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Die Krieger des letzten Tages (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga 4)

Alfred Wallon, Marten Munsonius

Die Krieger des letzten Tages (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga 4)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

BEN CORRIGAN, die Endzeit-Serie

Band 4

Die Krieger des letzten Tages

von Alfred Wallon Marten Munsonius

ALTE RECHTSCHREIBUNG

Created by Alfred Wallon Marten Munsonius

Exposé Marten Munsonius

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

PROLOG

Kalt sei sein dunkles Herz! – sagten seine Feinde.

Und derer hat er einige vorzuweisen. Auf Deimos, auf jenem unwirtlichen Aussenposten, diesen kalten luftlosen Stein, der von einer trübe blinzelnden Sonne angestrahlt wird, die selbst nur wenig größer zu sein schien wie ein Kirschkern. Dort wo der letzte König von England sein Exil fristete, gab noch einige Hundert weiterer Menschen. Sie lebten in der Station - in der uralten - deren Gänge, Tunnels und Schächte, den atmosphärlosen Stein wie einen Schweizer Käse durchlöchern.

Der Mars hing in der matten Schwärze des Alls wie ein zyklopisches Auge über Daimos. Rotglühend und überzogen von Schattierungen, welche man auf der Erde vor Jahrhunderten fälschlicherweise für Marskanäle hielt.

Die schlanken Türme, die wie ausgestreckte Finger nach Mars griffen, waren seit ewigen Zeiten verwaist, niemand der mehr in ihnen lebte, oder arbeitete. Die wenigen Männer und Frauen auf diesem einsamen Aussenposten hatten sich tief ins Innere des Marsmondes zurückgezogen.

Es gab nicht viel zu überwachen.

Und hier lebte auch er. Er war ein dunkler Vasall des letzten Königs. Und er lebte ganz abgeschieden auf der anderen Seite des „Mondsplitters“ in einer aufgegebenen Station namens Dedlehäm, welche die ersten Siedler auf dem Weg zum Mars als vorgeschobenen Versorgungsposten genutzt hatten.

Versorgt von den MechTecs, die seit Jahrzehnten in und über Daimos wuselten, einem unbekannten, uralten Auftrag folgend, so als müssten sie die notwendigsten Einrichtungen für das Eintreffen einer Person oder einer Gruppe von Menschen gewährleisten.

Auf der anderen Seite von Daimos sprach man von den MechTecs abfällig nur von den Maden.

Die Technik hatte es schon vor vielen Jahren aufgegeben, die Kunstgeschöpfe abzuschalten, oder nach der Quelle zu suchen – einer kleinen KI oder einem dem verdammt nahe kommenden Programm, das die komplizierten Abläufe über die Jahrhunderte aufrecht hielt.

Die Maden ließen ihn in Ruhe – auch William, ein seltener Gast in Dedlehäm ging nur schweigend durch die alte Station. Der dunkle Vasall begleitete den letzten König von England in gebührenden Abstand. Schließlich hatte er einen Auftrag.

Er kannte seinen Namen nicht. Er wusste auch nicht, wie er hierher gekommen war. Da gab es Aufzeichnungen, fast zweihundert Jahre alt, und als er dem Geheimnis zu nahe kam, haben sie ihn bestraft.

Etwas hatte sich auf Daimos eingenistet. Kein Mensch würde es finden, keine Maschine und keine KI!

Wie er hierher gekommen war, konnte auch William nicht beantworten. Und kein Techniker auf der Station von der anderen Seite des kleinen Marsmondes.

Wann immer der König seiner Hilfe bedurfte – er war bei ihm, einem Schatten gleich. Selbst dafür hasste man ihn auf Daimos. Auf dem Mars traf man Entscheidungen – aber selbst dann sorgte eine geheimnisvolle Macht dafür, das er dem König treu zur Seite stehen konnte.

Der König hat bei einer seltenen Gelegenheit etwas Gesprächigkeit gezeigt.

Er behauptete, das auf Daimos sich Überlebende aus den Anfängen des Kosmos eingenistet hatten.

Unfassbare Entitäten, die auf der Durchreise waren, nur einen Moment verweilten... einen kosmischen Lidschlag lang, während sich die Erde viele Dutzend Male um die Sonne schwang. Und der König wollte wissen, ob auch er sie gespürt hatte.

Doch der Vasall schüttelte nur stumm den Kopf, während sich eine Gänsehaut über seinen bleichen Körper ausbreitete. Und seine Augen rollten unruhig und sein Mund öffnete sich, als würde er ein Fisch auf dem Trockenen sein, und gierig nach Luft schnappen.

Der Vasall des Königs schloss die Augen, hörte die Stimmen in seinem Kopf und die Stimme seines Königs direkt vor ihm: „ In meinen Träumen geben sie mir Zeichen. Ich sehe Formen und Farben... und manchmal ein Raunen, ein Flüstern... Du bist gezeichnet. Eine schwere Schuld die auf Dir lastet. Ein Auftrag...“

Dem Vasall des Königs fiel es schwerer und schwerer zu unterscheiden, was Realität war und was er sich nur einbildete.

Die künstliche Nacht fiel wie ein Leichentuch auf ihn herab, und obwohl in ihm seltsame Kräfte wohnten, die auch einen MechTec zerstörten, wenn er es wollte, konnte er sich nicht von den Stimmen in seinem Kopf befreien. Die Nacht wurde undurchdringlich und schien eine Ewigkeit zu überdauern.

Ein Gestank von Schlamm und Moder stieg in seine Nase. Er glaubte keine Luft mehr bekommen zu können. Seine Lungen füllten sich mit fauligen Wasser. Die Schwärze wich einem Grau, das die Nacht endlich ablöste und die Morgendämmerung andeutete.

Er wollte wegrennen, als würde ihm das Luft für seine gepeinigten Lungen verschaffen, und seine Füße fühlten einen zähen Widerstand unter sich.

