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Die Krönung unseres Glücks

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Sharon Kendrick

Die Krönung unseres Glücks

Mit ihrer Jugend und ihrer Unschuld bezaubert die neunzehnjährige Millie den Kronprinzen Gianferro vom ersten Augenblick an. Verliebt macht er ihr schon bald einen Heiratsantrag. Doch kaum hat sie ihm vor dem Altar ewige Treue geschworen, erlebt Gianferro die erste Enttäuschung: Millie scheint ihre ehelichen Pflichten nicht wirklich ernst zu nehmen, obwohl er ihre Liebe so gern mit einem Kind krönen würde. Und schlimmer: Sie scheint ihn auch noch mit einem anderen Mann zu betrügen …

1. KAPITEL

Gianferro hatte seine Geliebten immer gut gewählt.

Neben Schönheit und Intelligenz suchte er vor allem Diskretion. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr hatte es an Kandidatinnen für diesen inoffiziellen und wenig anerkannten Platz nie gemangelt. Darüber hatte sich niemand gewundert. Denn selbst ungeachtet der dunklen Augen, des gut aussehenden Gesichts, des kühlen, wachen Blicks und des durchtrainierten, schlanken Körpers – welche Frau sehnte sich nicht danach, von einem Prinzen geliebt zu werden.

Besonders da er eines Tages das Amt des Fürsten von Mardivino übernehmen würde, genoss Gianferro die Gunst der Frauen. Schon seit dem dreizehnten Jahrhundert regierte seine Familie das Fürstentum, das auf einer wunderschönen Mittelmeerinsel beheimatet war. Ein Prinz, der Schlösser, Flugzeuge, schnelle Autos und Rennpferde von Weltklasse besaß. Unermesslicher Reichtum lag in seinen Händen. Wer konnte es den Frauen verübeln, wenn sie diese Hände auf ihrem Körper spüren wollten?

Jetzt verfolgte er jedoch ein bestimmtes Ziel, das ihn beinah ängstigte. Weil vor ihm die vielleicht wichtigste Entscheidung seines Lebens lag. Länger konnte er das Unvermeidliche nicht aufschieben. Der Kronprinz suchte keine Geliebte, sondern eine Braut.

Und er musste die richtige Wahl treffen.

Inzwischen waren seine zwei Brüder verheiratet und hatten Nachwuchs bekommen, und darin bestand die Gefahr. Wenn Gianferro sicherstellen wollte, dass die Herrschaft von Mardivino in seine Linie überging, hatte er keine andere Möglichkeit, als zu heiraten.

Ihm war schwer ums Herz, während Gianferro sich in dem Schlafzimmer umsah, das ihm nach seiner Ankunft am Vortag zugewiesen worden war. Architektonisch unterschieden sich dieses Haus und der Regenbogenpalast grundlegend, aber es war dennoch ein sehr schönes Zimmer. Sehr englisch.

Die riesigen Sprossenfenster hatten Butzenscheiben, die das Licht aus vielen verschiedenen Winkeln einfingen und reflektierten, sodass der Raum so luftig wie ein Vogelkäfig wirkte. Gianferro verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln. Einem Käfig, aus dem er höchstwahrscheinlich nicht freikommen würde.

Caius Hall hieß das herrliche Haus aus dem sechzehnten Jahrhundert. Hier wohnten die Schwestern de Vere, von denen er die ältere zu heiraten beabsichtigte. Lady Lucinda de Vere – liebevoll Lulu genannt – erfüllte alle Anforderungen, die Gianferro an eine künftige Gattin stellte. Von ebenso reinem Blut wie er, war sie obendrein auch noch blond und schön.

Ihre Familien kannten sich seit Jahren. Die Väter hatten gemeinsam studiert und waren in Kontakt geblieben, obwohl sie sich mit der Zeit zwangsläufig immer seltener trafen. Einmal hatte Gianferro sogar die Ferien auf dem Landsitz verbracht. Damals war eins der Mädchen noch ein Baby gewesen, daran erinnerte er sich.

