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Die Kinder des Universums

Über den Autor

Ken Follett, geb. 1949 in Wales, von Beruf Journalist, wurde mit seinem Thriller »Die Nadel« weltberühmt. Follett ist Autor von mehr als einem Dutzend Bestsellern. Brillante Erzählkunst verbindet sich in seinen Büchern mit fundierter Sachkenntnis.

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel Eins
Onkel – Wer?

Ich wusste gar nicht, dass wir einen Onkel Grigorian haben“, sagte Fritz Price.

„Es ist auch ein merkwürdiger Name“, meinte seine Zwillingsschwester Helen. „Bist du sicher, dass du ihn richtig verstanden hast, Tubs?“

„Nenn mich nicht Tubs!“, sagte Tubs.

Die Zwillinge Helen und Fritz saßen auf der niedrigen Ziegelmauer vor der Fassade von Sunnyview, dem von Mrs Price geführten Gästehaus am Meer. Das Haus hatte trotz seines Namens eigentlich gar keine Aussicht, es sei denn, man zählte die Reihe von Gästehäusern auf der anderen Straßenseite mit. Wenigstens war es sonnig – es war Ende Juli, mitten im Sommer.

Sie hatten soeben zu Mittag gegessen, und während sie überlegten, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollten, beobachteten sie die vorfahrenden Neuankömmlinge, die ihre Wagen bis zum Dachgepäckträger vollgeladen hatten mit Koffern, Klappstühlen, Thermoskannen, Eimern und Schaufeln.

Eigentlich hatten Helen und Fritz nach einer Möglichkeit gesucht, wie sie Tubs für den Rest des Tages aus dem Weg gehen konnten. Er war ihr Cousin, hieß eigentlich Jonathan, und war drei Jahre jünger als sie selbst und, wie Fritz nicht müde wurde zu betonen, eine richtige Klette eben, ein kleines fettes Ärgernis. Es war jedes Mal das Gleiche, wenn er in den Sommerferien nach Sunnyview auf Urlaub kam. Zuerst gaben sich die Zwillinge die größte nur erdenkliche Mühe und waren nett zu ihm, nahmen ihn abends mit zum Schwimmen, wenn der Strand weniger überfüllt war, schlossen ihn in ihre Kricketspiele bei Sonnenschein ein und beim Monopoly, wenn es draußen regnete, und zeigten ihm ihr geheimes Versteck im Brombeergestrüpp auf dem Weg über die Klippen, von dem aus man die Kaninchen beobachten konnte.

Dann – nach ein paar Tagen – wurde ihnen seine kindliche Art zuviel und sie versuchten, ihn zu ignorieren. Was jedes Mal dazu führte, dass er mit lauter, schrill klagender Stimme verlangte, bei allem dabei zu sein, und darin endete, dass die Zwillinge ihm zu entkommen trachteten.

Genau das hatten sie auch diesmal geplant, als er aus dem Haus gekommen war – nachdem er wie üblich länger für sein Mittagessen gebraucht hatte als jeder andere und verkündet hatte, dass Onkel Grigorian im Anmarsch sei. Und wie die meisten ihrer Unterhaltungen mit Tubs führte auch diese schnell zu einem Streit wegen seines Spitznamens.

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„Mein Name ist Jonathan“, sagte Tubs fordernd.

„Fritz heißt mit richtigem Namen Richard“, sagte Helen. „Er beschwert sich auch nicht.“ Fritz hatte ein Büschel Haare über der Stirn, das steil in die Luft ragte, ganz gleich, wie sehr er sich bemühte, es zu bändigen. Er mochte seinen Spitznamen nicht, doch er war alt genug, um zu wissen, dass die Leute sich erst recht in eine Sache hineinsteigerten, wenn man Aufhebens darum machte.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er Stunden vor dem Spiegel verbracht in dem Bemühen, sein Haar mit Bürste, Wasser und Gel zu glätten – nichts hatte funktioniert. Heutzutage trug er die Haare an den Seiten ziemlich lang, mit diesem hochstehenden Büschel vorn sah er ein wenig aus wie der junge Sänger Rod Stewart und das gefiel ihm.