Das Leichentuch aus Schwarz und Grau wurde von seinem Gesicht gezogen und mit ihm verflüchtigte sich seine schwere Atemnot. Nur das Gefühl warmen Wassers an seinen Hosenbeinen blieb. Er schaute nach unten. Seine Hosen waren tatsächlich naß. Er stand knietief im Wasser. Er schaute nach vorn. Und in der Dämmerung sah er nichts weiter als nur Wasser. Er drehte den Kopf, drehte sich um die Achse und überall war Wasser, träge, an seinen Beinen schwappendes warmes Wasser. Winzige Wellen. Bis zum Horizont, wo das Meer sich mit dem düsteren Himmel vereinigte.

Er legte den Kopf in den Nacken. Doch so angestrengt er auch schaute, auch der Himmel war eine einzige breiige graue Masse und unterschied sich nicht wesentlich von dem Wasser an seinen Beinen. Der Vasall des Königs hatte keine Ahnung wie er hierher gekommen war. Einen Moment zog er es in Erwähnung, das er in eine Falle der Techniker gelaufen war, die ihn am liebsten von Daimos verbannt sahen. Nur loswerden, den Leichenhaften, wie sie ihn hinter seinem Rücken nannten. Er gehörte nicht zur Truppe und war nur geduldet, weil William seine Hand schützend über ihn hielt. Doch das war nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit war er ein Diener von den Entitäten, von denen es hieß, das sie Wesen der zweiten Ordnung waren. Und sie hatten ihm unmissverständlich klargemacht, das er einen gefährlichen Auftrag auszuführen hatte.

Der Vasall des Königs war irritiert. Sollte dies der Auftrag sein, und wo war er hier. Und was war das Ziel seines Auftrages?

Er horchte in sich hinein. Doch in seinem Kopf gab es viele blinde Flecken. Was seinen Namen betraf. Seine Vergangenheit. Wie er nach Daimos gekommen war. Schwarze Flecken auf der Seele. Vielleicht hatten seine Widersacher auf der Station recht ...

Doch die Entitäten von Jenseits der Sterne versprachen Heilung – aber nicht ohne Gegenleistung. Ein treuer Vasall, ein erfolgreich zu Ende geführter Auftrag.

Der Leichenhafte musste lächeln. Seine bleiche Haut spannte sich wie Pergament über die Knochen in seinem Gesicht. Bläuliche Adern zeichneten sich ab. Das lange schwarze Haar schien einen Totenschädel zu umrahmen.

Er würde jeden Auftrag für William erfüllen, und für jene heimlichen Herren die Daimos beherbergte. Jeden Auftrag, egal welcher Art. Wenn er nur seinen Frieden fand, und das Wissen um seine Vergangenheit.

Voller Zuversicht stapfte er durch das flache Wasser. Eine Zuversicht die wie eine Flamme in ihm brannte, und auch Stunden später nicht erlosch, als er das erste Mal stehen blieb. Aus der Dunkelheit schälte sich ein flacher Felsen. Er setzte sich. Der Stein war warm, wie das Wasser, wie die Luft um ihn herum.

Er legte sich hin und bettete seinen linken Arm unter seinem Kopf. Seine Lider senkten sich flackernd. Fast sofort war er eingeschlafen; eine knochendürre, bleiche Gestalt und die Dämmerung wurde zur Finsternis und schien den Mann der auf Daimos nur der Leichenhafte hieß, in seine Arme nehmen zu wollen.

*

Später erwachte er aus einem traumlosen Schlaf. Seine linke Seite fühlte sich taub an, als hätte man ihm im Schlaf heimgesucht und etwas in seinen Körper gespritzt. Ein paar Momente bevor sein Bewusstsein sich aus den Labyrinthen seiner tieferen Gehirnwindungen an die Oberfläche vorangekämpft hatte, glaubte er – schon halbwach – Stimmen zu hören. Er schlug die Augen auf , rutschte wegen der tauben linken Seite, von dem Felsen ins flache Wasser und bemühte sich festzustellen, woher die Stimmen gekommen waren.

Doch ringsum nur Wasser, einige Felsen und eine graue, unwirkliche Dämmerung, welche das Meer und den Himmel miteinander vermischte.

„ Ist da irgendjemand?“

Seine linke Seite kribbelte, als würde erst jetzt das Blut durch seinen Brustkorb über die Schulter in seinen sehnigen linken Arm fließen - wie ein Zaubertrank - und ihn wieder vollständig zum Leben erwecken.

„Kann mich hier jemand hören“.

Der Leichenhafte umrundete den Felsen, auf den er geschlafen hatte, doch überall sah es gleich aus. Ein trostloses Grau das Himmel und Meer verschlingen wollte .

„Warum antwortet mir niemand“.

Seine Stimme wurde immer leiser und das letzte Wort dehnte er so aus, das es sich anhörte als spräche er einem Kleinkind die Buchstaben einzeln vor.

Seine rechte Hand tauchte in das warme Wasser und berühre den Boden, der sich anfühlte wie Teig. Er packte fester zu. Er zog und zerrte, aber der „Teig“ leistete Wiederstand. Schließlich gab er auf.

Wahrscheinlich hatte er die Stimme nur geträumt, eine Botschaft seines Unterbewusstseins. Damit die Einsamkeit und die graue Leere um ihn erträglicher wurden.

Schön, dachte er bei sich, und rieb die feuchte Hand über seine Stirn. Nicht nur das ich meinen Namen nicht mehr weiß, noch meine genaue Herkunft kenne, oder den Auftrag den ich ausführen soll, ich brauche auch noch Unterstützung aus meinen Kopf, um diese unwirkliche Welt zu ertragen. Er fragte sich, ob es auf Daimos einen solchen Ort gegeben hatte, war sich aber gleich sicher, noch niemals vorher hier gewesen zu sein.