Ende des vergangenen Jahres hatte er Lucinda bei einem Polomatch getroffen. Nicht zufällig. Die Begegnung war von einem Freund beider Familien arrangiert worden. Er erklärte Gianferro unverblümt, dass es höchste Zeit sei, eine geeignete Frau zu finden. Ohne zu überlegen, nahm der Kronprinz eine abwehrende Haltung ein. Trotzdem beeindruckten ihn Lulus Selbstsicherheit und auffallende Schönheit.

„Ich glaube, wir kennen uns, oder?“, fragte sie keck, als er ihr die Hand küsste. „Haben Sie nicht mal vor Jahren bei uns gewohnt?“

„Vor langer Zeit.“ Er runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich daran, dass Sie damals dünne Zöpfe und Schleifen trugen.“

„Oh. Das klingt nicht sehr schmeichelhaft!“

Aber diese frühere Begegnung bot Gianferro eine gewisse Sicherheit, eine Basis, die für einen Mann in seiner Position sehr wichtig war. Lucinda de Vere war keine Fremde mit undurchsichtigen Motiven; er kannte ihre Familie und ihr Umfeld. Alle Beteiligten würden die Heirat gutheißen.

Nach dem kurzen Treffen sahen sie sich mehrmals auf Partys, die, wie Gianferro wusste, eigens zu diesem Zweck organisiert wurden. Manchmal fragte er sich, was wohl passieren würde, wenn er mit den Fingern schnippte und verlangte, dass ihm der Mond auf einem Tablett serviert wurde. Würden dann Astronauten von Mardivino aus ins All geschickt, um den Wunsch des Kronprinzen zu erfüllen?

Während der heimlich beobachteten Gespräche hatte stillschweigendes Einvernehmen über ihrer beider Bedürfnisse und Wünsche geherrscht. Er brauchte eine Ehefrau, die ihm einen Erben schenkte. Lucinda wollte Prinzessin sein. Davon träumten viele adlige junge Engländerinnen. So einfach war das.

Heute, nach dem Mittagessen, wollte Gianferro es offiziell machen. Und wenn diese unsichtbare Grenze erst einmal überschritten war, gab es kein Zurück. Dann würden hinter den Kulissen in Mardivino und England subtile Ränke geschmiedet und über die Heiratspläne verhandelt werden.

In wenigen Stunden würde er nicht mehr frei sein.

Gianferro erlaubte sich ein flüchtiges hartes Lächeln. Nicht mehr frei? Wann hatte er in seinem Leben jemals echte Freiheit erfahren? Ein Kronprinz konnte mit gutem Aussehen, Reichtum und Macht gesegnet sein, aber die Freiheiten, die die meisten Menschen für selbstverständlich hielten, lernte Gianferro niemals kennen.

Er blickte auf seine Armbanduhr. Das Mittagessen fand erst in einer Stunde statt, und das Warten machte ihn nervös. Andererseits hatte er keine Lust, schon nach unten in den Salon zu gehen und sich an dem Small Talk zu beteiligen, der ohnehin einen wesentlichen Bestandteil seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen als Prinz ausmachte.

Vorsichtig schlüpfte er aus dem Zimmer und schlich lautlos einen der langen Flure entlang, bis er schließlich draußen war. Er atmete die herrliche englische Frühlingsluft ein wie ein Mann, der kurz vor dem Ersticken gestanden hatte.

Gelbe und weiße Narzissen schwankten im milden, duftenden leichten Wind, die Bäume blühten zuckerwatterosa und weiß. Um sie herum waren pfirsichblättrige Glockenblumen gepflanzt. Zauberhaft blau und herzzerreißend kurzlebig, dachte Gianferro, als er an dem Beet vorbeiging.

Den symmetrisch angelegten Garten verließ er und schlug einen Weg ein, der vom Haus nicht so gut einsehbar war. Langsam ging Gianferro auf die Felder und Hecken zu, die einen Teil des riesigen Landguts bildeten.

