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Die Kinder des Kapitän Grant, Band 3

Erstes Capitel.
Der Macquarie.

Wenn die Aufsucher des Kapitän Grant jemals Veranlassung hatten, an seinem Wiederauffinden zu verzweifeln, war es dann nicht gerade jetzt der Fall, wo ihnen plötzlich Alles fehlte? Von welchem Punkte der Erde aus sollte man eine neue Expedition unternehmen? Auf welche Weise neue Länder durchforschen? Der Duncan war nicht mehr vorhanden und selbst eine unmittelbare Rückkehr in die Heimat unmöglich. So war also das Unternehmen der edlen Schotten fehlgeschlagen. Ein Mißerfolg! Trauriges Wort, das in einer thatkräftigen Seele kein Echo findet; und doch mußte Glenarvan, unter den Schlägen des Geschickes, seine Ohnmacht, dieses aufopferungsvolle Werk fortzusetzen, eingestehen.

Mary Grant hatte unter diesen Verhältnissen die Seelenstärke, den Namen ihres Vaters gar nicht mehr auszusprechen. Sie unterdrückte ihre eigene Angst, indem sie an die unglückliche umgekommene Schiffsbesatzung dachte. Die Tochter trat vor der, Freundin in den Hintergrund, und jetzt war sie es, welche Lady Glenarvan tröstete, von der sie sonst so viel Tröstung empfangen hatte. Sie sprach zuerst von der Rückkehr nach Schottland.

John Mangles zollte ihr alle Bewunderung, sie so muthig und so resignirt zu sehen.

Ein letztes Wort wollte er zu Gunsten des Kapitän Grant sprechen, Mary aber verhinderte es durch einen Blick und sagte später zu ihm:

»Nein, Herr John, denken wir an Die, welche sich für uns aufgeopfert haben. Lord Glenarvan muß nach Europa zurückkehren.

– Sie haben Recht, Miß Mary, er muß, erwiderte John Mangles. Auch müssen die englischen Behörden von dem Schicksale des Duncan unterrichtet werden. Aber geben Sie nicht alle Hoffnung auf. Die von uns begonnenen Nachforschungen werde ich, anstatt sie aufzugeben, vielmehr allein wieder aufnehmen! Ich werde den Kapitän Grant wiederfinden oder bei dem Versuche untergehen!«

Es war eine ernste Verpflichtung, welche John Mangles auf sich nahm. Mary ging darauf ein, und hielt dem jungen Kapitän die Hand hin, wie um den Vertrag zu vollziehen. Seitens John Mangles' bedeutete er eine Aufopferung Zeit seines Lebens, seitens Mary's eine unwandelbare Dankbarkeit.

Noch an diesem Tage wurde die Abreise endgiltig beschlossen. Man wollte ohne Säumen Melbourne zu erreichen suchen.

Am anderen Tage erkundigte sich John Mangles nach den in der Abfahrt begriffenen Schiffen, wobei er auf eine häufige Verbindung zwischen Eden und der Hauptstadt von Victoria hoffte.

Seine Erwartung wurde getäuscht. Schiffe waren nur wenige da. Drei bis vier Fahrzeuge, welche in der Twofold-Bai ankerten, bildeten die ganze Handelsflotte des Platzes, von denen aber keines nach Melbourne, Sidney oder Point-de-Galle bestimmt war. Nur in diesen drei Häfen Australiens aber konnte Glenarvan Schiffe finden, die in Ladung nach England wären.

Die Peninsular Oriental steam navigation Company unterhält nämlich einen regelmäßigen Packetbootdienst zwischen diesen Plätzen und der Metropole Großbritanniens.

Was war nun zu thun? Ein Schiff abwarten? Das hätte leicht sehr lange dauern können, denn die Twofold-Bai ist wenig besucht. Es gehen auf hoher See wohl viele Fahrzeuge an ihr vorüber, landen aber nicht daselbst.

Glenarvan entschied sich nach manchen Ueberlegungen und Besprechungen dafür, auf den Wegen längs der Küste nach Sidney zu gehen, als Paganel noch einen Vorschlag machte, dessen sich Niemand versehen hätte.

Der Geograph hatte der Bai von Twofold auch selbst einen Besuch abgestattet. Er wußte, daß eine Gelegenheit nach Melbourne oder Sidney fehlte. Von den drei Fahrzeugen auf der Rhede aber machte sich das eine nach Auckland, der Hauptstadt von Ika-na-Maoui, jener nördlich gelegenen Insel Neu-Seelands, segelfertig. Darauf hin schlug Paganel vor, das betreffende Schiff zu benutzen und nach Auckland zu gehen, von wo aus es leicht sein würde, mit einem Schiffe der Peninsular-Company nach Europa zurückzukehren.

Dieser Vorschlag wurde in ernstliche Erwägung gezogen. Paganel verirrte sich jetzt nicht in jene Reihe von Unterstützungsgründen, mit denen er sonst so verschwenderisch war. Er beschränkte sich auf die Angabe der Thatsache unter der Hinzufügung, daß die Ueberfahrt nicht länger als fünf bis sechs Tage dauern könne. Die Entfernung von Australien bis Neu-Seeland beträgt in der That nur tausend (englische) Meilen.

In Folge eines sonderbaren Zusammentreffens lag Auckland genau in der Linie des siebenunddreißigsten Breitengrades, dem die Forscher von der Küste Araukaniens an hartnäckig folgten. Sicher hätte der Geograph, ohne darum der Parteilichkeit geziehen zu werden, das als ein seinem Vorschlage günstiges Argument benutzen können. Wirklich war es ja eine ganz natürliche Gelegenheit, die steile, klippenreiche Küste Neu-Seelands zu besuchen.

