Logo weiterlesen.de
Die Kinder von Nebra

INHALT

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Die Flussgeister
  6. Hella
  7. Hador
  8. Kalestos
  9. Thunar
  10. Wuodan
  11. Panos
  12. Destarte
  13. Die Ahnen der Nebroni
  14. Epona
  15. Kalestos
  16. Thunar
  17. Die Geister des Waldes
  18. Hador
  19. Astaris
  20. Panos
  21. Wuodan
  22. Destarte
  23. Anmerkungen des Autors
  24. Glossar
  25. Die Klans
  26. Die Götter der Ruotinger
  27. Personen

ÜBER DAS BUCH

Das Mysterium der Himmelsscheibe, eine Hochkultur im Herzen Europas und der immerwährende Kampf zwischen Gut und Böse – ein großer historischer Roman mit unvergesslichen Figuren

Nebra vor 4000 Jahren: Lange haben sich die Menschen der Willkür des mächtigen Fürsten Orkon gebeugt, der das Volk quält und ausbeutet, sich nimmt, wonach immer es ihn gelüstet. Jetzt endlich regt sich Widerstand. Die junge Priesterin Rana will Orkons dunkle Herrschaft brechen und die Menschen befreien. Das Werk ihres Vaters soll ihr dabei helfen: eine bronzene Scheibe, die den Sternenhimmel zeigt und eine geheime Botschaft der Götter enthält. Sie steht für die Göttin des Lichts, die dem Hass Liebe entgegensetzt. Doch Ranas Weg ist gefährlich, viel steht auf dem Spiel. Auch das Leben derjenigen, die ihr am liebsten sind …

Auf einem Hügel bei Nebra stießen Sondengänger Ende der 1990er-Jahre auf eine bronzene Scheibe. Sie zeigt Mond und Sterne, gilt heute als die erste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte. Ein Sensationsfund, den die Finder zunächst an Hehler verscherbelten. Erst 2002 kam die Himmelsscheibe in die kundigen Hände von Archäologen. Seither wird sie erforscht – und hat das Bild unserer Vorfahren geändert. Ulf Schiewe lässt ihre unbekannte Kultur auferstehen und spinnt um sie einen großen, epischen Roman.

Ulf Schiewe

Die Kinder
von Nebra

Historischer Roman

LÜBBE

DIE FLUSSGEISTER

O ihr verspielten Wesen. Verzückt lauschen wir eurem Plätschern und Flüstern. Ihr lieblichen Jungfrauen mit Wasserrosen im Haar, die ihr jeden Bach und jeden Fluss lebendig macht. Auch wenn ihr es in eurem Übermut bisweilen zu weit treibt und die Auen überflutet.

Rana hockt an einen Erlenstamm gelehnt am Flussufer und lauscht dem Murmeln des Wassers. Es ist ein einsamer Ort tief im Wald. Sie ist schon oft hier gewesen, dabei noch nie auf menschliche Spuren gestoßen. Nur auf die der Rehe, die an dem kleinen Fluss ihren Durst stillen, oder die eines Fuchses. Deshalb liebt sie es hier. Es ist ein guter Ort, um nachzudenken, um ihr Herz zu befragen.

Unter dem Blätterdach des Waldes herrscht angenehmes Halbdunkel. Hoch oben in den Baumkronen aber bringt die Sonne das helle Frühlingsgrün der Knospen zum Leuchten wie auch das der Gräser auf der kleinen Lichtung gegenüber, wo die ersten Blumen blühen. Licht und Schatten. Ein Gegensatz wie die beiden Lebenswege, zwischen denen sie zu wählen hat.

Soll sie ein einfaches, unbedeutendes Leben führen, wie andere junge Frauen einen Mann finden, Kinder gebären und damit zufrieden sein? Oder soll sie ihr Leben der Göttin weihen? Soll sie tun, was alle im Dorf und vor allem ihre Mutter von ihr erwarten, oder soll sie sich dem verweigern? Es ist die wichtigste Entscheidung ihres jungen Lebens, eine Entscheidung darüber, wer sie ist und wer sie sein will, über ihre Aufgabe in der Gemeinschaft, über die Bürde, die sie ein Leben lang tragen wird, falls sie sich für Mutters Weg entscheidet.

Noch ist sie unentschlossen und verwirrt. Ihre Gedanken jagen in die eine und dann wieder in die andere Richtung, ohne dass sich Gewissheit einstellen will. Sie hat sich hierher geflüchtet, um den vorwurfsvollen Blicken ihrer Mutter zu entgehen, die nicht versteht, warum sie plötzlich Zweifel hat. Hier im Wald und im Schatten der Bäume muss sie keine Fragen beantworten, muss sich nicht erklären. Wenn sie doch nur wüsste, was das Beste ist!

Eine Amsel schwirrt heran und unterbricht die quälenden Gedanken. Auf einem Zweig nicht weit von ihr lässt sie sich nieder, legt den Kopf auf die Seite und betrachtet Rana misstrauisch aus einem Auge. Dann wippt sie mit dem Schwanz und fliegt davon, als habe sie Besseres zu tun, als ihre Zeit mit einem Menschenweib zu vergeuden.

Rana reibt sich übers Gesicht, als könne sie damit die trübe Stimmung verscheuchen. Ihr Bruder Arni hat recht. Sie sollte sich nicht unnötig mit endlosem Grübeln herumschlagen. Arni ist ein ruhiger Mann. Er redet nicht viel, aber er scheint immer zu wissen, was er will. Sie beneidet ihn darum.

Ihr Blick wandert über die kleine Wiese am anderen Ufer und über den Wald. Dies ist ihr ganz eigener Ort, sie muss ihn mit niemandem teilen. Ein Zauber liegt über dem sich windenden Fluss mit seinem Uferschilf, dem angeschwemmten Fallholz, den halbhohen Büschen zu beiden Seiten, den tief hängenden Ästen, die sich im Wasser spiegeln. Über die sich kräuselnde Oberfläche flirren Libellen und andere Insekten, in der Tiefe huscht ab und zu der Schatten eines Fisches vorbei.

An der Stelle, wo sie sitzt, befindet sich ein winziger Sandstreifen, der einlädt, die Zehen in ihm zu vergraben. Neben den Vogelrufen und dem Säuseln des Windes in den Zweigen der Bäume ist wenig zu hören. Besonders liebt sie das Plätschern und Murmeln des Wassers. Oder ist es das Raunen der Flussgeister, die miteinander reden? Jedes Gewässer hat seine Geister. Manchmal vermeint sie, eine der vielen Flussgöttinnen zu hören, die für einen Augenblick den Kopf aus dem Wasser hebt und dann wieder verschwindet. Oder war es doch nur eine Fischflosse? Bestimmt hat auch das Liebesquaken der Frösche eine Bedeutung. Vielleicht ist es Panos, der seiner Liebsten nachstellt. Aber die Geister stören Rana nicht. Im Gegenteil. Sie fühlt sich ihnen verbunden. Auch wenn sie nicht versteht, was sie einander zu sagen haben.

Rana ist gern allein. Im Gegensatz zu anderen jungen Frauen im Dorf, die andauernd reden müssen und es seltsam finden, dass Rana sich absondert, allein durch die Wälder streift, sogar auf Bäume klettert und manchmal erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehrt. Sie schütteln den Kopf und sagen, so etwas tun doch nur Jungs oder Männer, und sie fragen, ob sie denn keine Angst hat, sich so weit von der Siedlung zu entfernen und ganz allein durch die Wildnis zu wandern.

Nein, Angst hat sie nicht. Sie liebt den Wald und die Tiere darin. Einmal hat sie ein verlassenes Rehkitz heimgebracht und es mit Kuhmilch aufgezogen. Selbst vor Wölfen oder Bären fürchtet sie sich nicht, sie ist sicher, dass Astaris, die jungfräuliche Jägerin, sie beschützt. Ist der Bär, der Herrscher der Wälder, nicht ihr geweiht?

Sogar ihre Mutter hat es längst aufgegeben, Rana für diese Ausflüge zu schelten, obwohl sie sich Sorgen macht. »Rana ist eben anders«, pflegt sie zu sagen.

Der Gedanke an ihre Mutter führt unweigerlich zu der quälenden Frage, an der sie seit Wochen nagt und die sie am liebsten von sich schieben würde. Mutter zürnt ihr wegen ihres Zögerns. Schließlich sei sie von den Göttern erwählt, von Destarte selbst, und dürfe sich ihrer Bestimmung nicht verweigern.

Rana seufzt. In einem hat Mutter recht: Sie ist nicht wie andere junge Frauen im Dorf, sondern die Tochter der edlen Herdis, einer von allen verehrten Priesterin. Jeder erwartet, dass sie in Mutters Fußstapfen tritt. Vorbestimmt sei das, behauptet vor allem Herdis und mahnt, daraus erwachse ihr eine besondere Verantwortung. Schließlich habe sie Rana seit Langem auf diese Aufgabe vorbereitet, ihr alles beigebracht, was es zu wissen gibt. Und jetzt soll all das umsonst gewesen sein? Rana versteht nur zu gut, dass ihre Mutter aufgebracht ist.

Wenn es nach Herdis ginge, sollte Rana während des großen Festes geweiht werden. Mit allem, was die Riten bei dieser Gelegenheit von ihr verlangen. Doch anstatt sich zu freuen, denkt sie mit Beklemmung an das, was ihr bevorsteht. Nicht vor der Weihe fürchtet sie sich, vielmehr vor der Verantwortung für das nahe Heiligtum auf dem Hügel und für die Menschen, die sich hilfesuchend an sie wenden werden, wenn Mutter sich zurückzieht. Je näher der Tag rückt, desto weniger fühlt sie sich der Aufgabe gewachsen. Wie könnte sie jemals ihre Mutter ersetzen? Und will sie das überhaupt? Im Grunde ist sie nicht sicher, was sie eigentlich will.

Was, wenn sie nicht Destartes Priesterin wird? Mit ihren achtzehn Wintern wird sie schon bald über das beste Heiratsalter hinaus sein. Bisher hat sie sich für den Dienst an der Göttin aufgehoben. Dass sie vielleicht nie heiraten wird, stört Rana eigentlich nicht. Für ein Dutzend Rinder an einen Großbauern verkauft zu werden, den sie nicht liebt, wäre noch schlimmer als Priesterin zu werden. Außerdem gefällt ihr keiner der jungen Männer im Dorf. Weshalb man sie für spröde hält. Aber auch das hat sie wahrscheinlich von ihrer Mutter, dieses Anderssein, Anders-sein-Wollen, denn auch Herdis kann man nicht mit anderen Weibern vergleichen.

Rana seufzt ein weiteres Mal.

Ein Sonnenstrahl fällt durch die Blätter und badet ihre Gestalt für einen Augenblick in gleißendem Licht. Heute ist der erste wirklich schöne Tag dieses Frühlings. Die Sonne hat schon mehr als die Hälfte ihres Weges zurückgelegt. Es ist Nachmittag und warm geworden. Unter dem Laubdach des Waldes ist die Luft schwül. Rana hat Lust, sich abzukühlen und den weichen Flussgrund zwischen den Zehen zu spüren. Sie löst die Riemen ihrer Sandalen und streift sie von den Füßen.

Als sie sich erhebt, glaubt sie ein fernes Wiehern zu vernehmen. Sie dreht den Kopf, um zu lauschen. Ein Pferd? Hier im Wald, wo es weit und breit keine Weide gibt? Wo ein Pferd ist, ist meist auch ein Reiter. Aber sosehr sie sich bemüht, es ist nichts weiter als Vogelgezwitscher zu vernehmen.

Nach einer Weile gibt sie es auf. Sie muss sich getäuscht haben. Wer sollte sich hier auch herumtreiben? So weit entfernt von den Hütten des Dorfs. Weit und breit ist nichts als Wildnis, wahrlich kein Gelände für Pferde. Kurz entschlossen zieht sie sich ihr Gewand über den Kopf und lässt es ins Gras fallen. Mit beiden Händen sammelt sie ihr langes Haar und bindet es im Nacken zu einem lockeren Knoten.

Nackt steigt sie die Uferböschung hinunter und ins grelle Sonnenlicht. Sie spürt die Wärme auf der Haut, während sie vorsichtig ins Wasser steigt. Doch der Fluss ist noch so kalt, dass sie Gänsehaut bekommt. Sie watet in die Mitte, wo das Wasser ihr bis an die Schamhaare reicht. Einen Augenblick lang bleibt sie stehen, um sich an die kalte Strömung zu gewöhnen.

Sie ist kurz davor, sich hinzuhocken und ganz einzutauchen, als sie einen Schwarm Vögel auffliegen hört und dann das Knacken eines Zweiges. Erschrocken legt sie die Hände vor ihre Brüste und schaut sich hastig um. Ist da jemand?

Doch es ist nichts zu sehen als das Uferschilf und die Büsche, die den Fluss säumen, die Erle, an der sie gesessen hat, und die dicht stehenden Stämme des Waldes. Wahrscheinlich war es nur ein Tier. Und doch fühlt sie sich auf einmal beobachtet und bekommt Angst.

»Wer ist da?«, ruft sie.

Nichts regt sich, keine Antwort.

Das Baden ist ihr verleidet, und sie watet aufs Ufer zu. In diesem Augenblick hört sie ein unterdrücktes Kichern. Vor Schreck zuckt sie zusammen. Das war eine Männerstimme, kein Zweifel! Unwillkürlich tritt sie einen Schritt zurück und versucht erneut, ihre Blöße zu bedecken. Das Herz schlägt ihr plötzlich bis zum Hals.

»Wer ist da?«, ruft sie ängstlich. »Zeig dich, damit ich dich sehen kann.«

Ein Kopf taucht zwischen den Büschen auf. Dann tritt ein Mann aus dem Schatten des Waldes ans Ufer, und zu Ranas Entsetzen zwängen sich zwei weitere Kerle durch die Büsche und starren grinsend zu ihr herüber.

Sie weicht noch einen Schritt zurück. Das sind keine Bauern aus ihrem Dorf. Diese hier sehen mit ihren harten bärtigen Gesichtern, gestählten Muskeln und breiten, in Leder gekleideten Schultern wie Krieger aus. In den Händen tragen sie Jagdbögen, im Gürtel Kriegsäxte. Mit gierigen Augen mustern sie von oben bis unten Ranas nackten Leib. Noch nie hat sie sich so verwundbar wie unter diesen Blicken gefühlt.

»Was haben wir denn hier?«, ruft einer der drei und lacht.

Der Mann ist größer als die anderen, dunkelhaarig und gut aussehend. An seiner linken Schläfe sind ein paar Strähnen zu einem dünnen Zopf geflochten. Auf der rechten Wange trägt er eine Tätowierung. Sieht aus wie eine Schlange. Der Mann ist noch jung, und doch geht etwas Dunkles von ihm aus, eine gefährliche Aura. Ganz offensichtlich ist er der Anführer. Besonders die kalten Augen machen Rana Angst. Etwas an ihm kommt ihr bekannt vor. Es ist das Schlangentattoo. Wo hat sie das schon gesehen?

»Habt ihr euch endlich satt gestarrt?«, ruft sie ihnen zu, weit mutiger, als sie sich fühlt. »Werft mir lieber mein Gewand herüber!«

»Nackt siehst du aber hübscher aus«, erwidert einer der drei. Sein Lachen entblößt eine Zahnlücke im Oberkiefer. Er scheint etwas älter als die anderen zu sein. Er trägt eine ähnliche Tätowierung unter dem rechten Auge.

»Was denkst du, Arrak?«, fragt der Dritte, ein grobschlächtiger junger Bursche mit einer gebrochenen Nase. »Schnappen wir sie uns?«

Arrak! Natürlich! Die Erkenntnis jagt ihr einen noch größeren Schrecken in die Glieder. Arrak heißt der Sohn des Fürsten. Ein Kerl von üblem Ruf. Grausam und unbeherrscht soll er sein. Der Vater ist schon schlimm genug, aber dieser Arrak, so heißt es, scheut vor keiner Schandtat zurück. Wenn auch nur die Hälfte von dem wahr ist, was man sich über ihn erzählt, muss sie jetzt um ihr Leben bangen. Von Panik erfasst blickt sie um sich. Wie kann sie entkommen? Wohin kann sie fliehen?

