Grund, an der Ernsthaftigkeit ihres Eides zu zweifeln.

Giacomo wusste das. Und er wusste auch, dass ihr Christentum inzwischen aus der Mode gekommen war, dass Priester, Bischöfe, selbst Kardinäle und sogar Päpste nicht nur sündigten, sondern in ihrer Gier nach Lust, Luxus, Macht und Reichtum selbst vor Todsünden nicht mehr zurückschreckten und sich zuweilen im Ausmaß ihrer Missetaten zu übertreffen suchten. Aus tiefstem Herzen hassten die elf Männer diese neue Hinneigung zu den Heiden, die in den letzten Jahrzehnten in Mode gekommen war, die neue Liebe zum Altertum, die wie eine Seuche ausgebrochen war und unterschiedslos Kleriker, Theologen, Philosophen und Fürsten befallen hatte. Deshalb nannten sie sich auch die geheime Erzbruderschaft der Perfekten, Archiconfraternita de Perfecti in Segreto. Sie empfanden sich als Kreuzfahrer, und sie strebten den perfekten Glauben an.

Einmal im Monat streiften sie kurz vor Mitternacht die Mönchskutten über, um alle an der Kleidung sichtbaren Rangunterschiede auszulöschen, und betraten heimlich über die Seiteneingänge die alte Basilika, den ehrwürdigen Kirchenraum, den Konstantin der Große auf dem Mons vaticanus hatte errichten lassen, als Zeichen, dass von nun das Christentum über die Welt herrsche.

Über Kopf und Gesicht hatten die Glaubenskämpfer Kapuzen gestreift. Die Schlitze darin gaben nur Münder und Augen frei. Unheimlich, nahezu gespenstisch nahmen sich die Gestalten in der vom Schein dreier Kerzen erhellten Krypta aus. Meist war es Giacomo gewesen, der die fast immer gefährlichen Aufträge der Bruderschaft ausführte, und nun sollte er endlich aufgenommen werden. Unzweifelhaft war dies der Höhepunkt seines bisherigen Lebens. So musste die Seligkeit schmecken, dachte er, bittersüß. Ein Glück, so gewaltig, dass es Furcht vor seiner Größe hervorrief.

Als Giacomo in die Krypta trat, gab der Prior der Erzbruderschaft, Francesco Todeschini Piccolomini, das Zeichen. Die Männer schlugen ihre Kapuzen zurück und knieten zum Gebet nieder. Giacomo sah in die guten, anständigen Gesichter von Männern, die vom Glauben durchdrungen waren. Der Prior stimmte das Glaubensbekenntnis an, und alle fielen ein: »Credo in unum Deum, patrem omnipotentem, factorem caeli et terrae visibilium omnium et invisibilium – ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.«

»Amen«, sagten die Männer im Chor.

Der Kardinal Piccolomini erhob sich, und alle taten es ihm gleich. »Meine lieben Brüder«, begann er, »schlimme Zeiten sind angebrochen. Jeder darf unsere Mutter Kirche beleidigen, ihr Schimpf antun oder ihr Land rauben wie der König von Neapel. Aber das wisst ihr alles. Auch an den von Ketzern verübten Mord an unserem lieben Bruder Pedro Albaruez erinnert ihr euch.

Aber wir haben einen würdigen jungen Mann, der seinen Platz einnehmen wird. Bruder Giacomo, genannt der Katalane, vom Orden des heiligen Dominikus. Spanier wie Bruder Pedro, aber was spielt das für eine Rolle? Ein Mann des Glaubens, noch jung an Jahren, aber spricht das gegen seine Entschlossenheit?

Wir haben dich lange beobachtet, Giacomo, und dir schwierige Aufgaben gestellt. Du hast sie alle vorbildlich erfüllt. Deshalb wollen wir dich nun als Mitglied unserer Bruderschaft willkommen heißen. Knie nieder, du Kind Gottes!«

Giacomo folgte der Aufforderung. Stolz und Freude erfüllten sein Herz, und ein heiliger Schauer durchfuhr ihn.

»Schwöre, dass du niemals den Herrn, deinen Gott, und auch deine Brüder verraten wirst, dass du wie Jesus und Petrus und Paulus und die vielen anderen Zierden des Glaubens eher das Martyrium in Kauf nehmen wirst und dass du in der höchsten Not dich an Jesus Christus erinnerst, der am Kreuze ausrief: ›Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern, wie du willst!‹ Schwöre! Schwöre Treue und Verschwiegenheit im Namen des Herrn!«

»Ich schwöre es!«

»Schwöre, dass du alle Aufträge unserer heiligen Bruderschaft bedingungslos und mit Liebe im Herzen ausführen wirst!«

»Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!«

Die Männer bekräftigten seinen Schwur mit einem gemurmelten Amen. Dann stellte der Prior Giacomo den anderen Mitgliedern der Bruderschaft vor. Einige kannte er bereits persönlich, aber nicht einer war unter ihnen, von dem er nicht schon gehört hätte, Kardinäle, Bischöfe, Erzpriester und Erzäbte. Aus Aquino Robert von Lecce und aus Padua Pietro Barosi, aus Neapel Oliviero Carafa – sie alle, ehrwürdige und verehrungswürdige Männer, gaben ihm den Bruderkuss. Jetzt gehörte er zu ihnen. Für immer. Falls er untreu werden sollte, sich als Verräter erwiese oder auch nur von ihnen abzufallen begehrte, so würde man ihn töten. Nur der Tod konnte seine Mitgliedschaft in der Bruderschaft beenden, auf die eine oder andere Weise.

