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Die Küste der Kindheit

Über Martin Andersen Nexö

Martin Andersen Nexö wurde am 26. Juni 1869 in Kopenhagen geboren. 1877 Übersiedelung der Familie Andersen nach Neksø auf die Insel Bornholm, Arbeit als Hütejunge und Dienstmann. Nach Beendigung einer Schuhmacherlehre Besuch der traditionsreichen Volkshochschule in Askov, danach Lehrer in Odense auf der Insel Fünen, literarisch-journalistische Betätigung. 1894-1896 Reise nach Italien und Spanien, um eine Tuberkulose auszuheilen. Seit 1910 längere Reisen nach Deutschland, wo er von 1923 bis 1929 seinen festen Wohnsitz hat. 1925 heiratet er in dritter Ehe Johanna May aus Karlsruhe. Andersen Nexö unterstützt alle wichtigen internationalen Aktionen gegen Faschismus und Krieg und nimmt an den Schriftstellerkongressen zur Verteidigung der Kultur in Paris und Madrid teil. Während der deutschen Besetzung Dänemarks 1941 verhaftet, 1943 Flucht nach Schweden, 1944 Exil in Moskau, 1945 Rückkehr nach Dänemark. 1951 Übersiedelung in die DDR, wo er in Dresden-Weißer Hirsch eine Ehrenwohnung bezieht. Hier stirbt Andersen Nexø am 1. Juni 1954. Die Beisetzung erfolgt in Kopenhagen, wo auch sein literarischer Nachlaß betreut wird.

Informationen zum Buch

Der große dänische Dichter, der mit seinen Romanen »Pelle der Eroberer« und »Ditte Menschenkind« weltberühmt wurde, hat im Laufe seines Lebens an die neunzig Geschichten geschrieben. In seiner unverwechselbaren, bildhaften Sprache erzählt er von Menschen, die »etwas von der Weltumdrehung im Blut haben« und das Glück oft finden, wo sie es nicht gesucht haben. Junge und Alte, Abenteurer und Seßhafte, Seefahrer und Dörfler kreisen um die beiden Pole dieser phantastischen Welt: die märchenhaft schöne Insel Bornholm und das nicht weniger sagenhafte Kopenhagen, das alles und jeden zu verschlingen droht und doch für viele zum letzten Ankerplatz wird.

Martin Andersen Nexö

Die Küste der Kindheit

Die schönsten Erzählungen

Herausgegeben von Tilman Spreckelsen

Das musikalische Schwein

Eine Rune über das Genie

Mitten in einem der Grübchen der Erde liegt ein kleines Land. Es besteht aus hundertsieben Inseln und noch einer halben dazu, und die halbe ist die größte von ihnen allen.

Fast jede dieser Inseln ist so klein, daß man sie mit einem Blick überschauen kann, und so fruchtbar, daß die Buchenzweige tief auf das gelbe Korn herunterhängen; das Getreide wieder neigt sich über das Kleefeld und der Klee über die Wiese. Die Wiese aber läuft geradewegs ins Wasser hinaus und wird zu Seegras.

Selbst die Gewässer sind klein, und gerade das macht sie so anziehend. Wie silberne Bänder schlingen sie sich um die kleinen Inseln, schimmernd von springenden Fischen und weiß und rot gesprenkelt von den Tupfen der Bootssegel. Über die meisten dieser Gewässer hinweg kann man ganz deutlich sehen, wie sich der Wald auf der anderen Seite in ihnen spiegelt und die Fischerrangen unten am Strand spielen.

Die Berge sind auch klein – aber doch groß genug. Von den Gipfeln der höchsten aus sieht man alle die kleinen Sunde, von denen jeder sein Inselchen im Arm hält; und wenn es windstill ist, sieht es genauso aus, als ob die kleinen Inseln auf dem Meer schwämmen und wie hängende Gärten auf und nieder schaukelten.

So klein ist das Land, daß seine Bevölkerung übermenschliche Anstrengungen machen muß, um sich in dem Bewußtsein der großen Welt zu behaupten; und aus diesen Anstrengungen ist mein Freund hervorgegangen.

Ich fühle um mich her schadenfroh lächelnde Gesichter, aber das ficht mich nicht an – ich bin mir keiner Anmaßung bewußt. Er hat mir selbst das Recht gegeben, das Wort Freund zu benutzen, da er es zuerst tat; und das geschah ohne jede Kriecherei von meiner Seite. Nicht einmal das konnte er damals wissen, daß es mir zufallen würde, seinen Nachruf zu schreiben.

Ebensowenig möchte ich für einen der vielen gehalten werden, die im Kielwasser des Genies segeln und sich von diesem mitschleppen lassen – oder die dem Genialen nachschnüffeln und alles, was es hinter sich fallen läßt, für ein Buch nach seinem Tode sammeln. Ich habe meinem großen Freund nie den Tod gewünscht, um seinen Lebenslauf niederschreiben zu können! Und obwohl ich weiß, daß selbst der Königsadler »kleine Bewohner« hat, die auf dem stolzen Vogel leben und seinen höchsten Flug mitmachen, ficht mich dieser Gedanke nicht an. Meine Freundschaft mit dem Verstorbenen bestand hauptsächlich darin, daß ich ihm Dienste erwies. Meine Bescheidenheit würde mir verbieten, das zu erwähnen, sowie überhaupt von mir selbst zu sprechen, wenn mich die niedrige Anschauungsweise gewisser Menschen nicht dazu gezwungen hätte.

Dort, wo der Buchenwald eine Bucht bildete und das Kornfeld seine gelben Wogen tief hineinschickte, lag ein kleiner Bauernhof. Und mitten in diesem Bauernhof befand sich der Misthaufen.

Dieser Misthaufen ist von großer kulturhistorischer Bedeutung; und wenn die Pietät bei uns daheim wieder in den Herzen Platz findet und alles gesammelt wird, was sozusagen den Rahmen des Daseins unserer großen Geister bildete, ihr zeitliches Wohlergehen bedingte, kommt selbstverständlich auch dieser Misthaufen dran. Ich werde hier nicht Rechenschaft darüber ablegen, wann und wie er in unser Geistesleben eingreift, sondern nur erwähnen, daß er eine Zeitlang der Tummelplatz des Verstorbenen war und eine wichtige Rolle bei seiner körperlichen Entwicklung spielte. Hier veranstaltete er in seiner frühesten Jugend Treibjagden auf die Hühner und zwang sie, den seit Jahrtausenden vernachlässigten Gebrauch ihrer Flügel wieder aufzunehmen, weil er schon damals mit dem starken Instinkt des Genies das Zahme und bürgerlich Sichergestellte haßte. Hier grub er sich weiß ein und kam braun wieder zum Vorschein; hierher flüchtete er sich auch später, in den freien Stunden seines Mannesalters, und labte sich an der Sonne, bis er nahe daran war, zu Öl zu werden.

Ich bedaure die glücklicherweise nur wenigen, die die Begriffe Idealität und Misthaufen nicht in Einklang bringen können, und erinnere hier nur daran, daß, während wir anderen uns waagerecht bewegen, die Genies sich in die Höhe und Tiefe ausdehnen – und dabei nicht zum geringsten Teil in die Tiefe. Das Leben unserer großen Männer bestätigt meine Auffassung. Hingegen wird niemand überrascht sein, daß mein verstorbener Freund ein Schwein war; unser kleines Volk hat sich übrigens von jeher an die Landwirtschaft gehalten, wenn es etwas Außergewöhnliches hervorbringen wollte.

Und er war außergewöhnlich!

Er war es von Geburt an und seiner ursprünglichsten Veranlagung nach. Mit dem Ringel, in dem er schon von klein auf seinen Schwanz trug, konnte es kein anderer Ringel im Lande aufnehmen; sein Galopp, sein Grunzen, sein Blick – dieser wunderbare Spiegel der Seele –, alles war eigentümlich und verriet dem scharfen Beobachter das künftige Genie.

