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Die Kriegerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Buch 1: DIE WESPE DES IMPERIUMS
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  1. Buch 2: DAS SCHWERT DES IMPERATORS
  2. Kapitel 13
  3. Kapitel 14
  4. Kapitel 15
  5. Kapitel 16
  6. Kapitel 17
  7. Kapitel 18
  8. Kapitel 19
  9. Kapitel 20
  10. Kapitel 21
  11. Kapitel 22
  12. Kapitel 23
  13. Kapitel 24
  14. Kapitel 25
  15. Kapitel 26
  16. Kapitel 27
  17. Kapitel 28
  1. Buch 3: GEBORSTENES SCHWERT
  2. Kapitel 29
  3. Kapitel 30
  4. Kapitel 31
  5. Kapitel 32
  1. Dramatis Personae

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Buch 1:
DIE WESPE DES IMPERIUMS

Schwärze.

Schwärze hüllte sie ein. Traumlos trieb sie durch die Finsternis, endlos wie das All, die sich in ihrem Inneren wand und verflocht. Die Schwärze umgab sie, verschmolz mit ihr, vereinigte sich mit ihr, und so schmiegte sie sich an diese Leere, die zugleich ein Teil ihrer selbst war. Das Dunkel war allgegenwärtig, und doch spürte sie, wie außerhalb dieses schützenden Kokons aus ewiger Schwärze fast unbemerkt die Jahre vergingen. Dort waren sie, jenseits ihres eigenen Schlafes; sie nahm sie wahr, und doch erschienen sie ihr nicht ganz wirklich.

Tief, tief im Innersten ihres Herzens glomm immer noch die Glut der Entschlossenheit, aber deren Lichtschein war kaum noch zu erkennen. Eine Glut, die einst wie ein Hochofen gelodert hatte, wurde matter und matter und trieb immer weiter auf die endgültige Auslöschung zu.

Ein winziger Teil ihres Wesens schaute schläfrig zu, wie jene Weißglut allmählich zu einem matten Rot abkühlte, und unter ihrer dicken, weichen Decke der Schwärze fragte sich dieser Teil ihrer selbst, ob man jemals wieder nach ihr rufen würde. Diejenigen, denen sie einst gedient hatte, waren längst verschwunden, das wusste sie genau, ohne zu wissen, woher, und doch rief hin und wieder das Echo eines Rufes nach ihr, und so tauchte sie aus der Geborgenheit ihrer Traumlosigkeit fast bis an die Oberfläche hinauf. Diese Echos jedoch hörte sie nur selten, und sie verschwanden so rasch, wie sie gekommen waren. Das unregelmäßige, immer unerwartete Aufblitzen jener Rufe hatte fast etwas von winzigen Spiegeln, in denen sie ihre eigene zornlodernde Existenz betrachten konnte. Es geschah nur selten, doch im Laufe der endlosen Jahre reichte die Anzahl dieser Echos trotzdem aus, um ihren traumlosen Schlaf zu stören.

Da! Wieder ein Flackern in der Endlosigkeit des Schlafes – ein weiterer Blitz der Möglichkeiten. Die zahllosen möglichen Zukünfte, Zeitströme, in denen sie und dieses Echo vielleicht tatsächlich aufeinandertrafen und zu einem gemeinsamen Ziel fanden, umgaben sie, veränderten unbeständig die Form, schimmerten wie die ewig veränderlichen Formationen der Sterne am Himmel … gleich den Zukünften, in denen dies niemals geschehen sollte.

Was wäre dir denn lieber?, fragte ihr dösender Verstand verschlafen. Willst du dich erneut erheben – vielleicht ein letztes Mal –, oder willst du schlafen? Schlafen, bis es keine Träume mehr gibt, keine Echos, keine Spiegel?

Darauf wusste sie keine Antwort, und so schmiegte sie sich noch fester an den Schleier der Nichtexistenz und wartete ab, was auch immer geschehen mochte.

Oder eben nicht.

Prolog

»Wer ist denn diese Kleine überhaupt?«, fragte Colonel McGruder und starrte das Psychoprofil an, das vor ihm im Holodisplay schwebte. »Und woher haben wir die Informationen über sie?«

»Ihr Name lautet Alicia DeVries«, erwiderte Lieutenant Maserati. »Alicia Dierdre DeVries, und sie ist jetzt in der Abschlussklasse. Vor sechs Monaten wurde sie den Standardprüfungen unterzogen, und ihre Ergebnisse entsprachen allen Auswahlkriterien. Also hat man sie letzte Woche erneut geprüft. Und wie Sie sehen können, wurden dabei sämtliche vorherigen Ergebnisse bestätigt.«

»In der Abschlussklasse?«, wiederholte McGruder, wandte sich vom Display ab und blickte stattdessen seinen Adjutanten an. »Hier steht, sie sei erst vierzehn Jahre alt!«

»Das war sie vor sechs Wochen auch noch, Sir«, erwiderte Maserati. »Sie … ähem … sie absolviert einen Schnellkurs. Wie Sie hier sehen können …« – über sein NeuroLink erteilte der Lieutenant dem Computer einen Befehl, und so öffnete sich im Display des Colonels ein neues Fenster, in dem nun die Prüfungsergebnisse abzulesen waren – »… hat sie sich mit ihren Ergebnissen schon jetzt qualifiziert, im nächsten Jahr im Rahmen des Hochbegabtenförderungsprogramms das Emperor’s New College zu besuchen.«

»Mein Gott.« Kurz starrte McGruder ihre Zeugnisse an, dann betrachtete er erneut das Psychoprofil. »Wenn das alles bei ihr schon mit vierzehn so aussieht …«

»Deswegen dachte ich mir auch, ich sollte Sie darauf aufmerksam machen, Sir«, gab Maserati zurück. »Ich glaube nicht, jemals ein stärkeres Profil gesehen zu haben, und dabei ist diese DeVries, wie Sie schon sagten, erst vierzehn Jahre alt.«

»Zu jung«, sinnierte McGruder laut, und Maserati nickte. Was die schulischen Leistungen betraf, war die junge DeVries der großen Mehrheit ihrer Altersgenossen um vier Jahre voraus. Die Prüfungsergebnisse waren an Colonel McGruders Dienststelle weitergeleitet worden, weil hier die Leistungen jedes Schülers der vierten Klasse vorgelegt wurden, dessen Ergebnisse bestimmte Auswahlkriterien erfüllten. Nach imperialer Gesetzgebung war es jedoch ausdrücklich verboten, jemanden aktiv zu rekrutieren, bevor er oder sie achtzehn Jahre alt geworden war. Wie gut die Prüfungsergebnisse auch aussehen mochten oder wie dringend er oder sie auch gebraucht wurde, spielte dabei keine Rolle, und selbst eine Einverständniserklärung der Eltern änderte daran nichts.

»Abgesehen davon …«, sprach McGruder weiter. »Sehen Sie sich doch das Genprofil an.« Er schüttelte den Kopf. »Ujvári-Gene zusammen mit solchen Zeugnissen … Sie kommt sowieso niemals zu uns. Wenn sie schon jetzt die Zulassung für das ENC hat, dann können Sie sich doch denken, dass sie dorthin auch gehen wird.« Wieder schüttelte er den Kopf, und seine Miene wirkte erschreckend säuerlich. »Zu schade. Die hätten wir wirklich gut brauchen können.«

»Das sehe ich auch so, Sir«, bestätigte der Lieutenant. »Und ich gehe auch davon aus, dass auf sie beträchtlicher Druck ausgeübt wird: Natürlich soll sie dieses ENC-Stipendium annehmen. Aber ich denke, wir sollten dieses Mädchen dennoch im Auge behalten. Vor allem, wenn man das hier berücksichtigt.«

Über sein Headset erteilte er einen weiteren Befehl, und gehorsam öffnete der Computer ein neues Fenster.

»Sie haben das Genprofil ja bereits selbst angesprochen, Sir«, erklärte er dann mit sanfter Stimme. »Aber das stammt aus der väterlichen Linie, und ich dachte, der Lebenslauf ihres Großvaters mütterlicherseits könnte Sie ebenfalls … interessieren.«

»… also habe ich Madam Lieutenant gesagt, das sei eine ganz dumme Idee.« Sebastian O’Shaughnessy lachte leise und schüttelte den Kopf. »Und da hat sie mir erklärt, als Zugführerin habe sie zu entscheiden und nicht ich, schließlich sei ich ja nur Company First Sergeant. Das hieß natürlich, dass wir so vorgehen sollten, wie sie das gesagt hatte. Also haben wir genau das auch so gemacht.«

»Und was ist dann passiert?«, fragte seine Enkelin. Das Mädchen grinste über das ganze Gesicht, und ihre grünen Augen funkelten.

»Und dann hat mich nach der Abschlussbesprechung des Manövers Madam Lieutenant zu sich in ihr Büro gerufen und mir erzählt, der Captain habe ihr einige … Ratschläge darüber erteilt, wie sich ein frischgebackener Lieutenant, der gerade erst die Kadettenanstalt auf New Dublin hinter sich gebracht hat, einem Kompaniefeldwebel gegenüber verhalten sollte, der bereits auf neunzehn Dienstjahre beim Corps zurückblicken kann.«

O’Shaughnessy erwiderte das Lächeln des Mädchens.

»Aber ich muss ihr doch zugutehalten … sie hat das wirklich wie ein echter Marine aufgenommen. Sie hat sofort zugegeben, dass ich recht gehabt hatte, ohne dass dabei auch nur für einen Augenblick unklar gewesen wäre, wer hier der Lieutenant und wer der First Sergeant ist. Das ist viel schwerer, als sich das jetzt anhört, aber diese Lieutenant Chou war wirklich richtig gut. Dickköpfig, ja, doch das gilt für die meisten wirklich Guten, aber dabei auch verdammt helle im Köpfchen. So helle, dass sie sofort erkannte, dass sie einen Fehler gemacht hatte – und dann daraus zu lernen. Aber ich weiß bis heute nicht, ob sie jemals begriffen hat, dass der Captain sie bewusst so richtig nach Strich und Faden hat baden gehen lassen, um ihr genau diese Sache unmissverständlich klarzumachen. Doch es gibt da etwas, das ein guter Offizier niemals vergisst, Alley: Es gibt immer jemanden, der noch längere Diensterfahrung hat oder die gleiche Aufgabe besser erfüllen kann als man selbst, und das große Geheimnis ist es, sich die Erfahrung dieser Person jeweils auch zunutze zu machen, ohne dabei jemals die eigene Autorität zu verlieren oder die eigene Verantwortung abzuwälzen – vor allem, wenn es dabei um einen langjährigen Unteroffizier geht, der seinen Job schon gemacht hatte, als man selbst noch Windeln trug. Deswegen weiß jeder gute Offizier auch ganz genau, dass es in Wirklichkeit die Sergeants sind, die im Corps das Sagen haben.«

Einen Augenblick lang schaute ihn seine Enkelin ernst an; die Vierzehnjährige wirkte nun sehr viel nachdenklicher. Dann nickte sie.

»Ich weiß ja selbst, wie sehr ich es hasse, zugeben zu müssen, wenn ich mich irgendwo geirrt habe«, sagte sie. »Dann ist das für einen Offizier bestimmt noch viel schwieriger, so etwas zuzugeben. Vor allem, wenn der Offizier frisch dabei ist und das Gefühl hat, bei der kleinsten Schwäche die Autorität einzubüßen.«

»Ganz genau«, stimmte Sebastian ihr zu. Dann warf er einen Blick auf sein Chronometer. »Und wo wir gerade schon bei ›sich irgendwo irren‹ sind …«, fuhr er fort. »Solltest du jetzt nicht eigentlich irgendwo anders sein, statt mich dazu anzustacheln, immer weiter zu reden?«

Erstaunt schaute das Mädchen ihn an, blickte auf ihr eigenes Chronometer und sprang sofort auf.

»Ojemine! Mom bringt mich um! Tschüss Grandpa!«

Kurz beugte sie sich zu ihm herunter – mit ihren vierzehn Jahren war sie schon jetzt einen ganzen Kopf größer als ihre Mutter – und drückte ihrem Großvater einen Kuss auf die Wange. Dann verschwand sie. Sebastian hörte sie die kurze Treppe zu ihrem winzigen Zimmer hinaufstürmen und schüttelte breit grinsend den Kopf.

»War das gerade Alley, oder ist hier ein führerloser Frachtschweber vorbeigerauscht?«, erkundigte sich eine melodische Tenorstimme, und als Sebastian den Kopf hob, sah er, wie sein Schwiegersohn den Kopf durch den Türspalt schob.

Man sah auf den ersten Blick, von wem Alicia ihre Körpergröße geerbt hatte. Sebastian war kaum größer als einen Meter siebzig, doch Collum DeVries überragte ihn um gute zwanzig Zentimeter. Zugleich war er breitschultrig und selbst noch für seine beachtlichen Körpermaße auffallend muskulös. Tatsächlich sah er den Idealdarstellungen tüchtiger Marines aus den Holovideos deutlich ähnlicher, als das bei Sebastian jemals der Fall gewesen war. Natürlich kann das Äußere stets täuschen, ging es Sebastian durch den Kopf, und vielleicht lag tatsächlich ein wenig Selbstgefälligkeit in dem Gedanken.

»Das war Alley«, beantwortete Sebastian dann die Frage und lachte leise. »Ich glaube, sie hatte diese Prüfung ganz vergessen.«

»Du meinst, sie war zu sehr damit beschäftigt, dir neue Geschichten zu entlocken, dass sie die Prüfung ganz vergessen hat«, verbesserte Collum ihn. Er lächelte dabei, doch es war unverkennbar, dass sich hinter diesem Lächeln auch Unmut verbarg.

»So oft bekommt sie mich ja nun auch nicht zu Gesicht«, erwiderte Sebastian, und Collum nickte.

»Das ist wohl wahr. Aber ich fürchte, deine Aura soldatischen Heldentums ist für Teenager einfach überwältigend.«

Sebastian lehnte sich in seinem Sessel zurück und bedachte seinen Schwiegersohn mit einem Blick, der zugleich liebevoll und ein wenig zornig wirkte.

»Ich bin mir sicher, so eine ›Aura soldatischen Heldentums‹ kann wirklich überwältigend sein«, gab er dann nach kurzem Schweigen mit sanfter Stimme zurück. »Aber über derartige Dinge haben wir überhaupt nicht gesprochen. Tatsächlich ging es ihr viel weniger um irgendwelche Geschichten aus dem Krieg als vielmehr darum, wie es im Corps eigentlich wirklich zugeht.«

»Ich weiß.«

Kurz blickte Collum ihn nur an, dann ließ er sich in den Sessel sinken, den Alicia gerade erst freigemacht hatte – für sie war es nun an der Zeit, sich vor ihren Computer zu setzen und mit der Arbeit zu beginnen. Die Kissen des Möbelstücks veränderten eigenständig ihre Position und passten sich an die neuen Körperformen an. Die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, machte Collum es sich bequem.

»Ich weiß«, wiederholte er, und der Blick aus seinen so charakteristischen schiefergrauen Augen wirkte ungewohnt ernst. »Genau das beunruhigt mich ja auch so. Vielleicht wäre es mir sogar lieber, wenn ich darin einfach nur die typische Schwärmerei eines Teenagers sehen könnte, der sich vorstellt, Krieg könne ›ruhmreich‹ und aufregend sein.«

»Ach, tatsächlich?« Nachdenklich blickte Sebastian ihn an.

Sebastian mochte seinen Schwiegersohn aufrichtig und hielt große Stücke auf ihn. Collum DeVries war vermutlich einer der intelligentesten Männer, denen der alte Marine jemals begegnet war, und zugleich ein wirklich guter Mensch. Sebastian vermutete, dass es wohl jedem Vater schwerfalle, zuzugeben, irgendein Mann könne seiner Tochter würdig sein, und er räumte sich selbst gegenüber durchaus ein, sich ganz besonders große Sorgen gemacht zu haben, als Fiona ihren Eltern Collum vorgestellt hatte. Diese grauen Augen, die so sonderbar katzenartig wirkten, und dazu die beachtliche Körpergröße und das helle Haar, das alles war doch sehr auffällig. Die körperlichen Merkmale, die sich bei einer Ujvári-Mutation ausbildeten, waren ebenso bekannt wie die geistigen Merkmale, die damit einhergingen, und Sebastian hatte sich innerlich schon damals auf die unvermeidliche Konfrontation vorbereitet. Doch zu dieser Konfrontation war es niemals gekommen, und im Laufe der Jahre hatte Collum überreichlich bewiesen, Sebastian O’Shaughnessys einziger Tochter tatsächlich würdig zu sein.

