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Die Kinder des Kapitän Grant, Band 2

Erstes Capitel.
Die Rückkehr an Bord.

Die ersten Augenblicke wurden dem Glücke des Wiedersehens gewidmet. Lord Glenarvan wollte nicht durch den Mißerfolg der Nachforschungen die Freude in den Herzen seiner Freunde abkühlen. Daher waren auch Folgendes seine ersten Worte:

»Vertrauen, meine Freunde, Vertrauen! Noch ist zwar Kapitän Grant nicht bei uns, doch haben wir die Gewißheit, ihn aufzufinden.«

Es bedurfte auch nichts Geringeres, als einer solchen Versicherung, um die Hoffnung der Passagiere des Duncan wieder zu erwecken.

Wirklich hatten Lady Helena und Mary Grant, wahrend das Boot sich der Yacht wieder näherte, tausend Qualen der Erwartung empfunden. Vom Hinterverdeck herab versuchten sie die an Bord Zurückkehrenden zu zählen. Bald verzweifelte das junge Mädchen, bald glaubte sie im Gegentheil Harry Grant zu sehen. Ihr Herz klopfe; sie vermochte nicht zu sprechen und kaum hielt sie sich aufrecht. Lady Helena umschloß sie mit den Armen. John Mangles, der nahe bei ihr hinausblickte,schwieg still; seine Seemannsaugen, die so gewöhnt waren, ferne Gegenstände zu unterscheiden, entdeckten den Kapitän nicht.

»Er ist da! Er kommt! Mein Vater!« sagte das junge Mädchen.

Als sich aber die Schaluppe nach und nach näherte, wurde jede Täuschung unmöglich. Die Reisenden waren keine hundert Klafter mehr vom Bord entfernt, als nicht nur Lady Helena und John Mangles, sondern auch Mary selbst, deren Augen in Thränen schwammen, jede Hoffnung verloren hatten. Es war hohe Zeit, daß Lord Glenarvan ankam und seine beruhigenden Worte hören ließ.

Nach den ersten Umarmungen wurden Lady Helena, Mary Grant und John Mangles über die Hauptereignisse der Expedition unterrichtet, und vor Allem theilte Glenarvan die neue Auslegung des Documentes mit, die man dem Scharfsinn Jacques Paganel's verdankte. Er pries auch Robert's Lob, auf den Mary mit gutem Rechte stolz sein konnte. Sein Muth, seine Ergebenheit, die Gefahren, die er durchgemacht hatte, Alles wurde von Glenarvan in helles Licht gesetzt, so daß der junge Mensch nicht wußte, wo er sich verbergen sollte, wenn er nicht in den Armen seiner Schwester eine Zuflucht gefunden hatte.

»Da ist Nichts zu erröthen, sagte John Mangles, Du hast Dich eines Sohnes des Kapitän Grant würdig betragen!«

Er streckte seine Arme nach dem Bruder Mary Grant's aus, und preßte ihm seine Lippen auf die Wangen, die noch von den Thränen des jungen Mädchens feucht waren.

Erwähnen müssen wir auch, welcher Empfang dem Major und dem Geographen zu Theil wurde, und wie ehrenvoll man des edelmüthigen Thalcave gedachte. Lady Helena bedauerte, die Hand des braven Indianers nicht drücken zu können. Mac Nabbs hatte gleich nach den ersten Herzensergießungen seine Cabine aufgesucht, wo er sich mit ruhiger, sicherer Hand rasirte. Paganel flog wie eine Biene von Einem zum Andern, und erntete Ehrenbezeigungen und freundliches Lächeln ein. Er wollte die ganze Gesellschaft des Duncan umarmen, und da seiner Ansicht nach Lady Helena ebenso dazugehörte, wie Mary Grant, so begann er damit bei diesen und hörte endlich bei Mr. Olbinett auf.

Der Steward glaubte eine solche Höflichkeit nicht besser erwidern zu können, als mit der Ankündigung des Frühstücks.

»Das Frühstück! rief Paganel laut.

– Ja, Herr Paganel, erwiderte Mr. Olbinett.

– Ein wirkliches Frühstück, auf einem wirklichen Tische, mit Gedeck und Servietten?

– Ja wohl, Herr Paganel.

– Und wir werden kein Charqui, keine harten Eier und kein Straußfilet zu essen bekommen?

– Oho, mein Herr! entgegnete der Wirthschaftsmeister, der sich in seinem Fache gekränkt fühlte.

– Ich wollte Sie nicht beleidigen, lieber Freund, sagte lächelnd der Gelehrte. Einen Monat lang war das bei uns so das tägliche Brod, und wir speisten, nicht etwa an einem Tische sitzend, sondern auf der Erde liegend, wenn wir nicht gar dabei auf den Aesten eines Baumes ritten. Das Frühstück, welches Sie eben anmeldeten, erschien mir demnach wie ein Traum, eine Einbildung, wie eine Chimäre!

– Nun wohlan denn, Herr Paganel, fiel Lady Helena ein, die sich des Lachens kaum erwehren konnte, wir wollen schnell die Wirklichkeit desselben bestätigen.

– Hier, mein Arm, sagte der galante Geograph.

– Ew. Herrlichkeit haben mir keine Befehle in Betreff des Duncan zu ertheilen? fragte John Mangles.

– Nach dem Frühstücke, lieber John, erwiderte Glenarvan, werden wir das Programm unserer neuen Expedition mit Ruhe besprechen.«

Die Passagiere der Yacht, nebst dem jungen Kapitän derselben, gingen die Treppe hinunter. Dem Maschinenmeister wurde aufgegeben, gespannten Dampf zu halten, um auf das erste Zeichen abfahren zu können. Der Major, der frisch rasirt war, und die Reisenden, welche oberflächlich Toilette gemacht hatten, nahmen an der Tafel Platz.

Man that Mr. Olbinett's Frühstück alle Ehre an. Es wurde für ausgezeichnet und vorzüglicher als die splendidesten Festmahle in den Pampas erklärt. Paganel langte von jeder Schüssel, »aus Zerstreuung«, wie er sagte, zweimal zu.

Dieses unglückselige Wort veranlaßte Lady Glenarvan zu der Frage, ob der liebenswürdige Franzose nicht einige Male in seinen Erbfehler verfallen sei. Der Major und Lord Glenarvan sahen sich lächelnd an. Paganel selbst brach ganz freimüthig in Lachen aus und verpflichtete sich auf Ehrenwort, wahrend der ganzen Reise keine Zerstreutheit mehr zu begehen. Dann erzählte er sehr anziehend von seinem Unglück und von seinen tiefen Studien über Camoen's Meisterwerke.

»Alles in Allem, fügte er zum Schluß hinzu, ist doch jedes Unglück zu Etwas gut, und ich bedaure meinen Irrthum nicht.

– Und warum nicht, mein werther Freund, fragte der Major.

