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Die Kronprinzessin und der Bodyguard

1. KAPITEL

Ava beobachtete aus dem Autofenster, wie die herrliche Sommersonne die Wiesen und Felder Südfrankreichs zum Leuchten brachte. Im Stillen wünschte sie sich weit, weit weg. Am besten auf einen anderen Planeten, wo niemand ihren Namen kannte. Wo niemand wusste, dass ihr Bräutigam – der ihr vom eigenen Vater ausgesucht worden war – eine andere heiraten wollte. Niemand sollte mehr Mitleid mit ihr haben.

Es wird höchste Zeit, dass du aufhörst, in Paris um die Häuser zu ziehen. Du kommst jetzt sofort nach Hause, Mädchen!

Dieser Befehl war ihr erst heute Morgen erteilt worden und brachte noch immer ihr Blut zum Kochen. Seine herrischen Worte schwirrten ihr durch den Kopf und übertönten sogar das Autoradio. Irgendein Countrysänger ließ sich gerade sehnsüchtig über seine Heimat aus. Zuhause war der letzte Ort, wo Ava jetzt hinwollte.

Die Verärgerung ihres Vaters kam allerdings nicht ganz unerwartet. Selbstverständlich war er schwer enttäuscht, dass sich der Mann, dem sie seit gemeinsamen Kindertagen schon versprochen war, eine andere Braut ausgesucht hatte. Eine Frau deines Alters hat keine Zeit mehr zu verschwenden, pflegte ihr Vater zu sagen. Als wäre es ein Todesurteil, die Dreißig zu überschreiten!

Dabei wollte sie sich doch verlieben und heiraten … bloß nicht ausgerechnet Gilles. Er war ihr Sandkastenfreund und eher eine Art Bruder, aber ganz sicher kein potentieller Ehemann. Nur leider hatten sie es beide versäumt, ihren Vater rechtzeitig darüber aufzuklären. Im Gegenteil, sie hatten das Spiel arrangierte Ehe sogar häufig mitgespielt, um bei offiziellen Anlässen gegenseitig als Begleitung einzuspringen.

Seit dem Tod ihrer Mutter war Avas Beziehung zu ihrem Vater deutlich abgekühlt. Sie wechselten kaum ein Wort miteinander und bekamen sich auch nicht häufig zu Gesicht. Wäre sie als Junge geboren worden, wäre natürlich alles anders gewesen!

Man hätte ihr viel mehr Möglichkeiten offengehalten, denn dann wäre sie ja irgendwann ihrem Vater auf den Thron gefolgt. Auch wenn sie das kleine europäische Königreich Andrés niemals regieren wollte, so wären ihr doch zumindest die Zuneigung und der Respekt ihres Vaters sicher gewesen.

Sie umklammerte das Lenkrad fester, als sie in die schmale Straße einbog, die zum Château Verne führte – Gilles’ Landsitz aus dem fünfzehnten Jahrhundert.

Acht Jahre lang hatte sie in Paris ein relativ unauffälliges, glückliches Leben geführt. Sie hatte die Universität abgeschlossen, ihre Karriere gestartet und war nur für royale, repräsentative Aufgaben eingesprungen, wenn ihr Bruder Frédéric mal keine Zeit hatte. Aber da Gilles, der Marquis de Bassonne, jetzt eine Freundin von ihr heiratete, musste Ava sich auf veränderte Umstände gefasst machen.

Sie rümpfte die Nase und dachte daran, dass schlechte Laune eigentlich völlig unangemessen war. Gilles und Anne hatten sich vor zwei Monaten auf den ersten Blick ineinander verliebt, und Ava hatte keinen von beiden jemals zuvor so glücklich gesehen. Sie war auch nicht eifersüchtig auf die beiden. Dazu gab es schlicht keinen Anlass.

