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Die Kreutzersonate

Lew Tolstoi

Die Kreutzersonate

Ehegeschichten

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Margit Bräuer

Aus dem Russischen von Hermann Asemissen

 

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Inhaltsübersicht

Vorwort

Familienglück

Erster Teil

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Zweiter Teil

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Die Kreutzersonate

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Nachwort zur »Kreutzersonate«

Der Teufel

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Zweite Fassung des Schlusses

Lew Tolstoi

Gemälde von Ilja J. Repin, 1887

Vorwort

Am 1. Januar 1859 notiert Tolstoi in seinem Tagebuch: »Muß in diesem Jahre heiraten – oder nie.« Doch erst am 7. September 1862 teilt er seiner »lieben Freundin Alexandrine« mit, daß ihm das »größte Unglück oder Glück« widerfahren sei: »Ich alter zahnloser Narr habe mich verliebt.« Das Objekt seiner »Verliebtheit« ist die Arzttochter Sofja Andrejewna Bers: »Ein Kind! Könnte man meinen … Ein Kind!« (23. August 1862) Aber: »Ich liebe, wie ich nie geglaubt hätte, daß man lieben könnte. Ich bin von Sinnen, ich erschieße mich, wenn das so weitergeht … Jeden Tag denke ich, ich kann nicht länger leiden und gleichzeitig glücklich sein, und jeden Tag komme ich mehr von Sinnen. Bin wieder voll Sehnsucht, Reue und Glück fortgegangen. Morgen gehe ich hin … und sage alles oder erschieße mich.« (12./13. September 1862) Und schon am 23. September desselben Jahres heiratet der 34jährige Graf Tolstoi die 18jährige Sofja Andrejewna, seine Sonja, über die er am 30. Dezember in sein Tagebuch schreibt: »Ich werde sie immer lieben.«

Wie eine Parallele zu Tolstois eigener Brautwerbung liest sich die bereits 1859 geschriebene Erzählung »Familienglück«, gleichsam eine Vorwegnahme dessen, was Tolstois Tagebücher und Briefe später hierzu aussagen.

Auch der 36jährige Held der Erzählung, Sergej Michailytsch, wird von Zweifeln und Gewissensqualen bedrängt und scheut sich, seine Liebe zu gestehen, sich selbst und erst recht der 17jährigen Mascha: er, ein »alter, vom Leben verbrauchter Mann«, und sie, »noch ein Kind, eine Knospe, die sich erst noch entfalten wird«. Um so größer und himmelstürmender ist dann das Liebes- und Eheglück der beiden so ungleichen Gatten, das durch den Ehealltag und gegenseitige Enttäuschungen zwar wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt wird, aber den Verlockungen und Eitelkeiten, denen die so unerfahrene und unausgelastete junge Frau ausgesetzt ist, letztendlich standhält und nach der Geburt zweier Kinder in ein neues Gefühl einmündet, das die beiden Eheleute nunmehr verbindet. »Das frühere, unwiederbringliche Gefühl war zu einer teuren Erinnerung geworden, und ein anderes, von der Liebe zu den Kindern und dem Vater meiner Kinder bestimmtes Gefühl legte den Grund zu einem neuen, freilich ganz andersgearteten Lebensglück, das auch heute noch andauert …«, resümiert nicht ohne ein leises Bedauern die Heldin, aus deren Mund und Herzen das Ganze, mit einer bewundernswerten Einfühlung in die weibliche Seele, erzählt wird – das einzige Mal in Tolstois gesamtem Werk.

Die Reaktion auf die Erzählung konnte unterschiedlicher nicht sein: Während Romain Rolland »Familienglück« als »das reinste Werk, das Tolstoi jemals schuf«, bezeichnet und es als »das Wunderwerk der Liebe« preist, empfindet es Tolstoi selbst, der sich zu diesem Zeitpunkt in einer Lebens- und Schaffenskrise befand, als »unerträgliche Abgeschmacktheit«, als »ekelhaft und beschämend … mit einunddreißig Jahren rührende und erfreulich zu lesende Erzählungen zu schreiben«.

Doch anstatt »nicht mehr zu schreiben«, wie er es in einem Brief an Drushinin vom 9. Oktober 1859 ankündigt, folgen nur wenige Jahre später – in den glücklichen ersten Jahrzehnten seiner Ehe – »Krieg und Frieden« (1864–1869) und »Anna Karenina« (1873–1877), die in ihrer einzigartigen Meisterschaft zu den Gipfelwerken der europäischen Romanliteratur gehören.

»Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art«, beginnt gleichsam programmatisch der Roman »Anna Karenina«, diese künstlerische Enzyklopädie zu Fragen der Liebe, Ehe und Familie.

Um Liebe, Ehe und Familie geht es auch in der 1889 vollendeten Erzählung »Die Kreutzersonate«, dem direkten Gegenstück zu der von poetischer Schönheit und versöhnlicher Harmonie erfüllten frühen Erzählung »Familienglück«. Dieses Meisterwerk aus dem Spätschaffen Tolstois erschüttert und erschlägt geradezu durch die leidenschaftliche Brutalität und selbstquälerische Wildheit, mit welcher der Hauptheld, der Gutsbesitzer Posdnyschew, einem zufälligen Reisegefährten die Geschichte seiner Ehe und den Mord an seiner Ehefrau erzählt, die er in einem Anfall von wahnsinniger Eifersucht erstochen hat. Wie er sich selbst und seinem Zuhörer mit einer minutiösen Analyse klarmacht, war der Eifersuchtsmord aber nur der Schlußpunkt einer Ehe, die ausschließlich auf Sexualität basierte und außer der Befriedigung der Wollust keinerlei seelische oder geistige Gemeinsamkeit der beiden Gatten kannte, so daß die Kluft zwischen ihnen immer tiefer wurde und die gegenseitige Entfremdung und Leere zu einem Dauerzwist und schließlich zu abgrundtiefem Haß führte. Die vermeintliche oder tatsächliche Untreue der Frau war für den Ehemann dann nur der letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen und ihm selbst die Befreiung aus einer Ehe brachte, die zu einem Gefängnis geworden war.

Die »Kreutzersonate«, in welcher der Künstler Tolstoi mit faszinierender Intensität, Emotionalität und höchster Dramatik nicht nur eine individuelle Ehetragödie erzählt, sondern der tiefreligiöse Denker und Moralist Tolstoi zugleich den Stab über die konventionelle, bürgerliche Ehe bricht sowie Kirche und Staat anklagt, da sie die Scheinmoral, Heuchelei und Verlogenheit dieser Institution erst ermöglichten und schützten, schlug wie eine Bombe ein und wurde zum meistgelesenen und meistumstrittenen Werk Tolstois, das überschwengliche Begeisterung, aber auch Entsetzen und Empörung auslöste. Und die rigorose Verdammung und Verabscheuung jeglicher Sinnenlust durch einen fast mönchischen Asketismus, der an die Stelle des Geschlechtslebens das anzustrebende Ideal einer vollkommenen Keuschheit im Sinne des Evangeliums setzt, rief Befremden und Unverständnis hervor, das auch durch ein nachträglich verfaßtes, rein dogmatisches »Nachwort zur ›Kreutzersonate‹« nicht aus der Welt geschafft werden konnte, sondern durch die theoretische Begründung und Untermauerung der Aussagen Posdnyschews den Streit noch anheizte.

So wurde die Erzählung noch vor ihrem Erscheinen in Rußland verboten, fand jedoch in Abschriften weiteste Verbreitung und war nicht nur ein literarisches, sondern auch ein herausragendes gesellschaftliches Ereignis der Epoche. »Kaum vorstellbar, was sich abspielte, zum Beispiel nachdem die ›Kreutzersonate‹ und ›Die Macht der Finsternis‹ bekannt wurden«, schreibt die bereits erwähnte Alexandrine Tolstaja in ihren Erinnerungen. »Noch nicht zum Drucke freigegeben, wurden diese Werke bereits in Hunderten und Tausenden von Exemplaren abgeschrieben, sie gingen von Hand zu Hand, wurden in sämtliche Sprachen übersetzt und allüberall mit enormer Leidenschaftlichkeit gelesen; zuweilen schien es, als lebe das Publikum, alle persönlichen Sorgen vergessend, nur für die Literatur des Grafen Tolstoi … Wichtigste politische Ereignisse vermochten nur selten alle Welt derartig machtvoll und ausschließlich in ihren Bann zu ziehen.«