Seine Jugend trug das Gepräge dessen, was man heutzutage gesunde Sinnlichkeit heißt. Er ging nicht umher und beobachtete sich selbst, führte über seine inneren Regungen kein Tagebuch – und lachte über das Verlangen der Mittelmäßigkeit nach Konsequenz. Er war ein glücklicher Kerl und schämte sich nicht, es zu zeigen. Die Kritiksucht der Zeit war ihm fremd, und er ging nicht darauf aus, mit gerümpftem Rüssel alles alt und abgeschmackt zu finden; die kleinsten Kleinigkeiten konnten ihn freuen. Er war ein gesundes Schwein, und schon das hätte ihm zu einer Zeit, wo die Erstarrung so verbreitet war, eine Sonderstellung gesichert. Dazu waren seine Handlungen ihm ganz eigen und von einer spontanen Stärke, die berückte – jede Halbheit war und blieb ihm fremd. Er konnte seine Anschauungen ändern, selbstverständlich, aber er schwankte nie zwischen der Rüben- und der Kartoffelgrube hin und her.

Es fällt ein bißchen schwer, bei dieser Zeit zu verweilen, in der seine Umgebung ihn gar nicht verstand, sondern in einem so außergewöhnlichen jungen Wesen nur etwas Mißlungenes – einen Wechselbalg – sah. Wenn er als kleines Ding mit sich selbst redend umhertrottete, was unverkennbar von innerem Reichtum zeugt, hieß es bloß, er sei verrückt. Damals litt er noch nicht unter der Verkennung, später aber wohl. Und er wird sich in seinem Himmel darüber freuen, daß ihm jetzt, nach seinem tragischen Tod, volle Anerkennung zuteil wird. Auch für uns andere ist das ein Glück, denn die Gerechtigkeit läßt sich nicht ungestraft von einem ganzen Volk mit Füßen treten. Daß aber unser kleines Volk sich jetzt so einstimmig vor seiner Genialität beugt, ist ein neuer Beweis für dessen hohe Geistesbildung; um so mehr, als er ja nie etwas hervorbrachte, was von seinen seltenen Gaben hätte Zeugnis ablegen können. Die Verhältnisse wollten es nicht.

Die frühzeitige Entschlossenheit im Denken und Handeln brachte zwischen seinem Körper und seiner Seele eine Harmonie hervor, die ihn in seiner Jugend zum Ideal eines Schweines machte. Und obgleich er im Laufe der Zeit wohlbeleibt wurde, war er nie zu fett, als daß er das Dasein nicht in frohen und trüben Tagen hätte genießen können.

Ich habe einen Materialisten behaupten hören, das ganze Geheimnis des außergewöhnlichen geistigen und körperlichen Gleichgewichts meines Freundes habe darauf beruht, daß er seine Nahrung sechsunddreißigmal kaute und deshalb eine gute Verdauung hatte. Ich würde an die Widerlegung dieser zynischen Erklärung keine zwei Worte verschwenden, wenn die Lehren des Naturalismus nicht ringsum im Volk offene Ohren fänden. Aber es scheint wirklich, als sollte dieser größte Krebsschaden unserer Zeit, der frech Gottes Dasein leugnet und uns doch nicht das Entstehen der geringsten Bakterie erklären kann, unser Volk dadurch aller geistigen Werte berauben, daß er alles als ein Ergebnis der Verdauung hinstellt. Für mich steht fest, daß außergewöhnliche Kräfte tätig sein müssen, um das Außergewöhnliche hervorzubringen; und es ist sicher, daß nur die Fürsorge einer ewig wachen Vorsehung meinen Freund vor dem bösen Geschick bewahrte, von dem seine elf Geschwister ereilt wurden, sobald sie das Licht der Welt erblickt hatten.

Ich werde jetzt seinen Lebenslauf erzählen, ohne etwas zu verschweigen oder auszuschmücken, und man kann dann selbst urteilen.

Auf dem kleinen Bauernhof stand eine große, wichtige Begebenheit bevor – die Sau sollte ferkeln. Alle waren in einer gewissen Spannung, und nicht zum wenigsten die Kinder. Sie wußten, es würde in der nächsten Nacht geschehen, denn der Vater hatte im Kalender nachgesehen. Und darin steht alles – wann der Geburtstag eines jeden ist, wann die Sonnenfinsternis eintritt und wann das alte Schwein Junge bekommt. Das alles weiß man drüben auf dem Observatorium in Kopenhagen.

Für gewöhnlich übernahm bei so wichtigen Gelegenheiten der Bauer selbst die Wache, aber die anstrengende Heuernte befand sich in vollem Gange, und er war todmüde und mußte am nächsten Morgen wieder frühzeitig heraus. Also übertrug er die Nachtwache seinem ältesten Jungen, mit der strengsten Weisung, der Alten gleich die Ferkel wegzunehmen, sobald sie da wären. Denn sie hatte die Neigung, während der Wehen ihre bereits geborenen Jungen totzubeißen.

Die Sonne ging unter; der Bauer legte sich zu Bett, und der Junge begab sich mit seiner Laterne in den Schweinestall.

Das Mutterschwein lag ausgestreckt auf der Seite und atmete schwer – vielleicht hatten die Wehen schon begonnen. Aber vielleicht schnarchte es auch nur. Der Junge setzte sich auf den Rand des Troges und betrachtete das Schwein aufmerksam; aber bald übermannte ihn die Müdigkeit und er mußte sich nach irgendeiner Unterhaltung umsehen, um nicht einzuschlafen. Er kroch zu den Stierkälbern in den anderen Stand hinüber; diese aber waren müde und wollten nicht mit ihm spielen, obgleich er sich auf alle viere stellte und mit seiner Stirn einige Male gegen die ihren stieß. Schließlich wurde ihm die Sache langweilig, und er holte seine Armbrust, um die Ratten zu erschießen, wenn sie kämen und aus dem Schweinetrog fräßen. Lange saß er mit gespanntem Bogen wartend da; es kamen aber keine Ratten.

Da überkam ihn plötzlich die Lust zu rauchen. Alle anderen waren jetzt längst zu Bett, und so hatte er keine Prügel zu befürchten, obgleich das spanische Rohr gerade im Hinblick auf dieses Verbrechen in der Lauge lag. Er holte Tabak, Pfeife und Zündhölzer aus ihren verschiedenen Verstecken hervor und hatte das Pfeifchen bald in Brand gesetzt. Aus vollen Zügen qualmend, kroch er über den Verschlag hinauf, um eine Luke zuzumachen, die nach dem Feld hin offenstand.

Drüben, hinter dem nahen Wäldchen, entdeckte er einen roten Schein. Es sah genauso aus, als wäre die Sonne in Nachbar Madsens Garten niedergegangen und läge dort und glühte. Plötzlich aber schoß eine Feuerzunge über den Bäumen empor, verschwand und kam wieder – eine Feuersbrunst! Der Junge hatte noch nie einen Brand aus der Nähe gesehen, das Schwein schlief ruhig, und er konnte in einer Viertelstunde wieder dasein.

Er warf die Pfeife zur Laterne hinunter, sprang durch die Luke hinaus und setzte sich in Trab. Die Brandstätte war jedoch weiter entfernt, als er gedacht hatte; er lief über eine Stunde, ehe er hinkam. Was er dort sah, übertraf dann aber auch seine wildesten Phantasien. Die Flammen glichen einem großen Durcheinander von Scharen ringender Feuerriesen; einige ragten bis zum Himmel empor, andere krümmten sich oder sanken zusammen, sprangen dann plötzlich wieder in ihrer ganzen Länge auf und schleuderten einen Funkenregen und brennende Massen in den dunklen Weltraum hinaus. Und über die Felder hin stand eine lange Reihe Männer, die einander Eimer voll Wasser zureichten, um den Durst der Riesen zu löschen. Aber plötzlich sah der Junge auch hinter sich einen hellen Lichtschein – dort, wo sein väterlicher Hof liegen mußte –, und es fiel ihm ein, daß er die Pfeife brennend weggeworfen hatte. Sofort brach er in lautes Geheul aus, nahm seine Holzschuhe in die Hand und rannte über frischgepflügte Äcker, über staubige Straßen und durch nasses Gras heimwärts; er fuhr sich mit dem Rockärmel über die Nase, und das Wasser ging ihm vor Schrecken in die Hosen – er war vollständig aufgelöst! Und als er dann wieder jenseits des Wäldchens anlangte, war es nur die Sonne, die gerade hinter dem väterlichen Hof aufging! Da war er so überglücklich, daß er sich geradeswegs in die Arme seines Vaters stürzte, der am Hoftor stand und ihn mit einem biegsamen Rohr erwartete.