»Also gut«, hört sie Arrak sagen. »Wer mir das hübsche Häschen fängt, hat eine Belohnung verdient!«

Sofort springen seine zwei Gefährten ins Wasser. Rana wendet sich zur Flucht. So schnell sie kann, watet sie die wenigen Schritte bis zum gegenüberliegenden Ufer und zieht sich an einem Grasbüschel an der Böschung empor. Hinter ihr das Geräusch der beiden Männer, die eiligst durch den Fluss waten. Einer der Kerle bekommt ihren Fuß zu fassen und versucht, sie zurück ins Flussbett zu zerren. Sie kreischt vor Angst, kann sich jedoch mit einem Tritt befreien und rennt, so schnell sie kann, durchs kniehohe Gras der Lichtung.

Sie stolpert mit ihren nackten Zehen über einen Stein oder eine Wurzel, droht zu stürzen, fängt sich wieder und rennt weiter. Den Schmerz spürt sie kaum, angetrieben von dem Johlen der Männer, die sie verfolgen.

Ein hastiger Blick über die Schulter. Auch Arrak hat den Fluss überquert und rennt mit dem Jagdbogen in der Hand hinter den anderen her.

Wieder stolpert Rana, und diesmal stürzt sie zu Boden. Schon wirft sich einer der Verfolger auf sie. Es ist der mit der Zahnlücke. Den Bogen hat er fallen lassen, stattdessen versucht er, sie niederzuringen.

Jetzt werden sie mich umbringen, fährt es ihr durch den Kopf, und sie sucht mit den Händen nach einem Stein oder irgendetwas, um sich zu verteidigen. Aber da ist nichts als Gras.

Sie wehrt sich verzweifelt, bockt wie ein wildes Fohlen, aber der Kerl ist stark und vor allem schwer. Er sitzt ihr rittlings auf dem Bauch, packt sie bei den Armen und drückt sie mit seinem Gewicht ins Gras. Sein bärtiges Gesicht ist direkt über ihr. Schweißgestank und fauliger Atem wehen sie an. Rana stößt mit dem Kopf vor und bekommt sein Ohr zwischen die Zähne. Mit aller Kraft beißt sie zu.

Der Mann reißt den Kopf zurück und brüllt vor Schmerz. Rana schmeckt Blut und spuckt etwas Weiches aus. Dann trifft sie ein Faustschlag, der ihr beinahe die Besinnung raubt. Ihr Angreifer sitzt immer noch auf ihr, auch wenn ihm jetzt das Blut am Hals herunterläuft. Er flucht ausgiebig und verpasst ihr noch einen Faustschlag. Seine Gefährten stehen dabei und lachen.

»Hoho! Da haben wir ja eine richtige Wildkatze«, sagt der, den sie Arrak nennen.

Rana hat nicht vor, sich kampflos zu ergeben. Sie bekommt einen Arm frei und schlägt um sich, haut dem Kerl, der auf ihr sitzt, die Faust ins Gesicht, windet sich und versucht, ihn abzuwerfen, doch vergebens. Jetzt packt der Kerl sie auch noch am Hals und drückt ihr die Gurgel zu, sodass sie keine Luft mehr kriegt.

»Verfluchtes Weibsstück!«, hört sie ihn brüllen. Blut aus seiner Wunde tropft ihr ins Gesicht. »Hilf mir mal einer!«

Rana glaubt zu ersticken. Jemand packt von hinten ihre Arme. Jetzt kann sie nur noch mit den Beinen strampeln. Aber auch das hilft nicht. Bevor ihr vor Atemnot die Sinne vergehen, nimmt der Kerl, der auf ihr sitzt, die Hand von ihrer Kehle, sodass sie endlich Luft schnappen kann.

»Lasst mich los, ihr Bastarde!«, keucht sie.

»Hübsches Weib«, grunzt der Mann, der ihre Arme festhält. »Was meinst du, Arrak? Du magst sie doch wild.«

Arrak nickt. »Wild wie eine feurige Stute.« Er lacht.

Der Kerl, der auf ihr sitzt, betastet seine Wunde und flucht ausgiebig. »Die hat mir doch tatsächlich das Ohr abgebissen!«

»Nur ’n kleines Stück, Brunn. Stell dich nicht so an«, sagt Arrak und hebt geringschätzig die Schultern. »Du hast sie als Erster geschnappt und deine Belohnung ehrlich verdient.« Er grinst. »Also zeig dem Weib, was für ’n Kerl du bist.«

Der Angesprochene fletscht die Zähne zu einem hässlichen Grinsen. »Haltet sie gut fest«, knurrt er. »Sonst beißt die mir das andere Ohr auch noch ab.«

Er steht auf und nestelt an seinem Gürtel. Rana nimmt die Gelegenheit wahr und tritt ihm mit Wucht zwischen die Beine. Sie muss gut getroffen haben, denn der Kerl stöhnt auf, packt seine gequälten Hoden und krümmt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorn.

Das rettet ihm das Leben, denn genau in diesem Moment jagt ein Pfeil über seinen Kopf hinweg. Fast zeitgleich surrt ein zweiter heran und fährt dem Kerl, der Rana festhält, zwischen die Schulterblätter. Mit einem Schrei gibt der ihre Arme frei und sinkt zur Seite.

Sofort rappelt Rana sich auf und rennt, so schnell sie kann. Nur weg, nur weg! Mit wenigen Schritten hat sie den Wald erreicht, stolpert über gefallene Äste und hastet weiter durch altes Herbstlaub. Ihr Herz hämmert wie wild. Ihr Atem kommt stoßweise, und die Kehle schmerzt ihr vom Würgegriff des Kerls, der sie niedergerungen hat. Erst nach fünfzig Schritten wagt sie einen Blick über die Schulter.

Niemand folgt ihr. Im Gegenteil. Die beiden Männer heben ihren verwundeten Kameraden auf die Schulter, um sich eilig zum Fluss zurückzuziehen. Hinter der Böschung gehen sie in Deckung und spannen ihre Bögen. Aber kein Ziel scheint sich zu bieten. Vom Waldrand fliegen keine Pfeile mehr in ihre Richtung.

Wer, bei allen Göttern, hat da geschossen? Es müssen mindestens zwei Schützen gewesen sein, so kurz aufeinander sind die Pfeile gekommen. Das Surren der Befiederung hat sie noch im Ohr und den dumpfen Aufschlag des Treffers.

Rana zittert am ganzen Leib. Sie kann es kaum glauben, aber sie scheint ihren Angreifern fürs Erste entkommen zu sein. Sie sieht sich um. Warum zeigen sich ihre Retter nicht? Sind sie genauso eine Gefahr wie die anderen? Vielleicht wollen sie denen nur die Beute abjagen. Ja, so fühlt sie sich – wie eine Beute. Am liebsten möchte sie in den Boden kriechen, in irgendein Mauseloch.

Astaris, hilf mir!, fleht sie die Jägerin und Göttin des Waldes an. Und natürlich ihre geliebte Destarte. Wenn ich deine Dienerin sein soll, o Himmlische, dann beschütze mich!

Rana holt tief Luft, versucht, klar zu denken. Zurück zu ihren Sachen kann sie nicht. Vor allem sollte sie nicht hier stehen bleiben, obwohl ihr rechter Fuß blutet. Besser schnell weg von hier und sich irgendwo verstecken. Humpelnd hastet sie weiter, blickt dabei immer wieder mit bangen Blicken um sich. Doch niemand scheint sie zu verfolgen. Der Wald liegt still. Von den drei Männern, die sie überfallen haben, ist nichts zu sehen. Verschwunden wie ein böser Spuk. Aber auch die fremden Retter zeigen sich nicht. Das wird ihr langsam unheimlich.

Ein Geräusch lässt sie zusammenfahren. Doch es ist nur ein Eichhörnchen, das vor ihr flieht und einen Baumstamm hinaufrast. Noch einmal atmet sie tief durch, um sich zu beruhigen, dann geht sie langsam weiter, tastet sich durch Gebüsch und Unterholz, bemüht, trockene Zweige zu meiden. Neben einem morschen Baumstamm bleibt sie stehen und lauscht. Das Hämmern eines Spechts hallt durch den Wald. Irgendwo raschelt es im Laub, aber als sie in die Richtung blickt, aus der das Geräusch kam, ist nichts zu sehen.

Sie beschließt, einen weiten Bogen zu schlagen, bis sie wieder auf ihr Dorf trifft. Dann zögert sie. Es könnte sein, dass dieser Arrak und seine Männer irgendwo auf sie lauern. Vielleicht sollte sie warten, bis es Nacht wird. Andererseits könnte sie sich im Dunkeln leicht verlaufen, denn der Wald ist endlos. Und nachts wird es um diese Jahreszeit noch empfindlich kalt. Ohne ihr Kleid wird sie schrecklich frieren.

Rana fühlt sich verloren. Noch nie zuvor hat sie sich allein im Wald gefürchtet. Doch jetzt hat sie Angst. Die Gewalt, die man ihr antun wollte, lässt sie immer noch in ihrem Innersten zittern. Auch wenn sie am Ende ungeschoren davongekommen ist. Und dass es ausgerechnet an ihrem verzauberten Ort, den sie so liebt, geschehen ist, kommt ihr wie eine doppelte Schändung vor. Wird sie jemals dorthin zurückkehren können, ohne sich an diese Augenblicke zu erinnern? Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Sie hört ein winziges Geräusch, und als sie erschrocken nach links blickt, steht ein Mann vor ihr. Keine fünf Schritte entfernt. Lautlos ist er aufgetaucht, als wäre er urplötzlich aus dem Boden gewachsen.

Rana schreit auf und will davonlaufen, doch der Mann ruft ihr etwas zu. Es klingt nicht bedrohlich, sondern beinahe freundlich. Nach zwei Schritten bleibt sie stehen und dreht sich um. Weglaufen ist ohnehin zwecklos. Der Mann ist ein großer, wild aussehender Kerl mit wüsten Haaren und struppigem Bart. Fremd sieht er aus, seltsam, wie aus einem Albtraum. Doch er hebt beschwichtigend die Hand und lächelt. »Keine Angst!«, hört sie ihn sagen. Seine Stimme klingt tief und rau, aber durchaus freundlich.

In der Hand hält er einen langen Bogen, an der Seite trägt er eine Felltasche, aus der Pfeilfedern ragen. Das also ist ihr Retter, ein Jäger, der durch Zufall Zeuge des Vorfalls war. Er scheint ihr nichts antun zu wollen. Trotzdem bedeckt sie ihre Brüste, weil ihr peinlich bewusst ist, dass sie immer noch nackt ist. Wer weiß, was von so einem zu erwarten ist. Wirklich vertrauenswürdig sieht er nicht aus.

»Wer bist du?«, flüstert sie, als er näher tritt.

»Egill«, sagt der Fremde und legt den Zeigefinger auf die Brust. »Ich bin Egill.«

Er scheint mit der Aussprache Mühe zu haben. Kein Ruotinger also. Doch was ist er dann? Sie starrt ihn ängstlich an – und erschrickt von Neuem, als ein zweiter Mann ebenso unbemerkt zwischen den Büschen auftaucht und sich neben den ersten stellt. Wie schaffen sie es, sich so lautlos durch den Wald zu bewegen?

Der Mann, der sich Egill nennt, deutet auf den anderen. »Mein Sohn«, sagt er und legt dem Jüngeren die Hand auf die Schulter.

Misstrauisch und bereit, beim kleinsten Anzeichen einer schlechten Absicht die Flucht zu ergreifen, wandern Ranas Augen vom einen zum anderen. Am Oberkörper tragen sie Rehfell, um die Lenden einen Schurz aus ähnlicher Tierhaut und um die Stirn lederne Riemen. Auch die Beine unterhalb der Knie sind mit Tierhaut umwickelt, und an den Füßen tragen sie grob genähte lederne Schuhe. Beide Männer sind schlank und sehnig, jedoch größer als die meisten Bauern in Ranas Dorf. Die Gesichter wie auch die Haut ihrer nackten Arme sind seltsam dunkel, ein helles bis mittleres Braun. Und tätowiert sind sie. Irgendwelche Zeichen. Schwer zu erkennen, was sie bedeuten sollen. Eigentlich sehen die beiden eher furchterregend aus, wäre da nicht Egills freundliches Lächeln.

Wie ein Blitz trifft es Rana. Die Männer müssen zu jenem geheimnisvollen Volk der Wildnis gehören, um das sich unzählige Geschichten ranken. Zauberkräfte sollen sie besitzen. Nicht ungefährlich sollen sie sein, aber scheuer als Rehe. Selten, dass man einen von ihnen zu Gesicht bekommt.

»Ihr seid Alben«, sagt sie, jetzt doch wieder beunruhigt.

Egill zuckt mit den Schultern und nickt. »Ihr Ruotinger nennt uns so.«

Ich sollte mich vor ihnen fürchten, fährt es ihr durch den Sinn. Vielleicht wollen sie mich verschleppen. So was erzählt man sich in den Dörfern. Man droht den Kindern damit, wenn sie nicht gehorchen. Es heißt, dass sie Weiber rauben, sie verzaubern und zu ihren Frauen machen. Dass es gefährlich ist, sich ihnen zu nähern. Viele, die es getan haben, seien spurlos im Wald verschwunden, um nie mehr wiederzukehren, heißt es. Ist es das, was sie mit mir vorhaben?

Sie spürt den Blick des Jüngeren aufwärtswandern, von ihren Beinen bis zu ihrem Gesicht. Wieder fühlt sie sich in ihrer Nacktheit ausgeliefert. Doch als ihre Blicke sich kreuzen, sieht er verlegen zur Seite. Was ist davon zu halten? Was soll sie tun? Weglaufen nützt nichts. Die beiden sind mit Sicherheit schneller als sie. Und stärker allemal.

Der Mann, der sich Egill nennt, ist der weitaus Ältere. Sein struppiger Bart ist grau, das Gesicht voller Furchen. Erstaunt bemerkt sie, dass die Augen in diesem wettergegerbten Gesicht von hellem Blau sind. Auch die seines Sohnes. Wie bei den meisten von uns, denkt sie. Und doch gehören sie einer fremden Rasse an. Sie spürt, dass der Sohn sie beobachtet. Als sie ihn ansieht, blickt er wieder verlegen zur Seite.

»Ihr habt also auf diese Männer geschossen.«

Egill nickt. »Schlechte Männer.«

»Ich muss euch danken«, sagt sie unsicher. »Ihr habt mich gerettet. Und was habt ihr jetzt mit mir vor?«

Egill runzelt die Stirn. »Nichts. Was sollen vorhaben?« Dann lächelt er. Der Mann hat gesunde Zähne. Anders als die meisten Ruotinger, die in diesem Alter oft schlechte Zähne haben. Er reicht seinem Sohn den Bogen, zieht sich das Rehfellhemd über den Kopf und hält es Rana hin. »Zieh an«, sagt er. »Dann nicht kalt.«

Sie beide wissen, dass es nicht nur darum geht, sie warm zu halten. Etwas zögerlich nimmt Rana das Hemd entgegen, dann aber streift sie es sich dankbar über. Es bedeckt ihre Blöße bis zu den Oberschenkeln und riecht nach Rohleder und warmem Männerschweiß. Aber der Geruch ist nicht unangenehm.

»Danke!«, sagt sie und fühlt sich besser.

Auch der junge Mann wagt nun, ihr ins Gesicht zu sehen. »Du bist aus dem Dorf am Fluss«, sagt er.

»Ihr wisst, wo das ist?«, fragt sie erstaunt.

»Natürlich«, erwidert er, als wäre das eine dumme Frage.

»Wir gehen mit dir bis Waldrand«, sagt Egill. »Aber erst, wenn dunkel. Bis dahin dauert es noch.« Er deutet auf den morschen Baumstamm, neben dem sie stehen. »Setzen wir und reden.«

»Und wenn die Männer wiederkommen?«

Egill schüttelt den Kopf und lacht. »Ruotinger fangen uns nicht.«

Rana lässt sich auf der rauen Rinde des morschen Stammes nieder. Egill setzt sich zu ihr. Sein Sohn bleibt stehen und lässt den Blick in alle Richtungen schweifen, als hielte er Wache. Rana kann nicht glauben, dass sie hier friedlich mit Alben plaudert.