Paganel wollte aber daraus keinen Vortheil ziehen. Nach zweifachem Mißgeschick mochte er eine dritte Auslegung des Documentes ohne Zweifel nicht wagen. Was hätte er demselben auch noch entnehmen sollen? In jenem war zweifellos ausgesprochen, daß dem Kapitän Grant ein »Continent« und nicht eine Insel als Zuflucht gedient habe. Neu-Seeland war aber eben nur eine Insel. Das erschien entscheidend. Doch, wie dem auch sei, ob aus diesem oder irgend einem andern Grunde, Paganel flocht seinem Vorschlage keinen Gedanken an eine neue Durchforschung Neu-Seelands ein. Er betonte nur, daß zwischen diesem Platze und Großbritannien regelmäßige Verbindungen beständen, deren sie sich bequem bedienen könnten.

John Mangles unterstützte Paganel's Vorschlag. Er empfahl seine Annahme deshalb, weil man die sehr zweifelhafte Ankunft eines Schiffes in der Twofold-Bai nicht abwarten könne. Vor allem Weiteren hielt er es aber für angezeigt, das von dem Geographen bezeichnete Schiff zu besuchen. Glenarvan, der Major, Paganel, Robert und er selbst nahmen also ein Boot, und schon nach wenigen Ruderschlägen waren sie an dem Schiffe, welches zwei Kabellängen vom Quai ankerte.

Es war das eine Brigg von zweihundertfünfzig Tonnen, welche der Macquarie hieß. Sie besorgte die Küstenfahrt zwischen verschiedenen Häfen Australiens und Neu-Seelands. Der Kapitän, oder vielmehr der »Master« empfing seine Besucher ziemlich grob. Es war leicht einzusehen, daß man es mit einem Menschen ohne Erziehung zu thun hatte, dessen Manieren sich nicht wesentlich von denen der fünf an Bord befindlichen Matrosen unterschieden. Ein rohes und geröthetes Gesicht, dicke Hände, eine eingedrückte Nase, ein gebrochenes Auge, von der Pfeife beschmutzte Lippen und ein brutales Aussehen machten aus Will Halley eine widerliche Persönlichkeit. Doch, man hatte keine Wahl, und für eine Ueberfahrt von fünf bis sechs Tagen brauchte man ihn nicht so genau anzusehen.

»Was wollen Sie, Sie da? fragte Will Halley die Unbekannten, welche sein Verdeck betraten.

– Der Kapitän? entgegnete John Mangles.

– Bin ich, sagte Halley. Was weiter?

– Der Macquarie ladet nach Auckland?

– Ja. Was weiter?

– Was führt er?

– Alles, was käuflich und verkäuflich ist. Was weiter?

– Wann segelt er ab?

– Morgen mit der Ebbe zu Mittag. Was weiter?

– Nähme er auch Passagiere auf?

– Das kommt auf die Passagiere an und ob sie sich mit der Schiffskost begnügen.

– Sie würden sich selbst verpflegen.

– Was weiter?

– Nun, was weiter?

– Ja, wieviel sind es?

– Neun, darunter zwei Damen.

– Ich habe keine Cabinen.

– Sie würden sich mit der hinteren Koje begnügen, wenn ihnen diese zur Benutzung überlassen würde.

– Was weiter?

– Nun, gehen Sie darauf ein? fragte John Mangles, den die Manieren des Kapitäns ganz und gar nicht in Verlegenheit brachten.

– Werde sehen!« erwiderte der Patron des Macquarie.

Will Halley ging ein- oder zweimal auf und ab, wobei das Verdeck von seinen schweren, eisenbeschlagenen Stiefeln erdröhnte, dann kam er kurz auf John Mangles zu.

»Was zahlt man?

– Was verlangt man? entgegnete John.

– Fünfzig Pfund.«

Glenarvan machte ein Zeichen der Zustimmung. »Gut! Fünfzig Pfund, antwortete John Mangles.

– Aber nur für Ueberfahrt, ohne Alles.

– Ohne Alles.

– Eigene Beköstigung.

– Eigene.

– Einverstanden. Was weiter? sagte Will, der die Hand ausstreckte.

– Nun?

– Das Aufgeld?

– Hier ist die Hälfte des Fahrgeldes, fünfundzwanzig Pfund, sagte John Mangles, und zählte dem Master diese Summe hin, der sie, ohne sich zu bedanken, einstrich.

– Morgen an Bord, sagte er nur. Vormittags. Ob man da ist oder nicht, ich segle ab.

– Man wird da sein.«

Glenarvan, der Major, Robert, Paganel und John Mangles verließen hierauf das Schiff, ohne daß Will Halley seinen Südwester[1], der die rothe Perrücke bedeckte, auch nur mit einem Finger berührte.

»Welcher Tölpel! sagte John.

– Ei nun, mir paßt er, antwortete Paganel. Das ist ein richtiger Seewolf.

– Ein wahrer Bär! versetzte der Major.

– Und ich meine, fügte John Mangles hinzu, daß dieser Bär seiner Zeit auch mit Menschenfleisch gehandelt hat.

– Mag sein! antwortete Glenarvan, wenn er jetzt nur den Macquarie commandirt und der Macquarie nach Neu-Seeland geht. Von der Twofold-Bai bis Auckland werden wir ihn nicht viel sehen, nach Auckland gar nicht mehr.«

Mit Vergnügen hörten Lady Glenarvan und Mary Grant, daß die Abreise für den anderen Tag bestimmt sei. Glenarvan machte sie darauf aufmerksam, daß der Macquarie dem Duncan rücksichtlich des Comforts nicht gleich komme. Nach so vielen Prüfungen waren das aber keine Frauen, sich eine solche Kleinigkeit verdrießen zu lassen. Mr. Olbinett wurde bedeutet, für Proviant zu sorgen. Der arme Mann hatte seit dem Verluste des Duncan oft die unglückliche Mistreß Olbinett beweint, die an Bord geblieben und folglich mit der gesammten Besatzung ein Opfer der Grausamkeit der Sträflinge geworden war. Indeß erfüllte er seine Obliegenheiten als Stewart mit gewohntem Eifer, und die »eigene Beköstigung« bestand in ausgewählten Speisen, welche auf der Brigg niemals Sitte waren. In wenigen Stunden hatte er sich versorgt.