Wenn es auch eine kleine Übertreibung ist, daß unsere Bauern das Gras wachsen hören, so haben sie doch offene Ohren für alles Höhere – mitten in der Nacht war der Bauer vom Gebimmel der Kirchenglocken im nächsten Dorf aufgewacht. Er hatte sich sofort in den Schweinestall begeben, um zu sehen, wie es dort stehe, und eine zur Hälfte ausgerauchte Pfeife sowie ein kleines Ferkel vorgefunden, das in einem Rattenloch lag und jämmerlich schrie. Das war der ganze lebende Rest von zwölf Geschwistern.

Die Geschichte des Jungen hätte beinahe dort geendet, wo die des Schweines anfing. Er hatte geraucht, hatte seinen Wachtposten verlassen und trug so die Schuld daran, daß das Schwein elf Ferkel totgebissen hatte; und er hatte obendrein noch ein Paar neue Strümpfe durchgelaufen. Dies alles hatte er in seiner Begeisterung darüber, daß der Hof nicht durch seine Schuld in Flammen aufgegangen war, vollständig vergessen. Aber er machte die Sache nur noch schlimmer dadurch, daß er sich, unter dem Stock des Vaters hüpfend, auf diese Tatsache berief. Und wenn sich nicht die Großmutter ins Mittel gelegt hätte, wäre dieser Lebenslauf vielleicht niemals geschrieben worden und vieles sähe überhaupt anders aus. Denn der Bauer war vor Zorn außer sich.

Während die irdische Laufbahn meines Freundes also durch große, schicksalsschwangere Ereignisse eingeleitet wurde, die vortrefflich mit seinem späteren stark bewegten Leben harmonierten, lag er selbst in Großmutters Stube in einem Körbchen. Sie hatte es übernommen, ihn mit der Flasche großzuziehen. Und während sie sich mit ihm beschäftigte, schüttelte sie ihren hinfälligen Kopf und murmelte etwas davon, daß der Teufel, da er den Speck schon gefressen hätte, jetzt auch noch die Borsten holen könnte. Aber sie meinte es nicht böse damit; sie war nur alt und das eben so eine Redensart. Im Gegenteil – sie tat alles, was in ihrer Macht stand, damit das Ferkelchen sich wohl fühle; sie nahm es sogar nachts mit in ihr Bett, weil sie meinte, es vermisse die körperliche Wärme.

Die erste Kindheit war unbedingt die glücklichste Zeit im Leben unseres Helden; und da fühlte er sich auch so wohl, wie es einem irdischen Wesen überhaupt beschieden sein kann. Frei von allen Sorgen und Kümmernissen galoppierte er in Großmutters Stube herum, rieb sich an den Spitzen ihrer Holzschuhe und warf ihren Garnkorb um, daß die Knäuel durcheinanderrollten. Und wenn sie dann spaßeshalber mit ihrem Krückstock hinter ihm herlief, stieß er ein entzücktes Geheul aus und schlüpfte zur Tür hinaus. Seine richtige Mutter schien er nicht zu entbehren; und als er sie später wiedersah, erkannten sie einander gar nicht.

Dies könnte ein niederschlagendes Ergebnis für uns alle sein, die wir behaupten, Mutterliebe sei der Urgrund aller Gefühle und die Arme der Mutter seien der einzig wirkliche Schutz für die Unschuld und die Freuden eines Kinderdaseins, was in der Regel sicher auch stimmt. Wir dürfen nur nicht vergessen, daß wir es hier mit einer Ausnahme zu tun haben.

Indes wuchs mein Freund heran und machte sich immer mehr von Großmutters Rockzipfeln frei. Er trieb sich viel im Freien herum und brachte die Nacht mit seinesgleichen im Schweinestall zu – sein sozialer Instinkt war erwacht. Nur ab und zu verirrte er sich aus alter Gewohnheit in Großmutters Stube, aber der Umgang mit den anderen hatte ihm verschiedene unschöne Angewohnheiten beigebracht – er befand sich ja damals in dem gelehrigsten aller Alter –, und so wurde er gar bald wieder hinausgejagt.

Und trotzdem: Jetzt, wo er unter seinesgleichen lebte, mußte es jedem Klarsehenden recht ins Auge fallen, wie weit er über ihnen stand. Man brauchte nie über sein Benehmen zu erröten, er vermied die Gemeinheiten seiner Kameraden und griff nie spielend den Mysterien des Lebens vor. Er besaß Schüchternheit – eine Eigenschaft, die sonst mit den Flegeljahren unvereinbar ist –, und er war Stimmungen unterworfen.

Schon in jener Epoche seines Lebens erkennen wir die ersten schwachen Anzeichen dessen, was für alle Zeiten sein Schicksal werden, sein irdisches Dasein verbittern und ihm dafür ein unsterbliches Andenken sichern sollte – wie das bei Genies meist der Fall ist.

Ein wunderbar feiner Sinn für Musik war ihm als Patengeschenk in die Wiege gelegt worden.

Das wußte damals aber niemand, nicht einmal er selbst, bis die Erweckung kam; und das geschah erst einige Zeit nach dem Übergangsalter. Er fing nicht damit an, sich schon in frühester Zeit eine Flöte zu schnitzen und diese so wunderbar zu traktieren, daß er sich hierdurch die Gunst einflußreicher Gönner erwarb; Schweine entwickeln sich nun einmal nicht auf diese Art. Die Erweckung kam im Gegenteil ganz plötzlich, und das kennzeichnet stets den höchsten Grad künstlerischer Begabung.

Es war an einem Herbstabend, mit Nebel über den Wiesen und Lauten, die von weit her kamen. Die Sonne war unter-, der Mond aufgegangen, und auf dem Hackblock vor dem westlichen Flügel des Hofes saß der Knecht mit dem Milchmädchen auf dem einen Knie und der Ziehharmonika auf dem anderen. Er arbeitete sich mühsam durch die Melodie von »Hjalmar und Hulda« hindurch und sang mit schmachtender Stimme die zweiundzwanzig Strophen, während das Mädchen mit sorgenvollem Gesichtsausdruck zuhörte. Die Luft war mild und ruhig, und die ganze Natur schien mit angehaltenem Atem dem Gesang zu lauschen. Ich habe übrigens beobachtet, daß die Natur bei uns daheim jederzeit lebhaften Anteil an den Freuden und Leiden ihrer Kinder nimmt und sie getreu widerspiegelt – und kann mich bei dieser Beobachtung auf viele Zitate aus einheimischen Dichtern stützen. Dieses gemütliche Verhältnis kommt, glaube ich, daher, daß unser Vaterland so klein ist. Alles liegt so nah beisammen und bildet deshalb notgedrungen eine große Familie mit gemeinsamem Glück und Unglück.

Während die erste Strophe vorgetragen wurde, stand das Schwein im Hof am Brunnen und kratzte sich mit einem Hinterfuß den Nacken. Diese Übung wiederholte es jeden Abend, bevor es zur Ruhe ging, um sich seine Gelenkigkeit zu bewahren, denn es haßte das Fettwerden. Die ersten Töne machten es stutzen, die nächsten setzten es in einen raschen Galopp zum Hoftor hinaus. Dort steckte es den Kopf in einen Haufen Nesseln und lauschte mit geschlossenen Augen.