Darum brauchten sie natürlich noch lange nicht stets der gleichen Meinung zu sein.

»Alley hat … – und manchmal habe ich das dringende Bedürfnis, ›bedauerlicherweise‹ hinzuzufügen – von beiden Elternteilen sehr viel geerbt. Sie ist intelligent – großer Gott, sie ist geradezu erschreckend intelligent! Und sie ist dickköpfig. Und sie besteht darauf, alles für sich selbst entscheiden zu können.«

»Das sehe ich auch so«, ergriff Sebastian das Wort, als der jüngere Mann schwieg. »Aber was ist daran denn bitte schlecht?«

»Zumindest für mich ist das schlecht, weil ich eine Diskussion niemals damit beenden kann, dass ich sage: ›Weil ich dein Vater bin, deshalb!‹ Naja, zumindest bin ich selbst intelligent genug, genau das gar nicht erst zu versuchen.«

»Ah ja.« Sebastian nickte. »Jetzt, wo du das sagst, fällt mir doch auf, dass ich bei ihrer Mutter das eine oder andere Mal auf genau die gleiche Schwierigkeit gestoßen bin.«

»Irgendwie kann ich mir das sehr gut vorstellen.« Collum grinste, und für einen Augenblick war seine ungewohnt ernste Miene verschwunden. Doch auch das Grinsen verging rasch.

»Ach …«, sprach er dann weiter und hob abwehrend eine Hand, »wenn ich ihr irgendetwas ausdrücklich verbiete, dann lässt sie es auch bleiben. Und ich habe mir noch nie Sorgen machen müssen, sie würde heimlich doch irgendetwas tun, von dem sie genau weiß, dass Fiona oder ich es nicht gutheißen würden – nicht einmal jetzt, wo sich die Hormone so richtig zu Wort melden. Trotzdem hat sie ihren eigenen Kopf, und wenn sie der Ansicht ist, ich würde mit irgendetwas falschliegen, dann hat sie überhaupt keine Scheu, mich das auch wissen zu lassen. Und wenn sie schließlich zu dem Schluss gekommen ist, es sei an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen, dann wird sie das auch tun – und sie wird sich an ihre Entscheidung auch dann halten, wenn sie genau weiß, dass ich diese Entscheidung nicht gutheißen würde.«

»So ist das bei jedem Kind, Collum«, gab Sebastian sanft zu bedenken. »Zumindest jedes Kind, aus dem später einmal ein halbwegs vernünftiger Mensch wird.«

»Damit hast du natürlich recht. Aber das nimmt mir dennoch nicht die Sorge ab, sie könnte eine dieser gewissen Entscheidungen fällen, von denen ich hoffe, dass sie sie nicht trifft.«

Ruhig blickte er seinem Schwiegervater in die Augen – in dieses leuchtende Grün, das er auch von seiner Frau oder seiner älteren Tochter kannte.

»Das ist eine Entscheidung, die wir alle irgendwann einmal treffen müssen, so oder so … selbst wenn unsere Entscheidung dadurch fällt, dass wir nie richtig darüber nachdenken, bis es für alles andere zu spät ist.«

»Klar, so ist das«, pflichtete Collum ihm bei. »Aber ich mache mir einfach Sorgen, dass für sie diese Entscheidung vielleicht schon bald ansteht. Ich möchte, dass sie sich die Zeit nimmt, ausgiebig darüber nachzudenken. Ich möchte, dass sie alle Möglichkeiten zumindest durchdenkt, und dass sie sich klarmacht, was sie mit ihrer Entscheidung vielleicht alles aufgibt.«

»Natürlich möchtest du das«, entgegnete Sebastian, doch Collum legte die Stirn in Falten, als er bemerkte, dass in der Stimme seines Schwiegervaters ein Hauch von Unmut mitschwang.

»Ich versuche wirklich nicht, um diese Angelegenheit bewusst herumzureden, Sebastian«, sagte er seinem Gegenüber. »Und ich glaube, du weißt auch, wie viel Respekt ich dem Militär im Allgemeinen und dir im Speziellen entgegenbringe. Ich weiß genau, was du getan hast, um das Banner zu gewinnen, und ich weiß auch, wie wenige andere das hätten vollbringen können. Ich halte es für bedauerlich, dass wir das Marine Corps und die Navy noch immer benötigen, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Und dass wir sie auch noch weiter brauchen werden – und wir können Gott wirklich dafür danken, dass wir sie haben. Wir werden sie vermutlich bis zur Wiederkunft Gottes persönlich benötigen – mindestens! Und wenn es jemanden gibt, der das ganz genau weiß, dann sind das doch wohl wir vom Außenministerium.«

Und das, so ging es Sebastian durch den Kopf, war nichts als die Wahrheit – ungeachtet der Tatsache, dass Collum DeVries als ein Ujvári nun einmal eine tief verwurzelte, persönliche Abneigung gegen jegliche gewalttätige Konfrontation empfand. Niemand hätte Collum jemals für einen Weichling gehalten, aber seine ganze Weltsicht – wie die fast aller anderen Ujvári –, sein ganzes Denken war auf Konsensentscheidungen und pragmatische Kompromisse ausgerichtet. Ein bekannter Genetiker hatte es einmal in die Worte gekleidet, zum Krankheitsbild der Ujvári gehöre ein im Vergleich zum gesamten Rest der Menschheit Übermaß an gesundem Menschenverstand. Sebastian war schon immer der Ansicht gewesen, diese Bemerkung treffe genau ins Schwarze.

Natürlich gab es auch jene, die sämtliche Ujvári offen ablehnten. Einige sahen in deren tief verwurzelten Abneigung gegenüber jeglicher Form der Konfrontation (und noch tiefer verwurzelt als in den Genen ging ja nun kaum!) lediglich Feigheit, so viele Dinge es auch geben mochte, die gegen eine derartige Einschätzung sprachen. Sebastian selbst hatte die Grundeinstellung der Ujvári stets für ein wenig realitätsfern gehalten, doch er musste auch zugeben, dass dies vielleicht eine Folge seines eigenen Weltbildes und seiner eigenen Vorurteile sein mochte. Und ob diese persönliche Philosophie nun weltfremd war oder nicht, sie machte die Ujvári für den Einsatz im diplomatischen Dienst äußerst effektiv, und ebenso als Psychoanalytiker und als Führungspersönlichkeiten in der Politik – sie wurden in Diskussionen über gleich welches Thema niemals persönlich. Aus genau diesem Grund standen die Ujvári bei all ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit in dem Ruf, alle anderen herablassend zu betrachten, die bereit waren, Probleme auf … direkterem Wege anzugehen – durch Entscheidungen und aktives Handeln. Und Menschen, die man heranzog, um derartige Entscheidungen durch aktives Handeln auf Geheiß des Imperators wirklich in die Tat umzusetzen. Auch Menschen wie etwa die Bürger von New Dublin, bei denen die Tradition, sich in den Dienst des Hauses Murphy zu begeben, unausrottbar tief verwurzelt war.

Doch Collum hatte sich diese Abneigung aller Ujvári dem Militär gegenüber, die bei vielen sogar in echte Verachtung umschlug (auch wenn dies nur selten offen ausgesprochen wurde), niemals zu eigen gemacht. Für sich selbst hätte er eine derartige Karriere niemals auch nur in Erwägung gezogen, doch das lag vor allem daran, dass er selbst genau wusste, wie wenig ein derartiger Beruf zu ihm gepasst hätte – und ganz zu schweigen davon, dass er seinen Beitrag für die Gemeinschaft auf ganz anderen Gebieten viel besser leisten konnte.

»Aber«, fuhr Collum fort, »wenn ich das Militär – und auch dich persönlich – auch zutiefst respektiere, wünsche ich mir deswegen noch lange nicht, dass meine Tochter in deine Fußstapfen tritt, bevor sie die Gelegenheit bekam, sich ausgiebig umzuschauen und zu überlegen, was alles sie mit ihrem Leben vielleicht anfangen kann – Dinge, die ebenso richtig, ebenso bedeutsam und ebenso wichtig sind.«

»Ebenso wichtig vielleicht«, erwiderte Sebastian, und mit einem Mal war sein New-Dublin-Akzent ungewöhnlich deutlich. »Aber es gibt wirklich überhaupt nichts, was wichtiger sein könnte, Collum.«

»Das habe ich auch nie behauptet.« DeVries wandte sich nicht von dem stechenden Blick aus diesen grünen Augen ab – einem Blick, der bereits ganze Generationen Marines-Rekruten in die Knie gezwungen hatte. »Aber in dem Leben, für das du dich entschieden hast, musstest du auch Opfer bringen, Sebastian! Du kannst mir nicht erzählen, es hätte dir nicht das Geringste ausgemacht, jedes Mal, wenn du von einem Einsatz zurückgekommen bist, zu sehen, wie sehr Fiona und John in der Zwischenzeit gewachsen waren – wie viel von ihrem Leben du einfach verpasst hattest. Und es wird wohl auch geschmerzt haben, wann immer du einen Freund an die Rish oder irgendeinen Wahnsinnigen auf einer Welt der Krone oder an einen Söldner von irgendeiner Freiwelt verloren hast. Ich habe vor deiner Entscheidung, derartige Opfer zu bringen, wirklich immensen Respekt, aber darum möchte ich noch lange nicht, dass meine Tochter sich entscheidet, genau die gleichen Opfer zu bringen, ohne es sich vorher ausgiebig überlegt zu haben.«

Und die Vorstellung, du könntest dieses persönliche Anschreiben des Kriegsministers erhalten, die findest du ganz entsetzlich, dachte Sebastian. Du hast Angst, deine Tochter kommt eines Tages einfach nicht mehr nach Hause. Na ja, du hast natürlich auch recht, davor Angst zu haben … aber dennoch steht diese Entscheidung nur ihr allein zu, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

»Soll das heißen, du bittest mich darum, ihre Fragen nicht mehr zu beantworten? Oder verlangst es sogar von mir?«, fragte er. »Soll ich etwa mit meiner eigenen Enkeltochter nicht über mein Leben sprechen dürfen?«

»Das habe ich doch gar nicht gemeint!« Sebastian spürte sofort, dass Collum diese Vorstellung völlig aufrichtig von sich wies. »Du bist ihr Großvater, und sie liebt dich. Sie möchte alles über dein Leben wissen, und es ist dein gutes Recht, ihr alles zu erzählen, was du ihr erzählen möchtest. Du solltest auch stolz auf das sein, was du ihr alles erzählen kannst; ich an deiner Stelle wäre das auf jeden Fall, weiß Gott! Ich … mache mir nur Sorgen.«

»Hast du schon mit Fiona darüber gesprochen?«

»Ich würde es nicht gerade ›darüber gesprochen‹ nennen.« Collum schüttelte den Kopf mit einem Gesichtsausdruck, den Sebastian nur zu gut kannte. Immerhin war Fiona ihrer Mutter ausgesprochen ähnlich.

»Ich habe deutlich gesagt, was mich beunruhigt«, fuhr Collum fort, »und ich glaube, ihr geht es ähnlich. Aber sie hat diesen verdammten O’Shaughnessy-Gleichmut. Sie schüttelt dann den Kopf und murmelt irgendetwas von ›niemanden zu seinem Glück zwingen‹ oder von ›kochen‹, ›heiß‹ und ›essen‹.«

»›Gleichmut‹ ist nun nicht gerade eine typische Eigenschaft der O’Shaughnessys«, merkte Sebastian nüchtern an. »Glaub mir, das hat sie aus ihrer mütterlichen Linie der Familie. Aber sie hat dennoch nicht ganz unrecht. Es wird dir nicht gelingen, Alley von irgendetwas zu überzeugen, das sie selbst für falsch hält. Und du wirst sie auch nicht dazu bewegen können, irgendetwas zu unterlassen, das sie für richtig hält.«

»Das weiß ich.« Collum atmete tief durch. »Und ich weiß, dass es auch nicht gerade von heute auf morgen geschehen wird. Aber sie vergöttert dich, Sebastian, und dieser Tradition New Dublins gegenüber ist sie nicht völlig immun. Ich will damit nicht sagen, sie hätte vielleicht nicht sogar dann in Erwägung gezogen, zum Corps zu gehen, wenn ihr Großvater ein unscheinbarer kleiner Zivilist gewesen wäre und kein Kriegsheld. Ich glaube, zumindest darüber nachgedacht hätte sie trotzdem. Aber ich will ganz ehrlich sein: Die Vorstellung macht mir Angst.«

»Das ist doch ganz natürlich«, erwiderte Sebastian mit sanfter Stimme. »Und du weißt ganz genau, dass ich das Ganze nie irgendwie verklärt habe, und ich habe auch nie damit hinter dem Berg gehalten, wie unschön das alles sein kann. Aber ich vergöttere die Kleine eben auch – aber das weißt du ja selbst. Wenn sie wirklich ernsthaft über eine Militärlaufbahn nachdenkt, dann möchte ich, dass sie auch weiß, wie es beim Corps wirklich läuft. Ich möchte, dass sie über das Schlechte schon vorher genauso Bescheid weiß wie über das Gute. Und ich verspreche dir: Ich werde sie niemals dazu ermutigen, irgendetwas hinter deinem Rücken zu unternehmen, Collum.«

»Das hätte ich auch niemals angenommen.« Collum erhob sich und legte seinem Schwiegervater eine Hand auf die Schulter. »Ich denke, mir ist vor allem wichtig, mit jemandem darüber reden zu können.«

Kapitel 1

Der Command Sergeant Major der 502. Brigade in der 17. Division des Imperial Marine Corps blickte auf, als jemand forsch und, wie es die Tradition verlangte, zweimal an seine Bürotür klopfte.

»Herein!«, sagte er mit leicht erhobener Stimme. Sofort öffnete sich die Tür.

Skeptisch schaute er zu, wie die hochgewachsene, breitschultrige junge Frau den Raum betrat, sofort vorschriftsmäßig Haltung annahm und schneidig salutierte. In dieser Ehrenbezeigung steckt eindeutig noch ein bisschen zu viel Camp Mackenzie, ging es ihm durch den Kopf. Zu viel Hochglanzpolitur, zu viele Ecken, die sich noch nicht so weit abgeschliffen haben, wie es nötig ist. Doch bei frischgebackenen Absolventen vom wichtigsten Ausbildungslager des Corps – auf Alterde selbst! – war nichts anderes zu erwarten.

»Private DeVries meldet sich zur Stelle, Sergeant Major!«, erklärte sie mit klarer, deutlicher Stimme.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete sie mit der gleichen nachdenklichen Miene, die schon zahllose Generationen neuer Marines über sich hatten ergehen lassen müssen. Das rotgoldene Haar der jungen Frau war so kurz geschoren, dass es fast an Plüsch erinnerte; erst allmählich wuchs es nach. Immer noch gab es die alte Tradition, neuen Rekruten im Ausbildungslager den Schädel völlig kahl zu scheren. Obwohl der Teint dieser jungen Frau an sich unverkennbar hell war, hatte sie mittlerweile reichlich Farbe bekommen; jetzt schimmerte ihre Haut fast wie Bronze, und es entging dem erfahrenen Sergeant Major auch nicht, wie sehnig sich die Muskeln ihrer Unterarme unter den vorschriftsmäßig aufgerollten Ärmeln ihres Uniformhemdes abzeichneten. Ihre Stiefel waren so poliert, dass sie glänzten wie Spiegel, und sämtliche Falten ihrer Uniform fielen so präzise, dass man glauben könnte, es bestehe Gefahr, sich daran zu schneiden. Der alte Unteroffizier verkniff sich ein Grinsen, als ihm durch den Kopf ging, wie zufrieden sie gewesen sein musste, dass man ihr endlich Uniformen aus Aktivgewebe ausgehändigt hatte. Seine Zeit in Camp Mackenzie lag schon lange zurück, doch er erinnerte sich noch genau daran, wie sehr es ihn … geärgert hatte, dass sämtliche Angehörigen des Corps darauf beharrten, Rekruten müssten unbedingt die traditionellen, altmodischen Uniformen kennenlernen, die allen Ernstes gebügelt – und gestärkt! – werden mussten, ehe sie korrekt saßen.

So hochgewachsen die junge Frau vor seinem Schreibtisch auch sein mochte, war sie doch deutlich jünger als die meisten, die ihn hier aufsuchten. Der Command Sergeant Major zweifelte daran, dass man dieses Mädchen jemals wirklich als vollbusig würde bezeichnen können, aber derzeit herrschte in dieser Hinsicht noch ein regelrecht auffallender Mangel. So durchtrainiert sie angesichts ihrer Ausbildung sein mochte, sie hatte noch immer – und zwar in vielerlei Hinsicht – das unfertige Aussehen eines Teenagers. Dennoch prangte auf ihrem rechten Oberarm der schwarze Winkel eines Private First Class unmittelbar unterhalb des Schulterabzeichens des Imperial Marine Corps mit dem Abbild einer Wespe, die ihren Stachel gerade zum Stich bereitmachte.