In der Ferne hörte er das Hufgetrappel eines auf ihn zugaloppierenden Pferdes. Einen kurzen, sehnsüchtigen Moment lang wünschte Gianferro, er würde jetzt auf seinem Pferd in gelöstem Tempo den mardivinischen Strand entlangreiten. So lange, bis er und sein Tier erschöpft waren.

Jetzt entdeckte er den über das Feld rasenden Falben. Ungläubig kniff Gianferro die Augen zusammen, als ihm klar wurde, dass der Reiter über die Hecke setzen wollte.

Er hielt den Atem an. Zu hoch. Zu schnell. Zu … Instinktiv wollte Gianferro „Halt!“ rufen. Doch er wusste, dass es nur noch gefährlicher werden könnte, wenn er das Pferd erschreckte.

Der Reiter trieb den Falben unbeirrt an. Es war einer jener wundervollen Momente, die man gelegentlich miterlebte und die sich nie wieder einfangen ließen. Mit einer der Schwerkraft trotzenden Bewegung setzte das Pferd in einem perfekten Bogen zum Sprung an. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es in der Luft zu schweben, bevor es das Hindernis um Haaresbreite nahm.

Langsam stieß Gianferro den angehaltenen Atem aus, während er widerwillig den Mut des Reiters bewunderte, seine Kühnheit und …

Dummheit!

Gianferro war selbst ein so talentierter Reiter, dass er daran gedacht hatte, den Sport zu seinem Beruf zu machen. Wenn es der Zufall nicht gewollt hätte, dass Gianferro als Prinz auf die Welt kam, er hätte es getan.

Unwillkürlich folgte er den Hufabdrücken zu den Stallungen. Vielleicht würde er dem Jungen den Unterschied zwischen mutig und verrückt erklären. Und danach würde Gianferro ihn vielleicht fragen, ob er Lust hätte, in Mardivino als Jockey zu arbeiten. Ein Lächeln glitt über Gianferros Züge.

Erdiger Stallgeruch schlug ihm entgegen, als er sich dem offenen Tor näherte. Gianferro hörte nur das Schnauben eines Pferds und die sanfte, glockenhelle Stimme einer Frau, die genau das murmelte, was Frauen immer zu ihren Pferden sagten.

„So ein Süßer! Ein ganz Kluger bist du. Das war ein wirklich guter Sprung.“

Gianferro erstarrte.

Hatte eine Frau den Falben geritten?

Unter Missachtung jeglicher Höflichkeit betrat er gebieterisch den Stall, ohne um Erlaubnis zu fragen oder sich bemerkbar zu machen. Sofort entdeckte er das schmächtige junge Mädchen – ein Mädchen! –, das dem Pferd ein Pfefferminzplättchen zu fressen gab. „Sind Sie völlig verrückt?“

Erschrocken drehte sich Millie um. Ihr wurde erst heiß, dann kalt und dann wieder heiß. Natürlich wusste sie, wen sie vor sich hatte. Obwohl man ihr oft vorhielt, in höheren Sphären zu schweben, hatte selbst sie mitbekommen, dass ein Prinz bei ihnen wohnte. Und dass ihre Schwester Lulu fest entschlossen war, ihn zu heiraten.

Auf dem Gut wimmelte es von Schutzpolizisten und schwer bewaffneten Bodyguards. Millies Mutter hatte nachsichtig darüber geklagt, dass die beiden Mädchen, die als Hilfen aus dem Dorf geholt worden waren, noch nicht viel gearbeitet hatten. Kein Wunder, das Haus war voller Testosteron!

Indem sie Kopfschmerzen vorgeschützt hatte, konnte sich Millie erfolgreich davor drücken, dem Prinzen beim gestrigen Abendessen zu begegnen. Millie wäre es höchst peinlich gewesen, wenn sich ihre Schwester zur Schau stellte, als sei der Prinz der Meistbietende an einem Marktstand. Deshalb hatte Millie dem Ereignis entgehen wollen. Aber jetzt war er hier, und diesmal konnte sie ihm nicht entkommen.

