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Die Kinder von Erin

Die Kinder von Erin

Inhalt

Prolog

1 Der Zauber der Harfe

2 An den Gestaden von Erin

3 Der Hund des Königs

4 Die Insel unter dem Meer

5 Das Schwert im Stein

6 Ein Sturm über Connacht

7 Im Herzen des Waldes

8 Der Meisterschlag

9 Der rote Stier

10 Das Gesetz der Fianna

11 Das Geheimnis von Emain Macha

12 Der Flug der Krähe

13 Die Schlacht der Bäume

14 Kriegsfahrt

15 Der Kampf an der Furt

16 Die Stunde der Mórrigan

17 Die Äpfel der Jugend

Epilog

Das keltische Baumalphabet

Karte

Namen und Begriffe

 

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Fantasy ist eine Reise
in das Unbewusste des menschlichen Geistes.
Sie ist gefährlich,
und sie kann dich verändern.

Ursula K. Le Guin

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Prolog

Sie standen im Schatten des Schlosses, das mit seinen vielspitzigen Türmchen und Erkern wie ein zerfranster Scherenschnitt gegen den abendlichen Himmel aufragte. Sie waren zu dritt. Zwei von ihnen offensichtlich Bruder und Schwester, erkennbar an ihren Gesichtern und ihren hellblonden Haaren. Der dritte war der älteste von ihnen, schwarzhaarig, doch von einem seltsamen Feuer beseelt, das in seinen Augen flackerte.

Eng umschlungen standen sie da: drei, die zusammengehörten und sich nun, endlich, nach langer Zeit wiedergefunden hatten.

Bruder und Schwester. Geliebte und Geliebter. Freund und Freund.

Die ewige Konstellation.

Der dunkle Mann, der sie aus den Oleanderbüschen des Gartens heraus beobachtete, ließ keinen Blick von den dreien. Seine Augen waren wie stumpfe Kohlen; nicht einmal die untergehende Sonne ließ darin einen Widerschein aufglimmen. Er hatte es gelernt zu warten. Er wartete schon seit Ewigkeiten.

Sind sie es? Sind es die drei?

Das Mädchen wandte sich halb um, als spüre sie den Blick des Beobachters im Nacken. Die Bewegung ließ etwas im letzten Licht aufblitzen, das an einer Kette um ihren Hals hing. Ein Kristall, geschliffen; ein Stück von einer wunderbaren, fremdartigen Schönheit.

Der dunkle Mann wandte sich um und verschwand in den Schatten.

Jetzt war er sich sicher.

Oder er glaubte es zumindest zu sein.

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1
Der Zauber der Harfe

Von irgendwoher erklang das Lied einer Harfe.

Es war eine seltsame, berückende Melodie, wie aus Träumen und Erinnerungen gewebt, kristallklar wie der Fall von Tropfen in ein tiefes, grundloses Wasserbecken, verschwimmend wie die Wolken am Sommerhimmel, wenn der Tag sich neigt, flirrend wie das grüne Licht unter den Bäumen …

Gunhild wachte auf. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, was sie geweckt hatte. Das fahle Licht des nahezu vollen Mondes fiel durch das Fenster. Alles war fremd und einen Moment lang hatte das Mädchen keine Ahnung, wo es war. Doch dann nahm es im unsicheren Zwielicht des Mondes und der ohnehin unvollkommenen Dunkelheit am Tag vor der Sommersonnenwende die Umgebung wahr. Hohe, geschnitzte Vertäfelungen am Bett und in den Türen eines schweren Schrankes aus dunklem Holz, dahinter unverputztes Mauerwerk, aus schweren, festgefügten Quadern aufgeschichtet. Sie war auf der Burg.

Eigentlich war es gar keine richtige Burg, sondern eher ein geräumiges Herrenhaus, aber das machte keinen großen Unterschied. Siggi, ihr kleiner Bruder, war zwar enttäuscht gewesen, weil er eine richtige Ritterburg mit hohen Mauern, Wehrgängen und Türmen erwartet hatte. Dunvegan Castle war zwar alt, aber vor zweihundertfünfzig Jahren völlig umgebaut worden. »Um eine Burg zu modernisieren«, hatte Lady Dunvegan ihnen mit einem freundlichen Lächeln erklärt, »gibt es keine bessere Zeit als das 18. Jahrhundert.« Damals waren dicke Mauern schon nicht mehr zweckmäßig gewesen, da sie keinen Schutz vor einem angreifenden Heer mit Kanonen und den anderen modernen Waffen bot, aber die Bezeichnung »castle« hatte sich eben gehalten. Und Türme und Erker gab es auch auf diesem »baronial castle« genug, sodass man sich trotzdem wie in einem Märchenschloss fühlte.

Die Lady – genauer: die ›Dowager Lady‹, das heißt Ladywitwe, denn ihr Mann, Lord Edward Fitzroy, der achte Baron Dunvegan, war schon vor vielen Jahren verstorben – war die Tante väterlicherseits ihres englischen Freundes Hagen. Der Plan, gemeinsam hier die Ferien zu verbringen, war schon vor einem Jahr geboren worden. Es hatte einiges an Überzeugungsarbeit für Gunhild und Siggi gekostet, um ihre Eltern zu der Erkenntnis zu bringen, dass ihre Kinder langsam alt genug waren, alleine in Ferien zu fahren. Aber Gunhild hatte schließlich ihren Vater bezirzt und Siggi ihre Mutter so lange bekniet, bis sie die Erlaubnis gekriegt hatten. Und jetzt waren sie hier.

Beruhigt wollte sich Gunhild wieder umdrehen, aber sie konnte nicht mehr einschlafen. Etwas ließ sie nicht aus dem Zustand zwischen Wachen und Schlafen heraus, ließ sie nicht zurück in das Reich der Träume gleiten.

Etwas war anders.

Wieder schlug sie die Augen auf und versuchte diesmal den Schlaf völlig zu vertreiben und richtig klar im Kopf zu werden. Und dann vernahm sie erneut diese seltsame Melodie. Die Klänge lagen gerade oberhalb der Hörschwelle, in dem Bereich, wo man sich fragt, ob man wirklich etwas hört oder ob man sich das alles nur einbildet. Immer wenn Gunhild besonders scharf hinzuhören versuchte, dann war nichts mehr da; aber wenn sie den Kopf wegdrehte, dann glaubte sie es wieder hören zu können: Töne, die einen verzauberten, rein und klar, in schnellen Läufen und Folgen und doch jeder ein Klang für sich allein.

Die Melodie, die so anders war als das, was sie normalerweise an Musik kannte, kam eindeutig nicht aus dem Haus. Der Harfner musste irgendwo im angrenzenden Park oder bei dem Hügel hinter dem Herrenhaus sein.

Neugierig stand Gunhild auf und griff nach dem Morgenmantel, der neben dem Bett auf dem Stuhl hing. Sie warf sich den Mantel über die Schultern und machte sich gar nicht erst die Mühe, in die Ärmel zu schlüpfen. Dann eilte das Mädchen ans Fenster, um in die Nacht hinauszusehen.

Sie beugte sich über die tiefe Fensterbank. Das Fenster war geschlossen, und Gunhild fand keinen Griff, um es zu öffnen. Das Zimmer lag im ersten Stock. Durch die großen Scheiben hatte man einen Blick auf einen begrenzten Ausschnitt des Parks und den Hügel, der sich dahinter erhob. Der Himmel klar und erfüllt von funkelnden Sternen. Doch trotz des Mondlichts, das über dem Land lag, konnte Gunhild den Harfner nicht ausmachen, der diese wunderbare, gefühlvolle Melodie spielte.

Wer dieser geheimnisvolle Musikant wohl sein mochte? Gunhild war nun absolut wach – und neugierig. Sie wollte wissen, wer die Harfe schlug, die sie geweckt hatte. Also tappte sie auf nackten Füßen zur Tür.