Gemächlich beendete er seine Musterung, während die junge Frau immer noch die Hand zum Salut erhoben hatte. Schließlich erwiderte er den Gruß, doch bei ihm wirkte die Bewegung weniger übertrieben, weniger pedantisch. Es war allerdings unverkennbar, dass auch dieser Bewegung jahrelange Übung zugrunde lag.

»Stehen Sie bequem, Private«, sagte er.

»Jawohl, Sergeant Major.«

Doch sie wechselte nicht in das ›Rührt Euch‹, das er ihr gestattet hatte, sondern nahm stattdessen die Paradehaltung ein, und trotz seiner Jahrzehnte der Erfahrung konnte er sich ein Lächeln kaum verkneifen, als sie nun so vor ihm stand, den Blick ganz nach Vorschrift auf einen Punkt zehn Zentimeter oberhalb seines Kopfes gerichtet.

Einige Sekunden lang ließ er die Frau so stehen, dann erhob er sich von seinem Stuhl und ging um seinen Schreibtisch herum. Unmittelbar vor der jungen Private First Class blieb er stehen – dabei fiel ihm wieder auf, dass er doch mehr als einen halben Kopf kleiner war als diese junge Absolventin des Ausbildungslagers – und begutachtete erneut ihre Uniform in allen Einzelheiten. Tatsächlich, alles war, das musste er gestehen, schlichtweg perfekt. Es gab nichts, was er an ihrem Erscheinungsbild hätte kritisieren können, und Gleiches galt auch für ihre vorschriftsmäßig-ausdruckslose Mimik, mit der sie, reglos wie eine Statue, seine Begutachtung über sich ergehen ließ.

»Na gut«, sagte er schließlich, trat noch näher an sie heran und schloss sie fest in die Arme.

»Hallo Grandpa«, antwortete die Private, und ihre Altstimme klang etwas rauer als sonst. Dann erwiderte sie die Umarmung.

»Ich habe wirklich alles versucht, um zu deiner Abschlussfeier kommen zu können, Alley«, erklärte Sebastian O’Shaughnessy wenige Minuten später. Er hatte sich entspannt halb auf die Kante seines Schreibtischs gesetzt und die Arme vor der Brust verschränkt. »Aber es hat einfach nicht geklappt.«

»Als ich gehört habe, dass man dich hierher abkommandiert hat, war mir schon klar, dass du nicht kommen könntest, Grandpa«, erwiderte sie lächelnd. »Ich freue mich einfach nur, dass mein Marschbefehl mir genügend Spielraum lässt, dich auf dem Transport wenigstens kurz zu besuchen.«

»Das freut mich auch«, sagte er. »Andererseits haben mich meine Spione natürlich über deine Fortschritte stets auf dem Laufenden gehalten.« Unheilvoll legte er die Stirn in Falten. »Ich habe gehört, du hast dich recht gut gehalten.«

»Ich habe mich zumindest bemüht«, erwiderte sie.

»Das glaube ich dir. Und ich denke, ich werde mich wohl damit zufriedengeben müssen, dass du nur als Zweitbeste deiner Ausbildungsbrigade abgeschnitten hast. Aber um einen ganzen Zehntelprozentpunkt?« Traurig schüttelte er den Kopf. »Ich meine, ich hatte mich fest darauf verlassen, dass du als Jahrgangsbeste abschließen würdest, aber das war wohl doch zu viel verlangt.«

In seinen Augen blitzte der Schalk, und seine Enkelin schüttelte den Kopf.

»Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe, Grandpa«, erwiderte sie höflich, »aber ich war dort wirklich ein wenig benachteiligt, weißt du?«

»Aber Neunzehnte in Sport?«, gab er klagend zurück. »Da kann man ja von Glück reden, dass du bei allem anderen die Höchstwertung erreicht hast, kann ich da nur sagen!«

»Von den Rekruten, die mich in Sport ausgestochen haben, stammen nur zwei von Alterde«, erklärte Alicia mit ernster Miene. »Beide sind Männer, und einer von denen gehörte zur Reserve bei der letzten Triathlon-Olympiamannschaft. Alle anderen kamen von anderen Welten. Von Hochschwerkraft-Planeten übrigens. Und unter denen waren auch nur drei Frauen.«

»Immer diese Ausreden.« Er lachte leise, schüttelte erneut den Kopf und strahlte seine Enkelin dabei voller Stolz an. »Wenn du nicht diesen neuen Rekord mit Handfeuerwaffen aufgestellt hättest, dann hättest du in eurer Brigade als Dritte abgeschlossen, weißt du?«

»Aber ich wäre immer noch auf Platz eins meines Regiments gelandet«, schoss sie zurück.

»Naja, das stimmt wohl«, gab er zu und lachte erneut. Dann wurde seine Miene wieder ernsthaft. »Wirklich, Alley: Ich bin stolz auf dich. Sehr stolz sogar. Ich habe damit gerechnet, dass du dich gut machen würdest, aber du hast meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Wieder einmal.«

»Danke, Grandpa«, erwiderte sie mit jetzt deutlich sanfterer Stimme. »Das bedeutet mir wirklich viel.«

Erneut trafen sich ihre Blicke, und O’Shaughnessy lächelte sie herzlich an. Dann richtete er sich ein wenig auf, und seine Körpersprache verriet deutlich, dass er das Thema wechseln würde.

»Hast du gewusst, dass Cassius Hill und ich seit über zwanzig Jahren befreundet sind?«, fragte er. »Seit fast dreißig, glaube ich sogar«, setzte er noch hinzu.

»Du und Sergeant Major Hill?« Erstaunt kniff sie die Augen zusammen, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Wahrscheinlich hätte ich das schon ahnen müssen – du scheinst einfach jeden im Corps zu kennen. Ich schätze, auf die Idee bin ich einfach nicht gekommen, weil er einen so … Furcht einflößenden Eindruck macht, könnte man wohl sagen. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, er könnte überhaupt Freunde haben. Ich meine, natürlich muss er Freunde haben, aber aus der Froschperspektive, die ich da im Camp hatte, konnte ich mir das wirklich kaum vorstellen. Es hat Augenblicke gegeben, da waren wohl alle Rekruten fest davon überzeugt, diesen Sergeant Major habe man wohl in Wirklichkeit in irgendeinem KI-Labor zusammengebastelt. Gemeinsam sind wir irgendwann zu dem Schluss gekommen, im Camp würden autonome Kampfroboter getestet, und wir wären die Versuchskaninchen.«

»Na ja, Rekruten sollen ihren Schleifer auch gar nicht mögen, und für den Bataillon Sergeant Major gilt das wohl doppelt – wenn nicht gar dreifach. Aber Cassius konnte dich wirklich gut leiden! Während du in Mackenzie warst, habe ich vier Briefe von ihm erhalten, und er schreibt, du hättest es geschafft, ihn wirklich zu beeindrucken.«

»Was, ich?« Alicia lachte. »Das habe ich nicht gewusst. Aber ich weiß, dass er mich beeindruckt hat! Einoder zweimal hat er mich wirklich zu Tode erschreckt!«

»Das sollte er ja auch. Andererseits …« – nachdenklich blickte O’Shaughnessy seine Enkeltochter an – »hat er mir erzählt, dass dich anscheinend überhaupt nichts aus der Ruhe bringen kann. Ich glaube, das hat ihn fast ein wenig beunruhigt. Er hat wohl schon befürchtet, allmählich verliere er seinen Schwung, oder so etwas in der Art. Er hat sogar geschrieben, manchmal habe er den Eindruck gehabt, du hättest in Mackenzie richtiggehend Spaß gehabt.«

»Hatte ich ja auch«, erwiderte sie, und in ihrem Tonfall schwang echtes Erstaunen mit.

»Du hattest in Mackenzie Spaß!« Ungläubig blickte O’Shaughnessy sie an, und Alicia zuckte mit den Schultern, als würde seine Reaktion sie erstaunen.

»Ach, natürlich hat es da Augenblicke gegeben, die ich nicht gerade zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens zählen würde«, gab sie zu. »Und beim Setzen der Implantate hatte ich deutlich mehr Schwierigkeiten, als ich erwartet hätte. Aber alles in allem? Das war ein Riesenspaß, Grandpa. Das war wirklich ’ne Wucht!«

O’Shaughnessy lehnte sich ein wenig zurück, die Augenbrauen fragend gehoben. Am meisten erstaunte ihn, dass seine Enkelin ganz offensichtlich jedes Wort völlig ernst meinte.

Camp Mackenzie auf einer Insel vor der Südostküste der Alterden-Provinz namens ›United States‹ diente seit mehr als eintausend Jahren als Ausbildungsgelände für Marines – es stammte noch aus einer Zeit, in der es kein Imperial Marine Corps gegeben hatte, nicht einmal ein Imperium, dem es hätte dienen können. So hielt man es heute noch (auch wenn es auf New Dublin Stimmen gab, die die Auffassung vertraten, ihre Heimatwelt sei dafür deutlich besser geeignet), und Sergeant Major O’Shaughnessy wusste genau, warum dem so war. Alterde diente nach wie vor als imperialer Regierungssitz, und damit war es das Herzstück des Imperiums. Auf dem Heimatplaneten der Menschheit gab es keinen anderen Ort, an dem man genau die richtige Sommerhitze fand, genau die richtige Luftfeuchtigkeit, die richtige Anzahl Moskitos und Sandflöhe, um herauszufinden, aus welchem Holz ein neuer Rekrut tatsächlich geschnitzt war … oder um ihn und seine ganze Persönlichkeit dort so weit einzuschmelzen, dass man anschließend genau die richtige, perfekt formbare Legierung erhielt, die für den Stahl des Imperiums nun einmal gebraucht wurde.

Nicht, dass das Corps nicht Mittel und Wege gefunden hätte, noch weiterzuverbessern, was Mutter Natur von allein hergab. So waren O’Shaughnessy schon immer die Gerüchte durchaus nachvollziehbar erschienen, das Corps würde regelmäßig neue Alligatoren herbeischaffen lassen, um die Population vor Mackenzie konstant zu halten. Doch ob das nun wirklich stimmte oder nicht: Es konnte kein Zweifel bestehen, dass der gnadenlose Drill- und Ausbildungsplan bewusst darauf ausgelegt war, den Rekruten die Hölle auf Alterden zu bereiten. Nicht etwa aufgrund eines allgemeinen Sadismus – wie es viele Rekruten, die diese Ausbildung miterlebt hatten, oft zu schwören bereit waren –, sondern weil das Corps schon seit so langer Zeit Zivilisten Stück für Stück demontierte und aus den Einzelteilen Marines formte. Niemand überlebte etwas so zermürbendes wie Camp Mackenzie, ohne sich dabei dem stellen zu müssen, was sich in seinem tiefsten Inneren wirklich fand. Und dieses Ausbildungslager sollte das Schwierigste sein, dem sich ein Rekrut jemals gegenübergesehen hatte. Es sollte ihm den häufig zumindest erschreckenden, gelegentlich sogar bitteren Unterschied zwischen sämtlichen Tagträumen, in die er sich in Hinblick auf das Militär ergangen habe mochte, und dessen tatsächlicher Realität aufzeigen. Es sollte ihn lehren, wie er sich den Herausforderungen zu stellen hatte, die die Realität für ihn bereithielt, und zu begreifen, was es bedeutete, zu den ›Wespen des Imperiums‹ zu gehören. Aber vor allem erlernten die Rekruten in diesen Lektionen Disziplin, Aufopferungsbereitschaft und auch Selbstbewusstsein. Und während sie sich diese Dinge aneigneten, wurden diejenigen, die diese Lektionen überlebten, auf dem Amboss des Corps zu echten Marines geschmiedet.

Doch auch wenn man wirklich viele Wörter und Begriffe hätte heranziehen können, um zu beschreiben, was Mackenzie nun eigentlich war – unter anderem ›das Herz und die Seele des ganzen Corps‹ –, so wäre doch wohl niemand auf die Idee gekommen, es als › ’ne Wucht‹ zu bezeichnen.

»Du bist noch viel außergewöhnlicher, als ich das immer gedacht habe, Alley«, sagte ihr Großvater nach kurzem Schweigen. »Du hattest Spaß in Mackenzie. Ich glaube, ich bringe es nicht fertig, das Cassius zu erzählen. Ich will ihm nicht das Herz brechen.«

»Ich habe doch nicht gesagt, es sei einfach gewesen, Grandpa!«, protestierte Alicia. »Einfach war das wirklich nicht! Das war sogar das Schwerste, was ich bislang jemals durchgemacht habe. Aber es hat irgendwie dennoch Spaß gemacht! Ich habe viel über mich selbst gelernt, und, wie du gesagt hast, habe ich als zweitbester Teilnehmer meiner ganzen Brigade abgeschlossen.« Sie grinste. »Das hier habe ich mir wirklich auf die harte Tour verdient.« Sie tippte sich gegen den PFC-Winkel am Ärmel. »Ich habe nicht nur das Ausbildungslager im August überlebt, ich habe dabei auch noch richtig austeilen dürfen!«

»Ich verstehe.« Der alte Soldat zuckte mit den Schultern. »Naja, genau das will ein Sergeant Major ja von jeder Larve hören, auch wenn das natürlich schon gewissen Zweifel daran aufkommen lässt, wie fest besagte Larve eigentlich mit beiden Beinen auf dem steht, was der Rest von uns gerne den Boden der Tatsachen nennt. Und ich bin wirklich stolz auf dich. Aber lauf jetzt bloß nicht herum und erzähle, dass du das Ausbildungslager genossen hast! Dem Corps fehlt es sowieso schon reichlich an Leuten, also können wir es uns wirklich nicht leisten, all die erfahrenen Unteroffiziere zu ersetzen, die auf der Stelle tot umfallen würden, wenn sie das hörten!«

»Ja, Grandpa«, versprach sie mit ernster Miene, und wieder musste der alte Sergeant Major durchaus zufrieden lächeln.

»Wie geht’s deinen Eltern?«, erkundigte er sich dann. »Und wie ist es mit Clarissa?«

»Allen geht’s gut, und sie lassen herzlich grüßen!«

»Sogar dein Dad?«, fragte O’Shaughnessy nach, und sein Lächeln wirkte nur noch halbwegs spöttisch. »Hat er mir endlich vergeben, dass ich dich ›ermutigt‹ habe?«

»Sei nicht albern, Grandpa.« Liebevoll schüttelte sie den Kopf. »So schrecklich wütend war er sowieso nicht auf dich, und das weißt du ganz genau. Er liebt dich von ganzem Herzen. Und nachdem er sich erst einmal wieder beruhigt hatte, da hat er auch selbst zugegeben, dass es überhaupt nicht an dir gelegen hat. Und außerdem hast du ja auch dafür gesorgt, dass ich vorher noch das College abschließe.«

»Irgendwie …«, dachte O’Shaughnessy laut, »hat er wohl wirklich nicht damit gerechnet, dass du das gesamte Fünf-Jahres-Studium in nur dreieinhalb Jahren durchhechelst. Ich schätze, er ist davon ausgegangen, dass du ein bisschen zur Ruhe kommen würdest, wenn du erst einmal die High School hinter dir hast.«

»Nein«, widersprach sie. »Er hat damit gerechnet, dass sich, sobald ich erst einmal meinen Abschluss in der Tasche habe, endlich meine Ujvári-Gene zu Wort melden, so wie das bei Clarissa ja schon passiert ist, und dann würde ich das mit den Marines einfach vergessen und mir etwas anderes aussuchen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber da hat er falschgelegen. Mutter hat tatsächlich von Anfang an gewusst, dass er sich da täuscht. Und genau das hat sie ihm auch gesagt, nachdem ich erklärt hatte, dass ich mich eben nicht umentscheiden würde.«

»Das passt«, warf O’Shaughnessy mit einem schiefen Grinsen ein. »Deine Mutter ist ihrer Mutter wirklich erstaunlich ähnlich. Also rechnest du nicht damit, dass dein Dad mich erschießt, wenn er mich das nächste Mal sieht – bloß weil ich ihm damals diesen ›Kompromiss‹ vorgeschlagen habe?«

»Natürlich nicht! Das würde er nicht einmal dann tun, wenn er kein Ujvári wäre. Ich habe das Stipendium angenommen und meinen Abschluss gemacht, und damit ist mein Teil der Abmachung erfüllt. Also hat er, ohne mit der Wimper zu zucken, diese Erklärung für Eltern minderjähriger Rekruten unterschrieben. Er war wirklich ganz ruhig. Ist schon ganz schön zäh, mein Dad.«