Er beschloss endlich weiter zu gehen. Und während er durch die trübe Dämmerung durch warmes Wasser schritt fiel ihm ein Wort ein, das er beim Erwachen zu hören geglaubt hatte.

Es klang so ähnlich wie „Nort“ – aber was es damit auf sich hatte, oder was es bezeichnete, blieb ihm verborgen.

Einen weiteren Schritt schaffte er noch. Dann riss ihn wuchtiger Stoß von den Beinen, und er wurde herumgewirbelt. Der Himmel veränderte sich. Er wurde rotglühend, und ein Schwall heißer Luft kam von vorn, wie aus einem Backofen den man bei 250 Grad öffnet.

Gleichzeitig zitterte der Boden und Fontänen von Wasser spritzten um ihn herum – grauweiße Gischt – und dann presste ihn die Druckwelle einer unsichtbaren Explosion in die schäumende See. Als er aus dem aufgewühlten Wasser wieder auftauchte, sah er das der Himmel wieder dunkler wurde. Es sah aus, als würde das rote Glühen ausradiert. Bis auf einen Spalt, der sich wie Schlitz in einem Tuch von der einen Seite des Himmels quer zum Horizont hinzog, ehe er in der unergründlichen Ferne mit der Dämmerung des flachen Meers verschmolz.

Der Leichenhafte legte den Kopf in den Nacken. Sein Herz schlug wie wild gegen seinen Brustkorb. Drei, vier kräftige Atemzüge bis er glaubte, genug Sauerstoff durch seine Adern gepresst zu haben. Das tosende Heulen des Windes lies nach, und seine nasse Kleidung klebte schwer an seinem dürren Körper. Trotzdem fror er nicht, denn der Wind war genauso warm gewesen, wie das Wasser und die Luft. Er konnte sich dieses Phänomen nicht erklären. Als es ihn vorhin von den Beinen gerissen hatte, schien die Luft zu kochen. Doch der heiße Wind war einfach verschwunden – selbst die Felsnadeln in seiner Umgebung hatten auf die plötzliche Temperaturveränderung nicht reagiert. ( Als hätte er es mit eine gigantischen, lebendigen Organismus zu tun, dachte er, und kam der Wahrheit ziemlich nahe... )

Direkt über ihn schien der Streifen am Himmel am breitesten zu sein, und ein unerträglich sonnenhelles Licht sickerte daraus hervor.

Wie aus einer offenen Wunde dachte der dunkle Vasall. Ein letzter Windstoß, der an seinen Sachen zerrte und auf seinem Rücken eine Gänsehaut erzeugte. Das flache Meer beruhigte sich. Er glaubte zu hören wie das dumpfe Grollen leiser wurde.

Nur über ihn am Riß selbst wollte das helle Fauchen kochender Luft nicht aufhören. Aber der Spalt am Himmel wurde schmaler. Das helle Licht erlosch und der Wind erstarb plötzlich und eine merkwürdige Stille war um ihn herum.

Er hatte den Eindruck, das einzige Lebewesen in dieser Landschaft zu sein. Keine Fische im Wasser, keine Vögel in der Luft, selbst bei den Steinen war das Wasser klar und ohne Ablagerungen oder Algen.

Der Leichenhafte blieb bei einer Felsformation aus mehreren dünnen, hoch aus dem Wasser aufragenden Steinen stehen, als würde ihm das Schutz bieten, wenn die Elemente am Himmel in Aufruhr waren. Er wartete ab. Und irgendwann war der Spalt verschwunden – wie ausgelöscht. Ein mattes Nachglühen, Rot und schließlich Purpur. Die letzten Farbtupfen verblassten. Schließlich war der Himmel so Grau wie vor der Explosion, so, als wäre gar nichts geschehen. Der Vasall des letzten Königs dachte über das Geschehen nach, aber fand keine Lösung die ihn befriedigte.

Er schlief im sitzen ein, und als er erwachte war es immer noch dämmerig. Er war sich jetzt sicher, das es keinen Tag geben würde, nicht heute und nicht morgen, wann immer dieses morgen auch sein mochte. Er war dazu verdammt in der Dämmerung zu laufen, wie er vielleicht schon früher gelaufen war, doch die Erinnerung an dies früher wollte sich einfach nicht einstellen. Er hatte immer nur das Gefühl, das ihn an seiner Seite etwas fehlte.

Er ging weiter. Vorbei an zackigen Felsen, die wie drohend erhobene Finger aus dem dunklen Wasser mahnten. Er ging weiter und die Wasserwüste dehnte sich endlos, vor ihm und hinter ihm. Bald hatte er seinen Rhythmus gefunden. Er lief im warmen Wasser. Ruhte sich aus. Lief weiter. Ruhte sich aus, lief weiter bis ein Felsen kam, der zum schlafen geeignet war, und später erwachte er ausgeruht aber nicht hungrig und nicht durstig und dann ging er einfach weiter und weiter, immer in Richtung Horizont, der niemals näher kam.

Nur eines störte ihn: Ob die Zeit verging, das konnte er nicht feststellen, denn der Himmel zeigte nie die Sterne noch ein verändertes Gesicht an dem er einen Tagesablauf feststellen konnte.

Er würde einfach nur wandern, des Grau in Grau mit dem Himmel vermischten Umrisses des Horizontes folgen. Und das machte ihm Angst. Ein namenloser Fremder unter einem namenlosen fremdartigen Himmel. Und er ging immer weiter. Vorbei an Felsformationen, die nicht natürlich aussahen, in eine Wüste aus flachem Wasser, die endlos war.

Eines Tages blieb er einfach stehen. Wie kann ich nur meinen Auftrag erfüllen, von dem ich nicht einmal genau weiß, wie er lautet, dachte er noch einmal. Und wer bin ich? Ist das die Hölle? Bin ich gefangen in einer endlosen Schleife, aus Dunkelheit und Wasser und Felsen?