Vielleicht war ja Siggi auch wach. Von seinem Zimmer hatte man einen anderen Ausblick auf den Park; vielleicht war der Harfenspieler von dort aus zu sehen. Gunhild summte leise die Melodie mit, als wäre sie ihr bereits das ganze Leben vertraut.

Die Tür öffnete sich mit einem Knarzen, das unnatürlich laut in der Stille klang. Der Gang draußen, erhellt von einem matten Lichtschein, der aus der Diele heraufdrang, war breit, die kalten Steinfliesen mit alten Teppichen bedeckt, die ein wenig muffig rochen, aber angenehm an den bloßen Füßen kitzelten. Irland, dachte Gunhild. Hier war alles ein bisschen schäbiger als zu Hause, aber dafür mit Geschichte und Tradition durchtränkt.

Während das Mädchen den Gang hinunterschlich, schienen ihr die strengen Blicke der Herren von Dunvegan Castle zu folgen, deren Porträts in den Blendnischen des Ganges aufgereiht waren. Fast dreihundert Jahre waren hier versammelt, von Dandys mit Stutzerbärtchen über ernste Herren in steifen Biedermeierkragen und Jagdröcken bis hin zu schelmisch blickenden Männern in absurden Perücken aus jener Zeit, als die Familie noch gar nicht auf der Insel gelebt hatte.

Die Fitzroys, so hatte ihnen Hagen erklärt, waren ein altes Normannengeschlecht, welches im Jahre 1066 als Ritter an der Seite von Herzog Wilhelm nach England gekommen war und deren Urahn Seite an Seite mit dem Eroberer gegen König Harolds Truppen gekämpft hatte. Dann hatten sich seine Nachkommen über Jahrhunderte hinweg in Cornwall angesiedelt, dem äußersten Südostzipfel Britanniens, und schließlich hatte es irgendeinen Sir Soundso Fitzroy - wie er genau geheißen hatte, hatte Gunhild vergessen – in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Irland verschlagen, auf Befehl des Königs, um die aufsässigen Iren zu befrieden. Dort hatte er auf den Grundmauern einer alten im Zuge vieler Kämpfe und Kriege geschleiften Burg das heutige Dunvegan Castle errichtet. Und seitdem durften die männlichen Nachfahren, wenn sie erst in Amt und Würden waren, sich Baron Dunvegan nennen.

»Dunvegan«, hatte Hagen ihnen erklärt, »das kommt vom gälischen dun beag, was nichts anderes heißt als ›kleiner Hügel‹. Aber der andere Hügel, der hinter dem Park liegt, heißt Dunmor Hill, was im Grunde doppelt gemoppelt ist.« Als Siggi und Gunhild darauf nicht gleich reagierten, hatte er, etwas selbstzufrieden grinsend, hinzugefügt: »Naja, dun mor heißt für sich schon ›großer Hügel‹.«

»Nicht besonders originell, die alten Iren, was?«, hatte Siggi geknurrt, und für einen Augenblick glaubte Gunhild, etwas wie Feindschaft in der Luft zu spüren, doch dann hatten beide gelacht und sich in die Hände geschlagen.

Aber die Lady, eine kleine alte Dame mit schlohweißem Haar – »Sagt einfach Tante Meg zu mir!« –, hatte eine andere Erklärung parat: »Dunvegan, das ist der Hügel der Megan, der alten Göttin von Erin, wie Irland früher einmal hieß«, und mit einem Lächeln hatte sie hinzugefügt: »Merkt euch das gut, Kinder!«

Gunhild hatte inzwischen Siggis Zimmer erreicht. Vorsichtig öffnete sie die Tür, denn sie wollte keinen unnötigen Lärm machen. Das Licht des Mondes fiel durch die Fensterscheiben und schien auf ihren kleinen Bruder, wie sie ihn immer noch nannte. Doch seit dem letzten Jahr war Siggi in die Höhe geschossen; er war jetzt vierzehn und keinesfalls mehr der kleine Junge von früher, eher schon mal ein bisschen großkotzig. Doch irgendwie hatte Gunhild immer noch manchmal das Bedürfnis, ihn beschützen zu wollen.

Siggi schlief auf dem Rücken, und sein lockiges blondes Haar lag wie der goldene Schopf eines Engels auf den mit weißer Spitze umhäkelten Kissen. Ein Lächeln schien seine Lippen zu umspielen, und für einen Moment glaubte Gunhild, ihr Bruder tue nur so, als ob er schliefe, und würde im nächsten Moment aus dem Bett hüpfen; aber das Zwielicht dieser seltsamen Nacht hatte ihr einen Streich gespielt. Siggis Schlaf war tief und friedlich. Sein Atem ging absolut gleichmäßig. Seine rechte Hand schloss sich fest um etwas, und das Mädchen wusste, was es war, das Siggi da hielt. Ein bronzenes Amulett, sein Andenken an das, was vor einem Jahr mit ihnen geschehen war, damals, als sich das Tor der Anderswelt für sie aufgetan hatte.

Es gab Tage, an denen Gunhild überhaupt nicht mehr daran dachte, und andere Tage, an denen es ihr wie ein ferner Traum erschien. Sie waren in ein unterirdisches Reich gelangt, in den Höhlen ihres heimatlichen Odenwalds am Rhein, wo seit Urzeiten die Mächte des Lichts und der Dunkelheit ihren ewigen Krieg ausfochten. Sie waren mit den Göttern gewandelt – Odin und Thor, Loki und Freya –, hatten den Anfang und das Ende einer uralten Sage miterlebt. Es war ein Abenteuer gewesen, wie man es sonst nur aus Büchern kennt, aber für sie war es Wirklichkeit geworden, wenn auch nur für eine Nacht, und es hatte sie alle verändert.

Seit dieser Zeit wusste Gunhild, dass es eine andere Welt gab, die neben der unsrigen liegt, unerreichbar für die Menschen, durch eine unsichtbare, unüberwindliche Barriere von ihr getrennt. Früher waren die Grenzen zwischen der Mittelerde der Menschen und der Anderswelt vielleicht durchlässiger gewesen, und so waren Legenden und Überlieferungen entstanden. Und an manchen Tagen, so wie heute, hatte sie das Gefühl, die Anderswelt wäre noch immer zum Greifen nahe.

Unwillkürlich griff Gunhild an ihre Brust, und dort fühlte sie den Bergkristall, welcher einst das Halsgeschmeide einer Göttin gewesen war. Immer wenn es ihr schlecht ging oder sie traurig war, brauchte sie nur ihren Talisman zu umfassen, und – ob Einbildung oder nicht – sie fühlte sich sogleich besser.

Trotz der nagenden Neugierde, die sie erfüllte, wagte Gunhild es nicht, an das Fenster zu treten, um nach dem Musikanten Ausschau zu halten; denn sie wollte den Schlaf ihres Bruders nicht stören.

Leise zog sie die Tür wieder zu und warf dabei noch einen letzten Blick auf den schlafenden Siggi, mit dem sie seit jener Nacht vor fast genau einem Jahr ein noch engeres Band verband, in das auch Hagen eingebunden war; denn immerhin teilten sie ein Geheimnis, das sie niemandem mitzuteilen vermochten.

Wie als hätte der Gedanke an Hagen diesen gerufen, öffnete sich auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges eine Tür. Auch Hagen war in die Höhe geschossen im letzten Jahr. Er war nun über eins achtzig und dabei so schlank, dass er fast schon hager wirkte. Er machte einen sehr erwachsenen Eindruck, obwohl das ManU-T-Shirt, das er als Pyjama-Ersatz trug und das ihm bis auf die Oberschenkel reichte, ihn im Augenblick eher wie einen schlaksigen Jungen wirken ließ, der aus seinen Sachen herausgewachsen war.