Zum Abschluss feierten die Mitglieder der Erzbruderschaft gemeinsam das Abendmahl. Das Aufnahmeritual endete damit, dass Giacomo seinen neuen Brüdern nach gutem, altem Brauch die Füße wusch.

Nachdem die Neuigkeiten und das weitere Vorgehen besprochen waren, erhielt er einen überaus gefährlichen Auftrag: Es galt, eine geheime Bruderschaft zu bekämpfen, die ihr Unwesen trieb, allesamt Feinde des Glaubens, neue Heiden.

»Wie nennen sich die Ketzer, Prior?«, fragte Giacomo, schon ganz auf seine neue Aufgabe konzentriert.

»Wir kennen ihren Namen nicht, wie wir überhaupt nur wenig über diese Häretiker wissen. Gerade einmal das, was uns verantwortungsvolle Beichtväter, die uns nahestehen, berichtet haben. Die Ketzer verlangen danach, mehr zu wissen, als notwendig ist, sie berufen sich dabei auf den biblischen Baumeister Hiram. Sie beschäftigen sich mit Astrologie und Alchemie und wollen mittels der Baukunst die Welt verändern. Der heidnische Autor Vitruv gehört ebenso zu ihren neuen Propheten wie der griechische Heide Platon und der Afterfürst der Magier, der Ägypter Hermes Trismegistos. Sogar mit den Juden machen sie gemeinsame Sache, indem sie in ihren häretischen Büchern wie der Kabbala lesen. Sie unterwandern die kirchliche Ordnung und werden in diesem todeswürdigen Frevel von weltlichen Herrschern und sogar von Kirchenfürsten unterstützt, von Männern, deren Pflicht es eigentlich ist, die heilige Kirche zu beschützen!«

Ein Raunen unterbrach die leidenschaftliche Rede des Priors. Entrüstung und Hass loderten in den Augen der Männer auf.

»In Pavia wollen sie einen Dom als Götzentempel bauen, einen heidnischen Rundbau!«, empörte sich der hagere Robert von Lecce.

Giacomo erkundigte sich, was an einem Zentralbau verwerflich sei, und fügte entschuldigend hinzu, er verstünde nichts von der Baukunst. Alessandro Carafa erklärte ihm, die Basilika sei ganz und gar für den lateinischen Ritus, für ihren geheiligten Gottesdienst geschaffen. Hinter dem Priester versammele sich im Langhaus die Gemeinde, aber der Priester wende sich von der Gemeinde ab und Gott zu. So sei er wahrer Mittler zwischen Gott und den Menschen – weniger als Gott, sicher, aber auch etwas mehr als der Mensch, weil er durch seinen keuschen Lebenswandel Umgang mit den Heiligen pflege.

»So sollte es zumindest sein«, warf Piero Barosi mit bitterer Stimme ein.

»Der Rundbau aber ist ein Versammlungsraum des Aberglaubens, für Menschen, die sich für den Mittelpunkt der Welt halten und sich nicht mehr in Demut vor Gott und seinen Priestern verneigen! Sie sind nach allen Seiten hin offen und für alles zugänglich, sie haben ihre Richtung verloren«, ereiferte sich Carafa.

»Deshalb sage ich euch«, fuhr der Prior fort, »die Kirche, die sie in Pavia zu bauen begonnen haben, ist des Teufels! Überall versuchen sie, die Gotteshäuser in heidnische Tempel zu verwandeln. Längst müsste die Hauptkirche der Christenheit, Sankt Peters Haus, in dem wir demütig stehen, restauriert werden, aber es ist nicht ratsam, das jetzt zu tun. Denn wissen wir, ob nicht einer dieser Ketzer aus unserer heiligen Basilika eine Arena des Teufels macht? Zuzutrauen wäre es ihnen!

Ihr Anführer ist ein junger Graf: Giovanni Pico della Mirandola. Er hat neunhundert Thesen verfasst, in denen er das Heidentum, die Magie und die Kabbala an die Stelle des Christentums setzen will. Er behauptet zwar, dass all dieses im Christentum Platz hätte, aber, meine lieben Brüder, wenn man das Christentum so hemmungslos erweitert, gleicht es bald einem übervollen Sack, der platzen muss. Und genau darin besteht das Ziel dieser Unwürdigen! Deshalb hat der Heilige Vater den Grafen zu Recht als Ketzer verurteilt und exkommuniziert. Doch was nützt das, wenn ihn mächtige Leute wie Lorenzo de Medici schützen.«

»Vor Gottes Zorn wird er ihn nicht bewahren können!«, rief Robert von Lecce.

»Sei ein Werkzeug Gottes, Giacomo!«, sagte der Prior und sah dem jungen Dominikaner fest in die Augen.