Avas Kunstgalerie, die Galerié Nouveau, war gerade in einem renommierten Kunstmagazin vorgestellt worden, und seitdem hatte Ava jede Menge Arbeit. Zugegeben, dabei blieb das Liebesleben zwar weitgehend auf der Strecke, aber das machte ihr nichts aus. Vor drei Jahren hatte sie sich von Colyn getrennt – mit dem sie sich eigentlich ein gemeinsames Leben hätte vorstellen können – und seither ließ sie es bewusst ruhiger angehen.

Er war fast zwanzig Jahre älter als sie und hatte anfangs den Eindruck eines bourgeoisen Intellektuellen erweckt: ihn interessierte ihre Herkunft nicht, und er liebte sie ausschließlich um ihretwillen. Aber seine subtile Kritik an ihrem sozialen Status und der permanente Drang, ihr etwas beibringen zu wollen, hatten ihn nach einigen Jahren genauso egoistisch und herrschsüchtig erscheinen lassen wie ihren Vater.

Ava wünschte, Colyn wäre nicht ausgerechnet heute in ihrer Erinnerung aufgetaucht, denn jetzt fühlte sie sich erst recht miserabel. In dieser Stimmung spazierte sie für gewöhnlich stundenlang allein an der Seine entlang und ärgerte sich dabei über die vielen Pärchen, die keine zwei Schritte gehen konnten, ohne sich dabei zu küssen.

Diese Art von Verliebtheit kannte sie nicht. Und allmählich fragte sie sich, ob sie etwas Ähnliches überhaupt jemals erleben würde. Nach dem Desaster mit Colyn hatte sie den Entschluss gefasst, nur noch nach Männern mit stark ausgeprägtem Familienbewusstsein Ausschau zu halten. Und sie wollte emotional erobert werden, doch bisher hatte sie den Kandidaten gegenüber höchstens platonische Gefühle gehegt.

Zum Glück lenkte ihre Karriere Ava normalerweise davon ab, viel über ihr Liebesleben nachzudenken und verpassten Chancen hinterherzutrauern. Und dass sie inzwischen fast dreißig war … was machte das schon?

Ungeduldig fummelte sie am Lautstärkeregler herum und war in der nächsten Kurve völlig überrascht, dass ihr Wagen weiter nach vorn schoss, als sie eigentlich abbremsen wollte.

Ich habe bestimmt die Pedalen verwechselt, ging es ihr durch den Kopf. Mit aller Kraft hielt sie das Lenkrad fest, während die Reifen durch losen Kies schlitterten und das Auto in der nächsten Sekunde gegen einen kleinen Baum prallte.

Stöhnend hob sie den Kopf, der zuvor hart auf das Lenkrad geschlagen war. Einen Moment lang blieb sie regungslos sitzen. Dann nahm sie endlich den Fuß vom Pedal und schaltete den Motor ab. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihr den Verdacht, dass sie sich völlig festgefahren hatte.

Sie atmete tief durch und bewegte dann vorsichtig Arme und Beine. Alles schien in Ordnung zu sein. Zum Glück war sie viel zu langsam gefahren, um sich ernsthaft zu verletzen. Ihr Vater würde trotzdem strafend den Kopf schütteln, wenn er sie sehen könnte.

Immer wieder schärfte er ihr ein, die Dienste eines Chauffeurs in Anspruch zu nehmen, aber natürlich hörte sie nicht auf ihn. Sich ihm zu widersetzen, war wie ein Zwang für sie. Um seiner ständigen Kontrolle zu entkommen, hatte sie sich damals zu einem Kunststudium an der Sorbonne entschlossen. Wäre sie in Andrés geblieben, hätte sie unmöglich das Versprechen halten können, das sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett gegeben hatte: nämlich ein einigermaßen gutes Verhältnis zum Vater zu wahren.

Sein Befehl klang erneut in ihren Ohren. Sie konnte nicht nach Andrés zurückkehren. Was sollte sie dort überhaupt tun? Herumsitzen und sich die Zeit mit Gesellschaftsspielen vertreiben, während sie auf den nächsten vielversprechenden Bräutigam wartete? Dieser Gedanke war ihr zutiefst zuwider.