Indessen escomptirte der Major bei einem Banquier die Wechsel, welche Glenarvan auf die Union-Bank in Melbourne besaß. Er wollte weder von Gold, noch von Waffen und Munition entblößt sein. Er erneuerte daher auch sein Arsenal. Paganel verschaffte sich eine ausgezeichnete, von Johnston in Edinburgh herausgegebene Karte Neu-Seelands.

Mit Mulrady ging es nun ganz gut. Kaum erinnerte er sich der Wunde, welche sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Einige Stunden auf dem Meere sollten seine Heilung vollenden. Er hoffte darauf, sich durch die frischen Winde des pacifischen Oceans wieder herzustellen.

Wilson wurde beauftragt, an Bord des Macquarie die Wohnräume für die Passagiere herzurichten. Unter seinen Bürsten und Besen änderte sich das Aussehen der Koje vollkommen. Will Halley zuckte die Achseln, ließ aber den Matrosen gewähren. Um Glenarvan und seine männlichen und weiblichen Begleiter machte er sich keine Sorgen. Er kannte kaum ihre Namen und beunruhigte sich deshalb nicht im Mindesten. Dieser Zuwachs zu seiner Ladung galt ihm fünfzig Pfund, das war Alles, und er schlug ihn geringer an, als die zweihundert Tonnen gegerbte Häute, welche seinen Kielraum füllten. Erst die Häute, dann die Menschen. Es war eben ein Geschäftsmann. Seine Eigenschaften als Seemann betreffend, wurde er für einen guten Practicus in diesen, durch Korallenriffe sehr gefährlichen Meeren gehalten.

In den letzten Stunden dieses Tages wollte Glenarvan noch nach dem durch den siebenunddreißigsten Breitengrad berührten Punkt der Küste zurückkehren. Zwei Gründe trieben ihn dahin.

Einmal wünschte er die angenommene Stelle des Schiffbruches noch einmal zu besuchen. Ayrton war ohne Zweifel Quartiermeister auf der Britannia gewesen, und die Britannia konnte wirklich in dieser Gegend der australischen Küste verloren gegangen sein, hier an der östlichen, statt an der westlichen Küste. Man durfte demnach einen solchen Punkt, den man doch nie wiedersehen würde, nicht so leicht verlassen.

Dann aber war, wenn nicht die Britannia, so doch der Duncan hier in die Hände der Sträflinge gefallen. Vielleicht hatte es einen Kampf gegeben? Warum sollte man am Ufer nicht die Spuren desselben und eines verzweifelten Widerstandes auffinden? Wenn die Besatzung in den Wellen umgekommen war, hätten die Wellen nicht einen Leichnam an die Küste spülen können?

Glenarvan unternahm, von seinem treuen John begleitet, diese Recognoscirung. Der Besitzer des Hotel Victoria stellte ihnen zwei Pferde zur Verfügung, und so nahmen sie den Weg nach Norden, welcher um die Twofold-Bai herumführt, wieder auf.

Es war eine traurige Nachsuchung. Glenarvan und der Kapitän ritten stumm dahin, und verstanden sich doch. Dieselben Gedanken und, als sie wegritten, dieselben Beängstigungen quälten sie. Sie blickten nach den vom Meere ausgehöhlten Felsen; sie brauchten sich gar nicht zu fragen und nicht zu antworten.

Bei John's Eifer und Intelligenz kann man sich versichert halten, daß jeder Punkt des Ufers mit peinlicher Sorgfalt untersucht, und auch die kleinste Bucht genau durchforscht wurde, ebenso wie die geneigte Küste und die Dünen von Sand, wo die Wogen des Stillen Oceans eine Seetrift angetrieben haben könnten. Doch kein Anzeichen fand sich, welches weitere Nachforschungen in dieser Gegend am Meere hätte wünschenswerth erscheinen lassen. Selbst die Spur des Schiffbruches verlor sich damit.

Auch nichts auf den Duncan Bezügliches fand sich vor. Der ganze Küstenstrich war öde.

Da entdeckte John Mangles am Rande des Ufers offenbare Zeichen eines Lagers, und unter isolirten Myalls die Reste eines Feuers aus jüngster Zeit. War hier in den letzten Tagen ein nomadisirender Stamm Eingeborener vorbei gekommen? Nein, denn ein Wahrzeichen fiel Glenarvan in's Auge und belehrte ihn unzweifelhaft, daß es Sträflinge gewesen waren, welche diese Gegend der Küste besucht hatten.

Dieses Zeichen bestand in einem grau und gelben, abgenutzten und geflickten Matrosenkittel, einem elenden Lumpen, der am Fuße eines Baumes zurückgelassen war. Er trug noch die Matrikelnummer eines Sträflings aus Perth. Der Galeerensklave war nicht mehr da, aber seine schmutzige Hinterlassenschaft zeugte für ihn. Nachdem sie irgend welchen Auswürfling bekleidet, verfaulte diese Verbrecher-Livrée nun hier am einsamen Ufer.

»Du siehst, John, sagte Glenarvan, daß die Deportirten bis hierher gekommen sind! Und unsere armen Kameraden vom Duncan? ...

– Ja wohl! erwiderte John mit dumpfer Stimme, gewiß sind sie nicht ausgeschifft worden, sondern umgekommen ...