»Damit«, sagte ihr Großvater, und sowohl sein Gesichtsausdruck als auch sein Tonfall wirkten mit einem Mal sehr viel ernsthafter, »hast du wirklich Recht. Ich mag ihn ja manchmal aufziehen, weil er ein Ujvári ist, aber ich habe schon immer gewusst, dass ihn genau das eben davon abhält, wirklich zu verstehen, was mich – und jetzt auch dich – in eine Militärlaufbahn treibt. Und dazu kommt, dass er durch seine Tätigkeit für das Ministerium genau mitbekommt, was für miese Jobs dem Corps manchmal zufallen, und er weiß auch, wie übel es uns erwischen kann, wenn es richtig schlecht läuft.« Sebastian schüttelte den Kopf. »Es ist wohl für keinen Vater einfach mitanzusehen, wie das eigene Kind sich für so etwas wie das Corps entscheidet, und genau zu wissen, dass es verletzt werden, in Gefangenschaft geraten oder sogar fallen könnte. Vor allem nicht, wenn das Kind erst siebzehn Jahre alt ist. Und ganz besonders nicht, wenn man sein Kind so liebt, wie deine Eltern das nun einmal tun.«

»Ich weiß«, pflichtete Alicia ihm leise bei. Kurz wandte sie den Blick ab, dann schaute sie den alten Sergeant Major wieder an. »Ich weiß«, wiederholte sie. »Und das hätte mich vielleicht wirklich beinahe dazu gebracht, mich doch noch umzuentscheiden. Ich weiß ja ganz genau, wie sehr er sich um mich Sorgen machen wird – und Mom auch, ob sie das nun zugibt oder nicht. Aber ich konnte nicht einfach aufgeben, Grandpa. Ich habe es nicht gekonnt! Und …« – nun strahlten ihre Augen wieder – »Mackenzie war einfach klasse!«

»Ich muss mir wirklich dein Psychoprofil noch einmal ansehen«, gab er trocken zurück. »Aber mittlerweile werden die dich doch wohl schon zu deinem ersten Standort abkommandiert haben, oder nicht?«

»Als Belohnung für mein gutes Abschneiden durfte ich einen Einsatzvorschlag für meinen ersten Dienstzeit-Turnus einreichen«, erwiderte Alicia. »Und der wurde auch berücksichtigt. Also, die eigentliche Einheit durfte ich mir natürlich nicht aussuchen.«

»Ich bin recht vertraut damit, wie so etwas läuft, Alley«, fiel er ihr nüchtern ins Wort, und sie lachte kurz.

»Klar. Entschuldige. Aber um deine eigentliche Frage zu beantworten: Ich bin schon auf dem Weg zum Aufklärerbataillon des Ersten 5l7te.«

»›Aufklärerbataillon‹?« O’Shaughnessy legte die Stirn in Falten und zupfte sich nachdenklich am rechten Ohrläppchen. Marines bei den Aufklärern galten selbst unter ihren Kameraden als die Elite des Corps. Normalerweise wurde ein Marine für die Aufklärerverbände nicht einmal in Erwägung gezogen, bevor er zumindest einen deutlich prosaischeren Einsatz hinter sich gebracht hatte. Selbst die Jahrgangsbesten von Mackenzie mussten sich eigentlich immer in einem banaleren Einsatz bewähren, ehe sie zu den Aufklärern versetzt werden konnten.

»Sergeant Major Hill hatte mir schon gesagt, dass das wahrscheinlich nicht klappen würde«, sprach Alicia weiter. »Aber ich hab mir gedacht: Ich kann ja trotzdem einfach mal sagen, was mir am liebsten wäre. Schlimmstenfalls bekomme ich ein Nein zur Antwort.«

»Ich bin überrascht, dass es nicht auch so gekommen ist«, gestand O’Shaughnessy, doch dann ging ihm ein Verdacht durch den Kopf. So rasch, wie dieser Anflug gekommen war, versuchte er ihn auch schon wieder zu verdrängen. Schließlich war diese ganze Vorstellung einfach ungeheuerlich … oder nicht? Natürlich! Niemand würde derart früh auf diese Idee kommen! Nicht einmal bei seiner Alley!

»Also, lass mich mal nachdenken …«, sagte er dann. »Ich weiß, dass Brigadier Erickson die 5l7te leitet, aber wer hat das Kommando über das Erste Regiment?«

»Es gibt also doch irgendetwas im Corps, was du nicht weißt?« Alicias grüne Augen funkelten, und ihr Großvater schnitt eine Grimasse.

»Auch mir kann schon das eine oder andere Detail entgehen, Kleine«, gab er zurück.

»Mach dir keine Sorgen, Grandpa, ich werd’s nicht weitererzählen«, beruhigte sie ihn. »Und ich weiß auch nicht, wem das Regiment gerade untersteht. Aber laut meinem Marschbefehl werden die Aufklärer von einer Major Palacios geleitet. Kennst du sie?«

»Palacios, Palacios …«, murmelte O’Shaughnessy. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ich ihr jemals persönlich begegnet bin. Es gibt im ganzen Corps vielleicht ein halbes Dutzend Offiziere, die ich nicht kenne. Typisch, dass du gerade an so jemand gerätst.«

»Ist vielleicht sogar ganz gut so, wenn ich’s mir recht überlege«, sagte sie. »Du weißt, dass ich dich liebe, Grandpa, aber dein Schatten kann wirklich recht erdrückend sein.«

»Ja, klar!« Er verdrehte die Augen, und seine Enkelin lachte leise. »So, und nachdem du jetzt mein armes, empfindliches Ego ein wenig aufgepäppelt hast …«, fuhr er dann fort. »Wann sollst du dich denn auf Martinsen melden?«

»Martinsen?« Erstaunt und verwirrt blickte Alicia ihn an.

»Die 5l7te ist doch im Martinsen-System stationiert, oder nicht?«, vergewisserte sich O’Shaughnessy, und seine Enkelin zuckte mit den Schultern.

»Das kann natürlich sein, dass die Brigade da ihr Hauptquartier hat, Grandpa, aber da schicken die mich nicht hin. In meinem Marschbefehl heißt es, ich komme nach Gyangtse.«

»Ach?« Glücklicherweise hatte Sebastian O’Shaughnessy viel Erfahrung darin, mit Mimik und Tonfall immer nur genau das auszudrücken, was er auch ausgedrückt wissen wollte. Aber selbst das half ihm nicht gegen den eisigen Schauer, der ihm gerade den Rücken herunterlief.

»Ich wusste gar nicht, dass das Erste nach Gyangtse verlegt wurde«, sprach er kurz darauf weiter und achtete sorgsam darauf, dass seine Stimme lediglich nachdenklich klang. »Aber laut allen Geheimdienst-Berichten, die ich bislang gesehen habe, sieht es ganz danach aus, als könne es da draußen recht bald ›interessant‹ werden, Alley. Tu mir den Gefallen und denk immer an das, was man dir in Mackenzie beigebracht hat, und nicht an die ganzen schlechten Holos, die du ständig schaust.«

Alicia DeVries blickte ihren Großvater an, und ihr Gesicht war ebenso ruhig wie seines. Aber sie war sich recht sicher, dass hier keiner dem anderen etwas vormachen konnte. Offensichtlich wusste er über das Gyangtse-System etwas, das ihn alles andere als fröhlich stimmte. Alicia war schon versucht, ihn zu fragen, was das wohl sei, doch es gelang ihr, dieser Versuchung nicht zu erliegen. Es war schon schlimm genug, überhaupt die Enkelin von Sebastian O’Shaughnessy zu sein, da brauchte sie sich nicht auch noch anzugewöhnen, diese Beziehung auszunutzen. Nicht, dass ihr Großvater das überhaupt zugelassen hätte. Als sie so darüber nachdachte, wurde ihr auch klar, dass sie von Glück würde reden können, wenn er ihr beim ersten Versuch, genau das zu tun, nicht den Kopf abriss.

»Ich werde mich bemühen, Grandpa«, versprach sie ihm, und so blickte er ihr einen Moment lang nur schweigend in die Augen. Schließlich nickte er, offensichtlich zufrieden mit dem, was er dort gesehen hatte.

»Gut! Und …« – mit diesem Wort stemmte er sich von der Kante seines Schreibtischs auf – »da du ja nur auf der Durchreise bist und dich hier nicht etwa zum Dienst melden musst, kann ein Unteroffizier mit meiner überwältigenden Diensterfahrung es sich auch erlauben, sich hier in aller Öffentlichkeit mit einer kleinen PFC blicken zu lassen, ohne damit gleich die gesamte militärische Disziplin und die Weisungskette zu unterlaufen. Also, ich dachte, wir könnten vielleicht für eine oder zwei Stunden die Kaserne verlassen. Es gibt hier in der Nähe ein gutes Thai-Restaurant, und ich finde, das solltest du unbedingt mal ausprobiert haben …«

Kapitel 2

»Sie sind also die neue Leiche auf Urlaub, ja?«

Alicia bemerkte, dass es Sergeant Major Winfield gerade noch gelang, sich die Hochstimmung nicht anmerken zu lassen, die er angesichts ihres Eintreffens empfunden haben musste. Er lehnte sich in seinem bequemen Sessel zurück und blickte sie über seinen Schreibtisch hinweg an. Sie befanden sich in der Exerzierhalle, die die Planetarmiliz von Gyangtse dem Kommandostab des Aufklärerbataillons vom Ersten der 517ten zur Verfügung gestellt hatte. Nun schüttelte der Unteroffizier den Kopf in einer Geste, die weltallweite Müdigkeit verriet. Alicia wusste nicht genau, ob dies eine rhetorische Frage sein sollte. Unter den gegebenen Umständen war es wohl besser, davon auszugehen, dem sei nicht so.

»Jawohl, Sergeant Major«, erwiderte sie.

»Und frisch von Mackenzie.« Er seufzte, sein Kopfschütteln wurde noch heftiger. »Neunzehn erfahrene Ersatzleute haben wir angefordert, und was bekommen wir? … Sie. Sie sind doch alleine gekommen, oder nicht, Private?«

»Jawohl, Sergeant Major«, wiederholte Alicia.

»Naja, dann müssen wir wenigstens nicht noch mehr von ihrer Sorte zeigen, wie der Hase läuft«, erklärte Winfield mit der Mimik eines Mannes, der sich nach Kräften mühte, auf Gedeih und Verderb an allem noch irgendetwas Gutes zu finden. Dieses Mal schwieg Alicia. In Paradehaltung stand sie vor seinem Schreibtisch, die Hände vorschriftsmäßig hinter dem Rücken verschränkt. Irgendwie lief diese erste Dienstbesprechung nach ihrer Ankunft nicht ganz so, wie sie sich das vorgestellt und erhofft hatte.

Einige Sekunden lang blickte Winfield sie nur an, dann richtete er sich in seinem Stuhl wieder auf.

»Ich nehme an, Sie haben auf dem Weg zu meinem Büro Sergeant Hirshfield bemerkt?«

»Jawohl, Sergeant Major.«

»Gut. Dann …« – Winfield hob die rechte Hand und machte damit eine Bewegung in Richtung seiner Bürotür, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen – »machen Sie sich vom Acker und erklären Sie ihm, dass Sie Lieutenant Kuramochis Zug zugeordnet sind.«

»Jawohl, Sergeant Major.«

»Wegtreten, Private DeVries.«

»Jawohl, Sergeant Major!«

Alicia nahm wieder Haltung an, salutierte schneidig und wartete auf Winfields Erwiderung – die deutlich weniger schneidig ausfiel –, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und marschierte aus seinem Büro hinaus. Während sie hinter sich die Tür schloss, fragte sie sich, ob sie in Winfields Gegenwart wohl jemals mehr als drei Worte am Stück würde sprechen dürfen.

Staff Sergeant Hirshfield blickte mit einem matten Lächeln zu dem Neuzugang auf, als Winfields Tür sich mit einem fast lautlosen Klicken schloss. Der Staff Sergeant wirkte sehr drahtig, sein schwarzes Haar verdeckte fast das NeuroLink-Headset.

»Willkommen beim Bataillon, DeVries«, sagte er. »Hat der Sergeant Major Sie ordnungsgemäß begrüßt, wie es sich für die Aufklärerverbände gehört?«

»Ich glaube, der Sergeant Major war von meinem Eintreffen … alles andere als begeistert, Sergeant«, gab Alicia vorsichtig zurück.

»Sergeant Major Winfield ist von Neuzugängen nie ›begeistert‹«, erklärte Hirshfield augenzwinkernd. »Aber vergessen Sie nicht: Er ist in Wirklichkeit tatsächlich fast so griesgrämig, wie er uns alle glauben machen will. Deswegen hat er ja auch mich. Ich bin der freundliche Sonnenstrahl, der all denjenigen wieder den Tag versüßt, denen der Sergeant Major ihn voll und ganz verhagelt hat.«

»Mir wurde deutlich gemacht«, sprach Alicia nun weiter, ermutigt von Hirshfields Lächeln, »dass er auf jemanden mit mehr Erfahrung gehofft hatte.«

»Das tut er immer.« Hirshfield zuckte mit den Schultern. »Das ist nicht persönlich gemeint, DeVries, aber Frischlinge werden so gut wie nie in die Aufklärung geschickt. Ganz zu schweigen davon, dass wir hier ständig unterbesetzt sind. Und jetzt, wo das Referendum kurz bevorsteht, heizt sich die Lage hier auf Gyangtse noch zusätzlich auf, deshalb spüren wir das im Augenblick sogar noch deutlicher als sonst. Also: Selbst wenn er Ihnen ganz schön zusetzt, bin ich mir doch sicher, dass er in Wirklichkeit froh ist, Sie hier zu wissen. Schließlich ist selbst eine frischgebackene Larve aus Mackenzie immer noch besser als gar nichts«, setzte er dann noch hinzu – womit er die beruhigende Art, mit der er Alicia empfangen hatte, doch ein wenig konterkarierte.

»Ich danke Ihnen, Sergeant«, sagte sie. »Ach ja, er hat mir gesagt, ich solle Ihnen mitteilen, ich sei Lieutenant Kuramochis Zug zugeordnet.«

»Hab ich mir schon gedacht.« Hirshfield nickte. »Der Lieutenant fehlen satte neun Leute. Ich schätze, Sie werden in den Dritten Trupp kommen – das ist der Trupp von Sergeant Metternich. Bei dem sieht es im Augenblick am knappsten aus, und Metternich ist der dienstälteste Truppführer. Der kommt ziemlich gut damit zurecht, auch ein paar Babys dabeizuhaben. Nichts für ungut!«

»Schon gut«, erwiderte Alicia, aber so ganz ›gut‹ fühlte sie sich dabei dennoch nicht.

»Gut.« Nun blitzte in Hirshfields Augen etwas auf – Alicia erschien es regelrecht boshaft. Dann sprach er in das Mikrofon seines Headsets. »Zentrale hier. Metternich?« Er wartete nur einen winzigen Moment, dann sprach er schon weiter und lächelte dabei zu Alicia herüber. »Abe, ich habe einen deiner Neuzugänge hier. Willst du vorbeikommen und sie persönlich abholen, oder soll ich ihr einfach nur ’ne Karte geben?«

Einen Augenblick lang lauschte er, dann lachte er in sich hinein.

»Also gut, ich sag’s ihr. Over and Out.

Sergeant Metternich schickt jemanden, der Sie abholen wird«, erklärte er Alicia und deutete auf die einfachen, aber funktionellen Stühle, die an der Wand seinem Schreibtisch gegenüber aufgestellt waren. »Parken Sie Ihr Hinterteil da drauf, bis Ihre Eskorte kommt – wer auch immer das dann sein mag.«

»Jawohl, Sergeant«, antwortete Alicia gehorsam und parkte ihr Hinterteil auf einem besagter Stühle.

»’Lo, Sarge! Sie haben wen für mich?«

Alicia blickte auf, als ein recht kleiner und dabei fast untersetzter PFC den Kopf durch die Tür zu Hirshfields Büro steckte. Der Neuankömmling war sogar noch dunkelhäutiger als Hirshfield; er hatte breite Schultern und war immens muskulös. Sein schwarzes Haar stand ungebärdig in alle Richtungen.

»Medrano!«, strahlte Hirshfield. »Wenn das nicht mein Lieblings-Marine ist! Und ich habe tatsächlich jemanden für Sie. Gleich hier!«

Er streckte die Hand aus, und Medrano drehte den Kopf Alicia zu, ohne das Büro zu betreten. Einen Moment lang blickte er sie nur schweigend an, dann schaute er wieder zu Hirshfield hinüber.