»Diese Männer sind gefährlich«, sagt sie. »Einer von ihnen ist der Sohn unseres Fürsten.«

Egill nickt. »Wir wissen von ihm.«

»Ihr wisst alles über uns, aber wir nichts über euch.«

Egill lächelt. »So soll es bleiben.«

»Warum habt ihr euch eingemischt? Es ist, als ob die Götter euch geschickt hätten.«

»Nicht eure Götter. Geister des Waldes haben es befohlen. Schlechte Männer stören Frieden des Waldes.«

»Ihr habt eingegriffen, weil sie den Frieden gestört haben?«

»Und weil schlechte Männer auch uns angetan haben, was sie dir antun wollten. Ist lange her.«

»Euren Frauen?«

»Viele Tote. Dorf zerstört. Frauen geschändet, Kinder geraubt.«

»Auch deine Frau?«

Egill nickt. »Auch meine. Tokis Mutter.«

* * *

Arrak und seine Gefährten erreichen die Stelle, an der sie die Pferde zurückgelassen haben. Er und Brunn, der Mann mit der Zahnlücke, haben sich mit dem Tragen ihres verwundeten Kameraden abgewechselt und lassen ihn jetzt erschöpft zu Boden gleiten. Der Mann ist halb bewusstlos. Er stöhnt und spuckt eine Menge Blut. Die Pfeilspitze steckt ihm noch im Rücken. Allerdings hat Arrak den Schaft zwei Handbreit über der Wunde abgebrochen, um ihn sich genauer anzusehen.

»Sieht nicht gut aus«, sagt Brunn. »Wenn er Blut spuckt, ist die Lunge getroffen.« Vorsichtig betastet er sein verwundetes Ohr. »Verdammtes Weibsstück«, murmelt er.

»Zieh den Pfeil raus«, sagt Arrak.

»Was?«

»Du sollst ihm den Pfeil rausziehen, sag ich.«

»Besser nicht.«

»Ich will wissen, wer da geschossen hat.«

»Wenn wir den Pfeil ziehen, blutet’s noch mehr. Dann ersäuft er am eigenen Blut.«

Arrak wirft ihm einen gereizten Blick zu. »Wenn du’s nicht tust, dann ich!« Kurzerhand packt er den verbliebenen Pfeilschaft und reißt ihn mit einem Ruck heraus. Der Verwundete schreit auf, windet sich vor Schmerz und verliert das Bewusstsein.

»Bei Wuodan! Musste das sein?«

»Sei kein Weichling!«, knurrt Arrak. »Der ist ohnehin erledigt.«

Er bückt sich, nimmt etwas Herbstlaub vom Boden und wischt das Blut von der Pfeilspitze. »Eine Steinspitze«, murmelt er erstaunt. »Feuerstein.«

»Na und?«

»Wer macht sich die Mühe, Pfeilspitzen aus Stein zu fertigen? Das ist nicht so leicht. Da steckt ’ne Menge Arbeit drin. Deshalb haben wir alle Bronzespitzen.«

»Das gilt für unsere Krieger, aber nicht für die Bauern. Dein Vater hat doch verboten, ihnen bronzene Waffen zu überlassen. Dabei gehen die doch auch jagen.«

»Sieh dir das Ding mal genau an.« Arrak hält Brunn die Pfeilspitze unter die Nase. »Und fühl die Kanten. Die sind so scharf, dass du dir damit den Bart scheren könntest. Das ist das Werk eines Meisters, sage ich dir. Nicht die Arbeit eines Bauern.«

»Bei Wuodan, du hast recht«, sagt Brunn, nachdem er sich die Spitze genauer angesehen hat. »So was kann nicht jeder.«

»Sag ich doch«, knurrt Arrak. Er zieht den dazugehörigen Schaft mit den Federn aus dem Köcher, wo er ihn verwahrt hat, und untersucht ihn. »Sieh dir die Verzierungen an. Seltsame Muster, sogar mit Ocker eingefärbt. Das müssen Zauberzeichen sein.«

»Du meinst …«

»Kein Zweifel. Das ist ein Albenpfeil!«

»Warum sollten sich Alben einmischen? Die gehen uns doch sonst auch aus dem Weg. Lassen sich fast nie sehen.«

»Wer weiß?« Arrak zuckt mit den Schultern. Dann zeigt sich ein Wolfsgrinsen auf seinen Zügen. »Das können wir nicht auf uns sitzen lassen. Waldmenschen, die uns aus dem Hinterhalt angreifen? Ich denke, demnächst ist Jagd auf Alben angesagt.«

»Du weißt, die sind schwer zu finden. Und gefährlich obendrein. Wir haben es gerade erlebt. Die Pfeile kamen aus dem Wald geflogen wie von Zauberhand. Hast du vielleicht einen von ihnen gesehen? Ich nicht. Wie von Zauberhand, sag ich dir.«

»Willst du deinen Kameraden nicht rächen?« Arrak deutet auf den Verwundeten am Boden, der sich langsam wieder regt.

»Ja, schon. Aber, bei Wuodan, die Alben können einen mit schrecklichen Flüchen belegen. Solche, die man nie mehr los wird. Ich kenn einen, der ist plötzlich krank geworden und wurde jeden Tag schwächer, bis er unter Schmerzen verreckt ist. Der hat gesagt, es waren die Alben. Weil er sie beim Tauschhandel betrogen hat.«

»Dummes Zeug! Und ruf nicht dauernd deinen Wuodan an. Hador ist unser Gott. Du weißt das, verdammt noch mal! Muss ich dich dauernd dran erinnern?«

Brunn nickt verlegen. »Es ist, weil ich mit Wuodan aufgewachsen bin. Da kommt es vor, dass ich mich vergesse.«

»Wenn ich dich noch einmal diesen Namen sagen höre, lasse ich dich auspeitschen. Ist das klar?«

Brunn weiß, dass das keine leere Drohung ist. Seit Helma, Orkons Großvater, die Klans mit Hilfe Hadors vereinigen konnte, ist Wuodans Einfluss geschwunden, und seine Schreine sind verkommen. Er hat sich von den Menschen abgekehrt und ist in die Welt der Riesen zurückgekehrt, heißt es. Vielleicht auch in die alten Weidegründe im Osten. Das sagen jedenfalls die Helminger und Hadors Priester. Hador, der Gott der Unterwelt, hat die Herrschaft über die Welt an sich gerissen. Er mag kalt und grausam sein, aber die Welt selbst ist grausam und unerbittlich. Nur wer sich Hador unterwirft, kann in ihr bestehen. Als die Leute noch Wuodan huldigten, gab es ständig Kampf und Streit unter den Klans. Seit die Helminger Hador als Gott der Götter, als Vater nicht nur der Unterwelt, sondern auch der Erde und des Himmels verehren, ist Friede im Land eingekehrt. Nun wagt keiner mehr, sich gegen die rechtmäßige Ordnung aufzulehnen. Wer es dennoch tut, der wird dem gefräßigen Hador geopfert.

Brunn nickt beklommen. »Es wird nicht mehr vorkommen, Arrak.«

Der Verwundete dreht sich stöhnend auf die Seite. Aus seinem Mund dringt erneut ein Schwall von Blut. Er hustet, als drohe er daran zu ersticken, und windet sich vor Schmerz. »Lasst mich nicht hier verrecken«, flüstert er.

Arrak beugt sich über ihn. »Keine Sorge, Freund. Du stirbst zu Hause. Wir nehmen dich mit.« Er wendet sich an Brunn: »Hol seinen Gaul, damit wir ihn auf den Sattel heben können.«

Die Sättel der Reittiere bestehen aus lederbezogenen, mit Polstern und Schaffellen versehenen kurzen Brettern, die beidseitig der Rückenwirbel des Pferdes aufliegen und mit einem Gurt fest um den Leib des Tieres gezurrt werden. Brunn tut wie geheißen, und mit vereinten Kräften hieven sie ihren verwundeten Kameraden aufs Pferd. Das heißt, sie hängen ihn ohne große Umstände bäuchlings über den Sattel, sodass die Beine auf der einen und der Kopf auf der anderen Seite baumeln. Während der Mann vor Schmerzen stöhnt, binden sie ihn mit Lederschnüren fest.

Arrak zieht Ranas Leinenkleid aus dem Gürtel und schüttelt es aus, um es zu betrachten. Er schnuppert daran, als hoffe er, noch ihren Geruch zu erhaschen. Auch ihre Sandalen hat er mitgenommen.

»Was für ein Weib!«, murmelt er versonnen. »Hast du ihre göttlichen Titten gesehen? Und laufen kann sie wie ein Reh. Ich sag dir, die könnte mir gefallen.«

»Ja, bis sie dir das Ohr abbeißt«, erwidert Brunn grimmig. »Vielleicht sogar den Schwanz.«

Arrak lacht. »Eine mit Feuer im Hintern. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Man muss sie nur richtig einreiten.« Er stopft Ranas Sachen in eine Satteltasche und bindet seinen Hengst los, einen kräftigen Falben. »Ich bin sicher, die stammt aus dem Dorf hier in der Nähe. Wir sollten morgen wiederkommen. Sie wird ihre Sachen suchen.«

»Ich weiß, wer sie ist«, sagt Brunn. »Nicht weit von hier ist das Heiligtum der Destarte.«

»Du meinst das, wo die Weiber hinpilgern, wenn sie geschwängert werden wollen?« Arrak grinst spöttisch. »Möchte nicht wissen, was da so vor sich geht. Es heißt, selbst alte Vetteln kriegen noch ein Balg, wenn sie sich Destarte zu Füßen werfen.«

»Du hast doch bestimmt von Herdis, der Priesterin, gehört.«

»Ja. Aufmüpfiges Weib. Weigert sich, Hador zu huldigen.«

»Das Mädchen ist ihre Tochter.«

»Bist du sicher?«

»Ich hab sie vorhin nicht gleich erkannt. Aber jetzt, wo ich drüber nachdenke, bin ich mir sicher. Ich hab sie mal gesehen, als sie ihrer Mutter zur Hand ging.«

»Was hattest du denn bei Destarte zu suchen?«

»Mein Bruder hatte letztes Jahr zwei tot geborene Kälber. Gleich hintereinander. Da hat er es mit der Angst zu tun gekriegt, dass er die ganze Herde verlieren könnte. Ich hab ihn begleitet.«

»Da hast du sie also gesehen?«

Brunn nickt. »Du solltest sie in Ruhe lassen. Könnte Ärger geben. Du weißt, wie verbreitet der Kult der Destarte ist. Selbst dein Vater achtet ihn.«

»Mein Vater«, knurrt Arrak verächtlich. »Was weiß der denn schon! Nun, vielleicht hast du recht. Trotzdem. Wir bringen den da zurück, und in den nächsten Tagen kommen wir wieder.«

Brunn fällt auf, dass der Verwundete sich nicht mehr regt und seit einer Weile keinen Ton mehr von sich gegeben hat. Aus dem offenen Mund rinnt immer noch Blut. Es läuft an den Armen herunter und tropft von den Fingern auf den Waldboden. Brunn packt den Mann mit der Rechten am Haarschopf und hebt ihn an. Den linken Handrücken hält er ihm kurz vor den Mund.

»Ich spür nichts. Ich glaube, er atmet nicht mehr.«

Arrak zuckt gleichmütig mit den Schultern. »Dann ist er jetzt im Reich der Toten. Da enden wir schließlich alle irgendwann.«

* * *

»Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll«, sagt Rana. »Nicht mal ein Geschenk kann ich euch machen. Hab ja nichts bei mir.«

Das Licht der dünnen Mondsichel sickert nur spärlich durch die Baumkronen. Im Wald selbst, unter den hohen Buchen, wo Rana und die beiden Alben auf einem bemoosten Felsen hocken, herrscht nahezu Dunkelheit. Die Männer neben ihr sind nur als Schatten wahrnehmbar.

»Wir brauchen nichts«, sagt Egill.

Der Fels, an dem sie auf die Dunkelheit gewartet haben, liegt nicht weit vom Waldrand entfernt. Durch die Baumstämme schimmert die Onestruda, der größte Fluss der fruchtbaren Talebene. In sie ergießen sich viele Gewässer der Gegend, auch die liebliche Gerra, an der Rana am späten Nachmittag überfallen wurde.

Am gegenüberliegenden Nordufer liegt Ranas Dorf. Wenn man genau hinschaut, sind zwischen den schlanken Baumstämmen die geduckten Schilfdächer der Hütten zu erkennen. Die meisten sind Langhäuser, in denen Mensch und Tier unter einem Dach leben. Hier und da das hellere Grau von aufsteigendem Rauch oder der schwache Lichtschein aus einer offenen Tür.

»Wir könnten uns morgen wieder hier treffen. Mein Vater schmiedet Kupfer und Bronze. Ihr werdet doch ein gutes Beil brauchen können. Oder ein Messer.«

»Wir brauchen nichts«, wiederholt Egill, diesmal bestimmter.

»Aber warum nicht? Beile und Messer sind nützlich.«

»Wir mögen die Nähe eurer Dörfer nicht. Waren nur hier, weil wir die Spur eines Keilers verfolgt haben.«

»Wo kann ich euch denn finden?«

»Nicht nötig. Und sag deinen Leuten nichts von uns. Sie kommen uns sonst suchen. Wir haben heute einen von euch getötet.«

»Aber die hätten mich vielleicht umgebracht.«

»Deine Leute werden es nicht glauben.«

»Ich würde gern mehr über euch erfahren. Wo ihr wohnt, wie ihr lebt. Und euch ein Geschenk machen.«

»Nein. Zu gefährlich für uns. Wir ziehen morgen weiter, damit man uns nicht findet.«

Rana ist enttäuscht. So fremd die beiden Männer ihr auch sind, sie fürchtet sich nicht länger vor ihnen. In Gegenteil. Sie haben die Zeit genutzt, um sich zu unterhalten. Geredet hat allerdings meist Egill. Manchmal hat er Dinge gesagt, über die sie lachen musste. Zum Beispiel, dass er nicht versteht, wieso die Ruotinger sich den ganzen Tag auf ihren Feldern abmühen, wenn es genügt, ein Reh zu erlegen, um sich und die Familie für Tage zu ernähren. »Weil es gar nicht genug Rehe gibt, um uns alle zu ernähren«, hat sie ihm geantwortet.

Der Sohn hat nicht viel gesagt, aber zugehört. Vielleicht weil er nur wenige Worte von Ranas Sprache spricht. Egill hat sie beim Tauschhandel gelernt. Anscheinend gibt es Orte, wo Alben und Bauern sich treffen, um zu handeln. Tierzähne und Felle gegen Kupferbeile, scharfe Steinklingen gegen Bronzeperlen oder gegen gewebte Stoffe. Rehhaut ist besser, sagt Egill, aber Frauen mögen Stoffe.

Rana hat von ihrer Familie erzählt, von ihrer Göttin Destarte und dem anstehenden Frühlingsfest. Die geplante Priesterweihe hat sie nicht erwähnt. Gern hätte sie mehr über das Leben dieser Waldmenschen erfahren. Im Gegensatz zu ihnen sind die meisten Ruotinger Hirten und Bauern. Einige auch Handwerker oder Krieger, aber die allermeisten leben von der Feldarbeit und der Viehzucht. Die Alben hingegen ernähren sich von dem, was der Wald bietet. Dass ihnen das genügt!, wundert Rana sich. Und was tun sie im Winter bei Frost und Kälte, wenn wir uns in unseren Häusern verkriechen und ums warme Herdfeuer scharen?

Doch ihren Fragen ist Egill ausgewichen. Über ihr tägliches Leben oder ihre Familien hat er sich nichts entlocken lassen. Nur von der Jagd hat er erzählt und ein wenig von den vielen Geistern des Waldes, die in jedem Baum und jedem Strauch wohnen, in jedem Fels und jedem Gewässer, im Wind und im Regen. Und natürlich in jedem Tier. Der Schamane beschwört den Geist des Bären. Auf dass er sie in Ruhe lässt und ihnen nicht nachträgt, dass sie das Wild in seinem Wald jagen. Auch mit den Wölfen redet er und nennt sie Brüder. Das ist ihr selbst nicht fremd. Ihr Volk kennt ebenfalls viele Geister und Götter.