Die Elenden! rief Glenarvan; wenn sie je in meine Hände fallen, so werde ich meine Besatzung rächen! ...«

Der Schmerz hatte Glenarvan's Züge hart gemacht. Einige Minuten lang schaute der Lord hinaus auf die unendlichen Wogen, um mit dem letzten Blicke vielleicht ein Schiff in der endlosen Weite zu haschen. Dann senkten sich seine Augen, er kam zu sich selbst zurück, und ohne ein Wort zu sprechen oder eine Bewegung zu machen, ritt er im Galop auf dem Wege nach Eden zurück.

Es war noch eine einzige Förmlichkeit zu erfüllen, die Benachrichtigung der zuständigen Behörden über das Vorgefallene. Denselben Abend wurde das noch mit Thomas Banks abgemacht. Dieser Beamte konnte, als er das Protokoll darüber aufnahm, seine Befriedigung nur mühsam verheimlichen. Er war von der Abfahrt Ben Joyce's und seiner Bande einfach entzückt. Die ganze Stadt theilte diese Befriedigung. Die Sträflinge hatten Australien zwar mit Hilfe eines neuen Verbrechens verlassen, indeß, sie hatten es doch verlassen. Diese wichtige Neuigkeit wurde den Behörden von Sidney und Melbourne augenblicklich telegraphirt.

Nach Beendigung seiner Erklärungen kam Glenarvan nach dem Hotel Victoria zurück. Traurig verbrachten die Reisenden diesen letzten Abend. Ihre Gedanken schweiften durch dieses an Unfällen so reiche Land. Sie erinnerten sich der so wohlbegründeten Hoffnungen, die sie am Cap Bernouilli hatten, und die nun an der Twofold-Bai so jämmerlich zu Schanden geworden waren!

Paganel war von einer wirklich fieberhaften Aufregung erfaßt. John Mangles, der ihn seit jenem Ereigniß am Snowyflusse immer beobachtete, fühlte es heraus, daß der Geograph einmal sprechen wollte und einmal wieder nicht. Manchmal hatte er auch schon Fragen an ihn gerichtet, die Jener unbeantwortet ließ.

Diesen Abend aber geleitete John ihn nach seinem Zimmer und fragte ihn, warum er so nervös sei.

»Mein Freund John, erwiderte Paganel ausweichend, ich bin jetzt nicht nervöser als gewöhnlich.

– Herr Paganel, fuhr John fort, Sie haben ein Geheimniß, das Sie drückt.

– Nun, was wollen Sie? fuhr der Geograph auf, das ist auch stärker als ich.

– Was ist stärker als Sie?

– Meine Freude auf der einen, meine Verzweiflung auf der anderen Seite.

– Sie sind erfreut und verzweifelt zugleich?

– Ja, erfreut und verzweifelt, Neu-Seeland zu besuchen.

– Hätten Sie dafür einen Grund? fragte lebhaft John Mangles. Haben Sie etwa die verlorene Fährte wiedergefunden?

– Nein, Freund John. Man kehrt aus Neu-Seeland nicht wieder zurück! Indeß..., nun, Sie kennen ja die menschliche Natur! Es genügt, daß man athme, um zu hoffen! Und mein Wahlspruch «Spiro, spero» ist so viel werth, als alle Wahlsprüche der Welt!«

Zweites Capitel.
Die Vergangenheit des Landes, nach dem die Reise geht.

Die Passagiere wurden am nächsten Tage, dem 27. Januar, in der engen Hinterkoje der Brigg untergebracht. Will Halley hatte den Damen seine Cabine nicht angeboten, was deshalb wenig zu bedauern war, weil die Höhle sich ganz des Bären würdig erwies.

Um halb ein Uhr Mittags ging man mit der Ebbe unter Segel. Der Anker stieg lothrecht auf und wurde nur mit Mühe an Bord gebracht. Von Südwest wehte eine mäßige Brise. Nach und nach wurden die Segel entfaltet; die fünf Leute an Bord arbeiteten nur langsam. Wilson wollte der Mannschaft helfen, aber Halley bat ihn, sich ruhig zu verhalten und sich nicht um Etwas zu kümmern, was ihm Nichts angehe. Er war gewöhnt, allein fertig zu werden und weder Rath noch Hilfe zu beanspruchen.

John Mangles mußte über Ungeschicktheiten bei gewissen Manoeuvres manchmal heimlich lachen, aber auch er nahm sich jene Worte an, und behielt sich nur vor, dann thatsächlich, wenn auch ohne Berechtigung zu interveniren, wenn die Ungeschicktheit der Besatzung die Sicherheit des Schiffes gefährden sollte.

Doch wurden mit der Zeit und den Armen der fünf Matrosen, welche die Flüche des Masters anfeuerten, die Segel beigesetzt. Der Macquarie stach in's hohe Meer mit den vollen unteren Segeln und Backbordhalsen. Später wurden noch die Reff- und Focksegel gehißt. Aber trotz dieses Aufwandes von Leinwand kam die Brigg nur langsam vorwärts. Durch ihre am Vordertheil zu bauchige und an den Seitenwänden zu sehr erweiterte Form, so wie durch die Schwere des Hintertheiles wurde sie zum schlechten Segler, zum wahren Typus eines »Holzschuhes«.

Doch, man mußte sich damit begnügen. Zum Glücke mußte die Rhede von Auckland, so schlecht auch der Macquarie segelte, in fünf, höchstens sechs Tagen erreicht sein.

Um sieben Uhr Abends verschwanden die Küsten Australiens und das Leuchtfeuer von Eden dem Blicke. Bei dem ziemlich unruhigen Meere arbeitete das Schiff stark und fiel schwerfällig in die Höhlungen der Wellen. Die Reisenden bekamen heftige Stöße, welche den Aufenthalt in der Koje sehr peinlich machten. Auf dem Verdecke konnten sie aber wegen strömenden Regens nicht bleiben. Sie sahen sich demnach zu strenger Einschließung verurtheilt.