Giacomos Auftrag sah vor, dass er sich das Vertrauen des Grafen Giovanni Pico della Mirandola erschleichen und am besten sein Sekretär werden sollte. So könnte er mehr über den Geheimbund der Ketzer in Erfahrung bringen und den Ketzervater eines günstigen Tages töten. Dabei sollte er bedächtig und geschickt zu Werke gehen, denn keinesfalls durfte das unerwartete Ableben des jungen Philosophen, der in ganz Europa bestens bekannt war, wie Mord aussehen. Die Tat durfte nicht auf die Kirche zurückfallen.

Ausruhen ließ man Giacomo nicht. Gleich am Morgen sollte er aufbrechen.

Mailand, Anno Domini 1494

»Schlaf deinen Rausch ein andermal aus!«

Donato Bramante fuhr zusammen und richtete sich schlaftrunken im Bett auf, fuhr mit der Hand über seinen kahlen Schädel und rülpste. »Wie spät ist es?«

»Mittag, aber das spielt keine Rolle«, erklärte Leonardo da Vinci unwirsch. Kühl und mitleidlos ruhte sein Blick auf Bramante, der sich in einem bedauernswerten Zustand befand. Den dampfenden Leib des Architekten verhüllte nur dürftig ein langes, nicht sehr reinliches Hemd. Schuhe, Hose, Wams, Mantel und das Wehrgehänge waren über den Boden verstreut. Bei dem Versuch, den unverhofften Besucher zu mustern, traf ein Lichtstrahl Bramantes verquollene Augen und ließ ihn zusammenzucken. Er hob einen Zipfel der Bettdecke an, stöhnte und krabbelte schließlich bäuchlings wie ein Käfer unter dem schweren Damast über die Matratze.

»Was suchst du?«

»Eine Frau!«

»Hier ist keine Frau!«, entgegnete Leonardo spitz.

»Keine Frau?« Bramante tauchte sichtlich enttäuscht wieder auf und kratzte sich am Kopf. »So, hatte ich keine bei mir? Seltsam, ich hätte schwören können … hab ich also nur geträumt, ach, was für ein Traum das war! Grundgütiger, schick mir so ein Weib in Wirklich…«

»Schweig!«, fuhr ihn der Maler zornig an und hob gebieterisch die Hand. Wie gut sich der schwarze Samt seines Handschuhs mit dem wie aus Silberfäden gewirkten Haar machte, dachte Bramante, der ihn mit zusammengekniffenen Augen betrachtete.

»Oh, mein Kopf«, stöhnte er und versuchte, seinen schweren Schädel so wenig wie möglich zu bewegen.

Der Mann aus Vinci nahm indes keine Rücksicht auf Bramantes Zustand, sondern redete mit der größten Ungeduld auf ihn ein. Er habe verstörende Nachrichten aus Florenz erhalten. Der Dichter Angelo Poliziano solle in wahnsinniger Raserei elend zugrunde gegangen, die Medici vor dem fanatischen Prediger Savonarola und seinem Anhang geflohen sein, und Graf Mirandola liege, vom Fieber geschlagen, krank darnieder. Von Giuliano da Sangallo konnte man keine Hilfe erwarten, da dieser in Rom weilte und deshalb nicht eingreifen konnte. Landino war zu alt und lebte inzwischen auf seinem Landgut, Gleiches galt für Ficino. Und Giovanni de Medici war für diese Aufgabe nicht nur zu jung, sondern hatte selbst, um sein Leben zu retten, als Mönch verkleidet fliehen müssen. Außer Pico schien sich keiner der Fedeli d’Amore mehr in der Arnostadt aufzuhalten. Ein Bundesbruder müsse sogleich aufbrechen, um nach ihrem Prior zu sehen, und, falls Pico tatsächlich der Hilfe bedurfte, ihm diese angedeihen lassen.

Bramante, der den Grafen ins Herz geschlossen hatte, zögerte keine Sekunde. Aus einer Karaffe, die neben dem Bett stand, goss er sich einen Schluck abgestandenen Weines in den Mund, schüttelte sich und rief nach seinem Diener.

»Giorgio, Lumpenhund, Bastard, elender, hol meine Reisesachen raus, sattle mein Pferd, ich muss weg!«, brüllte er. Hastig zog er Hose, Wams und einen Stiefel an, während er nach dem zweiten Ausschau hielt. Als Giorgio erschien, erteilte er ihm kurz Anweisungen für die Zeit seiner Abwesenheit. Dann suchte er, auf einem Bein hüpfend, weiter nach dem zweiten Stiefel. Schließlich legte er sich auf den Bauch, ließ seinen Blick über den Boden gleiten und entdeckte ihn unter dem Bett. Weil seine Arme aber nicht lang genug und der Bauch zu dick war, als dass er ihn hätte erreichen können, trieb er Giorgio an, seinen Stiefel hervorzuangeln. Als der hagere Diener diesen endlich in der Hand hielt, riss ihm der Architekt das Schuhwerk aus der Hand und schlug ihm damit einmal derb auf den Rücken, weil er so lange gebraucht hatte.

Zum Abschied nickte Bramante Leonardo zu. Der Freund war wie immer fein herausgeputzt. Nur seine langen Haare, die sonst in elegantem Schwung bis auf die Schulter fielen, hatten sich verwirrt, als hätte er sich zuvor gerauft, was so gar nicht seiner Natur entsprach.