„Außerdem kann ich nichts für meine Haare“, sagte Fritz. „Aber du könntest ein wenig von deinem Babyspeck loswerden.“

„Das mag sein, wie es will“, sagte Tubs hochnäsig. „Ich hab jetzt nämlich einen anderen Spitznamen.“

„Ach ja?“

„Ja. Ich bin jetzt Ringo Kid.“ Bei diesen Worten zog Tubs einen imaginären Revolver aus einem nicht vorhandenen Halfter, tat so als ob er auf seinen Cousin und seine Cousine schoss und galoppierte auf einem imaginären Pferd zurück ins Haus.

„Du lieber Himmel, noch fünf Wochen davon“, stöhnte Fritz.

„Komm, wir versuchen mehr über diesen Onkel in Erfahrung zu bringen“, schlug Helen vor.

Sie sprangen von der Mauer und durchquerten den Vorgarten, der eigentlich kein Garten war, sondern ein Parkplatz für die Gäste. Das Haus war voll mit Sommerfrischlern, sie kamen und gingen mit ihrem Gepäck, suchten Toiletten, das Fernsehzimmer, den Speisesaal. Die Zwillinge fanden ihre Mutter oben in einem der Zimmer, wo sie ein Bett richtete.

Sie trug einen Nylon-Pullover und Hosen, was sie unscheinbar wirken ließ. Wenn sie sich zurechtmachte und ein wenig Make-up auflegte, sah sie überraschend attraktiv aus. Sie sagte immer, sie wäre einundzwanzig, was Fritz für sehr albern hielt, weil jeder sehen konnte, dass sie mindestens vierzig oder bald fünfzig sein musste.

Sobald die Zwillinge den Raum betreten hatten, spannte sie Helen ein. „Hilf mir mit der anderen Seite des Bettbezugs, ja? Janice ist unten und Mrs Williams hat sich ausgerechnet heute wieder krank gemeldet.“ Janice und Mrs Williams bildeten die Belegschaft des Gästehauses – Frank Cheesewright nicht mitgezählt, der Gelegenheitsarbeiten erledigte und Mrs Price im Winter hin und wieder ins Kino ausführte.

Helen stopfte das Bettlaken unter die Matratze, während Fritz sich dadurch nützlich zu machen versuchte, dass er einen Papierkorb in einen zweiten leerte.

„Haben wir wirklich einen Onkel Grigorian, der uns besuchen kommt?“, fragte Helen.

„Ja, und ich hoffe bei Gott, dass er nicht übernachten möchte, weil ich bereits eine Familie unterbringen muss, die anders als erwartet mit zwei Kindern angereist ist, keine Ahnung, wie ich das machen soll.“

„Wie kommt es, dass wir noch nie von ihm gehört haben?“, fragte Fritz. „Wo wohnt er? Warum kommt er hierher?“

Mrs Price schüttelte die Kissen auf und begann mit dem zweiten Bett. „Er lebt auf einer Farm in Wales, und ich habe keine Ahnung, warum er herkommt. Er sagt, er will uns sehen.“

„Aber warum haben wir nie von ihm gehört?“

Eine hübsche junge Frau, nur ein paar Jahre älter als Helen, kam mit einer Tasse Tee in der Hand ins Zimmer. „Oh, Janice, wie lieb von dir! Genau was ich jetzt brauche“, sagte Mrs Price. Sie setzte sich auf die Bettkante und rührte in der Tasse, während die Zwillinge geduldig auf eine Erklärung bezüglich ihres mysteriösen Onkels warteten.

„Wir sind ihm nur einmal begegnet“, sagte ihre Mutter schließlich. „Bei der Beerdigung eures Vaters. Ihr erinnert euch wahrscheinlich nicht mehr daran.“ Ihre Stimme nahm einen forschen, geschäftsmäßigen Tonfall an, wie jedes Mal, wenn sie den Vater der Zwillinge erwähnte. Er war bei einem Autounfall gestorben, als sie noch sehr klein gewesen waren, und Mrs Price hatte das Gästehaus von dem Geld gekauft, das die Lebensversicherung ausgezahlt hatte.