»Ich hatte gehofft, dass wir uns wiedersehen«, sagt sie.

Egill zögert, bevor er antwortet. »Dann musst du in die Berge gehen. Vielleicht finden wir dich«, sagt er schließlich. »Vielleicht auch nicht. Vielleicht sind wir ganz woanders.«

Es wird Zeit, sich zu verabschieden. Arrak und seine Männer muss sie wohl nicht mehr fürchten, denn Egills Sohn ist gerade zurückgekommen, nachdem er die Umgebung längs des Flusses ausgespäht hat.

»Also gut.« Rana steht auf und zieht sich Egills Hemd über den Kopf. Mit Bedauern reicht sie es ihm, denn es ist kühl geworden. »Danke für alles Egill. Auch dir, Toki. Mögen die Götter euch beschützen.«

Egill erhebt sich. Er fasst nach ihrer Hand und hält sie sich kurz an die Stirn, dann wendet er sich ab und bedeutet seinem Sohn, ihm zu folgen. Ein paarmal hört sie es noch im Laub rascheln, danach nichts mehr. Als habe der Erdboden die beiden verschluckt.

Rana spürt die kalte Nachtluft auf der nackten Haut und fröstelt. Sie kommt sich plötzlich allein und verlassen vor. Dass Destarte sie aus ihrer Not errettet hat, erfüllt sie mit großer Dankbarkeit. In der Dunkelheit flüstert sie ein stilles Gebet an die Göttin. Und noch eines an Astaris. Die könnte sich sonst zurückgesetzt fühlen. Vielleicht war es ja die Jägerin, die die Alben geschickt hat.

Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, wandert sie durchs raschelnde Laub auf das Flussufer zu. Das Erlebte des Nachmittags und des Abends ist noch allzu gegenwärtig. Die Begegnung mit den Alben, aber vor allem die schrecklichen Momente an der Gerra. Noch nie war sie jemandem an dieser Stelle begegnet. Ausgerechnet heute mussten die drei Männer dort auftauchen.

Man wird sagen, sie sei selbst schuld. Warum läuft sie auch immer allein im Wald herum? Einmal musste so was doch passieren. Orkons Männer sind seit Langem eine Bedrohung für das ganze Land. Sie plündern Bauern aus und nennen es Tribut. Wer nichts zu geben hat, dem stehlen sie das Vieh. Oder die Töchter. Alles im Namen von Hador, dem düsteren Gott der Unterwelt und Wuodans Bruder. Ihm opfern sie nicht nur Rinder und Pferde, sondern auch Menschen. Besonders solche, die sich ihnen widersetzen. Natürlich hat es Menschenopfer auch schon vor Urzeiten gegeben. Doch nur selten, wenn das Volk in großer Not war. Unter Orkon kommt es jetzt häufig vor. Alles, um ihren gefräßigen Gott zu beschwichtigen.

Ranas Mutter sagt, in Wirklichkeit tun sie es, um das Volk in Angst und Schrecken zu halten. Ihr eigenes Dorf haben Orkons Männer bisher verschont. Vielleicht aus Respekt vor Destartes Schrein. Aber wie lange noch? Dass Arrak sich in der Gegend herumtreibt, ist kein gutes Zeichen. Rana zweifelt nicht, was mit ihr geschehen wäre, hätten die Alben nicht eingegriffen. Zuerst hätten die Kerle sie halb totgeschlagen, dann hätten sich alle drei mit ihr vergnügt. Und danach? Hätten die sie am Leben gelassen?

Rana überlegt, ob sie daheim überhaupt erzählen soll, was geschehen ist. Mutter wird sich fürchterlich aufregen und vielleicht selbst in Gefahr bringen. Sie ist von Fürst Orkon ohnehin nicht gut gelitten. Aber wie soll sie das Erlebte verbergen, wenn sie ohne Schuhe und Kleider heimkommt, mit zerschundenen Füßen und Spuren von Gewalt an Hals und Gesicht?

HELLA

Wuodans Gefährtin, Mutter der Kinder, Hüterin des Hauses und der Familie, der Vorräte und der Kornspeicher, gütig bist du, treu und beständig. Was wären wir ohne deine Fürsorge?

Die Siedlungen der Ruotinger liegen weit verstreut und hauptsächlich in den Flussniederungen, wo weite Flächen abgeholzt und urbar gemacht wurden. Auch die Viehzucht hat den Wald durch ihren Bedarf an Weideflächen zurückgedrängt. Und doch ist der größte Teil des Landes immer noch von dichtem Urwald bedeckt. Jagen und Fischen ergänzen die Nahrungsquellen der Menschen.

Ranas Dorf heißt Altorp und liegt an einer Furt der Onestruda, in der das Wasser nur bis über die Knie reicht. In trockenen Sommern auch nur bis zu den Waden. Auch die kleine Gerra mündet hier ganz in der Nähe. Auf Flüssen zu reisen ist die bequemste Art, von einem Ort zum anderen zu gelangen, weshalb auf der Onestruda häufig flache Lastkähne und Ruderboote anzutreffen sind, sogar solche mit Segeln.

Seit Urzeiten durchziehen zudem Wanderwege und Saumpfade das Land. Zwei davon kreuzen sich hier an der Furt. Der eine verbindet die Kuffaberge, wo sich Orkons dunkle Festung befindet, mit dem Heiligtum der Destarte. Dort endet er, denn weiter gen Süden entlang der Gerra ist nichts als Wildnis. Der zweite Weg kommt von weither aus dem hügeligen Land im Westen. Er folgt der Onestruda, wenn auch in unregelmäßigen Abständen, bis diese drei Tagesmärsche weiter gen Osten in die Sala mündet. Die Sala selbst ergießt sich in den großen Strom, der sich Albija nennt und irgendwo weit weg im Norden, wo wildes, kriegerisches Volk haust, in das gewaltige Salzmeer fließt, das die ganze Welt umspült.

Altorp ist ein großes Dorf, seit Generationen gewachsen. Wegen des ertragreichen Bodens am Fluss haben sich schon immer Menschen hier angesiedelt, schon bevor die Ruotinger kamen. Alles gedeiht in dieser schwarzen, schweren Erde der Flussauen, auch wenn das Pflügen mühsam ist. Und dann sind da noch die vielen Besucher des Schreins. Wobei niemand so genau weiß, was zuerst hier war: das Dorf oder das Heiligtum. Wahrscheinlich ist es das Heiligtum, denn es ist schon sehr alt.

Umgeben von Äckern und Viehweiden leben siebzig oder achtzig Familien im Dorf, vielleicht noch mehr, denn so genau hat niemand nachgezählt. Der Wohlstand einer Sippe misst sich an der Größe der Ackerfläche, die sie bewirtschaftet. Oder am Viehbestand, denn viele Ruotinger sind Viehhalter. Nicht nur Rinder, auch Ziegen und Schafe sichern ihren Reichtum. Und natürlich Söhne und Töchter, die helfen, das Land zu bewirtschaften und das Vieh zu versorgen. Da ist vor allem die schwere Arbeit auf den Feldern. Kühe sind zu melken, Schafe zu scheren, Korn zu dreschen. Nicht zu vergessen die Jagd und der Fischfang. Wintervorräte müssen angelegt werden. Die Milch wird zu Käse verarbeitet, das Korn zu Mehl. Hanffasern werden zu Seilen gedreht, und aus Tonerde wird Geschirr. Flachs und Hanf werden versponnen und zu Stoffen gewebt, aus denen dann Kleider genäht werden. Im Wald wird Holz geschlagen. Nicht nur zum Häuserbau, sondern vor allem, um die Kochfeuer zu unterhalten und die Häuser zu wärmen.

Wer es sich leisten kann, erwirbt zur Hilfe ein paar Sklaven, Gefangene von Kriegszügen der Klans in benachbarte Regionen. In letzter Zeit sind auch wieder Flüchtlinge gekommen, Bauern mit ihren Familien, die anderswo von ihrer Scholle vertrieben wurden. Nicht immer werden sie bereitwillig aufgenommen. Oft hat es Streit darüber gegeben.

Die Alteingesessenen und besonders die Wohlhabenderen des Dorfs wohnen entlang der Onestruda in geräumigen Langhäusern, die in einigem Abstand voneinander stehen. Dazwischen liegen Gemüsebeete und Einzäunungen für Ziegen und Schweine. Rinder- und Pferdeweiden und die Äcker, auf denen Korn, Gerste und Flachs angebaut werden, verteilen sich auf der Nordseite. Auch dort begrenzt von Wald, aus dem man neue freie Flächen geschlagen hat.

Die Ärmeren und vor allem die Flüchtlinge hausen am Rande des Dorfes in wackeligen Hütten oder am Waldrand, wo sie versuchen, neues Land zu erschließen, obwohl es eine unmenschliche Arbeit ist, ohne Zugochsen die Wurzeln alter Bäume aus der Erde zu reißen. Deshalb lässt man sie oft einfach im Boden und pflügt um sie herum. Natürlich ist auch das Pflügen ohne Zugtiere schwerste Arbeit. Der Mann stemmt sich in die Riemen, um den Reißpflug zu ziehen, die Frau dahinter drückt ihn in die Scholle. Glücklich ist, wer unbearbeitetes Land von einem Reicheren gegen Abgaben pachten und von ihm Pflug und Ochsen leihen kann. In Altorp gibt es daneben Gemeinschaftsbesitz, Weiden und Ackerland, das von Neuankömmlingen oder jungen Familien genutzt werden kann. Auch das Heiligtum der Destarte besitzt solches Land.

Dennoch sind alle im Dorf zu Abgaben verpflichtet, ob reich oder arm. Denn die großen Familien und die Klanführer der Ruotinger verlangen nach der Ernte von jedem Dorf und jeder Siedlung ihren Tribut. Allen voran Orkons Familie, die das Land beherrscht, seit es Orkons Großvater, dem legendären Helma, gelang, die übrigen Klans zu einigen und sich damit zum Fürst über sie zu erheben. Die Menschen in Altorp gehören zu den Nebroni, die den größten Teil des Tals der Onestruda besiedeln. Auch sie sind Ruotinger, nach dem Urahn Ruoto benannt, der vor unzähligen Generationen mit vielen Getreuen von den weiten Steppen her eingewandert ist und dem später andere gefolgt sind, um sich in dieser Region niederzulassen.

Altorp ist nicht nur durch die fruchtbare Erde, sondern auch durch seine Lage an Fluss und Wegen begünstigt, über die Fremde, die etwas zu tauschen haben, das Dorf erreichen. Entweder per Boot oder mit Lasttieren auf den alten Saumpfaden. Gehandelt werden vor allem Salz, feine Tonerde, Erze aller Art, Hornkämme, schöne Muscheln, Bernstein oder die langen Zähne eines Fabelwesens aus dem Norden, das sich Walross nennt. Natürlich auch irdene oder kupferne Gefäße, Pfeilspitzen, Feuersteine, Äxte und Waffen. Meist wird nur getauscht, ansonsten dienen kleine Kupferbarren als Bezahlung. Manchmal auch Silber oder feines Flussgold. Letzteres ist sehr begehrt, weil es so selten ist und herrlich glänzt. Natürlich ist Gold viel zu weich, um etwas Nützliches damit anzufangen. Und es als Schmuck oder Verzierung zu verwenden ist allein den Klanherren vorbehalten. Und natürlich der Fürstenfamilie.

Der Handel fördert das Handwerk. Ranas Vater Utrik ist ein angesehener Schmied, der nicht nur mit Kupfer umzugehen weiß, sondern auch die Kunst des Bronzeschmiedens beherrscht. Er ist nicht der einzige Handwerker in Altorp. Es gibt drei Töpfer und einen Wagenbauer. Und zwei Familien, die sich besonders gut aufs Weben verstehen. Der Handel wird auf dem Tauschplatz an der Kreuzung bei der Furt abgewickelt. Dort bieten neben wandernden Händlern auch Bauern an, was sie selbst nicht zum Leben brauchen, und man trifft sich, um über Saat, Wetter oder den Stand des Getreides zu reden und sich den neuesten Klatsch zu erzählen.

Die Dorfältesten dagegen treffen sich in Utriks Haus, wenn sie etwas zu besprechen haben. Es ist das größte im Ort. Groß genug, um so etwas wie eine Halle aufzuweisen, wo die Männer rund um die Feuerstelle sitzen und Bier trinken. Ranas Vater ist nicht nur ein angesehener Schmied, sondern hat auch meist das letzte Wort, wenn es etwas zu entscheiden gibt. Ranas Mutter nimmt als Priesterin eine noch bedeutendere Stellung ein, nicht nur im Dorf, sondern überall, wo Menschen der Destarte huldigen. Und das ist praktisch im ganzen Land.

* * *

Rana nähert sich dem Hof der Eltern mit gemischten Gefühlen. Natürlich ist sie froh, endlich daheim und in Sicherheit zu sein, fürchtet sich aber vor der Aufregung, die sie erwartet, und vor den unweigerlichen Fragen, wenn sie nackt und mit blutigen Schrammen im Gesicht heimkehrt. Ihr ist, als müsse sie sich dafür schämen. Als sei sie selbst schuld an dem, was geschehen ist. Warum streunt sie auch schon wieder allein im Wald herum?, wird ihre Mutter sagen. Wieso musste sie nackt im Fluss baden? Am liebsten wäre sie unbemerkt durch den Stall ins Haus und in ihr Bett gekrochen, um allen Fragen aus dem Weg zu gehen.

In der Dunkelheit schlüpft Rana an den Langhäusern und Schuppen vorbei, hält sich verborgen, so gut es geht. Es gibt hier keine Befestigungen, die die Häuser vor Eindringlingen schützen. Die Gegend ist sicher genug. Nicht einmal die Alten können sich an kriegerische Überfälle erinnern. Zum Glück begegnet ihr niemand. Was würde es für ein Getratsche geben, wenn man sie so sehen würde!

Beinahe unbemerkt betritt Rana den Hof der Eltern. Nur Ioni, der große Wachhund, erkennt sie sofort. Schwanzwedelnd kommt er auf sie zugerannt, springt an ihr hoch und versucht, ihr das Gesicht zu lecken.

»Ioni, nicht!«, murmelt sie lachend und wehrt ihn ab.

Plötzlich knurrt der Hund leise, als ob ihn etwas stört. Hat er etwa den Geruch von Arraks Männern oder vom Hemd des Alben in die Nase bekommen? Das würde sie nicht überraschen, denn Ioni kann einen Fuchs oder Wolf schon auf große Entfernung riechen. Doch dann wedelt er wieder mit dem Schwanz und drückt sich wohlig stöhnend an ihre Beine, während sie sein Fell rubbelt.

Als sie aufhört, steckt er ihr seine feuchte Nase zwischen die Beine. »Das reicht jetzt!«, sagt sie und schiebt ihn von sich. »Ab zu deinem Schlafplatz!« Sie macht eine drohende Bewegung, um ihn wegzuscheuchen.

»Wer ist da?«, hört sie die Stimme ihres Bruders. »Rana, bist du das?« Arni steht in der offenen Tür. Hinter ihm das rotgoldene Licht des Herdfeuers. »Wo warst du? Wir haben uns Sorgen gemacht.« Als sie aus der Dunkelheit tritt, reißt er die Augen auf. »Bei Wuodan, du hast ja nichts an …?«

»Hör auf, mich anzuglotzen«, sagt sie gereizt und schlüpft an ihm vorbei durch den Eingang. Nacktheit ist keine Schande bei den Ruotingern. Seines Körpers muss man sich nicht schämen. Aber nach dem Vorfall am Nachmittag fühlt Rana sich unwohl, von einem Mann angestarrt zu werden. Auch wenn es nur ihr Bruder ist.

Arni scheucht den Hund davon und schließt die Tür.

Der große Innenraum des Hauses liegt im Halbdunkel, nur schwach erleuchtet vom Schein der Feuerstelle in der Mitte. Die Familie hat gerade ihr Abendmahl beendet. Der Kessel hängt noch an seiner Kette über dem Feuer, und Ette, die Magd, sammelt gerade die benutzten Näpfe ein, um sie draußen im Trog zu waschen. Verlegen bleibt Rana stehen. Bei ihrem Anblick hebt Vater Utrik erstaunt die Brauen. Die Magd hält inne und starrt sie offenen Mundes an. Ebenso Aiko, der Knecht.