Bramante eilte ins nächste Zimmer, griff seinen Geldbeutel, wählte mit Bedacht zwei Dolche und ein Rapier als Bewaffnung aus, verließ eilig das Haus und schwang sich auf seinen Rappen, dem er härter als gewollt die Sporen gab. Auf dem Weg von Mailand nach Florenz kam er nur aus dem Sattel, wenn er unterwegs die Pferde wechselte, die er fast zu Tode hetzte. Er war tief beunruhigt über das, was er von Leonardo gehört hatte. Diesmal nahm er sich nicht wie sonst die Zeit, um zu rasten, zu trinken, zu schlemmen und zu huren. Auch waren die Umstände nicht danach, denn kurz hinter Mailand begann der Krieg. Neben all den wohlvertrauten Gräueln wie Mordbrennen, Foltern und Vergewaltigen kam diesmal noch eine Krankheit dazu, die von den Franzosen, wie man ihn eindringlich gewarnt hatte, mit dem Schwanz verbreitet wurde und so vom Mann auf die Frau und von der Frau wieder auf den Mann sprang und an der man elendig und im Wahnsinn zugrunde ging. Die Zeiten waren rau, und der zarte Graf war es nicht. Bramante musste sich also eilen.

Sobald er die Lombardei verlassen und das Großherzogtum Toskana erreicht hatte, schlug ihm unverkennbar der bestialische Gestank des Krieges entgegen. Dreck und Blut, zerstörte und geplünderte Ortschaften, umherliegende Leichen, ein Trupp Söldner, um den er lieber einen Bogen machte, trieben ihn nur stärker zur Eile an. Ein ihm unvertrautes Gefühl der Trauer überkam ihn, trist wie das Novemberwetter mit seinen Nebelfetzen, seinen kühlen Regenschauern, seinem Grau. Von der Straße aus konnte er die Feldlager der Söldnerhaufen sehen. Die kläglichen Feuer vor den Zelten schwelten mehr, als dass sie loderten, weil das Reisig feucht war.

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Florenz, Anno Domini 1494

Nach dreieinhalb Tagen scharfen Rittes und kaum Schlaf erreichte Bramante endlich den Arno. Kälte und Nässe waren ihm inzwischen bis in die Knochen gedrungen, und er zweifelte nicht im Geringsten daran, dass er sich das Rheuma oder die Gicht in den Leib geholt hatte. Auf dem Fluss trieb der aufgedunsene Kadaver einer Kuh, der zu platzen drohte. Ein Anblick, der ihn melancholisch stimmte.

Während er noch im Banne des Saturns weilte, erhob sich vor ihm die Stadtmauer. Das Tor wurde zwar bewacht, aber eher nachlässig. Grauschwarz und feucht, wie sie waren, wirkten die hohen Stadtmauern ohnehin schon abweisend genug. Die Besatzung machte nicht den Eindruck, dass sie sich bei einem Angriff zur Wehr zu setzen gedachte.

Das Leben in der Stadt, auf den Straßen und Plätzen kam Bramante verändert vor. Auf irgendeine Weise ungeordnet, aus dem alltäglichen Rhythmus geraten, als würde keine Macht, keine Obrigkeit mehr gelten. Wie Gottes verlassene Welt, dachte er und erschrak sogleich über den Gedanken. Gebückte Menschen, die in ihren Lumpen wie Aasgeier wirkten, boten Gegenstände zum Tausch an, die ihnen wohl kaum gehörten. Offensichtlich hatten sie die Dinge beim Plündern der Häuser der Gefolgsleute der Medici an sich gebracht. In einer der Gassen versperrte ihm ein zerkratzter Tisch mit drei Beinen den Weg. Bramante stieß ihn mit dem Fuß im Steigbügel zur Seite. Schmutz, Abfall und Scherben bedeckten das Straßenpflaster wie eine zweite, von Blattern entstellte Haut. Außer den einfachen Huren wagten sich keine Frauen hinaus, auch nach vornehmen Männern hielt er vergeblich Ausschau. Es war die Stunde des Gesindels.

Eine dumpfe Niedergeschlagenheit senkte sich über Bramantes Gemüt. Er achtete nicht auf die Zurufe der Leute, sondern lenkte sein Pferd sogleich zum Dom, in dessen Nähe Giovanni Pico della Mirandola wohnte.

Vor dem kleinen Haus des Grafen sprang er ab, die Dolche griffbereit, und band sein Pferd an einen der drei eisernen Ringe, die in das Mauerwerk eingelassen waren. Dann nahm er das Rapier vom Sattel und steckte es in sein Wehrgehänge. Als er an die Tür klopfte, öffnete sie sich sogleich. Sie war nur angelehnt gewesen. Da ihm niemand entgegenkam, ging er hinein.

»Herr Graf! Pico!«, rief er mehrmals laut, erhielt aber keine Antwort. Weder im Vestibül noch in der Küche fand sich ein Mensch, obwohl im Herd noch ein Feuer brannte. Wo zum Teufel trieb sich der Hausdiener herum, wo war der Sekretär? Pico hatte den jungen Mann doch immer als Muster der Zuverlässigkeit gepriesen! Wo steckte denn nun der Hochgelobte?

