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Die Kommissarin und der lange Tod

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Teil I
    1. Damals (1)
      1. 1
      2. 2
      3. 3
      4. 4
      5. 5
      6. 6
      7. 7
      8. 8
      9. 9
      10. 10
      11. 11
      12. 12
      13. 13
      14. 14
  7. Teil II
    1. Damals (2)
      1. 15
      2. 16
      3. 17
      4. 18
      5. 19
      6. 20
      7. 21
      8. 22
      9. 23
      10. 24
    2. Damals (3)
      1. 25
      2. 26
  8. Epilog
  9. Danksagung
  10. Hinweis

Über das Buch

Kriminalkommissarin Antje Servatius hat als alleinerziehende Mutter einer körperlich behinderten Tochter genug Probleme: Kira ist hochintelligent, aber findet nur schwer Kontakt, und nach einem Schulwechsel scheint die Vierzehnjährige ihrer Mutter etwas zu verschweigen. Während sich die Situation zu Hause zuspitzt, bekommt Antje einen neuen Fall: Zwei Männer wurden ermordet, die Leichen auf rätselhafte Weise inszeniert. Die Spuren führen in einen Sommer, der weit zurückliegt, aber längst nicht bei allen vergessen scheint … Antje Servatius ermittelt in ihrem ersten Fall

Über die Autoren

Peter Strotmann lebt und arbeitet in Köln. Tätigkeiten als Journalist, Redakteur, Deutschdozent, Dreh- und Jugendbuchautor. DIE KOMMISSARIN UND DER LANGE TOD ist sein erster Kriminalroman.

Annette Neubauer lebt als freie Kinderbuchautorin in Köln. Ihre Titel wurden in über 20 Sprachen übersetzt. DIE KOMMISSARIN UND DER LANGE TOD ist ihr erster Krimi für Erwachsene.

PETER STROTMANN
ANNETTE NEUBAUER

 

Die                 

KOMMISSARIN

und der                     

   lange

TOD       

KRIMINALROMAN

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TEIL I

DAMALS (1)

Ein Windstoß fährt durch den Busch am Eingang, bringt die leuchtend grünen Blätter zum Erzittern. Letzte Sonnenstrahlen fallen herein, auf den Felsblock, der sich in der Mitte erhebt wie ein Altar, bereit für ein Opfer, auf den Schiefer dahinter, lassen das alte Gestein lebendig werden und aufleuchten, in Rot und Gelb und Ocker. Ein Salamander sitzt auf der erflammten Wand, den Kopf nach unten, und wärmt sich in der Sonne. Ein Feuersalamander. Weiter hinten, dort, wo kein Licht mehr hin dringt, tropft es in einen Tümpel. Wieder und wieder und wieder, stetig und unentrinnbar, wie eine Uhr, die tickt. Ansonsten ist es still – noch …

1

Obwohl Rudi Seidel in den Text auf seinem Bildschirm vertieft war – eine Zeugenaussage, die er heute noch zu den Akten geben wollte –, bemerkte er, wie am Schreibtisch gegenüber Bewegung entstand. Seine Kollegin, nominell Chefin, hatte sich erhoben und nahm ihren Parka von der Stuhllehne. Erstaunt schaute er Antje Servatius an.

»Kiras Geburtstag«, erklärte die Kriminalhauptkommissarin. »Hatte ich doch gesagt, oder? Ich muss kochen.«

»Was gibt’s denn?« Seidel grinste. »Tiefkühlpizza?«

Die 38-Jährige lächelte, was sie, wie ihr Kollege fand, viel zu selten tat. »Ist nicht jeder so ein Drei-Sterne-Koch wie du.«

»Anderthalb. Höchstens. Jedenfalls viel Spaß.«

Servatius schlüpfte in ihren Parka. »Euch auch einen schönen Feierabend.«

Nun tat sich auch am dritten Arbeitsplatz etwas, am Schreibtisch neben der Tür zum Flur. Heiner Gaarst stand auf. »Kann ich dann auch –?«

»Ist schon okay«, sagte Antje Servatius.

Der Neue, der erst seit wenigen Tagen zum Team gehörte, antwortete mit einem unvermittelten Niesen, das ihn komplett durchschüttelte.

»Nicht, dass Sie auch noch krank werden.« Rudi Seidel zog die Stirn in Falten. Im Präsidium wütete eine erste, überraschend frühe Grippewelle.

»Ich werde nie krank«, versetzte Gaarst trocken. Dann grüßte der 35-Jährige mit einer knappen Handbewegung und schob seinen hageren Körper durch die Tür.

Seidel und Servatius wechselten einen Blick.

»Er muss ein tolles Immunsystem haben«, staunte der Kriminalkommissar.

»Sieht man ihm gar nicht an«, entgegnete Servatius und verabschiedete sich mit einem flüchtigen Winken.

Minuten später war Seidel gerade dabei, seinen Computer herunterzufahren, als das Telefon klingelte. Ein Anruf aus dem Haus, wie er an der Nummer im Display erkannte. Seidel witterte Ungemach, dennoch nahm er ab. »Ich will’s gar nicht wissen, Tillmann.«

»Ich sag’s dir trotzdem.« Tillman Drehmel war ein Kollege aus dem KK 62 (Vermisstenfälle), in dem Seidel gearbeitet hatte, bevor er vor einem guten Jahr zum KK 11 (Tötungs-, Sexual-, Raubdelikte, Erpressung) gewechselt war. »Ich hab hier einen jungen Mann, der seinen Freund vermisst. Und der Chef findet, das kannst du übernehmen.«

»Und warum findet er das?« Seidel verzog unwillig den Mund. »Zu viele Fälle?«

»Zu viele Fälle. Und zu wenig Leute, weil zu viel Grippe. Und es gab eine informelle Regelung, du erinnerst dich.«

Diese informelle Regelung besagte, dass Rudi Seidel in Ausnahmesituationen auf einen Vermisstenfall angesetzt werden konnte. Eine solche Situation war allerdings noch nie eingetreten. Bis jetzt.

»Na schön, schick den Mann rüber.« Seidel schaute, während er wartete, in die herbstliche Dunkelheit jenseits des Fensters. In einer Viertelstunde war er mit Frau und Kindern zum Abendessen verabredet, »All you can eat« im Köln Triangle. Das würde nun eng werden. Er schickte einen stummen Stoßseufzer an die frisch gestrichene Bürodecke.

Der fast zierlich zu nennende Mann, der keine Minute später die Tür aufriss, war nicht so jung wie angekündigt, sondern eher Ende 30. Aber er kleidete sich jugendlich: schwarze Lederjacke, weißes T-Shirt, tadellos sitzende Jeans. Allein die hektischen Flecken im Gesicht störten den coolen Gesamteindruck.

»Jack ist weg! Er ist weg!!«

»Wer ist Jack?«

»Mein Freund. Mein Partner. Sie müssen ihn finden!«

Seidel streckte seinem Besucher, um die Situation etwas unaufgeregter zu gestalten, erst einmal die Hand hin.

»Rudi Seidel. Seit wann ist Jack denn verschwunden, Herr …?«

»Henning, Frank Henning. Seit gestern.« Henning schien die ausgestreckte Hand gar nicht zu sehen; er setzte sich einfach. »Seit gestern Abend. Wir waren zum Essen eingeladen, und Jack ist einfach nicht aufgetaucht!«

»Seit gestern Abend.« Seidel ließ einige Sekunden verstreichen, ehe er fortfuhr: »Das sind noch nicht einmal 24 Stunden.«

»Hören Sie, mir ist scheißegal, wie viele Stunden das sind!« Die Flecken im Gesicht des Besuchers schienen noch dunkler zu werden. »Ihm muss etwas zugestoßen sein! Er ist nicht zu diesem Essen gekommen und nachts auch nicht zu Hause gewesen. Er hat nicht angerufen, und ich habe ihn nicht erreicht. Dabei telefonieren wir mehrmals am Tag. Und heute war er auch nicht im Büro.«

»Was arbeitet er denn?«

»Jack ist Architekt. Und dass er verschwunden ist, hat mit seinem Job zu tun! Ich bin mir absolut sicher.«

»Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte dafür?«, fragte Seidel.

