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Die Kinder von Eden

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Wenn er sich schlafen legt, sieht er stets diese Landschaft vor sich: Ein Kiefernwald bedeckt die Hügel, dicht und dick wie der Pelz auf dem Rücken eines Bären. In der klaren Bergluft ist der Himmel so blau, dass jeder Blick hinauf in den Augen wehtut. Weitab von der Straße liegt ein verstecktes Tal. Seine Flanken sind steil, und auf seinem Grund fließt ein kühler Bach. Hier, an einer sonnigen, nach Süden geneigten Stelle, uneinsehbar für Fremde, ist der Hang gerodet und mit Reben bepflanzt. Sie stehen ordentlich in Reih und Glied.

Wenn er nur daran denkt, wie schön das alles ist, bricht es ihm schier das Herz.

Männer, Frauen und Kinder gehen langsam durch den Weinberg und pflegen die Reben – seine Freunde, die Frauen, die er liebt, seine Familie. Eine der Frauen lacht. Sie ist groß und hat langes, dunkles Haar. Ihr fühlt er sich besonders verbunden. Sie wirft den Kopf zurück, öffnet weit den Mund, und ihre klare, helle Stimme schwebt übers Tal wie Vogelgesang. Mehrere Männer murmeln leise ein Mantra bei der Arbeit. Sie bitten die Götter des Tals und der Reben um eine gute Ernte. Ein paar gewaltige Baumstümpfe erinnern noch an die Knochenarbeit, mit der sie vor fünfundzwanzig Jahren diesen Ort geschaffen haben. Der Boden ist steinig, aber das ist gut so, denn die Steine speichern die Sonnenglut und schützen die Wurzeln der Reben vor dem tödlichen Frost.

Jenseits des Weinbergs steht eine Ansammlung von Holzhäusern, schmucklos, aber solide gebaut und wetterfest. Aus dem Kamin des Küchengebäudes steigt Rauch auf. Auf einer Lichtung zeigt eine Frau einem Jungen, wie man Fässer baut.

Dieser Ort ist heilig.

Geschützt durch Gebete und seine versteckte Lage, ist er rein geblieben, und die Menschen, die hier leben, sind frei, während die Welt außerhalb des Tals in Korruption und Heuchelei, in Habgier und Schmutz versinkt.

Doch mit einem Mal wandelt sich das Bild.

Irgendetwas ist mit dem kalten, schnell fließenden Bach geschehen. Mäanderte er eben noch durchs Tal, so ist sein Plätschern plötzlich verstummt, seine Strömung jäh gebremst. Wo einst weiße Wasser schäumten, steht jetzt ein dunkler Teich. Das Ufer wirkt unbewegt, doch wenn er den Blick abwendet und es erneut betrachtet, erkennt er, dass der Teich rasch größer wird. Schon bald sieht er sich gezwungen zurückzuweichen, den Hang hinauf.

Er begreift nicht, warum die anderen die steigende Flut missachten. Der schwarze Teich erreicht die erste Rebenreihe, doch sie arbeiten unverdrossen weiter, obwohl ihre Füße bereits im Wasser stehen. Die Häuser werden vom Wasser erst eingeschlossen, dann überflutet. Das Feuer im Küchengebäude erlischt. Leere Fässer dümpeln auf dem entstehenden See und schwimmen langsam davon. Warum laufen meine Freunde nicht weg, fragt er sich. Panik schnürt seine Kehle ein und droht ihn zu ersticken.

Nun ist der Himmel düster von eisengrauen Wolken, und ein kalter Wind zerrt an den Kleidern der Menschen. Doch noch immer gehen sie ihrer Arbeit im Weinberg nach, bücken sich, richten sich wieder auf, lächeln einander zu und unterhalten sich mit leiser Stimme, als wäre nichts geschehen. Er ist der Einzige, der sieht, in welcher Gefahr sie schweben, und er erkennt, dass er etwas tun muss, wenn er ein, zwei oder sogar drei Kinder vor dem Ertrinken retten will. Er will zu seiner Tochter laufen, merkt aber, dass seine Füße im Schlamm stecken und ihn festhalten. Er kann sich nicht mehr bewegen. Die Angst droht ihn zu überwältigen.

Unaufhaltsam steigt das Wasser im Weinberg. Schon reicht es den arbeitenden Männern und Frauen bis zu den Knien, schon schwappt es ihnen um die Taillen, schon stehen sie bis zum Hals in der Flut. Er versucht, ihnen zuzurufen. Er liebt diese Menschen. Los, tut was, möchte er brüllen, bringt euch in Sicherheit, sonst müsst ihr in ein paar Sekunden sterben … Doch obwohl er den Mund aufreißt und seine Kehle schmerzt vor Anstrengung, bringt er keinen Ton heraus. Seine Angst verwandelt sich in reines Entsetzen.

Wasser dringt in seinen offenen Mund und wird ihn allmählich ersticken.

In diesem Augenblick wacht er auf.

Erster Teil
   VIER WOCHEN

KAPITEL 1

Ein Mann namens Priest zog sich seinen Cowboyhut in die Stirn und spähte über die flache, staubtrockene Halbwüste im Süden von Texas.

In alle Himmelsrichtungen erstreckte sich Gestrüpp: stumpf grüne, niedrige, dornenreiche Mesquitesträucher und Salbeigewächse. Unmittelbar vor Priest hatten Bulldozer eine etwa drei Meter breite, schnurgerade Schneise durchs Gebüsch gefräst. Senderos nannten die spanischstämmigen Fahrer diese Pfade, an deren Rändern – in Abständen von jeweils exakt fünfzig Yards – bonbonrosafarbene Markierungsfähnchen an kurzen Drahtständern flatterten. Ein Lastwagen rollte im Schritttempo über den sendero.

Diesen Lastwagen musste Priest stehlen.

Sein erstes Auto hatte er im Alter von elf Jahren geklaut, einen brandneuen, schneeweißen 1961er Lincoln Continental. Der Wagen stand vor dem Roxy Theater am South Broadway in Los Angeles, und die Schlüssel lagen im Handschuhfach. Priest, der damals noch Ricky hieß, konnte kaum übers Lenkrad gucken und hätte sich vor Angst fast in die Hosen gemacht – aber er hatte es geschafft, den Wagen zu Jimmy »Pigface« Riley zu kutschieren, der zehn Querstraßen weiter auf ihn wartete, und ihm stolz die Schlüssel präsentiert. Jimmy hatte ihm fünf Dollar gegeben, war sofort mit seiner Freundin zu einer Spritztour aufgebrochen – und fuhr den Wagen auf dem Pacific Coast Highway zu Schrott. Ricky aber wurde nach seiner Tat in die Pigface Gang aufgenommen.

Bei dem Laster auf dem sendero ging es jedoch nicht um einen beliebigen fahrbaren Untersatz.

Priest sah, wie das schwere Aggregat auf der Ladefläche hinter der Fahrerkabine langsam eine etwa vier Quadratmeter große, massive Stahlplatte auf den Boden herabsenkte. Nach einer kurzen Pause vernahm er ein tiefes Dröhnen. Die Platte begann, rhythmisch auf die Erde zu hämmern, und um den Laster herum wirbelten Staubwolken auf. Priest spürte, wie der Boden unter seinen Füßen zitterte.

Das Gerät war ein seismischer Vibrator, der dazu diente, Schockwellen durch die Erdkruste zu jagen. Priest, der – außer als Autodieb – nie eine richtige Ausbildung genossen hatte, war trotz dieses Mankos ein kluger Kopf, der es bisher noch mit jedem aufgenommen hatte. Er hatte sofort begriffen, wie der Vibrator funktionierte. Das Prinzip entsprach der Radartechnik. Die Schockwellen wurden an markanten Gesteinsgrenzen im Erdinnern reflektiert und wieder an die Oberfläche zurückgeworfen, wo man sie mit Sensoren – so genannten Geophonen – aufzeichnete.

Priest gehörte zur Geophon-Crew. Die Männer hatten auf einer Fläche von einer Quadratmeile schon über tausend Geophone in genau berechneten Abständen installiert. Jedes Mal wenn der Vibrator die Erde erschütterte, wurden die reflektierten Schwingungen von den Sensoren aufgefangen und von einem Messtechniker aufgezeichnet. Der Mann arbeitete in einem Anhänger, den alle nur »die Hundehütte« nannten. Sämtliche Daten würden später an einen Großrechner in Houston überspielt und dort zu einem dreidimensionalen Datenkomplex zusammengefügt, der die Gesteinsstruktur unter der Erdoberfläche darstellte. So aufbereitet, würde das Datenmaterial schließlich an eine Ölgesellschaft verkauft werden.

Der Ton der Schwingungen nahm zu an Höhe und Stärke und erinnerte nun an die mächtigen Maschinen eines Ozeandampfers, der langsam Fahrt aufnimmt. Dann brach das Geräusch abrupt ab. Die Augen zusammengekniffen vor dem wabernden Staub, rannte Priest über den sendero auf den Laster zu, öffnete die Tür und kletterte in die Kabine. Hinter dem Steuer saß ein etwa dreißigjähriger, untersetzter Mann mit schwarzen Haaren. »Hallo, Mario«, sagte Priest und rutschte auf den Beifahrersitz.

»Hallo, Ricky.«

Richard Granger lautete der Name auf Priests Führerschein der Klasse B. Der Schein war gefälscht, der Name jedoch echt.

Priest hielt eine Stange Marlboro in der Hand, Marios Marke, und warf sie aufs Armaturenbrett. »Hier, ich hab dir was mitgebracht.«

»Hey, Mann, du brauchst mir doch keine Zigaretten zu kaufen!«

»Ich schnorr doch dauernd welche bei dir.« Er griff nach dem offenen Päckchen, das ebenfalls auf dem Armaturenbrett lag, schüttelte eine Zigarette heraus und steckte sie sich in den Mund.

Mario lächelte. »Und warum kaufst du dir nicht deine eigenen?«

»Wer? Ich? Mensch, ich kann mir das Rauchen doch gar nicht leisten!«

»Du bist vielleicht ein Spinner, Mann.« Mario lachte.

Priest zündete sich seine Zigarette an. Kontakte zu knüpfen und sich bei anderen beliebt zu machen war ihm immer leicht gefallen. Auf den Straßen, in denen er aufgewachsen war, schlugen einen die Kerle zusammen, wenn sie einen nicht mochten, und er war als Junge ziemlich klein gewesen. Kein Wunder, dass er schon recht früh ein intuitives Gespür dafür entwickelt hatte, was andere von ihm erwarteten – Respekt, Zuneigung, Humor oder irgendetwas anderes in dieser Preislage –, verbunden mit der Angewohnheit, ihnen möglichst schnell alles recht zu machen. In der Ölbranche war es der Humor, der die Männer zusammenhielt – normalerweise spöttischer, manchmal hintersinniger und oftmals zotiger Humor.

Obwohl Priest erst seit zwei Wochen dabei war, hatte er sich schon das Vertrauen seiner Kollegen erworben. Dagegen wusste er immer noch nicht, wie er den seismischen Vibrator stehlen sollte. Nur eines war klar: Es musste in den nächsten Stunden geschehen, denn morgen würde das Fahrzeug an einen anderen Standort überführt werden – und der lag ein paar hundert Meilen weit weg bei Clovis in New Mexico.

Priest hatte nur einen vagen Plan: Er wollte sich von Mario mitnehmen lassen. Die Fahrt würde zwei oder drei Tage dauern – der Achtzehntonner brachte es auf dem Highway auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von kaum mehr als 45 Meilen in der Stunde. Irgendwo auf der Strecke wollte er Mario betrunken machen und dann mit dem Laster abhauen. Er hatte gehofft, ihm würde noch etwas Besseres einfallen, doch bislang hatte ihn seine Fantasie im Stich gelassen.

»Mein Wagen ist am Verrecken«, sagte er. »Kannst du mich morgen bis San Antonio mitnehmen?«

Mario war überrascht. »Du kommst nicht mit nach Clovis?«

»Nö.« Mit einer Handbewegung verwies Priest auf die öde Landschaft um sie herum. »Schau dir das doch mal an«, sagte er. »Texas ist so herrlich, Mann, da will ich gar nicht weg.«

Mario zuckte mit den Schultern. Leute, die ständig auf Achse waren, gab es in diesem Gewerbe genug. »Klar nehm ich dich mit«, sagte er. Das verstieß zwar gegen die Vorschriften, hinderte jedoch keinen Fahrer daran, es immer wieder zu tun. »Warte an der Deponie auf mich.«

Priest nickte. Die Mülldeponie war ein trostloses Loch, angefüllt mit rostzerfressenen Pickups, zertrümmerten Fernsehapparaten und wurmzerfressenen Matratzen, und befand sich am Rande von Shiloh, der nächstgelegenen Stadt. Kein Mensch würde sehen, wie Mario ihn dort zusteigen ließ – höchstens ein paar Kids, die mit ihren Zweiundzwanziger-Flinten auf Schlangenjagd waren. »Um wie viel Uhr?«

»So um sechs rum.«

»Ich bring uns Kaffee mit.«

Priest brauchte diesen Laster. Er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben hinge davon ab. Es juckte ihn in den Fingern, Mario auf der Stelle zu packen, aus der Kabine zu schmeißen und mit der Karre abzuhauen. Aber das war natürlich Unfug. Zum einen war Mario fast zwanzig Jahre jünger als er selber und würde sich vielleicht nicht so ohne weiteres an die Luft setzen lassen. Und zum anderen kam es darauf an, dass der Diebstahl mehrere Tage lang unbemerkt blieb. Priest musste das Fahrzeug nach Kalifornien bringen und dort verstecken, bevor die Polizei im ganzen Land nach einem gestohlenen seismischen Vibrator Ausschau hielt.

Das Funkgerät piepte. Das hieß, dass der Messtechniker in der Hundehütte die Daten der letzten Vibration überprüft und für einwandfrei befunden hatte. Mario zog die Bodenplatte hoch, legte den ersten Gang ein, fuhr an und hielt fünfzig Yards weiter direkt neben dem nächsten rosafarbenen Markierungsfähnchen wieder an. Dort senkte er die Platte auf den Erdboden und gab per Funksignal durch, dass er wieder bereit war. Priest sah ihm aufmerksam zu und prägte sich die Reihenfolge ein, in der Mario Hebel und Schalter bediente. Das tat er nicht zum ersten Mal. Wenn er später etwas vergaß, würde niemand da sein, den er um Anweisungen bitten konnte.

Sie warteten auf das Signal aus der Hundehütte, das die nächste Vibration in Gang setzen würde. Zwar waren auch die Fahrer in der Lage, die Erschütterungen auszulösen, doch behielten sich die meisten Messtechniker das Kommando selber vor und starteten den Vorgang per Fernsteuerung. Priest zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und warf die Kippe aus dem Fenster. Mario hatte Priests Wagen entdeckt, der ein paar hundert Meter weiter auf der zweispurigen Asphaltpiste parkte, und deutete mit einem Kopfnicken darauf. »Deine Frau?«

Priest sah auf. Star war aus dem verdreckten hellblauen Honda Civic ausgestiegen, lehnte an der Motorhaube und fächelte sich mit ihrem Strohhut Luft zu. »Yeah«, sagte er.

»Ich zeig dir mal was.« Mario zog ein altes Lederportmonee aus der Tasche seiner Jeans, nahm ein Foto heraus und reichte es Priest. »Das ist Isabella«, sagte er stolz.

Priests Blick fiel auf eine hübsche junge Mexikanerin in den Zwanzigern. Sie trug ein gelbes Kleid und ein gelbes Haarband. Auf der Hüfte trug sie ein Baby; neben ihr stand schüchtern ein dunkelhaariger Junge. »Deine Kinder?«

Mario nickte. »Ross und Betty.«

Priest verkniff sich ein Lächeln über die englischen Vornamen. »Sehen gut aus, deine Kids.« Er dachte an seine eigenen Kinder, und um ein Haar hätte er Mario von ihnen erzählt. Gerade noch rechtzeitig widerstand er dem Impuls und fragte: »Wo wohnen sie?«

»In El Paso.«

In Priests Gehirn keimte eine Idee. »Siehst du deine Familie oft?«

Mario schüttelte den Kopf. »Ich schufte und schufte, Mann. Spar jeden Cent, damit ich ’n Haus für sie kaufen kann. Ein schönes Haus mit ’ner großen Küche und ’nem Swimmingpool im Garten. Sie haben’s verdient.«

Die Idee blühte auf. Priest unterdrückte seine Erregung und fuhr im lockeren Gesprächston fort: »Ja, ja. ’n schönes Haus für ’ne schöne Familie, stimmt’s?«

»Genau. Das hab ich vor.«

Wieder piepte das Funkgerät, und der Laster fing an zu zittern. Der Lärm war wie Donnergrollen, wenn auch nicht so unregelmäßig. Er begann mit einem tiefen Basston, der allmählich höher wurde. Nach genau vierzehn Sekunden war alles vorüber.

In der folgenden Stille schnippte Priest mit den Fingern: »Hör mal, ich hab da ’ne Idee … Aber nee, vielleicht doch nicht.«

»Was’n?«

»Nee, ich glaub, das klappt nicht.«

»Ja, was’n nu, Mann? Was?«

»Na ja, ich dachte eben … Du hast ’ne bildhübsche Frau und süße Kids – irgendwie ist das nicht richtig, dass du sie nicht öfter siehst.«

»Und das soll deine Idee sein?«

»Nein. Ich dachte mir Folgendes: Den Laster könnte doch eigentlich ich nach New Mexico fahren, und du fliegst unterdessen heim zu deiner Familie.« Lass dir bloß nicht anmerken, wie wichtig dir das ist, hielt Priest sich insgeheim vor und fügte laut hinzu: »Aber es wird sowieso nicht klappen.« In seiner Stimme schwang ein »Na und wenn schon« mit.

»Stimmt, Mann. Das geht nicht.«

»Wahrscheinlich nicht. Aber wart mal. Wenn wir morgen ganz früh losziehen und zusammen nach San Antonio fahren, könnte ich dich dort am Flughafen absetzen. Gegen Mittag wärst du dann in El Paso, schätze ich. Da kannst du mit deinen Kindern spielen, deine Frau zum Essen ausführen, zu Hause übernachten und am nächsten Tag wieder zurückfliegen. Ich könnte dich am Flughafen in Lubbock wieder abholen … Wie weit ist es von Clovis nach Lubbock?«

»So um die achtzig, neunzig Meilen.«

»Wir könnten noch am selben Abend oder spätestens am nächsten Morgen in Clovis sein. Kein Aas würde mitkriegen, dass du gar nicht die ganze Strecke gefahren bist.«

»Aber du willst doch nach San Antonio.«

Verdammt! Daran hatte er gar nicht mehr gedacht. Priest ließ sich rasch eine Begründung einfallen. »Aber ich war noch nie in Lubbock«, sagte er leichthin. »Und da wurde immerhin Buddy Holly geboren.«

»Was is’n das für ein Kerl?«

»I love you, Peggy Sue …«, sang Priest. »Als du auf die Welt kamst, war Buddy Holly schon tot, Mario. Ich mochte ihn mehr als Elvis. Aber frag mich jetzt bloß nicht, wer Elvis war.«

»Und du würdest die ganze Strecke fahren? Bloß meinetwegen?«

War das Misstrauen? Oder war Mario nur dankbar? Priest hätte es nur allzu gern gewusst. »Na klar«, sagte er. »Solange ich deine Marlboros rauchen kann.«

Mario schüttelte verblüfft den Kopf. »Du bist ’n Pfundskerl, Ricky. Aber ich weiß nicht so recht …«

Also kein Misstrauen. Aber Mario war vorsichtig und würde sich wahrscheinlich kaum zu einer Entscheidung drängen lassen. Priest verbarg seine Frustration hinter oberflächlicher Lässigkeit. »Denk halt drüber nach«, sagte er.

»Wenn was schief geht, bin ich meinen Job los. Das will ich nicht.«

»Da hast du Recht.« Priest hielt seine Ungeduld in Schach. »Wir können ja später noch mal drüber reden, okay? Kommst du heute Abend in die Bar?«

»Ja, sicher.«

»Da kannst du mir dann ja Bescheid sagen, oder?«

»Okay, das lässt sich machen.«

Aus dem Funkgerät ertönte das Alles-Klar-Signal. Mario legte den Hebel um, der die Stahlplatte vom Boden hievte.

»Ich muss jetzt wieder zur Geophon-Crew«, sagte Priest. »Wir müssen noch ein paar Meilen Kabel einsammeln, bevor’s dunkel wird.« Er gab Mario das Familienfoto zurück und öffnete die Tür. »Ich sag dir eins, Mann: Wenn ich so ein verdammt hübsches Mädchen hätte, würde ich nie mehr auch nur aus dem Haus gehen.« Er grinste, sprang hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

Der Lastwagen fuhr an und rollte zum nächsten Fähnchen.

Priest machte sich auf den Weg. Bei jedem Schritt auf dem sendero wirbelten seine Cowboystiefel Staubwölkchen auf. Weiter vorn, dort, wo sein Wagen stand, sah er Star rastlos und sichtlich beunruhigt auf und ab gehen.

Vor vielen Jahren war sie einmal eine Berühmtheit gewesen, wenn auch nur kurzfristig. Zur Blütezeit der Hippie-Kultur hatte sie in Haight-Ashbury gelebt, einem Stadtteil von San Francisco. Persönlich kannte Priest sie damals noch nicht – Ende der Sechzigerjahre war er gerade damit beschäftigt gewesen, seine erste Million zu verdienen. Aber er kannte die Geschichten, die sich um sie rankten. Star war damals eine strahlende Schönheit gewesen, groß und schwarzhaarig, die Figur kurvenreich und wohlproportioniert wie eine Sanduhr. Sie hatte eine Schallplatte herausgebracht, auf der sie zu der psychedelischen Musik einer Band namens Raining Fresh Daisies Gedichte rezitierte. Das Album war ein kleiner Hit gewesen – und Star war eine Zeit lang in aller Munde.

Was sie jedoch zur Legende gemacht hatte, war etwas anderes: ihr unersättlicher sexueller Appetit. Sie trieb es mit jedem, der gerade ihre Fantasie erregte – mit neugierigen Zwölfjährigen und verblüfften Männern in den Sechzigern, mit jungen Männern, die sich für schwul hielten, und Mädchen, die gar nicht wussten, dass sie lesbisch waren, mit Freunden, die sie seit Jahren kannte, und Fremden, die sie sich von der Straße holte.

Doch das war inzwischen schon lange her. In ein paar Wochen würde sie ihren fünfzigsten Geburtstag feiern. Ihr Haar war von grauen Strähnen durchzogen und ihre Figur noch immer üppig, wenn sie auch dem Vergleich mit dem Stundenglas nicht mehr standhielt: Mittlerweile wog Star achtzig Kilo, verfügte aber immer noch über außergewöhnliche sexuelle Anziehungskraft. Wenn sie eine Bar betrat, drehten sich alle Männer nach ihr um.

Selbst jetzt, besorgt und verschwitzt, wie sie war, wirkte ihr rastloses Hin und Her neben dem billigen alten Wagen sexy und das Gewoge ihres Körpers unter dem dünnen Baumwollkleid wie eine einzige Einladung. Priest hätte sie am liebsten auf der Stelle vernascht.

»Na, wie sieht’s aus?«, fragte sie, kaum dass er in Hörweite kam.

Priest war ein Optimist. »Ganz gut«, sagte er.

»Das klingt schlecht«, erwiderte Star skeptisch. Sie kannte ihn zu gut, um alles, was er sagte, für bare Münze zu nehmen.

Priest berichtete ihr von dem Angebot, das er Mario gemacht hatte. »Das Beste daran ist, dass am Ende er die Suppe auslöffeln muss«, schloss er.

»Wieso?«

»Denk doch mal drüber nach: Er kommt nach Lubbock und sucht mich. Ich bin aber nicht da, genauso wenig wie der Laster. Da geht ihm langsam auf, dass man ihn übers Ohr gehauen hat. Was macht er nun? Glaubst du vielleicht, er schlägt sich nach Clovis durch und erzählt in der Firma, dass ihm der Truck geklaut wurde? Kann ich mir nicht vorstellen. Denn im günstigsten Fall wird er bloß rausgeschmissen, im schlimmsten handelt er sich eine Anzeige wegen Lastwagendiebstahls ein und landet im Knast. Jede Wette also, dass er sich gar nicht erst in Clovis blicken lässt. Er wird sich ins nächstbeste Flugzeug setzen, das ihn wieder nach El Paso bringt. Dort packt er seine Frau und seine Kinder ins Auto und verschwindet auf Nimmerwiedersehn. Und dann sind die Bullen natürlich überzeugt, dass er den Brummi gestohlen hat. Ricky Granger dagegen gerät nicht einmal unter Verdacht.«

Star runzelte die Brauen. »Der Plan ist super, aber wird Mario den Köder annehmen?«

»Ich glaub schon.«

Ihre Besorgnis wuchs. Sie schlug mit der flachen Hand auf das staubige Autodach und sagte: »Verdammt! Wir brauchen diesen Laster unbedingt!«

Priest war ebenso besorgt wie sie, überspielte das aber mit übertriebener Selbstsicherheit. »Wir kriegen ihn. Wenn nicht auf diese Weise, dann eben auf eine andere.«

Star setzte ihren Strohhut auf, lehnte sich wieder an den Wagen und schloss die Augen. »Hoffentlich hast du Recht.«

Er streichelte ihre Wange. »Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen, Gnädigste?«

»Ja, bitte. Bringen Sie mich in mein klimatisiertes Hotelzimmer.«

»Das kostet aber was.«

Star riss in gespielter Unschuld die Augen auf. »Muss ich dafür was Schlimmes tun, der Herr?«

Seine Hand glitt in ihren Ausschnitt. »Jawohl.«

»O jemine!«, sagte sie und hob den Rock ihres Kleids bis über die Taille.

Sie trug keine Unterwäsche.

Priest grinste und knöpfte sich seine Levi’s auf.

»Was wird Mario denken, wenn er uns so sieht?«, fragte sie.

»Neidisch wird er sein«, sagte Priest, während er in sie eindrang. Sie waren fast gleich groß und fanden mit einer Leichtigkeit zusammen, die lange Übung verriet.

Star küsste ihn auf den Mund.

Wenig später hörte er, wie sich ein Auto auf der Straße näherte. Sie blickten beide auf, ließen sich aber ansonsten nicht stören. Ein Pickup mit drei Landarbeitern auf dem Vordersitz fuhr vorbei. Die Männer sahen, was los war, und grölten und johlten durchs offene Fenster.

Star winkte ihnen zu und rief: »Hallo, Jungs!«

Priest musste so heftig lachen, dass er kam.

Vor genau drei Wochen hatte die Krise ihre letzte, entscheidende Phase erreicht.

Sie hatten gerade an dem langen Tisch im Küchengebäude gesessen und ihr Mittagessen verzehrt, einen würzigen Linseneintopf mit Gemüseeinlage und frischem, ofenwarmem Brot. Da betrat Paul Beale den Raum, in der Hand einen Briefumschlag.

Paul füllte den Wein, den Priests Kommune produzierte, in Flaschen ab – doch das war nicht seine einzige Zuständigkeit. Paul hielt Verbindung nach draußen und sorgte dafür, dass die Kommunarden zwar Kontakt mit dem Rest der Welt halten, sich aber gleichzeitig von ihm abschotten konnten. Der kahlköpfige, bärtige Mann war seit den frühen Sechzigern mit Priest befreundet. Zu jener Zeit waren sie halbwüchsige Gangster gewesen, die in den Slums von L. A. besoffene Penner ausgeraubt hatten.

Priest nahm an, dass Paul den Brief am Morgen in Napa erhalten hatte und sofort zu ihnen gefahren war. Was in dem Brief stand, konnte er sich ebenfalls denken, doch ließ er erst einmal Paul zu Worte kommen.

»Vom Liegenschaftsamt der Regierung«, sagte Paul. »Adressiert an Stella Higgins.« Er reichte das Schreiben Star, die Priest gegenüber an der Schmalseite des Tisches saß. Stella Higgins war ihr richtiger Name – jener, unter dem sie im Herbst 1969 diese Parzelle Staatsland vom Innenministerium gepachtet hatte.

Die Gespräche am Tisch erstarben. Selbst die Kinder hielten plötzlich den Mund; sie spürten die Atmosphäre aus Furcht und Bestürzung.

Star riss den Umschlag auf und entnahm ihm den einzelnen Briefbogen. Mit einem Blick überflog sie den Inhalt des Schreibens. »Am 7. Juni«, sagte sie.

»Fünf Wochen und zwei Tage, von heute an«, sagte Priest. Solche Rechenergebnisse flogen ihm automatisch zu.

Mehrere Leute am Tisch stöhnten verzweifelt auf. Eine Frau namens Song begann leise zu weinen. Eines von Priests Kindern, der zehnjährige Ringo, fragte: »Warum, Star? Warum nur?«

Priests Blick glitt zu Melanie, dem neuesten Mitglied der Gruppe. Sie war eine hoch gewachsene, schmale Frau von achtundzwanzig Jahren, bildhübsch, mit blasser Haut, langem, paprikarotem Haar und der Figur eines Models. Dusty, ihr fünfjähriger Sohn, saß neben ihr. »Was?«, fragte sie, und Entsetzen lag in ihrer Stimme. »Was hat das zu bedeuten?«

Alle hatten sie gewusst, was auf sie zukam, aber da sie es einfach zu deprimierend fanden, darüber zu reden, hatte sich niemand von ihnen bemüßigt gefühlt, Melanie aufzuklären.

»Wir werden das Tal hier verlassen müssen, Melanie«, sagte Priest. »Es tut mir Leid.«

Star las vor: »›Die oben erwähnte Parzelle ist nach dem 7. Juni dieses Jahres nicht mehr zur Besiedlung geeignet, da Gefahr für Leib und Leben entstehen wird. Wir sehen uns daher gezwungen, die Pacht gemäß § 9 Absatz B Ziffer 2 Ihres Vertrags zu kündigen.‹«

Melanie sprang auf. Ihre weiße Haut war gerötet, ihr hübsches Gesicht wutverzerrt. »Nein!«, schrie sie. »Nein! Das können die mir nicht antun – ich habe euch doch gerade erst gefunden! Ich glaube das nicht. Das ist eine Lüge!« In ihrer Wut wandte sie sich gegen Paul. »Du Lügner!«, brüllte sie. »Du gottverdammter Lügner!«

Ihr Kind fing an zu weinen.

»Komm, reg dich ab!«, erwiderte Paul empört. »Ich bin hier doch bloß der beknackte Briefträger!«

Plötzlich schrie alles wild durcheinander.

Mit drei, vier langen Schritten war Priest bei Melanie. Er nahm sie in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: »Du machst Dusty Angst! Setz dich wieder. Ich verstehe ja, dass du wütend bist. Das sind wir alle. Wir schäumen vor Wut.«

»Sag mir, dass das nicht wahr ist«, bat Melanie.

Mit sanftem Nachdruck schob Priest sie auf ihren Stuhl. »Doch, Melanie, es ist wahr«, sagte er. »Es ist wirklich wahr.«

Er wartete ab, bis sich alle einigermaßen beruhigt hatten; erst dann ergriff er wieder das Wort: »Los, Leute«, sagte er. »Machen wir uns an den Abwasch und dann wieder an die Arbeit.«

»Warum sollten wir?«, wollte Dale wissen. Er war der Winzer. Er gehörte nicht zu den Gründern der Kommune, sondern war erst in den Achtzigerjahren, desillusioniert von der alles beherrschenden Kommerzialisierung, zu ihnen gestoßen und nach Priest und Star zur wichtigsten Person der Gruppe geworden. »Zur Weinlese sind wir doch schon gar nicht mehr hier«, fuhr er fort. »In fünf Wochen müssen wir weg. Was sollen wir da noch arbeiten?«

Priest fixierte ihn mit seinem hypnotisch-starren Blick, dem nur äußerst willensstarke Menschen standzuhalten vermochten. Er wartete geduldig, bis absolute Stille herrschte. Dann sagte er: »Weil manchmal ein Wunder geschieht.«

Eine Verordnung des Stadtrats untersagte in der texanischen Gemeinde Shiloh den Verkauf alkoholischer Getränke, doch gleich hinter der Stadtgrenze gab es eine Bar namens Doodlebug, die billiges Bier vom Fass, Kellnerinnen in engen Bluejeans und Cowboystiefeln sowie eine Country-und-Western-Band zu bieten hatte.  

Priest kam allein. Er wollte nicht, dass Star hier auftauchte und man sich später womöglich an ihr Gesicht erinnerte. Am liebsten wäre ihm gewesen, sie hätte ihn gar nicht erst nach Texas begleitet – aber er brauchte jemanden, der ihm half, den seismischen Vibrator heimzubringen. Sie würden Tag und Nacht durchfahren, sich gegenseitig am Steuer ablösen und notfalls mit Aufputschmitteln wach halten. Sie wollten unbedingt zu Hause sein, bevor der Lastwagen vermisst wurde.

Er bereute seinen Leichtsinn vom Nachmittag. Mario hatte Star zwar nur aus einer viertel Meile Entfernung gesehen und die Landarbeiter im Pickup bloß im Vorbeifahren, doch Star war eine auffällige Erscheinung. Vermutlich würde jeder dieser Zeugen eine grob umrissene Personenbeschreibung von ihr geben können: eine große Weiße, stämmig, mit langen, dunklen Haaren …

Priest hatte, bevor er nach Shiloh kam, sein Äußeres verändert. Er hatte sich einen buschigen Vollbart und einen Schnäuzer wachsen lassen und sein langes Haar zu einem strammen Zopf gebunden, den er unter den Hut steckte.

Sollte jedoch alles nach Plan laufen, würde kein Mensch je danach fragen, wie er und Star aussahen.

Als er das Doodlebug betrat, war Mario schon da. Er saß an einem Tisch mit fünf oder sechs Männern aus der Geophon-Crew sowie mit Larry Petersen, dem Projektleiter.

Priest wollte sich unter keinen Umständen anmerken lassen, dass er wie auf heißen Kohlen saß. Er bestellte sich daher zunächst ein Lone-Star-Bier, unterhielt sich, wobei er gelegentlich einen Schluck aus der Flasche nahm, mit dem Mädchen am Tresen und gesellte sich erst eine Weile später zu den anderen am Tisch.

Lenny, ein Mann mit schütterem Haar und roter Nase, hatte Priest am Wochenende vor vierzehn Tagen den Job gegeben. Priest hatte einen Abend mit den anderen von der Crew in der Bar verbracht, nur wenig getrunken und sich als recht umgänglich erwiesen. Er hatte ein paar Brocken Fachjargon aufgeschnappt und laut über Lennys Witze gelacht. Am nächsten Morgen war er zu Lenny in den Bürocontainer gegangen und hatte ihn um einen Job gebeten. »Ich stell dich auf Probe ein«, hatte Lenny gesagt.

Das war alles, was Priest brauchte.

Er arbeitete hart, begriff schnell und kam mit den Kollegen gut zurecht. Nach ein paar Tagen gehörte er dazu.

Als er sich zu den anderen an den Tisch setzte, bemerkte Lenny in seinem schleppenden texanischen Tonfall: »Dann kommst du also nicht mit uns nach Clovis, Ricky, he?«

»Nein, Lenny«, antwortete Priest. »Mir gefällt das Wetter hier viel zu gut. Ich will nicht weg.«

»Na ja. Ich will dir eigentlich auch nur ganz ehrlich sagen, dass es mir ein Privileg und ein besonderes Vergnügen gewesen ist, deine Bekanntschaft gemacht zu haben – auch wenn sie nur von kurzer Dauer war.«

Die anderen grinsten. Dieses Wortgeklingel war typisch. Erwartungsvoll blickten sie Priest an und harrten seiner Replik.

Er setzte ein feierliches Gesicht auf und sagte: »Lenny, du bist immer so lieb und nett zu mir gewesen, dass ich dir noch ein Mal, ein einziges Mal noch, die Frage stellen möchte: Willst du mich heiraten?«

Alles lachte. Mario klopfte Priest auf den Rücken.

Lenny setzte eine betrübte Miene auf und erwiderte: »Du weißt doch, dass ich dich nicht heiraten kann, Ricky. Ich habe dir doch schon gesagt, warum.« Er legte eine effektvolle Pause ein, und die anderen beugten sich vor, als könnte ihnen sonst die Pointe entgehen. »Ich bin lesbisch.«

Nun brüllten die Männer vor Lachen. Priest gab sich mit einem reumütigen Lächeln geschlagen und bestellte einen Krug Bier für den Tisch.

Das Gespräch wandte sich dem Baseballspiel zu. Die meisten Männer mochten die Houston Astros; nur Lenny, der aus Arlington stammte, war Anhänger der Texas Rangers. Priest interessierte sich nicht für Sport. Ungeduldig wartend saß er da und ließ nur ab und zu eine neutrale Bemerkung fallen. Die Männer waren in bester Stimmung. Der Job war rechtzeitig abgeschlossen, sie hatten alle gut verdient, und außerdem war Freitagabend. Priest nippte an seinem Bier. Er trank niemals viel, weil er es hasste, seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Er beobachtete, wie sich Mario allmählich voll laufen ließ. Als Tammy, die Kellnerin, den nächsten Krug brachte, starrte Mario sehnsüchtig auf ihre Brüste unter dem karierten Hemd. Träum nur schön weiter, Mario. Morgen Abend kannst du schon bei deiner Frau im Bett liegen.

Nach ungefähr einer Stunde verschwand Mario Richtung Herrentoilette.

Priest folgte ihm. Verdammte Warterei. Ich muss jetzt Nägel mit Köpfen machen.

Er stellte sich ans Pissoir neben Mario und sagte: »Schätze, Tammy trägt heute Abend schwarze Unterwäsche.«

»Woher willst du denn das wissen?«

»Als sie sich über den Tisch beugte, bekam ich ’n kleinen Einblick. Ich mag Spitzen-BHs.«

Mario seufzte.

»Gefallen dir Frauen in schwarzer Unterwäsche?«, fuhr Priest fort.

»Ich steh auf Rot«, erwiderte Mario im Brustton der Überzeugung.

»Ja, rot ist auch schön. Wenn eine Frau rote Unterwäsche anzieht, ist sie richtig scharf auf dich. Heißt es jedenfalls.«

»Wirklich?« Marios nach Bier riechender Atem ging ein wenig schneller.

»Ja, das hab ich irgendwo mal gehört.« Priest knöpfte sich die Hose zu. »Hör mal, ich muss jetzt gehen. Die Meine erwartet mich im Motel.«

Mario grinste und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Ich hab euch zwei heute Nachmittag gesehen, Mann, o Mann …«

Priest schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf. »Das ist meine Schwäche. Ich kann bei einem hübschen Gesicht einfach nicht Nein sagen.«

»Mensch, ihr habt es doch wirklich getan – mitten auf der Straße!«

»Na ja, wenn du deine Frau eine Zeit lang nicht gesehen hast, dann wird sie zappelig, dann braucht sie’s, verstehst du?« Komm schon, Mario, das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl …

»Yeah, ich weiß. Übrigens, was morgen betrifft …«

Priest hielt den Atem an.

»Also, wenn du noch zu deinem Vorschlag stehst …«

Ja! Ja!

»Dann ist alles geritzt.«

Priest widerstand der Versuchung, ihm um den Hals zu fallen.

»Du willst doch noch, oder?«, fragte Mario besorgt.

»Klar doch.« Priest legte den Arm um Marios Schultern. Gemeinsam verließen sie den Toilettenraum. »Wozu hat man denn Kumpels, he?«

»Danke dir, Mann.« Mario standen die Tränen in den Augen. »Bist ein toller Hecht, Ricky.«

Sie wuschen ihre Keramikschüsseln und Holzlöffel in einer großen Wanne mit warmem Wasser und trockneten das Geschirr mit einem Handtuch ab, das einst ein altes Arbeitshemd gewesen war. Melanie sagte zu Priest: »Dann fangen wir eben noch einmal irgendwo anders an! Besorgen uns ein Stück Land, errichten ein paar Blockhütten, pflanzen Rebstöcke und machen Wein. Warum nicht? So habt ihr doch vor all diesen Jahren auch angefangen.«

»Stimmt«, sagte Priest, stellte seine Schüssel in ein Regal und warf seinen Löffel in den Kasten. Einen Moment lang fühlte er sich wieder jung, stark wie ein Pferd, berstend vor Energie und felsenfest davon überzeugt, jede Aufgabe lösen zu können, die ihm das Leben stellte, komme, was da wolle. Er erinnerte sich an die einzigartigen Gerüche jener Zeit: frisch gesägtes Holz; Stars junger Körper, schweißüberströmt beim Umgraben; der charakteristische Duft von Marihuana, das sie auf einer Waldlichtung anbauten; das betörend süße Aroma der gepressten Trauben … Dann holte ihn die Gegenwart wieder ein, und er setzte sich an den Tisch.

»Ja, vor all diesen Jahren«, wiederholte er. »Für ’n Appel und ’n Ei haben wir damals dieses Stück Land von der Regierung gepachtet. Und danach hat man uns einfach vergessen.«

»Neunundzwanzig Jahre lang keine einzige Pachterhöhung«, ergänzte Star.

Priest fuhr fort: »Den Wald haben wir mit Hilfe von dreißig oder vierzig Jugendlichen gerodet, die damals bereit waren, zwölf bis vierzehn Stunden täglich ohne Bezahlung zu arbeiten. Richtige Idealisten waren das.«

Paul Beale grinste. »Mir tut der Rücken heute noch weh, wenn ich nur daran denke.«

»Unsere Reben bekamen wir ebenfalls umsonst – von einem freundlichen Winzer aus dem Napa Valley, der junge Leute zu konstruktiver Arbeit anspornen wollte. Sie sollten nicht den ganzen Tag nur herumsitzen und sich bekiffen.«

»Der alte Raymond Delavalle«, sagte Paul. »Ist inzwischen längst tot, Gott hab ihn selig.«

»Vor allem aber waren wir damals bereit, hart an der Armutsgrenze zu leben, und wir konnten es auch. Wir waren halb verhungert, pennten auf dem nackten Boden, die Schuhe waren voller Löcher … Fünf lange Jahre hat’s gedauert, bis wir den ersten verkaufbaren Wein hatten.«

Star nahm ein herumkrabbelndes Baby vom Boden auf, wischte ihm die Nase ab und sagte: »Außerdem hatten wir noch keine Kinder, um die wir uns hätten Sorgen machen müssen.«

»Genau«, stimmte Priest zu. »Wenn sich all diese Voraussetzungen noch einmal wiederholen ließen, könnten wir noch mal von vorn anfangen.«

Melanie gab sich noch nicht zufrieden. »Es muss doch irgendeinen Ausweg geben!«

»Den gibt’s auch«, sagte Priest. »Paul ist darauf gekommen.«

Paul nickte. »Ihr könntet eine Firma gründen. Geht zur Bank, borgt euch eine Viertelmillion Dollar, stellt Arbeitskräfte ein und verwandelt euch in typische kapitalistische Geizhälse, die nur noch ihre Profite im Kopf haben.«

»Das wäre die Kapitulation«, sagte Priest.

Es war noch dunkel, als Priest und Star am frühen Samstagmorgen in Shiloh aufstanden. Priest holte Kaffee in dem kleinen Restaurant neben ihrem Motel. Als er zurückkam, studierte Star im Licht der Leselampe einen Autoatlas. »Du müsstest Mario so zwischen halb zehn und zehn am internationalen Flughafen von San Antonio absetzen können und danach über die Interstate 10 aus der Stadt raus«, sagte sie.

Priest würdigte den Atlas keines Blickes. Karten verwirrten ihn nur. Er konnte sich an die Hinweisschilder zum Highway I-10 halten. »Wo treffen wir uns dann?«, fragte er.

Star rechnete nach. »Ich müsste ungefähr eine Stunde Vorsprung vor dir haben.« Sie legte ihren Finger auf einen bestimmten Punkt auf der Karte. »Etwa fünfzehn Meilen vom Flughafen entfernt liegt ein Nest namens Leon Springs. Ich parke so, dass du mich nicht übersehen kannst.«

»Klingt gut.«

Sie waren beide nervös und aufgeregt. Der Diebstahl des Lasters war nur der erste Schritt in ihrem Plan, wenngleich ein ganz entscheidender. Alles Weitere hing davon ab.

Star störte sich noch an ein paar praktischen Einzelheiten. »Was machen wir mit dem Honda?«

Priest hatte den Wagen drei Wochen zuvor für tausend Dollar bar auf die Hand erworben. »Leicht verkäuflich ist der nicht mehr«, sagte er. »Bei einem Gebrauchtwagenhändler kriegen wir vielleicht noch fünfhundert dafür. Wenn nicht, lassen wir ihn einfach irgendwo abseits vom Highway im Wald stehen.«

»Können wir uns das leisten?«

»Geld macht dich arm.« Priest zitierte eines der Fünf Paradoxa des Gurus Baghram, nach dessen Regeln sie lebten.

Priest wusste bis auf den letzten Cent genau, wie viel Geld ihnen zur Verfügung stand, doch behielt er sein Wissen für sich. Die meisten Kommunarden wussten nicht einmal, dass es ein Bankkonto gab. Und kein Mensch in der ganzen Welt ahnte etwas von Priests Notgroschen – zehntausend Dollar in Zwanzigern, mit Klebeband im Resonanzkörper einer ramponierten Akustikgitarre befestigt, die in Priests Hütte an einem Nagel hing.

Star zuckte mit den Schultern. »Darüber hab ich mir fünfundzwanzig Jahre lang keine Gedanken gemacht – da werd ich nicht ausgerechnet jetzt damit anfangen.« Sie nahm ihre Lesebrille ab.

Priest lächelte sie an. »Siehst richtig süß aus mit deiner Brille.«

Star sah ihn von der Seite an und stellte eine Frage, die ihn überraschte: »Freust du dich schon auf Melanie?«

Priest und Melanie waren Geliebte.

Er ergriff Stars Hand. »Ja, natürlich«, sagte er.

»Ich sehe dich gerne mit ihr zusammen. Sie macht dich glücklich.«

Eine plötzliche Erinnerung an Melanie schoss Priest durch den Kopf: Sie lag auf dem Bauch in seinem Bett und schlief. Die Strahlen der tief stehenden Morgensonne fielen durchs Hüttenfenster. Er selbst saß am Tisch, nippte an einer Tasse Kaffee und beobachtete die junge Frau. Er freute sich am Anblick ihrer feinen weißen Haut, der perfekten Kurve ihres Pos, ihres langen roten Haars, zerzaust und breit gefächert. Jeden Augenblick würde ihr der Kaffeeduft in die Nase steigen; sie würde sich umdrehen und die Augen öffnen, und dann würde er, Priest, wieder zu ihr ins Bett steigen und sie lieben. Doch fürs Erste schwelgte er noch in Vorfreude und malte sich aus, wie er sie berühren und erregen wollte. Er genoss den kostbaren Augenblick wie ein Glas guten Weins.

Die Vision verblasste. Er war wieder in einem billigen Motel in Texas und sah Star vor sich, ihr neunundvierzigjähriges Gesicht. »Du bläst doch nicht Trübsal wegen Melanie, oder?«, fragte er sie.

»Die Ehe ist die größte Treulosigkeit«, sagte sie und zitierte damit ein weiteres der Fünf Paradoxa.

Priest nickte. Treue hatten sie nie voneinander verlangt. In der Anfangszeit war es Star gewesen, die für den Gedanken, sich auf einen einzigen Liebhaber zu beschränken, nur Verachtung übrig hatte. Später, nach ihrem dreißigsten Geburtstag, wurde sie allmählich ruhiger. Priest hatte ihre Toleranz auf die Probe gestellt, indem er reihenweise anderen Mädchen vor ihren Augen den Hof gemacht hatte. Beide glaubten sie nach wie vor an die freie Liebe – Tatsache war aber, dass seit einigen Jahren weder er noch sie sich entsprechend verhalten hatten.

Melanie war für Star demnach eine Art Schock gewesen, aber das war ganz gut so. Ihre Beziehung zu Priest war ohnehin zu gefestigt. Priest mochte es nicht, wenn jemand vorhersagen konnte, was er vorhatte. Ja, er liebte Star, doch die schlecht verhohlene Sorge in ihren Augen erzeugte in ihm das angenehme Gefühl, das Heft in der Hand zu haben.

Star spielte mit ihrem Kaffeebecher aus Styropor. »Ich frage mich nur, was Flower davon hält«, sagte sie. Flower war ihre gemeinsame Tochter und mit dreizehn das älteste Kind in der Kommune.

»Sie ist nicht in einer Kernfamilie aufgewachsen«, erwiderte Priest. »Wir haben sie nicht zur Sklavin bürgerlicher Konventionen erzogen. Das ist doch Sinn und Zweck einer Kommune.«

»Ja, schon«, stimmte Star ihm zu, aber es reichte ihr nicht. »Ich möchte nur nicht, dass sie dich verliert, das ist alles.«

Er streichelte ihre Hand. »Keine Angst, das wird nicht passieren.«

Sie drückte seine Finger. »Danke.«

»Wir müssen gehen«, sagte er und stand auf.

Ihre Habseligkeiten steckten in drei Einkaufsbeuteln aus Plastik. Priest trug sie hinaus zu ihrem Honda. Star folgte ihm.

Die Rechnung hatten sie bereits am Vorabend beglichen. Jetzt war das Büro geschlossen, und niemand beobachtete sie, als Star sich ans Steuer setzte und sie im fahlen Morgenlicht davonfuhren.

Shiloh bestand aus einer Straße und einer Querstraße. Dort, wo sich die beiden kreuzten, standen die einzigen Verkehrsampeln. An einem Samstagmorgen um diese Zeit waren noch kaum andere Fahrzeuge unterwegs. Star fuhr unbekümmert bei Rot über die Ampel, und wenig später hatten sie die Stadt auch schon hinter sich gelassen. Kurz vor sechs erreichten sie die Müllkippe.

Sie wurde von keinem Hinweisschild angekündigt, von keinem Zaun oder Tor begrenzt. Es gab lediglich einen Zufahrtsweg, erkennbar an den von Lastwagenreifen niedergewalzten Sträuchern. Star folgte dem Pfad über einen flachen Hügel. Die Kippe lag in einer Senke, die von der Straße aus nicht einsehbar war. Neben einem schwelenden Müllhaufen brachte Star den Wagen zum Stehen. Von Mario und dem seismischen Vibrator war weit und breit nichts zu sehen.

Priest spürte, dass Star noch immer beunruhigt war. Ich muss sie aufbauen, dachte er besorgt. Sie darf nicht abgelenkt sein – ausgerechnet heute! Wenn etwas schief geht, muss sie voll bei der Sache sein, voll konzentriert …

»Flower wird mich nicht verlieren«, sagte er.

»Das ist gut«, erwiderte sie zaghaft.

»Wir bleiben zusammen, wir drei. Weißt du, warum?«

»Sag’s mir.«

»Weil wir uns lieben.«

Er sah, wie Erleichterung die nervöse Spannung aus ihrem Gesicht vertrieb. Sie kämpfte mit den Tränen. »Danke«, sagte sie.

Seine Sicherheit kehrte zurück. Er hatte Star gegeben, was sie brauchte. Von jetzt an war sie wieder okay.

Er küsste sie. »Mario wird jeden Augenblick hier sein. Fahr jetzt los. Sieh zu, dass du vorankommst.«

»Soll ich nicht warten, bis er da ist?«

»Er soll dich nicht zu deutlich sehen. Wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt. Ich möchte nicht, dass er dich identifizieren kann.«

»Okay.«

Priest stieg aus.

»He!«, rief Star ihm nach. »Vergiss Marios Frühstück nicht!« Sie reichte ihm eine Papiertüte.

»Dank dir!« Er nahm die Tüte und warf die Wagentür zu.

Star wendete in einem weiten Kreis und fuhr so schnell davon, dass die Reifen eine Wolke texanischen Wüstenstaubs aufwirbelten.

Priest sah sich um. Es verblüffte ihn, dass ein Nest wie Shiloh so viel Müll produzieren konnte. Sein Blick schweifte über verbogene Fahrräder, fast neuwertige Kinderwagen, fleckige Sofas, altmodische Kühlschränke und mindestens zehn Einkaufswagen aus Supermärkten. Und überall Verpackungsmüll: Kartons von Stereoanlagen, federleichte Polysterolverpackungen, die wie abstrakte Skulpturen aussahen, Papiersäcke und Plastikbehälter aller Art, die vormals Substanzen enthalten hatten, welche Priest niemals benutzte: Klarspüler, Feuchtigkeitscreme, Haarpflegemittel, Weichspüler, Toner für Fax- und Kopiergeräte. Ein Märchenschloss aus rosa Plastik fiel ihm auf, wahrscheinlich ein Kinderspielzeug, und er staunte über die verschwenderische Opulenz der ausgefeilten Konstruktion.

Im Silver River Valley gab es nie viel Abfall. Sie benutzten weder Kinderwagen noch Kühlschränke und kauften nur sehr selten verpackte Waren. Die Kinder schufen sich mit Hilfe der Fantasie ihre Märchenschlösser selbst – in Bäumen, Fässern oder Holzstapeln.

Noch dunstverschleiert schob sich die rote Sonnenscheibe über den Hügelkamm und warf Priests langen Schatten über ein rostiges Bettgestell. Er musste an die Sonnenaufgänge über den Schneegipfeln der Sierra Nevada denken, und unvermittelt überkam ihn schmerzvolle Sehnsucht nach der kühlen, reinen Luft der Berge.

Bald, bald …

Zu seinen Füßen schimmerte etwas auf: Ein funkelnder Metallgegenstand steckte, zur Hälfte vergraben, im Boden. Aus reiner Langeweile scharrte Priest mit der Stiefelspitze die trockene Erde beiseite, bückte sich und hob den Gegenstand auf. Es war eine schwere Stillson-Rohrzange. Sie sah funkelnagelneu aus. Ihre Größe schien zur Ausrüstung des seismischen Vibrators zu passen. Vielleicht kann Mario das Ding brauchen, dachte Priest, ehe ihm einfiel, dass der Laster mit Sicherheit über einen Werkzeugkasten verfügte, in dem für jede einzelne Schraube und Mutter der richtige Schlüssel lag. Was sollte Mario da noch mit einer Rohrzange von der Müllkippe anfangen? Wegwerfgesellschaft!

Priest ließ das Werkzeug wieder fallen.

Er hörte Fahrgeräusche, aber sie klangen nicht nach einem großen Lkw. Er blickte auf. Sekunden später kam ein brauner Pickup über die Kuppe und holperte über den unebenen Pfad. Es war ein Dodge Ram mit einer gesprungenen Windschutzscheibe – Marios Privatwagen. Was hatte das zu bedeuten? Priest schwante Übles. Mario hätte am Steuer des Lastwagens erscheinen, sein eigener Wagen von einem Kollegen nach Norden gefahren werden sollen. Oder hatte Mario beschlossen, den Wagen an Ort und Stelle zu verhökern und sich in Clovis einen neuen zu kaufen? Irgendetwas war schief gelaufen. »Scheiße!«, sagte Priest. »Scheiße!«

Als Mario anhielt und ausstieg, unterdrückte er seine Wut und Frustration jedoch, reichte ihm die Tüte und sagte: »Ich hab dir Frühstück mitgebracht. Was ist denn los?«

Mario ließ die Tüte ungeöffnet und schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann’s nicht, Mann. Ich kann’s einfach nicht.«

Scheiße.

»Ich finde dein Angebot echt toll, Ricky«, fuhr Mario fort. »Aber ich kann es trotzdem nicht annehmen.«

Was ist denn bloß in den gefahren?

Priest biss die Zähne zusammen und erwiderte in einem Ton, als ginge ihn die Sache gar nichts an: »Warum hast du es dir anders überlegt, Kumpel? Was ist passiert?«

»Als du gestern Abend weg bist, aus der Bar, mein ich, Mann, da hat Lenny mir eine lange Rede gehalten – wie teuer der Laster ist und dass ich ja keinen mitnehmen soll, auch keinen Anhalter, und dass er mir total vertraut und so.«

Das kann ich mir vorstellen! Lenny, sturzbesoffen und rührselig … Hat dich wahrscheinlich fast zum Flennen gebracht, Mario, du hirnverbrannter Trottel.

»Du weißt doch, wie’s ist, Ricky. Kein schlechter Job – harte Maloche und lange Arbeitszeit, aber die Kohle stimmt. Ich will den Job nicht verlieren.«

»Schon gut, Kumpel«, sagte Priest mit gezwungener Lässigkeit, »solange du mich wenigstens bis San Antonio mitnimmst.« Und ich denk mir unterwegs was aus.

Mario schüttelte den Kopf. »Nee, lieber nicht, nach allem, was Lenny gesagt hat. Nee, ich nehm niemanden mit, nicht in dem Laster. Deshalb bin ich ja mit meinem eigenen Wagen gekommen, damit ich dich in die Stadt zurückbringen kann.«

Und was soll ich jetzt tun, um Himmels willen?

»Was … äh, was meinst du, Ricky, he? Kommste mit?«

Und wie geht’s dann weiter?

Priest hatte sich in Gedanken ein Luftschloss gebaut, das sich nun in der sanften Brise von Marios schlechtem Gewissen auflöste wie eine Rauchwolke. Geschlagene zwei Wochen hatte er in dieser heißen, staubigen Steppe ausgeharrt und seine Zeit mit einem ebenso dämlichen wie unnützen Job vertan. Hunderte von Dollars hatte er für Flugtickets, Motelrechnungen und ekelhaftes Fastfood ausgegeben – alles umsonst.

Zeit, noch einmal von vorn anzufangen, hatte er nicht.

Ihm blieben nur noch zwei Wochen und ein Tag.

Mario runzelte die Stirn. »Komm jetzt, Mann, gehen wir.«

»Ich weigere mich, hier alles aufzugeben«, hatte Star an jenem Tag, da der Brief eintraf, zu Priest gesagt. Sie saß neben ihm auf einem Teppich aus Kiefernnadeln am Rande des Weinbergs; es war die Zeit der Nachmittagsruhe. Sie tranken kühles Wasser und aßen Rosinen, die aus Trauben der letzten Lese hergestellt waren. »Das hier ist nicht irgendein Weingut, nicht irgendein Tal, nicht irgendeine Kommune. Das hier ist mein ganzes Leben. Wir sind vor all diesen Jahren hierher gezogen, weil wir der Meinung waren, dass die Gesellschaft, die unsere Eltern geschaffen hatten, total verkorkst, vergiftet und korrupt war. Und wir hatten Recht, verdammt noch mal!« Sie ließ ihrem Zorn freien Lauf, ihr Gesicht rötete sich, und Priest gestand sich ein, dass sie – immer noch – sehr schön war. »Sieh dir doch bloß an, was in der Welt da draußen los ist!«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort. »Gewalt, Gemeinheit und Umweltverschmutzung; Präsidenten, die lügen und Gesetze brechen; Unruhen, Verbrechen und Armut. Wir haben hier die ganze Zeit über in Frieden und Harmonie gelebt, Jahr um Jahr, ohne Geld, ohne sexuelle Eifersucht, ohne konformistische Regeln. All You Need is Love war unsere Devise, und man hat uns naiv genannt – aber wir hatten doch Recht und alle anderen nicht! Wir wissen, wie man leben muss, wir haben es doch bewiesen.« Sie sprach jetzt sehr präzise, und ihre Worte verrieten ihre Herkunft aus altem Geldadel. Ihr Vater entstammte einer wohlhabenden Familie, hatte jedoch sein ganzes Berufsleben als Arzt in einem Slum verbracht. Star hatte seinen Idealismus geerbt. »Ich werde alles tun, was zur Rettung unserer Heimat und unseres Lebensstils erforderlich ist«, sagte sie. »Ich will, dass unsere Kinder hier weiterleben können, und dafür bin ich sogar bereit, zu sterben.« Ihre Stimme wurde leiser, doch ihre Worte waren klar, und ihre Entschlossenheit gnadenlos. »Und ich gehe dafür über Leichen. Hast du mich verstanden, Priest? Ich bin zu allem bereit.«

»Hörst du mir überhaupt zu, Mann?«, fragte Mario. »Soll ich dich in die Stadt bringen, oder willst du hier bleiben?«

»Doch, doch …«, erwiderte Priest. Und ob ich mitkomme, du feiges Miststück, du Hosenscheißer, du abscheulicher …

Mario drehte sich um.

Priests Blick fiel auf die große Rohrzange, die er ein paar Minuten zuvor hatte fallen lassen.

Und auf einmal hatte er einen Plan.

Mario ging auf seinen Wagen zu; es waren kaum mehr als drei Schritte. Priest bückte sich und hob die Rohrzange auf.

Sie war aus Stahl, ungefähr fünfundvierzig Zentimeter lang und wog vielleicht vier Pfund. Am schwersten war der Kopf mit den justierbaren Zangen für große Sechskantmuttern.

Priest blickte an Mario vorbei auf den Weg, der zur Hauptstraße führte. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.

Keine Zeugen.

Als Mario die Tür seines Pickups erreichte, trat Priest einen Schritt vor.

Eine verwirrende Vision überkam ihn: Er sah ein Foto von einer jungen, hübschen Mexikanerin im gelben Kleid. Sie trug ein Kind im Arm, ein zweites stand neben ihr. Für Sekundenbruchteile spürte Priest das niederschmetternde Leid, das er über diese junge Familie bringen würde, und schwankte in seiner Entschlossenheit.

Doch dann verblasste die Vision und wich einer schlimmeren: Da war ein Teich, dessen schwarzer Wasserspiegel unaufhaltsam stieg. Schon umschloss er den Weinberg mit den liebevoll gehegten Reben, und alle Männer, Frauen und Kinder, die dort arbeiteten, kamen in seinen Fluten um.

Priest hob die Rohrzange über seinen Kopf und stürzte sich auf Mario.

Der Lkw-Fahrer war gerade dabei, die Wagentür zu öffnen. Irgendetwas musste er aus dem Augenwinkel bemerkt haben, denn er stieß, als Priest fast über ihm war, unvermittelt einen Angstschrei aus, riss die Tür weit auf und wehrte dadurch die Attacke ab.

Priest krachte gegen die Wagentür, die sofort zurückschnellte und Mario zur Seite warf. Beide Männer stolperten. Mario verlor das Gleichgewicht und fiel neben dem Pickup auf die Knie, das Gesicht zum Wagen. Seine Baseballkappe mit dem Logo der Houston Astros landete auf dem Boden. Priest prallte mit dem Hinterteil auf die harte Erde. Die Rohrzange entglitt ihm, knallte auf eine große Coke-Flasche aus Plastik und blieb einen Meter weiter auf dem Boden liegen.

Mario rang nach Luft: »Du wahnsinniger …« Er rappelte sich halbwegs auf, suchte Halt, um seinen schweren Körper hochzuhieven, fand mit der linken Hand den Türrahmen und wollte sich daran hochziehen. Priest, noch immer auf dem Boden sitzend, holte aus und trat, so fest er konnte, mit der Hacke gegen die Tür. Sie quetschte Mario die Finger ein, bevor sie zurückschnellte. Mario schrie auf vor Schmerzen, sackte wieder zusammen, fing sich mit dem Knie ab und krachte gegen die Flanke des Wagens.

Priest sprang auf.

Die Rohrzange schimmerte silbrig in der Morgensonne. Er riss sie an sich. Dann sah er Mario an, und Wut und Hass wallten in ihm auf: Dieser Kerl hatte seine sorgfältig ausgetüftelten Pläne durchkreuzt und bedrohte nun das Leben, für das er, Priest, sich entschieden hatte. Er trat auf ihn zu und hob die Waffe.

Mario wandte sich ihm halb zu. Grenzenlose Verwirrung prägte sein junges Gesicht, als verstünde er absolut nicht, was vor sich ging. Er öffnete den Mund und stammelte: »Ricky …?« Im gleichen Augenblick sauste die Rohrzange auf ihn herab.

Es gab ein grässliches Geräusch, als das schwere Ende die Schädeldecke traf. Marios volles, dunkles Haar bot keinen Schutz. Seine Kopfhaut platzte auf, seine Schädeldecke zerbarst, und die Mordwaffe drang in die weiche Hirnmasse ein.

Aber er war noch nicht tot.

Priest bekam es mit der Angst zu tun.

Mario starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Seine Miene spiegelte unverändert wider, wie grenzenlos verwirrt und verraten er sich fühlte. Offenbar versuchte er den Satz, den er begonnen hatte, zu Ende zu bringen. Er hob die Hand, als wolle er sich zu Wort melden.

Entsetzt trat Priest einen Schritt zurück. »Nein!«, sagte er.

»Mann!«, brachte Mario heraus.

Priest spürte, wie ihn Panik ergriff. Wieder hob er die Rohrzange. »Verreck endlich, du Arschloch!«, brüllte er und schlug zu.

Diesmal sank der Stahl noch tiefer in Marios Hirn. Als Priest ihn wieder herauszog, kam es ihm vor, als zerre er ihn aus weichem Schlamm. Beim Anblick der lebendigen grauen Masse, die an den verstellbaren Zangen klebte, wurde ihm speiübel. Sein Magen revoltierte. Er schluckte hart, und ihn schwindelte.

Mario kippte langsam hintüber und blieb reglos neben dem Hinterrad liegen. Seine Arme wurden schlaff, sein Unterkiefer sackte herab, aber noch immer war Leben in ihm. Unverwandt starrten sich die beiden Männer in die Augen. Blut quoll aus Marios Schädel und rann über sein Gesicht in den offenen Kragen seines karierten Hemds. Sein stierer Blick war Priest unerträglich. »Stirb!«, flehte er. »Um Gottes willen, so stirb doch endlich, Mario, bitte!«

Nichts geschah.

Priest wich zurück. Marios Augen schienen eine Bitte auszusprechen: Komm, gib mir den Rest … Doch Priest vermochte nicht noch einmal zuzuschlagen. Es widersprach aller Logik – aber er konnte die Rohrzange einfach nicht mehr heben.

Da rührte Mario sich. Sein Mund klappte auf, sein Körper wurde starr, und seiner Kehle entrang sich erstickt ein Schrei der Agonie.

Priests Blockade löste sich. Auch er schrie. Dann stürzte er sich auf Mario und schlug wie wild auf ihn ein, immer auf dieselbe Stelle. Angst und Entsetzen vernebelten ihm den Blick, sodass er sein Opfer kaum noch wahrnahm.

Das Schreien hörte auf, der Anfall war vorüber.

Priest richtete sich auf, trat einen Schritt zurück und ließ die Rohrzange fallen.

Marios Leiche sackte langsam zur Seite, bis der blutige Trümmerhaufen, der einst sein Kopf gewesen war, auf dem Boden aufschlug. Graue Hirnmasse sickerte in die trockene Erde.

Priest fiel auf die Knie und schloss die Augen. »Lieber Gott, Allmächtiger, vergib mir«, sagte er.

Zitternd kniete er da. Er wagte es nicht, seine Augen wieder zu öffnen, weil er fürchtete, er könne Marios Seele gen Himmel fahren sehen.

Um seinen Geist zu beruhigen, rezitierte er sein Mantra: Ley, tor, pur-doy-kor … Es hatte keinen tieferen Sinn – und genau deshalb wirkte es beruhigend, wenn man sich fest darauf konzentrierte. Der Rhythmus war der gleiche wie der eines Kinderverses aus Priests Jugend:

Eins, zwei, drei-vier-fünf,

ein Storch geht in die Sümpf.

Sechs, sieben, acht-neun-zehn,

siehst ihn morgen noch dort stehn.

Wenn er sein Mantra vor sich hin murmelte, glitt er oftmals in den Kindervers über. Der funktionierte ebenso gut.

Während die vertrauten Silben ihn allmählich zur Ruhe kommen ließen, stellte er sich vor, wie der Atem in seine Nasenlöcher schlüpfte, durch die Luftwege in die Mundhöhle gelangte, die Kehle hinabsank und den Brustkorb dehnte, bis er schließlich die feinsten Verästelungen seiner Lunge durchdrang und die Rückreise antrat: Lunge, Hals, Mund, Nase, Nasenlöcher und zurück in die Luft. Wenn Priest sich voll auf seinen Atemweg konzentrierte, drang nichts Störendes in seine Gedanken: keine Visionen, keine Albträume, keine Erinnerungen.

Wenige Minuten später stand er auf, kühl bis ans Herz, mit entschlossener Miene. Er hatte sich von jeglicher Emotion befreit, verspürte weder Reue noch Mitleid. Der Mord gehörte der Vergangenheit an, und Mario war nur noch ein Stück totes Fleisch, das er loswerden musste.

Er hob seinen Cowboyhut auf, streifte den Schmutz ab und setzte ihn sich auf den Kopf.

Der Werkzeugkasten des Pickups steckte hinter dem Fahrersitz. Priest holte einen Schraubenzieher heraus, entfernte damit die beiden Kennzeichen und begrub sie weit draußen auf der Müllkippe unter einem schwelenden Haufen Unrat. Dann legte er den Schraubenzieher wieder in den Werkzeugkasten.

Er beugte sich über die Leiche und griff mit der rechten Hand nach dem Gürtel von Marios Jeans. Mit der Linken packte er eine Faustvoll von dem karierten Hemd. Dann hob er den Körper hoch und stöhnte auf, als er das Gewicht im Rücken spürte: Mario war schwer.

Die Tür des Pickups stand offen. Priest schwenkte die Leiche ein paar Mal vor und zurück, um Schwung zu gewinnen, und warf sie dann mit großer Kraftanstrengung in die Fahrerkabine. Sie kam quer über der Sitzbank zu liegen; die Stiefel ragten zur Tür heraus, der bluttriefende Kopf hing in den Fußraum des Beifahrersitzes.

Die Rohrzange warf Priest der Leiche hinterher.

Nun wollte er Benzin aus dem Wagentank zapfen. Dazu brauchte er ein langes, schmales Stück Schlauch.

Er öffnete die Motorhaube, suchte die Scheibenwaschanlage und riss den biegsamen Plastikschlauch ab, der den Wassertank mit den Düsen vor der Windschutzscheibe verband. Dann holte er sich die große Coke-Flasche, die ihm zuvor aufgefallen war, ging um den Wagen herum, schraubte den Tankdeckel ab, führte den Schlauch ein, saugte, bis ihm Benzin in den Mund lief, und steckte schließlich schnell das Schlauchende in die Flasche, die sich langsam mit Benzin füllte.

Als Priest schließlich mit der vollen Flasche zur Wagentür ging und den Inhalt über Marios Leiche goss, rann weiterhin Benzin durch den Schlauch auf den Boden.

In diesem Augenblick hörte er ein Auto näher kommen.

Priests Blick fiel auf die benzingetränkte Leiche. Wenn jetzt wer kam, hatte er keine Chance mehr: Seine Schuld ließ sich weder mit Worten noch mit Taten aus der Welt räumen.

Um seine starre Ruhe war es geschehen. Er fing an zu zittern. Die Plastikflasche entglitt seinen Fingern, und er kauerte sich auf den Boden wie ein furchtsames Kind. Bebend vor Angst starrte er auf den Pfad, der zur Straße führte. War irgendein Frühaufsteher auf dem Weg zur Müllkippe, um eine kaputte Geschirrspülmaschine loszuwerden? Ging es um ein Puppenhaus aus Plastik, für das die Kids inzwischen zu alt geworden waren? Oder sollten die altmodischen Anzüge eines verstorbenen Großvaters entsorgt werden? Das Motorengeräusch kam unaufhaltsam näher. Priest schloss die Augen.

Ley, tor, pur-doy-kor …

Das Geräusch entfernte sich. Das Fahrzeug war an der Abzweigung zur Müllkippe vorbeigefahren. Ganz normaler Straßenverkehr, sonst nichts.

Priest kam sich vor wie ein Idiot. Als er aufstand, gewann er seine Fassung wieder. Ley, tor, pur-doy-kor …

Doch der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern, und er beeilte sich nun.

Ein zweites Mal ließ er die Coke-Flasche voll laufen und verteilte das Benzin im gesamten Innenraum des Wagens, auch auf der Sitzbank mit ihrem Plastikbezug. Mit dem Rest des Benzins goss er eine Spur über den Boden zum rückwärtigen Ende des Pickups; die letzten Tropfen verspritzte er neben dem Tankdeckel. Er warf die Flasche in die Fahrerkabine und trat ein paar Schritte zurück.

Da entdeckte er Marios Houston-Astros-Mütze, die auf dem Boden lag. Er hob sie auf und warf sie zu der Leiche in den Wagen.

Jetzt zog er eine Streichholzschachtel aus der Hosentasche, steckte eines der Hölzchen an und setzte damit die ganze Schachtel in Brand. Er warf sie in die Kabine des Pickups und brachte sich in Sicherheit.

Eine Stichflamme zischte auf, begleitet von einer schwarzen Rauchwolke. In Sekundenschnelle brannte es im Inneren des Pickups wie in einem Schmelzofen, und unmittelbar darauf fraßen sich Flammen über den Boden bis zum Tank, aus dem noch immer Benzin durch den Plastikschlauch sickerte. Die folgende Explosion zerriss den Tank und erschütterte das ganze Fahrzeug. Die Hinterreifen fingen Feuer, und auch am ölverschmierten Fahrgestell flackerten schon Flammen auf.

Die Luft war erfüllt vom Geruch nach verbranntem Fleisch. Der Gestank war so abstoßend, dass Priest mehrmals trocken schlucken musste und noch weiter zurücktrat.

Nach einigen Sekunden verlor das Inferno an Intensität. Reifen, Sitze und Marios Leiche brannten langsam weiter.

Minutenlang behielt Priest die Flammen im Auge, bevor er sich wieder näher an den Wagen heranwagte. Dabei versuchte er, so flach wie möglich zu atmen, damit er den Gestank nicht in die Nase bekam. Die Leiche und die Fahrzeugsitze waren zu einer ekelhaften schwarzen Masse aus Asche und geschmolzenem Plastik verbacken. Sobald sie abgekühlt war, würde der Wagen wie ein x-beliebiges Autowrack aussehen, das übermütige Jugendliche in Brand gesteckt hatten.

Priest war klar, dass er nicht alle Spuren von Mario beseitigen konnte. Ein flüchtiger Blick in den Wagen verriet nichts, doch sollten jemals die Bullen den Pickup untersuchen, würden sie sicher Marios Gürtelschnalle, seine Zahnfüllungen und möglicherweise auch ein paar verkohlte Knochen entdecken. Er hatte alles getan, was er konnte, um die Spuren seines Verbrechens zu beseitigen, doch war ihm durchaus bewusst, dass ihn Mario eines Tages heimsuchen und ihm noch schlaflose Nächte bereiten konnte.

Jetzt aber musste er den seismischen Vibrator stehlen.

Er kehrte der brennenden Leiche den Rücken und machte sich auf den Weg.

Zur Kommune im Silver River Valley gehörte eine siebenköpfige Gruppe, die sich »die Reisesser« nannte. Sie bildeten den harten Kern, der den furchtbaren Winter 1972/73 überstanden hatte. Ein Schneesturm hatte sie damals von der Außenwelt abgeschnitten, sodass sie sich geschlagene drei Wochen lang ausschließlich von geschältem, in Schneewasser gekochtem Reis ernähren mussten. Am Abend des Tages, an dem der Brief kam, gingen die Reisesser erst sehr spät zu Bett. Sie hatten noch lange im Küchenhaus gesessen, Wein getrunken und Marihuana geraucht.

Song, 1972 eine fünfzehnjährige Ausreißerin, spielte auf der Akustikgitarre einen Bluesriff. Jeden Winter bauten einige Mitglieder der Kommune Gitarren. Diejenigen, die ihnen am besten gefielen, behielten sie; den Rest brachte Paul Beale zu einem Laden in San Francisco, wo sie für teures Geld verkauft wurden. Star sang in ihrem vertrauten, rauchigen Kontraalt mit und erfand einen Text dazu. Ain’t gonna ride that no-good train … Keine Stimme war so sexy wie ihre – das war immer schon so gewesen.

Auch Melanie saß bei ihnen, obwohl sie nicht zu den Reisessern gehörte. Priest wollte sie nicht hinauswerfen, und die anderen stellten Priests Entscheidungen nicht infrage. Melanie weinte leise vor sich hin. Große Tränen kullerten ihre Wangen herab, wobei sie immer wieder aufs Neue sagte: »Ich habe euch doch gerade erst gefunden …«

»Wir haben noch nicht aufgegeben«, erklärte Priest. »Es muss doch ’ne Möglichkeit geben, den verdammten Gouverneur von Kalifornien dazu zu bringen, dass er seine Meinung ändert.«

Oaktree, der Zimmermann, ein muskulöser Schwarzer, der ebenso alt war wie Priest, meinte nachdenklich: »Wisst ihr, es ist gar nicht so schwer, eine Atombombe zu basteln.« Er war Soldat im Marine Corps gewesen und desertiert, nachdem er bei einer Übung einen Offizier getötet hatte. Seither lebte er in der Kommune. »Mit ein bisschen Plutonium würde ich nur einen Tag dazu brauchen. Wir könnten den Gouverneur erpressen: Wenn die Regierung nicht tut, was wir verlangen, jagen wir Sacramento in die Luft.«

»Nein!«, widersprach Aneth, die ein Kind stillte. Der Junge war schon drei Jahre alt, und Priest fand, er müsse jetzt langsam entwöhnt werden. Aneth dagegen war der Meinung, der Kleine solle so lange nuckeln dürfen, wie er wolle. »Mit Bomben kannst du die Welt nicht retten«, sagte sie.

Star hörte auf zu singen. »Wir versuchen nicht, die Welt zu retten. Das hab ich mir schon 1969 abgeschminkt, als die internationale Presse die Hippie-Bewegung zur Lachnummer gemacht hat. Alles, was ich retten will, ist dies: unsere kleine Welt hier und unser Leben, damit unsere Kinder in Liebe und Frieden aufwachsen können.«

Priest, der den Vorschlag, eine Atombombe herzustellen, bereits erwogen und verworfen hatte, sagte: »Das Plutonium ist der Haken an der Sache. Wie sollen wir da rankommen?«

Aneth nahm das Kind von der Brust und klopfte ihm sachte den Rücken. »Schlagt euch das aus dem Kopf!«, sagte sie. »Mit diesem Zeug will ich nichts zu tun haben. Es ist absolut tödlich.«

Star fing wieder an zu singen. Train, train, no-good train …

Oaktree ließ nicht locker. »Ich könnte mich in einem Atomkraftwerk anheuern lassen und herausfinden, wie die Sicherheitsvorkehrungen zu knacken sind.«

»Die verlangen einen Lebenslauf von dir«, sagte Priest. »Was willst du denen denn erzählen, wenn sie wissen wollen, was du in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren getrieben hast? Kernforschung in Berkeley?«

»Mann, ich würde ihnen natürlich erzählen, dass ich bei einer Bande Freaks lebe, die sofort und unbedingt Sacramento in die Luft jagen muss, und dass ich gekommen bin, um so’n bisschen Radioaktivität mitgehen zu lassen, Mann.«

Die anderen lachten. Oaktree lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und begann, mit Star mitzusingen: No, no, ain’t gonna ride that no-good train …

Priest runzelte die Stirn; der flapsige Ton missfiel ihm. Er konnte nicht darüber lachen. Wut brodelte in ihm. Da er jedoch wusste, dass die besten Ideen nicht selten in lockerer Atmosphäre geboren werden, ließ er dem Gespräch freien Lauf.

Aneth küsste ihr Kind auf den Scheitel und sagte: »Wir könnten jemanden entführen.«

»Wen?«, fragte Priest. »Der Gouverneur hat wahrscheinlich ein halbes Dutzend Leibwächter.«

»Wie wär’s mit diesem Typen, der als seine rechte Hand gilt, diesem Albert Honeymoon?« Zustimmendes Gemurmel erhob sich. Sie alle hassten Honeymoon. »Oder den Chef von Coastal Electric, dem Stromkonzern?«

Priest nickte. Ja, das war eine Möglichkeit.

Er kannte sich aus. Er war zwar schon lange raus aus der Branche, aber die Spielregeln waren ihm immer noch vertraut: Plane sorgfältig; bleib kühl bis ans Herz; mach deinem Opfer die Hölle heiß, sodass es keinen klaren Gedanken mehr fassen kann; schlag unversehens zu; und verschwinde wie der Blitz. Dennoch störte ihn etwas an diesem Vorschlag: »Es ist zu … na ja, zu banal«, sagte er. »Angenommen, wir entführen ein großes Tier. Gut. Und dann? Wenn du willst, dass die Leute echt die Hose voll haben, können wir ihnen nicht mit Kinkerlitzchen kommen. Denen muss schon der Arsch auf Grundeis gehen.«

Er verkniff sich weitere Details. Erst wenn du ’nen Kerl so weit hast, dass er nur noch ein Häufchen Elend ist, sich vor Angst in die Hosen macht und dich auf Knien anfleht, ihm nicht mehr wehzutun – erst dann sagst du ihm, was du von ihm willst. Und was glaubst du, wie dankbar er dir sein wird! Lieben wird er dich, nur weil du ihm gesagt hast, was er tun muss, damit die Schmerzen aufhören … Aber bei Menschen wie Aneth waren solche Erläuterungen fehl am Platz.

Plötzlich meldete sich Melanie wieder zu Wort.

Sie saß auf dem Boden, den Rücken an Priests Stuhl gelehnt. Aneth reichte ihr den dicken Joint, der die Runde machte. Melanie wischte sich die Tränen ab, nahm einen langen Zug und gab den Joint weiter an Priest. Dann stieß sie eine Rauchwolke aus und sagte: »Ihr wisst doch, dass es in Kalifornien so ungefähr zehn bis fünfzehn Stellen gibt, wo die geologischen Formationen unterhalb der Erdkruste unter so enormem Druck stehen, dass schon ein winziger Anstoß reicht, und die tektonischen Platten geraten ins Rutschen. Und dann macht’s WUMM! Als ob ein Riese auf einem Kieselstein ausrutscht. Das Steinchen ist winzig, aber der Riese so schwer, dass die Erde bebt, wenn er stürzt.«

Oaktree unterbrach seinen Gesang und fragte: »Was für’n Scheiß quatschst du da zusammen, Melanie-Baby?«

»Ich spreche von einem Erdbeben«, sagte sie.

Oaktree lachte. Ride, ride that no-good train.

Priest lachte nicht. Irgendetwas sagte ihm, dass es jetzt interessant wurde. »Was willst du damit sagen, Melanie?«, fragte er mit stillem Nachdruck.

»Schlagt euch eure Entführungen und Atombomben aus dem Kopf«, antwortete sie. »Warum drohen wir dem Gouverneur nicht mit einem Erdbeben?«

»Niemand kann ein Erdbeben erzeugen«, sagte Priest. »Dazu bräuchtest du wahnsinnige Mengen an Energie.«

»Irrtum deinerseits. Vorausgesetzt, du setzt sie an der richtigen Stelle ein, brauchst du bloß eine geringe Menge.«

»Woher willst du das denn alles wissen?«, fragte Oaktree.

»Ich hab das studiert. Ich habe ein Diplom in Seismologie. Eigentlich sollte ich jetzt irgendwo an einer Uni unterrichten – aber ich habe meinen Professor geheiratet, und damit war’s aus mit der Karriere. Man hat mich nicht zur Promotion zugelassen.«

Ihr Ton klang bitter. Priest hatte bereits mit ihr darüber gesprochen und wusste, dass sie einen tiefen Groll hegte. Ihr Ehemann war Mitglied der Kommission gewesen, die ihre Bewerbung abgelehnt hatte. Als ihr Fall diskutiert wurde, hatte er pflichtgemäß die Runde verlassen, was Priest eigentlich für ganz richtig hielt. Melanie dagegen war der Meinung, ihr Mann hätte auf die eine oder andere Weise für ihre Zulassung sorgen müssen. Priest neigte zu der Vermutung, dass ihre Leistungen für eine Promotion nicht ausreichend gewesen waren, aber das hätte ihm Melanie nie und nimmer abgenommen. Also hatte er ihr erzählt, ihre geballte Mischung aus Schönheit und Intelligenz müsse die männlichen Kommissionsmitglieder derart eingeschüchtert haben, dass sie sich gegen sie verschworen hatten, um sie fertig zu machen. Sie liebte Priest, weil er sie in diesem Glauben bestätigte.

»Mein Mann – hoffentlich bald mein Exmann –«, fuhr Melanie fort, »hat die so genannte Belastungstheorie in der Erdbebenforschung entwickelt. An gewissen Stellen entlang der Verwerfungslinien baut sich im Laufe der Jahrzehnte Scherspannung auf, die sehr stark sein kann. In diesen Fällen bedarf es nur einer relativ schwachen Erschütterung der Erdkruste, um die tektonischen Platten zu verschieben, die aufgestaute Energie schlagartig zu entladen und ein Erdbeben auszulösen.«

Priest hörte ihr fasziniert zu und wechselte mit Star einen Blick. Star nickte ernst. Sie glaubte an alles Unorthodoxe. Ihr Credo lautete: Die bizarrste Theorie erweist sich am Ende als die reine Wahrheit, das unkonventionelle Leben ist das glücklichste, und die irrsinnigste Schnapsidee bringt Erfolg, wenn alle vernünftigen Vorschläge gescheitert sind.

Priest musterte Melanies Gesicht. Sie wirkte wie aus einer anderen Welt. Ihre blasse Haut, die leuchtend grünen Augen und das rote Haar ließen sie wie ein wunderschönes Wesen von einem anderen Stern erscheinen. »Kommst du vom Mars?«, waren die ersten Worte gewesen, die er an sie gerichtet hatte.

Wusste sie überhaupt, wovon sie sprach? Sicher, sie war high, aber es kam ja immer wieder vor, dass Leute im Marihuana-Rausch die kreativsten Einfälle hatten. »Wenn das so leicht ist – warum hat’s dann noch keiner probiert?«, fragte er.

»Oh, ich habe nicht gesagt, dass es leicht ist! Um genau zu wissen, an welcher Stelle die Verwerfung unter kritischem Druck steht, musst du Seismologe sein.«

Priests Gedanken überschlugen sich. Wenn du am tiefsten in der Tinte sitzt, gibt es manchmal nur einen Ausweg: Du musst was vollkommen Verrücktes tun, etwas so gänzlich Unerwartetes, dass die Überraschung deinen Gegner praktisch lähmt. »Und wie kann man eine Erschütterung der Erdkruste auslösen?«, fragte er Melanie.

»Genau das ist der schwierige Teil an der Geschichte«, sagte sie.

Ride, ride, ride,

I’m gonna ride that no-good train.

Auf seinem Fußmarsch zurück nach Shiloh verfolgte Priest die Erinnerung an den Mord mit obsessiver Hartnäckigkeit. Er spürte noch, wie die Rohrzange in Marios weiche Gehirnmasse eingedrungen war, sah die Miene des Sterbenden vor sich und das Blut, das in den Fußraum vor dem Beifahrersitz des Pickups tropfte.  

Das war ungut. Er musste wachsam bleiben und Ruhe bewahren. Noch hatte er den seismischen Vibrator nicht, der die Kommune retten sollte. Mario umzubringen war noch der leichteste Teil der Aufgabe gewesen. Als Nächstes musste er Lenny was vorspielen. Die Frage war eben nur: Was?

Ein Motorengeräusch schreckte ihn auf und holte ihn in die unmittelbare Gegenwart zurück.

Hinter ihm näherte sich ein Wagen auf dem Weg nach Shiloh.

Kein Mensch ging in diesen Landstrichen zu Fuß. Die meisten, die ihn hier draußen sahen, würden vermuten, sein Wagen hätte gestreikt. Der eine oder andere würde sogar anhalten und fragen, ob er nicht mitfahren wolle.

Priest grübelte über eine Begründung nach: Warum bin ich an einem Samstagmorgen um halb sieben zu Fuß nach Shiloh unterwegs?

Ihm fiel keine Begründung ein.

Er versuchte, alle denkbaren Götter anzurufen, die ihn dazu inspiriert haben mochten, Mario umzubringen, aber die schwiegen sich alle aus.

Hinter ihm gab es auf einer Strecke von fünfzig Meilen nur eine einzige Stelle, von der er hätte herkommen können: die Müllhalde, wo ein ausgebrannter Pickup mit Marios Asche auf dem Sitz stand. Diesen Ort jedoch durfte er nicht einmal erwähnen.

Der Wagen kam näher und fuhr langsamer.

Priest kämpfte mit der Versuchung, sich einfach den Hut über die Augen zu ziehen.

Was kann ich bloß getan haben?

– Ich bin raus ins Gelände, um die Natur zu beobachten.

Na klar, Beifußgebüsch und Klapperschlangen …

– Mein Wagen hatte ’ne Panne.

Wo denn? Ich hab keinen Wagen gesehen …

– Ich war nur kurz mal schiffen.

So weit draußen?

Trotz der kühlen Morgenluft geriet er ins Schwitzen.

Langsam fuhr der Wagen an ihm vorbei. Es war ein neuer Dodge Neon mit metallic-grüner Lackierung und texanischen Kennzeichen, in dem nur der Fahrer saß. Priest konnte sehen, wie er ihn im Rückspiegel beobachtete und einzuschätzen versuchte. Womöglich ein Bulle außer Dienst?

Wieder überkam ihn Panik, und er musste den Impuls, einfach kehrtzumachen und davonzurennen, gewaltsam unterdrücken.

Der Wagen hielt an und kam dann im Rückwärtsgang auf ihn zu. Der Fahrer ließ das Fenster auf Priests Seite herunter. Er war ein junger Mann asiatischer Herkunft und trug einen Geschäftsanzug.

»He, Sie, Kamerad! Wollen Sie mitfahren?«, sagte er.

Was soll ich sagen? ›Nein danke, ich gehe gerne zu Fuß.‹

»Ich bin ein bisschen dreckig«, sagte Priest und sah an seinen Jeans hinunter. Bin auf dem Arsch gelandet, als ich gerade wen umbringen wollte …

»Wer ist das nicht, hier in dieser Gegend!«

Priest stieg ein. Seine Hände zitterten. Nur um sie irgendwie zu beschäftigen und seine Nervosität zu verbergen, legte er den Sicherheitsgurt an.

Der Fahrer fuhr an und fragte: »Sagen Sie mal, wie kommen Sie bloß darauf, hier rumzulatschen?«

Erst jetzt, im letzten Augenblick, fiel Priest doch noch eine Geschichte ein. »Ich hatte Krach mit meiner Alten«, sagte er. »Ich hab angehalten und bin raus. Dass sie einfach weiterfährt, konnte ich nicht riechen.« Im Stillen dankte er allen Göttern, die ihm wieder einmal gerade noch rechtzeitig eine Eingebung geschickt hatten. Seine Hände hörten auf zu zittern.

»Meinen Sie vielleicht so eine gut aussehende Dunkelhaarige in einem blauen Honda? An der bin ich vor fünfzehn, zwanzig Meilen vorbeigekommen.«

Herrgott noch mal, was bist denn du für einer? ’n Gedächtniskünstler oder was?

Der Typ lächelte und sagte: »Auf der Fahrt durch diese Wüste ist jeder Wagen interessant.«

»Nein, das war sie nicht«, sagte Priest. »Meine Frau ist mit meinem Pickup unterwegs.«

»Einen Pickup hab ich nicht gesehen.«

»Ein Glück. Vielleicht ist sie noch in der Nähe.«

»Wahrscheinlich parkt sie irgendwo auf einem Feldweg, heult sich die Augen aus und wünscht sich, sie hätte Sie nicht stehen lassen.«

Priest grinste vor Erleichterung. Der gute Mann kaufte ihm seine Geschichte ab.

Der Wagen erreichte die Stadtgrenze. »Und Sie? Wieso sind Sie am Samstagmorgen schon so früh aus den Federn?«

»Ich hatte keinen Krach mit meiner Frau, sondern bin auf dem Weg zu ihr. Ich wohne in Laredo. Bin Vertreter für Keramik-Artikel – Zierkacheln, Figurinen, Schildchen mit der Aufschrift ›Kinderzimmer‹ und so weiter, ganz nettes Zeug.«

»Tatsächlich?« So kann man sein Leben auch vertun …

»Unsere Hauptabnehmer sind Drugstores.«

»Der in Shiloh hat wahrscheinlich noch nicht offen.«

»Heute arbeite ich sowieso nicht. Aber ’n Frühstück wäre nicht schlecht. Können Sie mir was empfehlen?«

Priest hätte es lieber gesehen, der Vertreter wäre nonstop durch den Ort durchgefahren – ohne Gelegenheit, irgendwem von dem bärtigen Typen zu erzählen, den er da oben an der Müllgrube aufgegabelt hatte. Aber Lazy Susan’s in der Main Street war unübersehbar; es war sinnlos zu lügen. »Es gibt da ein kleines Restaurant.«

»Wie ist das Essen?«

»Der Maisbrei ist okay. Der Laden ist gleich hinter der Ampel. Sie können mich da rauslassen.«

Eine Minute später hielt der Wagen schräg zur Fahrtrichtung auf einer markierten Stellfläche vor Susan’s. Priest dankte dem Keramikvertreter und stieg aus. »Lassen Sie sich das Frühstück schmecken!«, rief er im Weggehen. Und quatsch um Gottes willen nicht mit irgendwelchen Einheimischen …

Einen Straßenzug weiter befand sich das Regionalbüro von Ritkin Seismex, der kleinen Firma für geologische Untersuchungen, bei der er bis gestern gearbeitet hatte. Das Büro war in einem großen Wohnanhänger untergebracht, den man auf einem unbebauten Grundstück abgestellt hatte. Marios seismischer Vibrator war neben Lennys preiselbeerrotem Pontiac Grand Am geparkt.

Priest blieb kurz stehen und nahm den Laster genauer unter die Lupe. Er hatte zehn Räder mit großen Geländereifen, die wie die Panzerung eines Dinosauriers aussahen. Unter der Kruste texanischen Drecks war er hellblau. Priest juckte es, einfach hineinzuspringen und loszufahren. Er musterte die riesige Anlage auf der Ladefläche, den starken Motor und die schwere Platte aus massivem Stahl, die Tanks, Schläuche, Ventile und Messgeräte. In einer Minute hätte ich das Ding am Laufen, auch ohne Schlüssel … Aber wenn er das Gerät jetzt schon stahl, würde binnen weniger Minuten jeder Streifenpolizist in Texas nach ihm Ausschau halten. Er musste Geduld haben. Ich werde die Erde zum Beben bringen, und niemand wird mich daran hindern.

Er betrat den Trailer.

Im Büro herrschte hektisches Getriebe. Zwei Mitglieder der Geophon-Crew beugten sich über einen Computer; aus dem Drucker lief langsam eine farbige Landkarte der Umgebung. Heute war der Tag, an dem draußen im Gelände die Geräte eingesammelt werden sollten und der Umzug nach Clovis begann. Ein Geologe führte am Telefon ein Streitgespräch auf Spanisch, und Diana, Lennys Sekretärin, überprüfte eine Liste.

Durch eine offen stehende Tür betrat Priest das Chefbüro. Lenny, den Telefonhörer am Ohr, trank Kaffee. Nach dem Saufgelage vom Abend zuvor waren seine Augen blutunterlaufen, sein Gesicht fleckig. Mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken gab er Priest zu verstehen, dass er ihn gesehen hatte.

Priest blieb an der Tür stehen und wartete auf das Ende des Telefongesprächs. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wusste ungefähr, was er sagen wollte. Die Frage war nur, ob Lenny anbeißen würde. Alles Weitere hing davon ab.

Nach einer Minute legte Lenny den Hörer auf und sagte: »He, Ricky, hast du Mario heut Morgen schon gesehen?« Seine Stimme klang verärgert. »Er hätte schon vor einer halben Stunde hier abfahren sollen.«

»Ja, ich hab ihn gesehen«, sagte Priest. »Tut mir Leid, dass ich dir so früh am Morgen schlechte Nachrichten bringe. Aber er hat dich sitzen lassen.«

»Was willst du damit sagen?«

Priest erzählte ihm die Geschichte, die ihm eingefallen war, kurz bevor er die Rohrzange ergriffen und sich auf Mario gestürzt hatte. »Er hat so schreckliche Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern gehabt, dass er einfach in seinen alten Pickup gestiegen und abgedampft ist.«

»Verdammt! Das hat mir gerade noch gefehlt! Und woher weißt du das?«

»Er hat mich heute früh auf der Straße angehalten. War schon unterwegs nach El Paso.«

»Und wieso hat er mich nicht angerufen?«

»Er geniert sich, weil er dich hängen lässt.«

»Von mir aus kann er über die Grenze rauschen und gleich weiter in den gottverdammten Ozean rein …« Lenny rieb sich mit den Fingerknöcheln die Augen.

Priest begann zu improvisieren: »Hör mal, Lenny, der Mann hat ’ne junge Familie. Sei nicht zu hart zu ihm.«

»Hart? Ist das dein Ernst? Der Kerl ist längst Geschichte!«

»Er braucht den Job, glaub mir.«

»Alles, was ich brauche, ist ein Kerl, der unser Gerät nach New Mexico rüberkutschiert.«

»Er spart auf ein Haus, mit Swimmingpool.«

»Mach mal halblang, Ricky …« Lenny wurde sarkastisch. »Mir kommen ja gleich die Tränen.«

»Ich mach dir ’n Vorschlag.« Priest schluckte und bemühte sich um einen möglichst zwanglosen Tonfall. »Wenn du mir versprichst, dass Mario seinen Job behält, fahr ich dir eben den Laster nach Clovis.« Er hielt den Atem an.

Lenny starrte Priest wortlos an.

»Mario ist kein schlechter Kerl«, fuhr Priest fort, »das weißt du.« Hör auf zu kollern wie ein Truthahn. Du klingst nervös. Du musst ganz unverkrampft wirken …

»Hast du einen Lastwagenführerschein?«

»Seit meinem einundzwanzigsten Geburtstag.« Priest zog den Führerschein aus seiner Brieftasche und warf ihn auf den Tisch. Es war eine Fälschung. Star besaß genau den gleichen, ebenfalls gefälscht. Paul Beale wusste, wo man so etwas bekam.

Lenny prüfte das Papier, blickte auf und fragte argwöhnisch: »Sag mal, was hast du eigentlich vor? Ich dachte, du willst nicht nach New Mexico.«

Red nicht so lange um den heißen Brei herum, Lenny. Raus mit der Sprache: ja oder nein? »Plötzliche Eingebung: Ich hätte noch Verwendung für fünfhundert Dollar extra.«

»Ich weiß nicht …«

Du Hurensohn! Ich hab wen umlegen müssen dafür, also mach schon!

»Wie wär’s mit zweihundert?«

Und ob! Danke! Danke dir, Lenny! Er tat, als zögere er. »Zweihundert sind nicht viel für drei Tage Arbeit.«

»Das sind nur zwei Tage, höchstens zweieinhalb. Ich geb dir zweihundertfünfzig.«

Ist mir egal. Hauptsache, du rückst die Schlüssel raus! »Hör zu, ich mach’s sowieso, ganz egal, was du mir zahlst. Mario ist ein netter Kerl, und ich will ihm helfen. Gib mir einfach, was du für angemessen hältst.«

»Okay, du Schlitzohr, dreihundert.«

»Einverstanden.« Jetzt gehört der Vibrator mir!

»Und vielen Dank für deine Hilfe«, fügte Lenny hinzu. »Weiß ich echt zu schätzen.«

Priest musste ein triumphierendes Grinsen unterdrücken. »Ich auch«, sagte er.

Lenny zog eine Schublade auf, entnahm ihr ein Formular und schnippte es über den Schreibtisch. »Hier, füll das aus. Wegen der Versicherung.«

Priest erstarrte.

Er konnte weder schreiben noch lesen.

Furchtsam starrte er auf das Formular.

»Nun mach schon, um Himmels willen!«, sagte Lenny ungeduldig. »Das ist doch keine Klapperschlange.«

Ich verstehe kein Wort, tut mir Leid. Diese Striche und Schnörkel auf dem Papier hüpfen und tanzen mir vor den Augen herum, und ich kann sie einfach nicht dazu bringen, still zu halten!

Lenny glotzte die Wand an und wandte sich an ein unsichtbares Publikum: »Vor einer Minute hätte ich noch geschworen, dass der Mann hellwach ist.«

Ley, tor, pur-doy-kor.

Priest streckte langsam die Hand aus und nahm das Formular an sich.

»Na, was ist denn so schwierig daran?«

»Ach, ich musste nur gerade an Mario denken«, sagte Priest. »Ich hoffe, es geht ihm gut.«

»Vergiss ihn. Füll den Wisch aus, und mach dich auf die Socken. Die Kiste soll so schnell wie möglich nach Clovis.«

»Gut.« Priest erhob sich. »Ich füll ihn draußen aus.«

»Okay. Jetzt kann ich mich endlich um meine anderen siebenundfünfzig Probleme kümmern.«

Priest verließ Lennys Raum und ging ins Hauptbüro zurück.

Das hast du doch schon hundert Mal erlebt. Reg dich ab. Du weißt doch, wie du mit solchen Situationen umzugehen hast.

Vor Lennys Tür blieb er stehen. Niemand nahm Notiz von ihm. Alle waren beschäftigt.

Er betrachtete das Formular. Die Großbuchstaben ragen heraus wie Bäume aus einem Gebüsch. Wenn sie nach unten ragen, hältst du den Zettel verkehrt herum.

Er hielt ihn verkehrt herum. Er drehte ihn um.

Manchmal gab es auf solchen Papieren ein großes, fett gedrucktes X. Es konnte auch handschriftlich hinzugefügt sein – manchmal mit Bleistift, manchmal mit roter Tinte – und zeigte an, wo man unterschreiben musste. Dieses Formular hatte keine solchen leicht erkennbaren Markierungen. Seinen Namen konnte Priest schreiben, wenigstens halbwegs. Er brauchte allerdings eine Weile dazu und wusste, dass nicht viel mehr als Gekritzel dabei herauskam, aber er schaffte es.

Das war allerdings auch schon alles.

Als Kind war er so helle gewesen, dass er auch ohne Lesen und Schreiben auskam. Im Kopfrechnen war er schneller als alle anderen – obwohl er nicht einmal die Zahlen lesen konnte. Sein Gedächtnis war unfehlbar. Wenn er andere Menschen nach seiner Pfeife tanzen lassen wollte, brauchte er nichts niederzuschreiben; das klappte immer auch so. In der Schule fand er Mittel und Wege, das Vorlesen zu umgehen. Schriftliche Aufgaben ließ er von Mitschülern erledigen, und wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht ging, gab es tausend Ausreden. Am Ende zuckten die Lehrer nur noch resigniert mit den Schultern und sagten, wenn ein Kind partout nicht lernen wolle, könnten sie es nicht dazu zwingen. Bald galt er als stinkfaul, und wenn’s kritisch wurde, schwänzte er einfach den Unterricht.

In späteren Jahren hatte er einen blühenden Spirituosengroßhandel betrieben, ohne jemals auch nur einen einzigen Brief zu schreiben. Er wickelte alles übers Telefon oder persönlich ab. Bevor er sich eine Sekretärin leisten konnte, die Gespräche für ihn vermittelte, kannte er Dutzende von Telefonnummern auswendig. Stets wusste er bis auf den letzten Cent genau zu sagen, wie viel Geld in der Kasse und wie viel auf dem Bankkonto war. Legte ihm ein Vertreter einen Bestellschein vor, meinte er schlicht: »Ich sage Ihnen, was ich brauche, und Sie füllen Ihr Formular aus.« Mit einundzwanzig hatte er bereits die erste Million verdient. Als er schließlich Star kennen lernte und sich der Kommune anschloss, war alles schon wieder futsch gewesen – was freilich nicht daran lag, dass er Analphabet war, sondern weil er seine Kunden betrogen, keine Steuern gezahlt und sich von Gangstersyndikaten Geld geborgt hatte.

So schwer konnte es also nicht sein, sich dieses Versicherungsformular von irgendwem ausfüllen zu lassen.

Er setzte sich auf einen Stuhl vor Dianas Schreibtisch und lächelte Lennys Sekretärin an. »Siehst ein bisschen müde aus heute Morgen, meine Liebe«, sagte er.

Diana seufzte. Sie war eine rundliche Blondine in den Dreißigern, mit einem Hilfsarbeiter verheiratet, und hatte drei Kinder im Teenageralter. Plumpe Anmache von Männern, die in den Trailer kamen, wusste sie scharfzüngig zu kontern, doch Priest hatte beobachtet, dass sie höflichem Scharm gegenüber nicht unempfänglich war. »Ich hab heute Morgen so viel zu tun, Ricky! Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht.«

Priest spielte den Enttäuschten. »Das ist aber schade. Ich hatte so gehofft, du könntest mir helfen.«

Sie zögerte, dann lächelte sie schuldbewusst. »Bei was denn?«

»Ich hab ’ne richtige Sauklaue und wollte dich bitten, dieses Formular für mich auszufüllen. Tut mir echt Leid, dich damit zu nerven, wo du doch gerade so viel um die Ohren hast.«

»Na schön, eine Hand wäscht die andere …« Diana deutete auf einen Stapel mit sorgfältig beschrifteten Kartons, der an der Wand aufgeschichtet war. »Ich helfe dir bei deinem Papier, und du trägst mir dafür diese Unterlagen in den grünen Chevy, der draußen vor der Tür steht.«

»Mit Vergnügen«, sagte Priest dankbar und gab ihr das Formular.

Diana warf einen Blick darauf. »Du fährst den seismischen Vibrator?«

»Ja. Mario hatte Heimweh und ist nach El Paso abgedüst.«

Sie runzelte die Stirn. »Das passt aber gar nicht zu ihm.«

»Stimmt. Ich hoffe bloß, ihm fehlt sonst nichts.«

Sie zuckte mit den Schultern und nahm ihren Kugelschreiber zur Hand. »So, zuerst mal brauchen wir deinen vollen Namen, das Geburtsdatum und den Geburtsort.«

Priest gab ihr die gewünschten Informationen, und Diana füllte die dafür vorgesehenen Zeilen aus. Alles war ganz einfach. Warum bin ich bloß beinahe schon wieder in Panik geraten?, fragte er sich. Ich hatte ganz einfach mit dem Formular nicht gerechnet. Lenny hat mich überrascht, und im ersten Moment habe ich der Furcht nachgegeben.

Er war erfahren im Umgang mit seiner Schwäche und wusste sie gut zu verbergen. Er benutzte sogar Bibliotheken. Auf diese Weise war er auch zu seinen Informationen über seismische Vibratoren gekommen: In der Zentralbibliothek im Herzen von Sacramento, einer großen, geschäftigen Institution, wo sich vermutlich nie jemand an sein Gesicht erinnern würde, war er zum Auskunftsschalter gegangen und hatte erfahren, dass sich die naturwissenschaftliche Abteilung oben im zweiten Stock befand. Dort hatte ihn beim Anblick der langen Regalreihen und der vielen Menschen, die vor Computerbildschirmen saßen, zunächst wieder die Angst gepackt. Dann entdeckte er eine freundliche Bibliothekarin, die ungefähr in seinem Alter war, und sprach sie an: »Ich suche nach Informationen über seismische Untersuchungen. Können Sie mir da vielleicht weiterhelfen?« Er schenkte ihr ein herzliches Lächeln.

Die Frau hatte ihn zu dem entsprechenden Regal geführt, ein Buch herausgegriffen und nach einigem guten Zureden auch das entscheidende Kapitel gefunden. »Ich interessiere mich dafür, wie diese Schockwellen erzeugt werden«, hatte er erklärt. »Ob darüber etwas in diesem Buch drinsteht?«

Gemeinsam mit ihm blätterte die Bibliothekarin das Buch durch. »Da gibt es offenbar drei Möglichkeiten«, sagte sie. »Unterirdische Sprengungen, das, was sie hier Fallgewichtsseismik nennen, oder seismische Vibratoren.«

»Seismische Vibratoren?«, wiederholte er mit der Andeutung eines Augenzwinkerns. »Was soll das denn sein?«

Die Frau deutete auf ein Foto, das Priest fasziniert betrachtete. »Sieht eigentlich nicht viel anders aus als ein Lastwagen«, bemerkte die Bibliothekarin.

Priest kam es eher wie eine Wundermaschine vor.

»Kann ich mir ein paar Seiten aus dem Buch fotokopieren?«, hatte er gefragt.

»Selbstverständlich.«

War man clever genug, so fand sich immer jemand, der einem das Lesen und Schreiben abnahm.

Diana hatte das Formular ausgefüllt, markierte eine punktierte Linie mit einem großen X und sagte: »Hier musst du unterschreiben.«

Er nahm ihren Kugelschreiber und machte sich an die Arbeit: Das »R« für »Richard« erinnerte an ein vollbusiges Tingeltangelmädchen, das ein Bein vorstreckte. Das »G« für »Granger« sah aus wie eine gekrümmte Gartenhippe mit großer runder Klinge und kurzem Griff. Nach dem »RG« ließ er eine geschlängelte Linie folgen. Schön war seine Unterschrift nicht, aber sie wurde akzeptiert. Er wusste längst, dass viele Menschen ihren Namenszug nur kritzelten – Gott sei Dank wurde von Unterschriften meist keine Lesbarkeit verlangt.

Aus diesem Grund war auch der gefälschte Führerschein auf seinen richtigen Namen ausgestellt: Er konnte keinen anderen schreiben.

Priest blickte auf. Diana beobachtete ihn neugierig, sichtlich überrascht von seiner Langsamkeit. Als sich ihre Blicke begegneten, wurde sie rot und sah weg.

Er gab ihr das Formular zurück. »Danke für deine Hilfe, Diana. Das war echt nett.«

»Keine Ursache. Sobald Lenny nicht mehr am Telefon hängt, hol ich dir die Schlüssel für den Laster.« Alle Schlüssel wurden im Chefbüro aufbewahrt.

Priest fiel wieder ein, dass er Diana versprochen hatte, die Kartons in den Chevy zu bringen. Er schnappte sich den ersten Besten und trug ihn hinaus. Der grüne Lieferwagen stand im Hof, die Hecktür war bereits geöffnet. Er stellte den Karton auf die Ladefläche und ging zurück, um den nächsten zu holen.

Jedes Mal wenn er das Büro betrat, warf er einen Blick auf den Schreibtisch. Das Formular lag noch dort, die Schlüssel waren nirgends zu sehen.

Nachdem er alle Kartons eingeladen hatte, nahm er wieder auf dem Stuhl gegenüber Diana Platz. Sie telefonierte; es ging um Motelreservierungen in Clovis.

Priest biss die Zähne zusammen. Da war er nun fast am Ziel, brauchte nur noch die Schlüssel – und musste sich stattdessen dieses dumme Gewäsch über Motelzimmer anhören! Es kostete ihn Überwindung, still auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben.

Endlich legte Diana den Hörer auf. »Ich frag Lenny jetzt nach den Schlüsseln«, sagte sie und nahm das Formular mit ins Chefbüro.

Ein dicker Bulldozerfahrer namens Chew stapfte herein. Bei jedem Schritt, den er in seinen Arbeitsstiefeln tat, bebte der ganze Trailer. »Hi, Ricky«, sagte Chew. »Ich wusste ja gar nicht, dass du verheiratet bist!« Er lachte. Alle anderen Männer im Büro blickten neugierig auf.

Was ist denn jetzt schon wieder los? »Wo hast du das denn her?«, fragte Priest.

»Hab dich vorhin gesehen. Du bist vor Susan’s aus einem Wagen ausgestiegen. Und beim Frühstück hatte ich einen Schwatz mit dem Vertreter, der dich mitgenommen hat.«

Verdammt! Was hat der Kerl dir erzählt?

Diana kam aus Lennys Büro, in der Hand ein Schlüsselbund. Priest hätte es ihr am liebsten aus den Fingern gerissen, tat aber, als interessiere er sich mehr für das, was Chew zu sagen hatte.

»Also, eins muss man Susan lassen«, fuhr Chew fort. »Ihr Western-Omelette ist einsame Spitze.« Er hob ein Bein und furzte. Als er aufsah, bemerkte er, dass die Sekretärin in der Tür stand. »’tschuldigung, Diana. Na, jedenfalls hat mir dieser junge Mann erzählt, dass er dich oben bei der Müllkippe aufgegabelt hat.«

Verfluchter Mist!

»Da bist du also frühmorgens um halb sieben mutterseelenallein durch die Wüste gelatscht, weil du Zoff mit deiner Alten hattest!« Chew blickte in die Runde und vergewisserte sich, dass ihm alle aufmerksam zuhörten. »Du hältst an, steigst aus – und sie rutscht rüber ans Steuer, gibt Gas und lässt dich mitten in der Pampa stehen!« Er grinste übers ganze Gesicht; die anderen lachten.

Priest stand auf. Niemand sollte im Gedächtnis behalten, dass er ausgerechnet am Tag von Marios Verschwinden in der Nähe der Müllkippe gesehen wurde. Er musste diesem Gerede sofort ein Ende setzen. Er zog ein beleidigtes Gesicht und sagte: »Also, eines verspreche ich dir, Chew: Sollte ich jemals was über deine Privatangelegenheiten hören, vor allem über irgendwelche Peinlichkeiten, dann posaune ich das nicht hier im Büro aus. Was meinst du dazu?«

»Brauchst ja nicht gleich so empfindlich zu sein«, sagte Chew.

Die anderen Männer wirkten betreten. Das Thema war für sie erledigt.

Priest wollte keine schlechte Stimmung hinterlassen. Deshalb sagte er in das peinliche Schweigen hinein: »Schon gut, Chew, ich nehm’s dir nicht weiter übel.«

Chew zuckte mit den Schultern. »Wollte dich nicht beleidigen, Ricky.«

Die gespannte Atmosphäre löste sich.

Diana händigte Priest die Schlüssel für den seismischen Vibrator aus.

Seine Faust schloss sich um das Bund. »Danke«, sagte er, bemüht, sich seine Hochstimmung nicht anmerken zu lassen. Er konnte es kaum erwarten, endlich hier herauszukommen und sich ans Steuer zu setzen. »Macht’s gut, Leute!«, sagte er. »Bis bald in New Mexico!«

»Fahr vorsichtig, ja?«, rief Diana ihm nach, als er schon an der Tür war.

»Aber sicher doch!«, erwiderte Priest. »Verlass dich drauf!«

Er trat hinaus ins Freie. Inzwischen war die Sonne aufgegangen, und es war schon merklich wärmer. Priest hätte am liebsten einen Siegestanz um den Laster herum vollführt – aber er widerstand der Versuchung, kletterte in die Fahrerkabine, startete den Motor und warf einen Blick auf Benzin- und Ölstandsanzeiger. Mario hatte am Vorabend offenbar aufgetankt. Der Laster war fahrbereit.

Als er das Grundstück verließ, konnte er ein Grinsen nicht mehr unterdrücken.

Er schaltete hoch, und bald lag die Stadt hinter ihm. Er hielt sich Richtung Norden, auf der gleichen Strecke, die Star mit dem Honda genommen hatte.

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