Bramante zermarterte sich das Hirn, aber er kam nicht mehr auf den Namen des Sekretärs. Mit unguten Vorahnungen stürmte er die Steintreppe zum studiolo hinauf. Wieder klopfte er an, niemand forderte ihn auf einzutreten. Er schob die mit reichen Schnitzereien versehene Eichentür auf. Picos Arbeitszimmer wirkte düster, weil die vielen Bücher in den Regalen und der große Schrank aus Ebenholz linker Hand den Raum kleiner erschienen ließen, als er tatsächlich war. Bramante stieg der scharf-säuerliche Geruch von Erbrochenem in die Nase.

Der Hausherr saß an seinem Schreibtisch. Kopf und Oberkörper waren auf die Platte gesunken, so als ob der Graf über der Lektüre eingeschlafen wäre.

»Bruder Giovan!«, sagte Bramante. Der Graf regte sich nicht. »Bruder Giovan«, rief der Architekt lauter. Dann ging er auf den Schreibtisch zu, schlug einen Bogen um die blassrosa Masse am Boden und berührte den Freund sacht an der Schulter. Picos Körper sackte in sich zusammen, rutschte vom Stuhl und schlug hart auf dem Boden auf. Leblos wie eine Gliederpuppe, Körperteil für Körperteil. Bramante bückte sich zu dem Freund hinunter und sah entsetzt in seine starren Augen. Sie waren kalt, kalt wie blauer Hyazinth und konnten doch den Irrsinn der Zeit nicht heilen. Nein, diese Augen gehörten nicht zu Pico, ihnen fehlte die Ironie, der freundliche Spott, die menschliche Wärme, die ihn ausgezeichnet hatte. Es waren die Augen eines anderen, eines Toten. Mit letzter Hoffnung nahm Bramante eine Schreibfeder vom Tisch und hielt sie dem Gelehrten vor den Mund. Nicht einmal der Flaum bewegte sich.

Ein heftiges Schluchzen schüttelte seinen schweren Körper. Giovanni Pico della Mirandola atmete nicht mehr. Bramante konnte es kaum fassen. Lange starrte er reglos auf den Körper. Nur mühsam gelang es ihm, sich von dem Schock zu befreien, in den ihn der Schmerz versetzt hatte. Mit unterdrückter Wut machte er sich an die Untersuchung der Leiche. Zeichen äußerer Gewaltanwendung konnte er nicht feststellen. Eine Krankheit? Oder Gift? Die Farbe des ausgespuckten Mageninhalts ließ ihn zwar Letzteres vermuten, aber er war ja kein Arzt.

Mit aller Zärtlichkeit, die ihm zu Gebote stand, drückte er dem Freund die Augen zu, dann betete er unter Tränen ein Vaterunser. Es fiel ihm nicht leicht, sich an den vollen Wortlaut des Gebets zu erinnern, obwohl sein Gedächtnis gerühmt wurde. Er mühte sich trotzdem, weil er glaubte, es diesem außerordentlichen Manne schuldig zu sein. Es schien, als sei Pico einsam gestorben, ohne einen Menschen, der ihm hätte Trost, ohne einen Priester, der ihm hätte Beistand leisten können. Wie traurig das alles doch war. Ausgerechnet er, den die Menschen geliebt hatten, war verreckt wie ein Hund!

Nach einer Weile wischte sich der Architekt die Tränen ab und stand auf, um einen Arzt zu holen. Es dauerte lange, bis er einen Mann gefunden hatte, den er schließlich dank einer Mischung aus Geld und handfesten Drohungen überzeugen konnte, ihn zu Picos Haus zu begleiten.

Während der Arzt den Toten untersuchte, inspizierte Bramante den Schreibtisch des Grafen. Ein wehmütiges Lächeln flog über sein Gesicht, als er eine kleine Zeichnung fand. Sie zeigt Pico als König Salomo und ihn selbst als dessen Baumeister Hiram. Er hatte sie ein Jahr zuvor für den Grafen angefertigt. Schmunzelnd hatte Giovan damals das Bild entgegengenommen und aus der Bibel zitiert: »Und Salomo sandte zu Hiram und ließ ihm sagen: Du weißt, dass mein Vater David nicht ein Haus bauen konnte dem Namen des Herrn, seines Gottes, um des Krieges willen, der um ihn her war … Siehe, so hab ich gedacht, dem Namen des Herrn, meines Gottes, ein Haus zu bauen, wie der Herr zu meinem Vater David gesagt hat: Dein Sohn, den ich an deiner statt auf deinen Thron setzen werde, der soll meinem Namen das Haus bauen.« Dann hatte er gutmütig und auch ein wenig spöttisch gelacht.

Bramante waren die Worte nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Sein Blick wurde von einem Kupferstich angezogen, einer Darstellung Jerusalems mit einem runden Tempel, der eine Kuppel trug.