»Da war dieser Anruf, vorgestern.«

»Von wem?«

»Das weiß ich nicht. Als ich in die Wohnung kam, legte er gerade sein Handy weg. Aber Jack war total geistesabwesend.«

»Wenn dieser Anruf wirklich eine Rolle bei seinem Verschwinden gespielt hat – kann er nicht auch privater Natur gewesen sein?«

»Ausgeschlossen! Privat haben wir keine Probleme und keine Geheimnisse.«

»Und das war gestern.«

Henning nickte heftig. Also keine 24 Stunden. Seidels Finger der rechten Hand spielten ein kleines Trommelsolo auf der Schreibtischplatte. Sein Magen meldete sich mit einem vernehmlichen Knurren. Er sah Juliane und seine drei Kinder vor sich, wie sie am Eingang des Restaurants im LVR-Turm standen und frierend auf ihn warteten, während er einem Vermisstenfall nachging, der möglicherweise gar keiner war. Er unterdrückte ein Seufzen.

»Gut. Ich nehme Ihre Anzeige auf. Aber mehr kann ich vorerst nicht tun.« Er fuhr seinen Computer wieder hoch und schaute nach draußen. Das Licht der Straßenlaternen war nur noch schemenhaft zu sehen. Nebel zog auf.

2

Sie liebte den Nebel.

Der Nebel verschluckte alles. Die Geräusche, die Dinge, die Menschen. Auch sie selbst. Im Nebel hatte sie das Gefühl, sich verstecken, verschwinden zu können. Ein befreiendes Gefühl.

Und er machte alles gleich. Oder zumindest gleicher. Wenn er dicht genug war, wusste man nicht einmal, ob man gerade in einer Straße mit Reihenhäusern unterwegs war oder, wie jetzt, in einem Villenviertel.

Sie liebte den Nebel. Daher hatte sie auch den Bus zurück vom Stadtzentrum genommen und kein Taxi. Sie hätte eins nehmen können, er hatte ihr das Geld dafür in die Hand gedrückt, als er am Morgen aufgebrochen war. Sie hatte es nicht benutzt. Taxifahren war in ihren Augen Verschwendung. Und da der Bus das Villenviertel nur streifte und die nächste Haltestelle zehn Minuten entfernt lag, kam sie in den Genuss eines spätabendlichen Spaziergangs durch die Schicht aus schmutzig gelber Watte, die sich über die Stadt gelegt hatte.

Mittags, auf dem Weg in die Stadt, hatte sie einmal mehr die Nase gerümpft über die Größe der Grundstücke, an denen sie vorbeigekommen war, über die protzigen Villen, die auf ihnen standen. Jetzt war kaum etwas von ihnen auszumachen, und die kunstvoll gestutzten Büsche in den Vorgärten sahen aus wie Monster in einem Horrorfilm.

Sie bog in die kurze Sackgasse ein, an deren Ende das Anwesen ihres Vaters lag. Ein unvermittelter Windstoß fuhr durch die Hecke zu ihrer Linken und ließ die welken Laubreste rascheln. Fröstelnd zog sie die Bomberjacke fester um ihren Oberkörper, spürte dabei das kleine Päckchen in der Innentasche. Ihr Abschiedsgeschenk für ihn. Der kitschige Dom aus Schokolade und Marzipan, erstanden in einer kleinen Seitenstraße im Windschatten der Kathedrale, in einem der unzähligen Touristenläden, was in gewisser Weise passend war für ihre Situation. Sie fühlte sich immer noch als Touristin hier, als Gast, auf Besuch bei einem entfernten Verwandten. Und morgen war sie wieder weg.

Aber er hat ein kleines Geschenk verdient, dachte sie, während ihre klammen Finger die Tür aufschlossen, die in das stählerne Doppeltor eingelassen war, und sie den Weg zum Haus betrat. Stumpf knirschten die Kiesel unter ihren Stiefeln. Sie beide hatten sich ein Geschenk verdient. Sie lebten immer noch in zwei grundverschiedenen Welten. Er lästerte über ihre Piercings, sie lästerte über seine Sendung, die in ihren Augen noch überflüssiger war als der Rest des Fernsehprogramms. »Finde ich manchmal auch«, hatte er gesagt und gegrinst. Sie hatten häufiger gegrinst in den letzten Tagen. Es gab so etwas wie Zeichen von Annäherung. Man hatte nur einen Vater, und den konnte man sich nicht aussuchen. Auch wenn er ein Großkotz ist, dachte sie mit Blick auf die Säulen, die das breite Eingangsportal trugen. Säulen. Wie bei den alten Römern. Wer brauchte so was?

Sekunden später stand sie in der Halle des Gründerzeitbaus. Leise fiel die Tür hinter ihr ins Schloss, dann umfingen sie Stille und Dunkelheit. Nur aus einem Raum hinten links drang Licht. Das Wohnzimmer. Sie ließ das Display ihres Handys aufleuchten. Viertel nach elf. Natürlich, er guckte seine Sendung. Er guckte seine Sendung jeden Abend – um dazuzulernen, wie er behauptete. Aus purer Eitelkeit, wie sie vermutete. Im gleichen Moment fiel ihr auf, dass zu dem Szenario etwas fehlte. Der Ton. Hatte er den Fernseher leise gestellt, um seine Mimik besser zu studieren? Oder war er sogar dazu übergegangen, die Sendung mit Kopfhörern zu verfolgen, um seine sonore Stimme besser zu hören? Beides wäre ihm zuzutrauen.

Sie beschloss, ihn zu überraschen. Also schaltete sie das Licht nicht ein und tastete sich mit vorsichtigen Schritten über die Marmorfliesen der Halle. Er würde ihr Vorwürfe machen, dass sie so spät zurückkam. Sie würde sie abperlen lassen. Für Vorwürfe war die Annäherung noch nicht weit genug. Sie zippte den Reißverschluss ihrer Jacke auf und fingerte das Geschenk aus der Innentasche. Vielleicht konnten sie den Dom, dieses Monstrum von Kirche, ja mal zusammen besteigen, bis ganz oben in den Turm? Vielleicht beim nächsten Mal, dachte sie.

Als sie in die Tür trat, ging ihr erster Blick zur gegenüberliegenden Wand. Der große Bildschirm war dunkel. Und ihr Vater saß auch nicht in seinem schwarzledernen Fernsehsessel, wie gewohnt.

»Papa?« Sie wollte sich schon abwenden, um in der Küche nachzuschauen, da fing ihr Blick einen Gegenstand auf, der hinter der Polstergruppe hervorragte. Zögernd trat sie näher.

Es war kein Gegenstand. Es war ein Fuß. Sie merkte, wie ihr der Atem stockte. Ihr Vater lag mit angezogenen Beinen auf dem Teppich, die schwarzen Haare am Hinterkopf rot und weißlich-gelb verfärbt. Sein leerer Blick hatte etwas Verwundertes und zugleich Vorwurfsvolles. Er würde keinen Kirchturm der Welt mehr besteigen.

Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.

***

Leise Gitarrenmusik holte Antje Servatius mitten aus ihrem Traum in die Realität zurück. Benommen tastete sie im Dunkeln nach ihrem Handy, stieß es dabei vom Nachttisch und fand es zwischen Jeans und Unterwäsche. Sie blickte aufs Display, stöhnte, zögerte, atmete tief die kalte Luft ein, die durch das geöffnete Fenster kam, um schließlich die grüne Taste zu drücken.