Jeder überließ sich nun seinen eigenen Gedanken und sprach wenig. Höchstens wechselten Lady Helena und Mary Grant einige Worte. Lord Glenarvan hielt nicht Stand. Er ging ab und zu, während der Major unbeweglich verharrte.

John Mangles ging mit Robert von Zeit zu Zeit nach dem Verdecke hinauf, um das Meer zu beobachten. Paganel endlich murmelte in seiner Ecke unbestimmte und unzusammenhängende Worte.

Wovon träumte der würdige Geograph? Von Neu-Seeland, an welches jetzt das Schicksal ihn verschlug. Er vergegenwärtigte sich dessen ganze Geschichte, und die Vergangenheit dieses unheilvollen Landes trat ihm vor die Augen.

Gab es denn aber in dieser Geschichte eine Thatsache, ein Ereigniß, das die Entdecker dieser Inseln jemals berechtigt hätte, sie für einen Continent anzusehen? Konnte ein Geograph oder Seemann der neueren Zeit ihnen diesen Namen beilegen? Man erkennt, daß Paganel immer noch auf das Document zurückkam, es war ihm das zur fixen Idee geworden. Nach Patagonien und Australien heftete sich seine Einbildung, die durch ein Wort gereizt wurde, an Neu-Seeland. Aber ein Punkt, ein einziger, hielt ihn auf diesem Wege auf.

» Contin ... contin ..., wiederholte er immer, bedeutet doch trotz alledem »Continent»!«

Er verfolgte im Gedächtniß die Seefahrer, welche diese beiden Inseln in den australischen Meeren erforschten.

Am 13. December 1642 landete der Holländer Tasman, nachdem er Vandiemensland entdeckt hatte, an den noch unbekannten Küsten Neu-Seelands. Einige Tage segelte er längs der Küste hin und am 17. fuhren seine Schiffe in eine große Bai ein. welche das Ende einer schmalen, zwischen zwei Inseln verlaufenden Durchfahrt bildete.

Die nördliche Insel war Ika-na-Maoui, neuseeländische Worte, welche »der Fisch des Mauwi« bedeuten. Die südliche war »Tawai-Pouna-Mou«, d. h. »der Wallfisch, welcher Nephriten hervorbringt«.[2]

Abel Tasman sandte seine Boote an's Land, und diese kamen in Begleitung zweier Piroguen voll lärmender Eingeborener zurück. Diese Wilden waren von mittler Größe, brauner und gelber Haut mit vorstehenden Knochen, hatten eine rauhe Stimme und schwarzes Haar, das auf dem Kopfe nach japanesischer Art gebunden und von einer großen weißen Feder überragt war.

Dieses erste Zusammentreffen von Europäern und Eingeborenen schien dauernde freundschaftliche Beziehungen zu versprechen. Am folgenden Tage aber, gerade als eines von Tasman's Booten einen dem Lande näher liegenden Ankerplatz aufsuchen wollte, wurde es durch sieben Piroguen, die mit einer großen Menge Eingeborener bemannt waren, ungestüm angegriffen. Das Canot schlug um und schöpfte Wasser. Der Quartiermeister, der es befehligte, wurde zuerst von einem grobspitzigen Spieße am Halse getroffen. Er fiel in's Meer. Vier von seinen sechs Begleitern wurden getödtet. Die beiden Uebrigen und der Quartiermeister, welche nach den Schiffen zu schwammen, konnten aufgefischt und gerettet werden.

Nach diesem traurigen Vorkommnisse ließ Tasman Segel beisetzen und beschränkte seine Wiedervergeltung darauf, daß er Jenen einige Flintenkugeln entgegen jagen ließ, die sie übrigens voraussichtlich nicht erreichten. Er verließ die Bai, der darnach der Name der »Massacre-Bai« verblieben ist, segelte an der Küste nach Norden hinauf und ankerte am 5. Januar nahe der nördlichen Spitze. An diesem Punkte verhinderte ihn nicht nur die heftige Brandung, sondern auch das feindselige Benehmen der Eingeborenen, Wasser einzunehmen, und er verließ definitiv dieses Land, dem er den Namen »Staten-Land«, zu Ehren der General-Staaten beilegte.

Wirklich vermeinte der holländische Seefahrer, daß jene an die gleichnamigen Inseln grenzten, die im Osten von Feuerland, an der Südspitze Amerikas entdeckt worden waren. Er glaubte, den »großen südlichen Continent« gefunden zu haben.

»Aber, sagte sich Paganel, was ein Seefahrer des siebenzehnten Jahrhunderts einen «Continent« nennen konnte, das kann ein solcher des neunzehnten Jahrhunderts nicht ebenso nennen. Ein solcher Irrthum ist nicht anzunehmen! Nein, hierin liegt noch Etwas, was mir bis jetzt entgeht!«

Ueber ein Jahrhundert lang wurde Tasman's Entdeckung vergessen, und Neu-Seeland schien für Niemand mehr vorhanden zu sein, als es ein französischer Seefahrer, Surville, unter'm 35° 37' zu Gesicht bekam. Ueber die Ureinwohner hatte er sich nicht gerade zu beklagen, die Winde waren aber sehr heftig und es entwickelte sich ein Sturm, während dessen die Schaluppe, welche die Kranken trug, an das Ufer der Bai du Réfuge geworfen wurde. Dort nahm ein Häuptling, namens NaguïNoui, die Franzosen ganz gut auf und verpflegte sie in seiner eigenen Hütte. Alles ging ganz gut, bis ein Boot Surville's gestohlen wurde. Vergebens forderte es Surville zurück und glaubte für diesen Diebstahl ein Dorf, welches er völlig niederbrannte, bestrafen zu müssen. Eine schreckliche und ungerechte Rache, die den blutigen Repressalien, deren Schauplatz Neu-Seeland noch werden sollte, nicht unähnlich war.