Seine Füße knickten ein.

Das Wasser platschte träge gegen seinen Körper.

Er ließ sich ein Stück nach vorn fallen. Seine geballten Fäuste berührten unter Wasser einen gummiartigen Boden. Sein langes schwarzes Haar fiel nach vorn. In der Dämmerung konnte er auf dem ruhigen Wasser genau sein Gesicht sehen. Sein Mund öffnete sich.

Und dann fing er an zu schreien. Lauter und lauter und er hoffte, das er die Kraft dazu hatte nie aufzuhören ... bis ein Blitz als Antwort über den Himmel zog und von überall her leises Stimmengemurmel erklang.

Er schloss geblendet die Augen. Tränen rannen über sein Gesicht. Ein schauriger Gestank breitete sich aus, nahm ihn den Atem, und etwas außerordentlich Schweres platschte auf seinen Brust. Er hatte plötzlich das Gefühl nackt zu sein. Das Ding auf seiner Brust umschlang seinen Körper mit wuseligen Fingern, die sich warm anfühlten und kräftig zupackten. Er versuchte sich zu wehren, doch das Ding mit den vielen Fingern hatte ihn vollständig umschlossen. Als er schreien wollte, drangen die Tentakel in seinen Mund und begannen sofort mit ihrer Arbeit und selbst in seinen geblendeten, weit aufgerissenen Augen spürte er dünne Fäden. Als der Leichenhafte merkte, das dass Ding auf seiner Brust ihn nicht töten wollte, beruhigte er sich und verhielt sich abwartend.

Die Welt hatte sich verändert. Er hörte Stimmen aus weiter Ferne und spürte eine frische Brise. Die Luft war plötzlich voller ungewohnter Gerüche. Er glaubte den Duft von Zimt bemerkt zu haben, aber dann wurde er sofort überlagert von etwas anderem. Einem Geruch der ihn an eine Lehmgrube erinnerte, und weiter an Sand wie in einer ungeheuren Wüste, trocken und staubig. Der Klumpen auf seiner Brust schien zu schrumpfen. Die Tentakel zogen sich zurück, seine Ohren waren wieder frei und wenn er mit den Augen blinzelte, konnte er schemenhafte Flecken von hell und dunkel unterscheiden. Auch aus seinem Mund krochen die Fäden, ebenso aus seiner Nase und einige besonders dünne Exemplare kamen wieder aus seinen Muskeln an den Armen und Beinen. Der Vasall des Königs hatte das gar nicht bemerkt. Dafür spürte er eine Bewegung an seinem rechten Knie. Seine inzwischen wieder freie rechte Hand ertastete eine Hundeschnauze.

Er strich dem Tier über den Rücken. Unter dem Fell ertastete er die feinen Strings des Exoskeletts - kaum wahrnehmbare Erhebungen unter dem kurzen Fell, die dafür sorgten, das dass Muskelgewebe optimal versorgt und stimuliert wurde. Der Windhund begann zu knurren. Gleich darauf spürte auch der Leichenhafte die Gefahr.

Er streckte die Arme aus, und zog sich an den Rändern einer Art Wanne hoch in die aufrechte Position. Er fühlte wie das Leben wieder in ihm zurückströmte. Die Kräfte, deren er sich seit Jahrzehnten bediente. „Greyhound“ hieß das modifizierte Tier von Deimos - ein uralter Name aus der Zeit als die Menschheit sich noch nicht über die Planeten ausgedehnt hatte. Wofür er allerdings wirklich stand, hatte der Leichenhafte nie herausgefunden, aber er klang gut – und nur das war dem Herren des Windhunds wichtig.

Als er das Tier wieder berührte, konnte er durch dessen Augen sehen. Es war ein schönes Gefühl, denn die manipulierten Augen sahen erheblich besser, als es ein Mensch je würde tun können, und die Ohren hörten Geräusche die dem Vasall des Königs für immer verborgen geblieben wären.

Es waren vier Leute, die auf die Kapsel mit der Überlebenseinheit zukamen. Kein Traum. Einige Blockaden in seinem Kopf waren aufgehoben. Er kannte seinen Auftrag und er wusste, das er in einem winzigen FLAKstar von Daimos zur Erde geschossen worden ist.

Nur er und der modifizierte Windhund, eingeschlossen in einem Überlebenstank, der beide ruhig hielt und in Träumen, umgeben von Flüssigkeit deren Zusammensetzung er nicht kannte, die sie beide aber schützte, vor der unglaublichen Geschwindigkeit und der Strahlung der Antriebsmotoren, die keine zehn Meter hinter seinem Tank begannen. Kugelförmig um das Heck verteilte Quader aus verdichteten Kohlenwasserstoff, ein Netzknäuel aus exotischen Fasern, die nur auf den Asteroiden gewonnen wurde und die eigentliche Antriebseinheit die sich in einer halbkugelförmigen Schale etwa 15 Meter hinter dem Heck fest verankert im freien Raum stehend befand. Der Schiffskörper selbst maß in seiner vollen Länge bis zum Bug keine 12 Meter, und nur dort wo sich der Tank befand, betrug sein Durchmesser mehr als 3 Meter.

In der Atmosphäre hatte die Automatik den Antrieb aus dem Schlepptau gelöst. Die halbkugelförmige Schale verglühte in der Atmosphäre –winzige Steuerdüsen übernahmen mit einem konventionellen Antrieb die Landung. Die Wiederbelebung des Leichenhaften und Greyhounds war erfolgreich verlaufen.

Ausserhalb des Tanks war es Dunkel, bis auf einen schmalen Spalt hinter ihm, durch den ein dünner Lichtstrahl auf den Boden sickerte . Durch den Aufprall waren einige Instrumente aus ihren Verankerungen gerissen und blockierten die Einmannschleuse.