Ihr erstes Erscheinen erlebte die »Kreutzersonate« in Deutschland, wo sie in Berlin bereits 1890 in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, und kein Geringerer als der Literaturnobelpreisträger von 1912, Gerhart Hauptmann, feierte in einem Geleitwort die »künstlerische und menschliche Größe« Tolstois, dessen Schriften »zu sehr Geschenke des Genius« seien, »als daß sie vorbildlich sein könnten«. Und Heinrich Mann mißt der »Kreutzersonate« einen außerordentlichen Stellenwert bei, wenn er in seiner Epochenbilanz »Ein Zeitalter wird besichtigt« schreibt: »Ich gedenke der völlig vereinzelten Wirkung der ›Kreutzersonate‹ – das Gebot der Keuschheit nach tausend Jahren wieder wörtlich, heilig genommen. Wir waren fremd angesprochen, der Ungläubigste erschrak, indes er zu lächeln meinte. Eine dynamische Moral (soeben hatte Nietzsche uns sogar ihre ohnmächtigen Reste ausgeredet) brach jäh herein. Sie machte Sensation, bis hinein in stumpfe Mengen, die nichts lasen. Die ›Kreutzersonate‹ ist eines der Wunder des Zeitalters.« Und er fährt fort: »Geistig Bewanderte haben ihr bald angesehen, daß die geforderte Keuschheit nur ein Teil des Ganzen war. Um die integrale Reinheit ging es, um das sittlich bestimmte Leben, die Wahrheit, die Wahrheit! – es komme nach, was mag, es komme gar nichts mehr.«

Unmittelbar nach der »Kreutzersonate« entstand, im November 1889, eine Erzählung zu dem gleichen Thema, der Tolstoi in der Endfassung den Titel »Der Teufel« gab. Auch hier will ein wohlhabender Gutsbesitzer nach einem ausschweifenden Junggesellenleben, wie es in seinen Kreisen üblich war, eine Ehe mit einem »reinen« Mädchen eingehen und ein vorbildlicher Ehemann werden. Doch durch seine vorehelichen »Sünden« ist eine Katastrophe gleichsam vorprogrammiert: Die Wollust in Gestalt seiner einstigen Geliebten, der sinnenbetörenden Bäuerin Stepanida, verfolgt ihn bis ins eheliche Schlafgemach und läßt sich weder durch den Gedanken an Frau und Kind noch durch harte körperliche Arbeit vertreiben. Der einzige Ausweg ist, sich selbst oder die teuflische Verführerin zu töten.

Obwohl der Erzählung ein reales Vorkommnis zugrunde liegt, das sich unweit von Jasnaja Poljana zugetragen hatte, sind doch auch deutlich autobiographische Bezüge auszumachen, wie Tolstois Tagebücher belegen. Auch in seinem eigenen Leben gab es einen solchen »Teufel«, die Bäuerin Axinja, mit der er eine lange, intensive Liebesbeziehung unmittelbar vor seiner Eheschließung unterhielt, die einzige von Tolstois nicht wenigen Frauenbekanntschaften aus seiner Junggesellenzeit, die Gegenstand ernsthafter Eifersuchtsszenen zwischen den Ehegatten wurde und in beider Tagebüchern bis ins hohe Alter eine Rolle spielte. Kein Wunder also, daß Tolstoi, der schon mit der »Kreutzersonate« heftige Auseinandersetzungen in der eigenen Familie hervorgerufen und sich vor allem den Zorn Sofja Andrejewnas zugezogen hatte, weil sie sich in Posdnyschews Ehefrau wiederzuerkennen glaubte und sich »vor den Augen der ganzen Welt gedemütigt« fühlte, das Manuskript des »Teufels« sorgfältig geheimhielt und es sogar in einem Sesselpolster eingenäht versteckte. Über die Reaktion seiner Frau, als sie die Erzählung dennoch entdeckt und gelesen hatte, schrieb Tolstoi am 13. Mai 1909 in sein Tagebuch: »Beim Frühstück war Sonja entsetzlich. Wie sich herausstellte, hatte sie ›Der Teufel‹ gelesen, und der alte Groll begann in ihr zu gären, für mich war es sehr niederdrückend.« Das Manuskript des »Teufels« wurde erst nach Tolstois Tod in Druck gegeben.

Die drei hier ausgewählten »Ehegeschichten« sind keine autobiographischen Werke, aber hinter dem fiktiven Geschehen spürt man die Betroffenheit und das Selbstbekenntnis des Autors, der – wie bei allen seinen künstlerischen Schöpfungen – das Geschilderte nicht erfunden, sondern selbst durchlebt und durchlitten hat; das Denken und Fühlen seiner Helden, ihre Liebe und ihr Haß, ihr Glück und ihr Schmerz verkörpern das Ringen Tolstois, seinen Kampf gegen den Zwiespalt zwischen dem Leben, das er in der Realität lebt, und dem idealen Leben, das er leben möchte, sie lassen hinter dem Eheglück des Sergej Michailytsch und der Ehetragödie Posdnyschews und Irtenjews Tolstois eigene Ehegeschichte erahnen, die ihn zwar nicht wie seine Helden zu Mord und Totschlag führte, aber ihn am Lebensende zur Flucht aus der Familie, aus seinem Heim trieb. Die »Kreutzersonate« und »Der Teufel« sind aber vor allem der überzeugende Beweis, daß Tolstoi, nachdem er zu Beginn der achtziger Jahre, auf dem Höhepunkt seines literarischen Ruhms, seinem bisherigen Leben mit dessen Wertevorstellungen und darunter auch seiner Kunst abgeschworen hatte, nach längerer künstlerischer Abstinenz wieder zur Belletristik zurückgekehrt ist und sie mit »Auferstehung«, der letzten seiner drei gewaltigen Romanepopöen, krönte. »Der Richter des Daseins«, schreibt Stefan Zweig, »ist wieder Dichter geworden.«

 

Margit Bräuer

FAMILIENGLÜCK

Erster Teil

1

Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbst gestorben war, und verlebten den ganzen Winter einsam auf dem Lande – Katja, Sonja und ich.

Katja gehörte von alters her zum Hause, sie war unsere Gouvernante, die uns beide großgezogen hatte und der ich seit meiner frühesten Kindheit in Liebe anhing. Sonja war meine jüngere Schwester. In unserem großen Hause in Pokrowskoje verbrachten wir einen traurigen, finsteren Winter. Das Wetter war kalt und stürmisch, so daß die Schneewehen oft bis über die Fenster reichten; die Fensterscheiben waren meist zugefroren und undurchsichtig, und während des ganzen Winters gingen oder fuhren wir kaum einmal aus. Besuch kam selten; und wenn sich doch jemand bei uns einfand, wurde die Stimmung im Hause dadurch auch nicht heiterer und froher. Alle Besucher machten ernste, traurige Gesichter, sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu wecken, seufzten und weinten auch oft, wenn sie auf mich und namentlich auf die kleine Sonja in ihrem schwarzen Kleidchen blickten. Es war, als ginge im Hause noch der Tod um; der Schrecken und Kummer, den er mit sich gebracht hatte, lag in der Luft. Die Tür zu Mamas ehemaligem Zimmer war verschlossen, und wenn ich abends beim Schlafengehen daran vorbeikam, wurde ich jedesmal von einem seltsamen, mit Schauder gemischten Verlangen ergriffen, einen Blick in diesen kalten, leeren Raum zu werfen.

Ich war damals ein siebzehnjähriges Mädchen, und gerade in dem Jahr ihres Todes hatte Mama vorgehabt, in die Stadt zu übersiedeln, um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter war für mich ein großer Schmerz, doch muß ich bekennen, daß dazu auch etwas der Umstand beitrug, daß ich, ein junges und, wie mir allgemein gesagt wurde, hübsches Mädchen, nun schon den zweiten Winter einsam und freudlos auf dem Lande verbringen mußte. Gegen Ende des Winters steigerte sich bei mir dieses Gefühl der Einsamkeit und drückenden Langeweile bis zu einem solchen Grade, daß ich kaum noch mein Zimmer verließ, nie das Klavier aufschlug oder ein Buch zur Hand nahm. Wenn Katja mich überreden wollte, das eine oder andere zu unternehmen, erklärte ich, es nicht zu können oder keine Lust zu haben, und fügte im stillen hinzu: Wozu? Wozu soll ich etwas unternehmen, da meine besten Jugendjahre ja doch unnütz vertan werden? Wozu also? Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen.

Man sagte mir, daß ich im Laufe des Winters abgemagert sei, daß mein Aussehen gelitten habe; aber darüber war ich nicht sehr bekümmert. Warum denn auch? Für wen? Mir schien, als sei mir bestimmt, mein ganzes Leben in dieser Einöde und ausweglosen Trübsal zu verbringen, der ich aus eigener Kraft nicht entfliehen konnte, ja nicht einmal wollte. Als der Winter seinem Ende entgegenging, begann sich Katja meinetwegen ernstlich Sorgen zu machen und faßte den Entschluß, mit mir unter allen Umständen ins Ausland zu fahren. Doch dazu war Geld nötig, und wir wußten noch so gut wie gar nicht, was uns nach dem Tode der Mutter verblieben war, und warteten von Tag zu Tag auf den Vormund, der herkommen und unsere Verhältnisse klären sollte.