– Weil ich nun nicht allein das Spanische, sondern auch das Portugiesische kenne! Ich spreche zwei Sprachen, statt einer!

– Meiner Treu! Daran hatte ich nicht gedacht, antwortete Mac Nabbs. Meinen Glückwunsch, Paganel, meinen aufrichtigen Glückwunsch!«

Alle sprachen Paganel ihren Beifall aus, wobei dieser sich keinen Bissen entgehen ließ. Er aß und plauderte gleichzeitig; er bemerkte aber eine besondere Erscheinung nicht, welcher Glenarvan nicht entgehen konnte: Die Aufmerksamkeiten, welche John Mangles seiner Nachbarin Mary Grant erwies. Ein leichter Wink von Seiten der Miß Helena belehrte ihren Gemahl, daß es »richtig war«. Mit liebevoller Theilnahme sah Glenarvan die beiden jungen Leute an und richtete eine Frage, aber ganz andern Inhalts, an John Mangles.

»Nun, und Ihre Fahrt, John, fragte er, wie ist sie abgelaufen?

– Ganz vortrefflich, erwiderte der Kapitän. Ich habe Ew. Herrlichkeit nur zu melden, daß wir nicht durch die Magelhaensstraße gefahren sind.

– Ei! rief Paganel, Sie sind um das Cap Horn gefahren und ich bin nicht dabei gewesen!

– Nein! Da hängte ich mich auf! sagte der Major.

– Egoist! Sie ertheilen mir diesen Rath? Ich sollte Ihnen den Strick zum Aufhängen schicken.

– Sehen Sie, mein lieber Paganel, fiel Glenarvan ein, wenn man nicht gerade die Eigenschaft der Allgegenwart besitzt, kann man eben nicht überall dabei sein. Und, da Sie die Ebene der Pampas mit durchwanderten, konnten Sie doch nicht gleichzeitig das Cap Horn umschiffen.

– Das hindert mich aber nicht, es zu bedauern«, erwiderte der Gelehrte.

Man setzte dieses Gespräch nicht weiter fort und ließ es bei letzterer Antwort bewenden. John Mangles ergriff wieder das Wort und erstattete über seine Fahrt Bericht. Auf dem Wege längs der amerikanischen Küste hatte er alle westlichen Inselgruppen durchforscht, ohne eine Spur von der Britannia zu finden. Als er am Cap Pilares, dem Eingange in die Magelhaensstraße, ankam, war dort widriger Wind, so daß man nach Süden zusteuerte; der Duncan fuhr an der Insel Désolation vorbei, ging bis zum siebenundfünfzigsten Grade südlicher Breite, umsegelte Cap Horn, lief durch die Straße Lemaire, an Feuerland vorüber, und folgte dann der Küste Patagoniens. In der Höhe des Cap Corrientes hatte das Schiff furchtbare Windstöße auszuhalten, dieselben, welche den Reisenden während des Gewitters so sehr zusetzten. Die Yacht hielt sich sehr gut, und seit drei Tagen lavirte John Mangles auf hoher See, als ihm die Schüsse des Carabiners die Ankunft der so ungeduldig erwarteten Reisenden verkündete. Bezüglich der Lady Glenarvan und Miß Grant hätte der Kapitän des Duncan sehr ungerecht sein müssen, wenn er deren seltene Unerschrockenheit hatte verkennen wollen. Der Sturm erschreckte sie nicht, und wenn sie einige Zeichen von Furcht gaben, so rührten diese von dem Gedanken an ihre Freunde her, welche noch durch die Ebenen der Republik Argentina zogen. So endete John Mangles Berichterstattung, welche ihnen die Glückwünsche Lord Glenarvan's einbrachten. Dann wendete sich dieser an Miß Grant:

»Meine liebe Miß, sagte er, ich sehe, daß der Kapitän John ihren hervorragenden Eigenschaften alle Ehre widerfahren läßt, und ich bin glücklich in dem Gedanken, daß es Ihnen ebenfalls an Bord seines Schiffes nicht mißfällt.

– Wie sollte das auch anders sein? erwiderte Mary, die Lady Helena und vielleicht auch den jungen Kapitän ansah.

– O, meine Schwester liebt Sie gar sehr, Herr John, rief Robert, und ich, ich liebe Sie auch!

– Und ich erwidere Dir diese Zuneigung, mein lieber Junge«, antwortete John Mangles, der durch die Worte Robert's etwas verlegen wurde, wie denn auch eine leichte Röthe über Mary Grant's Antlitz flog.

Dann setzte John Mangles, der das Gespräch auf einen weniger verfänglichen Gegenstand lenken wollte, hinzu:

»Nachdem ich nun über die Reise des Duncan berichtet habe, möchte Ew. Herrlichkeit uns nicht einige Einzelheiten von Ihrer Ueberlandreise durch Amerika, und von den Thaten unseres jungen Helden mittheilen?«

Nichts konnte Lady Helena und Miß Grant angenehmer sein, als diese Erzählung. Lord Glenarvan beeilte sich, ihre Neugier zu befriedigen. Er erzählte, ohne etwas zu übergehen, die ganze Reise von einem Ocean zum andern. Die Uebersteigung der Anden, das Erdbeben, das Verschwinden Robert's und seine Entführung durch den Condor, den Schuß Thalcave's, die Episode mit den rothen Wölfen, die Aufopferung Robert's, die Geschichte mit dem Sergeant Manuel, die Überschwemmung, die Zufluchtsstätte auf dem Ombu, ferner die Erzählung von dem Blitzstrahl, der Feuersbrunst, den Kaimans, der Trombe, der Nacht am Ufer des Atlantischen Oceans – alle diese erfreulichen oder schrecklichen Einzelheiten erregten wechselweise die Freude oder den Schrecken seiner Zuhörer. Mancher Umstand wurde berichtet, der Robert die Zärtlichkeiten seiner Schwester und der Lady Helena einbrachten; nie fühlte sich ein Knabe so innig und von so enthusiastischen Freundinnen umarmt.

Als Lord Glenarvan seine Erzählung beendet hatte, fügte er hinzu:

»Nun, meine Freunde, denken wir an die Gegenwart; was vergangen, ist vergangen. Die Zukunft gehört uns; kommen wir nun auf Kapitän Harry Grant zurück.«

Das Frühstück war zu Ende; die Teilnehmer sammelten sich in dem Privatsalon der Lady Glenarvan; sie nahmen rund um einen Tisch Platz, der mit Karten und Plänen bedeckt war, und bald war das Gespräch im Gange.