Auch ohne den Hund konnte der Vasall die Stimmen der Männer nun deutlich hören. Es schabte und kratzte an der Schiffsaussenfläche. Sie versuchten die Tür zu öffnen.

Greyhound verhielt sich abwartend. Er schaute zu seinem Herrn auf. In seinem Schädel waren verschiedene Implantate untergebracht. Ein leistungsfähiger Mikrochip arbeitete vermutlich gerade die erfolgversprechendsten Angriffsstrategien aus.

Künstliche Neurotransmitter aktivierten Drüsen unter dem Titanstahlgebiss, die sofort gezielt Gift absonderten, wenn der Windhund seine Beute erst gebissen hatte.

Greyhound entfernte sich von seinem Herren. Sie würden die Eindringlinge von zwei Seiten überraschen.

Die Schleuse öffnete sich. Eine lange, dürre Gestalt zeichnete sich wie Scherenschnitt vor der grellen Sandwüste hinter ihm ab. Dahinter waren weitere Männer, aber was den Vasall des Königs, wie auch seinen Windhund überraschte, waren die Tiere, die mit mächtige Sätzen in das winzige Schiff eindrangen. Doch die Verblüffung war auf beiden Seiten gleich groß.

Warum hatte Greyhound die Witterung der anderen Hunde nicht aufgenommen?

Es gab nur eine Lösungsmöglichkeit. Die schlanken Tiere aus der Wüste waren genauso modifiziert wie sein eigener Windhund... und das bedeutete, er war an sein Ziel angekommen.

Die Reise von Daimos zur Erde war geglückt.

Kapitel 1

Das Erwachen

Moonstone fühlte, daß sich in ihrer unmittelbaren Umgebung irgend etwas verändert hatte - aber noch konnte sie nicht sagen, was das war. Im Moment hatte sie ohnehin große Mühe, klar zu sehen und so wenigstens erkennen zu können, was eigentlich in den letzten Minuten ( oder waren es gar Stunden oder Tage? ) geschehen war.

Als sie die Augen zum ersten Mal öffnete, mußte sie diese sofort wieder schließen, weil die gleißende Helligkeit sehr schmerzte. Tränen rollten über ihre Wangen. Nur ganz langsam konnte sie sich an das intensive Licht gewöhnen. Sie blinzelte, bis sie die Tränen vertrieben hatte und mehr Details wahrnehmen konnte.

Ein leises Knistern durchfuhr ihre Haarspitzen - als wenn ein lauer Windhauch dicht an ihr vorbei strich. Aber hier war kein Wind. Nicht in dieser zwar durchsichtigen, aber dennoch hermetisch abgeriegelten Kabine. Oder was immer diese Technik auch sonst darstellen mochte.

Die Frau mit den silbernen Haaren, welches in Streßsituationen wie dieser manchmal ein Eigenleben entwickelten, wußte es nicht. Vielleicht hätte Corrigan darauf eine Antwort gewußt. Aber der dunkelhäutige Mann, mit dem Moonstone auf fast schon schicksalhaft zu nennende Weise zusammengetroffen war, rührte sich nicht. Nur seine Brust hob und senkte sich schwach - ein Zeichen dafür, daß er lebte und diese Reise halbwegs ohne größeren Schaden überstanden hatte. Zumindest sah das so aus.

Moonstone kroch zu Corrigan hinüber und beugte sich über ihn. Ihre Hand berührte die Wange des Bewußtlosen und stellte fest, daß Corrigans Gesicht heiß war - und von feinen Schweißperlen überzogen. Sie zog die Hand nicht zurück. Sein Unterbewußtsein sollte die Möglichkeit haben, die Nähe einer anderen, vertrauten Person zu spüren.

Sie hörte ihn leise stöhnen und bemerkte, wie sein Körper kurz zu zucken begann. Er schien zu träumen - sehr tief und intensiv.

"Wach auf, Corrigan", sagte sie zu ihm und rüttelte ihn sanft an der Schulter. Aber er reagierte nicht darauf. Selbst als sie den Griff verstärkte, erwachte Corrigan nicht. Als wenn irgend jemand oder irgend etwas nicht damit einverstanden war, daß Corrigan jetzt und hier aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte!

Ein leiser Fluch kam über ihre Lippen, als sie ihre Bemühungen aufgab und sich wieder erhob. Sie war sich nicht sicher, wie sie Corrigan weiter helfen konnte - also inspizierte sie statt dessen ihre nähere Umgebung. Daß sie sich nicht mehr in den Gängen und Schächten nahe der SPERRZONE von Starfox-City befand, ahnte sie bereits. Denn der Raum, der jetzt durch das transparente Portal zu sehen war, wirkte klinisch sauber ( zumindest aus diesem Blickwinkel ) und irgendwie...verlassen.

Noch zögerte Moonstone. Was sollte sie tun? Sie drehte sich zu Corrigan um und schaute noch einmal auf ihn herab. Dann stand ihr Entschluß aber fest.

"Ich werde gehen, ohne dich - N-MILLIPEDE wartet...", flüsterte sie. Denn die Erinnerung an die kurze Begegnung mit dem MEGA-TEC und die verpasste Chance waren noch sehr gegenwärtig. Und irgendwie spürte sie, daß sie eine Antwort auf alle anderen Fragen jenseits dieses Hallenkomplexes erhalten könnte.

Während Corrigan im Unterbewußtsein leise stöhnte, trat Moonstone einige Schritte nach vorn - genau auf das schimmernde Portal zu, das in einem für sie sehr unwirklichen Licht erstrahlte. Moonstone wußte, daß es auf dieser Welt noch einiges an Geheimnissen zu entdecken gab - und wahrscheinlich war sie einem von ihnen jetzt sehr nahe.