Am 6. October 1769 erschien der berühmte Cook an diesen Küsten. Mit seinem Schiffe »The Endeavour« ankerte er in der Bai von Taoué-Roa, und suchte sich die Bewohner durch gute Behandlung zu verbinden. Um diese Leute aber gut zu behandeln, mußte man damit beginnen, sie zu erlangen. Cook zögerte nicht, zwei bis drei gefangen nehmen zu lassen und ihnen seine Wohlthaten aufzunöthigen.

Diese wurden dann, mit Geschenken und Liebenswürdigkeiten überhäuft, sofort an's Land zurückgesendet. Bald kamen, verlockt durch ihre Berichte, mehrere Eingeborene freiwillig an Bord und machten Tauschgeschäfte mit den Europäern. Einige Tage später wandte sich Cook nach der Hawkes-Bai, einer mächtigen Ausbuchtung an der Ostküste der nördlichen Insel. Dort traf er auf kriegerische, lärmende und herausfordernde Eingeborene. Ihre Demonstrationen gingen so weit, daß es nothwendig wurde, sie durch einen Kartätschenschuß zurück zu weisen.

Am 20. October ankerte der Endeavour in der Toku-Malou-Vai, an der eine friedfertige Bevölkerung von zweihundert Seelen lebte. Die Schiffsbotaniker machten lohnende Ausflüge in das Land, und die Eingeborenen brachten sie in ihren eigenen Piroguen an das Ufer. Cook besuchte zwei durch Pallisaden, Brustwehren und doppelte Gräben vertheidigte Dörfer, welche tiefere Kenntnisse im Lagerbau erkennen ließen. Das bedeutendste dieser Forts lag auf einem Felsen, der bei der Hochfluth eine vollständige Insel wurde. Ja noch mehr als eine Insel, denn nicht nur umspülten es die Wogen, sondern sie brausten auch durch ein natürliches, sechzig Fuß hohes Joch, auf welchem dieser unbesteigliche »Pah« lag.

Am 31. März gab Cook, nachdem er in fünf Monaten eine reiche Ernte an merkwürdigen Gegenständen, einheimischen Pflanzen und ethnographischen und ethnologischen Documenten gehalten hatte, der Straße, welche die beiden Inseln trennt, seinen Namen und verließ Neu-Seeland. Er sollte auf seinen späteren Reisen wieder dahin zurückkommen.

Wirklich erschien der große Seeheld im Jahre 1773 wieder in der Hawkes-Bai, und war Zeuge wahrhaft cannibalischer Auftritte. Der Vorwurf, sie hervorgerufen zu haben, traf aber seine Leute. Officiere, welche am Lande die verstümmelten Gliedmaßen eines jungen Wilden gefunden hatten, brachten diese mit an Bord, »ließen sie kochen« und boten sie dann den Eingeborenen an, welche sich gierig darauf stürzten. Ach, welche traurige Phantasie, sich auf diese Weise zu Köchen einer Menschenfressermahlzeit herabzuwürdigen!

Auch auf seiner dritten Reise besuchte Cook diese Länder, welche er besonders liebte und deren hydrographische Aufnahme er zu vollenden trachtete. Zum letzten Male verließ er sie am 25. Februar 1777.

Im Jahre 1791 verweilte Vancouver zwanzig Tage in der Sombre-Vai, ohne irgend welchen Vortheil für die Naturwissenschaften oder die Geographie. D'Entrecasteaux nahm im Jahre 1793 fünfundzwanzig Meilen der Küste im Norden von Ika-na-Maoui auf.

Die Kauffahrerkapitäne Hausen und Dalrympe, und später Baden, Richardson und Moody machten dort kurzen Halt, und der Doctor Savage sammelte während eines Aufenthaltes von fünf Wochen interessante Beiträge zu den Sitten der Neu-Seeländer.

In demselben Jahre, nämlich 1895, schiffte sich der Neffe des Häuptlings Rangui-Hou, der intelligente Doua-Tara, auf der in der Bai der Inseln ankernden und vom Kapitän Baden befehligten Argo mit ein.

Vielleicht liefern die Abenteuer Doua-Tara's noch einem Maori-Homer den Stoff zu einem Heldengedicht. Sie waren reich an Unglück, Ungerechtigkeiten und schlechter Behandlung; Treulosigkeit, Beschlagnahme seines Eigenthums, Schläge und Wunden erntete der arme Wilde für seine guten Dienste. Welche Gedanken mußte er sich von Leuten machen, die sich civilisirt nannten. Man brachte ihn nach London, und machte ihn zum Matrosen letzter Classe, zum Sündenbocke der Mannschaften. Ohne den Reverend Marsden wäre er fast um's Leben gekommen. Dieser Missionär interessirte sich für den jungen Wilden, an dem er eine sichere Urtheilskraft, einen guten Charakter und ausgezeichnete Eigenschaften der Sanftmuth, Dankbarkeit und Leutseligkeit erkannte. Marsden ließ seinem Günstling einige Säcke Korn und landwirthschaftliche Instrumente für seine Heimat zukommen. Dieser kleine Vorrath ward ihm gestohlen. Unglück und Leiden verfolgten den armen Doua-Tara bis i814, wo man ihn endlich wieder in dem Lande seiner Vorfahren antrifft. Er wollte nun die Früchte so vieler Schicksalsschläge pflücken, als ihn in seinem achtundzwanzigsten Lebensjahre der Tod ereilte, gerade als er sich anschickte, dieses blutdürstige Neu-Seeland zu regeneriren. Gewiß wurde die Civilisation durch diesen unersetzlichen Verlust um viele Jahre verzögert. Nichts ersetzt ja einen intelligenten und guten Mann, der in seinem Herzen die Liebe zum Guten mit der zu seinem Vaterlande verbindet.