„Euer Vater wusste nie genau, wie viele Brüder er eigentlich hatte“, fuhr sie fort. „Die Familie wurde während des Krieges über ganz Polen verstreut. Euer Vater war mehr oder weniger Waise, als er hierherkam, und er hat nie wieder etwas von seiner Familie gehört. Wie dem auch sei, als er starb, las euer Onkel Grigorian die Todesanzeige in der Zeitung und kam zur Beerdigung. Er lebte damals in Deutschland und war zufällig geschäftlich in England unterwegs gewesen.

Er war sehr nett zu mir und bot mir an, mich finanziell zu unterstützen, doch ich brauchte das Geld nicht. Nach der Beerdigung bin ich ihm nie wieder begegnet. Wie es scheint, lebt er jetzt in Großbritannien und möchte uns wiedersehen. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wie er ausgesehen hat.“

Mutters Erklärung hatte, wie Fritz hinterher gegenüber seiner Schwester gestand, den unbekannten Onkel um so mysteriöser gemacht. Wie sich herausstellte, hatte er eigenartige Daumen. Es war Helen, die es zuerst bemerkte. Sie wuchsen aus einer Stelle nahe der Mitte der Handwurzel anstatt aus der Seite. Als Tubs es nach Helens Hinweis ebenfalls sah, meinte er, dass Onkel Grigorian ein Mann aus dem Weltraum sei, um sodann Fritz mit einem imaginären Strahlenblaster zu erschießen.

Abgesehen von den eigenartigen Daumen, war er genau das, was man von einem Onkel so erwartete. Er besaß einen Kinn- und Schnurrbart, hattte glitzernde Augen, er trug einen Anzug mit Weste und war ziemlich klein und rundlich.

Fritz interessierte sich mehr für sein Auto, einen roten „Triumph“. Fritz sagte, er hätte Benzineinspritzung und ginge ab wie eine Rakete.

„Frank Cheesewright sagt, ein Wagen wäre so gut wie der andere, solange er anspringt, wenn man den Zündschlüssel dreht, und der Motor erst ausgeht, wenn man ihn wieder abstellt“, meinte Helen.

„Das liegt daran, dass Frank Cheesewright nur einen gebrauchten Ford fährt und weniger über Autos weiß als du“, entgegnete Fritz. Die Zwillinge zankten jede Menge, und obwohl sie es niemals zugegeben hätten, kamen sie am besten miteinander aus, wenn Tubs in der Nähe war, den sie dann gemeinsam schikanieren konnten.

Dieser sich hier jetzt anbahnende Streit zumindest wurde durch Janice beendet, noch bevor er richtig angefangen hatte. Sie rief die Zwillinge zum Tee ins Haus. Die Familie nahm ihren Tee relativ zeitig in Sunnyview, um fertig zu sein, wenn die Gäste um halb sieben zu Abend aßen. An diesem Nachmittag gab es Schinken und Salat, eigens für Onkel Grigorian, der einen gesegneten Appetit hatte.

Während er Tee trank und eine Menge Brot und Butter und Honig vertilgte, erzählte er der Familie von seiner Farm. „Eigentlich ist es eher ein halber Berg“, sagte er grinsend. „Ich habe mehrere Hundert Schafe, deren Hauptaufgabe darin besteht, das Gras niedrig zu halten. Ich halte außerdem ein paar Schweine, die eigentlich keine Probleme machen, es sei denn, sie flüchten. Sie sind schwerer zu fangen als der Teufel, wenn sie erst einmal entlaufen sind.“

Helen kicherte bei dem Gedanken an den kleinen, pummeligen Onkel Grigorian, der aufgeregt über den Bauernhof watschelte beim Versuch, ein ausgebüxtes Hausschwein einzufangen.

Nach dem Tee krempelte der Onkel die Hemdsärmel hoch, band sich eine geblümte Schürze um und bestand darauf, den Abwasch zu erledigen.

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