Doch die dunklen, ausdrucksvollen Augen widersprachen dem Bild. Unwillkürlich verglich sie Hagen und Siggi. Ihr Bruder war nun der große unbekümmerte Bub, der sich in fast jedes Abenteuer stürzte, der Sonnyboy, der die Welt lachend erlebte. In Hagens Augen lag ein Flackern und ein Hauch Melancholie. Auch das, dachte Gunhild, hatte einen gewissen Reiz.

Die Melodie, die der Harfner schlug, schien sich diesem Unterton in Hagens Blick anzupassen, als würde der Spielmann die beiden jungen Leute auf dem Gang sehen können und ihr Innenleben kennen.

»What happened?«, fragte Hagen. Immer wenn er müde oder unaufmerksam war, vergaß er, dass er mit seinen deutschen Freunden Englisch redete.

»Hörst du es denn nicht?«, fragte Gunhild. »Die Harfe …«

Hagen legte den Kopf schief, wie um zu lauschen, aber aus seiner Haltung war nicht zu erkennen, ob er die Musik wirklich hörte oder nicht.

»Also«, begann Gunhild zu erklären, »ich wurde von dieser Musik wach …«

»Komm rein«, unterbrach Hagen sie auf Deutsch – eine Sprache, die er nahezu perfekt beherrschte. »Hier auf dem Gang ist es zu kalt.«

Gunhild blickte den Freund an, und der Klang der Harfe in ihren Ohren steigerte sich. Es lag ein Unterton darin, den sie nicht einzuordnen wusste.

»Na gut«, sagte sie, einen Augenblick zögernd, ohne zu wissen warum. Es war doch nichts dabei, zu einem Freund ins Schlafzimmer zu gehen, um zu quatschen, weil es auf dem Gang zu kühl war in dieser sternenklaren Sommernacht! Eine Gänsehaut lief über ihren Körper, aber sie war beim besten Willen nicht in der Lage zu sagen, ob sie fror.

Also folgte sie Hagen zögernd und doch voller Neugier. Sie redete sich ein, darauf zu brennen, ihm von dem geheimnisvollen Harfenspieler zu berichten, der auf dem Hügel im Park diese seltsame Melodie erklingen ließ, aber das war nicht alles. Da war noch mehr, das fühlte sie. Und dieses Mehr machte ihr zugleich Angst.

Sie setzten sich nebeneinander auf das breite Bett, und mit schnellen hastigen Worten erzählte Gunhild ihre Geschichte, mied aber dabei Hagens Blick. Das Licht der Nachttischlampe hatte Hagen mittels eines Tuches gedämpft.

Die Gänsehaut schien über den ganzen Körper zu kriechen, als Hagens Hand sie wie zufällig an der Seite berührte, und ein seltsames Verlangen überkam sie. Und zugleich stieg in ihr die Frage auf, ob sie bereit für das war, was sie in sich fühlte. Immer noch klang die Melodie der Harfe in ihren Ohren, aber die gab ihr keine Antwort.

Hagen hatte sich Gunhilds Geschichte in aller Ruhe angehört. Das Mädchen hob fast schon verstohlen den Blick und sah Hagen in die Augen.

»Seltsam«, begann er vorsichtig. »Keiner vom Personal oder aus dem Dorf spielt Harfe. Aber die alten Sagen …«

Er stockte, als Gunhild ihn fragend ansah. Beide hatten bei der Sommersonnenwende vor einem Jahr zu viel erlebt, um nicht in alten Sagen einen wahren Kern zu vermuten.

»Was ist damit?«, fragte Gunhild atemlos, und dabei sehnte sie sich ein bisschen danach, dass Hagens Hand sie noch mal berührte.

»Es gehen Geschichten um hier in der Gegend, weißt du. Die alten Leute erzählen sie. Dass man in Nächten wie dieser – Sonnenwende, Tagundnachtgleiche, Winter- oder Frühlingsanfang – schon mal seltsame Dinge sieht oder hört. Nur ein paar Meilen von hier entfernt liegt Tara, die Königsburg des alten Erin, und über den Dunmor Hill heißt es, dass er einer der ›Hohlen Hügel‹ sei, wo die shee leben.«

»Die ›Schi‹?«

»S-i-d-h-e. Aber das ›dh‹ ist stumm. Sidhe, gälisch. Das Feenvolk.«

»Meinst du, das Ganze beginnt von vorn – Abenteuer in der Anderswelt?«, fragte Gunhild, und nun fröstelte sie wirklich, aber nicht vor Kälte, sondern weil sie neben der Schönheit auch an den Schrecken dachte, den die alte Magie mit sich brachte, an das Blut und die Tränen.

»Ich glaube, wir sollten im Haus bleiben«, riet Hagen, und Gunhild gab den Plan auf, zu dem Hügel zu gehen, um nachzusehen, woher die Musik kam.

Sie nickte nur und merkte erst jetzt, dass sie Hagen immer noch in die Augen sah und den Blick nicht von ihm lösen konnte.

»Bleib doch«, schlug Hagen vor. »Dann sind wir beide nicht allein, diese Nacht.«

»Ich hab keine Angst vor der Musik«, antwortete Gunhild, »wenn du das meinst. Nein, so etwas Schönes kann keine Bedrohung sein.«

Sie lächelte, aber es war mehr ein Versuch, ihre Verlegenheit zu verbergen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Etwas in ihr flehte sie an, zu bleiben, um mit Hagen neue Seiten ihres Lebens zu entdecken. Ein anderer Teil in ihr sagte ihr, dass sie noch zu sehr Kind und zu wenig Frau war, um das zu tun, was in der Luft lag.

»Ich glaub, ich gehe besser wieder in mein Zimmer«, und Gunhild schien es, als klänge die Harfenmusik, die sie immer noch hörte, ein wenig enttäuscht, sofern Musik überhaupt enttäuscht klingen konnte.

»Bekomme ich denn wenigstens einen Gutenachtkuss?«, bat Hagen, und in seinem Blick lag etwas, von dem Gunhild glaubte – oder bildete sie es sich nur ein –, dass es Verlangen war.

Sie nickte stumm, und mit einem Mal meinte sie einen Kloß im Hals zu spüren, und sie schluckte schwer.

Ihre Gesichter näherten sich, und Gunhild schloss die Augen. An den Schultern spürte sie die vorsichtig tastenden Hände Hagens, der sie an sich zog. Der Morgenmantel glitt von ihren Schultern. Gunhild schloss die Augen. Immer näher kamen sich ihre Lippen.

Etwas polterte auf dem Gang.

Die beiden fuhren auseinander.

»Was war das?«, fragte Gunhild.

»Lass uns nachsehen«, meinte Hagen. Er stand auf und nahm das Tuch von der Nachttischlampe, um mehr Licht zu haben. Auch Gunhild erhob sich vom Bett, verharrte dann aber in der Bewegung.

Die Musik klang nun völlig anders. Die beschwingten, freudigen Untertöne waren verschwunden; es war, als würde der Harfner auf dem gleichen Rhythmus eine völlig andere Melodie spielen.

Hagen winkte mit dem Kopf: »Komm!«, und das löste ihre Starre. Schritt für Schritt näherten sich die beiden der Tür. Hagen streckte seine Hand aus, drehte vorsichtig am Knauf und zog dann die Tür einen Spalt weit auf. Draußen war nichts zu erkennen. Er öffnete die Tür noch ein Stück, um ganz auf den Gang sehen zu können.

Wie aus dem Nichts kam im toten Winkel der Tür etwas hervorgeschossen. Und obwohl der Eindruck nur den Bruchteil einer Sekunde währte, war der Anblick, der sich Hagen und Gunhild bot, dazu angetan, einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

Es war ein Monster!

Riesengroß wuchs es vor ihnen auf. Es war grün – nicht grasgrün wie ein Frosch, sondern bräunlich grün wie Moos oder die schuppige Haut einer Echse. Sein Gesicht war mit blauer Farbe bemalt, sodass es fast aussah wie ein Indianer in voller Bemalung oder ein tätowierter Maori-Krieger aus Neuseeland. Die Muster waren in Spiralen angeordnet und schienen seltsamen, wirren Gesetzmäßigkeiten zu gehorchen.