Bis zum Jahre 1816 wurde Neu-Seeland vernachlässigt. Zu dieser Zeit bereisten Thompson, 1817 Lidiard Nicholas, 1819 Marsden verschiedene Theile beider Inseln, und 1820 hielt sich Richard Cruise, Kapitän im vierundachtzigsten Infanterie-Regiment, sechs Monate hier auf, was für die Kenntniß von den Sitten der Eingeborenen von großem Vortheil war.

Im Jahre 1824 verblieb Duperrey, der Commandant der Coquille, vierzehn Tage in der Bai der Inseln, und konnte die Eingeborenen nur loben.

Nach ihm mußte sich im Jahre 1827 der Wallfahrer Mercury gegen Beraubung und Mord vertheidigen; in demselben Jahre aber wurde der Kapitän Dillon bei zweimaligem Aufenthalte sehr gastlich aufgenommen.

Im März 1827 konnte der berühmte Dumont d'Urville mehrere Nächte ungestraft und ohne Waffen unter den Eingeborenen zubringen, Geschenke und Gesänge wechseln, in den Hütten schlafen und ohne gestört zu werden, seine interessanten Aufnahme-Arbeiten verfolgen, die dem Depot der Marine so schöne Karten geliefert haben.

Dagegen hatte die von John James befehligte englische Brigg Hawes, welche die Bai der Inseln berührt und sich dann nach dem Ostcap gewendet hatte, von Seiten eines perfiden Häuptlings, namens Enararo, viel zu leiden. Mehrere von der Besatzung starben eines schrecklichen Todes.

Nach diesen sich widersprechenden Erfahrungen, diesem Wechsel von Milde und Barbarei, ist man zu dem Schlusse genöthigt, daß die Grausamkeiten der Neu-Seeländer oft nur Repressalien waren. Gute oder schlechte Behandlung hingen von guten oder schlechten Kapitänen ab. Gewiß sind einzelne ungerechtfertigte Angriffe seitens der Eingeborenen vorgekommen, aber meist waren es nur von den Europäern provocirte Acte der Rache, und zum Unglück fiel die Züchtigung auf Die zurück, welche sie nicht verdient hatten.

Nach d'Urville wurde die Ethnographie Neu-Seelands durch einen kühnen Forscher vervollständigt, der als Nomade, als wissenschaftlicher Zigeuner, zwanzigmal die ganze Erde bereiste, durch den Engländer Earle. Er besuchte die unbekannten Gegenden beider Inseln, ohne sich persönlich über die Eingeborenen zu beklagen zu haben, doch war er oft Zeuge der Menschenfresserei. Die Neu-Seeländer verzehrten sich gegenseitig mit einer widerlichen Wollust.

Das beobachtete auch der Kapitän Laplace im Jahre 1831 wieder, als er die Bai der Inseln besuchte. Schon waren die Kämpfe furchtbarer geworden, denn die Wilden handhabten die Feuerwaffen mit bemerkenswerther Sicherheit. Die früher blühenden und bevölkerten Landstriche von Ika-na-Maoui waren zu Einöden geworden. Ganze Völkerschaften waren verschwunden wie Schafheerden, nämlich gebraten und aufgegessen worden.

Die Missionäre haben vergeblich gegen diesen instinctiven Blutdurst angekämpft. Seit 1808 hat die Church Missionary Society ihre gewandtesten Agenten – denn das ist der für sie passende Name – nach den Hauptstationen der nördlichen Insel entsendet; die Barbarei der Neu-Seeländer zwang sie aber, die Missionen wieder aufzuheben. Allein im Jahre 1814 schifften sich Marsden, der Beschützer Doua-Tara's, Hall und King in der Bai der Inseln aus, und kauften den Häuptlingen für den Preis von zwölf eisernen Aexten ein Stück Land von zweihundert Ackern ab, welches der Sitz der anglikanischen Gesellschaft wurde.

Der Anfang war schwer, indeß respectirten die Eingeborenen das Leben der Missionäre. Sie nahmen ihre Pflege und ihre Lehren an. Einige menschenscheue Eingeborene wurden sanfter. Das Gefühl der Dankbarkeit erwachte in ihren entmenschten Herzen. Im Jahre 1824 kam es sogar vor, daß die Neu-Seeländer ihre »Ariki's«, d. h. die Geistlichen, gegen rohe Matrosen, welche sie belästigten und ihnen mit übler Behandlung drohten, vertheidigten.

Mit der Zeit blühten indessen die Missionen empor, trotz der Anwesenheit aus Port Jackson entsprungener Sträflinge, welche die eingeborene Bevölkerung demoralisirten.

Im Jahre 1831 berichtet das »Journal des Missions évangéliques« von zwei umfangreichen Niederlassungen, die eine in Kidi-Kidi, an den Ufern des Canals, der in der Bai der Inseln in's Meer ausläuft; die andere in Paï-Hia, an den Ufern desFlusses Kawa-Kawa. Die zum Christenthume bekehrten Eingeborenen hatten unter Leitung der Ariki's Straßen hergestellt, Wege durch die ungeheuren Wälder gebrochen und Brücken über die Bergströme geschlagen. Jeder Priester zog, wenn die Reise an ihm war, aus, den entlegeneren Stämmen die civilisirende Religion zu predigen, errichtete Capellen von Binsen oder Baumrinde, Schulen für die jungen Eingeborenen, und von dem Dache dieser bescheidenen Bauwerke flatterte die Fahne der Mission, die das christliche Kreuz und die Worte: »Rongo-Pai« (so heißt in neuseeländischer Sprache das Evangelium) trug.