Sie wollte nicht mehr an ihren Vater denken! Zögernd öffnete Ava die Fahrertür und setzte ihre Füße in das hohe Gras. Die spitzen Absätze ihrer Stiefeletten versanken tief im weichen Boden.

Großartig! Als Galeristin war es zwingend notwendig, stets makellos auszusehen. Und sie konnte es sich wirklich nicht leisten, ihre teuren Prada – Schuhe zu ruinieren. Da Ava schon vor langer Zeit beschlossen hatte, auf die finanzielle Unterstützung ihres Vaters zu verzichten, fehlte ihr der finanzielle Spielraum, Designer-Stücke wie diese zu ersetzen. Eine weitere Entscheidung, die sein deutliches Missfallen erregt hatte.

Vorsichtig drehte sie sich um und fischte ihre Handtasche vom Beifahrersitz. Das Handy war herausgefallen, und als sie es aufhob, stellte sie fest, dass es zerbrochen war. Frustriert warf sie das Telefon zurück in den Wagen.

Natürlich könnte sie trotzdem versuchen, damit den Notruf zu wählen, aber dann wäre ihr kleiner Unfall sofort in aller Munde … und in den Medien. Eine weitere Schlagzeile über die bemitleidenswerte Prinzessin von Andrés könnte sie nicht ertragen.

Nein, dachte sie. Ich werde zu Fuß weitergehen müssen.

Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um. Der Weg zum Haupteingang des Schlosses war ziemlich weit. Ihre Stiefel konnte sie danach wohl vergessen. Ganz zu schweigen davon, wie heiß und verschwitzt sie dort ankommen würde. Das war nicht gerade der würdevolle Auftritt, den sie sich ausgemalt hatte. Falls sie einer der Fernsehübertragungswagen erwischte, die sie ein paar Kilometer zuvor entdeckt hatte …

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Ein ziemlich verrückter Gedanke. War es sozusagen Glück im Unglück, dass sie gerade hier den Unfall gehabt hatte? Verlief nicht ganz in der Nähe die Außenmauer des Châteaus? Auf dieser Mauer hatte sie früher bei Familienfesten mit ihrem Bruder Frédéric und ihren Cousins Baden und Gilles gespielt. Fast immer waren sie dabei wagemutige Spione gewesen und hatten sich sogar Trittmulden in den Stein gehauen, um schneller vor ihren imaginären Feinden fliehen zu können.

Ava spürte förmlich, wie sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Zugegeben, es war vielleicht ein bisschen gewagt. Aber der Zweck heiligte die Mittel, immerhin wollte Gilles seiner Liebsten in wenigen Stunden das Jawort geben. Und das wollte Ava keinesfalls verpassen.

Als Kind hatte sie es geliebt zu klettern, und so viel schwieriger konnte es doch als Erwachsene kaum sein.

„Eine Frau wurde auf der südlichen Schlossmauer festgesetzt, Boss. Was sollen wir mit ihr machen?“

Wolfe blieb mitten in der hohen Eingangshalle stehen und presste das Handy fester an sein Ohr. „Auf der Mauer?“

„Ja, genau. Oben drauf“, bestätigte Eric, einer der jüngeren Mitglieder in Wolfes Sicherheitsteam.

Für Wolfe kam dieser Zwischenfall nicht unerwartet. Vermutlich handelte es sich um eine Journalistin auf der Suche nach ein paar pikanten Schnappschüssen. Schließlich heiratete sein Kumpel die Tochter eines ausgesprochen kontroversen, amerikanischen Politikers.

Schon den ganzen Tag schwärmte Wolfes Team auf dem Gelände aus, um die Hochzeitsgesellschaft zuverlässig vor der Presse abzuschirmen. Bisher war niemand so dreist gewesen, einfach über die Mauer zu klettern. Aber natürlich waren seine Leute auf einen solchen Fall vorbereitet.

„Name?“

„Sie behauptet, Ava de Veers, Prinzessin von Andrés, zu sein.“

Eine Prinzessin, die über eine hohe, massive Steinmauer kraxelte? Unwahrscheinlich! „Ausweis?“

„Kein Ausweis in ihrer Tasche. Laut ihrer Aussage hatte sie einen Autounfall, bei dem der Ausweis herausgefallen sein könnte.“

Wie clever.