Das Ungeheuer hielt in der Linken einen Rundschild aus Holz, an dem es wie Bronze blinkte, und in der Rechten eine schwere, mit Dornen bewehrte Keule, die einen Schädel zu zertrümmern vermochte.

Aber das Schlimmste war das Gesicht. Das Monster hatte nur ein Auge!

Gunhild entfuhr ein gedämpfter Schrei. Hagen zog geistesgegenwärtig die Tür zu, dass sie ins Schloss krachte, und drehte den Schlüssel um.

»Was ist das?«, entfuhr es Gunhild.

»No idea … keine Ahnung. Aber ich bin sicher, es ist nicht von hier«, antwortete Hagen. Er schnaufte, als wäre er zu lange oder zu schnell gelaufen.

»Wir verbarrikadieren die Tür«, schlug Gunhild vor. Und in dem Moment, als sie den Vorschlag machte, zog sie auch schon an einer schweren Kommode, die neben der Tür stand. Hagen packte ohne zu zögern mit an.

Draußen auf dem Gang hörte man undefinierbare Geräusche, aber es schien, als wäre das Ungeheuer nicht allein im Haus, sondern als würde ein ganzer Trupp dieser Kreaturen dort sein Unwesen treiben.

Hagen und Gunhild stemmten mit vereinten Kräften den schweren Nachttisch auf die Kommode.

»Das Bett!«, kommandierte das Mädchen.

»Das ist zu schwer«, entgegnete Hagen. »Das schaffen wir nicht.«

Auch der Kleiderschrank, ein wuchtiges Möbel, das sicher noch aus dem 18. Jahrhundert stammte und aus massiven Holz gearbeitet war, widersetzte sich ihren Anstrengungen.

Auf dem Gang war es still geworden. Zu still für den Geschmack der beiden. Sie hatten die gleiche Frage, und keiner von ihnen wusste eine Antwort darauf: Was ging da draußen vor?

Und was war mit Siggi, Hagens Tante und den Bediensteten? Keine Antwort.

Atemlos standen Gunhild und Hagen da und starrten beide auf die verschlossene und verbarrikadierte Tür.

Dann, ohne jede Vorwarnung, begann es. Ein dumpfer Schlag traf die Tür, die sichtlich erbebte.

»Schnell«, sagte Hagen. »Zieh dir das über.« Hagen hatte seine Trainingsjacke gegriffen und gab sie Gunhild. In diesem Moment traf der zweite Schlag die Tür, und das Holz knirschte.

»Warum hört das denn keiner?«, fragte Gunhild. Und in dem Moment, als sie die Frage stellte, fürchtete sie sich schon vor der Antwort. Womöglich hatten die Monster alle anderen bereits umgebracht. Ihr Bruder und Hagens Tante und die Bediensteten, von denen sie bis jetzt nur die Köchin und den Gärtner kennen gelernt hatten, waren vielleicht schon nicht mehr am Leben.

Hagen war unterdessen in Jeans und Turnschuhe geschlüpft. Ein weiteres Paar hielt er dem Mädchen hin.

»Nike. Benannt nach der griechischen Siegesgöttin«, murmelte er. »Hoffentlich helfen sie uns gegen das Vieh da draußen.«

Auch Hagen hatte sich die Frage gestellt, warum niemand den Krach hörte. Und er wollte Gunhild seine eigene Angst nicht zeigen. Wenn es einen Vorteil hatte, Engländer zu sein, dann der, dass man seine Gefühle zu verbergen lernte. Hagen dachte schmerzvoll an so manche Erfahrung in dieser Hinsicht; aber er schüttelte die Gedanken ab, denn inzwischen fielen die Schläge gegen die Tür immer schneller, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie nachgab.

Hagen hatte einen Entschluss gefasst. Der Ausweg führte durch das Fenster, hinaus auf die Auffahrt. Dann wollte er versuchen, mit Gunhild ins Dorf zu kommen.

»Die passen nicht«, meinte Gunhild, die versuchte, ihre Füße in die Schuhe zu zwängen.

»Shit!«, entfuhr es Hagen.

Erste Splitter begannen sich aus dem Holz der Tür zu lösen, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis das Monster ein Loch hineingeschlagen hatte. Vielleicht waren es ja auch mehrere, die auf die Tür eindroschen – zwei, drei, ganz viele …

In fliegender Eile begann Hagen den Bezug von der Bettdecke zu zerren. Als er es geschafft hatte, riss er das Laken von der Matratze und knotete beides zusammen. Das würde reichen, weit genug herunter zu kommen, um einen Sprung in die Blumenbeete an der Hausmauer zu wagen, ohne dass man dabei riskierte, sich die Knöchel zu brechen oder sich einen Bänderriss zuzuziehen.

Hagen lief zum Fenster. Gunhild dachte an ihre eigenen erfolglosen Versuche, das Fenster in ihrem Zimmer zu öffnen, aber es gab einen Trick dabei: Statt den Flügel aufzuklappen, zog Hagen ihn einfach hoch. Um den Fuß des Bettes band er das eine Ende seines improvisierten Seils. Den Rest warf er hinaus.

»Komm!«, forderte er Gunhild auf. Die stand immer noch wie gelähmt. Da brach mit einem lauten Krachen ein metallener Dorn durch das Holz der Tür und verkantete sich darin. Gunhild wartete nicht mehr, bis das erste Brett sich löste. Sie stürzte auf das Fenster zu.

Gelobt sei, was hart macht, dachte sie. Zum Glück war sie eine geübte Sportlerin. Sie packte das Betttuch, zog kurz daran und machte sich in der Manier eines Bergsteigers daran, sich abzuseilen. Fest drückte sie ihre nackten Füße gegen die Hauswand und ließ sich Schritt für Schritt hinunter. Am Ende des improvisierten Seils angekommen, stieß sie sich von der Wand ab und sprang.

Der Sprung ins Ungewisse war nicht allzu tief, aber als sie doch etwas überraschend den Boden berührte, rollte sie sich geschickt über die linke Schulter ab und kam auf dem Rasen jenseits der Blumenbeete wieder auf die Füße. Glücklicherweise befanden sich die Rosen auf der anderen Seite des Hauses.

Hagen folgte ihr und landete auf beiden Füßen in den Nelken seiner Tante. Er packte Gunhild bei der Hand und rannte zur Auffahrt hinüber, um zur Straße und von dort ins nächste Dorf zu gelangen.

Im Laufen warf er einen Blick zurück, aber aus dem Zwielicht ragte nur die gezackte Silhouette des Schlosses auf, und nichts deutete auf das Schicksal der anderen im Haus hin.

»Rennen wir«, flüsterte Hagen, und gleich darauf liefen die beiden über den Rasen auf die asphaltierte Auffahrt zu.

»Da!«, entfuhr es Gunhild, als sie schon die schützenden Büsche und Sträucher vor sich sahen, welche die Auffahrt zu beiden Seiten begrenzten.

Aus der unvollkommenen Dunkelheit schälten sich ungeschlachte, seltsam verkrümmte Gestalten. Sie waren in einem Halbkreis ausgefächert und kamen gezielt auf Hagen und Gunhild zu.

Hagen kam sich vor wie ein Fisch, der im Begriff war, direkt in ein Netz hineinzuschwimmen; denn der Halbkreis bildete so etwas wie einen Trichter, in dem sie sich fangen sollten.

Er griff nach Gunhilds Hand. Das Mädchen war klug genug, sich einfach mitziehen zu lassen; denn Hagen kannte das Gelände besser als sie, und jedes Wort wäre überflüssig. Sie würden ihren Atem zum Rennen brauchen.

Hagen zog sie quer über den Rasen auf den Park zu. Gunhild folgte ihm blind. Was blieb ihr auch anderes übrig? Alles kam ihr vor, als hätte sie es schon mal erlebt. Es war wie vor einem Jahr, als sie vor dem dunklen Volk durch den Wald geflohen waren und Odin, der einäugige Göttervater der Asen, sie gefunden und in die Höhlen der Anderswelt geführt hatte.

Es blieb ihnen nichts, als weiter zu fliehen. Gunhild zwang sich förmlich, nicht an ihren Bruder und sein mögliches Schicksal zu denken. Im Augenblick ging es erst mal darum, die eigene Haut zu retten.

Sie hatten den Park erreicht, und aus den Schatten der Bäume, die diesen Teil des Gartens begrenzten, konnte man im fahlen Mondlicht weitere der seltsamen Gestalten sehen, welche sich von der Rückseite des Hauses her näherten. Das alles geschah in absoluter Stille, und das steigerte noch den Schrecken, den diese Kreaturen der Anderswelt verbreiteten.

Hagen rannte geradeaus weiter. Gunhild wusste, dass am Ende des Parks eine nicht ganz zwei Meter hohe Mauer war, aber die konnten sie überwinden. Von dem, was hinter der Mauer lag, hatte Gunhild nur eine vage Vorstellung. Dunvegan Castle war ein einsam stehendes Landhaus, und der nächste Ort dürfte etwa vier oder fünf Kilometer entfernt sein, aber wie man da querfeldein hingelangen konnte, das wusste Gunhild nicht.

Der Park war im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt, und der Baumbestand war so alt wie das Herrenhaus. Für die Fliehenden war dies eher ein Nachteil, mussten sie doch im unsicheren Zwielicht des Mondes den Bäumen ausweichen. Zugleich erschwerten die Stämme es ihnen, ihre Gegner zu erkennen, die sie vor sich her trieben.

Es war eine Treibjagd. Der Vergleich war absolut passend. Und Hagen und Gunhild waren das Wild, welches von den einäugigen Kreaturen gehetzt wurde.

Da erschien wieder eine Dreiergruppe. Sie kam vom Hügel her und folgte ihnen mit einer Leichtigkeit, dass Gunhild schon fürchtete, die Flucht wäre umsonst. Fast wäre sie stehen geblieben und hätte sich in ihr Schicksal ergeben, aber Hagen zog sie einfach weiter.

Plötzlich stoppte Hagen in seinem Lauf. Vor ihnen erstreckte sich ein Fischteich, dem man ansah, dass er ziemlich tief war, sodass man ihn vermutlich nur schwimmend durchqueren konnte. Das würde sie einiges von ihrem Vorsprung kosten. Zudem war in den Büschen, die den Teich wie einen Halbmond umgaben, bereits das Knacken und Brechen von Gezweig zu vernehmen, und wenn sie nun versuchten, den Teich schwimmend zu durchqueren, brauchten die Jäger nur am Ufer zu warten, dass ihre Beute ihnen direkt in die Arme lief.

Gunhild wandte sich um. Die Situation erschien ausweglos. In ihrem Rücken der Teich, von den Seiten und von vorn ihre Verfolger. Mondlicht blinkte auf bronzenen Waffen, brach sich auf schuppiger Haut und in großen, ausdruckslosen dunklen Augen.

»Hier kommen wir nicht mehr raus!«, entfuhr es Gunhild. »Das war’s!«

»Noch nicht ganz«, flüsterte ihr Hagen zu, ohne die Lippen zu bewegen.

»Willst du etwa kämpfen?«, fragte Gunhild entgeistert.

»Das glaubst du doch wohl selbst nicht!«, entgegnete Hagen. »Ich schwinge keinen Kriegshammer.«

Damit spielte er auf Siggi an, der sich in der Anderswelt als großer Krieger erwiesen hatte.

»Und was willst du tun?«, fragte Gunhild. »Sie wegzaubern.«

»Nein«, entgegnete Hagen mit einem freudlosen Lächeln. »Wir werden sie austricksen. Du wirst sehen.«

»Wie denn? Wohin denn?« Gunhild war zwar vom Herzen optimistisch, aber der Sinn für Realität war ihr nicht verloren gegangen.

»Ich kenn da einen Trick. Bleib mir dicht auf den Fersen, wenn ich das Kommando gebe.«

Wilde Hoffnung erfüllte das Mädchen. Hagen hatte keinen Grund sie zu belügen, und wenn das trübe Wasser des Teiches etwas barg, das ihnen ein Weiterkommen ermöglichte, dann wollte sie es wagen.

Gunhild straffte die Schultern. Sie wurde innerlich ganz kalt, und sie sah ihren Jägern mehr mit gespannter Erwartung als mit Furcht entgegen. Sollte es ihnen gelingen, hier ihren Verfolgern ein Schnippchen zu schlagen, dann hatten sie vielleicht doch noch eine Chance zu entkommen und den anderen im Schloss Hilfe aus dem Dorf zu bringen.

Die grünen, einäugigen Monster – Gunhild zählte ein Dutzend, aber es mochten noch mehr sein – kamen unaufhaltsam näher. Sie beeilten sich nicht mehr, schienen daran zu glauben, dass sich ihre Opfer in das Unvermeidliche ergeben hatten.

Als sie nur noch fünf oder sechs Meter entfernt waren, warf sich Hagen herum.

»Run!«, befahl er und lief los.

Gunhild folgte ihm, ohne eine Sekunde zu zögern.

Hagen rannte direkt auf den Teich zu – in das Wasser hinein! Aber er versank nicht, nicht mal bis zu den Knien. Und Gunhild, die hinter ihm herplatschte, erkannte sofort, warum dem so war. Eine Mauer aus Stein, die sich unter der Wasseroberfläche entlangzog, glitschig und von Algen bewachsen, aber breit genug, dass man darauf gehen konnte.

»Eine alte Trennwand«, erklärte Hagen im Laufen. »Früher hat ein Vorfahr … meiner Tante … dort Fische gezogen. Und mit der Mauer hat er das Becken abgetrennt, damit die alten die jungen nicht fressen.«

Das Wasser war eisig kalt, und Gunhilds nackte Füße waren nach wenigen Schritten bereits gefühllos, aber sie folgte dem Freund, blieb genau in seiner Spur. Einmal wäre sie fast ausgerutscht, aber sie konnte das Gleichgewicht halten, ohne den Rhythmus ihrer Schritte zu verlieren. Doch dieses Missgeschick machte ihr klar, dass diese Flucht mit einem hohen Risiko verbunden war. Wenn sie stürzte, hatte Hagen nicht die Zeit, sie zu retten. Sie musste auf jeden ihrer Schritte Acht geben. Zum Glück führte die Mauer schnurstracks geradeaus.

Dann hatten sie das andere Ufer erreicht. Ihre Verfolger hatten sich anscheinend erst jetzt von der Überraschung erholt. Gunhild hörte ein Aufplatschen und riskierte einen Blick zurück. Zwei der Einäugigen hatten ihnen über den Teich folgen wollen, aber die Mauer verfehlt. Prustend und ziemlich hilflos paddelten sie im Wasser und versuchten wieder an Land zu gelangen. Das Mädchen konnte eine gewisse Genugtuung nicht verbergen. Aber es war zu früh, um sich zu freuen. Die anderen hatten bereits begonnen, den Teich zu umrunden.

Aber Hagen hatte mit seiner List einen ziemlichen Vorsprung herausgeholt, der so groß war wie seit Beginn ihrer Flucht nicht mehr. Nun war der Weg zur Mauer frei.

Hagen bahnte sich seinen Weg durch die Büsche, und Gunhild folgte ihm. Es mochten noch hundert Meter bis zur Mauer sein. Das war zu schaffen.

Ihrer beider Atem ging keuchend, aber sie holten das Letzte aus sich heraus, was sie an Schnelligkeit zu geben in der Lage waren.

Ihre Verfolger schienen ein wenig den Anschluss verloren zu haben, was wohl auch daran lag, dass Hagen den schnurgeraden Kurs auf die Mauer zu verlassen hatte und stattdessen Haken schlagend durch den Park rannte. Dabei nutzte er jede sich bietende Lücke.

Aber obwohl die Meute die Spur verloren zu haben schien, blieb es still. Nichts war zu hören außer den keuchenden Atemzügen der beiden. Die Jäger schienen sich auf andere Art zu verständigen als durch Zurufe. Aber es waren ja auch Wesen der Anderswelt, und welche Möglichkeiten denen offen standen, darüber wollte Gunhild gar nicht erst nachdenken.

Sie hielt sich immer dicht hinter Hagen, und ihre Sportleidenschaft machte sich nun bezahlt. Sie verlor nicht den Anschluss, und sie war keineswegs ein Hindernis ihrer Flucht, wie es so oft in alten Filmen zuging, wenn den Frauen die Kraft ausging, damit der heldenhafte Beschützer sie in einem letzten verzweifelten Kampf retten konnte.

Im Gegenteil. Gunhild bemerkte, als sie über eine kleine Lichtung liefen und der Schein des Mondes auf sie fiel, dass Hagens Schritte schwerer wurden. Hoffentlich hielt er durch. Er war eben kein Sportler wie Siggi – und ein Stich durchfuhr sie, als sie an ihren Bruder und dessen Schicksal dachte.

Dann spürte sie plötzlich einen scharfen Schmerz, der von ihrer rechten Fußsohle ausging, und ihr wurde bewusst, dass sie auch eine Schwachstelle besaß. Sie hatte keine Schuhe an. Sie brauchte nur in irgendetwas Spitziges zu treten, und aus wäre es mit der Flucht.

Besser, nicht daran zu denken. Besser, den Atem zu sparen, als sich mit Diskussionen aufzuhalten. Sie mochten zwar einen guten Vorsprung haben, aber das hieß noch nicht, dass sie ihre Feinde abgeschüttelt hatten.

Endlich tauchte zwischen den Bäumen der dunkle Schatten der Mauer auf. Hagen beschleunigte noch einmal seine Schritte, aber dann blieb er so abrupt stehen, dass Gunhild ihn fast im Laufen umgerissen hätte.

Auf der Mauerkrone, schwarz gegen den sternenklaren Sommerhimmel und von Mondlicht hell umrissen, wartete ein halbes Dutzend der Kreaturen.

Gehetzt blickte sich Hagen um.

»Komm!«, keuchte er. »Es gibt noch mehr als einen Weg aus dieser Falle!« Dann rannte er in Richtung der Rückseite von Dunvegan Castle davon.

Gunhild kam gar nicht auf den Gedanken, Hagens Worte in Zweifel zu ziehen. Wenn sie es getan hätte, würde das die Aufgabe bedeuten. Und tief in ihrem Innern wusste sie, das würde das Ende sein.

Sie warf einen Blick zurück und sah, wie die Jäger von der Mauerkrone sprangen und sich auf ihre Spur setzten. Jetzt saßen ihnen die Verfolger wieder im Nacken.

Wie viele mochten es sein? Zwanzig, dreißig oder mehr? Und was, zum Teufel, wollten die Bestien?

Wieder fiel ihr jene schicksalsträchtige Nacht vor einem Jahr ein, als sie von dunklen Gestalten gehetzt durch den Wald gestolpert waren. Auch damals schien die Zahl ihrer Gegner Legion zu sein. Aber immer wieder hatten sie sich dem Zugriff der Verfolger entwinden können, bis – ja, bis die Rettung von außen gekommen war. Rettung in Gestalt eines geheimnisvollen Fremden, von Vögeln, die ihnen den Weg wiesen, von einer schützenden Höhle, die sie aufnahm. Doch hier gab es keine Macht der Anderswelt, die ihnen Beistand leistete. Harfner, rief sie in Gedanken aus, wo bist du? Warum hilfst du uns nicht? Doch das Lied der Harfe war verstummt – oder hörte sie es nur nicht, weil ihr eigenes Blut so laut in ihren Ohren pochte?

Hagen unternahm alles, um den Vorsprung zu vergrößern. Jeden Winkel des Parks kannte der Junge, wie er seinen deutschen Freunden erzählt hatte. Hier hatte er oft – meist allein – die Ferien verbracht. Nun kam dies Gunhild und ihm zugute.

Im hinteren Teil, auf den Dunmor Hill zu, war der Park wilder, das Gesträuch nicht so exakt gestutzt. Das war keine Nachlässigkeit, sondern Absicht. Wenn man so wollte, sollte hier eine gezähmte Wildnis entstehen, malerisch und schroff im Gegensatz zu den sanft geschwungenen Linien des vorderen Gartens. Auf der einen Seite nützte die Unregelmäßigkeit des Geländes ihrer Flucht, weil sich hier mehr Deckung bot. Aber man konnte einen von der Seite oder von vorn herannahenden Gegner auch schwerer erkennen, und der Weg war voller Hindernisse. Hier und da peitschten Gunhild Zweige schmerzhaft gegen die Beine und ins Gesicht, so sehr Hagen auch bemüht war, dies zu vermeiden; aber sie waren in viel zu großer Eile, um sich dadurch aufhalten zu lassen.

Immer näher kamen sie der hinteren Begrenzungsmauer, die den Park von dem freien Gelände und dem Hügel trennte. Fast schien es Gunhild, als würden sie auf den Hügel zugetrieben; denn nur am Teich und im Haus hatten die Einäugigen wirklich den Versuch unternommen, sie zu fangen.

Gunhild verlangsamte ihren Schritt. Und jetzt hörte sie auch wieder die Musik – oder war die Melodie nie aus ihren Ohren verschwunden gewesen? Das Lied war befehlend und lockend zugleich, und Gunhild war nahe daran, stehen zu bleiben, aber ein kurzes Straucheln riss sie in die Wirklichkeit zurück.

Für einen kurzen Augenblick überkam sie ein Schwindel, und Zweifel stieg in ihr auf, ob die Flucht wirklich Sinn machte. In diesem Moment war sie nahe daran aufzugeben; vielleicht noch näher als am Teich. Die Musik schien diesen Effekt zu verstärken.

Etwas an ihrer Brust pulsierte warm und hell, sandte Wellen der Kraft aus, Schwingungen, welche die Töne des unsichtbaren Instruments auffingen, einige ausblendeten, andere verstärkten. Die Kraft strömte in ihren Körper, löste ihn aus seiner Starre, gab ihren Muskeln und Sehnen die Freiheit wieder, löste ihren Geist aus der Betäubung, die ihn umfangen hielt.

Der Kristall.

Das Kleinod der Anderswelt.

Gunhild griff nach dem Bergkristall, den sie an der Kette um den Hals trug; dabei zog sie ihn aus dem Ausschnitt ihres dünnen Nachthemds heraus. Hell und klar blinkte der Stein im Mondlicht. Sogleich fiel alles von ihr ab, und sie schritt wieder rascher aus, um Hagen auf den Fersen zu bleiben, der von ihrem kurzen Zögern nichts mitbekommen hatte.

Hagen keuchte zusehends, aber er ließ nicht nach. Wieder suchte er die Deckung der Büsche; denn in einiger Entfernung hörte sie, wie ihre Verfolger das Geäst brachen. Also waren sie doch denselben Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen wie die Menschen, konnten nicht überall zugleich sein, zumindest hier im Park. Innerlich atmete das Mädchen auf. Das nahm den Kreaturen einen Teil ihres Schreckens.

Durch eine Lücke in den Bäumen sah sie bereits den Hügel vor sich aufragen. Er hatte irgendwie etwas Beruhigendes an sich, ein Ort, von dem keine Gefahr ausging. Er war ein Symbol der Unvergänglichkeit in der Landschaft.

Der Baumbestand wurde immer dünner, je näher sie dem Hügel kamen; dafür nahmen das Buschwerk und die Sträucher zu. Hagen irritierte das nicht. Unbeirrt lief er weiter.

Die Einäugigen schienen ihre Spur verloren zu haben, und ihr Vorsprung wuchs augenscheinlich. Gunhilds Mut stieg wieder. Dann waren sie aus dem Buschwerk heraus und liefen über einen Weg. Jetzt mussten ihre Verfolger sie deutlich sehen, aber Hagen winkte nur: Weiter! Auf Deckung und Heimlichkeiten kam es jetzt nicht mehr an. Jetzt ging es nur darum, wer schneller war. Jede Sekunde zählte.

Der Weg weitete sich zu einer offenen Fläche, und jetzt wusste Gunhild wieder, wo sie waren: an der hinteren Auffahrt zum Herrenhaus, wo eine Pforte in der Mauer sich auf einen Feldweg öffnete, der sich in einem weiten Bogen wie eine Schlange um den Dunmor Hill herumwand. Der große Hügel ragte über der Mauerkrone auf, und über ihm stand voll und bleich der Mond, von einem Lichthof umkränzt.

Dann hatten sie die schmiedeeiserne Pforte erreicht. Hagen hielt sich nicht damit auf, sie zu öffnen. Er bildete mit den Händen eine Feuerleiter und half Gunhild, Höhe zu gewinnen, um das Tor zu erklettern. Gleich nach ihr zog sich Hagen hinauf und ließ sich auf der anderen Seite hinunterfallen.

Einen kurzen Moment gestatteten sich die beiden zu verschnaufen. Aber genau der Moment war zu viel.

Plötzlich waren sie wieder da. Sie hatten auf der anderen Seite gewartet. Aus den Holunderbüschen und Hecken, welche die Mauer von außen säumten, brachen sie von beiden Seiten hervor. Es waren mehr als ein Dutzend. Es war keine Zeit, die Ungeheuer zu zählen.

»Weiter, zum Hügel!«, schrie Hagen, und seine Stimme überschlug sich.

Das war der letzte Ausweg, der noch offen war. Gunhild und Hagen liefen, so schnell sie ihre Füße trugen.

Sie liefen direkt in das Mondlicht hinein. Gunhild hätte nie gedacht, dass der Mond so hell sein könnte. So grell, dass es blendete.

Aber es war nicht der Mond.

Es war der Widerschein des Mondlichts, der sich in Gunhilds Anhänger mit dem Kristall brach. Licht strömte heraus, entfaltete sich in allen Farben des Spektrums: violett und blau, grün und gelb, orange und rot. Strahlend wie die Sonne und abgründig wie das Meer. Leuchtend wie ein Sommerhimmel und glühend wie das geschmolzene Gestein, aus dem die Welt im Innersten gemacht ist. Für einen Augenblick war es Gunhild, als breite sich vor ihren Füßen nicht der staubige Weg, sondern ein Regenbogen aus, auf dem sie entlanglief, frei wie der Wind. Und am Ende des Regenbogens, wo der goldene Schatz auf den Finder wartet, lag Dunmor Hill im gleißenden Licht.

Vor ihnen öffnete sich der Hügel.

Es war, als würde ein Vorhang vor ihren Augen weggezogen. Vor ihnen verschwand ein Teil des Hügels. Es war wie ein Fenster, das sich auftat – nein, eher wie ein Tor, gesäumt von mächtigen Steinen zu beiden Seiten und einer Felsplatte als Türsturz. Licht drang daraus hervor. Gleichzeitig erhob sich das Leuchten, welches Gunhild umgab, und verband sich zu einem Lichtbogen mit dem Glanz, der aus dem Hügel kam.

Dann verlosch das Licht schlagartig, und das Zwielicht des Vollmondes hatte sie wieder. Für einen Moment konnten sie nichts sehen, aber sie hörten, dass sich hinter ihnen die Einäugigen wieder in Bewegung setzten und die Jagd wieder losging.

»Zum Hügel!«, rief Hagen erneut, und so rannten sie den steilen Hang hinauf. Ihre letzte Chance war die Öffnung, die sich dort aufgetan hatte, ganz gleich, wohin sie führen mochte. Sie erreichten mit einem guten Vorsprung das Tor und traten hindurch.

Für einen einzigen, endlosen Augenblick umgab sie absolute Dunkelheit.

Im nächsten Moment war es taghell, und sie standen im Freien, in einer gebirgigen Felslandschaft.

Über ihnen spannte sich ein tiefvioletter, konturloser Himmel, der die Felsen in geradezu unnatürlicher Schärfe hervortreten ließ. Ein stetiger Wind wehte ihnen entgegen; er war klamm, erfüllt von Feuchtigkeit. Gunhild fror. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie unter der Trainingsjacke nur ein dünnes Nachthemd trug, das ihr am Körper klebte. Ihr war kalt, und sie fühlte sie verloren, enttäuscht, verraten. Irgendwie hatte sie geglaubt, in eine Welt des Lichts und der Freiheit hineinzulaufen, wo man sie mit offenen Armen empfangen würde. Doch hier war nichts als nackter Stein, grauer Himmel, eisiger Wind.

Die Harfenmusik war verstummt.

»Ich habe das Gefühl, als wären wir in die Falle gegangen«, meinte Hagen. Und wie zur Bestätigung tauchten über der nächsten Felskuppe hinter ihnen ihre Verfolger auf.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als weiter zu fliehen.

Nur wohin?

Sie rannten einen Weg entlang, der mehr einem Bergpfad glich als einem richtigen Weg, und Gunhild tat jeder Schritt weh, barfuß wie sie war.

»Nach oben«, sagte Hagen und lief einen Geröllabhang hinauf. Tapfer folgte ihm Gunhild, aber ein paar Mal, als besonders spitze Steine ihr in die Fußsohle stachen, konnte sie einen Schmerzenslaut nicht mehr unterdrücken.

Hinter ihnen kam ein gutes Dutzend der Verfolger den Abhang hinauf. Ihre klobigen Stiefel machten es ihnen auch nicht leicht, den beiden zu folgen.

Darauf hatte Hagen gehofft. Da hörte er plötzlich hinter sich einen Schrei. Als er sich umwandte, sah er noch, wie der Geröllhang unter Gunhild ins Rutschen kam. Weiter unten sah er ihre Jäger hektisch zur Seite ausweichen. All das nahm er im Bruchteil einer Sekunde wahr, doch er hatte keine Möglichkeit, Gunhild zu helfen, die mit der Gerölllawine zu Tal glitt.

Sobald er sich aus seiner Erstarrung lösen konnte, wollte er ihr nachsetzen, aber da war es schon zu spät. Gunhild taumelte, stürzte, rollte noch ein Stück den Abhang hinunter und blieb regungslos liegen. Binnen weniger Augenblicke hatte sich der Kreis der Jäger um sie geschlossen.

Aus den Augenwinkeln nahm Hagen eine Bewegung wahr. Eines der Geschöpfe schwang seinen Arm.

Dann sah Hagen etwas auf sich zufliegen. Er spürte noch den Aufprall des Steins an seiner Schläfe. Dann verließen ihn die Sinne …

Abbildung

2
An den Gestaden von Erin

Siggi träumte.

Er stand an einem Meeresufer und lauschte dem Geräusch der Wellen, die auf einen kiesbedeckten Strand spülten. Er versuchte, ein Muster, ein System in dem Rauschen der Wellen zu entdecken. Da, war da nicht eine, die lauter war als die anderen, die höher stieg, weiter auf das Land hinauflief? Er horchte, aber da war nichts mehr, was ihn hätte aufmerken lassen; in einem Rhythmus so gleichmäßig wie der Pendelschwung einer Uhr rollten die Wellen herein und verebbten. Dann wieder eine, die größer war als die anderen. Siggi begann zu zählen; erst als er bei neun angekommen war, wurde der Takt erneut durchbrochen.

Er hob den Kopf. Vor ihm lag das Meer, von einer Farbe, die weder Blau war noch Grün, sondern irgendetwas dazwischen und doch keine Mischung wie aus einem Malkasten, sondern eine Farbe für sich, für die er nur keinen Namen hatte. Weit hinten am Horizont verschmolz der dunkelviolette Himmel mit dem blau-grünen Meer zu einer Einheit, wo er die Farben nicht mehr unterscheiden konnte.

Es ist nur ein Traum, dachte Siggi. Ich bin nicht wirklich hier; es sind nur Bilder in meinem Kopf.

Die groben Kiesel und Steine des Strandes verstärkten noch das Geräusch der Wellen, wenn sie sich am Strand brachen. Siggi wusste, dass er an den Gestaden eines großen Ozeans stehen musste; denn er spürte keinen Wind. Diese Wellen kamen von jenseits des Horizonts und hatten einen langen Weg über tausende von Kilometern hinter sich gebracht, ehe ihre Kraft an dieser Küste verebbte.

Siggi starrte auf die Wogen, wie sie in immer dem gleichen Rhythmus heranrollten, und er konnte den Blick nicht davon abwenden. Siggi liebte das Meer, wenn er auch als kleines Kind Angst davor gehabt hatte, damals, an der Nordsee, wo seine Eltern und seine Schwester Gunhild mit ihm Urlaub gemacht hatten. Damals war er noch nicht zur Schule gegangen. Das war jetzt fast zehn Jahre her. Aber den größten Wandel hatte er in jener Nacht vor einem Jahr durchgemacht, als sich für ihn, Gunhild und ihren gemeinsamen Freund Hagen das Tor zur Anderswelt geöffnet hatte.

Seither verspürte Siggi die heiße Sehnsucht nach Abenteuern. Er lächelte, als er daran dachte, dass der ängstliche Knabe, der oft genug von seiner Schwester verteidigt worden war, sich nun durchsetzen konnte.

Bilder stiegen in ihm auf: von tollkühnen Piraten, die unter dem Banner des Totenschädels auf hochbordigen Galeonen das Meer auf der Suche nach Gold und schönen Frauen durchpflügten; von eisengepanzerten Rittern auf stolzen Rossen, die für Gott und König ins Heilige Land zogen um es den heidnischen Muselmanen zu entreißen; von Raumfahrern in goldbedampften Helmen, die durch die luftleere Öde eines fremden Mondes stapften, die Laserpistole griffbereit gegen die Aliens, die jeden Moment hinter einem Kraterwall auftauchen konnten …

Aber sein Traum änderte sich nicht. Aus ihm wurde kein wilder Piratenkapitän, kein Kreuzfahrer, kein Astronaut. Es blieben ihm die felsigen Gestade und das endlos rauschende Meer.

Etwas war merkwürdig an diesem Rauschen. Der monotone Rhythmus war zu gleichmäßig. Etwas daran störte ihn. Die Kraft des wilden Ozeans schien ihm gebändigt, und das war nicht richtig. Ein Ozean hatte wild zu sei; niemand hatte ihm zu befehlen, einen Rhythmus zu halten. Das war unnatürlich.

Der Junge schloss die Augen. Jeder neunte Wellenschlag unterschied sich von den vorhergehenden acht, wie deutlich herauszuhören war, wenn man sich darauf konzentrierte.

Nachdem er die Augen geöffnet hatte, sah er es auch endlich. Jede neunte der in regelmäßigen Abständen auf den Strand schlagenden Wellen war sichtlich höher als die anderen.

Schon ein seltsamer Traum, dachte der Junge und spitzte die Ohren. Der Rhythmus des Wellenschlags wurde von einer Art Gesang begleitet. Deutlich hörte er die ersten Zeilen eines Liedes.

»Ich bin der Wind auf dem Meer,
Ich bin des Ozeans Welle,
Ich bin das Brüllen der See …«

Es war ein Singsang, mehr ein rhythmisches Sprechen als eine wirkliche Melodie, die primitive Form eines Liedes, wie es die ersten Menschen in ihren Höhlen gesungen haben mochten.

»Ich bin der Stier der sieben Leben,
Ich bin der Adler der Klippen,
Ich bin der Hirsch auf dem Hügel …«

Ein merkwürdiger Text. Siggi kannte die Sprache nicht, in der das Lied gesungen wurde, aber er verstand die Worte dennoch, als seien sie nicht Deutsch oder Englisch oder gar altes Irisch, sondern aus einer Ursprache entnommen, in der alle menschlichen Sprachen ihren Anfang hatten.

»Ich bin der Tropfen Tau,
Ich bin der Lachs im Wasser
Und der Teich unter den Apfelbäumen.«

Neun, dachte er. Die neunte Zeile ist anders. Es wunderte ihn nicht einmal. Er wandte sich um, den Sänger ausfindig zu machen, der diesen unnatürlichen Rhythmus des Meeres mit seinem Gesang zu einem Lied ergänzte. Sein Blick schweifte über einen langsam zu den Dünen hin ansteigenden, zunehmend sandiger werdenden Strand. Hinter den Dünen war alles so wie am Meereshorizont: ein fahles, konturlos waberndes Grau, als würde ein seltsamer Nebel über der Welt liegen, der immer nur einen Teil preisgab.

Siggi ging vorsichtig einen Schritt auf die Dünen zu, und es schien ihm, als weiche damit auch das Grau des Traumnebels einen Schritt zurück. Und mit jedem neuen Schritt bewahrheitete sich seine Vermutung; jeder Meter enthüllte ein wenig mehr an Sicht. Als er die Höhe der Dünen erklommen hatte, konnte er ein gutes Stück weit über eine Ebene blicken, welche von einem Gras bewachsen war, dessen Grün so satt wirkte, als wäre jeder Halm eigens angestrichen worden. Siggi kannte nichts Vergleichbares, und dabei wohnte er auf dem Lande, wo es keinesfalls nur Beton gab, sondern jede Menge Natur.

Ein Stück die Düne entlang, kurz bevor der Abhang zum Meer begann, glomm ein Funke aus dem fahlgrauen, verwaschenen Nebel seines Traums. Das Licht flackerte. Siggi machte ein paar Schritte auf das Leuchten zu.

Aus dem Nebel schälte sich nach und nach ein Feuer heraus. Siggi wurde neugierig. Welche Überraschung mochte sein Traum für ihn bereit halten. Je näher er der Lichtquelle kam, desto deutlicher erkannte er nicht nur die brennenden Scheite eines kleinen Lagerfeuers, sondern auch die Umrisse eines Menschen.

Zunächst war die Gestalt verschwommen, und Siggi konnte nichts erkennen außer dem Schemen, aber dann gewannen die Umrisse an Kontur.

Es war ein Riese, überlebensgroß; nein, doch nicht, der Nebel ließ ihn nur größer wirken. Tatsächlich dürfte Siggi selbst, obwohl er erst fünfzehn war, den Mann am Feuer sicher um Haupteslänge überragen, wenn man den Kopfputz abrechnete. Der Fremde trug eine merkwürdige Haube, aus Vogelfedern gemacht: von Möwen, Eichelhähern, Raben, Gänsen und anderen Federtieren, die Siggi nicht kannte.

Ein Indianer? Aber nein, das war kein Indianer, denn er war nicht in das weiche Leder der Prärieindianer gekleidet, wie Siggi dies aus Büchern kannte, sondern mit einer Vielzahl von Pelzen behangen. Ein seltsamer Aufzug. Siggi konnte nicht ausmachen, wie die Kleidung des alten Mannes geschnitten war. Es waren lange zottelige Tierfelle; es mochte sogar ein Schaf dazwischen sein. Etwas Braunes von Reh oder Hirsch konnte er auch erkennen. Alles kunterbunt durcheinander.

Fasziniert näherte sich Siggi. Mit jedem Schritt konnte er jetzt weitere Einzelheiten erkennen. Das Haar, das zwischen den Federn hervorblitzte und dem Fremden bis auf die Schulter reichte, war pechschwarz. Seine Gesichtshaut war von d