»Meine liebe Helena, sagte Lord Glenarvan, als ich au Bord kam, verkündete ich, daß, wenn die Schiffbrüchigen der Britannia auch nicht mit uns zurückkämen, wir doch mehr als je die Hoffnung hätten, sie wieder aufzufinden. Unsere Reise quer durch Amerika hat uns diese Ueberzeugung, oder besser gesagt, die Gewißheit verschafft, daß das Unglück weder an der Küste des Stillen, noch des Atlantischen Occans stattgefunden hat. Daraus folgt natürlicher Weise, daß die aus dem Documente hergeleitete Auslegung, wenigstens was dabei Patagonien betrifft, eine irrige war. Zum Glück hat unser Freund Paganel, durch eine Art plötzlicher Erleuchtung, diesen Irrthum bemerkt. Er legte uns dar, daß wir uns auf falschem Wege befänden, und hat das Document in einer Weise erläutert, die jeden Zweifel in uns niederschlug. Es handelt sich hier um das in französischer Sprache geschriebene Document, welches ich Paganel hier zu erklären bitten möchte, damit in dieser Hinsicht Niemand mehr einen Zweifel hege.«

Als sich der Gelehrte in die Lage gesetzt sah, zu reden, that er's sogleich; er verbreitete sich über die Wortstücke -gonieund ini- in der überzeugendsten Weise; aus dem Stücke austral leitete er mit Notwendigkeit das Wort Australien ab; er zeigte, daß der Kapitän Grant, indem er Peru verließ, um nach Europa zurückzukehren, auf einem rhedelosen Schiffe durch die südlichen Strömungen des Stillen Oceans bis zu den Ufern Australiens habe verschlagen werden können; kurz, seine geistreichen Hypothesen, seine feinen Schlußfolgerungen errangen sich den vollen Beifall selbst John Mangles, der in solchen Dingen ein schwer zu gewinnender Richter war und sich von phantastischen Ausschweifungen nicht hinreißen ließ.

Als Paganel seinen Vortrag geendet hatte, meldete Glenarvan an, daß der Duncan sofort Australien zusteuern werde.

Indessen wünschte der Major, bevor der Befehl ertheilt würde, die Fahrt nach Osten zu beginnen, noch einige Bemerkungen zu machen.

»Sprechen Sie, Mac Nabbs, erwiderte Glenarvan. – Es ist nicht meine Absicht, sagte der Major, die Beweiskraft der Argumente meines Freundes Paganel abzuschwächen, noch weniger, sie ganz abzuweisen; ich halte sie für gewichtig, für weise und unserer ganzen Aufmerksamkeit werth, und sie müssen mit gutem Grunde die Basis unserer zukünftigen Nachforschungen bilden. Ich wünsche aber, daß sie einer letzten Prüfung unterzogen werden, um sie zu ganz unbestreitbarem und unbestrittenem Werthe zu erheben.«

Man konnte oder wollte dem klugen Mac Nabbs nicht entgegentreten, und seine Zuhörer lauschten ihm mit einer gewissen Aengstlichkeit.

»Fahren Sie fort, Major, sagte Paganel, ich bin bereit, alle ihre Fragen zu beantworten.

– Mein Frage ist ganz einfach, begann der Major. Als wir vor nun fünf Monaten im Golf von Clyde die drei Documente durchstudirten, schien uns ihre Erklärung ganz einleuchtend. Keine andere Küste, als die Westküste Patagoniens konnte der Schauplatz des Schiffbruches gewesen sein. Hierüber kam uns auch nicht der Schatten eines Zweifels.

– Eine ganz richtige Bemerkung, fiel Glenarvan ein.

– Später, fuhr der Major fort, als sich Paganel durch eine von der Vorsehung herbeigeführte Zerstreutheit bei uns mit einschiffte, wurden ihm die Documente vorgelegt und er billigte rückhaltslos unsere Nachforschungen an der amerikanischen Küste.

– Das gestehe ich zu, antwortete der Geograph.

– Und doch haben wir uns getäuscht, sagte der Major.

– Wir haben uns getäuscht, wiederholte Paganel. Aber um sich zu täuschen, Mac Nabbs, braucht man nur ein Mensch zu sein, während derjenige ein Thor ist, der in seiner Täuschung beharrt.

– Erlauben Sie Paganel, erwiderte der Major, ereifern Sie sich nicht. Ich verlange gar nicht, daß unsere Nachforschungen in Amerika noch fortgesetzt werden sollen . ..

– Nun, und was verlangen Sie denn? fragte Glenarvan.

– Ein Geständniß, nichts weiter, das Eingeständniß, daß Australien jetzt mit der nämlichen Sicherheit der Ort des Schiffbruches der Britannia ist, wie es vorher Amerika war.

– Das gestehen wir gerne zu, antwortete Paganel.

– Ich nehme davon Act, fuhr der Major fort, und benutze das, um Ihre Gedanken zu veranlassen, daß sie solchen Augenscheinlichkeiten, welche sich hinter einander widersprechen, etwas mißtrauen. Wer weiß, ob uns nach Australien nicht ein anderes Land dieselben Gewißheiten bieten, und ob, wenn diese Untersuchungen vergeblich gewesen, es uns dann nicht »zweifellos« erscheinen wird, sie anderswo von Neuem vornehmen zu müssen?«

Glenarvan und Paganel sahen sich einander an. Die Bemerkungen des Majors machten durch ihre Richtigkeit Eindruck auf sie.

– Ich wünsche demnach, fuhr Mac Nabbs fort, daß wir eine letzte Prüfung vornehmen, bevor die Richtung nach Australien eingeschlagen wird.

– Hier sind die Documente und hier sind Karten. Gehen wir nach einander alle diejenigen Punkte durch, welche der siebenunddreißigste Parallelkreis schneidet, und sehen wir, ob sich nicht ein anderes Land findet, auf welches das Document genau hinweisen möchte.

– Nichts ist leichter und kürzer, antwortete Paganel, denn glücklicherweise ist kein Ueberfluß von Ländern in dieser Breite.

– Nun, wir wollen sehen«, sagte der Major, und breitete einen englischen nach Mercator's Projection entworfenen Planiglob aus, der auf einem Blatt die ganze Erdkugel darstellte.«

Die Karte wurde vor Lady Helena gelegt und Jedermann stellte sich so, um Paganel's Darlegungen folgen zu können.

»Wie ich Ihnen schon mitgetheilt habe, sagte der Geograph, trifft der siebenunddreißigste Breitengrad, nachdem er Süd-Amerika durchschnitten hat, auf die Inseln Tristan d'Acunha. Jedenfalls bin ich der Meinung, daß kein Wort aus den Documenten auf diese Inseln Bezug hat.«

Nach genauester Prüfung der Documente mußte man zugeben, daß Paganel Recht habe. Tristan d'Acunha wurde einstimmig verworfen.

»Weiter, fuhr der Geograph fort. Beim Verlassen des Atlantischen Oceans kommen wir zwei Grad unter dem Cap der Guten Hoffnung vorbei und gelangen in den Indischen Ocean. Nur eine einzige Inselgruppe findet sich dort auf unserm Wege, die der Amsterdam-Inseln. Wir wollen sie derselben Prüfung wie Tristan d'Acunha unterziehen.«

Nach aufmerksamster Durchsicht wurden die Amsterdam-Inseln ihrerseits ausgeschieden.