Mutter Herdis erhebt sich langsam. »Rana!«, ruft sie erschrocken. »Wie siehst du aus? Was ist geschehen?«

Statt zu antworten geht Rana die wenigen Schritte bis zum Schrein der Ahnen und kniet kurz nieder, um ihnen Respekt zu erweisen. Dann erhebt sie sich, tritt zur Feuerstelle und hält die Hände gegen die Flammen, um sich zu wärmen. »Ette! Hol mir was zum Anziehen. Mir ist kalt.«

Die Magd stellt hastig die Näpfe ab und eilt dorthin, wo sich hinter einer dünnen Wand die Schlafstellen und die Truhen befinden. Ranas Vater hat sich erhoben und legt Rana das Schaffell um die Schultern, auf dem er gesessen hat. Es ist noch warm von seinem Körper. Dankend blickt sie zu ihm auf, rückt dann einen freien Hocker ans Feuer und setzt sich.

Herdis starrt sie ärgerlich an. »Antworte mir gefälligst!« Sie packt Rana am Kinn und dreht ihr Gesicht zum Feuerschein, um besser sehen zu können. »Bei allen Göttern, Kind! Was ist passiert?«, fragt sie erschrocken, als sie das geschwollene Auge bemerkt und die blutige Schramme auf der Wange.

»Nichts«, sagt Rana trotzig und dreht den Kopf weg.

»Nichts? Und die blauen Flecken am Hals? Wer hat das getan? Wo sind deine Kleider und deine Schuhe?«

»Weiß nicht«, antwortet Rana, ohne die Mutter anzusehen. »Man hat sie mir gestohlen.«

»Lüg nicht. Und sieh mich an, wenn du mit mir redest! Was soll das heißen: gestohlen? Wer hat dich so zugerichtet? Sprich endlich!« Mit einem Mal werden Herdis’ Augen feucht. »Hat man dich etwa …?«

Ette kehrt mit einem warmen Wollkleid zurück. Rana steht auf, kehrt der Mutter den Rücken zu und zieht sich das Gewand über den Kopf. Dann gibt sie dem Vater das Fell zurück und lässt sich mit einem genervten Seufzer nieder. Die Fragerei ist ihr unangenehm. »Habt ihr noch was für mich zu essen?«

»Du weichst mir aus«, sagt Herdis. Ihre Stimme zittert plötzlich.

»Ich habe Hunger.«

»Ette. Gib ihr zu essen.« Herdis setzt sich auf ihren Hocker. Erregt und angespannt beugt sie sich vor und starrt Rana ins Gesicht: »Und jetzt rede mit uns. Wer hat dir das angetan?«

Rana schielt zu ihrem Vater hinüber. Utrik ist ein großer Mann, weißhaarig und hager und von den Jahren ein wenig gebeugt, obwohl er noch gar nicht so alt ist. Er hat bisher noch kein Wort gesagt, doch auch in seinem Blick liegt tiefe Besorgnis. Er hat die weisen, etwas traurigen Augen eines Mannes, der alles im Leben gesehen hat, wenig davon Gutes.

»Sprich, Kind!«, sagt er leise und nickt ihr ernst, aber aufmunternd zu.

Rana nimmt der Magd Löffel und Napf mit dem noch warmen Bohneneintopf aus der Hand und beginnt zu essen.

»Nichts ist passiert«, sagt sie kauend. »Ich konnte weglaufen.«

»Destarte sei Dank!«, murmelt Herdis und legt erleichtert die Hand aufs Herz. »Dabei hab ich dir immer gesagt –«

»Ich weiß, was du gesagt hast, Mutter!«, unterbricht Rana scharf. »Wir müssen es nicht noch mal hören.«

»Was soll das heißen, ›es ist nichts passiert‹?«, knurrt Arni wütend. »Man sieht doch, dass jemand dich geschlagen hat. Wahrscheinlich auch noch gewürgt. Sag uns endlich, wer das war, damit ich das Schwein umbringen kann.«

Rana löffelt weiter Eintopf. »Keiner aus dem Dorf«, sagt sie.

»Wer dann?«

Sie spürt, wie alle sie anstarren. Auch die Magd. Und Aiko, der Knecht, der sonst gern still in einer Ecke hockt und sich wenig an Gesprächen beteiligt. Er hat aufgehört, an dem Stück Holz zu schnitzen, das er in den Händen hält, und blickt nun ebenfalls zu ihr herüber.

»Also«, sagt sie genervt. »Ich war im Wald. Irgendwo an der Gerra. Es war warm, und ich wollte mich abkühlen. Hab Sandalen und mein Kleid ausgezogen und mich fast schon ins Wasser gesetzt, als plötzlich drei Krieger aufgetaucht sind. Ich denke, sie waren auf der Jagd.«

Herdis macht große Augen. »Und?«

Rana zuckt mit den Schultern. »Nichts! Ich bin weggelaufen. Reicht euch das nicht?« Bei der ganzen Fragerei ist ihr der Hunger vergangen. Sie stellt den Napf auf den Boden.

»Und woher hast du das geschwollene Auge und die Flecken am Hals?«, stellt ihre Mutter sie aufgeregt zur Rede.

»Was willst du uns verheimlichen?« Auch Vater Utrik klingt nicht so ruhig wie sonst. »Haben sie dich etwa doch erwischt? Nun rede endlich!«

Sie blickt ihn einen Augenblick fast feindselig an. »Ja, sie haben mich erwischt, Vater. Bist du jetzt zufrieden? Aber ich hab mich gewehrt und konnte ihnen entkommen.«

Arni schüttelt ungläubig den Kopf. »Drei Kriegern willst du entkommen sein? Wer, bei Wuodan, soll dir das glauben?«

Rana senkt den Blick und starrt ins heruntergebrannte Feuer. Den Alben hat sie versprochen, nichts zu verraten. Aber wie soll sie so ihre Rettung erklären? Schließlich holt sie tief Luft und blickt kurz in die Runde. »Also schön. Ich werde es euch sagen. Aber es muss unter uns bleiben. Ich habe versprochen, sie nicht zu verraten.«

»Wen nicht verraten?«, fragt Utrik.

»Die beiden Alben.«

»Alben?«

»Ja, es waren zwei Alben, die mich gerettet haben.«

Und dann berichtet sie, was sich wirklich zugetragen hat. Dass die beiden Alben einen der Krieger angeschossen und die anderen verscheucht haben, sodass sie flüchten konnte. Und dass sie mit ihr gewartet haben, bis es dunkel wurde, für den Fall, dass ihre Angreifer sich noch in der Gegend herumtreiben.

»Du warst die ganze Zeit mit diesen … diesen Wilden zusammen?«, fragt Herdis.

Rana nickt. »Sie haben mich beschützt und sicher heimgebracht.«

Herdis kann es kaum glauben. »Na, so was!«, murmelt sie.

»Du siehst, es ist nichts passiert, Mutter. Nur ein paar Schrammen.«

»Aber dass Alben …«, wundert sich Arni. »Wie kommen die dazu? Die sind doch gefährlich. Es heißt immer, man soll sich vor ihnen in Acht nehmen. Vor allem, dass sie Frauen rauben. Warum haben sie dich nicht entführt?«

»Man muss nicht alles glauben, was die Leute erzählen«, sagt Vater Utrik. »Eigentlich ist es umgekehrt. Es sind die Waldmenschen, die sich in Acht nehmen müssen. Vor uns Ruotingern. Wenn es stimmt, was Rana erzählt, kann sie sich glücklich schätzen, dass die beiden zur rechten Zeit da waren und sich eingemischt haben.«

Herdis nimmt ihre Tochter in die Arme. Ihre Augen schimmern feucht. »Das muss mehr als Glück sein. Es kann nur bedeuten, dass die Götter dir besonders gewogen sind. Vielleicht hat Destarte dich für Großes ausersehen und dich bewahren wollen.« Dann bricht sie in Tränen aus, bedeckt ihre Augen und schluchzt so heftig, dass ihre Schultern zucken. Der Gedanke, sie hätte Rana verlieren können, ist zu viel für sie.

Utrik steht auf, hockt sich neben seine Frau und streicht ihr sanft über den Rücken. Die Geschwister werfen sich einen verlegenen Blick zu. Es kommt nicht oft vor, dass sie ihre Mutter weinen sehen. Herdis ist die starke Stütze der Familie, die stolze Priesterin, die allen Widerständen trotzt, die anderen Mut zuspricht und sich nicht unterkriegen lässt. Herdis in Tränen, das sind sie nicht gewohnt.

»Was ist denn, Mutter?«, fragt Arni besorgt.

Herdis schüttelt den Kopf und weint still vor sich hin.

»Ist es wegen Gisla?«, fragt Utrik leise.

Herdis nickt. »Ja«, haucht sie. »Stell dir vor, wir hätten noch eine Tochter verloren. Und ausgerechnet die Alben.«

Gisla, Ranas ältere Schwester und Liebling der Familie, ist vor Jahren spurlos verschwunden. Ihr rätselhaftes Schicksal belastet die Familie seit Jahren. Man hat lange geglaubt, Waldmenschen hätten sie entführt. Und nun haben ausgerechnet Alben Rana beschützt.

Dass Mutter jetzt schon wieder um Gisla weint, macht Rana wütend. »Bestimmt wär’s dir lieber gewesen, die Götter hätten Gisla gerettet statt mich.«

Herdis hebt die vom Weinen verquollenen Augen. »Das ist nicht wahr«, flüstert sie. »Sag so was nicht.«

»Sei nicht töricht, Rana«, brummt Utrik ärgerlich. »Das hat deine Mutter nicht verdient. Schließlich sind wir alle erschrocken, was dir heute hätte passieren können.«

Rana senkt den Kopf. »Es tut mir leid.«

Für eine Weile herrscht betretenes Schweigen. Bis Arni aufsteht und ein paar Scheite auf die sterbende Glut legt. Dann dreht er sich um. »Ich will jetzt endlich wissen, wer diese Schweine sind«, sagt er. »Hast du einen von denen erkannt?«

Rana zögert. Soll sie es ihnen sagen? Besser, sie behauptet, es seien Unbekannte gewesen. Mutter liegt ohnehin im Streit mit Orkon und seinem obersten Priester Urdo. Die beiden machen ihr schon seit einiger Zeit Schwierigkeiten. Denn sie lässt sich von ihnen nichts gefallen und keilt für gewöhnlich zurück. Was heute geschehen ist, wird es nur noch schlimmer machen.

Doch dann nickt sie. »Ihr Anführer war Arrak, Orkons Sohn.«

Herdis’ Augen verengen sich. »Was sagst du da?«

»Es war Arrak, der die anderen aufgefordert hat, ihren Spaß mit mir zu treiben. Er selbst hat gelacht und zugeschaut. Aber es ist ihnen nicht gelungen. Ich habe mich gewehrt. Und einer wurde von einem Albenpfeil schwer verwundet, wenn er nicht bereits verreckt ist. Die Alben sagen, der Schuss war tödlich. Deshalb fürchten sie jetzt, dass man versucht, sie aufzuspüren, um sich an ihnen zu rächen. Also bitte kein Wort davon hier im Dorf.«

Einen Augenblick lang herrscht erschrockene Stille. Dann sagt Utrik: »Wir werden es nicht verraten.« Er blickt zu Ette und Aiko, die zugehört haben. »Kein Wort! Verstanden?«

»Orkons Sohn also«, murmelt Herdis. »Das wird er mir büßen!« Ihr Gesicht rötet sich vor Wut, und sie ballt die Faust. »Der verdammte Kerl wird es mir büßen! Ich schwöre es! Soll Thunars mächtiger Hammer ihn zerschmettern!«

»Beruhige dich, Herdis«, sagt Utrik. »Im Grunde ist nichts passiert. Den Göttern sei Dank!«

»›Nichts passiert‹, sagst du? Es wird Zeit, dass man diesem Kerl das Handwerk legt. Nicht nur ihm, auch seinem Vater. Der ganzen Brut da oben auf der Kuffaburg. Die denken, sie können sich alles erlauben. Dabei vergiften sie das Land im Namen ihres verfluchten Hador.«

Utrik macht ein erschrockenes Gesicht. »Vorsicht, Weib, dass du nicht die Götter verfluchst! Das könnte sich gegen dich wenden. Gegen uns alle.«

Herdis lässt sich nicht beruhigen. »Ja, ich verfluche Hador, der aus der Unterwelt aufgestiegen ist, um uns mit seinem Verwesungsgestank und seinem Gift zu überziehen.« Sie hebt die Arme gen Himmel. »Wo bist du, Wuodan, dass du das erlaubst? Warum hast du uns verlassen?« Schließlich lässt sie die Arme sinken und schüttelt den Kopf.

Lange herrscht unbehagliches Schweigen, während alle in die knisternden Flammen des neu entfachten Feuers starren.

»Dass der Kerl sich auf einmal ausgerechnet hier herumtreibt. Dies ist Nebroni-Land. Frage mich, was der bei uns zu suchen hat«, knurrt Utrik. »Aber eines ist sicher, Herdis: Gegen ihn und seinen Vater kannst du nichts ausrichten. Die sind zu mächtig.«

Herdis funkelt ihn an. »Von wegen! Auch eine Priesterin wie ich hat Macht! Sie mögen ihrem Hador huldigen, ihm grausame Opfer bringen, aber das Volk liebt Destarte.«

Ihr Mann schüttelt den Kopf. »Du überschätzt dich, Herdis. Ich sage dir, leg dich besser nicht mit denen an. Du kannst nur verlieren. Wir alle werden verlieren.«

»Du willst es einfach so hinnehmen, dass sie unsere Tochter schänden?«

»Noch ist es beim Versuch geblieben.«

»Das genügt doch schon! Willst du warten, bis es wirklich passiert? Dieser Orkon, der sich Fürst nennt, und seine verfluchten Krieger, sie plündern, stehlen Vieh und schänden Weiber. Alles im Namen Hadors. Sie entweihen Wuodans großes Heiligtum an der Albija, indem sie dort Menschen umbringen. Angeblich, um Hador zu besänftigen und um die Wettergötter in Schach zu halten und die Ernten zu sichern. Und dieser Arrak treibt es am schlimmsten.«

»Ich weiß das.«

»Ach, was weißt du schon, Utrik? Du hast doch nichts als deine Werkstatt im Kopf. Solange du an deiner seltsamen Scheibe werkeln kannst, bist du zufrieden. Aber ich – ich höre jeden Tag von diesen Dingen. Aus allen Ecken kommen Menschen zu Destarte, besonders Frauen. Sie erzählen mir, was im Land los ist. Und sie haben Angst. Im ganzen Land geht die Angst um.«

»Du denkst, das weiß ich nicht? Es ist ja auch nichts Neues. Schon zu Helmas Zeiten hat das angefangen. Nur wir sind noch einigermaßen verschont geblieben.«

»Das haben wir allein Drengi zu verdanken. Du solltest ihm berichten, was passiert ist, Utrik. Drengi hat Macht. Er wird es nicht zulassen, dass man so etwas mit seinen Leuten treibt.«

Dass die Eltern streiten, ist Rana unangenehm. Aber Mutter hat recht. Drengi ist Klanherr der Nebroni. Ein stolzer Mann, wie man weiß, der sich nicht gern auf der Nase herumtanzen lässt. Außerdem ist er Herr über viele Krieger. Vielleicht genauso viele, wie Orkon ins Feld führen kann.