Wie ein Prinz sah er überhaupt nicht aus in seiner eng sitzenden Hose und einem Hemd, das zweifellos aus Seide, allerdings am Hals lässig aufgeknöpft war. Sein schwarzes Haar glänzte, er war ebenso stark und muskulös wie die Stallburschen. Und er funkelte sie aus dunklen Augen vorwurfsvoll an.

„Ich habe gefragt, ob Sie verrückt sind“, sagte er gereizt.

„Ja, ich hab’s gehört.“

Sie sprach so leise, dass er sich anstrengen musste, um sie zu verstehen. Ihr Tonfall klang zudem äußerst respektlos. Wusste sie nicht, wer er war? Gianferro konnte sehen, dass sie der Ausritt und der tollkühne Sprung angestrengt hatten. Die dünne Bluse schien an ihren kleinen festen Brüsten zu kleben. Unerwartet wurde er erregt bei dem Anblick.

„Und? Sind Sie es?“

Millie zuckte die Schultern. Seit ihrer Kindheit bekam sie ständig zu hören, sie solle mit den Pferden weniger leichtsinnig umgehen. „Das hängt wohl davon ab, wie man es betrachtet.“

Ihre Augen waren groß und so blau wie die Blumen, die um die Bäume herum blühten. Sie hatte die reinste Haut, die Gianferro jemals gesehen hatte, ungeschminkt und dennoch mit dem Schimmer der natürlichen Frische einer sportlich aktiven Jugendlichen. Unwillkürlich fragte er sich, welche Farbe wohl ihr Haar hatte, das die Reitkappe verbarg. Sein Herz begann so heftig zu hämmern, dass er an kaum etwas anderes denken konnte.

„Sie reiten sehr gut“, räumte er ein. Ohne zu überlegen, ging er einige weitere Schritte auf sie zu.

Gerade noch konnte sich Millie davon abhalten zurückzuweichen. Seine Nähe machte sie fast benommen. Schwindlig. Er war so kräftig wie die Stallburschen, ja. Aber da war noch mehr, etwas, das ihr noch nie zuvor begegnet war. In Lulus Beschreibungen hatte „ihr“ Prinz farblos gewirkt, Millie stellte sich ihn deshalb wie ein Nichts mit Titel vor. Bis vor Kurzem. Zweifellos hatte Lulu seinen gefährlich sexy Gang verschwiegen und genauso sein schamlos selbstsicheres und herrisches Auftreten, auf das Millie jetzt mit heftigem Herzklopfen reagierte. Sie blickte ihm in die dunklen Augen und versuchte, sich zu konzentrieren.

„Danke.“

„Allerdings gehört derjenige bestraft, bei dem Sie gelernt haben, solche Risiken einzugehen“, fügte Gianferro finster hinzu.

Millie blinzelte. „Wie bitte?“

„Wenn Sie so weitermachen, werden Sie sich irgendwann umbringen. Dieser Sprung war reiner Leichtsinn.“

„Aber ich habe es geschafft! Und es war noch Platz übrig!“

„Eines Tages schaffen Sie es vielleicht nicht.“

„Mit so einer Einstellung kann man doch nicht sein Leben führen“, erwiderte Millie lässig. „In Watte gepackt, ständig in Sorge darüber, was alles passieren könnte. Wenn man ängstlich ist, lebt man nicht, man existiert nur.“

Dass seine Warnung sie überhaupt nicht beeindruckte, ließ Gianferro wehmütig lächeln. Ihre Sicht der Dinge machte ihn schwermütig. Wie lange war es her, dass er sich den Luxus gestattet hatte, so zu denken? „Sie sehen das so, weil Sie jung sind“, sagte er fast traurig.

„Während Sie wie ein würdevoller alter Mann denken?“, neckte sie ihn.

Er lachte laut auf. Dann wurde er reglos. Es kam ihm vor, als würde sich irgendetwas in den Stall einschleichen, etwas nicht Greifbares, das zwischen ihnen in der Luft knisterte wie die Flammen eines plötzlich ausbrechenden Feuers.

