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Die Küsse des walisischen Kriegers

1. KAPITEL

Llanpowell, Wales, 1205.

Als Bron den großen stattlichen Mann in der Großen Halle von Llanpowell stehen sah, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sie hätte ihn mit Sicherheit überall wiedererkannt, obwohl er sich stark verändert hatte.

Trefor ap Gruffydd, der verstoßene Sohn des verstorbenen Herrn von Llanpowell, war heimgekehrt, denn die Fehde mit seinem jüngeren Bruder Madoc war endlich beigelegt.

„Bron, führe Owain in die Küche. Ich glaube, er hätte gern etwas Brot oder Suppe“, befahl Madoc, der neue Herr von Llanpowell. Das war der zweite Schock an diesem Tag gewesen – dass nämlich der kleine Junge neben Trefor gar nicht Madocs Sohn war, sondern Trefors. Dieses Geheimnis hatte Madoc für sich behalten, seit die Mutter des Kindes bei der Geburt ihres Sohnes verstorben war. „Oder Honigkuchen?“, fragte der fünfjährige Owain mit klarer und selbstbewusster Stimme, wie es sich für den Sohn eines Edelmannes geziemte.

„Ja, gewiss“, antwortete Bron pflichtbewusst und lächelte, obwohl sie lieber in der Halle geblieben wäre, um Trefors veränderte Gesichtszüge genauer zu betrachten. Früher hatten seine blauen Augen mit den schwarzen Wimpern fast immer einen Ausdruck von ruhiger Fröhlichkeit gehabt. Heute jedoch wirkte sein Blick kühl und zurückhaltend. Trefors Körper war noch immer muskulös und breitschultrig, aber er war sehniger und härter geworden. Sein Gesicht war nun kantig und schmal und zeugte davon, dass der ehemals verwöhnte Sohn des verstorbenen Herrn von Llanpowell sich in der Zwischenzeit in vielen Schlachten als Krieger bewährt hatte.

„Ich danke dir, Bron“, sagte Trefor. „Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

Sie errötete und sagte nichts, aber sie fand den Gedanken aufregend, dass der vornehme Sohn des Hauses sich noch an sie, einfache Dienstmagd, erinnerte. Damals, als er verbannt wurde, war sie fast noch ein Kind gewesen. Mit einem Mal fühlte sie sich so beschwingt, als könne sie bis an die Deckenbalken der Halle fliegen.

Vielleicht wollte er mir aber auch nur ein Kompliment machen wie jeder anderen Frau, dachte Bron und ging mit Owain in die Küche. Ihre Aufregung legte sich so schnell, wie sie gekommen war. Trefor war schon immer ein liebenswürdiger Mann gewesen. Früher war er als Ältester der Lieblingssohn des Lords gewesen, und vor ihm schien ein glückliches, gesegnetes Leben zu liegen. Dann aber war Trefor zu seiner eigenen Hochzeit betrunken aus einem Freudenhaus gekommen. Die Verwandten der Braut waren darüber so erbost, dass sie mit einem sofortigen Ende der seit drei Generationen bestehenden Verbindung zwischen den Familien drohten. Um das zu verhindern, hatte Trefors jüngerer Bruder Madoc die Braut geheiratet und war zum Erben seines Vaters bestimmt worden. Trefor hingegen bekam von seinem Vater nur ein kleines Landgut übereignet. Die beiden Brüder blieben erbitterte Feinde, bis Madoc heute endlich die Wahrheit über Owains Vaterschaft enthüllt und so Frieden zwischen ihnen geschlossen hatte.

„Ist es wirklich wahr?“, fragte der Koch Hywel, als Bron und Owain die Küche betraten. „Der Junge ist nicht Madocs Sohn, sondern Trefors?“

„Es scheint so“, erwiderte Bron ruhig. Sie stellte fest, dass auch die übrigen Bediensteten untätig in der Küche herumstanden.

„Genau seine Augen!“, rief Rhonwen aus. Ihre Hände waren mit Mehl bedeckt, aber die Brotschüssel stand unbeachtet neben ihr.

Owain klammerte sich fest an Brons Hand, und sie wollte ihn schnell beruhigen.

„Haben wir noch Honigkuchen?“, erkundigte sie sich und führte den Jungen zu einer Sitzbank an einem der Arbeitstische in der großen, warmen Küche.

„Oh ja“, meinte Lowri, eine ältere Frau, die gerade dabei war, Lauch für ein Schmorgericht in Stücke zu schneiden. „Ich hole ihn.“

Auf dem Weg in die Vorratskammer hielt Lowri kurz an und tuschelte mit Rhonwen. Sie schauten auffällig herüber zu Bron, die Trefors Namen auffing und errötete. Damals hätte sie zurückhaltender sein sollen, aber sie hatte ihre Bewunderung für den Sohn des Lords wohl zu deutlich gezeigt. Jedermann wusste, wie betrübt sie gewesen war, als er verstoßen wurde. Die Vergangenheit war nicht mehr zu ändern, aber von nun an würde sie vorsichtiger sein und ihre Gefühle für sich behalten.

Lowri kehrte mit zwei kleinen Honigkuchen zurück, die der Junge verschlang, als wäre er am Verhungern.