Kein einziges ganzes oder zerstückeltes deutsches, englisches oder französisches Wort paßte auf diese Gruppe des Indischen Oceans.

»Wir gelangen nun zu Australien, fuhr Paganel fort; der siebenunddreißigste Parallelkreis trifft diesen Continent am Cap Bernouilli, er verläßt ihn bei der Twofold-Bai. Sie werden mit mir, und ohne dem Texte Zwang anzuthun, übereinstimmen, daß das englische Wortstück . . .stra und das französische austral sich auf Australien beziehen können. Die Sache ist so einleuchtend, daß ich nicht weiter darauf eingehe.«

Jedermann billigte Paganel's Schlußfolgerungen. Dieses System vereinte alle Wahrscheinlichkeiten zu seinem Gunsten.

»Gehen wir weiter, sagte der Major.

– Recht gern, erwidert der Geograph, die Reise ist sehr leicht. Verläßt man die Twofold-Bai und überschreitet den Meeresarm, der im Osten Australiens hinzieht, so trifft man auf Neu-Seeland. Vor Allem will ich Sie daran erinnern, daß das Wort contin... aus dem französischen Schriftstücke unwiderleglich auf einen »Continent« hindeutet. Kapitän Grant kann also keine Zuflucht auf Neu-Seeland, da dieses nur eine Insel ist, gefunden haben. Doch wie dem auch sei, prüfen Sie, vergleichen Sie, wenden Sie die Worte und sehen, wenn es möglich ist, ob sie auf diese neue Gegend passen könnten.

– Auf keinerlei Weise, antwortete John Mangles, der die Documente und den Planiglob mit möglichster Sorgfalt prüfte.

– Nein, fügten die Zuhörer Paganel's, und der Major selbst, nein, von Neu-Seeland kann keine Rede sein.

– Und nun, fuhr der Geograph fort, durchschneidet der siebenunddreißigste Breitegrad in dem ganzen ungeheuren Raum, der diese große Insel von der amerikanischen Küste trennt, nur noch eine unfruchtbare und verlassene Insel.

– Und diese heißt? . . . fragte der Major.

– Betrachten Sie die Karte. Es ist die Insel Maria Theresia, ein Name, von dem ich in den drei Documenten keine Spur entdecke.

– Keine Spur, bestätigte Glenarvan.

– Ich überlasse es nun Ihnen, meine Freunde, zu entscheiden, ob nicht alle Wahrscheinlichkeiten, um nicht Gewißheiten zu sagen, zu Gunsten des australischen Continentes sprechen.

– Ganz zweifellos, erwiderten einstimmig die Passagiere und der Kapitän des Duncan.

– John, sagte darauf Glenarvan, Sie haben Lebensmittel und Kohle in hinreichender Menge?

– Ja, Ew. Herrlichkeit, ich habe mich in Talcahuano reichlich damit versehen, und übrigens wird die Capstadt uns Gelegenheit bieten, unser Brennmaterial leicht zu erneuern.

– Wohlan denn, so nehmen Sie den Weg . . .

– Noch eine Bemerkung, sagte der Major, seinen Freund unterbrechend.

– Theilen Sie uns dieselbe mit, Mac Nabbs.

– Wie groß nun auch die Garantien des Erfolges sein mögen, die uns Australien bietet, würde es nicht geboten erscheinen, einen oder zwei Tage auf die Inseln Tristan d'Acunha und Amsterdam zu verwenden? Sie liegen in unserem Course, bringen uns also keineswegs von unserem Wege ab. Wir werden auf diese Weise erfahren, ob die Britannia dort keine Spuren ihres Schiffbruches hinterlassen hat.

– Der ungläubige Major! rief Paganel, er besteht auf seinem Kopfe. – Ich bestehe vorzüglich darauf, den Weg nicht zweimal zu machen, wenn Australien zufällig die Hoffnungen nicht erfüllen sollte, die es jetzt erweckt.

– Diese Vorsicht scheint mir gut, meinte Glenarvan.

– Und ich werde Sie nicht davon abzubringen suchen, warf Paganel ein. Im Gegentheil.

– Nun denn, John, befahl Glenarvan, steuern Sie auf Tristan d'Acunha.

– Im Augenblick, Ew. Herrlichkeit«, erwiderte der Kapitän und bestieg sein Verdeck, während Robert und Mary lebhafte Worte des Dankes an Lord Glenarvan richteten.

Bald entfernte sich der Duncan von der Küste Amerikas, und sein schneller Vordersteven theilte, in der Richtung nach Osten, die Wogen des Atlantischen Oceans.

Zweites Capitel
Tristan d'Acunha.

Wäre die Yacht der Linie des Aequators gefolgt, so hätten die hundertundsechsundneunzig Längengrade, welche Australien von Amerika, oder genauer Cap Bernouilli von Cap Corrientes trennen, elftausendsiebenhundertsechzig Seemeilen betragen. Auf dem siebenunddreißigsten Breitengrade stellen diese hundertundsechsundneunzig Längengrade, in Folge der Kugelform der Erde, nur neuntausendvierhundertundachtzig Seemeilen dar. Von der amerikanischen Küste bis Tristan d'Acunha rechnet man zweitausendeinhundert Meilen, eine Entfernung, welche John Mangles in zehn Tagen zurückzulegen hoffte, vorausgesetzt, daß nicht scharfe Ostwinde den Lauf der Yacht verzögerten. Uebrigens hatte er allen Grund zufrieden zu sein, denn gegen Abend fiel die Brise merklich ab, schlug dann um, und der Duncan konnte auf ruhigem Meere alle seine unvergleichlichen Eigenschaften zur Geltung bringen.

Schon an demselben Tage hatten die Passagiere alle ihre Lebensgewohnheiten an Bord wieder aufgenommen. Es schien, als hätten sie das Schiff während eines Monats nicht verlassen. Nach dem Wasser des Großen Oceans dehnte sich jetzt das des Atlantischen Weltmeeres vor ihren Augen aus, und bis auf wenige feinere Unterschiede waren alle Wogen einander ähnlich. Die Elemente, welche sie erst so furchtbar geprüft hatten, vereinigten jetzt alle Kräfte, sie zu begünstigen. Friedlich war der Ocean, günstig wehte der Wind, und das ganze, von einer westlichen Brise geschwellte Segelwerk unterstützte den in dem Kessel aufgespeicherten, unermüdlichen Dampf.