Als Millie Gianferros durchdringendem Blick standhielt, wogte wieder eine entkräftende Schwäche über sie hinweg. Zu Pferde fühlte sie sich furchtlos. Aber das Kribbeln, das sie jetzt durchlief, hatte sehr viel Ähnlichkeit mit Angst. Der abkühlende Schweiß auf der Haut ließ Millie frösteln.

„Ich sollte zusehen, dass ich hier fertig werde“, meinte sie verlegen.

„Wer sind Sie?“, fragte er unerwartet. „Eine von den Pferdepflegerinnen?“

Der Selbsterhaltungstrieb ließ sie mit der Antwort zögern. Wenn der Prinz sie für eine der Arbeiterinnen auf dem Gut hielt, würde er wie der Blitz den Stall verlassen. Und dann bin ich in Sicherheit, dachte Millie. Sicher vor diesem gefährlichen Blick und der unerhörten erotischen Ausstrahlung.

„Ja, bin ich“, erwiderte sie.

Gianferro fühlte sich wie ein zum Tode verurteilter Mann, dem man eine letzte Mahlzeit anbot. Er sah auf den schön geschwungenen Mund der Fremden und sehnte sich danach, sie so zu küssen, wie er noch nie eine Frau geküsst hatte. Und es später nie wieder tun würde.

Einen Moment lang blitzte ein kaltes, hartes Funkeln in seinen Augen auf. Für Millie stellte sich alles in diesem einen langen Blick dar. Obwohl sie so gut wie überhaupt keine Erfahrung mit Männern hatte, wusste sie, was sich zwischen den Geschlechtern abspielte. Deshalb war Millie völlig klar, was jetzt gerade im Prinzen vorging. Flüchtig empfand sie tiefes Mitgefühl für ihre Schwester. Was, wenn er immer wieder Affären hatte? Ein Serienehebrecher, wie es ihr Vater gewesen war? Lulu würde das ändern, sie würde damit fertig werden. Seit Jahren fraßen ihr die Männer schon aus der Hand, also warum nicht auch dieser? Aber er war anders, und nicht nur wegen seines Titels, das spürte Millie.

Mühsam holte sie Luft. Vor Millie stand ein wahrhafter Traummann – mächtig, stark und männlich –, sogar sie konnte das nicht ignorieren. Frauen würden sich immer von ihm angezogen fühlen. Plötzlich schien sich ihre Meinung um einhundertachtzig Grad zu drehen, und einen Moment lang beneidete Millie ihre Schwester.

Während sie die anmaßend vorgeschobenen Hüften ansah, merkte sie, dass sie rot wurde. Und sie hatte schreckliche Angst, dass er den Inhalt ihrer Gedanken erraten könnte. „Ich … ich sollte besser gehen“, stammelte sie.

Er antwortete wieder mit einem Lachen, doch diesmal hörte es sich bedauernd an. Darin schwang noch etwas anderes mit, das sie nicht deuten konnte.

„Ja, ab mit Ihnen, Kleine“, sagte er leise.

„Ich bin neunzehn!“, verteidigte sie sich gekränkt.

„Sie sollten trotzdem davonlaufen“, erwiderte er seidenweich.

Nach einem Blick in seine dunklen Augen tat Millie genau das: Sie rannte aus dem Stall, als würde der Prinz Jagd auf sie machen. Millie stürmte nach draußen in den Frühlingstag, den das Aprilwetter inzwischen verwandelt hatte: Fort war der strahlende Sonnenschein, Wolken waren aufgezogen und aufgerissen, es goss in Strömen. Ihre fieberhaft geröteten Wangen wurden von den Tropfen gekühlt, während Millie verwirrt zum Herrenhaus zurückging.

Völlig durchnässt lehnte sich Millie an die Mauer des Obst- und Gemüsegartens. Ihre Atmung normalisierte sich allmählich, aber ihr Herz hämmerte noch immer wie verrückt. Ihr war, als hätte der Prinz all ihre Gefühle aufgewühlt und durcheinandergebracht, sodass sie sich überhaupt nicht mehr wie Millie vorkam, sondern wie irgendeine zitternde Fremde.