Im März traf der Vormund ein.

»Nun, Gott sei Dank!« sagte Katja eines Tages zu mir, als ich müßig, ohne etwas zu denken und zu wünschen, wie ein Schatten aus einer Ecke in die andere wanderte. »Sergej Michailytsch ist angekommen, hat sich nach uns erkundigt und will zum Mittagessen herüberkommen. Nun mußt du dich aber aufraffen, Maschetschka«, fügte sie hinzu. »Denn was würde er sonst für einen Eindruck von dir bekommen? Er hat euch alle immer so liebgehabt.«

Sergej Michailytsch war unser nächster Nachbar und mit meinem verstorbenen Vater, obwohl er bedeutend jünger als dieser war, eng befreundet gewesen. Abgesehen davon, daß seine Ankunft unsere Pläne änderte und die Aussicht bot, das Landleben zu beenden, war ich von Kindheit an gewohnt, ihn liebzuhaben und zu verehren, und als Katja mich nun ermahnte, mich aufzuraffen, erriet sie wohl, daß Sergej Michailytsch unter allen unseren Bekannten derjenige war, bei dem es mir am schmerzlichsten gewesen wäre, mich in einem unvorteilhaften Licht zu zeigen. Über die herzlichen Gefühle hinaus, die gleich mir alle im Hause, von Katja und Sonja, seinem Patenkind, bis zum letzten Kutscher, für ihn hegten, hatte er für mich noch eine besondere Bedeutung, und zwar auf Grund einer Bemerkung, die Mama einst in meinem Beisein gemacht hatte. Sie hatte gesagt, einen solchen Mann würde sie sich einmal für mich wünschen. Damals hatte mich diese Bemerkung befremdet und sogar unangenehm berührt, denn mein Ideal hatte ganz anders ausgesehen. Der Held meiner Träume war von schlanker, schmächtiger Gestalt, blaß und melancholisch. Sergej Michailytsch hingegen, ein Mann von bereits fortgeschrittenem Alter, war groß, stämmig und, so schien es mir, stets fröhlich. Wie dem auch sei, Mamas Worte waren in meinem Gedächtnis haftengeblieben, und schon vor sechs Jahren, als ich elf war und er noch du zu mir sagte, mit mir spielte und mich das Veilchenmädchen nannte, habe ich mitunter nicht ohne leises Bangen darüber nachgedacht, was ich wohl täte, wenn er eines Tages den Wunsch äußern sollte, mich zu heiraten.

Vor dem Mittagessen, das Katja durch eine Spinatbeilage und Cremespeise bereichert hatte, traf Sergej Michailytsch ein. Ich hatte schon durch das Fenster gesehen, wie er in einem kleinen Schlitten angefahren kam, eilte jedoch, sobald der Schlitten um die Ecke zu uns einbog, in den Salon und wollte so tun, als hätte ich ihn gar nicht erwartet. Doch als dann in der Vorhalle Tritte laut wurden und seine lebhafte Stimme und Katjas Schritte ertönten, konnte ich nicht länger an mich halten und ging ebenfalls zu seiner Begrüßung hinaus. Er hielt Katjas Hand umfaßt, während er sich aufgeräumt und lächelnd mit ihr unterhielt. Als er mich wahrnahm, hielt er inne und starrte mich eine Weile wortlos an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich errötete.

»Ach! Ist das zu glauben, daß Sie es sind?« sagte er dann und kam in seiner entschlossenen, schlichten Art mit ausgestreckten Händen auf mich zu. »Ist es möglich, sich so zu verändern! Wie erwachsen Sie aussehen! Was ist aus dem kleinen Veilchen geworden? Ein ganzer Rosenstock!«

Er ergriff mit seiner großen Rechten meine Hand und drückte sie so fest und herzlich, daß es fast weh tat. Ich nahm an, daß er mir die Hand küssen würde, und beugte mich schon etwas zu ihm vor; doch er beließ es bei einem nochmaligen Händedruck und sah mir dabei mit seinem festen, heiteren Blick gerade in die Augen.

Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Er hatte sich in vielem verändert, war älter, männlicher geworden und trug jetzt einen dichten Backenbart, was ihn gar nicht kleidete; aber seine natürliche Art, sich zu geben, der offene, treuherzige Ausdruck des markanten Gesichts, die klugen glänzenden Augen und sein gewinnendes, fast kindliches Lächeln waren unverändert geblieben.

Binnen fünf Minuten sahen wir alle in ihm nicht mehr einen Gast, sondern einen vertrauten Hausgenossen – sogar die Dienstboten, an deren Dienstbeflissenheit zu merken war, wie sehr sie sich über seine Ankunft freuten.

Sergej Michailytsch benahm sich ganz anders als die übrigen Nachbarn, die uns nach Mamas Tode besucht und es für notwendig gehalten hatten, in unserem Beisein stumm dazusitzen und zu weinen. Er war gesprächig, heiter und erwähnte meine Mutter mit keinem Wort, so daß ich diese scheinbare Gleichgültigkeit seitens eines uns so nahestehenden Menschen anfangs sogar befremdend, wenn nicht gar ungehörig fand. Doch dann wurde mir klar, daß es sich bei ihm nicht um Gleichgültigkeit handelte, sondern um seine Abneigung gegen alles Erkünstelte, und ich war ihm dankbar dafür.

Abends setzte sich Katja im Wohnzimmer an ihren alten Platz, um den Tee einzuschenken, wie es schon zu Mamas Lebzeiten üblich gewesen war; Sonja und ich setzten uns neben sie. Der alte Grigori brachte dem Gast eine von Vaters Pfeifen, die er irgendwo ausgegraben hatte, und Sergej Michailytsch begann wie in früheren Zeiten im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Wie viele schreckliche Veränderungen hat dieses Haus erfahren, wenn man alles überdenkt!« sagte er, vor uns stehenbleibend.

»Ach ja«, stimmte Katja seufzend zu; sie setzte den Deckel auf den Samowar, blickte zu Sergej Michailytsch auf und war dem Weinen nahe.

»Sie erinnern sich wohl noch Ihres Vaters?« wandte er sich an mich.

»Nur wenig«, antwortete ich.

»Wie schön wäre es jetzt für Sie, wenn er noch am Leben wäre«, sagte er leise und heftete seine Augen versonnen auf meine Stirn. »Ich habe Ihren Vater sehr liebgehabt«, fügte er noch leiser hinzu, während in seinen Augen, wie mir schien, etwas aufglänzte.

»Und nun hat Gott auch sie noch zu sich genommen!« sagte Katja, zog, die Serviette schnell auf die Teekanne legend, ihr Taschentuch hervor und brach in Tränen aus.

»Ja, schreckliche Veränderungen hat dieses Haus erfahren«, wiederholte er und wandte sich ab. »Sonja, zeige mir mal dein Spielzeug!« fügte er nach einer Weile hinzu und ging mit ihr in den Salon. Die Augen voller Tränen, sah ich Katja an, als er gegangen war.

»Ein so treuer Freund!« sagte sie.

Auch mir war dank dem Mitgefühl dieses lieben, doch immerhin fremden Menschen warm und wohl ums Herz geworden.

Aus dem Salon schallte das Jubeln Sonjas herüber, und man hörte, wie er mit ihr herumtollte. Ich ließ ihm Tee hinbringen; dann war zu hören, wie er sich ans Klavier setzte und mit Sonjas kleinen Händen auf die Tasten schlug.

»Marja Alexandrowna!« rief er herüber. »Kommen Sie doch mal, spielen Sie etwas!«

Mir gefiel, daß er sich in einem so natürlichen, freundschaftlich-gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und ging zu ihm.

»Spielen Sie dies hier!« Er zeigte, nachdem er im Notenheft geblättert hatte, auf das Adagio der Sonate Quasi una fantasia von Beethoven. »Nun wollen wir mal hören, wie Sie spielen«, fügte er hinzu und zog sich mit seinem Tee in eine Ecke des Salons zurück.