»Morgen, Antje!«, hörte sie die freundliche Stimme ihres Kollegen. »Wie war die Geburtstagsfeier?«

Sie hatte nicht die geringste Lust auf Konversation, und sie wusste, dass es darum auch nicht ging. »Wer ist es?«

»Circa 45 Jahre, männlich«, drang es in ihr Ohr, während sie auf den Wecker blickte. Erst kurz vor ein Uhr, gerade mal zwei Stunden Schlaf. Sie spürte die Kopfschmerzen, die sich blitzartig in ihrer Stirn ausbreiteten. Sie kamen nicht oder nicht allein vom Wein, den sie am Abend getrunken hatte, und würden sie den ganzen Tag über begleiten. »Ein Mann namens Torben Grönewald.« Seidels Stimme hatte etwas Erwartungsvolles.

»Ja und?« Sie richtete sich auf und knipste das Licht der Nachttischlampe an. Die plötzliche Helligkeit stach wie Messerstiche in ihre Augen. Geblendet warf sie die Bettdecke zur Seite und griff nach ihren Kleidern auf dem Boden.

»Du kannst mit dem Namen nichts anfangen? Klar, du guckst im Fernsehen ja auch nur die Nachrichten.«

»Und die auch nur am Wochenende. Also, was sollte mir der Name sagen?«

»Torben Grönewald war bis gestern jeden Abend im Fernsehen zu bewundern, unter der Woche jedenfalls. Als Talkmaster. Die Sendung hieß schlicht Grönewald. Sagt wohl einiges über seine Popularität. Auf jeden Fall liegt er nun tot in seinem Wohnzimmer.«

»Wer hat ihn gefunden?«

»Seine Tochter.«

»Gib mir 30 Minuten.«

Sie zog Jeans und Pullover über und ging in die Küche. Obwohl sie sich so kraftlos fühlte, als sei der letzte Funke Energie aus ihr herausgesaugt worden, verspürte sie wie so oft in letzter Zeit eine innere Unruhe, ein unangenehmes Kribbeln im ganzen Körper. Sie stellte die Kaffeemaschine an, legte eine Kapsel in die Mulde und nahm einen Becher aus dem Schrank. Dann ging sie zu Kiras Zimmer und öffnete die Tür einen Spalt. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf das Gesicht ihrer Tochter, die in ihrem Bett lag und friedlich schlief. Wie schön sie war. Jedes Mal, wenn sie Kira sah, wollte Antje sie vor allem Bösen dieser Welt beschützen. Leider gelang ihr das in letzter Zeit immer seltener und würde in Zukunft nahezu unmöglich werden. Kira musste allein ihren Weg im Leben finden, der für sie noch viel steiniger sein würde als für andere Mädchen in ihrem Alter. Das Licht fiel auch auf das Geburtstagsgeschenk, das Kira im Schlaf umschlungen hielt wie ein Schmusetuch: einen Pullover aus Kaschmirwolle, weinrot und etwas weit ausgeschnitten, wie Antje eigentlich fand, als sie das Ding im Geschäft in den Händen hielt. »Das ist eher was für eine Frau«, hatte sie zweifelnd bemerkt. »Na eben«, hatte Dunja gesagt, ihrer beider beste Freundin, »Kira wird langsam eine Frau.«

Leise schloss Antje die Tür und trank hastig ihren Kaffee. Dann schrieb sie eine Nachricht für den Fall, dass Kira aufwachen und sie suchen würde, und legte den Zettel gut sichtbar auf den Küchentisch. Sie wollte den Becher in die Spüle entsorgen, aber da standen noch die schmutzigen Teller vom Vorabend, drei an der Zahl, Dunja war der einzige Geburtstagsgast gewesen. Sushi to go, Seidel hatte also danebengelegen. Hastig stellte sie den Becher am Rand ab, doch er glitt ihr aus der Hand. Die Stille der Nacht wurde durch einen lauten Knall durchbrochen. Dann wieder absolute Stille, die Ruhe einer ländlichen Umgebung, bis sich eine Tür öffnete.

»Mama?« Kira stand mit ihren Krücken unter den Achseln im Türrahmen. In ihrem Schlafanzug wirkte sie noch verlorener als sonst, fiel Antje auf, während sie die Scherben von den Küchenfliesen sammelte.

»Ich muss noch einmal los, meine Süße.« Antje ging zu ihrer Tochter und küsste sie auf die Stirn. »Willst du dich nicht wieder ins Bett kuscheln und weiterschlafen?«

»Wo…« Kiras Gesichtsmuskeln verkrampften sich. Dann, plötzlich, stieß sie das Wort ruckartig hervor. »Wohin?« Wieder öffnete sich der Mund, ohne einen Laut von sich zu geben, bis sie fast explosiv fragte: »Hat es wieder jemanden erwischt?«

»Erraten!« Antje drängte ihre Tochter sanft zurück in ihr Zimmer.

»Kann waaaaa…« Sie brach ab, um erneut anzusetzen. »Kann warten.«

»Die Leiche schon.« Antje musste lächeln. So schwer ihrer Tochter das Sprechen fiel, so schnell war sie im Kopf. »Aber der Tatort nicht. Das weißt du doch.«

»Wer … ist es?« Kira setzte sich auf den Bettrand und stellte die Krücken griffbereit an ihrem Nachttisch ab. Als Antje ihr helfen wollte, stieß sie die Hand der Mutter zur Seite. Was Kira allein konnte, machte sie auch allein.

»Das verrate ich dir morgen.« Antje wollte nicht, dass Kira weitere Fragen stellte.

»Beim … Früh… Frühstück?«, fragte Kira, wobei sie Antjes Blick auswich. Ihrer Tochter fiel es oft schwer, allein zu sein. Das würde sie natürlich nie zugeben. Die Frage nach dem gemeinsamen Frühstück war im Grunde die umschriebene Bitte »Bleib nicht zu lange weg«. Antje hoffte inständig, dass sie rechtzeitig zurück sein würde, um Kira zur Schule zu bringen, obwohl ihre jetzt 14-jährige Tochter immer öfter darauf bestand, mit dem Bus zur Schule zu fahren.

Antje deckte sie behutsam zu. »Wenn ich wiederkomme, bringe ich Brötchen mit. Dann frühstücken wir. Einverstanden?«

»Bloß keinen Stress!« Kira rollte sich unter der Decke zusammen.

»Versprochen!«, antwortete Antje und strich Kira lächelnd eine dunkle Strähne aus der Stirn. »Jetzt wird geschlafen.«

Nachdem Kira die Augen geschlossen hatte, schlich Antje aus dem Zimmer in den Flur. Dort stieg sie in ihre Stiefel, nahm den Wollmantel vom Haken und trat in die kalte Nacht. Rabenmutter! Sie schüttelte sich, um den Gedanken zu verscheuchen, und zog tief die Luft ein. Ihr schlechtes Gewissen verfolgte sie genauso penetrant wie die permanente Angst, dass Kira etwas passieren könnte. Aber jetzt musste sie sich auf das konzentrieren, was vor ihr lag, sich darauf einstellen, bald vor einer Leiche zu stehen und damit am Anfang eines neuen Falls, der dazu noch in der Öffentlichkeit breitgetreten würde. Der kriminalistische Jagdtrieb vertrieb die letzte Müdigkeit. Sie eilte durch den verwilderten Garten des alten Bauernhofs zu ihrem Auto – ein Gebrauchtwagen, den ihre Freundin Dunja ihr überlassen hatte, als sie sich letzten Sommer ein neueres Modell gekauft hatte. Antje zog den Schlüssel aus der Manteltasche, öffnete die Tür und schob ihren hochgewachsenen Körper zwischen Sitz und Lenkrad. Sie fuhr sich mit den Händen durch ihr kurzes schwarzes Haar, ehe sie zum Sicherheitsgurt griff und die Anlage aufdrehte. Sekunden später dröhnte Led Zeppelin aus den Boxen.