»Na, vielen Dank aber auch«, entfuhr es ihm. »Haben Sie Abe schon gesagt, was Sie da für ihn haben?«

»Was denn? Soll ich ihm vielleicht die Überraschung verderben?« Fragend hob Hirshfield die Augenbrauen.

»Hab ich mir schon gedacht«, murmelte Medrano und schüttelte den Kopf. Dann blickte er kurz zu Alicia hinüber und deutete mit dem Daumen über die Schulter hinweg den Gang entlang. »Dann komm, Larve.«

Sein Kopf verschwand aus dem Türspalt, und schon marschierte der Soldat wieder den Korridor hinab, durch den er gekommen war. Er blickte sich nicht einmal um, überprüfte nicht, ob Alicia ihm wirklich folgte. Was sie natürlich tat, wenngleich nicht gerade voller Vorfreude. Bislang, so ging es ihr durch den Kopf, während Medrano sie mit forschen Schritten aus dem Bürogebäude führte, ist gar nichts an diesem Tag so gelaufen, wie ich das gehofft hatte.

»Wo hast du denn deine Ausrüstung, Larve?«, fragte Medrano schließlich, ohne dem Neuzugang das Gesicht zuzuwenden.

»Wird für mich am Landeplatz aufbewahrt«, erwiderte sie sofort.

»Dann sollten wir wohl mal rüberstapfen und das Zeug abholen«, brummelte er, dann bog er nach links ab und marschierte eine der Rampen hinab.

Schon bald zeigte sich, dass er mit dem Gelände wirklich gut vertraut war. Alicia hatte sich an der Karte orientiert, die ihr der Sergeant am Landeplatz auf ihren PersoKom übertragen hatte, um überhaupt ihren Weg vom Raumhafen von Zhikotse, der Hauptstadt von Gyangtse, zu den Büroräumen von Sergeant Major Winfield in der Kaserne der Planetarmiliz zu finden, die das Bataillon übernommen hatte. Der Weg, den Medrano nun einschlug, um wieder zu den Landebahnen und Landeplätzen der Shuttles zurückzukommen, war deutlich verschlungener und komplizierter; immer wieder bog der Private First Class in verwinkelte Seitengassen ein, statt sich an die neueren, breiten Hauptverkehrsadern zu halten. Doch der Weg war auch deutlich kürzer, und so erreichten sie den kleinen Raumhafen der Hauptstadt in lediglich etwas mehr als der Hälfte der Zeit, die Alicia gebraucht hatte, um vom Raumhafen zu Winfields Büro zu kommen.

»Na such!«, sagte Medrano schließlich halblaut, als wolle er einen Hund das Apportieren lehren; dann ließ er sich lässig in einen der Sessel fallen, die vor der Gepäckabfertigung aufgestellt waren. Er deutete auf den einzigen besetzten Schalter, dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und schlug die Beine übereinander.

Alicia blickte zu ihm hinüber, dann durchquerte sie die Halle, bis sie den Schalter erreicht hatte. Hinter der Scheibe stand ein Zivilist. Auf den meisten Planeten wurde die Gepäckabfertigung mittlerweile von KIs übernommen, oder zumindest von einem selbständigen Computersystem. Aber Alicia hatte bereits bemerkt, dass die Welt Gyangtse wirklich auffallend arm war, zumindest im Vergleich zum generell recht wohlhabenden Imperium.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der kleine, drahtige Zivilist sie freundlich. (Es war Alicia nicht entgangen, dass eigentlich alle Einheimischen hier klein und drahtig waren.)

»Ich muss meine Ausrüstung abholen«, erklärte sie und schob ihren elektronischen Gepäckaufbewahrungsschein über den Tresen zu ihm hinüber. »Ich bin an Bord der Telford Williams gekommen.«

»Ach, tatsächlich?«

Der Gyangtsese grinste sie an, und Alicia bemerkte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss – zumindest ein wenig. Natürlich wusste er, dass sie mit der Williams gekommen war. Dieser Transporter war zweifellos das einzige Schiff, das in den letzten Tagen den Orbit von Gyangtse erreicht hatte. Aber obwohl der Mann unverkennbar belustigt war, ging er doch nicht weiter darauf ein, sondern nahm nur den Schein entgegen und schob ihn in sein Terminal.

»DeVries, Alicia D., richtig?«, fragte er nach, als die Daten auf seinem Display erschienen.

»Genau«, bestätigte sie.

»Okay.« Er gab irgendetwas auf einem Tastenfeld ein, dann nickte er. »Fach elf«, erklärte er und deutete auf die Gepäckfächer, die eine ganze Wand bedeckten. »Kommt in wenigen Minuten.«

»Danke sehr«, sagte sie, und wieder nickte er ihr zu.

»Gern geschehen«, entgegnete er. »Ach ja, und natürlich willkommen auf Gyangtse.«

»Danke.« Alicia erwiderte das Nicken, dann ging sie zu dem Gepäckfach hinüber, das man ihr angewiesen hatte.

Die Ausrüstung traf fast so rasch ein, wie der Raumhafenmitarbeiter ihr das versprochen hatte. Alicia zog ihre Waffentransportkiste hervor und überprüfte sämtliche Anzeigen der Sicherungssysteme, um sich zu vergewissern, dass sich wirklich niemand daran zu schaffen gemacht hatte. Danach zerrte sie die beiden Seesäcke hervor, die ebenfalls zu ihrem Gepäck gehörten, und untersuchte sie genauso sorgfältig. Anschließend stapelte sie die beiden Säcke auf die Waffenkiste, befestigte sie mit einem Haltenetz und aktivierte dann die KontraGrav-Einheit der Kiste. Gehorsam hob das Gerät lautlos vom Boden ab, und Alicia versetzte dem Gepäck einen vorsichtigen Stoß, um zu überprüfen, ob das Gewicht auch wirklich gleichmäßig verteilt war. Kurz schwankte der Gepäckstapel hin und her, doch dann pendelte er sich auch wieder ein. Zufrieden nickte Alicia.

Sie aktivierte die Traktor-Leine, koppelte die Waffenkiste mit dem kleinen Steuergerät an ihrem Gürtel und wandte sich wieder Medrano zu. Gehorsam folgte ihr die Waffenkiste mit den beiden Seesäcken; genau nach Vorschrift hielt sie exakt anderthalb Meter Sicherheitsabstand.

»Ist das alles?«, fragte der ältere Private nach und erhob sich.

»Alles«, bestätigte Alicia. Skeptisch beäugte der Mann den Gepäckstapel, doch er schien keinerlei Kritikpunkte finden zu können.

»Dann holen wir uns jetzt ein Gefährt«, erklärte er schließlich, und Alicia folgte ihm aus der Wartehalle des Raumhafens heraus.

Medrano nahm eines der wenigen RoboShuttles in Beschlag, die der Raumhafen zu bieten hatte, und gab Zielkoordinaten in den Bordcomputer ein, während Alicia ihr Gepäck in den Laderaum des kleinen Fahrzeugs verfrachtete. Schließlich schloss sie die Luke und setzte sich – auf eine barsche Geste des dienstälteren Private First Class hin – neben ihn, dann setzte sich das Shuttle auch schon mit einem leisen Summen in Bewegung und glitt rasch davon.

Unauffällig blickte Alicia wieder zu Medrano hinüber. Nur zu gerne hätte sie ihm Fragen gestellt, doch jeder, dem sie an diesem Tag bislang begegnet war, schien viel zu beschäftigt damit, ihr jegliches Selbstbewusstsein austreiben zu wollen, als dass Alicia willens gewesen wäre, jetzt auch noch diesem PFC eine Gelegenheit dafür zu bieten. Also blickte sie stattdessen stur geradeaus durch die Windschutzscheibe des RoboShuttles und versuchte sich in Geduld zu üben.

Medrano lehnte sich in seinem Sessel zurück und schwieg – vielleicht eine Minute lang. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

»Ist schon in Ordnung, Larve«, sagte er.

»Wie bitte?« Ein wenig skeptisch blickte sie ihn an, und er lachte leise in sich hinein.

»Ach, du hast wirklich noch einen langen Weg vor dir, bis du richtig zum Nest gehörst, Larve«, erklärte er ihr fröhlich. »Und wir, die ganzen ausgewachsenen Wespen, werden dir das Leben zur Hölle machen, damit du das auch bloß nicht vergisst. Aber im Augenblick sind wir hier allein, und ich weiß ganz genau, dass du Fragen hast. Also mach schon. Ist in Ordnung.«

»Also gut«, sagte sie. »Dann schlucke ich den Köder eben. Staff Sergeant Hirshfield hat etwas darüber gesagt, auf Gyangtse würde es sich ›aufheizen‹. Was geht denn hier vor?«

»Wäre schon gut, das zu wissen, was?« Medranos Lächeln verwandelte sich in ein schiefes Grinsen. »Der Lieutenant kann diese Frage viel besser beantworten als ich, aber es läuft darauf hinaus, dass dieser ganze Sektor früher einmal der Liga angehört hat. Das bedeutet, es gibt eigentlich immer ein paar Gestalten, die Ärger machen wollen, und viele von denen glauben wirklich, sie könnten ›die Imps‹ wieder nach Hause zu deren eigenen Planeten schicken, wenn sie nur genug Ärger machen. Natürlich wird es nie so kommen, aber die ortsansässigen Trottel vergessen das hin und wieder, und für mich sieht es ganz danach aus, als wäre es hier bald wieder so weit.«

»Hier gibt es wirklich so etwas wie eine Untergrundbewegung?« Es gelang Alicia nicht, ihre Überraschung zu verbergen, und wieder lachte der PFC in sich hinein.

»Hör mal, Larve, auf Planeten wie diesem gibt es immer irgendeine Art ›Untergrundbewegung‹. Normalerweise sind die Kreise da ziemlich klein – die sind mehr eine Art Sammelbecken für die allergrößten Spinner –, aber geben tut es sie auf jeden Fall. Und manchmal kommt das nicht nur von den Gestalten auf dem Planeten selbst, weißt’ was ich meine? Meistens sind die restlichen Einheimischen froh genug, uns hier zu haben, dass sie alleine den Spinnern hier das Leben schon schwer genug machen. Aber manchmal, so wie jetzt eben, ist das halt nicht der Fall.«

»Wieso nicht?«

»Wer weiß das schon, verdammt?« Medrano zuckte mit den Schultern. »Ich meine, Madam Lieutenant weiß es wahrscheinlich schon. Die ist ziemlich helle im Köpfchen … für einen Offizier, meine ich. Aber es läuft eben darauf hinaus, dass Gyangtse jetzt gerade mitten im Umbruch steckt: Von einer ›Welt der Krone‹ zur vollständigen Eingliederung. Meistens halten die Leute das für eine gute Idee, wenn es endlich passiert, aber dieses Mal sieht’s halt nicht ganz so rosig aus. Keine Ahnung, wieso – vielleicht liegt’s an der Wirtschaft, die läuft hier gerade nicht so gut. Oder vielleicht sind diese Gyangtsesen einfach zu blöde, oder sie mögen den Gouverneur nicht. Oder es liegt daran, dass die Echsen oder die FALA hier Unruhe stiften.« Wieder zuckte er mit den Schultern. »Ist ja auch egal. Das Wichtige hier ist, Larve, dass wir ganz genau ein Bataillon auf dem Planeten haben, und hier gibt es diese BFG-Spinner, die ständig herumkrakeelen, wie sehr sie gegen ›engere Beziehungen‹ mit dem Imperium sind – als ob die überhaupt eine Wahl hätten! Und die Einheimischen, die uns normalerweise ein paar dezente Hinweise über die ›Bösen Jungs‹ zukommen lassen, halten im Moment allesamt den Mund.«

»Oh.«

Alicia dachte über das nach, was Medrano gesagt hatte. Mit seiner ungezwungenen, fast schon respektlosen Art und seiner einfachen Sprechweise hatte er sie tatsächlich – zumindest anfänglich und kurzzeitig – verleitet, seinen Verstand zu unterschätzen. Aber lange hatte das nicht angehalten, und selbst wenn er es wirklich darauf angelegt gehabt hätte, wäre das ganze Kartenhaus der Täuschung jetzt in sich zusammengefallen, denn was er hier gesagt hatte, ließ auf einmal einige Dinge, die Alicia bislang nur aufgefallen waren, aus denen sie aber nicht recht schlau geworden war, sehr viel sinnvoller erscheinen.

Das Terranische Imperium war aus der Asche der alten Terranischen Föderation erstiegen – nach den Liga-Kriegen und den Rish-Kriegen, die danach gekommen waren. Die riesigen Rishatha-Matriarchinnen mit ihrer gewaltigen Körperkraft waren natürlich keine richtigen ›Echsen‹. Eigentlich waren sie Schnabelsäugern oder den anderen eierlegenden Säugetieren von der Alterde in vielerlei Hinsicht deutlich ähnlicher, aber angesichts ihrer saurierartigen, massigen Körper war die Bezeichnung ›Echsen‹ wohl unvermeidbar. Und auch wenn sie nun wahrhaftig keine Echsen waren, so waren sie auch nicht gerade die bestmöglichen galaktischen Nachbarn. Sie waren noch deutlich aggressiver und kriegerischer als die Menschen (und Alicia war gerne bereit, zuzugeben, dass dazu wirklich einiges gehörte!), und so hatten sie nicht gerade freundlich darauf reagiert, dass die Menschheit im Jahre 2340 ihren interstellaren Vorgarten betreten hatte. Und von da an war ihr Verhalten rapide unfreundlicher geworden – vor allem, nachdem deren Analysten und Wissenschaftler erkannt hatten, wie ungleich produktiver die Wirtschaft der Menschheit war … und welchen technologischen Vorsprung die Menschen hatten. Die Tatsache, dass die Menschen zudem auch noch fruchtbarer waren und es vorzogen, auf nicht allzu dicht bevölkerten Welten zu siedeln – was wiederum zu einem raschen Vorantreiben weiterer Erkundungs- und Kolonisierungsexpeditionen führte –, sorgte dafür, dass die Rishatha immer weniger Grund sahen, sich über den Besuch zu freuen.

Und das erklärte auch, warum die von der Rishatha-Sphäre ausgehenden diplomatischen Bemühungen stets auf die unablässig schwärenden Spannungen zwischen der Terranischen Liga und der Terranischen Föderation ausgerichtet waren. Die ›Echsen‹ hatten zwar ein ganzes Jahrhundert sorgfältiger Vorarbeit benötigt, doch letztendlich gelang es ihnen, die Liga-Kriege auszulösen, die vom Jahr 2450 bis zum Jahr 2510 dauerten und mehr Menschen das Leben kosteten, als sämtliche anderen Kriege in der gesamten Menschheitsgeschichte zusammengenommen an militärischen und zivilen Opfern gefordert hatten.

Diese sechzig Jahre unablässiger, tödlicher Kriegführung hatte die Terranische Föderation in das Terranische Imperium verwandelt, unter der Regentschaft von Imperator Terrence I. aus dem Geschlecht der Murphys. Zugleich hatten sie auch zur völligen militärischen und wirtschaftlichen Erschöpfung der Liga geführt … und zu diesem Zeitpunkt begannen die freundlichen rishathanischen Nachbarn‹ den Ersten Rish-Krieg, indem sie deren Hinterland angriffen – mit verheerenden Folgen. Ihre Opfer waren völlig überrascht gewesen, und so eroberte die Rishatha-Sphäre innerhalb von kaum acht Jahren praktisch die gesamte Liga.

Bedauerlicherweise erwies sich für die Rish, deren Pläne bis dahin mit einer Perfektion aufgegangen waren, die sogar Machiavelli persönlich grün vor Neid hätte werden lassen, das Terranische Imperium als deutlich härtere Nuss. Vor allem, da die Sphäre nach dem Ersten Rish-Krieg einiges an Zeit benötigte, um all ihre Eroberungen auf dem Territorium der Liga zu verdauen, und das verschaffte Terrence I. die Zeit, die erforderlich war, um auf seinen eigenen Welten wieder für Ordnung zu sorgen und seine Navy umzuorganisieren, neu aufzubauen und zu vergrößern.