Ich hatte merkwürdigerweise das Gefühl, ich dürfe nicht nein sagen oder etwa den Einwand machen, daß ich schlecht spiele. So setzte ich mich gehorsam ans Klavier und begann zu spielen, so gut ich eben konnte, obwohl ich seinem Urteil mit einigem Bangen entgegensah; denn ich wußte, daß er die Musik liebte und etwas davon verstand. Das Adagio entsprach der Stimmung, die durch die am Teetisch wachgerufenen Erinnerungen ausgelöst worden war, und ich spielte es, glaube ich, recht gut. Beim Scherzo hingegen unterbrach er mich. »Nein, das gelingt Ihnen nicht«, sagte er, auf mich zukommend, »das lassen Sie lieber; aber der vorhergehende Satz war nicht übel. Sie scheinen etwas von Musik zu verstehen.« Dieses bescheidene Lob erfreute mich so, daß ich sogar errötete. Es war mir so neu und angenehm, daß er, ein Freund und Gefährte meines Vaters, mit mir ernsthaft wie mit seinesgleichen sprach und mich nicht mehr wie ehemals als Kind behandelte. Katja ging nach oben, um Sonja zu Bett zu bringen, und ich blieb mit ihm allein im Salon zurück.

Er erzählte mir von meinem Vater, wie sie sich miteinander befreundet und welch fröhliche Stunden sie einstmals gemeinsam verlebt hatten, als ich noch über meinen Märchenbüchern und bei meinem Spielzeug saß. Durch seine Schilderungen gewann ich zum erstenmal eine Vorstellung von meinem Vater als einem schlichten, liebenswerten Menschen, die ich bis dahin nicht gehabt hatte. Er fragte mich auch nach meinen Neigungen, meiner Lektüre und nach meinen Plänen für die Zukunft und gab mir Ratschläge. Jetzt war er für mich nicht mehr der fidele Onkel, der mit mir spaßte, mich neckte und mit mir spielte, sondern ein seriöser, natürlicher und mir wohlgesinnter Mensch, der mir unwillkürlich Achtung und Sympathie einflößte. Es war mir angenehm und machte mir Freude, mich mit ihm zu unterhalten, obgleich ich dabei eine gewisse Spannung empfand. Ich fürchtete für jedes Wort, das ich sagte; mir lag so sehr daran, seine Liebe, die ich bis jetzt nur als die Tochter meines Vaters besaß, selbst zu verdienen.

Nachdem sie Sonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sich Katja zu uns und beklagte sich bei ihm wegen meiner Apathie, von der ich ihm nichts gesagt hatte.

»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen«, sagte er und schüttelte mit einem Blick auf mich vorwurfsvoll den Kopf.

»Was lohnt es, darüber zu sprechen«, verteidigte ich mich. »Es ist höchst langweilig und wird sich auch wieder geben.« (Ich hatte jetzt auch wirklich das Empfinden, nicht nur, daß meine Schwermut vergehen werde, sondern daß sie bereits vergangen sei, ja überhaupt nie existiert habe.)

»Es ist nicht gut, wenn man nicht imstande ist, Einsamkeit zu ertragen«, sagte er. »Sind Sie wirklich eine junge Dame?«

»Natürlich bin ich eine junge Dame«, erwiderte ich lachend.

»Nein, ich meine, eine unvernünftige junge Dame, die nur auflebt, wenn es darauf ankommt, anderen zu gefallen, die sich aber gehenläßt und für nichts Interesse hat, sobald sie allein ist. Alles tut sie nur für den Schein und nichts für sich selbst.«

»Sie haben ja eine nette Meinung von mir«, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen.

»Doch nein«, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, »nicht zu Unrecht ähneln Sie Ihrem Vater! Der Kern ist da«, fügte er hinzu, und sein wohlwollender, prüfender Blick, der dabei auf mir ruhte, schmeichelte mir wieder und versetzte mich in freudige Verlegenheit.

Erst jetzt fiel mir in seinem Gesicht, das beim ersten Eindruck so heiter schien, der eigentümliche Ausdruck seiner Augen auf, deren zunächst klarer Blick allmählich mehr und mehr einen gespannten, ein wenig wehmütigen Zug annahm.

»Sie sollen und dürfen sich nicht dem Trübsinn hingeben«, sagte er. »Sie haben die Musik, von der Sie etwas verstehen, haben Bücher, Ihre Weiterbildung, haben das ganze Leben vor sich, auf das Sie sich jetzt noch vorbereiten können, damit Sie einmal keine Versäumnisse zu bereuen brauchen. In einem Jahr wäre es zu spät.«

Er sprach mit mir wie ein Vater oder Onkel, und ich merkte, daß er dauernd bemüht war, sich mir anzupassen. Einerseits kränkte es mich, von ihm für unter sich stehend gehalten zu werden, doch andererseits freute ich mich auch darüber, daß er es für der Mühe wert hielt, sich um meinetwillen einen Zwang aufzuerlegen.

Während des restlichen Abends sprach er mit Katja über geschäftliche Dinge.

»Nun, dann bis zum nächsten Mal, meine Lieben«, sagte er, als er aufstand und mir, auf mich zukommend, seine Hand reichte.

»Wann sehen wir Sie denn wieder?« fragte Katja.

»Im Frühjahr«, antwortete er, während er meine Hand noch in der seinen hielt. »Jetzt fahre ich nach Danilowka« – das war unser zweites Dorf –, »um dort, so gut ich kann, nach dem Rechten zu sehen, und anschließend muß ich wegen meiner eigenen Angelegenheiten nach Moskau; aber im Sommer sehen wir uns wieder.«

»Ach, so lange wollen Sie wegbleiben?« sagte ich ganz betroffen; ich hatte schon gehofft, ihn täglich zu sehen, und war nun wirklich sehr betrübt, und außerdem fürchtete ich, daß sich meine Schwermut wieder einstellen könnte. Das mußte sich wohl in meiner Miene und Stimme ausgedrückt haben.

»Ja, arbeiten Sie nur tüchtig, und blasen Sie nicht Trübsal«, sagte er in einem meinem Empfinden nach zu kühlen, oberflächlichen Ton. »Und im Frühjahr werde ich Sie dann examinieren«, fügte er hinzu und gab, ohne mich anzusehen, meine Hand frei.

In der Vorhalle, wohin wir ihn begleitet hatten, zog er hastig seinen Pelz an und vermied es abermals, zu mir hinzublicken. Es ist gar nicht nötig, daß er sich so bemüht, dachte ich. Meint er wirklich, daß mir so viel daran liegt, von ihm angesehen zu werden? Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch – nichts weiter.

Dennoch schliefen Katja und ich an jenem Abend lange nicht ein und unterhielten uns angeregt, wenn auch nicht über ihn, so doch darüber, was wir im kommenden Sommer anfangen und wie wir den Winter verbringen würden. Die schreckliche Frage: »Wozu?« tauchte in meinen Gedanken nicht wieder auf. Mir schien es ganz einfach und selbstverständlich zu sein, daß man leben mußte, um glücklich zu sein, und daß ich für die Zukunft noch viel Glück zu erwarten hatte. Es war, als sei unser altes, finsteres Haus in Pokrowskoje unversehens von Leben und Licht erfüllt.

2

Mittlerweile war es Frühling geworden. Mein Trübsinn war vergangen und hatte unter dem Einfluß des Frühlings einer träumerischen, von unbestimmten Hoffnungen und Wünschen genährten Schwermut Platz gemacht. Obwohl ich jetzt nicht so müßig lebte wie zu Anfang des Winters, sondern mich sowohl mit Sonja als auch mit der Musik und mit Lesen beschäftigte, zog ich mich häufig in den Park zurück, um lange einsam durch die Alleen zu wandern oder auf einer Bank zu sitzen und mich Gott weiß welchen Gedanken, Hoffnungen und Wünschen hinzugeben. Mitunter, namentlich wenn der Mond schien, saß ich die ganze Nacht am Fenster meines Zimmers, oder ich schlich mich heimlich, damit Katja es nicht merkte, und oft nur in einem leichten Jäckchen in den Park und lief durch den Tau bis zum Teich; einmal wagte ich mich sogar in die Felder hinaus und ging dann mitten in der Nacht mutterseelenallein um den ganzen Park herum.

Heute fällt es mir schwer, mir jene Träume zu vergegenwärtigen und sie zu verstehen, die damals meine Phantasie erfüllten. Und selbst wenn ich mich einmal ihrer erinnere, kann ich kaum glauben, daß es meine eigenen Träume gewesen sind – so phantastisch und wirklichkeitsfremd waren sie.

Ende Mai kehrte Sergej Michailytsch, wie er es versprochen hatte, von seiner Reise zurück.