„Kamera dabei?“

„Allerdings.“

Wolfe dachte über seine Optionen nach. Selbst hier drinnen konnte er die Pressehubschrauber um das Anwesen kreisen hören, obwohl diese sich außerhalb einer Bannmeile bewegen mussten. Die Trauung sollte in drei Stunden stattfinden. Es war definitiv an der Zeit, die Sicherheitsmaßnahmen weiter zu verschärfen.

„Soll ich sie herbringen, Boss?“

„Nein.“ Wolfe fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Zu gern hätte er diesen frechen Eindringling zurück über die Mauer geworfen, anstatt ihr Zutritt zu gewähren. Aber zuerst musste er sich persönlich davon überzeugen, dass sie keine echte Bedrohung darstellte. „Lass sie, wo sie ist!“ Gerade wollte er auflegen, da kam ihm ein Gedanke. „Und Eric? Halte sie mit der Waffe in Schach, bis ich da bin!“ Das sollte ihr eine Lehre sein, irgendwo ohne Einladung hereinzuplatzen.

„Sie meinen, ich soll sie dort oben lassen?“

Aus Erics zögerlicher Antwort schloss Wolfe, dass es sich um eine höchst attraktive Besucherin handelte.

„Ja, genau das meine ich.“ Wer wusste schon, ob sie eventuell sogar politische Motive hatte und gar keine übereifrige Journalistin war? „Und sprich kein Wort mit ihr, solange ich nicht bei euch bin!“

Wolfe vertraute seinen Männern bedingungslos. Und er würde sich von keiner selbsternannten Mata Hari auf der Nase herumtanzen lassen.

„In Ordnung, Sir.“

Damit steckte Wolfe sein Telefon wieder in die Tasche. Jetzt konnte er nicht mehr an dem Polospiel teilnehmen, das Gilles organisiert hatte. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Wolfe hatte seinem Freund angeboten, für die Sicherheit auf dieser Hochzeit zu sorgen, und die Arbeit kam grundsätzlich an erster Stelle.

Die Entourage des Bräutigams wartete schon bei den Ställen auf Wolfe. Man hatte einen prächtigen, weißen Araber für ihn gesattelt. Wolfe hatte extra auf sein morgendliches Training verzichtet, um den Ritt auf diesem kraftvollen Tier voll auskosten zu können.

Seufzend nahm er dem Stallburschen die Zügel ab und schwang sich dann mühelos in den Sattel. Der Hengst tänzelte unruhig unter dem ungewohnten Gewicht, und Wolfe tätschelte ihm beruhigend den muskulösen Hals. „Wie heißt er?“

„Achilles.“ Lachend zuckte Gilles die Achseln. „Apollo war schon vergeben, und der hier ist ein ziemlich widerspenstiger Bock. Ihr beide werdet viel Spaß miteinander haben.“

Wolfe grinste seinen aristokratischen Freund an. Vor Jahren hatten sie eine Freundschaft fürs Leben geschlossen. Damals wurden sie gemeinsam bei einer Elite-Militäreinheit ausgebildet und waren in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da. In den langen Stunden während der Wache hatte Gilles seinen Kumpel bei Laune gehalten, indem er ihm von Poesie und griechischer Mythologie erzählte. Wolfe dagegen hatte als australischer Haudegen beim Militärdienst auf simplere Methoden zurückgegriffen: Bissigkeit und sture Entschlossenheit.

Diese Eigenschaften waren ihm auch später zugutegekommen, als er das Fach wechselte und Softwareentwickler wurde. Ihm gelang der Durchbruch mit einer weltweit etablierten Spionagesoftware, und Wolfe Inc. wurde zum Erfolgsunternehmen.