Ein Polizeibeamter stand vor dem offenen Tor zu Torben Grönewalds Grundstück und versuchte, die Schaulustigen zurückzuhalten. Einige trugen nur Hausschuhe und Morgenmantel, Nachbarn wahrscheinlich. Die Nachricht, dass etwas in Grönewalds Haus passiert war, musste sich wie Lauffeuer in den sozialen Netzwerken verbreitet haben. Antje Servatius drängte sich durch die Menge, nickte dem Beamten knapp zu und schlüpfte durch die Absperrung. Sie konnte die Größe des Anwesens nur erahnen, der Nebel lag schwer zwischen den Büschen und Bäumen. Sie hüllte sich tiefer in ihren Mantel und zog unwillkürlich die Schultern hoch, als sie auf die Eingangstür zuging, aus der helles Licht drang. Kniebsch von der Spurensicherung kam ihr entgegen und grüßte mit einem Nicken. Dahinter, in der Tür, zeichnete sich eine vertraute, etwas dickliche Gestalt ab. Rudi Seidel lächelte, gut gelaunt und hellwach. Dabei hatte er sogar drei Kinder zu Hause – allerdings allesamt kerngesund. Rudi hielt ihr den Schutzanzug hin. Sie hängte ihren Mantel an die Garderobe und schlüpfte in die weiße Ganzkörperhülle, und ihre innere Verwandlung begann. Sie gewann Distanz zu dem, was sie gleich sehen würde. Sie gewann auch Distanz zu sich selbst; so konnte sie zum Opfer werden. Und zum Täter. Während sie die Einmal-Handschuhe überstreifte, schaute sie sich um: In diesem Haus hatte Torben Grönewald gewohnt, gelebt, gearbeitet, geliebt. Und an genau der Stelle, an der sie jetzt stand, hatte der Täter das Opfer vielleicht beobachtet. Vielleicht hatten sie sich hier sogar begrüßt. Vielleicht waren die beiden auch befreundet gewesen.

»Geradeaus durch.« Als ihr Kollege sich abwandte, sah sie, dass eine widerspenstige Locke unter der Kapuze seines Anzugs hervorlugte. Sie war grau. Antje Servatius hatte sie vorher noch nie bemerkt. Anscheinend hinterließ sein glückliches Familienleben doch Spuren, registrierte sie mit einem Anflug von Genugtuung. Sie folgte Seidel durch eine ausladende, rundum mit Holz vertäfelte Halle. An der Tür zum Wohnzimmer blieb sie kurz stehen, um tief einzuatmen. Jeder neue Tatort war eine Herausforderung für sie, immer noch. Dann trat sie ein.

Wie gewohnt tastete sie als Erstes mit schnellen Blicken den Raum ab. So groß das Wohnzimmer auch sein mochte, die Einrichtung war auf das Wesentliche reduziert. Zwei, drei Bücherregale, eine Polstergruppe (schwarzes Leder), ein Lese- und Fernsehsessel, an der Wand gegenüber ein Großbildfernseher, der den Raum jedoch nicht dominierte. In der hinteren Ecke des Zimmers, nahe der Tür zur Terrasse, stand eine große chinesische Vase mit einer einzelnen weißen Lilie. Die Einrichtung atmete den souveränen Geschmack eines Menschen, der viel Geld hatte, so viel Geld, dass er nicht damit protzen musste. Die Säulen am Eingang gingen bestimmt auf das Konto der Vorbesitzer. Auch der Teppich, auf dem die Leiche lag, wirkte schlicht in seinem fast schmutzigen Grau. Dabei war er mit Sicherheit handgeknüpft.

Grönewald lag auf der Seite, die Beine dicht an den Körper gezogen, den Kopf bis an die Knie gedrückt. Wie ein Embryo, dachte sie unwillkürlich. Der Talkmaster trug legere Abendkleidung, ein Sakko, schwarze Jeans, ein weißes Hemd, das allerdings teilweise aus der Hose gerutscht oder gezogen worden war. Am Hinterkopf waren Blut und Hirnmasse ausgetreten, hatten sich mit dem Grau des Teppichs zu einer undefinierbaren Farbmelange verbunden. Normalerweise gestattete sich die Kommissarin keine Empfindungen von Ekel und Übelkeit, und sie hatte schon blutigere Tatorte gesehen. Aber der wenige Schlaf und die Kopfschmerzen rissen ein klaffendes Loch in ihr professionelles Abwehrsystem. Sie merkte, wie sie unsicher auf den Beinen wurde, und fixierte Hinrichsmeyer, den glatzköpfigen Rechtsmediziner, der am Fernsehsessel stand.

»Schwere Schädelverletzungen. Todeszeitpunkt zwischen acht und zehn gestern Abend.« Hinrichsmeyer ließ seinen Koffer zuschnappen.

»Irgendwelche Spuren von der Tatwaffe?«

»Nein. Aber wenn man nach der Art der Verletzungen geht, muss es sich um einen scharfkantigen Gegenstand gehandelt haben. Näheres dann morgen früh.« Der Rechtsmediziner verabschiedete sich mit einem müden Nicken.

Antje Servatius ging langsam um die Leiche herum und betrachtete sie von allen Seiten. »Wo ist das Mädchen?«

»Oben«, erklärte Seidel. »Im Arbeitszimmer.«

»Merkwürdig. So wie das Blut und Hirn auf dem Teppich verteilt sind, sollte man von einem Kampf ausgehen. Aber jetzt liegt er so friedlich da.«

Grönewalds Kinn schien regelrecht auf seiner linken Hand zu ruhen. Die Kommissarin ging in die Hocke.

»Ein Muttermal an der Stelle hat auch nicht jeder«, warf ihr Kollege ein.

»Was für ein Muttermal?« Sie beugte sich vor. Grönewald hatte einen großen, fast herzförmigen braunen Fleck unter dem Kinn. Antje Servatius beugte sich noch weiter vor, um das Gesicht sehen zu können. Und plötzlich meldete sich die Übelkeit von eben zurück. Unter den erstaunten Blicken ihrer Kollegen schaffte sie es gerade noch zur Gästetoilette direkt gegenüber vom Wohnzimmer, ehe das Sushi hochkam.

Nina Außem saß im Arbeitszimmer im ersten Stock, auf dem Schreibtischstuhl, die Arme auf die breiten Lehnen gestützt, die Beine in einer Art Schneidersitz unter sich verschränkt. Sie wirkte angespannt, bis in die letzte Faser ihres Körpers. Immer wieder fuhr sich die 15-Jährige durch die verwuschelten schwarzen Haare. Am Mittelfinger ihrer Hand glänzte ein etwas klobiger Ring. Die schwarzen Kajalstriche unter ihren Augen waren verwischt. Sie hatte geweint. Jetzt versuchte sie, es nicht zu tun. Auch Nina hatte einen Schutzanzug übergestreift – einen unsichtbaren. Antje Servatius fragte sich, wie lange der halten würde. Sie schaute auf den Personalausweis in ihrer Hand. »Sie wohnen nicht bei Ihrem Vater.«

Nina schüttelte den Kopf. »Bei meiner Mutter, in Bremen. Ich bin zu Besuch hier.«

»Wann sind Sie nach Hause – ich meine, in die Villa gekommen?«

»So um Viertel nach elf.«

»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, als Sie ankamen?«

Nina schüttelte den Kopf.

»Sind Sie auf der Straße vielleicht jemandem begegnet?«

Erneutes Kopfschütteln.

»Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen oder gesprochen?«

»Heute Morgen, bevor ich losgefahren bin.«

»Losgefahren? Wohin?«

»In die Stadt.«

»Und was haben Sie in der Stadt gemacht, den ganzen Tag?«

»Rumgelaufen, paar Sachen angeguckt, das Schokoladenmuseum, mit der Seilbahn über den Rhein gefahren …« Das Mädchen zuckte unbestimmt die Achseln.