Vielleicht hätte Corrigan eine Antwort parat gehabt - aber zumindest jetzt und hier war er dazu nicht in der Lage. Moonstone blieb also nichts anderes übrig, als selbst die Initiative zu ergreifen. Sie holte tief Luft und redete sich ein, daß sie schon viel schlimmere Dinge hatte durchmachen müssen - und dann trat sie durch das Portal. Für Bruchteile von Sekunden wurde sie von einer alles überlagernden Helligkeit eingehüllt. Danach erreichte sie die andere Seite.

Moonstones Herz pochte wild, als ihre feinen Sinne plötzlich registrierten, daß die Luft auf einmal sehr schwül und feucht wurde. Als wenn sie von einer Sekunde zur anderen plötzlich ein anderes Land mit einem sehr gewöhnungsbedürftigen Klima betreten hatte - und genau so empfand sie das auch.

Sie schwitzte und atmete unwillkürlich heftiger. Aber dieses kurze Gefühl der Panik legte sich dann wieder. Tapfer ging sie einige Schritte weiter und erkannte jetzt erst, daß dieses Gebäude schon vor sehr langer Zeit verlassen worden sein mußte. Feiner, weißlicher Staub lag überall auf dem Boden, und Moonstone konnte ihre eigenen Fußabdrücke ganz deutlich sehen.

Von weitem hörte sie Geräusche, die sie noch nicht zuordnen konnte. Deshalb blieb sie kurz stehen, hielt den Atem an und lauschte erneut. Aber jetzt war wieder alles still.

Ich fange schon an, Gespenster zu sehen, dachte sie. Ich wünschte, Corrigan wäre jetzt an meiner Seite. Vielleicht wüßte er, was...

Ihre Gedanken brachen erneut ab, als sie wieder ein Geräusch hörte. Das rasche Tappen von Fußsohlen - irgendwo rechts von ihr. Sofort schaute sie in die betreffende Richtung. Aber alles was sie sah, war verrottetes Metall und Gitterkäfige, über deren einstige Bedeutung sie nur vage Mutmaßungen anstellen konnte.

Jetzt nahm sie die Laserwaffe hoch und hielt sie schußbereit. Schließlich mußte sie damit rechnen, daß eine weitere Begegnung mit dem MEGA-TEC unmittelbar bevorstand. Und wenn dieser Augenblick kam, dann wollte sie darauf vorbereitet sein.

Wenn sie anfangs noch geglaubt hatte, daß dieser Ort noch nicht vom Zahn der Zeit in Mitleidenschaft gezogen worden war, so sah sie sich mit jeder weiteren Minute eines Besseren belehrt. Moonstone kam es vor, als sei sie nach Äonen jetzt der erste Mensch, der diesen Ort betrat ( falls sich dieser überhaupt noch auf dieser Welt befand - geschweige denn in ihrer Zeit... )

Wieder hörte sie ein deutliches Rascheln - diesmal kam es von einer anderen Seite! Moonstone verfluchte den Moment, daß sie nicht bei Corrigan geblieben war und sich statt dessen dafür entschieden hatte, auf eigene Faust nach N-MILLIPEDE zu suchen. Aber der Drang tief in ihrem Inneren, endlich vollständig zu sein, war so stark gewesen, daß sie gar nicht anders hatte handeln können.

Im selben Moment erkannte sie eine huschende Bewegung, und Bruchteile von Sekunden später prallte ein Körper mit heftiger Wucht gegen sie. Instinktiv versuchte Moonstone noch den Auslöser ihrer Waffe zu betätigen, aber der Angriff kam zu plötzlich. Eine schwielige Faust riß ihr die Waffe aus den Händen, während sie hart zu Boden stürzte.

Moonstone stöhnte, als sie hart aufprallte. Geistesgegenwärtig wollte sie sich abrollen und sich dem Zugriff des unbekannten Gegners entziehen. Aber auch das schaffte sie nicht mehr. Als sie sich umdrehte, blickte sie in ein bleiches Gesicht mit rötlichen Augen, das unter einer Kapuze hervor schaute und sie mit einer Mischung aus Verachtung und Haß musterte.

Dann erhielt sie einen zweiten Schlag, der ihr Bewußtsein auslöschte. Moonstones Kopf fiel zur Seite, und die Flut der silbernen Haare entwickelte für Bruchteile von Sekunden noch eine leichte Bewegung, Aber das registrierte die bleiche Gestalt nicht. Sie erhob sich rasch und schaute hinüber zu den Gitterkäfigen, wo jetzt weitere Gestalten auftauchten, die alle die gleichen Kapuzengewänder trugen.

Keiner von ihnen sprach etwas. Sie handelten rasch, als vier von ihnen nach Moonstone griffen und sie dann rasch hochnahmen. Auch wenn die androgyne Frau viel größer war als die schweigenden Gestalten, so gelang es diesen doch, Moonstone ohne großen Kraftaufwand wegzutragen.

Drei von den Gestalten hatten zusätzlich den Eingang zu diesem alten Gebäudekomplex gesichert. Als wenn sie sicher gehen wollten, daß sie bei ihrem Vorhaben auch nicht gestört wurden. Aber sie hatten Glück. Niemand stellte sich ihnen in den Weg ( obwohl dies alles andere als selbstverständlich war - denn wer in den Fiebersümpfen lebte, mußte jeden Tag aufs neue ums Überleben kämpfen ).

Nur wenige Minuten später hatten die Gestalten die Hallen hinter sich gelassen und freies Gelände erreicht. Sie verschwanden mit der bewußtlosen Moonstone jenseits einiger bizarrer Bäume, deren weit ausladende Äste teilweise bis in die allgegenwärtige schmutzig-braune Wasseroberfläche reichten. Trotzdem gab es Pfade, die sicher waren - und nur wer diese kannte, der konnte sich in dieser Alptraumlandschaft ohne selbst in Gefahr zu geraten, zurechtfinden...