Sein jüngerer Bruder stieg mit in die Firma ein, und gemeinsam erweiterten sie die Servicepalette. Mittlerweile boten sie praktisch jede Form von Sicherheitsmanagement an. Aber während sein Bruder die organisatorische Büroarbeit bevorzugte, liebte Wolfe die Freiheit, Außentermine zu koordinieren und selbst an der Front zu stehen. Vor allem Spezialaufträge von der Regierung reizten ihn. Er war ständig auf der Suche nach einem Adrenalinkick – ob nun bei der Arbeit oder auf seiner geliebten Honda CBR. „Du bist und bleibst ein Träumer, Monsieur le Marquis“, brummte er.

„Ich bin nur ein Mann, der weiß, wie man die Balance im Leben hält, Ice“, gab Gilles gut gelaunt zurück und betonte dabei den alten Spitznamen seines Kumpels. Dann stieg er auf sein eigenes Pferd. „Das solltest du auch irgendwann mal versuchen, mein Freund.“

„Ich habe eine gute Balance im Leben“, behauptete Wolfe und dachte an die Blondine, mit der er vor einem Monat Schluss gemacht hatte. „Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen meinetwegen!“

Achilles schnaubte widerspenstig, als Wolfe die Zügel aufnahm.

„Ich muss noch eben etwas erledigen, bevor ich zum Spiel komme“, fügte er in neutralem Ton hinzu, um Gilles nicht zu beunruhigen. Der sollte sich lieber darauf konzentrieren, heute für immer sein Leben in die Hände einer Frau zu legen. Damit hatte er genug zu tun. „Achilles und ich sind gleich wieder bei euch.“

Der Hengst scharrte mit den Hufen, und Wolfe lächelte erwartungsvoll. Es war eine echte Herausforderung, die eigenen Sinne und Kräfte einzusetzen, um ein eigenwilliges Tier zu bändigen. Er fragte sich, ob Gilles ihm den Hengst vielleicht verkaufen würde.

Wolfe hatte auf Anhieb einen Narren an dem Pferd gefressen.

Ava musste zugeben, dass es als Erwachsene immer noch schwierig war, diese Mauer zu erklimmen. Die Muskeln in Armen und Schultern schmerzten, und zu allem Überfluss hatte man die große Kastanie entfernt, die den Abstieg auf der anderen Seite erleichtern sollte. Stattdessen standen dort zwei finster dreinblickende Sicherheitskräfte und richteten eine Waffe auf sie.

Daran hätte sie wirklich denken müssen, dass Gilles für die Hochzeit Sicherheitspersonal engagieren würde. Natürlich nahmen die beiden Kerle ihr die Geschichte vom Autounfall nicht ab. Falls jetzt einer der Pressehubschrauber, die in der Nähe des Anwesens kreisten, sie ins Visier nahm, war die Katastrophe perfekt.

Misstrauisch beäugte sie ihre beiden Bewacher, die in Camouflage-Hosen und Armeejacken gekleidet vor ihr standen. „Wenn Sie sich die Mühe machen würden, ein paar Hundert Meter bis zur Straße zu gehen, würden Sie mein Auto entdecken. Dann wüssten Sie, dass ich die Wahrheit sage.“ Energisch hielt sie das Temperament zurück, das ihr Vater so oft an ihr kritisiert hatte. Seiner Meinung nach war es leichter zu entzünden als ein Streichholz, was natürlich nicht stimmte. Es brauchte schon einen handfesten Anlass, bevor Ava die Nerven verlor.

„Entschuldigung, Ma’am. Anordnung vom Chef.“ Die Erklärung kam von dem Wachmann, der ein kleines bisschen sympathischer aussah als der andere. Sein Tonfall war dennoch scharf wie eine Rasierklinge.

„Aha. Aber ich habe ziemlich starke Kopfschmerzen, und ich würde jetzt gern runterkommen.“

„Tut mir leid, Ma’am …“

„Anordnung vom Chef, schon klar“, vervollständigte sie seinen Satz. Was die beiden wohl tun würden, wenn sie einfach heruntersprang? Keine besonders gute Idee, wahrscheinlich würde sie sich dabei den Knöchel brechen oder zumindest verstauchen.