Armer Kerl! Seine irdische Glückseligkeit hatte bisher in Kleie und gehacktem Grünzeug bestanden, und wenn er dann gar noch etwas Buttermilch bekam, hatte er sich in den Himmel aller Himmel – den Schweinehimmel – versetzt geglaubt. Jetzt verblaßte das alles, und vor seinem inneren Auge stieg eine höhere, schönere Welt empor. Glückliches Schwein!

Der Abschied war überstanden. Zum letztenmal hatte Hjalmar seine Hulda, die ihm ewige Treue schwor, umarmt und war dem »Heer der Feinde« entgegengezogen. Schwerfällig wie ein überladenes Schicksal mit zu wenig Vorspann bewegte sich das Lied langsam vorwärts: Hulda bekommt Briefe, die sie mit ihren Tränen benetzt – Hulda erhält keine Briefe, weint aber trotzdem – Hulda erhält die Nachricht, Hjalmar sei tot, und ist untröstlich. Sie will es nicht glauben, daß er tot ist, und glaubt es doch; langsam gibt sie den unermüdlichen Vorstellungen ihrer falschen Verwandten nach und erklärt sich bereit, einen anderen zu heiraten. Der Hochzeitstag kommt heran, und abends bei dem Fest erscheint Hjalmar; Huldas Verwandte hatten ihn totgelogen. Eine fürchterliche Katastrophe tritt ein: Hjalmar tobt wie ein Rasender gegen das böse Schicksal; er zieht sein Schwert und tötet zuerst den Bräutigam, dann sich selbst. Sobald sie das sieht, ergreift Hulda die blutige Waffe und stößt sie sich ins Herz; tot fällt sie über die Leichen der beiden hin. Hjalmar und Hulda ruhen jetzt gemeinsam in schwarzer Erde.

Die Magd schluchzte bei den letzten Strophen laut auf, und als das Lied zu Ende war, lehnte sie den Kopf an die Schulter des Knechtes und war nicht zu trösten.

Auch das Schwein war bewegt, wenn auch auf etwas andere Art. Eine neue Welt war vor seinem Bewußtsein aufgetaucht, sein musikalischer Sinn war geweckt. Später wurde die Harmonika heiser und zischte die meisten der Töne nur noch heraus, und der Baß bekam ein Loch. Aber das Schwein zehrte von dem ersten unvergeßlichen Eindruck. Es ergänzte die verstümmelten Melodien der Harmonika durch Halbtöne und Sonstiges und komponierte im Geiste selbst lange Stücke – es wurde Musiker.

Oberflächliche Menschen und deren gibt es genug – werden vielleicht einwenden, so ein simples Instrument wie die Ziehharmonika, die »Hjalmar und Hulda« begleitete, könne unmöglich in Freund Schwein den Sinn für höhere Musik geweckt haben. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, daß in der Schweinewelt Ursache und Wirkung nicht in einem unmittelbaren Verhältnis zueinander stehen. Man wird mir sofort recht geben, wenn ich an den Mann erinnere, der sein Mutterschwein mit drei Speckseiten fütterte und nur zwei dafür zurückbekam. »Ein Klafter macht bei einem Schwein viel aus«, sagt das Sprichwort; und hier handelt es sich noch dazu um ein außergewöhnliches Schwein. Vollauf befriedigend sind alle diese Gründe wohl nicht; aber hat das Übersinnliche nicht auch ein gewisses Recht innerhalb des Daseins? Hier auf Erden war es außerdem von jeher gute Sitte, den Glauben zu Hilfe zu nehmen, wenn der Verstand nicht ausreichte.

Mein Freund war also im höchsten Grade musikalisch.

Doch die Vorsehung hatte mit jenem erhabenen Gerechtigkeitssinn, der alle ihre Handlungen prägt und sie veranlaßt hat, Baldur das schöne Antlitz, Njord aber die entsprechenden Füße zu geben, Freund Schwein eine Stimme geschenkt, die jede künstlerische Laufbahn ausschloß, obgleich sie ihn nicht daran hinderte, selber seine seltene Veranlagung zu genießen. Und das sollte ein wirklich tragisches Element in seinem Leben werden.

Ob er nun heimlich in den gelben Rüben des Küchengartens wühlte, es sich am Napf des Kettenhundes wohl sein ließ oder sich auf dem Misthaufen sonnte – immer und immer summte es in ihm. Und wenn das Summen Gestalt angenommen hatte, kam sein Wesen ins Gebären; er mußte dann singen, ob er wollte oder nicht. Denn wie alle Genies war auch er nur ein willenloses Gefäß – ein Instrument – seiner großen Begabung. Dann brach aus seiner Kehle ein Meer von Tönen hervor, so wild und bizarr, daß man die Elemente in ihrem Toben zu hören glaubte. Er sang immer aus ganz schlichten, mächtigen Gefühlen heraus – von der Hoffnung und ihrer Enttäuschung, von dem Sturmlauf des Unglücks über die Erde und von den ewigen Schicksalen. Er selbst war damals zwar eitel Harmonie und geneigt, das Leben in rosigem Licht zu sehen, aber er war nicht so engstirnig, zu räsonieren wie der Kater, der fand, es ginge allen gut, weil er selbst herrlich auf dem Speck saß. Er war selbstlos genug, einzusehen, daß er eine Ausnahme bildete und daß die große Mehrzahl ein trauriges Dasein fristete. Deshalb war der Grundakkord seiner Schöpfungen Weltschmerz.

Und wenn er in seiner Ergriffenheit am schönsten und lautesten sang, geriet er dadurch immer in Konflikt mit seiner Umgebung. Die Hühner gackerten entsetzt über sein gellendes Gegrunze, die Gänse schrien laut auf und schlugen vor Angst mit den Flügeln, die Menschen stopften sich die Finger in die Ohren. Nicht selten kam der Bauer mit einer Peitsche daher und fragte prosaisch, ob er wohl seinen dreckigen Rüssel halten wolle.

Wie alle hochmusikalischen Geschöpfe hatte das Schwein große Augen und gut entwickelte Ohren, und diese hingen bei derartigen Gelegenheiten so betrübt herunter, als gäbe der Genius der Musik selbst auf diesem natürlichen Weg seiner Niedergeschlagenheit Ausdruck. Mein Freund war ja so überzeugt von der eigenen Berufung und begriff die Behandlung nicht, die ihm zuteil wurde. Die Verkennung entmutigte ihn ein paar Tage lang sehr und wirkte lähmend auf seine ganze Persönlichkeit bis in den Schwanzringel hinein, aber das war nur vorübergehend. Bald erwachte sein Selbstgefühl wieder und bewirkte, daß er sich empörte. Es war ja nichts als Dummheit, Mangel an Sinn für das wirklich Echte, was die anderen veranlaßte, nach ihm zu stoßen und ihn auszuzischen. Vielleicht war auch ein klein bißchen Neid mit im Spiel. Konnte man sich aber eine bessere Bestätigung für die eigenen Talente wünschen als den Neid der anderen?

Niemand kennt einen so gut wie man selbst – auch wenn man ein Schwein ist. Und unser Landsmann verstand es, in allem, was ihn selbst betraf, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wie alle hervorragenden Geister dürstete er nach Lob und empfand zugleich die größte Verachtung dem Urteil anderer gegenüber, wenn es ungünstig für ihn ausfiel. War nicht das Zischen des Pöbels, wenn man es recht bedachte, eine größere Anerkennung für die Kunst als selbst das Beifallklatschen der Kenner?

Außerdem sang er ja nicht um seiner selbst willen und konnte deshalb in vielem Nachsicht üben. Er war kein Anhänger von l’art pour l’art oder des Speckes um des Speckes willen, sondern meinte, so, wie die Kunst ihre Wurzeln im Leben habe, müsse sie auch ihren Zweck dort haben. Dies verlieh ihm Kraft, und wenn er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, singen zu wollen, brachten ihn weder die Stöße mit dem Holzschuh noch alles Auszischen zum Schweigen – er hatte die Verstocktheit des geborenen Reformators. Die Stimme hatte er ja, wie gesagt, gegen sich, aber es wird ewig als unbestreitbarer Beweis für seine große Begabung bestehen bleiben, daß er selbst ihre Mißtöne nicht hörte. Er sang aus der Tiefe seiner Seele heraus, und da war alles Vollkommenheit.