Unglücklicher Weise erstreckt sich der Einfluß der Missionäre nicht über ihre Etablissements hinaus. Die ganze umherziehende Bevölkerung entgeht ihrer Einwirkung. Der Cannibalismus ist nur bei den Christen unterdrückt, und noch jetzt dürfte man die Neubekehrten wohl keiner allzu harten Prüfung unterwerfen. Der Instinct des Blutes lebt noch in ihnen.

Im Uebrigen ist der Kriegszustand in jenen wilden Gegenden geradezu chronisch. Die Seeländer sind keine verthierten Australier, die vor der europäischen Einwanderung zurückweichen; sie widerstehen, vertheidigen sich, hassen ihre Bedränger, und eben jetzt treibt sie ein unbesiegbarer Haß gegen die englischen Emigranten in den Kampf. Die Zukunft dieser großen Insel steht auf einem Würfelfall. Entweder erwartet sie eine unmittelbare Civilisirung, oder, je nach der Entscheidung der Waffen, eine tiefe Barbarei für lange Jahrhunderte.

So hatte Paganel mit vor Ungeduld brennendem Gehirn die Geschichte Neu-Seelands seinem Geiste wieder aufgefrischt. Nichts darin gestattete aber, dieses aus zwei Inseln bestehende Land als einen Continent zu betrachten, und wenn einige Worte des Documentes auch seine Einbildung erweckt hatten, so hielten ihn die beiden Silben »contin« doch bei jeder neuen Erklärung auf dem eingeschlagenen Wege zurück.

Drittes Capitel.
Die Metzeleien in Neu-Seeland.

Am 31. Januar, also vier Tage nach seiner Abfahrt, hatte der Macquarie noch nicht zwei Drittheile des so schmalen Meerestheiles zwischen Australien und Neu-Seeland zurückgelegt. Will Halley bekümmerte sich sehr wenig um die Manoeuvres seines Schiffes; er ließ Alles seinen Gang gehen. Nur selten ließ er sich sehen, worüber sich zu beklagen Niemandem einfiel. Selbst wenn er die ganze Zeit in seiner Cabine zugebracht hätte, so wäre darüber Nichts zu sagen gewesen, wenn der rohe Master sich nicht tagtäglich in Gin oder Brandy halb berauscht hätte. So ahmten ihm aber auch seine Matrosen gern nach, und niemals segelte wohl ein Fahrzeug mehr der Gnade Gottes überlassen, als der Macquarie aus der Twofold-Bai.

Die unverzeihliche Sorglosigkeit bedingte eine unausgesetzte Überwachung seitens John Mangles'. Mulrady und Wilson drehten mehr als einmal den Helmstock des Steuerruders, wenn eine falsche Stellung desselben die Brigg auf die Seite legen wollte. Oft kam Will Halley dazu und tractirte die beiden Seeleute mit einem Schwall von Flüchen. Diese wünschten nur, Jenen schnüren und für die Zeit der Ueberfahrt am Tau in den Schiffsraum hinablassen zu können. John Mangles hielt sie aber zurück und dämpfte nicht ohne Mühe ihre gerechte Entrüstung.

Immerhin machte ihn diese Lage des Schiffes befangen; um jedoch Glenarvan nicht zu beunruhigen, äußerte er sich darüber nur gegen den Major und Paganel. Mac Nabbs gab ihm, nur mit anderen Worten, denselben Rath, wie Mulrady und Wilson.

»Wenn Ihnen diese Maßregel nützlich erscheint, John, sagte Mac Nabbs, so dürfen Sie nicht zögern, das Commando, oder wenn Sie lieber wollen, die Leitung des Schiffes zu übernehmen. Dieser Trunkenbold wird, wenn wir in Auckland ausgeschifft sind, wieder Herr an seinem Bord, und mag dann kentern, wenn es ihm Spaß macht.

– Ich würde es ohne Zweifel thun, Herr Mac Nabbs, entgegnete John, wenn es unbedingt nöthig wäre. So lange wir jedoch auf offener See sind, wird etwas Wachsamkeit hinreichen; meine Matrosen und ich, wir verlassen das Verdeck nicht. Ich gestehe aber, daß ich, wenn wir uns der Küste nähern und dieser Will Halley nicht wieder zur Vernunft gekommen wäre, in große Verlegenheit kommen könnte.

– Könnten Sie da nicht den Curs bestimmen? fragte Paganel.

– Das dürfte schwierig sein, erwiderte John. Können Sie glauben, daß sich nicht einmal eine Seekarte an Bord befindet?

– Wirklich nicht?

– Wirklich nicht. Der Macquarie besorgt nur die Küstenfahrt zwischen Eden und Ausland, und Will Halley ist auf diesem Meere so zu Hause, daß er keinerlei Aufnahme vornimmt.

– Er bildet sich ohne Zweifel ein, daß sein Fahrzeug den Weg schon kennt und ihn allein findet.

– O, o, fiel John Mangles ein, ich glaube nicht an Schiffe, die einen Weg allein finden, und wenn Will Halley beim Landen angetrunken sein sollte, dürfte er uns in die größte Verlegenheit setzen.

– Nun, geben wir uns der Hoffnung hin, meinte Paganel, daß er in der Nähe des Landes wieder vernünftig sein wird.

– Also würden Sie, fragte Mac Nabbs, gegebenen Falles nicht im Stande sein, den Macquarie nach Auckland zu führen?

– Ohne eine Karte von der Küste ist das unmöglich. Die steilen Ufer derselben sind ungemein gefährlich.

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