Teenager hatten noch eine eigene Vorstellung von Zeit und davon, wie man sie ausfüllte. Antje Servatius hätte nicht sagen können, wann sie selbst den letzten Tag nur mit Rumlaufen und Sachen angucken verbracht hatte. Das war ewig her.

»Und heute Morgen, als Sie sich verabschiedeten, war da irgendetwas anders? Hat ihr Vater sich merkwürdig benommen?«

»Eigentlich nicht. Er war wie immer.« Nina fuhr mit der Zunge über ihr Lippenpiercing. Mit ihren hohen Wangenknochen, mit den hellblauen Augen, die zum Schwarz ihrer Haare in auffälligem Gegensatz standen, strahlte die 15-Jährige eine widerspenstige Schönheit aus; eine Schönheit, die durch das Piercing für Antjes Empfinden entstellt wurde. Aber Nina, das ahnte die Kommissarin, wollte sich entstellen. Sie wollte nicht schön sein. Das Mädchen suchte sich noch.

»Sie sagen, Sie haben Ihren Vater besucht?«

»Nur für ein paar Tage. Morgen will – wollte ich wieder weg.«

»Ihr Vater lebt also allein hier?«

»Torben Grönewald ist verheiratet.« Rudi Seidel schaltete sich ein, er lehnte an der geschlossenen Tür. »Seine Frau macht einen Kurzurlaub in der Schweiz. Wir haben sie bis jetzt noch nicht erreicht. Berit Grönewald wird aber ohnehin morgen zurückerwartet.«

Die Tochter besuchte ihren Vater also, während die Ehefrau in Urlaub war. Und wenn die Ehefrau zurückerwartet wurde, packte die Tochter ihre Sachen. Antje Servatius wandte sich wieder Nina Außem zu.

»Hatten Sie regelmäßig Kontakt zu Ihrem Vater? Wie war Ihre Beziehung zu ihm?«

»Ich habe ihn lange gar nicht gekannt. Ich wollte keinen Kontakt. Erst in den letzten zwei Jahren haben wir uns ab und zu getroffen. Eine Beziehung? Die entstand gerade erst …« Nina verstummte und senkte den Kopf. Der Schutzanzug des Mädchens wurde rissig.

»Gut möglich, dass ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen muss«, sagte Antje Servatius. »Aber wir machen morgen weiter. Gibt es in Köln jemand, bei dem Sie vorübergehend bleiben können?«

Nina schüttelte den Kopf.

»Was ist mit Ihrer Mutter? Könnte die –«

»Die ist auf einer Fortbildung in Estland. Noch bis übermorgen.«

Servatius wandte sich an ihren Kollegen. »Haben wir eine Betreuung für sie?«

»Ich brauche keine Betreuung«, erwiderte Nina trotzig. Sie hob den Kopf. Tränen glitzerten in ihren Augen.

»Doch, die brauchen Sie.« Die Kommissarin schaute Seidel an, der nickte und öffnete die Tür. Eine Beamtin erschien und führte Nina aus dem Zimmer.

Servatius sah sich um. Auch hier wirkte alles unberührt und aufgeräumt, wie unten im Wohnzimmer, wenn man einmal von der Leiche und dem unmittelbaren Drumherum absah. Keine Anzeichen, dass der Täter etwas gesucht oder entwendet haben könnte. Wenn, dann wusste er sehr genau, wo er suchen musste. Aber hinter dieser Sache steckte mehr als ein Raubmord. Wer machte sich die Mühe, sein Opfer erst zu töten und dann so aufwendig zu drapieren? »Sind die Nachbarn schon befragt worden?«, fragte die Kommissarin ihren Kollegen.

»Wir müssen sie erst mal aussortieren. Das werden ja immer mehr da draußen.«

»Mit anderen Worten, wir sehen morgen weiter. Beziehungsweise heute, in sechs Stunden.«

»Was war eben?«, erkundigte sich Rudi Seidel.

Antje Servatius hob fragend die Augenbrauen.

»Deine kleine Kotzattacke«, erklärte ihr Kollege. »Passiert dir doch sonst nicht.«

»Ach, die. Das Falsche gegessen.« Sie unterdrückte ein Gähnen und erhob sich. »Und zu früh aufgestanden.«

»Werd mir ja nicht auch noch krank.« Seidel musterte sie argwöhnisch.

Antje schüttelte energisch den Kopf. »Alles gut.«

3

Dunkelheit. Totenstille. Schmerz.

Die Kette um den Hals zog seinen Kopf nach unten. Er kroch auf dem Boden wie ein verwundetes Tier. Stehen konnte er nicht, dafür war die Kette zu kurz, deren anderes Ende in die Wand eingelassen sein musste. Genauso wie die Ketten, die seine Handgelenke und Füße miteinander verbanden. Wenn er sich dicht an die Wand legte, konnte er seine Gliedmaßen ausstrecken. Aber die Unebenheiten des nackten Betons bohrten sich nach wenigen Minuten in seinen Rücken.

Das Schlimmste jedoch war die Stille, waren die schweren Lärmschützer, die seine Ohren dicht umschlossen. Er hatte sie direkt zu Anfang aufgesetzt bekommen. Sie hielten jedes Geräusch fern. Die Dunkelheit ließ sich gerade noch ertragen, mit seinem Körper konnte er das Außen zumindest erfühlen. Die Stille jedoch nahm ihm jegliche Orientierung. In dieser Stille war er allein mit seinem Atem, mit seinem Herzschlag. Mit seiner Panik.

Also hörte er auch nicht, wenn die Schritte kamen. Aber er spürte es. Kleine Erschütterungen im Boden.

Jetzt kamen sie wieder. Tack. Tack, Tack. Tack. Er begann am ganzen Körper zu zittern. Schweiß tropfte von seiner Stirn. Die Klappe ging auf, ein Lichtstrahl fiel in das Loch, in dem er vegetierte. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte er, etwas zu sehen. Ein Stück von einer Landkarte. Dann traf ihn das gleißende Licht der Taschenlampe, direkt in den Augen. Die Lärmschützer wurden ihm abgenommen, dann der Knebel im Mund. Die ersten Male hatte er noch geschrien. Als Antwort wurde ihm der Mund wieder gestopft, und er hatte damit aufgehört.

Er hörte, wie der Napf auf den Boden gestellt wurde, daneben die Flasche. Er hörte, wie beides näher gerückt wurde. Näher, aber außer Reichweite.

Er hatte das Prinzip verstanden. Wenn er essen und trinken wollte, wenn er nicht verhungern oder verdursten wollte, musste er reden.

Also begann er zu reden.

Von damals.

4

»Der Goldene Hohlkopf?!« Antje riss ungläubig die Augen auf.

»Der Goldene Hohlkopf.« Hinrichsmeyer, der Rechtsmediziner, saß am Kopfende des ovalen Besprechungstisches und nippte an seinem Morgenkaffee. »Für die dümmste Sendung im deutschen Fernsehen.«

»Wird von einer Vereinigung von Fernsehkritikern verliehen«, ergänzte Kniebsch und fuhr sich durchs nicht vorhandene Haupthaar. Der Mann von der Spurensicherung saß neben Hinrichsmeyer. »Jedes Jahr.«

»Grönewald hat ihn schon vor längerer Zeit bekommen«, fügte der Pressesprecher hinzu. Sie hatten zur Einsatzbesprechung alle zusammengetrommelt, die verfügbar waren. Dennoch klafften Lücken am Tisch, große Lücken. Die Grippewelle. Außer Antje Servatius, Seidel und den bereits Genannten war noch der Aktenführer zugegen, Kniebsch hatte einen weiteren Kollegen von der Spusi rekrutiert. Die kleine Runde komplettierte Heiner Gaarst, der Neue. Gaarst war für die Kollegen kein Unbekannter; vor seinem Wechsel zum KK 11 war er im Kommissariat für Banden- und Rauschgiftkriminalität tätig gewesen. Servatius’ Bekanntschaft hatte sich bis dahin jedoch auf grüßendes Kopfnicken im Flur beschränkt. Das gestrige vereinzelte Niesen hatte sich bei Heiner Gaarst zu einem Dauerschniefen entwickelt. Aber er tat beharrlich so, als ob nichts wäre.