Und sie musste noch das Mittagessen durchstehen.

2. KAPITEL

„Millie, du kommst zu spät!“

Über dem Stimmengewirr der plaudernden Gäste konnte Millie deutlich die Verärgerung ihrer Mutter heraushören. Dazu erzogen, ihre Gefühle nur selten zu zeigen, trat sie gewöhnlich sehr beherrscht auf. Aber unter diesen besonderen Umständen – mit einer Tochter, die kurz davor stand, in eine Fürstenfamilie einzuheiraten – konnte auch die Countess aus der Fassung geraten, wenn Millie unzumutbar spät erschien.

Millie hatte versucht, unbemerkt in den Blauen Salon zu schlüpfen, in dem sich alle vor dem Mittagessen versammelten. Nur drängten sich die meisten Gäste direkt gegenüber der Tür um die große, eindrucksvolle Gestalt des Prinzen. „Tut mir leid“, sagte Millie und richtete den Blick auf den unbezahlbaren Perserteppich. Denn sie wagte nicht, irgendwo anders hinzusehen. Weil sie schreckliche Angst hatte, zufällig in die gefährlichen dunklen Augen des Prinzen zu sehen.

Warum? Weil sie in der ganzen Zeit, die sie gebraucht hatte, um zu duschen und etwas halbwegs Passendes anzuziehen, nur an den schockierend attraktiven Mann hatte denken können – der ihr Schwager werden würde? Und weil sie die Vorstellung nicht verdrängen konnte und sich ausmalte, wie es gewesen wäre, wenn sie sich geküsst hätten.

„Einen Prinzen warten zu lassen gehört sich einfach nicht, Millie“, schalt ihre Mutter. Dann fügte sie flüsternd hinzu: „Und hättest du dich nicht schminken können, Liebling? Wenn du willst, kannst du so hübsch aussehen.“

Was bedeutete, dass sie im Moment nicht hübsch aussah. Tja, das ist nur gut so, dachte Millie. Sie wollte nicht, dass er sie auf diese seltsame Art anblickte, sie dazu brachte, diese Dinge zu empfinden und sich zu sehnen, sich zu fragen …

„Dann hätte ich mich noch mehr verspätet“, erklärte sie, als plötzlich ein Schatten über sie fiel. Millie wusste sofort, wessen. Sobald der Prinz vor ihnen stehen blieb, erschauerte sie vor Erregung und hoffte, dass ihre Mutter es nicht bemerkte.

„Prinz Gianferro“, säuselte die Countess de Vere, so breit lächelnd, wie Millie es noch nie zuvor bei ihrer Mutter erlebt hatte, „ich möchte Ihnen meine jüngere Tochter Millicent vorstellen.“

Weiterhin auf den Boden zu schauen wäre äußerst unhöflich gewesen. Deshalb riskierte es Millie aufzusehen … und blickte direkt in sein Gesicht mit den sehr aristokratischen hohen Wangenknochen und den dunklen Augen, die vor Spott funkelten. Sag, dass wir uns schon kennengelernt haben, dann ist alles okay, flehte sie stumm.

Aber er tat es nicht, sondern hob ihre Fingerspitzen an seinen Mund. Und beim flüchtigen Druck seiner Lippen durchrieselte Millie ein Hauch von Verlangen.

Molto lieto“, murmelte er. „Millicent.“

„Millie“, verbesserte sie sofort, während sie ihre Hand seiner Berührung entzog und ihm einen tadelnden Blick zuwarf. Die Furchtlosigkeit kehrte zurück. „Soll ich einen Knicks machen?“

Er lächelte. „Wollen Sie?“

Bildete sie sich das nur ein, oder war es eine Fangfrage, und, du lieber Himmel, wie kam sie überhaupt auf den Gedanken? Der Prinz gehörte Lulu, nicht ihr. Dass er jemals ihr gehören könnte, war völlig unvorstellbar. Sogar wenn Lulu keinen Anspruch auf ihn erhob.