Diese schnelle Fahrt ging ohne Zufall und ohne Unfall von statten. Mit Vertrauen hoffte man auf die australische Küste. Die Wahrscheinlichkeiten wurden zu Gewißheiten. Man sprach vom Kapitän Grant, als ob die Yacht ihn in einem bestimmten Hafen abholen sollte. Seine Cabine und die Lagerstätten für seine zwei Begleiter wurden hergerichtet. Mary Grant gefiel sich darin, sie mit eigener Hand zu ordnen und zu schmücken. Sie war ihr von Mr. Olbinett abgetreten worden, der tatsächlich das Zimmer der Mss. Olbinett theilte. Diese Cabine grenzte an die berühmte Nummer sechs, welche an Bord der Scotia für Jacques Paganel bestimmt gewesen war.

Der gelehrte Geograph hielt sich dort fast immer eingeschlossen. Er arbeitete vom Morgen bis zum Abend an einem Werke unter dem Titel: »Erhabene Eindrücke eines Geographen in den Pampas Argentiniens.« Man hörte ihn mit bewegter Stimme seine eleganten Perioden prüfen, bevor er sie den Weißen Blättern seines Collectaneenbuches anvertraute, und mehr als einmal rief er, Klio, der Muse der Geschichtschreibung, ungetreu, in seiner Begeisterung Kalliope, die Muse des epischen Gesanges, an.

Paganel war sich darüber auch nicht im Unklaren. Apollo's keusche Töchter verließen für ihn willig die Gipfel des Parnaß oder des Helikon. Lady Helena entbot ihm darüber ihre aufrichtigen Complimente. Der Major beglückwünschte ihn auch wegen dieser mythologischen Besuche.

»Aber vor Allem, fügte er hinzu, keine Zerstreuungen, mein lieber Paganel, und wenn es Ihnen zufällig in den Sinn käme, australisch zu lernen, so studiren Sie mir es nicht etwa aus einer chinesischen Grammatik!«

An Bord ging Alles vortrefflich. Lord und Lady Glenarvan beobachteten mit Interesse John Mangles und Mary Grant. Sie fanden Nichts dagegen einzuwenden, und, da John nicht davon sprach, war es entschieden am besten, den Gegenstand nicht zu berühren. »Was wird Kapitän Grant dazu denken? sagte da Glenarvan einmal zu Lady Helena.

– Er wird denken, daß John Mary's würdig ist, mein lieber Edward, und er wird sich nicht täuschen.«

Inzwischen steuerte die Yacht rasch ihrem Ziele zu. Am 16. November, fünf Tage, nachdem man Cap Corrientes aus dem Gesichte verloren hatte, wehten günstige Westwinde, dieselben, welche sich die Schiffer beim Umsegeln der Südspitze Afrikas gegenüber den dort gewöhnlichen Südostwinden gern zu Nutze machen.

Der Duncan zog alle Segel auf und fuhr wagehalsig rasch weiter. Seine Schraube griff kaum in das fließende Wasser ein, welches der Vordersteven durchschnitt, und es schien, als wäre er im Wettkampf mit den Yachten des Royal-Thames-Club.

Am andern Tage erschien der Ocean mit ungeheuren See-Eichen bedeckt, die einem großen mit Gewächsen erfüllten Teiche glichen. Man konnte meinen, man befinde sich in einem sogenannten Tang-Meer, wie sie sich aus den Resten von Bäumen und Pflanzen, welche von benachbarten Continenten entführt werden, bilden. Lieutenant Maury hat sie ganz speciell der Aufmerksamkeit der Schifffahrer empfohlen. Der Duncan schien über eine große Wiese hinzugleiten, welche Paganel ganz richtig mit den Pampas verglich, und die seinen Lauf etwas verzögerte.

Vierundzwanzig Stunden später, bei Tagesanbruch, rief die Stimme des auslugenden Matrosen:

»Land! Land!

– In welcher Richtung? fragte Tom Austin, der die Wache hatte.

– Unter dem Winde«, erwiderte der Matrose.

Auf diesen immer aufregenden Zuruf hin bevölkerte sich plötzlich das Verdeck. Bald streckte sich am Oberdeck ein Fernrohr aus, dem Jacques Paganel unmittelbar nachfolgte.

Der Gelehrte sah in der angegebenen Richtung durch sein Instrument, konnte aber Nichts, was einem Lande ähnlich war, bemerken.

– Sehen Sie mehr nach den Wolken, sagte John Mangles zu ihm.

– Wirklich, erwiderte Paganel, man würde eine Art fast noch unbemerkbaren Pic zu sehen glauben.

– Das ist Tristan d'Acunha, antwortete John Mangles.

– Nun, wenn mein Gedächtniß treu ist, fuhr Paganel fort, müssen wir gegen achtzig Meilen davon entfernt sein, denn der Pic von Tristan ist bei einer Höhe von siebentausend Fuß so weit sichtbar.

–- Ganz richtig«, erwiderte Kapitän John Mangles.

Wenige Stunden später wurde die sehr hohe und sehr zerklüftete Inselgruppe am Horizonte vollkommen sichtbar. Die kegelförmige Kuppe von Tristan hob sich schwarz von dem glänzenden Himmel ab, der in der Farbenpracht der aufgehenden Sonne schimmerte. Bald sonderte sich auch an der Spitze eines nach Nordosten gerichteten Dreiecks die Hauptinsel von der Felsmasse ab. Tristan d'Acunha liegt unter 37° 8' südlicher Breite und 10° 44' östlicher Länge von Greenwich.[1] Achtzehn Meilen im Südwesten vervollständigt die Insel Inaccessible, und zehn Meilen im Südosten die Insel Rossignol die kleine in diesem Theile des Atlantischen Oceans gelegene Gruppe. Gegen Mittag kamen die beiden hauptsächlichsten Merkzeichen, welche den Seeleuten als Orientirungspunkte dienen, in Sicht, nämlich an einem Winkel der Insel Inaccessible, ein Felsen, der genau ein Fahrzeug unter Segel darstellt, und an der nördlichen Ecke der Insel Rossignol zwei kleine Eilande, die einem verfallenen Fort gleichen. Um drei Uhr lief der Duncan in die Bai Falmouth auf Tristan d'Acunha ein, die das Vorgebirge Help oder der guten Hilfe vor den Westwinden beschützt.

Dort lagen einige Wallfischfänger vor Anker, die mit dem Fange von Robben und dem anderer Seethiere, von denen unzählige Arten sich an den Küsten aufhielten, beschäftigt waren.

John Mangles suchte einen guten Ankergrund zu finden, denn diese offenen Rheden sind wegen der Windstöße aus Nordwesten und Norden sehr gefährlich, und genau an dieser Stelle ging im Jahre 1829 die englische Brigg Julia mit Mann und Maus zu Grunde.

Bis auf eine halbe Meile näherte sich der Duncan dem Ufer, und warf bei zwanzig Faden auf felsigem Grunde Anker. Sogleich schifften sich die weiblichen und männlichen Passagiere im großen Boote ein und betraten am Strande einen feinen, schwarzen Sandboden, der aus verwitterten Felsen der Insel bestand.