Der Zweite Rish-Krieg hatte vierzehn Jahre gedauert, nicht nur acht. Und trotz der Kriegsmüdigkeit und des politischen Chaos, die jene sechs Jahrzehnte des Liga-Krieges mit sich gebracht hatten, war das Imperium unter der Führung ihres neuen, charismatischen Imperators fest vereinigt. Abgesehen davon hatte die Menschheit mittlerweile herausgefunden, wer in Wahrheit für diese sechzig entsetzlichen Jahre des Todes und der Zerstörung verantwortlich gewesen war. Als der Zweite Rish-Krieg zu einem Ende kam, hatte das Imperium den Rish zwei Drittel sämtlicher Sonnensysteme des Liga-Territoriums entrissen und die Sphäre bis an den Rand einer völligen militärischen Niederlage getrieben. Der Friedensvertrag von Leviathan, der das Ende dieses Krieges auch formal besiegelte, zwang die Rishatha-Sphäre, sich auf das Territorium zurückzuziehen, das sie vor dem Ersten Rish-Krieg ihr Eigen genannt hatte, und das verbleibende Drittel der Liga – all die Welten, die nicht bereits in das Imperium eingegliedert worden waren –, sahen sich mit einem Mal zumindest formal in völliger Unabhängigkeit. Sie wurden jetzt als die ›Freiwelten‹ bezeichnet und fungierten als Pufferzone zwischen den beiden interstellaren Großmächten; sie selbst gehörten keiner der beiden an.

Doch diese sechzig Jahre des Krieges Mensch gegen Mensch, der dann die ›Befreiung‹ (oder auch ›gewaltsame Besatzung‹, je nachdem, von welchem Blickwinkel aus man die Lage betrachtete) so zahlreicher Sonnensysteme der Liga durch die Streitkräfte des Imperiums zur Folge hatte, hatten dafür gesorgt, dass auf dem Territorium des Imperiums selbst unablässiger Unmut schwärte. Selbst jetzt noch, vierhundert Jahre später, war dieser Unmut zumindest für zwei Drittel sämtlicher Situationen verantwortlich, die den Marines und der Navy Kopfschmerzen bereiteten, das wusste Alicia genau. Allzu viele der alten Liga-Welten stellten immer noch ›Welten der Krone‹ dar; nach wie vor wurden sie von Gouverneuren verwaltet, die das Ministerium für Außenweltbelange ernannte, obschon zahlreiche dieser Welten eine hinreichend hohe Bevölkerungsdichte aufwiesen, um sich für eine vollständige Eingliederung in das Imperium zu qualifizieren. Doch dieser Schritt, von einem imperialen Protektorat unter Verwaltung der Krone zur vollständigen Eingliederung in das Imperium selbst – bei der die betreffenden Welten dann auch eigenständig Senatoren stellen konnten –, war stets recht heikel. Vor allem bei Welten wie Gyangtse, deren ursprüngliches Bündnis mit dem Imperium nicht gerade freiwillig geknüpft worden war.

»Diese BFG, die Sie erwähnt haben – wofür steht das? ›Befreiungsfront von Gyangtse‹, oder so etwas in der Art?«, erkundigte sie sich nach kurzem Schweigen, und Medrano blickte kurz zu ihr hinüber.

»Du hast es erfasst, Larve.«

»Und die stellt sich gegen die Eingliederung?«

Medrano nickte, und Alicia verzog gequält das Gesicht. Natürlich stellten die sich dagegen! Und alleine schon vom Namen her ließ sich vermuten, dass sie alles nur Erdenkliche versuchten, um die örtlichen Debatten über das Für und Wider einer Eingliederung zu behindern. Einige ehemalige Liga-Welten, das wusste Alicia, hatten zwanzig- oder sogar dreißigmal abgestimmt, bis ihre Bürger sich endlich entschlossen hatten, das Gewesene zu vergessen. Oder zumindest hinreichend zu verdrängen, um bereitwillige Untertanen des Imperators zu werden.

»Ist es schon zu Zwischenfällen gekommen?«, fragte Alicia weiter, und Medrano stieß einen Grunzlaut aus.

»Sogar ’ne ganze Menge«, gab er zurück und klang dabei recht grimmig.

»Zwischenfälle welcher Art?«, setzte Alicia nach und legte nachdenklich die Stirn in Falten. Medrano hob eine Augenbraue, und der Neuzugang bei den Aufklärern zuckte mit den Schultern. »Ich meine: Gehören die eher zu der Kategorie ›Wir wollen euch so lästig fallen, dass ihr mit uns in Verhandlungen tretet und uns gebt, was wir wollen, und dann verziehen wir uns‹, oder mehr zu der ›wir sind so gemeingefährlich und so wahnsinnig, dass wir allen Ernstes glauben, wir könnten genug von euch umbringen, damit ihr euch verzieht‹?«

»Ja, das ist die große Frage, was, Larve?«, erwiderte Medrano nur, doch in seinen Augen erkannte Alicia ein sonderbares Funkeln. Als hätte ihre Frage ihn überrascht – oder das Verständnis für die aktuelle Lage, das sie mit dieser Frage deutlich gezeigt hatte. »Schon die erste Sorte Spinner kann niemand wirklich leiden, aber diese zweite Kategorie, die ist dafür verantwortlich, dass so mancher im Leichensack landet. Und im Augenblick habe ich keinen blassen Schimmer, mit was für einer Sorte Spinner wir es hier eigentlich zu tun haben.«

»Verstehe.« Die Falten auf Alicias Stirn wurden noch tiefer, und sie lehnte sich wieder in ihren Sitz zurück.

Erneut blickte Medrano zu ihr hinüber und öffnete schon halb den Mund, als wolle er etwas sagen, doch dann schloss er ihn wortlos wieder. Nun war auch seine Miene sehr nachdenklich, während diese Larve neben ihm mit auffälliger Selbstbeherrschung über all das nachdachte, was er ihr erklärt hatte. Das war nicht die Art Reaktion, die er von einem derart jungen Soldaten erwartet hatte – einem Soldaten, der ganz frisch von Camp Mackenzie gekommen war. Vielleicht gab es doch etwas, was für dieses Mädel sprach?

Naja, ging es Leocadio Medrano durch den Kopf, das werden wir wohl einfach abwarten müssen, oder?

Kapitel 3

»Und, was hältst du von unserer neuen Larve?«, fragte Lieutenant Kuramochi Chiyeko. Entspannt saß die zierliche, dunkelhäutige Lieutenant auf ihrem Stuhl und hielt mit beiden Händen die Kaffeetasse fest. Gunnery Sergeant Michael Wheaton, der ranghöchste Unteroffizier ihres Zuges, saß ihr an dem mit Unterlagen völlig überfüllten Schreibtisch gegenüber und nahm einen Schluck aus seiner eigenen Tasse, die offensichtlich schon recht häufig benutzt worden war.

»Hmm.« Wheaton ließ die Tasse sinken und verzog das Gesicht. »Ich muss zugeben, Skipper, ich habe mich nicht gerade gefreut, die hier zu sehen.« Er schüttelte den Kopf. »Jetzt, nachdem Abe schon die erste Gelegenheit hatte, sich ein bisschen mit ihr zu befassen, fühle ich mich schon etwas besser, aber trotzdem …! Die Lage hier wird immer heißer, und die schicken uns die neuen Leichen auf Urlaub, eine nach der anderen? Und dann auch noch eine Larve, die gerade frisch aus Mackenzie kommt?«

»Halte fest, was du hast«, gab Kuramochi beinahe schon philosophisch zurück, doch Wheaton kniff die Augen zusammen.

»Diesen Tonfall kenne ich doch, Skipper«, sagte er und klang unverkennbar misstrauisch.

»Und was ist das für ein Tonfall, Gunny Wheaton?« Kuramochis Gesichtsausdruck war die Unschuld in Person.

»Das ist dieser ›Ich-weiß-etwas-das-du-nicht-weißt‹-Tonfall.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, versicherte sie ihm.

»Skipper, es ist mein Job, dass immer alles schön seine Ordnung hat. Wenn es bei dieser DeVries irgendetwas gibt, was ich wissen sollte, dann wäre es sehr gut, wenn ich es jetzt höre.«

Wheatons Entgegnung klang völlig sachlich, doch der Blick, den er seiner Zugführerin zuwarf, hatte beinahe schon etwas Tadelndes. Kuramochi Chiyeko machte alle Anstalten, ein wirklich guter Offizier zu werden, sonst hätte man ihr niemals das Kommando über einen Zug bei den Aufklärerverbänden übertragen. Und Wheaton und sie hatten zu einer perfekten Zusammenarbeit gefunden. Doch sie war immer noch ›nur‹ ein Lieutenant, und zu den wichtigsten Aufgaben eines Gunny gehörte nun einmal, seinem Lieutenant hin und wieder einen kleinen Klaps zu verpassen, ganz nach dem alten Motto: ›Kleine Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen.‹

»Du meinst, davon abgesehen, wessen Enkelin sie ist?«, fragte Kuramochi nach.

»Über ihren Großvater weiß ich Bescheid, Skipper. Und ich weiß auch, dass sie ihren Abschluss in Mackenzie als Zweitbeste geschafft hat. Und ich weiß, dass sie einen Collegeabschluss in der Tasche hat, von einem Fünfjahreskurs sogar – und den hat sie in einem Alter gebastelt, in dem andere noch mit Murmeln spielen. Und sie ist ein verdammt helles Köpfchen, und Abe Metternich ist von ihr ziemlich beeindruckt. Aber nichts davon ändert etwas daran, dass sie ein absoluter Frischling ist, nicht einmal achtzehn Jahre alt, und dass man ihr hier eine Aufgabe übertragen hat, für die sie allerfrühestens in einem Jahr qualifiziert sein wird. Aber dir war doch klar, dass ich das alles schon gewusst habe, also: Was weiß ich denn bislang noch nicht?«

»Naja, eigentlich weiß ich natürlich auch nicht mehr als das«, erwiderte Kuramochi. »Aber jetzt schauen wir uns doch mal an, was wir hier haben: Wie du schon gesagt hast, hat sie einen Abschluss in der Tasche – und den auch noch vom ENC! Und dann schauen wir, wie die in Mackenzie abgeschnitten hat. Meine Abschlussnoten waren längst nicht so berauschend, und dennoch hatte das Corps für mich schon ein Offizierspatent in der Schublade, ehe ich auch nur die Grundausbildung hinter mir hatte. Ich habe mir alle frei zugänglichen Profile in DeVries’ Akte angesehen. Sie ist für die Offizierslaufbahn besser geeignet als ich, zumindest was ihre Grundfähigkeiten angeht. Wahrscheinlich ist sie sogar besser qualifiziert als zwei Drittel sämtlicher Offiziere des ganzen Bataillons. Und wie du schon gesagt hast: Normalerweise werden solche Frischlinge nicht gleich für ihren ersten Einsatz zu den Aufklärerverbänden geschickt, da können sie sich in Mackenzie noch so gut geschlagen haben. Und auch wenn ich den alten Sergeant Major O’Shaughnessy nie persönlich kennen gelernt habe, halte ich es trotzdem für sehr unwahrscheinlich, dass er irgendwelche Beziehungen hat spielen lassen, um seine Kleine dahin zu bringen, wohin sie gerne wollte. Also: Warum haben sie die zu uns geschickt, und warum hat sie noch niemand dezent darauf hingewiesen, dass das Schulungsprogramm für Offiziersanwärter auf sie wartet?«

»Weiß ich nicht«, gab Wheaton zurück, doch er legte die Stirn in Falten. Dann hob er die Augenbrauen. »Nee, Skipper! Oder?«

»Warum denn nicht? Du weißt doch auch, dass die gerne die Aufklärerverbände als letzten Filter des Auswahlverfahrens nutzen.«

»Bei einer Mackenzie-Larve Wheaton schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Skipper … Ich habe noch nie davon gehört, dass die sich jemals irgendwen angesehen hätten, der nicht mindestens einen vollständigen Einsatz hinter sich hatte!«

»Vielleicht nicht, aber ich versuche schon die ganze Zeit, mir irgendeine andere Erklärung dafür zurechtzulegen, warum gerade wir die Kleine bekommen haben. Und wie du schon sagtest: Abe ist von ihr beeindruckt, und er hat im Laufe der Jahre eine ganze Menge Larven zu sehen bekommen.« Kuramochi zuckte mit den Schultern. »Natürlich hat mir niemand darüber irgendetwas offiziell mitgeteilt. Das würden die auch nie machen. Und ich habe auch keinen Zugriff auf ihr vollständiges Profil, selbst wenn ich genau wüsste, was die Auswahlkriterien sind. Aber es ist dennoch ziemlich offensichtlich, dass sie jemand ganz Besonderes ist – sowohl von den Fähigkeiten her, die sie von sich aus mitbringt, als auch danach zu urteilen, wohin sie eben für ihren ersten aktiven Einsatz abkommandiert wurde.«

»Na prächtig«, murmelte Wheaton säuerlich. »Weißt du, Skipper, manchmal habe ich sie so was von satt, unsere … ach so professionellen Kameraden. Sollen die doch ihre Rekrutierung und die ganzen Prüfungen alleine machen! Und uns sollen die einfach in Ruhe lassen – vor allem die Aufklärer, verdammt noch mal! Ich kann das einfach nicht ausstehen, wie die sich immer unsere besten Leute abgreifen, selbst wenn deren Dienstzeit oder zumindest der jeweilige Einsatz offiziell beendet ist. Aber wenn die jetzt wirklich vorhaben, jemanden einzusacken, der am Anfang seiner Laufbahn steht, dann finde ich das richtig unanständig. Wenn du Recht hast, dann werden die uns gerade lange genug Zeit lassen, die Kleine anständig auszubilden, sie richtig gut auf Kurs zu bringen, und dann nehmen sie die uns einfach weg. Pass auf, du wirst schon sehen!«

»Ach du meine Güte.« Kuramochi grinste. »So viel aufgestauter Zorn, Gunny Wheaton!«

»Ja, klar«, grollte Wheaton. »Du kannst mir doch nicht erzählen, dich würde das nicht genauso ankotzen wie mich, wenn an der Geschichte wirklich was dran wäre.«

»Aber selbstverständlich nicht«, gab Kuramochi mit Engelsmiene zurück. »Alleine schon die Vorstellung ist ungeheuerlich.«

Wheaton stieß ein Schnauben aus, und Lieutenant Kuramochi grinste. Doch dann wurde ihre Miene wieder ernster.

»Wie ich schon gesagt habe, Mike, niemand hat mir irgendetwas erzählt, und deswegen ist es sehr gut möglich, dass ich mich hier völlig vertue. Aber ich denke, wir – vor allem wirklich du und ich – werden zumindest in Erwägung ziehen müssen, dass ich mich eben nicht täusche. Wir werden es der Kleinen nicht extraleicht machen, und sie wird auch keine Sonderbehandlung erhalten – wir werden weiß Gott nichts tun, was ihr das Gefühl geben könnte, mehr zu sein als eine Larve wie jede andere, auch wenn sie vielleicht etwas überdurchschnittliche Leistungen zeigt. Aber ich denke, was auch immer wir unternehmen können, um ihr ein bisschen mehr Erfahrung auf den Weg mitzugeben, sollten wir auch tun.«

»Kapiert.« Wheaton nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee, dann zuckte er mit den Schultern. »Mir passt es zwar gar nicht, hier Gouvernante für jemanden zu spielen, der nicht zum Corps gehört, Skipper, aber wenn du Recht hast, dann muss ich dir Recht geben. Soll ich auch mit Abe darüber sprechen?«

»Nein, lieber nicht.« Nachdenklich rieb sich Kuramochi eine Augenbraue. »Noch nicht, zumindest. Er ist im Augenblick zu nah an ihr dran, und mit der aktuellen Lage haben wir alle wirklich schon genug zu tun. Wir wissen doch beide, wie gut er sich darauf versteht, Frischlinge auf den richtigen Weg zu bringen, also sollten wir ihm nicht dazwischenfunken. Lassen wir ihr ein bisschen Zeit, um sich einzugewöhnen, bevor wir Abe auf die Idee bringen, die Kleine ganz besonders im Auge zu behalten.«

»Neue Meldungen von Gyangtse, Boss.«

Sir Enobakhare Kereku, Gouverneur des Martinsen-Sektors im Namen Seiner Imperialen Majestät Seamus II., blickte auf, als Patricia Obermeyer, seine Stabschefin, sein Büro betrat.

»Warum«, fragte Kereku nach kurzem Schweigen, »erfüllt diese Vorbemerkung mein Herz mit Grausen?«

»Weil Sie wissen, was Aubert für ein Idiot ist?«, schlug Obermeyer vor.