Als er das erstemal eines Abends zu uns kam, war es für uns ganz überraschend. Wir saßen auf der Terrasse und wollten gerade Tee trinken. Im Garten war bereits alles grün, und im Dickicht der Hecken nisteten schon seit Beginn der Petrifasten Nachtigallen. Die buschigen Fliedersträucher sahen stellenweise aus, als seien sie von oben mit einem weißen oder lila Staub bestreut. Die Blütendolden standen vor dem Aufbrechen. In der Allee schimmerten die Kronen der Birken durchsichtig im Schein der untergehenden Sonne. Auf der im Schatten liegenden Terrasse wurde es merklich frisch. Ein starker abendlicher Tau begann sich auf den Rasen zu legen. Vom Hof hinter dem Garten hörte man die letzten Geräusche des ausklingenden Tages, den Lärm der heimgetriebenen Herde; der schwachsinnige Nikon fuhr mit einer Tonne den Weg vor der Terrasse entlang, und ein kalter Wasserstrahl ergoß sich über die rings um die Georginenstauden und deren Stützpfähle aufgeworfene Erde und färbte sie dunkel. Bei uns auf der Terrasse glänzte und brodelte auf dem weißgedeckten Tisch der blankgeputzte Samowar, daneben stand Sahne und lagen Brezeln und anderes Backwerk. Katja spülte mit ihren rundlichen Händen geschäftig die Tassen aus. Da ich nach dem Baden Hunger verspürte und nicht warten wollte, bis der Tee fertig war, aß ich vorweg ein Stück Brot mit dicker, frischer Sahne. Ich trug eine Leinenbluse mit kurzen Ärmeln und hatte über das vom Baden noch feuchte Haar ein Kopftuch geschlungen. Katja war die erste, die ihn schon bei einem Blick durchs Fenster kommen sah.

»Ach, Sergej Michailytsch!« begrüßte sie ihn. »Eben erst haben wir von Ihnen gesprochen!«

Ich war aufgestanden, um in mein Zimmer zu gehen und mich umzuziehen, doch er trat bereits ein, ehe ich bis zur Tür gekommen war.

»Auf dem Lande braucht man doch keine Umstände zu machen«, sagte er, auf mein Kopftuch blickend, und lächelte. »Es macht Ihnen doch nichts aus, sich vor Grigori so zu zeigen, und ich bin für Sie schließlich nichts anderes als Grigori.« Aber gerade jetzt schien es mir, daß er mich ganz anders ansah, als es von Grigori zu erwarten war, und ich wurde verlegen.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte ich und ging hinaus.

»Es kleidet Sie wirklich gut«, rief er mir noch nach. »Sie sehen aus wie eine junge Bäuerin.«

Wie sonderbar er mich angesehen hat, dachte ich, als ich mich oben in meinem Zimmer in aller Eile umzog. Doch Gott sei Dank, daß er wieder da ist, er bringt Leben ins Haus! … Ich warf noch einen Blick in den Spiegel, lief schnell die Treppe hinunter und kehrte, ohne ein Hehl daraus zu machen, daß ich mich beeilt hatte, ziemlich atemlos auf die Terrasse zurück. Er saß mit Katja am Tisch und setzte ihr unsere Verhältnisse auseinander. Er sah mich kurz an, lächelte und fuhr in seinen Darlegungen fort. Mit unserer finanziellen Lage war alles, wie er sagte, aufs beste bestellt. Den Sommer sollten wir noch auf dem Gut verbringen und anschließend im Hinblick auf Sonjas Erziehung nach Petersburg oder ins Ausland fahren.

»Ja, wenn Sie ins Ausland mitkämen«, meinte Katja. »Denn sonst würden wir uns dort ganz verloren vorkommen.«

»Ach, wie gern würde ich mit Ihnen eine Reise um die ganze Welt machen«, sagte er, halb scherzend, halb im Ernst.

»Nun, dann lassen Sie uns doch eine solche Weltreise machen!« schlug ich vor.

Er lächelte und schüttelte den Kopf.

»Und meine Mutter? Meine Geschäfte?« wandte er ein. »Doch nicht davon ist jetzt die Rede. Erzählen Sie lieber, wie Sie die Zeit zugebracht haben. Ich hoffe, Sie haben nicht wieder Trübsal geblasen?«

Als ich ihm erzählte, daß ich während seiner Abwesenheit gearbeitet hätte und nicht mißmutig gewesen sei, und Katja meine Worte bestätigte, lobte und bedachte er mich mit so liebevollzärtlichen Worten und Blicken, als ob ich ein Kind wäre und ihm das zustünde. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm ausführlich und vor allem wahrheitsgetreu alles zu berichten, was ich Lobenswertes getan hatte, und, wie bei der Beichte, auch alles zu bekennen, was ihm mißfallen konnte. Der Abend war so schön, daß wir auch noch, nachdem das Teegeschirr abgeräumt war, auf der Terrasse blieben, und die Unterhaltung nahm mich derartig gefangen, daß ich gar nicht merkte, wie um uns herum nach und nach alle Äußerungen menschlichen Lebens verstummten. Von überall kam immer stärker Blumenduft, dichter Tau legte sich auf den Rasen, und im nahen Fliedergebüsch begann eine Nachtigall zu schlagen, brach jedoch ab, als sie unsere Stimmen hörte; der Sternenhimmel schien sich tiefer über uns herabgesenkt zu haben.

Daß es inzwischen dunkel geworden war, merkte ich erst, als eine Fledermaus, die lautlos unter die Markise der Terrasse geflogen war, plötzlich neben meinem weißen Kopftuch mit den Flügeln um sich schlug. Ich preßte mich an die Wand und wollte schon aufschreien, doch da flatterte die Fledermaus ebenso lautlos und schnell wieder unter der Markise hervor und verschwand im Halbdunkel des Gartens.

»Wie gern ich in Pokrowskoje bin«, sagte Sergej Michailytsch, das Gespräch unterbrechend. »So wie jetzt möchte ich mein ganzes Leben lang hier auf der Terrasse sitzen.«

»Nun, dann bleiben Sie doch sitzen«, bemerkte Katja.

»Ja – bleiben Sie sitzen!« sagte er. »Das Leben wartet nicht.«

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie würden einen ausgezeichneten Ehemann abgeben

»Weil ich so gern sitze«, antwortete er lachend. »Nein, Katerina Karlowna, für uns beide ist es mit dem Heiraten endgültig vorbei. Ich werde schon seit langem nicht mehr als ein Mann angesehen, den man heiraten könnte. Und ich selbst habe den Gedanken daran auch längst aufgegeben, und ich kann nur sagen, ich fühle mich seitdem sehr wohl.«

Mir schien es, daß er sich, als er dies sagte, irgendwie unnatürlich ereiferte.

»Das ist ja gut! Ein Mann von sechsunddreißig Jahren und hält das Leben schon für abgeschlossen!« sagte Katja.

»Und wie abgeschlossen!« fuhr er fort. »Ich will nur noch sitzen. Zum Heiraten aber gehört mehr. Fragen Sie doch mal Marja Alexandrowna.« Er wies mit dem Kopf auf mich. »Solche jungen Menschen müssen heiraten. Und wir beide wollen uns dann an ihrem Glück erfreuen.«

In seiner Stimme schwangen eine unterdrückte Wehmut und Gespanntheit, die mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; weder Katja noch ich sagten etwas.

»Ja, stellen Sie sich doch einmal vor«, fuhr er fort und drehte sich dabei auf dem Stuhl herum, »wenn ich durch einen unglückseligen Zufall jetzt noch ein siebzehnjähriges junges Mädchen heiratete, sagen wir zum Beispiel Masch … Marja Alexandrowna. Da haben wir ein ausgezeichnetes Beispiel, ich freue mich, daß es sich hier gerade anbietet … es ist das allerbeste Beispiel.«

Ich lachte auf und konnte gar nicht begreifen, worüber er sich freute und was sich hier anbieten sollte.

»Nun, Hand aufs Herz, sagen Sie aufrichtig«, wandte er sich scherzend an mich, »ob es für Sie nicht ein Unglück wäre, Ihr Leben mit einem alten, vom Leben verbrauchten Mann zu verbinden, der nur noch seine Ruhe haben möchte, während in Ihnen Gott weiß welche Wünsche gären und erfüllt sein wollen?«

Ich wurde verlegen und schwieg, weil ich nicht wußte, was ich antworten sollte.

»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag«, sagte er lachend, »aber Sie werden doch zugeben müssen, daß Sie nicht von einem Mann in meinem Alter träumen, wenn Sie abends allein in der Allee umherwandern; und daß eine solche Verbindung ein Unglück wäre?«

»Nicht ein Unglück …«, fing ich an.

»Aber doch nicht gut«, vollendete er den Satz.

»Ja, aber es kann von mir vielleicht auch eine irrige …«

Doch er ließ mich wieder nicht ausreden.

»Da sehen Sie es«, wandte er sich wieder an Katja. »Marja Alexandrowna hat völlig recht, ich bin ihr für ihre Aufrichtigkeit dankbar und sehr froh, daß es zu diesem Gespräch gekommen ist. Und überdies wäre es auch für mich das größte Unglück«, fügte er hinzu.

»Was sind Sie doch für ein komischer Mensch! Nicht im geringsten haben Sie sich verändert«, sagte Katja und ging ins Haus, um den Tisch zum Abendessen decken zu lassen.