„Bleibt Trefor heute eigentlich hier?“, fragte Rhonwen. „Oder reist er nach Pontyrmwr zurück, bevor es dunkel wird?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Bron wahrheitsgemäß. Es gelang ihr, zu klingen, als würde es sie nicht besonders interessieren.

„Geh und erkundige dich“, befahl Hywel. „Ich muss es wissen, damit ich …“

Der Koch verstummte, als Trefor persönlich in die Küche trat. „Hywel, auch noch hier, wie ich sehe“, bemerkte er mit seiner tiefen Stimme, die so klangvoll und melodisch war wie die eines Hofsängers.

„Die Stimme der Versuchung“ hatten ihn früher die Frauen genannt, und das gewiss zu Recht. Jedoch hatte er damals nicht versucht, Bron zu verführen, noch ihr jemals besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Hywel nickte zur Begrüßung und wischte seine Hände an der Schürze ab, die um seine ausladende Mitte gebunden war.

„Und Rhonwen und Lowri auch. Wie in alten Zeiten, was?“

Also erinnerte er sich noch an alle. Sie war eine Närrin gewesen, es für bedeutsam zu halten, dass er ihren Namen noch kannte. Offensichtlich war er auch immer noch genauso charmant wie einst und dadurch bei vornehmen wie einfachen Leuten gleichermaßen beliebt.

„Hast du genug gegessen, damit du bis zum Abendessen durchhältst, mein Sohn?“, fragte er Owain, und man konnte deutlich seinen Stolz hören, als er den Jungen seinen Sohn nannte.

Es musste ihm sehr viel bedeuten, ein Kind von der Frau zu haben, die er geliebt hatte – obwohl er Gwendolyn zuerst an Madoc verloren hatte und sie dann auch noch im Kindbett verstorben war.

Owain nickte und musterte misstrauisch den Mann, dessen Augen den seinen so ähnlich waren.

„Führst du mich auf der Burg herum, Owain?“, fragte Trefor. „Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr auf Llanpowell gewesen, höchstens einmal im Innenhof. Madoc hat mir erzählt, dass er einiges hier umgebaut hat.“ Der Junge schaute hilfesuchend zu Bron. „Ich bin auch schon lange nicht mehr hier gewesen, nicht wahr, Bron?“, sagte er. „Vielleicht solltest du ihm alles zeigen.“

Trefor zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Du denkst, ich sollte mit Bron gehen?“

Der Vorschlag des Kindes war völlig unschuldig gemeint gewesen, aber als Trefor ap Gruffydd die Worte mit dieser Stimme und diesem Gesichtsausdruck wiederholte, bekamen sie eine völlig andere Bedeutung. Auch die übrigen Bediensteten in der Küche hatten das sehr wohl bemerkt, wie ein hastiger Blick von Bron in die Runde bestätigte.

„Wie ist es, Bron, soll ich meinem Sohn nachgeben?“, fragte Trefor herausfordernd.

Noch nie war es in der Küche so still gewesen.

Welche Wahl hatte sie schon? Trefor war der Herr von Pontyrmwr, wenn auch nicht von Llanpowell, und sie war nur eine Dienstmagd. „Gewiss, wenn es Euer Wunsch ist, Herr.“

„Mein Bruder ist umtriebig gewesen“, meinte Trefor, als er neben Bron auf dem Wehrgang stand und über die Außenmauer von Llanpowell blickte. „Es war mir bekannt, dass er die äußeren Befestigungen verstärkt und neue Gebäude errichtet hat, aber mir war nicht bewusst, dass er so viel umgebaut hat.“ Er lehnte sich mit dem Rücken an eine der Zinnen. „Aber die Halle ist wenigstens unverändert geblieben, sonst würde ich hier gar nichts mehr wiedererkennen.“

Bron nickte zustimmend und schaute weiter über die Mauer hinweg nach draußen, weg von Trefor, seinen breiten Schultern und den kräftigen Armen, die er vor dem muskulösen Oberkörper verschränkte. Er war einfach gekleidet mit einer Ledertunika, Reithosen und Stiefeln, und sein Schwert war tief um die schmalen Hüften gegürtet, aber dennoch wirkte er so majestätisch wie ein König. Das war schon immer so gewesen und würde vermutlich auch so bleiben, gleichgültig, welchen Schwierigkeiten er sich ausgesetzt sah.

„Ich gebe zu, ich bin überrascht, dich noch hier zu sehen, Bron“, fuhr er fort. „Ich war sicher, du wärst inzwischen verheiratet und hättest eine Schar Kinder. Du bist jetzt ungefähr neunzehn, nicht?“

Er wusste noch ihr Alter? „Gewiss, Herr.“

„Ein hübsches Mädchen wie du hat doch sicher Heiratsanträge bekommen.“

Ja, hatte sie, aber nicht von dem Mann aus ihren Träumen, in denen sie eine Lady und damit eine würdige Braut für Trefor war und sein Leben mit ihm teilen konnte.

Und sein Bett.

In ihren Fantasien hatten sie sich schon unzählige Male geliebt. Manchmal war er zärtlich und flüsterte ihr mit seiner wundervollen Stimme Koseworte ins Ohr, küsste sie und streichelte ihren Körper. Manchmal näherte er sich ihr in lustvoller Entschiedenheit. Stets erwiderte sie seine feurige Leidenschaft, denn in ihren Träumen blieb es ohne Konsequenzen, wenn sie sich dem Mann ...

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