Der Hauptort der ganzen Inselgruppe Tristan d'Acunha besteht aus einem kleinen Dorfe, das im Hintergrunde der Bai an einem lebhaft rauschenden Bache liegt. Dort befanden sich etwa ein halbes hundert recht sauberer Häuschen, die mit jener geometrischen Regelmäßigkeit angeordnet waren, welche in der englischen Architektur immer das letzte Wort zu sprechen scheint.

Hinter diesem Miniaturstädtchen dehnten sich Ebenen etwa auf fünfzehnhundert Hectaren aus, die mit einem ungeheuren Schuttwall von Lava umgeben waren. Ueber diesem Plateau erhob sich die kegelförmige Kuppe bis auf siebentausend Fuß in die Luft.

Lord Glenarvan wurde von einem Gouverneur empfangen, der von der englischen Capcolonie abhängig ist. Er stellte sogleich seine Fragen wegen Harry Grant's und der Britannia. Diese Namen waren vollkommen unbekannt. Die Inseln Tristan d'Acunha liegen abseits der Schiffscourse und werden in Folge dessen sehr wenig besucht. Seit dem berühmten Schiffbruch des Blendon-Hall, der 1821 an den Felsen der Insel Inaccessible zerschellte, hatten nur zwei Fahrzeuge an der Hauptinsel Schiffbruch gelitten, nämlich 1845 der Primauguet und 1857 der amerikanische Dreimaster Philadelphia. Die Acunha'sche Statistik der Seeunfälle beschränkte sich auf diese drei Katastrophen.

Glenarvan erwartete gar nicht, genauere Nachrichten zu erhalten und fragte den Gouverneur überhaupt nur mehr zur Beruhigung seines Gewissens. Die Schiffsboote sandte er auf eine Fahrt um die Insel, deren Umfang höchstens siebenzehn Meilen betragen mochte, aus. London oder Paris hätten darauf nicht Platz gehabt, und wenn sie dreimal so groß gewesen wäre.

Während dieser Recognoscirung gingen die Passagiere des Duncan in dem Dorfe und auf der angrenzenden Küste spazieren. Die Bevölkerung von Tristan d'Acunha übersteigt nicht hundertfünfzig Seelen. Sie bestehen aus Engländern und Amerikanern, welche mit Negerinnen oder Hottentottenweibern vom Cap verheiratet waren, deren Frauen an Häßlichkeit Nichts zu wünschen übrig lassen. Die Kinder aus diesen ungleichartigen Verbindungen zeigten eine sehr unangenehme Mischung der angelsächsischen Steifheit und der afrikanischen Schwärze.

Diese Promenade der Touristen, denen es wohl that, festes Land unter den Füßen zu haben, dehnte sich an dem Ufer hin aus, an welche die große Fläche cultivirten Bodens grenzt, der nur in diesem Theile der Insel vorkommt. An jedem andern Punkte bildet die Küste ein steiles, zerklüftetes und dürres Gestade aus Lavamassen. Dort zählt man ungeheure Albatrosse und die schwerfälligen Pinguins nach Hunderten.

Nachdem die Besucher diese Felsen vulkanischen Ursprungs untersucht hatten, wendeten sie sich nach der Ebene zurück. Sprudelnde zahlreiche Quellen, genährt von dem ewigen Schnee des Kegelbergs, murmelten da und dort; grüne Gebüsche, auf denen das Auge fast ebensoviel Sperlinge als Blatter zählte, schmückten den Boden; eine einzige Baumart, eine Phylica, welche zwanzig Fuß hoch wird, und der »Tusseh«, eine gigantische Arundinacee mit holzigem Stamme, sproßten aus dem grünenden Weidegrund empor; eine rebenartige Azene, starte Lomarien mit verwickelten Filamenten, einige strauchartige Pflanzen, Ancerinen, deren balsamische Düfte die Luft mit durchdringendem Wohlgeruch erfüllten, Moose, wilder Sellerie und Farrnkräuter bildeten eine wenig artenreiche, aber üppige Flora. Man fühlte, daß ein ewiger Frühling seinen wohlthätigen Einfluß auf dieser bevorzugten Insel geltend machte. Paganel behauptete in seiner gewöhnlichen Begeisterung, daß diese Insel das von Fénélon besungene berühmte Ogygia sei. Er schlug Lady Glenarvan vor, sich eine Grotte aufzusuchen, es der liebenswürdigen Kalypse nachzuthun, und wünschte für sich keinen andern Dienst, als »eine der Nymphen zu sein, die ihr aufwarten.«

So kehrten die Spaziergänger, unter Geplauder und Bewunderung, mit sinkender Nacht zur Yacht zurück. In der Nähe des Dorfes zogen Heerden von Rindern und Schafen vorbei; die Klee- und Maisfelder und die seit vierzig Jahren eingeführten Küchenpflanzen erstreckten ihre Naturreichthümer bis in die Straßen der Hauptstadt.

Eben als Lord Glenarvan an Bord zurückkehrte, legten auch die Boote des Duncan wieder bei der Yacht an. In wenigen Stunden hatten sie ihre Fahrt um die Insel ausgeführt, auf ihrem Wege aber keine Spur von der Britannia entdeckt. Diese Umschiffung führte also zu keinem andern Ergebnisse, als zu dem, die Inseln Tristan d'Acunha endgiltig aus dem Programm der anzustellenden Nachforschungen zu streichen.

Der Duncan konnte demnach diese afrikanische Inselgruppe verlassen und weiter nach Osten segeln. Daß man nicht noch denselben Abend abfuhr, geschah deshalb, weil Glenarvan seiner Mannschaft erlaubt hatte, auf die unzähligen Robben zu jagen, welche unter dem Namen von Seekälbern, -löwen, -baren und See-Elephanten die Ufer der Falmouth-Bai bedecken. Früher tummelten sich auch wirkliche Wallfische in den Gewässern der Insel; aber es hatten sie so viele Jäger verfolgt und harpunirt, daß von ihnen kaum noch einige übrig waren. Amphibien dagegen wurden dort heerdenweise angetroffen. Die Besatzung der Yacht beschloß also die Nacht über zu jagen und am folgenden Tage sich einen gehörigen Vorrath an Thran darzustellen. So wurde die Abfahrt des Duncan bis auf den zweitfolgenden Tag, den 20. November, verschoben.

Während des Abendessens theilte Paganel noch einige Einzelheiten über die Inseln Tristan d'Acunha mit, welche das Interesse seiner Zuhörer erweckten. Sie vernahmen, daß diese Inselgruppe im Jahre 1506 durch den Portugiesen Tristan d'Acunha, einen der Begleiter Albuquerque's entdeckt, aber ein ganzes Jahrhundert lang nicht weiter erforscht wurde. Man hielt diese Inseln, und nicht ohne Grund, für »Sturmnester«, und so standen sie in demselben schlechten Ansehen, wie die Bermudas-Inseln. So näherte sich ihnen kaum ein Seefahrer, und kein Fahrzeug legte sich dort an's Land, wenn es nicht wider Willen durch Stürme im Atlantischen Occan dahin verschlagen war.