»Ach, vergiss es, Herdis«, erwidert Utrik. »Drengi wird uns nicht helfen.«

»Wieso nicht? Wir sind Nebroni. Dies hier ist sein Land, wir sind seine Leute. Außerdem war er immer besonders stolz auf das Heiligtum. Im letzten Frühjahr hat sein Weib den Schrein besucht.«

»Ja, und es hat ihr wenig genutzt, denn kurz darauf ist sie gestorben. Jetzt sucht er ein neues Weib.«

»Na und?«

»Drengi ist ehrgeizig. Er will hoch hinaus. Im Grunde könnte er sogar Orkon in Schwierigkeiten bringen. Aber es heißt, er will Orkons Tochter zum Weib nehmen. Da wird er sich wohl kaum mit ihm oder seinem Sohn anlegen.«

»Drengi will Tura zum Weib nehmen? Die ist doch noch ein Kind.«

»Nicht mehr. Sie soll inzwischen vierzehn oder fünfzehn Sommer zählen. Das beste Alter für eine Vermählung.«

Herdis schüttelt angewidert den Kopf. »Dieser Orkon hat sich alle gefügig gemacht. Mit Gold, mit Vieh- und Landgeschenken und mit Versprechungen hat er die Klanherren auf seine Seite gebracht. Die Harruner ohnehin, aber auch die Guvarri und die Gejliren, sogar die auf der anderen Seite der Berge. Sie huldigen ihm wie schon seinem Vater und Großvater und wagen nicht, sich aufzulehnen. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht. Ihnen geht es ja gut. Nur das Volk wird geknechtet. Den Bauern rauben sie das Brot vom Mund weg. Und wer aufmuckt, wird ermordet. Oder er dient als nächstes Opfer für Hador.«

»Ja, so ist es. Leider. Aber wir werden uns nicht einmischen, Herdis, denn bisher sind wir einigermaßen verschont geblieben. Und Ranas geschwollenes Auge vergeht wieder. Sei froh, dass ihr nichts Schlimmeres passiert ist.«

Herdis blickt ihn kopfschüttelnd an. »Weißt du, Utrik, manchmal würde ich mir ein bisschen mehr Rückgrat von dir wünschen. Wo ist dein kämpferischer Geist geblieben?«

»Und du denkst, du kannst die Dinge erzwingen!«

Jetzt reicht’s mir, denkt Rana und erhebt sich, um an die frische Luft zu gehen. Kaum ist sie vors Haus getreten, kommt Ioni zu ihr. Abwesend streichelt sie sein Fell. Mutter hat recht, denkt sie. Wozu brauchen wir einen Fürsten, wenn er und seine Brut den Menschen nur schaden? Und wozu einen Gott, der einem nur Angst einjagt? Warum gibt es niemanden, der dagegen aufsteht?

Augenblicke später tritt auch Arni vor die Tür. Er legt den Arm um seine Schwester. »Tut mir leid, Rana, dass ich dich vorhin so angefahren habe. Ich bin nur so froh, dass dir nichts passiert ist.«

Auch sie legt den Arm um ihn. »Ich weiß. Du bist der Beste von uns allen.«

Später, auf ihrer Schlafstelle in warme Felldecken gewickelt, kann sie lange nicht schlafen. Die Wut auf diesen Arrak und seine beiden Halunken hält sie wach. Geschehen ist ihr wenig, doch nur dank der Alben. Sie zittert immer noch, wenn sie sich an die schrecklichen Augenblicke erinnert, an die panische Angst, die Hilflosigkeit und das Gefühl, den drei Kerlen völlig ausgeliefert zu sein.

Der Vater will die Sache auf sich beruhen lassen. Zweifellos das Vernünftigste aus seiner Sicht. Ein geschwollenes Auge vergeht wieder. Da hat er recht. Aber nicht die Erinnerung an die Angst und die Erniedrigung. Die wird für immer bleiben. Was das angeht, ist Rana wie ihre Mutter. Sie hat vor, sich an den Kerlen zu rächen. Wie das geschehen soll, weiß sie nicht. Aber irgendwann wird sie es tun. Der Tag wird kommen.

Dann muss sie an Gisla, ihre ältere Schwester, denken. Wäre sie noch am Leben, müsste sie jetzt zwanzig und einen Winter zählen. An einem schönen Sommertag, als sie dreizehn war, ist sie urplötzlich verschwunden. Niemand weiß, wieso und warum. Man hat sie überall gesucht und nie gefunden. Auch keine Leiche. Trotzdem gibt es keine andere Erklärung, als dass sie tot ist.

Rana weiß, wie sehr ihre Mutter darunter gelitten hat. Schon zuvor hatte Herdis zwei Kinder im zarten Alter verloren. Als dann Gisla geboren wurde, war sie Herdis’ Ein und Alles. Gisla wurde mit solch mütterlicher Inbrunst und Sorge umhegt, als könnte jeder Luftzug sie ebenfalls umbringen. Und dann das! Verschwunden, verschollen, unauffindbar! Wer weiß, wer sie getötet hat. Vielleicht ein Tier, ein Rudel Wölfe oder ein Bär. Oder ein verfluchter Kerl, der sie missbraucht und dann irgendwo verscharrt hat. Niemand wird es jemals wissen.

Insgeheim ist Rana eifersüchtig auf ihre verschollene Schwester. Wenn Mutter von ihr redet, klingt es, als wäre Gisla ein überirdisches Wesen gewesen, mit den besten Gaben ausgestattet, die ein junges Mädchen nur haben kann. Natürlich sollte Gisla ursprünglich Mutters Erbe antreten. Doch dann ist es anders gekommen. Gisla ist nicht mehr von dieser Welt, und Rana ist an ihre Stelle getreten. Trotzdem fühlt sie sich immer noch so, als stünde sie im Schatten der toten Schwester. Als wäre sie nur zweite Wahl. Vielleicht zögert sie deshalb, Priesterin zu werden. Wer will schon zweite Wahl sein?

* * *

Zwei Tage später wird Rana frühmorgens von lauten Stimmen geweckt. Es ist Mutter, die mal wieder mit Ette schimpft.

Was ist es diesmal?, fragt sie sich genervt, dreht sich auf die andere Seite und schließt die Augen. Sie ist noch nicht bereit, ihr warmes Bett zu verlassen. Die Magd tut ihr manchmal leid. Sie muss einiges aushalten, so wie Herdis sie herumkommandiert. Ette ist eine kräftige junge Frau in Ranas Alter, die sich nicht scheut zuzupacken. Sie ist die älteste Tochter eines Flussfischers, der eine armselige Hütte weiter flussaufwärts bewohnt und Mühe hat, seine sechs Kinder durchzubringen. Weshalb Herdis der Magd oft reichlich Korn und getrocknete Bohnen mitgibt, wenn sie ihre Familie besucht, im Tausch für ein paar Fische. Da zeigt sich Mutters fürsorgliche Seite. Ette ist ihr dankbar für die Hilfe und erträgt Herdis’ gelegentliche schlechte Laune mit sanftem Gleichmut.

Fast wäre Rana wieder eingeschlafen, als im Hof lautes Hämmern ertönt. Ist es denn schon so spät, dass alle auf sind? Sie reibt sich den Schlaf aus den Augen und schiebt die warmen Felle weg, bereut es aber gleich, als die Morgenkühle sie frösteln lässt. Schnell deckt sie sich wieder zu.

Ihre Bettstelle besteht aus einem schmalen, mit Ledergurten bespannten hölzernen Rahmenwerk, auf dem eine mit Schilf gefüllte Matratze aus grobem Leinen liegt. Darüber eine Decke aus Schaffellen und eine zweite zum Zudecken. Ihr Kopfkissen ist mit Gänsedaunen gefüllt. Manchmal krabbelt Ungeziefer aus der Matratze. Aber daran ist man gewöhnt. Immerhin schlafen viele im Dorf weit weniger bequem. Bei Ette zum Beispiel teilen sich alle Familienmitglieder die enge Hütte, die nur aus einem Raum besteht. Zum Schlafen haben sie nicht mehr als strohgefüllte Säcke.

Rana fragt sich, wie es den Alben im Wald ergeht. Wie sie wohl schlafen. Bauen sie sich Hütten? Und wie ist es im Winter? Auf jeden Fall haben wir es besser, denkt sie. Und bestimmt wärmer.

Ranas Schlafplatz befindet sich unter der Dachschräge des Hauses und ist so etwas wie ein abgetrennter Verschlag mit Seitenwänden aus Weidengeflecht und einem Vorhang aus Tierhäuten. Leider fällt nur wenig Licht in diese Ecke, aber dafür ist es gemütlich. Es war ursprünglich Gislas Schlafstatt. Auf die Abschirmung hatte Mutter bestanden, als bei Gisla die ersten Blutungen einsetzten. Die Lagerstatt der Eltern ist auf ähnliche Weise vor neugierigen Blicken geschützt. Alle anderen Betten nicht. Weder Arnis noch die von Aiko und Ette.

Ranas Blutungen kamen verspätet. Sie war schon ganz verzweifelt, denn es hieß, mit den ersten Blutungen werde man zur Frau. Warum eigentlich? Warum um alles in der Welt bluten Frauen? Und fühlen sich dabei unwohl. Und das im Rhythmus des Mondes. Ist es ein Fluch? Eine Strafe der Götter? Mutter sagt, der Körper der Frau will sich reinigen und schlechtes Blut abscheiden, damit er bereit ist, ein Kind zu empfangen.

Aber wenn das so ist, warum bluten dann Männer nicht? Haben sie nicht auch einen Anteil an der Empfängnis? Müssen sie ihr Blut nicht reinigen? Diese Fragen kann ihr keiner beantworten. Als die Blutungen endlich auch bei ihr einsetzten, war sie überglücklich. Inzwischen ist sie daran gewöhnt und denkt nur noch selten darüber nach. Mutters Begründung für den späten Beginn war, dass Destarte sie so lange wie möglich rein und jungfräulich halten wollte. Wozu das wiederum gut sein soll, dafür hat sie keine Erklärung.

Ranas Blick folgt den Balken, die das Dach stützen, bis hinauf zum First. Das Haus ist wie viele im Dorf ein Langhaus, aber ein besonders großes. Fünf Reihen dicker, tief in den Boden eingegrabene Pfosten tragen das schilfgedeckte Satteldach. Die mittlere Reihe ragt am höchsten und stützt den fünfzehn Fuß hohen First. Die äußere Pfostenreihe bildet das Gefüge für die niedrigen Seitenwände, die aus einem Flechtwerk von Weidenzweigen bestehen, das auf beiden Seiten dick mit Lehm bestrichen ist. Die dicken Lehmwände halten das Haus warm im Winter und kühl im Sommer. Außen an der Hauswand stapelt die Familie Feuerholz, das immer wieder ergänzt werden muss, denn das Herdfeuer ist selten aus.

Die vordere Hälfte des Hauses beherbergt den geräumigen Hauptraum, auf dessen Seiten jeweils eine kleine überdachte Fensteröffnung ins Dach gearbeitet ist, um Licht ins Haus zu lassen. Hoch oben über der Feuerstelle befindet sich der Rauchabzug, unter dem die im Gebälk aufgehängten Schinken reifen. Der Fußboden ist mit geglätteten Fichtenplanken ausgelegt. An den Hauptraum schließt sich der Schlafbereich an. Und von dort tritt man durch eine Tür direkt in den Viehstall, wo zwei Zugochsen, drei Milchkühe und das einzige Pferd der Familie untergebracht sind, wenn sie nicht auf der Weide grasen. In Winternächten hält die Nähe der Tiere den Schlafbereich einigermaßen erträglich.

Draußen begrenzen Schweinekoben, Hühnerstall, Scheune und die Werkstatt des Vaters den Hof an drei Seiten. In der Scheune lagern Heu und Stroh für die Tiere, auf dem Scheunenboden, wo die Mäuse nicht so leicht rankommen, Säcke mit Korn. Für gewöhnlich dient die eine Hälfte der Ernte für den Verzehr, die andere Hälfte für die Aussaat. So war es schon immer. Wenn die Ernte schlecht ist, droht der Hunger. Deshalb ist es so wichtig, Vorräte anzulegen. Neben dem Haus ist ein großer Vorratsschuppen halb in den Boden gegraben, damit er im Sommer kühl bleibt. Kohl, Rüben, Bohnen und Äpfel werden im Herbst eingelagert. Und vor allem Nüsse, denn im Wald gibt es jede Menge Nussbäume. Besonders Walnüsse sind ein wichtiger Bestandteil der Ernährung, nicht nur für die Armen.

Einen Brunnen gibt es nicht auf dem Hof, denn nur wenige Schritte entfernt fließt die Onestruda. An ihrem Ufer wird auch die Wäsche gewaschen. Alles in allem ist Utriks Anwesen das einer von den Göttern gesegneten Familie. Ette und der Knecht Aiko kümmern sich um Haus, Vieh und Feldfrucht, sodass Utrik Zeit hat für seine Arbeit in der Werkstatt und Herdis für den Dienst an der Gottheit auf dem nahen Hügel. Arni hilft seinem Vater in der Schmiede und Rana der Mutter.

Der Knecht Aiko ist erst seit zwei Wintern bei der Familie. Aber er hat sich gut eingelebt. Er klagt nie über die Arbeit, hat sich im Gegenteil als verlässlich und fleißig erwiesen. Nur was ihn selbst angeht, ist wenig aus ihm herauszukriegen. Aber da er überhaupt ein stiller junger Mann ist und sich nur selten an Gesprächen beteiligt, wundert dies niemanden. Angeblich stammt er aus einem anderen Dorf weiter flussabwärts. Mehr weiß man nicht. Es ist Utrik auch nicht wichtig, solange er seine Arbeit tut.

Rana ist inzwischen ganz wach und beschließt aufzustehen. Sie schwingt die Beine über den Bettrand, greift nach ihrem langen Wollhemd und zieht es sich über den Kopf.

»Na endlich«, sagt Herdis, als ihre Tochter den großen Wohnraum betritt. »Du bist wie dein Vater. Abends lange aufbleiben und morgens nicht aus dem Bett zu kriegen.« Sie drückt Rana Napf und Holzlöffel in die Hand. »Nimm dir deinen Brei. Der ist noch warm.« Dann schickt sie Ette in den Stall, um das Vieh zu füttern und am Fluss zu tränken.

»Vater schläft noch?«, fragt Rana und stellt den Napf wieder weg. Sie ist nicht hungrig.

Herdis nickt. »Er hat gestern noch lange an seiner Scheibe gewerkelt. Scheint nichts Wichtigeres für ihn zu geben.«

»Du hältst offenbar nichts davon.«

»Was soll man davon halten? Mond und Sterne auf einer Bronzeplatte? Ich frage mich, was das werden soll.«

»Ein Abbild des Himmels, Mutter. Er hat es uns doch erklärt.«

»Und wozu, bei Destarte, soll das dienen? Außer, dass dein Vater gute Bronze an dem Ding verschwendet. Und dann auch noch Gold! Bei allen Göttern – Gold! Vier junge Stiere und eine Herde Schafe hat er dafür hergegeben. Wir sind ja nicht gerade arm, aber im Überfluss haben wir’s auch nicht. Dein Vater ist weder Klanherr, noch heißt er Orkon. Wozu um alles in der Welt muss er unser Vieh gegen Gold eintauschen?«

Darüber hat es schon des Öfteren Streit zwischen den Eltern gegeben, und Rana hat keine Lust, wieder damit anzufangen. Zumal sie auf Vaters Seite steht und sich immer wieder dafür begeistert, was Utriks geschickte Hände hervorzubringen vermögen. Niemand im ganzen Land kann es ihm gleichtun. Vielleicht Arni, später einmal, wenn er alles von Vater gelernt hat, alles Wissen und alle Kunstgriffe, angefangen vom Bauen eines Schmelzofens bis zum Gießen und Bearbeiten der verschiedenen Metalle, vor allem der rechten Mischung, um gute Bronze herzustellen. Eine geheime Kunst, die nur von Vater auf Sohn übertragen wird. So ist es in Ranas Familie und in jeder anderen Schmiede im Land. Das Geheimnis der Bronzeherstellung verleiht den Schmieden, die diese Kunst beherrschen, eine Sonderstellung in Orkons Reich.

»Vater wird schon wissen, was er tut«, sagt Rana.

Herdis zuckt geringschätzig mit den Schultern. »Da wär ich mir nicht so sicher. Dein Vater ist ein Träumer. Gerade jetzt hätten wir die jungen Stiere brauchen können, wo dein Bruder doch heiraten will. Wie sollen wir den Brautpreis aufbringen?«

Wieder ertönt vom Hof her lautes Hämmern. »Was machen die da draußen eigentlich?«, fragt Rana.