Millie nickte und machte mühelos einen sehr graziösen Knicks. Sie hoffte, dass die förmliche Begrüßung den gebührenden Abstand zwischen ihnen schaffen würde.

Perfetto.“

„Ja, das war ein schöner Knicks, Liebling“, lobte ihre Mutter zufrieden, doch leicht irritiert. „Und jetzt entschuldige dich beim Prinzen für deine Verspätung!“

„Ich …“

Übermut blitzte in seinen Augen auf. „Vermutlich hatten Sie etwas Spannenderes zu tun?“

Immer tiefer zog er sie in die Täuschung hinein. Millie überlegte, wie er wohl reagieren würde, wenn sie erwiderte: „Sie wissen genau, was ich gemacht habe.“ Die Antwort blieb ihr erspart, als die Tischglocke läutete.

„Mittagessen“, sagte sie höflich.

„Vom Gong gerettet“, entgegnete er spöttisch.

Millie fiel auf, dass ihre Mutter jetzt noch verwirrter aussah. Wahrscheinlich fragte sie sich verwundert, wie es ihre ungestüme Tochter bloß geschafft hatte, das Interesse des Prinzen länger als eine Sekunde zu fesseln!

Beim Mittagessen saßen zwanzig Personen an der Tafel. Wie Millie es vorhergesehen hatte, nahm sie den Platz am entgegengesetzten Ende ein, so weit wie möglich vom Prinzen entfernt. Und ich hoffe, dir schmeckt es, während ich fast an jedem Bissen ersticke, überlegte sie missmutig.

Gianferro kostete die Speisen kaum. Ein Gang nach dem anderen wurde aufgetragen, jeder hervorragend, der Rahmen war wunderschön, die Gesellschaft genau so, wie sie sein sollte. Nur dass …

Immer wieder schweifte sein Blick zu der jungen Frau am Ende des Tisches. Wie verschieden die Schwestern waren. Lulu wirkte so verwöhnt und makellos zurechtgemacht wie ein internationales Topmodel. Millie hingegen trug ein schlichtes Kleid, das ihren von Natur aus schlanken Körper betonte. Das hellblonde Haar hatte die jüngere einfach zurückgebunden und war außerdem überhaupt nicht geschminkt. Sie sah so frisch und natürlich aus wie ein Blumenstrauß.

Lulu, die neben ihm saß, beugte sich gerade zu ihm, und Gianferro fing einen Hauch ihres teuren französischen Parfüms auf. Unerklärlicherweise verglich er den Duft mit dem erdigen Geruch nach Pferd und Sattelseife im Stall des Guts.

„Sie haben Ihren Wein ja noch gar nicht angerührt, Gianferro!“, schalt Lulu.

„Ich trinke tagsüber niemals Alkohol.“

„Wie langweilig!“ Sie schnitt eine Grimasse. „Warum denn nicht?“

„Ich muss einen klaren Kopf behalten.“

„Doch wohl nicht immer? Ist es denn nicht nett, auch mal am Nachmittag … ganz entspannt zu sein?“, fragte sie und warf ihm einen koketten Blick zu.

Gianferro wusste genau, was sie andeutete, und stellte fest, dass es ihn … empörte. Oder ich suche nur nach einem Grund zur Empörung, gestand er sich ehrlich ein. Weil es um mehr ging als eine anzügliche Bemerkung. Was Frauen anbelangte, war er Experte. Nachdem er Lulu an diesem Tag in ihrer gewohnten Umgebung erlebt hatte, sagte ihm das Gefühl, dass er sie nicht heiraten konnte. Ja, sie war bildschön, selbstsicher und charmant. Aber ihr Benehmen empfand er schon als bedrohlich und fordernd wie das einer Raubkatze, seit er das Haus betreten hatte. Und obwohl er diese Eigenschaft bei einer Geliebten bewunderte, wünschte er sich eine sanftere Ehefrau.

Jetzt warf Lulu das Haar zurück und spielte mit ihrer Halskette.

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