*


Er lächelte, als er über die Bildschirme beobachtete, wie die Nachtbehausten Moonstone entführten. Seine Augen blieben jedoch kalt und registrierten jede noch so winzige Kleinigkeit. Natürlich wäre es ein Leichtes für ihn gewesen, die Bankfazies auf die Eindringlinge zu hetzen. Die Geschöpfe, die den MEGA-TEC als Gottheit verehrten und die Ruinen um den einstigen Hallenkomplex bewohnten, hätten die Eindringlinge ganz sicher im Nu überwältigt und ihnen den Garaus gemacht.

Aber das wollte der MEGA-TEC nicht. Statt dessen betrachtete er das weitere Vorgehen der Kapuzengestalten als Auftakt zu einem sehr interessanten Spiel. Ein Spiel, dessen Regeln er allerdings bestimmte. Und deshalb hielt er es für eine sehr gute Idee, wenn Corrigan und Moonstone voneinander getrennt wurden. Auf diese Weise waren sie schwach und verwundbar.

Natürlich hätte der MEGA-TEC seine beiden Verfolger schon töten können, als ihm der Computer ihre Ankunft signalisiert hatte. Aber mittlerweile war es für ihn schon fast eine Genugtuung, mit anzusehen, wie groß die Hartnäckigkeit des dunkelhäutigen Mannes und seiner neuen Gefährtin war. Und dabei waren sie doch nichts anderes als Verlorene, die dieses Spiel niemals gewinnen konnten. Sie besaßen zu keinem Zeitpunkt den Hauch einer Chance - und dessen würden sie sich schon sehr bald bewußt sein.

Der MEGA-TEC zollte Moonstones Hartnäckigkeit trotzdem Respekt. Sie hatte einen langen Weg zurückgelegt, um das letzte Geheimnis lüften zu können. Fast hätte sie N-MILLIPEDE in den Händen gehabt - aber das Schicksal hatte dafür gesorgt, daß nichts daraus wurde.

Moonstone war schon etwas Besonderes - was für ein Potential hätte man aus ihr machen können, wenn sie sich gefügt hätte! Aber sie hatte ihm niemals Dank dafür gezeigt, daß er sie zu dem gemacht hatte, was sie jetzt darstellte. Im Gegenteil! Moonstone haßte den MEGA-TEC und würde nicht ruhen, bis sie den Chip an sich genommen und den Gegner vernichtet hatte. Von dieser Absicht war sie jetzt jedoch weiter entfernt als jemals zuvor...

Das Wesen in dem computergesteuerten wuchtigen Stuhl, der einmal ein brillanter Wissenschaftler gewesen war, beschloß, keinen weiteren Gedanken mehr an Moonstone zu verschwenden. Die Nachtbehausten würden schon dafür sorgen, daß seine Gegnerin keine Gefahr mehr für ihn darstellte. Statt dessen würde er sich jetzt voll und ganz Corrigan widmen, der weitaus gefährlicher war als eine - im Grunde genommen - unbedeutende Frau, die förmlich danach fieberte, ihr Exoskelett zu vervollständigen.

Er steuerte die Computeroptik wieder zurück in die Ankunftshalle und war erleichtert, als er feststellte, daß Corrigan immer noch nicht erwacht war. Nach wie vor bewegte er sich nicht - aber das würde nicht mehr lange dauern. Jeder, der diese Art des Transportes zum ersten Mal hinter sich brachte, zeigte solche Symptome...


*


Er spürte ein entsetzliches Hämmern im Schädel, das ihn laut stöhnen ließ, während sein Bewußtsein immer noch an der Grenze zwischen wahnwitzigen Alpträumen und Erwachen aus einem totenähnlichen Schlaf schwebte. Ein Zustand, der ihn mit verwirrenden Bildern konfrontierte, die ihn einerseits quälten und gleichzeitig auch ein Spiegelbild seiner zerrissenen Seele darstellten - sofern man dies überhaupt mit Worten beschreiben konnte.

In seinem Magen bildete sich ein unangenehm drückendes Gefühl, das schließlich so stark wurde, daß sich ein säuerlicher Geschmack in der Mundhöhle bildete, der ihm Übelkeit verursachte. Und als Ben Corrigan schließlich die Augen öffnete und die gleißende Helligkeit sah, die buchstäblich von allen Seiten auf ihn einströmte, mußte er sich plötzlich heftig übergeben.

Für Sekunden krümmte er sich, während sich sein Mageninhalt leerte und auf dem klinisch sauberen Boden häßliche Spuren hinterließ. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, und Corrigans Hand zitterte heftig, als er die feinen Tröpfchen wegzuwischen versuchte. Es roch intensiv nach seinem säuerlichen Erbrochenem.

Er fühlte sich so schwach wie ein neugeborenes Kind - und völlig hilflos noch dazu, denn die Erinnerung an die letzten Stunden wollte sich nur bruchstückhaft einstellen. Mühsam hob er den Kopf und ignorierte dabei den penetranten Geruch seines Mageninhaltes. Er sah die gleißenden Lichter an der kuppelähnlichen Decke, die so intensiv waren, daß er diese Helligkeit nicht länger ertragen konnte und rasch wieder seine Blicke abwand.

Dann versuchte er sich zu erheben - was ihm aber nicht gleich beim ersten Anlauf gelang. Er fühlte sich elendig schwach.

Schließlich stand er aber dann doch - wenn auch zunächst auf wankenden Beinen. Aber er spürte, wie mit jeder weiteren Sekunde wieder die alte Stärke in seinen Körper zurückkehrte. Und mit ihr auch die Erinnerung an die letzten Stunden, bevor er mit Moonstone diese seltsame - und für Corrigan immer noch unbegreifliche - Transportanlage betreten hatte.

Moonstone! Zu seiner wäre dieses Transportsystem reine Science Fiction gewesen.