»Arno und Aiko bessern den Pflug aus. Wird Zeit, dass die Sommergerste in den Boden kommt.«

Vater Utrik hat für gewöhnlich genug Arbeit, denn er stellt Werkzeug für die Bauern und gelegentlich auch Waffen für Drengis Krieger her. Und Herdis erhält oft Geschenke von dankbaren Besuchern des Heiligtums. Die aber verteilt sie meist im Dorf, besonders an die ärmeren Bewohner. Auch wenn es ihnen dadurch an nichts mangelt, so ist es doch undenkbar, das Land der Familie, das Utrik von seinen Ahnen geerbt hat, nicht zu ehren und nicht wie jedes Jahr neu zu bestellen. Weizen, Gerste und Rüben bauen sie an. Und ein wenig Flachs, aus dem das Garn für Leinen gesponnen wird. Aiko und Arni werden sich in den nächsten Tagen dabei abwechseln, die Ochsen zu führen und den Pflug in die schwarze Erde zu drücken, dann zu eggen und zu säen.

Rana sieht zu, wie Mutter Gartenwerkzeug, Fladenbrot und einen gefüllten Wasserschlauch in eine lederne Umhängetasche stopft, ihre Füße in Sandalen steckt und sich die Riemen um die Waden bindet. »Du gehst zum Heiligtum?«

»Ja. Borgunna hilft mir. Du solltest mir auch helfen. Wir müssen das Fest vorbereiten. Es gibt viel zu tun.«

Borgunna, eine schon etwas ältere Matrone, ist Priesterin des Schreins der Hella, der sich ebenfalls oben auf dem Hügel befindet. Sie und Herdis sind gut befreundet und helfen sich gegenseitig, so lange Rana sich erinnern kann.

»Ich komm später nach«, sagt Rana.

Herdis legt sich ihren Umhang um die Schultern. »Wann entscheidest du dich endlich, Rana? Bald steht das Frühlingsfest an, und du hältst mich immer noch hin.«

»Hör auf, mich ständig zu bedrängen!«

»Ich bedränge dich nicht. Aber ich werde langsam alt und sehne mich danach, dir endlich alles zu übergeben.«

»Du bist doch überhaupt nicht alt, Mutter. Und dass du dich jemals zur Ruhe setzt, kann sich keiner wirklich vorstellen. Das Heiligtum, das bist du. Niemand anders. Ich bestimmt nicht.«

Tatsächlich ist Herdis immer noch in den besten Jahren. Sie ist nicht mehr so schlank wie in ihrer Jugend, hat graue Strähnen im Haar und einige Falten im Gesicht, aber nichts deutet darauf hin, dass sie ihre Pflichten als Priesterin nicht weiter erfüllen könnte.

»Was redest du wieder für einen Unsinn!« Herdis seufzt. »Natürlich ist es zu früh, um mich ganz zurückzuziehen. Aber ich will, dass das Heiligtum gesichert ist, dass es eine neue, junge Priesterin gibt. Könnte doch sein, dass ich krank werde. Was dann? Borgunnas Schwester ist im Winter ganz plötzlich verstorben. Niemand weiß, warum.«

»Du bist stark, Mutter. So schnell stirbst du nicht.«

»Das wollen wir hoffen. Und keine Angst, ich werde weiter an deiner Seite sein und dich unterstützen. Aber du musst dich entscheiden, Kind. Ich habe mich immer auf dich verlassen können. Aber seit Kurzem bist du dir im Zweifel, und ich mache mir Sorgen. Warum zögerst du? Was geht in deinem Kopf vor?«

»Tut mir leid, wenn ich dir Sorgen mache.«

»Was ist es denn? Erklär es mir.«

Rana blickt verlegen zu Boden. »Ich weiß nicht, ob ich gut genug dafür bin«, sagt sie leise.

»Nicht gut genug? Aber Kind, du hast mich so oft bei allen heiligen Handlungen begleitet. Du kennst die Gebete und Zaubersprüche. Du bist in der Kräuterkunde bewandert und weißt, wie die magischen Tränke gemischt werden. Alles, was ich weiß, habe ich dir beigebracht. Warum bist du dir plötzlich so unsicher? Das war doch früher nicht so.«

Rana weiß, dass ihre Mutter recht hat. Sie hat sogar die Wirkung der heiligen Pilze am eigenen Leib erfahren, die den Geist umnebeln und die Göttin aus dem Mund der Priesterin sprechen lassen. Und natürlich hat sie bei den geheimen Riten geholfen, die Frauen fruchtbar machen. Auch die Kräuter, die das Gegenteil bewirken, weiß sie anzuwenden. All das ist ihr vertraut. Und doch ist sie jetzt, da der bedeutungsvolle Tag näher rückt, unsicher geworden.

»Ich weiß es nicht, Mutter. Gib mir noch etwas Zeit.«

Herdis schüttelt den Kopf und seufzt. »Na schön«, sagt sie, schlingt die Tasche über die Schulter und wendet sich zur Tür. »Iss was, bevor du kommst. Und lass das Feuer nicht ausgehen!«

Rana bleibt allein zurück. Sie hört, wie Mutter auf dem Hof ein paar Worte mit den Männern wechselt und dann geht, um sich mit Borgunna zu treffen. Außer den Geräuschen auf dem Hof ist es still im Haus. Vater scheint noch zu schlafen, und auch aus dem Stall hört man nur, dass Ette mit Milchkannen hantiert.

Lass das Feuer nicht ausgehen! Wie oft hat Rana das nicht schon gehört. Mindestens drei Mal am Tag. Seit sie sich erinnern kann. Feuer ist lebensspendend für die Familie, besonders wichtig auch für Vaters Schmiede. Und ein Feuer wieder in Gang zu kriegen, ist nicht ganz einfach. Mit Feuerstein und einem Brocken Katzengold werden Funken auf abgeschabten Zunderschwamm geschlagen. Wenn davon ein winziges Eckchen zu glühen beginnt, muss man Luft zufächeln oder blasen, um genügend Glut zu erzeugen, die dann in ein Nest aus trockenem Gras gesteckt wird. Wieder wird kräftig geblasen, bis Flammen entstehen.

Mit kleinen trockenen Zweigen geht es weiter. Bei feuchtem Wetter klappt das mit dem Zunderschwamm nur schlecht. Manche verwenden daher lieber die feinen Streifen, die man von der Birkenrinde abziehen kann. Die brennen immer. Aber am besten ist, man lässt das Feuer gar nicht erst ausgehen. Oder sieht zu, dass immer noch ein wenig Glut vorhanden ist. Oder man holt sich ein bisschen vom Nachbarn.

Gib mir noch etwas Zeit. Darum hat Rana soeben die Mutter gebeten. Sie weiß natürlich, dass sie endlich eine Entscheidung treffen muss. Alle erwarten es von ihr. Verdammt, Gisla!, denkt sie frustriert. Warum bist du von uns gegangen? Es wäre deine Aufgabe gewesen. Ich soll doch nur einspringen, weil du dich davongemacht hast. Zum hundertsten Mal versucht sie sich vorzustellen, wie es sein wird. Wird sie all den Weibern, die von weither mit hohen Erwartungen kommen, die ängstlich um Rat fragen oder um Zauber- oder Liebestränke bitten oder um eine Weissagung, wird sie denen helfen können? Wird sie ihre Leiber segnen können, auf dass sie starke Kinder gebären?

Und was ist mit den Bauern, die der Göttin ihre Opfergaben zu Füßen legen, auf dass die Felder reiche Früchte tragen und ihr Vieh gesund bleibt und sich mehren möge? Was ist, wenn sie versagt? Wenn ihr Zauber nicht wirkt? Wenn die Menschen von ihr enttäuscht sind? Wenn die Bürde einfach zu groß für sie ist? Rana scheut davor zurück. Es gibt doch sicher andere, die besser geeignet sind als ausgerechnet sie, ganz gleich, was Mutter behauptet, ganz gleich, wie lange sie sich vorbereitet hat.

Schließlich die wichtigste Frage, die sie in letzter Zeit immer wieder quält: Will sie das überhaupt? Will sie ihr ganzes Leben der Göttin weihen? Ist das nicht zu viel verlangt?

Auf einmal hört sie Schritte hinter sich. Vater Utrik betritt gähnend den Raum. Haar und Bart sind vom Schlaf zerzaust, und unter den Augen liegen dunkle Ringe.

»Ich dachte, du schläfst noch«, sagt Rana.

»Dachte ich auch. Aber wenn ihr alle darauf besteht, Lärm zu machen, wie kann man da schlafen?«

»Soll ich den Gerstenbrei für dich warm machen?«

Utrik schüttelt den Kopf. »Später, Kind.«

»Du bist dünn, Vater. Du solltest essen.«

»Ach was.« Utrik lässt sich auf seinem Lieblingsstuhl nieder. Der hat Rücken- und Armlehnen. Er gähnt noch einmal. »Ich hab gehört, was ihr beide geredet habt«, sagt er. »Du musst das verstehen: Eltern wünschen sich, dass Kinder ihnen folgen. Mein Vater war Schmied und sein Vater davor. Und auch dessen Vater, so wie man es mir erzählt hat. Deshalb bin ich froh, dass auch Arni an dieser ehrbaren Arbeit Gefallen hat. Du weißt, Schmiede, die die Bronze beherrschen und aus ihr Dinge formen können, stehen überall hoch im Ansehen. Nicht jeder hat das Glück, der Sohn eines solchen Schmieds zu sein, denn die Kunst ist geheim. Es wäre nicht mehr das Gleiche, wenn jeder Dummkopf sich daran versuchen würde.«

»Du willst mir sagen, bei Mutters Priesterschaft ist es das Gleiche«, unterbricht Rana ihn.

Utrik nickt. »Sie wäre wirklich sehr enttäuscht, wenn du dich anders entscheiden würdest.«

Sie schweigen einen Augenblick. Dann sagt Rana leise: »Mutter wird im ganzen Land verehrt. Die Menschen kommen ihretwegen. Wenn die Leute an Destarte denken, haben sie Mutter vor Augen. Manchmal denke ich, sie ist mehr das Sinnbild der Göttin als das Heiligtum selbst.«

Utrik reibt sich das Kinn und nickt nachdenklich. »Und du denkst, dass du nicht gut genug bist? Dass du ihr nicht das Wasser reichen kannst?«

»Gisla wäre sicher die bessere Priesterin geworden. Sie war so klug.«

Utrik runzelt die Stirn. »Das denkst du wirklich?« Er lacht kurz auf. »Natürlich! Du warst ja noch klein und sie älter. Da kam sie dir so überlegen und erwachsen vor. Dabei bist du die Kluge, nicht Gisla. Sie war ein fröhliches Mädchen, bescheiden, verstand sich mit allen. Man musste sie einfach gernhaben. Wir haben sie schrecklich vermisst, du weißt das. Aber du bist die Klügere von euch beiden.«

Rana ist überrascht. »Glaubst du? Ich komme mir so unbedeutend vor. Du bist ein großer Schmied, Mutter ist überall bekannt. Die Leute kommen von weither, um sich Rat bei ihr zu holen. Und ich? Wer bin ich denn schon?«

Utrik lächelt und breitet die Arme aus. »Komm her, Tochter, lass dich umarmen.«

Rana kniet sich neben ihn, und Utrik legt die Arme um ihre Schultern. »Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen. Du bist neugierig, denkst über alles nach. Dir kann man nichts vormachen. Und du hast die Stärke deiner Mutter geerbt. Auch wenn dir das vielleicht nicht bewusst ist: Du wirst eine gute Priesterin werden. Aber natürlich zwingt dich niemand. Wenn du dich nicht berufen fühlst, musst du dich dagegen entscheiden. Mutter wird schon eine der jungen Töchter im Dorf finden, die geeignet ist.«

Rana küsst ihn auf die Wange und erhebt sich. »Danke, Vater.«

HADOR

O dunkler Fürst der Unterwelt, grausamer Sichelschwinger, der alle dahinrafft, ob blühend jung oder alt und verwelkt, nicht achtend die Klagen weinender Weiber.

Eine Handvoll Reiter, begleitet von Jagdhunden, folgt einem Pfad durch den Forst. Hier und da dringen Strahlen der untergehenden Sonne zwischen den Zweigen hindurch und lassen die bronzenen Speerspitzen der Männer aufleuchten. Auf dem Rücken dreier Lasttiere sind große Bündel festgezurrt, aus denen das Blut eines erlegten Ebers tropft, eines gewaltigen Tiers. Sein Kopf baumelt von einem der Packsättel, seine kleinen Augen starren immer noch wütend in die Welt, als wollte er dem Nächstbesten die mächtigen Hauer in den Leib rammen.

Der Pfad führt abwärts in ein flaches Tal. Vorneweg, auf einem kräftigen Falben mit dunkler Mähne und dunklem Schweif, reitet Fürst Orkon aus dem Geschlecht der Helminger. Dicht dahinter sein Gefolgsmann Ljotor, ein kampferprobter Graubart, der Orkon seit Ewigkeiten dient. Lautstark schwelgen sie in Erinnerung an die Jagd, die hinter ihnen liegt. Orkon prahlt damit, wie er das Urviech erledigt hat.

»Was für ein Prachtkerl! Selten einen größeren Keiler gesehen. Und wie der gegen mich angestürmt ist!«

»Hab’s gesehen«, bestätigt Ljotor. »Das Biest hatte Schaum vorm Maul. Ich dachte schon, der bringt dich um.«

»Ist ihm nicht gelungen.« Orkon lacht selbstzufrieden.

»Ein meisterlicher Streich, Orkon.«

»Das denke ich auch. Aber der Bursche war ein würdevoller Gegner. Hast du schon größere Hauer gesehen? Wir werden dem Viech einen angemessenen Platz geben. Lass vom Kopf alles Fleisch abkochen, dann hängen wir den Schädel in der Halle auf. Am besten über meinem Hochsitz.«

»Da hängt doch schon der Schädel des Auerochsen, den du vor drei Jahren erlegt hast«, erwidert Ljotor. »Den würde ich da lassen.«

»Du hast recht. Der Auerochse macht Eindruck. Dann häng den Eberkopf über die Tür. Aber so, dass alle in der Halle ihn gut sehen können.«

Hinter ihnen reitet Orkons Leibwächter, der Riese Odda. Sein kahl geschorener, tätowierter Schädel, der lange Bart und das von Pockennarben verunstaltete grimmige Gesicht sorgen dafür, dass man ihn nicht so schnell vergisst. Sein Gaul ist außergewöhnlich groß und kräftig. Trotzdem hängen Oddas Füße so weit herunter, dass sie fast den Boden berühren.

Odda trägt einen Panzer aus hart gekochtem Ochsenleder; die aufgenähten Bronzeplättchen sind so blank poliert, dass seine mächtigen Schultern in der untergehenden Sonne goldgelb glänzen. In der Linken hält er die Zügel, in der Rechten seinen übergroßen Speer mit der breiten Klinge. Von ihr hat Odda alle Blutspuren abgewischt, damit niemand sieht, dass nicht Orkon, sondern er dem Biest den letzten, tödlichen Stoß versetzt hat.

Auf ihn folgen drei Krieger aus Orkons Leibwache, die die Packtiere mit dem Eberfleisch hinter sich herziehen. Sie tragen ebenfalls Lederpanzer, Kriegsäxte im Gürtel und Jagdspeere in der Faust. Die Hunde kennen den Weg und laufen voraus.

Orkon ist eine ältere Ausgabe seines Sohnes Arrak, breitschultrig und dunkelhaarig, wenn auch mit grauen Strähnen in Bart und Haar und nicht ganz so hochgewachsen. Müßiggang, Genusssucht und zu viel Bier haben ihre Spuren hinterlassen. Orkon ist fett geworden, das Gesicht schwammig, und auch seine Muskeln sind nicht mehr, was sie mal waren. Nur seine Stimme ist immer noch tief und kräftig. Röhren kann er wie ein Hirsch in der Brunft. Und einschüchtern kann er. Ein Blick aus seinen kalten Augen genügt, um die Menschen zittern zu lassen.

Die Reiter haben den Talgrund erreicht. Vor ihnen lichtet sich der Wald und geht in eine offene Landschaft von wilden Wiesen über, hier und da von Gebüsch und einzeln stehenden Bäumen unterbrochen. Der Pfad, auf dem sie unterwegs sind, mündet in einen breiten, viel befahrenen Weg.