»Und was spricht dafür, dass dieser Hohlkopf die Tatwaffe ist?« Antje hatte sich von ihrer Überraschung erholt.

»Einmal, dass er nicht mehr da ist«, sagte Kniebsch.

»Beziehungsweise sie«, ließ sich Rudi Seidel von seinem Platz aus vernehmen. »Die Statue oder Statuette oder der Pokal – oder wie immer man das nennen will – stand immer in einem Regal im Wohnzimmer. Das wissen wir von Nina, der Tochter.«

»Dann, dass wir Spuren von Goldlack in den Schädelverletzungen gefunden haben«, sagte Hinrichsmeyer.

»Mit dem wurde das Holz lackiert«, sagte Kniebsch. »Alles sehr billig, aber das sind die preisgekrönten Sendungen ja auch. Nur der Sockel ist aus Metall.«

»Womit wir bei Punkt drei sind. Die Art der Verletzungen. Der Täter – oder die Täterin – muss das Ding an der schlanksten Stelle, also am Hals genommen und zugeschlagen haben …«

»Mehrmals«, ergänzte Kniebsch. Hinrichsmeyer und er waren alles andere als befreundet. Auch als Kollegen sahen sie sich nur selten. Aber wenn sie zusammen aufliefen und Bericht erstatteten, dann war es, als griffen plötzlich zwei Zahnräder ineinander. Information Overkill. Der geballte Sachverstand, kaum zu bremsen und schon im Normalzustand kaum auszuhalten. An einem Morgen wie diesem erst recht nicht.

Antje schaute aus der Fensterfront des Besprechungsraums auf das schon seit Längerem brachliegende Grundstück gegenüber. Über die dahinter liegende Bahntrasse schlich gerade ein Regionalzug. Sie stützte die Arme auf den Schreibtisch und massierte ihre Schläfen mit den Fingerspitzen. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, ohne ganz zu verschwinden. Kein Wunder – die Nacht war sehr kurz gewesen.

»Und man kann – wir können – davon ausgehen, dass Grönewald sich überhaupt nicht gewehrt hat?«, näselte Heiner Gaarst. Seine frühen Geheimratsecken wirkten wie blank poliert. Er saß mit durchgedrücktem Rücken am Tisch. Antje hatte noch niemanden gesehen, der sich steifer durchs Leben bewegte. Und das galt nicht nur für das Äußere. Auch seine gelegentlichen Wortbeiträge ließen auf tiefe Verunsicherung schließen: Gehöre ich schon dazu oder nicht? »Man« oder »wir«?

»Allem Anschein nach gab es keine Gegenwehr.« Hinrichsmeyer schüttelte den Kopf. »Der erste Schlag muss ihn völlig überraschend getroffen haben.«

»Möglicherweise ist er davon nur in die Knie gegangen«, sagte Kniebsch. »Aber dann kamen die nächsten Hiebe.«

»Da lag er dann schon auf dem Boden«, sagte Hinrichsmeyer. »Außerdem hatte Grönewald einen Blutalkoholgehalt von 1,9 Promille.«

»Champagner und Whiskey. Alle Flaschen frisch angebrochen oder geleert.«

»Und die Tatwaffe ist also verschwunden?«, schaltete sich Antje wieder ein.

Rechtsmediziner und Spurensicherer nickten in gewohnter Einträchtigkeit.

»Auch sonst keine Spuren vom möglichen Täter?«

»Vielleicht doch …« Kniebsch hielt der Kommissarin einen ZIP-Beutel hin. »Haben wir gefunden, als wir den Garten abgesucht haben. In einer Lücke in der Hecke, die das Grundstück umgibt. Von da kommt man auf einen Fußpfad, der zwischen den Grundstücken verläuft.«

Antje studierte den Inhalt des Beutels, einen großen, schwarz glänzenden Knopf.

»Abgerissen. Oder einfach abgefallen, weil er vorher schon lose war. Ein paar Stofffasern hingen auch noch dran. Baumwolle, ebenfalls schwarz.«

»Wie lange kann er da schon gelegen haben?«

»Nicht lange. Sonst wäre er schmutziger, bei dem Wetter, das wir in den letzten Tagen hatten.«

Antje nickte. »Danke.«

Die Experten verließen das Büro. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn sie sich bei der Hand genommen hätten.

Minuten später saßen die drei vom KK 11 in ihrem Büro auf der anderen Seite des Gebäudes, in das sie erst vor zwei Wochen umgezogen waren. »Sie sollen es endlich schöner haben«, hatte Scheffler, der Kriminaldirektor, gesagt, »und größer.« Größer war das Büro, wenn auch nur minimal. Aber schöner? Hier ging der Blick auf das Parkdeck der Köln Arcaden. Sie hätten es vorher wissen, sie hätten sich den Raum anschauen können. Aber für so etwas hatte Antje keine Zeit.

Sie rollte ihren Stuhl zurück und merkte, wie sie gegen einen der Umzugskartons stieß, die sich hinter ihr an der Wand stapelten. Ein Großteil ihrer Sachen wartete immer noch darauf, ausgepackt zu werden. Seidel, ihr gegenüber, hatte das am ersten Tag erledigt. Nach kurzer Zeit hatte sein Schreibtisch so ausgesehen, als wäre er nie umgesetzt worden. Die Familienfotos, der Plüschtiger, den ihm sein Jüngster vermacht hatte und der seit zwei Jahren neben der Telefonanlage saß, die Ansichtskarte des Ältesten aus dem Ferienlager in diesem Sommer – alles war an seinem Platz. Auch der lachende Buddha stand wieder dort, wo er vor dem Umzug gestanden hatte: oben auf dem Rand des Computerbildschirms. Seidel beschäftigte sich seit einigen Jahren mit Zen-Buddhismus. Sein gesamtes Leben schien geordnet und in Ordnung zu sein. Er war Anfang 40, glücklich verheiratet, hatte drei Kinder, die ihm aber allesamt keinen Stress machten, wie er gern durchklingen ließ. Manchmal fragte sich Antje, ob Seidel eine Lüge lebte, die ihresgleichen suchte, oder ob er wirklich in einer solchen Harmonie schwebte. Eigentlich erinnerte er sie selbst an einen Buddha, mit seinem gedrungenen Körper und dem fleischigen Nacken. Aber Antje wusste, dass hinter den freundlichen braunen Augen, um die sich Lachfalten für zwei Leben kringelten, ein messerscharfer Verstand arbeitete.

Anders als bei ihrem Gegenüber war Antjes Arbeitsplatz nur Arbeitsplatz und nichts anderes. Die Askese des Workaholics. Das Telefon, der Bildschirm, eine Zwischenablage – in der Antje allerdings kaum etwas ablegte, weil sie es hasste, wenn die Dinge Staub ansetzten –, vor ihr Berichte und Protokolle und sonstiger Papierkram zum jeweils aktuellen Fall.

Und das Handy, das gerade vibrierte.

»Schule ätzt«, textete ihre Tochter. »Hol mich hier raus, noch bin ich ein ganz normaler Teenager.«

Simsen, mailen, twittern, seit einiger Zeit whatsappen. Für ihre Tochter waren diese Kommunikationswege ein Segen. Manchmal wünschte Antje sich, es könnte immer und nur so sein. Kein schwerfälliges Haspeln, kein Langziehen der Silben, kein immer neues Neuansetzen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich als »ganz normaler Teenager« bezeichnete.