Wie groß war er! Jeder eigennützige Gedanke lag ihm fern; und mitten in diesem Sturm von Neid und Unwillen, der sich gegen ihn erhob, dachte er nicht daran, sich in Sicherheit zu bringen, sondern war nur bemüht, die Rasse zu veredeln, sie aus der Gewohnheitsschweinerei zu sich emporzuheben.

Und wie niedergeschlagen war er, als er entdeckte, wie vergeblich diese Mühe war. Er hatte behauptet, ein Schwein lebe nicht von Treber allein; es gebe etwas Höheres, Wichtigeres im Leben, als seinen Speck zu pflegen. Und die Folge davon war nur, daß die anderen ihn vom Trog wegjagten, wenn er hungrig hinkam, und ihm seine eigenen Worte wiederholten. Er war derart gelähmt durch diese Entdeckung, daß er stundenlang am Bretterzaun stehen und sich blutig daran reiben konnte, ohne es zu bemerken.

Sein bisher etwas theoretischer Weltschmerz ging ihm jetzt ins Blut über, und er wurde Pessimist. Während er vorher lebhaft und schöpferisch gewesen war, verfiel er jetzt in untätiges Grübeln. Seine Verdauung wurde träge; tagelang konnte er, den Kopf in einen Winkel gedreht, mit geschlossenen Augen dastehen. Er grübelte, was wir daraus ersehen können, daß ihm zu jener Zeit die Borsten am Hinterkopf ausgingen.

»Kummer macht fett«, sagt ein altes Wort, und der Gram und das Grübeln griffen ihn derart an, daß er anfing, dicker zu werden. Er konnte sich jetzt nicht mehr mit dem Hinterfuß im Nacken kratzen und sich nur noch mühsam durch das Loch im Zaun quetschen.

Da trat etwas ein, das für eine Weile seinen Zorn erregte und neues Leben in ihm weckte – er erfuhr, daß einige seiner Mitgeschöpfe nicht mehr einschlafen konnten, wenn er nicht sang. Das erfüllte ihn mit edlem Abscheu. »Die Gewohnheit ist das Zerrbild der Kultur«, erklärte er bitter, und von diesem Tage an hörte er auf zu singen.

Aber es ist verhängnisvoll, eine fließende Wunde zu schließen, eine sprudelnde Quelle zu verstopfen.

In einer der folgenden Nächte hatte das Schwein einen Traum. Die Träume der Schweine lassen sich in der Regel nicht wiedergeben, aber auch hierin bildete mein Freund eine Ausnahme – er träumte niemals schweinisch. Er träumte, daß er sich mit den anderen Schweinen in dem großen Leiterwagen befände, der rasch vom Hof wegfuhr. Sie fuhren und fuhren, wenigstens hundertmal so weit wie der Weg um den Misthaufen herum, ja noch viel weiter. Und endlich kamen sie vor einer ganzen Anzahl von Gebäuden an – es konnten gut zehn Bauernhöfe sein –, und über deren Einfahrt stand: »Genossenschafts-Schweineschlächterei«. Hier wurden er und seine Kameraden sowie Hunderte von anderen Schweinen nebeneinander an einem Hinterfuß aufgehängt, und ein Mann lief die ganze Reihe entlang und stieß jedem von ihnen ein großes Messer in den Hals, während ringsum die große Maschinerie arbeitete. Das Schwein sah sein eigenes Blut und das der anderen in den Rinnstein hinunterlaufen und war nahe daran, ohnmächtig zu werden; und plötzlich griffen die Arme der Maschine nach ihnen allen, zerhackten sie und mengten sie untereinander, so daß sein Ich ganz verschwand. Er wartete und wartete, daß er sich am anderen Ende der Maschinerie in einer neuen, verklärten Gestalt auftauchen sähe, aber vergeblich. Und als sein allerletzter Rest in der großen Masse untergegangen war, fuhr er zusammen und erwachte schweißgebadet. »Nirwana«, dachte er schaudernd, »das Verlöschen.« Und seine Borsten sträubten sich.

Das Schwein kannte die Genossenschafts-Schlächterei vom Hörensagen ganz gut. Es hatte seine Kameraden recht oft davon sprechen hören; sie rissen Witze darüber, während sie dalagen und verdauten. Aber sie glaubten alle, wenn sie durch die Maschinen geglitten und tüchtig zerhackt worden wären, würden sie in neuer Schweinegestalt wieder aufstehen – in einem Land, wo alles nur ihretwegen da wäre, wo sie jederzeit fressen und saufen könnten und nie geschlachtet würden. Deshalb waren sie so mutig.

Mein Freund hatte ebenfalls an dieses Jenseits geglaubt, wenn auch mit Abänderungen; er hatte an die Stelle des Fressens, Saufens und dergleichen die Musik gesetzt und war von den anderen feierlichst für einen Ketzer und Freidenker erklärt worden. Sie verfolgten ihn deshalb und hatten sogar einmal davon gesprochen, ihn umzubringen und seinen Speck unter sich zu verteilen.

Wäre nun nicht der Gesang in ihm getötet gewesen, so hätte er sich jetzt damit einen hellen Weg durch dieses Dunkel bahnen können; so aber blieb ihm nur der traurige Ausweg, über seinen Traum weiterzugrübeln. Und er glaubte überdies an Träume.

Zweimal in seinem Leben hatte er nämlich geträumt, und jedesmal war sein Traum in Erfüllung gegangen. Als ihn einmal die Kameraden besonders hartnäckig verfolgt hatten und er sehr hungrig gewesen war, hatte er geträumt, an der östlichen Hausecke liege eine tote Ratte; und als er am Morgen hinlief und nachsah, lag wirklich eine da. Ein andermal hatte er geträumt, daß er Prügel bekomme, und das traf pünktlich am nächsten Tag ein. – Alles das übte jetzt, da er der ernstesten aller Fragen – der Frage nach dem ewigen Leben – gegenüberstand, einen schädlichen Einfluß auf ihn aus. Und seine früheren Vorbehalte – so edel sie auch ihrem Ursprung nach sein mochten – halfen ihm nicht auf den richtigen Weg.

Wie alle großen Geister war er aristokratisch veranlagt und konnte sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen, daß er das Schicksal dieser faulen, verfressenen Geschöpfe teilen sollte, die an nichts anderes dachten als an ihren Freßtrog und nur den einen Wunsch hatten, diesen in die andere Welt mit hinüberzunehmen. Er empfand diesen Fressern gegenüber die größte Verachtung und war in der letzten Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß es höchstens zwei oder drei wirkliche, vollwertige Schweine gebe – ja vielleicht nur ein einziges. Die anderen waren Speck, nichts als Speck, und eigneten sich nur dazu, gegessen zu werden. Es war eigentlich vollständig in Ordnung, daß sie nur an ihren Freßtrog dachten – dadurch erfüllten sie ihre Bestimmung und wurden fett. Wirkliche Schweine aber waren sie nicht.

Deshalb quälte ihn auch der Gedanke, daß er ihnen zur Genossenschafts-Schlächterei – dem Ort der Vernichtung – folgen sollte und wie sie, weder besser noch schlechter, in das Nirwana, die große Leere, sollte hinübergleiten müssen. Er empörte sich dagegen und suchte nach einem Ausweg, aber auch jetzt fand er nicht das Richtige. Mit einem gigantischen Trotz, der an Prometheus erinnerte, griff er nach der himmlischen Unsterblichkeit und verlegte sie auf die Erde – aber nur für die Auserwählten. Die Auflösung war nur für die Massen bestimmt, die nichts Selbständiges zeigten; für ihn kam sie nicht in Frage, denn er bildete eine Ausnahme – er war ein Überschwein. Als er dieses erlösende Wort gefunden hatte, atmete er auf, grunzte es wiederholt vor sich hin und machte sich noch einen Ringel in den Schwanz, um keine Ähnlichkeit mit den gewöhnlichen Schweinen zu haben.