Im Jahre 1697 liefen hier drei holländische Fahrzeuge ein, welche die geographische Lage der Inseln bestimmten, und dem großen Astronomen Halley die Sorge überließen, im Jahre 1700 die Richtigkeit ihrer Berechnungen zu prüfen. Vom Jahre 1712 bis 1767 machten mehrere französische Fahrzeuge die Bekanntschaft der Insel, vorzüglich »La Perouse«, der auf seiner berühmten Reise im Jahre 1785 durch seine Instructionen hierher geführt wurde.

Diese bis dahin so wenig besuchten Inseln waren auch unbewohnt geblieben, bis im Jahre 1811 ein Amerikaner, Jonathan Lambert, ihre Colonisirung unternahm. Er landete dort im Monat Januar mit zwei Begleitern, welche herzhaft ihr Colonisirungswerk begannen. Als der Gouverneur des Caps der Guten Hoffnung in Erfahrung gebracht hatte, daß ihr Versuch gelang, bot er ihnen das Protectorat Englands an; Jonathan ging darauf ein und hißte auf seiner Hütte die englische Flagge auf. Ueber »seine Völker«, einen alten Italiener und einen portugiesischen Mulatten, schien er friedlich zu regieren, als er plötzlich, bei einer Recognoscirung der Küsten seines Reiches entweder, – es ist nicht ganz klar geworden – ertrank oder ertränkt wurde. So kam das Jahr 1816. Napoleon wurde auf St. Helena gefangen gesetzt, und von Seiten Englands wurde zu seiner besseren Bewachung eine Garnison nach der Insel Ascension und nach Tristan d'Acunha verlegt. Die Garnison von Tristan bestand aus einer Compagnie Cap-Artillerie und einem Detachement Hottentotten. Sie verblieb dort bis 1821 und wurde nach dem Tode des Gefangenen von St. Helena nach dem Cap zurückverlegt.

»Ein einziger Europäer, fügte Paganel hinzu, ein Korporal, ein Schotte . . .

– Aha, ein Schotte! sagte der Major, der für seine Landsleute immer ein ganz besonderes Interesse hatte.

– Er hieß William Glaß, fuhr Paganel fort; und blieb mit seiner Frau und zwei Hottentotten auf der Insel zurück. Bald schlossen sich zwei Engländer, ein Matrose und ein Themseschiffer, ein Ex-Dragoner der argentinischen Armee, dem Schotten an, und endlich fand, im Jahre 1821, einer der Schiffbrüchigen des Blendon-Hall, sammt seiner jungen Frau, auf der Insel Zuflucht. So zählte die Insel 1821 demnach sechs Männer und zwei Frauen. Im Jahre 1829 war die Bevölkerung bis auf sieben Männer, sechs Frauen und vierzehn Kinder angewachsen. Im Jahre 1835 belief sich die Zahl der Bewohner auf vierzig und jetzt hat sie sich wohl verdreifacht.

– So ist der Anfang der Nationen, sagte Glenarvan.

– Um die Geschichte von Tristan d'Acunha zu vervollständigen, fuhr Paganel fort, füge ich hinzu, daß mir diese Insel ebenso wie Juan Fernandez den Ruf einer Robinsons-Insel zu verdienen scheint. Im Jahre 1793 verlief sich einer meiner Landsleute, der Naturforscher Aubert Dupetit-Thouars, beim eifrigen Botanisiren, und konnte sein Fahrzeug nicht eher wieder erreichen, als in dem Augenblicke, da es die Anker lichtete. Im Jahre 1824 blieb dann Einer Ihrer Landsleute, mein lieber Glenarvan, ein geschickter Zeichner, Namens August Earle, acht Monate auf der Insel verlassen. Sein Kapitän hatte vergessen, daß Jener an's Land gegangen, und war nach dem Cap abgesegelt.

– Nun, das kann man doch einen zerstreuten Kapitän nennen, meinte der Major. Das war offenbar Einer von Ihren Verwandten, Paganel?

– Und wenn er es nicht war, Major, so verdiente er es doch zu sein.« Mit dieser Antwort des Geographen brach die Unterhaltung ab.

Während der Nacht machte die Mannschaft des Duncan reichliche Jagdbeute. An fünfzig große Robben wurden vom Leben zum Tode befördert. Hatte Glenarvan nun diese Jagd gestattet, so konnte er auch der Ausnutzung derselben nicht entgegen sein. Der folgende Tag wurde also mit Thrangewinnung und Zurichtung der Felle dieser einträglichen Amphibien hingebracht.

Die Passagiere verwendeten natürlich diesen zweiten Tag des Aufenthaltes zu einem neuen Streifzug über die Insel. Glenarvan und der Major nahmen die Gewehre mit, um dem Wildpret von Acunha nachzustellen. Bei diesem Spaziergange drangen sie bis zu dem Fuße des Berges vor und zwar auf einem Boden, der mit zerfallenen Trümmern, mit Schlacken, mit poröser, schwarzer Lava und aller Art von vulkanischem Detritus übersäet war. Der Fuß des Berges erhob sich aus einem Chaos wankender Felsmassen. Nur schwer hätte man sich über die Natur des ungeheuren Kegels täuschen können, und der englische Kapitän Carmichaël hatte Recht, ihn für einen erloschenen Vulcan anzusehen.

Die Jäger bemerkten einige wilde Schweine. Eines derselben fiel von der Kugel des Majors. Glenarvan begnügte sich, einige Paar schwarzer Rebhühner zu erlegen, von denen der Schiffskoch gewiß ein ausgezeichnetes Ragout herzustellen im Stande war. Auf den höheren Ebenen wurde eine große Menge Ziegen bemerkt. Räuberische, kühne und starke wilde Katzen, die selbst den Hunden gefährlich werden, waren in starker Vermehrung begriffen und schienen später eine sehr beachtenswerthe Raubthierclasse zu werden.

Um acht Uhr war Alles an Bord zurück, und im Laufe der Nacht verließ der Duncan Tristan d'Acunha, das er nicht mehr wiedersehen sollte.

Drittes Capitel.
Die Insel Amsterdam.

John Mangles beabsichtigte zunächst am Cap der Guten Hoffnung Kohlen einzunehmen. Er mußte sich deshalb etwas von dem siebenunddreißigsten Breitengrade entfernen und um zwei Grade nördlicher gehen. Der Duncan befand sich jetzt unterhalb der Zone der Passatwinde und traf auf guten und seiner Bewegung sehr günstigen Westwind.[2] In weniger als sechs Tagen legte er die dreizehnhundert Seemeilen zurück, welche Tristan d'Acunha von der afrikanischen Südspitze trennen. Am 24. November, um drei Uhr Nachmittags, kam der Tafelberg in Sicht und etwas später bemerkte John auch den Signalberg, der die Einfahrt zur Bai kenntlich macht. Gegen acht Uhr lief er dort ein und warf im Hafen der Capstadt Anker.