»Vielleicht. Aber während Sie, ein niederes Mitglied angeheuerter Hilfskräfte, derartige Schmähungen über die Sachkundigkeit meines nicht gerade geschätzten und mir unterstellten Kollegen der Exekutive vorbringen, wollen wir doch nicht vergessen, welch unnachahmliches Talent sein Stabschef hat, alles noch zu verschlimmern.«

»Da haben Sie Recht«, gab Obermeyer nach kurzem Schweigen zu und verzog das Gesicht. »Um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube, Salgado könnte ein noch größerer Volltrottel sein als Aubert. Nicht, dass es wirklich einfach wäre, ein derartiges Ausmaß an Inkompetenz noch zu überbieten.«

»Und nachdem wir jetzt beide ein bisschen Dampf abgelassen haben: Was halten Sie davon, mir zu berichten, welche schlechten Neuigkeiten von Gyangtse Sie mir denn nun bringen?«

»Das kommt eigentlich nicht von Gyangtse selbst.« Obermeyer durchquerte das große, geradezu verschwenderisch ausgestattete Büro ihres Vorgesetzten und legte einen Aktenchip auf die Kante von Kerekus Schreibtisch. »Das haben uns die Leute von Brigadier Ericksons Nachrichtendienst übermittelt. Laut den Meldungen von Major Palacios – hinter der Colonel Ustanov steht –, wird die Lage auf Gyangtse zunehmend beschissener.«

»Ich habe immer gewusst, dass die ›Wespen‹ sich eines recht rüden Umgangstons befleißigen«, merkte Kereku an und verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »Aber ›beschissen‹ ist in offizieller Korrespondenz doch selbst für deren Verhältnisse ein wenig arg rüde, finden Sie nicht?«

»Ich mag mir, was die genaue Wortwahl betrifft, wohl einige Freiheiten herausgenommen haben, aber ich denke, mit dieser doch recht prägnanten Formulierung den Grundtenor der Anmerkungen des Colonels recht genau wiedergegeben zu haben.«

»Ich fürchte, damit könnten Sie sogar Recht haben.« Kereku seufzte. Mit regelrecht angewiderter Miene betrachtete er den Aktenchip, dann schaute er wieder Obermeyer an und deutete auf einen Sessel. »Machen Sie schon, Pat. Fassen Sie es für mich zusammen. Die einzelnen widerwärtigen Details kann ich mir immer noch später durchlesen – falls ich Zeit dafür finde.«

»Im Prinzip«, begann Obermeyer und ließ sich in den Sessel sinken, auf den ihr Vorgesetzter gewiesen hatte, »läuft es auf ›das Übliche, nur noch schlimmer‹ hinaus. Ustanov ist, was seine Wortwahl betrifft, recht vorsichtig – ich denke, er will jegliche Polarisation zwischen den militärischen und den zivilen Behörden vermeiden. Aber er unterstützt hier deutlich Palacios, und es ist ziemlich klar – vor allem, wenn man Ustanovs Depeschen mit den letzten Meldungen vergleicht, die wir von Aubert persönlich erhalten haben –, dass Aubert keinen blassen Schimmer hat, wie sehr rings um ihn alles den Bach runtergeht. Er glaubt, er hätte die Lage immer noch vollständig unter Kontrolle, Eno. Ständig spielt er die Bedrohung herunter, die von der Befreiungsfront von Gyangtse ausgeht. Er sieht in deren Erklärung, den ›bewaffneten Kampf‹ aufzunehmen, um ›die imperialen Unterdrücker von Gyangtse zu vertreiben‹, wenig mehr als nur ein Verhandlungsmanöver. Und dessen ungeachtet, und auch trotz der Tatsache, dass sowohl er als auch Salgado ganz genau wissen, wie die imperiale Politik in dieser Hinsicht nun schon seit Jahrhunderten aussieht, begrüßt er Pankarmas ›Teilnahme‹ an der öffentlichen Debatte zur Eingliederung in das Imperium sogar!«

Die Stabschefin des Sektor-Gouverneurs schüttelte den Kopf, und ihr Gesichtsausdruck wirkte äußerst grimmig.

»Er scheint einfach nicht zu kapieren, dass die BFG an dieser Debatte ausschließlich als Stimme der Opposition ›teilnehmen‹ wird. Oder dass er als persönlicher, unmittelbarer Repräsentant des Imperators hier mit Kriminellen spricht. Oder dass die BFG vielleicht tatsächlich meinen könnte, was sie sagt, wenn sie von ›bewaffnetem Kampf‹ spricht! Ich kann von hier aus natürlich nicht genau beurteilen, welche Art lokaler Kontakte und welche nachrichtendienstlichen Quellen er vielleicht hat oder zu haben glaubt, aber Palacios’ Informationen laufen darauf hinaus, dass dort in großem Stil Waffen gehortet werden. Sie hat sogar einige Berichte über mehrere Waffenlieferungen von anderen Planeten erhalten, vielleicht sogar von der ›Freiheits-Allianz‹ – auch wenn sie zugibt, dass sie das bislang noch nicht hat eindeutig verifizieren können. Dennoch schätzt sie die Lage so ein, dass sich die Dinge zunehmend – und rapide – verschlimmern. Und Ustanov hat zwar Erickson, aber keinem seiner zivilen Vorgesetzten gemeldet, dass seine an Aubert gerichteten Gesuche, Palacios Unterstützung zukommen zu lassen und ihr zu gestatten, auch … proaktiv einzugreifen, beständig abgelehnt werden.«

»Also hält er alles innerhalb der eigenen Weisungskette, um bloß nicht den Eindruck zu erwecken, irgendetwas über Auberts Kopf hinweg zu unternehmen«, sinnierte Kereku leise.

»Ich denke, genau das tut er«, bestätigte Obermeyer. »Aber gleichzeitig drückt er sich, zumindest für einen Offizier seines Ranges, in sämtlichen ›internen‹ Berichten an Erickson bemerkenswert offen aus. Und Erickson nimmt diese Befürchtungen offensichtlich sehr ernst, schließlich hat er mir Ustanovs und Palacios’ eigene Berichte in ihrer Rohfassung ausgehändigt, ohne sie zuvor zu … bereinigen.«

»Na wunderbar.«

Kerekus Miene wirkte nicht gerade zufrieden. Die Tatsache, dass sowohl Jasper Aubert als auch Ákos Salgado selbst unter Idealbedingungen Schwierigkeiten hätten, ihre eigenen Schuhe korrekt zu schließen – und derzeit herrschten eben keine Idealbedingungen –, machte die ganze Lage nur noch schlimmer. Die Terranische Liga und die alte Föderation waren noch nie konform gegangen, nicht einmal damals, ehe die Rish ins Spiel gekommen waren. Die Liga war durch die Auswanderung auf andere Welten, vor allem asiatischer Erdenbewohner, entstanden, die sich stets über die ›westlichen‹ Vorurteile und Vorlieben der sogenannten ›Ersten Welt‹ auf Alterde geärgert hatten, die sich unmittelbar vor dem Beginn der Raumfahrt immer weiter verfestigt hatten, und dieser Unmut steigerte sich insbesondere deswegen, weil doch ein so großer Anteil der Weltbevölkerung im asiatischen Raum angesiedelt gewesen war. Die Tatsache, dass die Asien-Allianz den letzten großen Krieg verloren hatte, der auf der alten Heimatwelt der Menschheit ausgetragen worden war, hatte die Gräben nur vertieft. Und gerade, als sich die Lage gerade ein wenig zu entspannen begann … traten die Rish auf den Plan.

Doch mehr als ein Jahrhundert sorgfältig durchdachter Manipulation durch die Rishatha-Sphäre, gefolgt von sechzig weiteren Jahren blutigster Kriege, hatte den verbitterten Groll zahlreicher Bewohner der ehemaligen Liga-Planeten immens genährt, und er hielt sich mit geradezu religiösem Feuereifer von der Sorte, die ungleich leichter zu erzeugen als jemals wieder zu überwinden war. Und dies war eine Tatsache, die einige Personen – wie etwa ein gewisser Jasper Aubert – anscheinend vollständig zu übersehen vermochten.

Einige Momente blickte Obermeyer ihren Vorgesetzten nur schweigend an, dann beugte sie sich in ihrem Sessel ein wenig vor.

»Herr Gouverneur«, sagte sie mit einer Förmlichkeit, die äußerst ungewöhnlich war für ein Gespräch unter vier Augen zwischen ihnen beiden, »wir müssen Aubert loswerden. Manchmal denke ich, wenn es uns gelänge, wenigstens Salgado loszuwerden, könnten wir mit unseren Argumenten zu Aubert durchdringen – wie auch immer er sich verhalten mag, er ist wenigstens kein völliger Schwachkopf. Aber Salgado ›kümmert sich‹ jetzt schon so lange um ihn, dass Aubert genauso gut den Verstand einer mittelgroßen Karotte haben könnte! Mittlerweile sind Salgado und er ja schon fast wie siamesische Zwillinge. Wo der eine auftaucht, ist der andere unweigerlich nicht weit, und wir können uns einfach niemanden leisten, der sämtlicher Realität gegenüber derart hartnäckig die Augen verschließt wie die beiden. Jetzt nicht mehr.

Ich denke, Gyangtse ist wirklich so weit, dass es bald ins Imperium eingegliedert werden kann. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nicht der Ansicht bin, den lokalen Oligarchen sei bereits bewusst, wie schwer es ihnen danach fallen wird, das Volk weiterhin in der Art und Weise auszubeuten, wie sie das so lange schon getan haben, aber es hat wirklich ausgesehen, als sei es aufgrund der allgemeinen Stimmung jetzt ratsam, das Referendum durchführen zu lassen, als man uns Aubert schickte.

Aber genau diese Tatsache hat auch dafür gesorgt, dass Pankarma und seine Extremisten angeheizt wurden. Die haben sich Sorgen gemacht, dieses Mal könnten ihre Freunde und Nachbarn sich tatsächlich dafür aussprechen, echte Untertanen des Imperiums zu werden, und diese Vorstellung passte denen gar nicht. Also haben sie sich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen, und ihre Appelle an die ärmeren Gyangtsesen – vor allem an die ärmere Stadtbevölkerung –, sind auf recht fruchtbaren Boden gefallen. Das ist wirklich eine Schande, weil sich die Eingliederung für die weitaus meisten der ärmeren Stadtbewohner äußerst positiv auswirken würde – die müssten das nur endlich auch begreifen.

Als wäre das nicht schlimm genug, hat Aubert mit den Entscheidungen, die er seither getroffen hat, die ganze Situation ungleich ernster gemacht. Ich weiß, dass es fast unmöglich ist, sich vorzustellen, es könne irgendwelche Fehler geben, die er bislang noch nicht begangen hat, aber ich bin mir sicher, wenn wir ihm genug Zeit lassen, wird ihm auch dafür gewiss noch etwas Passendes einfallen. Und wir beide wissen doch, dass Salgado viel zu sehr damit beschäftigt ist, ›pragmatisch‹ zu sein und das zu betreiben, was man so schön ›Realpolitik‹ nennt, um sich vor sich selbst retten zu können. Verdammt, wahrscheinlich ist er in gerade diesem Augenblick damit beschäftigt, sich neue Fehler einfallen zu lassen, die Aubert dann unterlaufen können! Ich glaube nicht, dass die Lage auf Gyangtse schon unrettbar verloren ist, aber wenn man die beiden gewähren lässt, dann werden sie genau dafür sorgen – oder zulassen, dass die BFG diese Aufgabe übernimmt –, und ich glaube nicht, dass auch nur einer von den beiden eine Vorstellung hat, auf welche Riesenmenge Ärger sie da gerade zusteuern.«

»Ich weiß, ich weiß.« Nachdenklich fuhr sich Kereku mit einer Hand durch die silbergrauen Locken. »Bedauerlicherweise besteht die einzige Möglichkeit, Salgado loszuwerden, nun einmal darin, Aubert fallen zu lassen, und es steht nicht in meiner Verfügungsgewalt, Aubert einfach zu entlassen. Er wurde durch das Ministerium persönlich eingesetzt, genauso wie auch ich. Und der Senat hat diese Entscheidung bestätigt, genau wie bei mir. Der Imperator könnte damit durchkommen, ihn durch eine einfache persönliche Entscheidung abzusetzen, aber mir steht diese Möglichkeit nicht offen. Und wenn ich es dennoch versuchen würde …«

Unglücklich nickte Obermeyer. Enobakhare Kereku war dafür ausgewählt worden, als Gouverneur des Imperiums einen der ›Sektoren der Krone‹ zu leiten – einen jener Grenzsektoren, von denen die meisten Planeten erst noch in das Imperium würden eingegliedert werden müssen, sodass sie bislang auch noch nicht eigene Vertreter im Senat stellten; auf diese Weise fiel die Aufgabe der Verwaltung dem Ministerium für Außenweltbelange zu. Und man hatte Kereku dafür ausgewählt, weil er weidlich bewiesen hatte, für diese Aufgabe auch qualifiziert zu sein. Jasper Aubert hingegen war lediglich wegen seiner Beziehungen in eben jenem Sektor der Krone zum Planetar-Gouverneur ernannt worden. Und wenn Obermeyers Laune besonders schlecht war, vermutete sie, ein weiterer Grund für diese Ernennung sei darin zu finden, ihn möglichst weit von Alterde fortzuschaffen, möglichst weit von jeglichem Posten, auf dem er wichtige politische Entscheidungen hätte treffen können. Das war für Alterde natürlich schön und gut, aber es brachte Kereku in seinem Sektor einen ganzen Haufen Ärger ein. Und wie Kereku gerade eben mehr oder weniger selbst gesagt hatte: Ein Sektorengouverneur, der eigenständig mit derartigen Kleinigkeiten anfinge, wie einen durch den Senat bestimmten Amtsträger zu feuern, bliebe nicht mehr lange auf seiner Position. Dennoch …

»Wenn wir ihn nicht loswerden können, dann sollten wir uns allmählich an den Gedanken gewöhnen, dass sich die Situation auf Gyangtse deutlich verschlimmert«, erwiderte sie düster.

»Hat Ustanov angedeutet, die BFG habe in letzter Zeit ernstlich Waffen gehortet?«

»Ja«, bestätigte Obermeyer tonlos. »Bislang ging es in seinen Berichten vor allem um Handfeuerwaffen, aber es gibt Gerüchte – und er bezieht sich dabei auf Meldungen, die laut Palacios’ Nachrichtendienstlern aus zuverlässigen Quellen stammen –, dass zumindest schon einiges an schwererem Gerät vor Ort ist. Wir sind dem Grenzgebiet nahe genug, dass alle möglichen Leute hier unbemerkt ein und aus gehen können, und Palacios sagt, sie sei der Ansicht, die BFG habe Kontakt mit der ›Freiheits-Allianz‹ aufgenommen.«

Das brachte Kereku dazu, das Gesicht zu verziehen; die sogenannte Freiheits-Allianz war die hartnäckigste und gefährlichste interstellare Dachorganisation mit dem Ziel, planetare ›Befreiungsbewegungen‹ zu unterstützen, die das Imperium bislang kannte.

»Palacios kann nicht mit Sicherheit sagen, dass die Waffen wirklich von der Allianz stammen«, fuhr Obermeyer fort, »aber sie ist sich dennoch recht sicher. Und auch, dass weitere Waffenlieferungen schon vorbereitet sind. Und«, setzte sie noch tonloser hinzu, »zwischen den Zeilen kann man deutlich lesen, dass sich Palacios verdammt Sorgen darum macht, wie die lokalen Ämter und Behörden – sowohl die zivilen wie die vom Militär – beständig sämtliche Quellen missachten und ignorieren, auf die Palacios’ Leute zugreifen.«

»Verdammt.« Kereku spannte sichtlich die Kiefermuskeln an, dann schüttelte er den Kopf. »Was genau hat Ustanov eigentlich auf dem Planeten vor Ort? Und was davon kann er aus seinen eigenen Ressourcen für rasche Unterstützung abziehen?«

»Das«, gab Obermeyer zu, »weiß ich wirklich nicht. Zumindest nicht mit Sicherheit. Ich weiß, dass auf dem Planeten selbst ein Aufklärer-Bataillon steht. Das sind, von der Planetarmiliz abgesehen, die einzigen Leute, die wir im System vor Ort haben. Der Rest seines Regiments, das im Übrigen zumindest etwas unterbesetzt ist – sind die das nicht eigentlich immer? –, ist in Abteilungen von Bataillonsgröße aufgeteilt und sichert nicht nur Gyangtse, sondern auch Matterhorn und Sangamon. Damit hat er bestenfalls noch ein Bataillon in Reserve, und sein Hauptquartier befindet sich auf Matterhorn – das ist also mehr als eine Woche weit von Gyangtse entfernt. Was zusätzliche Unterstützung betrifft, so habe ich den Eindruck, dass die Navy selbst auf Gyangtse nur in sehr beschränktem Maße präsent ist, und die Planetarmiliz – vor allem deren Anführer – scheint weder ihm noch Palacios sonderlich viel Vertrauen einzuflößen. Und Ustanov wäre selbst dann ziemlich unterbesetzt, falls er versuchen müsste, den ganzen Planeten unter Kontrolle zu halten, falls irgendetwas so richtig schiefgeht, wenn er seine gesamten Truppen bereits auf Gyangtse vor Ort hätte und seine Bataillone Sollstärke aufwiesen.«

Kereku nickte. Ein vollständiges Regiment Marines, die zugehörigen Transport- und Artillerieeinheiten nicht eingerechnet, besaß eine Sollstärke von etwas mehr als viertausendzweihundert Mann. Die Sollstärke des zugehörigen Aufklärer-Bataillons hingegen lag bei unter eintausend. Das waren nicht gerade viele ›Leichen auf Urlaub‹ – selbst wenn man die hervorragende Ausbildung der Marines und deren erstklassige Ausrüstung berücksichtigte –, wenn der Auftrag darin bestand, einen ganzen Planeten mit einer Bevölkerung von fast zwei Milliarden zu sichern.