Und er bildete seine Idee zu einer ganzen Weltanschauung aus; der Erdball sollte einmal an irgend etwas prallen und zerschellen; der Mond sollte in den Schweinetrog herunterfallen und erlöschen, aller Speck sollte verzehrt und vergessen werden. Das Genie hingegen, das wirkliche Schwein, würde in Ewigkeit bestehen bleiben. Wie es dies fertigbringen sollte, darüber legte er sich keine Rechenschaft ab; aber ich vermute, er stellte es sich als eine Art lokalisierte, im Weltenraum umherwirbelnde Ätherschwingung vor.

Aus Feigheit schuf er sich diese sonderbare, meiner Meinung nach höchst unbefriedigende Form für das ewige Leben nicht. Aber es darf einen nicht wundern, daß ein Geist von solchem Umfang das Verlangen hatte, über das Zeitliche hinaus fortzuwirken, wenn auch die Logik dabei zu kurz kam. Er hätte sich freilich ebensogut an seinen Kinderglauben halten und die Unzulänglichkeit der Vernunft vor den Fragen der Ewigkeit einsehen können.

Während der Kämpfe, die es kostete, zu diesem Resultat zu gelangen, war das Überschwein klapperdürr geworden. Und als wollte seine neue Ausnahmelehre sofort ihre Unfehlbarkeit bestätigen, wurde es, da der Ablieferungstag kam und die anderen Schweine auf den Leiterwagen geworfen und in die Schweineschlächterei gefahren wurden, zu Hause gelassen.

»Das ist doch ein sonderbares Monstrum von einem Schwein«, sagte der Bauer zu seiner Frau und stieß ihn mit der Hand in die Rippen, »an dem ist ja kein bißchen Speck! Lassen wir das Tier lieber bis Weihnachten laufen und essen es dann selber!« Und er fuhr mit den anderen fort, der Vernichtung entgegen.

Freund Schwein hatte hierbei Gelegenheit zu beobachten, wie oberflächlich die Todesverachtung seiner Kameraden gewesen war, als sie vollgefressen und in größtem Wohlbehagen auf der Seite gelegen und Witze über die Schweineschlächterei gerissen hatten. Jetzt, wo es Ernst damit wurde, schrien sie alle laut auf, als stäke ihnen schon das Messer im Hals; und doch glaubten sie steif und fest, sie würden zu einem weit besseren Schweinestall eingehen. Ihr herzzerreißendes Geschrei klang ihm noch immer in den Ohren, als er eine halbe Stunde später vor der Küchentür stand und an ein paar verfaulten Äpfeln knaupelte, die die Frau herausgeworfen hatte. Wie heidnisch doch die Welt fortwährend war – trotz aller Religion! Man nannte die Erde ein Jammertal und klammerte sich dennoch verzweifelt an sie.

Der Tod der anderen brachte ihm manche Vorteile. Solange sie lebten, hatte er nichts von den Küchenabfällen oder der Buttermilch bekommen; sie hatten ihm den Zutritt zum Freßtrog verweigert, und er hatte selbst sehen müssen, wie er durchkam. Jetzt aber hatte er sein festes Auskommen und alle Abfälle sowie die Buttermilch obendrein. Und mit dem leichten Zugang zum Freßtrog änderte sich, unmerklich, aber sicher, seine ganze Lebensanschauung. Er wurde Zyniker und fing an zu spotten, zuerst über seine Mitgeschöpfe, dann über sich selbst. Das ganze Schweinedasein kam ihm wie ein großes Possenspiel vor, das als Drama aufgeführt und dadurch in seiner Wirkung noch komischer wurde. Wie köstlich mußte sich für einen außerhalb Stehenden diese ganze Gesellschaft von Schinken, Schmerbäuchen und Stumpfrüsseln ausnehmen, die sich um sich selbst drehte und glaubte, die ganze Welt und sogar das Jenseits seien nur ihretwegen da! Und am allerkomischsten mußte es sein, ein solches Geschöpf mit idealen Forderungen im Magen herumtrotten zu sehen und mit allerlei Plänen zur Hebung seiner Umwelt. Als ob die Schweinewelt sich heben ließe oder, besser gesagt, gehoben zu werden brauchte! Überhaupt war es – wenn man es recht bedachte – dummes Gewäsch, die Gesellschaft heben zu wollen; der Platz, den jeder einnahm, war für ihn der natürliche. Deshalb mußte man stets Gewalt anwenden, wenn man den Dingen eine neue Lage geben wollte; und sie sanken immer in die frühere zurück, sobald sie sich selbst überlassen blieben. Der sogenannte Rückschritt war also nur das Zurückstreben aller Dinge in ihre natürliche Lage.

War die Schweinetonne nicht der beste Beweis dafür? Ein Teil ihres Inhalts sank zu Boden, ein anderer schwamm obenauf, und wenn die Magd die Schweine füttern wollte, mußte sie immer erst den Inhalt der Tonne umrühren. Vergaß sie es, dann bekamen einige Schweine alles Dicke und die übrigen nur Wasser. So wenig war die Natur selbst für eine gleichmäßige Verteilung der Lebensgüter; und das war gut so. Denn lieber heute Dickes und morgen Dünnes als immerfort und für alle ewig den gleichen Brei.

Berufung! Was war das nur für ein stumpfsinniger Begriff! Als ob es eine besondere Anerkennung verdiente, wenn irgend jemand in der großen Schweinetonne herumrührte und den Brei des Geistes gleichmäßig verteilte! Ihm ekelte vor seiner früheren Lebensführung, und er fand, daß selbst Genialität nur ein unnützer Ballast sei, der einen am ausgiebigen Genuß des Lebens hindere. Am allerdümmsten aber erschien ihm das Verlangen, etwas Nützliches zu leisten. Als ob es auch nur den geringsten Einfluß auf den Lauf der Welt haben könnte, wenn er ein paar Pflastersteine aufrisse oder die Spargelbeete durchwühlte!

Die Verhältnisse waren jetzt so, daß Freund Schwein seine Kunst wieder hätte aufnehmen können, aber das tat er nicht. Im Gegenteil, er stellte jetzt, wo er zur Herrschaft gelangt war, sogar das innerliche Summen ein – er glaubte ja nicht mehr an sein Genie. Das einzige, was unerschütterlich feststand, war seine Überschweinetheorie; das mag vielleicht seltsam klingen, aber man muß bedenken, daß dies für ihn zur Religion geworden war.

Und damit befand er sich nun mitten in der Auflösung.

Er selbst glaubte freilich, er sei in eine neue Phase seiner Entwicklung eingetreten; aber wir sehen deutlich, daß er im Begriff stand, nicht nur seine Genialität, sondern sein ganzes Ich, seine Persönlichkeit über Bord zu werfen und ein gewöhnliches Mastschwein zu werden. Bestand sein Leben nicht aus Fressen, Saufen und Schlafen, und fühlte er sich nicht wohl dabei? Schon dachte er ein klein wenig daran, ob es nicht doch ein Paradies für Schweine gäbe, mit einer Unmenge Futter, so daß man sich immer satt fressen könnte und wo man nie geschlachtet würde.

Mit Riesenschritten ging das Schwein also seiner geistigen Auflösung entgegen. Es ist menschlich, nach dem tieferen Grund dieses niederschlagenden Ergebnisses zu fragen, und ich fürchte, er muß in der Zeit gesucht werden; es ist ein allgemeines Übel, dem wir hier gegenüberstehen. Es scheint, als entwickle unsere Zeit durch ihre Zweifel, ihre Sucht zu kritisieren und den immer schwerer werdenden Kampf ums Dasein die Fähigkeit zu leiden, sozusagen im Schatten zu leben; und das wirkt natürlich schädlich auf die Fähigkeit, Licht und Sonne zu ertragen. So daß man, wie der Maulwurf, stirbt, wenn man dem starken, warmen Tageslicht ausgesetzt wird.