Ein schöner Traum.

Vom Schreibtisch an der Tür erklang eine mittlere Detonation. Heiner Gaarst verbarg sein Gesicht schnell in einem Taschentuch, um jedes weitere Niesen abzudämpfen.

»Entschuldigung«, sagte er halb erstickt.

»Gesundheit«, sagte Seidel.

Antje legte das Mobiltelefon beiseite und widmete sich wieder dem Knopf im Beutel der Spurensicherung. So überdimensional, wie er war, kam eigentlich nur ein Kleidungsstück infrage. »Von einem Mantel, oder? Er könnte also unserem Täter gehören. Was bedeutet, dass er durch die Hintertür verschwunden ist.«

»Aber als er gekommen ist, dürfte er den Haupteingang genommen haben. So wie es aussieht, war er mit Grönewald bekannt. Oder sogar verabredet.«

»Auf den einen oder anderen feinen Tropfen«, ergänzte Antje.

Auch Rudi Seidel und sie verstanden es, sich die Bälle zuzuwerfen. Solange private Dinge außen vor blieben. Wenn Seidel mal wieder einen Verbesserungsvorschlag für ihr Leben hatte, dann konnte bei Antje durchaus der Geduldsfaden reißen.

Sie schaute ihren Kollegen an. »Bis wann ging die Aufzeichnung der Show?«

»Bis 18 Uhr. Dann hätte er frühestens um sieben herum zu Hause sein können.«

»Um sieben. Bleibt ein Zeitfenster von maximal drei Stunden bis zu seinem Tod. Hat die Befragung der Nachbarn was ergeben?«

»Was ist das Typische an Villengegenden?« Seidel beantwortete seine Frage selbst: »Die Villen sind vor Blicken von der Straße abgeschirmt. Was umgekehrt leider bedeutet, dass die Straßen auch vor Blicken von den Villen abgeschirmt sind. Und dann der Nebel …« Er seufzte. »Niemand hat etwas beobachtet. Bis auf einen Pharma-Millionär, der mit seiner Dogge Gassi gegangen ist. Ein Wagen soll vor Grönewalds Haus geparkt haben. Allerdings um 18.30 Uhr. Also deutlich vor der möglichen Tatzeit.« Er begann etwas in seinen Computer einzugeben.

»Deswegen muss der Wagen auch nichts bedeuten. Es sei denn, der Fahrer hat gewartet, bis Grönewald kommt.«

»Oder er hatte einen Schlüssel zum Haus.«

»Und eine Möglichkeit, die Alarmanlage von draußen abzuschalten.«

Was unwahrscheinlich war, aber nicht unmöglich. Mit der entsprechenden Fernbedienung.

»Was für ein Wagen?«, fragte Gaarst, der sich wieder einigermaßen gefangen hatte.

»Typ, Kennzeichen nicht bekannt. Kleinwagen. Jedenfalls kleiner, als sie in Villengegenden normalerweise herumfahren.«

Antjes Handy vibrierte wieder unter einem Summen. Sie achtete nicht darauf. Ihr Kollege drehte seinen Bildschirm um 180 Grad in ihre Richtung. »Bitte schön: der Goldene Hohlkopf.«

Antje starrte auf ein Antlitz mit geschlechtslosen Konturen. Nun gut, es sollte halt auf jeden Preisträger passen. Der Goldüberzug ließ sie an einen frühen James-Bond-Film denken. Und der Kopf war tatsächlich hohl. Man hätte ihn gut als Blumenvase benutzen können.

»Warum stellt man sich so was ins Wohnzimmerregal?«

»Vielleicht hat Torben Grönewald das Ganze als Kompliment genommen.«

»Oder er hatte Sinn für Humor.«

Seidel lächelte amüsiert. »Du hast Grönewald wohl wirklich nie gesehen.«

»Nein, verdammt!«, gab sie zurück, schärfer als gewollt.

»Schon klar, dass du ihn nicht gesehen hast.« Ihr Kollege streifte sie mit einem leicht erschrockenen Blick. »Ich meine Grönewald. Die Sendung.«

»Die auch nicht.« Antje atmete durch. »Entschuldige.«

»Du musst dich nicht entschuldigen. Du hast nicht viel verpasst.« Seidel drehte den Bildschirm zu sich zurück. »Ich lasse gerade sein Smartphone checken, auf ungewöhnliche Kontakte.«

Antje nickte, griff zu ihrem Handy und las, was Kira geschrieben hatte. »Zu. Spät. Löbner. Ist da. Mathe. Hat angefangen.« Wenn der Frust ihrer Tochter besonders groß war, dann textete sie, wie sie redete.

Antje fuhr sich nachdenklich über die Nase, die auffallende Stelle, wo sie gebrochen gewesen war, bleibende Erinnerung an einen Fahrradunfall in ihren jungen, wilden Jahren. Nach der OP war ein deutlicher Knick zurückgeblieben. (Kein Knick, meinte Seidel immer, ein Winkel sei das, perfekt rechteckig und kunstvoll. »Das muss ein Chirurg erst mal hinkriegen«, hatte er einmal gesagt. »Das war nicht der Chirurg«, hatte sie entgegnet, »das war der Bordstein.« – »Trotzdem kunstvoll.«) Sie erhob sich mit einem auffordernden Blick zu Gaarst. Vielleicht tat ihm ein bisschen Luftveränderung gut. »Wir fahren mal zu seiner Produktionsfirma. Aber noch was: Begibt sich jemand, wenn ihm gerade der Schädel zertrümmert wird, bereitwillig in eine friedliche Embryo-Lage?«

»Wohl kaum«, bemerkte Seidel.

»Eben. Und das bedeutet, der Täter hat ihn nach vollbrachter Tat so hindrapiert.«

»Schon eher.«

»Fragt sich nur, warum.«

»Wohin möchten Sie?« Die Frau am Empfang passte perfekt in die Halle der Produktionsfirma, für die Grönewald seine Talkshows moderierte, zu aktuellen Themen, die die Nation bewegten und zu denen jeder glaubte, etwas sagen zu müssen. Jetzt bleckte sie die weißen Zähne. Sie wirkten so glatt wie das funktionale Gebäude.

»Zu Silvia Wendt.« Antje Servatius und Heiner Gaarst zeigten ihren Ausweis, und das gestylte Gesicht bekam Risse. Die Mundwinkel zuckten leicht nach unten, zwei Falten an der Oberlippe wurden sichtbar.

»Zur Assistentin von Torben Grönewald? Moment!«

Wenige Minuten später fuhren die Ermittler im Aufzug zur sechsten Etage. Servatius bemerkte ihre Müdigkeit und den pelzigen Geschmack im Mund, verursacht durch Schlafmangel und zu viel Kaffee. Verstohlen betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel, der dem Besucher die Platzangst im engen Aufzug nehmen sollte. Nachdem sich die Tür geöffnet hatte, standen die beiden auf einem langen Gang, dessen Wände mit Fotos von Stars und Sternchen geschmückt waren. Sie bogen nach rechts und folgten den Hinweistafeln, bis sie eine Glastür erreichten. »Silvia Wendt« stand auf einem schlichten Schild. Antje Servatius klopfte, und sie traten ohne abzuwarten ein. Ihre Schritte wurden von einem hellbraunen Teppich verschluckt, und es dauerte einen Augenblick, bevor die Assistentin von ihrem Computer hochblickte.