Wir verstummten beide, als Katja gegangen war, und um uns herrschte völlige Stille. Nur die Nachtigall meldete sich wieder und ließ ihr Lied im nächtlichen Dunkel, nunmehr nicht zögernd und abgerissen wie in der Dämmerung, sondern gemessen und ruhig, über den ganzen Garten ertönen, und aus der Ferne, von der Schlucht her, antwortete ihr eine zweite, die sich an diesem Abend erstmalig hören ließ. Die erste hielt einen Augenblick inne, als lausche sie, und fiel dann mit einem noch lauteren, intensiveren Triller ein. Majestätisch und ruhig erklangen diese Stimmen aus ihrer uns fremden nächtlichen Welt. Der Gärtner ging in seinen schweren Stiefeln vorbei, um in der Orangerie sein Nachtlager aufzusuchen, und seine Schritte schallten aus immer größerer Entfernung vom Gartenweg herüber. Irgendwo am Fuße des Abhangs wurden zwei schrille Pfiffe ausgestoßen, und wiederum trat ringsum Stille ein. Kaum hörbar begann ein Blatt zu rascheln, die Markise bewegte sich leise, und von einem leichten Luftzug herübergetragen, ergoß sich ein starker Duft über die ganze Terrasse. Mir war es peinlich, nach dem vorausgegangenen Gespräch in Schweigen zu verharren, doch ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Ich blickte zu ihm hin. Seine glänzenden Augen waren im Halbdunkel auf mich gerichtet.

»Es lebt sich schön auf Erden!« sagte er.

Ich stieß unwillkürlich einen Seufzer aus.

»Wie bitte?«

»Es lebt sich schön auf Erden!« wiederholte ich seine Worte.

Hierauf schwiegen wir wieder, und ich fühlte mich abermals unbehaglich. Mich bedrückte unablässig der Gedanke, ihn gekränkt zu haben, indem ich ihm darin zugestimmt hatte, daß er alt sei, und ich wollte ihn trösten; ich wußte aber nicht, wie ich es anfangen sollte.

»Doch nun auf Wiedersehen!« sagte er und stand auf. »Meine Mutter erwartet mich zum Abendessen. Wir sind heute so gut wie noch gar nicht zusammen gewesen.«

»Ach, und ich wollte Ihnen noch eine neue Sonate vorspielen«, sagte ich.

»Ein andermal«, erwiderte er, wie mir schien, in kühlem Ton. »Auf Wiedersehen!«

Ich empfand es nun noch stärker, ihn gekränkt zu haben, und es tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn bis vor das Portal, wo wir noch geraume Zeit stehenblieben und auf den Weg blickten, auf dem er davongeritten war. Erst als die Hufschläge seines Pferdes in der Ferne verklungen waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse zurück, blickte noch lange in den Park, und in dem von nächtlichen Lauten erfüllten nebligen Dunst sah und hörte ich alles, was ich zu sehen und zu hören begehrte.

Er kam ein zweites, ein drittes Mal, und die Spannung, die jenes absonderliche Gespräch zwischen uns hervorgerufen hatte, war gänzlich verschwunden und wiederholte sich nicht wieder. Während des ganzen Sommers pflegte er uns zwei- oder dreimal in der Woche zu besuchen; ich hatte mich so an ihn gewöhnt, daß ich mich, wenn er einmal länger ausblieb, ganz vereinsamt fühlte und mich über ihn ärgerte, weil ich es häßlich von ihm fand, mich so lange allein zu lassen. Er behandelte mich wie einen jüngeren lieben Kameraden, indem er mich ausfragte und mich veranlaßte, mit ihm offenherzig alles zu besprechen, was mich bewegte, wobei er mich dann beriet und ermunterte oder manchmal auch schalt und zurechtwies. Doch ungeachtet seines steten Bemühens, sich mit mir auf gleichen Fuß zu stellen, war ich mir bewußt, daß sich hinter dem, was ich von seinem Wesen verstand, noch eine ganze fremde Welt verbarg, in die er mir Einlaß zu gewähren nicht für nötig hielt – und gerade dies steigerte am allermeisten meine Achtung vor ihm und machte ihn für mich anziehend. Von Katja und den Nachbarn wußte ich, daß er sich außer um seine alte Mutter, mit der er zusammen lebte, außer um seine eigene Wirtschaft und unsere Vormundschaft auch noch um irgendwelche Adelsangelegenheiten zu kümmern hatte, wodurch ihm große Unannehmlichkeiten entstanden waren; doch wie er sich zu allen diesen Dingen stellte, welche Anschauungen, Pläne und Hoffnungen er hatte, darüber konnte ich von ihm nie etwas in Erfahrung bringen. Sobald ich auf seine eigenen Angelegenheiten zu sprechen kam, verzog er auf die ihm eigentümliche Art das Gesicht, als wollte er sagen: Ach, lassen Sie das, was kann Sie daran interessieren, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs hatte mich das gekränkt, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich so daran, mit ihm immer nur über mich betreffende Dinge zu sprechen, daß ich es schließlich für ganz natürlich hielt.

Was ich anfangs ebenfalls als kränkend, später jedoch sogar als angenehm empfand, war die völlige Gleichgültigkeit, ja Geringschätzung, die er für mein Äußeres zu bezeigen schien. Er deutete mir gegenüber nie durch ein Wort oder einen Blick an, daß ich gut aussehe, sondern verzog im Gegenteil das Gesicht und lachte, wenn mich andere in seiner Gegenwart als hübsch bezeichneten. Es bereitete ihm sogar Vergnügen, an mir äußerliche Mängel ausfindig zu machen und mich damit zu necken. Moderne Kleider und Frisuren, mit denen Katja mich gern an Feiertagen ausstaffierte, riefen seinerseits nur spöttische Bemerkungen hervor, die die gute Katja kränkten und mich in der ersten Zeit aus der Fassung brachten. Katja, für die es eine ausgemachte Sache war, daß ich ihm gefiel, konnte absolut nicht begreifen, daß es jemand nicht gern haben konnte, wenn sich ein junges Mädchen, dem er zugetan war, in möglichst vorteilhaftem Licht zeigte. Ich begriff jedoch bald, worauf es ihm ankam. Er wollte die Überzeugung gewinnen, daß ich nicht kokett sei. Sobald mir dies klargeworden war, sorgte ich dafür, daß meine Kleidung, Haartracht und Haltung fortan auch nicht einen Anflug von Koketterie aufwiesen, und begann statt dessen nur zu deutlich mit meiner Schlichtheit zu kokettieren – zu einer Zeit, als mir eine solche Schlichtheit noch gar nicht anstand. Ich wußte, daß er mich liebte – ob als Kind oder als Frau, diese Frage legte ich mir noch nicht vor –, und da mir seine Liebe teuer war und ich fühlte, daß er mich für das vollkommenste junge Mädchen der Welt hielt, mußte ich wünschen, ihm diese Illusion zu erhalten. So begann ich ihm ungewollt etwas vorzutäuschen. Doch indem ich ihn täuschte, läuterte ich mich selbst. Ich kam zu der Erkenntnis, um wieviel besser und würdiger es sei, ihn durch seelische Eigenschaften als durch körperliche Vorzüge zu bestechen. Meine Haartracht, meine Gesichtszüge und meine Gewohnheiten, mochten sie nun gut oder schlecht sein, schien er bereits so genau zu kennen und eingeschätzt zu haben, daß ich an meinem Äußeren, auch wenn ich den Wunsch hatte, ihn zu täuschen, nichts ändern konnte. Meine Seele hingegen kannte er nicht; und weil er sie liebte, weil sie sich zu jener Zeit noch im Zustand des Wachsens und der Entfaltung befand, hatte ich hier die Möglichkeit, ihn zu täuschen, und täuschte ihn auch. Wie unbefangen fühlte ich mich im Umgang mit ihm, nachdem ich dies klar erkannt hatte! Die unmotivierten Hemmungen, meine gezwungene Haltung in seiner Gegenwart legte ich vollständig ab. Ob er mich von vorn oder im Profil, sitzend oder stehend betrachtete, ob ich das Haar hoch oder flach frisiert hatte – ich fühlte, daß er mich durch und durch kannte und mit mir zufrieden war, so wie ich war. Wenn er mir, entgegen seiner Gewohnheit, gleich anderen plötzlich ein Kompliment wegen meines hübschen Gesichts gemacht hätte, es würde mich, glaube ich, nicht einmal erfreut haben. Doch wie froh und beglückt war ich, wenn er mich, nachdem ich irgendeine Bemerkung gemacht hatte, durchdringend ansah und mit gerührter Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben trachtete, zu mir sagte:

»Jaja, der Kern ist da. Sie sind ein prächtiges junges Mädchen, das muß ich sagen.«

Und wofür schließlich wurden mir damals solche Belobigungen zuteil, die mein Herz mit Stolz und Freude erfüllten? Dafür, daß ich Verständnis für die Liebe äußerte, mit der unser alter Grigori an seiner kleinen Enkelin hing; dafür, daß mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen hatte, bis zu Tränen rührten, oder dafür, daß ich Mozart mehr schätzte als Schulhoff! Erstaunlich für mich selbst war, mit welch außerordentlichem Feingefühl ich damals stets erriet, was gut war und wert, geliebt zu werden, obwohl ich dies zu jener Zeit noch gar nicht beurteilen konnte. Der überwiegende Teil meiner bisherigen Gepflogenheiten und Neigungen sagte ihm nicht zu, und er brauchte nur durch eine Bewegung der Augenbrauen, durch einen Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich gerade sagen wollte, mißfiel, und dabei seine besondere, geringschätzige, ja ein wenig verächtliche Miene aufzusetzen, dann glaubte ich schon, das nicht mehr zu lieben, was ich bis dahin geliebt hatte. Manchmal, wenn er sich anschickte, mir einen Rat zu erteilen, wußte ich im voraus, was er sagen würde. Stellte er mir eine Frage und sah mir dabei in die Augen, dann genügte sein Blick, um mir die von ihm gewünschte Antwort zu entlocken. Alle meine damaligen Gedanken und Empfindungen waren nicht meine eigenen, sondern seine Gedanken und Empfindungen, die sich unversehens auf mich übertragen hatten, in mein Leben eingegangen waren und es erhellten. Ohne daß ich mir selbst dessen bewußt war, sah ich jetzt alles mit ganz anderen Augen: Katja, unser Gesinde, Sonja und mich selbst und meine Beschäftigung. Bücher, die ich früher nur gelesen hatte, um mich der Langeweile zu erwehren, bereiteten mir nun einen unsagbaren Genuß; und dies nur deshalb, weil er mit mir über Bücher gesprochen hatte, weil wir zusammen gelesen hatten und er mir welche brachte. Früher war das Lernen mit Sonja, waren die Stunden, die ich ihr geben mußte, für mich eine schwere Last gewesen, die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; aber er hatte einigen Stunden beigewohnt – und seitdem machte es mir Freude, Sonjas Fortschritte zu verfolgen. Ein größeres Musikstück einzuüben hatte ich früher für unmöglich gehalten; jetzt jedoch, da ich wußte, daß er es sich anhören und mein Spiel vielleicht loben würde, spielte ich manchmal ein und dieselbe Passage vierzigmal hintereinander, ohne müde zu werden, so daß sich die arme Katja die Ohren mit Watte zustopfte. Dieselben Sonaten, die ich früher gespielt hatte, kamen nun ganz anders zur Geltung und klangen viel schöner als ehedem. Sogar Katja, die ich kannte und liebte wie mich selbst, auch sie veränderte sich in meinen Augen. Erst jetzt begriff ich, daß sie durchaus keine Verpflichtung hatte, uns Mutter, Freundin und Sklavin zu sein, wie sie es war. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Treue dieses liebevollen Geschöpfs, erkannte, was ich ihr alles zu danken hatte, und liebte sie noch mehr. Er lehrte mich auch, unsere Dienstboten, die Bauern, Gutsknechte und Mägde ganz anders zu betrachten als bisher. So merkwürdig es auch klingt, bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr war ich diesen Menschen, unter denen ich lebte, fremder gewesen als manchen anderen, die ich nie gesehen hatte; kein einziges Mal war mir der Gedanke gekommen, daß auch diese Menschen lieben, ihre Wünsche und ihren Kummer haben konnten so wie ich. Unser Garten, unsere Wälder und Felder, die ich schon so lange kannte, gewannen für mich auf einmal einen ganz neuen Reiz. Mit gutem Grund pflegte er zu sagen, daß es auf Erden nur ein einziges unzweifelhaftes Glück gebe: für andere zu leben. Mich irritierte es damals, ich verstand es nicht, doch unabhängig vom Verstand hatte diese Erkenntnis in meinem Herzen schon Einzug gefunden. Er erschloß mir ein ganz neues, von Freude an der Gegenwart erfülltes Leben, ohne an meinem Dasein etwas zu ändern und ohne meiner Gedankenwelt etwas hinzuzufügen außer sich selbst. Er brauchte nur zu kommen, und alles, was mich von Kindheit an umgeben hatte, ohne mir etwas zu sagen, alles das begann plötzlich zu sprechen, stürmte auf meine Seele ein und erfüllte sie mit Glück.

Oft, wenn ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinaufging und mich ins Bett legte, umfing mich statt der früheren, mit Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft verbundenen Frühlingsschwermut ein erregend beglückendes Gefühl der Freude über die Gegenwart. Ich konnte dann nicht einschlafen, stand auf, setzte mich zu Katja aufs Bett und erklärte ihr, daß ich vollkommen glücklich sei, obwohl es, soviel ich mich jetzt erinnere, einer solchen Erklärung gar nicht bedurft hätte: Sie konnte es selbst sehen. Meist küßte sie mich dann und sagte, daß auch sie restlos zufrieden und sehr glücklich sei, was ich ihr auch glaubte; denn es schien mir ganz in Ordnung und nur gerecht zu sein, daß alle glücklich waren. Immerhin konnte Katja dabei auch ans Schlafen denken; sie gab sich manchmal sogar den Anschein, sich zu ärgern, vertrieb mich von ihrem Bett und schlief ein, während ich noch lange über alles nachdachte, worüber ich so glücklich war. Mitunter stand ich auf und betete, mein Gebet in eigene Worte kleidend, ein zweites Mal, um Gott für all das Glück zu danken, mit dem er mich bedacht hatte.

In dem kleinen Zimmer war alles still; nur Katja atmete gleichmäßig im Schlaf, und neben ihr tickte die Uhr, während ich mich umdrehte und leise betete oder mich bekreuzigte und das Kreuzchen an meinem Hals küßte. Die Tür und die Fensterläden waren geschlossen, und irgendwo schwirrte summend an ein und derselben Stelle eine Fliege oder eine Mücke herum. Ich hatte den Wunsch, immer in diesem Stübchen zu bleiben, wollte nicht, daß es Morgen werde, wollte nicht, daß sich die beseelte Atmosphäre verflüchtige, von der ich umfangen war. Mir schien, als seien meine Wünsche, Gedanken und Gebete lebendige Wesen, die hier in der Dunkelheit mit mir hausten, mein Bett umschwebten, vor mir standen. Und jeder meiner Gedanken war sein Gedanke, jede Empfindung seine Empfindung. Ich wußte damals noch nicht, daß das Liebe war, und glaubte, daß dieses Gefühl immer vorhanden sein könne, daß es sich ganz von selbst ergebe.