»Messèr!«, rief der Arzt. »Den hatte der Tote in der Hand.« Er hielt Bramante einen goldenen Ring hin, auf dem ein kleiner, ebenfalls goldener Aufsatz saß, den ein schwarzer Stein abschloss. Fasziniert hielt der Architekt den Ring ins Licht und entdeckte ein Monogramm. Geschickt, wie er war, fand er einen versteckten Miniaturmechanismus, mit dem er den Aufsatz öffnen konnte.

Das winzige Behältnis enthielt ein Zettelchen. Bramante nahm es heraus und faltete es so vorsichtig, wie es seine großen Hände zuließen, auseinander. Winzige Zeichen wimmelten auf dem Papier, die der Architekt nicht zu erkennen, geschweige denn zu entziffern vermochte. Da er wusste, dass Pico die Kabbala im Original studiert hatte, nahm er an, dass es sich bei den Zeichen um Hebräisch handelte. Aber mit bloßem Auge konnte er die Gebilde auf dem Pergamentfetzen nicht unterscheiden. Und sein hilfreicher Beryll lag zu Hause auf dem Schreibtisch. Da lag er gut, fluchte er leise. Allerdings hatte er nicht ahnen können, dass er ihn hier benötigen würde.

Bramante legte das Pergamentchen in sein Gehäuse zurück, verschloss die Kammer und nahm den Ring an sich. Er wollte sich später damit beschäftigen. Nachdenklich murmelte er: »Das Sterben hat mit Angelo Poliziano begonnen, jetzt Giovan, und dabei wird es nicht bleiben!«

»Wie bitte?«, fragte der Arzt.

Der Architekt musterte den Arzt mit leerem Blick. Nach einer Weile besann er sich und brummte: »Woran ist er gestorben?«

»Ein Fieber oder …«

»Oder?«

»Gift.«

»Meiner Treu, also doch!«

»Nicht unbedingt.«

»Könnt Ihr die genaue Todesursache nicht herausfinden?«

»Zu anderen Zeiten vielleicht, jetzt nicht. Guter Mann, die Franzosen sind in der Stadt. Und Frà Savonarola, der jetzt das Sagen hat und unter ihrem Schutz steht, verbietet das Öffnen von Leichen.«

Dann erging sich der Arzt in mannigfaltigen, von Latein durchsetzten Erläuterungen. Bramante verstand nur so viel, dass er wohl niemanden finden würde, der eine Leichenöffnung zur Feststellung der Todesursache vornehmen würde. In dieser einst so stolzen Stadt schienen sich alle vor dem finsteren Prediger Savonarola zu fürchten. Und nannten das Freiheit. Vom Joch der Medici befreit, hatten sie sich in die Tyrannei des Tugendboldes geflüchtet. Die Menschen konnten mit Freiheit nichts anfangen, sinnierte Bramante düster. Dann schob er seine trüben Gedanken beiseite und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Nächstliegende. »Wie kann ich für seine Beerdigung sorgen?«

»Geht zu Federico, dem Tischler. Er wohnt in Santa Croce, gegenüber der Franziskanerkirche. Er kennt alle Priester und alle Friedhöfe. Wenn Euch jemand helfen kann, dann er. Grüßt ihn von mir. Und geizt nicht mit der Bezahlung, wenn Ihr es würdig und pietätvoll wünscht, denn Euren Geiz würde der Tote büßen.«

Als Bramante auf die Straße trat, um den Beerdigungsunternehmer aufzusuchen, stellte er fest, dass es regnete. Doch es war nicht das nasskalte Wetter, das ihn schaudern und unwillkürlich die Schultern hochziehen ließ, sondern der Frost, der sich in seinem Innern ausbreitete. Plötzlich stieg Angst in ihm hoch, Angst, ebenso einsam zu sterben wie sein Freund Pico, der Liebling der Götter und der Frauen. Die Götter waren untreu. Und die Frauen? Wenn er Näheres über den Tod des Grafen erfahren wollte, musste er den Sekretär finden. Der aber schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Giacomo il Catalano, der zwei Jahre lang in der Maske des Sekretärs Sebastiano für Pico tätig gewesen war, hatte die Stadt gerade hinter sich gelassen, als er den Verlust seines Ringes bemerkte. Rasch wendete er das Pferd und galoppierte zurück. Doch er kam zu spät. Untätig musste er mit ansehen, wie ein stattlicher, grimmig blickender Mann mit wenig Haupthaar, mit dem im Handgemenge sicher nicht zu spaßen wäre, mit einem Arzt das Haus des Grafen betrat. Giacomo wartete ungeduldig. Weshalb hielten sich die beiden Männer so lange in dem Haus auf? Sollte es ihnen etwa gelungen sein, Picos Leben zu retten? Giacomo machte sich Vorwürfe, dass er nicht den Tod seines Opfers abgewartet hatte. Da er den Grund für die Nachlässigkeit kannte, ärgerte er sich nur umso mehr über seinen Fehler. Zum ersten Mal hatten ihm banale Gefühle die Ausführung eines Auftrages erschwert.