»Sie sind die Kommissarin, nehme ich an?« Silvia Wendts Gesicht wirkte trotz der Schminke grau und eingefallen, die roten Augen schauten genauso verzweifelt wie traurig und passten nicht zu ihrem gepflegten Äußeren. Die enge Jeans, die hohen Pumps und die blonden, halblangen Haare entsprachen genau dem Klischee, das Antje Servatius von der Assistentin eines Fernsehstars hatte. Und das ihr direkt den Gedanken in den Kopf trieb, Assistentin und Talkmaster habe mehr miteinander verbunden als nur gemeinsames Arbeiten.

Sie verspürte keine Lust auf falsche Rücksichtnahme. »Antje Servatius, Kriminalhauptkommissarin, das ist mein Kollege Heiner Gaarst.« Mit dieser Begrüßung trat sie an den Schreibtisch, während sich Gaarst im Hintergrund hielt. »Wie gut kannten Sie Torben Grönewald?«

»Wir haben seit fünf Jahren zusammengearbeitet.« Bei der Erinnerung biss sich die Assistentin auf die Unterlippe, als ob ein körperlicher Schmerz von dem Verlust eines vertrauten Menschen ablenken könnte.

»Und wer könnte ihn Ihrer Meinung nach umgebracht haben?« Die Kommissarin steckte die Hände in die Manteltaschen.

»Torben war nicht bei allen beliebt. Zum einen hatte er viele Neider. Und genauso viele Fans wie Feinde.« Silvia Wendts Stimme versagte. Sie räusperte sich. »Er polarisierte durch seine Sendung und durch sein Auftreten. Entweder wurde er für sein Selbstbewusstsein bewundert oder für seine Arroganz gehasst. Es gab nichts dazwischen.« Sie strich sich mit rot lackierten Fingern eine Strähne aus der Stirn. »Torben wählte immer Fragen aus, die stark provozierten. Das machte ja den besonderen Reiz seiner Show aus. Wie viele Flüchtlinge die EU verträgt, Radfahren – Amok im Straßenverkehr, wann Kinderarbeit erlaubt ist, um nur einige Themen zu nennen.« Obwohl die Assistentin offensichtlich trauerte, sprach sie wie in einer Pressemitteilung. Antje wusste nicht, ob sie die Professionalität bewunderte oder verabscheute.

»Welches war denn die letzte Sendung, die solche Wellen schlug?«

»Fragen Sie lieber, welche keine Wellen schlug. Egal, der Sender war zufrieden, sogar mehr als zufrieden.«

»Und im Moment?« Heiner Gaarsts Stimme ließ sich aus dem Hintergrund vernehmen. »Würden Sie uns sagen, woran er gerade arbeitete?«

»An einer Sendung über Folter. Ob in Extremsituationen die Folter durch staatliche Verfolgungsorgane gerechtfertigt sein könnte.«

Antje Servatius drehte sich um und zeigte auf eine Durchgangstür. »Geht’s hier zu Grönewalds Büro?«

Silvia Wendt nickte und stand auf. »Ich habe mit der Geschäftsführung geklärt, dass Sie sich gerne umsehen können.« Sie öffnete die Tür. Kurz darauf standen die drei im Allerheiligsten des Talkmasters.

Ein kurzer Blick genügte Antje, um sich ein Bild zu machen. Alles wirkte glatt, kalt. Der Computer stand verloren auf dem Schreibtisch. Nichts ließ auf Grönewalds Privatleben schließen. »Und sonst?«, fragte sie. »War er beliebt?«

»Wie man es nimmt. Er … mochte die Frauen, und die Frauen liebten ihn. Sie ahnen nicht, wie viele Anrufe ich von Frauen mit gebrochenem Herzen bekommen habe. Besonders hartnäckig war eine, die nach der Aufzeichnung sogar öfter auf ihn wartete.«

»Und was sagte seine Frau zu den Affären?«

»Ich bin nicht sicher, ob sie sich wirklich damit abgefunden hat oder ob sie nur so tat, als wäre ihr das Liebesleben ihres Mannes gleichgültig.« Silvia Wendt, die jetzt direkt neben Antje stand, schniefte unerwartet laut in ihr Taschentuch. »Letztendlich hatte sie nur die Wahl, die Demütigungen über sich ergehen oder sich scheiden zu lassen. Torben hätte ihretwegen nie auf etwas verzichtet.«

»Kennen Sie seine Frau gut?« Gaarst war in der Nähe der Durchgangstür geblieben, als sei das Betreten des Büros für ihn unbefugtes Eindringen. Ich muss ihm eine etwas offensivere Gangart beibringen, schärfte sich Antje ein.

»Nicht besonders«, antwortete Silvia Wendt. »Aber sie hat mich heute Morgen angerufen. Sie war in einem Wellness-Hotel in der Schweiz und ist jetzt auf dem Rückweg.«

Antje betrachtete das einzige Bild an der Wand, das Grönewald bei Dreharbeiten zeigte. »Und haben Sie mit Herrn Grönewald ausschließlich zusammen … gearbeitet?«

»Was sonst?« Auf Silvia Wendts Stirn bildeten sich tiefe Unmutsfalten. »Ich weiß nicht, welche Klischeebilder gerade in Ihrem Kopf herumspuken.«

Zu viele, dachte Antje missmutig. Sie merkte, dass sie sich gleich im Ton vergreifen würde, also ging sie wortlos um den Schreibtisch herum und zog die oberste Schublade auf, in der Bleistifte, Blocks und Autogrammkarten durcheinanderlagen.

»Torben hat sich mir gegenüber immer korrekt verhalten.« Silvia Wendt nickte entschieden. »Mehr noch. Ich habe ihm sogar viel zu verdanken. Als ich ihn kennenlernte, war ich arbeitslos und hatte noch nicht einmal eine Berufsausbildung. Trotzdem gab er mir die Chance, bei ihm anzufangen.«

»Sehr menschenfreundlich.«

Grönewalds Assistentin ließ die Ironie an sich abperlen. »Er erwähnte einmal, dass ich seiner Tochter ähnlich sei.«

Vor ihrem geistigen Auge stellte Antje Servatius das Mädchen mit dem Zungenpiercing und den verlaufenen Kajal-Strichen neben die gepflegte Eleganz der Assistentin. »Aber nicht äußerlich.«

»Sie kennen Nina?« Silvia Wendt wirkte ehrlich erstaunt.

»Sie hat ihren Vater gefunden, heute Nacht.«

»Nina war bei Torben?!« Das Erstaunen wich offener Verblüffung.

»Auf Kurzurlaub. Was ist daran so verwunderlich?«

»Ich wusste nicht, dass sie wieder Kontakt hatten.« Silvia Wendts Lippen wurden zu einem dünnen Strich, dann besann sie sich. »Umso schlimmer, dass ausgerechnet sie –« Die Assistentin schüttelte den Kopf.

Antje spürte das Vibrieren ihres Handys und schaute aufs Display. Rudi Seidel. Er würde nicht ohne wichtigen Grund stören, also nahm sie das Gespräch an.

»Wir haben Grönewalds Handy gecheckt. Die letzten Anrufe waren überwiegend geschäftlich, nichts Auffälliges. Kurz vor seinem Tod hat er noch mit seiner Frau telefoniert. Allerdings können wir einen Namen nicht zuordnen: Svenja Gessner.«

»Danke.« Antje ließ ihr Handy zurück in die Hosentasche gleiten und wandte sich wieder der Assistentin zu. »Kennen Sie eine Svenja Gessner?«

Silvia Wendt dachte nach, dann erhellte sich ihr Gesicht von der Erinnerung. »Das ist die Frau, die für die Tiersendung interviewt wurde. Die Deutschen und ihre Tiere. Die hatte enorme Einschaltquoten. So mancher Hunde- oder Katzenliebhaber wird sich da gefühlt haben wie ein gedankenloser Egoist, wenn er abends gern Bratwurst aus Massentierhaltung futtert.«

»Und weswegen wurde diese Svenja Gessner interviewt?«

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