3

Eines Tages, zur Zeit der Getreideernte, gingen Katja, Sonja und ich nach dem Essen in den Garten zu unserer Lieblingsbank, die im Schatten alter Linden an einem Abhang stand, von dem aus man den Wald und die Felder überblicken konnte. Sergej Michailytsch war schon seit drei Tagen nicht mehr bei uns gewesen, und wir rechneten an jenem Nachmittag mit seinem Besuch, zumal der Verwalter uns gesagt hatte, daß er versprochen habe, aufs Feld zu kommen. Gegen zwei Uhr sahen wir ihn am Roggenfeld entlangreiten. Katja ließ Pfirsiche und Kirschen bringen, die er besonders gern mochte, und legte sich, zu mir herüberlächelnd, auf die Bank, um zu schlummern. Ich pflückte einen krummen, flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und so saftiger Rinde, daß meine Hand ganz naß wurde, fächelte Katja damit Luft zu und las weiter, wobei ich alle Augenblicke vom Buch aufsah und zum Feldweg hinüberblickte, auf dem er kommen mußte. Sonja war damit beschäftigt, an den Wurzeln einer alten Linde eine Laube für ihre Puppen zu bauen. Es war ein heißer, schwüler und windstiller Tag, und schon vom Morgen an hatten sich am Himmel dunkle Wolken zusammengeballt und ein Gewitter angekündigt. Ich war aufgeregt wie immer vor einem Gewitter. Doch am Nachmittag begannen sich die Wolken an ihren Rändern zu lichten, und die Sonne erschien am klaren Himmel; nur von einer Seite her ließ sich von Zeit zu Zeit noch ein leichtes Grollen vernehmen, und eine schwere Wolke, die über dem Horizont hing und mit dem Staub der Felder verschmolz, wurde ab und zu bis zur Erde hin von fahlen Blitzen durchschnitten. Alles sprach dafür, daß sich heute kein Gewitter mehr entladen würde, wenigstens nicht bei uns. Auf der vom Garten aus teilweise übersehbaren Landstraße bewegte sich langsam eine nicht abreißende Kette knarrender, hoch mit Garben beladener Fuhren, denen die bereits abgeladenen Fuhrwerke, auf denen mit hin und her baumelnden Beinen und sich bauschenden Hemden die Leute saßen, in schneller Fahrt entgegengerasselt kamen. Eine dichte Staubwolke, die sich weder lichtete noch senkte, stand über dem Heckenzaun hinter dem durchsichtigen Laubwerk des Gartens. In einiger Entfernung, an der Tenne, war das gleiche Stimmengewirr und Rädergerassel zu hören, und die Garbenbündel, die sich vorher langsam am Zaun vorbeibewegt hatten, flogen dort durch die Luft und türmten sich vor meinen Augen zu ovalen Bauten auf, über denen sich ihre spitzen Dächer und die Silhouetten der auf ihnen geschäftig hantierenden Bauern abzeichneten. Vor sich in der Ferne sah man ebenfalls Wagen über das staubige Feld fahren, und auch von dort blinkten gelbe Garben, schallten Rädergerassel, Stimmen und Gesang herüber. Von der einen Seite erweiterte sich mehr und mehr die Fläche des abgeräumten Feldes, auf dem sich die Stoppeln und die von Wermut überwucherten Raine scharf abhoben. Rechter Hand, weiter abwärts, schimmerten auf dem mit durcheinanderliegenden Schwaden bedeckten Feld die bunten Kleider der Frauen, die, sich bückend und mit den Armen ausholend, dabei waren, sie zu bündeln. Statt des Durcheinanders entstanden lange, dichte Reihen sorgfältig zusammengestellter Garben. Es war, als vollziehe sich vor meinen Augen der Übergang des Sommers in den Herbst. Ringsum war die Luft staubig und heiß, ausgenommen allein unser Lieblingsplätzchen im Garten. Und in diesem Staub und der Glut der heißen Sonnenstrahlen hörte man zu allen Seiten die Stimmen, den Lärm und das Herumwirtschaften des arbeitenden Volkes.

Währenddessen schnarchte Katja leise und behaglich unter ihrem weißen Batisttüchlein auf unserer schattigen Bank, die dunklen, saftigen Kirschen glänzten so appetitlich auf dem Teller, unsere Kleider waren so frisch und sauber, das Wasser im Krüglein glitzerte so klar und verlockend, und mir war so wohl ums Herz! Es ist nun einmal so, dachte ich. Was kann ich dafür, daß ich glücklich bin? Doch wie könnte ich jemand an meinem Glück teilnehmen lassen? Wie und wem mich selbst und mein ganzes Glück hingeben? …

Die Sonne hatte sich bereits hinter die Baumkronen der Birkenallee gesenkt, der Staub auf dem Feld hatte sich gelegt, in der Ferne wurde alles deutlicher erkennbar und nahm bei der seitlichen Beleuchtung schärfere Umrisse an, die Wolken hatten sich gänzlich verzogen, und neben der Tenne konnte man durch das Laub der Bäume die Dächer dreier neuer Schober sehen, von denen die Bauern herunterkletterten; die Wagen sausten, von lauten Rufen begleitet, offenbar zum letztenmal vorüber, die Frauen traten mit Rechen über der Schulter und am Gürtel befestigten Strohseilen den Heimweg an, aber Sergej Michailytsch ließ noch immer auf sich warten, obwohl ich schon vor einer ganzen Weile gesehen hatte, daß er den Abhang heruntergeritten war. Doch da tauchte seine Gestalt in der Allee plötzlich aus einer Richtung auf, von wo ich ihn gar nicht erwartet hatte (er hatte den Umweg durch die Schlucht gemacht). Er zog den Hut und eilte mit heiterem, strahlendem Gesicht auf mich zu. Als er bemerkte, daß Katja schlief, biß er sich auf die Lippe, schloß die Augen und kam auf Zehenspitzen heran; ich merkte sofort, daß er sich in jener besonderen, unmotiviert übermütigen Stimmung befand, die ich an ihm schrecklich gern mochte und die von uns als »wilde Begeisterung« bezeichnet wurde. Er mutete wie ein Schuljunge an, der aus dem Unterricht entwischt ist; sein ganzes Wesen, vom Scheitel bis zur Sohle, strahlte Zufriedenheit, Glückseligkeit und kindlichen Übermut aus.

»Nun, guten Tag, was macht denn mein kleines Veilchen? Geht es ihm gut?« erkundigte er sich leise, als er zu mir trat und mir die Hand drückte. »Mir? Mir geht es ausgezeichnet«, antwortete er auf meine Frage. »Ich bin heute ein dreizehnjähriger Junge und möchte am liebsten Pferdchen spielen und auf die Bäume klettern.«

»In wilder Begeisterung?« fragte ich, in seine lachenden Augen blickend, und fühlte dabei, daß sich diese »wilde Begeisterung« auch auf mich übertrug.

»Ja«, antwortete er und blinzelte, ein Lächeln unterdrückend, mit einem Auge zu Katja hinüber. »Aber wofür hat denn Katerina Karlowna solche Schläge auf die Nase verdient?«

Während ich ihn ansah, hatte ich weiter mit dem Lindenzweig gefächelt und gar nicht bemerkt, daß ich dabei Katjas Tüchlein abgestreift hatte und ihr nun mit dem Laub über das Gesicht fuhr. Ich lachte.

»Aber dennoch wird sie behaupten, gar nicht geschlafen zu haben«, sagte ich im Flüsterton, scheinbar, um Katja nicht zu wecken; der wirkliche Grund war freilich ein ganz anderer: Es war mir einfach angenehm, mit ihm im Flüsterton zu sprechen.

Mich nachäffend, bewegte er seinerseits lautlos die Lippen, als hätte ich so leise gesprochen, daß überhaupt nichts zu hören war. Als er die Kirschen erblickte, nahm er, so tuend, als sollte ich es nicht bemerken, den Teller, ging mit ihm zu Sonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Sonja wurde zuerst böse, er versöhnte sie jedoch bald, indem er mit ihr ein Spielchen arrangierte, bei dem er und sie um die Wette Kirschen zu verzehren hatten.

»Wenn Sie mögen, kann ich noch welche bringen lassen«, sagte ich. »Oder wollen wir selber hingehen?«

Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir begaben uns alle drei nach dem Obstgarten. Sonja lief hinter ihm her und zupfte ihn am Mantel, damit er ihr die Puppen wiedergebe. Er gab sie ihr und wandte sich, nun ernsthaft, an mich.

»Nein, wirklich, Sie sind immer noch ein Veilchen«, sagte er, auch jetzt noch leise sprechend, obwohl man hier nicht besorgt zu sein brauchte, jemand zu wecken. »Als ich aus all dem Staub, der Hitze und dem ganzen Getriebe auf Sie zukam, war mir sogleich, als schlüge mir der Duft von Veilchen entgegen, aber nicht von stark duftenden Veilchen, sondern von jenen ersten, wissen Sie, die noch dunkel schimmern und nach geschmolzenem Schnee und nach Frühlingsgräsern riechen.«

»Wie sieht es denn in der Wirtschaft aus? Geht alles gut?« fragte ich, um die Freude und Verwirrung zu verbergen, in die mich seine Worte versetzt hatten.

»Ausgezeichnet! Diese Bauern sind alle so prächtig. Je näher man sie kennenlernt, um so mehr gewinnt man sie lieb.«

»Ja, als ich, bevor Sie kamen, vom Garten aus die Arbeiten beobachtete«, sagte ich, »hatte ich sogar Gewissensbisse, daß ich es mir hier so wohl sein ließ, während sie sich abmühten …«

»Kokettieren Sie damit nicht, liebste Freundin«, unterbrach er mich und blickte mir plötzlich mit einem ernsten, wenn auch zärtlichen Ausdruck in die Augen. »Dies ist eine heilige Sache. Behüte Gott Sie davor, sie zum Kokettieren zu benutzen.«

»Ich habe das auch nur zu Ihnen so gesagt.«

»Nun ja, ich weiß. Wie ist es also mit den Kirschen?«

Die Tür zum Obstgarten war verschlossen, und von den Gärtnern war keiner da (er hatte sie alle aufs Feld geschickt). Sonja lief nach dem Schlüssel, aber er wartete ihre Rückkehr nicht erst ab, sondern kletterte auf die Mauer, hob das Netz hoch und sprang hinüber.

»Wollen Sie auch welche?« rief er mir von dort zu. »Geben Sie den Teller her.«

»Nein, ich will selbst pflücken und werde den Schlüssel holen«,

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