Das Schwein hatte Kraft genug gezeigt, wenn es sich darum handelte, Widerwärtigkeiten zu ertragen und zu überwinden; aber dem Glück war es nicht gewachsen. Es hat etwas außerordentlich Bedrückendes an sich, wenn ein Kutscher seinen Wagen plötzlich mitten auf der breiten Königsstraße des Lebens umwirft, nachdem er seine hin und her schwankende Fuhre glücklich über Gräben und schwierige Übergänge gebracht hat. Und das war hier der Fall.

Aber mein Freund war ein Auserwählter, obgleich er das selbst leugnete; und er hatte noch nicht umgeworfen, obwohl er sich schon sehr auf die Seite neigte. Schon damals war mir klar, daß ihn nur eine große Leidenschaft retten konnte; und die Leidenschaft kam gerade im rechten Augenblick – dank der Vorsehung, die er so bereitwillig verleugnet hatte.

Leute, die den Anspruch erheben, auf diesem Gebiet besonders beschlagen zu sein, behaupten, die Liebe müsse natürlich der erste große Antrieb für das Erwachen eines Genies sein und auf ihr bauten sich dann die anderen Eigenschaften auf. Ich weiß nicht, ob das so ist. Ich selbst habe derartige Dinge immer so hingenommen, wie sie kamen – das habe ich von meinem Freund gelernt. Noch manches andere in meinem Leben verdanke ich übrigens ihm; und wenn es mir bisher so gut gegangen ist und ich mit meinen bescheidenen Mitteln so verhältnismäßig weit gekommen bin, ist das nur ihm und seinem Vorbild zuzuschreiben. Selbst seine Fehltritte kamen mir zugute, da sie mich lehrten, rechtzeitig an Land zu gehen. Und wenn der historische Forscher einmal durch einen jener Zufälle, die selbst für die verborgenste Blume der Natur in Betracht kommen, bei meiner bescheidenen Person stehenbleiben sollte, wird er darüber staunen, bis zu welchem Grade das Schwein das Primum mobile – die Haupttriebfeder – meines Lebens war.

Man befindet sich also mitten in dem kalten, regnerischen November. Und es war am hellen Tage.

Das Schwein hatte sich vor dem Hof tief in einen Strohhaufen eingegraben; da lag es jetzt und schlief, nur damit die Zeit verging. Die Tage wurden ihm doch lang, seit es sich dem Müßiggang zugewendet hatte.

Drinnen in der Stube saßen der Bauer und seine Frau und sprachen über die Zukunft ihres Schweines. Der Bauer wollte es sofort schlachten. Es sei jetzt wenigstens einigermaßen fett, man könne nie wissen, wie lange das anhalte. Die Frau hingegen wollte es noch eine Weile leben lassen. Und ihre Ansicht gab glücklicherweise den Ausschlag.

Im Laufe des Nachmittags kam der Junge mit einem Stock und trieb das Schwein in den Wald. Einen so langen Spaziergang hatte es noch nie machen müssen; er wollte fast kein Ende nehmen. Keuchend watschelte es vorwärts, sein fetter Bauch schlug gegen die Innenseite der Beine und behinderte es beim Gehen; es spürte ein verzehrendes Bedürfnis, sich niederzulegen. Sofort war aber der Junge mit seinem Stock da! Und so bot es denn seine ganze Willenskraft auf und trabte weiter – mit geschlossenen Augen, weil das das Mißgeschick erleichtert. Endlich kamen sie zum Wald, der Junge trieb das Schwein mit ein paar Stockschlägen zwischen die Bäume und ging dann heim.

Als Freund Schwein allein war, blieb er mit gesenktem Kopf und herunterhängenden Ohren lange regungslos stehen. Steif wie eine Bildsäule stand er da und starrte mit umflortem, geistesabwesendem Blick vor sich hin. Aber plötzlich stieß er ein kurzes Grunzen aus und sauste in schwerfälligem Galopp in das Waldesdickicht hinein.

Am anderen Saum des Waldes lag eine kleine Hütte, und dort wohnte eine große, magere Frauensperson, die Witwe eines Waldhüters. Sie war an diesem Nachmittag im Wald, um Brennholz zu sammeln, und beugte sich gerade über ein Bündel, als er grunzend an ihr vorbeigaloppierte. Mit erhobenem Schwanz sprang er in einem Bogen um sie herum, und sie stieß einen lauten Schrei aus, als er vorbeijagte, denn sie war stocktaub und hatte ihn nicht kommen hören. Auch er stieß einen lauten Schrei aus, aber vor Entzücken, blieb dann ein paar Schritte von ihr entfernt stehen und blinzelte sie kokett mit einem Auge an. Allmählich wagte sie, ihn im Nacken zu krauen, und er nahm sich die Freiheit, sie heimzubegleiten.

Von da an trafen sie sich oft. Anfangs waren ihre Begegnungen mehr dem Zufall zu verdanken, aber später wurden sie absichtlich herbeigeführt – wenigstens von seiner Seite. Er war es überhaupt, wie sich das ja gehört, der jede weitere Annäherung anbahnte. Er besuchte sie einmal, kam dann wieder und begleitete sie zum Holzsammeln in den Wald. Schließlich zog er ganz zu ihr und nahm ihren leeren kleinen Schweinestall in Besitz.

Aber ihr Verhältnis war nach wie vor rein platonisch. Von einer gewissen Seite ist sogar bezweifelt worden, ob sie ihn wirklich liebte oder ob nicht eher das übliche Mitgefühl der Frau mit einem Verlassenen, vielleicht auch ein bißchen Sehnsucht nach Gesellschaft sie veranlaßt hatte, sich seiner anzunehmen. Ihr Verhalten ihm gegenüber war stets so, daß es sich gut aus bloßer Freundschaft heraus erklären ließ.

Hingegen ist seine Liebe zu ihr über jeden Zweifel erhaben. Er liebte sie wahnsinnig und kannte kein höheres Glück, als unverwandt ihre schlanke Gestalt zu betrachten, wenn sie tief gebückt Brennholz sammelte.

Sicherlich war er körperlichen Reizen gegenüber nicht unempfindlich, sondern im Gegenteil, wie alle Genies, sehr sinnlich veranlagt. Ein Loch in ihrem Strumpf, ein Schimmer ihres roten Unterrocks durch den hinteren Rockschlitz ließen ihn am ganzen Leib erzittern. Aber in seiner Auffassung von Liebe gehörte er der älteren Generation an; er verstand die Kunst, sich zu beherrschen, und hat nie irgendeinen Vorschuß auf das Glück gefordert.

Er wagte nicht einmal, ihr seine Liebe zu gestehen. Wahre Liebe sieht in dem geliebten Gegenstand stets etwas Überirdisches; und es mag seltsam klingen, er, das Genie, das er trotz allem war, sah in dieser armen Witwe einen vom Himmel herabgestiegenen Engel, auf den ein Auge zu werfen er viel zu unwürdig wäre. Deshalb aber war seine Liebe doch nicht hoffnungslos – er konnte sie sich erringen! Er wollte kämpfen und sich zu ihr emporheben, sich ihrer durch irgendeine große Tat würdig erweisen. Das war der Segen dieser Liebe – der Liebe der guten, romantischen, alten Zeit –, daß sie die jungen Leute zu großen Taten antrieb, ihnen ein hohes Ziel vor Augen stellte. Was ist natürlicher, als daß die tatkräftige Jugend eines kleinen Landes in die Welt hinausstrebt? Das ist das Gesetz der Ausdehnung! Mein Freund wollte fort – in die Türkei oder vielleicht auf das Grönlandeis –, um sich Lorbeeren zu erringen. Vielleicht dauerte das Jahre, aber siegen würde er. Und dann wollte er heimkehren und ihr seine Liebe erklären!