»Das Problem ist natürlich, ob wir überhaupt wollen, dass er seine Truppen verstärkt, oder eben nicht«, stellte der Sektorengouverneur fest. »Oder vielleicht wollen wir ihm lediglich genehmigen, seine Truppen umzugruppieren. Er könnte zumindest auch seine Reserve nach Gyangtse verlegen, wenn wir genau das in sein Ermessen stellen. Aber wenn wir noch mehr Truppen dorthin schicken, gehen wir das Risiko ein, die Einheimischen noch mehr aufzuscheuchen – vor allem die Hitzköpfe, die in uns schon jetzt eine Besatzungsmacht sehen. Das ist nicht gerade die beste Methode, die dazu anzuhalten, für die Eingliederung zu stimmen. Und schlimmer noch: Zusätzliche Truppen könnten Aubert noch selbstsicherer werden lassen, weil er dann das Gefühl hat, zusätzlich an Kraft gewonnen zu haben.«

»Aber wenn wir Palacios keine Verstärkung zukommen lassen und dann alles den Bach runtergeht, dann wird Ustanov mindestens zwei Wochen benötigen, um Palacios irgendeine Unterstützung zukommen zu lassen – und wir werden mindestens einen weiteren Monat brauchen, um Ustanov weitere Verstärkung zu schicken«, merkte Obermeyer an.

»Stimmt.« Kereku nickte und schürzte nachdenklich die Lippen. Mehrere Sekunden starrte er schweigend ins Leere, dann richtete er sich ruckartig in seinem Sessel auf, als habe er eine Entscheidung gefällt.

»Weitere Leichen auf Urlaub können wir nicht nach Gyangtse schicken«, sagte er. »Noch nicht. Aber ich möchte, dass drei Dinge erledigt werden.

Erstens möchte ich mich mit Erickson besprechen. Ich möchte, dass er einen Plan für eine umgehende Truppenverlagerung zurechtlegt, um Ustanov so schnell wie möglich Unterstützung zukommen lassen zu können, falls die Situation wirklich aus dem Ruder läuft. Ich möchte verschiedene Optionen sehen: Als Mindestmaßnahme möchte ich Pläne für die Entsendung zusätzlicher Truppen zur Friedenssicherung wissen – vielleicht ein weiteres Bataillon, dazu Luftunterstützung und dergleichen –, die sofort nach Gyangtse kommen sollen, um Palacios bei kleineren Zwischenfällen zur Hand zu gehen. Als Extremum möchte ich Pläne für eine groß angelegte Unterstützung sehen, um einem allgemeinen Guerilla-Angriff durch die BFG entgegenzuwirken, wobei es sehr gut möglich ist, dass die BFG auch noch mit der BAFA zusammenarbeitet.« Die BAFA – die Befreiungsarmee der Freiheits-Allianz – stellte die sogenannten ›Einsatztruppen‹ der Allianz, und ihre Mitglieder gehörten zu den erfahrensten Terroristen der Galaxis. »Aber erklären Sie Erickson, ich wünsche absolut nicht, dass die Information, wir zögen Truppenverstärkungen in Erwägung, nach draußen dringt. Und vor allem möchte ich nicht, dass Aubert oder Salgado irgendetwas davon erfahren, auch wenn Erickson Ustanov gerne in persönlichen, vertraulichen Meldungen darüber in Kenntnis setzen darf, was wir hier eigentlich planen.

Zweitens werden wir uns wohl, so denke ich, an das SternenKom setzen müssen, um Aubert bezüglich der Lage, in der er sich befindet, zu ›beraten‹. Ich werde noch darüber nachdenken müssen, was ich ihm sage und wie ich es ausdrücke, und ich möchte, dass auch Sie sich darüber ein paar Gedanken machen. Mit ihm möchte ich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden reden, um herauszufinden, ob wir nicht eine Möglichkeit finden können, ihn zumindest ein wenig auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen.

Drittens …« – Kerekus Miene verhärtete sich – »brauche ich einen Entwurf für ein offizielles Gesuch um Auberts Abberufung; der muss über SternenKom an das Ministerium gehen. Und ich möchte, dass das innerhalb der nächsten zwölf Stunden geschieht.«

»Eno, ich weiß, dass ich selbst gerade eben gesagt habe, wir müssen den irgendwie loswerden«, gab Obermeyer zurück, »aber er hat wirklich ein paar äußerst einflussreiche Freunde bei Hofe.«

»Auch ich habe Freunde, Pat, vor allem im Ministerium. Im Senat mag ich vielleicht nicht so viel Einfluss besitzen wie er, aber der Graf …« – Allen Malloy, Graf Stanhope, war der Minister für Außenweltbelange – »vertraut auf mein Urteilsvermögen. Außerdem kommt er unmittelbar an den Imperator heran, und er möchte ebenso wenig wie Sie oder ich, dass die Situation hier außer Kontrolle gerät.«

»Das weiß ich. Aber er – und auch der Imperator – müssen im Augenblick mit einer ganzen Menge Dinge auf einmal jonglieren. Sie haben sicherlich Recht, dass keiner von denen hier ein Blutbad erleben möchte, noch nicht einmal einen kleineren Aufstand, der vielleicht nur mittelmäßig blutig verläuft. Gott weiß, wie lange so etwas Gyangtses Eingliederung dann wieder aufschieben würde! Und damit sind noch nicht einmal die Menschen erwähnt, die bei so etwas verletzt werden oder sogar umkommen könnten. Aber die Dynamik, die man zu Hause auf Alterde wahrnimmt, wird nicht die gleiche sein, die wir hier auf Martensen mitbekommen. Es gibt schon einen Grund, warum die Aubert hierher geschickt hat, mitten ins Nichts, und genau dieser Grund könnte sie auch dazu bewegen, ihn weiterhin hier belassen zu wollen. Und wenn Sie seine Abberufung wirklich mit Nachdruck vorschlagen, werden Auberts Gönner davon höchstwahrscheinlich erfahren, ob der Imperator nun etwas in Ihrem Sinne unternimmt oder nicht.«

»Vielleicht. Und vielleicht liegt Gyangtse ja wirklich ›mitten im Nichts‹. Aber auf diesem Planeten befinden sich immer noch zwei Milliarden Menschen, er untersteht immer noch dem Imperium, und wir sind den Menschen hier draußen gegenüber in der Verantwortung. Ganz zu schweigen davon, dass die imperiale Politik bezüglich jeglichen separatistischen Bestrebungen der Liga nach wie vor absolut eindeutig ist und gewiss nicht erneut zu debattieren. Wenn wir Aubert nicht von hier fortschaffen, wird er eine Situation herbeiführen, bei der es dann in meiner Verantwortung liegt, genau das den Leuten auf Gyangtse zu verdeutlichen – und es wäre mir deutlich lieber, nicht in eine Situation gezwungen zu werden, in der ich mit Kanonen auf Spatzen schießen muss.«

»Jawohl, Sir«, gab Obermeyer leise zurück, und der Gouverneur nickte ihr zu.

»Gut. Sorgen Sie dafür, dass sich Erickson daran macht, die vorbereitenden Pläne zu erstellen. Dann rufen Sie sämtliche dienststelleninternen Memos über Aubert und Gyangtse ab, alles aus den letzten … na, sagen wir, aus dem ganzen letzten Jahr oder so. Bringen Sie die hierher, sobald Sie alles haben, und dann werden Sie und ich ein paar vergnügliche Stunden damit haben, alles nur Erdenkliche an Material zusammenzustellen, um deutlich belegen zu können, dass Aubert seinen Job ein für alle Mal loswerden muss.«

»… und Gouverneur Aubert hat uns nahegelegt, wir sollten uns doch bitte schön verpissen«, knurrte Namkha Pasang Pankarma.

Der Gründer und selbsternannte Anführer der Befreiungsfront von Gyangtse war noch nie dafür bekannt gewesen, dem Terranischen Imperium sonderlich freundlich gesinnt zu sein. Doch im Augenblick war seine sonst völlig teilnahmslose Miene zu einer Maske puren Zorns verzerrt. Ang Jangmu Thaktu, seine erfahrenste Ratgeberin, hatte diesen Gesichtsausdruck zwar schon deutlich häufiger gesehen als die meisten anderen seiner Anhänger, doch das machte sie auch nicht glücklicher, ihn gerade jetzt in dieser Stimmung erleben zu müssen.

»Namkha Pasang«, sagte sie, »das klingt mir nicht nach Auberts üblicher Wortwahl.« Ihr Tonfall und auch ihr ganzes Auftreten waren deutlich entschlossener, als jeder andere von Pankarmas Anhängern ihm gegenüber zu zeigen bereit gewesen wäre – vor allem, wenn er so wütend war wie in diesem Augenblick –, doch sie hielt seinem zornigen Blick in aller Ruhe stand.

»Ich weiß, dass er eine unerträgliche Nervensäge ist«, sprach sie weiter. »Der ist sogar noch schlimmer als die meisten Imps. Aber eines der Probleme, das ich schon immer mit ihm gehabt habe, ist, dass er sich aus jeglichen Problemen immer wortgewandt herauslaviert, statt sich einmal direkt damit zu befassen. Ich hatte schon immer den Verdacht, eigentlich lege er es darauf an, uns lange genug einfach reden zu lassen, um uns hinzuhalten, bis die Abstimmung über die Eingliederung schließlich stattgefunden hat. Entweder zieht er alles bewusst in die Länge, um genau das zu bewirken, oder er ist wirklich ein absoluter Vollidiot. Vielleicht auch beides zusammen. Aber wie dem auch sei, ich habe noch nie erlebt, dass er irgendetwas derart … direkt ausgedrückt hätte.«

»Das hat er zumindest gemeint, ganz egal, wie er es ausgedrückt hat!«, schoss Pankarma zurück.

»Das mag ja sein. Aber wenn wir von unseren Leuten erwarten, dass sie uns folgen, dann müssen wir sicherstellen, dass nichts, was wir ihnen über unsere Kontakte zu Aubert und seinen Leuten berichten, in irgendeiner Weise als übertrieben abgetan wird«, erklärte Thaktu mit fester Stimme. »Wir können seine Worte auslegen, wie immer wir wollen, aber wir müssen unseren Leuten den Originaltext zukommen lassen.«

Pankarmas Blick wurde noch zorniger, und seine Beraterin zuckte mit den Schultern.

»Früher oder später wird sowieso bekannt werden, was genau er gesagt hat – ich meine jetzt wirklich den ursprünglichen Wortlaut. Da ist es doch besser, wenn unsere Leute das von uns erfahren, als wenn sie anfangen, sich zu fragen, ob wir nicht vielleicht schon die ganze Zeit über einige Dinge … ausgeschmückt haben.«

»Also gut«, erwiderte Pankarma schließlich. Er atmete tief ein, dann stieß er die Atemluft lautstark wieder aus. »Also gut«, wiederholte er. »Du hast Recht. Das weiß ich auch. Aber mich kotzt seine scheinheilige, ach so zivilisierte, hochnäsige Art einfach an!«

»Namkha, der würde dich immer ›ankotzen‹, ganz egal, was für eine Art er an sich hätte«, gab Thaktu zurück, und nun lächelte sie. »Gib es doch zu. Du hast doch noch keinen Imp kennen gelernt, der dir nicht vom ersten Augenblick an unerträglich unsympathisch gewesen wäre.«

»Kann sein. Also gut …« Jetzt lachte Pankarma sogar leise. »Das ist wirklich so. Aber bei dem ist das etwas ganz Besonderes, sogar für einen Imp.« Der Anführer der Befreiungsfront schüttelte den Kopf. »Wie dem auch sei, er hat sich bereit erklärt, mit mir erneut über ›meine Position‹ zu diskutieren. Aber weiter wollte er nicht gehen. Er ist bereit, zu diskutieren, bis die Sonne zur Nova wird, aber er ist nicht bereit, auf eine einzige unserer Forderungen einzugehen. Der ist nicht einmal bereit, uns auch nur in irgendeiner Weise entgegenzukommen! Im Prinzip können wir reden, so viel wir wollen, aber letztendlich läuft es darauf hinaus, dass wir doch genau das tun, was er will.«

»Um gerecht zu sein – und das will ich nicht weniger als du –, hat er wahrscheinlich nicht allzu viel Handlungsspielraum«, merkte Thaktu an. »Die fundamentale Politik der Imps gegenüber Leuten wie uns ist schließlich bereits sehr fest etabliert.«

»Aber es hat immer Spielraum für einige lokale Anpassungen gegeben, Ang Jangmu«, widersprach Pankarma. »Er könnte die deutlich unangenehmeren Aspekte seiner eigenen Politik ändern, wenn er das wirklich wollte.«

»Wahrscheinlich«, gestand Thaktu ein. »Aber das Ministerium für Außenweltbelange müsste das immer noch billigen, und sei es auch nur, indem es einfach ein Auge zudrückt, und das wird das Ministerium nicht tun, solange der örtliche Gouverneur seinen Boss nicht davon überzeugt, dass er in absehbarer Zeit keineswegs durch Wahlen eine Zustimmung zur Eingliederung erhalten wird.«

»Ganz genau«, grollte Pankarma. »Das liegt an der Art, mit der die Imps die verblödeten Einheimischen bestechen wollen, beim nächsten Mal doch für die Eingliederung zu stimmen. Die Bewegung hat keinen anderen Zweck, als sie zu bewegen, stattdessen uns zu unterstützen.«

Thaktu nickte. Obwohl sie, die unter der Schirmherrschaft der BAFA eine Ausbildung auch auf anderen Planeten genossen hatte, die Erfahrenste unter allen BFG-Anführern war, war sie doch hinsichtlich einer Sache, die Pankarma fest annahm, ganz und gar nicht seiner Ansicht: Er glaubte, sie seien letztendlich in der Lage, das Terranische Imperium davon zu überzeugen, Gyangtse an sich würde schlichtweg zu viel Ärger machen, als dass es sich lohnen würde, um diesen Planeten zu kämpfen – und dann würden die Imps sich irgendwann einfach verziehen und den Planeten in Ruhe lassen. Was auch immer die Freiheits-Allianz letztendlich zu bewirken können glaubte: Genau das, wovon Pankarma ausging, würde niemals geschehen. Trotzdem könnten die BFG und ihre Anhänger der Eingliederung vielleicht so viel Widerstand entgegenbringen, dass sie wenigstens einige Zugeständnisse errängen und nicht sämtliche Traditionen und althergebrachten Freiheiten ihres Lebens einfach im unersättlichen Schlund des Imperiums verschwänden.

»Nach allem, was du bislang gesagt hast«, setzte Thaktu nach kurzem Schweigen den Gedanken fort, »hat Aubert recht deutlich ausgedrückt, dass er nicht bereit ist, auch nur ein Stück weit zurückzuweichen.«

»Ich denke, so kann man das ausdrücken, ja«, stimmte Pankarma zu, und er klang, als untertreibe er dabei maßlos. »Soweit ich das sehe, rechnet er damit, dass das Referendum über die Eingliederung dieses Mal in seinem Sinne verlaufen wird. Und das bedeutet, es besteht seines Erachtens nicht der Hauch einer Chance, dass wir unsere Unabhängigkeit zurückgewinnen. Und er hat verdammt noch mal keinerlei Grund, seine eigenen Herren darum zu bitten, uns größere lokale Autonomie zuzugestehen als einer Welt der Krone, wenn er glaubt, wir alle wären bereit, bei der Abstimmung brav zuzustimmen, in Zukunft als gehorsame kleine Sklaven auf einer eingegliederten Welt zu leben.«

»Naja«, sagte Thaktu, und ihre Miene wirkte nun deutlich grimmiger, »das heißt dann wohl, es wird Zeit, darüber zu entscheiden, wie weit zu gehen wir wirklich bereit sind, um ihn zu einem Umdenken zu bewegen, oder nicht?«

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