Als Kinder hatten sie wohl übersehen, dass man auch auf der Innenseite der Mauer Trittmulden hätte gebrauchen können. Ein derart eklatanter Fehler wäre einem echten Spion niemals passiert! Andererseits war dort ja früher der Baum gewesen.

Seufzend schloss Ava die Augen und fühlte auf ihrer Stirn nach der Beule, die sie sich beim Unfall zugezogen hatte. Die Schwellung schmerzte, aber zumindest war die Haut nicht aufgeplatzt. Immerhin.

Sie fühlte sich hier oben wie eine Idiotin, und lange würde sie sich dieser bizarren Situation nicht mehr aussetzen.

„Wo ist denn dieser ominöse Chef von Ihnen?“, wollte sie wissen und blieb dabei so ruhig, wie es ihr unter den gegebenen Umständen möglich war.

„Kommt bald, Ma’am.“

Weihnachten kommt auch bald, dachte sie sarkastisch. In genau vier Monaten.

In der Ferne war ein leises Donnern zu hören, das langsam näher kam. Ava drehte den Kopf, um zu sehen, was es mit diesem merkwürdigen Geräusch auf sich hatte. Sie sah nichts außer der weitläufigen Parkanlage und dem roten Gemäuer des Châteaus unter strahlend blauem Himmel.

Plötzlich blitzte zwischen den Bäumen etwas Weißes auf, und im nächsten Augenblick sah Ava einen riesigen, weißen Hengst auf sich zu galoppieren. Voller Faszination bewunderte sie das starke Tier … und anschließend seinen außerordentlich attraktiven Reiter.

Sein blondes Haar wurde vom Wind zerzaust, und man konnte schon von Weitem die herben Gesichtszüge erkennen: eine gerade Nase und ein markantes Kinn. Er hatte breite Schultern, schmale Hüften und lange, muskulöse Beine. Die Füße steckten in glänzenden Reitstiefeln, dazu trug er eine enge, helle Hose und ein schwarzes Poloshirt.

Man sah ihm an, dass er ernsthaft wütend war. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er Ava, die reglos oben auf der Mauer saß. Sein Pferd kam zum Stehen und stapfte noch ein paarmal nervös mit den Hufen, während der Mann regungslos im Sattel saß.

Avas Herz klopfte bis zum Hals, und sie klammerte sich mit beiden Händen an den kalten Stein. Ihr wurde unerträglich heiß, was bei diesem Wetter kein Wunder war – und ganz sicher nichts mit dem gnadenlos dreinblickenden Krieger zu tun hatte, der sie mit einem arroganten Blick bedachte.

„Habe ich es Ihnen zu verdanken, dass ich immer noch hier oben sitze?“ Angriff war seit jeher die beste Verteidigung, fand sie. Und die provozierende Frage war raus, ehe Ava sich zurückhalten konnte. So ein Mist! Dabei hatte sie ursprünglich einen diplomatischen Weg wählen wollen, um dieses Missverständnis aufzulösen.

Sie wusste sofort, dass sie zu weit gegangen war. Mal wieder war Ava ihr Temperament in die Quere gekommen.

Schweigend starrte Wolfe die exotische Gestalt an, die dort oben auf der Südmauer des Anwesens kauerte. Er hatte sich geirrt: Sie war nicht attraktiv. Sie war atemberaubend attraktiv, sein geschultes Soldatenauge nahm in Sekundenschnelle jedes Detail auf.

Hohe Wangenknochen, honiggoldener Teint, dunkle Augen und dichtes schwarzes Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Ein paar lose Strähnen umspielten ihre vollen, sinnlichen Lippen, die dafür gemacht waren, geküsst zu werden.

Von ihm?

Hastig verwarf er diesen Gedanken wieder und ließ seinen Blick über ihr weißes Shirt – durch das sich wohlgeformte Brüste abzeichneten – und ihre Designerjeans wandern. Sie trug keine Schuhe … aber Strümpfe! Und neben ihr lagen zwei Stiefel mit Stilettoabsätzen.