Er fühlte sich vom Rüssel bis zum Schwanz wie neugeboren und träumte Träume, so groß, daß ihm fast schwindlig wurde. Jeden Abend, ehe er einschlief, sagte er sich: »Morgen ziehe ich in die Welt hinaus!« Wenn aber der Tag anbrach, konnte er sich doch nicht von der Geliebten losreißen und schob den Abmarsch bis zum nächsten Tag auf. Und so verging die Zeit, ohne daß etwas daraus wurde; seine Willenskraft hatte einen grundlegenden Schaden erlitten.

Eines Tages, zwei Wochen vor Weihnachten, kam der Bauer in den Wald, um das Schwein zu suchen. Er wanderte umher und rief nach ihm; und als Freund Schwein seine Stimme hörte, erschrak er bis in die Knochen. So schnell ihn die kurzen Beine trugen, lief er zur Hütte der Freundin und versteckte sich im Schweinestall.

Als der Bauer ihn nicht fand, ging er in die Hütte des Waldhüters, um sich dort nach ihm zu erkundigen. Unser Held hörte ihn an die Haustür klopfen und mit der Frau sprechen. Wenn sie ihn jetzt verriet! Dann war alles aus, und er konnte ruhig noch in dieser Stunde von dem schönen, herrlichen Leben Abschied nehmen. Flieh! flüsterte ihm eine innere Stimme zu. Aber er war plötzlich wie gelähmt vor Angst und konnte kein Glied rühren. Und als er nach einer Weile den Gebrauch seiner Glieder wiedererlangte, kamen ihm aufs neue Bedenken und hinderten ihn daran, sein Vorhaben auszuführen. Warum sollte er sich eigentlich den Beschwerden einer unnötigen Flucht aussetzen? Er war ja nirgends so sicher wie bei seiner Freundin.

Er horchte.

»Ob ich ein Schwein gesehen habe?« schrie die taube Frau. »Gewiß, das habe ich allerdings! Ich habe einen ganzen Monat fast nichts anderes gesehen. Es folgt mir überallhin, wo ich gehe, und kommt jeden Abend und logiert sich bei mir ein. Es ist halt so treu wie ein Hund, und ich habe eine Handvoll für es übrig bekommen. Man fühlt sich hier draußen im Wald doch ein wenig einsam – ach ja!«

Bei ihren letzten Worten klopfte dem Schwein heftig das Herz; sie klangen in seinen Ohren wie eine Liebeserklärung.

»Jaja, so ein Tier habe ich noch nie gesehen!« fuhr die Frau fort. »Es kann stundenlang dastehen und einen ansehen; und dazwischen grunzt es ein bißchen, als wenn es einem etwas erzählen möchte. Jetzt wollen wir doch einmal nachsehen, ob es nicht im Schweinestall ist.«

Da hatte das Schwein einen lichten Augenblick, in dem alle seine Fähigkeiten wach wurden. Es verwünschte seine Schlaffheit, seine Traumsucht und seinen Wankelmut, die seine Flucht verhindert hatten, solange noch Zeit dazu war. Mit einem Satz war es auf den Beinen und an der Tür. Aber da hörte es etwas, was seiner Liebe den Todesstoß versetzte und ihm gleichzeitig den Weg zur Flucht versperrte.

»Es ist vielleicht besser, wir machen die Tür zu, damit uns das Schwein keinen Streich spielt und in den Wald durchbrennt«, sagte die Frau.

Die Stimmen klangen schon ganz nah, die Türklinke des Wirtschaftsgebäudes knarrte.

Das arme Herz des Schweines erstarrte zu Eis, ihm wurde mit einemmal schwindlig, und es mußte die Augen schließen. Später zeigte es sich, daß seine Borsten in diesem furchtbaren Augenblick grau geworden waren.

Als es wieder die Augen öffnete, stand der Bauer mit einer Peitsche in der offenen Tür – es mußte aufstehen und hinaus. Verzweifelt flüchtete es zu seiner Freundin und bohrte seinen Rüssel in ihre Röcke; sie beugte sich über das arme Tier und kraute es im Nacken wie bei ihrer ersten Begegnung.

»Du lieber Himmel, man könnte fast meinen, es sucht Schutz bei mir«, rief sie gerührt und rieb es kräftig gegen die Borsten. Das war ein Augenblick voll Wonne und Qual.

Dann aber trieb der Bauer die beiden roh auseinander! Er band einen Strick um den einen Hinterfuß des Schweines, und nun ging es in langsamem Trab mit gesenktem Kopf heimwärts.

Tief betrübt wanderte mein unglücklicher Freund von da an auf dem Hof umher und wartete auf den Tod. Zum Hoftor hinaus durfte er nicht mehr, denn man fürchtete, er könnte wieder in den Wald laufen. Die Sehnsucht zehrte an ihm, und die Hoffnungslosigkeit tötete ihn langsam. Er fraß nicht, er schrie nicht, nur ab und zu glitt ein leiser Seufzer aus seinem Rüssel.

Er ging in einem Dusel umher und sehnte sich nach dem Tod, damit alles ein Ende habe; seine Verzweiflung war so groß, daß er mehrmals stark daran dachte, selbst den Schluß herbeizuführen. Zuerst wollte er sich, wenn das Mädchen Wasser heraufzog, dicht neben den Brunnenschwengel stellen und sich den schweren Holzklotz am Ende des Schwengels auf den Hinterkopf fallen lassen. Aber sein ästhetischer Sinn empörte sich gegen einen solchen Tod, und so beschloß er, nachts ins Freie zu schleichen, sich nasse Füße zu holen und an Auszehrung zu sterben. Er hatte nur nicht Kraft genug, den Entschluß in die Tat umzusetzen, und so bewahrte ihn seine Schlaffheit davor, das größte aller Verbrechen zu begehen – Hand an sich selber zu legen.

Aber warum in der Geschichte fortfahren? Zu welchem Zweck bis weit hinauf an die Beine in Schmerz und Kummer waten, wo die Erde doch voller Licht, Freude und Glück ist? Warum, könnte man hier mit Recht einwenden, so lange bei einem mißlungenen Dasein verweilen, wenn es Hunderte von Existenzen gibt, die über Erwarten geglückt sind? Allerdings handelt es sich dabei meist um Existenzen vierten Ranges, und diese verlangen ja so wenig, um zu gelingen – aber trotzdem! Ich weiß wohl, daß es bei jeder Wertberechnung die Durchschnittszahl ist, die etwas bedeutet, und nicht die vereinzelte, hochstrebende Ziffer – und ich bin durchaus kein Pessimist. Aber ich habe in meinem Freund, dem Schwein, etwas Großes, und zwar einen Erneuerer unserer einheimischen Jugend gesehen; und ich kann mich auch jetzt nicht von der Vorstellung frei machen, daß er noch immer eine große Mission unter der Jugend zu erfüllen hat, gerade durch die schiefe Richtung, die seine Entwicklung nahm. Er war ursprünglich zum Wegweiser geschaffen und endete als Prellstein – denn im großen Haushalt der Vorsehung geht nichts verloren.

Deshalb habe ich so ausführlich bei seinem Schicksal verweilt – deshalb, und um einige der vielen irreführenden Aufsätze zu berichtigen, die jetzt über ihn geschrieben werden, nachdem die Allgemeinheit entdeckt hat, was aus ihm hätte werden können. Jetzt bleibt mir nur noch übrig, sein tatsächliches Ende zu schildern.

Es war am dreiundzwanzigsten Dezember. Vor der Küchentür stand eine solide Schlachtbank mit vier weit auseinanderstehenden Beinen. Auf dieser Bank lag das Schwein und stöhnte, sein Kopf hing über die Bank herab. Neben seinem Kopf stand die Stallmagd mit einem Melkeimer voll Grütze, um das Blut des Schweines aufzufangen, auf ihm aber lagen der alte Kätner Mads und der Knecht mit ihrem ganzen Gewicht. Sie taten, als koste es sie eine große Anstrengung, das Schwein zu halten, und das machte dieses gar traurig, denn es leistete nicht den geringsten Widerstand.

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