Mit geradezu schmerzhafter Intensität wurde ihm bewußt, daß Moonstone nicht bei ihm war - und er wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Für endlose Sekunden jagte ein Gedanke förmlich den anderen, weil er befürchtete, daß die androgyne Frau vielleicht dieses Ziel gar nicht erreicht hatte und womöglich irgendwo auf dem Weg hierher verschwunden war. Geheimnisvolle Energien konnten ihren Körper zerstrahlt und vernichtet haben - aber warum war dann Corrigan noch am Leben?

Erst dann sah er, daß sich am anderen Ende dieser ellipsenförmigen Transportanlage eine schimmernde Öffnung befand.

Corrigan trat näher heran und erkannte dann, daß sich am Boden ein feiner Staubbelag gebildet hatte, wo sich Fußspuren abzeichneten. Die Fußspuren eines Menschen! Zierliche Fußabdrücke. Die Fußspuren einer Frau!

"Verdammt...", murmelte Corrigan. "Warum hat sie denn nicht gewartet, bis ich...?"

Diese Frage brannte in seinem Hirn, denn er hätte gerne jetzt und hier eine Antwort darauf haben wollen. Aber diese Hoffnung würde sich nicht erfüllen, denn Moonstone war und blieb verschwunden - und für Bruchteile von Sekunden dachte Corrigan daran, daß womöglich sehr viel Zeit zwischen seinem und Moonstones Erwachen verstrichen war.

Natürlich! schoß es ihm dann durch den Kopf. Im Grunde genommen ist sie ja eine Fremde für mich, denn wir kennen uns ja kaum. Ich weiß nur, daß sie auf der Suche nach N-MILLIPEDE ist, und daß der MEGA-TEC etwas damit zu tun hat. Dieser verdammte Chip – er muß eine größere Bedeutung für sie haben, als ich vermutet habe. Vielleicht hat sie ja in unmittelbarer Nähe Spuren gefunden und ist ihnen nachgegangen...

Was aber unter Umständen ein leichtsinniger Fehler sein konnte - denn schließlich wußte Corrigan nicht, an welchem Ort er und Moonstone überhaupt herausgekommen waren ( und ob sich dieser Ort überhaupt noch auf der Erde befand ). Für einen winzigen Moment sah er sich selbst in einer gigantischen Techno-Station, beobachtet von geheimnisvollen Wesen, die jede noch so harmlose Bewegung des hilflosen dunkelhäutigen Menschen genau verfolgten und wissenschaftlich auswerteten. Bevor sie dann beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen!

Deshalb tasteten seine Finger automatisch nach der Strahlwaffe, die in einem breiten Gürtel an seinem IMPRO-Overall befestigt war. Rasch zog er die Waffe heraus, und er spürte die Erleichterung förmlich, als er die tödliche Waffe in seinen Händen hielt und die Funktionen checkte. Alles ok! Erleichtert atmete er auf. Zumindest konnte er sich jetzt wehren, wenn ihn jemand angriff.

Er verließ die Transportkammer, durchschritt rasch das noch schwach leuchtende Portal und befand sich nun in einer gewaltigen Halle. Argwöhnisch ließ er seine Blicke in die Runde schweifen – aber er konnte jetzt nichts entdecken, was ihm verdächtig und irgendwie gefährlich erschien.

An der gegenüberliegenden Wand befanden sich einige seltsame Gitterkonstruktionen, über deren Bedeutung er nur vage Mutmaßungen anstellen konnte. Auf jeden Fall waren sie an einigen Stellen schon stark verrostet, und auch Teile der Decke wirkten sehr baufällig. Deshalb hatte es Corrigan sehr eilig, diesen Teil des Gebäudekomplexes hinter sich zu bringen. Er folgte einfach den Spuren, die sich im dünnen Staubbelag des Bodens abzeichneten und erreichte schließlich das Freie.

Im ersten Moment spürte er eine leichte Panik, als ihn die feuchte Luft fast erdrückte. Sein Atem ging keuchend, und er brauchte einige Sekunden, um sich an die veränderten Klimaverhältnisse zu gewöhnen. Wo zum Teufel war dieser Ort, den er und Moonstone mit dieser geheimnisvollen Anlage erreicht hatten? Doch ganz sicher nicht in dem Amerika, das er einstmals gekannt hatte. Im ganzen mittleren Westen gab es keinen Landstrich, wo subtropische Klimaverhältnisse herrschten und wo einem schon die kleinste Bewegung sofort Schweißperlen auf die Stirn trieb.

Denk nicht an die Vergangenheit, ermahnte ihn seine Vernunft. Alles, was du einmal gekannt hast, existiert nicht mehr. Finde dich mit dieser neuen Welt ab – so wie sie jetzt ist. Du wirst sie ohnehin nicht mehr verändern können...

„Das ist leichter gesagt als getan“, murmelte er mit leiser Stimme und zuckte zusammen, weil diese Worte mehr einem Krächzen gleichkamen. Seine Kehle fühlte sich ausgetrocknet an, und er verspürte Durst. Großen Durst sogar. Als wenn er einen stundenlangen Fußmarsch durch die Wüste hinter sich gebracht hatte. Und der Gedanke an kaltes, klares Wasser verstärkte dieses Gefühl noch.

Erst jetzt konnte er die Ausmaße dieses Gebäudekomplexes erkennen, den er jetzt verlassen hatte. Er war hufeisenförmig angelegt und vom Zahn der Zeit ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Die üppig wuchernde Vegetation hatte sich Stück um Stück Boden zurückgeholt. Wurzelähnliche Stränge zogen sich an den Wänden des Gebäudes hoch und hatten das Dach schon zur Hälfte bedeckt. Und niemand schien bis jetzt etwas dagegen unternommen zu haben...

Corrigans Blicke suchten nach Moonstone. Aber nach wie vor konnte er kein Lebenszeichen von ihr entdecken.

Ein kalter Schauer strich ihm über den Rücken, als er auf einmal sah, daß sich zu den Fußspuren seiner neuen Gefährtin noch ...

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