Erst dann wurde ihm bewusst, was für eine unverschämte Frage sie ihm gestellt hatte. Und das in einem Ton, den er absolut unangemessen fand. Immerhin war sie ein Eindringling, außerdem hatte sie ihm sein Polospiel verdorben. Also, falls sie schlechte Laune hatte, sollte sie sich gefälligst hinten anstellen!

„Nein“, antwortete er kalt. „Sie haben es sich selbst zu verdanken, dass Sie dort oben sitzen.“

Ohne ihrem entnervten Stöhnen Beachtung zu schenken, stieg er aus dem Sattel und wandte sich an seine Männer. Dabei spürte er, wie ihm ihre Blicke folgten … unwillkürlich fragte er sich, welche Farbe ihre Augen wohl hatten. Schon wieder so ein unwillkommener Gedanke!

Erics kurzer Bericht setzte Wolfe darüber in Kenntnis, unter welchen Umständen die unangemeldete Besucherin aufgegriffen worden war. Anschließend reichte Eric ihm die Handtasche.

„Ist die Waffe wirklich notwendig?“

Ihre Frage klang beinahe gelangweilt.

„Nur dann, falls ich Sie tatsächlich erschießen müsste.“ Er sah nicht einmal hoch, während er sprach. „Lassen Sie Ihre Hände dort, wo ich sie sehen kann!“

„Ich bin doch keine Kriminelle!“

Auch diesen Satz ignorierte er. „Irgendwas Interessantes in der Tasche gefunden?“

„Negativ, Boss. Normaler Frauenkram. Lippenstift, Taschentücher, Haarspangen. Kein Ausweis, wie gesagt.“

Die Fremde stöhnte auf. „Ich habe Ihren Wachhunden das bereits erklärt. Ich hatte einen Autounfall, dabei muss mein Portemonnaie aus der Tasche gerutscht sein.“

„Wie passend.“

„Für wen? Für Sie vielleicht?“

Wolfe bedachte sie mit einem Blick, der einen erwachsenen Mann eingeschüchtert hätte. „Für jemanden in Ihrer Lage haben Sie eine ziemlich große Klappe.“ Und ihre leicht rauchige Stimme ging ihm regelrecht unter die Haut. Sie klang supersexy.

„Ich bin Prinzessin Ava de Veers von Andrés, und ich verlange, dass Sie mich auf der Stelle herunterlassen.“

Nur zu seinem Vergnügen musterte er sie noch einmal genauer. Und weil er wusste, dass sie das zur Weißglut trieb. „Was treiben Sie auf dieser Mauer, Prinzessin? Wollen Sie fliegen lernen?“

„Ich bin ein geladener Hochzeitsgast. Und Sie laufen Gefahr, Ihren Job zu verlieren, wenn Sie mich hier noch länger festhalten. Wahrscheinlich habe ich mir schon einen heftigen Sonnenbrand geholt.“

„Bei diesem Wetter? Das glaube ich kaum.“ Zudem war sie ganz offensichtlich vorgebräunt, was ihr gut stand. „Und geladene Gäste kommen für gewöhnlich durchs Haupttor. Für wen arbeiten Sie?“

Sie zog die hübsch geschwungenen Augenbrauen zusammen. „Was soll …“

„Zeitung? Magazin? Fernsehsender? Nette Kamera, übrigens. Darf ich mir die mal genauer ansehen?“

„Nein, dürfen Sie nicht!“

„Im Grunde brauche ich Ihre Zustimmung nicht dafür.“

„Weshalb fragen Sie dann erst?“

Beinahe hätte er gelacht. „Ich habe eben Manieren.“

Sie rümpfte die Nase, und er konnte sich denken, dass sie ihn für einen ungehobelten Wilden hielt. Schwungvoll warf er ihre Handtasche auf den Rasen und begutachtete die Fotos auf der Kamera.

„Schöne Bilder, die meisten von Prominenten. Ich frage nochmal: Für welches Schmierblatt arbeiten Sie?“

Sie verdrehte die Augen.

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