Rechter Hand liegen einige Äcker und etwas weiter eine Handvoll armseliger Hütten. Im Hintergrund die dicht bewaldeten Höhen der Kuffaberge. Auf ihrer höchsten Stelle, von der untergehenden Sonne hervorgehoben, sind die Umrisse von Orkons Festung zu erkennen. Die Männer haben noch ein Stück zu reiten, sollten die Burg aber noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.

Plötzlich bleiben die Hunde am Wegrand stehen und bellen aufgeregt an einer Eiche empor. Die Pferde scheuen, als die Reiter sich nähern, denn von einem Ast des Baums baumelt der Leichnam eines Mannes. Zwei Krähen fliegen auf, die dabei waren, dem Toten die Augen auszupicken. Man hat den Mann nicht nur am Hals aufgehängt, sondern ihm auch den Bauch aufgeschlitzt, sodass die Gedärme heraushängen. Es ist der Geruch des Bluts, der die Pferde unruhig gemacht hat.

»Es soll mal einer die Köter beruhigen«, ruft Orkon gereizt.

Ein Krieger steigt vom Pferd und schwingt eine kurze Peitsche, bis die Hunde weichen und sich beruhigen.

»Ihr habt also wieder einen erwischt«, knurrt Orkon.

Ljotor nickt. »Ein Bauer von den Hütten da drüben. Wir haben ihn beim Stehlen ertappt und wie die anderen gleich aufgehängt.«

Der Mann hat versucht, Korn aus einer Vorratsscheune des Fürsten zu stehlen. Ausgerechnet in der Nähe eines der Langhäuser, in denen Orkons Krieger untergebracht sind. Zeugt von seiner Verzweiflung, ein wenig Nahrung für die Kinder aufzutreiben. Vom Elend der Familie berichtet Ljotor nicht. Auch nicht, dass man ihnen im Herbst den Großteil der Ernte genommen hat, sodass sie Mühe hatten, den Winter zu überstehen. So etwas muss Ljotor nicht erwähnen. Alle wissen, dass es vielen Bauern so geht. Auch Orkon weiß das. Nur kümmert es ihn nicht.

»Verdammtes Pack!«, brummt er. Er deutet auf eine Gruppe Menschen, die ganz in der Nähe auf dem Feld hocken und mit trostlosen Augen herüberblicken. Darunter ein Greis, mehrere abgemagerte Kinder und zwei weinende Frauen. »Sind das seine Leute?«

»Denke schon.«

»Warum nehmen die den Leichnam nicht ab? Der verpestet noch die ganze Gegend.«

»Du weißt doch, das ist ihnen verboten. Der Kerl hängt da zur Abschreckung. Damit die Bauern sehen, was ihnen blüht, wenn sie ihren Herrn bestehlen. Du selbst hast das angeordnet.«

»Hab ich das? Na gut. Dann lasst den Bastard hängen.«

Orkon haut seinem Gaul die Fersen in die Flanken, und sie reiten weiter, allen voran die Hunde. Wenig später erreichen sie wieder dichten Wald und die ersten Ausläufer der Kuffaberge. Nun geht es bergan.

»Ein guter Tag heute«, bemerkt Orkon in bester Laune. Den Toten am Baum hat er längst vergessen. »Erinnert mich an eine andere Jagd vor langer Zeit. Da haben wir auch so einen riesigen Keiler erwischt. Tagelang waren wir hinter dem her, bis wir ihn in einem Dickicht eingekreist hatten. Hat einen meiner Männer den Leib aufgerissen. Der arme Kerl ist elendig verreckt.« Orkon dreht sich halb im Sattel um. »Erinnerst du dich, Odda? Du warst doch dabei.«

Odda grunzt. Der Mann redet nicht viel. Meistens gar nicht. Auch sein Gesicht drückt selten Gefühle aus, scheint in dieser grimmen Maske erstarrt zu sein, mit der er täglich der Welt begegnet. Als könnte ihn nichts berühren, weder Leid noch Freud. Nicht einmal über einen Scherz kann er lachen. Den meisten ist der Mann unheimlich, sogar Ljotor geht es so, der ihn seit Langem kennt. Ein treuer Diener ist Odda dennoch, stets an Orkons Seite, tapfer bis zur Selbstaufgabe. Was er auch heute wieder bewiesen hat, denn ohne seine Geistesgegenwart wäre die Jagd vielleicht anders ausgegangen.

Der Weg wird steiler, die Pferde beginnen zu schwitzen. Auch die Hunde hecheln. Auf halbem Weg zur Spitze kommen sie an einem Bach vorbei, wo sie anhalten, um die Tiere ihren Durst stillen zu lassen und sich ein wenig auszuruhen, bevor sie die letzte Steigung in Angriff nehmen.

* * *

An diesem frühen Abend, während Orkon sich noch auf dem Heimweg befindet, leistet Morgana, sein Weib, zwei edlen Gästen Gesellschaft, die von weither gekommen sind, um mit ihm zu reden. Es sind der Harruner Brodar und sein Sohn Hakun. Auch Tura, Morganas vierzehnjährige Tochter, ist zugegen. Die vier sitzen an einer Tafel nahe der großen Feuerstelle und haben gerade ihr Abendmahl beendet. Schweinerippen mit warmem Fladenbrot und frischem Bier. Zwei Sklavinnen sind dabei abzuräumen, eine dritte füllt die Becher nach, während die Männer ihre fettigen Hände in die Wasserschale tauchen, die man ihnen reicht, und an einem Tuch abtrocknen.

Die Sonne steht tief am westlichen Horizont. Nur wenige Strahlen dringen in die dunkle Halle, in der man schon Lichter angezündet hat. Die Unterhaltung geht schleppend, denn Brodar will nicht sagen, was sie mit Orkon zu reden haben, und ist auch sonst nicht sehr gesprächig. Angeblich will er Orkon seinen Sohn vorstellen.

Nur deshalb sind sie den weiten Weg gekommen?, fragt sich Morgana. Sicher steckt ein anderer Grund dahinter. Vielleicht geht es um Tura, die Brodars Sohn, ein gut aussehender Bursche, mit Augen verschlingt, obwohl sie vor Schüchternheit kaum ein Wort hervorbringt. Aber sie wollte ihn unbedingt kennenlernen, diesen jungen Hakun.

Brodar, der Vater, ist Herr der Harruner, des Nachbarklans, der die Flussniederungen der Albija beherrscht. Er ist seit Langem mit Orkon und seinen Helmingern befreundet. Zumindest herrscht zwischen ihnen kein Streit. Sie tauschen sich aus. Die Helminger senden Krieger, um das große Heiligtum, den Hadorring, zu schützen, der an der Albija auf dem Gebiet der Harruner liegt. Die Harruner geben dafür, neben ihren normalen Abgaben, auch einen Teil des Zolls ab, den sie auf den Flusshandel erheben. Alle Klans sind gehalten, Abgaben zu liefern, aber die der Harruner sind die reichsten und wertvollsten.

Er ist also ein bedeutender Klanführer, dieser Brodar. Morgana kennt ihn natürlich, ist ihm schon öfter begegnet. Er ist ein Mann in mittleren Jahren mit stark gelichtetem Haar und mürrischen Zügen. In ihrer Gegenwart benimmt er sich unbeholfen, hat nicht viel zu sagen, als hätte sich seine Zunge verknotet.

Morgana ist sich bewusst, dass sie bisweilen diese Wirkung auf Männer hat. Sie ist mit einem Leib gesegnet, der Begierde erweckt. Außerdem ist sie von außergewöhnlicher Schönheit, hat ein ovales Gesicht und seidiges dunkles Haar, das ihr bis weit über die Schultern fällt. Ihre strahlend blauen Augen mit dem argwöhnisch musternden Blick können einen Mann ebenso verunsichern wie der leicht spöttische Zug um ihren Mund. Er vermittelt ihrem Gegenüber das Gefühl, sie habe ihn längst durchschaut.

Wahrscheinlich hat sie das auch, denn nach einigen Andeutungen und verlegenen Pausen ist sie sich nun sicher, dass es Brodar tatsächlich um Tura geht, auch wenn er das noch nicht offen angesprochen hat. Das Mädchen ist schließlich im heiratsfähigen Alter, und für die Harruner wäre es von großem Vorteil, ihr Bündnis mit Orkon durch eine Heirat zu festigen.

Der Sohn wirkt allerdings nicht so, als wäre er von der Idee begeistert. Er ist höflich, wirft aber nur selten einen Blick auf Tura. Vielleicht ist er enttäuscht, nachdem er sie heute zu Gesicht bekommen hat. Denn im Gegensatz zu ihrer Mutter ist Tura eher unscheinbar, dünn und schmalgesichtig, dazu staksig und ungelenk in ihren Bewegungen.

Nun ja, vielleicht gibt sich das mit der Zeit, denkt Morgana mit einem innerlichen Seufzer, sie ist ja noch jung. Zumindest sind die ersten Andeutungen von Brüsten zu erkennen, auch wenn ihre Hüften noch so schmal wie die eines Jungen sind. Das Beste an Tura ist ihr dichtes blondes Haar, das sie zu einem langen Zopf geflochten über den Rücken trägt. Aber sie sollte den jungen Mann nicht dauernd mit solchen Kuhaugen anstarren. Wird Zeit, dass ich ihr beibringe, wie man mit Männern umgeht.

Ein Wunder ist es nicht, dass Tura von diesem Hakun beeindruckt ist. Der könnte auch mir gefallen, denkt sie. Hochgewachsen mit breiten Schultern, rotblonden Haaren und Sommersprossen auf der Nase und diesem unbekümmerten Grinsen im Gesicht, als warte der Schalk nur darauf, unverhofft hervorzubrechen. Dennoch hält er sich zurück und sagt nicht viel. Vielleicht auf Anordnung des Vaters?

Stattdessen schaut er sich neugierig in der Halle um. Orkons Haus in der Wallburg auf dem Kuffa ist eines der größten und prächtigsten im ganzen Land. Es wurde von seinem Großvater Helma erbaut, und für Helma war nur das Beste gut genug.

Den vorderen Teil nimmt die Halle mit dem Hochsitz des Fürsten ein. Über dem breiten, mit weichen Fellen ausgekleideten Stuhl hängt der Schädel eines Auerochsen mit gewaltigen Hörnern. Zu beiden Seiten Hirsch und Elchgeweihe. Der Boden der Halle ist mit Buchenplanken ausgelegt. Die Seitenwände zieren Schilde, Speere und bronzene Kriegsäxte. Mächtige Eichenpfeiler stützen das breite Dach, das nicht wie üblich mit Stroh oder Schilf, sondern mit Schindeln gedeckt ist. Der Eingang besteht aus einer hohen Doppeltür, deren Seitenpfosten und Querbalken mit geschnitzten Tierdarstellungen verziert sind. Sie steht meist offen, außer im Winter oder bei schlechtem Wetter, wird aber ständig von Kriegern bewacht, die sich regelmäßig ablösen.

Draußen ist inzwischen die Sonne untergegangen, sodass die Halle jetzt im Halbdunkel liegt, düster und wie ausgestorben, denn keiner von Orkons Gefährten ist zugegen. Außer den wenigen Talglichtern auf dem Tisch erhellen nur die lodernden Flammen der langen, von Steinen eingefassten Feuerstelle den Raum. Nicht wie sonst, wenn hier gegessen und getrunken wird und Orkon die Edlen des Landes unterhält. Dann rösten ganze Schweine über dem Feuer. Es wird gefressen und gesoffen, während Pfeifen und Trommeln gegen das Gegröle und Gelächter ankämpfen und halb nackte Sklavinnen sich zum Vergnügen der Männer im Tanz drehen.

»Wenn du erlaubst, edle Morgana«, sagt Hakun, »dann würde ich gern die Schnitzarbeiten betrachten.«

»Nur zu«, erwidert die Fürstin. »Zünde einen der Kienspäne an, die beim Feuer liegen, damit du sie besser sehen kannst.« Gleichzeitig winkt sie einer Magd zu, noch mehr Holz aufzulegen und die Becher der Gäste zu füllen. Sie selbst mag kein Bier. Schon der Geruch behagt ihr nicht.

Hakun steht auf, entzündet einen Kienspan und sieht sich um. Die Halle ist wirklich einmalig. Während Tura ihn mit Blicken verfolgt, wandert er langsam in der Halle umher, um sich alles anzuschauen. Die Pfeiler sind mit geschnitzten und bemalten Darstellungen von Göttern, Tieren und Fabelwesen verziert. An vielen ist nach Jahren die Farbe verblichen. Und doch, im flackernden Licht des Kienspans wirken sie lebendig. Vor allem sind sie liebevoll herausgearbeitet.

Morgana beobachtet, wie Hakun sanft mit der Hand darüberstreicht, denn das Holz ist geglättet, griffig und schön anzufassen.

Auch Brodars Blick folgt seinem Sohn. »Stand am Eingang nicht früher eine Stele Wuodans?«, fragt er.

»Das ist wahr«, erwidert Morgana. »Aber mein Gemahl hielt es für angebracht, endlich Hador den Ehrenplatz einzuräumen.«

Brodar nickt. Schwer zu sagen, ob er das gut findet. Sein griesgrämiges Gesicht sagt wenig aus. Wo früher Wuodans Stele war, steht jetzt eine große, Furcht einflößende Figur des Gottes Hador, der gierig Menschen in sein Maul zu stopfen scheint. Als wolle man allen Neuankömmlingen kundtun, wem die Halle geweiht ist, um ihnen Respekt vor dem Fürsten einzuflößen, der im Namen des mächtigen Gottes über das Land herrscht. Morgana fragt sich, was aus Wuodans Abbild geworden ist. Hat man es zerstört? Dass Orkon sich so etwas traut! Es könnte sich rächen, einen wie Wuodan zu beleidigen.

Zum Glück sind nicht alle Götterdarstellungen Hadors Wut zum Opfer gefallen. Da ist der mächtige Hammer in Thunars Faust, und etwas abseits prangt eine Destarte mit strotzenden Brüsten und einer gewaltigen Vulva. Beide Körperteile heben sich vom Rest der Figur ab, sind blank poliert, wahrscheinlich von tausend Männerhänden. Zwei Schritte weiter findet man Kalestos, den Schmied und Beschützer der mutigen Kerle, die tief im Berg nach Metallen graben. Näher am Hochsitz ist Orkons Lieblingsgöttin, die Bogen spannende Astaris, zu sehen. Neben ihr Panos, der Beschützer der Hirten mit seinen Bockshörnern auf dem Kopf, den gespaltenen Hufen und erigiertem Glied – auch das anscheinend oft berührt. Heimlich wahrscheinlich. Man kann sich denken, von welchem Geschlecht. Ihnen gegenüber befindet sich Hellas aufrechte Gestalt, die eine Kornähre mit beiden Händen umfasst. Sie ist die Beschützerin der Familie, des Herdes und der Ernte.

Hakun betrachtet inzwischen auch die Deckenbalken, denn es scheint kaum eine hölzerne Fläche zu geben, die nicht mit kunstvollen Schnitzereien bedeckt ist. Obwohl die Balken inzwischen schwarz von Ruß sind, besonders über der Feuerstelle, lassen sich Fuchs- und Wolfsköpfe erkennen, Bären und geschuppte Schlangenkörper. Immer wieder Pferdeköpfe, denn das Pferd ist den Ruotingern wie kein anderes Tier heilig. So ist auch Epona, Herrin der Pferde, in mehreren Abbildungen verewigt. Sie herrscht unter anderem über die Pferdewettkämpfe, die jährlich stattfinden und an denen Vertreter aller Klans teilnehmen.

Hakun bläst die Flamme des Kienspans aus und legt ihn wieder zu den anderen an der Feuerstelle. Er kehrt zu seinem Platz zurück und setzt sich. »Was für ein Haus!«, sagt er bewundernd zu Morgana. »Du musst sehr stolz darauf sein.«

Sie lächelt. »Nicht mein Verdienst. Das Haus ist alt. Wir versuchen, es instand zu halten.«

»Nimmt Arrak dieses Jahr an den Wagenrennen teil?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Kinder von Nebra" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen