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Die Kinder von Avalon

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Inhalt

1. Der goldene Kelch

2. Die stehenden Steine

3. Der gläserne Turm

4. Der Mantel des Barden

5. Das bronzene Haupt

6. Auf den Inseln des Westens

7. Der eiserne Kessel

8. Der Drachenweg

9. Das silberne Rad

10. Das Licht am Ende der Welt

11. Die kreisende Stadt

12. Die Einhornquelle

Epilog

Namen und Begriffe

Die Familien von Prydain

Das Land Prydain

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1.
Der goldene Kelch

Der Kelch erstrahlte wie aus einem inneren Feuer, als der Sonnenstrahl ihn traf.

Einen Augenblick zuvor hatte er noch im Schatten gelegen, nun glühte er hell wie geschmolzenes Gold. Das Licht rann an seiner geschwungenen Form hinab, der Spur der beiden runden Henkel folgend, und ließ die fein getriebenen Ornamente hervortreten. Die geflochtenen Bänder, die sich unterhalb des Randes entlangzogen, erwachten zum Leben. Die rund geschliffenen Edelsteine, in Medaillons gefasst, mit denen die Wölbung besetzt war, fingen das Feuer ein und gaben es vielfältig wieder. Alles Licht konzentrierte sich auf die Stelle, wo Schale und Fuß sich trafen. Doch dort, wo der Knauf hätte blinken sollen, war nichts. Nur eine Leere, erfüllt von Licht.

Mit dem Licht kam auch der Klang. Es war ein ganz feiner Ton, der von nirgendwo und überall zugleich zu kommen schien, als ob die ganze Welt darin sänge.

Eine Hand näherte sich dem Kelch. Langsam, wie im Traum, bewegte sie sich darauf zu. Die Finger öffneten sich, um nach dem Gefäß zu greifen – und prallten gegen eine unsichtbare Wand. Glas klirrte in seiner Fassung.

»Ein seltenes Stück aus spätrömischer Zeit«, sagte eine Stimme in leicht akzentuiertem Deutsch, »frühes viertes Jahrhundert. Nur der Stein, der früher mal im Knauf war, fehlt. Vermutlich geklaut.«

Der blondhaarige Kopf, der sich in der Glasscheibe spiegelte, erstarrte.

Dann überzog ein Grinsen das Gesicht.

»Ich war’s nicht«, sagte er und wandte sich um.

Im gleichen Augenblick kehrten die übrigen Geräusche der Umgebung zurück: das Scharren von Turnschuhen auf dem Steinboden und das unterdrückte Kichern und die Gespräche von Jugendlichen ringsum. Teils staunend, teils gelangweilt zogen sie an den Vitrinen entlang. Alle bis auf einen, einen hoch gewachsenen, schwarzhaarigen Kerl in geflickten Jeans und einem verwaschenen T-Shirt von Manchester United.

»Hi, Siggi!«

»Mensch, Hagen, wie kommst du denn hierher?«

Einen Augenblick lang herrschte ein Gefühl der Unsicherheit, ja beinahe der Beklommenheit zwischen den beiden. Sie standen sich gegenüber wie Krieger, zum Kampf bereit, und jeder las in den Augen des anderen, dass dieser wusste, dass sie sich nicht zum ersten Mal so begegneten. Sie waren Rivalen, aber sie waren auch Freunde.

Dann war der Bann gebrochen, als Hagen Siggis Grinsen erwiderte, und einen Augenblick später lagen sie sich in den Armen und klopften einander auf den Rücken.

»Mann, bin ich froh, dich zu sehen! Was machst du hier?«, sprudelte es aus Siggi heraus, als sie sich wieder voneinander lösten.

Hagen grinste immer noch. »Ich wohne hier«, erklärte er mit einer Handbewegung, die den Raum und das ganze Gebäude umfasste.

»In einem Museum

Es war in der Tat so etwas wie ein Museum. Ein großer, mit kahlen Gewölben gedeckter Saal, erhellt von rundbogigen Fenstern mit Bleiverglasung, durch die gedämpft das Licht hereindrang. Der Sonnenstrahl war weitergewandert, und jetzt herrschte nur noch die übliche verhangene Helle eines englischen Sommertages.

In diesem ebenso matten wie klaren Licht sah man die Vitrinen an den Wänden als das, was sie waren: verglaste Schränke mit altem Krimskrams: Urkunden und Fundstücke, Geschirr, Waffen und Gerätschaften. Dazwischen rosteten ein paar Rüstungen auf Ständern stumm vor sich hin.

»Na ja«, sagte Hagen, »es ist kein richtiges Museum. Es gehört zu Camelot Hall, und das Schloss gehört zur Familie. Ich passe ein bisschen mit auf; dafür darf ich hier wohnen. Bis zum Herbst, wenn ich anfange zu arbeiten.«

»Arbeiten?« Für Siggi, der gerade die zehnte Klasse hinter sich gebracht hatte, war das ein unbekanntes Wort. »Du machst nicht weiter mit der Schule?«

Hagen zuckte die Achseln. »Im Herbst bin ich achtzehn. Mein Vater möchte, dass ich zur See fahre wie er. Vielleicht gehe ich zur Marine.« Es klang nicht so, als ob ihn der Gedanke freute. »Du gehörst zu der Horde hier?«

»Sprachschule«, erklärte Siggi. »Meine Eltern meinen, ich sollte was für mein Englisch tun. Obwohl ich bestimmt nie so gut darin werde wie du in Deutsch.«

Sie hatten sich vor zwei Jahren kennen gelernt, in Deutschland. Hagen war bei ihnen zu Gast gewesen, aufgrund einer weitläufigen Verwandtschaft seiner Mutter, die eine Deutsche gewesen war. Zuerst hatten sie sich mit Misstrauen angesehen, aber ihre gemeinsamen Erlebnisse hatten sie zusammengeschmiedet. Erlebnisse, die so fantastisch waren, dass man zu keinem Außenstehenden darüber reden konnte. Und dann ein Urlaub in Irland, ebenso traumhaft wie gefährlich. Siggi hatte es fast schon verdrängt gehabt, aber es lag nur dicht unter der Oberfläche, und es war alles wieder da, wenn man es rief.

Die Anderswelt.1

Er träumte von ihr. Er dachte an sie in seinen wachen Momenten. Er sehnte sich nach ihr und fürchtete sie zugleich.

Siggis Hand ging unwillkürlich zu dem Amulett, das er an einer Lederschnur um den Hals trug. Ein Thorshammer. Ein heidnisches Schmuckstück, wie man es heutzutage in jedem gut sortierten New-Age-Laden kaufen konnte. Doch für ihn war es mehr als das. Er hatte einmal jenen Hammer in der Hand gehalten, war mit den alten Göttern durch eine verzauberte Welt gewandelt – und dies war alles, was davon übrig geblieben war.

Irgendwo am anderen Ende des Saales wurden Stimmen laut. Der Lehrer, der zugleich ihr Betreuer, Freizeitleiter und Organisator war, sammelte seine Schützlinge. Auf allen Ausflügen war es seine wichtigste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass keiner zurückblieb. Siggi konnte nicht genau verstehen, was der Mann redete, aber er wusste, was auf dem Plan stand.

»Wir sollen zum Essen gehen.«

»Hast du Hunger?«, fragte Hagen.

Siggi sah ihn an. Hagen schien auf etwas zu warten. »Nö«, meinte er, »eigentlich nicht.«

»Dann komm, ich zeig dir, woran ich gerade arbeite!«

Sie duckten sich unter den Vitrinen hinweg zu einer Seitennische, die Siggi bis jetzt noch gar nicht aufgefallen war. Darin war eine braune, unscheinbare Holztür; niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass sich dahinter mehr verbergen könnte als eine Abstellkammer.

Die Nische gab ihnen Deckung, als Hagen einen großen eisernen Schlüssel aus seiner Hosentasche fischte und die Tür aufsperrte.

Dahinter war ein enger Gang mit einem Tonnengewölbe, erhellt nur durch ein paar schmale Fensterschlitze. Das Glas darin war halb blind. Ein über Putz verlegtes Kabel führte zu einer Glühbirne, die nackt an der Decke baumelte. Siggi suchte instinktiv nach einem Lichtschalter, aber Hagen winkte ihn weiter. »Komm!«

»Hat dir Gunni denn nicht geschrieben, dass wir nach England kommen?«, fragte Siggi, nur um etwas zu sagen.

»Gunhild? Sie ist auch hier?«

»Sie kommt mit unseren Eltern nach. Nach England. Sie wollen mich hier besuchen. Vielleicht können wir uns dann treffen, alle zusammen. Das wäre doch schön.« Gunhild war Siggis Schwester, und Siggi wusste, dass es zwischen Hagen und ihr mehr als nur eine flüchtige Begegnung gegeben hatte. Darum wunderte er sich umso mehr über Hagens Erstaunen.

Hagen sagte nichts. Am Ende des Ganges war eine weitere Tür. Diese war nicht verschlossen, und als Hagen sie aufstieß, flutete Licht herein.

Siggi kriegte vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

Vor ihnen lag eine Art Kapelle. Sie war vielleicht fünf Meter breit, doppelt so lang und zum Himmel hin offen. Abgebrochene, zerfallene Mauern ragten rechts und links empor. An den Seiten zogen sich steinerne Bänke entlang, auf denen große, grob behauene Blocksteine gestapelt waren. Die Mitte des Saales nahm ein Tisch von runder Form ein. Er war mit einer grünen Plastikplane überzogen, unter der andere Farben hervorschimmerten: Felder in Rot und Weiß, soviel man auf den ersten Blick ausmachen konnte.

Doch was den Raum beherrschte, war eine Art Altar am Kopfende. Es war eher ein Schrein, sicherlich drei Meter hoch, eingefasst von Säulen und Türmchen. Ein Netz war darüber gespannt, um das Mauerwerk zu schützen, und zum Teil war auch er mit Plastik abgedeckt. Doch man konnte erkennen, was das Mosaikbild, das den größten Teil seiner Vorderfront bildete, darstellte:

Es war ein Mann, in eine fantastische Rüstung gekleidet, die nur Kopf und Hände freiließ. Er kniete, die Hände zum Gebet gefaltet. Vor ihm schwebte, in goldschimmernden Glassteinen ausgeführt, eine Art Kelch, der von einem Engel gehalten wurde. Strahlen gingen davon aus, die das ganze Bild erfüllten. Sie erleuchteten die Züge des Ritters, der mit einem Ausdruck der Verzückung auf die Erscheinung starrte, als sähe er den Himmel offen.

»Der Heilige Gral«, sagte Hagen. »Und die Tafelrunde – schon mal was von König Arthur gehört?«

Natürlich hatte Siggi davon gehört. Genauer gesagt: davon gelesen. Es war ein Buch gewesen, das ihm sein Großvater zur Kommunion geschenkt hatte – wie lange war das jetzt her? Sechs, sieben Jahre? Er hatte das Gefühl, als sei er damals ein ganz anderer gewesen als heute, ein Junge, der die Welt noch mit den Augen eines Kindes sah.

Damals hatte er das Buch verschlungen: König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Er hatte sich in seiner Fantasie ausgemalt, wie es wäre, wenn er selber eines Tages entdeckte, dass er in Wirklichkeit ein unerkannter König sei – aber die Gelegenheit war nie gekommen. Und später schämte er sich fast ein wenig für diese Gedanken. Doch er konnte sich heute noch an jede einzelne der alten holzschnittartigen Illustrationen erinnern, mit edlen Rittern und schönen Frauen, weisen Zauberern und finsteren Schurken, wie es sie im wirklichen Leben niemals gab.

Oder etwa doch?

Sein Mund war so trocken, dass er kaum sprechen konnte. »Ist das alles etwa …«

Ist das alles etwa echt?, hatte er sagen wollen, doch in dem Augenblick, als er seine eigenen Worte hörte, wurde ihm klar, dass es eine blödsinnige Frage war.

»Echt?« Hagen lachte. »Ich muss dich enttäuschen. Mein Urgroßonkel hat das alles erbauen lassen. Tiefstes neunzehntes Jahrhundert. Ich richte es nur für die Touristen wieder her.«

Er musste die Enttäuschung in Siggis Augen gelesen haben, denn er fuhr fort: »Aber es ist verdammt gut gemacht. Schau mal: die Tafelrunde.«

Mit einer weit ausholenden Armbewegung zog er die grüne Plastikplane von dem runden Tisch. Er war nicht einmal besonders groß, vielleicht anderthalb Meter im Durchmesser, und die Bretter, aus denen er zusammengezimmert war, hatten Risse bekommen, sodass mitten durch die Platte ein fingerbreiter Spalt ging. Und er war auch nicht wirklich rund, eher achteckig. Die abwechselnd roten und weißen Felder, jeweils vier Dreiecke, die sich mit den Spitzen berührten, ergaben eine Art Kreuz, das beim Betrachten seltsam irritierte: Mal erschien es als ein rotes Kreuz auf weißem, mal als ein weißes Kreuz auf rotem Grund. Auf der unteren Hälfte des Tisches war die Farbe so verblasst und verwittert, dass man sie gerade noch in den Tiefen der Maserung erkennen konnte. Doch oben an der Tafel war die Bemalung, zumindest zum Teil, noch erhalten. Das rote Feld am Kopfende schmückte die Figur eines thronenden Königs, deutlich zu erkennen an der Krone auf seinem Haupt und dem langen Schwert in seiner Hand. Zur Rechten und Linken des Kopfes stand etwas geschrieben. Siggi beugte sich vor, um die verschnörkelte Schrift entziffern zu können.

»Kyng … Arthwyr«, las er laut. Links daneben war in dem weißen Feld ein weiterer Name zu lesen. »Syr Gwydion.« Bei dem folgenden war nur noch ein Teil zu entziffern: »…rdydd.« Siggi grinste. »Die haben’s mit den Ypsilons«, stellte er fest.

»Brythonisch«, sagte Hagen. »Die alte Sprache des Landes. Oder zumindest was man damals dafür hielt.«

Siggi warf noch einen kritischen Blick auf das bärtige Gesicht des gekrönten Mannes. Die Farben waren ausgebleicht, sodass die Untermalung durchschimmerte, aber die gerade Nase und die dichten, in der Mitte fast zusammengewachsenen Brauen waren unverkennbar. »Er hat Ähnlichkeit mit dir«, stellte er fest.

»Das wundert mich nicht«, meinte Hagen trocken. »Ich vermute, es stellt meinen Urgroßonkel dar, Lord Arthur Fitzroy. Er wollte so eine Art Ritterorden ins Leben rufen, so wie er sich das vorstellte. Nach der alten Art, verstehst du. Die Adligen von Cornwall hatten immer schon was gegen die Engländer. Sie hielten sich für die Hüter des wirklichen Erbes von Britannien und glaubten, es gegen die englischen Barbaren verteidigen zu müssen.«

Siggi erinnerte sich, wie Hagen ihm früher einmal erzählt hatte, dass einer seiner Vorfahren mit Wilhelm dem Eroberer nach England gekommen war, ein Normanne durch und durch, der nichts anderes sprach als Französisch. Im Laufe der Jahrhunderte dann schien die Familie hier stärker Wurzeln gefasst zu haben, als man es für möglich gehalten hätte.

»Aber ich glaube, er war nur ein Fantast. Ein Fantasy-Rollenspieler der harten Sorte. Schau mal, wie er diese Kapelle genannt hat.«

Er wies mit dem Finger auf das Zentrum der Scheibe. Siggi kniff die Augen zusammen, aber die Bemalung war so verwittert, dass er nichts erkennen konnte.

»Caer Siddi«, las Hagen die unsichtbare Schrift. »Na, verstehst du?«

Siggi verstand nichts.

»Siddi. Sidhe, wie sie in Irland sagen. ›Das Haus der Shee.‹ Sie glaubten noch an Elfen damals. Sie haben sie sogar fotografiert. Aber es war alles nur Täuschung und Betrug. Alles nur Illusion.«

»Aber …« Aber du weißt doch, dass das nicht wahr ist, hatte Siggi sagen wollen. Es gibt die Anderswelt, und sie ist nah, ganz nah. Doch dann sah er den verkniffenen Zug um Hagens Mundwinkel, und er schluckte die Worte wieder herunter.

Irgendetwas musste mit seinem Freund von einst geschehen sein, das ihn zu einem enttäuschten Zyniker gemacht hatte. Etwas hatte ihm seinen Glauben daran genommen, dass es jenseits dieser irdischen Welt noch etwas anderes, Höheres gab. Er wirkte wie jemand, der nicht mehr an den Sinn des eigenen Lebens glaubte.

»Also keine Tafelrunde«, meinte Siggi schließlich, nur um überhaupt etwas zu sagen. »Und das Schwert, das man aus dem Stein ziehen muss, gibt’s vermutlich auch nicht.«

»Alles im Preis inbegriffen.« Hagen grinste, ein eigentümlich humorloses Lächeln. »Komm, ich zeig es dir. Pass auf, dass du nicht über die Zementsäcke stolperst.«

In der Tat, da standen Säcke mit Zement und ein alter Eimer, daneben lag Maurer-Handwerkszeug wie Kelle, Wasserwaage, Meißel und Hammer. Offensichtlich Hagens Arbeitsmaterial. Siggi folgte seinem Freund, als dieser ihn hinter die hoch aufragende Altarwand führte.

An der Rückseite des Raumes war anscheinend erst kürzlich gearbeitet worden. Die eingefallene Mauer war ausgebessert und ergänzt. Das Fenstergewände war noch mit Plastikfolie bespannt. In dem matten Licht sah man an der Rückseite des Altars einen Steinblock.

In dem Stein steckte ein Schwert.

»Siehst du die Inschrift?«

Siggi bückte sich, um die eingehauenen Buchstaben auf der Stirnwand des Steines zu lesen.

»Sieht aus wie Latein«, meinte er.

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»Es ist Latein.«

»Jetzt komm, mach keinen Quatsch! Du weißt, dass ich kein Latein kann. Hast du eine Ahnung, was es heißt?«

»Ich hab’s mir übersetzen lassen«, sagte Hagen. »Auf Deutsch heißt es so ungefähr: ›Wer immer mich … äh … herauszieht, ist der wahre König von Avalonia.‹«

»Avalonia?« Siggi staunte. »Du meinst, Avalon? Wie in ›Nebel von Avalon‹?«

»Da siehst du’s«, sagte Hagen. »Fantasy.« Er rüttelte an dem Schwert, aber es bewegte sich nicht. »Es ist verrostet«, stellte er fest. »Und es ist leider auch kein Stein. Nur Beton.«

Er hatte sich schon wieder abgewandt, als er fortfuhr: »Großonkel Arthur hat sich da was vorgemacht, fürchte ich. Diese ganze Kapelle ist eine gut gemeinte Attrappe, ein ›folly‹, wie die Engländer sagen, eine Narretei. Aber nichts davon funktioniert wirklich, so wie bei dem Schwert.«

»Wieso?«, sagte Siggi hinter ihm. »Es geht doch ganz leicht raus!«

Einen Augenblick lang herrschte ein unendliches Schweigen, als hielte die Welt selbst den Atem an. Siggi starrte auf das Schwert in seiner Faust. Es hatte sich ganz einfach und mühelos aus seinem steinernen Gehäuse befreien lassen.

Und wieder hatte er plötzlich das Gefühl, dass Wirklichkeit und Anderswelt einander ganz nahe waren, zwei Welten, die sich an dem äußersten Punkt ihrer Existenz berührten.

Dann ging ein Raunen durch die Luft, und in die Stille hinein hörte man das ferne Klirren von Glas.

»What the hell …!« Wie immer, wenn Hagen aufgeregt war, vergaß er, Deutsch zu reden. »Das kommt aus dem Museum. Irgendeiner von diesen blöden Studenten …«

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Mit einem Sprung hatte er bereits über den nächstliegenden Zementsack gesetzt, und Siggi rannte ihm nach.

Der Eingang zur Kapelle stand noch halb offen, aber die kleine Seitenpforte zum Museum war wieder ins Schloss gefallen; vielleicht hatte sie Hagen auch hinter sich zugezogen. Jedenfalls hatte er Mühe, sie zu öffnen. Es war, als ob von der anderen Seite etwas dagegen presste. Siggi packte mit zu und gemeinsam stemmten sie die Tür auf. Blätter wirbelten empor.

Doch das Museum war leer. Niemand war da, kein Übeltäter, der sich an einem Ausstellungsstück vergriffen hätte. Kein Dieb, der ein Souvenir mitgehen lassen wollte.

Dann sahen sie, was geschehen war.

Die frei stehende Vitrine in der Mitte des Raumes war aufgebrochen worden. Das Glas war zerschmettert. Und der Kelch, das wertvollste Stück der Sammlung, war verschwunden.

»Dieses Schwein!«, knurrte Hagen. »Wenn ich den erwische …«

»Da!«, rief Siggi. »Da ist er raus.«

Eine Spur feuchter Blätter zog sich durch die Halle hindurch bis zu einem schweren, eisenbeschlagenen Portal. Es war mit einem massiven Riegel aus Holz versehen gewesen, der nun auf dem Boden lag. Die Tür war geschlossen, aber es war klar, dass der geheimnisvolle Dieb nur dort hinausgelangt sein konnte.

»Hinterher!«, schrie Siggi, aber Hagen war ihm schon voraus. Mit wenigen Schritten hatte er das Portal erreicht. Er drückte gegen die Tür.

Der Sturm riss sie ihm aus den Fingern. Licht brandete herein, ein Licht, so grell und klar, dass Hagen wie geblendet war, als er ins Freie taumelte.

Eine Gestalt ragte vor ihm auf. Etwas bäumte sich empor, etwas Gewaltiges, Weißes. Er sah nur noch den Schatten, dann traf ihn der Schlag mit der Wucht einer Riesenfaust und schleuderte ihn beiseite.

Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen. Er schmeckte Blut, und einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen.

»Geben Sie sofort das Ding wieder her!«, hörte er Siggi rufen.

Benommen blinzelte er. Siggi stand da und fuchtelte mit dem Schwert. Hagen wandte den Blick, um den unbekannten Gegner in Augenschein zu nehmen.

Zuerst sah er das Pferd. Ein mächtiges Ross, fahl wie der Tod, schimmernd wie Mondlicht. Schaum troff von seinen Nüstern. Seine Augen wirkten schwarz wie Kohle. Seine Hufe blinkten, als wären sie aus Eisen gemacht, und sie waren scharf wie Messerklingen.

Doch weitaus schrecklicher als das Ross war der Reiter, der darauf saß. Er hatte die Gestalt eines Mannes, doch es war kein Mensch. Er war über und über mit Blättern bedeckt, die in dem Wind, der aus dem Abgrund heraufwehte, raschelten und rauschten. Seine Arme und Beine waren wie lebende Äste, sein Leib ein mächtiger Busch, sein Haupt erhob sich wie eine Baumkrone, aus der ein Geweih spross gleich dem eines großen Hirschen, und die Augen in dem grünen Gesicht leuchteten wie die Sonne, die durch das Laubwerk eines Baumes bricht. Seine linke Hand hielt mit Fingern, die jungen, saftigen Zweigen glichen, den Kelch, den er aus dem Museum geraubt hatte. Seine Rechte umschloss mit knorrigen, knotigen Astgliedern einen Speer, den er hoch über dem Kopf schwang.

»Siggi, pass auf!«

Der Speer flog durch die Luft. Durch einen Reflex fegte Siggi ihn mit der Schwertklinge beiseite. Hagen zuckte zurück. Der Schaft verfehlte ihn nur um Haaresbreite.

Der Grüne Mann ließ sein Pferd tänzeln, dann wandte er sich ab.

»Stehen bleiben!« Siggi war außer sich. Er hob das Schwert. Hagen sah nur den Schatten der Klinge; er fragte sich, was sein Freund wohl mit dem alten, verrosteten Ding ausrichten wollte. Aber Siggi schien das nicht zu kümmern. In einem weiten, kraftvoll geführten Hieb ließ er das Schwert gegen den unheimlichen Reiter niedersausen.

Die Klinge traf die grüne Gestalt und fuhr hindurch.

Zweige knackten. Blätter wirbelten auf, wie von einem Luftzug verweht. Doch dort, wo eine tiefe Wunde klaffen sollte, schloss sich das Blattwerk wieder, und der Reiter war heil und ganz, als wäre nie etwas geschehen.

Der Grüne Mann lachte. Es war kein menschliches Lachen, sondern ein Laut, der aus dem Rascheln der Blätter zusammengesetzt war, aus Vogelschreien und dem Zirpen und Summen von Insekten, den Stimmen der kleinen Tiere, die zwischen den Zweigen des Waldes hausen.

»Das nächste Mal, wenn wir uns begegnen«, raunte die Stimme, die aus den Blättern kam, »habe ich den ersten Schlag.«

Der Kelch blitzte im Sonnenlicht. Der Reiter riss sein Pferd herum. Siggi wich unwillkürlich zurück. Der Luftzug ließ ihn taumeln; er stolperte und fiel gegen Hagen, der immer noch halb benommen am Boden kauerte. Ein Wirbel von Blättern umwehte sie, als sie in einem Knäuel von Armen und Beinen den Hang hinabrollten, bis ein großer Busch ihren Fall aufhielt.

»Weg hier!«

Trotz des Sturzes hatte Siggi den Griff seines Schwertes nicht losgelassen. Er rollte sich über eine Schulter ab und kam wieder auf die Füße.

Hagen griff nach dem nächstbesten Halt, der sich ihm bot. Seine Finger schlossen sich um einen glatten Stamm; es war der Schaft des Speeres, den der Grüne Mann nach ihnen geworfen hatte. Ein roter Schleier färbte Hagens Blick. Er sah den Schatten des Pferdes; mit einem Knurren, das tief aus seiner Kehle kam, sprang er darauf zu.

Aber es war nur ein großer Busch, der ungefähr die Gestalt des Tieres hatte. Hagen fetzte die Zweige mit dem Speer beiseite. Von dem seltsamen Reiter und seinem fahlen Ross war nichts mehr zu sehen.

»Wo ist er hin? Siggi, hast du gesehen, wohin er …«

Aber Siggi stand nur da und starrte auf das, was er in seiner Hand hielt. Es war nicht das verrostete Stück Alteisen, das er aus dem Betonblock gezogen hatte. Das Schwert in seiner Hand war aus blankem Stahl, das Heft und der Griff aus Gold, funkelnd von Juwelen. In die Klinge war das Bild eines Drachen eingeätzt und seltsame Zeichen, die er nicht lesen konnte, aber er wusste dennoch, was sie bedeuteten.

Zieh mich nur, wenn deine Sache gerecht ist.

»Siehst du das, was ich sehe?«, fragte er, als könnte er es selbst nicht recht glauben. Unwillkürlich fasste seine linke Hand nach dem Thorshammer auf seiner Brust. Aber wo das vertraute Gewicht des Anhängers gewesen war, schlossen sich seine Finger um – nichts. Die Kette, war sein erster Gedanke. Sie musste in der Hetze zerrissen sein. Er musste danach suchen; sie konnten nicht weit sein, die Kette und das Amulett …

Aber ihm war, als könnte er den vertrauten Formen von Schaft und Hammerkopf im Heft und Knauf des Schwertes nachspüren, so als wären Hammer und Schwert zu einer Einheit verschmolzen.

Er blickte auf. Dann weiteten sich seine Augen in Überraschung, ja, Erschrecken. »Hagen, der Speer!«

Hagens Blick ging hinab. Der Schaft in seiner Hand war aus grünem Holz, glatt und warm, als lebte es noch. Die blattförmige Klinge an seinem Ende schimmerte wie fließendes Wasser, je nachdem, wie das Licht darauf fiel. Sie war mit drei metallenen Nägeln befestigt, die tief in das lebende Holz getrieben waren.

Und plötzlich hatte er eine Vision.

Es war eine Szene, die er vielleicht schon einmal gesehen hatte, vielleicht aber auch nicht. Er sah eine große rußige Gestalt mit Haaren, schwarz wie die Nacht, und einem langen, verwilderten Bart. Es war Nacht. Schwarz ragten die Schattenrisse der Bäume gegen den nächtlichen Himmel. Wolkenfetzen, mit Licht gerändelt, trieben vor der silbernen Scheibe des Mondes und gaben hier und da im Vorüberziehen den gestirnten Himmel frei. Doch das eigentliche Licht kam aus dem Feuer der Schmiede. Der Riese hob den Hammer. Der rötliche Schein der Esse spiegelte sich in seinen mandelförmigen Augen wider, doch die Glut, die darin glomm, kam von innen heraus, aus dem Geist …

»Drei Nägel braucht es«, hörte er eine Stimme in seinem Geist widerhallen. »Einen der Kraft, einen des Mutes, einen der Weisheit …«

Und Hagen erinnerte sich. Er hatte diesen Speer schon einmal in der Hand gehalten, im Zauberreich von Erin. Diesen Speer oder einen anderen, der ihm bis in die letzte Niete glich.

Er blickte auf. In den Augen Siggis las er, dass dieser das Gleiche gesehen hatte wie er.

»War das Thor?«, fragte Siggi. »Der Mann in der Schmiede, meine ich. Der mit dem Hammer. Er sah aus wie der Donnergott aus der Welt der Nibelungen, nur dass sein Haar nicht rot war, sondern schwarz …«

»Ich fand eher, er sah aus wie Lugh mit der langen Hand, der mir in Erin beigestanden hat, doch der hatte überhaupt keinen Bart, und er war auch nicht so groß. Aber seine Augen waren genauso …«

»Hagen, was geschieht mit uns?«, sagte Siggi, erstaunt und erschreckt zugleich. »Hören denn die alten Geschichten nie auf?«

Jetzt wusste Hagen auch das Erschrecken in Siggis Blick zu deuten. Das letzte Mal, als sie sich so gegenübergestanden hatten, mit Schwert und Speer, war einer von ihnen getötet worden. Damals hatte er seinen besten Freund erschlagen.

»Wir sind wieder in der Anderswelt«, stellte er fest, mit einer Stimme rau wie Asche. »Aber diesmal werden wir die Sache gemeinsam durchstehen, gegen alle Götter und Mächte, das schwöre ich dir.«

Siggi schluckte. Er ließ die Klinge sinken. Er suchte nach etwas, wo er das Schwert unterbringen konnte; da er es schließlich nicht einfach in den Gürtel stecken konnte, blieb ihm nichts übrig, als es in der Hand zu behalten.

»Mir gefällt das alles nicht«, meinte er. »Die Sache mit dem Kelch … der Grüne Mann … War das eine Drohung, was er zu mir gesagt hat; was meinst du? Schauen wir lieber, dass wir nach Hause kommen.«

Hagen ließ seinen Blick schweifen.

»Ich fürchte«, sagte er trocken, »wir haben da ein Problem.«

Dort, wo sich vor ihnen der Hügel erhob, dessen Flanke sie hinabgerollt waren, stand ein einsamer gemauerter Spitzbogen aus Stein mitten in der Landschaft. Der Rahmen war zerbrochen, und der Wind pfiff darin. Von dem Museum, aus dem sie gekommen waren, ja, von ganz Camelot Hall war nirgendwo etwas zu sehen.

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2.
Die stehenden Steine

»Und du bist sicher, dass wir hier richtig sind?«

Es war die falsche Frage am falschen Ort. Gunhild, die auf einem der hinteren Sitze des Wagens kauerte, hatte sie sich schon die ganze Zeit gestellt, aber sich nicht getraut, sie auszusprechen. Jetzt hatte ihre Mutter die undankbare Rolle übernommen, und ihr Vater, der das Lenkrad mit beiden Händen umklammerte, warf einen giftigen Blick nach links, in Richtung Beifahrersitz.

»Das werden wir schon sehen«, knurrte er.

Wenn man durch die Wagenfenster der rechten Seite blickte, starrte man auf eine grüne Wand, die vorbeirauschte, scheinbar zum Greifen nahe. Die Wand aus Buschwerk ragte senkrecht bis in etwa vier Meter Höhe empor, um sich dann nach innen zu wölben. Auf der linken Seite sah es nicht anders aus. Es war, als führen sie durch einen grünen Tunnel, der kein Ende nehmen wollte.

»Wenn du wenigstens nicht so rasen würdest«, sagte Gunhilds Mutter.

»Ich rase nicht. Ich fahre höchstens sechzig. Es sieht nur so aus, weil die Straße so eng ist.«

Seit sie am Morgen von Heathrow Airport mit dem Mietwagen losgefahren waren, hatte sich Gunhild immer tiefer in ihren Sitz eingeigelt. Ihr war irgendwie mulmig zumute, und das seltsame Gefühl verstärkte sich, je weiter sie nach Westen kamen. Auf dem Motorway, unter dem freien Himmel, war es nicht so schlimm gewesen. Aber seit sie die Autobahn verlassen hatten und in dieses Labyrinth von gewundenen, überwachsenen Straßen eingedrungen waren, hatte sie den Eindruck, als würde die Welt ringsum immer enger. Ihr war, als hätte sie nicht mehr genug Luft zum Atmen, und das Schlimmste war, dass keiner etwas davon zu bemerken schien.

»Könntest du nicht vielleicht wenigstens mal jemanden nach dem Weg fragen?«, ließ Gunhilds Mutter nicht locker.

»Ach ja?«, gab Vater gereizt zurück. »Und wen, bitte? Siehst du hier irgendjemanden?«

Falsch, liebe Mutter, dachte Gunhild. Männer fragen grundsätzlich nicht nach dem Weg. Das solltest du doch eigentlich wissen.

Sie hob den Kopf. Das eigentlich Schreckliche an dieser Geisterfahrt waren weniger die grünen Buschwerkwände; an die konnte man sich gewöhnen. Es war der Gedanke, dass hinter jeder Biegung ein riesiger Lastwagen auftauchen könnte, der den ganzen verfügbaren Raum für sich einnahm. Und dann – peng! Keine Zeit mehr für weitere Gedanken.

Gunhilds Hand schloss sich unwillkürlich um den geschliffenen Stein, den sie an einer Kette um ihren Hals trug. Der Anhänger war schon so lange ein Teil von ihr selbst, dass er ihr meist gar nicht bewusst war. Doch mit diesem Stein hatte es eine besondere Bewandtnis. Er war ihr Schlüssel zu einer anderen Welt – einer Welt, die sie nur in ihren Träumen besuchte. Wenn man sie gefragt hätte, woher sie diesen Kristall hatte, sie hätte es nicht sagen können, und doch wusste sie es genau. Es war ein Geheimnis, das sie nur mit ihrem Bruder teilte – und natürlich mit Hagen.

Ihre Gedanken schweiften ab. Sie hatte Hagen, ihrem Freund aus Manchester, geschrieben, dass sie wieder nach England kommen würde und hoffte, ihn dort zu sehen. Er hatte ihren Brief nicht beantwortet. Sie hatte sogar versucht, ihn anzurufen, aber auf der anderen Seite der Leitung hatte nur eine Automatenstimme in englischer Sprache geantwortet, der sie gerade so viel entnehmen konnte, dass der Anschluss nicht mehr existierte. Sie wusste nicht, ob sie traurig sein oder sich Sorgen machen sollte. Und wie immer, wenn sie sich über ihre Gefühle nicht im Klaren war, gab der Kristall, ihr Talisman, ihr Kraft.

Sie spähte voraus in das Halbdunkel. Der Blick reichte nur zwanzig, dreißig Meter, dann bog die Straße bereits außer Sicht. Gunhild wollte sich schon wieder in die Kunstledersitze zurücksinken lassen, als sie die kleine braune Gestalt bemerkte, die am Rande des Weges entlangging. Sie schien etwas auf dem Rücken zu tragen.

»Da!«, krächzte sie. Ihre Stimme klang kratzig, weil sie so lange nicht benutzt worden war. »Da geht jemand.«

Ihre Mutter blickte auf. Eine steile Falte stand auf ihrer Stirn. »Und du hältst jetzt an und fragst den Mann da«, sagte sie energisch. »Bevor wir noch weiter ins Blaue hineinfahren.«

Ins Grüne, verbesserte Gunhild im Stillen. Der Gedanke erfüllte sie mit einer widersinnigen Heiterkeit. Sie musste sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszukichern.

Ihr Vater knurrte etwas Undefinierbares, nahm aber den Fuß vom Gas und ließ den Wagen langsamer werden. In demselben Maße, in dem der fremde Fußgänger näher kam, erkannte Gunhild mehr Einzelheiten. Es war ein alter Mann, ganz in Braun gekleidet. Er trug eine Art Rucksack auf dem Rücken, eine Kiepe aus Weidengeflecht. Seinen braunen Schlapphut hatte er tief ins Gesicht gezogen. Als er den Wagen heranfahren hörte, wandte er sich halb um und verhielt seinen Schritt.

Gunhilds Vater trat auf die Bremse und kurbelte das Fenster herunter.

»Excuse me, is this the way to Foxcombe?« Sein Schulenglisch, obwohl nicht mehr ganz taufrisch, war immer noch grammatisch korrekt.

Der Fremde legte den Kopf schief, als müsse er überlegen. Dann antwortete er in einem Schwall von Worten, von denen Gunhild kein einziges verstand.

Ihrem Vater schien es ähnlich zu gehen. »Foxcombe?«, fragte er wieder. »Foxcombe? This way?«

Der Mann am Straßenrand sah ihn zweifelnd an. Dann antwortete er wieder in jener unbekannten Sprache, die voll war von verwaschenen Lauten und zugleich seltsam melodiös. »… cwm«, war daraus zu vernehmen. »Carn du.« Er machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm, die vage in die Richtung wies, in der sie fuhren.

»Was sagt er?«, fragte Gunhilds Mutter.

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete ihr Vater. »Anscheinend sprechen die Leute hier einen solchen Dialekt, dass sie nicht einmal Englisch verstehen. Klingt wie mittelalterliches Gälisch – wie auch immer das geklungen haben mag. Jedenfalls scheinen wir hier richtig zu sein. Thank you, thank you«, fuhr er fort, an den alten Mann gewandt, während er bereits das Fenster wieder hochkurbelte.

Der Mann am Straßenrand wandte sich ab. Und in dem einen Augenblick, als sein Blick die Gestalt Gunhilds streifte, die im Fond des Wagens hockte, traf ein Blitz aus seinen Augen die ihren. Mit einem Mal sah sie das Gesicht des Fremden ganz nahe, ein uraltes, verwittertes Gesicht, doch der Ausdruck in den dunklen Augen, hart und kalt wie Stein, hatte nichts Altes oder Vergängliches an sich. Und die Worte, die sie hörte, trafen sie mitten ins Herz.

»Nimm dich in Acht vor dem Grünen Mann!«

Der Wagen machte einen Satz nach vorn, als Gunhilds Vater die Kupplung losließ. Das Gesicht des Fremden war verschwunden. Gunhild saß wie erstarrt. Die Worte, die der seltsame Alte zu ihr gesprochen hatte, waren in keiner irdischen Sprache erklungen. Es war die alte Sprache der Anderswelt, die ein Mensch nur versteht, wenn er von den Früchten gekostet hat, die dort wachsen.

Gunhild schauderte. Jetzt wusste sie, was das seltsam bedrückende Gefühl war, das sie von allen Seiten bedrängte. Es war, als wären die Grenzen dieser Welt zu eng geworden, als lauerte das Schreckliche zum Greifen nahe, als brauchte man nur den Blick zu wenden, um es zu sehen. Und dann würde es kommen, dann würde es auf sie einstürzen, sie packen und in einen alles verschlingenden Strudel reißen, aus dem es kein Entrinnen gab …

Sie sah zurück. Der alte Mann hatte sich abgewandt; in demselben Maße, wie der Wagen weiterfuhr, entschwand er ihrem Blick. Er hatte den Tragekorb wieder geschultert. Jetzt, auf diese Entfernung, hätte er genauso gut ein Baum oder ein Strauch sein können, so verschmolz er mit seiner Umgebung.

Der Vater schaltete das Licht ein. Hier, am Grunde des grünen Tunnels, herrschte immer Zwielicht, doch auch oben am Himmel neigte sich allmählich der Tag. Es wurde Zeit, dass sie eine Bleibe fanden.

Die Scheinwerferkegel stachen durch die Dämmerung. Eine Biegung noch, eine zweite, dann öffnete sich der Weg. Sie waren an eine Kreuzung gekommen. Gunhilds Vater trat auf die Bremse. Ein halb verwitterter Wegweiser zeigte nach links. Darauf war zu lesen:

FOXCOMBE 3½

»Seht ihr, wir waren doch richtig. Jetzt ist es nicht mehr weit.«

Dem war nichts mehr hinzuzufügen.

Seltsamerweise wurde es nicht mehr dunkler, sondern heller, als sie weiterfuhren. Die Straße führte ein wenig bergauf, zuerst mit Teerdecke, dann als Schotterweg, schließlich als reine Sandpiste. In dem gleichen Maße, in dem sie auf höheren Grund gelangten, öffnete sich an den Seiten das Buschwerk. Statt einer eintönig grünen Hecke, wie sie von den Schneidewagen des Straßenbauamtes hinterlassen wurde, wechselte hier Buschwerk mit einzelnen Bäumen, und dazwischen erschien der ein wenig verwaschene Himmel in einem tiefen Blau.

Gunhild schaute auf die Uhr. Es war erst halb sechs, noch nicht einmal Abend, und schon begann es dunkler zu werden. Die Uhren schienen anders zu gehen in diesem Teil der Welt. Aber wenn der Wegweiser gestimmt hatte – dreieinhalb Meilen –, dann müssten sie fast am Ziel sein. Dennoch kam es überraschend, als plötzlich die Häuser auftauchten. Kein Ortsschild hatte die Besucher vorgewarnt. Nur eine seltsam verdrehte Gruppe von drei tannenähnlichen Bäumen, ineinander gelehnt, sodass sie fast wie ein einziger wirkten, markierte die Abzweigung. Der Ort bestand, wie es schien, nur aus einer Hand voll alter, steingemauerter Gebäude mit tief liegenden Fenstern und gedeckt mit Ried, einer Kirche, die ihren massiven Turm nur wenig über die Giebel reckte, und einer schlossartigen Anlage, bestehend aus einem niedrigen Bau mit zwei ausladenden Seitenflügeln, der sich an die umgebenden Hügel schmiegte.

»Ist das unser Hotel?«, konnte sich Gunhilds Mutter nicht enthalten zu fragen.

»Da steht es doch.« Der Vater war durch die lange Fahrt und die Sucherei am Ende sichtlich genervt. »›Foxcombe Country Hotel‹. Kannst du nicht lesen?«

»Das wäre jetzt nicht nötig gewesen!«, meinte Gunhilds Mutter.

Gunhild seufzte, sagte aber nichts. Während der Wagen langsam über den Kies in den Hof einrollte, bis er vor der Hauptfront des Hotels zu stehen kam, ließ sie ihre Blicke über die Umgebung schweifen. Das Gebäude zur Rechten enthielt wohl die Gästezimmer, verborgen hinter einer Reihe von zweigeteilten Fenstern mit weiß lackierten Rahmen. Es sah irgendwie recht putzig aus. Im Flügel zur Linken befand sich eine Art Kneipe – ein Pub, verbesserte sie sich. Licht drang heraus und Fetzen von Musik. Ein altes, handbemaltes Schild hing davor an einer Stange und schwankte leise im Wind. Gunhild kniff die Augen zusammen, um lesen zu können, was darauf stand:

THE GREEN MAN.

Der Grüne Mann.

Panik erfasste sie. Sie hatte das Gefühl, als müsste sie ersticken. Die Stimme, die sie gehört hatte, klang noch laut und deutlich in ihrem Ohr, hallte in ihrem Kopf wider.

»Nimm dich in Acht vor dem Grünen Mann … vor dem Grünen Mann … dem Grünen Mann …«

Sie riss die Wagentür auf. Mit vom langen Sitzen steif gewordenen Beinen taumelte sie ins Freie. »Warte, Gunhild, warte!«, hörte sie ihren Vater rufen und ihre Mutter: »Wir kommen doch!« Sie lief auf das Haupthaus zu. Der Himmel, so hoch und weit er erschien, lastete wie eine gläserne Glocke auf ihr. Irgendwo musste es Sicherheit geben vor der drohenden Gefahr, die sie von allen Seiten bedrängte.

Was danach geschah, bekam sie alles gar nicht so richtig mit. Weder die freundliche Begrüßung der Wirtsfrau noch, wie der Wirt – oder war es ein Knecht, denn dieses Landhotel schien halb Gasthaus und halb Bauernhof zu sein – ihnen half, die Koffer zu den Gästezimmern zu schleppen. Sie kam erst wieder zu sich, als sie in ihrem Zimmer auf der gesteppten Bettdecke saß und ihre Mutter zur Tür hereinkam.

»Na, gefällt es dir? Soll ich dir helfen auszupacken?«

Gunhild blickte auf. Der Raum war klein, mit weiß getünchten Wänden und einem massiven, holzgeschnitzten Schrank, dazu ein Stuhl und ein kleiner Tisch. Auf einer Anrichte mit gedrehten Füßen stand eine Flasche mit Mineralwasser und ein Glas. Das einzige Fenster ging nicht auf den Innenhof, sondern auf die Hügel hinaus. Durch das Buschwerk war nicht viel zu erkennen.

Kein großer Komfort, aber es war zumindest ein Zimmer für sie allein. Mit siebzehn war sie Gott sei Dank zu alt, um noch auf dem Beistellbett im Zimmer der Eltern zu schlafen. Tatsächlich war der Raum größer als ihr Zimmer zu Hause. Dennoch kam es ihr eng vor.

»Lass nur«, sagte sie. »Ich pack später aus.«

»Du bist ja ganz blass, Kind.« Die Stimme ihrer Mutter klang besorgt. »Vielleicht solltest du dich ein bisschen hinlegen. Vater hat sich auch hingelegt. Es war eine lange Fahrt.«

»Es ist stickig hier drin.« Gunhild wusste, dass sie quengelig klang, aber sie konnte nichts dagegen tun. Sie fühlte sich einfach nicht wohl.

Ihre Mutter war bereits zum Fenster getreten und mühte sich damit ab, aber es gelang ihr nicht, den Widerstand des mit vielen Farbschichten bedeckten Rahmens zu brechen. Schließlich zeigte Gunhild ihr, wie es ging: die beiden Haken im Rahmen umlegen und das Fenster hochschieben. Frische, süße Luft drang herein. Unwillkürlich atmete sie auf.

»Ich glaub, ich geh noch ein bisschen raus«, sagte sie.

»Aber nicht zu weit, ja? In einer Stunde gibt es Abendessen. Sieh zu, dass du dann wieder da bist.«

»Zum Abendessen bin ich bestimmt wieder zurück.«

Doch schon während sie es sagte, schlichen sich Zweifel in ihr Herz.

Sie versuchte, die unheimliche Vorahnung abzuschütteln, die sie befallen hatte. Vielleicht sollte sie wirklich im Zimmer bleiben, sich ein wenig hinlegen. Aber die Enge war nicht mehr auszuhalten. Gunhild holte tief Luft, dann zog sie ihren Anorak über, den sie achtlos über den Stuhl geworfen hatte, und trat hinaus auf den Gang.

»Bis gleich.«

Der Innenhof, von den beiden Seitengebäuden eingefasst, lag verlassen da wie zuvor. Der graue Volvo, mit dem sie hergekommen waren, stand auf dem geharkten Kies wie ein Fremdkörper, etwas, das nicht hierher gehörte. In den Scheiben spiegelte sich der dunkelnde Himmel mit ziehenden Wolkenfetzen.

Unwillkürlich ging Gunhilds Blick zu dem Wirtshausschild hoch. Es schwankte immer noch leise im Wind, mit einem fast unhörbaren rostigen Krieken. Das Schild war nicht einmal besonders kunstreich bemalt, eher naiv, mit kräftigen, ein wenig verwitterten Farben. Aus der Nähe war deutlicher zu erkennen, was es darstellte. Eine menschliche – oder menschenähnliche – Gestalt mit Armen und Beinen, die aus lauter grünen Blättern zusammengesetzt war. Ihre Gliedmaßen waren steif wie die einer Vogelscheuche. Statt der Hände hatte sie Bündel von Zweigen. Und wo der Kopf war, befand sich ein blühender Busch. Haare, Nase und Mund waren aus Blüten gebildet, und wo die Augen hätten sein sollen, da war – nichts. Nur Schwärze.

Gunhild wandte sich um und floh.

Ihr Weg führte durch eine Lücke, die sich zwischen dem Haupthaus und dem Pub auftat und die sie vorher gar nicht bemerkt hatte. Zur Linken war ein Garten abgetrennt, Bretterverschläge, hinter denen Federvieh aufstob, als sie vorbeirannte. Zur Rechten stieg ein Rasen mit Blumenbeeten zu den umliegenden Hügeln an. Dahinter war freies Feld. Oder was man hier dafür hielt. Büsche und Bäume gab es genug, hohes, struppiges Gras und Steine ebenso. Schon bald hatte sich Gunhilds wilder Lauf zu einem unregelmäßigen Trab verlangsamt, da sie darauf achten musste, nicht zu stolpern. Die Bäume lauerten rechts und links in der Dämmerung wie lebendige Wesen. Fast hatte sie Angst, es könnte wirklich aus einem Busch der Grüne Mann hervortreten, um sich mit abgehackten Bewegungen zu nähern. Wie ein Zombie in einem schlechten Horrorfilm. Sie schauderte.

Doch es war nicht nur der Gedanke, der sie schaudern ließ. Es lag etwas in der Luft, ein Singen wie ein pulsierender Ton, der so tief war, dass das menschliche Ohr ihn nicht verarbeiten konnte. Oder wie eine elektrische Spannung, die sich in einem plötzlichen Blitz entladen würde.

Dann öffnete sich vor ihr der Weg, und sie trat hinaus ins Freie.

Unmittelbar voraus erhob sich ein kahler Hügel. Kein Busch wuchs darauf, nur Dornengestrüpp und halb verdorrtes Farnkraut. Doch zwischen den harten Gewächsen erhoben sich andere Formen, wie Früchte, welche eine unbarmherzige Erde in grauer Vorzeit hervorgebracht hatte. Es waren Felsblöcke, große Steine, die einen Kreis bildeten. Ein paar von ihnen waren umgestürzt, aber die meisten standen noch mehr oder weniger aufrecht. Einige der stehenden Steine reichten ihr bis zur Schulter, andere waren nicht ganz so groß; dennoch hatte Gunhild das Gefühl, als würden die Felsen mit jedem Schritt, den sie näher kam, höher und gewaltiger aufragen.

Der Pfad, dem sie gefolgt war, führte genau zwischen zwei der Steine hindurch. Die Luft, die dazwischen stand, schien zu flimmern. Eingerahmt von den beiden Felsblöcken erhob sich, in der Mitte des Kreises, ein weiterer Stein, ein Findling, größer als alle anderen und mit seltsamen Zeichen bedeckt. Er stand schief, sodass es so aussah, als müsste er jeden Moment umkippen. Die letzten Strahlen der tief stehenden Sonne streiften seine Spitze und ließen die Flechten auf seiner Oberläche aufleuchten wie eine Krone aus Gold.

Carn Du.

Sie wusste nicht, woher ihr der Name dieses Ortes plötzlich in den Sinn kam. Aber mit einem Mal stand ihr vor Augen, was in jenem Prospekt zu lesen gewesen war, den sie mit den Reiseunterlagen erhalten hatten.

Am Rande des Ortes … ein noch vollständig erhaltener megalithischer Steinkreis … Den zentralen Menhir in der Mitte nennen die Einheimischen den Einhornstein, weil er in seiner Form an das Horn des legendären Tieres erinnert …

Gunhild ging weiter. Jeder Schritt schien ihr schwerer zu fallen, als setzte die Luft selbst ihr Widerstand entgegen. Doch statt ihr noch mehr Angst zu machen, weckte dies auf seltsame Weise ihren Trotz. Wollte sie etwa jemand – oder etwas – daran hindern, weiterzugehen?

Ihre Hand ging zu dem Anhänger, den sie um den Hals trug. Der geschliffene Kristall schmiegte sich in ihre Hand wie ein lebendiges Wesen, pulsierend von Wärme. Sie wusste, dass eine Macht darin lag, die sie nicht ergründen konnte und die ihr nicht gehorchte, aber ihr schon oft geholfen hatte. So wie auch jetzt.

Etwas zerriss, und sie war frei.

Sie taumelte hinein in den Steinkreis. Der Widerstand, der sie gefangen gehalten hatte, war so plötzlich in sich zusammengebrochen, dass sie fast gestürzt wäre. Sie stolperte und musste sich mit den Händen abstützen.

Als sie den Blick wieder hob, hatte die ganze Welt sich verändert.

Es war unnatürlich still. Kein Vogel sang, kein Tier raschelte im Gebüsch, kein Insekt summte. Und selbst der Wind, der über den Hügel strich, schien verstummt zu sein.

Dafür glühten die Steine ringsum in einem fahlen Feuer. Nebel war aufgekommen, von irgendwoher, wand sich in dünnen Schlieren um den Fuß der mächtigen Felsen. Fäden aus Licht spielten um ihre Ränder, knisterten an den Spitzen, woben ein flackerndes Netz von Stern zu Stein. Das weiße Rauschen, das von den tanzenden Lichtfäden ausging, blendete alle anderen Geräusche aus. Ein eigentümlicher, säuerlicher Geruch lag in der Luft, wie von feuchter Wolle, so durchdringend, dass man ihn schmecken konnte.

Gunhild spürte, wie die Härchen auf ihren Armen sich aufrichteten. Die elektrische Spannung, die die stehenden Steine umgab, musste immens sein.

Sie wandte den Kopf. Wenn schon die Wächtersteine ringsum vor Energie knisterten, was musste dann erst mit dem riesigen Menhir in der Mitte geschehen sein?

Der Stein, der zur Seite geneigt gewesen war, stand nun aufrecht da. Ihn auch nur zu bewegen, hätte die Kraft eines halben Dutzends starker Männer erfordert; ein einzelner oder auch zwei oder drei hätten dazu nicht ausgereicht. Doch er stand aufrecht, fest und unverrückbar, als wäre es nie anders gewesen. Die Flechten und Moose, die ihn bedeckt hatten, waren verschwunden. Dafür waren die Verzierungen und Ornamente auf seiner Oberfläche nun nicht mehr verwittert, vom Wind und Regen ausgewaschen, sondern scharf und klar, und sie leuchteten wie aus einem inneren Feuer.

Es waren Linien, die sich zu Spiralen drehten und ineinander verschlangen. Wenn der Blick ihnen zu weit folgte, wanden sie sich außer Sicht, aber es schien, als bildeten sie ein einziges, nahtloses Band, das sich wie eine Schlange ohne Anfang und Ende um das zentrale Motiv in der Mitte des Steines legte.

Die Zeichnung war, nach den Maßstäben der klassischen Kunst, primitiv, doch von einer urtümlichen Kraft. Weiß hob sie sich von dem umgebenden Grau der Steinoberfläche ab. Sie stellte ein Tier dar, das sich in seinen Fesseln aufbäumte, und wenn man die Augen zukniff, war es fast, als ob es lebte und sich bewegte.

Vor dem zentralen Stein befand sich eine Art Tisch oder Altar, der vorher nicht da gewesen war. Zumindest konnte sich Gunhild nicht daran erinnern, etwas dergleichen gesehen zu haben. Davor war im Boden eine Platte eingelassen, die zwei Vertiefungen zeigte. Fußabdrücke, wie es schien. Hier musste einst der Hohe Priester – oder die Priesterin – gestanden haben, um das Ritual zu vollziehen. Welches Opfer mochte man hier wohl dargebracht haben? Gunhild schauderte bei dem Gedanken.

Doch es war nicht nur der Gedanke, der sie schaudern ließ. Es war der Brandgeruch, der in der Luft lag.

Die elektrischen Entladungen hatten auf das verdorrte Farnkraut und das Dornengestrüpp am Boden übergegriffen. Es war wie ein Funke, der in trockenen Zunder einschlägt. Flammen züngelten auf, fraßen sich knackend von Dorn zu Dorn weiter, Stängel knickten in der Glut. Innerhalb weniger Augenblicke stand ringsum die Heide in Brand.

Gunhild blickte sich hektisch um. Wohin konnte sie fliehen? Die Flammen fraßen sich von den Rändern des Steinkreises nach innen. In wenigen Augenblicken würden sie bei ihr sein.

Stein. Stein brennt nicht. Es gab nur einen Ort, wohin das Feuer nicht kommen konnte. Gunhild rappelte sich auf, und mit wenigen Sätzen hatte sie den Altar im Zentrum des Kreises erreicht.

Wie von selbst fanden ihre Füße in die Vertiefungen, welche auf der Steinplatte im Boden eingelassen worden waren.

Das ist Wahnsinn, was du da machst, sagte eine Stimme in ihrem Inneren, doch mit einer kühlen, jeder Vernunft widersprechenden Überzeugung wusste sie, dass sie das einzig Richtige tat. Sie war an diesen Ort gekommen, weil es so geschehen musste, denn sie hatte hier etwas zu tun. Hier und jetzt.

Das Feuer flackerte. Der Brand nahm ihr den Atem. Der Kristall, der auf ihrer Brust hing, strahlte die Hitze zurück, die sie von allen Seiten umgab. Er brannte so heiß, dass Gunhild, die den Stein noch immer umklammert hielt, ihn mit einem Aufschrei losließ.

Der Kristall schien gewachsen zu sein; zumindest erschien er ihr größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Keine geschliffene Träne aus Glas, sondern ein funkelndes Juwel, das die Flammen des Buschfeuers in sich einfing und in seinem roten Herzen sammelte. War es nur der Widerschein der Glut oder hatte sich die einfache Silberkette, an der er gehangen hatte, wirklich zu einem Band aus schwerem, gedrehtem Gold gewandelt?

Gunhild schwindelte. Der große Felsblock, der vor ihr aufragte, schien in dem flackernden Schein zu verschwimmen. Die Spiralen und Ornamente, die seine Oberfläche bedeckten, wanden und drehten sich und lösten sich auf, wie ein Gewebe, das sich entflicht, wenn der Kettfaden durchschnitten wird. Gunhild konnte nicht mehr hinsehen. Sie schloss die Augen.

Die Feuersbrunst brandete über sie hinweg und erlosch. Stille trat ein. Selbst das Knistern, das den Steinkreis erfüllt hatte, war verstummt. Dafür erwachten die nächtlichen Geräusche der Natur: das Rascheln in den Bäumen, das Huschen im Gebüsch; irgendwo in weiter Ferne der Schrei eines Käuzchens.

Gunhild öffnete die Augen. Und was sie sah, erfüllte sie mit solch wundersamem Staunen, dass sie keine Worte dafür fand.

Der Stein in Zentrum des Kreises, der unmittelbar vor ihr gestanden hatte, unverrückbar und fest, war verschwunden. An seiner Stelle stand das schönste Geschöpf, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

Sein glattes Fell schimmerte wie Seide. Seine Mähne war lang und weich; eine sanfte Brise spielte darin, die von einem fernen Sommer kündete. Seine Augen waren groß und blau wie der Himmel und funkelten wie Edelsteine. Aus seinen fein geschnittenen Nüstern stob ein Dunst, der wie Diamanten glitzerte, und wenn es den schlanken Kopf hochwarf, spielte das Licht auf dem gedrehten Horn, das aus seiner Stirn emporwuchs.

Das Einhorn senkte den Kopf und sah Gunhild an.

In seinem Blick lag die ganze Unschuld, die nur einem Wesen eigen ist, das geboren wurde, als die Welt noch neu und jung war. Ein solches unerschütterliches Vertrauen war darin zu lesen, dass Gunhild Tränen in die Augen traten. Wie durch einen Schleier sah sie das Wesen auf sich zutreten. Sein nadelspitzes Horn, scharf wie die Hörner eines Stieres, war nur noch eine Handbreit von ihrem Gesicht entfernt.

Und da bekam sie es mit der Angst zu tun. Nein, Angst war das falsche Wort; es war vielmehr eine tief sitzende Unsicherheit. Das Einhorn war so rein und schön, dass es nicht in diese Welt hineingehörte, und sie … sie war nicht würdig, ihm hier gegenüberzustehen, als wären sie von gleicher Art.

Sie erinnerte sich, dass sie einmal gelesen hatte, nur eine Jungfrau könne das Einhorn zähmen …

Das Einhorn hob den Kopf. Die Welt, die den Atem angehalten hatte, begann wieder zu fließen. Wind spielte in der seidigen Mähne, bauschte sie auf. Ein Heulen lag im Wind wie von fernen Stimmen.

Erschreckt warf das Einhorn den Kopf zurück. Muskeln spannten sich unter der schimmernden Haut, als das Tier mit einem Aufblitzen des Horns davonsprang und floh.

»Nein! Bleib hier! Lauf nicht fort!«, rief Gunhild.

Doch der magische Augenblick war vorbei. Was zwischen ihnen gewesen war, würde nie wieder so sein; es war unwiederbringlich verloren.

»Neeiiin!«

Wie ein gejagtes Wild hetzte das überirdische Wesen hin und her. Und jetzt hörte Gunhild es auch. Es war nicht nur der Wind, der zwischen den Steinen heulte. Die Laute kamen von ferner her. Es war ein Heulen wie von einer Meute auf der Jagd, von Hunden …

… oder von Wölfen?

Es gibt keine Wölfe in England, sagte sich Gunhild, wie um sich selbst Mut zu machen. Doch sie war sich nicht sicher, ob sie noch in England war.

Der Steinkreis lag im Dunkeln. Ein letztes Flackern umspielte die vom Brand geschwärzten Felsen. Die Steine, die zuvor in den unterschiedlichsten Winkeln gestanden oder gelegen hatten, ragten gerade wie Pfeiler in den Nachthimmel empor. Wolkenfetzen, von Licht gerändelt, zogen vor der silbernen Scheibe des Mondes vorbei, dessen Glanz die Nacht erhellte.

Als sie hierher gekommen war, hatte kein Mond geschienen.

Das helle Fell des Einhorns schimmerte zwischen den Steinen. Von ferne – nein, näher schon, viel zu nahe – drang das Knacken von Zweigen und Geäst an ihr Ohr. Es klang wie eine Meute, die durch das Unterholz brach.

Das Einhorn verharrte am Rande des Kreises.

»Lauf!«, schrie Gunhild ihm zu. »Lauf, so schnell du kannst! Ich werde sie aufhalten …«

Ein letztes Aufblitzen in der Dunkelheit, dann war das scheue Wesen draußen auf freiem Gelände.

Aber Gunhild sah es schon nicht mehr.

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