Als der Fremde und der Arzt nach geraumer Zeit endlich wieder aus dem Haus traten und sich im Nieselregen verloren, schlich er sich klopfenden Herzens noch einmal ins studiolo. Den Grafen fand er Gott sei Dank tot vor, was ihn der unangenehmen Pflicht enthob, letzte Hand anzulegen. Doch so seltsam es schien, es war ihm unangenehm, sich mit der Leiche des Ketzers in einem Zimmer zu befinden. Aber es half nichts, er musste den Ring finden. Er befühlte die Kleidung des Toten, suchte auf dem Boden und durchwühlte den Schreibtisch. Den Ring entdeckte er nirgends. Er wagte es kaum zu denken, aber es kam keine andere Lösung in Betracht als die, dass der Fremde den Ring an sich genommen hatte!

Im gleichen Augenblick, in dem ihn dieser Verdacht durchfuhr, drang der Klang von Schritten und Stimmen an sein Ohr. Er saß in der Falle und ärgerte sich, weil er als Sekretär des Grafen außer einem kleinen Messer keine Waffen bei sich führte. Er kannte das Zimmer zu gut, um nach einem Versteck zu suchen – es gab keines. Nur den Tisch, Stühle, Regale und den schwarzen Schrank, der vollgestopft war mit seltenen Handschriften und Schreibutensilien wie Federn, Tinte und Pergamentbögen.

Die Schritte knarrten auf den Dielen vor dem Raum, in dem er sich befand. In weniger als einer Minute würden die Männer vor ihm stehen. Das Einzige, was ihm blieb, war, ihnen an die Gurgel zu gehen, wenn sie das Zimmer betraten, und darauf zu setzen, dass sie zu überrascht waren, um sich zu wehren. Giacomo spürte weder Angst noch Bedauern, empfand er doch sein Leben lediglich als Galgenfrist. Er schickte ein kleines Gebet zum Himmel, besann sich aber plötzlich, riss, einer jähen Eingebung folgend, das Fenster auf und kletterte auf den Sims, wo ihm Wind und Regen wie ein feuchter Lappen ins Gesicht schlugen. Vielleicht konnte die Flucht ja doch noch glücken!

»Da ist der Schurke!«, hörte er einen Mann hinter sich brüllen. Giacomo il Catalano wagte nicht, sich umzusehen. Er hatte vollauf damit zu tun, nicht von dem feuchten Mauerrand abzurutschen.

»Bleib stehen, du Schuft!«, schrie der Mann. »Ich krieg dich ja doch!«

Ein Ächzen verriet Giacomo, dass der Bullige hinter ihm aus dem Fenster geklettert war und ihn verfolgte. Als er den Fuß auf die eine Elle breite Mauer setzte, die Picos Hinterhof von dem des linken Nachbarn schied, überlegte er kurz, ob er zum angrenzenden Grundstück hinüberspringen sollte, verwarf den Gedanken aber sogleich. Falls die Begleiter seines Verfolgers ihn vom Fenster aus beobachteten, konnten sie rasch zum Nebenhaus laufen und ihm den Fluchtweg abschneiden. Besser war es, über die Mauer in den Hof gegenüber zu gelangen. Der Weg um das ganze Häuserkarree herum wäre zu lang, als dass ihn die Verfolger noch stellen konnten. Das Aufeinandertreffen seiner ledernen Sohlen und des feuchten Mooses, das die Mauer bedeckte, war allerdings eine halsbrecherische Angelegenheit. Giacomo legte sein Geschick in Gottes Hand und setzte behutsam Fuß vor Fuß. Als er das Ende der Mauer erreicht hatte, dankte er seinem Schöpfer, dass er bei dem riskanten Unternehmen nicht abgerutscht war, und ließ sich erleichtert an einer Säule herab. Sie kam ihm seltsam deplatziert vor, wie sie da verloren an der rückwärtigen Mauer des Hofes stand, als seien einmal mehrere Säulen für ein kleines Gartenhaus geplant gewesen, das aber nie zur Ausführung gelangt war.

Giacomo rannte über den Hof, riss die Hintertür des kleinen Hauses auf und stürmte in den Flur. Rechts von ihm befand sich die Treppe zum piano nobile. Links lagen die Kammern der Dienstboten und die Wirtschaftsräume. Durch eine offen stehende Tür sah er, dass in dem Raum Plünderer am Werk waren. Sie schraken kurz hoch, als sie ihn erblickten, wühlten und rafften dann aber weiter, weil er sich nicht um sie kümmerte.

Plötzlich spürte er, wie zwei starke Hände von hinten seine Schultern umklammerten. Sein Verfolger war schneller, als er gedacht hatte. Nun würde es also doch noch zum Kampf kommen. Wenn der Mann sein Antlitz sähe, würde er ihn töten müssen.

6

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Florenz, Anno Domini 1494

Mit einem entschlossenen Sprung hatte Bramante den vermeintlichen Mörder Picos von hinten an den Schultern zu fassen bekommen. Der Unbekannte wirkte grazil, fast feminin, war aber erstaunlich kräftig. Ein Engel, ein Todesengel, durchfuhr es Bramante. Das Blut pochte in seinen Adern, und er keuchte vor Anstrengung, als sich der Mann plötzlich mit einer jähen Bewegung seinem Griff entwand. Der Architekt zog seinen Degen.

»Dreh dich um, du Schuft, sonst spieß ich dich von hinten auf!«, brüllte er wütend.