Paganel mußte in seiner Eigenschaft als Mitglied der Geographischen Gesellschaft wohl wissen, daß die Südspitze Afrikas zum ersten Male im Jahre 1486 von dem portugiesischen Admiral Bartolomeo Diaz erblickt, aber erst 1497 durch den berühmten Vasco de Gama umschifft worden war. Wie hätte das Paganel unbekannt sein sollen, da Comoëns in der Lusiade den großen Seehelden verherrlicht?

Bei dieser Gelegenheit machte er aber eine sonderbare Bemerkung, nämlich daß, wenn Diaz im Jahre 1486, also sechs Jahre vor der ersten Reise des Columbus, das Cap der Guten Hoffnung umschifft hätte, die Entdeckung Amerikas auf ganz unbestimmte Zeit verzögert worden wäre. Wirklich war der Weg um's Cap der kürzeste und directeste nach Ostindien. Denn es suchte ja der große genueser Seemann, als er nach Osten hinaussteuerte, die Reise nach dem Lande der Gewürze abzukürzen. War das Cap schon umschifft, so wurde seine Reise zwecklos, und er hätte sie wahrscheinlich gar nicht unternommen.

Die Capstadt, welche im Hintergrunde der Bai liegt, wurde im Jahre 1652 durch den Holländer Van-Riebeck gegründet. Sie wurde zur Hauptstadt einer wichtigen Colonie, die nach den Verträgen von 1815 England definitiv zugesprochen wurde. Die Passagiere des Duncan benutzten ihren Aufenthalt, um sie zu besuchen. Sie hatten nur zwölf Stunden auf ihre Spaziergänge zu verwenden, denn ein Tag genügte dem Kapitän John zur Vervollständigung seines Proviantes, und am 26. Morgens wollte er wieder abfahren.

Mehr Zeit bedurfte es übrigens auch nicht, um die regelmäßigen Felder dieses Schachbrettes, das sich Kapstadt nennt, zu durchlaufen, auf welchem dreißigtausend Menschen, Weiße und Schwarze, die Rolle von Königen und Königinnen, Springern, Bauern, vielleicht auch von Läufern spielten. So wenigstens drückte sich Paganel aus. Wenn man das Schloß, welches sich im Südosten der Stadt erhebt, den Palast und den Garten des Gouverneurs, die Börse, das Museum und das von Diaz zur Zeit der Entdeckung gesetzte steinerne Kreuz gesehen, und ein Glas Pontai, das vorzüglichste Gewächs unter den Capweinen, getrunken hat, ist nichts mehr zu thun übrig, als abzureisen.

Das thaten denn auch unsere Reisenden mit Anbruch des folgenden Tages. Der Duncan setzte alle Segel bei und in wenigen Stunden schiffte er über jenes berühmte Vorgebirge der Stürme hinaus, dem der optimistische König von Portugal, Johann II., sehr unpassend den Namen der Guten Hoffnung gab.

Zwischen dem Cap und der Insel Amsterdam sind zweitausendneunhundert Seemeilen zurückzulegen. Es war das bei günstigem Wasser und unter gutem Winde eine Sache von zehn Tagen. Die Seefahrer, welche weit mehr Glück hatten, als die Wanderer durch die Pampas, hatten sich nicht über die Elemente zu beklagen. Luft und Wasser, die sich auf dem Festlande gegen sie verschworen hatten, vereinigten sich jetzt, sie vorwärts zu bringen.

»O, das Meer! Das Meer! wiederholte Paganel, das ist das auserwählte Feld für die Entfaltung der menschlichen Kräfte und das Schiff ist der wahre Träger der Civilisation. Wäre die Erdkugel nur ein ungeheurer Continent gewesen, man kannte auch im 19. Jahrhundert kaum den tausendsten Theil davon! Betrachten Sie die Zustände im Innern großer Festlandmassen. In den Steppen Sibiriens, in den Ebenen Innerasiens, in den Wüsten Afrikas, in den Prairien Amerikas, in den ungeheuren Binnenländern Australiens, in den eisigen Oeden an den Polen wagt der Mensch kaum den Fuß vorwärts zu setzen; der Kühnste weicht zurück, der Muthigste unterliegt. Man kann nicht hindurchgelangen. Die Transportmittel sind unzulänglich. Die Hitze, die Krankheiten oder die Wildheit der Eingeborenen bilden ebensoviel unübersteigliche Hindernisse. Zwanzig Meilen Wüste scheiden die Menschen mehr, als fünfhundert Meilen Ocean! Man ist sich nahe von einer Küste zur andern, man ist sich fremd, wenn nur ein Wald uns trennt! England grenzt an Australien, wahrend Egypten z. B. Millionen Stunden weit vom Senegal entfernt, und Peking der Antipode von St. Petersburg zu sein scheint! Ueber das Meer reist man jetzt bequemer, als durch die kleinste Wüste, und ihm ist es zu verdanken, daß sich, wie es ein amerikanischer Gelehrter ganz richtig ausdrückt, zwischen allen Theilen der Erde eine Art internationaler Verwandtschaft herausgebildet hat.«

Paganel sprach mit Feuer, und selbst der Major verwarf diesmal kein Wort dieser Hymne auf den Ocean. Wenn es zur Aufsuchung Harry Grant's nöthig gewesen wäre, in der Linie des siebenunddreißigsten Breitengrades einen Continent zu durchmessen, hätte man das Unternehmen kaum wagen können; jetzt war aber das Meer da, die kühnen Forscher von einem Lande zum andern zu tragen, und am 6. December schon, beim ersten Tagesgrauen ließ es einen neuen Berg aus seinem Wellenschoße auftauchen.

Es war das die Insel Amsterdam, unter'm 37° 47' südlicher Breite und 77° 24' östlicher Länge[3], deren Gipfel bei heiterm Wetter wohl bis auf fünfzig Meilen weit sichtbar ist. Um acht Uhr glich ihre noch unbestimmt hervortretende Form ungemein der der Insel Teneriffa.

»Und folglich, sagte Glenarvan, gleicht sie auch Tristan d'Acunha.

– Ganz richtig, antwortete Paganel, nach dem geometrographischen Axiom, daß zwei Inseln, die einer dritten gleichen, sich auch unter einander gleichen. Ich füge hinzu, daß die Insel Amsterdam, wie Tristan d'Acunha, an Robben und Robinsons gleichmäßig reich war und noch ist.

– Robinson giebt es also wohl überall? fragte Lady Helena.

– Wahrhaftig, Madame, antwortete Paganel, ich kenne wenige Inseln, die nicht ihr derartiges Abenteuer erlebt hätten, und lange Zeit vor der Erzählung Ihres ...

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