Im nächsten Moment erhielt er einen derben Schlag auf die Schläfe und gleich darauf noch einen zweiten. Er wankte und spürte, dass ihn der dritte Fausthieb zu Boden werfen würde. Ein Komplize! Rasch vollführte er, den Degen vorgestreckt, eine Drehung nach hinten, um Abstand zwischen sich und den Angreifer zu bringen. Er hatte diesen nicht bemerkt, weil er vermutlich von der Seite gekommen war. Verblüfft starrte der Architekt in ein von Bartstoppeln und strähnigem Haar bedecktes Gesicht, aus dem ihm ein fast zahnloser Mund entgegengrinste. Ein Plünderer, dachte Bramante, als er, erleichtert und ärgerlich zugleich, den zerlumpten Kerl betrachtete.

Für einen kurzen Augenblick fiel Licht in den Flur. Gleich darauf schlug die Vordertür zu. Bramantes Ohren glühten, und er spürte, wie maßloser Zorn in ihm aufstieg. Wegen dieses Gesindels würde ihm womöglich Picos Mörder entkommen!

»Lass dein Geld hier, bevor du Leine ziehst«, grunzte der Plünderer, wobei der Adamsapfel an seinem schmutzigen, mageren Hals widerwärtig auf und ab hüpfte. Mit diesen von einem selbstgefälligen Grinsen begleiteten Worten hatte er sein Todesurteil unterzeichnet. Bramante hob sein Rapier und stieß es dem Mann bis ins Herz. Das Grinsen erstarb, und zwei große, leere Augen starrten den Architekten an. Mit einer schnellen Bewegung zog er die Klinge aus der Brust des Plünderers und nahm verwundert wahr, dass das Blut auf dem Stahl im Dämmer eine schmutzig graue Farbe hatte.

Im gleichen Moment zerriss ein Aufschrei die Stille. Eine unförmige Frau kam aus einem der Wirtschaftsräume zeternd auf ihn zugeschwankt.

»Was hat er dir getan? Was hat er dir getan?«, kreischte sie schrill.

»Aus dem Weg, oder ich steche dich auch ab!«, brüllte Bramante zurück. »Das macht mir nichts aus!«

Die Dicke blieb stehen, starrte auf sein Rapier, sank auf die Knie und begrub ihren Mann unter ihrem mächtigen Leib.

»Trottel, dummer Trottel, was musst du dich auch einmischen, wenn sich die Herren streiten«, hörte Bramante sie noch jammern, als er bereits auf die Straße stürmte. Doch zu spät – er sah nur noch, wie die Schwanzspitze eines Pferdes um die Ecke verschwand. Wütend spuckte er aus und gab die Verfolgung auf. Der Mörder des Grafen war ihm entkommen! Zorn nahm ihm den Atem, und sein Gesicht lief feuerrot an.

Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht war es ja sogar ratsam, die Verfolgung abzubrechen. Dem durchwühlten Schreibtisch nach zu urteilen, hatte der Mörder etwas gesucht und offensichtlich nicht gefunden, sonst wäre er ja schon fort gewesen und er hätte ihn nicht überrascht. Vielleicht ging es dem Schurken nun darum, ihn von Picos Haus wegzulocken, um dann zurückkehren und seine Suche ungestört fortsetzen zu können.

Die Erkenntnis traf Bramante wie ein Blitz: Er griff in seine Tasche, holte den Ring heraus und betrachtete ihn lange mit einem bitteren Lächeln. Der Ring gehörte dem Flüchtenden, nach diesem hatte er gesucht! Er beglückwünschte sich dazu, dass er ihn an sich genommen hatte. Zufrieden warf er das Schmuckstück in die Luft und fing es wieder auf. Dieser Ring würde ihn zu Picos Mörder führen! Fest umschloss er ihn mit seiner Hand. Er besann sich kurz, dann kehrte er in den Hausflur zurück.

Die Frau schaute hoch und warf ihm einen hasserfüllten Blick zu.

»Ihr hohen Herren seid immer schnell mit dem Degen! Mein Flavio war vielleicht kein besonders guter Mann, aber der beste, den ich bekommen konnte. Kannst du mir vielleicht einen neuen beschaffen?«

»Was geht’s mich an!«, sagte Bramante kalt. »Er hat einem Mörder zur Flucht verholfen. Hör auf zu jammern. Kannst du das Gesicht des Kerls beschreiben?«

»Ihr seid doch alle Mörder! Warum sollte ich Euch helfen?«, fauchte die Frau und wischte sich mit einem Zipfel ihres löchrigen Gewandes über das Gesicht.

»Weil dein Mann die Sache verdorben hat und weil du einen Scudo dafür bekommst.«

Sie legte den Kopf auf die Seite und dachte nach. »Einen ganzen Scudo, sagt Ihr?«, fragte sie und rieb ihren breiten Daumen an ihrem dicken Zeigefinger.

Statt einer Antwort warf Bramante ihr die Münze zu. Mit überraschender Geschicklichkeit fing sie diese auf und biss hinein.

»Ihr sucht einen schönen Mann!«, erklärte sie, nachdem sie sich von der Echtheit der Münze überzeugt hatte.

»Schön?

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